Kitabı oku: «Das Mädchen aus der Untergasse 13», sayfa 2

Ich sitze im Schrebergarten auf dem Rasen
Danach aßen wir die Pfirsiche, und mein Vater machte ein kleines Beet, in welches wir die Pfirsichkerne steckten. Daraus sind später viele Pfirsichbäumchen gewachsen, die wir auch auf unser späteres Grundstück in der Großseelheimer Straße mitgenommen haben. Von deren Enkelgeneration steht heute noch ein Pfirsichbaum in meinem Garten.
In der Afföller Straße gab es einen Abdecker mit Namen Röll, der alte Pferde und andere Tiere, die der Metzger nicht nahm, schlachtete. Sie hatten einen kleinen Jungen in meinem Alter, und wir trafen uns des Öfteren, wenn wir zu unserm Schrebergarten gingen, im Schülerpark, der auf dem Weg lag. Dieser war damals noch doppelt so groß, da die Universität noch nichts an Gelände davon für sich beansprucht hatte. Dieser kleine Junge sollte der Stiefbruder von einem Mann werden, der mich später ein sehr langes Stück meines Lebens freundschaftlich begleiten würde.
Von Rölls bekamen wir mal Pferdefleisch. Ich fand es dann auf einem Stuhl in einer Ecke neben der Küchentür. Es waren riesengroße Fleischstücke und man hatte sie in meine runde Badeschüssel gepackt. Die Fleischstücke waren unheimlich groß und blutig, und als sie als Rouladen zubereitet auf dem Tisch standen, haben sie mir gar nicht geschmeckt. Ich mochte sie nicht essen, sie schmeckten so komisch süßlich.
Ab und zu besuchten wir die Familie Hesse, auch Flüchtlinge aus dem Osten. Diese waren in einem Studentenverbindungshaus, am Berg des Wehrdaer Weges, untergebracht worden, und der Mann hatte dort Hausmeistertätigkeiten übernommen. Das Verbindungshaus war eine tolle Villa mit einer großen Empfangshalle mit offenem Kamin im Eingangsbereich, in der wir uns dann immer aufhielten. Sie hatten auch einen Wachhund, es war ein Schäferhund mit Namen Hasso, welcher draußen im Hof sein Hüttchen hatte. Hasso war ganz verrückt nach mir, es muss wohl irgendwie am Duft meiner Windeln gelegen haben; denn er lief ständig hinter mir her und ließ sich von mir kraulen. Er war zu der Zeit größer als ich, aber ich hatte keine Angst vor großen Tieren und freundete mich schnell mit ihm an.
Oft verfolgte er uns, wenn wir nachhause gingen, stand dann heulend vor dem Haus in der Untergasse, und Mama musste ihn zurück zum Wehrdaer Weg jagen. Ich war dabei ganz unglücklich; denn ich stellte mir immer vor, wie er ganz alleine durch die Gassen der Altstadt zurücklaufen musste. Jahre später war die Familie Hesse aus Marburg weggezogen, sie hatten jetzt einen Bauernhof in Schweinsberg, und wir besuchten sie dort mal. Ich fragte dann auch sofort nach Hasso, aber man sagte mir, der sei gestorben.
Heute in Marburg habe ich in meinem neuen behindertengerecht umgebauten Badezimmer einen Fußboden aus polierten und blaugrau eingefärbten natürlichen Kalksteinfliesen. Dessen Marmorierung lässt, ganz besonders auf einer Fliese, wenn ich genau hinsehe, vor meinem geistigen Auge so etwas wie das Gesicht eines Schäferhundes oder Wolfes entstehen. Habe auch schon meine Mädchen vom Pflegedienst gefragt, ob sie auf dieser Fliese in der Marmorierung vielleicht etwas erkennen können, und wenn ja, was. Sie sagten immer dasselbe: Ein Hundegesicht. Es ist wohl das gleiche Phänomen, durch welches wir in Wolken am Himmel manchmal Gesichter zu erkennen glauben. Vielleicht ist ja zu Urzeiten, als die Fliesen noch Schlamm am Boden irgendeines Tümpels waren, dort mal ein Wolf ertrunken, dessen Strukturen sich jetzt auf diese Weise widerspiegeln? Ich denke dann, sieht aus wie damals Hasso: Er scheint auf mich aufpassen zu wollen, wie zu der Zeit, als ich klein war.
Als ich etwas älter war und schon ein längeres Stückchen laufen konnte, wurde es meine Aufgabe, einkaufen zu gehen. Ich wurde mit einem Zettel losgeschickt, der Weg war nicht weit: Ein Metzger mit Namen Hellmann hatte seinen Laden auf der Untergasse quer über die Straße, ein kleines Lebensmittelgeschäft war unten im Haus, und zum Bäcker und Milchmann musste man lediglich um die Ecke den Hirschberg hinauf gehen. So wurde ich mit der Milchkanne in der Hand den Berg hochgeschickt. Zum Metzger Hellmann, quer über die Untergasse, ging ich gerne; denn dort bekam ich immer ein kleines Stückchen Fleischwurst geschenkt.
Meine Oma aus Pommern kochte norddeutsche Gerichte, wie z. B. Steckrüben mit Thymian, Salzkartoffeln und mitgekochtem Schweinebauch; Grünkohl mit Speck und Kartoffeln oder Frikadellen (pommersch’ „Flinzen“ genannt), auch Bratwurst mit Wirsing und Kartoffeln.
Am Tisch durfte ich nicht sprechen. Ich durfte auch nicht eher aufstehen, bis ich meinen Teller, den ich immer aufgefüllt bekam, leergegessen hatte. Und ich musste dann mit „bitte“ fragen, ob es erlaubt war aufzustehen. Schrecklich fand ich immer die Brotsuppen mit warmer Milch oder sogar mit Buttermilch. Letztere Variante roch immer so scheußlich, aber meine Mutter war ganz begeistert davon. Mich musste man ständig dazu prügeln, was auch geschah; denn das Schlagen von Kindern war in meiner Familie noch absolut üblich. Dazu wurde immer die „Schlur“, hochdeutsch der „Pantoffel“, ausgezogen und dazu als Werkzeug verwendet. Der Pantoffel sei nicht so hart wie ein Stock, hieß es.
Ich wünschte mir immer ein Brüderchen oder ein Schwesterchen. Man sagte mir, dazu müsse ich für den Storch, der ja die Babys brächte, kleine Zuckerkügelchen auf die Fensterbank legen. Die Zuckerkügelchen legte ich aus, aber ein Geschwisterchen kam nie. Ich glaube, der Storch hatte was gegen mich. Meine Zuckerkügelchen waren jedoch immer weg. Das machte mich unendlich traurig.
Meine Oma aus Pommern versuchte dann, mir einen Kindergartenplatz zu besorgen, und ging mit mir zu einem Kindergarten im Südviertel der Stadt. Ich fand es ganz toll dort, so viel Spielzeug auf einmal hatte ich noch nie gesehen, und dann hätte ich ja auch die langersehnten Spielkameraden. Aber die Leiterin winkte ab, für mich hätten sie keinen Platz, hieß es; denn ich hätte doch eine Oma, die nach mir sehen könnte. Als Trost bekam ich ein kleines Bildchen geschenkt, und wir wurden zur Tür geführt. Ich weinte vor Wut und schmiss das Bildchen in die nächstbeste Mülltonne.
Diese Oma strickte mir auch für den Winter immer lange Strümpfe aus dünner kakaobrauner Wolle. So richtig perfekt, mit eingearbeiteter Ferse und abgenommenen Maschen an der Fußspitze. Diese waren mit einem Strumpfhaltergürtel, an welchem an jeder Seite zwei Gummibändchen mit Knopflöchern befestigt waren, zu tragen. An den Strümpfen wurden oben am Rand dann jeweils zwei Knöpfchen angenäht, die in die Knopflöcher der Gummibändchen passten. Die Strümpfe waren schön warm. Aber wehe, wenn ich bei meinen Einkaufstouren gefallen war, hatte mir die Knie aufgeschlagen, und die Strümpfe hatten dadurch ein Loch bekommen. Dann kam die Oma mit der „Schlur“ und ich bekam den Hintern versohlt, weil ich ihr „Kunstwerk“ beschädigt hatte, und sie jetzt stopfen musste.
Dann wurde alles anders, mein Vater kam nicht mehr, um mit mir zu spielen, und auch die schönen Samstagabendessen, an denen es immer echten heißen Kakao zu trinken gab, fielen weniger reichhaltig aus. Meine Oma habe eine große Summe Geld als Lastenausgleich für ihren verlorenen Bauernhof in Pommern bekommen, hieß es. Von diesem Geld habe sie im Nordosten von Marburg ein Grundstück gekauft, auf welchen nun wieder ein eigenes Haus gebaut werden sollte. In der Größe wenigstens so lang, wie das in Pommern an der Giebelseite breit war, sollte es werden. Papa sei am Wochenende dort, schlafe im Bauwagen, und helfe bei den Arbeiten. Auch der Schrebergarten wurde jetzt nicht mehr so oft besucht und schließlich gekündigt. Das Gemüse wurde von nun an auf dem neuen eigenen Grundstück gezogen.
Man nahm mich dort auch mit hin. Es ging mit dem Bus vom Erlenring aus den Cappeler Berg hinauf und dann links eine Landstraße mit Straßengräben und Apfelbäumen an beiden Seiten, mit dem Namen Großseelheimerstraße, bergan. Einige wenige Häuser standen dort, ein alter Turm, Pulverturm genannt, und eine Schäferei vor einem angrenzenden Wald. Und viele Felder gab es. Ganz oben auf dem Berg war eine kleine Siedlung, die Hansenhaussiedlung, gegründet im Jahr 1934, und benannt nach den sich dort befindlichen Ausflugslokalen Hansenhaus Links und Hansenhaus Rechts.
Unser Grundstück war ein ziemlich großes, am Ende einer Doppelhausreihe aus den 30ger Jahren und einem kleinen fachwerkartigen Haus. Und ich sah, dass mein Vater am hinteren Ende des Bauplatzes mit einer Schippe ein großes tiefes Loch für den Keller des Hauses gegraben hatte. Die Erde hieraus hatte er mit dem Schubkarren herausgefahren und auf einem hohen Haufen davor aufgetürmt. Auf diesem zog meine Oma jetzt Gemüse und Kartoffeln und es blühten auch schöne Blumen dort.
In den nächsten beiden Jahren wuchs das Haus langsam in die Höhe. Ein Ein-Familien-Haus sollte es werden, mit Einlieger-Wohnung im ersten Stock, für meine pommersche Oma, die ja die Bauherrin war, und meine Uroma, ihre Mutter.
Im Jahr 1959, ich war jetzt 5 Jahre alt, war es dann im Sommer soweit: wir packten unsere Sachen in der Untergasse, bestellten ein Umzugsunternehmen und zogen ins fertige Häuschen in der Großseelheimer Straße.
Der Umzugstag gestaltete sich für mich als ein ziemliches Durcheinander. Plötzlich waren fremde Leute bei uns in der Wohnung, die unsere Möbel wegtrugen und in ein großes Auto unten auf der Untergasse packten. Meine Oma war immer abwechselnd anwesend und dann wieder für ein paar Stunden weg. Und wenn sie ging, hatte sie die Hände immer voll mit irgendwelchen Gegenständen und Taschen. Sie fahre in die Großseelheimer Straße und bringe alles dort hin, sagte sie. Ich wollte auch mitfahren, und beschloss auf die Untergasse hinunter zu laufen, mich an der Ecke in der Tür des Lebensmittelgeschäftes im Haus zu verstecken. Ich wollte die Oma, wenn sie dann vorbeikäme, überraschen. Aber es dauerte und dauerte, und keine Oma kam. Sie war die Untergasse zur anderen Seite, Richtung Universitätsstraße, zur Bushaltestelle gegangen. Nur dass ich dies zu der Zeit noch nicht wusste.
Nach einiger Zeit fasste ich den unguten Entschluss, mich alleine auf den Weg zu machen und lief die Untergasse hinunter Richtung Rudolfsplatz. Unten an der Straße war ein Fußgängerüberweg, und da stand zu dieser Zeit immer ein Schutzmann, der den Verkehr regelte. Entweder ließ er die Autos durchfahren oder er leitete die Fußgänger in bestimmten Abständen über die Straße. Diesem fiel ich auf, als ich so ganz alleine ohne erwachsene Begleitung am Straßenrand stand. Er verließ seine Verkehrsinsel, kam zu mir und fragte mich, wo ich denn hinwolle. Ich erzählte und mein Ausflug nahm ein schnelles Ende. Er verfrachtete mich in die Apotheke an der Ecke und ließ meine Leute in der Untergasse von meinem Abenteuer benachrichtigen. Meine Oma holte mich dann später ab, nachdem sie wieder aus dem neuen Haus zurückgekommen war. Sie schimpfte fürchterlich, und dann fuhren wir zusammen mit dem Bus in die Großseelheimer Straße.
Kapitel II - Die ersten Jahre im neuen Haus und die Grundschulzeit
Ich war in diesem Sommer fünf Jahre alt geworden und wir wohnten im neuen eigenen Haus!
Hier begannen zwei meiner schönsten Lebensjahre. Alles war neu und ich durfte das Haus verlassen und im Garten und sogar in der gesamten Siedlung spielen! Ein völlig neuartiges und tolles Lebensgefühl. Ich nahm Wolfgangs Spielzeug und machte damit zuerst den Garten unsicher. Setzte mich auf sein großes graues Lastauto und fuhr, darauf sitzend, den langen Gartenweg hinunter, oder spielte in meinem eigenen Sandkasten hinter dem Haus. Dort verlief hinter unserem Garten ein Gässchen zwischen den sich anschließenden Gärten der Häuser von der Gebrüder-Grimm-Straße hinter uns. Meine Mutter und mein Vater gingen arbeiten und meine Oma war mit der Inneneinrichtung des Hauses, dem Haushalt und der Betreuung der Uroma, die zu dieser Zeit noch etwas in der Küche mithelfen konnte, beschäftigt.
So machte ich mich auf den Weg, die neue Umgebung zu erkunden, und um Spielkameraden zu finden. Wenn ich die kleine Gasse zwischen den Gärten hinter unserem Haus, zu der Zeit war es ein kleiner Trampelpfad mit viel Unkraut links und rechts, heute komplett gepflastert und ohne jegliches Kräutlein, für dessen Zustand jeder Anwohner für seinen Teil zu sorgen hat, Richtung Süden herunterlief, gelangte ich am Ende des Weges auf einen recht breiten geteerten Weg. Dieser war auf der einen Seite mit Linden bepflanzt und führte vom Wald im Westen, mit Blick auf die Stadt, die Großseelheimer Str. kreuzend, bis zum Wald des damals noch nicht bebauten Richtsberges im Osten der Siedlung. Von diesen Bäumen pflückte meine Oma zusammen mit mir dann, wenn die Linden blühten, immer die Blüten für den Lindenblütentee, welcher ganz hervorragend schmeckte und, wie sie sagte, eine heilende Wirkung bei Erkältung haben sollte. Am dortigen östlichen Waldrand gab es, für mich wiederum sehr interessant, neben zwei neuen Häuserblocks, einen kleinen Kinderspielplatz. Ansonsten breiteten sich neben dem Lindenweg noch die Felder aus. Sie wurden aber nicht mehr bearbeitet, waren Bauland, und es wuchsen jetzt viele wilde Kräuter, wie Scharfgarbe und Kamille, auf ihnen. Meine Oma war auch dort mit Sammeln aktiv, und wir bekamen so unseren Kamillentee. Ich lernte hier: Die mit den hohen gelben Hütchen in der Mitte dürfe man nehmen, die mit der flachen gelben Mitte nicht, das sei „Hundskamille“ und ohne Heilwirkung bei Entzündungen.
Hinten am Wald hinter dem Spielplatz führte ein unbearbeiteter Weg mit vielen tiefen Furchen in den Wald hinein und einen steilen Berg hinauf. Er war nicht begehbar, wirkte, als wäre auf im einmal eine Schlammlawine zu Tal gegangen, und hätte sich tief in den Hang eingegraben. Zur rechten Hand standen dort, über einer etwa eineinhalb Meter hohen Abbruchkante, große alte Fichten. An der linken Seite waren junge, mittlerweile etwa zwanzig Jahre alte, Tännchen gepflanzt worden. Oben im alten Wald kreuzten sich mehrere Waldwege und dort stand ein Holzhüttchen, welches das „Elisabethhüttchen“ genannt wurde. Von dort führten Wege durch den Wald Richtung Schröck zum Elisabethbrunnen und hoch in die Lahnberge zum Sonnenblicksanatorium. Die Heilige Elisabeth habe dort auf ihrem Weg von der Stadt zum Brunnen am Waldrand von Schröck immer gerastet, war dort auf einer Tafel zu lesen.

Das Elisabeth-Hüttchen (Von links nach rechts: Meine Mutter, mein Vater, meine Tante aus Amerika und vorne links ich)
Das Gässchen hinter dem Haus wurde für mich die Basisplattform, von der aus ich meine Erkundungen ins Umfeld startete. Links von unserem Grundstück, die Großseelheimer Straße hinauf, waren noch etwa vier Bauplätze frei. Danach gab es wieder ein paar alte Doppelhäuschen. Im ersten davon lebte die Familie Heldmann mit Großmutter, Mutter und zwei Kindern, einem Mädchen und einem etwas älteren Jungen. Das Mädchen hieß Renate und wurde meine erste Freundin. Ich hatte keine Scheu, ging in die Gärten und stellte mich den dort wohnenden Leuten vor. Fragte nach, ob es jemand in meinem Alter gäbe, mit dem ich spielen könnte. Neben Renate fand sich noch eine Anita Block aus der Häuserreihe hinter uns, und ein Peter Gerhard mit seinem ein paar Jahre jüngeren Bruder.
Die Gerhards schienen es nicht so gerne zu sehen, wenn ich zum Spielen kam, vielleicht, weil ich ein Mädchen war. Aber ich spielte gerne mit Jungen, mein allererster Spielkamerad war ja auch einer, nämlich mein Cousin Wolfgang, gewesen. Und die Jungen hatten, fand ich, einfach interessantere Spiele und schöneres Spielzeug. Nach einem Jahr wurde Peter dann aber eingeschult und war vormittags nicht mehr da. So verlief sich diese Spielgelegenheit leider im Sand. Auch Renate musste jetzt in die Schule und konnte nun vormittags nicht mehr mit mir spielen, aber diese Freundschaft blieb bestehen.
Die Heldmanns hatten in ihrem Garten, in einem Schuppen, einen kleinen Lebensmittelladen eingerichtet, der allerdings dann bald aufgelöst wurde. Ich denke es war, nachdem die Oma der Heldmanns gestorben war. Ansonsten gab es auf der Großseelheimer Straße, auf der gegenüberliegenden Seite am oberen Ende, an dem die Straße in Serpentinen neben dem Forsthaus bergauf im Wald verschwand, eine Metzgerei Pusch und daneben den Bäcker Renz. Und unterhalb von uns, an der Ecke zur Lindenallee, noch das kleine Lebensmittelgeschäft der Familie Bernhard.
Die Serpentinenstraße, die sich hinter der Bäckerei in den Wald hinauf schlängelte, war wunderschön. Dort gab es auch noch einen Fußweg mit vielen Stufen, der die kurvige Waldstraße senkrecht nach oben durchschnitt, bis zum Sanatorium Sonnenblick. Der Boden in diesem Wald war mit meterhohem Wurmfarn überzogen und hatte somit für mich irgendwie etwas Urzeitliches. Auch gab es zwischen jeder Serpentine am Wegesrand irgendwo einen riesigen Ameisenhaufen vom Völkchen der großen roten Waldameise, die ihre Eier, wenn die Sonne schien, nach draußen brachten, um sie dort wärmen zu lassen.
Wenn man mich einkaufen schickte, brauchte ich nur entweder ein paar hundert Meter die Landstraße nach links hinunter zu gehen, um Milch, Nudeln, und andere Dinge zu bekommen. Oder etwa die gleiche Strecke bergan für ein Brot oder ein Stückchen Fleisch. Ich lief damals viel barfuß, kann mich fast nur an sehr sonnenreiche Tage mit blauem Himmel und sehr warmen Temperaturen erinnern, an denen der Teer der Landstraße an manchen Stellen schmolz und an meinen Füßen kleben blieb. Meine Oma schmierte dann immer Margarine darauf, dann ging der Teer wieder ab. Hinter unserem Haus, im Gässchen, hatte mein Vater diesen Teil gänzlich von Unkraut befreit und mit Split aufgefüllt. Barfuß hierüber zu laufen war gefühlsmäßig ein Erlebnis, es förderte auf alle Fälle die Durchblutung der Füße.
1960 kam meine Tante Rösi aus Amerika zu Besuch, um sich unser neues Haus anzusehen. Damals stand der Dollar 1:4, was so viel bedeutet, wie für 1 Dollar bekam man 4 DM, und für 4 DM konnte man damals in Deutschland noch viel kaufen. Fast jeder Amerikaner schwärmte uns Deutschen da das reiche Amerika vor. Ich bekam von meiner Tante eine große Babypuppe geschenkt, der konnte man das Fläschchen geben, und dann machte sie Pipi in die Windeln! Toll, ich taufte sie „Franz“.

Meine Familie und ich mit meiner neuen Puppe Franz auf der Veranda. Von links nach rechts und von hinten nach vorne: Meine Tante aus Amerika, meine Mutter, mein Vater, Oma Pfingst, die pommersche Oma, eine Großtante und ich mit neuem Püppchen Franz.
Und außerdem war zu der Zeit in Amerika der Petticoat in, also bekam ich auch einen, den ich dann immer unter meinem himmelblauen Perlonkleid trug. Meine Oma hatte es mir, mit mehreren Zusatzsäumen versehen, genäht. Diese konnte man, je nachdem wie ich wuchs, immer mehr auslassen, so dass das Kleid quasi mit mir größer wurde.

Mein mitwachsendes Perlonkleid
Unsere Nachbarn an der rechten Seite, im letzten älteren Haus der Siedlung nach der Reihe der Doppelhäuschen, waren die Kneissl’s, sie waren von den Tschechen aus dem Egerland vertrieben worden. Herr Kneissl war Krankenpfleger am Sanatorium Sonnenblick, seine Frau Aloisia Hausfrau, und sie hatten eine erwachsene Tochter. Bei Frau Kneissl war ich oft zu Besuch und sie erzählte mir viel aus ihrem Leben. Ich war auch viel bei deren Nachbarn, dem Herrn Funke und der alten Frau Stanulla, die bei ihm in einem kleinen Dachkämmerchen wohnte und eine Katze hatte. Herr Funkes Garten war verwildert wie ein Urwald. Für die Katze bestimmt genial, da das für mich damals bis zum Bauch hohe Gras zwischen den alten Obstbäumen wahrscheinlich die Heimat von Massen von Mäusen war. Die Katze kam somit bestimmt immer schnell an Ihr Frühstück. Das Grundstück links von uns war unbebaut und an ein altes Ehepaar mit Namen Hecht als Garten vermietet. Hinter uns war das Grundstück einer Familie, die genauso so hieß, wie das Studentenpärchen bei uns in der Wohnung in der Untergasse, nämlich Becker. Sie hatten eine schwerbehinderte Tochter, mit Namen Gretchen. Diese nahm immer noch nach alter Gewohnheit, wie zu der Zeit als unser Grundstück noch nicht verkauft und offenes Land war, die Abkürzung durch unseren Garten, um auf die Großseelheimer Straße zu kommen. Bis wir dann unser hinteres Gartentürchen mit einem Schloss versahen und ihr somit den Weg versperrten.
Rechts neben Beckers lebte der Gärtner Hecker. Er hatte ein riesengroßes Gewächshaus in seinem Garten und von ihm bekamen wir oft unsere Pflanzen. Er zeigte mir mal eine ägyptische Papyruspflanze. Da war ich ganz enttäuscht, dass aus so etwas mickrigem die alten Ägypter Papier gemacht haben sollten. Aber vielleicht war sie auch nur so mickrig, weil sie in einem Topf gehalten wurde, und im Original in Ägypten viel stattlicher.
Meine Oma war, vermutlich aufgrund ihres früheren Lebens als Bäuerin in Pommern, jetzt eine begnadete Hobbygärtnerin geworden: Auf unserem Grundstück wuchsen die tollsten Blumen, wie zum Beispiel, Astern, Dahlien, Stiefmütterchen, Rosen, Clematis und Hortensien in allen Farben, ebenso Finger- und Eisenhut. Und ihr Schwager, mein Großonkel Emil, und Gärtner bei den Diakonissen in Wehrda, besorgte uns alle erdenklichen Obstbäume und pflanzte und veredelte sie in unserem Garten. Dieser wurde damals in erster Linie auch für den Gemüseanbau genutzt. Rosen- Blumen- Grünkohl und Weißkraut sowie Rotkohl, Gurken, Tomaten, Radieschen, Zwiebeln und alle möglichen Sorten von Salat gab es auf großen Beeten. Und eine Seite war zu der einen Hälfte als Erdbeer- und zur anderen Hälfte als Kartoffelfeld angelegt. Im Sommer war dort dann immer Kartoffelkäfer absammeln angesagt. Hinter dem Haus gab es eine kleine Spielwiese, sowie eine große Veranda mit Steingarten drumherum. Auf dieser sonnte sich mein Vater an den Wochenenden manchmal. Viel Zeit dazu hatte er damals allerdings nicht; denn die Feinarbeiten am Haus waren noch nicht alle erledigt und verbrauchten zusätzlich seine ganze Kraft.
Die Oma hatte sich auch sieben Hühner angeschafft. Diese schliefen im Keller unter den beiden Badezimmern des Hauses auf hohen Stangen. Sie hatten dort auch ein Nest zum Eierlegen. Wenn dann ein Huhn auf dem Nest saß, war ich, neugierig wie ich war, oft dabei, um zuzusehen, wie das Ei hinten aus dem Huhn herauskam. (was das Huhn sich wohl dabei gedacht hat, als ich ihm die Federn beiseiteschob, und dann so ganz lange sehr intensiv auf den Po starrte?) Sie waren jedenfalls immer begierige Empfänger der abgesammelten Kartoffelkäfer, und ich habe auch sonst viel mit ihnen gespielt.
Als wir einmal sogar einen bunten Hahn dabeihatten, wurde der von mir dressiert, so dass er auf Anruf auf meinen ausgestreckten Arm flog. Ich gab ihm den Namen Hänschen. Tragisch war dann nur, als er eines Tages bei uns als Mittagessen auf dem Küchentisch auftauchte. Mein Vater hatte ihn schlachten müssen; denn die Nachbarn hatten sich beschwert, weil er immer so früh am Morgen gekräht hatte. An diesem Tag fiel bei mir das Essen aus!
Tagsüber wurde die kleine Hühnerschar aus dem Kellerfenster hinausgelassen und in einem großen Gehege, auch mit erhöhter Sitzgelegenheit, Unterschlupf und Nest für die Eier, gehalten. Am Abend ging es dann wieder zurück in den Keller.
Um uns herum wurden jetzt immer mehr Felder zu Baugrundstücken und neue Häuser wuchsen auf ihnen in die Höhe. Viele neue Straßen, wie zum Beispiel die Kantstraße, wurden angelegt. Ich erweiterte meinen Spielbereich auf den gesamten westlichen Teil der Hansenhaussiedlung, und war auf jeder nur erdenklichen Straße der Siedlung unterwegs. Immer auf Suche nach neuen Spielgefährten. Nachhause mitbringen durfte ich allerdings niemanden, so spielte sich mein Leben auf den beiden Spielplätzen der Siedlung ab. Neben dem schon erwähnten am östlichen Ende des Lindenweges, unterhalb des Waldes am Richtsberg, gab es noch einen in der Nähe der mittelalterlichen Hinrichtungsstätte Rabenstein am westlichen Ende. Von dort konnte man auf die Stadt und das Schloss sehen. Ich war oft ganz alleine auf einem dieser Spielplätze und dann war die Rutsche immer mein Lieblingsgerät. Einmal, an einen heißen Sommertags-Vormittag, ging ich in kurzen Shorts, bei den Teenagern sagte man da später Hotpants dazu, auf den Spielplatz, um zu rutschen. Die Sonne hatte die Blechrutsche wie eine Herdplatte aufgeheizt, und das Ergebnis war ein sehr schmerzhaftes Rutscherlebnis, mit vielen Brandblasen an meinem Hintern.
In der Nähe des Rabensteins wohnte die Familie Meyer, die, mit engem Kontakt zu der evangelischen Diakonie in Wehrda, das Wohnzimmer ihres Hauses jeden Mittwoch am Nachmittag den Evangelischen Schwestern für eine Kinderstunde mit den Kindern der Umgebung zur Verfügung stellten. Ich war immer mit meiner Freundin Renate Heldmann dort. Und wir saßen dann, zusammen mit anderen Kindern, nachdem wir im Flur alle unsere Schuhe ausgezogen hatten, im Kreis auf dem Wohnzimmerteppich, und hörten von Schwester Ellen oder Schwester Christa Geschichten von Jesus oder machten Spiele.
Im Jahr 1961 war diese paradiesische Zeit in Freiheit dann allerdings wieder vorbei. Ich kam in die Grundschule am unteren Ende des Kaffwegs, in die Gebrüder-Grimm-Schule. Meine Oma hatte bei den Behörden für mich noch ein weiteres Jahr in Freiheit herausschlagen können, sodass bei mir die Schulzeit erst im Alter von sieben Jahren begann. Ich bekam für diesen, jetzt neu beginnenden, Teil des Lebens auch ein hübsches Kleid. Es war sogar fertig gekauft und nicht aus den Röcken alter Kleider meiner Mutter, von meiner Oma – sie war gelernte Schneiderin – genäht worden. Ebenfalls ein neues Paar Schuhe. Außerdem einen Lederranzen, eine Tasche mit zwei Riemen, die so angeordnet waren, dass man sie sich die Tasche auf den Rücken schnallen konnte. In der Tasche befand sich ein Griffelkasten aus Holz mit zwei Kreidestiften, „Griffel“ genannt, einem Bleistift mit Spitzer und einem Radiergummi drin. Auch eine Schiefertafel, an welcher an der einen Ecke, an einem langen Band, ein Schwamm befestigt war, den man auf diese Weise, wenn er feucht war, aus dem Ranzen heraushängen lassen konnte. Und eine Brotdose aus durchsichtigem Plastik für das Pausenbrot. Außerdem gab es dann noch die besagte riesige Zuckertüte, die man im Arm halten musste, und die wohl, so würde ich es heute sehen, helfen sollte, den Beginn des neuen Lebensabschnittes etwas zu versüßen. Für mich waren es damals jedoch lediglich ungewohnte süße Leckereien, die ich zuvor nie haben durfte. Und auf die Schule freute ich mich sowieso riesig. Nun hatte ich endlich die ersehnten vielen Kinder um mich herum, und ich durfte endlich lesen und schreiben lernen.
Der erste Schultag begann mit einer Willkommensfeier in der Aula der Schule, in die mich meine Eltern brachten. Beginnend mit einer Rede von der Schulleitung über die Wichtigkeit des nun beginnenden ernsteren Teils des Kinderlebens und ein paar Darbietungen von einigen etwas älteren Schülern. Danach wurden Lehrer mit Listen in ihren Händen aufgerufen, die jeweils um die 30 Namen von Neuanfängern aufriefen, um sich scharten, und mit Ihnen aus dem Saal verschwanden. Auch ich war natürlich bei einem dieser Prozeduren dabei, und erlebte auf diese Weise, was weiter mit uns geschah. Nachdem wir aus der Aula herausgeführt worden waren, wurden wir in einen Klassenraum gebracht, und die Dame, die unsere Namen vorgelesen hatte, stellte sich als unsere Klassenlehrerin, Frau Klein, vor. Dann durften wir uns einen Sitzplatz aussuchen, bekamen noch eine Liste für unsere Eltern für Unterrichtsmaterialien, Hefte, Buntstifte, etc., die wir demnächst im Unterricht brauchen würden, mit. Auch einen Stundenplan und die Lernfibel, das Buch für uns in der nächsten Zeit. Danach brachte uns die Lehrerin auf den Pausenhof, wo schon unsere Eltern auf uns warteten, und es ging für den heutigen Tag wieder zurück nachhause.
Das erste Schuljahr begann, und die ersten Wochen brauchten wir zum Eingewöhnen noch nicht in der ersten Stunde, beginnend um 8.00 Uhr, anwesend zu sein. 9.00 oder 10.00 Uhr waren angesagt. Für mich begann der nächste Tag allerdings gleich mit einem Schock. Meine Oma hatte mich am Morgen gegen 10.00 Uhr am Tor abgeliefert, aber am Mittag war niemand da, um mich abzuholen. Ich musste den Heimweg alleine finden, und der ging durch den Wald! Also versuchte ich mich, nach einer Weile des vergeblichen Wartens, zu erinnern, wie ich hergekommen war, und machte mich auf den Weg den Kaffweg hinauf. Oben angekommen kam mir dann das Durchstreifen der Hansenhaussiedlung auf der Suche nach Spielkameraden während der letzten beiden Jahre zugute. Ich kannte mich aus und fand den Heimweg.
Meine Mutter und meine pommersche Oma waren sehr streng, man schrieb mir so gut wie nie eine Entschuldigung, wenn mir schlecht war, da sie meinten, ich wolle mich nur vor der Schule drücken. So hat mich meine Lehrerin dann einmal von sich aus nachhause geschickt, weil mir nicht gut war. Und ich weiß noch, ich habe auf diesem Nachhauseweg eine ganze Weile in einer Wiese gelegen, weil ich nicht mehr weiterlaufen konnte.
Die Schule machte mir Spaß, endlich hatte ich das, was ich wollte: Viele Kinder um mich herum, viel Neues zu lernen und viele Spiele. Besonders schön fand ich am Anfang, wenn immer morgens die Stühle zu einem Kreis zusammengestellt wurden, wir dann gemeinsam Lieder lernten und Spiele machten. Wie zum Beispiel „Die Reise nach Jerusalem“ bei der immer ein Stuhl im Kreis zu wenig da war. An diesen mussten wir, während Musik gespielt wurde, vorbeigehen, und wenn dann die Musik plötzlich aufhörte, uns schnell hinsetzen. Ein Platz war aber immer gewollt zu wenig. Wer nicht schnell genug war und keinen Stuhl mehr abbekam, musste ausscheiden. Bei jeder weiteren Musikrunde war das so. Sieger war, wer als letzter auf dem einzig übrig gebliebenen Stuhl saß. Auch durften wir erzählen, wenn wir am Nachmittag zuvor etwas für uns Besonderes erlebt hatten.
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