Kitabı oku: «Wie man aus Trümmern ein Schloss baut»

Yazı tipi:

Dörte Maack

Wie man aus Trümmern ein Schloss baut

Die Geschichte meines Erblindens und wie ich wieder Lebensfreude fand

Patmos Verlag

Inhalt

Prolog

Ungeküsste Frösche

Do wat du wullt, de Lüüd snackt doch

Trunkene Tage

Wir fallen nicht

Hornbrillen und andere Irrtümer

Die Party ist zu Ende

Medizin, Mythen und Magie

Versteckspiele

Blind Dates

Knallsüß und erfolgreich

Blinde Passagierin

Eine kleine Formalität

Blick zum Mond

Welken oder wachsen

Die mangelnde Fantasie der Sehenden

Fingerspitzengefühle

Liebe auf den letzten Blick

Lauf, lauf, lauf, Sprung!

Irgendwo wird immer getanzt

Licht und Schatten

Die schönsten Kinder der Welt

Was sollen die Leute sagen?

Spiele mit der Macht

I am with three blind people

Wir haben es geschafft

Zurück ins Rampenlicht

Wer soll es denn sonst machen?

Immer noch Konfetti im Haar

Phasen der Veränderung

Vorahnung

Schock

Verneinung und Widerstand

Einsicht: Wut, Angst und Trauer

Akzeptanz

Ausprobieren

Erkenntnis

Integration

Der Zauber im Zerbrochenen

Ich und die Beziehung zu den anderen

Ich und die Beziehung zu mir selbst

Ich und der Sinn in meinem Leben

Epilog

Über die Autorin

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Für meine Mutter Marga

Prolog

Wir stehen in Hamburg am Bahnsteig, Martin, die Kinder, der Hund und ich. Zwei unfassbar große Koffer, zwei winzige Koffer – einer mit Nixen- und einer mit Batmanmotiv – und zwei kleine bunte Tagesrucksäcke stehen um uns herum. Die Lautsprecher knacken: »Auf Gleis 7 fährt jetzt ein: der ICE nach München über Hannover und Würzburg. Die Wagen der ersten Klasse befinden sich im Abschnitt A bis C, die Wagen der zweiten Klasse im Abschnitt D bis G.«

»Mist, geänderte Wagenreihung. Kommt mit!«, ruft Martin.

»Lila, voran, Tempo«, gebe ich leise meiner Blindenführhündin das Kommando.

Der Zug fährt ein und kommt zum Halten. Wir rennen am Bahnsteig entlang, Martin voran, alle anderen hinterher. Wir erreichen einen Einstieg. Hoffentlich den richtigen, denke ich. Martin hievt die Koffer und Rucksäcke in den Zug. Danach wagt zuerst Eileen, dann Emil den Schritt über den bedrohlichen Abgrund zwischen Zug und Bahnsteigkante. Konzentriert klettern die Kinder die Stufen hoch in den Zug hinein. »Lila, hopp«, rufe ich, und meine Hündin springt mit einem großen Satz in den Zug. Danach taste ich mit den Füßen nach den Stufen. Geschafft. Wir sind im Zug – aber noch nicht im richtigen Wagen. Schwer bepackt wühlen wir uns durch zum Wagen 9, Plätze 62 bis 65, den vier Plätzen mit Tisch im Großraumwagen. Schnell stecken wir unser kleines Revier ab. Wir wuchten die großen Koffer und Rucksäcke nach oben in die Gepäckablage, verstauen die kleinen Koffer und Rucksäcke, die Hündin und ihr Führhundgeschirr kommen unter den Tisch. Wir füllen den verbliebenen Platz mit Knabbergemüse, Trinkflaschen, Malbüchern, Buntstiften, Memory-Karten und dem Player mit den Kinderhörspielen.

»Papa, wo ist mein Schnitzmesser?«, »Schnuffel, hast du die Reisepässe der Kinder eingesteckt?«, »Mama, wann kriege ich endlich ein Eis?!«, plappern alle durcheinander, während Lila eine Sitzreihe weiter nach vorn robbt. Hier knistert es interessant und Menschen lassen leckere Kekskrümel zu Boden fallen.

Ich muss jetzt dringend pinkeln. Wo ist mein Blindenstock? Er ist tief verbuddelt zwischen Sandspielzeug, Hundefutter und Badeklamotten. Martin kann mich nicht hinführen. Das Risiko, die Kinder alleine zu lassen, wäre zu groß, denn dann würde die gesamte Fami­liendynamik, die wir gerade erfolgreich in den Zugfahrmodus gebracht hatten, gefährlich ins Wanken geraten. Ein Begleitservice für mich ist ausgeschlossen, aber auch nicht nötig, befinde ich. »Bleib du bei den Kindern, ich geh’ mal kurz zur Toilette«, werfe ich Martin zu, bevor ich mich auf den Weg mache. Was soll auf diesen fünf Metern schon schiefgehen?

Ich folge dem Gang des Großraumwagens an ein paar Sitzreihen vorbei. Der Gang ist so eng, dass ich trotz heftiger Schaukelei des Wagens nur unwesentlich aus der Bahn geworfen werde. Am Ende des Ganges öffnet sich eine Schiebetür mit einem leise surrenden Geräusch ganz automatisch. Ich gehe hindurch und folge weiter dem Teppichboden. Links ertaste ich die kühle Fensterfront. Jetzt verändert sich die Akustik und ich merke, dass die beiden Ausstiegstüren links und rechts von mir sind. Ich bin also auf dem richtigen Weg, gleich muss die Zugtoilette kommen. Liegt sie rechts oder links? Im Gang ist niemand, den ich fragen kann. Ich taste nach der rechten Wand. Kaum berühre ich diese Wand, öffnet sich mit einem schnarrenden Geräusch wieder eine Schiebetür. Das ist ja richtig klasse: Ich habe die Toilette schon gefunden und sie ist frei! Ich trete schnell durch die Tür und bin irritiert. Das kann nicht die Toilette sein. Toilettenräume im ICE sind eng und schmal. Verglichen damit stehe ich in einem großen Saal. Die Schiebetür hinter mir steht noch weit offen. Eine männliche Stimme von links unten sagt etwas, das klingt wie »Banster sie nicht schlonk Tür infekt … äh hmm versetzt, nein …!« Ich folgere blitzschnell: Dieser offensichtlich sehr kleine Mann mit der nuscheligen Aussprache steht vor der eigentlichen Toilettentür in einem Vorraum. Er wartet, weil die Kabine noch besetzt ist. Mit meinem charmantesten Lächeln wende ich mich dem fremden Mann zu und frage sehr freundlich: »Oh, warten Sie hier auch?« Im nächsten Satz würde ich ihm erklären, dass ich blind bin und man mir das nicht gleich ansieht, da ich keinen Blindenstock dabeihabe, was wiederum daran liegt, dass ich nur wenige Schritte von hier entfernt mit meiner Familie sitze. So plante ich den weiteren Verlauf unserer Unterhaltung, doch so weit kommen wir nicht. Der kleine Mann wurschtelt hektisch irgendwas und eilt wortlos mit schnellen Schritten aus der großen Türöffnung davon. Ich finde das ziemlich unhöflich. Vielleicht dauerte ihm das Warten zu lange oder er befürchtete, dass ich mich vordrängeln möchte? Ich warte noch einen weiteren Moment ab. Es tut sich nichts und in der Toilettenkabine ist auch nichts zu hören. Ich suche links nach dem Türgriff der Kabine. Was ich finde, überrascht mich: Dort, wo eben noch der kleine Mann zu mir sprach, ist keine Tür, dort ist die Toilettenschüssel. Schlagartig ist mir klar, dass der Mann nicht klein war. Er hat auf der Toilette gesessen. Ich bin in der geräumigen Rolli-Toilette. Hier ist der Absperrmechanismus für Nicht-Eingeweihte nicht ganz einfach zu bedienen und der Mann hat es offensichtlich nicht verstanden, die Tür abzusperren.

Da erreiche ich blindes Huhn nun mein Ziel mit so viel Leichtigkeit und bringe einen ahnungslosen Mitreisenden in eine echte Scheißsituation. Ich schließe lächelnd die immer noch weit geöffnete große Schiebetür und drücke auf den speziellen Schließknopf. Unsere Italienreise fängt richtig gut an, denke ich.

Zwanzig Jahre nach der Diagnose »unheilbare Augenerkrankung – Erblindung unausweichlich« kann ich von Herzen über meine Blindheit lachen. Ich bin angekommen in einem farbenfrohen Leben, das für mich lange absolut unerreichbar zu sein schien.

Ungeküsste Frösche

»Nie wieder Pinneberg«, hatte ich Ende der 80er-Jahre voller Übermut nachts an eine Häuserwand gesprüht. Ich hatte das Abitur in der Tasche und war so wahnsinnig froh, endlich aus der Kleinstadt rauszukommen. Nach einer Party war ich nicht ganz nüchtern, hatte eine Spraydose mit roter Farbe dabei und kam mir damit so cool wie eine Berliner Hausbesetzerin vor. Meine Sprühaktion brachte es sogar ins Pinneberger Tageblatt. Nicht, weil in Pinneberg zuvor noch nie jemand eine Wand besprüht hätte, sondern weil am nächsten Tag Kommunalwahl in Schleswig-Holstein war. Die Bürgermeisterwahlen interessierten mich gar nicht, aber die von mir ganz zufällig ausgewählte graue Betonwand war, so stand es im Lokalblatt, eine Mauer des Pinneberger Rathauses. Das war eine Verwechslung des Redakteurs, denn wie fast alle Bauten in Pinneberg war dieses Rathaus ein unscheinbarer Zweckbau der 60er-Jahre und kaum von anderen Gebäuden in der Innenstadt zu unterscheiden. Im Tageblatt hielt man meine persön­liche spätpubertäre Befreiungsaktion für eine gezielte politische Tat einer noch unbekannten Pinneberger Untergrundgruppe. »Irgendwann musste hier doch mal etwas Interessantes passieren«, hatte der Redakteur vermutlich gehofft.

Die harmlose Kreisstadt Pinneberg in Schleswig-Holstein war immer schon das liebste Spottobjekt der benachbarten Hamburger, obwohl keiner so richtig weiß, wie genau es dazu kam. Vielleicht liegt es am Autokennzeichen. Das PI auf dem Nummernschild steht aus Sicht der Großstädter für »Provinzidiot« oder vielleicht auch für »pennt immer«. Pinneberg gilt in Hamburg als Inbegriff der Langeweile und Hässlichkeit. Als Pinneberger muss man irgendwie mit diesem Stigma klarkommen. Man belügt sich selbst ein bisschen und tut so, als gehöre man zu den Weltstadtbewohnern. »In nur zwanzig Minuten bist du mit der S-Bahn mitten in der City«, war damals wie heute der Lieblingssatz eines Pinnebergers. Mit »City« ist dann natürlich nicht die kleine Pinneberger Fußgängerzone gemeint. Zur weiteren Stärkung des geschundenen Selbstbewusstseins sucht man sich als Pinneberger seinerseits gern Spottopfer. Früher fand man sie in den umliegenden Dörfern. Die Pinneberger definierten deren bäuerliche Bevölkerung als die eigentlichen Provinzidioten, die Prisdorfer zum Beispiel. Prisdorf ist das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin und das bis zum Abitur meine Heimat war.

Ich lebte in einem großen schmucken Bauernhaus mit einem riesigen Heuboden, mit Kuhstall, Schweinestall, Hühnerstall. Ein gutmütiger Collie, viele Katzen in allen Farben, ein großer Gemüsegarten und zwei Streuobstwiesen mit Bäumen zum Draufklettern, ein kleiner Fluss hinter dem Haus und saftige grüne Wiesen voller pastellfarbenem Wiesenschaumkraut und tiefgelben Sumpfdotterblumen. Das war in rosiger Rekonstruktion meiner Kindheitserinnerungen das norddeutsche Bullerbü. Ich war Lisa mit blonden geflochtenen Zöpfen. Wie sie hatte auch ich zwei Brüder. Nur waren sie viel älter als Lasse und Bosse bei Astrid Lindgren und mussten deshalb schon sehr viel auf dem Hof mitarbeiten. Aber ich war nicht nur die wohlbehütete, brave Lisa, ich war auch die eigensinnige, wilde Pippi, die viel allein spielte: In der Wildnis pflückte ich bunte Blumensträuße, baute ein Floß, saß in den Bäumen, kuschelte die Katzenbabys oder übte Saltos im Heu. Gegenüber wohnte Tommy, der im richtigen Leben Bernd hieß. Er war so alt wie ich, hatte blonde strubbelige Haare und Sommersprossen. Beide waren wir nicht im Kindergarten und verbrachten sehr viel Zeit miteinander. Gemeinsam badeten wir als Nackedeis in der Kuhtränke auf der Hausweide, heirateten heimlich im Kuhstall mit zwei der roten Plastikringe, die die Hühner am Bein trugen. Manchmal haben Bernd und ich uns geprügelt. Ich war stärker und konnte kratzen wie eine Katze. Das tat weh und Bernd lief dann weinend nach Hause zu seiner Mutter. Wir haben unsere Wunden geleckt, schnell alles vergessen und uns noch am selben Tag wieder vertragen.

Die beste Zeit war der Sommer. Dann war unser großer Gemüsegarten ein üppiges Paradies. Alles, was reif war, erntete ich und stopfte die farbenfrohe Beute direkt in meinen Mund: Himbeeren, Stachelbeeren, Erbsen, junge Karotten und Radieschen und natürlich die Erdbeeren. Manchmal musste ich beim Strohfahren, beim Kühehüten, Kälbertränken oder bei der Milchkontrolle ein bisschen mithelfen.

Meine beiden Brüder waren vierzehn und sechszehn Jahre älter. Mit mir hatte keiner mehr gerechnet. Ich war nicht geplant und für mich gab es keine Pläne. Später würde der ältere meiner Brüder sagen: »Wir wurden noch erzogen, aber Dörte wurde verzogen«, und würde damit meinen, dass ich sehr viel Freiheit und kaum Grenzen erfahren habe. Ich würde später sagen: »Ich habe mich selbst erzogen«, und würde damit meinen, dass die Erwachsenen zu beschäftigt waren, um sich um mich zu kümmern.

In unserem Haus waren die beiden Weltkriege noch nicht lange her. Einige Fenster in den alten Holztüren hatten einen Sprung. Das war passiert, als die benachbarte Bahnstrecke bombardiert wurde. In den großen dunklen Eichenschränken und Truhen, in denen ich an langen Wintertagen so gern wühlte, fanden sich Uniformen, Säbel und Orden. Auch im Kopf meines Vaters und besonders im Kopf meiner Großmutter schien der Krieg noch ganz nah zu sein.

Als meine Mutter mit mir schwanger war, hoffte sie auf ein Mädchen. Meine Großmutter glaubte nicht daran und sagte: »Mädchen wachsen auf diesem Hof wohl nicht.«

Sie war schon mit Anfang zwanzig Mutter von drei Söhnen und Witwe. Ihr Mann kam aus dem ersten Weltkrieg nicht zurück. Auf dem Rückweg von der Krim bekam er die Spanische Grippe. »Ernst, wir kommen doch jetzt nach Haus«, hatte ein Kamerad ihn ermutigen wollen und er antwortete: »Ihr kommt alle nach Haus, aber ich nicht mehr.«

Er wurde in Griechenland bei Saloniki begraben und musste seine junge Frau mit den Kindern und dem großen neuen Hof allein lassen.

Die drei Söhne mussten in der Landwirtschaft früh sehr hart arbeiten. Obwohl er fast noch ein Kind war, musste auch der jüngste Sohn, der später mein Vater werden sollte, den schweren Ackergaul oft allein anschirren. Einmal schlug der bockige Gaul heftig aus und traf meinen Vater in den Bauch. Aus Angst vor den Kosten wurde kein Arzt gerufen. Ein Nachbar brachte den schwer verletzten Jungen schließlich im letzten Moment noch ins Krankenhaus. Es war allerhöchste Zeit: Er wäre fast innerlich verblutet. In einer langen Notoperation wurde ihm die Milz entfernt und sein Bauch wieder zusammengeflickt.

Der zweite Weltkrieg nahm meiner Großmutter dann zwei ihrer Söhne. Ihr ältester Sohn, der den Hof hätte übernehmen sollen, kam aus Russland nicht zurück. Ihr mittlerer Sohn, der als einer der ersten aus dem Dorf in Hamburg Abitur gemacht hatte, war ein Offizier der Luftwaffe. Er wurde mit seiner Propellermaschine abgeschossen. Nur mein Vater musste wegen der Folgen seiner Operation nicht in den Krieg ziehen. Er war der Einzige, der meiner Großmutter blieb. Sie sagte später bei schlimmen Ereignissen immer: »Wer weiß, wozu das noch gut ist.«

Meine Brüder bekamen die Namen ihrer gefallenen Onkel, deren gerahmte Fotos in Schwarz-Weiß über dem Sofa meiner Großmutter hingen. Ich bekam nicht so einen gebrauchten altmodischen Namen wie meine Geschwister. Meine Brüder wählten »Dörte« für mich aus. Sie fanden den Namen damals total schick und modern. Sie konnten nicht wissen, dass keine Mädchen außerhalb von Norddeutschland und auch dort keine, die nach 1970 geboren wurden, so heißen würden.

In der Grundschule lernte ich Mädchen kennen und spielte immer weniger mit Bernd. Meine neuen Freundinnen waren die Töchter der Zugezogenen. Sie lebten mit ihren Familien in Einfamilienhäusern in den Neubaugebieten. Sie hatten Zentralheizung, große Fenster ohne Gardinen und Möbel aus hellem Holz. In ihren Wohnzimmern standen offene Bücherwände und Stereoanlagen. Viele hatten Partykeller mit Tresen und Barhockern und im Garten hatten manche sogar einen Swimmingpool. Meine Freundinnen hatten Väter, die morgens im Anzug zur Arbeit fuhren und abends wiederkamen. Sie hatten Mütter mit Kurzhaarfrisuren, die mit dem Auto zum Supermarkt fuhren, Tennis spielten und in modernen Einbauküchen lange Spaghetti kochten oder Artischocken zubereiteten.

In den Ferien fuhren meine Freundinnen mit ihren Eltern mit dem Wohnwagen nach Frankreich, mit der Segelyacht nach Schweden oder flogen mit dem Flugzeug nach Spanien. Als mir mein Bullerbü langsam zu klein erschien, fing ich an, die anderen um ihre Ferienabenteuer in den fernen Ländern zu beneiden. Dass die anderen mich wegen des Heubodens, der Kletterbäume und der Katzenbabys beneideten, war mir nur ein schwacher Trost.

Immer öfter sagte ich zu Hause Sätze, die mit »Die anderen haben auch alle …« anfingen, und meine Mutter antwortete mir dann immer in ihrer einfühlsamen, warmherzigen Art: »Das mag sein, aber wir sind nicht die anderen.«

Sie hatte verdammt recht. »Leider«, fand ich. Trotzdem hatte ich mit den Kindern der anderen eine sehr gute Zeit. Annette, Anke, Steffi, Berrit, Kirstin und ich liefen Nachmittage lang Schlittschuh, bauten Verstecke im Wald und verkleideten uns oft. Wir turnten, tanzten, spielten Handball und Tennis im TSV Prisdorf. Am besten war es mit Annette. In einer Osternacht standen wir um Mitternacht auf, gingen stumm zu einer Quelle, um uns dort zu waschen. Das würde ewige Schönheit bringen, hatten wir irgendwo über diesen aufwendigen Osterbrauch gelesen. Wir fanden nur den Graben neben den Bahngleisen, wuschen uns trotzdem und waren sicher, dass wir nun immer schön sein würden. In den Wiesen der Pinnau-Niederung suchten wir nach Fröschen, um sie zu küssen. Keiner verwandelte sich in einen Prinzen. Das machte aber nichts, denn es gab ja noch unzählige ungeküsste Frösche und sicher würden wir irgendwann den richtigen Frosch finden.

Unsere Lehrerin in der Dorfschule war Frau Allègue. Sie war eine kluge, sehr strenge Frau und ich habe sie sehr gemocht. Obwohl mir die Vorbereitung durch den Kindergarten fehlte, war Schule für mich von Anfang an leicht. Ich war im Unterricht ein stilles Kind, erledigte aber alle schriftlichen Arbeiten meist fehlerfrei. Meine Lehrerin leitete auch die kleine Dorfbücherei. Am Ende der vierten Klasse hatte ich dort jedes Kinderbuch mindestens einmal durchgelesen.

Frau Allègue bestand schließlich darauf, dass ich auf das Gymnasium gehen sollte. Mein Vater war überhaupt nicht begeistert, fand das generell und besonders für Mädchen überflüssig. Zum Glück konnte sich meine Lehrerin mit ihrer Autorität bei ihm durchsetzen.

Frau Allègue hatte einen klaren Blick für die Möglichkeiten, die in den ihr anvertrauten Kindern steckten. In mein Poesiealbum schrieb sie ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe, das mir bis heute viel bedeutet: »Ursprünglich eignen Sinn lass dir nicht rauben! Woran die Menge glaubt, ist leicht zu glauben.«

In meiner Straße wohnte in einer Doppelhaushälfte Katja. Bei ihr zu Hause war alles ganz besonders doll anders als bei mir. In ihrem Wohnzimmer hing eine Grafik, die Wolf Biermann mit einer unbekleideten Frau mit drei Brüsten zeigte. Das kannte ich so nicht. In unserem Wohnzimmer, das wir »Gute Stube« nannten, hingen norddeutsche Landschaften im Eichenrahmen. Katjas Mutter war Lehrerin und eine sehr eindrucksvolle Person. Im Sommer sonnte sie ihre üppige Fülle splitternackt auf der Terrasse. Sie leitete eine Theatergruppe in unserem Sportverein. Das war neu. Mit uns Kindern spielte Katjas Mutter die Stücke des Grips-Theaters, einem emanzipatorischen Kindertheater aus Berlin. Wir sollten uns mit kreativen Schimpfworten wie »Du vollgeschissener Turnschuh!« anbrüllen und Lieder mit Mutmachparolen singen:

»Trau dich, trau dich. Andern geht’s genauso schlecht –

Trau dich, trau dich. Kämpft um euer Recht!«

Ich war nicht gut darin. In Gegenwart vieler Menschen war ich ein sehr stilles Mädchen und verstand außerdem nicht, um welches Recht wir da eigentlich kämpften.

Katja lud mich immer zu ihrem Geburtstag ein. Als sie zwölf wurde, war sie in der 6. Klasse. Ich war elf und gerade in die 5. Klasse gekommen. Wir waren beide auf demselben Gymnasium in der Stadt, in Pinneberg.

Katja hatte auch Jungs aus ihrer Klasse eingeladen. Einer hieß Percey. »Percey – so heißen die Jungs im Dorf nicht. So heißt man nur in der Stadt«, analysierte ich.

Ich fand Percey toll und wollte, dass er mich auch toll findet. Zuerst versuchte ich ihn mit Hula-Hoop zu beeindrucken. Ich konnte das so lang wie keine: Zehn Minuten am Stück kreiste der rote Plastikreifen um meine Hüften! Später spielten Percey und ich mit ein paar anderen Geburtstagsgästen Wortfix. Man musste eine Karte ziehen, auf der zum Beispiel »Ein Fluss mit …« stand. Dann musste man eine Scheibe drehen. Wenn sie zur Ruhe kam, zeigte sie einen Buchstaben. »Ein Fluss mit K«. »Krückau«, rief ich sofort, und nachdem Katjas Mutter bestätigte, dass dies tatsächlich ein winziger Nebenfluss der Elbe in der Marsch war, durfte ich die Karte behalten. Weil ich so viel wusste, hatte ich am Ende den höchsten Kartenstapel von allen vor mir liegen. Ich war total gut in diesem Spiel und Percey würde mich toll finden – das war gewiss.

Percey schaute mich an und sagte: »Ich glaube, du bist eine Hexe.«

»Warum?«, fragte ich.

»Weil du so schlau bist … und so hässlich.«

Do wat du wullt, de Lüüd snackt doch

»Bitte schreibt alle auf, die ihr in unserer Klasse für Außenseiter haltet«, forderte unser Klassenlehrer uns auf. Kornelius Thuma war gerade mit seinem Referendariat fertig und die 5d war seine erste Klasse. Er hatte lange Haare, trug meist einen übergroßen handgestrickten Pullover und saß mit Vorliebe auf der Lehne seines Lehrerstuhls mit den Füßen in den Birkenstocksandalen auf der Sitzfläche. Eine gute Klassengemeinschaft war ihm wichtig und er hielt die öffentliche Diskussion der möglichen Außenseiter anscheinend für eine geeignete Maßnahme. Es verunsicherte mich, dass mein Name auch an der Tafel stand. War ich jetzt eine Außenseiterin? Es war kein Trost, dass die Namen der halben Klasse dort standen. Für alle, die zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein oder sonst irgendwie anders waren als die meisten, war der Übergang in die große weiterführende Schule schwierig. Wir alle suchten unseren Platz und fingen an zu vergleichen. Dazuzugehören war alles, bloß kein Außenseiter sein! Mein Fall wurde diskutiert und schließlich wurde mein Name von der Tafel gewischt. Ich hatte zu viele Freundinnen aus der Grundschule, die zu mir hielten. Das hatte Gewicht, auch wenn meine neuen Pinneberger Mitschüler befanden, dass ich nach Bauernhof roch. In Prisdorf hatte das niemanden gestört, im Gegenteil. Mein Vater war sehr stolz auf unseren ertragreichen Hof und andere Kinder kamen immer gern zu uns zum Spielen. »In Pinneberg ist es ein Makel, vom Bauernhof zu kommen«, begriff ich. Ich stank und ich war hässlich. Dabei war ich eigentlich gar nicht wirklich hässlich, doch objektiv betrachtet, hatte ich ziemlich uncoole Klamotten, einen blöden Haarschnitt und eine wirklich sehr hässliche Brille.

Der Wechsel auf das Gymnasium läutete zugleich das Ende meiner Kindheit ein. An den langen Winterabenden fühlte ich mich jetzt oft sehr einsam. Ich konnte mich nicht mehr allein ins Spielen vertiefen und hätte jemanden zum Reden gebraucht. Stattdessen saß ich mit meiner alten Oma vor dem Fernseher, während meine Eltern bis acht Uhr abends im Stall arbeiteten.

Wie sehr mich der Start auf dem Gymnasium verunsicherte, war mir nicht bewusst. Ich bekam Bauchschmerzen, die langsam so stark wurden, dass ich für zwei Wochen ins Krankenhaus kam. »Guck mal, wir haben uns Monchichis gekauft«, kicherten meine beiden besten Freundinnen Annette und Kirstin fröhlich, als sie mich im Krankenhaus besuchten. Diese affenähnlichen Püppchen aus Japan waren der letzte Schrei auf dem Spielzeugmarkt. Ihre neuen Monchhichis machten die beiden zu einer verschworenen Einheit. Ich hatte keinen Monchhichi und war außen vor.

Die Ärzte konnten nichts in meinem Bauch finden und entließen mich ohne Befund. Die Schmerzen einer Kinderseele konnten ihre Apparate nicht messen. Doch auch ohne Behandlung ließen meine Bauchschmerzen langsam nach. Ich verstand immer besser, was wichtig ist, um dazuzugehören. In Sport war ich gut, damit konnte ich leicht punkten. In anderen Fächern flogen mir die guten Noten einfach zu und ich ließ andere gern abschreiben.

»Oh mein Gott, wie süß Robbie wieder guckt«, seufzte Kirstin jedes Mal, wenn die neue Bravo rauskam. Genau wie Annette war sie verrückt nach »The Teens«, einer Boyband aus Berlin. Die fünf Jungs waren kaum älter als wir und stürmten mit ihrer LP Teens & Jeans & Rock’n’Roll die Charts. Wie meine beiden Freundinnen tapezierte ich die Wände meines Kinderzimmers mit Postern der Band, lebensgroßer Starschnitt aus der Bravo inklusive. Eigentlich interessierte ich mich nicht besonders für die Band und ihre Musik, aber ich tat so, als wäre ich genau wie die anderen in einen dieser Jungs verknallt. Dazuzugehören hatte seinen Preis. So zu tun als ob, ließ sich nicht vermeiden.

In der 7. Klasse wurden wir neu zusammengewürfelt. Wie ich wählten auch Kirstin und Annette Französisch und gingen weiterhin in dieselbe Klasse. Unsere Dreierkonstellation als beste Freundinnen brachte jeder von uns über viele Jahre Freude und Kränkungen zugleich. Im ständigen Wechsel war immer eine von uns außen vor. Eigentlich harmlose kleine Intrigen und Machtspielchen belasteten uns. Ein niedrig dosiertes stetiges Gift. Wir konnten nie offen darüber reden. Es war eben nicht so einfach, wie Herr Thuma sich das vorstellte.

In der neuen Klasse wurden meine Noten noch besser und ich erhielt eine Auszeichnung als Klassenbeste. Das freute mich nicht sehr, denn gute Noten waren nicht mein Bestreben, nur mein Glück. Mein einziges Bestreben war es, dazuzugehören und cool zu sein. Dafür durfte man auf keinen Fall eine Streberin sein. Ich fing an, in der Schule aufmüpfig zu werden: ein bisschen den Unterricht stören, ein paar Streiche. Das brachte Ansehen und machte meine Noten auch nur wenig schlechter. Meine Eltern ließen mich machen und mischten sich nicht ein. Meine Erfolge nahmen sie ohne Überschwang zur Kenntnis, regten sich aber auch kaum über die vereinzelten blauen Briefe mit meinen Schandtaten auf.

»Do wat du wullt, de Lüüd snackt doch!«, sagte meine Oma häufig. Das hörte sich bei ihr nicht resigniert an, sondern eher nach einem Plädoyer für Eigensinn. Von dieser Haltung war ich noch ganz weit entfernt, machte mich aber langsam auf den Weg. Bei der Wahl von Frisuren und Klamotten experimentierte ich wild, fand aber lange keine Linie. Der Schlabberlook der Ökos gefiel mir zwar an anderen, aber nicht an mir, und der markenbetonte, glattgebügelte Look der Popper war mir viel zu schnieke.

In der 10. Klasse sollten wir wieder etwas über andere aufschreiben. Wir zogen einen Zettel mit einem Namen und sollten diese Person beschreiben. Unsere Beschreibungen hingen wir anonym an eine Pinnwand. Jeder sollte dann die zutreffende Beschreibung für sich heraussuchen. Meine war nicht dabei. Am Ende hing da nur noch ein Blatt: selbstbewusst, kreativ, viele verrückte Ideen, sportlich, überdreht, ausgefallene Klamotten …

»Das beschreibt dich doch perfekt«, fand Frau Hadersbek, unsere Deutschlehrerin. So ein Quatsch, ich war schüchtern, talentfrei, unattraktiv und schlecht gekleidet … Vor allem die Jungs in meiner Klasse sahen das ganz sicher so, glaubte ich. Trotzdem war ich ihnen nicht vollkommen egal. Sie hielten mir kollektiv eine Standpauke, als ich auf der Klassenfahrt in München mit einem einheimischen Jungen namens Klaus knutschte. Ich hatte noch keine Übung und unsere Schneidezähne stießen dauernd zusammen. Aber Klaus schien mich trotzdem sehr zu mögen. Im Biergarten trafen wir seine Freunde, die über meinen norddeutschen Vornamen schallend lachten. Klaus lachte nicht, sondern meinte mitfühlend: »Ja, aber deine Eltern haben dich doch sicher nicht so genannt.« Er konnte sich offenbar nicht vorstellen, dass »Dörte« etwas anderes als ein Spitzname war. Nach der Knutscherei wurde ich in der Jugendherberge ins Zimmer meiner Mitschüler zitiert. »Du hast die Ehre unserer Klasse beschmutzt«, war ihr Vorwurf. Auch unser Lehrer Herr Kaminski war wenig amüsiert über mein bayerisches Abenteuer und erteilte mir einen offiziellen Tadel.

Die Oberstufe mit ihrem Kurssystem war für mich eine Befreiung. Alle Klassen mischten sich und im gesamten Jahrgang fand ich viele neue Freunde. Ich wurde Jahrgangssprecherin und im Jahr darauf mit Annette, Melanie, Harald und Carsten in einem sogenannten »Kollektiv« zur Schülersprecherin gewählt. Es war die Zeit der großen Friedensdemos gegen die Stationierung neuer Atomraketen. Wir waren voller Engagement dabei. »Weine nicht, wenn der Reagan fällt, er ist ja nur ein Westernheld. Alles, alles geht vorbei, auch die Pershing 2« und »We shall overcome …« sangen wir auf Hamburgs Straßen. Wir feierten viel, knutschten, tranken und kifften ein bisschen. Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll … Schlimm? Nein, nur ein ganz kleines bisschen schlimmer als der Durchschnitt.

Weil meine Eltern nie Urlaub machten, ich aber die Welt sehen wollte, begann ich früh, selbst Reisen zu organisieren. Mit dreizehn Jahren plante ich eine Radtour nach Dänemark mit meiner Cousine Susan und meinen Freundinnen Annette und Pascale. Die Jugendherbergen buchte ich per Post und Handys gab es noch nicht, dennoch klappte alles prima. Das Schlimmste, was uns auf dieser Tour zustieß, war der Diebstahl unserer großen Packung Schmelzkäseecken in der Jugendherberge auf Æerø. Der Anfang war gemacht und es folgten viele weitere Radtouren und später Reisen mit Interrail-Tickets und per Anhalter quer durch Europa. Mehrmals waren wir in Portugal, schliefen am Strand und lebten fast ohne Geld ganz herrlich.

Die Welt war voller Abenteuer und voll von wunderbaren Menschen. Was wir taten, war nicht immer ungefährlich und wir hatten manchmal mehr Glück als Verstand. Einige Male half uns unsere eigene Gewitztheit aus brenzligen Situationen heraus, andere Male half uns nur noch das rechtzeitige Eingreifen eines Schutzengel-Sondereinsatzkommandos. Risiken nahmen wir nicht ernst. Meine Mutter wusste, dass ich mich nicht aufhalten lassen würde, machte sich aber Sorgen. »Erzähl mir bitte nicht alles, sonst kann ich nicht ruhig schlafen«, bat sie mich. Mein Vater sagte nichts dazu. Er hatte sich schon bei der Erziehung seines zweiten Sohnes die Finger verbrannt, denn lange Haare und Rockmusik waren Ende der 60er-Jahre für einen Bauernsohn nicht akzeptabel. Mein Bruder zog mit sechzehn Jahren im Streit von zu Hause aus. Mein Vater wollte nicht noch ein Kind verlieren und ließ mich einfach in Ruhe.

Auf einem Trip per Anhalter mit meinem Mitschüler Christian lernte ich in München Paul Brady kennen. Ich hatte zunächst keine Ahnung, dass der nette Typ ein bekannter irischer Singer-Songwriter war. Ein paar Tage später in Wien sprach uns ein Schauspieler an. Er fand uns junge Vagabunden niedlich, lud uns in ein teures Restaurant ein und schenkte uns zum Abschied hundert Mark. »Mit Geld ist das Leben viel lustiger«, meinte er. Es war Dietrich Siegl, der in der Lindenstraße den Tennislehrer Stefan Nossek spielte. Meine Mutter liebte »Lindenstraße« und hielt mich später stets über das Schicksal des Tennislehrers auf dem Laufenden. Irgendwann schoss Klausi Beimer ihn aus Versehen mit einem Luftgewehr blind und dann lief er auch noch vors Auto. Zum Glück war das nur ein Fernsehschicksal.

Es gab so unendlich viel Spannendes außerhalb der Schule zu entdecken. Um in der Oberstufe weiterhin richtig gut zu sein, hätte ich in einigen Fächern stur büffeln müssen, aber das gefiel mir nicht. Ich war nur noch richtig gut in den Fächern, die mich wirklich interessierten. Ich beschäftigte mich voller Enthusiasmus mit dem Nationalsozialismus und mit Feminismus, hielt hierzu haufenweise Referate. Meinem Klassenlehrer aus der 5. Klasse, Herrn Thuma, begegnete ich in der Oberstufe als Geschichtslehrer wieder. Er hatte immer noch lange Haare und wir waren jetzt per Du. »Wie willst du mich eigentlich im mündlichen Abitur prüfen? Ich weiß doch jetzt mehr als du«, fragte ich ihn kurz vorm Abi. Das meinte ich ernst, denn wie konnte er so viel spezielles Wissen über »Frauen im Nationalsozialismus« haben wie ich?

Am meisten liebte ich meinen Deutschleistungskurs und deren Lehrerin Frau Kotarowski. Ich bewunderte sie, denn sie war unglaublich gebildet und stilvoll. Dabei hatte sie auch noch einen feinen Sinn für Humor und war trotz allem sehr dezent. Am allermeisten mochte ich das Halbjahr, in dem es um »Politische Rede« ging. Wir analysierten berühmte Reden und sollten schließlich eine eigene Rede schreiben und vortragen. Auf der Suche nach einem passenden Thema hörte ich im Radio einen Beitrag über die Pläne einer amerikanischen Schule, Schüler zu regelmäßigen Cannabistests zu zwingen. »Würde so etwas an unserer Schule geschehen, würde ich als Schülersprecherin zum Boykott dieser Tests aufrufen!«, war ich sicher. Ich hatte mein Redethema! Ich schrieb mit Feuereifer an meiner Rede gegen Generalverdacht, Kriminalisierung und Überwachung. Das Ergebnis war brillant, fand ich. Mein flammendes Plädoyer beeindruckte Frau Kotarowski dann auch total. Leider ganz anders, als ich es erhofft hatte. Sie führte im Anschluss an den Unterricht mit mir ein sehr ernstes Gespräch unter vier Augen: »Dörte, hast du ein Problem mit Drogen? Brauchst du Hilfe?« Nein! Nein und darum ging es doch auch gar nicht! Ich wusste noch nicht, dass man nie sicher sein kann, wie die eigenen Gedanken bei anderen ankommen. Mir fehlte die Erkenntnis, dass es am besten ist, sich nicht von der Meinung anderer abhängig zu machen und den eigenen Weg zu gehen. So blieb mir nichts anderes übrig, als meine Begeisterung für die öffentliche Rede kleinlaut an den Nagel zu hängen.

Ein sehr besonderer Kurs in meinem Abiturjahr war der Religionskurs bei Frau Höfmann. Ich hätte diesen Kurs, wie es fast alle anderen taten, einfach abwählen können, aber meine Lehrerin lockte mich mit dem Versprechen: »Wir werden uns mit feministischer Theologie auseinandersetzen.« Da konnte ich nicht ablehnen und saß ein weiteres halbes Jahr wöchentlich zwei Stunden nur mit Thomas, Stefanie und Frau Höfmann zur Besprechung theologischer Themen zusammen. Die Literatur zur feministischen Theologie verschlang ich gierig und natürlich würde ich dazu ein Referat halten. Zu meiner Überraschung wollte auch unser Schulleiter Herr Hallberg dieses Referat hören. Keine Ahnung, was den älteren Herrn am Feminismus interessierte. In meinem Referat ging es um die These der Forschung, dass die ersten Menschen glaubten, Kinder entstünden durch die Frau allein. »Dies glaubte man deshalb, weil zwischen der Zeugung und den ersten deutlichen Anzeichen einer Schwangerschaft so viel Zeit liegt, dass der Zusammenhang nicht offensichtlich ist«, erläuterte ich diese These. An dieser Stelle hatte mein Schulleiter eine Zwischenfrage, die mich bis heute irritiert: »Also, der … ähm … Beischlaf wurde aber trotzdem vollzogen?«

Ich antwortete sachlich: »Ja, davon ist auszugehen.«

»Pinneberg ist einfach nur total hinterm Mond. Nichts wie weg von hier!«, dachte ich immer häufiger.

Trunkene Tage

»Berufswunsch: Journalistin, Poetin, Weltreisende, Barbesitzerin, Unternehmerin und ich will Zirkus machen«, war neben meinem Namen in der Abi-Zeitung zu lesen. Diese Liste hatte ich spontan erstellt und wäre mehr Platz gewesen, hätte sie noch viel länger sein können. »Wer kommt wohl als Erstes ins Gefängnis?«, war eine der Abstimmungsfragen für dieses Blatt. Als Mitglied der Redaktion zählte ich die Stimmen der Befragung aus und staunte. Die Namen, die bei dieser Frage am häufigsten genannt wurden, waren: Laurenz, Sundeep und Dörte. Laurenz und Sundeep machten irgendwas mit Drogen, aber warum sollte ich auf einer Anklagebank sitzen? Ich hatte nur eine Rede über einen fiktiven Drogentest gehalten und einmal im Übermut eine Farbspraydose im öffentlichen Raum benutzt. »Ich bin viel zu harmlos, um in den Knast zu kommen«, war ich sicher. Ich konnte nicht ahnen, dass ich viel später tatsächlich in eine Justizvollzugsanstalt kommen würde, und das auch noch begleitet von einem Fernsehteam.

»Solange ich mich nicht entscheiden kann, was ich werden will, ist es am besten, Studentin zu sein«, dachte ich und schrieb mich erst einmal für Germanistik und Anglistik ein. Die Uni war eine totale Enttäuschung: viel zu verkopft und trocken. Trotzdem ging ich fleißig in die großen anonymen Vorlesungen und Seminare, bestand Klausuren, schrieb Hausarbeiten und sammelte ordentlich Scheine. Wozu das gut sein könnte, würde sich gewiss irgendwann zeigen.

Neben der Unterstützung durch meine Eltern verdiente ich meinen Lebensunterhalt als Kellnerin. »Aushilfe gesucht«, hatte ich schon in der 11. Klasse auf einem Aushang im Fenster einer Eisdiele am Altonaer Spritzenplatz gesehen. Ich hatte sofort im Laden nachgefragt und Rolf Tamm, der Inhaber, hatte mich gleich dabehalten. Meine Karriere hatte ich beim Abwasch begonnen. In den kommenden Wochen, Monaten und Jahren hatte ich mich über Fenster links (Außer-Haus-Verkauf nur bei gutem Wetter), Fenster rechts (Außer-Haus-Verkauf an allen Tagen), Kellnerin 2, Kellnerin 1 bis zur »Leitenden Buffetkraft« hochgearbeitet. Nun war ich in diesem Eiscafé während meiner Schichten für alles, von der Bestellung über die Personaleinteilung bis hin zur Abrechnung, verantwortlich. Rolf war sehr selten da und wir als sein Team brachten den Laden zum Brummen. Wir waren jung, unbeschwert und entscheidungsfreudig. »Sie finden den Kuchen zu trocken? Kein Problem, ich bringe Ihnen einen anderen«, »Sie finden, dass die Eiskugeln zu klein sind? Kein Problem, ich mache sie größer«, »Sie haben nicht genug Geld? Kein Problem, ich mache es günstiger.« Wir pfiffen auf die betriebswirtschaftlichen Vorstellungen unseres Chefs, der darauf beharrte, dass eine Kugel Eis das Gewicht von vierzig Gramm unter keinen Umständen überschreiten dürfe. Wir machten alle Kunden glücklich. Das sprach sich rum und der Eisladen wurde Kult. Na ja, so viel Kult, wie ein Eiscafé Venezia mit Spaghetti-Eis und Krokantbecher eben sein kann. Ich liebte diesen Job sogar dann, wenn ich an langen, heißen Sommertagen nach Mitternacht völlig verschwitzt und verklebt noch die Stühle anketten und die Sahnemaschine reinigen musste. »Mir kann gar nichts passieren«, dachte ich mir. »Ganz egal, ob ich auf die Nase falle, ich kann mich immer gut mit Kellnern über Wasser halten.«

Ich zog nach dem Abitur in eine große WG mit taxifahrenden Musikern und anderen kreativ-chaotischen Typen in die Eulenstraße. Andreas, einer meiner Mitbewohner, zeigte mir, wie man mit drei Bällen jongliert. Das faszinierte mich vom ersten Augenblick an und ließ mich lange nicht los. Am Sportfachbereich der Hamburger Uni gab es Kurse für Jonglieren und Akrobatik. Das war in den 80er-Jahren ganz neu und genau richtig für mich. In der Akrobatikgruppe wurden wir schnell zu einer eingeschworenen Gemeinschaft. Schon bald buchten uns Stadtteilfeste für Auftritte. Den Applaus für unser amateurhaftes Können nahmen wir als Ansporn. Wir trainierten, so oft es ging, fuhren für Workshops nach Holland, wo die Partnerakrobatik der Como Brothers schon weit verbreitet war. Bei den Jongliertreffen gab es einige, die als Jongleure schon sehr erfolgreiche Straßenkünstler waren und für bezahlte Auftritte gebucht wurden. Weil die neuen Zirkuskünste noch eine Nische waren, konnten auch blutige Anfänger wie ich schnell Teil der bunten Familie werden. Ich hatte total Feuer gefangen, lernte auch noch Einradfahren und las alles, was ich über Zirkus in die Finger bekommen konnte. Für meine ersten beiden Auftritte wurde ich von mir selbst engagiert: Für den Geburtstag meines Vaters in unserem Wohnzimmer und für die Hochzeit meiner Cousine Gabi im Saal einer Gastwirtschaft in der Elbmarsch. Im Frühsommer 89 verbrachte ich ein paar Wochen in Lausanne bei Pascal, einem belgischen Architekten, mit dem mich eine leidenschaftliche Affäre verband. Mindestens genauso leidenschaftlich wie diese Liebesgeschichte waren meine ersten Auftritte als Straßenkünstlerin auf der Promenade des Genfer Sees. Das war sehr mutig und zugleich sehr naiv. Ich ging an die Sache genauso ran, wie ich es als Kind von Pippi Langstrumpf gelernt hatte: »Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.« Meine Jonglierkunst war kaum besser als mein Schulfranzösisch. Beides hatte einen sehr eigenwilligen Charme und dennoch schauten die Leute mir zu, klatschten Beifall und warfen danach reichlich Geld in meinen Hut. Ich war ganz besoffen davon. Auch das Liebesabenteuer mit Pascal machte mich trunken. Das war immer noch neu für mich. In Pinneberg hatte ich kein Glück in der Liebe. So oft war ich in Jungs verliebt, die umgekehrt nicht in mich verliebt waren. Zielstrebig guckte ich mir immer wieder den einen aus, der sie alle hätte haben können. Leider entschied der sich dann immer für eine andere. Jenne war eine Ausnahme. Mit ihm hatte ich vorm Abi ein paar schöne Monate. Er war ein bisschen übergewichtig, obwohl er Sport als Leistungskurs hatte, außerdem hatte er rote Haare und schlimme Neurodermitis. Das machte ihn nicht weniger begehrenswert und ich fand ihn sehr sexy. Ausstrahlung fand ich anziehender als nur Optik. Ich suchte keinen Posterboy, also nicht so ganz unbedingt.

Jenne erzählte mir oft von einer Gruppe Blinder, die er in einem Sommercamp in England kennengelernt hatte. Er erzählte von Dave, einem blinden Gitarristen, der Spaß daran hatte, bei Kneipenbesuchen sein Glasauge in Biergläsern von nichts ahnenden Leuten zu versenken. Nachdem Jenne das Abi im zweiten Anlauf schaffte, studierte er in Dortmund Blinden- und Sehbehindertenpädagogik. »Ist ja ganz interessant mit diesen lustigen Blinden, aber das hat mit mir gar nichts zu tun«, dachte ich unbeeindruckt und Jenne und ich verloren uns sowieso bald aus den Augen.

Außerhalb von Pinneberg drehte sich das ganze Dating- und Matingthema für mich total um. Die Welt war plötzlich voller attraktiver Männer, denen ich gefiel. Ich war verwirrt, konnte es nicht glauben. Wunderbar strubbelige, dunkelhaarige Männer, so verwegene, großherzige Abenteurer mit jungenhaftem Charme standen plötzlich auf mich. Mir gefielen diejenigen, die sich geschmeidig bewegen konnten und Intelligenz, Leidenschaft und Humor ausstrahlten. Ich mochte die Jungs mit Turnschuhen, alten Jeans und Lederjacken. Die Angeber mit den fantasielosen Statussymbolen wie Uhren, Autos oder teuren Klamotten interessierten mich dagegen überhaupt nicht.

Ständig knisterte es in alltäglichen Begegnungen, überall elektrisierende Augenblicke. Pausenlos war ich verliebt und berauscht davon, dass mein Begehren jetzt fast immer erwidert wurde. Pascal war lange der Schwarm meiner Mitbewohnerin Carina, einer atemberaubend hinreißenden Schwedin. Sie war die sexuell umtriebigste Frau, die ich kannte. »Das ist nur so lange so, bis ich Pascal bekomme«, gestand sie mir. Sie bekam ihn nie. Nachdem ich in eine neue WG gezogen war, begann er heftig um mich zu werben. Kurz bevor er in die Schweiz zog, fingen wir eine stürmische Liebesgeschichte miteinander an. Carina nahm mir das zum Glück nicht übel. »Er hat sich einfach anders entschieden«, meinte sie und heiratete Hals über Kopf einen Jurastudenten im zwanzigsten Semester mit Potenzstörungen.

In der Liebe hatte ich jetzt zwar Glück, aber keine Ahnung, wie es geht. Ich rannte immer einfach drauflos, egal ob für kurz oder ein bisschen länger. Immer loderte mein Herz. Zeiten im siebten Himmel, kleine und größere Dramen wechselten sich ab. »Bei dir muss es immer gleich mit Liebe sein«, beschrieb meine Freundin Dunja später ziemlich treffend mein romantisch-verklärtes Balzverhalten.

So intensiv die Zeit von Pascal und mir war, so schnell war sie auch wieder vorbei. Nach Lausanne hatte ich endgültig genug Drama, wollte einfach auch mal eine ganz normale feste Beziehung. »Aber wie geht das?«, fragte ich mich.

Felix lernte ich beim Jongliertreff in der Uni kennen. Er spielte mit seinem Jonglierpartner Nils in der Mitternachtsshow des Schmidt ­Theaters. Das Varieté-Theater auf der Reeperbahn hatte gerade erst eröffnet. Die frechen Shows wurden von Ernie Reinhardt in der Kunstfigur der alternden Diva Lilo Wanders, die später einem breiten Fernsehpublikum bekannt wurde, moderiert. Felix und Nils betteten ihre Jongliernummer in das biblische Gleichnis von den Talenten ein: »Auch wenn du nur eine Keule hast, du kannst sie immer noch auf der Nase balancieren«, meinte Felix, während er genau das vorführte. Es war ein bisschen bizarr, von der Bühne des verruchten Theaters etwas über ein christliches Gleichnis zu hören. »Hach, herzallerliebst, geradewegs aus dem Konfirmandenunterricht auf die Bühne«, seufzte Lilo Wanders in der Abmoderation. Felix kam aus Bad Godesberg und war für ein Lehramtsstudium mit den Fächern Mathe und Physik nach Hamburg gekommen. In der Godesberger Kirchengemeinde hatte er mit einer Jugendgruppe die Teestube organisiert. Vermutlich brachte er von dort die Idee mit dem Gleichnis mit.

Er wohnte in einer WG am Altonaer Bahnhof und kam wie viele andere manchmal bei meinem Eiscafé vorbei, denn für Freunde machten wir natürlich immer besonders viele und besonders große Eiskugeln.

Ein paar Wochen nach meinem Debüt als Straßenkünstlerin in Lausanne fuhren wir mit einer Truppe von zwanzig Akrobaten und Jongleuren aus Hamburg und Nijmegen in einem alten Reisebus nach Frankreich. Wir entwickelten eine große Straßenshow, tourten durch die Städte an der Atlantikküste und traten zum krönenden Abschluss in Paris vor dem Centre Pompidou auf. Am ersten Tag dieser Tour brach mein Nasenbein. »Ein Zahnarzt fiel mit seinem Hintern auf meine Nase«, schilderte ich später den Unfall. Und das stimmte wirklich. Kai war ein junger Zahnarzt und ehemaliger Leistungsturner, der Teil unserer Truppe war. Bei den Proben stand er im gegrätschten Handstand, als ich mit einer Flugrolle über ihn sprang. Leider sprang ich zu knapp, riss ihn um und er landete mit seinem Steißbein auf meiner Nase. »Jo, die is ab«, befand Kai sachlich, als er am nächsten Morgen die Nase in meinem blauverquollenen Gesicht befühlte. Im Krankenhaus ergab das Röntgenbild, dass der Bruch ohne Weiteres heilen würde und ich nach ein paar Tagen weiterturnen könnte. Zum Glück, denn die Tour und das Leben in der Truppe hätte ich auf keinen Fall verpassen mögen.

Felix und ich kamen uns in Frankreich ganz langsam näher und irgendwann richteten wir unsere Schlafplätze im Bus nebeneinander ein. Frisch verliebt mit großartigen Menschen im sonnigen Frankreich Zirkus machen: Für mich hätte es nichts Schöneres geben können.

Als Felix und ich nach dem Rausch der Tour das erste Mal allein in seinem WG-Zimmer saßen, fragte er schüchtern: »Ich habe meiner Mutter erzählt, dass ich eine neue Freundin habe. Siehst du das auch so?« Ja, das sah ich auch so. Nun musste ich nur noch lernen, wie feste Beziehung geht. Felix wusste das, er war kein Mann für Affären. Über seinem Schreibtisch hingen die Fotos von Karin und Ingrid, seinen beiden verflossenen Freundinnen. Das fand ich erstaunlich. Selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich von meinen Lovern gar keine Fotos aufhängen können. Ich hatte schlichtweg keine. Felix und ich waren in vielen Dingen verschieden, aber die Leidenschaft für Zirkus hatten wir schon mal gemeinsam. Das war ein Anfang.

Wir fallen nicht

Als Jongleure waren wir von der Lust am Gelingen angetrieben und wussten, dass sich auf dem Weg dahin scheitern nicht vermeiden lässt. Wir warfen Dinge in die Luft, fingen sie auf oder sahen sie zu Boden fallen, immer wieder, so lange, bis wir das neue Muster beherrschten. Gemeinsam mit vielen anderen Akrobaten und Jongleuren mieteten wir eine Fabriketage in der Bleicherstraße auf St. Pauli und trainierten dort fast jeden Tag.

Während ich bunte Bälle warf, warfen meine Mitbewohner mit Steinen und sorgten für Krawall und Remmidemmi in unserem Stadtviertel. Während ich batikbunt gekleidet in meinem Zimmer auf dem Schlappseil balancierte, hörten Hartmut und seine Kumpel den Polizeifunk ab und zogen ihre schwarzen Straßenkampfrüstungen an. Am 1. November wurde die Flora, ein einst prunkvolles und nun zerfallendes Gebäude, besetzt. Später traten Felix und ich in der »Roten Flora« mit unserer Jongliershow auf. Für uns zählte nicht das besetzte Gebäude, sondern dass wir dort auftreten konnten, wo in den 1920er-Jahren die besten Artisten der Welt ihre Galashows präsentierten. Die Flora hatte zu Enrico Rastellis Zeiten mehr Glamour, aber er jonglierte auch besser als wir.

Am Abend des 9. Novembers kam ich aus unserer Trainingsetage zurück in meine WG am Pferdemarkt. Uwe und Martina saßen vor dem Fernseher und schauten die Tagesschau. Auf dem Bildschirm sah man Menschen auf einer Mauer tanzen. Dann wurde ein Mann eingeblendet. »Das trifft nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich«, stammelte er. Das war SED-Politbüromitglied Schabowski. Wir starrten fassungslos auf die Bilder. Die Grenze war offen, die Berliner Mauer wurde eingerissen. Von jetzt auf gleich war die Welt eine völlig andere. Wir saßen auf dem Sofa und schauten einfach zu, wie Weltgeschichte passiert. Einfach so. Später am Abend zogen wir auf die Reeperbahn und entdeckten dort einen ersten Trabbi – mit Blumen geschmückt. »Lasst uns nach Berlin fahren. Wir müssen das miterleben«, versuchte ich meine Mitbewohner für eine spontane Berlinreise zu begeistern. Am nächsten Tag fuhren Martina, Uwe, seine Freundin Birgit, Felix und ich mit Uwes altem Ford Richtung Berlin. Unterwegs überall Party: bunte Transparente, geschmückte Autos, jubelnde Menschen. In Berlin schliefen wir bei Felix’ Schwester in Kreuzberg. An vielen Ecken wurde das Begrüßungsgeld ausgegeben, hundert Deutsche Mark für jeden Besucher aus der DDR. Die Stadt vibrierte, eine neue Zeitrechnung begann. Die linksautonome Szene war völlig verwirrt. War jetzt endlich eine Diktatur gestürzt worden? Hatte jetzt der Kapitalismus endgültig gesiegt? Vermummte Menschen liefen den Kudamm auf und ab und riefen sinnlose Parolen: »Begrüßungsgeld ist nicht genug, knackt die Banken, das ist gut!«

Mitten im Sturm des Wandels fühlte ich mich geborgen und sicher. Felix mochte Abenteuer, solange man sie kontrollieren konnte. Ich mochte Kontrolle, solange noch genug Abenteuer übrig blieb. Alles fügte sich gut zusammen. Im Winter flogen wir auf die Kanarischen Inseln, machten Urlaub auf Gomera und Straßenshows auf Teneriffa und Gran Canaria. »Ihr seht aus wie das blühende Leben«, sagte Felix’ Mutter zu uns. Ich glaube, genau das machte auch unsere Straßenshows aus. Wir waren nicht routiniert-professionell. Wir waren ein nettes junges Studentenpärchen. Es war wahrscheinlich unsere unaufdringliche Harmlosigkeit, mit der wir die Herzen unserer Zuschauer gewannen. Im Frühjahr waren wir in Erfurt für ein Straßenkunst-Festival engagiert. Auch der Osten hatte Freaks, Puppenspieler und richtig gute Straßenmusiker. Wir staunten über unsere Klischeevorstellungen und über die Realität. Für unsere Shows taten wir uns mit einer Kontorsions-Gruppe aus Ostberlin zusammen. Die biegsamen, wasserstoffblonden Mädchen in ihren knappen Glitzeranzügen hatten unglaubliche Kunststücke drauf. Sie beugten sich nach hinten und steckten dann lächelnd den Kopf durch die eigenen Beine wieder nach vorn. So etwas konnte Felix nicht. Ich auch nicht. Aber wir konnten mit dem Publikum spielen. Die Kontorsionistinnen und wir ergänzten uns ganz prima.

»Wir machen das nur zum Spaß, aber je mehr Geld ihr uns in den Hut werft, umso mehr Spaß macht uns das«, erklärte ich zum Abschluss der Shows unseren Zuschauern. Sie verstanden und füllten den Hut mit reichlich Ostmark.

Für das nächste Engagement in Linz waren wir zu fünft unterwegs. Nils und Dunja jonglierten gemeinsam mit uns mit pinkfarbenen Keulen. Stefanie war eine Musikerin, die ich aus dem Eiscafé kannte. Sie begleitete unsere Show mit Trommelrhythmen. Das Festival war großartig. Die ganze Stadt war voller Straßenkünstler aus verschiedenen Ländern und alle wohnten wir gemeinsam in den Klassenräumen einer Schule. Nach dem Festival tourten Felix und ich gemeinsam mit Stefanie weiter durch die Städte Österreichs. Von unseren Einnahmen konnten wir richtig gut leben, weil wir meist per Anhalter fuhren und auch weil Felix auf jeden Groschen aufpasste. Auch die kleinsten Münzen zählte er jeden Abend und verwahrte sie in einem kleinen Plastikbeutel. Einmal ließen wir diesen wertvollen Beutel an einer Autobahnauffahrt in der Nähe von Laßnitzhöhe etwa zwanzig Kilometer vor Graz liegen. Felix bestand darauf, diesen tragischen Verlust, von dem wir uns mindestens zwei Cappuccino hätten leisten können, der Gendarmerie in Graz zu melden. »Grüß Gott, da spricht der Polizei­inspektor Krämer aus Graz. Da hat einer sein Jausensackerl auf der Autobahnauffahrt liegen lassen. Könnt’s es bitte nachschauen, ob’s da noch liegt?«, rief der österreichische Gendarm seinen Kollegen über Funk zu. Der Beutel wurde gefunden, nach Graz gefahren und umgehend an uns übergeben.

Am nächsten Tag beschwerte sich jemand nach der Show wegen des Konfettis auf dem Pflaster. Felix kaufte sofort ein Schäufelchen und einen Besen und fegte nach jeder Show die Fußgängerzone. Er war unfassbar anständig und dabei so unwiderstehlich charmant. Ich lachte ihn dafür aus und zugleich liebte ich ihn sehr, nicht trotzdem, sondern gerade dafür und überhaupt. Wir machten uns keine Gedanken, wie es mit uns weitergehen würde. Jetzt war es gut und nur das zählte.

Abends feierten wir unsere Erfolge bei gespritztem Obi und Erdäpfelsalat in einem der vielen Wirtshäuser mit Biergarten. An einem dieser für uns so sorglos glücklichen Sommerabende saß am Nebentisch eine junge, blinde Frau. »Warum sitzt die da so allein rum?«, fragte ich mich voller Mitleid. Irgendwann sprach sie uns an und bat um Begleitung zur Toilette. Ich ging mit ihr. Für mich war es eine unerwartet unangenehme Erfahrung. Sollte ich sie an die Hand nehmen oder sie unterhaken? Sollte ich ihr den Weg beschreiben? Die Stufen musste ich natürlich ansagen, aber wie genau? Sollte ich ihr das Toilettenpapier zeigen oder in die Hand drücken und wie läuft das mit dem Händewaschen? Ich hatte überhaupt keine Ahnung und die blinde Frau antwortete nur sehr einsilbig auf meine Fragen. Ich bekam überhaupt keinen Draht zu ihr. Zwar haben wir alles irgendwie hinbekommen, aber ich habe mich selten so bescheuert gefühlt. Wie gut, dass ich damit nichts zu tun haben musste.

»You are accepted«, hieß es in dem Schreiben aus England. Ich hatte ein Auswahlverfahren samt Wochenendworkshop durchlaufen und war angenommen bei »Fooltime«, der Schule für Theater und Zirkuskünste in Bristol. Wow! Felix und ich würden uns oft besuchen. Er würde in den Semesterferien nach England kommen. Ich würde in den Trimesterferien nach Hamburg kommen. Wir gehörten zusammen.

Die Schule war in der St. Pauls Church, einer georgianischen Kirche aus dem 18. Jahrhundert, untergebracht. Der Stadtteil St. Pauls war ein sehr armer Stadtteil, die kleinen Häuser waren in schlechtem Zustand, die Vorgärten vermüllt. Die Kriminalität war hoch. Zehn Jahre nach dem »Bristol Riot«, den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen der Afro-Caribbean Community und der Polizei, war die Stimmung nach wie vor angespannt. Taxis fuhren aus Sicherheitsgründen den Stadtteil gar nicht erst an. Schon ein paar kleine Straßen weiter im Stadtteil Montpellier, wo ich in eine WG einzog, lebte man inmitten von Bioläden und kleinen vegetarischen Cafés dagegen ganz sorglos.

Meine Ausbildungsklasse hätte bunter nicht sein können: Lucy war eine siebzehnjährige ehemalige Leistungsturnerin aus Brüssel, die Saltos so mühelos sprang wie andere in die Hände klatschten. Jane war eine dreißigjährige Ärztin, die noch einmal etwas ganz anderes als Medizin machen wollte. Darren war ein Bauernsohn aus Devon mit umwerfend komischem Talent, der morgens vor der Schule immer noch seine Kühe melken musste. Roly war schon 38, Pastor und wollte Comedy-Nummern später in seine Arbeit als Seelsorger einbauen. Manche waren Schauspieler oder Straßenkünstler, andere waren Postboten oder Büroangestellte. In einem Parallelkurs war sogar eine Nonne in voller Ordenstracht.

Wir alle arbeiteten auf allen Ebenen hart an uns. Die Zirkuskünste waren nur ein Teil der Ausbildung, mehr Raum nahm die Theater­arbeit ein. Wir lernten vor allem Improvisation. Wir sollten uns mit all unserem Glanz und mit all unseren Schwächen zeigen. Wir tauchten auf den Grund unserer Persönlichkeit, holten Perlen, Geheimnisse und stinkenden Müll an die Oberfläche. All das würde unsere künstlerische Entwicklung fördern. Wir arbeiteten daran, Blockaden einzureißen und Unvollkommenheit zu akzeptieren. Für mich war das schwer. So lange hatte ich versucht, dazuzugehören und nicht hässlich zu sein. Plötzlich war es eine gefragte Qualität, anders zu sein. Wer Menschen wirklich zum Lachen bringen wollte, nicht nur zum plumpen Schenkelklopfen, musste gnadenlos über sich selbst und die eigene Unzulänglichkeit lachen können.

Völlig neu war für mich auch die Arbeit am Trapez. »Aerial« hieß dieser Schwerpunkt in meinem Stundenplan. Mit viel Disziplin trainierte ich täglich Arm- und Bauchmuskulatur. Bald schon beherrschte ich ein paar recht eindrucksvolle Kunststücke. Trapezartistik ist etwas, was man, ein bisschen Talent und einen passenden Körperbau vorausgesetzt, noch relativ spät lernen kann. Anna zum Beispiel war eine 26-jährige Schauspielerin, die am Boden kaum eine einfache Vorwärtsrolle turnen konnte. Doch sobald sie anfing, am Trapez zu turnen, wurde sie schwerelos. Im Duo mit Jonathan, dem ehemaligen Postboten aus Birmingham, wurde sie in den folgenden Jahren mit einer Reihe von Preisen ausgezeichnet.

Wie die beiden zukünftigen Stars hing auch ich nur an Zehen oder am Nacken, drehte mich um die Stange und turnte in den Seilen. Bei meiner Lieblingsfigur »Half Angel Drop« sitzt man auf der dünnen Metallstange und hält sich an den Hanfseilen fest. Dann lässt man ganz plötzlich los, lässt sich nach hinten ins Nichts fallen und hält sich im letzten Moment noch mit einer Hand und einem Fußgelenk fest. Das klingt spektakulär und das ist es auch. Beim statischen Trapez ist man nicht gesichert, arbeitet ohne Netz. In der Schule lagen unter uns zwar immer dicke blaue Turnmatten, aber wie würde das später sein?

Wir fragten Helen, unsere Trapezlehrerin: »Was ist, wenn wir fallen?«

Sie holte tief Luft und sagte dann betont langsam: »Well, we do not fall.«

Sie meinte, wir müssen absolut sicher arbeiten, denn sonst würde es nur eine Menge Schmutz und Ärger machen. Okay, wir hatten verstanden: Für uns ist Fallen keine Option. Wir fallen nicht.

Kurz vor Abschluss der Ausbildung wurden wir als Hofnarrentruppe zu einer großen Charity-Party des britischen Hochadels eingeladen. Einige Gäste flogen mit Heißluftballons über das riesige Anwesen. Einigen von uns gelang es mitzufliegen. Wir anderen genossen am Boden Narrenfreiheit, ließen uns wie Tiere im Streichelzoo von den Lords und Ladies füttern und verwickelten uns mit den Earls im Weidezaun. Hier war noch Mittelalter.

Die Ausbildung ging schließlich zu Ende und wir probten viele Wochen pausenlos für unsere aufwendige Abschlussshow. In einem großen Zirkuszelt in Bristols Innenstadt zeigten wir, was wir gelernt hatten. Das Publikum feierte mit uns die wilde, bunte Show mit Comedy, Storytelling, Clownerie, Tanz, Gesang, Akrobatik, Jonglage, Seiltanz, Zauberei und natürlich mit viel Luftakrobatik hoch oben unter der Zirkuskuppel. Die Schule in Bristol heißt heute nicht mehr »Fooltime« sondern »Circomedia«. Sie befindet sich nach wie vor in der mittlerweile sanierten alten Kirche in St. Pauls. Wäre ich noch einmal ganz jung, ich würde sofort wieder hingehen.

Niemand hatte mich davon abgehalten, an diese verrückte Schule zu gehen, niemand hat gesagt: »Lern besser was Ordentliches.« Zum Glück, denn diese Ausbildung war nicht nur die intensivste und für mich herausforderndste von all den vielen Aus- und Weiterbildungen, die ich in meinem Leben absolviert habe, sondern diejenige, von der ich über Jahrzehnte hinweg am meisten profitiert habe. Das wusste ich aber erst viele Jahre später. Zunächst war ich ein bisschen ratlos, was ich mit meinen Fähigkeiten in Hamburg anfangen könnte.

Eine Stellenausschreibung des »Scharlatan Theaters« fiel mir in die Hände und schien genau mich zu meinen. Die Theatertruppe war gerade auf dem Weg, ein bekanntes Unternehmenstheater zu werden und besonders erfolgreich mit ihren Auftritten als »Comedy-Kellner«. Genau hierfür suchten die Herren weibliche Verstärkung. Kellnern und Comedy in Kombination, das schien doch wie gemacht für mich. »Schmeiß dich in Schale und schau dir an, was wir morgen auf dem Galadinner an der Ostsee machen«, sagte einer der Schauspieler am Telefon zu mir. Ich machte mich richtig schick und gemeinsam mit Daniel, der als Freund eines der Schauspieler auch zuschauen wollte, fuhr ich mit den Jungs zu dem Luxushotel. Daniel und ich mussten so tun, als wären wir ein junges Paar und Teil der Dinnergesellschaft. Die Jungs würden erst ganz normale Ober sein, bevor sie langsam immer offensichtlicher als Comedy-Kellner auftreten würden. Wir konnten also nicht einfach nur zuschauen, aber kein Problem: In Rollen schlüpfen konnte ich gut. Was Daniel und ich nicht wussten, war, dass alle Gäste Golfspieler waren. Der Smalltalk an unserem Tisch holperte sehr und Daniel hatte es bald völlig die Sprache verschlagen. Ich gab mir alle Mühe, nicht aufzufallen. Eine Dame aus Bremerhaven meinte: »Gestern hatte ich einen besonders angenehmen Flight. Das ist ja nicht immer so.« Ich staunte, dass sie von Bremerhaven an die Ostsee per Flugzeug anreiste. Als mein Sitznachbar zu seiner Gattin sagte: »Schatz, morgen ziehen wir uns mal Jeans an und mischen uns unters Volk«, und ich noch nach einem passenden Kommentar suchte, schob mir einer der echten Kellner einen kleinen zusammengefalteten Zettel zu. »Ich erwarte dich an der Hotelbar« stand darauf. Ich wunderte mich, vermutete, dass mich einer der Schauspieler unter vier Augen sprechen wollte, aber warum? An der Bar erwartete mich der feiste Hoteldirektor mit zwei Gläsern Champagner. Er flüsterte: »Lass uns darauf anstoßen, dass die Jungs bald eine so zauberhafte junge Kollegin haben werden. Du wirst eine zuckersüße Kellnerin werden.« »Fick dich!«, dachte ich angewidert, sagte es aber nicht. Ich trank artig mein Glas aus, bedankte mich höflich und stöckelte zurück zu meinem Galadinner. Mir war klar, dass ich niemals die süße Kellnerin für angetrunkene Herren mittleren Alters spielen werde. Mittlerweile hatten die Schauspieler-Kellner mit ihrem Programm begonnen und es wurde überall viel gelacht. Nur unser Tisch bat darum, nicht von diesem »Bauerntheater« behelligt zu werden. Daniel und mich beäugten sie nun auch zunehmend misstrauisch.

Die Dame neben Daniel stellte dann die Gretchenfrage: »Sagen Sie mal, wie hoch ist denn Ihr Handicap?«

Mist, was sollten wir sagen? Wie hoch kann so ein Handicap sein? 3, 7, 3700 oder was? »Oh weh, das magst du gar nicht sagen«, stieß ich Daniel an und kicherte verlegen.

»Ist ihr Handicap etwa nur 54?«, sagte sie lachend.

Daniel war so froh, dass es eine handfeste Zahl gab und bejahte. Dann wurde ich gefragt. »Nein, mein Handicap ist bereits 75«, meinte ich souverän.

Alle guckten ziemlich dumm und keiner lächelte. Ich verstand das nicht. Sie begannen über Paare zu lästern, die keine Ahnung von Golf haben, plötzlich zu Geld gekommen sind und sich in Golfclubs einkaufen. »So etwas müsste verboten werden!«, waren sie sich einig. Dass sie uns damit meinten, wurde mir erst sehr spät klar. Jahre danach erfuhr ich von einem Golfer, dass 54 das schlechteste Handicap ist und es dann gen null geht. 75 kann man nicht haben …

Dabei hatte ich eigentlich vollkommen recht. Mein Handicap war viel höher, als man annehmen würde, und es würde nicht besser werden, nur das wusste ich damals genauso wenig wie die bornierte Golfgesellschaft.

Hornbrillen und andere Irrtümer

Sehen andere eigentlich genauso wie man selbst? Kann man da überhaupt je sicher sein? Als Kind stellte ich mir diese Fragen nicht. Ob ich vielleicht schon immer anders, genauer gesagt weniger sah als andere, kann ich deshalb nicht sagen. Ich sah und Zweifel daran gab es nicht.

Den Sehtest bei der Untersuchung zur Feststellung der Schulreife bestand ich ohne Beanstandungen. In der zweiten Klasse stellte der Augenarzt unserer Familie Dr. Gröger dann bei mir eine Hornhautverkrümmung fest und verordnete mir eine Brille. Damit wurde ich das einzige Mädchen mit Brille in meiner Klasse. Das war nicht schön und meine Mutter weinte deswegen sogar ein bisschen. Natürlich ist es gar nicht schlimm, eine Brille zu brauchen, und auch kein Grund für ernsthafte Trauer. Schlimm war allerdings, dass ich mich mangels geeigneter Vorbilder für eine Hornbrille entschied. Die einzige Person mit Brille, die ich gut kannte und mochte, war meine Großmutter. Meine ersten beiden Brillengestelle waren daher scheußliche Kassenmodelle aus den 60er-Jahren. Sie kamen in ihrer braunbeige melierten Farbgestaltung und ihrer Form der Brille meiner Großmutter sehr nah, nur dass sie in meinem Kindergesicht absolut wie von vorgestern wirkten. »Oh, hast du jetzt eine Brille?«, fragten mich Nachbarn und Mitschüler und sagten dann nichts mehr. Die Reaktionen waren auffallend verhalten. »Brillen sind etwas für Omas und einfach nicht schick. Da kann man nichts machen«, dachte ich. Ich kam gar nicht auf die Idee, dass es an meinem speziellen Modell liegen könnte. Ich akzeptierte, dass ich mit der Brille zwar schärfer sehen konnte, dafür aber doof aussah. Egal, denn Aussehen spielte für achtjährige Mädchen in der Prisdorfer Grundschule ohnehin eine Nebenrolle. Ich trug die Brille, ohne zu murren, nur für die Klassenfotos setzte ich sie vorsichtshalber ab.

Als Aussehen mit der Pubertät ein zunehmend wichtigeres Thema wurde, war ich längst überzeugt, dass jede Brille unabhängig von ihrer Form und Farbe nicht anders kann, als mich hässlich zu machen. Hässlich sein aber galt es in der Pubertät natürlich um fast jeden Preis zu vermeiden. Ich trug die Brille nur noch im Unterricht und später auch dort nicht mehr. Aussehen hatte jetzt eine deutlich höhere Priorität für mich als sehen.

»Ich komme gut ohne Brille klar«, redete ich mir ein. Sicher war das nur die halbe Wahrheit, denn sonst hätte ich wohl gar keine Brille verordnet bekommen. Ganz nebenbei und meist unbewusst eignete ich mir Techniken an, um mit dem unperfekten Sehen klarzukommen. Ich fand heraus, dass man Tafelanschriebe in den meisten Fächern nicht sehen musste, um gute Noten zu bekommen. Es reichte, den Lehrern zuzuhören.

In der neunten Klasse wurde in der Augenarztpraxis von Dr. Gröger bei mir ein Perimetertest gemacht. Das ist ein Test, bei dem man auf zwei Punkte in einer Halbkugel starrt. An den Seiten erscheinen Punkte, die sich auf die Mitte zubewegen. Sobald man einen Punkt in der Peripherie des Blickfelds wahrnimmt, soll man reagieren. Ich fand den Test ungeheuer anstrengend. Es war mir fast unmöglich, den Blick unbeweglich auf den beiden mittleren Punkten zu halten. Ich gab alles, strengte mich an, doch immer wieder verpasste ich die Punkte und reagierte erst sehr spät. Die Arzthelferin, die den Test durchführte, war streng und ungeduldig. »Nun konzentriere dich endlich! So dumm bist du doch auch nicht!«, schnauzte sie mich an. Ich war den Tränen nahe und fing an, Punkte anzuzeigen, die ich gar nicht sah. Schließlich war die Arzthelferin zufrieden oder vielleicht hatte sie es einfach aufgegeben mit mir. Jedenfalls übergab sie ihrem Chef ein Testergebnis, dass kein eingeschränktes Gesichtsfeld bei mir zeigte. Rückblickend bin ich der resoluten Frau enorm dankbar, denn ein korrektes Testergebnis hätte eine Diagnose ermöglicht, mit der weder ich noch meine Familie damals hätten umgehen können. Das falsche Testergebnis hat mich vermutlich vor der Ausgrenzung bewahrt, die in den 1980er-Jahren für ein Kind mit einer Beeinträchtigung die Regel war. Ich konnte einfach ein durchschnittlich unbeschwerter Teenager bleiben und noch lange ein Leben wie alle anderen führen. Weder ich noch sonst jemand wusste, dass ich sehbehindert war und immer weniger würde sehen können. Niemand kam daher auf die Idee, mich auf eine Sonderschule zu schicken. Nach meinem ersten Perimetertest verließ ich die Arztpraxis mit der guten Nachricht, dass ich im kommenden Jahr Kontaktlinsen bekommen würde, mit denen die unregelmäßige Hornhautverkrümmung noch besser ausgeglichen werden könnte. »Das ist dann auch fürs Autofahren besser«, meinte Dr. Gröger in seiner gutmütigen Art. Seine Ansage, dass ich zweifellos die Sehanforderungen für den Führerschein erfüllen würde, ließen mein vage mulmiges Gefühl bezüglich meines Sehvermögens ganz verschwinden. »Es ist wohl ein bisschen kompliziert mit meinen Augen, aber im Grunde ist alles ganz in Ordnung. Zum Glück! Kontaktlinsen sind bestimmt toll. Die sieht keiner und ich kann dann alles damit sehen«, schrieb ich voller Zuversicht in mein Tagebuch.

Die versprochenen Kontaktlinsen wurden mir in einer Fachpraxis in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofs angepasst. Herr Johannsen senior und auch sein Sohn Johannsen junior waren freundliche, einfühlsame und auch enorm kompetente Fachleute auf ihrem Gebiet. Ganz in Ruhe passten sie täglich Kontaktlinsen individuell an schwierige Augen an. Herr Johannsen junior übte mit mir über einem großen Spiegel, die Linsen ins Auge einzusetzen. Das Erste, was ich in diesem Spiegel sah, war mein eigenes Gesicht. Ich hatte es noch nie in dieser Schärfe sehen können. »Ups, ich sehe ziemlich okay aus«, dachte ich überrascht.

Meine Gewöhnungsphase an die harten Kontaktlinsen in meinen Augen verlief zwar etwas holprig, aber das Ergebnis war großartig. Ich konnte besser sehen als je zuvor, und das ganz ohne Brille. Die Welt war so intensiv farbig, alles hatte scharfe Konturen und ich konnte Details ohne Mühe erkennen. Die Bäume hatten jetzt einzelne Blätter, Stoffe hatten Struktur und am Himmel sah ich nicht mehr nur den Mond, sondern unzählige Sterne. Ich konnte in den Gesichtern von Menschen auch auf Distanz Gefühle sehen und ihnen ohne Anstrengung in die Augen schauen. Was war das für eine wunderschöne, schillernde Welt um mich herum!

Mich beflügelte das neue Sehen sehr. Wenn ich früher schon meist Freude am Dasein hatte, verliebte ich mich nun noch mehr ins Leben. Ich wurde immer mutiger, extrovertierter und lebenshungriger. Ich konnte aber auch mit wenig Sehvermögen gut zurechtkommen. Obwohl meine Sehschärfe ohne Kontaktlinsen nur bei etwa zehn Prozent lag, vergaß ich ab und zu, die winzigen Sehhelfer am Morgen einzusetzen. Es konnte passieren, dass ich ohne Kontaktlinsen aus dem Haus ging und es erst später am Tag bemerkte. Das ging auch.

Manchmal verlor ich eine der kleinen Kunststofflinsen. Ich spülte sie im Abfluss des Waschbeckens hinunter oder ließ sie fallen und fand sie in meinem langhaarigen Flokatiteppich einfach nicht wieder. Herr Johannsen hatte dafür Verständnis und passte mir jedes Mal geduldig eine neue Linse an.

Nach einiger Zeit sollte ich zwei ganz neue Linsen bekommen. Als der junge Herr Johannsen sie bei mir eingesetzt hatte, konnte ich damit jedoch alles andere als scharf sehen. »Welche Buchstaben erkennen Sie?«, fragte er mich, nachdem er die Leuchttafel an der Wand eingeschaltet hatte.

»Nur das große E in der ersten Zeile, danach geht nichts mehr«, sagte ich verwirrt. »Manchmal brauchen die Augen Zeit, um sich an neue Linsen zu gewöhnen. Gehen Sie bitte eine Stunde in die Stadt und kommen dann wieder her«, meinte er freundlich. Er schien völlig unbeeindruckt von meinem drastischen Sehverlust zu sein.

Mein Weg durch die Hamburger Mönckebergstraße war mühsam. Ich sah mit diesen neuen Linsen schlechter als ganz ohne Linsen. Das reichte kaum, um meinen Weg zu finden und dabei niemanden umzulaufen. Erschöpft kam ich in die Praxis des Optikers zurück. Der Sehtest ergab das gleiche Ergebnis. Erneut überprüfte Herr Johannsen die Position der Linsen in meinen Augen und schickte mich schließlich mit beruhigenden Worten nach Hause: »Manchmal brauchen die Augen eine längere Zeit, um sich an neue Linsen anzupassen. Tragen Sie die Linsen heute und kommen Sie morgen wieder zu uns.« Er klang nicht beunruhigt, jedoch ein wenig ratlos.

Ich trug die neuen Linsen den ganzen Tag. Es war absolut nervig. Ich sah so schlecht wie sonst nur, nachdem der Augenarzt mir die Pupillen mit Tropfen weitgestellt hatte. Ich konnte keine Schrift erkennen, nichts lesen oder schreiben. Das blieb unverändert, bis ich abends die Linsen rausnahm. Ohne die blöden Linsen konnte ich immerhin so viel oder wenig sehen wie sonst auch. Immerhin.

Am nächsten Tag setzte ich die Linsen wieder ein und machte mich tapfer auf den Weg ins Kontaktlinsenstudio. »Tut mir leid, ich sehe mit diesen neuen Linsen einfach gar nichts!«, begrüßte ich meinen Linsenexperten. Noch einmal überprüfte er alles mit höchster Akribie, fand keine Antwort und wurde zunehmend nervös.

»Wann ist Ihr Geburtstag?«, wollte er unvermittelt von mir wissen. Warum? Was sollte das mit seinen nutzlosen Linsen zu tun haben?

»3. November 1967«, antwortete ich irritiert. Tatsächlich lag des Rätsels Lösung in meinem Geburtsdatum oder vielmehr in der Kombination aus meinem Namen und meinem Geburtsdatum. Es gab in diesem spezialisierten Kontaktlinsenstudio eine weitere Patientin namens Dörte Maack und unsere Patientenakten wurden verwechselt. Ich trug die Kontaktlinsen einer fremden Frau. Ich versuchte die Welt durch die Augen einer anderen Dörte Maack zu sehen und bin damit gescheitert. Herr Johannsen war genauso baff wie ich. Wie meine späteren neugierigen Recherchen ergaben, gibt es in Deutschland nur zwei oder drei andere Frauen neben mir mit dem Namen Dörte Maack. Vermutlich gilt das sogar weltweit, denn außerhalb von Norddeutschland heißt fast niemand Dörte. Eine dieser seltenen Exemplare lebte ganz in meiner Nähe und hatte ebenso wie ich komplizierte Augen, die spezielle Kontaktlinsen brauchten.

Ich staunte über die kreativen Varianten des Zufalls und freute mich bald über meine neuen eigenen Kontaktlinsen. Die Welt war wieder in Ordnung. Die Welt erschien wieder in Schärfe und Pracht vor meinen Augen, den Augen von Dörte Maack, geboren im November 1967.

In den kommenden Jahren trug ich ständig Kontaktlinsen, ließ jedes Jahr die Sehschärfe überprüfen und kümmerte mich nicht weiter um meine Augen. Wieso auch? Es war ja alles in Ordnung. Ganz unabhängig von meinem Sehvermögen war meine Welt so farbenprächtig, leuchtend und detailreich, dass es so oder so keine Rolle spielen musste, wie gut ich bei einem Sehtest abschnitt. Rückblickend habe ich in dieser Zeit immer mal wieder bemerkt, dass ich in ganz bestimmten Situationen nicht so gut sah, wie andere anscheinend sehen konnten. Weil ich mir das nicht erklären konnte, schob ich das schnell beiseite und vergaß es. Richtig auffällig war nur meine Nachtblindheit. Meine Freunde und ich hielten sie für eine unbedeutende Eigenart. Hin und wieder hatte ich im Dunkeln Unfälle, kam aber immer unbeschadet oder nur mit blauen Flecken davon. Alle lachten mit mir, als ein Begrenzungsstein spät abends in der Altonaer Fußgängerzone frech vor mein Rad sprang und mir ermöglichte, einen beeindruckenden Stunt mit Salto hinzulegen. Fahrrad total kaputt, Dörte wütend, aber heil. Alles in Ordnung.

Es ärgerte mich, dass ich einzelne Tricks bei der Keulenjonglage beim besten Willen nicht beherrschen konnte. Ich übte wie verrückt, aber es gab Muster, die mir immer wieder misslangen. Na gut, man kann nicht alles können, akzeptierte ich mein Versagen bei den Triplewürfen und den Backcrosses.

Ich machte mir selbst dann noch keine Sorgen, als ich während der Ausbildung an der Zirkusschule Felix darum bat, mir seine vielen Briefe mit einem schwarzen Filzstift zu schreiben. Das Licht in meinem WG-Zimmer war einfach zu schlecht, um mit dünnem Kugelschreiber handgeschriebene Briefe zu lesen. Das würde wohl für jede so sein, oder? Ich hatte eine zu aufregende Zeit, um weiter darüber nachzudenken.

Erst als ich bei gutem Licht Mühe hatte, gedruckte Schrift flüssig zu lesen, weil ich immer wieder die Zeile verlor, ging ich zu meinem Optiker. Herr Johannsen junior stellte fest, dass ich auch mit optimal angepassten Kontaktlinsen nur auf eine Sehschärfe von dreißig Prozent kam. Wie immer suchte er nach naheliegenden einfachen Erklärungen. »Haben Sie gerade einen Infekt hinter sich? Da kann das mal sein, dass die Sehschärfe vorübergehend nachlässt.« Nein, ich hatte keinen Infekt hinter mir. Ich war fit und gesund. Dieses Mal gab es keine einfache Antwort für mich und ich begann langsam zu ahnen, dass es lange keine einfachen Antworten mehr geben würde.

Die Party ist zu Ende

Der Augenarzt meiner Wahl hatte seine Praxis am Schulterblatt im Schanzenviertel. Ich hatte ihn aus den Gelben Seiten ausgesucht, weil dort stand, dass er auch eine »Sehschule« hat. Das klang für mich irgendwie alternativ und öko. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr ich auf meinem roten Fahrrad durch die Schanzenstraße zu seiner Praxis. Auf dem Weg hatte ich keine Energie für Sorgen, denn der Radweg erforderte meine ganze Aufmerksamkeit. In den letzten Monaten waren meine Augen so blendungsempfindlich geworden, dass ich trotz Sonnenbrille fast nichts sah, wenn mir die Sonne direkt ins Gesicht schien. Sobald ich in den Schlagschatten eines Hauses oder Baumes kam, musste ich meine Sonnenbrille sofort hochschieben, um noch etwas zu sehen. Wenn ich aus einem Hausflur ins Freie ging oder umgekehrt aus der Sonne kam und ein Gebäude betrat, musste ich manchmal minutenlang warten, bis sich meine Augen an die neuen Lichtverhältnisse gewöhnt hatten. Trotz dieser extremen Situationen von plötzlichem Nichtssehen fühlte ich mich nicht sehbehindert. Im Grunde sah ich ja fast normal. Ich brauchte eben nur das richtige Licht und einen direkten Blick auf das, was es zu sehen gab. Dann war alles in Ordnung.

Der Augenarzt am Schulterblatt stellte die gleiche Sehschärfe wie Johannsen junior fest: etwa dreißig Prozent. Ich war zum ersten Mal in dieser Praxis und er hatte daher keine Patientenakte mit früheren Untersuchungen meiner Augen zum Vergleich. Eine Erklärung für meine geringe Sehschärfe hatte er nicht. Der Blick auf meine Netzhaut zeigte ihm aber offenbar ein sonderbares Bild, das er nicht deuten konnte. Dann schien er doch noch eine Idee zu haben und fragte: »Haben Sie vor Kurzem eine Sonnenfinsternis beobachtet?«

»Nein, das habe ich noch nie«, antwortete ich verwirrt.

Er entließ mich ohne weiteren Befund, aber auch ohne mich weiter zu beunruhigen. Irgendetwas war gerade nicht so gut mit meinen Augen, würde aber sicher bald wieder besser werden. Es fühlte sich an wie irgendetwas Unspezifisches, wie eine hartnäckige Erkältung oder lästige Verdauungsprobleme in stressigen Zeiten. Was soll schon sein, wenn die Fachleute auch nichts finden konnten?

Ich hatte außerdem noch Wichtigeres zu regeln. Felix hatte plötzlich mit seinem Examen begonnen. Von jetzt auf gleich saß er nur noch am Schreibtisch, dachte, sprach und tat nichts anderes mehr, als was mit Mathe und Physik zu tun hatte. Wir machten keine gemeinsamen Auftritte mehr und überhaupt schien es in seinem Leben keinen Platz mehr für unsere Liebe zu geben. Ich rebellierte und er trennte sich von mir. »Drama ist im Examen gar nicht gut«, fand er. Wir konnten nicht mehr miteinander, aber ohneeinander konnten wir schon gar nicht. Irgendwie waren wir also nicht mehr zusammen und machten trotzdem einfach weiter wie bisher. »Okay, wird schon wieder«, war ich sicher. Ich steckte all meine Energie in die Vorbereitungen für die Party zu meinem 25. Geburtstag. Ich kannte so viele großartige Leute: Jongleure, Akrobaten, Kleinkünstler und ein paar autonome Aktivisten aus meiner früheren WG am Pferdemarkt. Ich hatte sie alle eingeladen. Im Haus hatte ich den Nachbarn Bescheid gegeben, um Nachsicht wegen der lauten Musik gebeten und sie vorbeugend mit Pralinen besänftigt. All meine Freundinnen und Freunde kamen in Scharen in unsere Altbauwohnung im vierten Stock und brachten mir tolle Geschenke mit. Einige der Akrobaten hatten zusammengelegt und für mich einen großen Lenkdrachen in quietschbunten Farben ausgesucht. Diesen Flugdrachen habe ich immer noch, aber geflogen ist das Ding noch nie.

»Schau mal, was ich für dich gestern gepflückt habe«, forderte mich mein ehemaliger Mitbewohner aus der Schanze verschmitzt auf und legte mir ein kleines Päckchen in zerknittertem Geschenkpapier in die Hand. Oh nein, Hartmut schenkte mir einen Mercedes-Stern. Würde er irgendwann noch erwachsen werden? Egal, Leben war jetzt und erwachsen werden konnten wir später. Um Mitternacht sangen alle für mich, küssten und umarmten mich. Wir tranken und tanzten alle zusammen wild auf meinen 25. Geburtstag. Ich war so glücklich!

Nachts um 3 Uhr rief jemand: »Dörte, komm mal an die Wohnungstür. Da sind die Bullen.« Ups, vor mir standen drei junge Polizisten in Uniform. »Hi, wollt ihr mir gratulieren? Ich bin gerade 25 geworden«, begrüßte ich sie lachend. Nein, eigentlich waren sie gekommen, weil es zu viel ausgelassener Tanz für das ältere Ehepaar in der Wohnung unter uns wurde. »Na dann, herzlichen Glückwunsch, alles Gute für dich und feiere nicht mehr so lange«, gratulierten sie mir. Ich versprach ihnen, dass die Party gleich aus sein würde. Dass es für mich schon bald nichts mehr zu feiern geben würde, ahnte ich in dieser Nacht noch nicht.

Ende November hatte ich einen Termin bei Dr. Gröger in Pinneberg. Meinen Augen ging es überhaupt nicht besser. Dr. Gröger war schon in meiner Kindheit mein Arzt gewesen und würde daher anhand seiner Akten einen genauen Überblick über die Entwicklung meiner Sehschärfe haben. Ich war mittlerweile so beunruhigt, dass ich meine Mutter bat, mich zu dem Termin zu begleiten. Ich kam mit der S-Bahn und meine Mutter mit dem Fahrrad nach Pinneberg. Wir trafen uns vor der Praxis. Gemeinsam setzten wir uns ins Wartezimmer. Wie schon vor zwanzig Jahren war das Wartezimmer sehr voll. Viele, meist ältere Menschen besetzten die alten, mit bunten Kunststoffpolstern bezogenen Stühle. Wie früher schon gab es nichts zu lesen als die Mappen vom Lesezirkel mit Illustrierten für Menschen, die dreimal so alt waren wie ich. Das war mir aber egal, denn Lesen fand ich jetzt fast bei jedem Licht zu mühsam. Ich fühlte mich wie damals, als ich als Zweitklässlerin mit meiner Mutter zum ersten Mal in diesem Wartezimmer saß und keine Ahnung hatte, was auf mich zukommen würde.

Nach langer Wartezeit wurde endlich mein Name aufgerufen. Dr. Gröger war immer noch der besonnene, gutmütige Arzt, den ich in Erinnerung hatte. »Du warst ja ganz lange nicht hier. Wie geht es dir? Nein, ich muss wohl jetzt fragen: Wie geht es Ihnen?«

Ich erzählte ihm voller Vertrauen von all meinen rätselhaften Symptomen. Bei ihm war ich in guten Händen. Der Sehtest bestätigte abermals meine geringe Sehschärfe. Weiter als zur vierten Buchstabenzeile kam ich nicht. Dr. Gröger tropfte mir die Pupillen weit, leuchtete mit einer kleinen Lampe in meine Augen und nahm sich viel Zeit, meinen Augenhintergrund von allen Seiten zu betrachten. Er war sehr konzentriert und sprach kaum. Irgendwann erhob er sich von seinem Drehhocker, verließ den Raum und redete vor der Tür kurz mit einer seiner Arzthelferinnen. »Wir können jetzt gleich einen Gesichtsfeldtest machen«, teilte er mir mit, als er wieder ins Zimmer kam.

Wie schon vor mehr als acht Jahren musste ich also einen Perimetertest machen. Das Gerät war neu. Um die gesehenen Punkte anzuzeigen, gab es jetzt einen Schalter. Ich musste nicht mehr mit einem Kugelschreiber auf den Tisch klopfen. Die Perimetristin musste die Ergebnisse auch nicht mehr per Hand eintragen. Das Ergebnis würde das Gerät automatisch als Ausdruck bereitstellen. Anders als beim ersten Mal war diese Perimetristin sehr entspannt und fast so gutmütig wie mein alter Augenarzt. Der Test selbst aber war für mich eine Katastrophe. Ich strengte mich an, konzentrierte mich, so stark ich nur konnte, versuchte mit der ganzen Kraft meines Willens meinen Blick nur auf den Mittelpunkt der Halbkugel zu fixieren. War der Test schon gestartet? Wo blieben die Punkte aus der Peripherie? Endlich sah ich einen und drückte den Schalter, dann lange wieder keinen. Erbarmungslos ging der Test über endlose Minuten weiter. Sosehr ich es auch wollte, ich sah die verdammten Punkte nicht. Ich scheiterte in diesem blöden Perimetertest und trotzdem schimpfte die Arzthelferin kein bisschen mit mir. Ich machte mir Sorgen.

Schließlich saßen meine Mutter und ich wieder im Sprechzimmer. Dr. Gröger saß hinter seinem großen Schreibtisch, meine Untersuchungsergebnisse lagen vor ihm. Er sagte nichts. Ich dachte: »Ja, nun sag mir, was wir machen müssen, wenn ich in deinem Perimetertest versage!« Ich bangte: »Medikamente vielleicht, möglichst ohne Nebenwirkungen natürlich, hoffentlich keine Operation.« Dr. Gröger sagte nichts und er lächelte nicht. Es war eine Stille in diesem kleinen Raum, die ahnen ließ, dass etwas nicht in Ordnung war, eine Stille, die ahnen ließ, dass irgendetwas absolut und ganz und gar nicht mehr in Ordnung war. Endlich räusperte sich Dr. Gröger und fragte sehr sachlich: »Gibt es in Ihrer Familie jemanden, der schlecht sieht oder sehr schlecht gesehen hat? Ein entfernter Onkel vielleicht?« Meine Mutter und ich verneinten, beide gleichermaßen verunsichert. Was sollte diese Frage? Es ging hier doch um mich.

Die nächste Aussage fiel meinem Augenarzt spürbar schwer. »Es hilft ja auch nicht, um den Brei herumzureden …«, murmelte er. »Es ist Retinitis pigmentosa«, sagte er dann hastig. Häh? Was ist das? Das hatte ich noch nie gehört. Ernst und sehr ruhig erklärte Dr. Gröger uns, dass Retinitis pigmentosa eine sehr seltene degenerative Erkrankung der Netzhaut ist. Sie ist genetisch bedingt, ist fortschreitend und man kann sie nicht heilen. Man kann diese Erkrankung noch nicht einmal behandeln. Man kann gar nichts machen. In meinen Kopf dröhnte das Echo der Wörter: Erbkrankheit … fortschreitend … unheilbar … Ich erstarrte. Nach langen Augenblicken war mein erster klarer Gedanke: »Scheiße, jetzt werde ich blind.« Als Nächstes dachte ich: »So ein Blödsinn! Es gibt doch gar keine Krankheit, die man nicht behandeln kann. Wenn das in Deutschland so ist, dann gibt es ja noch die ganze Welt. Es kann überhaupt nicht sein! Ich bin ja mal die Allerletzte, die eine so beschissene Krankheit bekommt!«

Meine Mutter und ich verließen die Praxis mit einem Rezept für ein Vitaminpräparat und einer Überweisung in die Uniklinik zur weiteren Abklärung. Ich fasste in diesem Moment einen Plan: Ich werde nicht blind! Ich würde den Augenärzten zeigen, dass man doch was machen kann! Ich hatte auch einen Plan B: Wenn ich blind werde, dann nehme ich mir das Leben.

Meine Mutter und ich standen uns im dunklen Novembernieselregen gegenüber. Sie weinte und sagte voller Zärtlichkeit: »Dörte, komm mit zu uns.« Ich schüttelte den Kopf und sagte leise: »Nein, Mama, ich will zu Felix.«

Ich tappte zurück zum Pinneberger Bahnhof. In nur zwanzig Minuten war ich in der Hamburger City, bald darauf in meiner WG in Eimsbüttel. Meine Mitbewohnerin Laura und ihr Freund Nick empfingen mich. Sie setzten sich mit mir in die Küche und hörten zu. Nick bot uns Zigaretten an. Wir rauchten. Ich hatte lange keine Zigarette geraucht, aber das war jetzt alles egal. Verena, unsere strenge Hauptmieterin, kam kurz danach in die Wohnung. »Seid ihr jetzt von allen guten Geistern verlassen«, begann sie wegen des Zigarettenrauchs in der Wohnung laut zu zetern. Dann sah sie uns bedröppelt um den Küchentisch sitzen und verstummte. Sie blickte fragend in mein Gesicht. »Ich werde blind«, sagte ich tonlos und sie nahm mich in den Arm.

Felix war an diesem Abend wie jeden Donnerstag beim Tischtennistraining. Einmal in der Woche Tischtennis und hinterher ein Bier war gerade noch vereinbar mit seinem Mathe- und Physikexamen. Ich versuchte, ihn überall zu erreichen. Handys gab es ja noch nicht. Der Wirt der Kneipe neben der Sporthalle informierte Felix schließlich, dass ich ihn brauchte. Er wusste sofort, dass etwas Schlimmes passiert sein musste und dass es dringend war. Es war so gut, dass er kam, denn in seinen Armen fühlte ich mich geborgen und konnte endlich weinen.

Auch Felix weinte und sagte: »Wir machen eine Weltreise. Dann kannst du alles noch anschauen.«

»Und dein Examen?«, schniefte ich.

»Das mache ich danach fertig.«

Seine Reaktion war wunderbar. Nur wenige Stunden zuvor hätte ich alles stehen und liegen lassen, um mit ihm auf Weltreise zu gehen. Aber was für eine unendlich traurige Weltreise würde das sein? Ich würde alles mit dem Gedanken anschauen, dass ich es nie wieder sehen könnte. Nein, das wollte ich nicht. Ich wollte kämpfen!

Medizin, Mythen und Magie

»Ihre Kinder werden es nicht bekommen«, mit dieser Nachricht begrüßte mich der Professor für Augenheilkunde der Hamburger Uniklinik schwungvoll und fast freudig zum Abschlussgespräch. Wovon redete er? Ich hatte keine Kinder und plante aktuell auch keine. Ganz abgesehen davon, dass es Felix war, der mich zu diesem Termin begleitete und unsere Beziehung keine mehr war, die uns zu gemeinsamen Eltern werden lassen würde. Was sollte das: Hier ging es doch allein um meine Augen, um meine! Hatte der Professor die falsche Patientenakte?

Nein, es war aus Sicht des Professors alles richtig. Seine Aussage über die Unwahrscheinlichkeit einer Vererbung war die einzig positive Nachricht, die er für mich hatte.

Alle anderen Informationen waren niederschmetternd: Seine Ergebnisse bestätigten die Diagnose von Dr. Gröger. Er führte aus, dass Retinitis pigmentosa eine erbliche Augenerkrankung ist, die eine Zerstörung der Retina, des sehfähigen Gewebes am Augenhintergrund, zur Folge hat.

Diese noch unheilbare Krankheit ist eine der häufigsten Ursachen des Sehverlusts im mittleren Erwachsenenalter und betrifft etwa einen unter 5000 Menschen. Da in meiner gesamten Familie weit und breit kein Fall einer solchen Erkrankung bekannt war, ging er von einem autosomal-rezessiven Erbgang aus. Die Kinder von Betroffenen mit einer rezessiv vererbten Retinitis pigmentosa werden – vorausgesetzt, der Partner ist nicht verwandt und augengesund – selbst keine Retinitis pigmentosa ausbilden.

»Der spinnt doch. Ich habe eine unheilbare Krankheit. Was interessieren mich da irgendwelche ungeborenen Kinder, über die ich bisher noch nicht einmal nachgedacht hatte?«, wüteten die Gedanken in mir.

Zur weiteren Abklärung fuhr Felix mit meinen Eltern und mir im forstgrünen Benz-Diesel meines Vaters nach Tübingen. An der dortigen Augenklinik mit einem Schwerpunkt für Netzhauterkrankungen wurde bei meinen Eltern nichts gefunden und mein Befund noch ein weiteres Mal bestätigt. Der Gentest unserer Blutproben ergab weder bei meinen Eltern noch bei mir einen Befund. Das war nicht ungewöhnlich, denn der einer Retinitis pigmentosa zugrunde liegende Gendefekt kann auf zig verschiedenen Genen liegen, von denen auch heute noch bei Weitem nicht alle bekannt sind.

»Vielleicht sehen Sie noch ein paar Jahre, vielleicht sogar noch zehn Jahre, und wer weiß, was in zehn Jahren ist. Die Forschung kommt voran«, meinte Professor Zrenner, eine Koryphäe auf dem Gebiet der Retinitis pigmentosa. Ein weiteres Mal wurde ich ohne Therapie, nur mit ein paar Broschüren und guten Wünschen entlassen.

»Die sagen dir, dass du eine total seltene, unheilbare Erbkrankheit hast, die leider ihr Gentest nicht bestätigen kann. Dann sagen sie dir, dass sie überhaupt keine Therapie haben und nicht wissen, wann genau du ganz blind bist!«, fasste ich voller Zorn das Ergebnis zusammen. Nie hätte ich gedacht, dass es so einen beschissenen Schlamassel überhaupt gibt und noch viel weniger hätte ich für möglich gehalten, dass ich so eine unglaubliche Scheiße erlebe. Ich hätte den ganzen erbärmlichen Augenklinikladen in die Luft sprengen können!

Es gab eine Diagnose, aber keine Therapie. Es gab eine Prognose, aber keine Begleitung. Es entstand ein großes Vakuum und mit meiner ganzen Wut füllte ich dieses Vakuum aus. Koste es, was es wolle. Ich würde es den armseligen Augenärzten schon zeigen!

In meinem unbändigen Zorn zweifelte ich alles an, was die Ärzte mir gesagt hatten. Verunsichert und orientierungslos machte ich mich auf die Suche. Hätte es damals das Internet gegeben, hätte ich mich in wochenlanger Recherche völlig im undurchdringlichen Dschungel der alternativen Heilmethoden verloren. Doch dafür brauchte es gar kein Internet. Ich schrieb all meine Freunde und Bekannten an und schilderte meine verzweifelte Situation. Ich bat sie darum, mir Hinweise zu geben, wer oder was mir helfen könnte. Bald schon hatte ich einen ganzen Ordner voller Adressen und Broschüren.

Jetzt gab es viel zu tun: endlose Anamnesen, Testverfahren von Irisdiagnostik bis Energiestrommessungen, Ernährung umstellen, Gifte ausleiten, Heilmittel aller Art einkaufen und einnehmen. Ein Augenarzt in Bayern verschrieb mir so viel verschiedene Kügelchen, Pulver, Tinkturen und Ampullen, dass sie einen ganzen Umzugskarton füllten. »Viel hilft viel«, schien sein Motto zu sein und ich vertraute ihm. Ich vertraute und ich hoffte. Wer hofft, will nichts außer dieser Hoffnung bestätigt wissen. Immer aufs Neue fand ich Ärzte und Heilpraktiker, die mir diesen Gefallen gern taten. Niemand schaute genau auf die Diagnose, alle schauten auf »den ganzen Menschen«. Wer verzweifelt ist, fragt nicht nach objektiven Studien und ignoriert großzügig Ungereimtheiten. Mir brauchte niemand ein explizites Heilversprechen zu geben, ich hörte es in der kleinsten Andeutung. »Ich behandle Sie gern«, hieß in meiner Sprache: »Ich kann Ihnen helfen. Sie werden nicht blind.«

Heilpraktiker und Ärzte verdienten gut an mir, doch ich begegnete keinem wirklichen Halsabschneider. Sie waren selbst ehrlich von ihren Methoden und deren Wirksamkeit überzeugt. Wie vermutlich viele andere Patienten auch kam ich so lange in eine Praxis, wie ich Hoffnung in eine Methode setzte oder sogar subjektiv Erfolge wahrnehmen konnte. War das nicht mehr der Fall, blieb ich einfach weg.

Damals wie heute war es populär, in Krankheiten tiefere Bedeutungen zu sehen. In vielen Büchern war zu lesen, dass Augenerkrankungen bedeuten, dass der betroffene Mensch vor etwas die Augen verschließt oder etwas nicht sehen will. Wenn man nun den inneren Konflikt löst, verschwindet auch das Augenleiden, so die These. Konnte da etwas dran sein? Sicher hatte ich ebenso wie fast jeder Mensch in meinem Leben etwas, was ich nicht sehen mochte. Wenn ich aber zu erblinden drohte, dann müssten es grauenhafte, düstere Wahrheiten sein, vor denen ich die Augen verschloss. Ich war bereit, alles anzusehen. Zunächst war es hilfreich, ein paar Dinge zu klären, aber schnell fing ich an, Gespenster zu sehen und nach Abgründen zu suchen, die es nie gab.

Irgendwann hatte ich genug von der Theorie, dass jeder Krankheit eine tiefere seelische Ursache zugrunde liegt, und obwohl ich die Nase gestrichen voll hatte, bekam ich trotzdem keinen mega­dicken Schnupfen.

Ich drohte zu ertrinken und griff in meiner Verzweiflung nach Strohhalmen, über die ich sonst nur gelächelt hätte. Schließlich konnte mir nur noch ein Wunder helfen. Ich staunte, wie viele sogenannte Geistheiler genau solche Wunder anboten: ganze Kataloge voll. Als Erstes besuchte ich einen Heiler in Berlin, der auch Arzt war. Das klang seriös. Außerhalb der Sprechzeiten seiner kassenärztlichen Praxis legten mir er und seine Helferin für zehn Minuten ihre Hände über meine Augen, während sie munter weiterplauderten. Es kostete hundert Mark und half nichts. Nur wenig günstiger war sein ebenfalls in Berlin ansässiger Kollege unbestimmter Profession. Der Mann aus Rumänien hatte laut Katalog bereits andere Augenerkrankungen wie Grauen und Grünen Star geheilt, ein Spezialist also. Mit wenigen Brocken Deutsch wies er mich an, auf einem Hocker Platz zu nehmen. Der Boden war mit einem großen schwarz-weißen Schachbrettmuster gefliest, auf dem drei weiße, schwarz getupfte Dalmatiner bellend rumsprangen. Während der bleiche, schwarzhaarige Mann mit seinen Händen um mich herumwirbelte, stieß er ständig auf und roch dabei nicht gut. Eine bizarre Szenerie in Schwarz-Weiß.

Auf einem abgelegenen Bauernhof in einem norddeutschen Dorf war ich mit einem philippinischen Heiler verabredet. Eine ganze Reihe Heilsuchender wartete in einem düsteren Schlafzimmer in Eiche rustikal. Plattdeutsche Landwirte saßen neben punkigen Mädchen aus Hamburg. Die umtriebige Bäuerin unterhielt uns alle mit Anekdoten: »Gestern war eine Familie mit einem Sohn hier. Der hat einen Hirntumor. Dem konnte er auch nicht helfen. Die haben sehr geweint.« Die Behandlung fand in der guten Stube auf einer Liege statt. Der Heiler bat mich, meine Augen zu schließen und mich zu entspannen. Wie er erklärte, nahm er dann mittels Geistchirurgie meine Augen aus ihren Höhlen, reinigte sie gründlich und setzte sie wieder ein. Fertig.

So viele Menschen kannten jemanden, der jemanden kannte, der von einem Wunderheiler geheilt wurde, und ich war für jeden Tipp dankbar. Gibt es nicht viel mehr zwischen Himmel und Erde, als wir uns vorstellen können? Jemand erzählte mir von einem spanischen Professor für Parapsychologie. Ich flog nach Barcelona und verbrachte ein entspanntes Wochenende mit viel Meditation und Gebet gemeinsam mit seinen Studenten in einem schönen Haus mit einem Garten voller Blumen. Das war angenehm, aber heilte meine Augen nicht. Schließlich war ich einige Male bei einem Heiler oben in Schleswig-Holstein. Der ehemalige Briefträger nahm überhaupt kein Geld oder sonstige Gegenleistungen für seine Sitzungen von mir an. Er stellte bei mir Störungen durch Amalgamfüllungen fest. Davon ließ er sich auch dann nicht abbringen, als ich mehrfach versicherte, dass ich bereits vor Jahren alle Amalgamfüllungen habe entfernen lassen. Ich konsultierte daraufhin einen bekannten Professor für Toxikologie, der eine repräsentative Praxis in der Münchner Innenstadt hatte. »Ach, ich sehe ja heute kaum etwas, diese fürchterliche Migräne«, stöhnte er, als er das Panoramaröntgenbild meines Gebisses anschaute. Dann blickte er mich kurz an und sagte: »Sie sehen aus wie nach einem schweren Autounfall«, und senkte gleich darauf wieder seinen Blick auf das Bild meiner Zähne. Obwohl seine Aussage keinen Sinn für mich ergab, sagte ich nichts. »Die Dreier müssen als Erstes alle raus. Das sind die Augenzähne«, murmelte er. Ich war verwirrt, meine vier Dreier waren alle total gesund, hatten alle keine Füllung. Daraufhin meinte er, dass ich überhaupt alle Zähne entfernen lassen müsse und den Kieferknochen dann abschleifen lassen sollte, da alles total verseucht wäre. Täte ich das nicht, stünden mir in den nächsten Jahren zahlreiche schlimme Krankheiten bis hin zu Krebs bevor. Das Ganze müsse eine Praxis in München machen, denn nur die könne das. Er erzählte dann von einer Patientin, die das entgegen seines dringenden Rates in Hamburg hatte machen lassen: »Das ist natürlich völlig schiefgegangen und nun nimmt sie sich sicher das Leben.«

Diese Begegnung war so gruselig und verstörend, dass ich auf dem Rückweg alle Unterlagen, die mir mitgegeben wurden, spontan in der Toilette des ICE versenkte. Dem Zahnthema ging ich zur Sicherheit dennoch weiter nach und fand einen wunderbaren Zahnarzt in Hamburg, der sich mit Amalgamsanierung auskannte. Unter meinen wenigen Füllungen fand er zu seinem Erstaunen tatsächlich Reste von Amalgam. Ordentlich sanierte Zähne und Amalgamentgiftung taten mir gut, machten aber meine Augen nicht gesund.

»Es gibt kein Unheilbar«, war der Satz auf einem Flyer, der mich in einen Vortrag über die Lehren eines verstorbenen Wunderheilers aus der Nachkriegszeit lockte. An einem Sonntagmittag kam ich in einen mit mannshohen Blumengestecken geschmückten Saal, in dem die 50er-Jahre noch ganz lebendig zu sein schienen. Auf den zur Bühne hin ausgerichteten Stühlen saßen artig etwa fünfzig Menschen. Die meisten waren deutlich älter als ich oder waren zumindest so gekleidet. Auf der Bühne stand eine adrette Dame neben einer Art Altar, auf dem ein großes Schwarz-Weiß-Foto eines düster ins Publikum blickenden Mannes stand. Wir erfuhren von der Dame, wie man sich auf den sogenannten »Heilstrom« einstellt: aufrecht hinsetzen, dabei auf keinen Fall Arme oder Beine verschränken und die geöffneten Hände auf die Oberschenkel legen. Es wurde uns erläutert, dass durch den »Heilstrom« alles geheilt werden könne: Verstopfung, Depressionen, Krebs … Mir war nicht bewusst, dass dieser sogenannte »Freundeskreis« von Sektenbeauftragten als sektenähnliche Gruppierung eingestuft wurde. Solange man keine Heilung erfahren hat, sollte man mit niemanden über diesen »Freundeskreis« sprechen. Daran hielt ich mich und so konnte mich auch niemand warnen.

Zu Hause »stellte« ich mich regelmäßig morgens und abends auf den »Heilstrom« ein, hörte mir stundenlang Kassetten mit Berichten von Heilungen an, ging zu den monatlichen Treffen, sang dort Volkslieder und tanzte Volkstänze. Der Lehre brav folgend, bereute ich längst vergangene Fehltritte, Verirrungen und kleine Missetaten, verzichtete konsequent auf jegliches Liebesleben, Alkohol und Rockmusik. Ich schwor allem »Bösen« ab. Ich war zu allem bereit: Für ein besseres Sehvermögen hätte ich am Ende auch noch ein sittsames Dirndl statt meiner geliebten schwarzen Lederhose angezogen. Ich wollte es wirklich wissen. Unter meinen kränkelnden Gummibaum legte ich ein Foto des verstorbenen Wunderheilers, das zuverlässig Wunder bei allen Lebewesen bewirken sollte. Das Bäumchen zeigte keine Reaktion, warf trotzig ein Blatt nach dem anderen auf meine Fensterbank. Als das letzte Blatt fiel, musste ich einsehen: Der bedauernswerten Topfpflanze würde keine Heilung mehr zuteilwerden. Wenn aber noch nicht mal mein tugendhafter, unschuldiger Gummibaum gerettet wurde, was sollte dann aus so einem ungezogenem Menschenkind wie mir werden?

Ich analysierte die Berichte über angebliche Heilungen genau. Kein Blinder konnte wieder sehen, kein Lahmer wieder gehen. Stattdessen gab es viele Berichte über Heilungen bei vagen Symptomen: Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen. Schließlich wurde der Bericht über die Heilung einer an Multiple Sklerose erkrankten zweifachen Mutter im internen Schulungsbrief veröffentlicht. Ich hatte die junge Frau mehrfach getroffen und beobachtet, dass ihr verzweifelter Ehemann außerordentlich engagiert für die Hamburger Gruppe arbeitete. Er schien die Hoffnung zu haben, auf diese Weise seiner Frau helfen zu können. Bei einem der nächsten Treffen saß sie unverändert schwerkrank in ihrem Rollstuhl neben mir. Hinter vorgehaltener Hand erzählte mir jemand, dass sie sich zu dem Bericht gedrängt gefühlt hatte. Kommentare wie: »Na, was ist denn bei Ihnen los? Langsam müsste doch Ihre Heilung mal vorangehen«, hatten die Familie unter Druck gesetzt und die Frau dazu gebracht, einen Bericht zu verfassen, der ganz offensichtlich nicht der Realität entsprach.

Als mir schließlich klar war, dass ein toter Quacksalber und seine Anhänger mir nicht helfen würden, ging ich nicht wieder zu den Treffen. Das war’s, niemand versuchte mich zurückzuholen. Vielleicht das einzig Gute an dieser Sekte.

Als verzweifelte Patientin, für die Ärzte gar nichts tun konnten, passte ich genau ins Raster. Als Mensch war ich hier jedoch falsch. Personenkult war mir immer suspekt. Freies, kritisches Denken war mir wichtig und die 50er-Jahre fand ich noch nie spannend. Das war mein Glück, denn sonst hätte ich mehr Schaden nehmen können. Ein paar Kratzer bekam ich dennoch ab – eine Art Hokuspokus-Vergiftung: plagende, völlig unnütze Schuldgefühle und später die Scham, mich auf mittelalterliche Versprechen eingelassen zu haben.

Die Menschen, denen ich in dieser Sekte begegnete, waren eigentlich nette, unauffällige Menschen – ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Es waren eine Hebamme, eine Tanzpädagogin, eine Physikerin und ein Arzt dabei. Vielleicht hatten einige von ihnen im richtigen Leben eher Außenseiterrollen. Wer ein bisschen zaudernd am Rand stand, wer Unsicherheit oder Ungewissheit nicht ertragen konnte, bekam hier Antworten: weiß oder schwarz, gesund oder krank, gut oder böse. Die böse Welt da draußen stärkte die Gemeinschaft. So einfach war das.

Das Verlockende an Sekten ist ihr scheinbar Gutes: Sie geben Hoffnung, Orientierung, Zugehörigkeit und erfüllen damit Bedürfnisse, die wir als Menschen alle haben. Dabei locken Sekten nicht allein die Schwachen an, sie wollen auch die Besten, um deren Potenzial für ihre Arbeit zu nutzen. Schade ist es, dass diese wohlmeinenden Menschen dadurch an anderer Stelle, an der ehrenamtliches Engagement sinnvoll und dringend notwendig ist, fehlen. Als wirklich gefährlich aber habe ich die Verquickung von vermeintlichen Fehlern und daraus resultierendem Leid in esoterischen Lehren erlebt. Bleibt die erbetene Heilung aus, ist der Grund dafür nach ihrer Auffassung ausschließlich im kranken Menschen selbst zu suchen. Selber schuld also. Ein hilfesuchender Mensch, der auf diese Lehren vertraut, läuft Gefahr, sein gesamtes bisheriges Leben und damit auch sich selbst zu entwerten, denn sein bisheriges Sein hat ihn nach dieser Auffassung schließlich in die unwillkommene Situation gebracht. So eine Lehre ist unbarmherzig und lieblos, weil sie den Menschen zusätzlich schwächt, statt ihn zu stärken.

Bei vielen meiner Therapieversuche frage ich mich heute selbst: »Wie kann man nur so dumm sein?« Zugleich weiß ich, dass man so dumm sein kann, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht. Nahezu jeder könnte so dumm sein und aus Angst vor dem Ertrinken nach letzten, noch so sinnlosen Strohhalmen greifen.

Verzweiflung ist kein guter Ratgeber. Doch ohne die Gewissheit, wirklich alles versucht zu haben, hätte ich mich möglicherweise immer wieder gefragt, ob nicht vielleicht doch etwas zu machen gewesen wäre.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
17 aralık 2025
Hacim:
260 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783843612937
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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