Kitabı oku: «Der Bruch»

Yazı tipi:


Doug Johnstone

Der Bruch

Roman

Aus dem Englischen von Jürgen Bürger

Herausgegeben von Wolfgang Franßen


Originaltitel: Breakers Copyright: © Doug Johnstone, 2019

Deutsche Erstausgabe, 1. Auflage 2021

Aus dem Englischen von Jürgen Bürger

Mit einem Nachwort von Hanspeter Eggenberger

© 2021 Polar Verlag e. K., Stuttgart

www.polar-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) oder unter Verwendung elektronischer Systeme ohne schriftliche Genehmigung des Verlags verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Eva Weigl, Nadine Helms

Umschlaggestaltung: Robert Neht, Britta Kuhlmann

Coverfoto: © Eléonore H /Adobe Stock

Autorenfoto: © Chris Scott

Satz/Layout: Martina Stolzmann

Gesetzt aus Adobe Garamond PostScript, InDesign

ISBN 978-3-948392-20-8

eISBN 978-3-948392-21-5

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Was würden wir an Tylers Stelle tun? Ein Nachwort von Hanspeter Eggenberger

1

Tyler starrte seine kleine Schwester an, während sie fernsah und das Licht vom Bildschirm über ihr Gesicht flackerte. Irgendein Zeichentrickfilm über einen Jungen, der einen Zauberring findet und sich in ein Superhelden-Mädel verwandelt, das Ganze also mit einer Portion coolem Gender-Kram. Bean kaute auf ihrer Unterlippe, lächelte dann, und er sah die Lücke vorne, wo der Milchzahn ausgefallen war. Er hatte der Zahnfee zwei Mäuse aus den Rippen geleiert, nachdem er von seiner Schwester erfahren hatte, was aktuell auf dem Schulhof als der übliche Preis galt. Er war überrascht, dass sie angesichts all dessen, was sonst so abging, immer noch daran glaubte.

»Okay, Kurze, Zeit fürs Bett«, sagte er.

Sie schüttelte den Kopf, die Augen weiter auf den Fernseher fixiert.

Er griff nach der Fernbedienung und der Bildschirm wurde schwarz, es blieb nur noch das gedämpfte Licht der Ecklampe.

»Ist schon längst Schlafenszeit«, sagte er. »Und ich muss bald los.«

Bean drehte sich um. »Wo ist Mum?«

»Im Bett.«

»Ist sie betrunken?«

Tyler seufzte. »Sie war müde.«

»Sie ist betrunken.«

Sollte sie denken, Angela wäre betrunken, denn die Wahrheit war viel schlimmer.

Bean spielte mit Pandas Ohr. Tyler hatte das Stofftier vor ein paar Jahren bei einem Bruch in Merchiston mitgehen lassen. Einen Moment lang hatte er sich blöd gefühlt, aber auf dem Bett dieses Mädchens waren Hunderte Kuscheltiere aufgereiht gewesen, und Bean hatte gar nichts. Er fragte sich, ob das andere Mädchen wohl geweint hatte, als es entdeckte, dass Panda weg war.

»Können wir noch aufs Dach?«, fragte Bean.

»Nein, komm jetzt.«

»Bitte.«

»Morgen ist Schule.«

Sie warf ihm einen Blick zu, wie so eine Manga-Figur, das Kinn gesenkt, die Augen nach oben. »Bitteeeee.«

Tyler sah auf die Uhr. Was für eine Rolle spielte es schon? Er blickte sich in dem winzigen Wohnzimmer um, zwei schäbige Sofas, abgewetzte Teppichfliesen, ein Radiator in der Ecke. Der einzige teure Gegenstand war der Sony LCD Breitbildfernseher, den er aus einer Villa an der Cluny Gardens mitgenommen hatte, die an den Blackford Pond angrenzte. Normalerweise ließen sie die Finger von Fernsehern, denn die waren echt scheiße zu transportieren, doch er wollte ihn für Bean.

»Aber nur ganz kurz«, sagte er.

Sie lächelte und umarmte ihn.

»Ich mein’s ernst«, sagte er. »Ich muss noch mal weg. Barry kommt gleich vorbei.«

Bean runzelte die Stirn und Tyler bedauerte, seinen Halbbruder erwähnt zu haben. Er streckte die Hand aus und sie ergriff sie, wobei sich ihre Hand feucht anfühlte, als er mit ihr den Flur hinunterging.

Er nahm die Schlüssel aus einer Holzkiste, die neben der Haustür als Tisch diente. Er nahm die Hakenstange, die er aus einer Gardinenleiste improvisiert hatte, und eine Decke, die auf dem Boden lag. Bean trug ihren Pyjama und darüber den Onesie, und da oben würde es kalt sein, jeder Windhauch verwandelte sich in dieser Höhe in einen Sturm. Er fegte von der Liberton Brae herunter, übers Krankenhaus und die Ebene hinter Craigmillar Castle, und seitdem die meisten anderen Betonsilos abgerissen worden waren, bekam ihr Hochhaus das meiste ab.

Er verriegelte die Wohnungstür und ging den Korridor hinunter, fort vom Fahrstuhl und der anderen Wohnung, in der Barry und Kelly lebten. Barry hatte eine syrische Familie so lange unter Druck gesetzt, bis sie vor einigen Monaten ausgezogen waren, und jetzt hatten die Wallaces die ganze Etage für sich, als wär’s ein billiges Penthouse.

Tyler öffnete mit dem Haken die Falltür aufs Dach und zog die Aluminiumleiter herunter. Mit der Decke über der Schulter und den Schlüsseln in der Hand stieg er hinauf und öffnete das Vorhängeschloss an der Stahltür am oberen Ende. Es war eine Wartungstür, aber er hatte schon vor Jahren das ursprüngliche Schloss aufgebrochen und es durch sein eigenes ersetzt, die Typen von der Hausverwaltung kamen ohnehin nie hier herauf.

Er sah zu Bean hinunter. »Komm rauf, aber schön beide Hände benutzen.«

Sie legte Panda auf den Boden und kletterte die Leiter hinauf. Die letzten paar Stufen half er ihr, dann drückte er die schwere Tür auf und spürte sofort die kalte Luft auf dem Gesicht. Er aktivierte die Taschenlampe seines Smartphones und sie überquerten die schuppige Teerpappe auf dem Dach zur Westseite, wo zwei zusammengelegte Gartenstühle standen. Einen davon klappte er auf und setzte sich, und Bean stieg auf seinen Schoß, während er die Decke über ihnen ausbreitete. Er schaltete die Taschenlampe aus und die Dunkelheit verschluckte sie.

Sie befanden sich im fünfzehnten Stock oben auf dem Greendykes House. Ihnen gegenüber stand das identische Wauchope House – es waren die letzten beiden noch verbliebenen Hochhäuser der Gegend. Umgeben waren sie von Brachland und einer riesigen Baustelle, wo Barratt Developments das neue Viertel Greenacres aus dem Boden stampfte, Hunderte von Wohnungen und Einfamilienhäusern. Das stand zumindest auf dem großen Schild mit der glücklichen, lächelnden Familie darauf. Vorerst waren es nur Bagger und Abraum, eingefasst von Stacheldraht und überwacht von einem privaten Sicherheitsdienst. Vermutlich für den Fall, dass irgendwer Bock hatte, einen Bagger oder ein paar Kabel oder Rohre zu klauen. Tyler dachte über die logistischen Probleme nach, etwas so Großes zu stehlen, er selbst war ja kleinere Gegenstände gewohnt.

Er überlegte, wie es wohl sein würde, Hunderte neuer Nachbarn zu haben, wenn Greenacres erst mal fertig war. Schlimmer als das Dreckloch, das es vorher gewesen war, konnte es nicht werden, ausgebrannte Häuser und baufällige Läden, Drogenhöhlen und Gang-Treffs. Auf den Straßen wurden Rennen mit kurzgeschlossenen Autos und getunten Scramblern gefahren.

Hinter dem in Flutlicht getauchten und eingezäunten Areal lag mehr Brachland, Gestrüpp, dichtes Gras und rissiger Beton, bis man schließlich das futuristisch wirkende Gelände des Krankenhauses von Little France erreichte. Grasbüschel und Gruppen von Hecken und Sträuchern zogen sich bergan bis Craigmillar Castle, dessen schroffe Turmruinen am oberen Ende des Hangs über die Bäume hinausragten. Die Schulen von Tyler und Bean lagen verborgen hinter den Bäumen, eingezäunt und von Videokameras überwacht.

Die Fläche zwischen hier und da war eine einzige große illegale Mülldeponie, ein Wirrwarr von Gummirohren, feuchten Matratzen, ein paar Autotüren, einer zertrümmerten Windschutzscheibe, Bergen von Müllsäcken, prall gefüllt mit weiß Gott was, und zerbrochenen Zaunfragmenten, die irgendwann mal irgendwen von irgendwo hatten fernhalten sollen. Das alles sah er im Licht der Scheinwerfer des Baugeländes. Er sah kurz zum Wauchope House hinüber, dem Zwilling des Hochhauses, auf dem sie sich befanden. Er würde nie verstehen, warum diese beiden letzten Dinosaurier nicht mit dem Rest abgerissen worden waren. Warum sie nicht einfach ganz Niddrie, Craigmillar und Greendykes mit einer Flächenbombardierung überzogen hatten und fertig. Hinter Wauchope erstreckten sich neue Häuser, billig und bunt zusammengewürfelt, aber immer noch besser als das, was sie ersetzten. Hinter Greendykes House folgte Hunter Park und dann weitere Neubaugebiete, alles ursprünglich Erschließungsflächen für Gewerbe, die nun für Pendler benötigt wurden.

»Erzähl’s mir noch mal«, sagte Bean und kuschelte sich an ihn. Eine Strähne ihres dunklen Pferdeschwanzes hatte sich gelöst. Er hatte sie früher am Abend in die Wanne gesteckt, und nun duftete sie nach Erdbeer-Shampoo.

»Es war eine dunkle, stürmische Nacht«, sagte er mit dramatischer Stimme.

Bean kicherte, als er ihre Rippen kitzelte.

»Eine schicksalsschwere Nacht«, sagte er, »als die größte Superheldin der Welt, Bean Girl, geboren wurde, eine Macht des Guten, um die finsteren, bösen Mächte von Niddrieville zu bekämpfen.«

»Weiter«, sagte Bean.

»Angela war eine ganz normale Frau aus einer ganz normalen Familie, als sie von Außerirdischen besucht wurde, die ihr sagten, sie werde eine wunderschöne kleine Tochter mit ganz besonderen Kräften zur Welt bringen, ein Mädchen, das fliegen könne, das hohe Gebäude zertrümmern und über Berge springen könne, das aus seinen Augen Laserstrahlen verschießen könne.«

Bean starrte zu dem Krankenhaus in der Ferne, machte zuerst große Augen und dann süße kleine Laserfeuer-Geräusche, pfiupfiuu, pfiu-pfiuu.

Tyler redete weiter, dachte sich Sachen aus, wie es ihm in den Kopf kam, verlieh Bean Girl ungeheure Kräfte, ließ sie über das Böse triumphieren. Die Wahrheit über ihre Geburt war weniger beeindruckend. Angelas Fruchtblase war geplatzt, als sie mit Heroin und Wodka zugedröhnt flachlag. Barry und Kelly waren nicht da gewesen und gingen auch nicht an ihre Handys, also hatte der zehnjährige Tyler versuchen müssen, Angela wieder einigermaßen nüchtern zu bekommen, bevor er sich auf den Weg zum Krankenhaus machte, damit sie ihr das Baby nicht gleich wegnahmen, wenn es kam. Er rief einen Rettungswagen, aber es hatte in der Gegend eine Serie von Überfällen gegeben, weswegen man sich weigerte rauszukommen. Geld für ein Taxi war nicht da, also marschierten sie über die Felder, ziemlich langsam wegen der Dunkelheit, und meldeten sich ohne Papiere in der Entbindungsstation. Zwei Stunden später wurde Bethany geboren, viereinhalb Pfund schwer, sechs Wochen zu früh, zweifellos wegen Alk und Drogen. Tyler war der Erste, der sie auf dem Arm hielt, seine Mutter völlig weggetreten im Tiefschlaf. Sowohl er als auch Bean waren klein für ihr Alter, etwas, das sie gemeinsam hatten. Eine Verbundenheit, stärker als alles, was sie für Angela empfanden.

Er spürte, wie Bean auf seinem Schoß erschlaffte, ihre Arme schwer wurden, als die Müdigkeit sie überrollte. Er starrte zum Krankenhaus hinüber, in dem sie geboren worden war und das in der Nacht an ein leuchtendes Raumschiff erinnerte.

Er hörte Schritte auf der Leiter hinter sich, dann das Geklapper der sich öffnenden Stahltür.

»Dachte mir schon, dass ich euch Mädels hier finde.«

Barry kam mit großen Schritten näher und zeichnete sich als Silhouette vor dem Hintergrund der beleuchteten Baustelle unten ab. Tyler konnte sein Gesicht nicht ausmachen, nur seine muskelbepackte Statur, die Positur des knallharten Kerls, die geballten Fäuste. Er war ein schwarzes Loch, das Gegenteil von Licht.

»Sie sollte im Bett sein«, sagte er.

»Als ob’s dich kümmert.«

Barry machte einen Schritt vorwärts, und Tyler spürte, wie Bean in seinen Armen zusammenzuckte.

Barry starrte sie einen Moment lang an, dann wandte er sich wieder an Tyler.

»Komm jetzt, Arschloch«, sagte er. »Auf uns wartet Arbeit.«

2

Es dauerte gerade mal zehn Minuten hinterm Steuer, um aus dem härtesten sozialen Brennpunkt Edinburghs zu den Wohnsitzen der Millionäre zu gelangen. Von Niddrie kurvten sie auf der Hauptstraße durch Craigmillar, vorbei an Peffermill und der Keksfabrik, der Geruch von geröstetem Hafer drang zu Tyler auf dem Rücksitz des Wagens. Um Cameron Toll herum, und schon waren sie in der wohlhabenden Southside. Er fragte sich, ob die Leute hier überhaupt wussten, dass es Niddrie und Greendykes gab. Edinburgh war so klein, dass alle dicht aufeinanderhingen, Investmentbanker direkt um die Ecke von Familien wie den Wallaces. Die meisten dieser Menschen waren völlig ahnungslos, dass sie ständig belauert und ins Visier genommen wurden. Das hier war ihr Revier, von Mayfield über Newington und Marchmont runter nach The Grange, Morningside und Merchiston. Von Zeit zu Zeit wagten sie sich ein wenig weiter vor, bis nach New Town und Stockbridge. Das verschaffte ihnen etwas Luft, wenn es mal sehr eng für sie geworden war. Manchmal war’s einfach vernünftig, die Southside eine Weile in Ruhe zu lassen, den Hausbesitzern Zeit zu geben, wieder locker zu werden und sich zu entspannen.

Sie bogen in die Mayfield Road ein, dann links auf die Relugas, weiter auf die kleineren Straßen. Sie hielten sich von den Hauptstraßen fern und blieben in den Wohngebieten, weniger Durchgangsverkehr und eine höhere Wahrscheinlichkeit, unbemerkt zu bleiben.

Barry fuhr, im Radio lief auf Forth One eine endlose Abfolge langweiliger Popsongs. Tylers Halbschwester Kelly hatte die Bedienungsanleitung des Wagens aus dem Handschuhfach genommen und sich auf die Knie gelegt, bereitete jetzt darauf Koks-Lines vor. Sie befanden sich in Barrys metallicgrauem Škoda Octavia, den sie vor einem Jahr vor einem Haus in Sciennes geklaut hatten, als sie die Schlüssel in einer Schale neben der Haustür fanden. Barrys Kumpel Wee Sam hatte der Karre in seiner Werkstatt neue Nummernschilder verpasst. Ein Octavia war perfekt, ein völlig neutrales Auto, weder protzig noch piefig, und heutzutage war jedes zweite Auto auf der Straße grau.

Tyler beobachtete Kelly. Sie war zwanzig, sah aber älter aus, war groß und üppig, hatte wasserstoffblonde Haare. Breite Nase, breite Hüften, breite Schultern – alles an ihr war breit. Ihre hellen Haare spielten bei dem Job keine Rolle, denn sie hatten wegen möglicher Videoüberwachung ohnehin immer Kapuzen auf. Wie Tyler und Barry trug auch sie einen Allerwelts-Hoodie und Jogginghose, das Beste, was Primark zu bieten hatte, ohne irgendwelche Logos oder Muster.

Jetzt waren sie auf der Lauder Road. Hier standen ein paar riesige Häuser, aber die Straße war breit und bot kaum Deckung. Barry bremste ab, aber auch nicht zu sehr, er wollte nicht auffallen. In der ganzen Stadt durfte man heute nicht mehr schneller als dreißig Stundenkilometer fahren, was ihnen entgegenkam, ihnen erlaubte, langsam zu fahren und die Gegend auszukundschaften, ohne verdächtig zu wirken.

Kelly zog sich eine breite Line Koks rein, reichte den Stoff dann Barry, hielt ihm den zusammengerollten Schein, damit er die Hände nicht vom Steuer nehmen musste. Er behielt den Blick auf der Straße und sniffte, schüttelte den Kopf, bewegte den Unterkiefer hin und her.

Kelly streckte eine Hand aus und legte einen Finger unter seine Nase, wischte ein paar Kristalle weg, die dort klebten. Sie hielt Barry den Finger hin, der sich vorbeugte, ihn ablutschte und dann breit grinste.

Tyler sah aus dem Fenster, suchte nach Häusern ohne Alarmanlagen und Licht, wie man es ihm beigebracht hatte. Vorzugsweise frei stehende Einfamilienhäuser für den Fall, dass Nachbarn etwas hörten, aber es war schon erstaunlich, wie selten das passierte. Menschen wollen nichts mit den Angelegenheiten anderer Leute zu tun haben, ganz besonders nicht, wenn sie bei diesen Angelegenheiten verletzt werden könnten.

»Was für Scheißbuden sind das hier?«, schimpfte Barry, aufgedreht von dem Stoff. Sie boten Tyler nie etwas an, weil sie alles für sich allein wollten, aber auch, weil sie seine Einstellung dazu kannten. Er sah ja jeden Tag, was Drogen mit ihrer Mum machten.

Sie bogen rechts auf die schmalere Dalrymple Crescent ein. Hier gab es durchaus einige Kandidaten. Es waren keine Schulferien, in dieser Zeit hatten sie am meisten zu tun, wenn die Häuser wochenlang leer standen. Aber reiche Leute hatten gesellschaftliche Verpflichtungen, sie gingen abends zum Essen aus oder auf eine Party, ins Theater oder ins Kino. Es dauerte nicht lange, diese Sache, rein und raus in wenigen Minuten.

Tyler fand es scheiße, dass er das alles wusste. Er wollte nicht hier sein, aber er hatte keine Wahl. Barry und Kelly brauchten jemanden, der klein genug war, um sich durch Klappfenster und Oberlichter zu zwängen, falls die Türen mit Riegeln gesichert waren. Er konnte das machen, und er konnte nicht Nein sagen. Barry redete schon davon, in Zukunft an seiner Stelle Bean mitzunehmen, aber das konnte Tyler nicht zulassen.

Barry erreichte das Ende der Straße und bog rechts auf den Findhorn Place ein, dann runter bis an dessen Ende und wieder rechts. Sie fuhren einmal um den Block, während sich Kelly eine weitere Line reinzog, dann Barry ebenfalls. Zurück in die Dalrymple Crescent. Barry hatte ein Haus ausgemacht. Tyler ebenfalls, nur hatte er es nicht erwähnt. Als sie das zweite Mal vorbeifuhren, sah er es sich genauer an. Doppelhaushälfte, auf keiner Seite Licht, niedriger Zaun zur Straße. Keine Alarmanlage, keine Sicherheitsbeleuchtung oder Videokameras, eine Handvoll großer Bäume davor boten ausreichend Deckung und ließen einen anständigen Schuppen voller Gartengeräte vermuten.

Es war perfekt.

Sie fuhren ein weiteres Mal um den Block, wobei Tyler ein Vibrieren im Bauch, ein Flattern in der Brust verspürte. Er dachte an Bean, die jetzt zu Hause in ihrem Bett lag, an Panda gekuschelt, die Nachttischlampe an. Er dachte an seine Mum, die weggetreten in ihrem Schlafzimmer lag, und hoffte, dass Bean nicht aus einem schlechten Traum aufwachte, so wie es in letzter Zeit öfter vorgekommen war.

Sie rollten ein letztes Mal an 13 Dalrymple Crescent vorbei.

»Das da«, sagte Barry und hielt dann etwa dreißig Meter weiter an.

3

Der Trick war Selbstvertrauen. Man kommt mit allem durch, solange man sich so verhält, als wüsste man genau, was man tut. So machten es die Oberschicht, die Politiker, Armeeoffiziere, Oxbridge-Typen in den Vorständen von Banken und Unternehmen – benimm dich einfach, als würde dir die Welt gehören, und alle spielen mit. Tyler hatte von einer Masche gehört, die zwei Typen aus der Schule auf einem Stück Brachland zwischen Mietshäusern an der King Stables Road abzogen. Sie stahlen Warnwesten und kassierten einen Fünfer für einmal parken. Die machten das im Sommer über Wochen, mitten im Zentrum von Edinburgh, und sackten so Tausende ein. Wurden nie erwischt.

Barry und Kelly waren bereits auf dem Weg. Tyler ließ den Kopf kreisen und versuchte, hinter ihnen ganz locker zu bleiben. Barry ging schnurstracks zur Haustür und klingelte. Sie waren ziemlich sicher, dass niemand zu Hause war, aber nur für alle Fälle. Einmal hatten sie das so gemacht, niemand hatte reagiert, dann waren sie hinters Haus gegangen. Sahen ein Pärchen mittleren Alters voll bei der Sache, die vögelten sich auf dem Küchenboden das Hirn weg.

Barry sah durch keines der zur Straße hin liegenden Fenster ins Haus, viel zu verdächtig. Stattdessen ging er um die Seite des Hauses voran, den dunklen Durchgang hinunter, vorbei an Wertstofftonnen und weiter in den Garten. Versuchte es an der hinteren Tür, abgeschlossen. Genauso die Fenster. Ein kurzer Blick unter Blumentöpfe und Abfalleimer nach einem Ersatzschlüssel. Nichts.

Sie konzentrierten sich auf den Garten, gingen zu dem Schuppen am hinteren Ende. Barry zuckte beim Gehen, Kelly wischte sich die Nase am Ärmel ab. Tyler sah sich um. Gepflegter Rasen, Kirsch- und Wildapfelbäume vor der Wand links, die sie vor den Fenstern im Obergeschoss des Nachbarhauses abschirmten. Perfekt. Auf der anderen Seite Rosenbeete vor einer gut eins achtzig hohen Steinmauer, oben drauf einzementierte Glasscherben. Wozu sollte das gut sein, wenn man doch einfach von vorne herumkommen konnte? Die Leute dachten nie wirklich über Sicherheit nach.

Der Schuppen war mit einem kleinen Vorhängeschloss gesichert, aber das Holz war alt. Barry hob den Fuß und trat zu, und schon löste sich die Metallplatte vom darunterliegenden Brett. Ein weiterer Tritt und es zersplitterte, die Tür schwang nach außen auf.

Barry streifte Lederhandschuhe über und betrat den Schuppen, dann gab er Tyler ein Zeichen, die Tür hinter ihm zu schließen. Tyler zog ebenfalls Handschuhe an und sah Licht von Barrys Taschenlampe durch die Ritzen zwischen den Holzplatten fallen. Eine Minute später kam Barry wieder raus, eine Gartenschere mit langen Teleskopgriffen in der Hand. Jeder hatte sie, um Bäume zu beschneiden, geradezu perfekt, um eine Hintertür aufzubrechen.

Barry drängte sich an Kelly vorbei zur Rückseite des Hauses. Verkeilte die Klinge der Schere auf Höhe des Schlosses zwischen Tür und Rahmen. Er hebelte das Ding vor und zurück, verbog den Beschlag aus Hart-PVC um das Schloss, öffnete einen Spalt. Das machte er mehrere Male, die Tür knarrte jedes Mal laut.

Tyler hörte etwas und sah sich um. Legte eine Hand auf Barrys Arm. Barry zuckte zusammen und hätte ihn fast geschlagen. Tyler zog an seinem Ohrläppchen und alle drei lauschten. Geräusche eines Autos in der Ferne, das Rascheln des Windes in den Kirschblüten. Dann ein Fauchen.

Tyler drehte sich zu dem Geräusch um. Eine schwarze Katze oben auf der Mauer zwischen diesem Garten und dem Nachbargrundstück starrte zu ihnen herunter. Sie hatte vier weiße Pfoten, als wäre sie in Farbe getreten, und die leuchteten jetzt in der Dunkelheit. Bedeuteten schwarze Katzen nicht Glück? Tyler streckte eine Hand aus und gab lockende Laute von sich, aber Kelly machte einen Schritt auf das Tier zu und holte aus, sodass es in den anderen Garten hinuntersprang.

Barry zog die Gartenschere aus dem Türspalt und reichte sie Tyler, dann warf er sich mit der Schulter gegen die Tür. Sie wackelte, gab aber nicht nach. Und noch mal, mit dem gleichen Ergebnis. Barry stieß einen leisen, missbilligenden Laut aus und versuchte es wieder. Die Tür bog sich in der Mitte durch, allerdings nur ein wenig. Ein solides Schließsystem, höchstwahrscheinlich mit fünf Riegeln oben und unten an der Tür. Wahrscheinlich zusätzlich ein Sicherheitsbügel. Da würde nichts nachgeben. Moderne Türen wie diese wurden immer öfter eingebaut, aber in dieser Gegend fand man gelegentlich noch die alten aus Plastik mit einem einzelnen Riegelbolzen oder sogar die Originalholztüren, die man fast schon mit kräftigem Pusten aufbekam.

Barry drehte sich zum Küchenfenster. Eine große Scheibe mit zwei klappbaren Oberlichtern. Er nahm Tyler die Gartenschere ab und stieß sie auf den Punkt unterhalb des Fensterschlosses. Drückte fest zu und knackte es gleich beim ersten Versuch. Kein Mensch machte sich die Mühe, Oberlichter zu verstärken, sie waren stets ein Schwachpunkt. Meistens waren sie nicht mal abgeschlossen.

Barry ließ die Gartenschere fallen, als Kelly eine schwarze Mülltonne herüberhob, dabei darauf achtete, sie nicht zu ziehen und so ein Geräusch zu machen. Barry half Tyler auf die Tonne hinauf, hielt sie dann mit beiden Händen fest. Tyler schob das kleine Fenster so weit wie möglich auf, dann umklammerte er den Rahmen und zog sich kopfüber durch die Öffnung. Er hatte es halb geschafft, balancierte mit einer Hälfte bereits in der Küche, war mit der anderen noch draußen. Kelly hob die Hände, gab den Sohlen seiner Turnschuhe einen Schubs, und er rutschte weiter durch, die Arme nach vorn ausgestreckt. Er war dünn, steckte jedoch mit der Hüfte im Fensterrahmen fest. Kelly gab ihm noch einen Schubs. Er befand sich über der Spüle, die Hände über der Abtropffläche, und er zappelte in seiner Jeans gegen den Rahmen des offenen Fensters, zwängte eine Hälfte der Hüfte zur einen, die andere zur anderen Seite. Er rutschte die letzten Zentimeter, stützte sich mit den Händen auf der Abtropffläche ab, schraubte die Beine seitlich durch die Öffnung und ließ sich auf Händen und Knien neben die Spüle fallen.

So verharrte er einen Moment, vergewisserte sich, dass er sich nicht verletzt hatte, lauschte auf Geräusche aus dem Inneren des Hauses. Er hatte so etwas schon zigmal gemacht, aber das Herz schlug ihm immer noch bis zum Hals, der Puls wie eine Botschaft in den Ohren. Er ließ sich auf den Hintern nieder, sprang dann auf den Fußboden. Er war schlank und geschmeidig, wünschte sich aber dennoch, den Körper einer Katze zu haben, sich so anmutig und elegant in der Welt bewegen zu können. Er sah sich um. Marmorarbeitsflächen, Kochfeld und Ofen aus gebürstetem Chrom, eine lange Frühstückstheke aus Eiche. Die hatten ihr Geld lieber für so etwas ausgegeben, nicht für Sicherheit.

Er ging zur Hintertür. Manchmal ließen sie den Schlüssel im Schloss stecken, diesmal jedoch nicht. Er sah sich kurz um, entdeckte einen Ersatzschlüssel auf einem Regal neben mehreren gebundenen Kochbüchern mit Gesichtern, die er aus dem Fernsehen wiedererkannte.

Er steckte den Schlüssel ins Schloss. Es war schwergängig wegen der Beschädigungen, die Barry durch seine Versuche auf der Außenseite hinterlassen hatte, ließ sich dann aber doch drehen.

Er öffnete die Tür.

»Gute Arbeit«, sagte Barry und kam herein, Kelly ihm dicht auf den Fersen.

Er sah Tyler fragend an und hob dann den Kopf, was bedeutete: du oben.

»Das Übliche«, sagte er.

Tyler sprintete nach oben. Es war gut, von den beiden anderen wegzukommen. Er machte eine schnelle Runde durch sämtliche Räume, drei Schlafzimmer, ein Bad und ein Arbeitszimmer. Keiner zu Hause. Immer am besten zuerst nachsehen, man konnte ja nie wissen, ob nicht vielleicht einer zeitig zu Bett gegangen war, irgendwas genommen hatte, vom Klingeln an der Haustür nicht aufgewacht war.

Alles wirkte irgendwie altmodisch, ein Rentnerehepaar vielleicht, die Kinder waren erwachsen und aus dem Haus. Ziemlich normal, nicht viele jüngere Leute konnten sich Häuser wie das hier leisten.

Tyler blieb einen Moment im Flur stehen, konzentrierte sich, nahm die Atmosphäre auf, stellte sich die Menschen vor, welches Leben sie hier führen mochten. Wie’s wohl war, sie zu sein? Hatten das ganze Leben in einer Bank oder einem Büro gearbeitet, die Kids jetzt auf der Uni, viel Zeit, den Garten zu genießen.

Im Elternschlafzimmer öffnete er den Wäscheschrank, zog ein paar Kopfkissenbezüge heraus. Es gab eine Frisierkommode mit Spiegel, mehreren Schmuckkästen und einzelnen Schmuckstücken. Er wischte alles in einen Kissenbezug. Öffnete die Schubladen, fand mehr Schmuck, größtenteils Modeschmuck, aber auch ein paar nette Stücke aus Silber und Gold. Im Laufe eines Lebens konnte man ganz schön viel Kram ansammeln.

Er warf einen kurzen Blick in eine weitere Kommode, nur falls irgendwelche Wertsachen zwischen Unterwäsche und Socken versteckt waren, fand jedoch nichts. Er sah in den Nachttischen nach. Schottische Kriminalromane auf ihrer Seite, Bücher über Militärgeschichte auf seiner. Ein halb leeres Päckchen Viagra in seiner Schublade.

Als Nächstes das Arbeitszimmer. Regale mit gebundenen Büchern, hauptsächlich Klassiker. Ein Laptop und ein iPad auf dem massiven Schreibtisch. Beides wanderte in den Kopfkissenbezug. Sah in den Schreibtischschubladen nach, nahm Netzteile und Ladekabel heraus, wickelte sie zusammen. Er sah sich um. Eine Flasche mit teurem Whisky, zwei Kristallgläser, ein Wasserkrug. Ein alter Plattenspieler und mehrere Borde mit Vinyl, Klassik und Jazz. Nichts Tragbares.

Im Bad nahm er zwei Flaschen aus dem Schrank, Temazepam und Morphin. Barry würde das haben wollen. Er betrachtete die Toilettenartikel und überlegte, ob sie zu Hause irgendwas brauchten. Warf Zahncreme und Duschgel in den Kissenbezug.

Die beiden anderen Schlafzimmer waren praktisch leer. Tyler hatte recht gehabt, die erwachsenen Kinder waren ausgezogen. Im hinteren Zimmer fand er eine alte Nintendo DS und Spiele, sackte alles ein. Er erspähte das Ladegerät und nahm es ebenfalls mit. Manchmal gab es PlayStations oder Xboxes, aber nichts davon hier. In dem anderen Zimmer fand er eine alte Polaroidkamera mit zwei Päckchen unbenutzter Filme. Das konnte er nicht verkaufen, aber er nahm trotzdem alles mit. Vielleicht würde Bean Spaß daran haben.

Er war fertig und wenige Minuten später wieder unten.

Als er ins Wohnzimmer kam, hatte Barry seinen Schwanz draußen und pisste aufs Sofa. Kelly sah zu und lächelte.

»Scheiße, Mann«, sagte Tyler.

Es war nicht das erste Mal. In letzter Zeit legte Barry immer noch eins drauf.

»Was Gutes gefunden?«, fragte Barry und zog den Reißverschluss hoch.

Der Pissegestank stach Tyler in die Nase. Er starrte Barry einen langen Augenblick an, bevor er antwortete. »Laptop und iPad, Kettchen und Ringe.«

Barry hatte einen DVD-Player, noch einen Laptop und noch anderes Zeug in einer Einkaufstasche. Kelly wedelte mit ein paar Scheinen, die sie in einer Schublade gefunden hatte, und mit teuren Kopfhörern.

Tyler sah sich um. Noch mehr Bücherregale. Richtige Leseratten. An der Wand mehrere Originalgemälde, abstraktes Zeug, pastellfarbene Formen, die keinen Sinn ergaben. Dunkle Ledersofas, Bilder der Kids auf dem Kaminsims, ein phrenologischer Kopf. Stilvolle Menschen mit einem unauffälligen Leben. Er fragte sich, wie sie das wohl aufnehmen würden.

»Kommt«, sagte Barry.

Sie gingen zurück in die Küche.

Barry blieb vor einer Schüssel in der Mitte der Frühstücksbar stehen und wühlte darin herum. Etwas Kleingeld, Golfbälle, ein Taschenrechner, fleckige Korken aus Weinflaschen.

»Scheiße, keine Autoschlüssel.«

Barry sah sich in der Küche um, und Tyler folgte seinem Blick. Ein Satz schicker Messer in einem Holzblock, hängende Kupfertöpfe, eine riesige Kühlgefrierkombination. Er überlegte, was sie zu essen zu Hause hatten.

Barry nahm eines der Messer aus dem Block und ließ es mit einem erschütternden Scheppern auf den Boden fallen. Eine Warnung an die Hausbesitzer. Er ging durch die Hintertür hinaus. Kelly lächelte Tyler an und folgte ihm. Tyler sah sich ein letztes Mal um und verließ das Haus.

4

Barry und Kelly laberten vorne, waren noch ganz aufgedreht nach dem Bruch. Sie quatschten wild durcheinander, während aus dem Radio Rihannas letzter Hit pulsierte. Barry fuhr gut fünfzig, seine vorherige Vorsicht verdunstet. Auch Tyler hatte einen Adrenalinschub, aber es fühlte sich an wie ein Betrug. Er schämte sich für das, was er getan hatte, aber die Endorphine jagten durch seinen Kreislauf und vermittelten ihm ein Gefühl, als hätte er etwas erreicht, so ähnlich wie bei einem Höhlenmenschen, der um Haaresbreite den Fängen eines Säbelzahntigers entkommen war. Das hatte er in der Schule im Bio-Unterricht gelernt, die Kampf-oder-Flucht-Reaktion, aber den körperlichen Grund zu kennen, machte es auch nicht leichter, es zu akzeptieren.

Sie fuhren Richtung Norden durch Newington, dann links nach Sciennes und Marchmont. Hier war nicht viel zu holen, zu viele Studentenwohnungen, die Uni direkt hinter dem Meadows-Park. Außerdem waren viel zu viele Leute auf den Straßen unterwegs, Studenten auf dem Heimweg von den Pubs und Clubs der Old Town. Barry manövrierte sich durch Whitehouse und fuhr am Rand von The Grange nach Morningside. Es war der berühmte noble Teil der Stadt, wo das ganze alte Geld wohnte, im Gegensatz zu den neureichen Hedgefonds-Typen von New Town.

Barry war nach dem ersten Bruch und dem Koks viel zu high, um sich auf die Häuser zu konzentrieren, an denen sie vorbeifuhren. Tyler bemerkte zwei Kandidaten, die Barry übersah, doch er sagte nichts. Es war der Glücksabend der Besitzer. Kelly bekam selbst in den besten Zeiten kein gutes Objekt mit. Blöd wie Scheiße in ’ner Flasche, sagte Barry, selbst wenn sie dabei war, als wär’s ein Kompliment. Sie lächelte nur und streichelte seinen Arm, als hätte sie eine Gehirnwäsche hinter sich. Wie aufs Stichwort lachte sie über irgendwas, das Barry sagte, schnippte mit vom Koks leuchtenden Augen ihre Haare von der Schulter.

Sie erreichten Craiglockhart, fuhren weiter nördlich nach Merchiston, standen dann ewig vor der Ampel an der Holy Corner, während im Radio die neue Single von Lorde lief. Tyler mochte sie, sie hatte was Interessantes, nicht wie die andere Scheiße, die sonst so auf Forth gespielt wurde. Er stand ganz allgemein nicht sonderlich auf die Charts, hörte lieber Electronica und Chill-out. Er fand mal was auf Spotify, versuchte es mit Playlists zur Meditation, suchte etwas, das ihm half, geistig zur Ruhe zu kommen. Jetzt hätte er gern seine Ohrhörer reingeschoben, sein eigenes Zeug von seinem Telefon gehört, aber Barry riss sie ihm immer vom Kopf, wenn er das bei einem Job versuchte. Sich stets seiner Umgebung bewusst zu sein, sagte Barry, das wär entscheidend. Wie das zu einem vollgekoksten Hirn und einer niemals geschlossenen Klappe passen sollte, wusste allein der Teufel.

Die Wartezeit an der Kreuzung schien die zwei vorne runterzubringen. Sie fuhren rüber nach Churchill, die Chamberlain Road entlang und dann rechts auf die Greenhill Gardens. Zu ungeschützt, zu viel los, selbst um diese späte Uhrzeit. Zweimal links, und sie waren auf der Greenhill Place, Reihenhäuser auf der einen Seite, größere, frei stehende Häuser rechts. Sie fuhren bis ans Ende der Straße, bogen rechts ab, fuhren einmal um den Block. Ein Bestattungsunternehmen an einer Ecke. Tyler stellte sich vor, was sie dort wohl finden mochten. Aber Firmen waren immer besser gesichert, hatten Alarmanlagen mit direktem Draht zur Polizei, Videoüberwachung, das Geld in einem verschlossenen Safe.

Barry bog rechts in die St. Margaret’s Road ein und fuhr langsamer. Tyler entdeckte es, bevor er etwas von Barry wahrnahm. Ein frei stehendes Herrenhaus im viktorianischen Stil, Erkerfenster, gepflegte Hecke und eine schmale Kieszufahrt. Efeu zog sich über die Wand um die Haustür. Dunkel, kein Auto, weder in der Einfahrt noch auf der Straße, kein Hinweis auf eine Alarmanlage. Die Fenster nach vorne hinaus sahen wie alte Sprossenschiebefenster aus, auf der Rückseite wahrscheinlich genauso.

Barry fuhr einmal um den Block, um sicherzugehen, gab dabei leise, schnurrende Laute von sich. Kelly packte das Koks aus, bereitete auf ihrem Schoß ein paar weitere Lines vor. Barry verlangsamte das Tempo, als sie erneut in die St. Margaret’s Road einbogen, und nahm Hausnummer vier wieder in Augenschein, dann hielt er zwischen Straßenlaternen und unter einer überhängenden Kastanie an. Die zwei zogen sich vorn eine Line rein, Barry machte ein gurgelndes Geräusch, Kelly schniefte kehlig. Beide waren zugedröhnt, wo sie eigentlich hellwach sein müssten.

»Schwingt die Hufe«, sagte Barry und stieg aus dem Wagen.


Reinzukommen war einfacher als das letzte Mal. Hinten war ein Wintergarten angebaut worden, der allerdings so alt war, dass der Sperrmechanismus nicht sonderlich viel taugte. Die Glasschiebetür ließ sich ohne großes Murren aus der Führungsschiene heben, was diesmal Tylers Affenkletterei überflüssig machte. Er wünschte, er könnte im Auto bleiben, aber so lief das nicht. Barry wollte, dass immer alle dabei waren. Tyler vermutete, dass er sich sicherer fühlte in dem Wissen, dass sein Bruder und seine Schwester mit ihm in der Scheiße steckten, falls mal ein Bruch total in die Hose ging.

Sie trennten sich wie zuvor, Tyler lief zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinauf, während Barry und Kelly sich von der Küche ausgehend vorarbeiteten, der eine ins Wohnzimmer, die andere Richtung Arbeitszimmer. Diese großen Häuser hatten so viel Platz, dass Tyler sich fragte, wie man sich daran gewöhnen konnte. Er stellte sich die Wohnung vor, die er sich mit Mum und Bean teilte. Wenigstens waren sie drei allein, nachdem Barry und Kelly die Wohnung nebenan übernommen hatten. Davor war es unerträglich gewesen, man latschte sich permanent gegenseitig auf die Füße. Und es war auch eine große Erleichterung, Bean aus dem Dunstkreis der beiden herauszubekommen. Sie war nicht sicher in ihrer Gegenwart.

In einem Schrank am Kopfende der Treppe fand er einen Kissenbezug, blieb einen Moment stehen und atmete tief durch. Schnupperte. Er fragte sich, ob man Reichtum riechen konnte. Vielleicht roch er ganz genau so, nach Sandelholz nämlich und Bohnerwachs. Überall Hartholzböden, ein teurer Läufer über die gesamte Länge des Flurs. Kein Teppich bedeutete mehr Knarren und Quietschen, aber das spielte keine Rolle, war tatsächlich sogar hilfreich. Falls die Besitzer zu Hause waren, war es schwerer für sie, sich an ihn anzuschleichen.

Elternschlafzimmer. Er ließ den Strahl der Taschenlampe seines Telefons durch den Raum wandern. Er sollte sich wirklich eine dieser Stirnlampen besorgen, die man sich um den Kopf schnallte, um beide Hände frei zu haben, solche wie Bergwanderer und Läufer sie benutzten. Er hatte es Barry schon mal vorgeschlagen, der aber darauf nur lachte und ihn als Schwuchtel beschimpfte.

Das breite Doppelbett hatte lila Laken, unendlich kitschig, passte so überhaupt nicht zum Rest des Hauses. Das Zimmer mit dem Erkerfenster war groß genug für zwei Spiegelkommoden in schlichtem skandinavischen Stil, eine für ihn, eine für sie. Tyler ging zuerst zur Kommode der Frau. Jede Menge Gold und Platin, Armreifen und Fußkettchen, Broschen und Ringe. Er wischte alles in den Kissenbezug, durchsuchte dann die Schubladen. Mehr davon. Diese Leute hier hatten echt kein Problem mit Geldausgeben.

Rüber auf die Seite des Mannes. Drei protzige Armbanduhren obendrauf, die er einsteckte, mehr Ringe, schwer, wahrscheinlich aus massivem Gold. Auch hier mehr davon in den Schubladen. Wer brauchte denn sieben wertvolle Uhren? Manche Leute waren dumm, was Geld betraf. Wenn Tyler so viel Kohle hätte, würde er mit Bean in den Urlaub fahren, dahin wo die Sonne schien, an einen leeren Strand, wo in einer kleinen Hütte gebratene Hähnchen und eisgekühlte Getränke verkauft wurden. Raum und Zeit, das sollte man sich mit Geld kaufen, nicht Cartier und TAG Heuer.

In der untersten Schublade der Kommode lagen sechs brandneue, noch nicht ausgepackte iPhones. Tyler runzelte die Stirn, als er sie in den Kissenbezug legte. Ergab keinen Sinn. Entweder war dieser Kerl wahnsinnig reich oder er führte irgendwas im Schilde.

Er schaltete die Taschenlampe kurz aus und sah aus dem Fenster. Nur eine ruhige Straße im gedämpften gelben Licht der Laterne ein Stück weiter runter. Nirgends in diesem Block ein Schild mit Nachbarschaftswache drauf, aber das war ja sowieso meistens nur Bullshit. In einer Stadt wie Edinburgh, wo kein Mensch miteinander redete, war es schwer, unter Nachbarn ein ineinandergreifendes Sicherheitssystem zu organisieren. Noch schwerer in reichen Gegenden, wo viele Leute sowieso nur die halbe Zeit da waren.

Etwas erregte seine Aufmerksamkeit. Ein Fuchs trottete mit wippendem Kopf die Straße entlang, den Schwanz gerade, das Fell glänzend im gelben Licht. Er blieb stehen und schnupperte an einer Hecke, hob den Kopf, sah sich um, schien zu verharren und ihn direkt anzustarren. Konnten Füchse gut sehen? Konnte er Tyler hinter dem Fenster stehen sehen? Der Fuchs machte sich aus dem Staub, flitzte die Straße hinunter außer Sicht, und Tyler musste wieder an die Sache mit der Kampf-oder-Flucht-Reaktion denken.

Er drehte sich um und schaltete die Taschenlampe wieder ein. Auf dem Nachttisch lag ein iPad, eine Gucci-Lesebrille oben drauf. In den Kissenbezug damit. Er öffnete die oberste Schublade und fand eine silberne Geldklammer mit reichlich Zwanzigern. Himmel. Er blätterte sie durch, schätzte, dass es alles in allem fünfhundert Pfund sein könnten. Barry würde begeistert sein. Cash war so viel problemloser als das ganze Gefeilsche mit dem Hehler. Tyler streifte einen Handschuh ab, zog fünf Zwanziger aus der Klammer, faltete sie und schob sie unter den elastischen Bund seiner Unterhose. Einmal, nach einem Bruch vor ungefähr drei Monaten, hatte Barry von ihm verlangt, die Taschen auszuleeren. In dieser Nacht waren sie leer gewesen, aber die Drohung war eindeutig. Tyler warf die Scheinklammer in den Kissenbezug und erkundete den Rest des Zimmers. Er fand noch einige weitere Schmuckstücke, allerdings billigeres Zeug als das vorhin.

Wieder auf dem Flur konnte er Barry und Kelly unten hören, wie sie herumwühlten und schnüffelten, eine Schranktür wurde geöffnet und geschlossen, ein metallisches Scheppern. Die Geräusche eben, wenn das Leben von Leuten auf den Kopf gestellt wurde.

Im nächsten Zimmer zog er das große Los. Ein Teenager, ein Gamer, mit einer Xbox One und einer PlayStation 4, jede Menge Spiele, Controller und Headsets sowie weitere Add-ons. Er ging zu dem Schrank im Flur, zog einen Bettbezug heraus, dann zurück ins Zimmer und füllte das Ding. Er sah sich um. Ein Poster der Hibs, die Siegermannschaft des Turniers um den Pokal, auf der gegenüberliegenden Wand ein Foto von Kim Kardashian, die ihren Hintern vorstreckt. Neben dem Bett stapelweise Motorrad- und Autoillustrierte, über den Boden verteilt die Standardkollektion an Trainingshosen, Turnschuhen und Hoodies. Es hätte Tylers Zimmer sein können, wenn er in einer Luxusbude leben würde und Geld wie Heu hätte. Er suchte nach Hinweisen, was für ein Typ der Junge war, fand aber nichts. Mädchen hatten mehr von solchem Zeug als Jungs. Ihre Namen als Lichterkette über dem Bett, Ausdrucke von Selfies mit BFFs an Moodboards oder hinter Spiegel gesteckt, Namen auf Tagebüchern. Tyler fand’s besser, wenn sie in Häuser mit Mädchenzimmern einbrachen, denn dann konnte er immer irgendeine Kleinigkeit als Geschenk für Bean mitgehen lassen. Außerdem war es beruhigender, sich in einem weiblichen Raum aufzuhalten, verglichen mit den Ballerspielen und Hotrods, dem Wrestling und Rugby in typischen Jungszimmern.

Er ging weiter zum nächsten Zimmer, doch das war nur ein Gästezimmer, einfach möbliert, ein Bett und ein Schreibtisch, nichts, was sich mitzunehmen lohnte. Er kniete sich hin und sah unter dem Bett nach. Nichts. Ihm fiel ein, dass er das im Elternschlafzimmer nicht getan hatte, also ging er noch mal zurück, hockte sich hin und leuchtete mit der Taschenlampe.

Er saß in der Hocke und starrte sehr lange hin.

Schließlich streckte er die Hand aus und zog es heraus. Er hatte noch nie zuvor eine abgesägte Schrotflinte gesehen. Er hatte schon oft und viel mit Luftgewehren geschossen, auf unbebauten Grundstücken in der Nähe von zu Hause auf leere Coke-Dosen gezielt, aber das hier war eine andere Liga. Er legte die Taschenlampe hin und hob das Gewehr mit beiden Händen hoch, spürte sein Gewicht. Auf der Unterseite des Laufs ließ sich ein beweglicher Teil vor- und zurückschieben. Eine Pumpgun. Er musste an Call of Duty denken.

Er wusste nicht, wie man nachsah, ob das Ding geladen war. Sein behandschuhter Finger glitt über den Abzug. Mit der Schrotflinte in der Hand stand er auf und betrachtete sich im Spiegel der Kommode. Richtete den Lauf der Flinte auf den Spiegel und schnitt eine Grimasse. Er schwang die Waffe herum, damit er sie im Profil sehen konnte, posierte wie ein Soldat, dann wieder zurück, hielt sie wie ein Scharfschütze, das Auge auf einer Linie mit dem Visier. Er kniete sich hin, wirbelte herum, stellte sich vor, wie Barry durch die Schlafzimmertür hereinrauschte und eine Ladung voll ins Gesicht bekam.

Er hörte etwas. Von draußen. Räder auf Kies, ein Motor, der ausgeschaltet wurde. Das dumpfe Zuschlagen einer Wagentür, der Piepton einer Verriegelung.

Er huschte zum Fenster. In der Einfahrt stand ein Auto und er sah flüchtig, wie jemand zur Haustür ging, eine Frau in Leggings und Turnschuhen.

Scheiße.

Er spitzte die Ohren. Er konnte Barry und Kelly unten hören, die immer noch das Wohnzimmer ausräumten. Sie konnten das Auto nicht gehört haben.

Er sah sich im Spiegel. Immer noch mit der Schrotflinte in der Hand.

»Fuck.«

Er durchquerte hastig den Raum, warf die Waffe unters Bett, griff nach seinem Telefon und schaltete die Taschenlampe aus. Steckte es ein, schnappte sich den Bettbezug und das Kopfkissen, gefüllt mit Kram.

Er stand am Kopfende der Treppe, als er hörte, wie ein Schlüssel ins Schloss der Haustür eingeführt wurde. Die Tür öffnete sich, das Licht im Flur ging an.

Die Geräusche aus dem Wohnzimmer hörten auf.

Tyler stand am oberen Ende der Stufen. Da die Treppe einen Zwischenabsatz hatte, konnte er von seinem Standort aus die Haustür nicht sehen.

Sein Herz klopfte wie verrückt, seine Finger kribbelten. Er machte vorsichtige Schritte die Treppe hinunter. Schaffte es bis zum Zwischenabsatz.

»Was verdammt noch mal …?«

Die Stimme einer Frau, schrill, aber auch derb, nichts, was man in dieser Gegend erwartet hätte.

»Was verdammt noch mal macht ihr da?«

Er kam einige weitere Stufen herunter, konnte jetzt ihre Turnschuhe sehen, als sie in der Tür zum Wohnzimmer stand. Sie waren rosa und himmelblau, teure Skechers. Die Leggings waren dunkelblau, schmiegten sich um ihre schlanken Beine. Sie ging ins Wohnzimmer und die Füße verschwanden aus Tylers Blickfeld.

»Keine Bewegung«, sagte Barry.

Tyler ging noch ein paar Stufen hinunter, zögerte.

»Droh mir nicht«, sagte die Frau. »Das hier ist mein Haus. Du hast ja keine Ahnung, mit wem du es zu tun hast.«

»Leg das Telefon weg«, sagte Barry.

Tyler machte zwei weitere Schritte.

»Wenn du nur einen Funken Grips hast«, sagte die Frau, »verschwindest du sofort aus meinem Haus. Und lass meinen Scheißkram hier. Was fällt dir überhaupt ein?«

»Leg das Telefon weg«, wiederholte Barry. »Ich sag’s nicht noch mal.«

Tyler erkannte etwas in seiner Stimme und spürte ein Kribbeln auf der Haut. Sein Magen war schwer wie ein Stein, der ihn nach unten zog. Er machte einen weiteren Schritt, konnte jetzt ins Wohnzimmer sehen. Bei eingeschalteter Deckenbeleuchtung wirkte alles viel zu hell. Die Frau stand unmittelbar hinter der Tür, ein Handy in der Hand. Barry näherte sich ihr mit langsamen Schritten, sah über die Schulter der Frau hinweg zu Tyler. Kelly stand etwas seitlich, bewegungslos wie eine Statue.

Tyler machte einen weiteren Schritt, und die Xbox und das andere Zeug in dem Bettbezug schepperten gegeneinander.

Die Frau drehte sich um und starrte Tyler an, hielt das Smartphone ans Ohr gedrückt.

Sie trug eine dunkle Adidas-Trainingsjacke, den Reißverschluss hochgezogen, ihr rabenschwarzes Haar zu einem hoch sitzenden Pferdeschwanz gebunden, als käme sie gerade aus dem Fitnessstudio. Sie war etwa Mitte vierzig, schlank und durchtrainiert, hatte hohe Wangenknochen und Feuer in den Augen.

Als sie Tyler ansah, stürzte sich Barry auf sie. Tylers Augen weiteten sich, als er sah, wie sich sein Bruder in Bewegung setzte, und die Frau begann, sich wieder umzudrehen, seinem Blick folgend, als Barry auch schon gegen sie krachte, die Hände niedrig auf ihrer Hüfte. Sie stolperte durch die Tür zurück, prallte mit der Schulter gegen den Türrahmen, hatte den Mund geöffnet, aber es kam kein Laut heraus. Sie ließ Telefon und Autoschlüssel fallen, warf Tyler einen verwirrten Blick zu und legte dann eine Hand in ihren Rücken. Sie hob die Hand vor ihr Gesicht, und sie war dunkel vor Blut. Sie griff nach der Türzarge, verfehlte sie und brach im Flur zusammen, schlug mit dem Kopf auf die Dielen wie ein Basketball.

Hinter ihr stand Barry mit einem langen Küchenmesser in der Hand, die ersten sechs, sieben Zentimeter davon blutverschmiert. Kelly starrte Barry an, das Messer, die Frau auf dem Boden.

»Fuck«, stieß Barry aus. Er ließ das Messer fallen. Das Scheppern hallte durchs Haus. »Lasst uns abhauen.«

Er schnappte sich einen Stoffbeutel voller Zeug und drückte sich an der Frau vorbei. Tyler sah ihr Gesicht. Sie atmete, starrte die Fußbodenleiste an.

Barry hob den Autoschlüssel auf, den die Frau fallen gelassen hatte, und warf ihn Kelly zu.

»Den nimmst du«, sagte er. »Am gewohnten Ort.«

Er schlenderte zur Haustür, als hätte er nicht gerade jemanden abgestochen.

»Komm schon«, sagte er zu Tyler. »Und vergiss dein Zeug nicht.«

Tyler nahm das Kopfkissen und den Bettbezug und kam die restlichen Stufen herunter. Barry und Kelly waren bereits draußen. Sie stand einfach da und starrte das Audi-Logo auf dem Autoschlüssel in ihrer Hand an.

Tyler blieb in der Tür stehen und sah zurück.

Die Frau hatte sich nicht gerührt, lag immer noch mit dem Oberkörper im Flur und den Beinen im Wohnzimmer. Er konnte den feuchten Fleck auf ihrem Rücken sehen, den schartigen Riss, wo das Messer den Stoff durchtrennt hatte. Sie versuchte, etwas zu sagen, aber es kam nichts raus. Ihre Blicke schossen zu Tylers Gesicht, ein Muskel zuckte an ihrer Schläfe, dann sah sie wieder auf den Boden. Die Finger ihrer rechten Hand begannen zu zucken, so als versuche sie, auf etwas zu zeigen, dann sackte die Hand zurück.

Tyler hob ihr Smartphone von der Stelle auf, wo sie es fallen gelassen hatte, und verließ das Haus, schaltete das Licht aus und zog die Tür hinter sich zu.

5

Tyler saß auf dem Beifahrersitz, Barry folgte der im Audi vorausfahrenden Kelly, beide mit etwa fünfzig, vor Temposchwellen bremsend und an Ampeln haltend. Tyler hätte am liebsten geschrien. Er spürte, wie die Frau ihn vom Boden aus anstarrte, ihr Blick leer. Während Barry fuhr, nahm Tyler das Telefon der Frau heraus. Es war nicht gesperrt. Er ging in die Einstellungen, deaktivierte die Ortungsfunktion, schaltete es dann aus. Sie befanden sich jetzt in Cameron Toll, womit das der letzte rückverfolgbare Ort war, bis es wieder aktiviert wurde. Sie fuhren Richtung Craigmillar, vorbei an der Abfahrt nach Niddrie, waren auf dem Weg zu Wee Sams Werkstatt in Pinkie, direkt hinter Musselburgh.

»Ein echtes Prachtstück«, meinte Barry und deutete mit einem Kopfnicken auf das vor ihnen fahrende Auto. »Der bringt uns ein pralles Sümmchen.«

»Scheiße, Barry.«

Barrys Hände umklammerten das Lenkrad fester. Er biss die Zähne zusammen und schluckte schwer. Er fuhr schweigend weiter, bis sie am Fort vor einer roten Ampel halten mussten. Er zog den Schalthebel in Leerlaufstellung, betätigte die Handbremse und packte Tyler am Hals, stieß ihn gegen die Sicherheitsgurthalterung und würgte ihn. Tyler zerrte mit den Fingern an Barrys Hand, versuchte, den Hals frei zu bekommen, fand aber keinen richtigen Ansatzpunkt. Seine Luftröhre war blockiert, er röchelte, versuchte verzweifelt, Luft einzusaugen.

»Vorhin in dem Haus ist absolut null passiert«, zischte Barry leise. »Hast du mich verstanden?«

Tyler versuchte zu sprechen, bekam aber nur ein Keuchen heraus.

Barry beugte sich ganz dicht zu ihm vor, ließ Tylers Hals immer noch nicht los. »Und? Hast du?«

Tyler war schwindelig, das Licht am Rande seines Blickfelds flackerte. Er versuchte zu schlucken, konnte aber nicht. Aus seiner Nase löste sich ein Geräusch, ein Würgereflex in seinem Hals. Er nickte, soweit das möglich war mit Barrys Fingern, die sich unter seiner Kinnlade in den Hals gruben.

Hinter ihnen hupte ein Auto. Barry lockerte den Griff, ließ aber noch nicht los. Tyler schnappte nach Luft. Barry drehte sich um, sah nach hinten. Ein Kerl in einem Toyota zeigte an ihnen vorbei auf die Ampel, die inzwischen auf Grün umgesprungen war. Kelly hatte die Kreuzung bereits überquert.

Barry starrte den Mann in dem Auto hinter sich einen langen Herzschlag an, dann ließ er Tylers Hals los. Tyler japste und riss die Hände hoch, berührte die Haut an seinem Hals, während Barry einen Gang einlegte und losfuhr. Er entschuldigte sich bei dem anderen Kerl mit einer erhobenen Hand und beschleunigte, um zu Kelly aufzuholen. Er warf einen Blick in den Rückspiegel zu dem Auto hinter sich.

»Schwanzlutscher«, schimpfte er leise.

Tyler blinzelte benommen, versuchte, die Lichtpunkte loszuwerden, die vor seinen Augen tanzten. Er starrte nach vorn auf das Nummernschild des Audis, MH 100. Ein personalisiertes Nummernschild an einem Oberklasse-Audi, das noble Haus, die Frau auf dem Boden. Eine Schublade voller iPhones und Designeruhren, eine abgesägte Schrotflinte unter dem Bett. Nichts davon verhieß Gutes.


Der Škoda stand vor einer Reihe niedriger Betongaragen, die Tore geschlossen. Licht sickerte unter dem Wellblech hervor. Verblasste Beschriftung über den Toren, die Tyler nicht lesen konnte. Es gab keine Straßenbeleuchtung, und zum ersten Mal an diesem Abend bemerkte Tyler den Mond, verschwommen hinter Wolkenstreifen. Der Geruch von Motoröl hing in der Luft. Kelly trat breit grinsend aus einem der Tore. Barry drehte den Kopf zu Tyler.

»Platztausch.«

Tyler verließ den Beifahrersitz und kletterte in den Fond, während sich Kelly nach vorn setzte.

»Fünfzehnhundert«, sagte sie und wedelte mit einem Bündel Zwanziger.

Barry lächelte. »Ich scheiß mich ein!«

Sie fuhren zurück durch Musselburgh und Fisherrow, dann westlich vorbei an Newcraighall. Tyler warf einen Blick auf die Uhr am Armaturenbrett. Fünfunddreißig Minuten, seit sie das Haus in der St. Margaret’s Road verlassen hatten. Er stellte sich den Ausdruck auf ihrem Gesicht vor, das dunkle Rot des Bluts, viel dunkler, als er jemals erwartet hätte, dunkler als das Zeugs, das man für Halloween kaufen konnte. Er stellte sich vor, das alles wäre nur ein ausgeklügelter Streich, Barry und Kelly hätten ihn reingelegt, würden sich jetzt jeden Moment zu ihm umdrehen und »Reingelegt!« brüllen, ihm die versteckten Kameras zeigen. Du glaubst, wir hätten jemanden umgebracht, aber das war alles nur ein Jux und sie war mit von der Partie.

Wie sonst ließ sich ihr Verhalten da vorn erklären? Kelly bereitete auf ihren Knien neue Lines vor, Barry summte mit, als ein Blues-Typ im Radio davon sang, in die Kirche zu gehen. Als ob das noch irgendwer machte. Kelly sah von ihrem Koks auf und lächelte Barry an, streckte eine Hand aus und streichelte seinen Nacken.

Tyler sah aus dem Fenster. Vorbei an der Abzweigung auf The Wisp und dem Jack Kane Centre, dann waren sie auf der Greendykes Road und wieder in heimischem Revier. Vor Greendykes House hielten sie an, und Tyler dachte an Bean, die oben schlief und träumte.

Sie saßen im Schatten des Hochhauses, der Motor im Leerlauf.

»Wir ziehen noch um die Häuser«, sagte Barry. Damit meinte er das Casino am Ocean Way in Leith, wo sie bis morgens um sechs saufen und so viel wie irgend möglich von dem Geld verprassen konnten.

Barry deutete mit dem Kopf auf das gestohlene Zeug auf dem Rücksitz neben Tyler. »Hast du auch Bares?«

Tyler erinnerte sich an die Geldklammer. Er wühlte in dem Kissenbezug und gab sie ihm, dachte dabei an die Scheine, die er in der Hose versteckt hatte.

Barry warf einen Blick auf die Klammer und pfiff. »Die Fotze hatte echt Schotter, hä?«

Tyler zuckte mit den Achseln.

»Nimm den Rest mit nach oben«, sagte Barry. »Wir gehen morgen alles durch und bringen’s dann rüber zu Fluff.«

Tyler blieb noch einen Moment sitzen.

»Mach hinne, Arschloch, schwirr ab.«

Tyler stieg aus und schleifte seine Beute hinter sich her.

Barry rief ihm nach: »Schlaf schön, Alter.«

Tyler warf die Tür zu und wartete noch ab, während Barry den Motor auf Touren brachte und dann mit quietschenden Reifen abdüste.

Er sah zum Greendykes House hinüber, ganz schwindelig angesichts der Höhe aus dieser kurzen Entfernung. Er stellte sich vor, bis ganz hinauf fliegen zu können, mit der Thermik aufzusteigen und dann aufs Dach hinabzuschießen.

Er zog das Handy der Frau aus der Tasche. Bei deaktivierten Ortungsdiensten waren die Teile nur lokalisierbar, wenn sie eingeschaltet waren, das wusste Tyler nach all den Telefonen, die sie bei ihren Brüchen eingesackt hatten.

Er verstaute das ganze gestohlene Zeug hinter den Mülltonnen und entfernte sich langsam von dem Hochhaus, ging zehn Minuten durch den Park dahinter und über die Fußballplätze, bis er auf der Rückseite der Eiscremefabrik am The Wisp war. Hier gab es keine Videoüberwachung. Er schaltete das Telefon ein und wählte die 999.

»Krankenwagen, bitte.«

Er wartete. Fragte sich, ob es wohl schon zu spät war.

»Ja, da ist so eine Frau mit einer lebensgefährlichen Messerverletzung. Sie liegt in Nummer vier St. Margaret’s Road. Hausnummer vier, okay?«

Er beendete den Anruf und schaltete das Telefon aus, dann trottete er zurück nach Hause.

6

Er hörte den Fernseher, sobald er die Wohnungstür öffnete. Sein erster Gedanke war Bean, aber als er das Wohnzimmer betrat, war da nur seine Mum allein in der Dunkelheit, während das Licht des Bildschirms über ihr Gesicht flimmerte. Sie hatte auf einen bescheuerten Shoppingkanal geschaltet, wo gerade Pullover mit Darstellungen von Wölfen angeboten wurden.

Er ließ die Beute ihrer Einbrüche fallen und nahm die Fernbedienung, um den Fernseher leiser zu stellen.

»Mum, du weckst noch Bean.«

Angela lag auf dem Sofa, hatte den Kopf abgewinkelt. Ihre Augen waren fast zugefallen, aber noch nicht ganz, zwischen den Fingern ihrer rechten Hand glimmte ein Joint. Auf dem Boden neben ihr stand eine Flasche Wodka mit einem Rest von zwei, drei Zentimetern, daneben ein Löffel mit einem benutzten Wattebausch, einem Feuerzeug und einer Spritze. Der Gürtel lag locker um ihren Oberarm.

»Scheiße«, sagte Tyler und hob ihr Heroin-Besteck auf. »Du kannst das hier nicht einfach so rumliegen lassen.«

Träge drehte Angela den Kopf vom Bildschirm zu ihm.

»Schmeiß das nicht weg.« Ihre Stimme klang rau und belegt. »Ist meine letzte Nadel.«

Ihre Haare waren fettig, blond an den Spitzen, graue Strähnen an den dunkleren Stellen an ihrem Schädel. Sie war klein und ausgemergelt, Gliedmaßen wie Zweige, die Arme übersät mit vernarbten Einstichen. Sie trug ein schmuddeliges One-Shoulder-Top mit dem Aufdruck Pineapple!, keinen BH darunter, die Leggings überzogen mit der Asche des Joints und anderen Flecken.

Tyler stellte sich vor, wie er sie packte und schüttelte, ihr ins Gesicht brüllte, sich endlich zusammenzureißen und ihren Scheiß auf die Reihe zu bekommen.

Sie drehte sich wieder zum Fernseher, hob eine Hand an den Mund und nahm einen Zug vom Joint.

»Sieh dir die Scheiße an«, murmelte sie und wedelte mit einem Finger Richtung Bildschirm. Eine viel zu stark geschminkte Frau redete über eine Tagesdecke mit einer Bärenfamilie darauf.

Tyler brachte die Spritze und den Rest in Angelas Schlafzimmer, legte alles in die Schublade neben ihrem Bett, kehrte dann ins Wohnzimmer zurück. Er holte eine Decke von dem Stuhl vor dem Fenster, schlug sie auf und deckte sie zu. Er achtete darauf, dass der Stoff nicht zu nahe an ihrer Hand mit dem Joint war, fand einen alten Teebecher und stellte ihn als Aschenbecher auf den Boden. Sie seufzte dankbar.

Er griff in seine Hose und nahm das Geld heraus, zog einen Zwanziger ab und steckte den Rest wieder ein.

»Hier«, sagte er und hielt ihr den Schein hin.

Sie drehte sich zu ihm, sah das Geld, lächelte und nahm es.

»Mein Süßer«, sagte sie. »Komm her.«

Er setzte sich aufs Sofa, allerdings nicht nahe genug, dass sie ihn umarmen konnte. Sie stopfte das Geld in ihre Leggings und berührte seine Hand auf der Decke. Ihre Finger fühlten sich schweißig an.

»Mum«, sagte er und starrte auf den Bildschirm.

»Ich weiß«, sagte sie. Es war kaum zu spüren, als sie nun seine Hand drückte, fast als wäre sie ein Geist. »Ich versuch’s ja.«

Er schloss die Augen und stellte sich die Frau in dem Haus vor, wie sie auf dem Boden lag und zu ihm hinaufstarrte. Als er die Augen wieder öffnete, blinzelte Angela schon wieder auf den Bildschirm.

Er ging in Beans Zimmer. Sie lag quer über dem Bett, ihre Füße hingen über die Kante, die Decke lag auf dem Boden. Sie hielt Panda mit beiden Armen umklammert, drückte das Stofftier fest an ihre Brust. Ihr Nachtlicht brannte, warf einen blauen Schatten über ihr Gesicht.

Tyler schob sie richtig rum aufs Bett und deckte sie wieder zu. Sie schlief immer sehr unruhig und würde sich wahrscheinlich sowieso in spätestens fünf Minuten wieder frei gestrampelt haben, aber es war gut zu spüren, dass man irgendwas tat. Ihr Mund war schlaff und sie atmete ein wenig rau, während sie sich an ihr Kuscheltier schmiegte. Tyler starrte sie lange an, dann ging er und zog hinter sich die Tür fast ganz zu.

Er verließ die Wohnung, ging den Korridor entlang und zog die Leiter zum Dach herunter. Stieg hinauf und saugte in tiefen Zügen die kalte Luft ein, als er oben die Tür öffnete, ging dann an die westliche Kante und schaute hinunter. Sechsundvierzig Meter bis zum Boden. Hoch genug.

Er blickte hinaus. Schon komisch, dass diese beiden Gebäude als einzige stehen gelassen worden waren, wie zwei Späher, die die Augen nach Ärger aufhielten. Er sah zu den Lichtern des Krankenhausgeländes hinüber. Er fragte sich, ob sie wohl schon dort war, von einem Krankenwagen in die Notaufnahme gebracht, vorbei an den Fußballverletzungen und den Opfern häuslicher Gewalt, den verstauchten Knöcheln und allergischen Entzündungen. Bereits versorgt. Oder vielleicht hatten sie ihm ja auch nicht geglaubt, dachten, es wäre nur ein Telefonstreich, und hatten sich nicht weiter gekümmert. Er hatte null Ahnung, welche Verhaltensregeln die hatten.

»Tyler?«

Bean stand hinter ihm an der Zugangstür, den Panda im Arm.

Er ging zu ihr. »Wieso bist du auf?«

»Ich hatte einen bösen Traum«, sagte sie mit gerunzelter Stirn. »Barrys Hunde waren hinter uns her. Sie haben dich verjagt und ich konnte dich nirgends finden.«

Er hob sie hoch und streichelte ihren Kopf.

»Ist nur ein blöder Traum.« Er trug sie zurück die Leiter hinunter und lächelte sie beruhigend an.

»Aber es hat alles so echt gewirkt«, sagte sie.

Er spürte die Anspannung in ihrem Körper, aber sie ließ bereits nach.

Er sprach ruhig weiter. »Keine Angst, mich wird nie irgendwas von dir verjagen können.«

7

Er war bereits wach, als der Wecker losging. Ein paar Sekunden lang starrte er sein Telefon an, dann schaltete er den Ton aus. Bean lag ausgestreckt neben ihm und warf ihren Arm über seine Brust. Er nahm ihn weg.

Nachdem sie oben auf dem Dach gewesen war, hatte er sie wieder ins Bett gebracht, wo sie sofort einschlief, doch als sie dann um halb vier wieder aufwachte, war sie zu ihm gekommen und hatte ihm von einem weiteren schlechten Traum erzählt. Ein dunkles, schemenhaftes Monster hatte Tyler vor ihren Augen in Stücke zerrissen. Immer dasselbe, böse Mächte trennten sie beide voneinander. Man musste kein Genie sein, um herauszufinden, woher das kam. Tyler hatte seine Bettdecke angehoben, und sie war zu ihm gekrochen, mitsamt Panda, und nach wenigen Minuten schlief sie wieder ein, während er ihren Kopf streichelte. Es war ihm viel zu warm mit ihr so dicht neben sich, also schob er die Decke fort, war innerlich völlig außer sich und grübelte über alles nach. So blieb es, während der Himmel draußen heller wurde, und nun war’s Zeit zum Aufstehen.

»Aufwachen«, sagte er und rieb Beans Nase. »Du musst dich für die Schule fertig machen.«

Sie schlug die Augen auf und lächelte. »Du bist hier.«

»Wo sollte ich denn sonst sein?«

Er stand auf, zog eine schwarze Hose an und die Vorhänge zurück. Es war ein wolkenloser Morgen, die Sonne am Osthimmel bereits auf halber Höhe. Er war froh, dass sich sein Zimmer auf der Rückseite der Wohnung befand, bedeutete das doch, dass er von hier aus das Krankenhaus nicht sehen konnte.

Er hatte auf seinem Telefon die Nummer der Notaufnahme herausgesucht, als er vorhin noch im Bett lag, und sein Daumen schwebte über dem Anrufen-Button. Aber wie sollte das laufen? Er kannte ihren Namen nicht. Und wenn er sie beschrieb, belastete er sich selbst.

Bean stand auf, rieb sich ein Auge, schleifte Panda an einem Ohr mit.

Tyler lächelte. »Deine Schuluniform wartet auf dich in deinem Zimmer.«

»Kannst du mir mit der Strumpfhose helfen?«

Er stöhnte übertrieben. »Na schön, aber du bist eine große Siebenjährige, und du solltest das auch allein können.«

Er hasste es, ihr bei der Strumpfhose zu helfen. Er konnte machen, was er wollte, nie war es bequem, nie war’s so ganz richtig, und sie veranstaltete immer ein albernes Tänzchen, wenn sie sie hochzog und dann wieder aus der Poritze zupfen musste.

Er zog den Rest seiner Klamotten an, dann half er ihr, und schließlich gingen sie zusammen ins Wohnzimmer und zur Kochnische. Angela war nicht da, also hatte sie es irgendwie ins Bett geschafft. Tyler war froh. Sie so zu sehen, war nicht gut für Bean, egal wie viel Bockmist er ihr darüber erzählte, dass Mum sich nicht gut fühlte. Sie war ein kluges Mädchen und wusste genau, was los war. Wenn man hier aufwuchs, wurde man entweder schnell erwachsen oder abgehängt. Drogensüchtige und gewalttätige Eltern gab es in diesem Viertel überall, drei Generationen kaputter und ausrangierter Loser von vorne bis hinten. Über die Hälfte der Kids in Beans Klasse hatten nur einen Elternteil, und die Hälfte von denen wiederum galt als gefährdet.

Tyler dachte an die Frau auf dem Boden, an ihr Kind. Das Zimmer ihres Sohnes war voller Teenager-Kram. Wie viel einfacher war das Leben für sie, weil sie Geld hatten. Er versuchte, sich vorzustellen, wie sich diese Frau vor den Augen ihres Sohnes einen Schuss setzte, so wie es Angela jahrelang vor seinen Augen getan hatte. Er hatte so oft versucht, ihr zu helfen. Aber ab einem bestimmten Punkt mussten die Leute selbst Verantwortung für sich übernehmen, oder? Er konnte keine Zeit mehr für seine Mutter verplempern, er musste dafür sorgen, dass Bean behütet war, dass sie unversehrt in die Schule und zurückkam. Und dass sie so weit wie möglich von den beiden nebenan ferngehalten wurde.

Er holte eine Packung Aldi-Shreddies aus dem Schrank, roch an der Milch aus dem Kühlschrank. Fand eine saubere Schale und wusch an der Spüle einen Löffel ab, stellte dann alles auf die Frühstücksbar. Bean hatte den Fernseher angemacht und er ließ sie Zeichentrickfilme sehen, während sie geräuschvoll mampfte und schlürfte. Sich selbst machte er Toast, klaubte ein paar Schimmelstellen von der Kruste und schnipste sie in den Mülleimer. Er packte seine und Beans Schultasche. Sie bekam Gratis-Mittagessen, das war also schon mal was. Er erinnerte sich wieder an das Geld in seiner Hose und berührte den Rand der Scheine. Das war der sicherste Platz dafür. Wenn Barry herausfand, dass er sich was einsteckte, setzte es wieder Prügel.

Im Fernsehen lief jetzt eine Sendung, in der ein Zeichentrickjunge im Haus einer echten Familie wohnte. Aus irgendeinem Grund waren es Nordiren. Er brachte sie immer irgendwie in Schwierigkeiten, aber am Ende der zehnminütigen Sendung war alles wieder gut, die glückliche und liebevolle Familie, Mum, Dad und Schwester, umarmte ihn heftig. Tyler war froh, dass es in Beans Leben so was gab, denn da hatte sie wenigstens ein echtes Ziel für ihr Erwachsenenleben statt all der Scheiße um sie herum.

»Können wir noch zu Snook und den Babys?«, fragte Bean mit Milch auf dem Kinn.

Tyler verzog das Gesicht und sah auf die Uhr. »Wenn du dir ganz schnell die Zähne putzt.«

Sie sprang vom Hocker und flitzte ins Bad.

Er legte ihre Schale, den Löffel und sein Messer ins Abwaschbecken, spülte alles ab und stellte es aufs Abtropfbrett. Er holte etwas zu essen für Snook aus dem Schrank und verstaute es in seiner Schultasche.

Er drehte sich um und starrte das Kopfkissen und den Bettbezug mit der Beute an, die immer noch auf einem Haufen in der Ecke des Zimmers lagen. Bean hatte nicht danach gefragt. Ihm fiel die Polaroidkamera von dem ersten Bruch des Vorabends ein und er nahm sie heraus.

»Fertig«, rief Bean von der Tür her. Ihre Uniform war schmuddelig, die Strumpfhose ziemlich dünn an den Knien, und er wusste, dass sich zwischen den Beinen ein kleines Loch befand, das man jedoch nur dann sehen konnte, wenn sie ein Rad schlug. Der Pullover mit dem Schulwappen drauf war beim Schulflohmarkt geklaut, ein gebrauchtes Kleidungsstück.

»Komm her«, sagte Tyler. »Dreh dich um.«

Er nahm ihr Haargummi heraus, zog es mehrere Male über seine Finger und band die Haare ordentlicher zusammen.

»Sieh mal hier«, sagte er und zeigte ihr die Polaroid.

»Was ist das?« Sie drehte den Fotoapparat in ihren Händen, ließ die Finger über Schalter und Knöpfe gleiten.

»Eine Kamera.«

»Wie an deinem Telefon?«

»Nicht ganz. Pass auf.« Er öffnete eine Filmpackung, lud die Kamera und richtete diese auf sie.

»Und einmal lächeln, bitte.«

Sie machte einen Schmollmund und mit den Fingern ein Peace-Zeichen. Die Kamera blitzte und surrte, dann spuckte sie das Bild aus. Sie nahm es ihm ab.

»Da ist ja nichts drauf«, sagte sie und starrte auf das weiße Quadrat.

»Warte.«

Langsam erschien ihr Gesicht, und sie hob die Augenbrauen.

»Wow«, sagte sie. »Kann ich die mit in die Schule nehmen?«

»Klar, aber verplemper den Film nicht. Ist nicht so wie digital. Wenn der Film alle ist, dann war’s das. Mach was draus, jede Aufnahme ist einzigartig.«

»Komm, wir machen ein Selfie«, sagte sie.

Er verdrehte die Augen, beugte sich aber dennoch dicht zu ihr, hielt die Kamera in der ausgestreckten Hand und drückte auf den Auslöser. Blitz und Surren. Er hielt das Foto, bis das Bild auftauchte, zwei lächelnde Gesichter, ein für immer eingefangener Moment. Er gab ihr die Aufnahme, doch sie schüttelte den Kopf.

»Behalt du das«, sagte sie. »Damit du mich nicht vergisst, während ich in der Schule bin.«

Er starrte das Bild an, während sie die Kamera in ihrer Tasche verstaute.

»Komm, gehen wir«, sagte sie. »Ich will die Kleinen sehen.«

Tyler schob das Foto in seine Tasche und schaltete den Fernseher aus, dann schnappte er sich beide Schultaschen und begleitete sie aus der Tür, während er die ganze Zeit daran dachte, wie sich die Hand der Frau hob und dann wieder auf den lackierten Parkettboden fiel.


Sie umrundeten das Baugelände und gelangten zu einem einzelnen, verfallenen Haus. Bean hielt Tylers Hand und sang die Titelmelodie der letzten Fernsehsendung. Als alle anderen Häuser abgerissen worden waren, hatte man aus irgendeinem Grund dieses eine stehen lassen, aber schließlich zogen auch dessen Bewohner aus, und jetzt war es praktisch nur noch eine Betonfassade mit einem zerfallenden Dach, umgeben von Brachland.

Sie gingen auf die Rückseite zu einem der zugenagelten Fenster, wo die Bretter locker waren. Aus Gewohnheit sah Tyler sich um. Nur die Neubauten von Sandilands Close am Horizont, das Krankenhaus, weiter südlich Bürogebäude. Jemand ging mit seinem Hund auf halber Höhe des Craigmillar Hill spazieren. Er war immer in Sorge, dass sich Junkies in diesem Haus einnisteten. Er zog das Brett vom Fensterrahmen, warf einen Blick ins Innere und hörte leises Winseln. Er hob Bean durch den Spalt, achtete darauf, dass sie nicht mit der Uniform an einem der Glassplitter des Fensterrahmens hängen blieb. Er kletterte nach ihr hinein und wartete einen Moment, damit sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnen konnten.

»Snook.« Bean lief zu dem Mischling auf der Matratze. Sie war halb Collie, halb irgendwas anderes, hatte ein schwarz-weißes Fell, ein eingerissenes Ohr, das rechte Auge blutig unterlaufen. Ihr Schwanz klopfte auf den Rand der Matratze, als Bean ihre Ohren wuschelte und dafür im Gesicht abgeleckt wurde. Um Snooks Zitzen herum schnüffelten drei schlaftrunkene Welpen.

Sie hatten sie vor einer Woche auf dem Heimweg nach der Schule gefunden, als sie gerade die Kleinen zur Welt brachte. Sie lag keuchend und leise jaulend unter einem Strauch am Straßenrand. Bean hatte gefragt, was da gerade passierte, und Tyler hatte versucht, es ihr zu erklären. Er hatte gesagt, sie solle das Tier beruhigen, und Bean hatte sich voll in diese Aufgabe gestürzt, hatte einen endlosen Strom von rührseligem Kauderwelsch geflüstert, der Hündin Ohren und Nase gestreichelt, sie verhätschelt, als gehörten sie alle zu einem Rudel. Als der erste Welpe herauszukommen begann, sah Bean mit riesengroßen Augen zu. Ihre Hand blieb auf der Schnauze des Hundes liegen. Snook winselte und begann, Beans Hand zu lecken, und sofort setzte sie das Streicheln fort, redete ihr weiter ins Ohr, behielt diesmal jedoch den Blick fest aufs Hinterteil gerichtet, hob die Augenbrauen, als der erste Welpe herausglitt und ein zweiter folgte. Tyler legte den ersten dicht neben die Schnauze seiner Mum, und Snook bewegte ihren Kopf fort von Bean und fing an, den Welpen abzulecken.

Zehn Minuten später waren es alles in allem drei pelzige kleine Dinger, die saugende Geräusche von sich gaben und sich wanden. Es fing an zu regnen. Tyler zog die Jacke aus und packte die Welpen hinein, band die Ärmel zusammen und gab sie Bean.

»Sei vorsichtig.«

Er hatte Snook auf den Arm genommen, und dann joggten sie den Hang hinunter. Tyler wollte sie eigentlich mit in die Wohnung nehmen, musste dann aber an Barry denken. Der Himmel allein wusste, was er mit drei neugeborenen Welpen und einer erschöpften Mutter machen würde. Schon schlimm genug, wie er seine eigenen Hunde behandelte.

Also blieb Tyler vor dem Haus stehen, in dem sie sich jetzt befanden, fand auf der Rückseite einen Weg hinein und quartierte Snook und die Welpen dort ein. Bei nachfolgenden Besuchen hatten sie alles Nötige für die Hunde mitgebracht: eine alte Matratze von der Straße als Schlafplatz, Eiscremebehälter aus Plastik als Schalen für Futter und Wasser. Tyler gefiel, wie einfach es war. Essen, Unterschlupf und eine Mum, die sich um einen kümmerte, mehr brauchte man nicht, um am Leben zu bleiben.

Er betrachtete Bean, die jetzt mit den Welpen spielte. Er hatte hier keinen langfristigen Plan, keine Ahnung, was er tun sollte, wenn sie älter wurden. Für immer konnten sie hier nicht bleiben, aber vorläufig reichte es aus. Es war ein gutes Gefühl, so als hätte man alles voll im Griff und unter Kontrolle.

Er leerte Hundefutter in die Schale und füllte auch Wasser aus dem Hahn im Bad nach. Aus irgendeinem Grund war das Wasser nie abgestellt worden. Bei seiner Rückkehr stocherte Snook im Futter herum, und die Welpen winselten, als sie sie aus dem Weg schubste.

Tyler sah auf seine Uhr.

»Wir müssen los.«

»Oooch …«

»Wir können ja nach der Schule noch mal kurz reinschauen.«

»Wann können wir mit ihnen spazieren gehen?«

»Hab ich dir doch gesagt: Die Welpen sind noch zu klein. Und ihre Mummy können wir ihnen auch nicht wegnehmen.«

Bean dachte darüber nach. Dieses Mutter-und-Babys-Ding weckte alle möglichen Gedanken in ihrem Kopf, und das gefiel Tyler gar nicht. Er wollte sie einfach nur rechtzeitig in die Schule bekommen, dann wieder nach Hause, dann morgen früh dasselbe und am nächsten Tag wieder.

»Verabschiede dich«, sagte er.

Bean fasste Snooks Hals an, dann hob sie nacheinander jeden Welpen hoch und knuddelte ihn. Tyler verdrehte die Augen. Bean nahm die Polaroid aus der Tasche, richtete sie auf die Hunde. Es blitzte. Sie strahlte zuerst Tyler an, dann die Aufnahme, verstaute schließlich alles in ihrer Tasche.

»Wir sehen uns nach der Schule«, sagte Bean zu den Hunden. »Passt gut auf euch auf!«


Die Craigmillar Primary war ein Backsteinneubau, gesichert durch Überwachungskameras und einen mit Spitzen versehenen Zaun. Die Grundschule war im Zuge des PPP-Skandals vor einem Jahr geschlossen worden, nachdem eine Mauer in einer ähnlichen Schule am anderen Ende der Stadt eingestürzt war, allerdings hatte man hier keine Mängel finden können, weswegen die Schule wieder geöffnet wurde. Sie war erheblich besser als das verfallende Dreckloch, das Tyler ein paar Jahre zuvor besucht hatte, und hundertmal netter als die benachbarte Bruchbude der Castlemound High, auf die er jetzt ging.

Bean ließ seine Hand los, als sie durchs Tor kamen, und rannte zu Isla und Aisha, die sich gegenseitig ihre JoJo-Siwa-Haarschleifen zeigten. Bean war schon seit Ewigkeiten scharf auf eine, aber die Dinger kosteten neun Tacken das Stück. Vielleicht sollte er ihr eine von dem Geld besorgen, das er am Abend zuvor abgezweigt hatte, aber er wusste nie, wie viel Zeit zwischen Zahltagen lag, also hatte er immer ein ungutes Gefühl, wenn er Geld für Luxussachen ausgab statt für Essen und Strom. Und jetzt musste er obendrein auch noch Hundefutter kaufen.

Für ihre Freundinnen hieß Bean Bethany, nur zu Hause wurde sie Bean genannt. Tyler konnte sich nicht erinnern, wie das angefangen hatte, hoffte aber, dass es nicht Barrys Idee gewesen war, von dem nie was Gutes kam. Vielleicht weil sie so klein war, ganze fünfzehn Zentimeter kleiner als Isla und Aisha.

Die Glocke ertönte und Bean und ihre Freundinnen schlenderten zu der Schlange wartender Schulkinder hinüber. Tyler blieb zurück bei den Mums. Manche von denen waren nicht viel älter als er selbst, was bedeutete, sie hatten ihre Kinder bekommen, als sie selbst noch zur Schule gingen. Tyler wartete, ob Bean noch einmal herübersah, als Miss Kelvin sie hereinrief, aber sie quatschte mit Aisha und war völlig in ihrer eigenen Welt versunken.

Er ging, vermied jeden Blickkontakt mit Miss Kelvin und den Mums, dann trat er durchs Tor und bog nach links, in die entgegengesetzte Richtung zur Highschool. Er ging den Niddrie Farm Grove hinunter, vorbei an den rot-weißen Reihenhäusern und der Arztpraxis, und kam an der Bushaltestelle heraus. Er wartete einige Minuten, dann sprang er in einen 30er Bus, in dem er seinen gefälschten Ausweis an das Fahrkartendings drückte. Er hatte ihn vor ein paar Monaten bei einem Bruch mitgehen lassen und sein eigenes Foto über das des eigentlichen Besitzers geklebt. Martin Lawrence. Das Ding war nicht für ungültig erklärt worden, daher funktionierte es immer noch. Das Computersystem von Lothian Buses hatte ganz offensichtlich Lücken. Die Leute denken immer, Sicherheitssysteme seien dazu da, sie zu schützen, aber in neun von zehn Fällen funktionieren sie ganz einfach nicht. Es sind besondere Berechtigungen erforderlich, um sie miteinander zu vernetzen, damit sie kommunizieren, und wer hat schon Zeit für so was? Über jedem schwebt das Fallbeil, jeder Job ist gefährdet, Etats werden gekürzt, alle müssen länger für weniger Geld arbeiten. Ein Teenager, der mit der Dauerkarte von irgendwem für lau Bus fährt, ist den Leuten doch so was von scheißegal. Sie interessieren sich nicht für eine Xbox, die durch eine Versicherung abgedeckt ist, auch nicht für ein Auto, das bei einem Hehler landet. Sie bekommen Ersatz, schicker und schöner als das gestohlene Teil, mit mehr Ausstattung, besserem Navi, Bluetooth fürs iPhone, beheiztem Fahrersitz.

Er stöpselte seine Ohrhörer ein und spielte Boards of Canada. Alle anderen in seinem Jahrgang hörten Hip-Hop oder Metal. Er hatte zu Hause schon mehr als genug zornigen Scheiß. Er liebte Boards of Canada, bei denen sich die Zukunft wie eine Projektion aus der Vergangenheit anhörte. Er hatte gegoogelt und herausgefunden, dass es zwei Brüder aus East Lothian waren, die nie Interviews gaben und auch nicht live auftraten, was ihm gefiel.

Er starrte aus dem Fenster im Oberdeck, während wabernde Synthies und besoffene Drums miteinander kämpften. Er hatte dasselbe Gefühl wie letzte Nacht, der schnelle Wechsel vom grauen Kieselrauputz der Häuser in Niddrie und Craigmillar zu den größeren Häusern in Prestonfield und Newington.

Er nahm das Telefon der Frau aus der Tasche und starrte es einen langen Moment an, dann schaltete er es ein. Auf dem Bildschirm der Hinweis auf sechs verpasste Anrufe, einer vom Notrufdienst am Abend zuvor, die anderen von »Derek«. Ein Ehemann oder Freund, der sich fragte, wo sie steckte. Oder ein Sohn. Er schaltete das Gerät wieder aus und steckte es ein. Falls man bereits versuchte, das Telefon zu lokalisieren, würden sie jetzt einen Ping des Mastes in Prestonfield erhalten.

An der Dalkeith Road verließ er den Bus und schlenderte an den wuchtigen Häusern der Blacket Avenue vorbei. Er wechselte zur Grange Loan, dann weiter rauf zum Dalrymple Crescent, dem Ort des ersten Bruchs vom Vorabend. Er atmete tief ein und aus, ging aber ganz normal weiter. Nur ein Teenager, der eine Straße hinunterging und Musik hörte, mehr nicht. Im Vorübergehen warf er einen Blick auf Hausnummer dreizehn. Kein Lebenszeichen, keinerlei Hinweis darauf, dass sie dort eingestiegen waren. Er dachte an die Polaroidkamera, die sich jetzt in Beans Schultasche befand. Er ging weiter, schluckte schwer, blinzelte. Wenn er die Augen schloss, spürte er den Schlafmangel, während gleichzeitig sein Adrenalinspiegel stieg, weil er wieder hier war.

Er trottete am Dick Place entlang und an der Blackford Road, noch mehr luxuriöse Häuser mit Preisschildern jenseits der Million, der Bürgersteig überschattet von Baumkronen, die über hohe Mauern und dichte Hecken hinausragten. Er stellte sich die Menschen darin vor, wie sie in ihren Gartenhäusern saßen, sich in einem begehbaren Kleiderschrank etwas zum Anziehen heraussuchten, auf einem Home-Entertainment-System ein Autorennspiel zockten.

Sein Herz blieb ihm im Hals stecken, als er die Whitehouse Loan hinaufging und die St. Margaret’s Road erreichte. Ohne Zögern bog er in die Straße ein. Man wusste nie, ob man von einer Überwachungskamera erfasst wurde, und jedes Herumlungern war verdächtig. Solange man aussah, als hätte man ein Ziel, konnte man praktisch alles tun. Er sah im Vorbeigehen verstohlen zu den Häusern hinüber, und erst jetzt fiel ihm auf, dass die Hausnummern auf der einen Straßenseite anstiegen – eins, zwei, drei – und auf der anderen dann wieder kleiner wurden. Es war eine winzige Straße mit gerade mal acht Häusern. Er ging noch mal in Gedanken durch, warum sie sich für keines der anderen entschieden hatten. Das eine besaß eine anscheinend erst kürzlich installierte Alarmanlage, ein anderes hatte zu wenig abschirmende Bäume und Autos in der Einfahrt, direkt vor dem dritten war eine Straßenlaterne.

Dann war er auch schon auf Höhe von Nummer vier. Er ging minimal langsamer, nicht genug, um dadurch aufzufallen, aber doch ausreichend, um sich zu konzentrieren und mit großen Augen alles aufzunehmen. Er sah die beiden steinernen Torpfosten der Zufahrt, die Kletterpflanze an der Seitenwand, die ordentliche Garage direkt neben dem Haus, die weiße geschlossene Haustür. Er stellte sich vor, zu dieser Tür zu gehen und zu klingeln, sich irgendeinen Scheiß auszudenken von wegen Marktforschung oder Fenster verkaufen. Er stellte sich die Frau vor, die ihm die Tür aufmachte, ein Geschirrtuch in den Händen oder ein Glas Saft, wie sie ihn anlächelte und dankend ablehnte, dennoch ein freundlicher Blick in ihren Augen. Sie erkannte ihn nicht wieder, einfach, weil in der letzten Nacht überhaupt nichts passiert war. Sie war vom Sport zurückgekommen, hatte geduscht, sich ein Sandwich gemacht, vielleicht ein Glas Rotwein getrunken, war dann mit einem Buch ins Bett gegangen, wartete darauf, dass ihr Mann nach dem gemeinsamen Kneipenausflug des Büros, vor dem ihm gegraust hatte, nach Hause zurückkehrte.

Dann erinnerte er sich wieder an die Schrotflinte unter dem Bett, an den Stapel Smartphones, die Geldklammer. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht, als sie blutüberströmt dalag.

Er war zu diesem Zeitpunkt bereits um die Ecke, fast am Ende des Greenhill Place. Er beugte sich vor und kotzte hinter einen elektrischen Verteilerkasten an der Ecke, wischte sich den Mund ab und ging weiter.

Wie benebelt setzte er seinen Weg fort, als hätte er keine Macht über seine Bewegungen. Er fand sich auf dem Strathearn Place wieder, dann Greenhill Gardens, Church Hill und schließlich Clinton Road, wobei die Häuser immer größer wurden. Er ging weiter, achtete dabei auf die Sicherheitsvorkehrungen der Gebäude. Es war heller Tag, und doch fühlte er sich unsichtbar, fast wie ein Geist, der durch die Leben reicher Leute wandert. Der Lieferjunge, der Uber-Fahrer, der Gebäudereiniger, der Handwerker, der Gärtner. Kein Teil dieser Welt, also wurde man ignoriert, bis sie einen brauchten.

Es gab Häuser mit Türmchen und Türmen, zinnenartige Silhouetten, die an Burgen erinnerten. Es drängte ihn heftig, nicht mehr länger nur Beobachter zu sein, sondern etwas zu tun. Er erkannte dieses Gefühl, es überkam ihn nach jedem der nächtlichen Brüche. Seine Antennen kribbelten. Da war ein Haus, damit konnte er etwas anfangen. Keine Alarmanlage, alte Fenster und Türen, jede Menge Deckung. Er ging die Einfahrt hinauf, das Knirschen seiner Schritte wie Gewehrschüsse. Er erreichte die Haustür, überladene Musselin-Glasscheiben in massiver Eiche. Er klingelte mit zugeschnürter Kehle. Er schluckte schwer, bekam einen zugeschnürten Hals. Wartete. Klingelte wieder. Legte den Kopf schief und lauschte. Ein leises Blätterrascheln in den Birken. Er trat zwei Schritte zurück und schaute nach oben. Viktorianisch, mindestens fünf Schlafzimmer, das Mauerwerk unlängst gereinigt und neu verfugt. Mehrere Mansardenzimmer mit kleinen Fenstern etwas zurückgesetzt im Obergeschoss. Er drehte sich um und betrachtete den Garten. Tyler befand sich bereits gut fünfzehn Meter von der Straße entfernt, eine hohe Steinmauer und mehrere Ahornbäume versperrten den Einblick von der Straße aus.

Er ging um die Seite des Hauses und versuchte die hintere Tür der angrenzenden Garage. Offen. Er ging durch die Garage, vorbei an Regalen mit Farbe und Dünger, und versuchte sein Glück an der Verbindungstür zum Haus. Abgeschlossen. Er ging wieder hinaus. Über der Garage befand sich ein Flurfenster, klein, aber doch groß genug, um durchzukommen. Er kehrte in die Garage zurück, holte eine Leiter heraus und lehnte sie gegen die Wand. Tyler kletterte hinauf, stieg aufs Garagendach, versuchte das Fenster. Unverriegelt. Er drückte es auf, atmete tief ein und sprang, packte den Sims und zog sich mit Schwung auf die Ellbogen hinauf. Er tastete mit den Turnschuhen über den Stein, zog sich hoch und rüber, stützte sich mit den Händen auf der inneren Fensterbank ab, schob sich zappelnd durch den offenen Spalt und fiel wie ein neugeborenes Fohlen innen auf den Boden.

Er kauerte eine ganze Minute dort, lauschte auf seinen Atem und sonst nichts.

Er war drin.

8

Er wanderte von Zimmer zu Zimmer, um ein Gefühl für das Haus zu bekommen. Dieses Zuhause befand sich im Winterschlaf, war nicht leer, wurde aber auch nicht täglich genutzt. In sämtlichen Schlafzimmern war alles ordentlich in Schubladen und Schränke geräumt, auf den Nachttischen weder Bücher noch Gläser mit Wasser, auf dem Boden des Zimmers eines männlichen Jugendlichen keine achtlos fallen gelassenen Kleidungsstücke, über allem eine feine Staubschicht. Neutrale Tagesdecken auf Betten, in denen nicht geschlafen worden war, geschmackvolle Lampen und viel dunkles Holz. Aber es gab auch Lebenszeichen – ein Bücherregal voll Harry Potter, Kram von den eigenen Abenteuern eines Jungen, ein junger James Bond.

Im Elternschlafzimmer nicht anders. Es war schon eine ganze Weile nicht mehr benutzt worden, aber im Schrank hingen Kleider, auf den Regalböden eines Schranks eine ganze Kollektion Stöckelschuhe. Im Bad standen einige Flaschen auf dem Badewannenrand, aber es gab keine Seifenkleckse, keine feuchten Handtücher, die Kacheln vollkommen trocken. Fast war es wie ein Musterhaus, hier und da ein paar wenige persönliche Dinge, platziert, um dem Haus so etwas wie Charakter zu geben. Oder wie eine Airbnb-Wohnung, in der während der Festivalsaison eine reiche Familie wohnte, die überteuerte Theater- und Comedyvorstellungen besuchte.

Die Mansardenzimmer genauso. Kleine eiserne Kaminöfen, Wollmäuse unter den Betten, der Blick aus den höheren Fenstern hinaus auf den Garten. Durch das Laub sah er einen Kastenwagen der British Telecom, Arbeiter standen um ein Loch in der Straße. Er schaute einen Moment zu, dann ging er zwei Treppen nach unten, ließ dabei die Hand über das Geländer streichen, verschwendete keinen Gedanken an Fingerabdrücke. Kein Mensch suchte nach Fingerabdrücken, wenn man nicht mal wusste, dass überhaupt eingebrochen worden war.

Im Erdgeschoss fand er verschiedene persönliche Dinge. Eine Sammlung Vinylschallplatten mit klassischer Musik neben einem Linn-Plattenspieler. Er ging die Scheiben durch, die alphabetisch sortiert waren, und zog eine heraus. Erik Satie. Er nahm sie aus der Hülle und legte sie auf den Plattenspieler. Schaltete die Maschine ein, es ploppte und summte, dann senkte er die Nadel auf die Schallplatte. Der warme Klang der Musik erfüllte den Raum. Langsames Klavier, melancholisch, viel Stille. Er spürte, wie sich seine Atmung und der Herzschlag verlangsamten, während er im Raum umherwanderte. Auf dem Kaminsims gerahmte Familienfotos. Mum, Dad, zwei Söhne. Der Dad sah militärisch aus, kräftige breite Schultern, Oberschicht, Offiziersmaterial. Die Frau war schön auf eine knochige Art, scharfe Gesichtszüge und leere Augen. Sie lächelte, aber es lag keinerlei Wärme darin. Die beiden Jungs waren untersetzte Teenager, der eine etwas älter als Tyler, und sie versuchten, Daddy nachzueifern, die Brust gereckt, das Kinn gehoben, dieselbe Anspruchshaltung.

Tyler ging zur Haustür und hob die Post vor dem Briefschlitz auf. Der Anzahl der Briefe nach war seit Wochen niemand im Haus gewesen. Aber sie bekamen immer noch Rechnungen geschickt, also war es das Familienhaus. Fotheringham, Jason und Charlotte.

Er legte die Post zurück und ging in die Küche. Schwarzer Schieferboden, verchromte Armaturen, eine lange Frühstückstheke aus irgendeinem weißen Stein. Er ging zum Kühlschrank, nahezu leer. Sie hatten offenbar in nächster Zeit nicht vor, sich einen Snack zu machen. Im Eisfach selbst gekochtes Zeug in Tupperdosen – Lasagne, Pollo Cacciatore, Wildgulasch. »Ben & Jerry’s Cookie Dough«-Eiscreme und eine Flasche Grey-Goose-Wodka. In den Schränken fand er Kekse und Chips, Thunfischdosen und Kidneybohnen. Er nahm ein KitKat und wickelte es aus, dann hörte er den Krach von zersplitterndem Glas.

Er hörte auf zu kauen und lauschte.

Die Klaviermusik lief immer noch in dem anderen Zimmer.

Er ging zur Küchentür und sah in den Flur, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken.

Ein weiteres Krachen. Mehr Glas, ein dumpfer Schlag aus dem Wohnzimmer.

»Kackenscheiß.«

Er sah die Treppe hinauf. Er hatte voll freie Bahn von hier aus, konnte in einem halben Dutzend Sprüngen die Treppe hinauf sein, durch das Fenster oben im Flur, und kein Mensch kriegte was davon mit.

Aber irgendwas war mit dieser Stimme.

Er starrte zur Wohnzimmertür, durch die Klaviermusik herausperlte. Jemand ächzte.

Den KitKat-Riegel in der Hand ging er zur Tür.

Ein Fenster war eingeschlagen, Glassplitter lagen über den Läufer verteilt, mittendrin ein glatter Stein aus dem Garten. Das Fenster war geöffnet und hochgeschoben worden, und ein Mädchen in einem roten Schulblazer kletterte herein, hielt dabei die Handfläche der einen Hand in der anderen.

»Scheiße.«

Sie war schlank und knochig, ein paar Zentimeter größer als er, ungefähr das gleiche Alter. Unter dem Blazer trug sie eine weiße Bluse, einen knielangen marineblauen Rock und eine marineblaue Strumpfhose, dazu flache schwarze Schuhe. Ihr rotblondes Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Als sie sich aufrichtete, fielen Tyler ihre Gesichtszüge auf, eine spitze Nase und grüne Augen, markante Wangenknochen und scharf geschnittene Kieferpartie, ein schmaler Mund.

Sie drehte sich um. Mit Überraschung in den Augen wanderte ihr Blick von seinem Gesicht zu dem KitKat, dann von oben bis unten über seine Uniform.

»Wer zum Teufel bist du denn?«, fragte sie.

»Das hab ich mich auch gerade gefragt.«

»Das ist nicht dein Haus.«

Tyler dachte an die Familienfotos der Fotheringhams. »Dito.«

»Du bist widerrechtlich hier eingedrungen.«

»Gleichfalls.«

Sie seufzte. »Wir könnten den ganzen Tag so weitermachen.«

Sie senkte den Blick auf ihre Hand und Tyler sah, dass Blut auf den Läufer tropfte, dasselbe Rot wie ihr Blazer.

»Wer immer du bist – weißt du, wo ich hier ein Pflaster oder so was finde?«, fragte sie.

Tyler drehte sich um. »Hier lang.«

9

Er ließ an der Küchenspüle das kalte Wasser laufen und sah über seine Schulter zurück. Sie war ihm gefolgt, eine Spur von Blutstropfen zog sich hinter ihr über den Boden. Sie kam näher, die Augen zusammengekniffen, starrte ihn an.

»Halt sie unter Wasser«, sagte er.

Das machte sie und zuckte sofort zusammen, ließ ihn aber nicht aus den Augen. Er sah zu, wie das rosa Wasser in einem Strudel im Ausguss verschwand. Er fragte sich, wo er in einem so großen Haus einen Verbandkasten aufbewahren würde. Er ging zu einem Abstellraum an einer Seite der Küche, darin Waschmaschine und Trockner, ausgelagerte Winterjacken und Stiefel. In der zweiten Schublade fand er einen Schnellverschlussbeutel mit einem Kreuz darauf, gefüllt mit Pflaster und Antiseptikum, Zeugs gegen Insektenstiche, eine Rolle Verbandmull und eine Schere. Damit kehrte er in die Küche zurück, warf den Beutel aufs Abtropfbrett und hielt ihr ein Geschirrtuch hin.

»Lass mal sehen.«

Sie hob die Hand. Die Schnittwunde über ihrem Handballen war ungefähr drei Zentimeter lang, aber nicht tief, und das Blut quoll auf der gesamten Länge hervor, während sie zuschauten. Nur ein Stück weiter unten und es hätte ihr Handgelenk erwischt, quer über die Vene.

Er spürte, dass sie ihn beobachtete, spürte, wie er einen roten Kopf bekam.

»Darf ich?«, fragte er.

Sie hielt ihm ihre Hand hin, und er tupfte sie vorsichtig mit dem Geschirrtuch ab. Es fühlte sich komisch an, wie ein religiöses Ritual.

»Ich glaube, es ist jetzt trocken«, sagte sie schließlich, und sein Gesicht fühlte sich noch heißer an.

Er ließ das Geschirrtuch fallen, gab etwas Antiseptikum auf einen Wattebausch und ergriff ihr Handgelenk. Er hatte bei Bean schon so viele kleine Wunden versorgt, dass er genau wusste, was er tat.

»Das wird jetzt brennen.« Er tupfte.

»Oh verdammt!« Sie zuckte zusammen und zog ihre Hand zurück. Einen kurzen Augenblick berührten sich ihre Finger, dann hielt sie ihm wieder die Hand hin. Er tupfte sie ab, während sie scharf ein- und schwer ausatmete.

»Meinst du, es muss genäht werden?«, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. »Ist nicht tief.«

Er maß ein Stück Verbandmull ab, schnitt es zurecht und legte den Anfang in die Beuge ihres Daumens. »Halt das fest.«

Sie drückte einen Finger darauf. Er wickelte den Verband über den Handrücken und dann über den Schnitt, einmal ums Handgelenk und wieder hoch, prüfte dabei immer wieder, ob es stramm genug saß. Er fand eine kleine Sicherheitsnadel und fixierte den Verband.

Sie hob die Hand, ließ die Finger spielen und ballte sie zur Faust. »Ich sehe aus wie ein Boxer.« Sie machte eine schnelle Folge von Geraden und täuschte dann einen Uppercut mit der anderen Hand an.

»Wie willst du das erklären?«

Sie sah ihn an. »Wem müsste ich es denn erklären?«

Tyler zuckte mit den Achseln.

Sie lächelte. »Ich werd einfach sagen, ich hätte an mir rumgeschnippelt, das machen an der Schule alle.«

Sie deutete auf das Wappen an ihrem Blazer, ein dickes rotes Kreuz, eingefasst mit Blättern, und oben drüber was auf Latein. »Inveresk.«

Das piekfeine Internat in Musselburgh. Er hatte noch nie einen Schüler von dort kennengelernt, sie hielten Distanz zu den anderen Kids der Stadt, allein schon, um Ärger aus dem Weg zu gehen. Die Schule war von hohen Steinmauern umgeben, und jede Menge Security sorgte dafür, dass die Einheimischen draußen blieben.

Tyler las den Text auf ihrem Schulwappen. »Spartam nactus es, hanc exorna«.

Sie verdrehte die Augen. »Irgend so ein uraltes Zeugs über Sparta. Wörtlich ergibt es überhaupt keinen Sinn, so was wie ›Sparta gehört dir, verschönere es‹. Heutzutage sagt man, es bedeutet so viel wie ›Entwickle deine Talente‹. Alles extrem motivierend.«

Er versuchte, sich an das Motto seiner Schule zu erinnern, aber er war nicht mal sicher, ob sie überhaupt eines hatte.

»Wie heißt du?«, fragte sie.

»Tyler.«

»Damit kann ich was anfangen.« Sie bot ihm ihre verletzte Hand an. Er nahm sie, drückte aber nicht zu, spürte den Unterschied zwischen ihrer glatten Haut und dem rauen Verband.

»Ich bin Flick«, sagte sie. »Weil du mich ja nie fragen wirst. Eigentlich ist es Felicity, aber kein Mensch nennt mich so außer meinen Eltern, und die sehe ich nie.«

Tyler schüttelte ihre Hand, bis es sich irgendwie blöd anfühlte.

»Nett, dich kennenzulernen, Flick.«

Sie ließ seine Hand los und sah sich theatralisch um.

»Also, wieso bist du an einem Dienstagmorgen im Haus meines Ex-Freundes?«

Er begann, die Sachen wieder in die Reiseapotheke zu räumen, dann zog er den Verschluss zu und legte sie zurück in die Schublade im Lagerraum.

»Du bist der starke, stille Typ, ja?«

Er kam zurück und lehnte sich gegen die Spüle. »Du bist hier diejenige, die eingebrochen ist.«

»Du auch.«

»Das weißt du nicht.«

»Ich wette, ich finde dafür Beweise.«

Tyler dachte an das offene Flurfenster oben, an die Leiter, die draußen an der Garagenwand lehnte. »Jedenfalls ist es nicht haufenweise Glas auf dem Läufer im Wohnzimmer und überall Blut.«

Sie spitzte die Lippen, als wär’s ein Spiel.

»Du bist keiner von Wills Freunden.«

»Wer sagt das?«

Sie musterte ihn übertrieben betont. »Weil du so ziemlich das genaue Gegenteil von diesem Drecksack bist.«

Tyler hätte längst weg sein sollen, er hätte die Biege machen müssen, als er im Wohnzimmer das Glas zerbrechen hörte. Aber er war immer noch hier und genoss es, Flicks Gesicht anzusehen und den Schwung ihrer Hüfte, und er roch auch ihren Duft, irgendwas Zitroniges.

Sie berührte die Spitze ihres Pferdeschwanzes. »Dann bist du also ein Dieb?«

Tyler streckte die Hände aus. »Siehst du mich irgendwas klauen?«

»Vielleicht hab ich dich ja auf frischer Tat erwischt.«

»Ja, klar, du hast dich angeschlichen und mich in flagranti erwischt, obwohl du Fenster eingeschlagen hast und hier alles vollsaust.«

»Okay, Klugscheißer.«

Sie hatte einen vornehmen Edinburgh-Akzent, eine Stimme, wie man sie bei Nachrichtensprecherinnen oder Moderatorinnen im Frühstücksfernsehen hörte. Er hatte noch nie einen echten Menschen getroffen, der sich tatsächlich so anhörte. In ihrer Stimme lag ein Selbstvertrauen, das man bekommt, wenn man sich nie Sorgen machen muss, wie man an die Kohle fürs Essen oder den Saft aus der Steckdose kommt, solche Sachen hatte sie einfach nicht auf dem Schirm. Er nahm sich vor, später im Internet die Schulgebühren von Inveresk nachzusehen.

Sie deutete mit dem Kopf Richtung Wohnzimmer. »Was ist mit der Musik?«

Erst als sie es jetzt erwähnte, registrierte er, dass das Album immer noch lief, klassische Musik herüberdriftete.

»Ist beruhigend.«

»Du bist bei jemandem eingebrochen, um Klaviermusik zu hören?«

»Hab’s doch schon mal gesagt, ich bin nicht eingebrochen.«

»Wenn du das sagst.«

Er trat einen Schritt zur Seite und nahm ein Geschirrtuch. »Wahrscheinlich sollten wir die Schweinerei beseitigen, die du veranstaltet hast.«

Sie sah ihn stirnrunzelnd an. »Warum?«

»Damit sie nicht merken, dass wir hier waren.«

»Und was ist, wenn ich genau das möchte?«

Er schüttelte den Kopf. »Das ist einfach nur dumm. Willst du verhaftet werden?«

Sie dachte darüber nach. »Woran denkst du?«

»Die zerbrochene Scheibe können wir nicht verbergen, also lassen wir das Glas und den Stein liegen, machen das Fenster zu und beseitigen sämtliche Blutspuren, das wäre das Wichtigste. Dann sieht’s vielleicht so aus, als hätte irgendein Idiot nur einen Stein durchs Fenster geschmissen. Videoüberwachung gibt’s hier nicht, also ist das kein Problem.«

Er ließ unter dem Hahn Wasser auf das Tuch laufen und drückte es aus, dann machte er in der Spüle einen Lappen nass und gab ihr den.

»Komm.« Er begann, den Weg zurückzugehen, den sie gekommen waren, die Augen auf dem Boden, kniete sich hin, um Blut wegzuwischen, wenn er welches entdeckte. Schiefer und Marmor waren kein Problem, der Teppich im Wohnzimmer war schwieriger. Aber er war dunkel und gemustert, also hatten sie vielleicht Glück.

Sie kniete sich neben ihn und tupfte einen Fleck ab.

»Vorsichtig«, sagte er. »Direkt neben deinem Knie sind Glassplitter. Auf noch mehr Blut können wir echt verzichten.«

Sie saß in der Hocke da und schaute ihn an. Sah sich im Zimmer um und ging wieder auf die Knie. »Warum hilfst du mir?«

»Warum nicht?« Er ließ den Blick durch den Raum wandern. »Das dürfte reichen.«

»Werden die nicht die Polizei verständigen?«, fragte Flick. »Die Spurensicherung kommen lassen?«

»Hättest du darüber nicht nachdenken sollen, bevor du einen Stein durch ihr Fenster wirfst und einsteigst?«

»Hab nicht nachgedacht.«

Er stand auf, schloss das Fenster und verriegelte es. Rieb an einem Blutstropfen auf dem Holzrahmen, bis der weg war.

Sie stand auf. »Willst du wissen, warum ich hier bin?«

Er breitete die Hände aus, lud sie ein zu sprechen.

Sie ging zum Kaminsims, starrte das Familienfoto an und zeigte auf den jüngeren der beiden Brüder. »Dieser Arsch hat mich wie Scheiße behandelt. Er hat mir Sachen versprochen. Alles nur Lügen. Er hat die ganze Zeit Tabby gevögelt und wahrscheinlich auch noch andere. Ich will Rache.«

Tyler nahm ihr den Lappen ab, dann gingen sie in die Küche. Er spülte den Lappen aus und legte ihn aufs Abtropfbrett, dann wrang er das Geschirrtuch aus und stopfte es in seine Tasche.

»Kann ich schlecht hierlassen«, sagte er. »Zu offensichtlich.«

»Du hast so was schon mal gemacht, stimmt’s?«, meinte Flick.

Sie stand dicht genug, dass er wieder ihr Parfum riechen konnte, Zitronen und Blumen.

»Warum – wenn du nichts mitnimmst?«

Er dachte an die Frau, die in ihrem Blut auf dem Boden lag, wie Barry an ihr vorbeigegangen war, an die Schrotflinte unter dem Bett. Er dachte an Bean auf dem Dach, an seine zugedröhnte und auf dem Sofa pennende Mum, an den Hund in dem verlassenen Gebäude.

»Was genau machst du hier?«, fragte er. »›Rache‹ ist ziemlich schwammig.«

Sie wedelte mit ihrer verbundenen Hand. »Ich weiß nicht, ’n bisschen Chaos hinterlassen. Was mitnehmen. Ein Feuer in seinem Zimmer machen.«

»Um dann wegen Brandstiftung einzufahren? Super Idee.«

»Tja, was schlägst du vor?«

Er war nicht sicher, ob sie wirklich Ideen hören wollte oder eher nicht. Ihr Lächeln deutete an, dass sie es selbst nicht so genau wusste.

»Alles, was du tust, beweist doch nur, dass er dir an die Nieren gegangen ist«, sagte Tyler. »Und du handelst dir damit ziemlich sicher fetten Ärger ein. Wenn du ihn wissen lässt, dass du hier warst, und wenn er wirklich so ein Arsch ist, wie du sagst, dann wird er dir auch die Bullen auf den Hals hetzen.«

»Also?«

»Also tu so, als würde er nicht existieren. Vergiss ihn und zieh weiter.«

Flick kaute nachdenklich auf ihrer Lippe. »Für so einen kleinen Typen bist du ganz schön vernünftig.«

Tyler vermutete, dass sie auf der Schule im gleichen Jahrgang waren, sagte aber nichts.

Inzwischen lächelte Flick. »Darf ich denn wenigstens auf sein Bett pinkeln?«

»Gibt Typen, die fahren auf so was ab.«

Sie schnitt eine Grimasse. »So wie ich ihn kenne, trau ich ihm das sogar zu.«

Mit einem metallischen Geräusch und Knacken hörte die Musik im Wohnzimmer auf. Die plötzliche Stille fühlte sich an, als würden sie voreinander bloßgestellt. Sie gingen hinüber, und Tyler nahm die Platte mit den Fingerspitzen hoch, steckte sie in die Hülle und sortierte sie wieder in dem Regal ein. Sein Blick fiel auf die Glasscherben und den Stein auf dem Teppich, auf die zerbrochene Scheibe, und dann hörte er ein Geräusch, bei dem er erstarrte. Schritte auf dem Kies draußen, die lauter wurden, als die Person sich dem Haus näherte. Flick warf ihm einen Blick zu, aber er schüttelte nur den Kopf. Die Schritte wurden lauter, hörten dann auf, und die Türglocke erklang. Tyler packte Flick und drückte sie an den Kaminsims. Schweigend standen sie da. Er hörte das Schlurfen von Schuhen draußen auf der Stufe, dann ein Geräusch, das Umschläge machten, die durch einen Briefschlitz geworfen wurden, wie sie innen auf die Fußmatte fielen. Wenn der Briefträger nur einen Schritt zur Seite machte und hereinblickte, musste er sie sehen. Selbst wenn er sich nur in diese Richtung drehte, würde er das eingeschlagene Fenster sehen. Tyler bewegte einen Fuß und zuckte zusammen, als er gegen den Gitterrost des Kamins stieß und Metall über Stein schrammen ließ. Flick hob die Augenbrauen. Tyler starrte aufs Fenster, wartete darauf, ein Gesicht zu sehen. Ein paar weitere Sekunden, Stille im Raum und draußen. Dann das Knirschen von Schritten, die sich die Einfahrt hinunter entfernten.

Tyler dachte an die an der Garage lehnende Leiter, die von der Vorderseite des Hauses nicht zu sehen war.

»Wir sollten besser gehen«, meinte Flick. »Irgendeine Idee, wie wir hier rauskommen?«

Tyler lächelte.

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