Kitabı oku: «IXXI», sayfa 2
Martina und Gila
Normalerweise mochte es Martina, wenn ihre Freundin Gila herüberkam, nur geschah das etwas zu oft in letzter Zeit. Ein ruhiger Abend auf der Couch mit einem Buch wäre ihr lieber gewesen. Allerdings tat es gut, mit ihr über ihren Sohn zu reden. Martina spürte eine immer größer werdende Distanz zwischen sich und Andreas.
„Ich verstehe Andy nicht mehr“, seufzte Martina.
„Weiß er denn, wie das damals mit dir und Hans war?«, fragte Gila leise und zog die Beine bequem auf die Couch. „Ich meine, dass Hans sich komplett von dir zurückgezogen hatte.“
„Ach was. Das erzählt man doch seinen Kindern nicht!“
„Er ist doch jetzt erwachsen! Der macht eine Lehre als Maler und Lackierer, bald zieht er aus, und irgendwann heiratet er seine Jana. Meinst du nicht, er hat ein Recht darauf zu erfahren, dass sein Vater unter Depressionen gelitten und sich von allen zurückgezogen hat? Er wundert sich doch, dass Hans sich nie meldet. Oder nicht?“
„Das schiebt er auf mich. Weil ich Hans angeblich aus dem Haus gegrault habe. Zuerst mit den vielen Streitereien und dann, weil ich ein Kind von einem anderen bekommen habe.“
„Ein Grund mehr, ihm alles zu erzählen. Warum willst du, dass dein Sohn dir innerlich ewig die Schuld an eurer Trennung geben wird?“
„Das tut er ohnehin. Die Wahrheit kann ich ihm einfach nicht sagen!“
„Mensch Martina!“ Gila nahm kopfschüttelnd noch einen Schluck Wein. „Wieso solltest du ewig der Sündenbock bleiben? Andy wird zu dir den Kontakt auch noch abbrechen, wenn du ihm nicht sagst, dass in Wirklichkeit sein früherer Lehrer Steffis Vater ist.“
„Soll ich ihm vielleicht sagen, dass ich mit seinem geliebten Religionslehrer ein Verhältnis gehabt habe, weil sein Vater mich nicht mehr wollte und unser Geld in diverse Spielautomaten geschmissen hat? Dass wir nur noch nebeneinander hergelebt haben? Dass ich mich allein und nicht mehr begehrt gefühlt habe? Als ob mich keiner mehr will, bis zu diesem Elternsprechtag?“
„Das ist immer noch besser, als dass er gar nichts weiß.“
„Zu spät. Ich habe ihm weisgemacht, dass ich einen One-Night-Stand in einer Kneipe hatte. Klingt doch auch viel interessanter.“ Martina goss sich und ihrer Freundin Gisela, genannt Gila, noch Wein nach.
Gila verzog zweifelnd das Gesicht. „Na, ich weiß ja nicht ...“
„Es ist besser so. Und Daniel kann seine Frau doch nicht verlassen! Sie sitzt jetzt im Rollstuhl. Diese Krankheit ist wirklich furchtbar. Ich rechne es ihm hoch an, dass er sich um sie kümmert. Dass wir zusammen sind, muss die Ärmste ja auch nicht wissen, das wäre noch schlimmer für sie.“
„Also trefft ihr euch weiterhin heimlich?“
Martina zuckte mit den Schultern. „Was bleibt uns anderes übrig? Solange Vera lebt, werden wir sie nicht verletzen. Das haben wir so verabredet, daran halten wir uns. Danach ... Schscht!“
„Hi.“ Andy kam die Treppe herunter, und winkte der besten Freundin seiner Mutter kurz zu.
„Hallöchen, Andy. Möchtest du auch Wein?“
Andy schüttelte heftig den Kopf. „Nein.“
„Nein danke, heißt das“, schnaubte Martina und sah ihren Sohn vorwurfsvoll an. Der achtete nicht darauf und starrte in den Kühlschrank.
„Mit Wein kann er eh nichts anfangen. Das ist ein richtiger Mann, der trinkt Bier“, grinste Gila. „Oder, Andy?“
Langsam drehte sich Andreas um, musterte Gila, die er seit frühester Kindheit kannte, und wandte betont den Blick ab.
„Ich trinke kein Bier“, knurrte er, nahm sich einen Becher Kakao, und stieg die Treppe wieder herauf, ohne sich noch einmal umzusehen.
„Kommt der jetzt erst in die Pubertät? Dass Steffi langsam bockig wird, ist normal, sie ist ja dreizehn. Aber Andy...? Kommt das bei Jungs später oder so?“, fragte Martina irritiert.
„Nein, Jungs zicken nicht so rum. Was hat der denn? Man könnte meinen, er war pikiert, weil ich einen Rock anhabe. Ich trage doch öfters Röcke. Oder bekomme ich langsam Krampfadern? Ist es nicht gemein, dass man immer so einen Scheiß kriegt, wenn man über vierzig ist?“
„Hat er dir wirklich auf die Beine gestarrt?“
„Ja! Aber leider nicht so, wie ich das gerne hätte“, lachte Gila. „Er guckte, als ob mir da gerade eine riesige Spinne darüber laufen würde. Irgendwie entsetzt und angeekelt.“
„So hat er heute auch geguckt, als ich ihm das mit dem One-Night-Stand in der Kneipe gesagt habe. Ob der unter die Moralapostel gegangen ist? Auf einmal?“
„Ist vielleicht nur eine Phase. Oder Hans hat doch Kontakt mit ihm und eine Menge Scheiße über dich erzählt. Und über mich auch. Der hat doch damals jedem die Schuld gegeben, er war das arme, unschuldige Opfer seiner Spielsucht. Weißt du nicht mehr?“
„Ja, stimmt. Aber irgendwie ... habe ich das Gefühl, dass er mich verachtet oder so was. Und nicht erst seit heute. Vielleicht hätte ich ihm doch sagen sollen, wie das damals mit seinem Papa war. Aber für ihn wäre das nicht schön, er hängt so an Hans. Soll er lieber weiter mir die Schuld geben.“
„Nee, das ist falsch! Er ist jetzt erwachsen. Er kann die Wahrheit verkraften.“
„Na ja ... vielleicht hast du recht ...“
„Geh schnell hoch und erzähle es ihm. Ich muss sowieso den Wein wegbringen.“ Mühsam erhob sich Gila und wankte zum Badezimmer.
Martina stand ebenfalls auf. Gila vertrug nach wie vor sehr wenig Alkohol. Bald schon würde sie zu lallen beginnen, albern werden und auf der Couch einschlafen, wenn sie noch ein Glas trank.
Martina ging die Stufen hoch und blieb kurz vor dem Zimmer ihrer Tochter stehen. Die Tür war mit einem großen „One Direction“ Poster bedeckt. Immerhin verdeckte es die Macken im Holz der alten Tür. Martina hatte damals ein Michael Jackson Poster gehabt. Sie fühlte sich uralt, wenn sie Steffis Poster ansah. Die Jungs darauf waren alle so jung. Und sie kannte keinen davon. Es war wohl ein Zeichen, dass man alt wurde, wenn einen die Boygroups und musikalischen Vorlieben
der Kids nicht mehr interessierten. Es war auch ein eindeutiges Zeichen, dass Martina den Zugang zu Steffis Welt verlor. Statt Märchenbüchern und Puppen hielten jetzt die Jungs Einzug. Nette Milchbubis mit glatten, weichen Gesichtern. In welchen ihre Tochter wohl verliebt war?
Bei Steffi lief leise der Fernseher. Martina runzelte die Stirn. Es war schon halb elf, aber vielleicht war Steffi beim Fernsehen eingeschlafen. Das passierte recht oft. Martina hob die Schultern und näherte sich dem Zimmer ihres Sohnes. Das war direkt gegenüber. Seine Tür schmückte ein Bushido-Poster. Sie hob die Hand, um zu klopfen, erstarrte aber, als sie leise eine sehr merkwürdige Musik vernahm.
Was hörte sich Andy denn da an? Sie drückte ihr Ohr gegen die Tür und erstarrte, als sie Andys Stimme leise, aber unverkennbar mitsingen hörte. Noch etwas unbeholfen klang es, aber ihr Sohn gab sich große Mühe, die schwierigen, fremd klingenden Laute genau zu imitieren.
Martina richtete sich mit klopfendem Herzen auf.
Ohne darüber nachzudenken, öffnete sie die Tür.
Andy saß vor seinem Computer. Der Bildschirm war die einzige Lichtquelle im Raum. Er starrte gebannt auf ein Video, bei dem unverständliche Worte durch das Bild liefen. Darunter waren deutsche Untertitel zu sehen. Martina entzifferte noch die Worte „... dass diese Weltreligionen der Ursprung allen Übels sind.“ Da fuhr Andy auf seinem Bürostuhl herum und schrie wütend: „Raus hier!“
Erschrocken zog Martina die Tür zu und flüchtete.
„Nanu? Das ging aber schnell!“ Gila hatte es sich wieder auf der Couch bequem gemacht.
Martina beachtete sie nicht, ging zum Barschrank und goss sich mit zitternden Händen einen Whisky ein.
„Tina? Was ist denn?“ Erstaunt sah Gila zu, wie ihre Freundin das Glas auf einen Zug leerte. Dann kam Martina wieder zurück, und ließ sich in ihren Sessel fallen.
„Du ... du glaubst das nicht! Der guckt sich da oben Videos gegen Religionen oder dergleichen auf YouTube an!“
„Oh ... nun ja, das muss man heutzutage tolerieren, wir erkennen doch jede Weltanschauung an.“
„Aber ... Er hat in so einer komischen Sprache mitgesprochen! Fast wie Chanting klang es, aber buddhistisch oder so was wie Yoga war es nicht.“
„Ja ...? Vielleicht etwas Neueres, das wir nicht kennen. Na ja, ist ja sicher auch nur eine Religion wie jede andere.“
„Meinst du?«
„Ja, na klar! Ja, es ist komisch, wenn sich junge Leute heutzutage überhaupt noch für Religionen interessieren. Aber so rücksichtslos, wie sich heute alle verhalten, fände ich etwas mehr Moral gar nicht schlecht. Es glaubt doch kaum noch einer an Gott.“
„Das schon. Durch die Aufklärung ... Früher war ein Blitz der Zorn Gottes, heute ist er nur noch eine elektrische Entladung. Alles ist erklärbar geworden. Die Menschen brauchen eben keinen Gott mehr. Aber dass Andy sich für so etwas interessiert ...“
„Vielleicht durch die Medien? Oder hat er in der Schule früher Freunde gehabt, die ihn dafür interessiert haben könnten?“
„Ja, schon. Der eine Typ, Anton, das war ein guter Freund von ihm. Der sah irgendwie spirituell aus. Der raucht und trinkt nicht, wirkt total selbstbewusst. Na ja, aber auch etwas arrogant. Der war vor ein paar Wochen mal hier, sagte nicht mal Hallo zu mir und ging gleich mit Andy nach oben. War komisch gekleidet, ganz in Schwarz. Der sah mich an, als wäre ich ein Insekt oder so etwas.“
„Glaubst du ... dass die beiden da oben über Religion geredet haben?“
“Keine Ahnung. Aber deswegen muss er mich doch nicht so ansehen, als wolle er mir den Kopf abreißen!“
„Nimm‘s nicht so tragisch. Dass du dich so kleidest, mögen so welche wie der eben nicht. Du kannst es dir ja auch leisten, bei deiner Figur. Und so ein tolles Dekolleté muss man einfach zeigen!“
„Danke, Süße.“
„Weißt du, ich habe jemanden kennengelernt ...“
Martinas Gesicht erhellte sich.
„Echt? Das wurde aber auch mal Zeit! Wie alt ist er denn?“
„Dreiunddreißig. Ja, okay, ich weiß ... Ich bin sieben Jahre älter. Aber das ist ja nicht so viel. Und das Alter ist auch nur eine Zahl. Er findet mich toll. Ich habe die schönsten Augen der Welt.“ Gila kicherte albern.
„Hast du den im Urlaub aufgegabelt?«
„Nein. Über das Internet.“
„Na, das klingt ja nett.“
„Mal sehen. Hey! Willst du nicht mit mir nach Malle?“
Martina winkte ab. „Solange Andy hier noch wohnt, ist das schlecht. Da reicht das Geld kaum. Er spart doch auf eine eigene Wohnung mit Jana und kann hier nicht viel beisteuern. Der frisst wie ein Scheunendrescher. Aber wenn er nächstes Jahr die Ausbildung beendet ... und ausgezogen ist ... dann komme ich gern mit.“
„Bis dahin ist es zu spät.“
„So?“
„Ja, mein Schatz ... er ist nicht so ein Fan vom Verreisen. Und … er zieht bald zu mir.“ Gilas Gesicht glühte und sie wirkte recht unbehaglich.
„Was? Jetzt schon?.“
„Na ja, ich wusste nicht, was du dazu sagen würdest. Ich wollte es eigentlich für mich behalten, bis ...“
„Bis es zu spät ist?“
„Bis es konkreter ist. Wer weiß, vielleicht bin ich ja doch bloß ein Flirt für ihn.“
„Klingt aber nicht so.“
„Ich glaube auch nicht, dass er nur mit mir spielt.“
„Hoffentlich klappt das alles.“ Martina beugte sich vor, und tätschelte Gilas rundlichen Arm. Sie war eigentlich sehr hübsch, hatte aber wenig Selbstbewusstsein. Sie sah eben zu viel fern. Wenn eine Frau ein paar Kilos zu viel auf den Rippen hatte, galt sie sofort als fett, hässlich und unvermittelbar. Gila versuchte gar nicht erst, einen Mann zu finden. Aber nun hatte wohl jemand sie gefunden und den eisernen Ring um ihr Herz gesprengt. Martina war froh darüber. Gila kam nur deswegen so oft vorbei, weil sie einsam war.
„Wie heißt er denn?“
„Kevin.“
„Na, dann auf Kevin!“ Martina hob ihr Glas.
Wie soll das noch enden?
Drei Monate sind seit den Attentaten vergangen. Ein Jahr, in dem die Betroffenen mit ihren gesundheitlichen Schäden, dem Trauma und dem Verlust Angehöriger umgehen lernen mussten. Detlef B., der in Berlin einen Arm verlor und auf einem Auge blind ist, will von Weihnachten nichts mehr wissen. „Es ist kein Fest mehr“, sagt er. „Die Fanatiker haben uns für immer die Freude genommen.“ Seine Tochter Franziska starb, als Andreas Ganziger seine Bombe zündete. Seine Frau erlitt einen schweren Schock, bekam nach dem Attentat Depressionen und beging vor drei Monaten Selbstmord.
„Sie konnte nie verkraften, dass sie als Einzige in unserer Familie unverletzt blieb. Und Franziskas Tod natürlich auch nicht“, so Detlef B.
Susanne P. aus Berlin feiert Weihnachten ganz groß. „Ich werde nicht zulassen, dass diese Schweine auch noch unsere Lebensfreude zerstören.“ Sie gibt sich kämpferisch. Die ganze Wohnung ist dekoriert, über jeder Tür hängt ein Kruzifix. „Früher war ich nicht besonders religiös, aber jetzt bin ich eine sehr gläubige Christin. Ich will ein Zeichen setzen, gehe jeden Sonntag in die Kirche, engagiere mich ehrenamtlich - soweit das möglich ist.“ Dabei sieht sie auf ihr verkürztes linkes Bein. Der Unterschenkel wurde abgerissen, die Milz musste entfernt und ihr Gesicht auf der linken Seite rekonstruiert werden.
„Das Glasauge fällt kaum auf, zum Glück. Und draußen trage ich immer eine Prothese. Ich lege Wert darauf, dass man mir möglichst wenig ansieht.“ Man sieht es ihr trotzdem an. In ihrem Gesicht gibt es Narben. Auf ihrer Seele noch mehr.
„Natürlich ist es schwer. Ich habe damals auch mein ungeborenes Kind verloren. Mein Mann war nicht mit dabei. Er fand es immer heuchlerisch, nur Weihnachten in die Kirche zu gehen. Da hatte er wohl recht. Er ... er verließ mich.“ Selbst wenn er jetzt zurückkäme, würde sie ihn nicht wiederhaben wollen. „Ich brauche niemanden mehr“, sagt sie. Aber es klingt verbittert.
„Meine Eltern waren herzensgute Menschen“, erklärt Rudolf D., „die haben nie jemandem etwas getan. Sie waren mit unseren Nachbarn auf dem Weihnachtsmarkt in Düsseldorf. Ich ging früher nach Hause. Und lebe noch. Sonst sind alle tot. Jeder, den ich kannte, ist tot. Meine ganze Familie. Meine Freundin lag zwei Monate im Koma. Und starb dann auch. Eine Bratwurst, das war alles. Sie wollten nur noch eine einzige Bratwurst essen und dann auch nach Hause gehen. Ich bin nur früher gegangen, weil ich noch das Geschenk für Silvia abholen wollte, das ich bei einem Kollegen gelagert hatte. Jetzt steht das Mountainbike hier herum ... Sie wird nie damit fahren.“
Rudolf D. weiß nicht mehr, wofür er noch leben soll.
„Zurzeit habe ich Kontakt mit einem anderen Überlebenden. Markus ist vierzehn und hat ebenfalls seine Eltern verloren. Er kommt damit überhaupt nicht klar. Er stand nur ein paar Hundert Meter weiter für eine Portion Pommes an, als es knallte. Er ist jetzt ganz allein auf der Welt. So wie ich. Aber in seinem Alter ist das natürlich sehr viel schwieriger. Ich helfe ihm da durch, so gut ich kann. Aber sonst weiß ich auch nicht, wofür ich noch da bin. Wenn Markus älter ist und mich nicht mehr braucht ...“
Die Schäden in den Kirchen sind so gut wie repariert, genauso wie an den Gebäuden, die durch den Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Mitleidenschaft gezogen wurden. Auch das Emere Center wurde renoviert. Die Moschee steht jedoch leer. Die Menschen leiden weiter.
Andreas Ganziger, Jan Ludreit, Lars Mölter, Achmed G., Yussuf Ö, Ibrahim H., Markus Müller, Lukas Völker und Johannes Schmidt sind zu trauriger Berühmtheit gelangt. Zum Schrecken der Überlebenden und ihrer Angehörigen gibt es im Internet Seiten, die die Attentäter als leuchtende Beispiele und Märtyrer verehren. Es ist schwierig, den Inhabern dieser Seiten auf die Spur zu kommen. „Die Server stehen im Ausland. Da haben wir kaum eine Chance“, erklärt der Sprecher des BKA. Den Angehörigen bleibt nichts anderes übrig, als den Computer auszumachen.
„Man wird so wütend. Da stehen Kommentare wie ‚die widerlichen Ungläubigen schmoren jetzt in der Hölle! Gott lebt!‘"
Margot S. verlor ihren Sohn und ihre Schwiegertochter, als Lars Mölter seine Bombe zündete.
"Mit welchem Recht meinen diese Extremisten uns auf so feige Weise ihren Glauben aufzwingen zu können? Gegenkommentare werden einfach gelöscht. Die sind an unserer Meinung gar nicht interessiert. Da kommen höchstens übelste Beleidigungen und Verhöhnungen von uns, unseren Werten, unserer Religion und unserer Lebensweise. Und dann löscht der Admin unsere Kommentare, lässt aber die dieser Hetzer stehen."
Auf meine Frage wird sie noch wütender. "Natürlich sind das Hetzer! Sie hacken auf uns herum und setzen uns herab! Haben Sie mal die Kommentare gelesen?"
Die Herabwürdigung und Verhöhnung der Opfer auf beiden Seiten ist tatsächlich besorgniserregend. Allerdings sind es nur vereinzelte Fanatiker, die Deutschland so etwas angetan haben.
"Das ist doch Quatsch“, schnaubt Kerstin Ludreit, die Schwester eines der Attentäter und nunmehr leider Verschwörungstheoretikerin. „Finden Sie es nicht merkwürdig, dass es in Deutschland auf einmal so brodelt? Dass in dem Center einem Attentäter und einer Zeugin nur einmal gezielt in den Kopf geschossen worden ist? Während alle anderen von Salven aus Maschinengewehren zerfetzt wurden? In meinen Augen war das eine Hinrichtung, um Augenzeugen aus dem Weg zu räumen. Das war alles Absicht. Teile und herrsche.“ Das Internet strotzt nur so von Fake News dieser Art. Manche Menschen klammern sich an solche lächerlichen Aussagen, weil sie die Realität nicht verkraften.
Die Anschläge haben Verwirrung, Misstrauen und Trauer erzeugt und Hass geschürt.
„Was bringt es diesen Gruppierungen denn, Menschen in die Luft zu sprengen? Außer, dass ihnen jetzt nur noch mehr Wut entgegenschlägt?", fragte Martina Ganziger verzweifelt nach ihrer Entlassung aus der Psychiatrie. „Wieso haben sie meinen Sohn dazu gebracht, so etwas Schreckliches zu tun? Andreas war so ein guter Junge, sein ganzes Leben lang. Dann weckte irgendein Extremist sein Interesse an dieser Religion, und er entglitt mir völlig. Jetzt ist er tot und hat so viele Unschuldige mit in den Tod gerissen. Ich verstehe einfach nicht, wie das passieren konnte.“
Martina Ganziger traute sich seit den Attentaten nicht mehr vor die Tür.
„Sie glauben ja nicht, was ich schon alles im Briefkasten hatte. Die bringen mich noch um …“
Uwe L. Und Heike P. sind nicht mehr auffindbar, Julia F. verweigert jede Zusammenarbeit.
Ali Y. schlug unserem Team die Tür vor der Nase zu. Viele Überlebende sind so traumatisiert, dass sie nichts mehr hören oder sehen wollen. Die meisten verlassen das Haus kaum noch.
Deutschland ist seit dem 24.12.2016 ein Hexenkessel, in dem es brodelt. Linke und Rechte schieben sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe, im Internet droht man mit weiteren Anschlägen, Demonstrationen werden gewaltsam niedergeschlagen. Die Trauer weicht der Wut.
Moscheen und Kirchen wurden niedergebrannt, muslimische Gemeindezentren mit Schweineblut besudelt.
Wie soll das noch enden, steht an die Wand des Hauses gesprüht, in dem Martina Ganziger sich versteckt hält.
Darauf kennt niemand die Antwort.
Nach Hause kommen
„Habt ihr auch die Pinsel gestern noch gewaschen?“
„Ja, hat Murat gemacht.“ Andreas hievte das Werkzeug in den Lieferwagen und sah seinen Chef stirnrunzelnd an. Der fand, Andreas hatte in letzter Zeit sehr schlechte Laune.
„Unsere Pinsel sind alle sauber“, versicherte Murat grinsend und reichte Andreas zwei Farbeimer.
„Gut. Dann steigt mal ein. Wir sind schon spät dran.“ Markus Derkwert schloss die Türen und setzte sich ans Steuer. Murat und Andy stiegen hinten ein.
Markus fuhr los und schaltete das Radio an, denn heute gab es komischerweise keine Gespräche. Murat sah seinen Freund zwar von Zeit zu Zeit irritiert an, aber Andy hatte seine Nase in ein Buch gesteckt. Das war auch gut so, denn so sah man Andys finsteres, inzwischen bärtiges Gesicht nicht.
Markus sah in den Rückspiegel und betrachtete Andys unordentlichen Haarschopf, der tief über sein Buch gebeugt war.
"‘Guidelines for a New World?` Was ist denn das?", fragte Markus überrascht.
Andreas zuckte mit den Schultern. „Eine sehr vernünftige Weltanschauung.“
„Aha. Und seit wann interessiert dich das?“
„Seit ein paar Wochen“, murmelte er.
„Ist das so etwas wie der Koran? Nix für ungut, Murat", setzte Markus hastig hinzu, "ich finde das nur etwas ungewöhnlich.“
„Ich auch. Das Buch da kenne ich nicht. Der Islam ist besser, da sei mal sicher. Willst du konvertieren, Andy? Das kannst du bei uns in der Moschee tun“, versicherte Murat eifrig.
Andreas brummelte nur etwas Unverständliches und las weiter.
Markus und Murat tauschten einen verständnislosen Blick im Rückspiegel.
„Endlich Pause.“ Erleichtert gesellte sich Murat zu Andy, der lustlos an seinem Brot kaute, und zündete sich eine Zigarette an. Sofort hob Andy den Kopf und sah seinen Freund scharf an.
„Was ist denn?«, fragte der verwundert.
Da fragst du noch? Du rauchst!«, donnerte Andy.
„Ja, und?«
Du weißt doch, dass das verboten ist?"
„Verboten? Hä?“
Na, bist du nun Moslem oder nicht?", fragte Andy scharf.
"Natürlich bin ich einer. Vom Rauchen steht nichts im Koran!"
"Aber dass man seinem Körper keinen Schaden zufügen soll! Und dass Rauchen schadet, ist ja wohl bekannt! Nimmt denn keiner mehr seine Religion ernst? Fürchterlich!"
„Woher weißt du denn, was im Koran steht? Ich dachte, dich interessiert nur dieser „‘Guidelines for a New World?‘ Langsam glaube ich, du spinnst. Wo kommt das denn auf einmal her?“
Ärgerlich schüttelte Andy den Kopf. „Nur, weil ich mein Leben lang in einer geistigen Wegwerfgesellschaft gelebt habe, muss das ja nicht heißen, dass es so bleibt. Ich weiß, was in Koran, Bibel, Tora und Talmud steht. Und was Buddha sagte. Es hält sich niemand mehr dran. Ich finde das heuchlerisch! Sieh doch nur einmal fern. Wie viele nackte Brüste du da zu sehen bekommst!“
Murat grinste. „So schlimm ist das ja nun auch wieder nicht.“
„Ein schöner Moslem bist du mir.“ Andreas schüttelte verächtlich den Kopf.
„Deinen Humor hast du heute wohl zu Hause gelassen?“ Murat musterte seinen Freund besorgt.
„Wirst du jetzt etwa zu so einem Fanatiker? Was sagt denn Jana dazu?“
Andreas‘ Gesicht verfinsterte sich. „Ich soll ein Fanatiker sein? Nur, weil ich mich mit Weltreligionen beschäftige?“
„Das ist immer so eine Sache. Man muss doch nicht anderen immer sagen, was sie zu tun haben, oder? Meine Eltern hängen mir schon immer an den Hacken, dass ich endlich heiraten soll. Jetzt fang du nicht auch noch an.“
Murat warf seine Zigarette weg und trat sie aus. Andreas brachte es fertig, dass einem nicht einmal mehr die Pausenzigarette schmeckte! Als er seinen Fuß wegnahm, bemerkte er etwas Rosiges und Rundes neben dem zertretenen Stummel.
„Was ist denn das?“ Er sah auf das fast aufgegessene Brot seines Freundes.
Bist du deswegen so schlecht drauf? Weil dir dein Schinken runtergefallen ist?«
"Runtergefallen? Das ist Fleisch!", donnerte Andreas. „Ich sollte mir meine Brote besser
selbst schmieren!“
„Äh, und was ist falsch daran?“,
„Es ist nicht erlaubt, Fleisch zu essen!“
„Ach? Wieso denn nicht?“
„Ist dir nicht klar, wie viel Weidefläche für die Haltung von Tieren benötigt wird? Wie viel Wasser und Strom? Mal davon abgesehen, dass das Töten von Tieren falsch ist!“
„Echt jetzt?“
„Natürlich.“
„Du isst also kein Fleisch mehr?“
„Und trinke keinen Alkohol und nehme auch sonst nichts mehr zu mir, was ich nicht unbedingt benötige. Alkohol schadet der Leber. Dann muss ich irgendwann in ärztliche Behandlung, Medikamente schlucken, die auch wieder aufwendig hergestellt werden müssen und brauche vielleicht sogar eine teure Operation. Alles Ressourcenverschwendung. Eher würde ich Insekten essen. Gutes Protein. Oder Menschen, davon gibt es ja nun wirklich genug!“
„Igitt! Du machst hoffentlich Scherze?“
„Wer weiß ...“
„Völlig bekloppt, was du da sagst. Ich finde das ziemlich merkwürdig.“
„Ich nicht. Das macht alles Sinn.“
Murat warf einen Blick auf das finstere Gesicht seines Freundes. Die harten, zornigen Augen und der zottelige Bart, den er sich wachsen ließ, betonten nur noch den freudlosen Eindruck, den man von Andy heute bekam. Er hatte eigentlich ein offenes, freundliches Gesicht gehabt. Jetzt konnte man beinahe Angst vor ihm bekommen.
"Ey Alter ... Hör mal, es ist ja total super, dass du mehr moralisch drauf sein und den Planeten retten willst und so, aber sieh das bitte etwas lockerer, okay?"
"Locker? Es steht doch alles ganz klar in meinem Buch geschrieben! Da gibt es nichts dran zu ruckeln!"
„So was wird doch dauernd falsch ausgelegt! Da hat jeder seinen eigenen Blickwinkel! Guck dir doch an, was da drinnen abgeht.“ Murat wedelte mit der Hand in Richtung des Hauses, in dem die beiden gestern noch gestrichen hatten. „Der Alte sagt, im Baumarkt hätte der Mitarbeiter gesagt, rubinrot passt am besten. Seine Alte behauptet, es wäre dunkelrot gewesen. Wir waren erst gestern da, aber jetzt wissen sie schon nicht mehr, wie die Farbe hieß, die an die Wand gepinselt wurde! Menschen sind halt nicht perfekt. In drei Jahren wissen die mit Sicherheit überhaupt nicht mehr, was sie da an der Wand haben. Oder spiel doch mal ‚stille Post‘. Da siehst du erst, was am Ende rauskommt, wenn ein paar Menschen einen Satz weitergeben sollen. Du nimmst das echt zu ernst!"
Finster sah Andreas seinen Freund an.
"Denkst du über den Koran etwa auch so? Du bist ja ein feiner Moslem", brummte er verächtlich und ging zurück ins Haus.
„Und du machst mir langsam Angst“, murmelte Murat und folgte ihm.