Kitabı oku: «IXXI», sayfa 3
Aus Andreas Ganzigers Tagebuch
Murat hat mich heute gefragt, warum.
Zuerst war ich auch voller Zweifel. Ich hatte für Religionen nichts übrig. Der Buddhismus schien mir ganz okay zu sein. Aber dort gibt es nur Heuchelei. Alle Weltreligionen sind voller Heuchelei. Gott spricht klar, es gibt keine Fehlinterpretationen. Er wird alle Religionen vernichten und seinen klaren, leuchtenden Weg des Lichts anbieten. Wehe denen, die das nicht annehmen wollen. Sie werden ebenfalls die Bewohner des Feuers sein. Ja, zuerst war ich sehr skeptisch. Und ich dachte jedem das seine, soll doch jeder glauben, was er will. Aber dann fand ich durch Gottes Gnade an jenem Tag mein Buch in der Straßenbahn. Scheinbar hatte jemand in der Bahn darin gelesen und es dann in seiner Dummheit einfach zurückgelassen, weil er nicht verstehen wollte. Anton gab mir später meine Neufassung, die mit dem Golddruck, als ich mehr wissen wollte und daher Kontakt zu ihm gesucht hatte. Anton nahm mich auch mit in unseren Tempel. Da drinnen erfüllte mich ein Gefühl von Geborgenheit. Zugehörigkeit. Ich habe mich sofort wohlgefühlt.
Es war, als wäre ich nach Hause gekommen.
Ich war sehr überrascht, wie komplex diese Anschauung ist. Mit ab und zu Beten ist es nicht getan. Jeder Aspekt des Lebens ist geregelt. Die Suche nach einem Sinn im Leben entfällt sofort. Auch die Frage "mache ich dieses und jenes richtig oder nicht?", wird beantwortet.
Es war eine Erleichterung. Dieser Glaube hat so etwas Reines, Sinnvolles. Man lebt so, wie Gott es will. Endlich tut man das Richtige und konzentriert sich vollständig auf Gott. Und man gehört zu einer enorm großen Gemeinschaft. Es ist ein tiefes Gefühl von Frieden und Zugehörigkeit. Man zählt als Mensch, nicht mehr nur als jemand, der die tollsten Klamotten trägt, am besten aussieht oder die meisten Biere trinkt. Mir dröhnte erst der Kopf, weil ich so vieles falsch gemacht hatte, aber durch die Konversion ist man wie neu geboren. Ich gehöre jetzt zu denen, die sehen können. Anton hat mir so vieles erklärt. Unsere Welt ist eine einzige Lüge, in der die Menschen sich von Werbung und schlechten Filmen einschläfern lassen. Er zeigte mir solche Werbespots. Ich kannte einiges davon, aber mir war nicht klar, welchen Sinn sie erfüllen.
„Sieh, was dir da vorgelebt wird. Du sollst konsumieren, Ressourcen verschwenden. Brauchst du wirklich zwanzig verschiedene Joghurtsorten? Zehn Paar Schuhe? Das neuste Tablet oder Smartphone? Den größten Fernseher? Kleidung, die aus armen Ländern kommt? Und auch noch ganze Berge davon? Ein eigenes Auto? Es könnten fünf Menschen damit transportiert werden, aber es sitzt immer nur einer darin. Braucht deine Freundin Blumen, die nur ein paar Tage halten und ebenfalls im Ausland hergestellt werden und durch das ganze Land transportiert werden müssen? Sieh dich um, du bist umgeben von Verschwendung. Sie schadet uns allen. Wir beuten diesen Planeten aus. Da Gott dich zu uns gebracht hat, ist all das für dich nun vorbei.“
Ich hatte endlich etwas gefunden, das größer ist als ich, umfassender. Ich kann mich endlich fallenlassen. Anton hat das auch gesagt.
„Du suchst? Du hast gefunden, Bruder“, sagte er und umarmte mich.
Murat enttäuscht mich. Gerade er sollte es verstehen. Aber er denkt, ich sehe das alles viel zu eng.
Die Botschaft ist doch klar! Wer sich weigert, sie zu lesen, weigert sich, Gottes Gebote anzuerkennen.
Unsere Lebensweise ist so falsch ... Gott versteht das, wenn es ihn gibt, hat meine Mutter doch eben tatsächlich gesagt, als ich sie auf ihr Leben angesprochen habe. Dieses Leben ohne Moral, diese Art, sich zu kleiden. Sie scheint es toll zu finden, wenn Wildfremde ihren Busen sehen können. Abscheulich! Ist eine Frau nicht mehr als ihr Körper? Sie lockt so nur Männer an, die ihr Kinder machen. Unser Planet platzt aus allen Nähten, und die Leute machen immer noch Kinder. Ohne weiter darüber nachzudenken. Jedes Mal, wenn meine Mutter im Minirock und knappen Oberteil auf die Straße geht, stempelt sie sich zur Waster-Queen und mich zum Schlappschwanz, weil ich sie nicht davon abhalte ...
Susanne, 31.10. 2016
Susanne Peinig starrte ihren Mann entgeistert an. Das muss ein Traum sein, dachte sie wie betäubt. Ein sehr realistischer Albtraum. Mathias ist doch gar nicht so einer. Und erst gestern hatte er noch mit ihr geschlafen.
„Jetzt? Du sagst mir das jetzt? Zehn Minuten, bevor wir zu einer Halloweenparty gehen, und ich in einem schwarzen Kleid, roter Perücke und albernem Hexenhut hier sitze und mir die Schuhe anziehe?“
Mathias befeuchtete nervös seine Lippen und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. Schweißperlen standen ihm auf der grünen Stirn mit den aufgemalten schwarzen Strichen, die Nähte darstellen sollten, denn er ging als Frankensteins Monster. Susanne hatte ihm eigens für die Party einen alten Anzug ihres Vaters
besorgt, der die gleiche Figur besaß, aber etwas kleiner war als sein Schwiegersohn. Wie im Film waren Ärmel und Hosenaufschläge zu kurz. Das perfekte Kostüm für den perfekten Ehemann. Nun erzählte er ihr, dass er sich in seine Arbeitskollegin verliebt habe und sie, Susanne, verlassen wollte.
„Es war ja keine Absicht, dass das passiert ist. Und da es zwischen uns nicht mehr läuft …“
„Es gehören immer zwei zu. Na klar läuft es zwischen uns nicht mehr so wie am Anfang. Immerhin sind wir schon elf Jahre zusammen. Und hör mir mit Absicht auf! Entweder man lässt so etwas zu oder eben nicht. Du hast es zugelassen. Man verliebt sich nicht einfach in jemandem, nur weil man ihm oder ihr über den Weg läuft. Da muss es eine Entwicklung geben. Man passt den anderen ab, labert ihn immer wieder an, spricht über Dinge, die über die Arbeit hinausgehen. Da steckt auf jeden Fall eine Absicht dahinter!“ Sie stand vom Bett auf und starrte ihren Mann an. Es konnte einfach nicht wahr sein. Ihr Herz hämmerte.
„Ich wollte mich aber nicht verlieben! Und Katrin auch nicht!“
„Katrin? Hatte die nicht was mit eurem Chef?“
„Das war nur ein Gerücht. Da ist nichts dran.“
„Sagt wer, Katrin?“, höhnte Susanne. „Kann mir ja auch egal sein, wenn du für die Betriebsmatratze unsere Ehe das Klo runterspülst!“
„So darfst du über Katrin nicht reden, sie kann am wenigsten dafür!“
„Wenn sie dafür nichts kann, dann warst du die treibende Kraft, du Arsch!“, schrie Susanne. Zitternd sank sie auf das Bett und fuhr wie von der Tarantel gestochen wieder hoch. Dieses Bett … ihr gemeinsames Bett!
„Gestern noch hast du mit mir geschlafen!“, schleuderte sie Mathias entgegen. „Darf ich fragen, wieso?“
„Das war … na ja, wie ein Überprüfen meiner Gefühle für dich. Oder alte Gewohnheit, keine Ahnung!“
„Was?!“
„Es ist ja nicht so, dass ich dich nicht mehr lieben würde“, stammelte Mathias hilflos. „Aber ich liebe Katrin mehr…“
Susanne konnte kaum glauben, was sie da hörte. Sie brach in bitteres Gelächter aus.
„Das gibt‘s doch nicht … Jetzt weiß ich wenigstens, wieso du mich immer so merkwürdig angesehen hast. Schuldgefühle waren das. Und ich Idiot dachte, dass du und ich uns wieder mehr annähern und du mich ansiehst, weil du mich endlich wieder wahrnimmst. Statt wie üblich deine Nase nur noch in dein Tablet oder Smartphone zu stecken. Und ich hatte mich so gefreut, dass das bedeutet, dass unser Kind in einer intakten Familie groß werden wird.“
Mathias klimperte mit den Augenlidern und sah in diesem Augenblick genauso dumm aus, wie man sich Frankensteins Monster für gewöhnlich vorstellte.
„Kind …? Du meinst doch nicht …?“
„Doch. Ich war gestern beim Gynäkologen und wollte dir heute auf der Party mitteilen, dass wir Eltern werden. Pino hat schon eine Babypuppe bereitgelegt. Sollte ganz toll und lustig werden. Das kann man jetzt wohl vergessen.“ Susanne brach in Tränen aus. Schwarze Schlieren liefen ihr über die Wangen. Das Augen-Make- up war auf solche Neuigkeiten nicht vorbereitet gewesen.
Aber ich auch nicht, dachte Susanne.
Jana
Martina lächelte erfreut, als sie die Tür öffnete.
„Hi, Jana, komm doch rein!“
Jana lächelte dünn. „Danke.“
Martina runzelte die Stirn, als Jana an ihr vorbeiging. Die Verlobte ihres Sohnes trug zum ersten Mal einen Rock, allerdings einen ziemlich langen. Obwohl es draußen warm war, hatte sie sich ein langärmeliges T-Shirt angezogen. Make-up trug sie auch nicht.
„Alles okay bei dir?«, konnte sich Martina nicht verkneifen zu fragen.
„Ja ... ja, klar. Kann ich zu Andy raufgehen?«
„Sicher, mach nur.« Martina kehrte zu Gila zurück, die in der Küche saß. Gila hatte sich heute krankschreiben lassen. Ihr Kevin hatte sich nun schon seit über einer Woche nicht mehr gemeldet.
Martina seufzte innerlich vor Mitleid. Das Licht, das Gila von innen erhellt hatte, war erloschen. Ihre Freundin wirkte viel älter, als sie war. Sie lächelte nicht, und Kopf und Schultern hingen herab.
„Wer war es denn?“, fragte sie nur mäßig interessiert und rührte lustlos in ihrem Kaffee.
„Bloß Jana. Aber ich verstehe langsam nur noch Bahnhof. Andreas sieht furchtbar aus, isst kein Fleisch und lächelt überhaupt nicht mehr, Jana läuft rum wie eine Vogelscheuche, dein Kevin lässt dich hängen ... Versteh das, wer will.“ Martina setzte sich. Gila starrte noch immer auf ihr Handy.
„Ja. Ich wusste es ja. Der hat bestimmt eine Hübschere, Jüngere ... Schlankere.“ Tränen liefen Gila über die Wangen.
Martina wusste nicht, wie sie ihre Freundin trösten sollte.
Aus „Verlobt mit dem Monster“ von Jana M.
Als ich an diesem Nachmittag zu Andy raufging, hatte ich mir nach unserem Streit vom Wochenende viel Mühe gegeben. Als er mich von meinem Arbeitskollegen wegriss und mich beschuldigte, ihm schöne Augen gemacht zu haben, war ich ziemlich perplex. Vor allem, weil er meinte, ich würde es mit meinen »engen Klamotten« und »tiefen Dekolletés« ja herausfordern. Und er schrie, er habe den Eindruck, er wäre mit einer Hure zusammen.
Das war schön peinlich. Wir sind öfters am Samstag weggegangen, meistens mit Freunden. Murat, Andys Arbeitskollege, war immer mit von der Partie. Nie hatte es Andy etwas ausgemacht, dass meine Kleidung sexy war.
Murat war dieses Mal nicht mitgekommen und ich dachte, das war der Grund für Andys schlechte Laune.
Darauf schob ich es auch, dass er wegen meiner Klamotten ausrastete. Die hatten sicher Streit, dachte ich. Ganz üblen Streit. Und dann hatten wir auf einmal ganz üblen Streit.
Ich war Samstag mit einem Taxi nach Hause gefahren, Andy hatte sich entschieden zu bleiben. Den ganzen Sonntag hatte ich nichts von ihm gehört. Weder hatte er sich entschuldigt, noch wollte er über die Sache sprechen. Nachrichten blieben unbeantwortet.
Montag zog ich mich so konservativ an, wie es nur ging, und fuhr zu ihm. Ich trug sogar lange Ärmel, weil er Samstag irgendwas von „nackten Armen“ gesagt hatte. Bei der lauten Musik hatte ich nicht alles verstanden. Ich machte mir damals ziemlich Sorgen ... Wir haben immer über alles reden können. Wenn es mal Streit gab, war eigentlich er es immer, der das Gespräch suchte. Er konnte es nicht gut ertragen, wenn zwischen uns nicht alles in Ordnung war. Aber er war wirklich anders geworden.
Am Samstag hatte er gar nicht ausgehen wollen, es war ihm plötzlich unangenehm. Er hatte mich nicht geküsst, wollte nicht Hand in Hand mit mir gehen. Als ich mir ein Bier bestellen wollte, hat er mir schweigend ein Wasser gebracht. Ich solle immer nur nippen, sagte er. Mehr als ein Wasser wäre Verschwendung. Und er war so ernst. Lächelte nicht, lachte nicht. Er sah mit bösem Blick auf die Tänzer und vor allem auf die Frauen, die lachten und Spaß hatten. Das alles schob ich auf den Streit, den er meiner Meinung nach mit Murat gehabt hatte. Dass all das schon ein Anzeichen für seine Veränderung war, wusste ich da noch nicht.
Ich erfuhr es erst, als ich an diesem Montag in sein Zimmer ging.
Andy stand eigentlich auf Hip-Hop und Rap, aber als ich vor seiner Tür stand, hörte ich so komisches Zeug … klagendes Gejammer. Irgendwie gruselig. Seine Tür war auch anders, sie sah nackt aus. Alle Poster waren verschwunden. Man sah noch Reste vom Klebeband.
Ich ging rein. Andy sprang von seinem Bürostuhl hoch und funkelte mich wütend an. Dann erkannte er mich.
„Oh, du bist es“, murmelte er und pausierte das Video, das er sich ansah.
„Ja. Ich.“ Mein Herz klopfte wie wild. Andy sah unentschlossen auf den Boden. Ich hatte in seinen Augen kein Strahlen gesehen, so wie früher. Er kam nicht zu mir, um mich zu begrüßen, nahm mich nicht in den Arm. Dann blickte er auf, und ich erschrak. Da war keine Liebe mehr in seinen Augen, aber dieser „wie sage ich es ihr am besten“ Ausdruck in seinem Gesicht.
Wenn man bereits in einer Beziehung war, in der der andere Schluss gemacht hat, dann hat man dieses Gesicht schon einmal gesehen. Aber bei Torsten damals war es im Grunde nichts Ernstes gewesen. Wir haben ein paar Wochen zusammen verbracht und waren kein echtes Paar gewesen. Es war nicht schlimm, als er erst herumdruckste und dann sagte, er habe eine andere Frau kennengelernt und es wäre vorbei zwischen uns beiden.
Aber Andy und ich waren nun schon seit Jahren zusammen. Wir hatten eine richtige Beziehung und sparten auf unsere erste gemeinsame Wohnung. Wir kannten uns durch und durch. Ich hatte schon oft die Nacht mit ihm in diesem Zimmer in seinem schmalen Bett verbracht. Am nächsten Tag hatte ich mit Martina und Steffi am Frühstückstisch gesessen. Er war ein Teil von mir und ich ein Teil von ihm.
Hatte ich jedenfalls gedacht. Er saß an seinem schmuddeligen Schreibtisch.
Leere Gläser standen darauf, aber keine Bierflaschen mehr. Und das war es, was mir dann zum ersten Mal richtig auffiel. Andy ohne Bier - das gab es einfach nicht.
Mir wurde da endlich klar, dass ein Fremder vor mir saß.
„Du hast dich nicht gemeldet, weil Schluss ist, oder?“, fragte ich. Er nickte, und in mir wurde alles kalt und taub.
„Hättest du mir das nicht wenigstens sagen können?“, fragte ich. Meine Hand umklammerte noch immer die Türklinke, vielleicht wäre ich sonst gefallen.
Mein Andy ... Es konnte doch nicht wahr sein! Wir liebten uns doch!
Er zuckte nur mit den Schultern. Ich spürte, dass ich störte. Ich war ihm nicht einmal wichtig genug, dass er ordentlich Schluss mit mir machte. Das Gejaule auf dem Bildschirm zählte, ich nicht. Der Typ in dem Video hatte eine lange schwarze Kutte an, trug eine hohe, spitz zulaufende Kopfbedeckung. Da fiel es mir endgültig wie Schuppen vor die Augen.
„Du bist zu irgendetwas übergetreten, stimmt’s? Deswegen die Musik, das Gemecker wegen meiner Klamotten. Und jetzt bin ich dir nicht mehr gut genug!“
„Du und ich ... das war nicht richtig.“
„Wieso denn nicht?“
„Aus Beziehungen entstehen nun einmal Kinder. Und unser Planet kann keine weiteren Kinder mehr ertragen.“
„Hä? Aber wir verhüten doch?“
„Kein Verhütungsmittel ist ganz sicher.“
„Ja, aber ... wir haben doch sogar vom Heiraten gesprochen.“
„Das möchte ich nicht mehr.“
„Aber ...“
„Du und ich sind zu unterschiedlich. Ich möchte die Erde retten, du nur Ressourcen verschwenden“, erklärte er. „Partys in stromverschwendenden Diskotheken, Alkohol, immer neue Klamotten, Fast Food … du denkst nicht über die Zukunft nach.“
„Das … das stimmt doch gar nicht, ich verschwende doch nichts ...“, murmelte ich perplex. Verglichen mit meinen Freundinnen hatte ich kaum Klamotten gekauft, und auf einmal verschwendete ich Ressourcen?
„Du wirst das nicht verstehen, Jana. Wir haben zu verschiedene Ansichten und Ziele im Leben. Eine Frau, die mit einem Mann ins Bett springt, ist immer in Gefahr, dem Planeten Schaden zuzufügen. Nur weil du deinen Müll trennst, denkst du, du wärst fein raus und hättest deinen Teil beigetragen. Du bist eine Umweltverschmutzerin. Schon durch deine Geburt. Genau wie ich auch.“
„Was ... wie ... sag mal, spinnst du jetzt total?“, rief ich, aber in mir schien alles zu zersplittern. Unser geplantes gemeinsames Leben, unsere schöne Zeit zusammen - vorbei. Einfach so.
„Wenn ich nicht hergekommen wäre, hätte ich es nicht einmal erfahren, oder?“, fragte ich bitter. Wieder zuckte er nur die Schultern. Ich sah damals, dass ich es ihm nicht wert war, dass er mich für eine letzte Aussprache anrief oder bei mir vorbeikam. Das war irgendwie das Schlimmste. Er mochte mich überhaupt nicht mehr, respektierte mich nicht mehr als Person, als Mensch. Auch jetzt schwieg er nur, und ich spürte, dass er sich wünschte, ich würde gehen.
„Du hast mich doch mal geliebt“, flüsterte ich erschüttert.
„Aber nun liebe ich Gott. Den echten, einenden Gott“, sagte er leise und sah mich endlich richtig an. Sein Blick war fest, kalt und klar. Da gab es keinen Zweifel und auch kein Bedauern. Er hatte mit mir schon Samstagabend abgeschlossen und mir nichts davon gesagt. Es war der letzte Blick, den ich mit ihm tauschte. Er wandte sich wieder seinem Video zu und ließ es weiterlaufen. Er regte sich nicht, als ich sein Zimmer verließ und die Tür hinter mir zuzog.
Wer, fragte ich mich, war dieser einende Gott, der zwei Liebende trennte?
Der neue Andy
„Jana ...? Nanu? Was ist denn?“ Martina fing Jana gerade noch an der Haustür ab. Sie war die Treppe heruntergestürzt, als sei der Leibhaftige hinter ihr her. Tränen liefen ihr über die Wangen, und ihr Gesichtsausdruck ließ Schlimmes ahnen.
„Dein Sohn hat mit mir Schluss gemacht“, schluchzte sie.
Martina riss die Augen weit auf. „Was? Einfach so? Aber ihr seid doch schon so lange zusammen! Wieso denn?“
„Ich ... Er ...“
„Komm mit in die Küche. Gila ist auch da.“
Martina zog das arme Ding, das sie immer als ihre Schwiegertochter akzeptiert und sehr gemocht hatte, in die Küche und goss ihr einen Cognac ein.
„Trink das.“
„Ich bin mit dem Auto hier“, protestierte Jana und fischte in ihrer Handtasche nach einem Taschentuch.
„Ich bringe dich nach Hause. In dem Zustand kannst du sowieso nicht fahren.“
„Hier, ich habe mehr als genug«, sagte Gila düster und reichte Jana ein Taschentuch.
„Jetzt erzähl mal. Was ist dem denn jetzt über die Leber gelaufen?“ Martina stellte eine Packung Kekse auf den Tisch. Gila griff sofort zu.
„Er ... er gehört jetzt zu so einer Art Sekte und ich bin nicht mehr gut genug.“
„Echt? Wieso hast du mir das nicht erzählt, Tina?“, fragte Gila aufgeregt.
Martina hob verblüfft die Schultern.
„Weil ich es selbst nicht wusste. Dass er Interesse daran hat, ja, das war mir klar. Aber dass er so richtig ... Das ist mir neu. Und jetzt denkt er, du bist nicht mehr die Richtige? Aber er liebt dich doch so!«
Jana brach in neue Tränen aus. Gila streichelte ihr mitfühlend den Arm.
„Er will keine Frau, die Sex hat“, schniefte Jana. Gila blinzelte irritiert.
„Hä?“
„Ich muss mal mit ihm reden“, meinte Martina kopfschüttelnd. „Das ist doch alles Unsinn! Seit dieser Anton hier war, ist mein Andy ein völlig anderer Mensch!“
„Jemand kann sich doch nicht innerhalb von ein paar Wochen oder Monaten so verändern“, klagte Jana.
„Andy ist doch ein vernünftiger, aufgeklärter Mensch! Ich rede mit ihm, okay?“, tröstete Martina. „Das wird sich schon klären!“
Jana sah Martina verzweifelt an.
„Das wird nichts nützen. Du hättest ihn sehen müssen. Das ... das ist nicht mehr der Andy, den ich kenne.“
„Scheinbar ist er nicht mehr der Andy, den wir alle mal kannten“, sagte Gila. Martina und Jana tauschten einen unbehaglichen Blick.