Kitabı oku: «IXXI», sayfa 4
Sophias Geschöpf
„Bedroom ... bathroom ... attic ... hall ...“ Steffi zog die Stirn kraus. Schon wieder hatte sie „bathroom“ und „bedroom“ verwechselt. Blöde Sprache! Sie zuckte heftig zusammen, als sie ein Geräusch an der Tür hörte. Ein Kratzen und Schaben. Dann öffnete sich ihre Zimmertür, und Andy kam rein, ohne zu klopfen. Er hatte etwas in der Hand. Eine Rolle aus dickem Papier. Noch ehe Steffi erkannte, dass es ihr „One Direction“ Poster war, das außen an der Tür hing, war Andy schon zu ihrem Bett gegangen, hinaufgeklettert und nun zerrte er entschlossen ihr Poster mit dem Robbenbaby von der Wand!
„Hey! Was machst du denn da!“ Entsetzt sprang Steffi ebenfalls auf ihr Bett, und packte ihn am Arm. Aber Andy achtet nicht auf sie. Er riss beide Poster in Fetzen und machte mit den kleineren Bildern von Pia Lindemann und Zayn Malik weiter.
„Andy! Was soll denn das! Hör auf! Hey!“ Mit beiden Händen versuchte Steffi, ihn am Zerreißen ihrer Fotos zu hindern. Andy hatte sich ihrer Pinnwand zugewandt und verwandelte die Urlaubsbilder von Luke, ihrer ersten Liebe aus Wales, zu Konfetti. Gegen Andy hatte die zarte Steffi keine Chance. Er machte einfach weiter, ohne auf ihren Protest zu achten. Er hörte nicht mal auf, als er seiner Schwester versehentlich auf den Fuß trat. Selbst ihr erschrockenes “Aua“ störte ihn nicht.
Steffi sprang zurück auf den Boden und sank schluchzend auf den mit Krümeln übersäten Teppich. Klagend strich sie über die zerstörten Poster und Fotos.
Sie ließen sich nicht ersetzen. Denn Luke hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen und der Kontakt war abgebrochen.
„Hey, meine Kleine, weine nicht“, sagte Andy mit weicher Stimme und setzte sich neben sie. „Ich kann dir das erklären. Ich habe es nur zu deinem Besten gemacht.“
„Hä? So ein Quatsch!«, rief Steffi. „Was soll das denn!“
„Du darfst dir nicht Bilder von irgendwelchen Jungs ansehen. Du wirst dich verlieben und an unmoralische Dinge denken. Das macht dich anfällig für Gleichaltrige, die sowieso nur das Eine von dir wollen.“, erklärte Andy und riss die Poster sorgfältig in kleine Stücke. „Und so entstehen Babys.“
„Ach, so ein Scheiß!“, rief Steffi. Andys mitleidiges Gesicht verfinsterte sich und er schlug seiner kleinen Schwester über den Mund. Nicht sehr fest, aber spürbar.
Steffi stieß einen entsetzten Schrei aus und wich zurück.
„Ich kann es nicht dulden, dass du so über Gottes Gesetze redest“, erklärte Andy ruhig. »Die sind Gottes größtes Geschenk an die Menschheit, und wir müssen seine Worte befolgen, um diesen Planeten zu retten. Ich könnte es nicht ertragen, dass du zur Hölle fährst. Du kannst dich noch retten.“
„Hölle ... hä ... was ...?“
„Ich war auch erst so verwirrt.« Andy lachte. »Hör zu, Kleines. Ich weiß ja, dass du dich nur schwer auf etwas konzentrieren kannst. Also erzähle ich dir das
Wichtigste. ‚Guidelines for a new World‘ ist eine sehr schöne Sicht der Dinge. Wusstest du, dass Tierquälerei darin verboten ist?“
Steffi schaute ihren Bruder verdutzt an. „Echt? Das ist ja cool!“
„Ja. Es steht darin geschrieben, dass Tierquäler von Gott verflucht sind. Du siehst also, dass diese Ansicht gut ist. Der Katholizismus, der Tieren keine Seele zugesteht und zum Thema Tierquälerei gar nichts sagt, könnte sich da mal eine Scheibe von abschneiden, oder? Du weißt, wie schlimm es beispielsweise in Spanien ist. Deswegen machen wir doch nie Urlaub da. Weil du das nicht willst.“ Andy legte Steffi behutsam den Arm um die Schultern. Sie wehrte sich nicht.
„Schon ... das ist toll, ... aber ... Also, ich finde, ich muss mich nicht vor den Männern verstecken.“
Andys Gesicht verhärtete sich unmerklich, aber seine Stimme blieb liebevoll.
„Das schützt dich und bewahrt dir deine Würde. Im Buch steht, dass eine Frau sich vorsehen soll, nicht die Aufmerksamkeit eines Mannes zu erwecken.“
„Ich will mich auch nicht verstecken. Wieso soll ich auch? Die Männer könnten ja weggucken, wenn ich die so antörne.“
Andy presste kurz die Lippen zusammen.
„Nun, fangen wir erst einmal klein an, okay? Keine Bilder von Jungs mehr, kein Fleisch und keine tiefen Ausschnitte, keine kurzen Röcke.“
„Äh, ich mag kein Fleisch. Schon vergessen? Ich esse keine Tiere. Aber konvertieren will ich nicht, davon habe ich nichts gesagt.“ Ihr Blick fiel auf ein weiteres Häufchen Papier, und sie brach wieder in Tränen aus.
„Du hast ja auch unsere Bilder aus Dänemark zerrissen!“
„Keine Fotos mehr mit Jungs darauf!«
„Da ist doch nur Strand drauf!“
„Da sind ein paar männliche Gestalten im Hintergrund, siehst du?“
„Aber ...«
„Nein, Steffi. Wenn du irgendetwas aufhängst, auf dem Männer abgebildet sind, werde ich es kaputtmachen. Fertig, Punkt. Verstanden?“
„Du hast gar kein Recht ...“
„Ich bin dein großer Bruder. Ich trage Verantwortung für dich.“
„Und Mama?“
„Ha!“ Andy schnaubte verächtlich, „die hat von Verantwortung ja noch nie etwas gehört!“
„Es ist mir egal, ob du mein großer Bruder bist, ich kann machen, was ich will!«, rief Steffi.
„Ja, genau das ist es, was in diesem Land falsch läuft!“, brüllte Andy. Steffi zuckte zusammen.
„Jeder denkt, er könne machen, was er will! Es ist aber nicht so! Gott hat uns sehr genau gesagt, was wir machen dürfen und was nicht! Und ich werde nicht zusehen, wie du Gottes Willen mit Füßen trittst, hörst du? Glaubst du denn, ich würde dich eines Tages in der Hölle schmoren sehen wollen?“
„Hölle ...? Das ist doch alles Quatsch! Himmel! Hölle! So etwas gibt es nicht!“, schrie Steffi zurück.
Andy zog sie heftig in seine Arme und hielt sie fest, obwohl sie sich wehrte.
„Nein, Steffi, nicht doch, nein ... schhh ... beruhige dich. Du bist verwirrt ... niemand hat sich um deine geistigen Bedürfnisse gekümmert ... es ist nur natürlich, dass das alles für dich neu ist ... klar, dass du Angst hast ... das ist zu viel auf einmal ...“
Steffis Widerstand erlahmte. In den Überresten ihrer Bilder kniend, weinte sie in den Armen ihres völlig veränderten Bruders. Sie verstand überhaupt nichts mehr.
„Deine Religion ist doch voll rückständig! So will ich nicht leben“, jammerte sie.
Andreas streichelte beruhigend ihren Kopf.
„Das ist nicht rückständig, im Gegenteil. Du hast Verpflichtungen in deinem Leben. Denen du gerecht werden musst. Dein Leben wurde dir nicht als endlose Party geschenkt.“
„Was soll das denn heißen?“, schniefte Steffi.
„Gott hat uns gesagt, dass wir diesen Planeten nicht erhalten haben, um ihn zu vernichten. Und wir wurden nicht darauf platziert, um unserem eigenen Willen zu gehorchen. Wir sind spirituell nur Kinder und brauchen Anleitung. Sieh doch, was Ma… Menschen tun. Sie fressen, vermehren sich und zerstören weiterhin alles. Sie kümmern sich nicht um den, der ihnen all das hier geschenkt hat. Ist das vielleicht recht?“
„Nein, aber…“
„Gott ist real. Die Menschen haben ihn immer falsch verehrt. Sie führten Kriege in seinem Namen und brachten sich gegenseitig um. Moslems, Juden, Christen, sogar Buddhisten … alle beten auf ihre Weise zu demselben Gott, aber trotzdem hassen und bekämpfen sie sich. Wie dumm das doch ist! Gott, der echte und wahre Gott, wird all das Unrecht wiedergutmachen. Wenn er endlich kommt, wird er alle vereinen. Aber bis dahin müssen wir aufhören, solche Betonköpfe zu sein.“
„Woher weißt du denn, dass dein Gott der richtige ist?“
„Anton hat ihn mir gezeigt. Er gab mir sein Buch. Es steht so viel Weisheit darin! Er hat mich zu einem Treffen mitgenommen. Die Männer dort sind so nett, dort sind alle Brüder!“
„Keine Frauen?“
„Die Frauen beten woanders. Es soll nicht dazu kommen, dass Männer und Frauen sich gegenseitig in Versuchung führen.“
„Und die Kinder?“
„Kinder gibt es dort nicht. Alle sind über zwölf Jahre alt, das Alter, in dem man beitreten kann.“
„Aha.“
„Es herrscht so eine herzliche Atmosphäre. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich habe dort zum ersten Mal gespürt, was Geborgenheit ist.“
„Ist ... ist es denn so schlimm hier bei uns?“, warf Steffi zaghaft ein.
Andy kam blinzelnd zurück in die Realität von Steffis nun recht kahlem Zimmer.
„Schlimm? Nein, schlimm ... so würde ich das nicht sagen. Aber das hier ist kein Heim. Wann war das letzte Mal, dass wir alle als Familie etwas gemacht haben? Wir essen ja nicht mal zusammen.“
„Ist das denn ein Grund, seine Religion zu wechseln?“, fragte Steffi irritiert und strich sich eine wirre Strähne aus dem Gesicht.
„Wechseln?“, höhnte Andy, „wir sind doch nie religiös gewesen! Wann hätte uns unsere Mutter je von Ethik oder Moral etwas erzählt? Die Zehn Gebote habe ich zum ersten Mal im Religionsunterricht gehört, und da war es schon fast zu spät. Daniel Peters ist ein guter Mann und ein prima Lehrer. Ohne ihn wüsste ich überhaupt nichts über Religion. Er hat sich damals gut um uns gekümmert. Er kommt so oft hier zu Besuch und verbringt Zeit mit uns, weil wir ihm am Herzen liegen. Von ihm haben wir etwas erfahren, vorher nicht. Nur erzählt er unwissentlich lediglich Blödsinn, wie alle Christen. Selbst die Bibel ist nämlich verfälscht worden.“
„Ja? Ach ...“, murmelte Steffi.
„Ja. Das Kommen von Gott. Gott selbst wird dort völlig falsch dargestellt. Es ist nämlich so, dass die allmächtige Göttin Sophia Jahwe geschaffen hat. Und der hat diese Erde erschaffen und die Engel und auch uns Menschen. Aber er ist ein böser Gott, der die Menschen einsperrte und unwissend hielt. Ein Drittel der Engel hielt das nicht mehr aus und rebellierte. Der Größte unter ihnen, Luzifer, versuchte die Menschen aufzuwecken. Dafür wurden er und seine Engel auf die Erde geworfen. Seit Jahrtausenden versuchen Luzifer und seine Engel, Jahwe zu besiegen und den Himmel zu erobern. Das wird der Tag unserer Befreiung sein!“
„Luzifer! Aber das ist doch der Teufel!“
„Da siehst du, welchen Blödsinn man dir immer eingetrichtert hat. Es ist genau umgekehrt. Luzifer ist Gott. Und er ist der Gute.“
„Aha.“ Steffi zwirbelte die Haarsträhne.
Andy musterte sie scharf, sah, dass ihre Aufmerksamkeit mal wieder abschweifte, und nickte.
„Schon gut. Für heute reicht das. Häng einfach keine Bilder mehr auf, okay? Und ich, ich muss jetzt beten. Es wird Zeit.“
„Du ... du bist schon richtig konvertiert und so?“, fragte Steffi und sah ihren Bruder mit einer Mischung aus Neugier und Unverständnis an.
„Ja. Ich bin mit Anton im Tempel gewesen ... und es war unvergleichlich.“
„Hm.“
„Wir reden morgen weiter“, erwiderte Andy, zwinkerte seiner kleinen Schwester zu und schloss die Tür.
Wenig später öffnete er sie wieder und warf ihr einen Müllbeutel zu.
„Ach, übrigens, Skulpturen weiblicher Reproduktion sind auch verboten“, erklärte er und wies auf Steffis Pferdeporzellanfigur, die in ihrem Regal stand. Es war ein Abschiedsgeschenk von Anja gewesen, weil Steffi Anni, Anjas Pferd, nach ihrem Umzug nicht mehr sehen konnte.
Andy warf die hübsche kleine Figur heftig auf den Boden. Sie zerbarst in tausend Scherben. Steffi fuhr zusammen und starrte ihrem Bruder, der leise summend die Tür schloss und sich entfernte, verständnislos hinterher.
Sie schluckte schwer und klaubte die Reste ihrer Bilder und die Porzellanscherben zusammen. Sie warf sie in den Müll, während ihr Bruder nebenan zu Luzifer betete.
Doris F.: Die Stille
Am schlimmsten ist die Stille.
Ich wache morgens auf und spüre schon, dass ich allein bin. Das Bett fühlt sich leer an. Ich beziehe beide Decken und Kissen, als ob er noch da wäre. Aber ich merke es trotzdem. Es ist das schrecklichste Gefühl auf Erden. Diese Gewissheit, dass er nicht mehr da ist und auch nie mehr wiederkommen wird.
Jörg starb damals, weil ihm ein Metallteil aus einem der Stände an den Kopf flog. Es war wie ein Geschoss, haben sie mir gesagt, Jörg hat nichts gespürt. Er war sofort tot. Aber sie rieten mir dringend davon ab, seine Leiche anzusehen. „Behalten Sie ihn in Erinnerung, so wie Sie ihn kannten.“ Er muss also völlig entstellt gewesen sein.
Beim Bestattungsinstitut wurde ich gar nicht erst gefragt, ob ich einen offenen Sarg bei der Trauerfeier wünschte.
Seitdem habe ich immer dieses Bild vor Augen: Jörgs Körper ohne Kopf. Er trug damals die beige Jacke mit Lammfellfutter, eine schwarze Jeans und Wildlederstiefel. Als es knallte, hatte Bernd, sein Chef, der uns gerade über den Weg gelaufen war, eine launige Bemerkung gemacht. „Na, das Weihnachtsgeld verbraten, was?“, so in der Art. Jörg hatte genickt, gegrinst und in die Bratwurst gebissen. Kleine Dampfwölkchen kamen aus seinem Mund. Etwas Senf hing in seinem Mundwinkel, seine Augen waren halb geschlossen. Er hatte zum Friseur gemusst und es nicht mehr geschafft, deswegen blinzelte er, weil eine Haarsträhne ihm ins Auge geweht wurde. Das weiß ich noch. Es ist das letzte Mal, dass ich sein Gesicht sah. Dann spürte ich eine ungeheure Wucht. Wie eine riesige Faust, die mich wegschleuderte. Und dann die Hitze. Aber es fühlte sich nicht an wie Hitze, es war im ersten Augenblick beinahe wie Kälte. Etwas, das die Haut sich zusammenziehen lässt.
Warum ich noch lebe, weiß ich nicht. Es ist mir auch egal. Es wäre mir lieber gewesen, ich wäre auch gestorben. Aber mein linker Arm, mein linkes Bein und die linke Hälfte meines Gesichts und meines Körpers erlitten „nur“ starke Verbrennungen.
Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich mit diesem Restleben anfangen soll. Ich gehe zum Neurologen und zur Therapie, schleppe mich in Selbsthilfegruppen, schlucke Antidepressiva und Schmerzmittel, lasse mich operieren. Ich habe schon vergessen, wie oft ich unterm Messer war.
Alles ist wie in einem Nebel. Abends, wenn es am schlimmsten ist, ertappe ich mich dabei, dass ich auf Jörg warte. Und dann wird es mir wieder bewusst: Er ist tot, er wird nicht mehr zur Tür hereinkommen. Und seine T-Shirts, Socken und Unterhosen, die ich an dem Tag noch schnell aufgehängt hatte, damit wir abends zu seinen Eltern fahren und Weihnachten zusammen feiern konnten, wird er nie wieder tragen. Aber ich bringe es nicht über mich, sie abzunehmen und wegzulegen … oder den Rest seiner Kleidung wegzugeben. Das wäre, als würde ich ihn noch einmal umbringen. Es waren doch seine Sachen ...
IXXI
„Andy ...?“ Steffi lugte vorsichtig zur Tür herein. Andy kniete auf einem kleinen Teppich und verneigte sich, so sah es für Steffis verwirrte Augen jedenfalls aus, vor seinem CD-Regal. Da sah sie, dass das Regal fort war. Auf der Wand hatte Andy stattdessen etwas aufgemalt, was wie IXXI aussah. Aus irgendeinem Grund gruselte dieses Symbol sie. Es sah aus wie zwei tote, kalte Augen, die sie anstarrten.
Andy setzte sich auf und sah seine kleine Schwester ärgerlich an.
„Was ist denn?“
„Ich wollte dich was fragen.“ Zögerlich kam Steffi rein. Früher hätte sie zu jeder Tages- und Nachtzeit hereinkommen können. Aber jetzt sah Andy so wütend aus, dass sie sich beinahe vor ihm fürchtete.
„Wenn ich störe ...“
„Jetzt ist es sowieso egal. Ich muss noch einmal von vorn anfangen.“
„Echt? Entschuldige! Das wusste ich nicht!“ Steffi schloss die Tür. Ihre Mutter sollte möglichst nichts mitbekommen. Die war auf Andys Konversion nicht gut zu sprechen und seit Tagen schlecht gelaunt.
„Was wolltest du mich denn fragen, Kleines?“ Andy setzte sich auf sein Bett und winkte Steffi heran. Die setzte sich neben ihn.
„Ich … ich will nicht zu eurem Verein gehören“, gestand sie scheu.
„Aber du liest in meinem Buch, oder? Wie kann man darin lesen und nicht konvertieren wollen?“, fragte Andy streng. Steffi zwirbelte eine Haarsträhne.
„Das ist voll komisch geschrieben. Du weißt doch, dass ich nicht gerne lese!“
„Ach ja“, seufzte Andy, „deine Aufmerksamkeitsspanne ist ja die eines Goldfisches. Trotzdem solltest du inzwischen die ersten Seiten gelesen haben.“
„Ja, etwas ...“
„Na also!“
„Na ja ... ich habe auch Seiten im Internet gefunden, die es nicht so toll finden, wie Christen in eurem Buch dargestellt werden.“
Andys Miene wurde finster. Steffi erschrak.
„Diese Seitenbetreiber sind Götzendiener. Wenn du richtig lesen würdest, wüsstest du, was das für Menschen sind! Und was mit ihnen passiert! Du schaust nie wieder auf diese Seiten, hörst du?“
„Du willst mir das jetzt echt verbieten?“
„Ja.“
„Das ist doch wohl ein Witz?“
„Nein. Hör mal, Kleine, ich möchte wirklich nicht, dass du eines Tages dafür bestraft wirst, dass du den wahren Glauben ignoriert hast. Wenn du konvertierst, darfst du dir etwas wünschen.“
Steffis Gesicht erhellte sich.
„Echt? Kriege ich dann einen Hund? Der Schorschi aus dem Tierheim wartet seit Jahren darauf, dass ihn jemand mitnimmt. Er sieht immer so traurig aus, wenn ich ihn nach dem Spaziergang wieder in seinen Verschlag bringen muss.“
Andy schien wenig begeistert.
„Also, ein Tier nicht.“
„Wieso denn nicht?“
„Ein Tier stößt viel CO2 aus in seinem Leben. Allein das Futter … der Kot … vergiss es!“
„Ob es die im Tierheim ausstößt oder bei uns, macht doch nur für das Tier selbst einen Unterschied!"
"Aber für jedes Tier, das du aus dem Tierheim holst, schaffst du Platz für ein Neues. Diese Züchterei muss endlich ein Ende haben! Es ist doch den ganzen Tag niemand zu Hause, um sich um den Hund zu kümmern. Das wäre Tierquälerei.“
„Ja, stimmt ... aber du willst unbedingt, dass ich konvertiere ... ich weiß nicht...“
„Wir können nicht weiter durchs Leben gehen, als ob uns das alles nichts angeht. Der Klimawandel ist ein Zeichen von Gott, dass wir umkehren müssen!“
„Und wenn der gar nicht von Menschen beeinflusst werden kann?“
Andy erstarrte.
„Haben dir diesen Quatsch etwa deine Lehrer gesagt?“
„Nein, aber ich habe da etwas gelesen … ich sage ja gar nicht, dass es so ist, aber was, wenn es so wäre?“
„Natürlich wird Gott, wenn wir uns alle endlich zu ihm bekehren, den Wandel stoppen.“
„Und wenn es gar keinen Gott gibt?“
„Was glaubst du, wer diesen Planeten geschaffen hat? Die Tiere? Das Wasser? Die Bäume? Dich und mich?“
„Aber wenn er dich und mich geschaffen hat, dann kann er doch auch dafür sorgen, dass wir keine Kinder mehr bekommen, oder?“
„Da sieht man, was die moderne Erziehung den Kindern antut“, murmelte Andy bitter. „Sex haben, Kinder machen, alles verschwenden, Hauptsache, alle haben ihren Spaß. Und an Gott glauben will auch keiner mehr. Vor allem nicht an den richtigen Gott, der uns befreien will.“
„Ich will ja gar nichts verschwenden. Aber…“
„Aber du tust es. Sogar in dieser Sekunde. Du atmest, du stößt CO2 aus. Du duschst. Du gehst auf die Toilette. Waster. ‚To waste` bedeutet verschwenden. Und wenn du Kinder bekommst, geht der Zirkus von vorne los. Das musst du mal kapieren!“
„Wir lernen das doch in der Schule!“
„Eine abgespeckte, nutzlose und heuchlerische Version von allem. Euer Religionsunterricht ist ein Witz, der euch ohne Glauben in die Welt entlässt. Euer Biologieunterricht ist ein Witz, der euch nicht vom Verschwenden und Vermehren abhält. Ihr tragt eure Getränkedosen in den Supermarkt und kassiert stolz eure paar Cent Pfand und denkt, wie toll ihr den Planeten bewahrt. Benutzt Kondome und bekommt trotzdem Kinder. Das ist alles nur Heuchelei.“ Er stieß die Luft aus den Lungen.
„Noch so viel zu tun, noch so viele zu erreichen. Ihr wollt alle nicht hören. ‚Was geht mich das an, ich kann doch sowieso nichts tun‘. So denkt ihr. Und genau deswegen wird Gott uns hart bestrafen. Wegen euch Halsstarrigen.“
Er wirkte erschöpft. Traurig zog er Steffi, die ihn verschreckt ansah, an sich.
„Wenn du konvertierst und auch zu unserer Gruppe gehörst, dann kannst du endlich aufatmen. Und etwas für Gott tun. Und seinen Planeten." Er strich Steffi über den Kopf.
„Ich weiß nicht ...“
„Lies weiter in meinem Buch. Wenn du Fragen hast, kannst du zu mir kommen. Nur besser nicht, wenn ich gerade bete.“
„Ok. Du ... Andy …“
„Ja?“
„Was bedeutet denn dieses IXXI an der Wand?“
„Das ist eines seiner Zeichen. Gottes Zeichen. Genau wie das Dreieck. Das göttliche Prinzip der Geometrie. In der Mitte ist der Würfel, aus dem er zu uns kommen wird. Er ist der große Baumeister. Er besitzt das alles sehende Auge.“
„Aber … in der Bibel steht doch, dass man sich kein Bild von Gott machen soll!“
Andy blickte sie finster an.
„Was habe ich dir gerade von der Bibel erzählt? Du hast wieder an deinen Haaren gespielt und mir nicht weiter zugehört, oder?“
„Doch!“
„Dann vertrau mir einfach und lies weiter. Und handle danach. Werde bewusster.“
„Da sind auch so ägyptische Symbole und so drin. Ich finde das merkwürdig. Außerdem möchte ich eines Tages vielleicht doch ein Kind. Was dann?“
Andy erstarrte. „Ein Kind? Die schlimmste Verschwendung von allen?“
„Dann bin ich das ja auch, oder? Dir wäre es also lieber, ich wäre gar nicht erst geboren worden? Und deinem Gott auch? Das passt hinten und vorne nicht! Du kannst dein dämliches Buch wiederhaben!“ Sie knallte die Tür hinter sich zu.
Andy sah ihr belämmert hinterher.