Kitabı oku: «IXXI», sayfa 5

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Aus Andreas Ganzigers Tagebuch

Es ist schwer einzusehen, dass unser Leben hier eine große Lüge ist.

Für uns ist es selbstverständlich, dass Frauen Kinder von mehreren Männern haben. Dass sie alleine leben und die Kinder oft sich selbst überlassen. Oder ihre Männer betrügen.

Meine eigene Mutter ist kein bisschen besser. Über Religion hat sie uns auch nie etwas beigebracht. Sie hätte doch ihre Nase mal in den Koran, die Bibel oder die Tora stecken können. Ein Buch über die Gnosis wäre am besten gewesen. Dann hätten wir uns anders entwickelt.

Die Kinder in dieser Wegwerfgesellschaft laufen teilweise in Fetzen herum, haben kein Pausenbrot dabei. Nach der Schule sitzen sie vor ihrem tatsächlichen Gott, dem Fernseher. Oder der Spielkonsole. Es kümmert sich kaum einer um sie. Wäre es nicht besser, das Kinderkriegen zu limitieren? Dass nun noch Paare Kinder bekommen, die dafür geeignet sind? Lieber ein gut aufgezogenes, geliebtes und gebildetes Kind als Tausend, die einfach nur existieren, um eines Tages dem Steuerzahler auf der Tasche zu liegen und grundlos Ressourcen zu verschwenden.

Wie eine Gesellschaft aussehen sollte, sieht man gut im Film „Demolition Man“. Sex ohne Anfassen, Kinder nur mit Erlaubnis. Keine Überbevölkerung, keine Vernachlässigung.

Als ich das erste Mal in meinem Buch gelesen habe, war ich entsetzt darüber, was ich schon alles falsch gemacht hatte im Leben. Ich trug Kleidung, die billig im Ausland hergestellt und quer durch die Weltgeschichte transportiert worden ist. Meine Mutter hatte mir sogar Seidenhemden zu Weihnachten geschenkt.

Wer braucht die! Raupen lebendig zu kochen, wie barbarisch! Und immerzu dieses Schweinefleisch ... Wieso ignorieren wir hier so hartnäckig, wie sehr die Aufzucht von Schweinen die Umwelt belastet? Warum besteht unsere Gesellschaft darauf, Gott ständig zu beleidigen?

Das sind moderne Zeiten, sagte meine Mutter, Religion ist schön und gut, aber wir sind doch nicht mehr im Mittelalter.

Was hat es mit Mittelalter zu tun, wenn man sich an die Regeln unseres Befreiers halten will? Da draußen fingern alle mit ihren Smartphones herum, machen, was sie wollen und denken, Gott gibt es gar nicht. Oder wenn, dann versteht er das alles schon. Wieder ein Kondom gerissen, wieder ein Waster auf dem Weg. Ein Waster, der schon in der Aufzucht enorme Mengen an Ressourcen benötigt, bevor er selbst aktiv zu verschwenden beginnt. Wegen ihm oder ihr werden wieder Tonnen über Tonnen Plastik im Meer schwimmen, Gewässer verschmutzt, Autos produziert. Er oder sie wird das Klima weiter negativ verändern. Und Gott, den es in ihren Augen gar nicht gibt, versteht das schon.

Aber Gott ist real, seine Gebote sind real … und das Höllenfeuer ist es auch ...

Susanne

„Hey! Happy Halloween!“ Pino, in seinem Kostüm als Haifisch, riss schwungvoll die Tür auf. Sein breites Grinsen erstarb, als er Susannes Gesicht sah.

„Was ist los? Und wo ist Frankensteins Monster?“

„Der hat sich als echtes Monster entpuppt. Lass mich bitte rein. Mann, ich wünschte, ich könnte einen Schnaps trinken!“ Susanne schob Pino beiseite, denn der füllte in seinem Kostüm den ganzen Türrahmen aus. Sie zuckte heftig zusammen, als ein Skelett von der Decke herunterstürzte und direkt vor ihrem Gesicht hing.

„Sehr witzig! Wusstest du nicht, dass schwangere Frauen leicht in Ohnmacht fallen, wenn man sie erschreckt?“, schimpfte Susanne.

„Entschuldige. Habe ich im Fernsehen gesehen und fand die Idee ziemlich witzig. Was ist denn los mit dir?“ Ungeschickt tätschelte Pino Susannes Arm. Tränen stiegen ihr in die Augen.

„Wenn ich davon jetzt anfange, versaue ich euch die ganze Party.“

„Es ist sowieso noch keiner da. Nur Rudi, aber der probiert die Bowle in der Küche und treibt Sandra zur Verzweiflung. Was der da alles hineinkippt … Wir werden noch vor zehn sturzbetrunken sein! Also, was ist? Habt ihr euch gestritten?“ Pino drängte Susanne ins Wohnzimmer, das düster verhängt und mit Skeletten, Spinnen und Fledermäusen dekoriert war.

„Du wirst es nicht glauben, aber dein bester Freund hat eine andere und will mich verlassen.“ Susanne sank auf die Couch. Es trötete. Pino lief puterrot an.

„Das Furzkissen war jetzt keine gute Idee, tut mir leid. Also … ich glaube, das musst du noch mal sagen, das kann ich nicht glauben! Oder … ach so, das ist ein Halloweenscherz! Puh! Fast wäre ich darauf reingefallen!“

„Das ist leider keiner, Pino.“ Susanne sah ihm direkt in die Augen, und Pino setzte sich erschüttert neben sie.

“Das kann doch nicht … ausgerechnet jetzt?“

„Toller Zeitpunkt, oder? Und wann sagt er mir das? Zehn Minuten, bevor wir losfahren wollten! Hätte er nicht wenigstens bis nach der Party warten können?“

„Das kann ja nicht wahr sein!“

„Pino … du bist sein bester Freund. Hat er dir irgendetwas gesagt davon?“

„Nein!“, wehrte Pino heftig ab. Susanne glaubte ihm.

„Komisch. Ich dachte, Männer reden über alles miteinander.“

„Ich dachte immer, Frauen tun das. Du kennst doch Mathias, der macht so vieles mit sich selbst aus…“

„Schon, aber wenn er seine Frau verlassen will … ich hatte gedacht, er erzählt es dir, bevor er bei mir damit rausrückt.“

„Hat er nicht. Jetzt wünschte ich, er hätte es getan. Dem hätte ich den Kopf schon zurechtgerückt.“ Pino wirkte verstört. „Hat er … wo ist er denn jetzt?“

„Als ich das Baby erwähnt habe, stand er wie ein begossener Pudel vor mir. Ich habe ihn zu seiner Neuen geschickt. Ich konnte ihn einfach nicht mehr sehen. Angeblich wollte er zu seinen Eltern, aber bestimmt ist er jetzt bei ihr … und lässt sich trösten.“

Pino schüttelte nur traurig den Kopf.

„Pino, komm, lass uns in die Küche gehen. Wenn die Bowle so geladen ist, wie du sagst, bin ich in einer Stunde breit wie ein Kino und mir ist alles egal. Wenigstens kann ich dann wieder lachen.“ Susanne schlug ihm mit gespielter Munterkeit kameradschaftlich auf den Rücken. Verständnislos sah er sie an.

„Du bist doch schwanger!“

„Na und? Ich denke nicht, dass ich das Kind behalten werde. Mathias war es doch, der immer eins wollte. Wir hatten es so lange versucht. Jetzt klappt es endlich, und er hurt herum. Was soll ich denn alleine mit einem Kind?“

„Du kannst doch nicht ein Leben auslöschen, nur weil der Vater sich wie ein Volltrottel verhält!“, rief Pino vorwurfsvoll.

„Und wie soll ich es ganz allein großziehen?“

„Wir helfen dir dabei, Sandra und ich.“

Susanne war gerührt.

„Das ist lieb. Aber lass uns realistisch sein. Du bist Mathias’ Freund. Noch seid ihr nett zu mir, ihr werdet mich auch weiterhin auf der Straße grüßen, aber in einem Jahr sitzt Mathias hier in irgendeinem doofen Kostüm. Und seine Katrin sitzt neben ihm. Und ich hocke dann zu Hause bei einem Kind, das ich im Grunde nicht wollte. Im Job werde ich auch nicht weiterkommen, wenn ich nebenher ein Baby habe.“

„Wir helfen dir“, beharrte Pino. Susanne seufzte.

War das nicht eine beschissene Situation.

Alkoholverbot

Martina schleppte die schweren Tüten die Treppe herauf und seufzte erleichtert, als die Tür sich öffnete und Steffi ihr ein paar Taschen abnahm. Aber sie lächelte nicht und wich dem Blick ihrer Mutter aus.

„Was ist denn los?“

„Geh besser mal in die Küche. Der Spinner dreht jetzt völlig ab.“

Es schnitt Martina ins Herz, dass Steffi ihren Andy, für den sie früher alles getan hätte, nur noch als Spinner bezeichnete und ihm auswich, wo sie nur konnte. Auch jetzt stellte sie die Tüten im Esszimmer ab, ging die Treppe hoch und vermied es, in die Küche zu gehen. Martina trug die übrigen Taschen in die Küche und fürchtete sich schon vor dem, was sie dort vorfinden würde. Es traf sie trotzdem völlig unvorbereitet: Andy stand vor der Spüle. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift: Warriors for a New World. Etwas gluckerte und zischte. Hinter ihm auf dem Küchentisch standen Flaschen. Und zwar Martinas Flaschen mit Cognac, Whisky, Likören, dem teuren Sherry ... und alle mit Bier.

Auf dem Boden lagen in einem Faltkorb leere Flaschen. Viele leere Flaschen.

„Bist du jetzt völlig bekloppt?“, schrie Martina außer

sich und ließ ihre Taschen fallen. Etwas klirrte. Langsam drehte Andy sich um. Vorne auf seinem Shirt stand: The Prince is Coming. Seine verächtliche Miene war düster, angeekelt.

„Zieh dir gefälligst was an!“, brüllte er zurück. Martina zuckte zusammen. Noch nie hatte Andy sie angeschrien.

„Was redest du da!? Ich habe doch was an! Meinst du etwa, ich renne nackt zum Einkaufen?“

„Nackt! Ja, nackt, allerdings!“ Er warf die Flasche Blue Curaçao so heftig ins Spülbecken, dass sie zerbrach, und kam drohend auf seine Mutter zu. Die wich in eine Ecke zurück und starrte ihren Sohn mit hervorquellenden Augen an.

„Du rennst da draußen `rum wie eine Nutte! Hast du keinen Respekt vor dir? Oder mir? Was sollen die Leute denn denken!“ Seine Hand schoss vor. Es klatschte.

Martina fühlte ihren Kopf mit einem Ruck nach hinten schnellen und den scharfen Schmerz in der Wange.

Ihr Sohn hatte sie tatsächlich geschlagen.

„Andy! Hey! Bist du verrückt geworden! Mama! Alles okay?“ Steffi wirbelte zur Tür herein und stürzte sich auf ihren Bruder. Der wehrte sie zärtlich und ohne Mühe ab.

„Lass das“, sagte er ruhig, „Pack die Taschen aus. Und du“, er wandte sich Martina zu, „du ziehst dir jetzt etwas an. Der Rock ist viel zu kurz. Und ich will nie wieder ein so tief ausgeschnittenes, enges Top an dir sehen, verstanden?“

„Wie redest du denn mit mir? Du bist mein Sohn! Nicht mein Mann! Und nicht mal mein Mann hätte das Recht, mir zu sagen, was ich anziehen soll!“

„Dein Mann«, spottete Andy, »du hast keinen Mann! Und so wirst du auch nie einen anständigen Kerl finden! Meinen Papa hast du aus dem Haus gegrault und zwei Kinder ohne Vater aufwachsen lassen!“

„Das ist nur eine Seite der Geschichte, und zwar die deines Vaters“, erklärte Martina ruhig, obwohl ihr Herz raste. „Die Wahrheit ist, dass er spielsüchtig war und uns fast ruiniert hätte. Ich habe dir das nie gesagt, weil du an ihm hängst, und ... weil man das Kindern ganz einfach nicht erzählt. Aber jetzt bist du alt genug.“

„Du hast ihn damals doch rausgeworfen!“

„Er hatte Geld gestohlen, um es zu verzocken. Auch das, was ich für dich zurücklegen wollte. Ja, er hat dein Geld gestohlen, Andy. Er wusste, dass es auf dein Sparbuch sollte. Das hat Tante Angela kurz nach deiner Geburt für dich angelegt, und ich habe immer so viel darauf eingezahlt, wie ich abknapsen konnte. Fünf Jahre hatte ich eingezahlt, da nahm dein Vater es sich, ging zur Bank und hob alles ab. Drei Tage später kam er wieder. Dein Geld aber nicht. Das war futsch. Ich habe seitdem wieder etwas eingezahlt, aber dass du dir deine eigene Wohnung noch nicht leisten konntest, - die, die du mit Jana beziehen wolltest, – das hast du deinem Vater zu verdanken.“

Andys Gesicht verzerrte sich. „Das lügst du, weil du Papa in Misskredit bringen willst!“

„Nein, das tue ich nicht. Wenn du es nicht glauben willst, dann eben nicht. Aber das ist die reine Wahrheit.“

Andy stieß die Luft aus den Lungen und sah auf einmal sehr traurig aus.

„Es ist eine Schande. Meine Familie besteht nur aus Ungläubigen, Huren und Lügnern. Und Verschwendern. Wastern.“ Er sah kurz zu Steffi herüber. Die Angst vor ihm stand ihr quer über das Gesicht geschrieben. Das machte ihn wütend.

„Ich habe dir doch gesagt, pack die Taschen aus!“

„Schrei sie gefälligst nicht an! Mach es doch selber!«, rief Martina. Andy verengte die Augen.

„Gut, wie du willst!“ Er packte die Einkaufstaschen, drehte sie um und schüttelte ihren Inhalt heraus. Steffi und Martina sprangen zurück, als Gläser mit Spaghettisoße unter lautem Klirren auf die Fliesen fielen und zerbrachen. Tomatensoße spritzte an die Schränke und die Beine des Küchentischs. Tuben, Milchtüten, abgepackte Wurst und Käseaufschnitt flogen durch die Gegend, Tampons, Brot, Margarine, eine Packung Hackfleisch, alles fiel in den Tomatenbrei auf dem Boden.

„Andreas! Sag mal, bist du noch normal?“, brüllte Martina und wischte sich Tomatensoße von den Beinen. Andy ging auf sie zu, warf ihr die Tüte ins Gesicht und verließ die Küche. Er zog Tomatenspuren hinter sich her.

„Wieder typisch, eine Plastiktüte, gemischtes Hackfleisch und Fleischwurst. Auf mich nimmt niemand Rücksicht! Macht das sauber, Waster“, befahl er und ging die Treppe herauf.

Martina und Steffi sahen sich schockiert an.

„Der ist völlig verrückt geworden. Er denkt, er wäre jetzt der Ressourcenmanager im Haus“, flüsterte Steffi. „Das hat er zu mir gesagt. Ein wahrhaft Gläubiger. Und dass wir ihm gehorchen sollen.“

Martina sank kraftlos auf einen Küchenstuhl. Sie hatte es immer vermieden, ihren Kindern mit Religion zu kommen. Ihre eigenen Eltern waren sehr konservativ gewesen und hatten sie gedrängt, Hans damals zu heiraten. Das ist ein Solider, ein guter Ernährer“, hatten sie gesagt und es nur widerwillig hingenommen, dass Martina erst ihre Ausbildung als Einzelhandelskauffrau machte. Dann wollte ihre Mutter auch noch unbedingt eine kirchliche Heirat. Die Aufbruchstimmung der Sechziger und Siebzigerjahre war an ihr völlig spurlos vorbeigegangen.

Martinas Mutter hatte erst zu nörgeln aufgehört, als Martina ordentlich verheiratet und Andy auf dem Weg gewesen war. Martina konnte sich noch gut an das Kreuz im Wohnzimmer erinnern. Und an die goldbedruckte Bibel auf dem Kaminsims, die lieblosen und strengen Regeln, die ständige Überwachung, die Gebete vor den Mahlzeiten und ihre langweiligen und hochgeschlossenen Klamotten im Kleiderschrank. Und immer war alles Sünde, Sünde, Sünde.

So, hatte sie schon als Teenager beschlossen, sollten ihre Kinder nicht groß werden. Deswegen hatte sie darauf geachtet, dass weder Andreas noch Stefanie mit Religion in Berührung kamen. In der Schule gab es zwar Religionsunterricht, aber Martina hatte ihren beiden immer gesagt: „Solange ihr niemandem etwas Schlechtes antut, macht ihr alles richtig. Behandelt andere so, wie ihr selbst behandelt werden wollt. Mehr Gebote braucht ihr nicht.“

Auch die Beziehung mit Daniel hatte daran nichts geändert. Der kannte die Geschichte mit ihren Eltern und sagte am Anfang noch: „Martina, Religion muss nicht freudlos und streng sein. Jesus hat von Liebe und Toleranz gepredigt, nicht von Misstrauen und Zwang. Er war quasi der erste Hippie. Was die Menschen draus gemacht haben, ist wieder eine ganz andere Geschichte.“ Das mochte sein, aber Martina wollte dennoch nichts mehr von ihm oder seiner Kirche wissen.

Nun rächte sich das. Was Andreas nicht in seinem Elternhaus bekommen hatte, hatte er woanders gesucht.

Aber was hatte er da bloß gefunden.

„Komm, wir wischen das auf. Aber vorsichtig, da liegen überall Glasscherben. Die Spaghetti heute Abend können wir wohl vergessen. Weißt du was? Wir zwei gehen Freitag essen. Soll unser Ressourcenmanager eben sehen, wo er seine koscheren Mahlzeiten herkriegt!“

„Mama, koscher ist doch das bei den Juden. Bei ihm heißt das jetzt ‚ressourcenschonend‘“, belehrte Steffi ihre Mutter und holte ein paar Schwammtücher aus dem Spülunterschrank.

„Ist mir egal, wie das heißt. Woher weißt du das überhaupt? Fängst du jetzt auch damit an?“, fragte Martina missmutig.

„Wenn es nach ihm ginge, schon. Aber ich will damit nichts zu tun haben. Ich soll keine Kinder bekommen, nur noch Second Hand Kleidung tragen und Wasser trinken. Und Hunde und Katzen belasten die Umwelt und dürfen nicht mehr gezüchtet werden.“ Steffi befüllte einen Plastikeimer mit warmem Wasser und Allzweckreiniger. Martina stand kopfschüttelnd auf, und nahm ihn ihrer Tochter ab.

„Also soll zum Beispiel Pedro, Anjas lieber Hund, am besten eingeschläfert werden? Wie kommt man nur auf so was?“

„Hat Gott angeblich gesagt.“

„Na super. Die Christen waren früher genauso bescheuert. Schwarze Hunde galten als der Teufel, und schwarze Katzen haben die glaube ich sogar verbrannt, zusammen mit den angeblichen Hexen. Im Islam ist das glaube ich auch so eine Sache. Schwarze Hunde sind der Teufel oder so was.“

„Mama! Das ist ja furchtbar!“, klagte Steffi.

„Ja, na sicher war es das. Das ist aber schon ein paar hundert Jahre her! Mir scheint, das Christentum hat sich größtenteils von der Barbarei entfernt und zu Toleranz und Aufgeklärtheit hin entwickelt, aber jetzt gehen wir einem neuen Mittelalter entgegen.“ Martina wischte mit Zellstofftüchern die Schweinerei auf, stach sich mit einer gemeinen kleinen Scherbe in den Daumen, und warf alles in den Müll.

„Ich habe mal gegoogelt. Es gibt sogar ehemalige Mitglieder dieser Sekte, die davor warnen, dass sich unsere Gesellschaft so verändert, dass hier bald dieser Gott herrschen wird. Und dann dürfen wir gar nichts mehr.“, erwiderte Steffi und wusch die Tomatensoße von den Tischbeinen.

„Das wird auch so kommen, leider. Leute wie Andy gibt es immer mehr. Vor allem junge Leute. Ich wusste allerdings nicht, wie eng Andy das alles sieht. Wir werden wohl auswandern müssen. Aber wohin?“

„Ich weiß nicht. Ich will hier nicht weg“, erklärte Steffi.

„Ich auch nicht. Aber viele Möglichkeiten sehe ich hier nicht mehr für uns. Tu mir einen Gefallen: So schwer es dir auch fällt, mach Abitur und studiere. Du bekommst hier keinen Fuß mehr an die Erde, wenn du keine sehr gute Ausbildung hast. Studiere Betriebswirtschaft oder so. Oder mach eine Ausbildung in einer Bank. Banken wissen immer, wie sie an Geld kommen. Wenn ich sehe, wie unsere Hausbank ausgestattet ist ... überall Marmor. Und wir haben das bezahlt. Oder geh in die Politik! Dann bist du abgesichert, verdienst viel Geld und bekommst später eine dicke Pension. Und das alles nur für Unsinn reden. Viel reden, ohne etwas zu sagen, das könnt ihr Teenager doch gut!“ Martina wrang ein Wischtuch aus, und zog es über ihren Schrubber. Steffi kicherte.

„Ich weiß nicht … Andy sagte, diese Warriors wären weltweit aktiv. Wir können also auch hierbleiben. Vielleicht … vielleicht werde ich Architektin.“

„Auch eine gute Wahl. So, hier ist noch etwas … und da sind auch noch rote Spritzer.“ Steffi sammelte auf, was Andy sonst noch in der Küche verteilt hatte.

„Die Margarine ist undicht«, verkündete sie, „da ist ein Riss in der Packung.“

“Na toll. Ob der denkt, das kostet alles nichts? Ist das etwa keine Verschwendung, das alles wegzuwerfen? Große Sprünge kann ich mit meinem Gehalt auch nicht machen“, schimpfte Martina.

„Mama, ob ich das Abi schaffe, ist aber so eine Frage. Ich übe und übe, aber ich schaffe Englisch einfach nicht. Ich kann mir da nix von merken irgendwie.“

„Ich weiß“, seufzte Martina, „wir müssen dir jemanden für Nachhilfestunden besorgen. Wenn das nur nicht alles so teuer wäre ... und in Chemie bist du auch nicht besonders gut.“

„Andy hat mal gesagt, Murats Bruder wäre richtig gut in Chemie. Der Achmed. Ob der uns helfen würde?“

„Wieso nicht? Murat ist doch ein guter Freund von Andy. Wir rufen den gleich mal an.“

„Ja, gut. Vielleicht kann der es mir so erklären, dass ich das kapiere. Der Kursbauer kann es nämlich nicht.“

Ja, dachte Martina, Lothar Kursbauer ist kein großer Erklärer. Das hatte Daniel ihr auch schon erzählt.

„Wo wollen wir denn Freitag essen gehen? Ich habe da zwar Karate, aber ich kann das ja auch mal ausfallen lassen“, sagte Steffi und spülte den Eimer aus. Rosa Wasser ergoss sich in die Spüle.

„Oh ... ach ja, Freitag ... Hm, wir bestellen heute was, okay? Ich habe keine Lust mehr, Freitag auszugehen. Du musst dein Karate also nicht ausfallen lassen.“

„Ach so“, murmelte Steffi enttäuscht.

„Wir gehen demnächst schick essen, nur wir zwei“, tröstete Martina.

„Das klappt doch eh nicht“, murrte Steffi. Martina nickte schuldbewusst.

„Du hast ja recht. Ich werde mir die Zeit irgendwie nehmen, okay?“ Vielleicht konnte sie ja auch demnächst hier etwas kochen und Steffi dabei behutsam verklickern, dass Daniel mehr als nur ihr Religionslehrer war. Dass er auch ihr Papa war und mit ihnen leben würde, sobald seine Frau ihrer Krankheit erlag.

Martina fühlte sich wegen solcher Gedanken schon lange nicht mehr schuldig. Immerhin verzichtet sie nun schon seit Jahren größtenteils auf Daniel, damit seine Frau nicht alleine war. Nur Daniel kam sich vor wie ein Schuft.

„Betrug ist es trotzdem, egal wie wir es drehen und wenden“, sagte er oft und sah dabei traurig und beschämt aus.

Nun ja, ein Religionslehrer musste wohl so ein Moralapostel sein. Aber deswegen liebe ich ihn wahrscheinlich so, dachte sie, jeder andere hätte seine sterbenskranke Frau wohl in ein Pflegeheim gegeben und sich etwas Neues gesucht. Ich lade ihn am besten einfach mal ein. Steffi, er und ich essen zusammen. Und Freitagabend werden Daniel und ich uns wie immer ins Schlafzimmer zurückziehen. Steffi macht dann ihr Karatetraining. Und Andy ist sowieso nicht da, der geht freitags in seinen Tempel.

Und es ist mir auch egal, was er dazu sagt.

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