Kitabı oku: «Der Muskeltest - Was er wirklich kann»
Dr. Christa Keding
Der Muskeltest –
Was er wirklich kann
Erkenntnisse aus der Praxis:
Chancen – Grenzen – Erfahrungen

VAK Verlags GmbH
Kirchzarten bei Freiburg
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Inhalt
TEIL I: ERFAHRUNGEN
Warum dieses Buch und für wen?
Was Sie erwartet
Kinesiologie – ein Einblick, nicht nur für Einsteiger
Analytische Kinesiologie
Grundlagen des Muskeltests
Qualitätssicherung
Glaubwürdigkeit
TEIL II: IRRITATIONEN
Das Image der Kinesiologie
Die Adressaten
Die Präsentation
Problemzonen
Irrungen und Wirrungen
Eiertänze auf dem Hochseil
Kinesiologie oder Muskeltest?
Hypothesen
Die „Spielregeln“ meiner Arbeitsweise
Die Technik des Muskeltestens
Das Bewusstsein beim Muskeltesten
Von Therapeuten und Gelehrten
Stolperstein 1 – meine ganz persönliche Odyssee
Stolperstein 2 – statistische Wahrheiten
Stolperstein 3 – sich selbst bestätigende Systeme?
TEIL III: (ER-) KLÄRUNGEN
Wer oder was antwortet beim Muskeltest?
Die Testperson als „offenes Buch“?
Direkter Draht zum „kollektiven Unbewussten“?
Informations- und Kommunikationsfelder
Alltagserfahrungen
Das Feld des Testenden
Das Feld des Getesteten
Das Feld des Testobjekts
Das „kollektive Unbewusste“
Das Feld der Testumgebung
TEIL IV: KONSEQUENZEN
Es lebe die Objektivität!?
Technik oder Therapeut?
Subjektivität als Chance
Konsequenzen für Testende
Prinzipielles zur Therapeutenrolle
Der Therapeut als „Führungskraft“
Deutungen und Bedeutungen
Empfehlungen für die Praxis
Konsequenzen für die seelische Begleitung
Falsche Erinnerungen
Das Wort als Medizin
Konsequenzen für Lehren und Lernen
Das Feld als Lernhilfe
Das Feld als Lehrobjekt
Trojanische Pferde?
TEIL V: AUSWIRKUNGEN
„Bewusstseinserweiterung“ – ganz praktisch
Muskeltest für jedermann?
Therapeuten als Lebenslehrer?
Therapeuten als Lernende
„Bewusstseinserweiterung“ jenseits des Muskeltests
Geist trifft Materie
Geist trifft Geist
Wer oder was leitet uns?
Blick zurück – und nach vorn
Kinesiologischer Knigge
Ausklang: Ein persönlicher Rückblick
Literaturverzeichnis
Über die Autorin
Hinweis zum Sprachgebrauch
Liebe Leserinnen und Leser, geneigte TherapeutInnen und KinesiologInnen, man / frau tut sich schwer damit, in dieser Weise „frauenfreundlich“ und gleichzeitig flüssig zu schreiben – und das Lesen wird so auch nicht einfacher. Ich empfinde das als gestelzt und unrund, mir fehlt die Eleganz (wie ich sie bei anderen Autorinnen gefunden habe), mit -en und -innen zu jonglieren. Ich bitte deshalb um Nachsicht, wenn ich oft den gewohnten, antiquierten Standard männlicher Wortgebilde beibehalte. Sie stehen weniger für die Personen als für die angesprochene Funktion (zum Beispiel Tester oder Therapeut oder Patient) und insofern erschiene es mir sehr gekünstelt, immer zwischen weiblichen und männlichen Ausübenden (oder „Ausübendinnen“?) zu unterscheiden.
TEIL I
ERFAHRUNGEN
Vor dem Anfang
Im Zentrum dieses Buches steht der Muskeltest, ein Instrument, das primär in der Kinesiologie zuhause und durch sie in unterschiedlichster Weise bekannt geworden ist. Der Muskeltest steht im Mittelpunkt, aber hier nicht deswegen, weil ich in seine Anwendung einführen möchte – das habe ich in meinem Praxisbuch analytische Kinesiologie gründlich getan. (Vgl. Literaturverzeichnis)
Hier geht es um vertiefte, teilweise kritische Auseinandersetzungen mit diesem potenten und zugleich sehr speziellen Zugang zu un(ter)bewussten Informationen von Körper und Seele. Als Leser werden Sie von diesem Buch bestmöglich profitieren, wenn Ihnen dieser Test nicht gänzlich fremd ist, wenn Sie also damit selbst schon Erfahrungen gemacht haben, sei es als Therapeut, als Patient, als Kursteilnehmer oder aus sonstigem Interesse.
Auf die konkrete Anwendung des Tests werde ich nur kurz eingehen, setze also gewisse Grundkenntnisse voraus. Falls Sie sich auch ohne kinesiologische Vorkenntnisse von diesem Buch angezogen fühlen, werden Ihnen ein paar Anmerkungen begegnen, die Sie vielleicht nicht gleich einordnen oder nachvollziehen können. Sie sind jedoch für die wesentlichen Aussagen dieses Buches nicht entscheidend, sodass Sie über solche kurzen Passagen ohne Verlust hinweglesen können. Die erwähnten Anmerkungen gehören in dieses Buch, weil ich damit Leser ansprechen möchte, die sich in meinen Erfahrungen wiedererkennen und am Ende hoffentlich auch sehr konkrete und praktische Fragen an den Muskeltest auf diesem Weg beantwortet finden.
Bevor es zur Sache geht, lassen Sie mich etwas persönlicher werden. Ich glaube, dass manche Leser mehr Zugang zu meinen Fragen und Überlegungen finden und von meinen Gedanken und Hypothesen mehr profitieren, wenn ich nicht nur eine theoretische Abhandlung schreibe, sondern meinen persönlichen Weg dorthin skizziere. Und so beginnen wir nicht inmitten der Kinesiologie, sondern – sehr persönlich – auf meinem Balkon:
Zehn Seelen in meiner Brust …
Da sitze ich nun wieder (zum wievielten Mal?) an meinem Laptop, heute bei traumhaftem Sommerwetter, auf meinem Balkon in Hamburg. Mitten im Getümmel der Großstadt reicht mir „meine“ Eiche einen Ast über das Balkongitter und filtert das Sonnenlicht eines warmen Augusttages. Lauer Wind streichelt die Haut und trägt das Kreischen und Lachen der Kinder vom Spielplatz herüber.
Und warum sitze ich ausgerechnet an solch einem Tag beim Schreiben? Vielleicht ist es ein Versuch, mich von der wunderbaren Atmosphäre eines seltenen Sommertages tragen und inspirieren zu lassen. Mehrere Wochen liegen hinter mir, in denen ich keine einzige Zeile formulieren konnte. Anfangs ärgerte ich mich nur über diese Schreibblockade – wollte ich doch mein Buch den vielen Interessenten allzu gern bei einer Tagung zum Jahresende präsentieren. Überhaupt fand ich es an der Zeit, mit diesem Thema endlich zum Abschluss zu kommen. Und ahnte (zum Glück) nicht, dass ich einen Sommer später immer noch an demselben Buch arbeiten würde …
Es begann damit, dass ich mithilfe einer schriftlichen Ausarbeitung einige Irritationen rund um den Muskeltest klären wollte, um in meinen Ausbildungskursen zur analytischen Kinesiologie bei einigen schwierigen Fragen Rede und Antwort stehen zu können. (Mein Praxisbuch analytische Kinesiologie ist 2013 ebenfalls bei VAK erschienen.)
Dazu gehörten vor allem erhebliche Irritationen durch die unterschiedlichen Erfahrungen, die verschiedene Anwender mit dem Muskeltest gemacht hatten: Wie konnte es sein, dass mit diesem Instrument einerseits vergessene OP-Tupfer in einer Wunde aufgespürt werden konnten oder dass der Test vor einem unmittelbar bevorstehenden Blinddarmdurchbruch warnte und so vielen Menschen entgegen der medizinischen Erwartbarkeit zur Gesundheit verhalf, dass derselbe Test aber andererseits in anderen Händen eine definitiv nicht vorhandene Schwangerschaft „bewies“ und „begleitete“?
Mit solchen und vielen ähnlichen Fragen musste und wollte ich mich dringend auseinandersetzen, um meine Seminare glaubwürdig fortsetzen zu können. Und da mir gute Einfälle oft beim Schreiben kommen, begann ich dieses Medium zu nutzen, um in meiner Tätigkeit als Kursleiterin voranzukommen.
Je länger ich mich jedoch mit diesen Themen beschäftigte, umso klarer wurde mir, dass die erarbeiteten Informationen nicht nur in meine Kurse gehörten, sondern auch meine früheren Bücher Gesund durch analytische Kinesiologie und Gesund durch psychologische Kinesiologie vertieften und ergänzten. Ebenso wurde immer deutlicher, dass diese Fragen nicht mal eben nebenbei abzuhandeln waren, sondern Raum und Zeit brauchten, ihnen auf den Grund zu gehen. So zeichnete sich allmählich ab, dass es nicht bei ein paar kurzen Aufzeichnungen bleiben würde, sondern dass es ein größeres, rundes Werk werden müsste, ein ganzes Buch.
Und so begann ich zu schreiben, nicht ahnend, auf was ich mich da eingelassen hatte. Was zunächst nur nach Ausleuchten einiger Schwierigkeiten und Skizzieren einiger Ideen aussah, entwickelte sich zu einem Großprojekt. Erst kurz vor Abschluss des Buches wurde mir das Ausmaß klar: zum einen, dass ich in diesem Buch die Ergebnisse und Beobachtungen jahrelanger intensiver Untersuchungen und Auseinandersetzungen auswerte, und zum anderen, dass einige Schlussfolgerungen, wenn man ihre Tragweite zulässt, erhebliche Konsequenzen für Anwender der Kinesiologie wie auch für die therapeutische Arbeit allgemein haben können.
Doch immer wieder wurde mein Schreibfluss unterbrochen. Nicht nur durch die alltäglichen Aufgaben in Praxis und Seminaren, sondern vor allem, weil ich sozusagen einen „Knoten“ in den Gehirnwindungen hatte und keine Zeile zustande brachte. Zum Glück habe ich durch meine Patienten und Kursteilnehmer gelernt, dass es meist einen Sinn hat, wenn eine Blockade sich vor uns aufbaut, und nur in den seltensten Fällen besteht der Sinn, die Aufgabe darin, dieses Hemmnis zu beseitigen und sich in derselben Spur fortzubewegen.
So habe ich in den fast vier Jahren, in denen ich an diesem Buch gearbeitet habe, selbst wichtige Entwicklungs- und Erkenntnisschritte durchgemacht und phasenweise wahre Geburtsprozesse durchlebt, und erst in ihnen wurde mir bewusst, dass ich tatsächlich seit Beginn meines Schreibens mit einer grundsätzlichen inneren Auseinandersetzung zu Fragen von Kinesiologie, Muskeltest und Bewusstsein „schwanger“ gewesen bin.
Viele Inhalte dieses Buches haben mich lange beschäftigt, sind Schritt um Schritt gereift, haben sich nach und nach erst während der Formulierung erschlossen. Aber keiner hat mich so anhaltend in Spannung versetzt wie die Frage: Wie gehe ich mit kritischen Kommentaren um? Wie weit steht es mir zu, den Finger in die Wunde eines anderen zu legen, den Splitter in seinem Auge zu suchen? – – Konnte ich eine „neutrale“ Darstellung anbieten, nur mit Blick auf Dinge, wie sie wünschenswerterweise wären (in der Hoffnung, dass sich das Positive dann von allein durchsetzt), oder ist es vielleicht sogar nötig, gerade auch das aufzugreifen und zu identifizieren, was „schiefläuft“ und Sand ins Getriebe streut?
Dieses Buch ist genau aus der Tatsache geboren, dass es viele Menschen gibt, die sehr fragwürdige (und teilweise unverantwortliche) Erfahrungen mit der Anwendung von Muskeltest und Kinesiologie gemacht haben. Genau diese Erfahrungen waren mir der Stein des Anstoßes, von dem ich kaum zu hoffen wagte, dass er möglicherweise eines Tages zum Stein der Weisen werden könnte …
Und so bremste mich im Laufe dieser vier Jahre immer wieder der Kampf meiner inneren Seelenanteile: die „Aufmüpfige“ gegen das „brave Kind“, die Kritikerin gegen die Beschwichtigende, die Besserwisserin gegen die Diplomatische, die Anklägerin (mit dem Aufruf, keinesfalls zu „werten“) gegen die Anwältin des Muskeltests (mit dem Plädoyer, Klartext zu reden).
Gesiegt hat die Anwältin des Muskeltests. In ihrem Plädoyer zitierte sie die vielen Therapeuten und Kinesiologen, denen wie mir eine seriöse Arbeit am Herzen liegt, die dem großartigen Instrument Muskeltest ein besseres Image und Glaubwürdigkeit wünschen und die zugleich mit Bedauern viel zu häufig Unsicherheiten, unschöne Auswüchse und im Extremfall sogar Missbrauch in der Anwendung dieses Testverfahrens beobachten.
Vermutlich stellen sich viele von ihnen dieselben oder ähnliche Fragen wie ich – und wahrscheinlich haben sie oft ähnliche Antworten gefunden. Ich denke, dass diejenigen, denen meine Sichtweise neu und fremd ist, bislang vielleicht nur noch nicht genauer über das Thema nachgedacht haben und dass viele Leser eher „Ach ja!“ und „Ja, genau!“ sagen werden, als dass sie sich an meinen kritischen (manchmal provokanten) Hinweisen stoßen. Ich möchte solche Beispiele als „Aufhänger“ verstanden wissen, die nötig sind, um etwas Wesentlicheres klar zu machen und die zugrunde liegenden Prinzipien zu verfolgen. Falls ich dabei der einen oder anderen kinesiologischen Arbeitsweise in meiner Darstellung nicht gerecht werde oder sogar etwas missverstanden habe, bitte ich um Nachsicht, weil ich nicht in jeder aktuellen Entwicklung auf dem neuesten Stand sein kann. Da ich gern dazulerne, freue ich mich gegebenenfalls über entsprechende Rückmeldungen und „Updates“.
Und so sitze ich wieder einmal an einem lauschigen Sommerabend auf meinem Balkon – das Eichhörnchen huschte gerade hinterm Laptop vorbei – und freue mich, dass ich den Dreh zum Schreiben wiedergefunden habe. Und ich hoffe, dass ich im Sommer 2008 ohne Laptop auf dem Balkon sitzen werde …
Warum dieses Buch und für wen?
Der rote Faden:
Wie die wunderbare Methode der Kinesiologie für mich immer wunderlicher wurde und wie scheinbar banale Fragen meine alten Vorstellungen zum Einsturz brachten, aus den Trümmern aber schließlich ein neues Denkmodell entstand
*
Ende der 1980er-Jahre muss eine Glücksfee mein Leben gestreift haben. Ich war Hausärztin mit einer großen Landpraxis. Ich war glücklich – und zugleich frustriert. Einerseits liebte ich meine Aufgabe und ich liebte auch die Patienten. Das war aber andererseits Anlass zu Kummer und Frustration, denn je mehr mir die Menschen ans Herz wuchsen, die mir ihr Vertrauen schenkten, umso mehr erkannte ich, wie unzulänglich all meine schulmedizinischen Bemühungen waren. „Erfolg“ war, wenn ein Abszess nach der Eröffnung ausheilte, wenn akute Beschwerden (oftmals von allein?) wieder verschwanden, wenn ich chronisch Kranke mit einem Medikament so „einstellen“ konnte, dass sie weniger litten oder bessere Laborwerte zeigten. Aber dass chronisch Kranke auch wieder gesund wurden, das kam nicht vor. Auch dass ungeklärte Beschwerden und Symptome die Patienten weiter quälten, ohne dass wir eine Diagnose oder Ursache fanden, machte sie wie mich unglücklich.
Als langjährige Begleiterin meiner Patienten sperrte ich mich gegen den klassischen Satz „Damit müssen Sie leben“. Mein oft wiederholtes Stoßgebet lautete: „Lieber Gott, du hast den menschlichen Körper mit seinen Selbstheilungskräften so wunderbar angelegt – er ist doch sicherlich in der Lage, die eine oder andere chronische Störung zu beheben, ohne dass wir nur ihre Symptome bekämpfen. Wenn ich dazu beitragen kann, lass es mich bitte herausfinden!“
Ich fand auch einiges – Pflanzenheilkunde, Homöopathie, Neuraltherapie und manches mehr –, blieb aber weiterhin unzufrieden. So hilfreich und nebenwirkungsarm manches davon war, es entsprach nicht wirklich dem, wonach ich suchte.
Dann kam die besagte Fee: Sie nahm meinen Mann mit auf ein Chirotherapie-Seminar. Als er von dort zurückkehrte, ahnte ich noch nicht, dass sich von diesem Zeitpunkt an unsere Welt auf den Kopf stellen und zugleich mein Herzenswunsch in Erfüllung gehen würde: Er brachte den Muskeltest mit. Ein scheinbar ganz einfaches Instrument, bei dem sich un(ter)bewusste Instanzen über eine veränderte Muskelkontrolle sichtbar und fühlbar und damit bewusst, verständlich „mitteilen“: Man versucht, den ausgestreckten Arm eines anderen hinunterzudrücken – wenn er „hält“, ist alles in Ordnung, wenn nicht, bedeutet das „Alarm“ oder „Holzweg“.
Indem der Muskeltest es ermöglichte, bei jedem Patienten Ursprünge seiner Krankheitsentstehung nachzuweisen und dort therapeutisch hoch individualisiert anzusetzen, revolutionierte er geradezu meine Praxis. Er öffnete einen völlig neuen Blick auf Gesundheit und Krankheit und bewirkte vor allen Dingen Heilung in so vielen Fällen, wie es mir mit schulmedizinischen Mitteln nie gelungen war.
Alles das, was dieses Testverfahren aus der Kinesiologie für mich und meine Praxis bedeutete, erfüllte mich so sehr, dass ich es nach einiger Erfahrung mit anderen teilen wollte. So entstanden zunächst Seminare und später meine ersten beiden Bücher.
Auch zu dem vorliegenden Buch ist der Anlass weiterhin die Begeisterung über und die Liebe zu einem grandiosen Helfer für Heilung und Gesundheit – der Anstoß dazu kam diesmal jedoch nicht aus der überfließenden Freude, sondern aus Irritation, Frustration und teilweise sogar aus Ärger. Denn irgendetwas stimmte nicht mit meiner heiß geliebten Methode.
Nicht etwa, dass meine Arbeit damit unbefriedigend wurde, ganz im Gegenteil. Sand kam von anderer Seite ins Getriebe. Hin und wieder „knirschte“ es bei bestimmten Themen in meinen Seminaren, häufiger aber noch fühlte ich mich fast schon persönlich betroffen, wenn ich in der Öffentlichkeit und vor allem im Kollegenkreis erlebte, dass man kein gutes Haar an der Kinesiologie ließ. Das wiederum sensibilisierte mich, aufmerksamer einiges von dem zu registrieren, was andere an dieser Methode bemängelten, schon allein, weil ich sie verteidigen wollte. Was mich dann aber am ärgsten traf, war mein Erschrecken: Die Kritiker hatten gar nicht in allem Unrecht!
Das machte mir erheblich zu schaffen. Denn ich liebe diese Methode und ich sehe in ihr ein großes Potenzial, die ärztliche Praxis enorm zu erleichtern und zu bereichern. Und wo immer ich jemanden oder etwas liebe, liegt es mir am Herzen, dass Unstimmigkeiten ausgeräumt, Krisen gelöst und Potenziale gefördert werden.
Meine „Wunderkiste“
Der Muskeltest ist in meinen Augen ein wunderbares Werkzeug, mit dem sich einfach und systematisch Krankheitsursachen und optimale Therapiewege aufzeigen lassen für tiefgründige Heilprozesse. Aber es wird auch viel Wunderliches mit dem Test angestellt, sodass manche ihr blaues Wunder erleben (in der Resonanz der Öffentlichkeit). Es verwundert nicht, dass der Kinesiologie viel Skepsis begegnet, angesichts so mancher wundersamer Auftritte.
Sie werden unschwer heraushören, dass ich mit der Kinesiologie auch unschöne Erfahrungen gemacht habe. Ich habe solche am eigenen Leibe erlebt und hörte sie in ähnlicher Weise vielfach von Freunden, Kursteilnehmern, Patienten und Lesern meiner Bücher. Die eine oder andere „schlechte Erfahrung“ ist natürlich nichts Besonderes, das kommt bei jeder Therapieform vor. Wenn diese schlechten Erfahrungen jedoch auf Ergebnissen basieren, die per Muskeltest aus der untersuchten Person selbst „herausgelesen“ werden und damit doch letztlich deren „Wahrheit“ sein sollen, dann wundert mich das.
Andererseits: Konnte überhaupt alles wahr sein, was da an Testergebnissen herauskam? Wenn das stimmte, dann hatten manche Patienten zwei konträre Wahrheiten, denn es passierte nicht allzu selten, dass zwei Untersucher per Muskeltest exakt Gegenteiliges herausfanden. Oder es wurden mit dem Test Behauptungen aufgestellt, die sich schlichtweg als falsch herausstellten, beispielsweise, indem zeitlich definierte Heilungsversprechen „ausgetestet“ wurden, die der Körper des Patienten dann aber nicht einlöste.
Und nicht nur am Patienten direkt kommen manchmal widersprüchliche, unlogische oder gar gefährliche Aussagen zustande; auch Ausbilder ein und derselben kinesiologischen Richtung lehren hin und wieder diametral Gegensätzliches. Das Wunderlichste an diesem Phänomen ist, dass innerhalb seines eigenen Systems der jeweilige Anwender „beweisen“ kann, dass es nur nach seiner Fasson funktioniert, und er widerlegt seinen Kollegen, der vom Gegenteil ausgeht und dieses ebenfalls „beweisen“ kann!
Anfangs vermutete ich darin Missverständnisse oder einen Mangel an genauerer Information, doch bestätigten sich bei sorgsamer Recherche diese Differenzen immer mehr. Solche Beobachtungen machten mich stutzig. Und sie waren letztlich der Anstoß zu diesem Buch: Es nahm seinen Ausgangspunkt in etlichen Irritationen, die mich vorübergehend sozusagen ausbremsten. Wonach sollte ich mich richten, wenn es konträre Wahrheiten zu geben schien?
Widerspruch und Wahrheit
Zunächst ging ich davon aus, dass zu einem Thema entweder nur die eine oder nur die andere Behauptung wahr sein konnte. Um zwischen „richtig“ und „falsch“ unterscheiden zu können, setzte ich mich mit vielen Einzelfällen ausgiebig schriftlich auseinander. Der Berg meiner Notizen mit Anmerkungen, Beobachtungen, Thesen, Belegen und Fragen wurde größer und größer, eine Klärung war nicht in Sicht. Im Gegenteil, es kamen immer mehr Puzzleteile hinzu. Bei manchem ging es längst nicht mehr um die Kinesiologie als Methode, und doch gehörte alles zu einem Gesamtbild, das ich aber nicht erkennen konnte.
Völlig irritiert war ich beispielsweise über Therapeuten, die per Muskeltest bei fast allen Patienten dieselben Störungen fanden, während dieselben Patienten anderen Therapeuten andere Testantworten lieferten.
Ebenso wenig konnte ich begreifen, dass man den Muskeltest auf Gesundheitsmessen und in Arztpraxen zuweilen als „Verkaufsargument“ missbrauchte. Wie gesagt, je länger ich mich mit der Materie beschäftigte, desto mehr sammelte sich in meinem Körbchen.
Nachdem ich alles gesichtet und sortiert hatte, blieb die Fülle zwar bestehen, aber ich hatte zumindest einen gemeinsamen Nenner, um den es mir persönlich ging: Was sich vor mir ausbreitete, waren lauter Bruchstücke, die nicht zusammenpassen wollten und damit die Kinesiologie irgendwie unglaubwürdig wirken ließen. Da schloss sich zumindest der Kreis zu meiner persönlichen Betroffenheit. Denn mir liegt ja am Herzen, dass die Kinesiologie – für mich noch konkreter: der Muskeltest – in „seriöse“ Therapiemethoden Eingang findet. Das wird erst geschehen, wenn er durch Glaubwürdigkeit überzeugt.
Wenn ich mein gesammeltes Material unter dem Motto „Glaubwürdigkeit“ sichtete, kamen noch weitere Aspekte hinzu, die ich berücksichtigen musste. So wartet die Kinesiologie in ihrer Methodik ohnehin mit einigen Merkwürdigkeiten auf, die sich jenseits unseres gängigen Wissenschaftsverständnisses bewegen, beispielsweise, dass man Substanzen allein durch Berührung auf ihre Verträglichkeit testen oder per Muskeltest mit seinem Gegenüber sozusagen „telepathisch“ kommunizieren kann. Auch das galt es einzubeziehen, wenn ich mich für den Muskeltest starkmachen wollte. Nicht zu vergessen einige unkluge Präsentationen dieses wertvollen Instruments in der Öffentlichkeit (auch wenn das eher Randerscheinungen sind).
Mit diesem Buch möchte ich den Muskeltest aus der wissenschaftlichen „Grauzone“ herausholen. Ich verstehe mich – wie bereits erwähnt – als seine Anwältin. Ich möchte ihm mit klaren Worten mehr Anerkennung verschaffen.
Aus dem, was zunächst nur gedacht war als Vorbereitung auf meine Seminare oder Vorträge, ergab sich zu meiner großen Freude im Laufe der Zeit ein stimmiges Denkmodell, in dem sich die Widersprüche auflösen, mit dem schwierige Phänomene des Testens zumindest hypothetisch erklärt werden können und mit dem darüber hinaus sogar deutlich wird, auf welche Weise Willkür und Manipulation in den Muskeltest einfließen können. Diese Einflüsse beim Muskeltesten transparent zu machen, das kommt der kinesiologischen Arbeit und den Patienten zugute – und auch der Methode und ihrem Ansehen. Auf dieses Modell und die daraus folgenden Konsequenzen läuft dieses Buch hinaus.
Wem könnte dieses Buch also nützlich werden? Logischerweise allen, die sich mit der Kinesiologie und ihrem Muskeltest beschäftigen, sei es als Therapeuten, als Ausbilder oder als Lernende der Methode, als Privatanwender, als potenzielle Patienten oder als Kritiker. Es könnte nützlich sein, wenn Sie Kinesiologie bzw. den Muskeltest kennen, praktizieren, kennenlernen wollen, skeptisch betrachten oder noch gar nicht kennen und nur neugierig sind – im nächsten Kapitel gebe ich einen kurzen Einblick in die Kinesiologie (nicht nur für Kinesiologie-Neulinge).
Was Sie erwartet
Dieses Buches lädt Sie ein, den Muskeltest einmal aus einem ungewohnten Blickwinkel, nämlich aus der Perspektive des Bewusstseins zu betrachten. Ungewohnt mag vor allem sein, die Tragweite zu begreifen, die damit einhergeht, wenn das Bewusstsein nicht nur eine Rolle spielt, sondern letztlich Regisseur des gesamten Verfahrens ist.
Dementsprechend ist der rote Faden dieses Buches das Thema „Bewusstsein“, unter verschiedenen Aspekten und Qualitäten. Er entspringt aus einem Knoten von Unstimmigkeiten, die ich aufzudröseln versuche. Dann folgt er der Linie des Denkmodells, mit dem die Unstimmigkeiten und Widersprüche gelöst werden können, um sich danach in einzelne Teilfäden zu verzweigen, die verschiedene Konsequenzen und Erkenntnisse nach sich ziehen. Am Ende fügen sich diese Teilfäden wieder zusammen und führen zu Perspektiven, die sich aus diesen Erkenntnissen ergeben.
Konkret heißt das:
– Es beginnt mit der Einstellung zur Kinesiologie in der Öffentlichkeit und der Frage, welches Bewusstsein ihr gegenüber herrscht.
– Das Kernstück beschäftigt sich mit der Rolle des Bewusstseins in der Anwendung der Kinesiologie – als Schlüssel für das Verständnis von Ungereimtheiten, Widersprüchen und Ambivalenzen.
– Im letzten größeren Teil des Buches ziehen wir die Konsequenzen, die sich für unser Bewusstsein aus den Ergebnissen des kinesiologischen Testes ergeben.
– Zuletzt werfen wir einen Blick auf Potenziale des Bewusstseins, wie sie sich über die Kinesiologie hinaus abzeichnen.
Der Weg durch dieses Buch wird nicht immer geradlinig verlaufen, die Vielschichtigkeit des Themas verlangt gelegentlich einen Sprung hierhin oder dorthin und ich werde Sie auf den einen oder anderen kleinen Umweg mitnehmen. Aber wir wissen ja, Umwege führen bisweilen schneller ans Ziel, vor allem, wenn auf der „Autobahn“ des geradlinigen Denkens ein Stau entstanden ist.
Mein Anspruch ist die Glaubwürdigkeit, meine Ausrichtung ist die Anerkennung von Kinesiologie und Muskeltest auf einer seriösen Grundlage. Dennoch lege ich hier bewusst keine wissenschaftliche Abhandlung vor. Ebenso wenig beanspruche ich, „die“ Wahrheit gefunden zu haben, auch wenn ich hoffe, ihr mit meiner Auseinandersetzung ein Stück näher zu kommen. Meine Ideen und Hypothesen wollen Entwirrungs- und Orientierungshilfe bieten für diejenigen, die sich im kinesiologischen Dschungel zu verlaufen drohen, wollen anregen zum Beobachten, Prüfen, Mitdenken. Wenn sie durch überzeugende Argumente widerlegt werden, haben sie als Thesen ihren Zweck erfüllt. Wenn sie im Laufe der Wahrheitssuche erweitert und korrigiert werden, ebenfalls. Wenn sie sich einfach nur bestätigen, erst recht.
*
In Kürze für Eilige:
Widersprüche kinesiologischer Anwendungen und einige spezielle Phänomene des Muskeltestens stellen die Glaubwürdigkeit der Methode infrage. Meine Suche gilt den Prinzipien, mit denen solche Widersprüche sich integrieren oder auflösen lassen. Ich möchte mich dafür einsetzen, dass der Muskeltest in seinen Prinzipien besser verstanden wird, und ihm dadurch zu mehr allgemeiner Anerkennung verhelfen.
Kinesiologie – ein Einblick, nicht nur für Einsteiger
Der rote Faden:
Was Kinesiologie allgemein ist und was speziell die analytische Kinesiologie ausmacht. Wie und warum der Muskeltest funktioniert und inwiefern er in Medizin und Psychotherapie oft Unglaubliches bewirken kann
*
Über Kinesiologie kann man in zwei Minuten das Allerwichtigste sagen – man kann sie in zwei Stunden im Überblick erklären – in zwei Tagen kann man recht gut die grundsätzlichen Prinzipien bis zur einfachen Anwendung vermitteln – zwei Wochen braucht man, um die Grundlagen der Methode zu erfassen oder in die wesentlichen Kinesiologierichtungen hineinzuschnuppern – und Jahre dürfte man brauchen, um sie kreativ oder gar virtuos einzusetzen. – Beginnen wir mit der knappsten Kurzformel für neugierige Neulinge:
Ein zentrales Arbeitsinstrument in der Kinesiologie ist das Prüfen von Muskelreaktionen, der Muskeltest (im Folgenden oft nur „Test“ genannt). Damit kann man Auswirkungen unterschiedlichster Reize auf einen Menschen (oder ein anderes Wesen) nachweisen. Besonders wertvoll ist diese Fähigkeit, wenn damit auch unterschwellige Reize identifiziert werden, die das Bewusstsein nicht registriert. Dieser Muskeltest aus der Kinesiologie ist Gegenstand unserer Betrachtungen in diesem Buch.
So einfach sich das Wort Kinesiologie übersetzen lässt, so wenig kann man aus dem Namen allein herleiten, was diese Methode ausmacht. „Kinesiologie“ kommt aus dem Griechischen und setzt sich zusammen aus kínesis = Bewegung und lógos = Lehre, heißt also wörtlich „Bewegungslehre“. Das lässt fälschlicherweise an Sport oder an eine Trainingsmethode oder eventuell noch an Rehabilitationsmaßnahmen oder Tanztherapie denken – alles das ist jedoch nicht gemeint.
Ich zitiere im Folgenden zunächst einen Text von Ingeborg Weber, Leiterin der Internationalen Kinesiologie Akademie (aus der Einführung in deren Ausbildungsprogramm 2013):
„Kinesiologie …
… ist die Lehre von der Bewegung und beschäftigt sich im engeren Sinne mit dem Zusammenspiel der Nerven, Muskeln und Knochen, ihrem Einfluss auf Körperhaltung und Bewegungsabläufe.
Darüber hinaus arbeitet die Kinesiologie mit der seelischen, geistigen und der übergeordneten spirituellen Ebene. Ihr Ziel ist es, Bewegung in festgefahrene Emotionen, Denkweisen, Glaubenssysteme und Verhaltensmuster zu bringen, um den Menschen seine Balance, seine Mitte und seinen Platz in der Welt finden zu lassen. …
Aus der chiropraktischen Entwicklung heraus arbeitet die Kinesiologie auf der körperlichen Ebene bei verspannten hypertonen Muskeln oder geschwächten hypotonen Muskeln mit verschiedenen Korrekturen, die von Dr. George Goodheart entwickelt wurden.
Frank Chapman entdeckte die neurolymphatischen Reflexpunkte und dass eine Massage dieser Punkte die Entgiftung der Lymphe anregt. Goodheart stellte dann die Verbindung der einzelnen Punkte zu den entsprechenden Muskeln her. Terence Bennet erforschte die neurovaskulären Kontaktpunkte. Bestimmte Punkte am Kopf rufen bei sanfter Berührung eine vermehrte Durchblutung des Gehirnareals hervor. Auch hier konnte Goodheart die Verbindung zu entsprechenden Muskeln herstellen.
Anfang der 70er-Jahre gelang es Dr. Goodheart, aus dem Akupunktursystem der Chinesen über die Meridiane und ihre Verbindung zu Organen die Zuordnung zu bestimmten Muskeln zu finden. Durch Streichen der Meridianverläufe oder Halten von Anfangs- und Endpunkten eines Meridians wird ein abgeschalteter Muskel gestärkt.
Des Weiteren werden Haltungsschwächen, Fehlstellungen und Reflexe der Bewegungsabläufe getestet und durch Korrekturtechniken behoben. Diese Blockaden, die sich auf der geistig-seelischen Ebene auswirken, führen zu Lernschwierigkeiten und können zum Hindernis in der persönlichen Entwicklung werden.
Darüber hinaus kann jeder Muskel als Indikator eingesetzt werden, als eine Art Biofeedback-Instrument. Der Indikatormuskel reagiert als Antwort des Körpers auf einen Reiz oder Stress. So können zum Beispiel getestet werden: Nahrungsmittel, Medikamente, Schadstoffe, Testsätze mit Toxinen, Viren, Bakterien und Parasiten.
Die Kinesiologie beachtet das Symptom und stellt dann die Verbindung zur Ursache her, um aus dem ganzheitlichen Ansatz den Menschen zu heilen. Diese universalen Möglichkeiten des diagnostischen und therapeutischen Vorgehens haben zu einer raschen Ausbreitung der Kinesiologie in der ganzen Welt geführt.“
In Kürze und in meine eigenen Worte gefasst heißt das: Was die Begründer und Anwender unter Kinesiologie verstehen, beruht grundsätzlich auf einem Wechselspiel zwischen Unterbewusstsein und Muskelsteuerung. Einbezogen werden unterschiedliche reflektorische Behandlungen oder auch Bewegungsabläufe, um Störungen auf körperlicher, emotionaler oder mentaler Ebene auszugleichen.
Analytische Kinesiologie
Auf der Ebene der Methodik erweitert die von mir entwickelte analytische Kinesiologie das Spektrum der Kinesiologie um eine Variante, die geeignet ist, die Praxis auch solcher Ärzte und Therapeuten, die nicht auf Kinesiologie als Arbeitsgrundlage festgelegt sind, um ein sehr hilfreiches Instrument zu bereichern. Zwar weist sie Ähnlichkeiten mit anderen bereits bekannten Richtungen wie Health Kinesiology, Neuralkinesiologie oder auch Psychokinesiologie auf, unterscheidet sich aber in einem wesentlichen Punkt: durch Reduktion. Sie führt keine neuen Elemente in die Kinesiologie ein, sondern ist eher eine minimalisierte Version, ein Grundgerüst. Dadurch wird sie handlich und ist in unterschiedlichem Kontext leicht zu nutzen. Sie beschränkt sich auf einige wesentliche Prinzipien und reduziert die Methodik.
Was die analytische Kinesiologie ausmacht, darauf möchte ich im Folgenden etwas ausführlicher eingehen, weil ihre Unterschiede zu anderer kinesiologischer Methodik die Probleme bewusst machen, denen ich in diesem Buch nachgehe. Und so können Sie die nachfolgenden Abschnitte unter zwei verschiedenen Blickwinkeln lesen: einerseits als Information über den Ursprung meiner Fragen, andererseits als Einblick in meine Arbeitsweise, der Sie vielleicht neugierig macht auf „mehr“ (– was Sie dann beispielsweise in meinem Praxisbuch analytische Kinesiologie vertiefen können).
Um verständlich zu machen, wie es überhaupt dazu kam, dass ich innerhalb der Kinesiologie „eigenmächtig“ etwas veränderte, lade ich Sie zu einem kurzen Exkurs über meine persönlichen Hintergründe ein: In meiner Praxis als Allgemeinärztin galt mein Interesse im Wesentlichen der zentralen Frage, wodurch ein Mensch krank geworden war. Ich störte mich an dem gängigen medizinischen Ansatz, nur Symptome zu bekämpfen. Mich ließ die Idee nicht los, dass es bei (chronisch) Kranken erkennbare Einflüsse geben könnte, die die Krankheitsentstehung entscheidend begünstigt oder hauptverantwortlich verursacht hatten. Keine noch so gute Behandlung konnte dann heilsam wirken, solange diese schädigenden Einflüsse nicht erkannt und so gut wie möglich behoben wurden. Andererseits würden sich sehr wahrscheinlich viele Symptombehandlungen erübrigen, wenn die tatsächlichen Krankheitsursprünge gebannt wären.
Denn schon bei kurzfristigen, akuten Erkrankungen ist ja deutlich zu erkennen, dass der Körper äußerst unterschiedliche Einwirkungen mit einem begrenzten Spektrum von Symptomen beantwortet: Schmerzen, Durchfall, Atemnot, Hautausschläge und einige weitere – sehr lang ist die Liste körperlicher Grundbeschwerden nicht. Lang aber ist die Liste der Faktoren, die hinter jedem einzelnen Symptom stehen können: Kopfschmerzen können durch zu lange Arbeit am Computer, durch falsche Körperhaltung, durch einen „faulen“ Zahn, durch einen Alkoholkater, durch einen Infekt, durch seelische Konflikte, durch Fehlsichtigkeit oder vielerlei mehr entstehen; und jede dieser Arten von Kopfschmerz bräuchte andere therapeutische Konsequenzen. Stützt man sich nur auf die Untersuchungstechniken der konventionellen Medizin, so ist es unter Umständen ein enormer Aufwand, die wirklichen „Krankmacher“ zu identifizieren (– und dazu oft genug mit Unsicherheit behaftet). Kein Wunder also, dass ein Pharmaunternehmen seine Schmerztablette anpreist als ein Mittel „gegen 37 Arten von Kopfschmerzen“ …
Aber man stelle sich vor, es gäbe ein Untersuchungsinstrument, das direkten Zugang zum Steuerungssystem des Menschen gewährt und das dessen Informationen zur Krankheitsentstehung unmittelbar, ohne großen technischen Aufwand „ablesbar“ macht – wäre das nicht revolutionär? Diese Gedanken begleiteten mich in meiner Praxis als Hausärztin, als mir der Muskeltest begegnete. Da begann ich zu ahnen, dass er mich auf die gesuchte Spur führen könnte …
Im Rahmen meiner Kinesiologieausbildung, in der ich den Muskeltest richtig kennen und anwenden lernen wollte, wurde uns dann noch eine weitere Kostbarkeit vermittelt, deren Potenzial ich zwar zunächst noch nicht erkannte, die sich aber später als entscheidender Beitrag zur Ursachenerforschung individueller Krankheiten erwies: die sogenannten Modalitäten.
Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um eine Art „Schubladenmodell“ für krank machende Einflüsse: In nur vier „Schubladen“ (die Kinesiologen nennen sie „Modalitäten“) lassen sich sämtliche möglichen Faktoren einsortieren, die krank machend auf den Menschen einwirken können. Zwar gibt es sicherlich Millionen von einzelnen potenziellen Krankmachern, aber sie lassen sich vier unterschiedlichen Grundqualitäten oder Kategorien zuordnen:
So können schädigende Einflüsse auf den Organismus …
– strukturell-mechanisch entstehen (etwa durch Verletzung) oder
– durch Störungen in chemischen Abläufen des Körpers (Ernährungsfehler, Vergiftungen, Folgen von Infekten und Ähnliches) oder
– durch sogenannte energetische Einflüsse (Strahlung, Elektrosmog oder körperinterne Störherde) oder
– durch psychosoziale Stressfaktoren.
Ob Viren, Toxine, Gewalteinwirkungen, Liebeskummer, Zahnherde – alles lässt sich einer dieser Kategorien unterordnen:
● Störungen in der Struktur / Mechanik des Körpers
● Störungen im Bereich Funktion / Biochemie / Stoffwechsel des Körpers
● Störungen aus der Energetik / Körperelektrik
● Störungen im Bereich der psychosomatischen Zusammenhänge / des Seelisch-Geistigen / des Psychisch-Emotionalen
Der Vorteil dieser Kategorisierung ist immens. Während jede Behandlung, die bei einer falschen Kategorie ansetzt, entweder zum Scheitern verurteilt ist oder zumindest viel Einsatz für wenig Ergebnis erfordert, verspricht der Ansatz in der passenden Kategorie von vornherein Erfolg. Man könnte es so zuspitzen: Wem nützt eine dreijährige Psychotherapie, wenn ein Gang zum Zahnarzt der einzig heilsame Schritt wäre? Warum sollte man sich alle Zähne ziehen lassen, wenn man nur den Radiowecker vom Bett zu entfernen bräuchte? Wozu sollte man sein ganzes Haus von Radiästhesisten untersuchen lassen, wenn man eigentlich seine Ehekrise lösen müsste?
Wenn die Ursachenkategorie (oder Modalität) feststeht, können die daraus resultierenden Therapien durchaus variieren und werden dennoch den Kern treffen. Wenn beispielsweise Herzrhythmusstörungen chemisch bedingt sind, dann könnten diverse Formen einer entgiftenden Ausleitung zur Heilung beitragen, und wenn sie emotional bedingt sind, ist zwar psychische Bearbeitung der richtige Weg, aber welche psychotherapeutische Methode gewählt wird, ist durchaus offen.
Schon die Zuordnung der Symptome zu einer dieser vier Hauptkategorien ist für die medizinische Praxis eine kleine Revolution: Sie vereinfacht mithilfe einer wenig aufwendigen Untersuchung jede Therapieentscheidung, führt von Anfang an zu einem individuell optimalen Ansatz und damit auf einen heilungsfördernden Weg.
Diese Untersuchung, die ein Symptom oder eine definierte Krankheit ihren Ursprüngen zuordnet, ist auf ein Instrument angewiesen, das in der Lage ist, unmittelbar das Informationssystem des Körpers selbst zu nutzen, um Zusammenhänge herzustellen. Mir ist bislang kein Instrument begegnet, das für diesen Zweck so gut geeignet wäre wie der Muskeltest.
Die Erfolgsquote solcher Behandlungen aufgrund von nur vier generellen Ursachenkategorien hätte ich mir von meinen schulmedizinischen Kenntnissen her nicht vorstellen können. Nie hätte ich gedacht, dass Allergien, MS, Kopfschmerzen, Bandscheibenschäden, Hautausschläge, Krebserkrankungen, Anämie, Stoffwechselstörungen, Schlaflosigkeit, Gelenkprobleme, Infektanfälligkeit, Autoimmunerkrankungen, Blasenentzündungen oder Augenkrankheiten und vielerlei diagnostisch ungeklärte Beschwerden erstaunlich oft durch verhältnismäßig einfache Therapien heilen oder sich so deutlich bessern könnten.
Wer sich nun animiert fühlen sollte, sich näher auf die analytische Kinesiologie einzulassen oder zumindest hineinzuschnuppern, findet umfassende Anleitung dazu im Praxisbuch analytische Kinesiologie. Hier soll es genügen festzuhalten: In meiner komplexen Kinesiologieausbildung haben sich vor allem diese beiden Komponenten als vielversprechend für die ärztliche Praxis erwiesen: die vier Modalitäten oder Ursachenkategorien und der Muskeltest als dazugehöriges Sondierungsinstrument.
Ähnlich erging es mir mit einem Teilbereich dieser Ursachenforschung, von dem ich mich schon immer besonders angezogen fühlte: Das ist die Psychosomatik oder generell der Bereich der seelisch-geistigen Einflüsse auf Heilung und Heil in unserem Leben. Auch hierzu habe ich in der Kinesiologie zwei wertvolle Bausteine gefunden: wiederum den Muskeltest und darüber hinaus das sogenannte Stress Release. Diesem Bereich habe ich mich im Laufe der Zeit mehr und mehr zugewandt.
Für die seelisch-geistige Begleitung der Patienten (und Ausbildungsteilnehmer) steht heute die kinesiologische Stress-Release-Technik als eine einfache Neurofeedback-Behandlung bei mir an erster Stelle. Mit ihr wird – nach entsprechender Vorarbeit durch die Art der Gespräche mit Patienten – allein durch Berühren der beiden Stirnbeinhöcker eine „neue Ordnung“ im Kopf (zu dem bearbeiteten Thema) auf neuronaler Ebene unterstützt; diese neue Ordnung macht wiederum eine neue Ausgangsposition für das persönliche Handeln möglich. (Vgl. hierzu mein Praxisbuch psychologische Kinesiologie, ebenfalls bei VAK)
Der große Wert des Muskeltests in der seelischen Begleitung oder Psychotherapie beruht natürlich ebenfalls auf seiner Fähigkeit, Brücken zum Unterbewussten zu schlagen. So nutze ich in meiner Arbeit, wie es auch in anderen kinesiologischen Verfahren üblich ist, Testlisten mit emotionalen Triggerbegriffen (von der Kinesiologie „Stressoren“ genannt). Mithilfe dieser Listen suche ich per Muskeltest diejenigen Begriffe heraus, die das jeweilige Thema verdichten, auf den Punkt bringen. Der Test verstärkt die Resonanz zu Themen, die sich im Gespräch allein noch nicht klar herauskristallisieren, führt in konkretere und tiefere Zusammenhänge seelischen Verständnisses und ist damit ein äußerst potentes Werkzeug im Rahmen von Psychotherapie und ähnlicher seelischer Begleitung.
In diesem Kontext – in der individuellen medizinischen Ursachenerforschung von Krankheiten einerseits und in der psychischen Begleitung andererseits – spielt also der Muskeltest eine bedeutende Rolle. Diesen Muskeltest möchte ich Ihnen im Folgenden so vorstellen, wie ich ihn verstehe.
Wenn Sie selbst schon mit dem Muskeltest arbeiten und möglicherweise versierte Anwender sind, lade ich Sie dennoch ein, auch diesen Abschnitt zu lesen, um Vergleiche in späteren Kapiteln besser nachvollziehen zu können.
Wenn Sie noch nie mit dem Muskeltest zu tun hatten, bitte ich Sie, diesen Einblick keinesfalls als „Instant-Ausbildung“ zu betrachten, sondern bei Interesse nach einem soliden Fundament zu suchen. Aber den Test nach dieser komprimierten Kurzanleitung einmal auszuprobieren, das kann Ihnen niemand verwehren.
Grundlagen des Muskeltests
Physiologisch basiert der Muskeltest auf der Tatsache, dass die Skelettmuskulatur am ganzen Körper ihre Reaktionsweise unter bestimmten Umständen verändert. Üblicherweise steuern wir diese Muskeln mit dem willkürlichen Nervensystem, das heißt, sie „gehorchen“ dem Willen, der Führung des Menschen.
Außerdem hat aber auch das autonome, unbewusste Nervensystem Zugang zur willkürlichen Muskulatur: Das reagiert automatisch und schneller als das willkürliche – und dies ist entscheidend in Gefahrensituationen, wenn man ohne Umwege fliehen oder kämpfen muss. Damit der Weg zu diesen schnellen, reflektorischen Reaktionen frei wird, muss die willkürliche Steuerung (wie das Rühren im Kochtopf) unterbrochen werden. Wir kennen das von einfacheren Reflexen (zum Beispiel: Wegziehen der Hand von der heißen Herdplatte) ebenso wie von angelernten, verinnerlichten Abläufen (Bremsen beim Autofahren).
Sobald die Wahrnehmungssysteme des Menschen Alarm geben, unterbricht also das willkürliche Nervensystem für einen Augenblick die Kontrolle über die Muskelfunktion, um die schnellere autonome Reaktion nicht zu behindern. Diese Entkopplung zwischen willkürlichem Nervensystem und Muskulatur dauert nur einen kleinen Moment, danach kann das Bewusstsein sich wieder in die Muskelsteuerung einschalten und sinnvoll mithelfen – oder einen entgegengesetzten „Befehl“ geben: Obwohl Feuer zunächst einen Fluchtreflex auslöst, können wir bewusst in ein brennendes Haus zurücklaufen, um einen Menschen zu retten.
Die kurze neuromuskuläre Entkopplung (Kinesiologieanwender sagen: „Der Muskel schaltet ab.“) zeigt also an, dass das Körpersystem Alarm gibt. Dies tut es aber nicht nur, wenn etwa ein Bär hinter uns auftaucht oder eine Maus durch die Küche läuft, sondern schon bei unterschwellig bedrohlichen Reizen, die wir mit dem Bewusstsein noch gar nicht als Gefahr erfassen, wie zum Beispiel bei ungesunden Nahrungsmitteln, unverträglichen Sonnencremes, elektromagnetischen Feldern oder emotionalen Belastungen.
Die Tragweite dieses Phänomens ist enorm. Es bedeutet nämlich, dass es in unserem Körper Frühwarnsysteme gibt, die über völlig andere – noch unerforschte – Sensoren verfügen als die bekannten Sinnesorgane! Diese „erkennen“ potenzielle Gefährdungen bereits, wenn diese noch ein minimales Ausmaß haben, und würden – wenn man ihren Warnungen folgte – verhindern, dass sich aus der Summe kleiner Negativreize anhaltende Schäden im Gesamtsystem des Menschen manifestieren.
Die Stressreaktion
In Bezug auf den Muskeltest heißt das:
Wenn der getestete Muskel eine gewünschte willkürliche Bewegung kurzfristig nicht ausführen kann, lässt das auf eine offensichtliche oder unterschwellige Gefahr schließen. Daraus ergibt sich im Rückschluss, dass wir den Muskeltest benutzen können, um schädliche Einwirkungen auf den Organismus zu identifizieren. Solche schädlichen Reize nennt man in der Kinesiologie „Stressoren“.
In meiner Arbeitsweise beginnt der Muskeltest damit, dass der sitzende Patient einen Arm in etwa waagerecht vor dem Körper ausstreckt. (Das „Halten“ in dieser Position ist dabei der Auftrag des bewussten Nervensystems.) Der Therapeut sitzt seitlich von ihm, legt seine Hand auf den Unterarm des Getesteten und prüft mit langsam ansteigendem Druck, ob der Arm wirklich gehalten werden kann. Dies spürt er am „Einrasten“ des aktivierten Muskels, das sich für Tester und Proband etwa so anfühlt wie das Einrasten des Sicherheitsgurts im Auto, wenn plötzlicher Zug auf ihn einwirkt.
Das Einrasten (kinesiologisch auch „Sperren“ genannt) ist für den Testenden das Zeichen, dass der Wille des Menschen sich auf die Muskulatur überträgt, und für das Muskelsystem ist es die Kennung, auf welchen Prüfdruck vonseiten des Testenden es sich im weiteren Verlauf einzustellen hat. Dieses „Einrasten“ sollte im Idealfall von Tester und Getestetem (zumindest aber vom Testenden) gespürt werden, sonst ist der Druck zu schwach oder – weitaus häufiger – zu kurz.

Die Testhaltung
Wichtig ist dabei, dass der Druck langsam (über 2 bis 3 Sekunden) und keinesfalls ruckartig aufgebaut wird. Ebenso wenig ist ein Kräftemessen angesagt, weil es nicht um Stärke oder Schwäche geht, sondern nur um das Prüfen der willkürlichen Muskelkontrolle. Bei technisch korrektem Druck kann der Proband den Arm auch in einer längeren Testserie leicht halten und spürt darüber hinaus selbst eindeutig seine Reaktionen. (Wer es richtig erlernen will, findet Ausführliches zur Technik, zum Selbsttraining, zu verschiedenen Testvarianten, Fehlermöglichkeiten usw. in meinem Praxisbuch analytische Kinesiologie.)
Dieser „Leertest“ der Haltereaktion ist die Ausgangsgröße. Im Vergleich mit ihr möchten wir erkennen, wie der Organismus auf unterschiedliche Reize antwortet. Vor dem eigentlichen Test ist es üblich, durch einen eindeutig negativen Reiz zu prüfen, wie sich die neuromuskuläre Entkopplung (= das Nichteinrasten) bei der jeweiligen Testperson darstellt. Es gibt Menschen, deren Arm sich bei gleichmäßigem Druck von oben allmählich und kontinuierlich nach unten bewegen lässt, bei anderen „fällt“ der Arm nach der Entkopplung fast von allein nach unten.
Um unser Muskelsystem als Anzeigeinstrument benutzen zu können, müssen wir es „eichen“. Wir brauchen eine Ausgangssituation, in der der Muskel neutral reagiert (der Arm also mühelos gehalten werden kann), sowie eine Reaktionsweise, die Störung oder Stress signalisiert (bei der der Arm also die Muskelkontrolle verliert).

Smilie
Dazu benutze ich als Einstieg zwei Testbilder, den sogenannten Smilie mit dem Lächeln und den Heulie mit den heruntergezogenen Mundwinkeln. Bei Letzterem registriert der Körper Stress und lässt die Muskulatur entkoppeln, der Testende kann den Arm ohne besonderen Kraftaufwand nach unten drücken, obwohl die Testperson ihn zu halten versucht.

Heulie
Ist der Unterschied zwischen „eingerastetem“ Arm und „entkoppeltem“ Muskel (oder zwischen an- und abgeschaltetem Muskel) eindeutig, kann man mit dem eigentlichen Testen beginnen, indem man den Probanden verschiedenen Reizen aussetzt.
Uns sind üblicherweise Reize vertraut, die wir mit unseren Sinnesorganen aufnehmen, also schöne oder weniger erbauliche Bilder, angenehme oder schrille Töne … Um das zu differenzieren, brauchen wir keinen Muskeltest. Das Besondere an diesem Test ist, dass sogar diese bewusst wahrgenommenen Reize durch einen „Spezialfilter“ unseres Unterbewusstseins laufen, wo sie nach sensibleren Kriterien beurteilt werden. So mag jemand klassische Musik öde finden (= oberflächliche Vorliebe) – das Unterbewusstsein könnte bei Musik von Mozart jedoch mit einem gehaltenen Arm Wohlbefinden signalisieren, während bei der bevorzugten Marschmusik oder dem „angesagten“ Heavy-Metal-Rock der Arm eventuell nachgibt.
Wichtig ist noch zu erwähnen, dass das neuromuskuläre System den Muskel bei Konfrontation mit einem Negativreiz nur für kurze Zeit „abschalten“ lässt. Bei anhaltendem Kontakt mit einem Reiz adaptiert das Körpersystem. (Die Adaptationszeit variiert je nach Reizintensität und beträgt in der Regel nur wenige Sekunden.) Daher lässt der anfangs „schwach“ getestete Arm sich trotz weiterer Reizeinwirkung bald wieder leicht halten.
Erst durch diese Adaptation wird der Muskeltest überhaupt möglich, denn es dürfte keine einzige stabile Ausgangssituation beim Testen geben, die in jeder Hinsicht völlig frei ist von jeglichen negativen Einwirkungen. Gäbe es die Adaptation nicht, würden sämtliche potenziell negativen Reize der Umgebung, angefangen vom Stromkabel über die Tapetenfarbe bis zur Fliege an der Wand, anhaltend einen „starken“ Arm verhindern – und damit gäbe es keinen Muskeltest.
Da das Muskelsystem auch auf unterschwellige Reize reagiert, die über noch unbekannte Rezeptoren aufgenommen werden, gibt der Test Auskunft über Wahrnehmungen, die den uns vertrauten fünf Sinnen weitgehend verschlossen sind.
Das heißt, mit dem Test kommen wir an Informationen heran, die wir sonst nur über äußerst aufwendige und manchmal riskante Wege herausfinden würden. Gerade deshalb ist die große Domäne des Muskeltests vor allem das Austesten von Substanzen auf Verträglichkeit oder auch das Testen von Medikamenten – allein durch Körperkontakt. Ebenso lassen sich Strahlungsfelder nachweisen, sobald sie den Organismus störend beeinflussen.
Nun könnte es ja sein, dass wir möglicherweise vorhandene „Mobilfunkrezeptoren“ im Körper einfach nur noch nicht entdeckt haben, ebenso wie „Messfühler“ für Joghurtdrinks. Doch selbst wenn sich eines Tages nachweisen ließe, dass es ein subtiles Schadensabwehrsystem einschließlich der dazugehörigen Sensoren gibt, erklären sich daraus nicht alle Möglichkeiten des Muskeltestens. Allein schon die Möglichkeit, geeignete Heilmittel auszutesten, lässt sich nicht mehr mit Aspekten wie Alarm oder Stressor erklären. Diese Art Kommunikation mit der Körperintelligenz bedarf also eines erweiterten Verständnisses.
Die Funktionen des Muskeltests wären nicht vollständig dargestellt, würde ich an dieser Stelle nicht eine weitere wichtige Reaktionsweise ins Spiel bringen. Sie beruht auf der Tatsache, dass unser Körpersystem zwar offensichtlich recht „simpel“ auf Konfrontation mit Stressreizen reagiert, sich aber keineswegs auf diesen simplen Mechanismus beschränkt. Das heißt, im intelligenten System Mensch kann der Organismus durch Zusammenspiel mit dem Bewusstsein noch viel mehr:
Wir können die grundsätzliche Funktion des Testes, das On-Off-Phänomen der Muskelreaktion als Stressanzeige, durch Ansprechen der Körperintelligenz erweitern. Diese verbale Steuerung des Muskeltests kann man am besten auf der Grundlage der Idiomotorik verstehen, die vielen aus der Hypnotherapie bekannt sein dürfte: Dort vereinbart man mit dem Klienten, dass er sein Unterbewusstsein durch Handzeichen antworten lässt, ohne dabei willentlich zu „helfen“. Dazu bekommt er die Anweisung, dass die rechte Hand gehoben werde, wenn das Unterbewusstsein „ja“ sagen wolle, und die linke, wenn es „nein“ signalisiere.
Nur im Sinne einer solchen Vereinbarung lässt sich erklären, dass auch der Muskel(halte)test auf Ansprechen und Auffordern reagiert. Damit tritt dann die „Hardware“ des Muskeltests als reine Reaktion auf einen Reiz in den Hintergrund und macht Platz für die „Software“, in der die neuromuskuläre Entkopplung nicht mehr von einer klassischen Stresswirkung gesteuert wird, sondern von einer gewählten Vorgabe. In diesem Zusammenhang wird der Muskeltest zu einem Indikator, der unserer Intention folgt. (Dazu gebe ich im Folgenden Beispiele.) Dies kann auf zweierlei Weise geschehen, nämlich durch die Vereinbarung von Suchkriterien (= Raster) oder in einem ausformulierten Dialog.
Der Dialogtest
Jeder, der schon einmal kinesiologische Tests angewendet oder erlebt hat, dürfte den verbalen Test kennen. Da werden Worte und Sätze formuliert und das Muskelsystem wird „beauftragt“, hierauf zu reagieren. Zu diesem Zweck lassen sich entweder Fragen stellen oder Aussagen prüfen („Ist heute Sonntag?“ oder „Heute ist Sonntag.“), im Anschluss daran wird der Muskeltest vollzogen.
Logisch gesehen ist es naheliegend, dass ein gehaltener Arm „ja“, also Bestätigung bedeutet und dass sein Nachgeben „nein“ oder Negation heißt. So praktizieren es die meisten Anwender fast schon instinktiv. Allerdings ist das kein Naturgesetz, sondern durch eine entsprechende Vereinbarung kann die Reaktion auch umgekehrt erfolgen. Ich empfehle, sich bewusst zu entscheiden (und es möglichst auch dem Getesteten mitzuteilen), wie die Muskelreaktion zu interpretieren ist.
Der Muskeltest fungiert im Dialog nicht mehr als physiologische Reaktion auf einen Stressor, sondern als Indikator, der von der Körperintelligenz gesteuert wird.
Beim Dialog per Muskeltest fassen wir in Worte, was Psyche oder Körper sagen würden, wenn sie direkt zu uns sprechen könnten. Wir bieten sozusagen fertige Aussagen an, damit die Muskelreaktion sozusagen nur noch zu markieren braucht, was richtig und was falsch ist.
Dabei treten wir üblicherweise in Kontakt zu Ebenen, die unserem Tagesbewusstsein nicht zugänglich sind. Auf diese Weise lassen sich Rückversicherungen zum Behandlungsverlauf einholen („Wir sind auf dem richtigen Weg zur Lösung des Problems“ oder „Es fehlt noch etwas, um die Behandlung zu vervollständigen“), es lassen sich medizinische Fragen wie notwendige Maßnahmen oder Medikamentendosierungen ebenso klären wie Glaubenssätze in der psychotherapeutischen Arbeit und manches mehr.
Viele Ergebnisse des Muskeltests erfordern über die Einordnung als Stressor hinaus weitere, differenziertere Auskünfte. Vielleicht müssen wir klären, warum bei Berühren einer Orange der Muskel nachgegeben hat: Ist es nur diese eine Orange oder sind es Orangen generell? – Ist die getestete Frucht schadstoffbelastet, unreif oder verdorben? – Wird die Fruchtsäure nicht vertragen oder liegt eine Allergie vor? – Betrifft der Test die Schale oder auch das Fruchtfleisch? … In solchen Fällen ist der Körperdialog per Muskeltest ebenso wertvoll wie beispielsweise bei der Klärung, ob eine Operation notwendig ist oder zu welchem Zeitpunkt ein Eingriff stattfinden sollte.
So kann man sozusagen per Vereinbarung den Muskeltest nutzen, um mit dem Körper zu kommunizieren. Das ist genial, aber nicht in jeder Situation ökonomisch. Stellen Sie sich vor, Sie wären auf der Suche nach einem geeigneten Heilmittel. Alle zu prüfenden Mittel sind per se unschädlich – also müsste, da kein Stress ausgelöst wird, bei jedem Mittel der Arm gehalten werden. Damit würden wir das Gewünschte nicht finden können. Wenn Sie aber zu jedem einzelnen Mittel eine vollständige Aussage formulieren müssten, um den Körper jeweils nach der Wirksamkeit zu fragen, würden Sie bei 25 oder 93 verschiedenen Substanzen erstens sehr lange brauchen, zweitens würde der Kopf rauchen und drittens die Zunge einen „Knoten“ bekommen … Das wäre offensichtlich zu umständlich.
Der Rastertest
In dieser Situation schafft der Rastertest Abhilfe. Er kombiniert die Funktionen von Dialog und Stressor. Wir geben unsere Intention, mit der wir an den Test herangehen, als Suchkriterium schon zu Beginn des Testens vor, erteilen also dem Un(ter)bewussten bzw. dem vegetativen Nervensystem den Auftrag, von vornherein die anschließend ausgetesteten Substanzen entsprechend unserer Absicht zu selektieren. „Etwas“ in der Körperintelligenz versteht, wonach gesucht werden soll, und setzt diesen Befehl für die gesamte anschließende Testserie um.
Mit dem Rastertest setzen wir in gewisser Weise die Funktion des Stressors außer Kraft, gehen aber dennoch ähnlich vor wie beim reinen Reiz-Reaktions-Test.
Mal ganz praktisch: Stellen Sie sich vor, Ihre beiden Kinder fühlen sich unpässlich. Eines hat Halskratzen, das andere Blähbauchbeschwerden. Sie haben in Ihrer Hausapotheke etwa 20 Heiltees aus biologischem Anbau. Vorausgesetzt, dass die Kinder auf keinen der Tees allergisch sind, müsste also bei jedem der Tees der Arm gehalten werden (– der Tee löst ja keinen Stress aus). Damit kämen Sie nicht zu dem gewünschten Ergebnis, für die jeweiligen Beschwerden Ihrer Kinder den passenden Tee zu finden. Und bei jedem Tee umständlich Fragen zu formulieren, das wäre, wie gesagt, auch bei „nur“ 20 Wahlmöglichkeiten extrem aufwendig.
Der Rastertest hingegen macht es wieder einfach: Sie wählen für das Kind mit den Halsschmerzen die Vorgabe, dass der Tee dem Kind gegen Halsschmerzen helfen soll – und siehe da, vermutlich wird der Arm nur bei Salbeitee stark bleiben! Mit der Ausrichtung auf Blähbauch bei dem anderen Kind reagiert der demzufolge positiv auf Fencheltee. Bei allen anderen Tees wird der Muskel nachgeben, obwohl sie völlig unschädlich sind und somit auch keine „Stressoren“ sein können.
Diese Vorabdefinitionen bedeuten also für den Test, dass der Arm bei positiven Suchkriterien (also etwa einer geeigneten, notwendigen oder optimalen Arznei) stark bleibt und bei allem, was dem Suchkriterium nicht entspricht, nachgibt, selbst wenn es nicht schädlich ist.
Ebenso nützlich ist der Rastertest, wenn eigentlich alle zu testenden Substanzen Stressoren wären, wir unter ihnen aber einzelne nach unserem Gutdünken auswählen wollen. Beispielsweise würde bei allen alkoholischen Getränken der Muskel wegen des Alkoholgehalts abschalten. Wenn wir aber mit einer Rastervorgabe testen, können wir unter verschiedenen Weinsorten die bekömmlichste durch einen starken Muskel herausfinden – die Stressorfunktion wird in diesem Fall per Handlungsauftrag außer Kraft gesetzt und vom neuromuskulären System „ignoriert“.
Vielleicht beherrschen Sie den Muskeltest ja schon und haben nun Lust, es selbst einmal auszuprobieren?
Den Rastertest ausprobieren
Sammeln Sie einige Nahrungsmittel, Kosmetika, Waschpulver, vielleicht auch Vitaminkapseln oder Ähnliches.
Testen Sie einmal alle Substanzen ohne jeglichen Kommentar und ohne jede Absicht durch. (Vor Beginn eichen!)
Der Arm wird nur dann nachgeben, wenn etwas vom Körper als schädlich erkannt wird. So wird er vermutlich auch bei einer Sonnenmilch oder bei der Zahnpasta dem Testdruck standhalten.
Machen Sie dann eine Vorgabe, die Ihnen sinnvoll scheint, beispielsweise: Der Arm bleibt stark bei allem, was als Nahrungsmittel geeignet ist. Testen Sie wieder dieselben Substanzen durch – das Ergebnis wird ein anderes sein. Überlegen Sie sich weitere Vorgaben, etwa: was gesundheitsfördernd ist oder Ähnliches.
Mit Rastern zu testen, die auf individuelle Praxissituationen zugeschnitten werden können, halte ich für eine der ökonomischsten und effektivsten Anwendungen des Muskeltests.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass wir den Muskeltest in zwei Funktionen anwenden können:
● Stressorsuche – der Muskeltest als reines Prüfen der Reaktion auf einen Reiz
● Idiomotorische Funktion als Indikator – Vereinbarung mit dem Körpersystem, wie die Muskelreaktion erfolgen soll:
… entweder innerhalb von Rastern, die Suchkriterien definieren,
… oder im Dialog, also im Zwiegespräch mit dem Unterbewusstsein im Sinne von Frage und Antwort, von wahren oder unwahren Aussagen
Wenn nichts anderes vereinbart oder vorgegeben wird, bleibt der Test im reinen Reiz-Reaktions-Modus. Wenn ich eine andere Testfunktion wünsche, muss ich mir dessen bewusst sein und sie vorab möglichst klar formulieren.
Das bisher zum Muskeltest Gesagte lässt sich wie folgt zusammenfassen:
Der Muskeltest ist ein Instrument, das in bestimmten Funktionen angewendet wird. Die Hauptfunktionen sind reine Reiz-Reaktions-Prüfung, Dialog (mit vollständigen Sätzen) und Vorgabe von Auswahlkriterien. Diese Auswahl kann sich innerhalb von Substanzen bewegen (Nahrungsmittel, Medikamente …) oder in der Zuordnung von Krankheitsursachen, aber auch verbale Listen durchforsten wie bei der Suche nach emotionalen Triggerbegriffen.
In dieser Einfachheit sind der Test und seine Systematik vielfältig einsetzbar und nützlich und mit den meisten therapeutischen Rahmenbedingungen kompatibel.
Sofern Sie noch keinen Einblick in die Kinesiologie hatten, hoffe ich, dass Sie sich nun etwas Konkreteres darunter vorstellen können. Nur ist es mit dem Muskeltest wie mit einer Pizza: Die Zutaten zu beschreiben ersetzt nicht das Schmecken. Letztendlich muss man den Muskeltest erlebt haben, um zu wissen, was gemeint ist. Vielleicht haben Sie Glück, dass sich jemand freut, es Ihnen zeigen zu dürfen. Sollten Sie zu den Skeptikern gehören, lassen Sie es sich von einem besonders versierten Tester zeigen.
Die Zweifler kann ich gut verstehen, weil unsere Erfahrung solche Phänomene nicht kennt und weil nicht jede praktische Demonstration überzeugt. Aber die Zweifler werden in den nachfolgenden Kapiteln noch genügend „Gedankenfutter“ bekommen, bevor sie dann hoffentlich doch noch überzeugt werden …
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In Kürze für Eilige:
Die Kinesiologie insgesamt ist eine sehr komplexe Untersuchungs- und Behandlungsmethodik mit vielen verschiedenen Ausrichtungen. Allen gemeinsam ist der Muskeltest, der bei Kontakt der Testperson mit einem Reiz anzeigt, ob dieser für den getesteten Menschen verträglich oder schädlich ist.
Der Muskeltest kann im Alltag für Laien ebenso nützlich sein wie im therapeutischen Einsatz.
In der analytischen Kinesiologie wird der Muskeltest mit einer einfachen Systematik als Wegweiser zu Krankheitsursachen auf körperlicher und psychisch-geistiger Ebene genutzt.
Qualitätssicherung
Der rote Faden:
Was die Kinesiologie mit den Störchen und dem Kinderkriegen zu tun hat und wie uns drei Säulen der Glaubwürdigkeit eine tragfähige Basis verschaffen können
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Qualitätsmanagement ist heute in aller Munde und die grundsätzliche Motivation, die dahintersteckt, ist allemal lobenswert, nämlich für ein taugliches Produkt zu sorgen. Bei einer Therapiemethode heißt das, einigermaßen verlässlich optimale Behandlungsergebnisse anzusteuern und dafür die geeigneten Richtlinien zu schaffen.
Darunter verstehen die meisten Qualitätssicherungsexperten, bewährte oder für bewährt gehaltene Durchführungsrichtlinien festzuschreiben – was nichts anderes heißt, als den Anwendern sozusagen standardisierte Arbeitsabläufe vorzuschreiben und ihnen damit meist das Leben schwer zu machen …
Für gewisse Bereiche – beispielsweise für die Messtechnik, auch in medizinischen Labors – ergibt das durchaus einen Sinn. In anderen Bereichen ist es eher Unsinn. Denn indem wir uns an bestimmte Durchführungsregeln halten, garantieren wir als Therapeuten noch lange kein gutes Behandlungsergebnis. Und doch sollte uns genau daran gelegen sein: einen Boden zu finden, auf dem wir uns sicher bewegen können und auf dessen Grundlage wir den Klienten oder Patienten versichern können, dass wir im Wesentlichen wissen, was wir tun und was es bewirken soll.
Qualitätssicherung liegt im Interesse aller Beteiligten, das gilt für die Kinesiologie ebenso wie für jede andere Untersuchungs- oder Therapiemethode. Allerdings verstehe ich sie nicht als eine Verordnung von Staat oder Institutionen, sondern als eine ethische Verpflichtung und eine Frage der eigenen Gewissenhaftigkeit.
Mit Recht wünschen vor allem die Behandelten, dass es Kriterien der Verlässlichkeit gibt – und damit hat es die Kinesiologie gegenüber manchen anderen naturheilkundlichen Verfahren bisher aus mehrerlei Gründen etwas schwerer. Denn die Kinesiologie ist vergleichsweise jung und hat sich in eine solche Vielzahl von Richtungen verzweigt, dass es nicht einfach ist, grundsätzliche Verlässlichkeitskriterien für die vielfältigen Anwendungen zu benennen.
Allerdings sind solche Kriterien wesentliche Voraussetzungen dafür, dass eine neue Methode vertrauenswürdig wird. Auch da wird die Kinesiologie mit deutlich mehr Fragezeichen versehen als manche andere komplementärmedizinische Methode. Angefangen von der Funktionsweise des Muskeltests über die Anwendungsweise des Substanztests (durch Verpackung und Kleidung hindurch) bis zu mentalen Interaktionen und mancherlei mehr gibt es reichlich Erklärungsbedarf. Noch gibt es in der Praxis der Kinesiologie zu viele Faktoren, die auch „kinesiologieintern“ umstritten sind und geklärt werden müssen, wenn man die Seriosität der Kinesiologie überzeugend belegen möchte.
Reicht Empirie aus?
Kinesiologie hat sich im Wesentlichen aus Erfahrungen und Ideen dazu entwickelt; sie wurde, wie bei Heilverfahren üblich, nicht als Theorie auf dem Reißbrett entworfen und erfunden, sondern entdeckt. Deshalb ist sie zunächst auf eine Sammlung von Beobachtungsdaten angewiesen, im Sinne der Frage: „Was passiert, wenn …?“.
Logischerweise können in den seltensten Fällen aus einem Einzelfall allgemeine Rückschlüsse gezogen werden, zumal gerade Heilung vielen komplexen Einwirkungen unterliegt, nicht zuletzt auch suggestiven. Das heißt aber, es müssen sehr viele Fälle verfolgt und dokumentiert werden, auch langfristig, wenn man beurteilen will, wo die Kinesiologie Wirkung gezeigt hat. Die erste Aufgabe heißt also Dokumentation und Langzeitbeobachtung.
Davon hat die Kinesiologie schon einiges zu bieten. Doch ihren Kritikern reicht das offenbar nicht, um das gewissermaßen revolutionäre Potenzial des Muskeltests anzuerkennen. Und auch mir reicht es nicht. Denn empirische Belege allein sind zwar notwendig, aber sie stehen verloren im Raum, solange die Resultate der Methode nicht durch Beweise oder zumindest Hypothesen in einen stimmigen Bezug gesetzt werden können. Ohne die Vorstellung, wie die Erfolge der Kinesiologie erklärt werden können, fehlen orientierende Anhaltspunkte für die Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit der Methode. Reine Empirie ist reine Statistik – und damit ließe sich beispielsweise sogar „beweisen“, dass der Rückgang der Geburtenrate in Deutschland auf die Verdrängung der Störche zurückzuführen ist, da sich beides ziemlich zeitgleich abspielt …
Was eine Methode also ebenfalls braucht, um zu überzeugen, sind Erklärungsmodelle, mit deren Hilfe man sich die inneren Zusammenhänge vorstellen kann. Bei dem Beispiel mit den Störchen könnte als Erklärungsmodell angenommen werden, dass sie tatsächlich die Babys bringen. Oder, wenn wir eine Ebene höher ansetzen würden, kämen wir vielleicht auf den gemeinsamen Nenner, dass sich in unserer denaturierten Umwelt die Störche nicht mehr wohlfühlen und die Menschen keine Lust mehr auf Nachwuchs haben.
Erklärungsmodelle helfen den Anwendern, ihre Erfahrungswerte abzugleichen und damit einerseits die Hypothesen zu überprüfen und zu korrigieren, andererseits die eigenen Ergebnisse besser nachvollziehen und entsprechende Erfahrungen weitergeben zu können. Denn nicht nur die Kritiker, auch wir als anwendende Therapeuten schauen vor allem auf die „Therapieversager“, die uns die Nachtruhe kosten. Erst mit geeigneten Denkmodellen lernen wir verstehen, was möglicherweise falsch gelaufen ist, und wir erkennen, worauf es wirklich ankommt. Dabei sind diejenigen Erklärungsmodelle am tauglichsten, aus denen sich innerhalb einer Grundhypothese alle auftauchenden Phänomene der Methode herleiten lassen.
Der nächste Schritt muss demnach nicht nur zu der Überlegung führen, wie es funktioniert (im Sinne einer Gebrauchsanweisung), sondern warum es funktioniert, das heißt, welche Steuerungsprinzipien dahinterliegen. Wir müssen verstehen, wenn wir sinnvoll handeln wollen – das wird in diesem Buch noch öfter Thema sein.
Solange Erfahrungen nur beschreibend und ohne Verständnis tieferer Bezüge weitergegeben werden, wird sich bei der Verbreitung einer Methode der „Stille-Post-Effekt“ einschleichen: Am Ende kommt nur unverständliches Kauderwelsch heraus. Oder es werden Hypothesen konstruiert, die letztlich gar nichts mehr mit der Sache zu tun haben. Das kann sich die Kinesiologie, wenn sie als ernst zu nehmende Methode Fuß fassen will, meiner Ansicht nach nicht leisten. Und sie hat es auch nicht nötig.
Eine der Schwachstellen der Kinesiologie, die die Kritiker zum Nachbohren veranlasst, sehe ich genau darin, dass sie sehr viele positive Erfahrungswerte aufweist, aber kein einheitliches Denkmodell. Was natürlich bei einer derart komplexen Methode kein Wunder ist, denn jeder Anwender wird zunächst seinen Teilbereich vertreten und zu erklären versuchen. Folglich „zersplittern“ Theorien im Großen und im Kleinen die Methode, gerade in den Randbereichen der Weiterentwicklung; die Bandbreite ihrer Erklärungen erstreckt sich von neurophysiologischen Messungen und Erkenntnissen der Gehirnforschung über mystische Deutungen bis hin zu esoterischen Konstrukten, die von seriösen Vertretern der Kinesiologie mit „Bauchschmerzen“ registriert werden.
Die Krux der Kinesiologie ist, dass sie einerseits noch so jung, andererseits enorm potent ist. Wir als Anwender und Lehrende sitzen in der Klemme, da wir dieses Potenzial zu einer Zeit entdeckt haben und weitervermitteln, in der die „Beweisführung“ noch zu wünschen übrig lässt. Eine entscheidende Frage ist deshalb, wie wir trotzdem zur Anerkennung beitragen können.
Hier ist und bleibt mein Schlüsselwort Glaubwürdigkeit. Diese Glaubwürdigkeit basiert allerdings nicht ausschließlich auf wissenschaftlichen Beweisen.
Glaubwürdigkeit
In unserer Gesellschaft ruht Glaubwürdigkeit, sofern nicht die klassischen wissenschaftlichen Kriterien erfüllbar sind, vor allem auf drei Säulen:
● auf empirischen Belegen
● auf stimmigen Erklärungsmodellen
● auf der Repräsentation der Methode in der Öffentlichkeit
Die beiden ersten Punkte haben wir auf den vorigen Seiten betrachtet, der letzte kommt nun neu hinzu. Alle drei Punkte werden uns in diesem Buch immer wieder beschäftigen, wobei das Hauptgewicht auf der mittleren Säule liegt, dem Versuch eines Erklärungsmodells.
Wenn eine der Säulen fehlt oder nicht stabil ist, kommt die Glaubwürdigkeit leicht ins Kippen. So können wir vielleicht Hunderte von Fällen empirisch belegen, in denen der Muskeltest sozusagen „Wunder“ bewirkt hat; solange wir aber keine Logik im System vermitteln können, werden Skeptiker die Erfolge dem Zufall oder Suggestionseffekten zuschreiben.
Eine rein theoretische Erklärung und Herleitung wiederum müsste sich zunächst auch in der praktischen Anwendung bewähren, sonst wäre sie untauglich – und damit letztlich auch nicht logisch.
Diese beiden zuerst genannten Punkte betreffen die Methode als solche; in Bezug auf beide steckt die Kinesiologie eher noch in den Kinderschuhen; das heißt, diese beiden Säulen haben noch keine volle Tragfähigkeit.
Deshalb muss vielleicht gerade in dieser sensiblen Anfangszeit die dritte Säule das Gewicht mittragen: Das sind die Repräsentanten, die die Methode in der Öffentlichkeit vertreten. Ihnen werden wir uns, wie natürlich auch den beiden anderen tragenden Säulen, in den folgenden Kapiteln zuwenden. Um aber Wert und Wichtigkeit dieser drei Säulen der Glaubwürdigkeit zu ermessen, lassen Sie uns zunächst betrachten, was Kritiker an der Kinesiologie zu bemängeln haben.
Gelobt seien die Kritiker!
Es lohnt sich, Skepsis, Misstrauen und Angriffe, die das Image der Kinesiologie untergraben möchten, näher zu untersuchen. Denn wenn wir einmal von denjenigen absehen, die etwas Neues prinzipiell und ohne näheres Hinsehen blockieren und demontieren wollen, bleiben etliche Skeptiker übrig, die zumindest ein Fünkchen Wahres aussprechen. Diese Kritiker und Skeptiker zeigen uns, wo unser Denken weiterentwickelt werden muss.
Zwei große Trümpfe hält die „Gegenseite“ in der Hand:
1. Skepsis hinsichtlich der Inhalte der Kinesiologie
2. Kritik am Umgang mit der Kinesiologie und ihrer Präsentation
Trumpf 1: „Die Kinesiologie und die Art ihrer Untersuchungen sind unwissenschaftlich.“
Das stimmt zumindest teilweise, vor allem aus der Sicht der seit Jahrhunderten etablierten Wissenschaft, die nur langsam neuere Erkenntnisse und Ansätze aufgreift. Da hat es noch wenig bewirkt, dass große Physiker bereits seit bald hundert Jahren unser materialistisches Weltbild infrage stellen. Obwohl Begriffe wie Quantentheorie oder Schlagworte wie Materielosigkeit der Materie schon in vieler Munde sind und die meisten Menschen in ihrem Leben „Parawissenschaftliches“ wie Telepathie, Synchronizitäten oder sinnhafte Zufälle erlebt haben, ist unser Denken davon keineswegs durchdrungen. Weiterhin wird wissenschaftlich nur anerkannt, was wir messen können, was sich kontrolliert erzeugen lässt oder was den „Doppelblindstudien“ standhält.
Solange diese Auffassung von Wissenschaft der Filter ist, durch den neue Informationen „gesiebt“ werden, hat die Kinesiologie wenig Chancen. Wenn es auch schon neurophysiologische Dokumentationen zum Muskeltest und zur Kinesiologie gibt, bleiben mehr Phänomene offen, als mit den heute gültigen Kriterien geklärt werden können.
(Para-) Wissenschaftliche Solidarität
Tröstlich ist, dass es nicht nur der Kinesiologie und anderen alternativen Heilverfahren alleine so ergeht. Bis in die etablierte Wissenschaft (vor allem in die Physik) hinein müssen Anwender und Forscher zugestehen, dass es Phänomene gibt, die sich eindeutig nicht der Erfassbarkeit im Sinne des gängigen wissenschaftlichen Anspruchs unterwerfen lassen. Obwohl sie noch keine „Beweise“ anzubieten haben, schweigen sie jedoch zumindest deren Existenz nicht tot.
Doch auch (und gerade) diese wissenschaftlichen Neuerer und Vordenker legen Wert auf Seriosität und suchen nach Glaubwürdigkeitskriterien. Denn ohne Nachvollziehbarkeit, ohne den Versuch, Gesetzmäßigkeiten zu erfassen, verliert die Glaubwürdigkeit jeglichen Boden und macht Platz für Beliebigkeit und Willkür, mit der man dann alles und jedes „erklären“ und rechtfertigen kann.
Wir brauchen also ein anderes Verständnis von Prüfkriterien; hierzu biete ich ein Zitat des Physikers und Philosophen Hans-Peter Dürr an, aus seinem Buch Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen (Freiburg 2004):
„Die mehr ganzheitliche Betrachtungsweise …
… muss sich allerdings mit der prinzipiellen Schwierigkeit auseinandersetzen, dass bei ihr Aussagen kaum oder, genauer gesagt, gar nicht mehr in einem Sinne nachkontrolliert werden können, wie dies für eine moderne Wissenschaft im Idealfall als notwendig erachtet wird. Diese Schwierigkeit kann streng genommen nicht beseitigt werden, weil sie in der ganzheitlichen Struktur der Wirklichkeit begründet ist. So lassen sich insbesondere kaum experimentelle Situationen herstellen, welche als genügend ‚gleichartigh‘ gelten können, um für eine Nachprüfung im üblichen Blind-blind-Sinne geeignet zu sein (Experimente, bei denen jegliche Einflussnahme vom Beobachter oder vom Beobachteten auf das Ergebnis vermieden werden soll). Es ist also in diesem Falle nötig, mit anderen ‚Wahrheitskriterien‘ zu operieren, oder vielleicht sollte man besser sagen, nur noch mit ‚Stimmigkeitskriterien’ zu arbeiten.
Weil dann aber die üblichen Methoden der Verifikation und Falsifikation nicht mehr anwendbar sind, wird es wohl noch einige Zeit dauern, bis wir auf diesem unsicheren Terrain mehr Trittsicherheit gewinnen. Denn eine solche ist notwendig, um zu verhindern, auf der anderen Seite in reine Willkür und Beliebigkeit abzurutschen. Auch im besten Falle wird jedoch nie für alle Fragen ‚Wissen’ in der heute von der Wissenschaft verwendeten strengen Bedeutung zu erlangen sein.“
Das Kriterium Stimmigkeit könnte also eine (neue) Prüfbasis werden. Sie basiert auf Qualitäten wie Logik, Nachvollziehbarkeit und vielseitigen Abstimmungen statt auf mechanistischen experimentellen Prinzipien.
Stimmigkeit als Qualitätskriterium wird uns in diesem Buch immer wieder und später auch ausführlicher begegnen. Dieses Kriterium der Stimmigkeit könnten wir also auch für die Kinesiologie als Maßstab nehmen, denn es beinhaltet nicht die rigiden Forderungen der konventionellen Wissenschaft, driftet aber auch nicht ins Nebulöse ab.
Bis wir für alle Phänomene der Kinesiologie stimmige Erklärungen, stimmige Belege oder stimmige Denkmodelle anbieten können, die die Kinesiologie durchweg glaubwürdig machen, dürfte es noch eine Weile dauern. So lange müssen wir die kritischen Geister noch vertrösten. Denn Stimmigkeit beinhaltet auch, offene Fragen und ungeklärte Phänomene einzuräumen und den Kritikern vorerst eine überzeugende Antwort schuldig zu bleiben.
Trumpf 2: „Was ist denn das für ein Unfug, der da mit dem Muskeltest angestellt wird?!“
Auch dieser Trumpf sticht leider allzu oft: Stimmigkeit bedeutet nämlich auch, authentisch und angemessen mit einem Objekt und seiner Repräsentation umzugehen. Diesen Punkt schauen wir uns im nachfolgenden Kapitel näher an.
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In Kürze für Eilige:
Auch und gerade für alternativmedizinische Verfahren brauchen wir eine Qualitätssicherung. Um noch nicht anerkannten Methoden den Weg zu ebnen, muss deren Glaubwürdigkeit gewährleistet sein. Glaubwürdigkeit orientiert sich vor allem an Wirksamkeitsbelegen, an nachvollziehbaren Erklärungsmodellen sowie an der Vertrauenswürdigkeit derer, die eine Methode vertreten.
TEIL II
Das Image der Kinesiologie
Der rote Faden:
Warum es trotz gut gemeinter Versuche bisher nicht gelang, die Kinesiologie salonfähig zu machen, und womit ihr die Akzeptanz bei Wissenschaftlern und Medizinern schwer gemacht wird
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Der erste Türöffner für Fremdes oder Neues ist – weit vor der Frage der Beweisbarkeit – die „Verpackung“ einer Idee oder Methode. Was Außenstehenden zunächst begegnet, ist nicht die wissenschaftliche Diskussion, sondern ganz real ein Mensch oder Medium als Repräsentant dieser Idee. Dies geschieht in einem konkreten Rahmen und in einer konkreten Form. Und solange unsere Überzeugungskraft hinsichtlich der Inhalte noch nicht perfekt ist, können wir zumindest unser Auftreten auf Stimmigkeit überprüfen. Denn wenn Sie beispielsweise von einem vielversprechenden Aufbaupräparat hören, dann wird Ihre Meinung darüber entscheidend davon geprägt, ob Sie in einem Universitätshörsaal oder an einer Kneipentheke davon erfahren, ob von einem Freund oder durch Telefonwerbung. Nicht anders ergeht es der Kinesiologie.
Wenn beim Erwähnen der Kinesiologie oftmals vorschnell abgewinkt wird, mag das unter anderem daran liegen, dass viele Menschen die Kinesiologie unter eher obskuren Umständen kennengelernt haben. Die „Bühne“ der ersten Begegnung zwischen Vertretern der Kinesiologie und deren Adressaten hinterlässt nicht immer den seriösesten Eindruck und erste Eindrücke bleiben bekanntlich besonders gut haften. In welchem Rahmen also finden solche prägenden Erstbegegnungen statt?
Presse und Medien
Auf dem theoretischen Weg machen uns üblicherweise „schnelle“ Medien aufmerksam (und vielleicht neugierig) auf etwas Unbekanntes. Dazu gehören Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen, heute inzwischen auch das Internet.
Über Kinesiologie kann man also „stolpern“ in Gesundheitsmagazinen, Elternratgebern, naturheilkundlichen Zeitschriften, auf Internetseiten zu Gesundheitsfragen, seltener in der Tagespresse; und natürlich in alternativmedizinischen Zeitschriften, die jedoch meist nicht die erste Informationsquelle für jedermann sind. Auch Angehörige gebildeterer Schichten orientieren sich bevorzugt an journalistischen Quellen, die sich gerne als unvoreingenommen bezeichnen. Aber genau diese Medien verwerfen in der Regel auch heute noch alternative Heilverfahren, wobei die Kinesiologie meist besonders kritisch betrachtet oder gar nicht ernst genommen wird. Sie berufen sich dabei fast ausschließlich auf das, was von „wissenschaftlicher“ Seite anerkannt wird, auch wenn das nur auf Meinungen basiert und nicht auf eigenen Recherchen.
Es ist immer noch die Ausnahme, dass Journalisten ohne Vorbehalte selbst an der Quelle recherchieren. Eine solche erfreuliche Ausnahme habe ich einmal erlebt: Im Jahr 2005 wurde ich von einer Journalistin einer großen Fernsehzeitschrift zur Kinesiologie interviewt. Für ihren Artikel (Umfang: nur 1 Seite, als Hinweis auf eine TV-Sendung) hat sie mit viel Engagement, kritischer Prüfung und enormem Aufwand mehrere Gesprächspartner aus verschiedenen Sparten befragt und alte Stellungnahmen recherchiert. Das Ergebnis war – trotz „Gegenwind“ in der Redaktion – eine sachliche, allgemein verständliche und wohlwollende Kurzdarstellung der Kinesiologie.
Ebenso findet man inzwischen in Gesundheitsmagazinen positive Hinweise auf die Methode – bis in die maßgeblichen Blätter allerdings, an denen sich Akademiker orientieren, hat sie es nur selten geschafft.
Unsere Medien haben enormen Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung. Wer in der Presse Verrisse liest, wird kaum neugierig sein auf Fachliteratur oder sonstige Informationen zum Thema.
Kinesiologie live
Auch ein lebendiger Erstkontakt von Mensch zu Mensch ist keine Garantie dafür, dass die Kinesiologie positiv aufgenommen wird. Zwar verblüfft und beeindruckt der Muskeltest allein schon deshalb, weil er funktioniert, aber das wird nicht ernst genommen, wenn diese Erfahrung unter dubiosen Umständen oder zu fragwürdigen Zwecken stattfindet. Mit Recht legen wir sehr viel Wert auf die Vertrauenswürdigkeit derjenigen, die uns etwas anbieten – egal ob Gebrauchtwagen oder den Muskeltest.
Ich selbst hatte Glück mit meinem ersten Eindruck von der Kinesiologie. Die sensationelle Neuigkeit dieser eigenartigen Testmethode brachte mein Mann von einem Chirotherapie-Seminar mit. Der Rahmen der Veranstaltung war seriös genug, um mich aufhorchen zu lassen.
Was ich da hörte und am eigenen Arm erlebte, war für mich „grenzwertig“, aber gerade noch akzeptabel. Ebenso wirkte der Heilpraktiker, durch den mein Mann den Muskeltest kennengelernt hatte, auf mich sehr vernünftig. Er demonstrierte den Muskeltest nüchtern und klar, mit einer einfachen und nachvollziehbaren Struktur, und obwohl er sein Funktionieren nicht umfassend erklären konnte, war es für mich stimmig. Aber nicht jeder Einstieg glückt in dieser Weise …
Zwangsbeglückung mit dem Muskeltest?
Ist Ihnen auch schon einmal auf einer Feier das Rotweinglas aus der Hand genommen worden mit dem Hinweis: „Den Wein hab‘ ich gerade ausgependelt, der ist energetisch nicht gut …“? – In ähnlicher Weise bin ich bei mehr als einer Veranstaltung ungebeten darauf hingewiesen worden, dass meine Halskette mir Energie abziehe oder dass ich an einem belasteten Ort stehe, dass ich die Wiedergeburt eines chinesischen Kaisers sei, dass mir ein Geistwesen auf der Schulter sitze oder dass meine Aura eine bedenkliche Farbe habe …
Egal, ob Pendeln oder Muskeltesten – im Prinzip geht es hier um dasselbe: um sie Seriosität der Anwendung. Da man den Arm sozusagen immer bei sich hat, kommen kinesiologisch fortgebildete „Zwangsbeglücker“ leicht in Versuchung, ihn auch zu drücken. Auch ich habe in der Anfangszeit meiner Gehversuche mit Kinesiologie sicher in meinem Übereifer einige Menschen in die Flucht geschlagen, sodass sie keine Chance hatten, ehrliches Interesse an der Kinesiologie zu entwickeln – heute ist mir das peinlich.
Natürlich ist es verlockend, etwas Faszinierendes oder Verblüffendes wie den Muskeltest vorzuführen und den Showeffekt zu genießen. Doch die Überzeugungskraft ist offensichtlich indirekt proportional zum missionarischen Eifer und zur Effekthascherei, das gilt nicht nur für den Muskeltest.
Ich selbst reagiere sehr reserviert, wenn mich jemand mit Botschaften beglücken will, um die ich nicht gebeten habe, egal, ob es dabei um Ernährungslehren, Auralöcher, frühere Leben, „schädliche Schwingungen“, meine Chakrafunktionen oder um Schutzengel geht – ganz unabhängig davon, ob etwas daran ist oder nicht. Wenn der Muskeltest zur Shownummer wird, ist er für wertvollere Zwecke schnell „verbrannt“.
Umsatzsteigerung dank Muskeltest?
Eine weitere recht verbreitete „Gelegenheit“, den Muskeltest in Misskredit zu bringen, ist sein Einsatz als Verkaufsargument. Harmlose Zwangsbeglücker – wie oben erwähnt – werden in der Regel eher milde belächelt (und mit ihnen die Methode). Was aber, wenn der Test benutzt wird, um jemandem etwas zu verkaufen, an dem er ohne diese Überzeugungshilfe von sich aus gar nicht interessiert wäre?
Ein beliebter Schauplatz dafür sind Gesundheits- und Esoterikmessen. Bei einem Besuch einer solchen Veranstaltung fühlte ich mich an einen orientalischen Basar erinnert: Sobald ich den Schritt verlangsamte, wurden mir Produkte feilgeboten. Das gehört natürlich zu einer Messe und störte mich daher nicht grundsätzlich. Was aber nicht dorthin gehört, ist der schnell mal aus dem Hut gezauberte Muskeltest, der „beweisen“ soll, wie gut das Produkt doch sei. So erging es mir mit Nahrungsergänzungsmitteln, Wasseraufbereitungsanlagen, Elektrosmogabschirmung, mit Matratzen und vor allem mit energetischen Informationsträgern jeglicher Art, die unverzichtbar seien für meine Gesundheit, meinen Energiehaushalt, mein Liebesleben, meine Erleuchtung oder dergleichen mehr.
Allein schon, dass der getestete Arm beim Kontakt mit dem jeweiligen Produkt gehalten werden konnte, galt dort als Beweis für dessen unglaubliche Wirksamkeit! (Dabei sagt ein gehaltener Muskel – ohne sonstige Vorgaben – nichts anderes, als dass das Produkt unschädlich ist.) Eine Kollegin berichtete, dass sie sich bei einer Messe darauf eingelassen habe, ein Produkt testen zu lassen. Als ihr Arm beim Kontakt zu dem Produkt jedoch nachgab, wurden Testfehler, Blockaden und alle möglichen Störungen in ihr vorgeschoben, nur damit man nicht zugeben musste, dass das Produkt für die getestete Messebesucherin höchst überflüssig war.
Während uns niemand zwingt, diesen Lockrufen von Messeausstellern zu folgen, können wir uns solchen Verkaufspraktiken kaum entziehen, wenn sie in einer therapeutischen Praxis eingesetzt werden. Und so sind per Muskeltest in Praxen von Ärzten und Heilpraktikern schon Diätprodukte, selbst vermarktete Nahrungsergänzungsmittel (oder solche, für die es Umsatzbeteiligungen gibt) bis hin zu Entstörungsgeräten und Wasserfiltern verkauft worden – im harmlosesten Fall sinnvolle Ausleitungsmittel aus eigener Herstellung. Dabei müssen keine unlauteren Absichten im Spiel sein und das eine oder andere Produkt kann durchaus nützlich sein. Doch wie neutral kann ein Tester bleiben, wenn das Testergebnis mit über seinen Kontostand entscheidet?
Praxisbegegnungen
Damit kommen wir zu dem Schauplatz oder Rahmen, wo man dem Muskeltest mit am häufigsten begegnen kann: zur Praxis therapeutischer oder beratender Berufe. Diese sehe ich als das eigentliche „Zuhause“ des Muskeltests an und dort kann er sein wertvollstes Potenzial entfalten.
Auch hier entscheidet oft die erste Bekanntschaft mit der Methode über die Akzeptanz. Dabei steht aber nicht der Einsatz des Muskeltests als „Verkaufsargument“ im Vordergrund. In einer Praxis sind es eher andere Ersterfahrungen mit dem Muskeltest, die die geöffnete Tür gleich wieder zufallen lassen können. Dazu gehören vor allem zweifelhafte Testergebnisse und ein obskurer Umgang mit dem Muskeltest an sich.
Da die meisten Testergebnisse ohnehin jenseits des üblichen Denkens liegen und der Muskeltest an sich schon merkwürdig genug ist, verschreckt es manche Interessenten umso mehr, je eigentümlicher oder extremer der Test abläuft. Wenn beim ersten Praxisbesuch etwa gleich sexueller Missbrauch in der Kindheit „aufgedeckt“ wird, wenn der Muskeltest konkrete Heilungsversprechen macht, wenn der Muskeltest „sagt“, dass der Patient von bösen Wünschen einer anderen Person verhext sei, wenn mangels Testsubstanzen ein beschriebener Zettel auf dem Bauch „befragt“ wird, dann ist das nicht immer der ideale Einstieg, jemanden für diese Methode zu gewinnen.
Wie würde es Ihnen ergehen, wenn Sie beispielsweise eine Begebenheit wie die folgende erlebt hätten, von der eine junge Frau erzählte? (Ich gebe hier – leicht gekürzt – den Auszug aus einem Artikel wieder, den Matthias Weber, Leiter eines kinesiologischen Ausbildungsinstituts, im Kinesiologie-Journal 05 unter der Rubrik „Ethik“ veröffentlicht hat.)
Der „Schwangerschaftstest“
„Aha“, lachte die kleine Kinesiologin, „da war ich also in den letzten vier Wochen mit mir selbst schwanger und habe mich vor vier Tagen selbst geboren – eben neu reinkarniert.“ So hatte es ihr die große Kinesiologin in der Balance morgens mit dem Muskeltest ausgetestet. Auf so etwas muss man erst mal kommen – einfach genial! Die große Kinesiologin ist seit Jahren die Therapeutin und Lehrerin der kleinen Kinesiologin …
Diese Geschichte beginnt damit, dass die kleine Kinesiologin und ihr Mann beschlossen, Eltern zu werden. Nach vielen Balancen, Schwangerschaftstests und zunehmendem Stress – wie das eben so ist – setzte die kleine Kinesiologin diesem Stress ein Ende. Ab sofort wurden keine Schwangerschaftstests mehr gekauft, der Monatszyklus nicht mehr beobachtet und jede Mensis wieder genossen. Sollte sie dennoch schwanger werden, wird sie dies dann selbst spüren.
Von da an fühlte sich die kleine Kinesiologin wieder in Einheit mit sich und der Welt. Dies teilte sie der großen Kinesiologin bei der nächsten Balance mit. Am Ende dieser Balance legte die große Kinesiologin ihre Hand auf die Gebärmutter der kleinen Kinesiologin, testete etwas (nonverbaler, geheimer Muskeltest), lächelte und meinte: „Ach, das darf ich ja nicht sagen!“ Die ergebene kleine Kinesiologin fragte daraufhin auch nicht nach, bezahlte und ging.
Aber in der kleinen Kinesiologin begann es zu arbeiten – sie hatte schon mitbekommen, um was es ging. Ganz genau erfuhr sie es eine Woche später, als sie aufgrund eingetretener Blutungen und eben wegen dieses Tests die große Kinesiologin anrief. Diese meinte, sie müsse sofort zum Arzt, denn sie habe getestet, dass sie schwanger sei, und Blutungen könnten dem Kind schaden …
Einige Stunden später testete die große Kinesiologin, dass das Kind noch da sei, die Überlebenschance bei circa 30 Prozent liege, aber mit einigen Balancen könne das Kind gerettet werden. Und somit begann die große Kind-Rettungs-Aktion. Beide Kinesiologinnen waren begeistert bei dem Gedanken, es der Schulmedizin mal wieder zu zeigen. Und schon nach einigen Balancen war die Blutung gestoppt … und die Überlebenschance erhöhte sich laut Muskeltest auf 100 Prozent. …
Zur geplanten Nachkontrolle bei der Frauenärztin sollte die kleine Kinesiologin laut Muskeltest auch nicht gehen – das würde sie zu sehr stressen …
In diesem Stil ging es noch eine Weile weiter, bis hin zu wechselnden Testergebnissen zum Geschlecht des Kindes. Und dann, genau nach 4 Wochen, setzten wieder Blutungen ein, es fühlte sich an wie eine normale Monatsblutung. Etwas in der kleinen Kinesiologin schaltete sich plötzlich ein und sie schickte früh morgens ihren Mann in die Apotheke, einen Schwangerschaftstest holen – und der war negativ! …
Und doch konnte es sich die große Kinesiologin nicht verkneifen auszutesten, mit was die kleine Kinesiologin denn schwanger war – denn der Muskeltest hatte dies ja angezeigt und der Muskeltest „lügt nicht“!
Dabei stellte sich dann heraus, dass die kleine Kinesiologin mit sich selbst schwanger war und schon in diesem Leben eine Reinkarnation beendet und eine neue begonnen hatte …
Ich denke, diese wahre Geschichte spricht für sich und verdeutlicht, worum es mir im Zusammenhang mit Irritationen, Glaubwürdigkeit und Repräsentation des Muskeltests geht und wie man diesen Test nicht handhaben sollte.
Auch wenn solch ein verantwortungsloser Umgang mit dem Muskeltest nur von einer Minderheit der Anwender praktiziert wird, gilt bei so umstrittenen Themen für die Öffentlichkeit weniger das, was die Mehrheit tut (und was seriöse Vertreter wie auch der Autor des Artikels praktizieren und fordern). Vielmehr gilt eher die goldene Regel der Pilzsammler: Ein einziger Gallenröhrling macht ein sonst köstliches Steinpilzgericht ungenießbar, ein klitzekleiner Knollenblätterpilz in der Champignonsoße kann Menschen töten.
Lassen wir uns den „Appetit“ auf Kinesiologie nicht verderben! Nehmen wir die Herausforderung an, unsere Arbeit damit zu verbessern! Wenn uns daran liegt, der Kinesiologie bzw. dem Muskeltest Akzeptanz zu verschaffen, reicht es sicher nicht, uns über die Skepsis potenzieller Zielgruppen zu beklagen.
Wenn wir hingegen kritische Anmerkungen ernst nehmen, können wir nur gewinnen. Wenn wir uns dem Objekt der Kritik intensiver widmen, werden wir es besser verstehen und dadurch sicherer werden in der Vermittlung. Die meisten „Auswüchse“, die ich angesprochen habe, geschehen wohl kaum aus Böswilligkeit oder aus Ignoranz, sondern eher, weil manches bislang noch nicht bedacht wurde.
Die Adressaten
Wenn wir den Muskeltest mit seinen erstaunlichen Möglichkeiten anderen Menschen nahebringen wollen, sollten wir zunächst die potenziellen Empfänger und ihre Situation verstehen und möglichst ihre Sprache sprechen. Dabei stellt sich als Erstes die Frage, wen wir mit unseren Informationen über die Kinesiologie neugierig machen wollen. Meine knappste Antwort: jeden. Aber nicht alle auf einmal.
Wenn ich mich selbst frage, wen ich am dringendsten erreichen möchte, sage ich ohne Zögern: Therapeutinnen und Therapeuten; genauer: Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeuten, Zahnärzte, Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker, Tierärzte und viele weitere Heilberufe. Und an zweiter Stelle natürlich alle potenziellen Patienten, denn die sind es, die am Ende von diesem Testverfahren profitieren.
Ärzte „zwischen Baum und Borke“
Ich gehe davon aus, dass Ärzte ihren Beruf wählen, um leidenden Menschen zu helfen. Auf dem Weg durch Studium und Assistenzjahre lernen wir jedoch nur die einseitige Weltsicht der konventionellen Wissenschaft kennen, die durch spätere Fortbildungen weiter verfestigt wird, indem Institutionen die Vergabe von Zertifizierungspunkten ebenfalls an den anerkannten Verfahren orientieren. Darüber hinaus entscheiden auch immer noch Sponsoren aus Pharmazie und Gerätetechnik über Inhalt und Geist etlicher Fortbildungsveranstaltungen – wodurch wiederum ausschließlich das Etablierte gestärkt wird.
Immer mehr Ärzte sind inzwischen jedoch unglücklich wegen der wenigen wirklichen und wirksamen Fortschritte der Medizin, besonders in Bezug auf chronische Erkrankungen angeht. Die grandiosen Weiterentwicklungen spezieller Operationstechniken, die vielen Menschen das Leben retten oder wichtige Körperfunktionen wiederherstellen, können nicht darüber hinwegtrösten, dass wir an den meisten Krankheiten mehr oder weniger ratlos „herumdoktern“, bestenfalls die Symptome unterdrücken und die Patienten mit Medikamenten „einstellen“. Das ist Krankheitsverwaltung, aber keine Heilung.
Darüber hinaus – oder gerade wegen dieses Denkens? – steuert das gesamte Gesundheitssystem auch wirtschaftlich geradewegs auf einen Schiffbruch zu, nämlich indem die „Kostenfässer“ explodieren. Obwohl der rechtzeitige Absprung in Alternativen die Rettung bedeuten könnte, halten die Steuerleute krampfhaft am alten Kurs fest und ummanteln die gefährlichen Fässer mit Budgetierungen und Scheinreformen.
Zugegeben, ein solcher Ozeanriese kann nur träge den Kurs ändern. Vielen aber wäre gedient, wenn der Ausstieg der Mannschaft erleichtert würde, anstatt sie zunehmend unter Druck zu setzen. Das hieße, mehr statt weniger (Be-)-Handlungsfreiheit für Ärzte. Dass die extrem gestressten Ärzte keinen weiteren Sturm verkraften, wenn die Wogen derart hoch schlagen, dass viele sich ohnehin kaum über Wasser halten können, kann ich allzu gut verstehen.
Etliche Ärzte und andere Therapeuten sehnen sich nach Auswegen, auch jenseits der etablierten Strukturen. Aber schon allein der Kampf um Akkreditierungspunkte und rigide Weiterbildungspflichten verhindern den Blick auf weitere Möglichkeiten. Unter Druck und im Stress bleibt wenig Gelegenheit, innezuhalten und aus höherer Perspektive nach Neuland Ausschau zu halten. Man wagt sich kaum in den Mastkorb, sondern klammert sich an das, was man kennt. Und für Ärzte ist das nun einmal die „Schulmedizin“ – das, was für sie als erwiesen gilt.
Dennoch haben sich einige Kollegen nicht davon abhalten lassen, sich nach Alternativen umzusehen. Der Mangel an Heilungserfolgen der symptomorientierten Medizin veranlasst sie, ihr Behandlungsspektrum komplementärmedizinisch zu erweitern oder gänzlich darauf umzustellen. Immer mehr Ärzte arbeiten mit regulierenden Behandlungsverfahren wie Milieusanierungen, Elektroakupunktur nach Voll (EAV), Homotoxikologie, Neuraltherapie, Homöopathie, mit anthroposophischer oder traditioneller chinesischer Medizin (TCM), Ayurveda, Bioresonanz und Verwandtem.
Aber: Jedes dieser Therapiesysteme ist, im wahrsten (positiven) Sinn des Wortes, eine Wissenschaft für sich. Wer dauerhaft erfolgreich mit einem solchen Verfahren therapieren will, kommt nicht umhin, sich vertieft und ausführlich mit seinen Grundlagen und Prinzipien auseinanderzusetzen. Keinem dieser Regulationsverfahren wird man mit einem Schnell-Lehrgang gerecht, Instant-Homöopathie und Pauschalrezept-Akupunktur greifen nicht bei echten Gesundheitsproblemen.
Mit anderen Worten, wer sich solche Methoden wirklich aneignen will, hat eine Menge zu lernen und das ist mit dem ärztlichen Alltag kaum vereinbar. Eventuell hat man sogar schon einiges an Zeit und Geld investiert, um auf halber Strecke festzustellen, dass einem das spezielle Handwerkszeug doch nicht wirklich liegt … Schon diese Befürchtung hindert manche Therapeuten, die Mühe eines solchen Weges mit Zeitaufwand und Kosten auf sich zu nehmen. Erst recht dürfte das für Methoden gelten, die auf den ersten Blick schwer einzuschätzen sind, wie eben die Kinesiologie. Und wenn der Muskeltest dann auch noch als ein Instrument vorgestellt wird, das möglicherweise unser Grundverständnis von Krankheitsentstehung infrage stellt, dann überlegt mancher es sich sicherlich doppelt und dreifach, ob er einen solchen Gedanken überhaupt an sich heranlassen möchte.
Der Muskeltest als „revolutionäres Element“ in der Medizin
Der Muskeltest als Übersetzer körpereigener Informationen verändert, wenn er analytisch-diagnostisch eingesetzt wird, deutlich mehr in einer Praxis als manche der anderen komplementärmedizinischen Methoden. Selbst wenn diese ebenfalls nicht mit gängigen medizinischen Paradigmen übereinstimmen, lassen sie sich doch recht problemlos integrieren. Akupunktur und Homöopathie zum Beispiel „bedrohen“ das medizinische System nicht, solange sie eine Nische für Patienten mit speziellen Ansprüchen bedienen. Es stellt die Schulmedizin nicht infrage, wenn ein Kranker zusätzlich akupunktiert wird oder Nahrungsergänzungskapseln schluckt.
Aber der Muskeltest könnte unser vermeintlich sicheres Wissen über Gesundheit und Krankheit infrage stellen. Seine Ergebnisse würden Zusammenhänge zwischen Umweltbedingungen und Gesundheitsstörungen aufdecken, die ganz andere Konsequenzen erfordern als die „Zugabe“ komplementärer Behandlungen.
Ebenso würde der Muskeltest schonungslos aufzeigen, wie wir als Ärzte selbst die Patienten krank machen. Der Muskeltest würde uns die Augen öffnen, mit der unangenehmen Einsicht, dass viele gängige oder sogar medizinisch obligate Interventionen überhaupt erst Erkrankungen verursachen, seien es etwa überdimensionierte Impfpraktiken oder das immer noch gängige Amalgam in Zahnfüllungen oder die vorschnelle Unterdrückung banaler Infekte durch Antibiotika und Fieber senkende Mittel.
Indem sie Verursachern auf den Grund ginge, wäre die (analytische) Kinesiologie genau genommen keine komplementäre Behandlungsform, sondern im wahrsten Sinne des Wortes eine alternative Medizin. Das heißt: Ob bewusst geahnt oder unterbewusst gespürt oder noch gar nicht so betrachtet – die aufdeckend arbeitende Kinesiologie könnte dem etablierten Krankheitsverwaltungssystem geradezu „bedrohlich“ werden. Ein Dorn im Auge müsste sie ihm auf jeden Fall sein.
Die Präsentation
Noch einmal zur Erinnerung an den roten Faden dieses Kapitels: Es geht um die Frage, warum Kinesiologie kein wirklich gutes Image in der Öffentlichkeit hat, auch im Vergleich zu anderen alternativmedizinischen Methoden. Das Ansehen einer Methode hängt vom Interesse und der Bereitschaft der Angesprochenen ab, aber auch von der Art und Weise, wie sie präsentiert wird, wobei dem Punkt der Begegnung zwischen Repräsentanten und Adressaten eine spezielle Bedeutung zukommt. Die typischen Kontaktstellen habe ich bereits erwähnt.
Solange die Erfolgsberichte der Kinesiologie nicht mit Fakten untermauert werden können, werden sie oft Zufällen zugeschrieben und können allein nicht überzeugen. Erklärungsmodelle werden bereits vereinzelt angeboten, aber kaum aus einem Guss. Selbst gute Hypothesen nützen nichts, wenn ihre Vertreter nicht die richtige „Eintrittskarte“ haben, nämlich ein angemessenes Auftreten hinsichtlich Situation und Anwendung der Methode – und die geeigneten Worte.
Selbst wenn man mal von unseriösen oder unbedachten Präsentationen des Muskeltests absieht, wie ich sie oben beschrieben habe, reagieren etliche Adressaten eher ablehnend auf eine Methode, für die mit unbeholfenen Worten um Erklärungen gerungen wird. Ich muss gestehen, dass es auch mir gerade in den ersten Jahren meiner Arbeit mit dem Muskeltest schwerfiel, ihn einigermaßen stimmig und elegant zu vermitteln. Und um in meiner Praxis dem Muskeltest eine akzeptierte „Eintrittskarte“ zu verschaffen, habe ich mich in meiner weiteren Arbeit immer mehr um reflektierte, exakte und verständliche Ausdrucksweise bemüht. Ich weiß nicht mehr, wie viele Patientenratgeber, Informationsblätter, Zeitungsartikel, Kursbroschüren und Vorträge ich verfasst habe, wie oft ich die Texte umgeschrieben und an Aussagen gefeilt habe, bis ich mir heute zutrauen kann, in fast jeder Situation und vor fast jedem Publikum etwas zum Muskeltest zu sagen, was ihn nachvollziehbar macht. Aber trotz des langen „Trainings“ fühle ich mich damit keineswegs fertig.
Warum aber müssen wir überhaupt (etwa als Therapeuten) den Test „erklären“? Die Klienten oder Patienten verlangen doch auch nicht nach einer Einführung in die Akupunktur oder Homöopathie?! Warum gerade beim Muskeltest? Einige Gedanken dazu:
– Der Klient/Patient ist hier aktiv an der Methode beteiligt, er muss bewusst mitmachen, zumindest, indem er den Arm hält; also sollte er auch prinzipiell verstehen, worum es da geht.
– Der Proband erlebt beim Testen an seinem eigenen Körper Reaktionen, die ihn überraschen und sogar erschrecken könnten; ohne ein paar einführende Worte könnte es ihm geradezu unheimlich vorkommen, dass eine „unbekannte Macht“ in ihm die Muskelreaktionen steuert.
– Der Muskeltest bringt Informationen aus dem Un(ter)bewussten des Patienten ans Tageslicht – er hat ein Recht darauf, seine eigene Informationsquelle zu „hören“.
– Den Muskeltest mitzuvollziehen fördert die Kooperationsbereitschaft in Bezug auf die Konsequenzen aus dem Testergebnis.
– Egal, wie jemand zu Homöopathie oder Akupunktur steht – gehört hat er in der Regel schon davon; das ist beim Muskeltest längst nicht immer der Fall.
– Etwas erklären zu können heißt, dass man es verstanden haben muss. Wenn der Muskeltest etwas ist, was man grundsätzlich verstehen kann, steigt seine Chance auf Akzeptanz und Glaubwürdigkeit.
Um den Muskeltest erklären zu können, muss ich ihn also selbst so gut wie möglich verstehen. Ich kann nichts erklären, was ich nicht verstehe. Das merkte ich nicht erst in meinen Seminaren, sondern schon, als ich in der Schule mit Mathematiknachhilfe mein Taschengeld aufbessern wollte. Ich musste mich mit der Materie auseinandersetzen. Erst als ich nicht mehr Formeln auswendig lernte, sondern ihnen eine Logik abgewinnen konnte, fand ich endlich auch die passenden Worte, um sie meinen Nachhilfeschülern zu erklären. Dazu aber musste ich mich viel intensiver in die Mathematik einarbeiten, als nur zu wissen, wie ich eine Gleichung löse. Die Belohnung für mein neues Denken war nicht nur, dass sich auch meine eigene Mathezensur verbesserte, sondern vor allem, dass Mathematik mir mehr und mehr Spaß machte.
Für den Muskeltest gilt das nicht weniger: Um ihn zu verstehen und erklären zu können, um ihn nach außen zu vertreten, muss ich mich ebenfalls hineinknien – und das Erfreuliche ist, dass man den Muskeltest tatsächlich durchaus logisch begreifen kann.
Alle diese Überlegungen führen mich zu dem Schluss, dass wir dem Muskeltest in der Öffentlichkeit nichts Gutes tun, wenn wir ihn ohne sinnhafte Einbindung als Sensationsmasche präsentieren.
Das Bemühen, den Muskeltest wegen der Schwierigkeiten der Vermittlung besonders zurückhaltend und umsichtig zu benutzen, schlägt aber leider oft in das Gegenteil um, nämlich in die Scheu, den Test überhaupt einzusetzen. Ich kenne einige Ärzte, die vom Potenzial des Muskeltests überzeugt sind und seine Anwendung beherrschen, ihn in ihrer Praxis aber nicht anzubieten wagen, weil sie befürchten, keine passenden Worte zu finden und sich so vor den Patienten zu blamieren. Mein Ziel ist daher, dass wir uns frei und kompetent fühlen, den Muskeltest nach außen zu vertreten.
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Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.