Kitabı oku: «Praxisbuch psychologische Kinesiologie»
Dr. Christa Keding
Hinweise des Verlags
Inhalt
Einführung
Was mich zu diesem Buch veranlasst hat
Psychotherapeutische Unschärfen
Der rote Faden dieses Buches
Die Stress-Release-Technik – Lösung von emotionalem Stress
Stress Release als Selbsthilfe im Alltag
Wurzeln in der Kinesiologie – Wandel in meiner Anwendung
Stress Release – eine synaptische Weichenstellung?
Einseitige Schaltkreise
Der Vorlauf zum Stress Release
Die praktische Durchführung
Die Dauer der Stress-Release-Anwendung
Risiken? Unerwünschte Wirkungen?
Die Psyche in Resonanz bringen
Der erste Schlüssel: Keine Scheu vor Fragen!
Der zweite Schlüssel: „Spiegeln“
Der dritte Schlüssel: „Herauskristallisieren“
Der vierte Schlüssel: Den Blick wenden
Gesprächsleitfäden
Der Muskeltest – Brücke zum Unterbewusstsein
Glaubenssätze
Treffende Worte
Testlisten
Der Muskeltest als Wegweiser
Wonach suchen wir?
Muster statt Ereignis
Zeitliche Zuordnung
Selbstwertgefühl und Selbstgefühl – Kindliche Prägungen
Wie Prägungen entstehen
Vorgeburtliche Erfahrungen
Die Geburt
Die Neugeborenen- und Säuglingszeit
Das Kleinstkind
Das Kleinkindalter
Die frühe Schulzeit
Pubertät und Jugendzeit
Von der Verwicklung zur Entwicklung
Frei zu neuem Fühlen und Handeln
Wegbegleitung
Indikationen
Psychosomatische Erkrankungen
Psychische Beschwerden und Störungen
Ängste
Phobien
Depressionen
Konflikte und Problemkonstellationen
Krisen
„Burn-out“
„Stress“
Süchte
Störungen des Essverhaltens
Traumata
Selbstfindungsprozesse
Psychotische Störungen
Erfolge, Nebenwirkungen, Aussichten
Vorsicht: „Suchtpotenzial“!
(Fehl-) Deutungen
Mentale Übertragungen
Der Therapeut als „Heilmittel“
Jenseits des Muskeltests: Das Fundament der Weltsicht
Mein „Findungsweg“
… und meine Konsequenzen als Therapeutin
Blick nach vorn: Werte und Sinn
Anhang
Grundlagen des Muskeltests
Testlisten mit Triggerbegriffen
Die Meridian-Alarmpunkte
Literaturempfehlungen
Über die Autorin
Liebe Leserinnen und Leser,
geneigte „TherapeutInnen“ und „KinesiologInnen“,
zwei Anmerkungen möchte ich vorausschicken:
1. Zur Schreibweise: Man / frau tut sich schwer damit, in dieser Weise (wie oben) „frauenfreundlich“ und gleichzeitig flüssig zu schreiben – und das Lesen wird so auch nicht einfacher. Ich empfinde das als gestelzt und unrund, mir fehlt die Eleganz (wie ich sie bei anderen Autorinnen gefunden habe), mit -en und -innen zu jonglieren. Ich bitte deshalb um Nachsicht, wenn ich den gewohnten, antiquierten Standard männlicher Wortgebilde beibehalte. Sie stehen weniger für die Personen als für die angesprochene Funktion (zum Beispiel Tester oder Therapeut oder Patient) und insofern erschiene es mir sehr gekünstelt, immer zwischen weiblichen und männlichen Ausübenden (oder „Ausübendinnen“?) zu unterscheiden.
2. Zu den Fallgeschichten aus der Praxis: In meiner Darstellung von beispielhaften Patientenbegleitungen habe ich mich bemüht, der Balance von Authentizität und Anonymität gerecht zu werden, indem ich Namenskürzel, Umstände, Daten und veranschaulichende Details verfremdet habe, sodass niemand hier seinen Nachbarn oder seine Arbeitskollegin entdecken dürfte. Sollten Sie als Leserinnen und Leser jedoch in dem einen oder anderen Fall den Eindruck haben, ein Stück Ihrer eigenen Geschichte wiederzuerkennen – selbst wenn wir uns nie begegnet sind –, dann mag sich darin widerspiegeln, was uns im gemeinsamen menschlichen Erleben und Erkennen verbindet.
Christa Keding
Einführung
Als Marlene H. in meine Praxis kam, litt sie an chronischer Leukämie. Sie kam nicht mit der Erwartung, von der Leukämie geheilt zu werden, sondern wollte ihren Beruf als Sängerin „loslassen“ können: Marlene H. war Opernsängerin, aber aufgrund der Erkrankung hatten alle behandelnden Ärzte, vom Hausarzt bis zum Onkologen, ihr dringend zur Schonung geraten, um Lebenszeit hinzuzugewinnen. Keine Anstrengung, keine Aufregung – erst recht keine Auftritte! „Die Bühne kann sie das Leben kosten“, hatte man ihr gesagt. Frau H. war darüber zutiefst unglücklich, denn Singen und Bühne waren ihr Ein und Alles und nun wollte sie mit diesem Abschied besser zurechtkommen – mit meiner Hilfe.
Doch unsere Begegnung verlief anders, als wir beide es anfangs erwartet hatten: Nach wenigen Sitzungen entschied sie sich sehr bestimmt, „jetzt erst recht“ zu singen: „Und wenn ich auf der Bühne zusammenbreche, dann war ich wenigstens noch einmal richtig glücklich!“ – Und sie sang. Und sie trat auf. Und sie ging zu Kontrolluntersuchungen: Je mehr sie sang, desto besser wurde ihr Blutbild!
Indem wir nicht (nur) ihrer Vorstellung vom Therapieziel folgten, sondern es dahingehend erweiterten, dass es für sie darum ging, den ihr entsprechenden Weg einzuschlagen, wurde buchstäblich wahr, was sie mir zu Beginn unserer Begegnung gesagt hatte: „Musik ist mein Leben!“ Sie widersprach schließlich allen medizinischen Prognosen, weil sie „zu sich selbst“ und zu dem gefunden hatte, was ihr Leben wirklich lebenswert machte.
So oder ähnlich könnten sicherlich auch andere Bücher beginnen, die ein überzeugendes Therapieverfahren vorstellen wollen. Ganz gewiss haben zahlreiche Wege seelischer Begleitung in konventioneller und komplementärer Heilkunde große Erfolge aufzuweisen. Und der „Markt der Möglichkeiten“ dürfte bei der Fülle der Angebote inzwischen allemal gesättigt sein – was also bewegt mich, dieser Fülle mit diesem Buch noch ein weiteres Verfahren hinzuzufügen oder entgegenzusetzen? Reicht es nicht aus, dass Therapeuten längst vor einer überaus üppigen Auswahl stehen, aus der sie ganz nach eigener Neigung schöpfen können?
Ich muss gestehen, dass ich mich inzwischen recht orientierungslos und eher übersättigt fühle angesichts so vieler Methoden, die das (psycho)therapeutische Spektrum bereichern. Bevor ich mich entschloss, mit einem weiteren Buch ebenfalls noch etwas dazu beizusteuern, war also zu fragen, welchen Bedarf es dafür überhaupt geben könnte: Was macht die Arbeitsweise der psychologischen Kinesiologie so besonders und erwähnenswert? Was sollte Sie als Leserinnen und Leser gegebenenfalls zu diesem Buch hinziehen? Wofür könnte sich das Weiterlesen lohnen?
Um das, was Sie in diesem Buch erwartet, auf den Punkt – bzw. auf drei entscheidende Punkte – zu bringen, muss ich zunächst ein wenig ausholen und zwei Gedankenstränge zusammenführen: einmal ein Stück persönlicher Entwicklung, die das Schreiben meiner Bücher begleitet hat, und zum anderen einen Blick auf die aktuelle Landschaft von Psychosomatik und Psychotherapie.
Was mich zu diesem Buch veranlasst hat
Ende der 1990er-Jahre veröffentlichte ich zwei Bücher: Gesund durch analytische Kinesiologie und Gesund durch psychologische Kinesiologie. Aus der Komplexität der Kinesiologie hatte ich mir schon seit Längerem einzelne Bausteine herausgegriffen und sie zu einer einfachen Systematik modifiziert, um damit in der Praxis als Ärztin Krankheitsursprüngen auf den Grund zu gehen. Meine eindrucksvollen Erfahrungen und meine Kenntnisse hierzu gab ich bald in Seminaren weiter; später stellte ich meine Arbeitsweise in den beiden genannten Büchern vor. Dabei widmete sich der erste Band der medizinischen Anwendung (im Zentrum steht das Untersuchungsinstrument Muskeltest als „Übersetzer“ vegetativer Informationen) und der zweite – der Name sagt es – der seelischen Begleitung (wiederum mit einem Schwerpunkt auf dem Gebrauch des Muskeltests, verbunden mit Stress Release als Reflexbehandlung zum Lösen von „Blockaden“).
Wegen der Schließung meines damaligen Verlags wurden die beiden vergriffenen Bücher seit 2010 nicht mehr neu aufgelegt. Das bedauerte ich nicht, denn 15 Jahre, Hunderte von Patienten und viele Ausbildungskurse später hatte ich einiges dazugelernt, mit der Folge, dass ich die Bücher sicherlich nicht mehr auf dieselbe Weise geschrieben hätte. Inzwischen war vieles vertieft, gereift und wesentlich klarer geworden; dem wurden die alten Ausgaben nicht mehr gerecht.
Wenn nun also die Überlegung anstand, meine Arbeitsweisen erneut auf dem jetzt aktuellen Stand vorzustellen, dann musste ich mich fragen, ob sie heute noch denselben Stellenwert haben wie vor 15 Jahren. Das ließ sich für den medizinisch orientierten Band schnell bejahen ließ und führte im Frühjahr 2013 zum Praxisbuch analytische Kinesiologie – für den Nachfolger von Gesund durch psychologische Kinesiologie erschien mir das zunächst weniger selbstverständlich:
In den letzten 20 Jahren hat sich das Angebot an psychisch regulierenden und balancierenden Methoden vervielfacht – die psychologische Kinesiologie, wie sie in meinem damaligen Buch dargestellt wurde, wäre nur eine von vielen Facetten rivalisierender komplementärer Therapieverfahren, eine etwas individualisierte Sonderform der Kinesiologie. Wenn mich die Entwicklung auf dem „Psycho-Markt“ mit ihren immer neuen Methoden nun ohnehin schon ermüdete, würde ich mich dann nicht selbst ad absurdum führen, indem ich Gesund durch psychologische Kinesiologie ein wenig auffrischte und damit eben diesem Markt nur eine weitere Variante hinzufügte? Zumal ich ohnehin immer öfter all dessen überdrüssig bin, was „wesentlich mehr“ sucht oder anbietet – ich sehne mich eher danach, in „mehr Wesentlichem“ zur Ruhe zu kommen.
Wenn dieser Anspruch folglich auch für meine eigene Arbeit gilt, finde ich dann solche „wesentlicheren“ Aspekt in der psychologischen Kinesiologie, wie sie sich seit dem Erscheinen des ersten Buches vor 15 Jahren weiterentwickelt hat? Gibt es eine Leerstelle im therapeutischen Kontext, an der Stress Release und Muskeltest – neben allen bereits bestehenden Methoden – die therapeutische Arbeit tatsächlich wesentlich ergänzen?
Dieses Buch wäre nicht entstanden, wenn mir nicht eine leicht veränderte Betrachtungsweise dieses Wesentliche klar gemacht hätte: Ein entscheidender Unterschied liegt darin, ob etwas als therapeutische Methode oder als reines Instrument verstanden wird. „Methode“ umfasst in diesem Sinne ein in sich relativ geschlossenes, komplexes Regelwerk – die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM), Touch for Health aus der Kinesiologie, Homöopathie, Neuraltherapie mögen Beispiele dafür sein. Das „Instrument“ jedoch besteht unabhängig vom methodischen Rahmen – so, wie der Gebrauch einer Akupunkturnadel nicht an die TCM gebunden ist.
So arbeitete ich nach meiner Kinesiologieausbildung einige Jahre zunächst methodisch-kinesiologisch, bis ich immer mehr entdeckte, wie die Instrumente Muskeltest und Stress Release auch losgelöst von sonstigen kinesiologischen Regulationsmaßnahmen ihren Dienst tun: Gleich in welchem Kontext stellt das Stress Release mit dem einfachen Berühren von Reflexzonen innerhalb weniger Minuten eine veränderte neurophysiologische Ausgangsbasis her. Und egal in welchem Kontext fungiert der Muskeltest als neuromuskulärer „Übersetzer“ des Un(ter)bewussten.
Beide Instrumente sind tiefgreifende Hilfsmittel von großer Einfachheit – in der Förderung psychischer Heilungsprozesse habe ich bisher nichts Vergleichbares gefunden. Und beide sind frei anwendbar, das heißt: nicht an eine bestimmte Methodik gebunden.
Wo aber können diese „methodikfreien“ Elemente (das Stress Release und der Muskeltest) in der seelischen Begleitung bzw. der psychotherapeutischen Arbeit ihre Qualitäten sinnvoll einbringen? Schauen wir uns, um die spezifische Rolle von Stress Release und Muskeltest verdeutlichen zu können, kurz den zweiten Strang an, den ich eingangs angekündigt hatte, die aktuelle „Landschaft“ von Psychosomatik und Psychotherapie:
Psychotherapeutische Unschärfen
Weltweit steigt die Zahl krankheitsbedingter Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Probleme geradezu explosionsartig an. Dabei sind noch nicht einmal all diejenigen Fälle berücksichtigt, in denen nur eine körperliche Diagnose angegeben wird, die aber Ausdruck einer seelischen Belastung ist.
Immer mehr Menschen haben dementsprechend dringenden Bedarf an therapeutischer Unterstützung. Dabei müssen Betroffene in Deutschland, wenn ihnen überhaupt eine psychotherapeutische Begleitung empfohlen und nicht nur Psychopharmaka verordnet werden, oft ein halbes Jahr und länger auf einen Therapieplatz warten. Das liegt natürlich an dem Mangel an Therapieplätzen – und dieser wiederum hängt nicht nur von der Zahl der Therapeuten ab, sondern auch vom psychotherapeutischen Regelwerk innerhalb unseres Gesundheitssystems: Wenn eine Therapie bewilligt wird, bedeutet das eine längerfristige Bindung zwischen Therapeut und Patient mit sehr engmaschigen Begegnungen. Dadurch werden therapeutische Kapazitäten für neue Patienten blockiert. Was in Einzelfällen durchaus berechtigt sein kann, ist für viele andere Betroffene jedoch weder notwendig noch sinnvoll. Dass die üblichen psychotherapeutischen Leitlinien nicht längst überarbeitet worden sind, sehe ich wiederum in einer noch tiefer liegenden Schwierigkeit begründet, nämlich in mehreren Unschärfen innerhalb der „Materie“ Psyche und ihrer therapeutischen Begleitung:
1. Eine erste zeit- und kostenträchtige Unschärfe liegt in der Psyche selbst: Sie bietet kaum konturierte Ansatzpunkte, lässt sich nicht durch Röntgen oder Labor darstellen. Gefühle, Psyche und Seele sind nicht recht fassbar, oft muss man lange im Trüben fischen, „herumstochern“, ausprobieren, mutmaßen, um voranzukommen – nach meiner Erfahrung oft unnötig lange. Damit will ich nicht bestreiten, dass manche Menschen in manchen Situationen eine solche Begleitung brauchen. Ebenso berücksichtige ich, dass seelische Entwicklungsprozesse so wenig zu beschleunigen sind, wie das Ziehen an Grashalmen diese schneller wachsen lässt.
Aber einer großen Zahl von Menschen in seelischer Not wäre durchaus mit zeitlich weit geringerem Einsatz wirkungsvoll zu helfen – was allerdings einen geeigneten Ansatz voraussetzt. Das betrifft viele Menschen mit Ängsten und Phobien, in depressiven Episoden und Lebenskrisen, und ganz besonders gilt es für viele psychosomatisch Erkrankte. Hier konkreter werden zu können, gezielter zu verstehen und zu fördern, das wäre also eine lohnende Herausforderung.
2. Für letztere, die psychosomatischen Erkrankungen, kommt noch eine weitere „Unschärfe“ hinzu, nämlich die Unsicherheit der Indikation zur Psychotherapie. Trotz vieler nachgewiesener Heilungsprozesse: Wie kann man im Einzelfall vorab einigermaßen sicher sein, dass die organischen Manifestationen wirklich psychischen Ursprungs sind, sodass der aufwendige Einsatz von Psychotherapie gerechtfertigt ist? Man kann Psychotherapie nicht, wie eine Tablette, ein paar Tage „ausprobieren“, ob sie hilft, sondern muss sich in der Regel eine ganze Weile darauf einlassen, um einschätzen zu können, ob sich dieser Weg als heilsam erweisen könnte. Die Entscheidung für eine Psychotherapie muss also gut untermauert sein; benötigt würde schon vorab mehr Sicherheit in der Beurteilung, bevor man diesen kostenträchtigen Weg wählt. Auch hier wäre also eine „Leerstelle“ zu füllen, nämlich die Erleichterung einer solchen Entscheidung.
3. Eine letzte „Unschärfe“ geht von unserem Gehirn als Schaltstelle für automatische Reaktionsmuster aus. Immer mehr bestätigen die Neurowissenschaften, wie erstaunlich plastisch unsere Gehirnfunktionen sind, verbunden mit der großen Chance, selbst eingefahrene Verhaltensmuster zu verlassen und neue Wege zu bahnen. „Bahnen“ ist dabei ein entscheidendes Wort: In der Unzahl von synaptischen Verbindungen, die sich im menschlichen Gehirn zwischen Milliarden von Nervenzellen verschalten, laufen eingeübte emotionale Verarbeitungsweisen und Verhaltensgewohnheiten geradezu über „Autobahnen“ im Kopf ab. Wenn demgegenüber eine bekannte hinderliche Reaktionsweise durch ein gesünderes Verhalten ersetzt werden soll, muss dieses zunächst mühsam noch „unscharfe“ neuronale Trampelpfade betreten. Es wäre ein großer Gewinn, wenn innerhalb einer Therapie der Start in die richtigen Pfade „angebahnt“ werden könnte, indem geeignete synaptische Verknüpfungen begünstigt – die neuen Wege also „geebnet“ – werden.
Genau an diesen drei „Unschärfen“ setzen die Instrumente Stress Release und Muskeltest an: Das Stress Release scheint im Gehirn tatsächlich neurophysiologische Funktionen zu unterstützen, wie ich sie im dritten Punkt angesprochen habe. Und der Muskeltest fördert in der psychotherapeutischen Begleitung das Verstehen innerseelischer Zusammenhänge, indem er unterbewusste Informationen zu einem bestimmten Thema ins Bewusstsein hebt. Darüber hinaus dient er der Klärung, inwieweit überhaupt psychische Einflüsse für ein Krankheitsgeschehen ausschlaggebend sind.
Der rote Faden dieses Buches
So lassen sich beide Elemente, Stress Release und Muskeltest, zwar auch zu einem methodischen Verfahren kombinieren (was einige kinesiologische Richtungen praktizieren und was ich auch ansatzweise in diesem Buch anspreche), aber ebenso bringt jedes für sich im Kontext verschiedener Therapieformen einen im wahrsten Sinne des Wortes entscheidenden Gewinn. Um Sie in diesen Anwendungen nun möglichst gewinnbringend anzuleiten, habe ich dieses Buch folgendermaßen aufgebaut:
Gleich zu Beginn lade ich Sie ein, die neuroreflektorische Technik Stress Release kennenzulernen. Ihre Handhabung ist so einfach, dass Sie sie sozusagen von jetzt auf gleich in jede therapeutische Praxis integrieren können. Ganz ohne Aufwand dürften Sie und Ihre Patienten damit erste Erfahrungen machen, die Sie vermutlich nicht mehr missen möchten.
Da das Stress Release in seiner Tiefenwirkung umso nachhaltiger ist, je prägnanter darauf zugearbeitet wird, spreche ich einige Möglichkeiten an, im Gespräch mit Patienten leichter „auf den Punkt zu kommen“.
Mit diesen Elementen ist ein breites Feld psychotherapeutischer Begleitung gut bedient und ermöglicht heilsame Unterstützung. In manchen Situationen jedoch, bei vielen Patienten besonders zu Beginn ihrer Veränderungsschritte, fällt es schwer, allein durch das Gespräch typische störende Reaktionsmuster zu definieren und in ihrem Ursprung nachzuvollziehen. An dieser Stelle kommt der Muskeltest zum Zuge, indem er als direkter Übersetzer des Unterbewusstseins innerseelische Zusammenhänge zu verdeutlichen hilft.
Das Instrument Muskeltest ist vermutlich etlichen Lesern vertraut, anderen noch völlig unbekannt. Da der Lesefluss dieses Buches durch die Anleitung zum Testen zu sehr unterbrochen würde, habe ich das Kapitel „Grundlagen des Muskeltests“ in den Anhang ausgelagert. So können Sie sich entweder auf die psychisch begleitende Arbeit konzentrieren oder Sie widmen sich unabhängig davon vorübergehend dem Muskeltest, um ihn sich in Ihrem eigenen Tempo anzueignen.
Den Muskeltest stelle ich Ihnen dann als das Instrument vor, mit dem wir aus Arbeitslisten mit vorgegebenen Triggerbegriffen diejenigen herausfiltern, die den Patienten in ein tieferes Verständnis seiner Reaktionsmuster hineinführen. Diese emotionalen Reaktionsweisen auf den Punkt zu bringen fördert ein entsprechendes „Umschalten“ beim nachfolgenden Stress Release.
In einem umfangreichen Kapitel betrachte ich schließlich verschiedene Indikationen zur psychischen Begleitung (wie Psychosomatik, Ängste, Depressionen, Lebenskrisen, Sucht), immer mit Blick auf den Stellenwert von Stress Release und Muskeltest. Veranschaulicht wird deren Einsatz durch zahlreiche Beispiele aus der Praxis, mal in detaillierten Szenen, mal in weiträumigen Verlaufsbeschreibungen oder auszugsweise in Stichworten.
Auch ein „Beipackzettel mit Risiken und Nebenwirkungen“ darf nicht fehlen … Seine kurze Betrachtung leitet uns über zum abrundenden Blick auf tiefere Grundlagen im Rahmen psychischer Begleitung.
Alles in allem richtet sich dieses Buch an Menschen, die andere in seelischen Prozessen begleiten. In erster Linie spreche ich Therapeuten und Berater an, doch selbst wer „nur“ freundschaftlich einem Mitmenschen zur Seite steht, wird von dem einen oder anderen Element Nutzen haben – die jeweiligen Grenzen zu einer professionellen Therapie, die es dann zu beachten gilt, sollten sich aus dem laufenden Text erschließen.
Ich freue mich, dass Sie mir bis hierher lesend gefolgt sind – nun denn, gehen wir an die Arbeit!
Die Stress-Release-Technik –
Lösung von emotionalem Stress
Zum Einstieg schlage ich Ihnen eine erste Selbsterfahrung mit Stress Release vor. Lernen Sie seine Wirkung in Situationen des Alltags kennen, die mit Unannehmlichkeiten, mit Anspannung, Ärger oder Ängsten einhergehen! Gelegenheiten für einen Selbstversuch mit Stress Release könnten beispielsweise sein: ein Streit mit Nachbarn, Ärger mit dem Chef, unangenehme Post, kreisende sorgenvolle Gedanken, ein aktueller Konflikt mit dem Partner, Angst vor einem schwierigen Gespräch oder Ähnliches. Diese Art der Selbsthilfe beschränkt sich auf Bagatellanlässe – tiefgehende seelische Nöte oder auch eingeschliffene emotionale Reaktionsmuster lassen sich hingegen nicht „mal eben“ im Alleingang heilen.
Stress Release als Selbsthilfe im Alltag
● Suchen Sie sich einen bequemen Sitzplatz, auf den Sie sich für einige Minuten ungestört zurückziehen können. (Es geht auch im Liegen.) Dann berühren Sie Ihre beiden Stirnbeinhöcker, wie gleich beschrieben. Das sind die leicht angedeuteten „Hügel“ der Stirn, mittig oberhalb der Augenbrauen gelegen, etwa zwei Querfinger oberhalb des Brauenbogens. Berühren Sie diese Zonen entweder mit Daumen und Zeigefinger (eventuell plus Mittelfinger derselben Hand, wobei sich die Hand wie ein Bogen über die Stirn wölbt. Oder stützen Sie Ihre Ellenbogen im Sitzen auf die Knie und halten jede der Zonen mit Zeige- (plus Mittelfinger) jeweils einer Hand. Dabei ist es nicht von Bedeutung, welche Finger Sie benutzen – für die Meisten ist diese Kombination anatomisch einfach die angenehmste Haltung. Wer es lieber mag, kann auch die gesamte Handfläche quer über die Stirn legen – Hauptsache ist, dass die beiden genannten Zonen symmetrisch berührt werden.
● Nun lassen Sie in dieser Haltung bei geschlossenen Augen die belastende Situation auf sich wirken. Rufen Sie sich die erlebten Szenen in Erinnerung, wiederholen Sie in Gedanken die verletzenden Worte oder malen Sie sich das befürchtete Ereignis aus. Versuchen Sie nicht, absichtlich etwas beiseite zu drängen oder zu beschönigen, reden Sie sich keinesfalls etwas ein, sondern nehmen Sie nur wahr, was geschieht, wenn Sie das Unangenehme eine Weile auf sich wirken lassen. Wenn möglich, spüren Sie auch der emotionalen Stimmung nach, die mit Ihrem Thema verbunden ist.
● Nach einigen Minuten könnte Ihnen auffallen, dass diese Bilder, Gedanken und Gefühle anfangen zu verblassen oder dass sich die Kreisbewegungen Ihrer Gedanken auflösen oder dass sich dunkle Bilder vielleicht aufgehellt haben. Es kann sein, dass das belastende Thema hinter sonstigen Eindrücken des Tages zurücktritt und „nicht mehr so wichtig“ ist. Es kann sein, dass Ihnen eine Lösung einfällt oder dass sich ein ungeahnter Aspekt auftut. Es kann sein, dass Sie sich ruhiger oder zumindest nicht mehr so aufgewühlt fühlen. Es kann sein, dass Sie im Kopf klarer geworden sind. Zumindest wird allgemein beobachtet, dass sich nach einigen Minuten die anfangs gedachte oder gefühlte Negativität nicht mehr aufrecht erhalten lässt. Das ist der Zeitpunkt, an dem die Selbsthilfe mit Stress Release abgeschlossen ist: Sie lösen die Finger wieder von der Stirn und kehren in den Alltag zurück.

Stress Release: Die Lage der Punkte und die Platzierung der Finger
Meist dauert solch ein situationsbezogenes Stress Release zwischen drei und zehn Minuten. Wenn sich allerdings innerhalb von maximal zehn Minuten keinerlei positive Wandlung einstellt (Sie könnten sich zur Erinnerung einen Kurzzeitwecker stellen), haben Sie vermutlich doch ein tiefer liegendes psychisches Problem berührt, das über die „Alltagsbagatellen“ hinausgeht. Das ist nicht falsch und schadet auch nicht, denn dann wissen Sie, dass es da noch etwas zu tun gibt, was nicht durch vorübergehendes Halten der Stresspunkte zu „erledigen“ ist.
Diese Selbsthilfe mit Stress Release hat nicht den Anspruch auf Tiefe, aber gemessen an dem minimalen Aufwand ist es eine kleine Intervention mit erstaunlicher Wirkung. Eindrucksvoll habe ich das immer wieder in unseren Kursen erfahren. Dort habe ich die Arbeitseinheit zum Stress Release immer mit einem Selbstversuch für alle Teilnehmer begonnen, in etwa so, wie ich es Ihnen hier vorgeschlagen habe. Vor mir saß die gesamte Seminargruppe und ich wusste natürlich nicht, welche Themen sich die Teilnehmer vorgenommen hatten. Nach Abschluss des Versuchs fragte ich in die Runde, wie sie es erlebt hätten. In nur wenigen Fällen gab es keinerlei lösende Wende und regelmäßig stellte sich in diesen Fällen auf meine Nachfrage heraus, dass sich hinter der vermuteten Bagatelle doch ein schwierigeres Grundthema verbarg. Die Meisten aber beschrieben Empfindungen wie Erleichterung, Ordnung im Kopf, Entspannung, Klarheit, einen zuversichtlicheren Blick. Das Minimum an Erfolg war, dass sich das Problem ein klein wenig leichter anfühlte; hin und wieder öffneten sich manchem sogar neue Türen vor dem inneren Auge.
Als Erleichterung, die eher an der Oberfläche bleibt, leistet das Stress Release also gute Dienste zur Stabilisierung im Alltagsstress. In diesem Sinne lässt es sich durchaus auch Patienten an die Hand geben, wobei im Bewusstsein bleiben sollte, dass grundlegende Veränderungen erst durch eine spezifische begleitende Vorarbeit angestoßen werden. Doch bevor wir darauf eingehen, wie das Stress Release zu einem solchen tiefgreifenden therapeutischen Instrument wird, sollten Sie zunächst einiges zu seiner Herkunft und Wirkungsweise erfahren.
Wurzeln in der Kinesiologie –
Wandel in meiner Anwendung
Der Begriff Stress Release stammt aus der Kinesiologie, dort auch Emotional Stress Release genannt; übersetzt bedeutet er: (Er-) Lösung von emotionalem Stress. Es geht zurück auf die Beobachtung des amerikanischen Chiropraktikers Terrence Bennett, dass sich bei längerer Berührung diverser Reflexpunkte am Schädel die Durchblutung bestimmter Gehirnareale und damit die Gehirnaktivität verändert. Auf dieser Basis entwickelten verschiedene Anwender Systeme mit teilweise recht komplexen Interventionen, um aktuellen emotionalen Stress, seelische Blockaden und psychische Folgen früherer Erfahrungen zu lösen. Wer mehr über diese kinesiologischen Methoden wissen möchte, findet in meinen Literaturhinweisen Empfehlungen dazu.
Nach meiner Kinesiologieausbildung Ende der 1980er-Jahre begann ich nur zögerlich, in meiner damaligen Landarztpraxis die gelernten Abläufe bei Patienten anzuwenden. Zögerlich aus drei Gründen: Zu dieser Zeit waren „alternative“ heilkundliche Praktiken noch wenig geläufig und wurden misstrauisch beäugt, besonders in dem erzkonservativen Einzugsgebiet meiner Praxis. (Mit solchen „Hexereien“ hätte ich leicht meine Existenz aufs Spiel setzen können.) Eng damit verbunden war der zweite Grund: Ich hatte zwar in meiner Ausbildung die Wirkung von Stress Release selbst erlebt, fühlte mich aber zu unsicher, um es nachvollziehbar zu erklären. Damit wiederum verbunden war der dritte Grund: Gelernt hatte ich teilweise sehr komplexe Handlungsabläufe in Verbindung mit dem Stress Release, etwa bestimmte Vorarbeiten mit dem Muskeltest, aber auch Augenstellungen, Farbwirkungen und Reflexzonenbehandlungen, und wegen dieser verschiedenen Komponenten fielen mir Erklärungen noch schwerer. Darüber hinaus forderte die komplexe Methode von mir, eine Fülle von Abläufen im Kopf zu haben und rechtzeitig an alles zu denken, was es beim Stress Release zu tun galt, um auch nichts falsch zu machen. Das war für mich im Rahmen einer Praxis voller Patienten mit Husten, Rückenschmerzen und Bluthochdruck meist nicht zu bewältigen.
„Notgedrungen“ ließ ich mich dann doch hin und wieder darauf ein, mit Patienten auf diese Weise zu arbeiten, vor allem, wenn sie schon eine therapeutische Odyssee hinter sich hatten und für jede mögliche Hilfe dankbar waren. Dabei ertappte ich mich dann das eine oder andere Mal dabei, dass ich irgendetwas aus der Komplexität der Abläufe beim Stress Release vergessen hatte – und es wirkte trotzdem. Irgendwann griff ich schließlich auch einmal ganz ohne sonstige Vorbereitungen zum Halten der Stirnpunkte – und auch das wirkte! Auf diese Weise „verlor“ sich über die Jahre hinweg ein Behandlungselement nach dem anderen; Bestand hatte als einziges die symmetrische Berührung der Stirnbeinhöcker.
Erstaunliche Wende
Auf Empfehlung seiner Frau, die meine Arbeit kannte, suchte mich Gerd P. auf. Von sich aus war er eigentlich therapiemüde, litt aber wie schon seit Jahren unter erheblichen Minderwertigkeitsgefühlen. Oft glitt er in Ängste und Depressionen ab, weil ihm zwar klar war, dass er als Gartenbauarchitekt viele kreative Ideen hatte, er sich jedoch nie traute, damit in die Öffentlichkeit zu gehen. Wegen dieser seelischen Belastung hatte er bereits drei Jahre Psychotherapie hinter sich. Er kam zu mir mit den Worten: „Ich weiß doch, wodurch ich mich so entwickelt habe, ich kenne meine Geschichte in- und auswendig – es nützt mir nur nichts!“ Natürlich mussten wir sein Thema noch einmal aufgreifen, „durchkauen“, mussten es in den Gehirnzentren aktivieren, allerdings diesmal mit der Absicht, dieses erneute Auffrischen der Erinnerung in ein Stress Release zu überführen. Was dann auch geschah.
Zwei Jahre später rief Herr P. mich an mit der Bitte um einen neuen Termin. Die Zeitplanung war schwierig, weil er zu dieser Zeit ständig auf Vortragsreise (!) war. Bei unserem Treffen erzählte er mir, dass wider Erwarten seit dem Stress Release etwas Entscheidendes anders geworden sei: „Meine Erinnerung an die alten Geschichten ist immer noch dieselbe, aber sie belastet mich nicht mehr, ich bin freier geworden.“
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ohne die lange therapeutische Vorarbeit wäre es wohl kaum allein durch Stress Release in einer einzigen Sitzung zu solch einer Wende gekommen. Doch das Stress Release hatte offenbar etwas bewirkt, was die Einsicht in die Zusammenhänge allein nicht bewirkt hatte.
Gerd P. war nicht der Einzige, mit dem ich Ähnliches erlebt habe, aber bei ihm war der Prozess durch die Kürze der Intervention besonders eindrucksvoll. Man stelle sich vor, was gewonnen werden könnte, wenn dieses Stress Release in psychotherapeutische Praxen Einzug halten würde, wenn also die eine oder andere Sitzung nach einem Gespräch mit der Stress-Release-Technik abgeschlossen würde, die offenbar „irgendwie“ eine andere Ausgangsbasis herstellt … Das sollten wir uns genauer ansehen.
Hier stellen sich zwei Fragen: Zum einen wäre zu klären, wieso mir etliche Elemente meiner ursprünglichen Ausbildung „verloren gehen“ durften, ohne dass offenbar – soweit man das überhaupt vergleichen kann – die Ergebnisse darunter gelitten hatten. Auf diesen Aspekt, der vermutlich besonders diejenigen interessieren dürfte, die in Ausbildungen oder als Patienten bereits andere Arbeitsweisen kennengelernt haben, gehe ich im Kapitel „Die Psyche in Resonanz bringen“ ein, weil sich erst dort die von mir vermutete Erklärung erschließt.
Zum anderen wäre natürlich (und hauptsächlich) zu überlegen, wie wir die Erfahrungen mit Stress Release neurophysiologisch erklären können. Dem soll unsere nächste Betrachtung gelten.
Stress Release –
eine synaptische Weichenstellung?
Wie erwähnt wurde nachgewiesen, dass sich bei längerer Berührung gewisser Punkte am Kopf die Durchblutung korrespondierender Gehirnareale verändert. Es liegt nahe, dass vermehrte Hirndurchblutung einhergeht mit gesteigerter neuronaler Aktivität; das heißt, dass das, was in diesen verstärkt durchbluteten Gehirnregionen repräsentiert ist, währenddessen sehr rege ist. Eine Grundlage von Stress Release ist also, dass wir von außen, nämlich durch Berührung, vorsichtig gesagt Einfluss auf innere Vorgänge nehmen.
Für unsere gewünschte Wirkung setzen wir voraus, dass es nötig ist, die Therapiepunkte am Kopf (in unserem Fall nur die Stirnbeinhöcker) seitengleich, symmetrisch zu berühren. Folglich dürften dann in beiden Gehirnhälften korrespondierende Zonen aktiviert werden. Welchen Sinn aber sollte das haben, warum „bewirkt“ das etwas Wesentliches?
Grob vereinfacht (aber als therapeutische Grundlage ausreichend) lässt sich sagen, dass ein Schlüsselverständnis für das Stress Release in der unterschiedlichen Funktionsweise unserer beiden Gehirnhälften liegt. Beide arbeiten mit sehr spezifischen Qualitäten, die man in aller Kürze so auf den Punkt bringen könnte: Von der Aufgabe der motorischen Steuerung und der Verarbeitung von Sinneseindrücken einmal abgesehen, funktioniert die linke Hemisphäre in ihrer Arbeitsweise denkend-analytisch, die rechte bildhaft-synthetisch; die linke eher linear-logisch, die rechte komplex-assoziativ; die linke sprachlich, die rechte empfindend; die linke mathematisch, die rechte musisch.
Jede der beiden Hemisphären geht mit dem, was im Leben geschieht, qualitativ anders um, und da kann es schon einmal zu Differenzen oder Kollisionen kommen. Wenn das passiert, leidet der Mensch unter einem Konflikt oder unter anderen Nöten. Doch wie kommt es dazu?
Üblicherweise brauchen wir für alle Fähigkeiten und Tätigkeiten unseres Alltags ein synchrones (also zeitgleiches) Zusammenspiel beider Hemisphären, mal ein wenig mehr rechtslastig, mal ein wenig mehr linkslastig. Durch Einüben und Wiederholen werden dann mittels zunehmender synaptischer Verknüpfungen Schaltkreise im Gehirn aufgebaut, die Gewohnheiten schaffen und rasche, automatisierte Handlungen ermöglichen.
Einseitige Schaltkreise
Nun kann es – weiterhin vereinfacht ausgedrückt – zu Situationen kommen, in denen in einer Hirnhälfte ein Schaltkreis bereits (einseitig) ausgebildet ist, ohne dass die andere Hemisphäre davon „weiß“. Das gilt ganz besonders für die sehr frühen Erfahrungen unserer Lebensgeschichte, die wir nur empfindend, fühlend, ganzheitlich erleben – wie es die rechte Gehirnhälfte abbildet. Die Fähigkeiten der linken Hälfte entwickeln wir erst später, wenn wir bewusst zu denken beginnen und schreiben und rechnen lernen. Bis zu diesem Zeitpunkt sind aber schon viele Schaltkreise angelegt und verstärkt worden, die unabhängig von der Mitwirkung der linken, denkenden Seite eine Art Eigenleben führen. Wir sind – was unser Gefühlsleben angeht – in unseren Reaktionsweisen längst geprägt, bevor wir uns darüber Gedanken machen können.
Daran ist an sich noch nichts Verkehrtes, ja, viele „Schaltkreise“ und damit verbundene psychosoziale Prägungen sind ausgesprochen nützlich als Grundlage für unser menschliches Miteinander – wir nennen das „Erziehung“. Aber nicht jeder Einfluss aus unserem Umfeld dient uns, manches verletzt nachhaltig, manches wird unserem individuellen Charakter nicht gerecht, mancher „Stempel“ aus früheren Jahren steht einem gesunden Selbstgefühl oder liebevollen und förderlichen Beziehungen im Wege. (Das Thema Prägungen wird uns noch ausführlicher beschäftigen.) Fortan werden in ähnlichen Situationen durch Reizworte oder bildhafte Auslöser geradezu automatisch dieselben neuronalen Spurrillen abgefahren und somit immer wieder dieselben negativen emotionalen Reaktionsweisen angestoßen – ein Dominoeffekt der Neuronen, der oft unbemerkt vom Bewusstsein abläuft.
Wenn wir dann eines Tages in Bedrängnis geraten, weil unser Wollen und unsere Einsicht ausgebremst werden durch Ängste, Depressionen, psychosomatische Erkrankungen, Beziehungskonflikte oder selbstzerstörerische Verhaltensweisen, geraten wir vielleicht an einen guten Therapeuten, mit dem wir unsere Lebensgeschichte aufarbeiten und hinter unseren heutigen Reaktionsweisen die Wurzeln frühkindlicher Erfahrungen entdecken. Doch wie viele Menschen haben es nicht schon erlebt, dass sie zwar nun endlich wussten, was sie auf eine bestimmte Bahn gelenkt hatte, es aber immer noch nicht schafften, nach dieser Erkenntnis anders damit umzugehen (wie unser Gartenbauarchitekt)?! Da hat man den Eindruck, dass zwischen den beiden Gehirnhälften ein tiefer, unüberbrückbarer Abgrund klafft: Da werfen wir von der linken Seite vielleicht einen einsichtsvollen Blick auf den Schaltkreis der rechten Seite, aber ohne ihn öffnen und mit dem neuen Verständnis verbinden zu können.
Unüberbrückbar? – Nein. Diesen Brückenschlag kann auf einfache Weise das Stress Release übernehmen. Es synchronisiert durch die symmetrische Berührung der Reflexpunkte die linke und die rechte Gehirnhälfte so, als wäre die Einsicht „recht-zeitig“ erfolgt, um die Bildung eines in sich geschlossenen, Schaltkreises zu verhindern. Wie diese „Rechtzeitigkeit“ solche verselbstständigten Schaltkreise verhindern kann, möge ein einfaches Beispiel veranschaulichen:
Stellen Sie sich einmal vor …
Sie wachen mitten in der Nacht von einem Getöse auf, das Schlafzimmerfenster steht offen, die Gardine weht, Sie sehen einen Schatten vor dem Fenster weghuschen.
Stellen Sie sich vor, wie es Ihnen ergeht, wenn Sie nicht klären können, was eben passiert ist. Beispielsweise, weil Sie schreckliche Angst haben, trauen Sie sich erst gar nicht, das Licht anzumachen. Sie verkriechen sich unter der Bettdecke. Was meinen Sie, wie gut können Sie in dieser Nacht einschlafen? – Und wie wird es am folgenden Abend sein? Wenn Sie sich eines Tages wegen chronischer Schlafstörungen untersuchen lassen, haben Sie diesen Vorfall längst vergessen.
Nun andersherum: Stellen Sie sich vor, Sie hätten sofort das Licht angeschaltet, wären aufgestanden und hätten aus dem Fenster geschaut: Statt des gefürchteten Einbrechers sahen Sie Nachbars Katze fluchtartig durch den Garten laufen. Wie ist es dann mit dem Wiedereinschlafen? Und wie wird es wohl in der nächsten Nacht werden?
Unsere erste Variante ist der Start zu einem geschlossenen Schaltkreis: Wir haben der linken Gehirnhälfte gar nicht die Chance gegeben, ebenfalls ihren Beitrag zu dem Vorfall beizusteuern und die Situation mit Einsicht zu beleuchten. Hätten wir das getan, wären uns Spätfolgen erspart geblieben. Anders verhält es sich natürlich mit Erfahrungen in unseren frühen Lebensjahren, wenn wir für Prägungen hoch empfänglich sind, aber weder in der Lage, diese Erfahrungen „vernünftig“ einzuschätzen, noch dazu, dem etwas bewusst Eigenständiges entgegenzusetzen. Durch weitere Wiederholungen ähnlicher Situationen haben sich dann die einst gelegten Spuren in unserem Gehirn zu regelrechten Automatismen ausgebaut, die alternative Möglichkeiten gar nicht erst in den Blick kommen lassen.
Das Ende vom Lied erinnert an die beiden Königskinder, die nicht zueinander kommen konnten. Die linke Hemisphäre ruft über den See: „Ich weiß doch aber … und ich möchte doch …“, und die rechte antwortet: „Ich kann doch nicht und soll doch nicht …“
Synchronisation
Während der Anwendung des Stress Release scheinen sich aufgrund der synchronisierten Anregung der Durchblutung die Schaltkreise zu öffnen, indem die beteiligten Areale beider Hemisphären (und die mit ihnen verbundenen tieferen Gehirnareale) durch den Kontakt der Stirnbeinhöcker reflektorisch sanft veranlasst werden, sich mit dem jeweiligen Thema oder Konflikt gleichzeitig und gleichwertig auseinanderzusetzen.
Es ist, als würden wir in die nächtliche Situation im Schlafzimmer zurückversetzt und könnten dort noch einmal andere Alternativen durchspielen, wodurch offenbar neue synaptische Verbindungen „ausprobiert“ bzw. angebahnt werden. Dafür spricht, dass Patienten nach Beendigung des Stress Release meist eine Veränderung im Erleben und Bewerten ihrer Problemsituation beschreiben. Offenbar vernetzen sich Alterfahrung und erwachsene Einsicht über neue synaptische Verschaltungen, die dann für die reale Lebenssituation Auswege erkennen lassen. Es scheint also beim Stress Release tatsächlich etwas im Kopf zu „passieren“.
Dazu passt auch, dass manche das Wirken der Stress-Release-Technik geradezu „physiologisch“ spüren:
Eine Kursteilnehmerin erlebte „ein unruhiges Hin-und-Her-Springen im Kopf, mal rechts, mal links – und zum Ende hin floss es auf beiden Seiten ausgeglichen und ruhig“. Andere empfinden ein Elektrisieren oder Pulsieren. Gemeinsam ist ihnen immer, dass es zunächst „asynchron“ beginnt und sich allmählich immer mehr synchronisiert.
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Ein junger Mann beschrieb seiner Therapeutin, die aus der Gesprächssituation spontan in ein Stress Release übergeleitet hatte, nachher: „Das war ja witzig! Ich sah vor meinem inneren Auge die Icons von Computerdateien, wie sie auf dem Bildschirm beim Versenden oder Verschieben von einem Datenträger auf einen anderen wandern. Und gerade in dem Moment, bevor Sie Ihre Hand wieder von meiner Stirn nahmen, blinkte auf dem Schirm auf: „Dateien erfolgreich übertragen!“
Nun ist das Stress Release nicht der einzige Weg, die rechte und die linke Gehirnhälfte im therapeutischen Prozess zur Kooperation zu bewegen; auch eine Reihe anderer Methoden beziehen neben der kognitiven Ansprache (linke Seite) ganzheitliche Elemente (rechte Seite) ein, seien es kreative Therapieformen, systemische Aufstellungen oder andere. Sie alle lassen die „Kontrahenten“ sozusagen näher zusammenrücken. Den Vorteil gerade des Stress Release sehe ich aber darin, dass es sich ohne weiteren Aufwand und sonstige Techniken sofort mit fast jeder therapeutischen Arbeitsweise unaufdringlich verbinden und unterstützend nutzen lässt.
Vielseitig verwendbar
Der Coach eines Hochschulinstituts hatte in einem meiner Seminare und in eigener Therapie das Stress Release kennengelernt und war von seiner Wirkung begeistert. Deshalb überlegte er, inwieweit er es auch seinen Klienten zugutekommen lassen konnte. Obwohl er als Grundlegitimation eine therapeutische Ausbildung hatte, empfand er eine solche „Behandlung“ mit Berühren der Klienten im Rahmen seines universitären Auftrags jedoch als unangemessen. Deshalb bot er ihnen versuchsweise an, nach dem jeweiligen Gespräch selbst für einige Minuten die Reflexpunkte zu halten und das Thema gedanklich zu rekapitulieren. Die Wirkung beschreibt er als so überzeugend, dass weder er noch seine Coachees auf diese kleine Intervention verzichten wollten.
Der Vorlauf zum Stress Release
Woher wissen wir aber – nachdem wir uns für ein Stress Release entschieden haben –, ob dabei überhaupt die richtigen Gehirnareale aktiviert werden? Wie können wir davon ausgehen, dass das Gehirn während dieser Minuten allein durch Berührung von zwei Punkten weiß, was es tun soll, nämlich neue Weichen zu sehr einem konkreten Anliegen stellen (und nicht zu etwas beliebigem anderen)?
Ein logischer Schluss legt nahe, dass sich beim Stress Release im Gehirn das fortsetzt, was es im Laufe der therapeutischen Sitzung ohnehin beschäftigt hat. Denken und Fühlen widmen sich dem Thema, das den Patienten bewegt oder bedrängt und worüber eingehend gesprochen wurde. Solange dieses Anliegen ernsthaft vertieft wird, dürften doch alle entsprechenden Neuronen Funken sprühen!
Das heißt – so banal es klingen mag –, das Stress Release wird so tief greifen wie die vorangegangene Bearbeitung eines Themas. Je besser sich der Patient in seinem Anliegen verstanden fühlt und je besser sein Konflikt auf den Punkt gebracht ist, desto genauer werden gerade die Gehirnareale aktiviert, die es beim Stress Release zu koordinieren gilt.
Dabei ist es sogar unerheblich, ob schon vor dem Stress Release Denken und Fühlen (also rechts und links) gleichermaßen am Prozess beteiligt und damit beiderseits die Zonen angesprochen sind: Wenn eine der beiden Seiten ganz bei der Sache und die andere zumindest leicht angeregt ist, zieht die „schwächere“ durch die Rückkopplung der berührten Reflexpunkte mit! Das gibt sich immer wieder darin zu erkennen, dass Patienten, die sehr „kopflastig“ ins Stress Release gegangen sind, am Ende einen Zugang zum Gefühl erleben, und umgekehrt: Wer eher emotional aufgewühlt war, geht oft mit einem kühleren Kopf und neuer Einsicht daraus hervor.
Geringer Aufwand – hoher Wirkungsgrad
Das ist nun wirklich eine höchst erstaunliche, ja, sensationelle Entdeckung für die therapeutische Begleitung: Eine minimale neuronal-reflektorische Intervention scheint den Menschen in die Lage zu versetzen, nach entsprechender Vorarbeit alte Erfahrungen, Denkmuster und Reaktionsweisen neu zu bewerten, sich von Prägungen zu lösen und in „festgefahrenen“ Lebensthemen neue Spielräume zu eröffnen …
Es scheint so, als würden beim Stress Release die inneren Kontrahenten an einen Tisch gesetzt und hätten erstmals Gelegenheit, „auf Augenhöhe“ miteinander zu kommunizieren.
Die Aussagen von Patienten nach dem Stress Release beschreiben das Ergebnis dieses inneren Vorgangs recht einheitlich – so, wie es bereits bei der Selbsthilfeversion von Stress Release anklang: Sie geben an, sich ruhiger, klarer, stabiler, zuversichtlicher, geordneter zu fühlen. Oder noch allgemeiner könnte man sagen: Sie sind jeweils ein Stück mehr zu sich gekommen, „bei sich“. Das kann sich sogar darin ausdrücken, dass jemand nach dem Stress Release weint oder auf andere Weise emotional betroffen ist, wenn bis dahin eine solche persönliche Besinnung noch nie zugelassen wurde.
Tiefe emotionale Wirkung
Ich begleitete eine Patientin schon eine Weile durch sehr kritische Zeiten in beruflichen und familiären Umbrüchen. Sie arbeitete unter schwierigen Umständen in einer verantwortungsvollen Position, hatte drei kleine Kinder und kaum praktische Unterstützung in der Bewältigung des Alltags. Immer wieder ging es um die Entscheidung über den richtigen Weg für sie, damit sie unter der Last nicht völlig zusammenbrach.
Nach einem Stress Release, das wir an ein Gespräch zu einem eher alltäglichen Thema anschlossen, brach sie in Tränen aus. Einen Augenblick lang war ich verunsichert, weil ich damit nicht gerechnet hatte. Mein erster Gedanke war, dass ich ihr in dieser Sitzung vielleicht nicht gerecht geworden war und unterschwellig ganz andere Fragen angestanden hätten. Auf meine Nachfrage sagte sie, dass sie während der letzten Minuten zum ersten Mal in aller Deutlichkeit gespürt habe, wie sehr sie jede Art von Selbstfürsorge über Jahre hinweg ignoriert habe. Sie sah, wie wenig sie sich zugestand, dass sie unter der maximalen Überforderung litt. Sie war erschüttert – aber sie stand kurz darauf erfrischt auf mit den Worten: „Jetzt weiß ich endlich, worum ich mich kümmern muss!“
Ziel und Ergebnis des Stress Release ist also keineswegs ein oberflächliches Wohlbefinden, sondern ein Zu-sich-Kommen. Und das kann sich durchaus unterschiedlich ausdrücken, eben auch durch emotionale Betroffenheit.
Die praktische Durchführung
Wenn auch Sie sich nun angeregt fühlen, das Stress Release in therapeutische Begleitungen zu integrieren und erste Erfahrungen bei Ihren Patienten zu sammeln, dann sollten wir an dieser Stelle noch zwei Dinge konkret ansprechen: die möglichen Gelegenheiten zur Anwendung und vor allem den Ablauf und die Rahmenbedingungen.
Wegen seiner ordnenden und ausgleichenden Funktion hat das Stress Release breit gefächerte „Indikationen“:
– als Selbsthilfe in aufwühlenden oder belastenden Situationen (wie bereits angesprochen). (In diesem Sinne kann ein kurzes Stress Release den Patienten auch schon vor der eigentlichen Bearbeitung angeboten werden, falls sie angespannt, nervös oder hektisch zum Termin erscheinen.)
– als Abschluss einer Gesprächssitzung – damit sich alles Bearbeitete setzen, ordnen und verankern kann.
Das Vorgehen:
● Grundsätzlich erkläre ich meinen Patienten vorab Sinn und Ablauf der Stress-Release-Technik. Meist nutze ich dafür das Erstgespräch, wenn ich sie mit meiner Arbeitsweise vertraut mache; selten muss ich es unmittelbar vor der Durchführung erklären. Dann allerdings spreche ich nur ganz kurz davon, „das Gehirn zu unterstützen, die besprochenen Dinge durch eine Reflexbehandlung zu ordnen“ – um die Aufmerksamkeit nicht zu sehr vom Thema abzuziehen.
● Für meine Patienten habe ich einen bequemen Sessel mit verstellbarer Rückenlehne und Fußteil angeschafft, auf dem sie die ihnen angenehmste Position wählen können. Natürlich lässt sich das Stress Release auch auf einer Liege durchführen (oder notfalls im Sitzen, wie bei der Selbsthilfe vorgeschlagen). Aber der „Stress-Release-Stuhl“ war eine lohnende Investition, weil sich die Patienten jederzeit, auch während des „Gesprächs auf Augenhöhe“, gut aufgehoben fühlen und bei Bedarf in eine fast liegende Position gleiten können.
● Ich informiere die Patienten über die ungefähre Dauer des Stress Release, damit sie sich auf diesen Zeitrahmen einstellen können.
● Dann bitte ich sie, während der Dauer des Stress Release all das, was in unserer Sitzung angesprochen wurde, und alles, was ihnen dazu einfällt oder in ihnen aufsteigt, ohne Bewertung wirken zu lassen. Das können Gefühle sein, Gedanken, Erinnerungen, Bilder – oder auch Leere. Ich betone, dass man dabei nichts falsch machen kann, weil das Gehirn durch unsere Vorarbeit schon alle entsprechenden Zonen aktiviert hat.
● Ich empfehle, währenddessen die Augen zu schließen, damit man besser „bei sich“ ist. Wenn jemand sich dadurch geängstigt fühlen sollte, funktioniert es grundsätzlich auch mit offenen Augen.
● Schon während meiner einleitenden Worte lege ich Daumen und Zeige- / Mittelfinger meiner Hand ohne Druck auf die Zonen der Stirnbeinhöcker und belasse sie ruhig in dieser Berührung – bis zum Schluss.
● Während des Stress Release wird in der Regel nicht gesprochen, weil das Reden ein tieferes Eintauchen in die inneren Prozesse verhindert, und es finden auch keine sonstigen parallelen Interventionen statt.
● Mit dem einhändigen Selbsttest der freien Hand (siehe „Essentials zum Muskeltest“ im Anhang) teste ich wiederholt, ob das Stress Release noch fortgesetzt oder beendet werden soll. (Alternativen hierzu spreche ich weiter unten an.)
● Das Stress Release beende ich, indem ich vor dem Lösen der Hand von der Stirn kurz die Schulter des Patienten berühre, um darauf aufmerksam zu machen, dass sich jetzt etwas ändert. (Für manche fühlt es sich etwas unangenehm an, wenn das Berühren der Stirn ohne Vorankündigung plötzlich aufhört.)
● Abschließend frage ich nach dem Befinden und gebe, wenn es gewünscht wird, kurz Gelegenheit, etwas zu dem Erlebten zu sagen (zwei bis drei Minuten). Um den Eindruck des Stress Release nachwirken zu lassen, gehen wir aber nicht noch einmal ins Gespräch, sondern fassen die Verabschiedung kurz.
Die Dauer der Stress-Release-Anwendung
Bei der Selbsthilfeanwendung des Stress Release habe ich bereits erwähnt, dass sich in meiner Praxis und in unseren Seminaren eine Maximalzeit von etwa zehn Minuten herauskristallisiert hat. In meiner Anfangszeit der Anwendung der psychologischen Kinesiologie kamen allerdings auch deutlich längere Zeitspannen vor, bis zu zwanzig Minuten. Wenn ich die Situationen rückblickend vergleiche, fällt mir als wesentlicher Unterschied auf, dass ich anfangs noch „breiter“ gefächert gearbeitet habe. Ich versuchte damals, alles mögliche, was für meinen Patienten als Stress infrage kommen könnte, innerhalb einer Sitzung ins Lot zu bringen. Das kostet natürlich auch das Gehirn eine längere Zeit des Ordnens. Die Ergebnisse waren jedoch nicht so befriedigend, wie ich es erhofft hatte; sowohl die Patienten wie auch ich selbst gingen aus einer solchen Begegnung oft eher angestrengt oder sogar verwirrt hervor.
Schließlich reduzierte ich die Themen unserer Sitzungen. Entweder erkannten wir hinter mehreren „Baustellen“ ein verbindendes Thema – was sehr häufig der Fall ist –, gingen dem nach und bearbeiteten diesen zentralen Knotenpunkt (– für das Gehirn übersichtlich und beim Stress Release weniger zeitintensiv). Oder wir beschränkten uns auf einen Themenbereich, der gerade besonders „pressierte“ – womit der Verarbeitungsvorgang für das Gehirn auch wiederum handlich wurde. Im Gesamtergebnis waren solche Sitzungen weitaus effektiver als meine frühere komplexe Herangehensweise, wir waren nach der Sitzung nicht erschöpft, sondern geklärt und erfrischt, und die weitere Entwicklung konnte viel konkreter anhand des umrissenen Themas beurteilt werden.
Sobald Sie den Muskeltest beherrschen, können Sie mit seiner Hilfe natürlich die individuellen Empfehlungen zur Dauer des Stress Release vom Patienten selbst einholen (siehe Anhang, „Dialogtest“). Oder Sie nutzen (wie ich selbst) den Selbsttest. Solange Sie nicht mit dem Muskeltesten vertraut sind, sind Sie mit pauschal zehn Minuten im Prinzip auf der sicheren Seite.
Und was ist mit der Alternative, dasselbe Entscheidungskriterium anzuwenden, das ich beim Selbsthilfe-Stress-Release empfohlen habe?: Sie könnten Ihren Patienten bitten, die Augen von sich aus zu öffnen, wenn sich der Eindruck festigt, dass es „gut“ ist oder dass die anfänglichen Bilder und Gedanken zurücktreten.
In der praktischen Umsetzung habe ich damit keine positiven Erfahrungen gemacht: Viele Menschen waren mehr damit beschäftigt, darüber nachzudenken, ob dieser Zeitpunkt denn nun schon gekommen sei, als dass sie sich noch auf ihr Thema einlassen konnten. Andere wollten aus Rücksicht auf mich „nichts falsch machen“ und öffneten die Augen viel zu früh – oder gar nicht.
Empfehlung:
Eine zeitliche Richtschnur entspannt Patient und Therapeut. Und diese kann entweder mit dem Muskeltest individuell festgelegt werden oder aber mit der pauschalen Vorgabe von zehn Minuten.
Risiken? Unerwünschte Wirkungen?
Ich kann aus den Erfahrungen der 25 Jahre, in denen ich das Stress Release in der Praxis anwende (davon mehr als 20 Jahre in der hier beschriebenen Weise), und aus den Rückmeldungen der von mir ausgebildeten Therapeuten keine Situation ableiten, in der das Stress Release kontraindiziert wäre oder damit ein Risiko eingegangen würde. Die einzige Frage, zu der ich nicht über genügend Erfahrung verfüge, ist die, wie es sich mit einem solchen „synchronisierenden“ Einfluss auf das Gehirn bei Patienten mit Anfallsleiden verhält. Bei den wenigen, die ich in meiner Praxis entsprechend behandelt habe, ist nie ein Anfall ausgelöst worden, aber das genügt nicht für eine Verallgemeinerung.
Hinsichtlich psychischer Reaktionen gehe ich davon aus, dass ein Stress Release als solches niemals die Befindlichkeit verschlimmern kann, mit der ein Patient gekommen ist. Dies erscheint mir wichtig zu erwähnen, weil es auch Neurofeedback-Verfahren wie das EMDR gibt (Eye Movement Desensitization and Reprocessing – zu Deutsch etwa: Augenbewegungs-Desensibilisierung und Wiederaufarbeitung), bei denen zum Beispiel über Augenrotation bestimmte Erinnerungen geweckt und sogar forciert werden sollen – was durchaus unangenehm sein kann. Das Stress Release, wie ich es praktiziere, greift jedoch immer nur das auf, was zuvor schon aktiv ist. Dies ist allerdings eine rein empirische Schlussfolgerung; ich möchte anregen, sie auch neurophysiologisch zu untermauern!
Damit kann das Stress Release ohne Bedenken einem großen Kreis von Patienten zugutekommen, einerseits in der wiederholten Akut- und Selbsthilfe, andererseits und hauptsächlich aber in seiner nachhaltigen Wirkung, tatsächlich „Knoten zu lösen“, die von den Fesseln alter emotionaler Verarbeitungsweisen befreien. Diesen Knoten auf die Spur zu kommen macht somit die wesentliche Vorarbeit für eine tiefgreifende Wirkung des Stress Release aus.
Da wir beim Stress Release eine neurophysiologische Wirkung erreichen wollen, stellt sich die Frage, wie es gut gelingen kann, die dafür erforderlichen Zentren in Aktion zu bringen. Dieser „Zuarbeit“, die im Stress Release ihre physiologische Krönung findet, wenden wir uns nun zu.
Die Psyche in Resonanz bringen
Ich gehe davon aus, dass die erwünschte Tiefenwirkung beim Stress Release auf unterschiedliche Weise gefördert werden kann. In meiner Kinesiologieausbildung hatte ich zahlreiche mögliche Begleitmaßnahmen des Stress Release kennengelernt, beispielsweise Augenrotationen, Farbbrillen, gleichzeitiges Halten von Meridianpunkten, gleichzeitige Reizung neurolymphatischer Zonen, Auflegen von Bach-Blütenessenzen auf den Körper, Wiederholung von Affirmationen, Düfte, Töne und mehr. Praktisch sah das unter Umständen so aus, dass während des Berührens der Stirnbeinhöcker (oder anderer Reflexpunkte) der Patient zugleich durch eine Farbbrille schaute und mit den Augen rotierte, dass von ihm selbst oder vom Therapeuten Affirmationen gesprochen wurden, dass bestimmte Zonen am Körper durch Reiben aktiviert wurden oder Ähnliches.
Wie bereits erwähnt hinderte mich die Kombination meiner vollen Hausarztpraxis und meines schlechten Gedächtnisses oft daran, schnell einmal auf diese erlernten „Bausteine“ zuzugreifen, sodass der Reihe nach immer mehr von ihnen verloren gingen. Hier nun möchte ich der angekündigten Erklärung nachgehen, wieso ich davon ausgehe, dass meine derart reduzierte Version des Stress Release mit dem alleinigen Halten der Stirnbeinhöcker den komplexeren Verfahren im Ergebnis ebenbürtig ist. Dazu fallen mir nur zwei Möglichkeiten ein: Entweder die „vergessenen“ Elemente sind überflüssig oder etwas anderes, etwas Gleichwertiges ist an ihre Stelle getreten.
Da viele kinesiologische Techniken nicht nur theoretisch sinnvoll und praktisch bewährt, sondern auch physiologisch belegt sind, kann „überflüssig“ nicht die passende Erklärung sein. Also liegt es nahe, dass ich (unbewusst?) etwas anderes an ihre Stelle gesetzt habe, das letztlich in etwa dieselbe Wirkung hat.
Wenn eine Absicht kinesiologischer Interventionen darin liegt, die richtigen Gehirnareale anzuregen, dann muss ich das wohl auf einem anderen Weg ebenfalls erreicht haben. Wie könnte das geschehen sein? Was trage ich in meinen Sitzungen mit Patienten dazu bei, die richtigen Nervenzellen anzuregen?
Meine Art, als Ärztin und Psychotherapeutin mit dem Patienten in Resonanz zu kommen, ist das Gespräch: Ich gehe auf ihn ein, versuche, ihn zu verstehen, und baue ihm damit Brücken, sich selbst und seine Möglichkeiten besser zu erkennen. Mir lag es schon in meiner früheren Hausarztpraxis mehr am Herzen, dass ein Patient verstand und sich nicht einfach nur verhielt, egal, ob es um Diabetes oder Rückenschmerzen, um Medikamenteneinnahme oder um Seelennöte ging. Kein Röntgenbefund und kein Laborwert spricht von sich aus zu einem Kranken. Erst das Gespräch über die Befunde verschafft dem Betroffenen einen Zugang und bezieht sein Bewusstsein mit ein – was erst recht eine entscheidende Voraussetzung dafür ist, in der seelischen Entwicklung seinen eigenen Weg zu finden.
Das Gespräch mit dem Patienten und die Beziehung zu ihm steht also bei mir immer im Mittelpunkt und jede Art von technischen und methodischen Hilfsmitteln ordne ich dem unter.
Rein neurophysiologisch gesehen dürfte es also verschiedene Wege geben, im Gehirn Resonanz zu erzeugen. Das funktioniert mit kinesiologischen Elementen ebenso wie im reinen Gespräch und es gibt vermutlich noch zahlreiche andere Anregungen für die beteiligten Hirnareale – vielleicht durch Töne (Klangschalen, Musik), Fotos des Patienten oder selbstgemalte Bilder und vielerlei mehr.
Dass ich etliche Elemente meiner kinesiologischen Ausbildung schlichtweg vergessen hatte, hat somit zu einer wertvollen Erkenntnis geführt:
Methodische Freiheit
Das Stress Release als solches (also das Halten der Stirnbeinhöcker) kann vielfältig genutzt und in verschiedene Arbeitsweisen integriert werden. Voraussetzung für einen hohen Wirkungsgrad ist die Anregung bestimmter neuronaler Rückkopplungen zu einem bearbeiteten Thema. Diese Resonanzen löst die Kinesiologie durch zahlreiche reflektorische Maßnahmen aus; andere Impulse und Zugänge sind aber ebenso gut möglich. Zu diesen gehört insbesondere eine tiefergehende Gesprächsführung. Somit haben Therapeuten die Wahl, wie sie das Stress Release der eigenen Arbeitsweise und gegebenenfalls der Akzeptanz der Patienten anpassen; sie sind nicht auf ein bestimmtes methodisches Vorgehen festgelegt.
Gesprächsresonanz
Da das Gespräch bei jeder therapeutischen Begleitung ein verbindendes und allgemeingültiges Element ist, möchte ich einigen Aspekten desselben noch etwas mehr Aufmerksamkeit schenken, speziell mit Blick auf die Resonanz. Denn nicht jedes Gespräch ist gleichermaßen geeignet, den Patienten „bei sich ankommen“ zu lassen und „den springenden Punkt“ seines Problems zu erfassen, um die Entwicklung in eine neue Richtung anzustoßen. Einige Gesprächselemente haben sich in unseren Ausbildungen als besonders geeignet erwiesen, eine Thematik auszuloten, zu verdichten und das Verständnis für die „psychischen Fehlschaltungen“ zu öffnen, die im Stress Release in neue Bahnen geleitet werden sollen. Ein paar solcher „Schlüsselelemente“ möchte ich als Anregungen kurz vorstellen.
Der erste Schlüssel: Keine Scheu vor Fragen!
Natürlich braucht ein Mensch, der mit Seelennöten in die Praxis kommt, in erster Linie Raum zum freien Reden und als Therapeuten werden wir zunächst uneingeschränkt anhören, was der Patient mitbringt – zum einen, damit er seine Last mit-teilen kann, zum anderen, um ihn kennenzulernen. Und in der einen oder anderen therapeutischen Begleitung mag das Von-der-Seele-Reden unter empathischer Zuwendung bereits der bestmögliche Weg zur Heilung sein.
Andererseits habe ich in meiner Praxis oft genug gehört, dass Menschen sich unsicher und sogar unverstanden fühlten, wenn sie ihren Therapeuten ständig etwas „anbieten“ mussten. Andere wiederum fliehen durch fortlaufendes Reden unbewusst geradezu vor der Begegnung mit sich selbst. Zumindest diesen beiden Patientengruppen ist wenig gedient, wenn sie letztlich nur zum freien Reden aufgefordert sind. Ebenso wenig kommen Menschen in etlichen Situationen durch alleiniges „aktives Zuhören“ des Therapeuten in ihrem Verständnis weiter und einer Problemlösung näher. Was manchen beim freien Sprechenlassen mit empathischen Rückmeldungen fehlte (so auch mir, wenn ich selbst einmal betroffen war), das war die Erweiterung des eigenen Horizonts. Fragen des Therapeuten können den Blick entsprechend ausrichten, sei es, um über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, sei es, um Aufmerksamkeit nach innen zu wenden.
Auch unter dem Aspekt, möglichst klare Resonanz im Verstehen und Fühlen auszulösen, dürfte unstrukturiertes Sprechen allein wenig hilfreich sein. Insofern halte ich, um jemanden verstehen zu lernen bzw. ihn zu Selbsterkenntnis anzuregen, einfühlsame Fragen für eines der besten Mittel.
Mit Fragen ist von ihrem Prinzip her die Absicht verbunden, etwas zu erfahren, von Sachinformationen bis hin zu sehr persönlichen Mitteilungen. Fragen in der seelischen Begleitung von Menschen wollen aber nicht im Wesentlichen Fakten sammeln, sondern den Betroffenen zum Nachdenken anregen, ihn zur Erkenntnis seiner selbst führen. Dazu sind einige Fragetypen mehr, andere weniger geeignet.
Weniger geeignet sind geschlossene Fragen. Diese lassen sich grundsätzlich mit ja oder nein (oder vielleicht) beantworten. Sie passen eher an den Küchentisch („Möchtest du noch etwas Suppe haben?“) oder ins Geschäft („Soll ich Ihnen unser Angebot zufaxen?“), aber selten in die therapeutische oder beratende Begegnung. Denn zum einen engen geschlossene Fragen das Blickfeld auf nur zwei Alternativen ein (ja – nein, entweder – oder), sie erweitern also nicht die Optionen. Zum anderen strengen sie den Fragesteller enorm an, denn er muss ja sozusagen für den Klienten mitdenken, vordenken oder ganz an seiner Stelle denken. Damit bleibt der Denkprozess des Betroffenen auf die Oberfläche beschränkt, ihm wird eigenes Nach-Denken abgenommen und dadurch eine tiefergehende Resonanz geradezu verhindert. Oder etwas provokant gesagt: Durch geschlossene Fragen aktiviert der Frager seine Gehirnzentren, aber nicht der Gefragte (wie eigentlich gewünscht)!
Offene Fragen hingegen „öffnen“ den Prozess von Nachdenken und Nachspüren. Wo ich nicht nur vor die Wahl zwischen einem Ja und einem Nein gestellt bin, muss ich nachdenken, in mich gehen, mich konzentrieren. Dadurch werden – wie nicht anders zu erwarten – in unserem Gehirn die dazugehörigen Regionen angesprochen.
Offene Fragen beginnen üblicherweise mit einem W: Was, wer, wie, wodurch, woher usw. Diese Fragewörter lenken die Aufmerksamkeit in die Tiefe, der Mensch beginnt, in sich hineinzuhorchen. Durch sie werden Situationen plastisch, die Erinnerung wird angeregt und man ist eingeladen, immer mehr mit sich selbst in Kontakt zu kommen. Zwei Fragewörter leisten dabei die Hauptarbeit: das Was und das Wie. Gerade der Beginn eines Gesprächs ist meist gekennzeichnet durch das Was: Was hat sich ereignet, was beschäftigt Sie? Und auch: Was sind die Fakten, die Umstände? Das heißt, durch das Was suchen wir weitgehend Sachinformationen. Auch diese können durchaus einen ersten Beitrag dazu leisten, Gehirnregionen anzuregen, weil die Beschreibung der Situation einerseits die linke Hemisphäre zum Berichten benutzt, andererseits die Situationen ja auch bildhaft wachruft, also die rechte Hälfte einbezieht.
Noch tiefer führt das Wie. Die Frage „Wie hat sich das abgespielt?“ lässt geradezu ins Nachdenken eintauchen. „Wie ist Ihnen dabei zumute?“ oder „Wie geht es Ihnen damit?“ – solche Fragen schlagen auch gleich die Brücke ins Nachfühlen, also zur rechten Hirnhälfte.
W-Fragen sind offensichtlich ein geeigneter Generalschlüssel für seelische Tiefen – mit einer Ausnahme: Viel benutzt und selten nützlich ist das Warum!
In unserem Sprachgebrauch kann das Warum in zweierlei Hinsicht einem therapeutischen Prozess abträglich sein: Erstens hören viele Gefragte aus dem Warum einen unterschwelligen Vorwurf heraus – und manchmal ist es ja auch so gemeint („Warum kommst du erst jetzt?“ – „Warum hast du meine Post geöffnet?“ – „Warum machst du das?“). Wenn es aber nicht als Vorwurf gemeint ist, kann man diesen Eindruck vermeiden durch die Wahl einer anderen Formulierung: „Wo hast du denn gesteckt?“ – „Was hat dich veranlasst, meine Post zu öffnen?“ – „Wozu machst du das?“ – solche Fragen drücken zwar etwas ganz Ähnliches aus wie das Warum, transportieren aber eine andere „Note“ und wecken weitaus seltener Assoziationen zu Vorwürfen.
Ein zweiter Grund, mit dem Warum sparsam zu sein: Wer nach dem Warum gefragt wird, beginnt üblicherweise sofort, in der linken Gehirnhälfte eher oberflächlich rationale Gedankenspuren abzufahren, von reaktiven Rechtfertigungen angefangen bis zu angestrengten Überlegungen – ja, warum eigentlich? Tritt an diese Stelle beispielsweise die Frage: „Wie ist es dazu gekommen …“, dann werden Abläufe rekonstruiert, der Denkprozess und damit auch die Antwort wird dadurch plastisch.
Wie, was, wodurch und ihre Verwandten könnte man also als „plastische“ Fragewörter bezeichnen – und diesen lässt sich das Warum nicht zuordnen, weil es auf der eher abstrakten, linearen Ebene bleibt.
Damit ist zum Thema Fragestil bereits das Wesentliche abgehandelt. Zwar sind kluge Fragen entscheidende Anstöße in einer therapeutischen oder beratenden Begleitung, doch wir können im Gespräch noch auf andere Weise zum Resonanzkörper werden und das Innere eines Patienten zum Klingen zu bringen:
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