Kitabı oku: «Atheistischer Glaube»
Cover
Über den Autor
Paul Schulz
Dr. Paul Schulz, Jahrgang 1937, studierte in Hamburg, Erlangen und Heidelberg Theologie und promovierte in Erlangen über die Original-Qumran-Texte vom Toten Meer. Seit 1970 Pastor an der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg mit dem Schwerpunkt Sonntagspredigten mit einem offenen Denkprozess speziell über die Frage Gott und allen sich daraus ergebenden theologischen Fragen wie Historischer Jesus, Auferstehung und Rechtfertigung, Moral und Lebenswandel, Kirche und moderne Gemeinde, Tod und ewiges Leben. Die evangelische Kirche eröffnete 1975 gegen ihn wegen Glaubensdifferenzen einen Glaubensprozess, ein sogenanntes »Lehrzuchtverfahren«. Die Presse sprach von einem »Ketzerprozess « und von »Ketzerpastor Schulz«. 1979 verliert er sein Amt als Pastor und alle damit verbundenen geistlichen Rechte. Nach Ausscheiden aus dem Kirchendienst arbeitete er im leitenden Management der freien Wirtschaft, bis er 1996 die senioren-akademie alstertal e.V. gründete, die er seitdem leitet.
Im Oktober 2006 erschien sein Buch CODEX ATHEOS. DIE KRAFT DES ATHEISMUS, Grundpositionen des abendländischen Denkens ohne Gott.
Zum Buch
Ein Buch hochaktuell – lebensbejahend – befreiend!
Für einen bekennenden Atheisten ist eine ständige Religionskritik nicht abendfüllend, selbst wenn natürlich auf die Untiefen des religiösen Glaubens in Gedanken und Institutionen immer erneut hingewiesen werden muss.
Für einen bekennenden Atheisten ist es viel wichtiger, die Kraft des atheistischen Denkens und Lebens überzeugend sichtbar werden zu lassen:
für alle, die leichtfertig das Denken und Leben ohne Gott abtun: Ein deutliches Kontra mit scharfen Rückfragen und Beweisführungen;
für alle, die selbst auf dem Weg sind in ein Leben ohne Gott: Eine Hilfe zur Selbstverantwortung und eigenen Sinnfindung;
für alle, die in langen Jahren der Auseinandersetzung mit Gläubigen müde geworden sind: Ein Refreshing an Gedanken und eine Ermutigung zum Durchstarten und Durchhalten;
für alle, die einfach einmal hören wollen, was in der Szene der Ungläubigen so läuft: Ein lockendes Angebot zum Mit- und Weiterdenken in der Solidarität vieler ehrlich und mutig denkender Menschen;
für alle, die der Aufklärung und Befreiung des menschlichen Geistes immer noch im Wege stehen: Eine Kampfansage gegen jede Bevormundung des mündigen Ich.
| Da bildete Gott, der Herr, den Menschen aus dem Staub der Ackerscholle und blies in seine Nase den Odem des Lebens; so ward der Mensch zu einem lebendigen Wesen. Genesis 2,7 |
»Der religiöse Glaube glaubt gegen die Realität.
Der atheistische Glaube glaubt auf der Basis der Realität.«
Paul Schulz
Paul Schulz gelingt mit seinem neuen Atheismusbuch ein packender Dialog mit einer reichen Gedankenfülle, überzeugender Klarheit der Sprache, und mitreißendem Engagement.
Haupttitel
Impressum
| Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über dnb.d-nb.de abrufbar. |
| Alle Rechte vorbehalten |
| Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2011 Covergestaltung: Nele Schütz Design, München Bildnachweis: Nele Schütz Design, München Lektorat: Jens Ossadnik, Aach eBook-Bearbeitung: Medienservice Feiß, Burgwitz Gesetzt in der Palatino Ind Uni – untersteht der GPL v2 ISBN: 978-3-8438-0035-8 www.marixverlag.de |
Inhalt
Einleitung
1. Auf dem Weg zum eigenen Selbst
[1] Bevormundungszwänge durch die Eltern
Befreiung von der Bevormundung der Eltern
[2] Sozialisierungszwänge durch die Kultur
Befreiung von der Bevormundung der Kultur
[3] Fremdbestimmung durch die Religion
Befreiung aus der Bevormundung der Religion
[4] Befreiung als Prinzip der Ich-Werdung
[5] Atheistisches Manifest 1 – 5
2. Rationale Geburt
[1] Grenzüberschreitung nach vorn
[2] Der kulturgeschichtliche Zweifel an Gott
[3] Der tagesaktuelle Zweifel an Gott
[4] Der ganz persönliche Zweifel an Gott
[5] Atheistisches Manifest 6 – 10
3. Bekennender Atheist
[1] Was heißt – ich erkenne?
[2] Religiöser Glaube contra naturam
[3] »Falsifizieren« als objektive Denkmethode
[4] Atheistischer Glaube als existenzielle Entscheidung
CODEX ATHEOS Mein atheistischer Glaube in sieben Leitlinien
[5] Atheistisches Manifest 11 – 15
4. Rückkehr zur Natur
[1] Totale Diesseitigkeit
[2] Geburt und Leben
[3] Sterben und Tod
[4] Das Nichts
[5] Atheistisches Manifest 16 – 20
5. Gott – ohne Gott
[1] Der offenbarte Gott
[2] Der erdachte Gott
[3] Die Vielfalt der Gottesvorstellungen
[4] Der eigene Gott als Schritt zum Atheisten
[5] Atheistisches Manifest 21 – 25
6. Der starke, autonome Mensch
[1] Vom schwachen zum starken Menschen
[2] Utilitaristische Humanität
[3] Der autonome Mensch und die res publica
[4] Der autonome Mensch und die res privata
[5] Atheistisches Manifest 26 – 30
7. Die Nützlichkeit des Schönen
[1] Ethik kontra Ästhetik?
[2] Die Sinnlichkeit der Erotik
[3] Spiritualität als Erfahrung des Erhabenen
[4] Kosmische Erhabenheit
[5] Atheistisches Manifest 31 – 35
Fußnoten
Kontakt zum Verlag
Einleitung
[Sokratisches Fragen]
Wenn man sich mit einem Menschen lange beschäftigt hat, weiß man natürlich viel über ihn. Mir geht das so mit Sokrates, dem Philosophen aus dem antiken Athen. Schon in der Schule hat mich dieser Mann fasziniert, weil er mit den Menschen, gerade auch mit jungen Menschen, so locker über wichtige Fragen ihres Lebens gesprochen hat. Erst später habe ich dann voll begriffen, welche große Bedeutung sein Denken für unsere moderne Zeit heute hat. Er ist schon eine der ganz wichtigen Gestalten der abendländischen Geistesgeschichte.
Trotzdem habe ich noch ein ganz anderes persönliches Bild von diesem Sokrates, gleichsam einen »selbst gefühlten Sokrates«, so wie ich ihn gerne vor Augen habe: Ein älterer Herr, ein bisschen Professor Unrat, denn er konnte zusammen mit jungen Leuten viel Blödsinn machen. Aber mit offenen Augen und einem klaren Blick, immer hellwach und auf dem Sprung nachzufassen und zu hinterfragen.
Ich stelle mir die Begegnungen mit ihm ganz plastisch vor: Kommt ein junger Mann zu Sokrates. Sie reden über dies und das, Sokrates war ’ne Klatschtante. Zu einem wichtigen Punkt sagt der junge Mann: – Das weiß ich jetzt aber ganz genau, das ist nämlich so. Sokrates hört ihm geduldig zu, nickt freundlich. Als der junge Mann fertig ist, sagt Sokrates: – Das finde ich wirklich toll, was du da gerade erzählt hast und dass du das so genau und sicher weißt. Der junge Mann lächelt stolz. – By the way, sagt Sokrates, hast du bei deiner Antwort eigentlich auch Folgendes bedacht? Fast erschrocken sagt der Mann: – Mensch nein, daran habe ich überhaupt nicht gedacht. – Na gut, sagt Sokrates, geh nach Hause und in acht Tagen kommst du wieder und erzählst mir, was du zu deiner Sache rausgekriegt hast.
Pünktlich nach acht Tagen kommt der junge Mann zurück und ruft freudestrahlend schon von weitem: – He, Sokrates, die ganze Woche habe ich über deine Frage nachgedacht. Jetzt weiß ich es, es ist so und so. – Unglaublich, sagt Sokrates, wie schnell du das erkannt hast. Jetzt wissen wir es doch richtig. Aber hast du dabei auch folgende Frage überlegt? Der junge Mann guckt verblüfft, zögerlich irritiert. – Warum ist mir das nicht selber eingefallen? Du hast Recht, das muss ich auch bedenken. – Natürlich, sagt Sokrates, darüber musst du auch nachdenken. Geh nach Hause, und wenn du es weißt, kommst du wieder und erzählst es mir. Ich bin gespannt.
Nach 14 Tagen kommt der junge Mann wieder. – He, Mann, das war ganz schön schwer. Aber ich hab es raus. Es kann nur so und so sein. – Glückwunsch, sagt Sokrates, jetzt wissen wir es. Es kann nur so ein, wie du es jetzt sagst. Komm, darauf trinken wir zusammen ’n Bier. Beim Prost zum dritten Bier sagt Sokrates: – Übrigens zu deiner Antwort von vorhin, du hast dabei doch auch sicherlich über Folgendes nachgedacht? – Hab ich nicht, braust der Mann auf. – Dann kann unsere Antwort doch wohl kaum richtig sein, oder? Denke noch einmal darüber nach. Den letzten Satz hat der Mann gar nicht mehr gehört. Weg war er.
Es dauert ziemlich lange. Doch dann bekommt Sokrates von dem jungen Mann eine Einladung zum Abendessen. Sokrates wird freundlich empfangen. – Eigentlich wollte ich nicht mehr mit dir reden, Alter, sagte der junge Mann vorwurfsvoll. Aber ich weiß jetzt wirklich, wie es richtig ist, es kann nur so sein. Sokrates sieht ihn über seine Brille ruhig an und sagt: – Na siehst du. Doch gut, dass ich gefragt habe, sonst wüsstest du es jetzt nicht. Das Abendbrot schmeckt beiden. Entspannte Stimmung. Dann steht Sokrates beim Abschied schon an der Tür wie Kommissar Colombo, der aus der Krimiserie, etwas schluffrig, die Hand an die Stirn gelegt, so als sei er schwer in Gedanken. Zögerlich hebt er an: – Da hab ich noch eine Frage. Hast du auch … – Nein, darüber habe ich nicht nachgedacht, brüllt es durchs Haus ...
Es ist berichtet, dass Menschen damals den Sokrates geschlagen, richtig verhauen haben. Sie sind bei seinem Nachfragen schlicht ausgerastet. Sie waren so genervt, weil sie den Eindruck hatten, dass seine Fragerei ihnen langsam den Boden unter den Füßen wegzog. In der Tat. Sokrates nahm ihnen die Sicherheit zu sagen, das weiß ich ganz genau. Er meinte vielmehr: Im Grunde weiß auch ich es nicht ganz genau. Deshalb bleib locker, Freund. Lass uns beide darüber lieber noch einmal nachdenken, oder?
– Mein persönlicher Sokrates ist doch eigentlich ein ganz netter Kerl, sage ich zu meinem Freund. – Ich weiß, sagt mein Freund, du magst den Sokrates sehr. Du hast viel von ihm gelernt, nicht?
Nun ja: Ich mag auch nicht, wenn Menschen immer sofort behaupten, alles richtig zu wissen, wenn Menschen also mehr antworten als fragen. Ich fände es viel besser, wenn sie sich selber häufiger, vor allem ernsthafter hinterfragen würden. Sie wären sicherlich entsetzt, auf welch dünnen Beinen ihre Antworten stehen. Doch nicht die Fragen, sondern ihre vielen falschen Antworten machen die Menschen unsicher.
Ich mag auch nicht, wenn Menschen sich bei ihrer Antwort vorschnell auf Gott berufen. – Warum ist das Meer so salzig? – Das hat der liebe Gott gemacht. Das sagt doch gar nichts. Das zeigt doch nur, dass der Antwortende es nicht weiß. Wüsste er es, würde er sofort richtig antworten. Er weiß es nicht, also gibt er mit Gott eine Scheinantwort, die rein gar nichts erklärt. – Wie ist die Welt entstanden? – Vorsicht! Sage ich mit Sokrates. Vielleicht sollten wir jetzt erst einmal viele Fragen stellen …
Deshalb ist dieses Buch für alle Fragen offen. Fragen bedeutet dabei nicht: – Ach, ich frage mal. »Fragen« bedeutet: Ohne Gott muss so vieles Alte in Frage gestellt werden, muss vieles ganz neu hinterfragt werden – sachbezogener, vom Bewiesenen her, dialogisch, auf gleicher menschlicher Augenhöhe, ohne ständigen Blick in den Himmel oder Herumkramen in der Dogmenkiste.
Ich gebe zu: Solche Fragen können gefährlich sein. Manchmal sind sie ja nur ein äußerst interessantes Gedankenduell. Manchmal sind sie ein knallharter Kampf um Durchsetzung von Positionen. Manchmal sind sie die einzige Chance, sich aus einer Lebenskrise zu befreien. Dann vor allem muss man mutige Fragen stellen, um den alten Denk- und Lebensansatz insgesamt außer Kraft zu setzen und mit einer neuen Lebensphilosophie durchzustarten. Da gilt dann nur eins: Be ready for take off!
Der Aufbau dieses Buches hat zwei Besonderheiten:
Zum einen: Jedes der sieben Kapitel beginnt mit einer kleinen Geschichte aus dem persönlichen Leben in der Absicht, locker in das Thema einzuführen. Kein bedeutungsschwerer Einstieg also. Obwohl: Irgendwo im Kapitel spiegelt sich die Geschichte dann natürlich wider.
Zum anderen: Jedes Kapitel wird in seinem letzten Teil [5] mit fünf Schlussthesen abgeschlossen. Sie fassen den Hauptgedankengang noch einmal zusammen und bilden das Ergebnis des Kapitelthemas.
7 Kapitel x 5 Thesen ergibt in summa 35 Thesen.
Mit ihnen steht die LEBENSPHILOSOPHIE OHNE GOTT
in ihren einzelnen Grundpositionen sofort zur Verfügung.
Diese 35 Thesen insgesamt sind eine in sich geschlossene
Thesenreihe zum Gesamtthema ATHEISTISCHER GLAUBE.
Sie ist allein aus sich heraus zu verstehen:
Die Teile [5] entlang – eine Crash-Tour für die Eiligen.
Als eigenständigen Teil nenne ich diese 35 Thesen:
ATHEISTISCHES MANIFEST.
Paul Schulz im September 2008
1. Auf dem Weg zum eigenen Selbst
Natur kontra Kultur
[Zur Frage der Fremdbestimmung]
Über Wochen hatte ich sie beobachtet. Ein Amselpaar. Sie hatten ihr Nest an meiner Palisadenwand gebaut, gut zwei Meter hoch, mit Rosen bepflanzt. Das Nest saß etwa 60 – 70 Zentimeter im Abstand zur oberen Kante, in Entfernung zum Boden etwa mannshoch. Unten strich Nachbars Kater vorbei, taxierte immer wieder die Lage, bis er schließlich jedes Interesse verlor. Er hatte keine Chance. Das Vogelpaar hatte klug gebaut.
Die Rosenwand lief von meiner Terrassentür aus direkt in den Garten hinein. Das Nest saß kaum zwei Meter von mir entfernt. Ich hatte von meinem Schreibtisch aus verfolgt, wie das Pärchen ständig hin und her flog, das Nest erst im Rohbau fertigstellte, und es dann weich ausstaffierte. Eines Morgens saß das Weibchen fest im Nest. Der Partner flog weiter mit großer Geduld hin und her, brachte Futter an, fütterte sein Weibchen.
Dann war ich längere Zeit nicht da. Als ich wiederkam, fiel mir sofort auf, dass das Nest leer schien. Bevor ich richtig hingucken konnte, landete der eine Vogel mit Nahrung im Schnabel, stopfte sie ins Nest rein, flog sofort wieder weg. Jetzt sah ich, wie zwei, drei kleine Köpfe ihm gierig die Hälse hinterherreckten. Da landete schon die andere Amsel mit neuer Nahrung, stopfte sie in die Schnäbel. So ging es den Tag über. Immer war einer im An- und Abflug. Immer jieperten die Jungen hinterher.
Je größer die Jungen wurden, – ich sah jetzt ständig ihre Köpfe ungeduldig über dem Nestrand – desto hektischer flogen die Alten. Sie mussten mit dem immer größeren Hunger ihrer Jungen mithalten und immer schneller Nahrung anschleppen. Es war faszinierend, mit welcher Aufopferung das Elternpaar seinen Nachwuchs versorgte. Trotzdem mag eines der Jungen in dieser Phase nicht durchgekommen sein.
Ich war abends spät nach Hause gekommen, saß aber schon früh am Schreibtisch, Sonntag Morgen kurz nach acht, schöne Sonne und friedliche Morgenstille. Blick aufs Nest. Die Alte stand auf dem Nestrand, aber nicht dort, wo sie sonst immer mit dem Futter gelandet war, sondern genau gegenüber. Nichts war zu sehen von den beiden doch sonst schon so frechen Jungen.
Plötzlich hackte die Alte mit ein paar harten Schnabelhieben ins Nest. Gleich noch einmal. Aufgescheucht wälzte sich das eine Junge hoch, plusternd. Die Mutter trippelte ihm auf dem Nestrand nach, hackte auf das Junge ein, bis es unsicher und zitternd auf den Nestrand hüpfte und da oben wackelig auf den Beinen stand. Die Mutter wartete einen Augenblick ganz ruhig, hackte wieder zu, noch eher vorsichtig, wartete wieder, und dann noch zwei-, dreimal kräftig.
Die junge Amsel fiel mehr aus dem Nest, als dass sie flog. Sie stürzte zu Boden, fing verzweifelt an zu flattern, fing sich kurz vor dem Aufprall ab, schaffte einen ersten, einen zweiten Aufschwung über das üppig hohe Blumenfeld und rettete sich etwa 15 Meter entfernt mit letzter Kraft auf den Kirschbaum. Von ihm aus hatten die Eltern wochenlang den Anflug auf das Nest gemacht. Jetzt saß dort ängstlich aufgeplustert das Junge. Entsetzt entdeckte ich den Kater in der anderen Gartenecke.
Die Mutter zurück in Ausgangsposition. Wieder hackte sie ins Nest. Jetzt erhob sich das zweite Junge. Wieder trieb sie ihr Junges vor sich her, ließ ihm einen Augenblick auf dem Nestrand Zeit, hackte dann endgültig zu. Auch dieses fiel eher, als es flog, fing sich flatternd, schaffte den ersten Aufschwung knapp über das halbe Blumenfeld, setzte zum zweiten an, stieg hoch und stürzte ab wie ein Stein. Keine sichtbare Regung mehr. Die Mutter trippelte noch ein paar Schritte um den Nestrand herum bis zu der Stelle, wo sie immer gelandet und gestartet war, hob mit kräftigem Flügelschlag ab und flog weg in die entgegengesetzte Richtung. Das Nest blieb für immer leer.
Lange hat mich dieses Bild bewegt, eigentlich bis heute. Lässt sich aus diesem Naturablauf ein tieferer Sinn ableiten, ein Maßstab setzen? Die Natur – Beispiel wofür?
[1] Bevormundungszwänge durch die Eltern
Natürlich sind Eltern ein einzigartiger Schutzraum für ein heranwachsendes Kind, vorausgesetzt die Eltern verstehen sich auf ihr Kind hin positiv. Handeln sie gegen das Kind, ist das Kind fast hilflos Opfer der Eltern. Die Zahl der Väter und Mütter, die ihre Kinder nicht kindgerecht großziehen, steigt in unserer Gesellschaft stark an1. Zwangsläufig wächst damit auch die Zahl der durch ihre Eltern frühgeschädigten Kinder. Dass Jugendliche häufig schon im frühen Alter mit ihren Eltern brechen, deutet darauf hin, dass vieles von den Eltern aus völlig falsch läuft.
Viele Probleme unserer Gesellschaft werden also allein schon daran sichtbar, wie wenig es Eltern heute gelingt, ihre Kinder bestmöglich ins Leben zu führen. Zwar stehen nach der Geburt alle um den neuen Erdenbürger herum und sind begeistert, dass er da ist. Doch je älter die Kinder werden, desto stärker werden ihre Lebenschancen gerade auch von den Eltern verspielt. Sie unterdrücken deren eigene Willensentwicklung, statt sie immer besser zu qualifizieren. Sie verdrängen Probleme, statt sie gemeinsam zu lösen. Sie reglementieren engstirnig Lebenswünsche, statt sie orientierend zu coachen. Nicht einmal die Eltern selbst bilden die Lobby für das Eigenrecht und die Eigenfähigkeit ihrer eigenen heranwachsenden Kinder.
Spätere Generationen werden sich darüber aufregen, dass in unserer so emanzipierten Gesellschaft das Recht und die Würde des Kindes und damit die Kinder selbst von den Erwachsenen derart missachtet wurden, sind doch die Kinder in unserer Welt der Erwachsenen am meisten schutz- und förderungsbedürftig. Aber Kinder werden in ihrem humanen Recht auf kindgemäße Partnerschaft und Mitverantwortung in unserer Gesellschaft nicht ernst genommen und in ihrer persönlichen Eigenentwicklung rechtlich, gerade auch verfassungsmäßig, nicht ausreichend geschützt und abgesichert.
Als Beispiel für eingeschränkte Entwicklungsfähigkeit des Kindes können selbst Familien gelten, in denen die Eltern meinen, für ihr Kind positiv zu handeln. Positiv, indem sie ihm Zuwendung schenken nicht allein im notwendig Materiellen, sondern auch im menschlichen Miteinander. Diese Eltern werden unter Erklärungsdruck von Erziehungsproblemen mit Sicherheit sagen: Wir wollen doch nur das Beste für unser Kind.
Kaum etwas aber ist auf die Eltern hin so verdächtig wie dieser Satz2. Denn auch die Rechtfertigungen in Familien mit äußerst negativem Konfliktstress für die Kinder enden fast immer mit den Erklärungsversuchen der Eltern: Wir wollten doch nur das Beste für unser Kind. In diesem Satz selbst, genauer, in dem Denken der Eltern, die diesen Satz sagen, könnte das Grundproblem elterlichen Fehlverhaltens liegen, der Grund für das Auseinanderdriften von Eltern und Kindern, denn:
Was ist das Beste für das Kind? Wer bestimmt dieses Beste, setzt die Maßstäbe? Wirklich unkontrolliert die Eltern? Kann das Kind sein Bestes nur im Gehorsam gegenüber den Eltern finden? Wenn das Kind gegen die Eltern Widerstand leistet, verpasst es dann sein Bestes? Welches Mitsprache- und Einspruchsrecht aber hat das Kind selbst auf das hin, was sein Bestes sein soll?
Es wäre völlig falsch, zu glauben, die totale Bindung an Vater und Mutter sei das beste und höchste Ziel der Eltern-Kind-Beziehung. Diese These hat die BIBEL den Menschen über Jahrtausende als göttliche Maxime eingehämmert mit dem 4. GEBOT ihrer ZEHN GEBOTE3: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass es dir wohlgehe und du lange lebest auf Erden. Ein gutes und langes Leben gilt daher den Kindern als Belohnung für ein auf die Eltern positiv bezogenes Leben. Derartige Sinngebung des Verhaltens wird hier ausschließlich von den Kindern gefordert, nicht von den Eltern. Vom Verhalten der Eltern auf das Kind hin wird kein Wort gesagt.
Dieses Gebot haben seit je speziell die Väter für sich in Anspruch genommen und zu ihren Gunsten interpretiert. Denn solange das alte Patriarchatsprinzip galt, dass nämlich der Vater gleichsam der Stellvertreter Gottes in der Familie sei, war seine vorrangige Familienstellung damit eindeutig religiös legitimiert. Folglich genoss der Vater in der bürgerlich-christlichen Gesellschaft nahezu uneingeschränkte Autorität und Respekt.
Diesem autoritären Vater waren die Kinder gleichsam als Ausdruck ihres »Verehrens« zu bedingungslosem Gehorsam verpflichtet. Entsprechend war ihre Erziehung und damit ihr Kindsein streng untertänig. Jegliche Erziehungsbildung unterstand dem Willen und der Macht des Vaters. Alle Rechte liefen einseitig zugunsten des Vaters. Der Vater verwirklichte sich selbst in seiner Autorität auf Kosten der Kinder.
Das autoritäre Vaterideal hatte in unserer christlichen Kultur noch bis vor gut zwei Generationen volle Gültigkeit. Seine Legitimation (leider nicht überall seine eingeübte Praxis) ist erst in den letzten 50 Jahren in atemberaubender Geschwindigkeit zusammengebrochen. Durch den Verlust dieser Vaterlegitimation ist eine neue Gewichtung der Eltern-Kind-Beziehung entstanden, in der die Mutter eine zunehmend zentrale Bedeutung gewonnen hat.
Besonders einsichtig schlüsselt diesen elementaren Umbruch immer noch Elisabeth Badinter auf mit ihrer soziokulturellen Untersuchung DIE MUTTERLIEBE4 . In ihr weist sie nach, dass die moderne Mutterrolle keine naturgegebene ist, sondern eine Erfindung der bürgerlichen Gesellschaft Ende des 18. bis ins 19. Jahrhundert, also Produkt gesellschaftlich-kulturellen Wandels.
In dessen Folge ist das Handeln der Eltern heute in neuartiger Form durch die wachsende Dominanz der Mutter bestimmt als ein Liebesüberdruck von den Eltern auf die Kinder. Vor allem Mütter lassen ihre Kinder überhaupt nicht mehr los, decken sie zu mit ihrer Überfürsorge, nehmen ihnen mit ihrer Anteilnahme nahezu jeden eigenen Spielraum, erleben in der Jugend ihrer Kinder ihre Jugend noch einmal nach oder besser, erleben sie da überhaupt voyeurhaft zum ersten Mal. Es gibt hundert Gründe einer in Besitz nehmenden Anteilnahme, denn schließlich will man doch nur das Beste für das Kind.
Dies gilt auch, wenn Mütter diesem Mutterbild nur schwer oder gar nicht gerecht werden. Sie erfüllen dies Bild dann zwar nicht praktisch, aber sie haben jene Vorstellung so verinnerlicht, dass sie ständig Maß daran nehmen und sich damit ihr schlechtes Gewissen bilden, nicht so zu sein, wie sie meinen, sein zu müssen. Nicht selten bewirkt das schlechte Gewissen zumindest punktuell verstärkte Überliebe in Ersatzhandlungen, die demonstrieren sollen: Schaut her, so liebe ich mein Kind, ich bin eine tolle Mutter – bis hin zu einer besitzergreifenden Intensität, in der die Mutterliebe einem eher unreflektierten Kinderhass gleichkommt.
In summa: Das Grundproblem der heranwachsenden Kinder liegt gar nicht in einzelnen Negativerfahrungen mit den Eltern. Diese verfliegen als Einzeleindrücke meist schnell. Das Grundproblem liegt vielmehr in den permanenten Auseinandersetzungen mit dem elterlichen Überdruck, sei es unter dem Autoritätsgehabe des Vaters oder unter dem Liebesüberschwang der Mutter, also in einer permanenten Bevormundung durch die jeweilige ungehemmt egoistische Vater- oder Mutterdominanz über das Heranwachsen und Leben des Kindes.
Deren Zwänge verengen die Selbstentwicklung des Kindes und verfremden damit die Entfaltung des Selbst in unzulässiger Weise. Das Kind kommt dagegen mit seiner Meinungsfindung nicht zum Zuge, wird im Gegenüber zu den Eltern nicht in Selbstverantwortung gefordert, wird mangels partnerschaftlicher Dialoge in seiner eigenständigen Persönlichkeitsbildung unterdrückt.
Das Festhalten an der uneingeschränkten Meinungshoheit innerhalb der Familie wird von den Eltern oft durchgehalten bis ins eigene hohe Alte und gegen die Kinder bis in deren Erwachsenenalter durchgesetzt. Hier liegt oft der letzte Grund für die vielen Spannungen zwischen den Generationen, im Klammern der Eltern, in der Egozentrizität der Vorgeborenen, in deren Unfähigkeit loszulassen.
Befreiung von der Bevormundung der Eltern
Wie war das doch mit dem Beispiel der Amseln? Sie gewährten ihren Jungen den größtmöglichen Schutz und alle Fürsorge, solange diese hilflos waren. Sie setzten sich voll ein und taten alles für die Nachwachsenden in der Zeit, in der sie aus sich heraus noch nicht fähig waren, selbstständig zu ein.
Das Verhalten der Eltern änderte sich mit einem Schlag in dem Augenblick, als die Jungen flügge waren. Da ließen sie los, trennten sich! Sie setzten ihre Jungen in bedingungsloser Konsequenz frei – selbst unter dem Risiko des Verlustes. Gleichzeitig kehrten sie selbst zurück in ihr eigenes Leben. Richtig?
Der Vergleich zum Menschen ist natürlich nur bedingt übertragbar. Die Natur ist viel härter als das Humanum, das selbst zwingende Konsequenzen immer noch abzufedern versucht. Denn selbstverständlich ist der Weg des menschlichen Heranwachsens viel komplexer. Allein der höhere Kulturbezug schafft höherstufige Konditionen – auch für das Kind. Es muss länger heranreifen in viel differenzierteren Schritten. Das braucht Zuwendung und Solidarität über die primären Reifungsstufen hinaus.
Dennoch hat das Amselbeispiel auch für das menschliche Verhältnis Eltern – Kinder eine paradigmenhafte Gültigkeit, nämlich in dem zentralen Punkt: Allein das Selbstständigwerden des Kindes ist in allem das höchste Ziel. In der Erziehung geht es nicht um Selbstverwirklichung der Eltern, sondern um Lebensbefähigung der Kinder. Nicht um Existenzsicherung der Eltern, sondern um Zukunftssicherung der Kinder. Nicht um Lebensqualität der Eltern, sondern um Lebensqualifizierung der Kinder. Die Eltern brauchen keinen Schutzparagraphen, solange das Recht der heranwachsenden Kinder nicht gesichert ist.
Deshalb ist das höchste Ziel elterlicher Erziehung nicht die ständige und permanente Elternbindung, sondern die rechtzeitige Freisetzung des Kindes. Dieses Ziel Freisetzung ist überhaupt das ganz natürliche Wesen des Werdens eines jungen Menschen. Freisetzung und nicht permanente Bindung macht den Fortschritt der menschlichen Entwicklung von Anfang an aus. Entbindung, die Loslösung liegt von Anfang an im Werden des Kindes, denn:
– Schon die Geburt selbst ist die radikalste Freisetzung des Kindes. Die Natur riskiert hier einen äußerst gefährlichen Start, indem sie ein völlig unfertiges Wesen in ein völlig neues, sozialfeindliches Umfeld entlässt. In ihm muss das kleine Kind wie auch immer durchkommen. Dabei ist die Abnabelung ein ultimatives Datum ohne jegliche Möglichkeit des Zurück. Diese Freisetzung setzt sich im frühen Alter des Kindes konsequent fort in einer Reihe fortlaufender Neuerungen5, die alle in engen Zeitrhythmen ablaufen, also keinesfalls der Beliebigkeit unterliegen, sondern dem Naturzwang Schritt zu halten:
– Das Abstillen des Kindes. Indem das Kind von der Mutterbrust entwöhnt wird, vollzieht sich die Nahrungsaufnahme in Loslösung von einem festen Zentralpunkt und damit als Öffnung für beliebige Abgabequellen und Anlaufstellen.
– Das Krabbeln und Laufenlernen. Indem das Kind seine eigene Kraft der Fortentwicklung einübt, erwirbt es Mobilität als Loslösung von einem Fixpunkt und damit die Eroberung seiner Umwelt zunehmend über alle Begrenzungen hinaus.
– Das Trockenwerden des Kindes. Indem das Kind die Windeln erst und dann den Pott loswird und eigenständig zur Toilette geht, macht es nicht nur einen wesentlichen Schritt zur körperlichen Selbstreglementierung, sondern zur Eroberung seines Intim- und Sexualbereiches.
– Die sogenannte Trotzphase, der erste ganz große Schritt zum eigenen Ich. Sie ist das Einstiegssignal selbstbewusster Ich-Äußerung des Kindes gegen seine Außenwelt. Das Kind probiert die Kraft des Nein-Sagens und löst sich damit von der Notwendigkeit, immer Ja sagen zu müssen. Diesem Versuch gehen kleine, aber äußerst signifikante Stufen voraus:
Erstes eigenes Erkennen im Spiegeltest. Er zeigt, dass sich ein Kleinkind auf allererster Stufe zum ersten Mal als Selbst erkennt. Es nimmt mit seinem Spiegelbild Kontakt auf – und lächelt. Es beginnt ganz langsam zu begreifen, dass es selbst da ist.
Das erste Ich-Sagen. Kleinkinder sprechen von sich selbst zunächst in dritter Person: Weil Kolja nicht will, soll heißen, weil ich nicht will. Plötzlich sagt Kolja zum ersten Mal: Ich will nicht. Der große Philosoph Fichte hat sein einziges Glas Sekt in seinem Leben getrunken, als sein Sohn so zum ersten Mal Ich sagte. Diesen Augenblick nannte der Philosoph Fichte die eigentliche Ich-Werdung des Menschen, für ihn das hochwertigste Ereignis im menschlichen Leben überhaupt. Ich!
Aus eben dieser Bewusstwerdung entsteht der erste massive Widerstand des Kindes, die Trotzphase. Die Natur gibt dieses Probierfeld des Widerspruchs vor. Doch wie ist gerade in diesen Lebensmonaten des natürlichen Ungehorsams auf Kinder eingedroschen worden. Väter in ihrer ganzen Manneskraft – auch autoritätsgepolte Mütter – gehen auf das kleine Kind los in der Absicht, den Willen und den Widerstand des Kindes von Anfang an zu brechen, indem sie es zum Gehorsam zwingen, und damit demonstrieren, wo die Autoritätsgewalt liegt. Dagegen ginge es um Förderung des erwachenden Selbst, um Gestaltung der ersten bewussten Willensäußerung des Kindes.
Vom Trotzalter des Kleinkindes aus als wesentlicher Verselbstständigungsschritt sind hier jetzt nicht alle weiteren Stufenfolgen der Freisetzung des Kindes zu erklären. Im Gesamten gilt, genau zu beobachten und zu respektieren, in welcher Freisetzungsphase sich ein Kind auf seinem Weg flügge zu werden befindet. Die Unterstützung dieses Flüggewerdens, des Freiwerdens des Kindes, ist die Bringepflicht der Eltern.
Deshalb definiere ich gegen das schon zitierte Kind-Gebot der Bibel
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren,
auf dass es dir wohlgehe und du lange lebest auf Erden
ein eigenes Eltern-Gebot:
Eltern haben grundsätzlich die vorausgehende
Verpflichtung gegenüber ihren Kindern,
sie bestmöglich ins Leben freizusetzen, damit es
ihren Kindern wohlergehe und sie lange leben auf Erden.
Eltern haben sich dabei so zu verhalten, dass ihre
Kinder ihnen vertrauen und sie respektieren können.
Das Heranwachsen des Kindes verstehe ich als einen ständigen Befreiungsakt von nicht fertigen Lebenszuständen und damit als ein Hineinwachsen in eine höhere Lebensstufe, als ein immer komplexeres Werden des Ich. Das Kind muss dabei selber ständig loslassen, um weiterzukommen. Loslösungen sind somit für das Kind immer wieder Befreiungsakte zur Unabhängigkeit und damit zum Wachsen in seiner Eigenperson.
Autoritäres Festhalten der Eltern aus vorgegebenen Prinzipien erzwingt deshalb notwendigerweise das Zuwiderhandeln der Kinder gegen das Festhalten am Vorgegebenen und damit gegen die Eltern. Ungehorsam ist das prinzipielle Anrecht der Kinder zur Selbsterfahrung! Bevormundungen zwingen Kinder folglich auch immer wieder zum Kampf um Freisetzung aus falschem Elternverhalten in autoritärer Vater- oder Mutterdominanz.
Erziehung als Orientierungshilfe ist dagegen die elterliche Fähigkeit, das Kind in seinen Begründungen und Meinungen frühzeitig ernst zu nehmen und seine Widersprüche mit Sachüberzeugungen zu steuern mit dem Ziel, seine Fähigkeit zur Selbstständigkeit zu fördern und damit zur prinzipiellen Loslösung gerade auch von den Eltern. Die letzte Freisetzung durch die Eltern wäre das gewollte und erklärte völlige Loslassen des Kindes in die Eigenständigkeit.
Das meint in allem nicht eine Selbstaufgabe der Eltern zugunsten der Kinder. Ganz im Gegenteil. Die elterliche Position ist in sich sowohl in allem notwendig autonom als glaubhaftes Gegenüber zum Kind auch als Widerspruchs- und Reibungsfläche. Das Eigenrecht der Eltern ist unantastbar. Das Ziel ist dabei statt einer romantischen Liebesabhängigkeit eine ehrliche Partnerschaft, in der Eltern wie Kinder zunehmend zu Freunden werden und sich gegenseitig achten: Der Vater Freund des Sohnes, der Sohn Freund des Vaters, ebenso Mutter und Tochter, Mutter und Sohn, Vater und Tochter – sich in jeweiliger Eigenständigkeit gegenseitig respektierende Freunde fürs Leben.
[2] Sozialisierungszwänge durch die Kultur
Denken und Handeln der Eltern sind Teil der Kultur, in der sie leben. Sie sind so ganz automatisch Vermittler der Kultur. Insofern ist ein Kind vom ersten Augenblick an eingebunden in den tradierten Kulturrahmen der Gesellschaft. Es beginnt schon mit der Art der Nahrung, mit der Sprache, mit den Erziehungsmethoden, mit allem, was die Eltern und die Familie in Inhalt und Form auf das Kind hin praktizieren. In dem Maß, in dem sich das Kind bewusst wird, nimmt es teil an der Kultur der Familie und damit an der Kultur überhaupt.
Wenn das Kind dann die ersten Schritte über die Familie hinaus macht, etwa in den Kindergarten, in die Schule, in den Sportverein, in den Kindergottesdienst oder auch nur zu Freunden in die Wohnung über die Straße, erfährt es Kultur im erweiterten Rahmen. Es trifft auf neue, abweichende Formen, die über das hinausgehen, was es von zu Hause kennt. Die Vielfalt der Kultur ist eine entscheidende Erweiterung seines Erfahrungshorizontes.
Zum einen erkennt das Kind dabei zunächst eher unbewusst Kultur als tragende Grundlage der Kommunikation. Es lernt soziales Verhalten in immer neuen Situationen und andersartigen Gruppen. Notwendig ist das schon, weil das Kind natürlich die Fähigkeit zum sozialen Verhalten in Gruppen und Situationen erwerben und ausprobieren muss. Zugleich muss es geltende Wertigkeiten in ihrer inneren Logik und in ihren Zusammenhängen und natürlich in ihren äußeren Folgen und Konsequenzen einschätzen lernen. Mit dem Begriff Sozialisation wird dieser Eingliederungsprozess des Kindes in den offenen Kulturraum beschrieben und dabei weitgehend als ein positiver Vorgang verstanden, nämlich als Anpassung des Individuums an allgemein geltende Normen und Regeln. Ohne derartige Erfahrungen würde ein Kind von Anfang an fremd zur Gesellschaft stehen.
Zum anderen aber erfährt das heranwachsende Kind gerade dabei Kultur zunehmend als Begrenzung des Ich. Es unterliegt immer stärker den Zwängen der sozialen Anpassung, indem es als natürliches Wesen mit seinen Wünschen und Bedürfnissen auf das kollektive Bewusstsein der Gesellschaft trifft und so ganz gezielt reglementiert und eingeschränkt wird. Speziell Kinder sind dem Prozess der Sozialisierung fast wehrlos ausgeliefert, weil sie schon von früh an ohne alternatives Bewusstsein unter dem Zwang fremdbestimmender Konditionierungen stehen.
Grundsätzlich besteht ein Urkonflikt zwischen der Kultur und den Interessen des Individuums von klein auf:
– Die Werte der Gesellschaft stehen gegen die Bedürfnisse des Ich. Ein Kulturraum bündelt die geistigen und sozialen Strömungen seiner Gesellschaft zu festgefügten Standards. Werte und Normen, Konventionen, Rituale und Umgangsformen sind allgemeine Direktiven des herrschenden kollektiven Bewusstseins. Sie schleifen dem Individuum die scharfen Ecken und Kanten so ab, dass es in der Gemeinschaft möglichst wenig aneckt. Dadurch entsteht eine widerspruchslosere Gesellschaft, in der das Gemeinschaftsleben kontrollierbarer abläuft.
– Die Bedürfnisse des Ich stehen gegen die Werte der Gesellschaft. Der Einzelne prallt immer wieder mit seinen Bedürfnissen und Wünschen auf die Festlegungen der Gesellschaft. Seinem persönlichen Spielraum werden dabei durch kollektive Normen Grenzen gesetzt. Individuelle Abweichungen vom Kollektiven werden stigmatisiert. Damit wird der Mensch in seiner persönlichen Entfaltung auf ein gewolltes Mittelmaß beschränkt, ja, notfalls sogar mit Gewalt unterdrückt, verfolgt, eliminiert.
Solche Zwänge sind in unterschiedlichen Gesellschaften äußerst verschieden, ohne dass sie für den Einzelnen je ganz ohne Gefahr sind. Zum Beispiel sind sie in unserer Gesellschaft heute viel liberaler als in der deutschen Gesellschaft vor einhundert Jahren:
Die wilhelminische Zeit damals, das deutsche Kaiserreich zwischen 1871 bis 1919, war vor allem unter Wilhelm II. eine besonders rigide Kulturepoche mit einer autoritären Wertegemeinschaft, in der das Ich des Einzelnen in seinem Eigenrecht stark bedroht war. Diese Zeit stand extrem unter dem Wertezwang: Gehorsam als eine unbedingte militärische preußische Disziplin, Ehre als ein extremer Korpsgeist der Offiziersklasse, Vaterland als ein chauvinistisches Nationalbewusstsein. Von diesen drei Stoßrichtungen her wurde von oben, von Gottes Gnaden, in die Gesellschaft hinein und damit auf den Einzelnen in seinem täglichen Alltag durchregiert.
Noch heute lohnt es sich, Literatur dieser Zeitepoche zu lesen, um den damaligen kollektiven Zwangsgeist zu erfassen, etwa EFFI BRIEST von Theodor Fontane aus dem Jahr 18956: Wie in einem Spiegelbild zeichnet Fontane in Effis Ehe die Verhältnisse der preußischen Gesellschaft um die Jahrhundertwende nach: Von Instetten, älterer Karrieremann im Staatsdienst, Heirat mit der noch unmündigen, aber standesgemäßen jungen Effi, Aufstiegsjahre in Hinterpommern, in denen sich Effi langweilt, schließlich berufliche und gesellschaftliche Anerkennung in Berlin und auch persönliches Glück mit seiner wenn nicht geliebten, so doch hochverehrten Frau.
Per Zufall entdeckt von Instetten Liebesbriefe an Effi aus den frühen Aufstiegsjahren. Die Intensität dieser Affäre bleibt im Dunkeln, vielleicht waren es nur einige Spaziergänge aus Langeweile. Von Instetten hält die Angelegenheit deshalb persönlich auch für eine Komödie. Doch gesellschaftlich sieht er sie sofort als Katastrophe. Zwar könnte er sie selbst noch abwenden, denn nur er allein weiß ja um die Existenz dieser Briefe. Doch ich habe keine Wahl, ich muss. Dem Ehrenkodex seines Standes opfert er in unerbittlicher Staatsraison seine Frau und mit ihr das gemeinsame persönliche Glück.
Dieser Ehrenkodex damals war die geballte Wucht der Werte und Normen dieser kaiserlich guten Gesellschaft. Sie lebte gegenüber der Obrigkeit in der absoluten Pflicht strengster Verhaltensvorschriften. Durch Erziehungsdrill von klein auf war das äußerliche Verhalten im Standesbewusstsein voll verinnerlicht, das heißt, die Rolle, die Mann und Frau zu spielen hatten, war gerade auch in ihren Begrenzungen genau vorgegeben. Abweichungen führten ohne Rücksicht auf den Einzelnen unweigerlich in die gesellschaftliche Katastrophe.
Die Bedürfnisse des Einzelnen als Mensch wurden entsprechend völlig ignoriert und damit unterdrückt. Dies eben macht Fontane mit Effi besonders an der Rolle der Frau sichtbar. Die Frau funktioniert an der Seite ihres Mannes. Vor der Ehe wird die junge Frau weder gefragt noch aufgeklärt, es wird über sie verfügt. In der Ehe nimmt sie alles fast wortlos duldend hin, hat keine Meinung zu haben. Im Konflikt selbst kommt sie nicht einmal zu Wort, weder zur Erklärung noch zur Rechtfertigung, sie wird ganz einfach ausgestoßen. Nach der Katastrophe ringt sie sich durch zur Einsicht, dass alles schon so seine Richtigkeit hätte. Ergebenheit als Selbstaufgabe aller Eigenrechte des Ich.
Befreiung von der Bevormundung der Kultur
Die Loslösung von einem derart überspitzten Kulturdruck auf den Einzelnen ist gesellschaftspolitisch ein höchst komplizierter und langwieriger sozialer Wandlungsprozess. Er geschieht nicht unmittelbar durch den einzelnen Menschen, denn der ist in der manipulierten Masse viel zu schwach, um alleine Veränderungen herstellen zu können. Er geht gewöhnlich als Opfer unter. Wandlungen vollziehen sich eher durch neue Einsichten und Theorien, die sich immer stärker gegen die herrschende Kultur durchsetzen. Prinzipiell kann man sagen: Auf Dauer zermürbt die Natur des Ich eine Kultur, in der sich das Ich immer weniger entfalten kann. In dem Maße, in dem die Kultur das Leben verengt, bricht sich die Natur des Menschen neue Bahnen, schafft neue Theorien zur Korrektur der Kultur und damit zur Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse.
Konkret entwickelt sich dieses Prinzip in langwierigen und komplizierten Prozessen. Damals in der wilhelminischen Zeit kam die Kritik aus drei unterschiedlichen Stoßrichtungen:
1. Kulturkritik von Karl Marx
Sie entstand aus der sozialen Verelendung breiter Menschenmassen heraus gegen die herrschende Klassengesellschaft, damit gegen politische und wirtschaftliche Machtstrukturen. Marx hatte ökonomisch erkannt, dass das Kapital der herrschenden Klasse, speziell ihr exklusiver Besitz der Produktionsmittel in der expandierenden Zeit der Industrialisierung, Ursache der Verelendung der lohnabhängigen Arbeiter war.
Seine Kritik zielte deshalb politisch besonders auf die wirtschaftliche Veränderung der Gesellschaft von Grund auf, notfalls durch revolutionären Umsturz im Klassenkampf. Seine Stoßrichtung kam deshalb von unten, als Kampf vom unterdrückten Volk aus. Die kommunistische Arbeiterbewegung war insofern auch eine Kulturrevolution7, weil sie für die neue Gesellschaft zugleich einen neuen Menschentyp schaffen wollte8.
2. Kulturkritik von Sigmund Freud
Sie entwickelte sich gleichsam von innen gegen das damals herrschende Menschenbild, speziell gegen die christliche Sexualmoral. Freud ging dabei aus von einem psychologisch-psychotherapeutischen Ansatz, indem er die psychische und psychosoziale Beschaffenheit des Menschen völlig neuartig definierte. Alle bis dahin geltenden Vorstellungen über die Ganzheitlichkeit des Menschen gingen anhand einer Fülle von Detailerkenntnissen über Triebstruktur und daraus entstehenden Verhaltenszwängen und -mustern zu Bruch.
Freuds säkular-anthropologischer Ansatz löste – abgesehen von seinen umsturzartigen humantherapeutischen Wirkungen – speziell eine Kunstrevolution aus. Viele Künstler nahmen Freuds revoltierendes Menschenbild auf in Literatur, in Malerei und Musik, insbesondere in der Opernwelt, aber auch im Film und überall im modernen Lifestyle des 20. Jahrhunderts. Mit ihren Werken durchbrachen sie alle bisherigen alten Normen9.
3. Kulturkritik von Friedrich Nietzsche
Sie brach mitten heraus aus der Philosophie gegen die Philosophie, gezielt gegen den geistigen Stau des gesamten christlich-abendländischen Denksystems. Nietzsche durchlöcherte die liberal-konservative Bürgerfront nicht nur mit seinem Aufschrei Gott ist tot10, sondern auch mit seinen nihilistischen Attacken generell gegen die christliche Religion.
Mit seiner Ankündigung der Umwertung aller Werte jenseits von gut und böse11 – zerlegte er nicht nur ihre religiöse Sklavenmoral, sondern propagierte zugleich einen neuen Menschentypus, der, sich autonom erhebend, völlig neue Maßstäbe und Zukunftsziele setzt, insgesamt einen Herrenmenschen, der in der Lage ist, die Welt einzureißen und sie von Grund auf neu aufzubauen. Wirkung erzielte Nietzsche mit seinen mythischen Visionen am Anfang vor allem bei den kritischen geistigen Eliten, die eine Neuerung herbeisehnten.
Alle drei Kulturkritiken von Marx, Freud und Nietzsche – jede für sich und im Zusammenspiel – machten den politischen Zusammenbruch des Wilhelminischen Reiches 1918/19 mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und der Auflösung des Kaiserreiches darüber hinaus zu einem gesellschaftspolitisch-kulturellen Zusammenbruch mit der Auflösung aller bis dato als absolut geltenden Kunst- und Moralvorstellungen und des Menschenbildes.
Dieser Zusammenbruch wird allerdings insofern oft zu überhöht gewertet, als er keineswegs zugleich die Herstellung einer neuen freiheitlichen Epoche zur Folge hatte. Ganz im Gegenteil. Die Geschichte zeigt vielmehr, dass die nachfolgenden Zeitepochen auf Restauration zielten, also nicht etwas wirklich Neues wollten, sondern nur die Wiederherstellung des Alten. Konkret waren sie unbedingt darauf aus, das Zerstörte, das Verlorene, das Alte in neuer Gestalt wieder zur Geltung zu bringen:
– Die Hitlerzeit von 1933 bis 1945 (Das Dritte Reich) war eine derartige Restauration des chauvinistischen Staates in Fortsetzung mit anderen Mitteln: die Alleinherrschaft der Diktatur anstelle der Alleinherrschaft der Monarchie. Man kann die Hitlerzeit verstehen als säkularisierte Restauration der wilhelminischen Monarchie mit entsprechenden Werteprinzipien, Ritualen und Symbolformen des absoluten Obrigkeitsgehorsams, des Korpsgeistes des Volkes und des faschistischen Vaterlands als Reichsidee.
– Die Nachkriegsgesellschaft des Zweiten Weltkrieges von 1949 bis 1968 war ebenfalls kein wirklicher Neuanfang, sondern eine Tradierung deutscher Grundverhältnisse – auch hier wieder nur mit anderen Mitteln, diesmal mit einem demokratischen Modell. Auch hier herrschte aufgrund von allgegenwärtiger Personenkontinuität vor allem in den Politik-, Bildungs- und Wirtschaftsschichten immer noch ein starkes Gehorsamsprinzip, ein Lobbyismus der Amtshörigkeit, ein deutsches Nationalbewusstsein im Modell der Wiedervereinigung, ein mit dem Wiederaufbau der Kriegsruinen restaurierter Muff von 1000 Jahren12.
Der entscheidende Versuch eines endgültigen Auszuges aus dem traditionellen Deutschtum der alten wilhelminischen Welt und damit der originäre Kulturkonflikt unserer Zeit überhaupt wurde in den sechziger Jahren von außen ausgelöst durch die Hippie-Bewegung aus Amerika. Viele Jugendliche protestierten dort damals gegen die Lebensbedingungen, die ihnen durch ihre Elterngeneration mittels traditioneller Erziehung überkommen und damit wie selbstverständlich aufgezwungen waren. Sie wehrten sich gegen den Leistungszwang, gegen die Arbeitshektik; gegen die moralischen Normierungen, gegen die hierarchischen Abgrenzungen; sie wehrten sich gegen den Wohlstandskonsum und die Regeln des Luxuslebens.
Ein Protest also gegen den gesamten westlichen Lebensstil, speziell gegen seinen Zwang, immer mehr haben zu müssen. Das Vorhandene reicht nie aus. Deshalb ist alles Streben darauf ausgerichtet, immer mehr zu erreichen, immer mehr zu besitzen. Glück, selbst persönliches Glück, ist so immer wesentlich mit immer noch mehr verbunden.
Um den von ihnen kritisierten Verhältnissen ihrer Eltern zu entfliehen, machten sich Hunderttausende von Jugendlichen auf die Suche nach einem anderen Lebensstil. Sie wollten frei und ungebunden sein, den Tag genießen. Sie wollten Lust, Freude, Schönheit empfinden, wollten aber auch weinen dürfen, traurig und gefühlvoll sein, anderen menschlich nahe sein, Konflikte friedlich lösen, Vertrauen, Geborgenheit, Liebe spüren. In dem Sinne gaben sie auch ihren sexuellen Bedürfnissen freien Lauf.
Es konnte gar nicht ausbleiben, dass sie bei ihrem Auszug aus der westlichen Lebensart die alten fernöstlichen Lebensweisheiten entdeckten, und so hielt in diese Jugendbewegung die altasiatische Lebenskunst voll Einzug, nämlich die persönlichen Bedürfnisse auf ein Minimum zurückzunehmen, um so weit wie möglich von Konsum- und Produktionszwängen frei zu werden.
Denn eben das faszinierte die Jungen ja gerade: Alle materiellen Lebensbedürfnisse so zu vereinfachen, dass man sich mehr und mehr aus der Konsum-Produktions-Spirale losreißt, um die technischen Bedürfnisse auf ein Minimum zu beschränken, um in naturbezogener Weise zu leben, im Weniger Genüge zu haben, im Unmittelbaren sich selbst zu finden. Viele Jugendliche pilgerten in fernöstliche Länder, gleichsam auf der Suche nach den kulturgeschichtlichen Quellen des einfachen Lebens.
So machten sie die Blume zum Symbol ihrer Hoffnung auf ein einfaches, schönes, freies Leben. Als Blumenkinder wollten sie den Auszug wagen, ihr Glück probieren. LSD manifestierte ihre Bewusstseinserweiterung zur flower power. Schließlich wurde das Rockfestival in Woodstock 196913 so zu einer weltweiten Demonstration der neuen Jugendkultur mit ihrer Vorstellung von einem Glück, in dem sich das Weniger als völlig genug erwies.
Gescheitert sind sie schließlich mit ihrem Auszug aus unserer Welt und Kultur. Natürlich – so haben viele Alte selbstzufrieden gesagt –, denn so einfach, wie es sich die Hippies gemacht haben, so einfach ist es eben nicht, die Zwänge unserer Gesellschaft zu überwinden, schon gar nicht gegen den Widerstand der Alten.
Dennoch bewirkte gerade dieser Aufbruch der Jugend den kulturellen Wandel in unserer liberalen modernen Welt. Es ist keine Frage, dass die freiheitlichen Ideen dieser Jugend auf Europa entscheidenden Einfluss gewonnen haben, zunächst auf die junge Generation selbst, aber darüber hinaus dann auch auf die gesamte Gesellschaft. War das Phänomen der Aussteiger und der Trip nach Poona14 auch eher nur eine kurze Mode, so war dennoch bei vielen, selbst bei Managern bis hinauf in die Top-Etagen, ein oft überraschend kritisches Bewusstsein über ihre Arbeitssituation entstanden mit der Frage, ob denn das Statusleben, das sie führten, wirklich das lebenswerte Leben sei. Müsste man sein Leben nicht ändern, vielleicht sogar selbst den Auszug aus dieser Gesellschaft wagen?
Doch der Umbruch wirkte viel tiefer. Im Frühjahr 1968 tobten wochenlang Studentenunruhen in Paris und führten in schweren Straßenschlachten zum linken Widerstand gegen die Obrigkeit. Diese anfängliche Jugendrevolte schwappte schon bald nach West-Deutschland rüber und wurde hier zum Aufbruch der 68er-Revolution15. Uns interessiert hier ihr zentraler Ausgangspunkt: Wer damals in der 68er-Bewegung an welcher Stelle auch immer mit dabei war – mittendrin, am Rand oder auch im Kontra – erlebte etwas Außergewöhnliches. Im Alltag jedes Einzelnen bewegte sich etwas völlig Neues! Fast überall entstand Widerspruch, brachen Proteste aus, wurde demonstriert. Wogegen war eigentlich egal, nur eines galt: Raus aus dem, was bisher gültig war. Weg von dem, was bisher das Leben bestimmte. Kontra zu allem und zu allen, die kritiklos am Gegebenen festhielten. War etwas noch nicht angestoßen, dann konnte sich jeder aufgefordert fühlen, für Provokation zu sorgen, damit es angestoßen wurde.
In dem Augenblick, in dem innerhalb der protestierenden Jugend radikale Dogmatiker auftraten und damit die antiautoritäre Bewegung in Staatsfeindlichkeit umfunktioniert wurde mit menschenverachtenden Aktionen, verloren die fröhlichen 68er ihre Unschuld. Vom ersten Steineschmeißen bis hin zu brutalen Terroraktionen mit Ermordungen wurde eine berechtigte Geisteshaltung des Protestes auf antidemokratischen Umsturz hin radikalisiert und instrumentalisiert. Die notwendige Kritik an diesem Umsturz kann überhaupt nicht die Begeisterung über die Befreiungskraft der frühen 68er-Bewegung aufheben. Sie hat Entscheidendes bewegt.
Die Faszination der frühen 68er lag in der Freiheit, völlig anders zu denken als bisher. Sie lag in der unbegrenzten Dynamik des Aufbruchs, des Vorwärts in eine andere Richtung. Nahezu jeder, der wie auch immer mitlief, konnte etwas einbringen von dem, was er für sein Leben nicht wollte, gegen die Eltern, gegen die Lehrer, gegen die Ärzte, gegen die Politiker, gegen Autoritäten insgesamt. Damit gegen autoritäre Erziehung, gegen die verlogene Sexualmoral, gegen die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse – eine unglaubliche Bereitschaft allerorts, einen Neuanfang zu fordern und zu wagen.
Deshalb war vor diesem frühen humanen Ansturm geistig nichts sicher. Viele alte Fassaden kamen zum Einsturz, die überholte Frauenrolle, das reaktionäre Vater- und Familienbild, das bigotte Eheleben. Die Gesellschaft veränderte sich an vielen Stellen von Grund auf, wurde offener. Diese 68er wurden – und werden es zu Recht heute noch – zum Symbol gemacht – selbst für Veränderungen, die von ihnen gar nicht ausgingen. Sie waren eben generell die geistige Befreiung. Als solche Befreiungskräfte wirken sie unbewusst weiter im kritischen Ich-Bewusstsein des Einzelnen bis in unsere Gesellschaft heute. Dass es heute keine Autoritäten mehr gibt, die sich nicht erklären müssen, ist unbestreitbar ihr Verdienst.
[3] Fremdbestimmung durch die Religion
Gegenwärtig spitzt sich ein neuer Kultur-Konflikt zu. In unserer Gesellschaft, aber auch darüber hinaus global, zieht wie ein Gewitter eine Auseinandersetzung der säkularen Welt mit der Religion und den Religionen herauf. Das ist überraschend, denn über weite Strecken des 20. Jahrhunderts war das Religiöse bereits weithin totgesagt. Jetzt aber sind Religion und Religionen viel schärfer als ein wesentlicher Bestandteil der Kultur erkannt, ja, geradezu als die integrierende Kraft des kollektiven Bewusstseins. Die Auseinandersetzung mit der Religion, speziell mit Gott als der höchsten Autorität und Fremdbestimmung des Menschen wurde nur partiell geführt, nur von wenigen Pastoren und einigen mutigen Laienchristen. Warum?
Anders als im DDR-Deutschland, wo die Kirche gegenüber dem Staat in den Untergrund gehen musste und dort nicht nur von den Gläubigen allein als Hort des geistigen Widerstandes empfunden wurde, stand die Kirche im BRD-Deutschland wieder einmal dem Staat sehr nahe und verhielt sich machtkonform. Gott war staatstragende Kraft, ihre Religion systemimmanentes Wertesystem – und ist es heute noch mehr als je, obwohl unsere Verfassung die Trennung von Staat und Kirche, von Staat und Religion zwingend vorschreibt. Wer gesellschafts- und autoritätskritisch war, trat in den 70er Jahren aus der Kirche aus.
Es geht dabei um zwei völlig unterschiedliche Problembereiche, die klar auseinandergehalten werden müssen:
– zum einen um die institutionalisierte Religion, um den Missbrauch der Religion durch kirchliche oder weltliche Amtsträger und Machthaber16. Die Religion wird immer wieder gezielt benutzt, um auf die Menschen, auf Gesellschaft und Institutionen Einfluss zu gewinnen und auszuüben. Sie werden damit manipuliert und abhängig gehalten. Keineswegs nur in Deutschland. Auch in Europa, in Amerika, sogar in Russland, wo die Kirche neu Einfluss gewinnt. Besonders im islamischen Machtbereich, allzumal von deren theokratischen Zentren her.
– zum anderen um die Religion als Privatsache des einzelnen Menschen. Auch hier bestehen schwerwiegende Fragen vor allem zur Persönlichkeitsbildung. Denn natürlich vermittelt Religion eine Grundeinstellung, die mit dem transzendenten Faktor Gott den Menschen grundsätzlich aus der Diesseitigkeit wegführt, nicht nur in der Beurteilung der Realität, sondern auch in der Wertebindung und Handlungsmotivation und sonst allen wichtigen Lebensbindungen. Viele Lebensbeschränkungen und psychologische und soziale Schäden liegen ganz direkt in religiösen Fehlleitungen.
Eine klärende Auseinandersetzung zwischen säkularem Autonomiebewusstsein und Religion erscheint mit Blick auf die Zukunft unumgänglich. Denn als Bestandteil der Kultur kommen Religion und Religionen aus der geistigen Hinterwelt. Das beweist sich sofort dadurch, dass sie jeweils schon lange in der Geistesgeschichte der Menschen da sind und deshalb unserem modernen Bewusstsein als Tradition vorauslaufen. Dies umso mehr, als religiös-mythische Wahrheiten in und als Vergangenheit definiert sind. Entsprechend bedeutet religio als Rückbindung zugleich auch immer eine starke wesensmäßige Bindung nach hinten und damit den Drang und die Methode, alles aktuelle Geschehen nach hinten anzubinden und auszurichten, alles Neue in die Geltungshoheit des Alten mit einzubeziehen und dort unterzuordnen. Religion ist deshalb in der Kultur die stärkste Identitätskraft nach hinten.
Dabei ist Religion nirgends einheitlich, nicht nur als Religion gegenüber Religion, sondern als Religion selbst innerhalb ihrer jeweiligen lokalen Untergliederungen. Die Götter- oder Gottvorstellungen sind völlig heterogen. Die Moralprinzipien weichen stark voneinander ab. Die Heilsvorstellungen und Heilsversprechen einschließlich der Todeserwartungen sind völlig verschiedenartig. Die Rituale und Riten sind unterschiedlich. Wahrheit der Religion bedeutet jeweils beliebige Andersartigkeit der Religionen in ihren Wahrheiten.
Dennoch behauptet jede Religion in ihrer jeweiligen Art einen uneingeschränkten Geltungsanspruch. Von ihm her fordert sie von ihren Anhängern totale Bindungsbereitschaft und Unterordnung unter ihre Glaubenssätze und Moralforderungen auf allen Lebensebenen privat und öffentlich.
Zum einen: Religion als Bindung des Ich stellt dem menschlichen Ich mit Gott eine absolute Autorität gegenüber, die in ihrer Jenseitigkeit jeder Kritik entzogen ist. Der Mensch ist dieser Autorität total verpflichtet, hat sich ihrem Willen völlig unterzuordnen. Der Mensch kann nur untertänig beten, ansonsten hat er alles Geschehen bereitwillig hinzunehmen. Gott bedingt die tiefste Unterordnung des Menschen, die Auflösung jeder Selbstbestimmung in religiöse Fremdbestimmung17.
Sodann: Religion als Bindung des Staates und der Gesellschaft leitet alle Macht ab aus der Allmacht des von ihr verkündeten Gottes. Die Verantwortlichen sind Repräsentanten Gottes und damit dessen Stellvertreter mit göttlicher Vollmacht in Pflichten und Rechten. Auch jede sonstige Gemeinschaftsform insgesamt untersteht der göttlichen Absolutheit. Dieser transzendente Machtanspruch dominiert jede gesellschaftliche Souveränität und löst damit jede Selbstbestimmung auf in Fremdbestimmung.
Schließlich: Religion als Bindung der Kultur umgreift im Zusammenschluss eines riesigen sozialen Raumes unter einer Gottautorität alle Lebensbereiche aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft. Die gemeinsame religiöse Ausrichtung ist für die Masse der Menschen die wesentliche Identitätsbildung und damit zugleich eine geistige Gleichschaltung bis hin zur Unterdrückung von individuellen Abweichungen. Das Fremdbestimmte wird dabei völlig zum Wesen des Ich-Bewusstseins.
Befreiung aus der Bevormundung der Religion
Natürlich hat es schon in den früheren Aufklärungsepochen Religionskritik gegeben. Der Kampf um Freiheit hat die Menschen auch aufstehen lassen gegen die Götter oder gegen Gott. Religiöse Freiheit, politische Freiheit, Denkfreiheit bildeten schon in frühen Kulturepochen einen engen Zusammenhang.
Die erste entscheidende Religionskritik geht zurück auf die frühe klassische Philosophie der griechischen Antike, auf die ionisch-attische Aufklärung seit 550 vor Christus. Die großen Naturphilosophen damals18 entdeckten für sich die weltliche Vernunft und versuchten mit ihr gegen die religiös-mythische Tradition die Welt und das Leben ohne Götter zu erklären. Noch mehr. Mit ihren Beobachtungen der Natur kamen sie zu der Meinung, dass nicht die Götter die Menschen, sondern die Menschen die Götter geschaffen hätten. Das führte zur Kritik des olympischen Götterhimmels und langfristig zur totalen Auflösung der griechischen Götterwelt überhaupt. Diese erste radikale Religionskritik der Menschen ist eng verbunden mit dem Namen des Philosophen Xenophanes von Kolophon19.
Eine entsprechende Bedeutung hatte die Religionskritik in der französischen Aufklärung im 18. Jahrhundert. Auch hier spitzte sich der Denkdruck zu auf die Frage, ob die Welt mit Gott oder ohne Gott zu interpretieren sei. Hat der Geist die Materie geschaffen oder die Materie den Geist? Die Dominanz in diesem Streit erlangten die frühen französischen Materialisten20 Lamettrie, Denis Diderot und Paul d’Holbach, eher noch geistreiches Feuilleton, aber von starker Wirkung als Impuls der französischen Aufklärung. Die erste wissenschaftliche Religionskritik begann dann 1841 mit Ludwig Feuerbach21.
Schließlich entwickelte sich eine immer konsequentere Forschung ohne Gott. Sie setzte sich zunehmend frei von aller religiösen Bevormundung, zum Beispiel auch vom – noch immer gültigen – Antimodernisteneid22, mit dem Papst Pius X. 1910 den katholischen Forschern und Lehrern eine Beteiligung an der gottfeindlichen modernen Forschung und der Verbreitung ihrer Ergebnisse verbot. Jeder dem Katholizismus in Forschung und Lehre Zugehörige muss sich demnach den entscheidenden Erkenntnissen der modernen Wissenschaften nicht nur im Einzelnen, sondern von den Glaubensdogmen her gegen die Vernunft verweigern. Heute aber umfasst diese Forschung der Vernunft weltweit alle Gebiete einschließlich der Biogenetik mit dem Ziel, aus rein menschlichem Wissen Leben herzustellen.
In unseren Tagen nun ist der Atheismus plötzlich hochaktuell.Über 30 Prozent der in Deutschland lebenden Staatsbürger sind konfessionsfrei23, das heißt, nahezu ein Drittel unserer Bürger fühlt sich keiner Religion zugehörig. Keineswegs alle sind Atheisten. Bei weitem nicht. Es sind auch Agnostiker, Freidenker, Humanisten, Pantheisten und immer wieder Indifferente. Doch alle haben sich von Kirche und Religion erklärtermaßen losgesagt.
Auch heute geht es dem Atheismus natürlich um Religionskritik24. Solange die Religion und vor allem die institutionalisierten Religionen eine derartig private und öffentliche Präsenz haben, ist Religionskritik – auch in immer erneutem scharfen Widerspruch – notwendig. Dennoch ist Religionskritik heute eher ein begrenzter Aufgabenbereich im Atheismus.
Dagegen geht es mir primär um die Präsentation der befreienden Kraft des Atheismus selbst. Es geht mir zuallererst darum, was das Denken ohne Gott für den Menschen positiv bewirken kann – völlig unabhängig von jeder Religion. Auf mein Leben als Atheist übt die Religion keinen Einfluss aus. Deren Glaubenssätze, hunderttausendmal verworfen, haben überhaupt nichts zu tun mit dem autonomen Selbstverständnis eines Atheisten.
Deshalb: Dem Atheismus heute fällt die Aufgabe zu, mit und für die Menschen für die Zukunft ein sicheres Selbstverständnis zu entwickeln, ein Selbstverständnis ohne Gott:
– Es ist großartig und menschenwürdig, befreit zu sein von einem Glauben an Dinge, die nicht glaubbar sind, und sich auf seinen Verstand verlassen zu können.
– Es ist großartig und menschenwürdig, befreit zu sein von allen Vorschriften des Göttlichen und selbstverantwortlich leben zu können.
– Es ist großartig und menschenwürdig, befreit zu sein von Ängsten vor irgendwelcher religiösen Macht und das Leben – mit allem Risiko – frei gestalten zu können.
Erst ein Mensch, der sich aus der Bevormundung Gottes und der Religion befreit, wird ein autonomer Mensch.
[4] Befreiung als Prinzip der Ich-Werdung
Befreiung aus der Bevormundung der Eltern, aus der Bevormundung der Kultur, aus der Bevormundung der Religion, das bedeutet: Befreiung als Prinzip der Ich-Werdung. Der Mensch findet erst zu sich selbst, indem er sich aus den Zwängen der vielschichtigen Fremdbestimmung von Erziehung, Kultur und Religion befreit.
Ich meine dabei ganz bewusst: Befreiung – nicht Freiheit. Denn Freiheit gibt es nicht wirklich. Freiheit ist eine philosophische Fiktion, die es deshalb im Leben nicht geben kann, weil der Mensch nie losgelöst sein kann von Bedingungen, die ihn halten, ihn verpflichten, für ihn notwendig sind. Deshalb ist der Mensch nie wirklich frei. Der Begriff Freiheit ist eine Sackgasse, eher eine Quizaufgabe für ein Oberseminar Theoretischer Philosophie. Freiheit meint im Konkreten vielmehr Befreiung, also einen ständigen Prozess, keinen dauernden Zustand. Befreiung ist die eigentlich positive Lebenserfahrung, nämlich Loslösung aus Verhältnissen, die man so nicht will; Loslösung aus Abhängigkeiten, die das eigene Leben hindern, etwas anderes zu machen; Loslösungen aus Lebenszwängen, die das eigene Handeln und Verhalten fremdbestimmen.
Im Ersten ist Befreiung also – Loslösung vom Alten. Solche Loslösung kann oft nur unter starker Kraftanstrengung gelingen, weil die Verhältnisse, die den Menschen unfrei halten, ihn gleichsam eng umklammern, fesseln, abschnüren. Loslösung bedarf also einer Sprengkraft, die die unfrei machenden Bindungen aufbricht.
Entsprechend können, ja, müssen die Mittel zur Loslösung oft hart sein. Je stärker die Umklammerung ist, desto härter muss der Befreiungsakt geraten. Meist ist der Mensch erst bereit sich zu verändern, wenn der Leidensdruck unerträglich geworden ist.Dann ist die notwendige Sprengkraft, die die alten Bindungen auseinanderreißt, natürlich äußerst groß.
Im Zweiten bedeutet Befreiung – Freisetzung für etwas Neues. Befreiung fordert also unbedingt als zweiten Schritt die aktive Veränderung auf sich selber zu, einen elementaren Lernprozess mit sich selbst und der ehrlichen Frage: Was will ich eigentlich?
Ist das Leben, das ich führe, mein eigentliches Leben? Ist das alles? Entspricht dieses Leben meinen persönlichen Vorstellungen? Renne ich nicht mit allem, was ich tun muss, vor mir selber weg? Sterbe ich nicht Tag für Tag an Alltagsstress, an Routine, an dem Gefühl, da komme ich nie wieder raus?
Ist vielleicht schon alles verpasst, meine Gefühle verkümmert? Hatte ich nicht Wünsche, Träume, Sehnsüchte? Alles vorbei? Wo gibt es noch jemanden, der mich schützt, ermuntert, zu mir hält, wenn ich zusammenzubrechen drohe? Kann ich noch jubeln, zärtlich sein, lieben? Ist all das in mir schon verklungen?
Was ist an meinem Leben lebenswert? Was ist daran schön und beglückend? Sollte ich nicht viel offener und freier sein, um die Fülle des Erfahrbaren viel tiefer auszuloten? Müsste ich mein Leben als einmalige Kostbarkeit nicht ganz anders gestalten?
Liegt die Antwort auf manche dieser Fragen nicht doch nahe: Ich muss mein Leben überdenken, ändern, einen Ausweg finden, vielleicht sogar den Neubeginn wagen?
Dieser Umbruch, diese Loslösung von fremdbestimmten Zwängen zur selbstbestimmenden Eigenverantwortung, das Prinzip der Befreiung des Ich zu sich selber lässt sich beschreiben als Rationale Geburt.
[5] Atheistisches Manifest 1 – 5
Auf dem Weg zum eigenen Selbst
Natur kontra Kultur
[Zur Frage der Fremdbestimmung]
(1)
1. Mit den ersten Zuwendungen der Eltern zu ihrem Kind beginnt der Einfluss der Kultur auf den Menschen und damit auf sein natürliches Wesen. Die Eltern und die ersten Bezugspersonen tragen für den guten Einstieg des Kindes in sein zukünftiges Leben eine riesige Verantwortung.
2. Das Grundproblem des heranwachsenden Kindes liegt weniger in einzelnen Negativerfahrungen mit den Eltern. Es liegt vielmehr in den permanenten Auseinandersetzungen mit dem elterlichen Überdruck, sei es unter dem Autoritätsgehabe des Vaters oder unter dem Liebesüberschwang der Mutter. Deren permanente Bevormundungen verengen das Selbstständigwerden des Kindes und verfremden die Entfaltung des Selbst in unzulässiger Weise.
3. Erziehung als Orientierungshilfe ist deshalb die elterliche Bereitschaft, das Kind in seinen Begründungen und Meinungen frühzeitig ernst zu nehmen und seine Widersprüche mit Sachüberzeugungen zu steuern mit dem Ziel, seine Fähigkeit zur Selbstständigkeit zu fördern.
4. In der Erziehung geht es nicht um Selbstverwirklichung der Eltern, sondern um Lebensbefähigung des Kindes; nicht um Existenzsicherung der Eltern, sondern um Zukunftssicherung des Kindes; nicht um Lebensqualität der Eltern, sondern um Lebensqualifizierung des Kindes.
5. Allein das Selbstständigwerden des Kindes ist in allem das höchste Ziel und damit gerade auch die prinzipielle Loslösung des Kindes von den Eltern. Die letzte Freisetzung durch die Eltern selbst ist das völlige Loslassen des Kindes in die Eigenständigkeit.
(2)
1. Beginnend mit der Erziehung vermittelt Kultur dem Menschen eine unglaubliche Fülle von Lebensmöglichkeiten, mit denen er sein Ich entfalten kann. Die Kultur als kollektive Geisteswelt ist für jeden Menschen lebensnotwendig und damit etwas grundsätzlich Positives.
2. Mit der Kultur lernt der Mensch geltende Wertigkeiten in ihrer inneren Logik und in ihren Zusammenhängen zu verstehen und in ihren äußeren Folgen und Konsequenzen einzuschätzen. Sie gibt ihm zugleich die Rahmenbedingungen für sein Zusammenleben mit den anderen Menschen, nicht nur mit jenen, die in seinem ständigen direkten Umfeld leben, sondern auch mit jenen, die ihm entfernt sind oder gar völlig fremd.
3. Dennoch ist der einzelne Mensch in seinen individuellen Bedürfnissen durch die Kultur bedroht. Der Einzelne prallt mit seinen Bedürfnissen und Wünschen immer wieder auf die kollektiven Normen der Gesellschaft und wird dabei in seiner persönlichen Entfaltung auf ein gewolltes Maß beschränkt, gar mit Gewalt unterdrückt, verfolgt oder eliminiert.
4. Die Loslösung von einem derart überspitzten Kulturdruck auf den Einzelnen ist gesellschaftspolitisch ein höchst komplizierter und langwieriger sozialer Wandlungsprozess. Auf Dauer zermürbt die Natur des Ich eine Kultur, in der sich das Ich immer weniger entfalten kann, sie bricht sich neue Bahnen, schafft neue Theorien zur Korrektur der Kultur und damit zur Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse.
5. Ein solcher Durchbruch ereignete sich in der Bundesrepublik durch die Jugendbewegung der Flower-Power-Generation und der daraus hervorgehenden 68er-Bewegung. In ihr entstand die Dynamik eines geistigen Aufbruchs, die Freiheit, völlig anders zu denken als bisher und damit das kritische Ich-Bewusstsein des Einzelnen in unserer Gesellschaft heute. Dass es heute keine Autoritäten mehr gibt, die sich nicht erklären müssen, ist unbestreitbar Verdienst der 68er-Bewegung.
(3)
1. Die Religion ist nicht ein Fremdteil innerhalb der Kultur. Anders als im 20. Jahrhundert wird die Religion heute als ein wesentlicher Bestandteil der Kultur gesehen und damit als eine integrative Kraft des kollektiven Bewusstseins.
2. In der Religion geht es gesellschaftlich um zwei völlig unterschiedliche Problembereiche:
– zum einen um die institutionalisierte Religion, um den Missbrauch der Religion durch kirchliche und politische Amtsträger und Machthaber. Die Religion wird immer wieder gezielt benutzt, um auf die Menschen, auf Gesellschaft und Institutionen Einfluss zu gewinnen und auszuüben.
– zum anderen um die Religion als Privatsache des einzelnen Menschen. Die Religion übt eine starke Persönlichkeitsbildung auf den Menschen aus, wobei viele Lebensbeschränkungen, psychologische und soziale Schäden ganz direkt in religiösen Fehlleitungen begründet liegen.
(4)
1. Gegenwärtig spitzt sich ein neuer Kulturkonflikt zu, eine Auseinandersetzung der säkularen Welt mit der Religion und den Religionen. In ihm geht es prinzipiell um den Primat der Deutungshoheit in unserer naturwissenschaftlich-technischen Welt zwischen wissenschaftlichem Vernunftdenken und religiösem Glauben.
2. Schon seit 2600 Jahren hat eine dezidierte Religionskritik nachgewiesen, dass alles Reden des Menschen von Göttern und von Gott nur Reden des Menschen über Gott ist. Gott ist nur subjektive Spekulation, kein transzendentes Sein an sich.
3. Parallel dazu hat die Vernunftphilosophie in endloser Kette von Beweisen die Evidenz immanenter Kausalität aufgedeckt. Die Machbarkeit des Lebens ist ein letzter Schritt in die säkulare Objektivität naturwissenschaftlichen Erkennens.
(5)
1. Die Bedrohung des Menschen liegt nicht in der Tatsache, dass es Religion überhaupt gibt. Sie gibt es einfach. Die Bedrohung liegt vielmehr in der Tatsache, dass der Mensch sich nicht von deren Bevormundung befreit oder befreien will.
2. Das Überschreiten der Grenzen religiöser Fremdbestimmung zielt auf die Autonomie des Ich. In der Befreiung zur Selbstbestimmung liegt die Kraft des Atheismus.
3. Die atheistische Aufklärung ist gerade heute das Angebot an die Menschen zur Befreiung von überholten Vorstellungen der Wirklichkeit und des Lebens. Erst ein Mensch, der sich aus der Bevormundung Gottes und der Religion befreit, wird ein autonomer, ein mündiger Mensch. Ich nenne diesen Befreiungsakt:
Rationale Geburt.
2. Rationale Geburt
Konturen eines autonomen Menschen
[Zur Frage der Selbstfindung des Ich]
Das Telefon klingelte heute ständig. Zuletzt eine offenbar ältere Frau, die fragte: Herr Pastor, machen Sie auch Hausbesuche? – Sehr gerne mache ich Hausbesuche, sagte ich, sagen Sie mir, wann es Ihnen passt. – Möglichst bald, drängte sie, morgen Abend, 20 Uhr?
Manchmal sind die kurzfristig angefragten die sichersten Termine. Ich hatte wirklich Zeit. Sie wohnte in der Steinstraße, schräg gegenüber von meiner Pastorenwohnung, also mitten in der Hamburger City, der hohe Turm der Hauptkirche St. Jacobi direkt über uns. Pünktlich klingelte ich an ihrer Haustür.
– Ich sehe Sie doch immer an Ihrem Schreibtisch sitzen, sagte sie.Jetzt sind Sie da. Wie alt schätzen Sie mich? – Nun, Sie sind noch richtig vital, erwiderte ich, aber doch wohl schon an die achtzig. – 84, sagte sie, 84! Wo ist bloß die Zeit geblieben?
Sie kam schnell zur Sache. – Herr Pastor, Ich hab schon viel von Ihnen gehört, Sie denken anders als die anderen. Würden Sie mir eine Frage beantworten? Nur eine Frage! Das hörte sich gleich sehr gewichtig an, also antwortete ich eher zurückhaltend: – Ich werde es gerne versuchen.
– Nicht versuchen, sagte sie. Sie sollen mir sagen, was Sie ganz persönlich dazu meinen. Wollen Sie das tun? Sie erschien mir sympathisch. Sie war noch im Alter ein Mensch mit sehr wachen, freundlich blickenden Augen. Es gibt ältere Damen, die sich ihren jugendlichen Charme mit derart weichem, gewinnendem Blick voll erhalten haben. Ich versuchte mich dagegen weiterhin bedeckt zu halten: – Wenn ich das kann und Sie das wirklich wollen? Fragen Sie mich.
– Glauben Sie persönlich an ein Leben nach dem Tod?
Damit hatte ich so direkt nicht gerechnet. Tausend Gedanken schossen mir mit dieser Frage durch den Kopf, alle vorsichtigen Antworten, die ich in Predigten, Seminaren und in persönlichen Gesprächen bisher gegeben hatte, um niemanden in seinen ureigenen Hoffnungen zu verletzen.
– Sie zögern, sagte sie, Sie zögern zu lange. Ich will nicht Ihre theologischen Erklärungen. Ich will Ihre persönliche Antwort.
– Nein, sagte ich, ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod.
– Dann glauben Sie auch nicht an ein Weltgericht, das Gott über die Menschen hält am Ende der Welt und an die Hölle?
– Nein, sagte ich, ich glaube auch nicht an ein derartiges Weltgericht und nicht an die Hölle.
Damit war dies Thema zu Ende. Wir saßen noch fast zwei Stunden zusammen, ohne noch einmal darauf zurückzukommen. Keine Nachfrage. Kein Kommentar.
Zwei Tage später erhielt ich einen Anruf von einer Frau. Sie sei die Tochter von der alten Dame, die ich vorgestern Abend besucht hätte. Was ich mit ihrer Mutter gemacht hätte?
Mich durchfuhr ein Schreck. Genau das hatte ich befürchtet. Ich hätte doch nicht so eindeutig antworten sollen. Ich zögerte das Gespräch hinaus und sagte ziemlich gedehnt: – Ja, Ihre Frau Mutter.
– Meine Mutter hat mich gestern Morgen angerufen und mich gebeten, dringend bei ihr vorbeizukommen. – Aha, sagte ich sehr zurückhaltend. – Also bin ich gleich nachmittags zu meiner Mutter. Es standen eine Flasche Rotwein auf dem Tisch und zwei Gläser. Sie sagte: – Mach bitte die Flasche auf, ich möchte mit Dir anstoßen. – Was ist denn los, Mutti, fragte ich. Meine Mutter trinkt eigentlich nie Wein, schon gar nicht um diese Zeit. Sie stieß mit mir an und sagte ganz ruhig: – Pastor Schulz war gestern Abend hier. Er hat mir gesagt, es gibt kein Leben nach dem Tod. Es gibt auch kein Weltgericht und keine Hölle. Jetzt kann ich ruhig sterben. Das wollte ich Dir sagen.
Fast zur gleichen Zeit ist meine Schwiegermutter gestorben. Sie war 92 Jahre. Sie war eine bescheidene fromme Frau. Solange ich sie kannte, stand sie morgens mit den Hühnern auf, um sie zu füttern, bei Sonne und bei Regen. Danach machte sie das Frühstück für ihren Mann, bevor der auf der anderen Straßenseite zur Schule ging, ein durch Schülergenerationen hindurch verehrter alter Schulmeister einer Zwergschule in Nordrhein-Westfalen. Wenn wir auf Urlaubsbesuch morgens zum Frühstück kamen, dann war natürlich auch für uns schon immer alles fertig – den ganzen Tag durch. Abends bei der Tagesschau schlief sie regelmäßig ein, schreckte kurz vor Ende der Sendung auf und sagte: Nun lasst uns man zu Bett gehen. Alle lachten freundlich und wünschten ihr eine gute Nacht. So war ihr Leben.
Zunehmend in den letzten Jahren vor ihrem Tod geriet sie immer stärker in Angst vor ihrem Sterben. Sie war fest überzeugt, mit dem Tod würde sie ihrem Herrgott gegenübertreten, und der würde sie wegen ihrer Sünden mit der Hölle bestrafen. Deshalb hatte sie Angst, Angst vor dem Sterben, Angst vor dem Tod.
Ich habe mit ihr darüber wiederholt gesprochen, ich war für sie immer Pastor. Ich sagte ihr, dass sie doch ein frommes Leben geführt habe und gar nichts passiert sei, wovor sie Angst haben müsse. Sie habe in ihrem Leben immer alles ehrlich und aus Nächstenliebe getan, für uns und all die anderen Menschen auch. – Ja, Junge, aber unsere Erbsünde. Wir sind doch alle Sünder.Ihre Erbsünde quälte sie. Natürlich wusste sie, dass Jesus Christus für die Sünden der Menschen gestorben war, auch für ihre. Tausendmal hatte sie das besungen in den Kirchenliedern, die sie von klein auf alle auswendig kannte. In hunderten von Predigten hatte sie es Sonntag für Sonntag immer wieder vom Pastor gehört. Doch ihre Todesangst war ihr nicht zu nehmen.
Jemand sagte mir mal, meine Schwiegermutter sei wohl depressiv gewesen. Depressiv? Ich kannte meine Schwiegermutter sehr genau. Sie war nicht depressiv. Sie war ihr Leben lang eine tatkräftige Frau, die ihren Wirkungskreis immer sicher im Griff hatte, ohne sich dabei Schwächen zu leisten. An ihren Händen konnte man sie erkennen. Es waren Dürers betende Hände, gezeichnet von den täglichen Pflichten des Lebens.
Dabei war sie ganz normal fromm. Sie war ein Produkt jahrzehntelangen Kirchgangs von klein auf. Wenn die Art und Weise, wie sie fromm war, bedeutet, depressiv zu sein, dann müsste man allerdings eine endlose Zahl von Frommen für depressiv erklären, für irgendwie psychisch defekt, in religiösen Ängsten geistig krank gemacht.
Sie war vielmehr eingepfercht in ein kleines dogmatisch-religiöses Denkquadrat wie in einem Stall ohne Ausweg, dem pawlowschen Hund vergleichbar, der selbst bei höchstem Leidensdruck die verbotene Grenze nicht zu überschreiten wagt. So stand sie gebannt innerhalb ihrer Glaubensgrenzen, ohne sich daraus befreien zu können.
Schon gar nicht mehr zum Ende zu, als ihre Kräfte immer mehr nachließen. Da sich die Vorfreude nicht einstellte, mit ihrem Tod nun doch endlich aus diesem Jammertal bei ihrem himmlischen Vater zu sein, wie sie es als gute Christin immer gehofft und gebetet hatte, verdunkelte sich ihr langes Sterben in düstere Angst. Mit dieser Angst vor ihrem richtenden und strafenden Herrgott ist sie ganz schwer eingeschlafen – für immer.
[1] Grenzüberschreitung nach vorn
Grenzen zu überschreiten, das ist ein spannungsgeladener Vorgang vor allem dann, wenn man eine Grenze mit der Absicht überschreitet, das Gewohnte für immer hinter sich zu lassen und der Zukunft zugewandt Neues zu wagen und zu erobern.
Auf dieser Seite der Grenzen bleibt dann das Vertraute zurück, viel Unerfülltes, was uns zum Gehen bewogen hat, also Enttäuschungen, Verengungen, ein vielfältiger Leidensdruck, unter dem wir für uns selbst keine Zukunft mehr sehen.
Auf der anderen Seite der Grenze erscheint uns alles fremd und doch auch gefährlich. Denn was erwartet uns da wirklich? Werden wir die Chancen erkennen und nutzen können, die Anforderungen schaffen? Wird es dort wirklich die Freiräume geben, uns selbst zu finden und zu verwirklichen?
Bleiben wir zunächst noch gemeinsam einen Augenblick auf dieser Seite. Versuchen Sie, die folgende Aufgabe zu lösen. Es ist kein Intelligenztest. Es dient nur einem kleinen Aha-Erlebnis.

Magisches Quadrat
Verbinden Sie diese neun Punkte mit vier Linien so, dass alle Punkte berührt werden. Die vier Linien müssen dabei in sich verbunden sein.

Lösung:
Die gestellte Aufgabe ist nur zu lösen, indem Sie den geschlossenen Raum des Quadrates mit den Linienführungen überschreiten.
Gewöhnlich bewegen wir uns beim Einzeichnen der Linien nur innerhalb des festgelegten Quadrats. Wir ziehen die Linien von Punkt zu Punkt, als hätte das Quadrat magische Anziehung. Innerhalb dieser Begrenzung gibt es keine Lösung.
Der entscheidende Schritt liegt in der bewussten Überschreitung der Begrenzung. Nur wenn der Bannkreis des markierten Raumes durchbrochen wird, gibt es eine Lösung. Zwar ist nicht jede Überschreitung eine richtige Lösung. Aber die richtige Lösung ist eine Überschreitung.
Unser Beispiel zeigt:
– Nicht die Tatsache, dass es Grenzen und Begrenzungen gibt, ist das Problem, denn Begrenzungen gibt es notgedrungen immer und überall.
– Die Tatsache, dass die Begrenzungen nicht überschritten werden, das ist das Problem. Die Grenzen müssen überschritten werden, erst dadurch öffnet sich der Weg für Lösungen. Es gehört zu den ermutigenden Einsichten, dass vorfindliche Grenzen nicht das Letzte sein müssen. Think big. Es muss grundsätzlich ein Bewusstsein entstehen, dass Lösungen größer sind als der Rahmen des vorgegebenen geistigen Karrees.
In dieser kleinen Veranschaulichung steckt eine tiefe Symbolik auch für unser Nachdenken über unsere Veränderung. Denn auch in unseren Lebenspraktiken bewegen wir uns immer wieder nur innerhalb fester Grenzpunkte, die wir nicht zu überschreiten wagen. Erziehung, Kultur, Religion stecken uns in vielem einen ganz engen Rahmen ab. Innerhalb dieses Lebensrahmens sind wir alle Wege gelaufen, von rechts nach links, von links nach rechts, vorwärts, rückwärts – ohne wirklich bei uns selber angekommen zu sein. Haben wir wirklich einen klaren Standpunkt, von dem her wir überzeugt leben und sterben können? Haben wir den Sinn unseres Lebens selbst definiert und leben danach?
Natürlich gibt es viele Lebensquadrate, die überschritten werden müssten, um so frei zu werden. Ein zentrales, höchst aktives Lebensquadrat ist unsere religiöse Einstellung, die Frage nach Gott. Wollten wir da eine wirkliche Klärung, dann müssten wir uns selbst befragen, warum wir immer noch in den alten Begrenzungen stehen. Grenzüberschreitung stellt nicht die Frage, warum wir bleiben, sie stellt die Frage, warum wir nicht gehen, nicht den Mut haben, uns zu lösen. Eine solche ehrliche Selbstkontrolle auf Gott hin beginnt mit drei gezielten Fragen:
– Welche Bedeutung haben für mein religiöses Bewusstsein all die säkularen Erkenntnisse, die die naturwissenschaftliche Vernunft über die Welt, das Leben und den Menschen gemacht haben? Dazu Teil [2]: Der kulturgeschichtliche Zweifel an Gott.
– Welche Bedeutung haben für mein religiöses Bewusstsein die entsetzlichen Ereignisse in der Welt, die Naturkatastrophen, die Kriege, die Verelendung der Menschen durch Hunger und Ungerechtigkeit? Dazu Teil [3]: Der tagesaktuelle Zweifel an Gott.
– Welche Bedeutung hat für mein religiöses Bewusstsein das Schweigen Gottes, wenn ich bete, das Verlassensein von Gott in meiner Not, das Vergehen meines Glücks fernab von Gottes Liebe? Dazu Teil [4]: Der ganz persönliche Zweifel an Gott.
[2] Der kulturgeschichtliche Zweifel an Gott
Der scharfsinnige Friedrich Nietzsche hat – wie Friedrich Hegel und andere große Denker – in dem alten Philosophen Sokrates aus Athen den Begründer unserer abendländischen Rationalität erkannt25. Sokrates hätte vor 2400 Jahren mit seinem Vernunftdenken die geistigen Voraussetzungen für die säkulare Rationalität geschaffen und damit in letzter Konsequenz für die modernen Naturwissenschaften. Hegel26 hielt deshalb Sokrates für den bedeutendsten Menschen des Abendlandes, bedeutender als Jesus Christus, fügte Bertrand Russell27 hinzu.
Zunächst also hat Nietzsche den Sokrates auch höchst positiv gesehen. Er geriet dann aber zunehmend in Auseinandersetzung mit ihm und wurde dabei zu seinem radikalsten Gegner. Sokrates mit seinem rationalen Erkenntnisdrang wird schließlich für Nietzsche der Verursacher des Verlustes urmenschlicher Werte, der Geist der Zerstörung, der Inbegriff des Untergangs. Nietzsche vollzieht mit Sokrates eine Kehrtwende um 180 Grad28.
Warum? Nietzsche hat sich im Wesentlichen mit den alt-griechischen Mythen befasst29, mit der Götterwelt des Olymp also, in der Zeus als Göttervater über eine Vielzahl von Göttern, Halbgöttern, Dämonen und Heroen herrschte. Diese Götter bildeten die religiös-mythische Bewusstseinswelt der antiken Zeit vor Sokrates. In diesen alten Vorstellungen haben sich damals die Menschen – naiv – beheimatet gefühlt. So Nietzsche. Denn Zeus und all die anderen Götter waren menschenähnliche Götter, und gerade deshalb fühlten sich ihnen die Menschen nahe. Sie baten sie um Hilfe oder hatten Angst vor ihnen, so wie man Mitmenschen um Hilfe bittet oder Angst vor ihnen hat. Sie glaubten den Göttern, weil sie letztlich so waren wie sie selber. Menschlich. So oder so waren sie mit ihnen vertraut.
Noch mehr: Mit den vielen Göttern vermochten die Menschen damals Ursachen und Wirkungen der Welt in menschlichen Erfahrungsmustern zu begründen und zu verstehen. Warum ist die Welt entstanden? Weil Gott Zeus das so gemacht hat. Sie erklärten sich alles, was existierte oder geschah, ganz einfach mit handelnden Göttern als Ursache – kritiklos, unreflektiert, direkt. Die Wirklichkeit war ihnen nicht abstrakt und fern, sie war ihnen mit den Göttern einfach und unmittelbar. Ihr anthropomorphes Gottesbild bedingte ihr anthropozentrisches Weltbild.
Sokrates, so nun Nietzsche, hat diese mythische Erklärungs- und Verstehensweise mit seinem Verstand zerstört. Mit seiner rationalen Kritik hat Sokrates dagegen ganz neue Erkenntnisse ermöglicht, andersartige Zusammenhänge und Begründungen aufgedeckt und so mit seinem aufklärerischen Geist die religiösen Grundlagen gesprengt. Aber hat Sokrates die Menschen damit glücklicher gemacht? Kommen die Menschen aufgeklärt mit sich selbst besser zurecht? Brauchen die Menschen nicht das Religiös-Mythische zur existentiellen Bewältigung ihres Lebens? Ist Sokrates’ rationale Aufklärung nicht ein Fehlweg der Menschheit?
In einem Punkt geben wir Nietzsche mit seiner Kritik an Sokrates recht: Das rationale Fragen nach sich selbst und darüber hinaus nach den realen Grundlagen der Welt bewirkt zwangsläufig Entsicherung, Loslösung, Verlust. Im Zweifel der blanken Vernunft steckt ungeheure Sprengkraft, die vor allem die Vertrautheit und menschliche Nähe mit den Göttern und damit letztlich die Selbstsicherheit mythischen Vertrauens zerstört.
Diese Umbrüche ähneln dem Verlorenheitsgefühl eines Kindes, das bislang fest an den Klapperstorch glaubte, an den Osterhasen oder Weihnachtsmann und plötzlich die Wahrheit erfährt, dass es das alles gar nicht gibt. Dem Kind zerbricht damit nicht nur sein Wissensstand. Dem Kind zerbricht damit seine Ur-Naivität, sein Ur-Glaube, sein Ur-Vertrauen. Diese elementare Erfahrung, dass es das alles so gar nicht gibt, worauf man sich geradezu vorbehaltlos eingelassen hat, diese Erfahrung bedeutet unumkehrbar den Einstieg in ein kritisches Bewusstwerden und damit eben zwangsnotwendig Entsicherung, Loslösung, Verlust. Nie wieder wird das Kind so rückhaltlos vertrauen können wie in seiner Ur-Phase. Es kann dahin nicht wieder zurück.
Dennoch ist gerade das Erwachsenwerden die Grenzüberschreitung der europäischen Geistesgeschichte: Mit Sokrates tritt der Mensch aus der Geborgenheit mythischen Verstehens in die kritische Offenheit, ja, in den ständigen rationalen Zweifel. Es ist der Ausstieg aus dem Mythos in das reale Denken, aus der Religion in die Wissenschaft, der Umbruch vom Glauben zum Wissen. Der Mensch überschreitet seinen subjektiven Horizont: Rationale Vergewisserung kontra mythische Gewissheit.
Mit dieser Grenzüberschreitung wurde ein Denkprozess eingeleitet, der den Menschen in der abendländischen Geistesgeschichte immer weiter vorangetrieben hat. In ihm hat er ständig neue Erkenntnisschocks der Realität erlitten, die ihn letztlich an den Rand totaler Sinnlosigkeit und in ein Bewusstsein des Nichts getrieben haben.
Die Schocks der nackten Tatsachen haben den Menschen bis in unsere Gegenwart hinein vor allem in einem zentralen Glaubenspunkt erschüttert, nämlich in seiner uralten mythisch-religiösen Überzeugung, allein um ihn, den Menschen, drehe sich alles Handeln und alle Fürsorge Gottes, und damit die Sehnsucht, er, der Mensch, würde in der unmittelbaren Nähe zu Gott für ewig gerettet und sicher sein. Genau so definiert später die christliche Religion den Menschen als die Krone der Schöpfung Gottes.
Eben dagegen sind Erkenntnisse auf den denkenden Menschen eingestürzt, die ihm diesen Glauben Zug um Zug genommen haben. Die rationale Wissenschaft hat diese uralte anthropozentrische Selbstsicherheit des Menschen Schritt für Schritt abgebaut, ja, schließlich völlig zerstört. Ich mache das an drei zentralen Forschungsbereichen deutlich:
1. Die Erde ist nicht mehr der Mittelpunkt des Universums. Gegen die alten Vorstellungen hat Nikolaus Kopernikus um 152230 ein neues Weltbild errechnet, in dem die Sonne nicht mehr wie bisher um die Erde, sondern die Erde um die Sonne kreist. Damit verlor die Erde mit einem Schlag ihre gottverheißene zentrale Stellung im All. Als dann noch von Galileo Galilei 1610 durch die Entdeckung der Jupiter-Monde bewiesen wurde, dass sich der Kosmos grenzenlos in den Weltraum öffnet, brachen seitdem für den denkenden Menschen alle religiös-mythischen Beheimatungsgefühle zusammen.
Nach den neuesten Erkenntnissen über das Universum enthält alleine unsere Milchstraßen-Galaxie 200 Milliarden Sonnensysteme. Darüber hinaus sind 150 – 200 Milliarden Galaxien zu vermuten mit jeweils bis zu 200 Milliarden Sonnensystemen – in einem Weltraum, der in Kilometern so groß ist, wie sich das Licht mit einer Geschwindigkeit von 300.000 Kilometern pro Sekunde in 13,7 Milliarden Jahren ausbreitet. Der Schock dieser von der rationalen Vernunft erkannten kosmischen Tatsachen zerstört die von Nietzsche beschworene Geborgenheit des Menschen im Mythisch-Religiösen nicht nur damals, sondern bei nüchterner Betrachtung genau so auch heute.
2. Der Mensch ist nicht mehr die Krone der Schöpfung Gottes. Mit Charles Darwin wurde 1859 öffentlich31, dass auch der Mensch in der Evolutionskette der Natur entstanden ist. Der Mensch steht also keineswegs außerhalb der Naturentwicklung und damit ihr gegenüber, sondern mittendrin. Er ist angelegt in den allerersten präbiotischen Molekularbildungen des Lebens vor vier Milliarden Jahren. Er hat von der Urzelle aus alle Entwicklungsschritte des Lebenden durchlaufen bis hinein in die hochstufige Primaten-Ebene vor 80 Millionen Jahren. Er ist inmitten vieler Abzweigungslinien als homo sapiens aus Parallelgattungen herausgewachsen und hat sich schließlich vor 60.000 Jahren als Spitzengattung auch gegen den Neandertaler durchgesetzt. Zum Kulturmenschen, uns heute ähnlich, hat er sich überhaupt erst seit nicht einmal 10.000 Jahren entwickelt.
So erklärt sich auch als jüngster Erkenntnisschock, dass der Geist des Menschen nicht der Geist Gottes ist, sondern Produkt des evolutionären Gehirns: Mit dem Menschen als Produkt der materiellen Evolution ist auch das Gehirn im Menschen evolutionär fortentwickelt worden bis zu seiner heutigen Hochkapazität. Technisch ist das Gehirn des Menschen einem höchstentwickelten Computersystem vergleichbar mit einem Neuronennetz mit über 100 Milliarden Neuronen. Sein Produkt ist das, was der Mensch denkt. Daraus entstand und entsteht alles Gedachte: der menschliche Geist und seine Kopfwelt, unsere Menschen-Kultur.
3. Unser menschliches Leben ist auch nicht der eingehauchte Odem Gottes, denn nicht einmal mit seinem Lebensodem ist der Mensch exklusiv. Extraterrestrisch sind andere Lebens- und Geisteswelten zu vermuten, intelligente Wesen im All, die in ihrer Entwicklung auf niederer Stufe hinter uns stehen oder gar mit ihrer Gehirnevolution einen schon längst viel höheren Entwicklungsstand erreicht haben. Genetisch ist das vielgestaltig denkbar, intergalaktisch ist die rechnerische Wahrscheinlichkeit übergroß: Intelligentes Leben ist vielerorts im All möglich.
Der wissenschaftliche Stand der rationalen Vernunft zerstört nicht nur Nietzsches Mythosdenken generell, sondern auch jeden mythisch-religiösen Alleinstellungsanspruch des Menschen, seine mythisch-religiöse Gottesebenbildlichkeit und exklusive Schöpfung. Vom Denkprinzip her bedingt die Aufhebung des anthropomorphen Gottes- und Weltbildes die Nivellierung des anthropozentrischen Selbstverständnisses des Menschen.
Im Kontra zum Mythisch-Religiösen kommt Gott im neuen naturwissenschaftlichen Weltbild nicht vor, an keiner Stelle. Folglich fehlt den religiösen Menschen (oft auch den Naturwissenschaftlern als Mensch) in den rationalen Wissenschaften genau das, was ihnen die Religion in ihren subjektiven Spekulationen als das Urmenschliche suggeriert und versprochen hat und immer noch verspricht: der exklusive Gottesbezug!
Die Versprechen, die die Religion den Menschen seit Jahrhunderten als höchstes Gut vermittelt hat, dass nämlich der Mensch in den Göttern oder in Gott sicher ist, werden durch die rationalen säkularen Erkenntnisse nicht mehr bedient. Was die Religion mit ihren Mythen und Dogmen als absolut sicher vorgegeben hat, wird von der rationalen Wissenschaft nicht eingelöst. Es ist wie bei der Bank. Der Mensch steht mit einem unterschriebenen Scheck am Bankschalter und bekommt vom Bankbeamten erklärt, dass der Scheck nicht gedeckt ist. Der Scheck, den die Religion den Menschen ausgestellt hat, wird von der rationalen Vernunft der Wissenschaften nicht ausgezahlt.
Die Frage ist jetzt: Bei wem liegt der Fehler? Liegt der Fehler in den Erkenntnissen der rationalen Naturwissenschaften? Sind die Naturwissenschaften schuld, dass sich bei ihnen Gott nicht finden lässt? Oder liegt der Fehler in den spekulativen Versprechungen der Religion? Ist nicht die Religion mit ihren alten Mythen und Dogmen daran schuld, dass sie über die reale Wirklichkeit – zum Beispiel über das Entstehen der Natur – Dinge behauptet hat und noch behauptet, von denen sie sachlich-real überhaupt keine Ahnung hat? Sie hat mit ihren religiösen Behauptungen ihr schmales Wissenskonto über die realen Fakten des Daseins haltlos überzogen und die Menschen mit irrigen Ansichten dumm gehalten und tut das heute immer noch.
Doch nicht nur viele Religiöse glauben immer noch fest, der Fehler liege in den rationalen Naturwissenschaften, eben weil sie da Gott nicht finden. Sie selbst aber haben nicht den Mut, sich einzugestehen, dass es ihnen gar nicht wirklich um die Erkenntnis der realen Wirklichkeit geht, sondern um ihre persönliche Angst, mit dem säkularen Denken ihre religiöse Überzeugung zu verlieren. Sonst nutzen sie jede wissenschaftliche Errungenschaft nahezu ohne Einschränkung. Aber in Bezug auf ihr eigenes Schicksal glauben sie lieber naiv alten religiösen Mythen – je älter, desto besser. Wie damals bei Zeus ziehen sie sich bei allen existentiellen Fragen zurück auf simple transzendente Glaubenslösungen mit dem lieben Gott – ein Bewusstseinszustand auf unterstem Stand menschlicher Denkfähigkeit.
Die rationale Vergewisserung ist ein wesentlicher Antrieb der kulturgeschichtlichen Entwicklung des Menschen – zumindest in der europäischen Geistestradition. Der menschliche Verstand legt sich selber gegenüber Rechenschaft ab, ob das, was er denkt und sagt, auch dem entspricht, was in der Wirklichkeit ist. Schon Aristoteles hat dafür eindeutige Kategorien festgelegt, von denen viele in der modernen Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie klar definiert sind. Die vom abendländischen Denken ausgehende säkulare Weltvorstellung ist unumkehrbar geprägt durch rational-wissenschaftliche Selbstkontrolle.
Auf rationale Vergewisserung gegen religiös-mythische Gewissheit zielt die Grenzüberschreitung jeder säkularen Aufklärung, nämlich durch alle fragwürdigen Glaubensvorstellungen hindurch zu nachprüfbaren Wissensergebnissen zu kommen. In der rationalen Aufklärung wirkt der Zweifel an allem, was sich nicht evident darstellen lässt. So steckt in jeder relevanten wissenschaftlichen Erkenntnis vom Prinzip her ein elementarer Zweifel an mythisch-religiösen Spekulationen und an ihren exklusiven Gottesbezügen. In diesem Sinne unterliegen Religion und Mythos dem zweifelnden Denkdruck des aufgeklärten Menschen.
Zweifel sind die Geburtswehen der rationalen Geburt und damit auch der persönlichen Bewusstwerdung jedes Menschen. Wann immer Zweifel auftreten, gilt es, rationale Untersuchungen einzuleiten, um überzeugendere überprüfbare Antworten zu finden. Es gilt, sich der Realität zu stellen, sich selbst gegenüber ehrlich zu werden und dabei mutig Grenzüberschreitungen zu wagen.
Vorbilder für mutige Grenzüberschreitungen sind Männer und Frauen der europäischen Geistesgeschichte, allzumal Atheisten wie Darwin, Madame Curie, Freud, Sartre, Simone de Beauvoir. Sie wurden zu Wendepunkten der Geschichte, indem sie alte religiöse Vorstellungen falsifizierten und neue Wirklichkeitserkenntnisse gewannen. Gerade die Väter des Atheismus sind Vorbilder für jeden Menschen, der versucht, ein selbstbestimmter, autonomer Mensch zu werden.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.