Kitabı oku: «Earl Dumarest 27: Die Erde ist der Himmel»

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Inhalt

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Aus dem Englischen von

Dirk van den Boom


Eine Veröffentlichung des

Atlantis-Verlages, Stolberg

September 2020



Die Originalausgabe erschien 1982 unter dem Titel

Earth is Heaven Copyright © 1982 by E. C. Tubb Vermittelt durch Philip Harbottle Titelbild und Umschlaggestaltung: Timo Kümmel Lektorat und Satz: André Piotrowski Druck: Schaltungsdienst Lange, Berlin ISBN der Paperback-Ausgabe: 978-3-86402-706-2 ISBN der E-Book-Ausgabe (EPUB): 978-3-86402-751-2 Dieses Paperback/E-Book ist auch als Hardcover-Ausgabe direkt beim Verlag erhältlich. Besuchen Sie uns im Internet: www.atlantis-verlag.de

1

Er wurde mit einem Ruck wach, aufgeschreckt aus einem Traum voller Blut, Tod und der Erinnerung an Schmerzen. Die Wände der Kabine schienen im schwachen Licht des künstlichen Sonnenaufgangs zu verschwimmen, dann war es vorbei und Dumarest saß auf dem Rand seiner Koje, sog Luft in seine Lungen und spürte den Schweiß auf seinem Gesicht und dem nackten Oberkörper. Das Produkt eines Albtraums, geboren aus Erschöpfung, die wiederum das Resultat zu vieler Dienstschichten für eine zu lange Zeit gewesen war. Und jetzt?

Er lehnte sich zurück, um seine Schulter an der Wand auszuruhen, spürte das Metall, die Koje, in der er saß, und das Schiff, zu dem sie beide gehörten. Es umschloss ihn wie ein Lebewesen, das Pulsieren des Antriebs wurde durch die Hülle weitergeleitet und durch die Streben ließ sich ein flüsterndes Surren spüren, wie ein abnehmendes Geisterecho in der Luft. Unter seinen suchenden Fingern fand er das beruhigende Kitzeln des aktiven Erhaft-Feldes. Das Schiff, in dessen Kokon eingehüllt, schoss weiterhin durch das Weltall. Es erzeugte eine versiegelte Welt voller Wärme und Sicherheit, geschützt vor der Feindseligkeit des Nichts.

Dennoch war etwas nicht in Ordnung.

Dumarest spürte es, als er sich in der Kabine umsah; die vertraute Spannung, die ihn vor sich nähernder Gefahr warnte. Ein Prickeln auf seiner Haut und eine Unruhe, die niemals zu ignorieren er gelernt hatte. Er stand auf, griff nach seiner Kleidung, zog die Hosen an, die Stiefel und die Tunika, um dann in neutralem Grau dazustehen. Unter seinem Kissen holte er sein Messer hervor, der Stahl blitzte, als er die gekrümmte und spitz zulaufende Klinge in seinen rechten Stiefel steckte. Hier, in seiner Kabine auf seinem eigenen Schiff, sollte er sicher sein, aber alte Gewohnheiten streifte man nur schwer ab.

Ysanne erhob sich, als er ihre Tür öffnete, die Arme ausgebreitet und sie anlächelnd.

»Earl! Wie schön, dass du kommst. Wie hast du geahnt, dass ich gehofft habe, du würdest dich zu mir gesellen?« Ihr Lächeln gefror, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte. »Ärger?«

»Vielleicht, ich weiß es nicht.«

»Das Feld?« Sie berührte die Wand, wiederholte seinen früheren Test, und er bemerkte ihre Erleichterung über das, was sie spürte. »Es ist immer noch aktiv. Wir treiben nicht, Gott sei Dank! Was ist also los?«

»Ich weiß nicht. Es ist nur so ein Gefühl.« Dumarest sah die Frau an, ihr Haar, ihr Gesicht, die sanften Konturen ihres Körpers, enthüllt durch die herunterfallende Decke. Schaute und sah nichts anderes als die Spezialistin, die sie war. »Geh zu Andre und überprüfe alles. Ich bin bei Jed.«

Craig bewegte sich nicht, als Dumarest den Maschinenraum betrat. Der Ingenieur saß zusammengesunken vor seiner Konsole, eine Flasche an seiner Seite, ein Röhrchen mit Tabletten in der Nähe seiner Hand. Ein breiter Mann, nicht mehr jung, mit rostfarbenem Haar, das einen Helm um seinen Kopf bildete. Das Narbengewebe, das sein Gesicht ruinierte, schimmerte vor reflektiertem Licht. »Jed?«

»Ich habe nicht geschlafen!« Craig ruckte hoch, als Dumarest seine Schulter berührte. »Ich habe nur meinen Kopf abgestützt – er schmerzt mir wie verrückt.«

Dumarest sagte nichts, bemerkte den Schweiß auf dem Gesicht des Mannes, die Geschwindigkeit seines Atems. Er erhob die Flasche und kostete, es war gesüßtes und mit Zitrone versetztes Wasser. Die Tabletten waren gegen den Schmerz.

»Ich brauche einen vollständigen Check aller Anlagen. Beginne mit dem Generator!«, sagte er.

»Alles in Ordnung!« Craig wies auf die Konsole. »Siehst du? Alles grün. Keine nennenswerte Abweichung. Alles so, wie es sein sollte. Eine neue Einheit, Earl. Und ich habe den Einbau selbst überwacht!«

Das war die Wahrheit und die Überprüfung bewies ihre Effizienz. Genauso wie bei der Energieversorgung, den Monitoren, den Leitungen und den Servos.

Batrun rief aus dem Kontrollraum an. »Ysanne erzählte mir von deinen Befürchtungen, Earl. Hast du etwas gefunden?«

»Noch nicht, Andre. Und du?«

»Alles funktioniert, wie es das sollte. Vielleicht hattest du einen Albtraum. Ysanne …« Ihre Stimme erklang anstelle der des Captains. »Alles in Ordnung, soweit ich das sehen kann, Earl. Aber wir nähern uns jetzt der Chandorah. Wir müssen den Kurs ändern, wenn wir sie vermeiden wollen.« Sie fügte nachdenklich hinzu: »Vielleicht kommt deine Ahnung daher. Die Chandorah ist für jedes Schiff eine Gefahr. Du wusstest, dass wir ihr nahe kommen, und das könnte sich auf dein Unterbewusstsein ausgewirkt haben.«

Vielleicht, aber Dumarest war nicht überzeugt. Er sagte: »Wie geht es deinem Kopf?«

»Er fühlt sich schwer an. Warum?«

»Andre?«

»Ein leichter Schmerz. Pillen werden helfen.«

Die Pillen hätten den Schmerz des Ingenieurs bekämpfen sollen, aber gerade jetzt, als sich Dumarest zu ihm umdrehte, sah er, wie er weitere schluckte. Kopfschmerzen … seine eigenen Schläfen hatten zu pulsieren begonnen, waren heiß geworden – warum nur war er so blind gewesen?

»Die Luft«, sagte er. »Etwas ist mit der Luft nicht in Ordnung. Lasst uns die Luftversorgung prüfen.«

Der Zugang lag hinter einem Panel, er führte in eine krude verzierte Sektion. Graffiti zeigten eine Vielzahl von Bildern, Hieroglyphen, Namen. Kratzer waren von verschiedenen Händen hinzugefügt worden, gelangweilte Söldner, Passagiere, Mannschaftsmitglieder, arme Gestalten, die man gefangen gehalten hatte, bevor sie in die Sklaverei verkauft worden waren. In ihrer Laufbahn hatte die Erce sie alle transportiert.

Das Panel war gut zwei Meter hoch, etwa einen Meter breit, festgehalten mit hexagonalen Bolzen. Ein unbekannter Künstler hatte ein Bild grotesker Obszönität darauf gemalt. Es verschwamm, als Dumarest seinen Schraubenschlüssel schwang, der Schweiß in seinen Augen stach und das Bild dadurch eine andere Form annahm. Die sich windenden Gliedmaßen wurden zu einer Dekoration der zentralen Figur, das absichtlich grausam gezeichnete Gesicht verwandelte sich in einen Totenkopf. Eine optische Illusion, die den Beobachter daran erinnerte, dass nicht immer alles so war, wie es erschien.

Jed grunzte, als das Panel aufschwang. »Ich überprüfe es. Da ist kein Platz für zwei und ich weiß, was zu tun ist.« Er fummelte an der Seite der Öffnung und Licht flammte auf, um Gitter zu beleuchten, an denen kleine Fetzen bunten Materials hingen, die im Luftstrom flatterten. »Wir haben Luftumwälzung, immerhin. Gebt mir etwas Zeit und ich mache einen vollständigen Bericht.«

Dumarest sagte: »Finde einfach nur heraus, was nicht in Ordnung ist.«

Er wartete, als der Ingenieur sich in die Anlage niederließ, hörte Gekratze und metallische Geräusche, ein dumpfes Fluchen. Als Craig zurückkam, wurde er deutlich.

»Sie ist tot, Earl. Die Ventilatoren arbeiten, aber die Luftaustauscher sind nutzlos. Wir sind bei negativer Effizienz. Es sind die Katalysatoren«, erklärte er. »Du weißt, wie sie arbeiten. Luft zirkuliert durch die Austauscher und Verschmutzung wird entfernt, Staub, Gestank: alles. Die Katalysatoren regulieren den Sauerstoffgehalt. Unsere nicht mehr.«

»Reparaturen?«

»Klar. Sobald ich Ersatzteile habe.«

Keine Lösung angesichts der aktuellen Rahmenbedingungen. Dumarest sagte: »Kannst du etwas mit Bordmitteln tun? Einheiten neu bauen oder überholen?«

Als Antwort hielt Craig ihm ein Ding aus Plastik und Metall entgegen. Es war verbogen, voller Löcher, zerschrammt und abgenutzt, kaum noch als Katalysatoreinheit zu erkennen.

»Die anderen sehen genauso aus.«

Kaum mehr als Schrott. »Wie lange, Jed?«

»Wie lange wir noch atmen können?« Craig runzelte die Stirn, berührte mit einer Hand die Narbe in seinem Gesicht. »Nicht mehr lange«, entschied er. »Ein paar Tage, eine Woche höchstens. Wenn wir alle Ressourcen nutzen. Wir müssen landen, Earl, und das bald.«

Die Entscheidung wurde von Ysanne unterstützt, als sie sich im Salon zu Dumarest gesellte, bewaffnet mit ihren Karten und Almanachen. »Mit Luft für nur noch eine Woche haben wir wenig Auswahl. Wir können Aschem oder Trube erreichen. Aschem ist am nächsten. Wir könnten bald dort sein.«

»Hätten wir den Zusammenbruch erst in ein paar Tagen gefunden, welche Optionen hätten wir gehabt?«

»Aschem«, sagte sie, ohne zu zögern. »Liegt direkt auf Kurs.«

Und auf Aschem würden die Cyclan warten.

Dumarest war sich dessen sicher. Die schale Luft hätte ihnen keine andere Wahl gelassen als dieses Ziel, und hätte sein Instinkt nicht funktioniert, wäre die beschädigte Anlage nicht entdeckt worden. Die Kopfschmerzen hätte man der allseitigen Erschöpfung zugeschrieben, ebenso die Müdigkeit und das Schwitzen, nicht mehr als eine zusätzliche Lästigkeit. Der steigende Anteil des Kohlendioxids wäre wie ein Gift gewesen, das jede Intelligenz eingelullt hätte, die zur Entdeckung des Problems notwendig gewesen wäre.

Sabotage. Der Vorfall stank danach, aber er sagte nichts.

»Earl?« Ysanne starrte ihn stirnrunzelnd an. »Wir müssen eines der Ziele wählen«, erinnerte sie ihn. »Soll ich Kurs auf Trube einschlagen?«

»Nein.«

»Aber …«

»Wir bleiben auf unserem aktuellen Kurs.« Er wollte das Unerwartete tun, die wartende Falle vermeiden. Er sagte: »Jed war zu pessimistisch. Wir können es länger als eine Woche aushalten. Und wir können es eine Weile auch ohne Ersatzteile schaffen. Alles, was wir brauchen, ist eine Welt mit atembarer Luft. Es ist deine Aufgabe, uns eine zu finden.«

»Ich bin eine Navigatorin«, sagte sie angespannt. »Ich vollbringe keine Wunder. Und falls du es vergessen haben solltest: Wir fliegen in die Chandorah.«

Eine Region voller Gefahren für jedes Raumfahrzeug, das sich ihr näherte. Dieselbe Strahlung, die den Sternen ihren schönen Glanz verlieh, zerriss den Weltraum mit brutaler Kraft, erfüllte ihn mit aufbrandenden Wellen, die durch ätherische Strömungen gefangen und geführt wahre Strudel von Gravitationskräften und damit Gebiete wilder Zerstörung schufen. Diese Strudel konnten ein Schiff packen und in eine Parodie seiner ursprünglichen Form verbiegen. Die Energien würden Metall in schimmernden Staub verwandeln, Fleisch und Knochen in diffundierendes Gas.

Als er nicht reagierte, fügte sie hinzu: »Haben wir keine Wahl?«

»Nein.«

»Ich erinnere dich daran, dass es auch um deinen Hals geht«, sagte sie. »Ich kann mir vorstellen, warum du nicht auf Aschem landen willst. Die Cyclan. Ich weiß, dass sie hinter dir her sind, und eines Tages werde ich vielleicht sogar erfahren, warum.« Sie schaute auf ihre zur Faust geballten Hand, die auf einer Sternenkarte lag. »Eines Tages, wenn du mir ausreichend traust.«

Ein Wissen, ohne das es ihr besser ging. Dumarest erwiderte ruhig: »Kannst du es schaffen? Eine Welt finden, auf der wir Luft aufnehmen können?«

»In der Chandorah, innerhalb einer Woche?« Ihr Schulterzucken war eindeutig. »Ich kann nur hoffen, dass die Zeit reicht.«

Es hatte keine Trauerrituale gegeben. Der Vorfall war von den Cyclan mit der üblichen Effizienz erledigt worden, die gleichermaßen ihr Stolz wie ihre Macht war. Elge war tot, Körper und Gehirn waren zu Staub reduziert worden und das einzige Bedauern mochte darüber bestehen, dass die hohe Intelligenz, die ihn einst so hoch hinausgetragen hatte, nun verloren war. Jetzt war er nichts mehr als eine Notiz in den Datenbanken und ein neuer Cyber Prime würde seinen Platz einnehmen.

Er selbst? Avro dachte darüber nach, als er die Kammer verließ, in der er die Entsorgung überwacht hatte. Er war für die Position geeignet, ein Urteil basierend auf klarer Analyse und keinesfalls auf Stolz. Er verfügte über alle notwendigen Eigenschaften und seine Laufbahn war makellos. Seit seiner frühen Kindheit, als neuer Rekrut, später als Akolyth und dann als Cyber, hatte er hart und gut gearbeitet und die höchsten Bewertungen verdient. Nun kalkulierte er seine Chancen, benutzte seine antrainierten Fähigkeiten, um die Fakten zu evaluieren und den wahrscheinlichsten Ausgang künftiger Ereignisse zu extrapolieren.

Er würde zu jenen gehören, die der Rat für die Vakanz in Betracht ziehen würde, die Wahrscheinlichkeit dafür lag nahe an absoluter Sicherheit. Er würde allen vorgezogen werden, mit einer Ausnahme – Marle war der zweite Kandidat. Die Wahrscheinlichkeit, dass man ihn ihm vorziehen würde, lag im Bereich von …

»Meister!« Die Gestalt in der lila Robe unterbrach seine Überlegungen, als der Cyber um seine Aufmerksamkeit bat. »Der Rat verlangt Ihre Anwesenheit. Folgen Sie mir.«

Das Ritual war voller uralter Bezüge. Es war geboren aus der Notwendigkeit, dass der Rat jeden zukünftigen Cyber Prime daran zu erinnern hatte, dass der Rat und nicht der Anführer die wahre Macht unter den Cyclan darstellte. Dies würde wilde Ambitionen kontrollieren und Abweichungen vom Masterplan verhindern, eine bewährte Notwendigkeit, wie die jüngsten Ereignisse gezeigt hatten. Wäre Elge nicht eliminiert worden, wenn der Irrsinn, der von ihm Besitz ergriffen hatte, unbehindert gewachsen wäre, hätte das Ergebnis Chaos bedeutet.

Dennoch, wenn er vernünftig und effizient blieb, war der Cyber Prime sicher das mächtigste Individuum, das die Galaxis jemals gekannt hatte.

Und die Cyclan waren die mächtigste Organisation.

»Berichten Sie!« Dekel saß dem Rat vor. Er trohnte am Kopfende des langen Tisches, sein dünnes Gesicht im Schatten der Kapuze seiner Robe verborgen. Er war ein alter Mann, wie sie alle alt waren, da es Zeit benötigte, so eine Position zu erreichen, die Erfahrung zu erlangen, die das notwendige Urteilsvermögen erlaubte. Mehr Zeit, um Effizienz über alles zu stellen. Diese Fähigkeit wurde nun von Dekel unter Beweis gestellt – es gab keinen Grund, warum Avro Zeit verschwenden sollte, wenn er seinen Abschlussbericht auch geben konnte, ehe der Rat über die Nachfolge entschieden hatte.

Er sagte: »Elge wurde entsorgt. Die Auslöschung ist vollständig und die Asche wurde verstreut.«

Ein Leben, das im Scheitern endete, war für alle Cyclan das schlimmste Verbrechen. Es wurde mit vollständiger Auslöschung bestraft. Für den verstorbenen Prime gab es die Ehre nicht, dass sein Gehirn mit dem anderer verbunden wurde, die den massiven Komplex der Zentralintelligenz bildeten. Dort, versiegelt, mit Nährstoffen gefüttert, versorgt und geschützt, hätte er seine Existenz fortgesetzt, lebend, ein Geist, befreit von den störenden Begrenzungen eines Körpers. Das Ziel, nach dem jeder Cyber strebte. Eines, das Elge verlor.

»Er war verrückt«, sagte Thern von seinem Sitzplatz in der Nähe Dekels. »Wahnsinnig. Wir können nur hoffen, dass seine Untersuchungen nicht dazu beigetragen haben, die Beeinträchtigungen der beobachteten Einheiten zu vergrößern.«

Boule sagte: »Sollten wir den Befehl, sie nicht zu zerstören, noch einmal überdenken?«

Avro merkte, dass die Frage an ihn gerichtet war. Er antwortete, ohne zu zögern, denn jede Zögerlichkeit war nur ein Zeichen von Unentschlossenheit: »Nein. Elges Vernunft war zum Zeitpunkt der Entscheidung nicht beeinträchtigt. Isoliert, wie sie sind, bleiben die Einheiten so sicher wie eh und je. Wir können vieles von ihnen lernen. Zerstört sind sie ohne Wert.«

»Das Problem bleibt aber bestehen.«

Und würde weiter bestehen bleiben, ehe sie nicht die Ursache der Erkrankung ergründeten und vernichteten, die einige der Gehirne in den Wahnsinn trieb.

Icelus, erst vor Kurzem in den Rat berufen, sagte: »Ihre Schlussfolgerungen?«

War das ein Test? Jeder Zug, den er machte, jedes Wort, das er seit Elges Sturz gesagt hatte, war ein Test gewesen. Das Offensichtliche zu wiederholen, würde seine mangelnde Effizienz unter Beweis stellen. Es würde sicherstellen, dass er niemals eine höhere Autorität innehaben würde als jene, die er zurzeit genoss.

War Marle geprüft worden?

Wie konnte er seine herausragende Eignung beweisen?

Nach einem kurzen Moment löste sich persönliche Ambition im größeren Nutzen auf. Ein Cyber diente den Cyclan, aber niemals sich selbst. Stolz, Gier, Wut, Hass, Liebe – all dies waren Emotionen, die durch Training und Operationen beseitigt worden waren, um einen lebendigen Roboter aus Fleisch und Blut zu hinterlassen. Effizienz, Vernunft, Logik – das war die Basis des Denkens eines jeden Cybers und die Wurzel seiner Existenz. Alles andere war verrückt.

Avro sagte: »Der Erhalt der Effizienz der Zentralintelligenz ist von höchster Bedeutung. Diese Effizienz zu erhalten, ist unsere erste Sorge.«

»Das wissen wir.« Eine Zurechtweisung? Icelus’ Stimme klang monoton wie immer, aber seine Worte schienen eine gewisse Warnung zu enthalten. »Besteht Ihre Schlussfolgerung nur daraus, das Offensichtliche zu erklären?«

»Die Position ist zu rekapitulieren.«

»Das ist alles bekannt.« Dekel bewegte sich in seinem Stuhl. Ohne das Denkvermögen, das die versammelten Gehirne bereitstellten, waren die Cyclan behindert. Der kybernetische Komplex war das Herz und das Gehirn ihrer Organisation. »Haben Sie mehr anzubieten?«

»Einen Vorschlag.« Avro schaute von einem zum anderen in Erwartung ihrer Reaktion. Boule und Alder würden sich damit Zeit lassen, beide waren alt, am Rande der Beeinträchtigung ihrer intellektuellen Fähigkeiten. Wären sie weise, würden sie keiner Ratssitzung mehr beiwohnen. Sie würden ihre Position aufgeben und die Belohnung akzeptieren. Glots Reaktion war nicht vorherzusehen. Icelus? Er würde, wie die anderen, den Nutzen des Plans einsehen. Avro sprach weiter. »Da die Funktionsweise der Zentralintelligenz so wichtig ist, schlage ich vor, dass wir alle Ressourcen genau darauf hin ausrichten.«

»Alle?«, widersprach Boule. »Alle Ressourcen der Cyclan? Und was ist mit dem Masterplan?«

Dekel sagte: »Zu viel Energie in ein Ziel zu stecken, kann sich als unproduktiv erweisen. Aber der Vorschlag verdient Beachtung. Erklären Sie sich.«

»Aufgrund des Studiums aller zur Verfügung stehenden Daten bin ich zu dem Schluss gekommen, dass unser Hauptproblem der Mann namens Dumarest ist. Finden wir ihn, ergründen wir das Geheimnis des Affinitätszwillings. Damit können wir die Erkrankung der Einheiten heilen.«

»Dafür gibt es keinen Beleg«, kam der schnelle Kommentar Therns.

»Das stimmt, die Wahrscheinlichkeit dafür liegt aber bei 83 Prozent.« Eine Vorhersage, basierend auf negativen Erkenntnissen, dennoch valide. Wenn alles andere gescheitert war, musste das, was noch übrig blieb, von höherem Wert sein. Ein Faktum, dessen sie sich alle bewusst waren, und Avro machte nicht den Fehler weiterer Erläuterungen. Er sagte: »Wir müssen Dumarest finden.«

»Ein weiterer offensichtlicher Kommentar, der den anderen folgt.« Alders Tonfall war genauso sanft wie der aller anderen, aber er hatte Biss. »Wir haben nach Dumarest gesucht, seit bekannt war, dass er über das Geheimnis verfügt. Wir arbeiten immer noch an seiner Gefangennahme.«

»Und wir werden scheitern, wie zuvor«, sagte Avro mit Sicherheit. »Versagen und möglicherweise weitere tote Cyber als Beweis unserer Ineffizienz hinterlassen. Wie oft muss man ein Experiment wiederholen, bis man bereit ist, die Resultate zu akzeptieren? Dumarest ist kein normaler Mann. Die Vergangenheit zeigt dies klar.«

»Ihr Vorschlag?«

»Er muss von einem Team gejagt werden, das sich allein um seine Gefangennahme kümmert.«

»Jagen? Das ist versucht worden.«

»Mit einem Mann, der darin geübt war, Tiere zu erlegen.« Avros Blick wanderte von Alders Gesicht zu den anderen, schaute jedem in die Augen. »Dumarest ist kein Tier, sondern ein schlauer, mutiger, einfallsreicher und gnadenloser Mann, wie es die Aufzeichnungen beweisen. Er ist also, das vermute ich, mit gewissen paranormalen Gaben gesegnet. Man kann es Glück nennen oder das positive Zusammenfallen geeigneter Umstände, aber es arbeitet immer zu seinen Gunsten. Wie sonst wäre zu erklären, dass er uns dermaßen oft entwischt ist? Und das wird sich auch nicht ändern, ehe wir keine andere Herangehensweise wählen.«

Thern sagte: »Er wird gefangen werden. Pläne wurden vorbereitet. Diesmal kann er unserer Falle nicht entkommen.«

»Und wenn doch?« Avro ließ die Bombe platzen. »Ich fordere den Rat auf, mir die Aufgabe zu übertragen, Dumarest zu fangen. Volle Autorität über alle Ressourcen ist notwendig. Männer, Maschinen, Geld – ich fordere volle Freiheit.«

»Und …« Dekel unterbrach sich, ehe er dann fortfuhr: »Sie wurden als möglicher Nachfolger für das Amt des Cyber Prime ausgewählt. Als solcher …«

»Als solcher wäre ich verpflichtet, in meinem Arbeitszimmer zu wirken. Um Dumarest zu fangen, muss ich hinaus. Daher muss ich auf diese mögliche Beförderung verzichten.«

»Aber als Cyber Prime könnten Sie über all die Machtinstrumente verfügen, die Sie für nötig halten«, klärte Icelus die Lage. »Sagen Sie uns, dass Sie Marle für besser geeignet halten für diese Position als Sie selbst?«

»Nein.« Avro weigerte sich anzunehmen, dass jemand fähiger war als er selbst. »Der Unterschied zwischen uns ist vernachlässigbar. Aber ich bin am ehesten geeignet, Dumarest zu fangen.«

Glot sagte: »Ihre Geste ist respektabel, aber unnötig. Bald schon wird Dumarest gefangen und von uns kontrolliert.«

»Und wenn nicht?«

»Dann wird man Ihnen die Macht geben, nach der Sie fragen«, beendete Dekel die Diskussion. »Und Marle wird der neue Cyber Prime.«

Die Erlösung kam am dreizehnten Tag in Gestalt eines kleinen Punktes, verschwommen sichtbar durch verzerrtes Licht. Als sie näher kamen, wurden Details sichtbar, Ebenen, Hügel, dampfende Vulkane. Ein verkrustetes Ufer an einem bleiernen Ozean. Flecken von Vegetation, durchschnitten von Flüssen und verstreuten Lichtungen. Die Oberfläche war von brütender Stille, wie ein Friedhof.

Ysanne erwachte, rang nach Luft, griff nach der Hand, die über ihrer Nase und ihrem Mund lag, während sie gleichzeitig nach dem Laser an ihrer Hüfte langte. Finger aus Stahl ergriffen ihr Handgelenk und sie keuchte in plötzlichem, unbewusstem Terror.

»Langsam«, beruhigte Dumarest. »Langsam.«

»Earl!« Sie holte Luft, als die Hand von ihrem Mund verschwand. »Was zur Hölle machst du da?«

»Du hast laut geschrien«, sagte er. »Sehr laut.«

Sie war in einem Albtraum verloren gewesen und damit Beute von Geistern und Schrecken aus ihrer Vergangenheit. Als sie sich aufrichtete, spürte sie auf ihrem Gesicht getrockneten Schweiß unter dem sanften Streicheln einer kühlen Brise.

»Ein Traum. Ich habe geträumt.«

Und hatte Lärm gemacht, den er mit ernsthafter Effizienz gestoppt hatte, ihr die Luftzufuhr verwehrt, um weitere Schreie zu verhindern. Der Trick eines Attentäters – hätte er den Druck aufrechterhalten, wäre sie gestorben.

»Geht es jetzt besser?«, fragte er.

»Ja.«

»Dann leg dich wieder hin und schlafe.«

Sie war zu wach, um wieder Ruhe zu finden. Stattdessen beobachtete sie Dumarest, wie er sich wieder um das Feuer kümmerte, die Flammen mit Resten von Treibstoff fütterte, sodass sie den Leib des Tieres rösteten, das über der Feuerstelle platziert war. Das tanzende Licht erhellte sein Gesicht, akzentuierte die Falten und Wölbungen, die harte Linie seines Kiefers, die Untiefen seiner Augen. Ein barbarisches Gesicht, und es passte zu Welten, die von jeglicher Zivilisation noch unberührt waren. Und dies war so eine Welt, klein, hart, um eine wilde Sonne kreisend. Der Himmel schimmerte tagsüber lavendelfarben und war nun eine Masse blitzender Sterne. Die Hülle der Erce ragte in mechanischer Symmetrie auf. Aus dem Schiff kam das monotone Geräusch der Pumpen.

Sie holte Luft, das Leder ihrer Kleidung wurde über ihren Brüsten gespannt, und sie genoss die Süße der natürlichen Atmosphäre, erinnerte sich an die letzten Tage ihrer Reise, die immer größer werdende Verzweiflung, das Wissen, dass das Leben aller von ihren Fähigkeiten abhängig war. Einen Hafen zu finden und die Erce dorthin zu steuern – für jeden Navigator in der Chandorah eine schwere Prüfung. Noch mehr, wenn man im Gefängnis eines Druckanzugs saß, die Haut wund gescheuert durch Stoff und Metall, die Lungen verhungernd, die Nase verstopft mit dem Gestank angesammelten Abfalls.

Eine schwere Zeit, aber sie hatten es überlebt. Da war eine zusätzliche Note in der Luft und sie atmete erneut ein, genoss die Note, den Geschmack. Die Luft wurde gerade in die Tanks am Bord des Schiffes gepumpt, aber sie würde an Bord niemals genauso schmecken wie zurück im Weltall.

Sie erhob sich und schritt auf leisen Füßen zum Feuer. Eine große Frau, die dicken Zöpfe von der gleichen Schwärze wie ihre Augen. Der weite Gürtel, der ihre Hüfte umrundete, betonte die Rundungen ihres Körpers. Ihr Gesicht schimmerte kupfern, und wenn unbewegt, wirkte es unbeteiligt wie das einer primitiven Skulptur.

»Ich bin nicht müde.«

Obgleich sehr leise, hatte Dumarest ihre Annäherung gespürt, schaute von seiner Sorge für das Feuer auf.

»Wenn du schlafen möchtest, kann ich mich um das Feuer kümmern.«

Er schüttelte den Kopf, drehte den Braten über der Feuerstelle, ein Tier wie ein Eichhörnchen, groß wie ein kleiner Hund, das einige Tropfen Fett zischend in die Flammen fallen ließ.

»Ich glaube, ich könnte den anderen helfen«, überlegte sie. »Aber es eilt nicht. Wie auch immer, ich möchte die Nacht genießen.«

Sie meinte die Dunkelheit und seine Gegenwart in der engen Intimität des Feuers. Sie drehte sich um und beobachtete die Gegend, doch jenseits des Glühens war nichts zu erkennen außer formlosen Schatten, Pflanzen mit schimmernden Blättern, irreguläre Linien am Rande des nächtlichen Himmels, dünne, spinnenartige Blätter, die in der sanften Brise einen kaum hörbaren Laut entwickelten. Sie lauschte und hörte nur das und das Stampfen der Pumpen und das sanfte Rascheln der fallenden Glut.

»So friedlich«, sagte sie. »Ein Paradies. Wir sind seit Tagen hier und nichts scheint uns zu bedrohen.«

»Bis jetzt.«

»Es ist eine verlassene Welt, Earl«, beharrte sie. »Keine Bewohner. Nicht einmal ein Name. Nur ein Ort mit einer Nummer. Wir hatten verdammtes Glück, ihn zu finden.« Und sie fügte schnell hinzu: »Müssen wir schnell weiterreisen? Dies ist eine gute Welt. Wir könnten bleiben. Ein Haus bauen, eine Farm, jagen. Einen Stamm gründen. Wir …« Sie brach ab, als er seinen Kopf schüttelte. »Nein?«

»Nein.«

»Aber warum nicht, Earl?« Sie kannte den Grund und äußerte ihn, bevor er antworten konnte. »Die Erde!« Sie spuckte das Wort aus wie einen Fluch. Funken sprühten, als sie nach dem Feuer trat, und füllten die Luft mit glitzernden Punkten, um dann als graue Asche auf ihrem Stiefel zu landen. »Was kannst du dort finden, das es hier nicht gibt? Und wir wissen, dass diese Welt hier existiert!«

»Wie die Erde.«

»Das sagst du, aber egal wen man fragt, wird derjenige einem sagen, es sei nur eine Legende. Ein Mythos. Diese Welt ist keines von beiden. Sie ist hier und wir sind auf ihr und wir könnten sie zu unserer machen. Unsere, Earl. Unsere!«

Der Traum, den jeder Abenteurer hatte, der ins Weltall aufbrach. Eine jungfräuliche Welt zu finden, sie zu besiedeln, zu besitzen und zu beherrschen. Es war immer noch möglich und war einst üblich gewesen, aber wie immer gab es Nachteile. Dinge, auf die Dumarest hinwies, noch während seine Augen die Schatten durchsuchten, die unruhige Linie der Vegetation vor dem Hintergrund des Sternenhimmels.

Ysanne war dickköpfig. »Du verstehst es nicht, Earl. Du willst es nicht verstehen. Eine Erkundungsmission kann die Gegend bereits erforscht und alle bewohnbaren Welten überprüft haben. Sie mussten dafür nicht einmal landen. Oder eine Bergwerksfirma kann schon vergeblich nach wertvollen Rohstoffen gesucht haben. Oder …«

»Diese Welt stand in der Liste.«

»Nur eine Nummer, kein Name.«

»Was bedeutet, dass sie vor einiger Zeit entdeckt wurde.«

»Ja, aber …«

»Sie haben vielleicht Säureregen entdeckt«, unterbrach er sie. »Tödliche klimatische Veränderungen. Zerstörerische Strahlung von Sonneneruptionen – tausend Sachen. Und wir sind vier Menschen in einem beschädigten Schiff. Nehmen wir an, die anderen wären willig, was sollen wir tun? Landwirtschaft? Ohne Maschinen, Samen und Kenntnisse der lokalen Ökologie? Bauen? Jagen?«

»Leben«, sagte sie. »Diesen Ort zu unserem machen. Eine Welt, die wir unseren Kindern vermachen.«

Ihr Wunsch war aus Sehnsucht geboren, aus grundlegenden Bedürfnissen, aber ihr früheres Leben machte sie blind für die Härte eines solchen Daseins. Diese Welt war kein Paradies, in dem Nahrung an jedem Baum wuchs und nützliche Rohstoffe unter jedem Busch – frei von jeder Krankheit oder Bedrohung. Hier zu überleben, würde alle Anstrengung nötig machen, die sie aufbringen konnten, und Kinder würden so wild wie diese Umgebung werden müssen, wenn sie zu existieren hoffen wollten. Aber die Sehnsucht konnte er verstehen.

»Es tut mir leid.« Ysanne spürte seine Stimmung. »Ich bin eine Närrin, glaube ich, aber es schien mir eine gute Idee. Sie scheint es für mich immer noch zu sein.« Sie füllte ihre Lungen mit der duftenden Luft. »Es ist verrückt, in einer metallenen Kanne zu leben, wenn man doch hier draußen sein könnte. Die Sonne und den Regen spüren, die Berührung des Windes. In einer geraden Linie gehen zu können, bis man keinen Schritt mehr schafft. Zu rennen und zu springen und das Abendessen zu jagen.« Sie schüttelte den Kopf, ihre dicken Zöpfe umrahmten ihr Gesicht und machten ein seidenes Rascheln, als sie am Leder ihrer Tunika entlangstreiften. »Ich hatte all das einst – warum nur habe ich es verlassen?«

Für die Aufregung. Für das Abenteuer und die Romantik und die Neugierde. Für Abwechslung und das Neue und vor allem als Flucht. Das war der Grund, warum die meisten sternensüchtigen Jugendlichen in den Weltraum aufbrachen, nur um dort eine Umgebung zu finden, die noch beengter war als jene, die sie gekannt hatten.

An einer Seite tanzten die silbernen Pflanzenwedel in plötzlicher Bewegung vor dem Himmel.

»Bleib wachsam«, sagte Dumarest. »Ich überprüfe die Gegend.«

»Das ist unnötig«, sagte sie rasch. »Es war nur der Wind.«

Er ignorierte die Bemerkung genauso wie den plötzlichen Windstoß, der die Flammen aufweckte, und sie beobachtete ihn, wie er ein Gewehr ergriff, das neben dem Feuer gelegen hatte. Der Riegel machte mechanische Geräusche, als er den Bolzen überprüfte, und die Waffe selbst schien zu einer Verlängerung seines Körpers zu werden, als er sich in die sie umgebende Dunkelheit begab. Für ihn war Misstrauen eine natürliche Eigenschaft geworden, ein permanenter Verdacht, dass die Dinge nicht zur Gänze so waren, wie es schien.

Ein Fremder, dachte sie, und spürte eine plötzliche Kälte. Immer noch ein Fremder, trotz all der Stunden, die sie in tiefer Umarmung verbracht hatten, trotz der geteilten Leidenschaft. Er würde seinen Weg trotz aller Logik und gegen jede Wahrscheinlichkeit weitergehen. Und das in dem Wissen, dass sie ihn deswegen nur noch mehr respektieren würde. Sie würde ihn noch tiefer lieben für seine gnadenlose Entschlossenheit. Solch ein Mann würde starke Kinder zeugen – wenn sie die Erde fanden, würde sie ihn zu ihrem machen.

2

Nichts hatte sich verändert. Das Büro war immer noch so, wie Elge es benutzt hatte und vor ihm Nequal und vor diesem andere, die als Cyber Prime geherrscht hatten, um ihre Macht abzugeben, als ihre Zeit gekommen war. So, wie er es tun würde. Aber niemals zuvor in der Geschichte der Cyclan hatte jemand die Möglichkeit abgelehnt, das höchste Amt zu erhalten. Marle bedachte diese Tatsache, als er seinen neuen Bereich beobachtete. Er war hier schon einmal gewesen, jetzt aber gab es einen subtilen Unterschied, wo es sein Raum war. Nun war er hier der Herr und Meister. Er würde Entscheidungen treffen und den Fortgang des Masterplans leiten. Welt um Welt um Welt würde unter die Herrschaft der Cyclan fallen, jede Teil eines gemeinsamen Ganzen. Verschwendung würde eliminiert werden, auch die Armut, die durch sie repräsentiert wurde, das Leid, das Ineffizienz begünstigte, die Duplizierung von Anstrengungen, geboren aus Wettbewerb. Alles, was nicht produktiv war, würde man beenden. Nichts würde begonnen, was nicht den höchsten Kriterien der Effizienz entsprach.

Ein Ideal, vor ewigen Zeiten erschaffen durch jene, deren Vision und Hingabe dazu geführt hatte, ihr Leben für die Verwirklichung zu geben. Ein Universum, regiert durch Effizienz, Logik und Vernunft, frei von dem hinderlichen Gift emotionaler Unordnung.

Ein Utopia.

Um es zu erreichen, war jedes Mittel recht.

»Herr!« Der Gehilfe, der dem Ruf folgte, war neu, denn Jarvet, alt in Jahren wie Dienst, hatte seine letzte Belohnung erhalten. Nun war sein lebendes Gehirn Teil der massiven Gestalt der Zentralintelligenz. Wyeth verbeugte sich respektvoll. »Ihre Befehle, Herr?«

»Die Berichte, die eine abschließende Entscheidung erforderlich machen?«

»Auf Ihrem Tisch, Herr.«

Die unausweichliche Routine höchster Position. Marle setzte sich, ging die Papiere mit geübter Effizienz durch, hielt bei einem inne, ehe er das Interkom aktivierte.

»Herr.«

»Überprüfe den Bericht HYT23457X. Das Hauptagrarprodukt von Lemass.«

Eine Sekunde, dann: »Hargen, Herr.«

»Vergleiche es mit Quelchan.« Marle nickte, als er die Antwort erhielt. »Das Gleiche. Ich verstehe.«

Jemand würde für diesen Fehler bezahlen, der Vergleich hätte auffallen müssen. Wie dem auch sei, es war kein Schaden entstanden und Marle hielt für einen Moment inne, überlegte die beste Methode, um die Information zu nutzen. Lemass war bereits unter dem Einfluss der Cyclan, seine Herren hilflos abhängig von den Ratschlägen, die die dort lebenden Cyber ihnen gaben. Menschen und eine Welt, auf der man wie auf einem Instrument spielen konnte, um den größtmöglichen Nutzen für den Masterplan zu erzielen. Quelchan, nahe genug, um ein ökonomischer Rivale zu sein, widersetzte sich immer noch stur den Vorteilen, die es bringen würde, die Dienste der Cyclan zu beanspruchen. Sollte ein Unglück ihr Getreide befallen, würde sich die ökonomische Balance zugunsten von Lemass verschieben. Verzweifelt würden sie um Hilfe bitten und doch …

Die Balance zu erhalten, wäre nicht im besten Interesse der Cyclan. Eine oder beide Welten mussten an den Rand des Zusammenbruchs geführt werden, um sie danach umso tiefer in das Netz einzufügen. Der offensichtliche Plan war, gegen Quelchan vorzugehen, aber ihre Felder waren fruchtbarer, ihre Produktion höher. Wenn man eine Seuche einführte, um den Hargen zu zerstören, war die Chance hoch, dass man die Welt als potenzielle Getreidekammer verlor.

Marle griff zum Aufzeichnungsgerät.

»Befehl an unsere Agenten auf Lemass, allen Hargen zu kaufen, den Quelchan liefern kann. Gleichzeitig über Mittelmänner stark verbilligte Verbrauchsgüter aus Elmonte und Wale anbieten. Die Absicht ist, Quelchan in diesem Sektor abhängig vom Import zu machen.«

Bezahlt mit dem Geld, das sie für den Verkauf des Getreides erhielten. Zu spät würden sie begreifen, dass sie Nahrung gegen Spielzeug eingetauscht hatten – teure Gegenstände, die der Wartung und des Ersatzes bedurften. Um ihren neuen Lebensstandard zu erhalten, wären sie gezwungen, um die Hilfe der Cyclan zu bitten.

Die restlichen Berichte waren Routine, Angelegenheiten, die nur einer letzten Überprüfung bedurften, ehe man sie in Angriff nahm. Kleine Anstöße, die auf den betroffenen Welten große Veränderungen auslösen würden, wie der Fall kleiner Steine Ursache für eine Lawine war.

Marle lehnte sich zurück, seltsam unzufrieden. Bis jetzt hatte er nichts getan, was nicht auch vorher seine Aufgabe gewesen war – nur dass die Bedeutung seiner Entscheidungen gewachsen war, und soweit es das intellektuelle Vergnügen betraf, war die Lösung eines Problems bereits jede Belohnung, die dafür erwartet werden konnte. Allein schon an die Daten heranzukommen und aus ihnen eine Vorhersage zu extrapolieren und dann zu sehen, wie sich diese bewahrheitete, erzeugte die Befriedigung eines geistigen Erfolges – die einzige Freude, die ein Cyber kannte.

War das der Grund für Avros Entscheidung?

Marle erhob sich, berührte einen Schalter und ein heller Schein wachte vor ihm auf. In der Luft schwebend und das Büro mit glitzernden Punkten erfüllend, war diese elektronische Projektion der Galaxis ein Wunder der Technologie. Sie wurde kleiner, als er einen Regler aktivierte; die Sonnen glühten, die Welten flackerten, Gardinen und Decken voller Brillanz verschmolzen zu Schleier interstellaren Staubs.

»Herr!« Wyeth betrat das Büro, mit einem Tablett und einer Karaffe in den Händen. »Ihre Nahrung.«

Treibstoff, um die optimale Funktionsfähigkeit der Maschine zu gewährleisten, die sein Körper war. Eine Mischung aus Vitaminen und Nährstoffen, die er ohne jede Zeremonie trank. Kleine Funken von Licht erschienen auf seiner Hand, seinem Gesicht, schmückten das Lila seiner Robe, akzentuierten das schimmernde Abbild auf seiner Brust. Das Siegel der Cyclan, wie das auf der Brust seines Gehilfen, ineinander verwobene Spiegel, die den Schein der kleinen Sonnen verstärkten.

Zu viele Sonnen und zu viele Welten. Strahlende Gestirne und Planeten ohne Ende, alles in der galaktischen Linse vereint, dünner an den Rändern, aber dicker in der Mitte. Ein Labyrinth, in dem sich ein Mann verstecken konnte. In dem sich einer verbarg – Dumarest.

»Herr!« Wyeth nahm die leere Karaffe. »Ein Schiff ist mit einer Besatzung gelandet, bereit für den Prozess. Massaki wünscht einen Besuch. Ein Report von Labor sieben ist negativ.«

Diese Details konnten warten. Die alten Cyber warteten auf seine letzten Worte, ehe ihre Gehirne dem ermüdeten Fleisch entnommen wurden. Massaki wollte ein neues Virus demonstrieren, das bestimmte genetische Linien in Vieh eliminierte, er arbeitete bereits an einem ähnlichen, das das Gleiche für Menschen tun würde. Der Bericht aus dem Labor sieben bestätigte nur die Wichtigkeit von Avros Mission.

»Herr?«

»Lass mich allein.«

Allein gelassen, studierte Marle die Simulation der Galaxis, deren schimmernde Punkte sich zu bewegen schienen, als er sie beobachtete, als würden sie die identifizierenden Symbole der Molekularstruktur des Affinitätszwillings formen. Mit diesem konnte eine Intelligenz Geist und Körper einer anderen übernehmen, der Gastkörper total dominiert durch den Invasoren. Mit seiner Hilfe konnte ein Cyber der Herrscher einer Welt werden, ein alter Mann einen neuen, jungen Körper erlangen, eine alte Frau ihre Schönheit erneuern. Das war eine Macht, der keiner widerstehen konnte, und eine Bestechung, die niemand ablehnte.

Diese fünfzehn Symbole, korrekt zusammengesetzt, würden den Cyclan die Dominanz über das ganze Universum geben.

Ein Geheimnis, das sie verloren hatten –gestohlen und dann immer weitergegeben. Die Bestandteile waren bekannt, aber nicht die Sequenz, in der sie zusammengesetzt werden mussten. Die möglichen Kombinationen gingen in die Millionen – alle durch bloßes Ausprobieren zu erforschen, konnte ewig dauern.

Dumarest hatte das Geheimnis und Dumarest musste gefunden werden.

Craig rülpste und wischte sich die fettigen Finger am Gras neben sich sauber.

»Das war gut«, sagte er. »Verdammt gut. Nichts schlägt den Geschmack von richtigem Essen. Frisches Fleisch, geröstet über dem offenen Feuer – ich kenne Orte, da würde man für so was den Lohn einer Woche zahlen.«

»Und ich kenne Orte, wo man dich zu Tode steinigen würde, wenn man dich mit Fleisch erwischt.« Andre Batrun saugte an einem Knochen, ehe er ihn ins Feuer warf. »Zabupa etwa. Ich habe einen Dritten Offizier dort vor zehn Jahren verloren. Er kam aus Gandlar und verstand nicht, warum die Einheimischen das Leben in all seinen Formen so verehrten. Eine Diät aus Gemüse passte ihm nicht und so kaufte er von einem Händler eines anderen Schiffes Fleisch. An sich nicht schlimm, aber der Narr ließ zu, dass man ihn beim Essen sah.«

»Und sie töteten ihn?« Craigs Stimme war voller Unglauben. »Dafür?«

»Für sie war das Grund genug.« Der Captain schaute auf die Reste des Tieres. »Ein wenig mehr, meine Teuerste?«

Ysanne lächelte, als sie ihm eine weitere Portion reichte. »Hier, Andre, guten Appetit!«

Er brauchte den Wunsch nicht. Zeit hatte ihn den Wert kleiner Freuden gelehrt und sein Haar silbern gefärbt, sein Gesicht durch die vergangenen Jahre gezeichnet. Ein seltsam sanftes Gesicht, aus dem Schlaf und Ruhe die Zeichen der Erschöpfung gelöscht hatten, das aber den Stempel manch harter Erfahrung und gewonnener Schlacht trug.

»Etwas Wein!«, sagte Craig. »Ich habe eine Flasche.« Er goss ein in die zerbrechlichen Gläser, ohne eine Reaktion abzuwarten. »Auf das Glück!«

Dumarest schluckte den Rest seines Fleischs und nahm das Glas. Er nippte, schmeckte die Andeutung eines Brennens, das seinen Mund von dem Fett reinigte. Batrun hustete und griff nach dem Schnupftabak, nachdem er sein Glas abgestellt hatte.

»Gut, hm?« Craig hob die Flasche. »Mehr?«

»Ich mag ihn«, sagte Ysanne und hielt ihm das Glas hin. »Ich mag die Wirkung.«

Sie meinte, was jeder Alkohol für sie tat, weshalb sie vorsichtig sein musste mit jeder Art von Drink. Ein Mangel an Widerstandskraft machte sie schnell betrunken, wenn sie vorher keine Medikamente dagegen genommen hatte. Aber jetzt war sie unter Kameraden, sie hatte gegessen, es war Zeit, sich zu entspannen, und wenn sie dann ein wenig beschwipst wurde, gab es keinen Schaden.

Als sie am Glas genippt hatte, sagte sie: »Also hast du hier nichts gefunden, Earl? Kein Monster, bereit, uns anzugreifen?«

»Keines, das ich sehen konnte.«

»Es gibt keines zu sehen.« Sie winkte mit dem Glas und hielt es hin, damit nachgefüllt wurde. »Und keines zu hören – wenn es eines gäbe, dann hätte es längst auf die Geräusche der Pumpen reagiert.«

»Nicht notwendigerweise«, sagte Batrun. »Das Geräusch wiederholt sich, ist mechanisch. Normale Lebensformen machen solche Geräusche nicht. Wenn etwas da draußen ist, würde es dies bewertet und abgetan haben.«

Und das Tier, das sie gegessen hatten, konnte auch gut vor einem Raubtier davongelaufen sein, ehe es unter Dumarests Messer fiel. Eine Möglichkeit, die er nicht erwähnte. Stattdessen sagte er zu dem Captain: »Welchen Fortschritt machen wir mit dem Schiff?«

»Die letzten Kontrollen sind fast abgeschlossen. Sobald wir die Tanks gefüllt haben, können wir losfliegen.« Losfliegen mit gespeicherter Luft und den sich daraus ergebenden Begrenzungen. Etwas, was kein Captain mochte, aber sie hatten keine Wahl. »Wir brauchen Ersatzteile, das ist klar. Von der am nächsten gelegenen Welt mit technischen Anlagen. Welche wäre das, Ysanne?«

Sie runzelte ihre Stirn. »Lorenze, denke ich. Oder Gillaus. Oder Ween – zum Teufel, ich trage diese Art von Daten nicht in meinem Kopf herum. Ich schaue so was bei Bedarf nach. Wozu gibt es den Almanach denn sonst?« Ihr Stirnrunzeln verwandelte sich in ein Lachen, als die Drinks zu wirken begannen. »Ein Buch, das wir nicht benötigen, da wir ja wissen, wohin die Reise geht.«

»Zur Erde!« Craig hob sein Glas. »Den ganzen Weg bis zur Erde!«

Oder wo er und sie sie vermuteten. Wie Dumarest es wollte. Er lehnte sich zurück und schaute auf den Schimmer der Sterne, Sonnen so nahe, er konnte sie fast berühren, Welten so nahe, dass er fast die Sphären ihrer Himmel ausmachen konnte. Ein schimmernder Glanz, unter dem er die dünne, brechende Stimme eines unglaublich alten Mannes hörte. Eines Terridae, eines Geizhalses der Zeit.

»Zweiunddreißig, vierzig, siebenundsechzig – das ist der Weg zum Himmel. Neunundsiebzig, sechzig, dreiundvierzig – folgen Sie mir? Sechsundvierzig, siebzig und fünfundneunzig – auf, gute Leute, wachst und gedeiht.«

Eine Eselsbrücke, die die Navigationsdaten reduziert auf ihre absoluten Mindestangaben enthielt, wie Ysanne bewiesen hatte. Drei Dimensionen von Entfernung, verbunden mit einer Kreiseinheit, die sie zur versprochenen Welt führen würde.

Die eine, hoffte Dumarest, auf der er geboren worden war.

»Die Erde«, murmelte Batrun. »Der Planet unendlichen Reichtums. Wo niemand je alt wird oder körperlich oder emotionale Schmerzen kennt. Ein Paradies, frei von allem Bösen, das sonst die Menschheit befällt.« Er nahm etwas Schnupftabak, das Licht des Feuers erhellte sein Gesicht, die Frage in seinen Augen. »Und du hast sie verlassen, Earl. Warum sollte ein Mensch vor einem solchen Paradies davonlaufen?«

Um Kälte und Hunger zu entkommen. Um sich in einem Schiff mit seltsamen Markierungen zu verstecken. Um gefunden zu werden und, anstatt wie verdient herausgeworfen zu werden, von einem mehr als freundlichen Captain Duldung zu erfahren. Um tiefer in die Galaxis einzudringen, in Regionen, in denen seine Heimat unbekannt war.

Dort war sie nur eine mystische Legende, eine Fabrikation der Fantasie, eine Geschichte in den Kneipen – die Erde, von der Batrun sprach, war nicht die, an die sich Dumarest erinnerte.

»Wir werden es wissen, wenn wir dort sind«, sagte Ysanne. »Vielleicht wurde ihm die endlose Süße der Existenz zu viel. Vielleicht war er gelangweilt durch die ewig vorhersehbaren Tage. Das passiert.« Sie leerte ihr Glas und schaute den Ingenieur an. »Ist die Flasche leer, Jed?«

»Wir teilen uns den Rest.«

»Wie wir die Beute teilen«, sagte sie. »Die Reichtümer, von denen Andre träumt. Reichtum, um ein neues Schiff zu kaufen und vielleicht eine Welt für sich selbst. Geld, das die Schmerzen lindert und seine weniger werdenden Jahre sanft bettet. Und du, Jed? Ein neues Gesicht? Ein junges und lächelndes Antlitz, um die jungen Mädchen zu beeindrucken, von denen du träumst? Ein Harem? Eine Armee von Söldnern, die auf deinen Befehl hin tötet? Und du, Earl? Was willst du tun, sobald du zu Hause ankommst?«

Dumarest erwiderte: »Du wirst laut.«

»So?« Ysanne leerte das Glas und warf es ins Feuer, wo es in den Flammen lag, ehe es in einem grünen Schein zerbarst. »Wer hört zu? Ein paar Geister? Unsichtbare Monster? Schatten? Die Sterne?« Sie hob eine Hand in ihre Richtung, die Finger gespreizt, gekrümmt, als wolle sie in den schimmernden Glanz hineingreifen. »Juwelen, Earl. Alle Juwelen. Lass sie uns einsammeln und sie auf Ketten aufreihen und auf Armbänder und Streifen glitzernder Pracht. Schmücke mich, meine Liebe, mit den Edelsteinen deiner Gunst. Bedecke mich mit dem Schein deiner Zuneigung, der brennenden Flamme deines Begehrens.« Ihre Hand fiel, als sie lachte. »Oder sollen wir tanzen? Unser Heiratsversprechen um das Feuer stampfen. Wir haben Zeugen und ich erinnere mich an das Ritual.« Ihre Hände bewegten sich, als würde sie auf die dünne Haut einer Trommel schlagen; ein Rhythmus, der dem monotonen Stampfen der Pumpen folgte. Aber sie hörte auf, als dieser Ton abrupt endete.

»Was ist los?«

»Nichts.« Craig stand auf. »Die Tanks sind voll und die Automatik hat die Pumpen abgeschaltet. Wenn man zu viel reindrückt, explodieren sie wie Bomben. Ich geh und verbinde die nächsten.«

Er bewegte sich zur Erce, seine Stiefel knisterten durch das Gras und die Nacht war nun seltsam leise, da die Pumpen ihr Arbeitsgeräusch eingestellt hatten. Eine schwere, brütende Stille, in der die leisesten Geräusche aufgebauscht wurden, das Rascheln der Kleidung, das Geräusch entfernter Blätter, das Knistern fallender Blätter.

»Wir sollten eine Weile hierbleiben«, sagte Ysanne. »Nach Edelsteinen suchen, Gewürzen, Sachen, die wir verkaufen können. Neue Katalysatoren kosten Geld und wir werden weitere Ausgaben haben. Wenn wir ein Lager aufbauen und jagen gehen, könnten wir Fleisch räuchern und es für einen guten Preis verkaufen. Die Haut ist gut für Leder und es könnte Felle geben.«

»Von den Monstern, die nicht existieren?«

»Verdammt, Earl! Du weißt, was ich meine.«

Eine Ladung aus allem, was sie sammeln konnten, und allem, was zu fangen war, wäre ein Vorteil – aber der Preis für ihre Zusammenstellung war vielleicht zu hoch.

Batrun beugte sich vor und sagte leise: »Die Überprüfung, um die du mich gebeten hast, Earl …«

»Ja?«

»Positiv.«

Der letzte Beweis für Sabotage, wenn es dessen überhaupt bedurft hätte, und durch seinen Bericht hatte der Captain seine Unschuld bewiesen. Dumarest sah die Frau an, wie sie dasaß, das Gesicht zu den Sternen gewandt, verloren in euphorischen Träumereien, verursacht durch den Alkohol.

Sie sagte, ohne ihn anzusehen: »Die Trommeln, Earl. Was ist mit den Trommeln passiert?«

Dumarest erhob sich und schaute auf das Schiff. Craig hatte mehr als genug Zeit gehabt, um das Schiff zu erreichen und die neuen Tanks anzuschließen. Die Zugangsschleuse war offen und warf ein schwaches Licht in die Dunkelheit. Als Dumarest sich ihr näherte, das Gewehr in der Hand, sah er, wie das Licht durch die Silhouette des Ingenieurs gebrochen wurde.

»Jed?«

»Ich dachte, ich würde etwas sehen.« Craig drehte sich um und sah Dumarest an, als dieser näher kam. »Eine Bewegung dort drüben. Siehst du?« Er hob eine Hand, um an die Stelle zu zeigen. »Neben dem großen Baum.«

Es stand am Rande des Lichtscheins, groß, mit Stacheln, bedeckt mit Blättern. Kleine Punkte reflektierten das Licht in einem durchsichtigen Schimmer. Etwas Seltsames, knotig, gebeugt – Vegetation, erschaffen und geformt durch sich widerstreitende Kräfte.

Ein Baum, wo vorher keiner gestanden hatte.

Ein lebendes Ding – verraten durch das Zucken seines Körpers.

»Hole die anderen in das Schiff und mache dich bereit, die Schleuse zu schließen.«

»Earl? Was …?«

»Tu es!«

Dumarest erhob die Waffe und feuerte, als sich der Albtraum vor ihm entblätterte.

Es war groß, schnell, schoss von seinem Standort in eine Richtung, gefror dann, um sich wieder nach vorne zu werfen, als Dumarest erneut schoss. Die Kugeln schienen keinen Schaden zu verursachen, als sich das Ding von etwas, das wie ein Baum aussah, in etwas Bizarres verwandelte, sich im Licht hin und her wiegte und mit gezackten Peitschen um sich zu schlagen begann.

Dumarest sprang zurück und hörte das dünne, zischende Geräusch von schnell verdrängter Luft, spürte den Schmerz, als ihn etwas knapp über dem Knie am Bein traf. Der Schlag riss Plastik auf, traf das eingewobene Schutzgitter unter der dünnen Oberfläche des Stoffs. Tropfen gelber Flüssigkeit berührten das Metall und griffen es mit wütender Säure an.

»Earl!«, rief Ysanne, in plötzliche Nüchternheit geschockt. »Mein Gott! Earl!«

Er sah ihre schnelle Bewegung und ignorierte sie, als das Ding sprang, die gezackten Beine den Lehm aufwühlend. Ein Wesen wie ein Insekt, mit einer Menge seltsamer Wedel, die gezähnte Klauen bedeckten, Federbüschel, die suchende Antennen verbargen. Eine Kreatur dieser faden Welt, angezogen durch ihren Geruch und begierig auf Beute. Dumarest schoss erneut, wusste, dass er getroffen hatte, aber wieder erkannte er keinen Schaden. Die Kugel konnte die Kreatur durchschlagen haben oder war von ihrer hölzernen Haut abgewehrt worden.

Wieder das Geräusch verdrängter Luft, und er warf sich zu Boden und gleichzeitig zur Seite, als lebende Peitschen durch den Ort schossen, an dem er eben noch gestanden hatte. Das Gewehr feuerte, als er über den Boden rollte, und ein weiteres Mal, als er sich erhob, und aus den Augenwinkeln erfasste er den hellen Schein eines Lasers.

Ysanne feuerte, verschwendete Zeit und verriet ihre Position.

»Bleibt weg!«, schrie er. »Verteilt euch und bleibt weg!«

Das Ding wand sich ein wenig, als sie ihm gehorchten, bewegliche Fortsätze wirbelten, um nach den Geräuschen ihrer Bewegungen zu suchen, Fühler, die aus einer festen Kruste ragten. Tarnung zur Perfektion entwickelt, lebende Pflanzen, die aus dem monströsen Körper wuchsen, ihn verbargen, seine Form verwischten. Aber die Bewegung hatte enthüllt, wo der Kopf zu finden war.

Dumarest feuerte, bestrich den Bereich in der Hoffnung, die Augen zu treffen. Splitter flogen und das Heulen von Abprallern erfüllte die Luft. Erneut hatten die Kugeln keinen erkennbaren Schaden verursacht.

»Earl! Vielleicht kann ich es fortlocken!«, rief Ysanne.

Indem sie ihren Laser als Lockmittel verwendete, aber das Ding war zu groß und zu gut geschützt, sodass die Handfeuerwaffe keinen Effekt haben würde.

»Earl?«

»Lass es! Warte!«

Das Ding war zum Stillstand gekommen und konnte betrachtet werden. Eine Kreatur, die eine seltsame Form von Tarnung angenommen hatte. Die Kugeln waren von Stein abgeprallt und jetzt konnte Dumarest Zweige und Stöcke eines schieferähnlichen Materials zwischen den Wedeln erkennen. Ein Muster … es musste ein Muster geben. Alle Kreaturen der Wildnis folgten instinktiven Prozeduren, um ihr Überleben zu sichern. Zu jagen, zu warten, sich zu verbergen, bis die Zeit für den Angriff gekommen war. Angezogen zu werden durch Bewegung …

»Bleibt stehen!«, rief Dumarest. »Bewegt euch nicht!«

»Für wie lange?« Craig sprach mit angespannter Stimme von einer Seite. »Wie kommen wir in das Schiff?«

Batrun war ruhiger. »Ein Plan, Earl? Du hast einen Plan?«

Er hatte einen Plan, basierend auf seiner Erfahrung mit der Wildnis. Er wusste von Krabben, die ihre Haut mit Muscheln schmückten, mit Steinfragmenten und Algen, um als etwas anderes zu erscheinen als das, was sie waren. Wenn diese Kreatur eine ähnliche Strategie verfolgte, hatten sie eine Chance.

Als er es Ysanne erklärte, rief sie: »Earl, du bist verrückt! Wir …«

»… haben keine Wahl.« Er war kurz angebunden, ungeduldig. »Sobald es uns vom Schiff wegtreibt, sind wir hilflos.«

Sie würden da draußen verhungern, ungeschützt vor den Elementen, die Beute anderer, ähnlicher Kreaturen, die alle großen Hunger hatten. Dumarest kniff seine Augen zusammen, als er die Entfernung prüfte. Die Tür zum Schiff war etwa zehn Meter von seinem Standort entfernt. Die Kreatur wiederum war gut fünfzehn Meter vom Schiff entfernt – und ihre peitschenartigen Fühler hatten von dort aus Kratzer in der Hülle hinterlassen.

Ein Wettrennen, und wenn Dumarest es nicht in das Innere des Schiffes schaffte, ehe die Kreatur zuschlug, würde er tot sein.

»Bereit?« Er holte Luft, als Ysanne zustimmte, und füllte seine Lungen. »Jetzt!«

Sie feuerte, zielte auf den Kopf, die unsichtbaren Augen. Ein Moment der Ablenkung, den Dumarest nutzte, als er sich auf die Schleuse zuwarf. Einen Schritt von ihr entfernt hörte er das Pfeifen der verdrängten Luft. Als er sie erreichte, schlug etwas gegen das Metall über seinem Kopf. Als er sich durch die Öffnung schleuderte, hämmerte ein schneidender Schlag über seinen Rücken, ließ ihn nach vorne stolpern, zu Boden fallen und voller Schmerz herumrollen, als Feuer auf Höhe seiner Nieren seine Haut verbrannte. Schmerz, den er zur Seite wischte, als er sich auf die Reihe der aufgefüllten Tanks zubewegte.

Sie waren zwei Meter hoch, von ovaler Form, mit einem Standardventil ausgestattet. Dumarest griff nach einem der Tanks, schmeckte Blut, als er einen hochhob, fühlte Schweiß auf seiner Stirn und am Hals, als er ihn zur Schleuse schleppte. Die Öffnung schwamm vor seinen Augen, als er das Gewicht hochstemmte, es in seinen Händen bereithielt. Vor ihm, halb bedeckt durch seinen Schatten, wartete die fremde Kreatur in aufmerksamer Unbeweglichkeit.

»Jetzt!«, schrie Craig. Er schlug in ein nahes Gebüsch. »Jetzt!«

Der Lärm lockte das Biest an und die Bewegung veranlasste es, sich zu drehen, mit den Fühlern um sich zu schlagen. Als es sich bewegte, sprang Dumarest durch die Schleuse, die Arme schwangen unter dem schweren Gewicht, die Muskeln explodierten vor Energie, als er den Tank durch die Luft warf. Ein hell leuchtender Container, der aufschlug und rollte und in der Nähe des Körpers der Kreatur zum Stillstand kam.

Das Ding gefror. Es wurde ein albtraumhafter Schatten verschwommener Figuren und dann, nach einer Ewigkeit, bewegte es sich mit vorsichtiger Langsamkeit, schlich in Richtung des Tanks, berührte ihn, kratzte mit einer Klaue darüber.

Öffnete die Klaue, um zuzugreifen, um sie näher an den verborgenen Kopf zu führen, an die unsichtbaren Augen.

»Ysanne!« Dumarest warf sich auf sein Gewehr. »Triff genau!«

Sie feuerte, ehe er auftraf, der Strahl des Lasers berührte den Tank, seine Hitze ließ die Lackierung dampfen und verschwinden. Der pulsierende Strahl erlaubte es dem Dampf, sich zu verteilen, sodass das Metall schneller heiß wurde. Er weichte das Gefängnis auf, in dem die komprimierten Gase schlummerten.

Dumarest hob das Gewehr, zielte, feuerte auf den Schimmer des erhitzten Metalls. Die Klaue öffnete sich, die Kreatur wich zurück, als würde sie die Gefahr erahnen. Die erste Kugel prallte jaulend ab. Die zweite schlug mit dem dumpfen Echo eines guten Treffers auf. Die dritte kam exakt dort auf, wo der Laser brannte.

Der Tank explodierte, als er erneut abdrückte.

Das Metall verwandelte sich in einen Hagel von Schrapnell, explodierend durch die Wut der sich rasant ausdehnenden Luft. Eine bombenähnliche Detonation, die die Luft mit tödlichem Regen füllte. Dumarest hörte das Jaulen und das Auftreffen der Geschosse auf der Schiffshülle über ihm. Hörte einen weiteren Treffer, als etwas durch die offene Schleuse schoss und in das Schiff gelangte. Ein Schrapnell, das einen weiteren Tank traf, das Metall aufriss und die darin enthaltene Macht entließ.

Ein Energiestoß schlug ihn mit unsichtbaren Händen, stieß sein Gesicht in die Erde und füllte seinen Kopf mit Sternen.

Als er sie fortblinzelte, sah er, dass die Lichtung leer war.

Und Craig war tot.

Er lag ausgebreitet im Dreck, sein Kopf in einem unmöglichen Winkel, Blut floss aus der grinsenden Öffnung seines Mundes. Im Sternenlicht wirkten seine Augen wie Reste angelaufenen und gefrorenen Glases.

»Er ist getroffen worden, als er versuchte zu rennen«, sagte Ysanne. »Sein Genick ist gebrochen, sein Hals. Eine höllische Art zu sterben.«

»Er hatte Glück«, sagte Batrun knapp. »Er starb schnell und einfach.«

»Was?«

»Er sabotierte das Schiff«, sagte Dumarest. »Er wollte, dass wir auf Aschem landeten.« Wo er seine Belohnung erhalten hätte, ein neues Gesicht, ein Vermögen – die Cyclan konnten sehr großzügig sein. »Er zerstörte den Luftumwälzer und ließ die Luft aus den Tanks. Der Alarm hätte losgehen müssen, tat es aber nicht. Er hatte ihn abgeschaltet.«

»Ein Unfall?«

»Nein. Auf jeden Fall hätte er es auf den Monitoren sehen können.«

Die Routine eines jeden Ingenieurs. »Du hast es gewusst«, sagte sie. »Du musst es von Anfang an gewusst haben, dennoch hast du nichts gesagt, nichts getan. Warum?« Sie gab ihre eigene Antwort. »Die Chandorah! Du hast ihn gebraucht!« Sie fügte bitter hinzu: »Wir brauchen ihn immer noch.«

»Wir schaffen das.«

»Haben wir eine Wahl?«

»Nein.« Dumarest bewegte sich in Richtung des Schiffes. »Lass uns den Rest der Beschädigungen überprüfen.«

Eine Reihe Tanks war explodiert, einer hatte den anderen in einer Kettenreaktion beeinträchtigt und die Abteilung mit einem Schrapnellregen bedeckt, der die Pumpen zerstörte.

Batrun nahm etwas Schnupftabak. »Schlimm«, sagte er. »Aber es hätte schlimmer sein können. Wir können reisen, aber nicht weit.« Der Deckel seiner verzierten Tabakdose schloss mit einem scharfen Knacken. »Nur wohin?«

»Ysanne?« Als sie zögerte, sagte Dumarest: »Wir haben doppelt so viel Luft wie zu dem Zeitpunkt, als wir in die Chandorah kamen, und einen weniger, der atmet. Finde uns eine Welt, die wir erreichen können.«

Sie fand zwei, Weem und Krantz. Dumarest griff in seine Tasche, fand eine Münze, gab jeder Seite einen Namen, warf sie und sah sie fallen.

»Krantz«, sagte er. »Wir fliegen nach Krantz.«

3

Von ihrem Fenster aus konnte Eunice den entfernten Nebel beobachten, wie er aus dem Purpursee emporstieg, auch die Berge im Westen, die eintönigen Muster der Felder im Osten. All dies war von wenig Interesse im Vergleich zum halbmondförmigen Abbild der Stadt, die in der Kurve der gezackten Hügel lag, eine sich in die Täler erstreckende Masse von engen Straßen, alles bedeckt mit sich bewegenden, starken Farben. Es war eine gute Aussicht und Eunice war froh, dass es die ihre war, denn viele in hoher Position in der Hierarchie von Krantz mussten sich mit weniger begnügen. Beweis der Wichtigkeit der Familie, zu der sie gehörte – die Yekatania kümmerten sich um die Ihren. Und Vruya war sanft.

Der Gedanke an ihn ließ sie sich umdrehen, vom Fenster zum dahinter liegenden Zimmer. Es war dasjenige, das sie für sich reklamiert hatte, mit einer hohen Decke, kreisförmig, dekoriert mit abstrakten Symbolen, erlernt aus antiken Büchern. Auf einer langen Bank saß eine Reihe helläugiger Puppen, die sie mit steter Aufmerksamkeit anschauten. Gegenüber dem Fenster stand ein Spiegel, dessen Abbild wie die subtile Verzerrung eines klaren Teiches wirkte. Eine Wolke parfümierten Rauchs stieg aus einem Behälter aus gehämmertem Blech empor. Eine Uhr maß die Stunden. Eine Schüssel enthielt eine Flüssigkeit, schwarz wie Teer. Eine geschmückte Box enthielt Knochen, verziert mit einem komplexen Muster.

Diese Dinge reflektierten ihre Persönlichkeit, genauso wie die Vorhänge, der Sessel und der Tisch, die dicken Bücher, geschmückt mit scharlachroten Bändern.

Eines lag geöffnet auf dem Tisch, die Blätter offen gehalten durch einen Totenkopf mit rubinroten Augen.

Sie ignorierte es und wandte sich den Puppen zu. Vruya saß auf dem Ehrenplatz, klein, runzlig in seinem zeremoniellen Gewand, das dünne, zugespitzte Gesicht mit einem nachdenklichen Ausdruck, den sie so gut kannte – sie hatte ihn als Kind oft gesehen.

Impulsiv nahm sie die Puppe an sich und küsste sie, atmete in ihren Mund, übertrug etwas von ihrer Stärke und Vitalität in die Replika und damit in den Mann, den es repräsentierte.

»Lebe, Vruya«, sagte sie und setzte die Puppe wieder hin. »Lebe und werde stark.«

Ihre Bewegung störte die nächste Puppe in der Reihe; Mada mit ihrem säuerlichen Gesicht und dem bitteren Mund. Eine Zicke, aber sie hatte Einfluss und konnte somit Schaden anrichten. Sie hatte wenig Geduld mit jenen der Familie, die erst noch ihren Wert unter Beweis stellen mussten.

Eine Situation, die sich bald ändern würde; sobald sie verheiratet und eine Mutter war, würde Eunice die höchste Stellung innehaben. Selbst Sybil, die Urich verachtete, würde sich ihr unterwerfen müssen. Ein Dutzend Jahre unfruchtbarer Verschwendung würde kein Schutz für die Frau sein, sobald sie ihr Kind Vruya zu Füßen legte.

Das Telefon rang, als sie sich von den Puppen abwandte. Es war Helga mit ihrer üblichen Gehässigkeit.

»Eunice, meine Liebe!« Auf dem Schirm zeigte das unter der Schminke angeschwollene und fettige Gesicht eine sadistische Freude. »Ich musste einfach anrufen und dir von Myrna erzählen. Solch fantastische Neuigkeiten!«

»Sie ist schwanger?«

»Du hast es gewusst!« Eine Wolke zog über das angemalte Gesicht, als sie sagte: »Nein, das kannst du nicht. Der Test war erst vor einer Stunde positiv und ich war die Erste, der sie es sagte. Natürlich müssen wir das feiern. Ich dachte mir, morgen Abend wäre schön. Nur eine kleine Festivität und am besten nur für die Familie. Keine Freunde oder Außenseiter. Ich denke, du verstehst das.«

Urich war also nicht eingeladen – sie verstand das sehr wohl.

»Eunice?«

»Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube nicht, dass ich es schaffen werde.« Und mit Gift in der Stimme fügte sie hinzu: »Ich bin recht beschäftigt. Oder hast du meine baldige Heirat vergessen?«

»Meine Liebe!« Das gerötete Gesicht wirkte in seiner Verstellung wie das eines Clowns. »Wie kannst du mir verzeihen? Aber die Nachrichten – Myrna ist mir so nahe. Wie meine eigene Tochter. Und du wirst heiraten, gut, gut. Einen feinen Mann, ich bin mir sicher. Wie kann es mir entgangen sein? Sybil erwähnte es das letzte Mal, als wir uns trafen. Urich, nicht wahr? Und man sagt, Alter ist nicht alles. Ein reifer Mann kann unerwartete Vorteile haben. Morgen Abend also?« Helgas Lächeln enthielt Säure. »Ich bin sicher, du möchtest Myrna zu ihrer Leistung gratulieren.«

Der Schirm wurde dunkel und Eunice schaute auf ihr eigenes Spiegelbild. Es war überraschend jung, das Gesicht rund, weich, mit einer kindlichen Unreife, passend zu den Augen, der sanften Linie ihres Kiefers. Blondes Haar ergänzte den puppengleichen Eindruck und nur die Kurven unter ihrem Kleid verrieten die weibliche Reife.

Mit plötzlichem Ärger schlug sie den Schirm und wünschte sich, es wäre Helgas Gesicht.

Sollte sie Urich anrufen?

Sofort tippte sie seine Nummer ein. Wenn schon sonst nichts, würde er ihr immerhin tröstende Zuversicht schenken, über seine Liebe und ihre zukünftige Sicherheit. Ungeduldig wartete sie, dass sein Gesicht auf dem Schirm erschien. Doch stattdessen erblickte sie das eines Fremden.

»Madam?« Er war einer der Ypsheim, das Brandmal deutlich zwischen seinen Augen zu erkennen, und pflichtschuldig höflich. »Wie kann ich Ihnen dienen?«

»Ich möchte Urich Sheiner sprechen. Ist dies nicht sein Büro?«

»Das ist es, Madam.«

»Wo ist er dann?«

»Abwesend.« Er fügte hinzu: »Er erfüllt eine Pflicht auf der Plaza. Am Rad.«

Auf dem ein Mann starb.

Er war nackt, Handgelenke und Fußknöchel am Rand festgebunden, das Rad geneigt, sodass er dem vollen Schein der Sonne ausgesetzt war. Staub bedeckte den geschundenen Leib und Insekten labten sich geschäftig an den Wunden, die hart gebacken waren von getrocknetem Blut. Der eine, der die Peitsche geschwungen hatte, war ein Experte, die Schnitte, obgleich zahlreich, waren nur oberflächlich. Der Tod würde durch das Ausdörren kommen, und das nicht zu bald.

»Einhundert!« Ein Mann in Lederkleidung schrie die Wetten von dort, wo Urich stand. »Eins zu einhundert, wenn Sie den Moment seines Todes auf fünf Minuten genau erraten. Das ist ein totaler Zeitraum von zehn Minuten – wie kann man da danebenliegen? Einhundert zu eins. Die beste Wette, die Sie bekommen. Sie, Sir? Sie?«

Ein Komplize in der Menge heizte die Leute an. »Ich nehme zehn!«

»Um tausend zu gewinnen. Welche Zeit?«

»Sechzehn Uhr fünfzig!« Und fügte hinzu: »Morgen.«

»Ein kluges Urteil seiner Überlebensfähigkeit, Sir. Die Dünnen halten oft lange durch.« Der Buchmacher holte einen Papierstreifen hervor und tauschte ihn gegen Bargeld aus. »Und Sie, Sir? Kommen Sie nach vorne und machen Sie Ihren Einsatz!«

Ein Geier, aber darin war er nicht allein. Andere boten schlechtere Wetten für einen breiteren Zeitraum an und würden diesen im Verlauf der Zeit verkleinern. Urich ging zehn Schritte vor dem Rad her, drehte sich, ging zu seiner ursprünglichen Position. Die Sonne schien warm auf seinen Rücken und seine Schultern, erhitzte den Helm, den er trug, und verursachte Schweiß. Er berührte weder den Helm noch die Feuchtigkeit; als Offizier, der das Kommando über die Wachen hatte, musste er ein Vorbild sein. Selbst wenn es schwierig war, leidenschaftslos zu bleiben.

»Du dort!«, rief er dem Buchmacher zu. »Weiter zurück!«

»Was? Ich …«

»Wachen! Räumt das Gebiet! Niemand innerhalb von zehn Metern! Vorwärts!«

Über ihm stöhnte ein sterbender Mann.

Es war ein Geräusch, das er nicht hören wollte. Er tat sein Bestes, um es nicht zu hören, doch das war im Grunde unmöglich. Kurz war er versucht, den Laser zu benutzen, den er am Gürtel trug, aber die Vernunft kehrte zurück und seine Hand bewegte sich von der Waffe fort.

Ihn zu töten, wäre ein Akt der Gnade – der Schuss jedoch, der das Leid des einen beendete, würde sein Leben ruinieren.

»Captain!« Eine Wache schaute hoch zum stöhnenden Mann. »Er will Wasser.«

Eine weitere Gnade, die er zu geben nicht wagte, wie der Mann wissen musste. Dann sah er das junge Gesicht und die verängstigten Augen. Dies war ein Soldat, der neu in der Truppe war und erst noch lernen musste. Aber zu ihm konnte er immerhin freundlich sein.

»Machen Sie eine Pause, Soldat. Holen Sie sich was zu trinken und ruhen Sie Ihren Kopf aus. Fünfzehn Minuten. Los!«

»Sir!«

Er erwiderte den Gruß und sah sich zu einem der anderen Wachmänner um, einem älteren, der ihn mit sympathischem Verständnis ansah.

»Etwas nicht in Ordnung, Benson?«

»Nein, Sir.«

»Wenn Carrol zurück ist, können Sie eine Pause machen.«

»Danke, Sir. Das ist sehr freundlich.« Der Mann schaute auf die Menge, den stöhnenden Delinquenten. »Ich denke, er wird bei Dunkelheit tot sein. Mitternacht, denke ich.« Er atmete ein, Schweiß schimmerte auf seinem Gesicht. »Ich bin froh, wenn ich wieder normalen Dienst machen kann.«

Er würde die Schiffe bewachen und die Absperrungen patrouillieren, um sicherzustellen, dass niemand die Familien um ihre Abgaben betrog. Die Harradin und die Marechal, die Duuden und die Yekatania – alle hatten Interessen an Hafengebühren und Steuern, Abgaben für Ladung und Reparaturkosten. Wie auch bei den Auktionen und Märkten, dem freien Handel, den Lizenzen, die die Grundlagen des Reichtums von Krantz waren.

An denen er, bald, Teilhabe haben würde.

Er lief weiter, drehte sich, ging zurück, hoffte, das Geräusch seiner Stiefel würde das Stöhnen übertönen. Eine vergebliche Hoffnung – nur die erregten Rufe der Wettenden taten das. Ein Gewirr von Wetten, basierend auf Erfahrung und Gier. Er musste sich anstrengen, sich davon nicht ärgern zu lassen. Noch mehr musste er sich für die Erinnerung daran bemühen, dass er als baldiges Mitglied der Yekatania in Zukunft teilweise mitverantwortlich für solche Szenen sein würde.

»Sir?« Es war einer der Ypsheim. Eine Frau mit einer Kanne in der Hand. »Bitte, Sir, dürfte ich ihm Wasser geben? Nur ein wenig, Sir. Bitte!«

»Es ist verboten.«

»Nur ein Tropfen, Sir.« Sie kam näher, senkte ihre Stimme. »Ein Schluck, Sir, und in einer Stunde wird er tot sein, ich schwöre es.«

Unter dem Schmutz zeigte ihr Gesicht Schönheit, und ihr volles und wallendes Haar wurde durch den Staub nicht verborgen, der darauf lag. Die Tochter des Mannes? Seine Frau?

»Captain.« Ihre Hand bewegte sich nach vorne, berührte seinen Arm. »Ein Schluck nur, und er findet Frieden. Seid gnadenvoll und ich gebe Euch alles, was Ihr Euch wünscht. Tue alles, was Ihr wollt.« Dann, als er den Kopf schüttelte: »Um Gottes willen – was für eine Art Mann seid Ihr?«

»Beweg dich!« Benson kam zwischen sie, seinen Knüppel in beiden Händen, drückte ihn gegen die Frau, schickte sie zurück in die Menge. »Geh fort von hier! Ihr alle – zurück! Zurück, sage ich!«

Der Vorfall war üblich genug und vorbei, ehe er begonnen hatte, aber er hinterließ einen üblen Nachgeschmack. Einer, der seinen Mund sauer machte, als Urich seine Wanderung vor dem Rad wieder aufnahm. Eine Frau, die ihn bat, einen gnadenvollen Tod zu ermöglichen. Töten aus Liebe. Sie hätte ihm alles gegeben, wonach er gefragt hätte, sobald er ihrer Bitte entsprochen hätte.

Würde Eunice das Gleiche für ihn tun?

Er stellte sie sich vor, wie die Frau eben vor ihm gestanden hatte, jung, ihre Schönheit maskiert durch Staub und Schmutz, einen Mann anbetteln, den sie hassen musste. Betteln und ihm Versprechungen machen und bereit sein, dieses Versprechen auch zu halten. Seine Tochter, hätten alle gedacht. Wie er vermutet hatte – aber war es so seltsam, wenn ein Mann eine jüngere Frau heiratete?

Eine jung genug, um sein Kind zu sein?

Hinten in der Menge sagte die Frau mit der Kanne: »Du hast dich geirrt, Leo. Er ist nicht so, wie du dachtest.«

»Weil er sich weigerte?«

»Ich las in seinen Augen. Sie waren hart und kalt. Er ist einer der Quelen.«

»Noch nicht, Ava. Er muss erst noch heiraten. Was du in seinen Augen gelesen hast, war Furcht.«

»Ich suchte nach Verständnis.«

»Das hat er – er wird es später zeigen.«

»Und Gupen?« Ihr Blick wanderte zum Rad, zu dem Mann, der dort angebunden war. »Was ist mit ihm?«

»Hundert zu eins!«, rief der Buchhalter. »Machen Sie Ihre Wetten! Eine gute Chance, ein Vermögen zu verdienen! Sie, Sir? Fünfzehn – und die Zeit?« Geld und Papier wechselten die Besitzer. »Dreizehn Uhr zehn morgen. Eine weise Wahl. Und Sie, Sir? Und Sie? Und Sie?«

Auf dem Rad zuckte der Mann und stöhnte, als sich Insekten an seinem Fleisch gütlich taten.

Er war eine Motte, die durch die dunkle Unendlichkeit trieb, berührt von durchsichtigen Schimmern. Funken, die verschwanden, sobald er seinen Blick auf sie richtete, ein Schein, der sich ausbreitete, als wolle er das Universum erleuchten, und sich dann wieder der Dunkelheit ergab. Eine Analogie, die Avro gut verstand, denn es war ein Modell, das er für seine Einfachheit würdigen konnte. Die Dunkelheit war Unwissen und die Schimmer das Anzeichen erwachender Erkenntnis. Eine Geburt, wiederholt erneut und erneut, nur um nach dem Entstehen wieder zu vergehen. Vernunft und Logik, immer wieder zerstört durch die Kräfte brutaler Ignoranz, doch eines Tages würde dieser Schimmer der Vernunft all die Schatten beseitigen und das gesamte Universum in seinen strahlenden Glanz tauchen.

Das war das Ideal, dem er sein Leben gewidmet hatte.

Avro bewegte sich, fühlte nichts, wusste gar nicht, ob er sich tatsächlich bewegt hatte. Das mentale Kommando hatte er gegeben und sein Körper hätte gehorchen sollen, aber hier, im Tank, war er von jeder externen Wahrnehmung abgeschnitten. Eingeschlossen in ein elektronisches Netz, trieb er in kontrollierter Temperatur, blind, taub, ohne Gefühl für Richtung, ohne einen Referenzpunkt, der ihm bei der Orientierung helfen konnte.

Ein Experiment – eines, das getötet hatte.

Nicht die Abtrennung von aller Wahrnehmung – alle Cyber waren daran gewöhnt –, aber die Felder, die nun zur Erkundung vor ihm lagen. Der Pfad, den Elge betreten und der ihn in einen Idioten verwandelt hatte, aber Avro beschritt ihn auch und tat es noch immer.

Was hatte Elge verrückt gemacht?

Nicht das erweiterte Bewusstsein seines Verstandes, denn auch das war üblich für alle Cyber, die sich den massierten Gehirnen der Zentralintelligenz anschlossen. Die Samatchazi-Formel zu benutzen, um die implantierten Homochon-Elemente in seinem Gehirn zu aktivieren. Um eins zu werden mit all diesen Gehirnen, sich zu verbinden und Teil einer immensen Form zu werden, die die ganze bekannte Galaxis umspannte, um Informationen zu liefern, die, sofort assimiliert, entsprechend evaluiert und an andere Cyber weitergereicht werden konnten. Um Daten zu erhalten und ebenso Befehle und dann, wenn die Verbindung unterbrochen war, in einen das Bewusstsein verwirrenden Rausch zu fallen.

Die Aufzeichnungen?

Sie stammten von anormalen Einheiten, die gemeinsam einen Nodus gebildet hatten. Die Bewusstseine, aus denen er bestand, hatten ein System aus Logik errichtet, das auf der Basis verschiedener Annahmen beruhte und ihre Modelle waren perfekte Beispiele der Macht konzentrierter Schlussfolgerungen. Aber sie waren Produkte des Wahnsinns, die Annahmen, auf denen sie basierten, hatten nichts mit dem realen Universum zu tun und daher erfüllten die Modelle keine erkennbare Funktion. Dennoch hatte ein jedes eine gewisse Schönheit. Eine individuelle Faszination. Irrgärten, in denen der Verstand umherwandern konnte, um durch faszinierende Konzepte verführt zu werden. Um verloren und desorientiert …

War Elge wirklich verrückt geworden?

Die Möglichkeit war ein Schimmer von Licht, der das durchsichtige Universum schwächer werden ließ. Der Körper war nichts, nur ein Gefäß für das Gehirn, das wiederum nur existierte, um den Verstand aufzunehmen. Wenn das Gehirn ohne Körper existieren konnte, was nun allgemein bewiesen war, konnte dann der Verstand auch ohne Gehirn leben?

Und wenn das Ego, das individuelle Bewusstsein, das Gehirn verließ – was würde zurückbleiben?

War Elge zu schnell eliminiert worden?

Wenn dem so war, dann war dies ein Fehler gewesen und entsprechend bedauerlich, aber Avro empfand keine Reue. Sein Verstand erinnerte sich an das Bild, das er gesehen hatte: einen Körper wie Gemüse, lallend, die Augen leer, ohne jeden Funken von Selbstbewusstsein. Und er war behandelt worden, mit Medikamenten und elektronischen Sonden und unter Einsatz aller Fähigkeiten, über die die Cyclan verfügten. Behandelt und als unbehandelbar bewertet und dann entsorgt worden wie jeder Abfall.

Ein leerer Behälter, dem Recycling zugeführt – aber was war mit seinem eigentlichen Inhalt passiert?

Der Blick in Avros Verstand veränderte sich, wandte sich ab von der dunklen Leere, erhellt durch das Flackern der Schimmer, und etwas Großem zu, einer subtilen Form. Einer gigantischen Struktur, die die Attribute einer Kathedrale hatte, aber einer, im Vergleich zu der eine normale Kathedrale wirkte wie eine Erdhütte. Ein Aufstand wirbelnder Farben, Nebel, der Wände formte und Säulen und Stützen, Gewölbe unter geschwungenen Bögen, sich emporstreckende Türme und endlose Promenaden. Ein Gebäude, errichtet durch die Macht des Verstandes und angefüllt mit einer Vielzahl von Entitäten.

Die Formen kamen näher und schaukelten und bewegten sich fort, um wieder Platz zu machen, ersetzt durch andere, während unsichtbare Hände Gleichungen in die Luft schrieben, die sich in grundlegende Symbole verwandelten.

Ein Universum, in dem alles Teil einer umfassenden Maschine war.

Eines, in dem …

Avro zuckte hoch, gepeinigt durch einen plötzlichen elektronischen Schlag. Stimulus, um seinen Körper zur normalen Funktion zu erwecken.

Das Bild in seinem Kopf löste sich auf. Die Formen und Farben und die aufragenden Fabrikationen. Ein angenehmer Traum, zerstört und nichts anderes hinterlassend als Grau, der Eindruck des Tanks, des Schiffes, in dem er stand, das Pulsieren der Triebwerke, die es durch die Sterne schoben.

Die Stadt wurde von einem breiten Boulevard durchteilt, der von der Plaza bis zum Feld verlief. Ein Boulevard, begrenzt durch schmale Straßen, die eine große Bandbreite an Geschäften anboten. In einem von ihnen tanzte ein Ding zu dem sonoren Schlag einer Trommel.

»Ein Yevna«, sagte Vosper. »Es gibt viele von ihnen auf einer bestimmten Welt in der Chandorah. Ein Mann kann reich werden, wenn er mit ihnen handelt.«

Dumarest sagte nichts, ignorierte den Mann, mit dem er seinen Tisch teilte, konzentrierte sich stattdessen auf die Kreatur, die über den Boden der Taverne hüpfte. Sie war fast so groß wie er selbst, dünn wie ein Stab, mit feingliedrigen Gliedmaßen, gehüllt in transparente Membranen, die das Licht auffingen und in schimmernde Regenbögen verwandelten.

»Man füttert sie mit Zucker«, sagte Vosper. »Süßigkeiten wie Honig oder Sirup. Dafür würden sie ihre eigenen Leute verkaufen. Aber es gibt keinen Grund, tatsächlich zu bezahlen. Man landet, legt den Köder aus, benutzt die Netze, wenn sie kommen – und man hat ein Vermögen, das man in seinen Laderaum packen kann.« Er fügte wie nebenbei hinzu: »Natürlich leben sie nicht lange.«

»Ein Vorteil«, sagte Dumarest trocken. »Schneller Umsatz und erneute Bestellungen.«

»Sie sind schnell darin, die Grundsätze zu verstehen.« Vosper griff zur Flasche. »Mehr Wein?«

Er war zähflüssig, lila, klebrig in seiner Süße. Dumarest nippte, als er beobachtete, wie der Yevna seinen Tanz beendete. Ein Mädchen ersetzte das Wesen, zupfte an einer Harfe, ihre Stimme genauso süß wie der Wein.

»Sie könnte Ihnen gehören, Earl.« Vosper war direkt. »Es gibt wenig auf Krantz, was nicht Ihnen gehören könnte. Ein Mann mit einem Schiff und dem Universum als Spielplatz – muss ich mehr sagen?« Er lehnte sich zurück, spielte mit seinem Kelch, ein kleiner Mann, rund, nicht mehr jung. Seine Kleidung war gut, zeigte aber Zeichen der Abnutzung und die Ringe an seinen Händen waren nur schöner Schein, genauso wie die Kette um seinen Hals, der Edelstein im Ohrläppchen seines linken Ohrs. Ein Unternehmer, der einen Reichtum zeigte, den er gar nicht besaß, aber eine Chance roch. »Natürlich«, so sagte er nachdenklich, »muss das Schiff auch in der Lage sein zu starten.«

»Das bedeutet?«

»Nicht böse gemeint, mein Freund. Nicht böse gemeint!« Ein Aufblitzen weißer Zähne erhellte sein Lächeln. »Aber Sie sind nun seit zwei Tagen auf Krantz. Das Schiff benötigt Reparaturen und Ihre Mannschaft …« Er unterbrach sich, zuckte mit den Schultern. »Wir sind Männer von Welt, Sie und ich. Zwischen uns gibt es keine Spielchen. Ein Schiff, eine erschöpfte Crew, keine Ladung, abgesehen von etwas Nahrung und selbst davon nicht viel – Earl, es ist offensichtlich.«

Dumarest nippte am Wein.

»Ein Überfall«, sagte Vosper. »Der schiefgelaufen ist. Nun, so was passiert. Ein entferntes Dorf, hm? Eine schnelle Landung, Gas, man greift sich die Opfer und stopft sie in den Laderaum. Nahrung, um sie am Leben zu halten, wenn man sie auf eine andere Welt transportiert. Eine, auf der Zwangsarbeiter gesucht werden. Bargeld und keine Fragen.« Der Flaschenhals machte eine klickende Berührung am Glas, als er nachfüllte. »Eine simple Routineaktion. Passiert oft genug, aber es kann eben auch mal schiefgehen. Das Gas wirkt nicht oder es gibt maskierte Männer, Wachen, die auf einen warten. Die Mannschaft zusammengeschossen und das Schiff hinterlässt jene, die sich nicht mehr retten konnten.« Vosper hob sein Glas. »Auf die Chandorah!«, sagte er. »Auf Krantz!«

Wo Sklavenhändler landeten, um ihre Ladung zu versteigern. Die Erce war einst solch ein Schiff gewesen, mit der Arbeit, die Vosper gerade beschrieben hatte. Es war also nachvollziehbar, dass er die falschen Schlüsse zog.

»Sie trinken gar nicht«, sagte Vosper. »Ist der Wein zu süß? Mädchen!« Er winkte einer Kellnerin. »Eine neue Flasche. Etwas Leichtes und Trockenes.« Er betrachtete die Bewegung ihrer Hüften, als sie sich vom Tisch fortbewegte, und die ihrer Brüste, als sie zurückkam. »Danke, meine Liebe. Hier.« Er ließ Münzen auf den Tisch fallen. »Kannten Sie den Mann auf dem Rad?«

»Nein.« Sie griff nach den Münzen. Ihr Gesicht war eine Maske, die kreuzförmige Narbe auf ihrer Stirn entsprach der der Harfenspielerin. »Ist das alles?«

»Bis auf Weiteres, ja.« Vosper schüttelte den Kopf, als sie ging. »Dickköpfig«, sagte er. »Stolz und, wie einige sagen würden, arrogant. Eine Lügnerin dazu, denn die meisten Ypsheim sind verwandt und sie kannte das Opfer ganz bestimmt. Oder hat von ihm gehört.« Er machte eine Pause, dann: »Wetten Sie?«

»Nein.«

»Ich habe fünfzig gewonnen. Schlechte Gewinnquote, aber es ist Geldverschwendung, auf einen zu engen Zeitraum zu wetten, und dumm, eine zu lange Voraussage zu treffen. Die Buchhändler machen das ja nicht zum Spaß. Beobachte die Wetten und reite auf der Welle, so kann man hin und wieder ein wenig gewinnen.« Vosper probierte den neuen Wein, bewegte die Lippen, füllte ein Glas für Dumarest. »Haben Sie ihn gesehen?«

»Nein. Was hat er getan?«

»Wollte ohne Erlaubnis den Planeten verlassen. Die Wache erwischte ihn, als er über den Zaun kletterte. Er muss gehofft haben, irgendwie auf ein Schiff zu kommen. Blinder Passagier.«

Um in den Weltraum gestoßen zu werden, wenn er erwischt wurde. Dumarest erinnerte sich an die Abgrenzung, enger Maschendraht, hoch, mit Stacheldraht. Es gab natürlich Wege, auf ein Landefeld zu kommen, andere als durch das Tor, aber solch einen Zaun zu überklettern, gehörte nicht dazu.

»Er wurde dafür hingerichtet?«

»Es gibt ein Gesetz dafür. Gupen wusste dies und ebenso, was ihm passieren würde, wenn man ihn ergriff.« Vosper zuckte mit den Schultern. »Ein Spieler, der verlor. Ich hoffe, mein Freund, dass Sie ein besseres Spiel spielen.«

»Ich spiele gar nicht. Nicht bei solchen Quoten«, sagte Dumarest offen.

»Gupen war ein Narr. Es gibt einfachere Wege, um Selbstmord zu begehen. Aber Sie sind ein Mann der Vernunft. Für Sie muss die Quote stimmen und der Lohn dem Risiko entsprechen. Ein hoher Profit und ein schneller Umsatz, richtig, mein Freund?«

Das war das Glaubensbekenntnis eines jeden Freihändlers und Dumarest spürte, dass der Mann seinem eigentlichen Geschäftsvorschlag nahekam. Jemand, der sich nicht beeilte, aber nicht ewig in Anspannung gehalten werden konnte. Ein kluger Mann mit der Erfahrung in der Verhandlung von Deals, der jede Gelegenheit bis zur Neige auskostete.

Sein Gesicht wurde reglos, als Dumarest sagte: »Danke für den Wein.«

»Sie gehen schon?«

»Ich habe noch etwas Geschäftliches zu erledigen, ja.«

»Sollen wir uns wiedertreffen?«

»Vielleicht.« Dumarest erhob sich und wandte sich um, fügte hinzu: »Wenn Sie ein solides Angebot haben.«

Als er zur Tür ging, begann der Yevna wieder zu tanzen und seufzte diesmal schwach in seinem Leid.

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