Kitabı oku: «Die Weltzeituhr»
EBERHARD HILSCHER (1927–2005) wurde im brandenburgischen Schwiebus (heute Świebodzin, Polen) geboren und als 17-Jähriger eingezogen. Nach der Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft verdingte er sich zunächst im Kreis Nauen als Landarbeiter, später studierte er an der Berliner Humboldt-Universität Germanistik. Der Autor hinterließ ein umfangreiches Werk, neben Monografien, etwa über Thomas Mann, Gerhart Hauptmann und Arnold Zweig, schrieb er Essays und Fiktives. Seine erste erzählerische Arbeit, „Feuerland ahoi!“, erschien 1961, sein erster Roman, „Der Morgenstern“, 1970. Sein Hauptwerk „Die Weltzeituhr“ (1983) erscheint nun erstmals als unzensierte Ausgabe. Hilscher lebte bis zu seinem Tod in Ost-Berlin, seine letzte Ruhestätte fand er im Ort seiner Geburt.
EBERHARD HILSCHER
DIE WELTZEITUHR
Mit einem Nachwort von Volker Oesterreich
mitteldeutscher verlag

2017
© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)
www.mitteldeutscherverlag.de
Die Originalausgabe erschien 1983 im Buchverlag Der Morgen, Berlin.
Alle Rechte vorbehalten
Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)
ISBN 978-3-95462-958-9
E-Book-Umsetzung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
INHALT
Cover
Titel
Impressum
ERSTES LUSTRUM
Abschied von der Tauchstation
Zeitansage, 1. Jahr
Unschärferelationen
Zeitansage, 1. Jahr (Fortsetzung)
In klassischem Geiste
Zeitansage, 2. und 3. Jahr
Der liebe Gott hat gepetzt
Inspektion des Universums
Ein paar Etagen tiefer
Zeitansage, 4. Jahr
Märchenstunde im Zwischenreich
Zeitansage, 5. Jahr
Doktorspiele
ZWEITES LUSTRUM
Sein Kampf in Bildern oder: Zeitansage, 6. Jahr
Eine schöne Bescherung
Zeitansage, 7. und 8. Jahr
Der klagende Delfin
Zeitansage, 9. Jahr
Von der Größe eines Landes und des Kindes
Zeitansage, 10. Jahr
Der spanische Pavillon
Zeitansage, 10. Jahr (Fortsetzung)
Mein lieber Jab!
DRITTES LUSTRUM
Erscheinungen des Neandertalers
Zeitansage, 11. Jahr
Das Uran-Ei, fern und nah gesehen
Von Stinkbomben und Ginseng
Zeitansage, 12. Jahr
Sonate in Atom-Moll
Zeitansage, 13. Jahr
Krieg im Frieden
Der Pirol pfiff um vier Uhr dreißig
Zeitansage, 14. Jahr
Seine Rede war: Ja und nein
Zeitansage, 15. Jahr
Empfindungen und Erfindungen
Pablo und das Meer
VIERTES LUSTRUM
Wollt ihr den totalen Krieg? Zeitansage, 16. Jahr
Nackte Mädchen im Blickfeld
Zeitansage, 17. Jahr
Magister Constantins dritte Wiederkehr
Historische Belehrung über Truppen und Tripper
Stehen bleiben, oder ich schieße!
Die Stunde null
Zeitansage, 18. bis 20. Jahr
In der Steinzeit
Verkehrsregelung am Popocatepetl
FÜNFTES LUSTRUM
Von Währungen und Erwägungen; Zeitansage, 21. Jahr
Die Kunst der gewinnenden Gesprächsführung
Harmonie der Welt
Zeitansage, 22. Jahr
Weißt du noch?
Chemie des Lebens und der Liebe
Zeitansage, 23. Jahr
Ein Brief aus Harvestehude
Zauberei mit Erasmus
Zeitansage, 24. und 25. Jahr
Und wüssten’s die Blumen
Lob der Taugenichtse
SECHSTES LUSTRUM
Baumeistergeschichten; Zeitansage, 26. Jahr
Ansichten eines Mannes von hohem Geistesflug
Der Ausnahmezustand
Zeitansage, 27. und 28. Jahr
Haut ab, ihr alten Knacker!
Alle Sterne müssen fallen
Die Jupiter-Symphonie
Zeitansage, 29. Jahr
Von Zärtlichkeit und Zwietracht bedroht
Zeitansage, 30. Jahr
Was soll der nächste Weltkrieg kosten?
Experimente mit dem Affen-Virus
SIEBENTES LUSTRUM
Wir heißen euch hoffen; Zeitansage, 31. und 32. Jahr
Sigunes Uhren messen ein Ur-Erlebnis
Abfahrt vom Chinesischen Teehaus
Gesang aus der Tiefe; Zeitansage, 33. Jahr
Anrufungen zur Rettung unseres Planeten
Wunder der höchsten Höhe
Zeitansage, 34. Jahr
… so muss ich weinen bitterlich
Zeitansage, 35. Jahr
Pseudonyme der Tümmler
O blaue, lautlose Nacht
Abschied von G.
Nachwort
ERSTES LUSTRUM
Abschied von der Tauchstation
Es dreht sich! In lustvoller Nacht strudelt das Spermatozoon mit delfinähnlichen Schwanzschlägen durch den Gebärmutterteich in den Tubenkanal. Rund dreihundert Millionen Konkurrenten und Mitschwimmer waren innerhalb einer Stunde auf der achtzehn Zentimeter langen Wettkampfstrecke zurückgeblieben und in Vanillesauce ertrunken. Nun schießt der Sieger wie eine Rakete auf die eigelbe Korona zu: Durchstoß, Volltreffer, Zusammenschrumpfen des stäubchenkleinen Zielballons. Im Innern vollziehen sich geheimnisvolle chemische Reaktionen; blitzschnell ergibt sich ein zehnstelliges kodiertes Programm für neues Leben. Nachdem sich die genetische Kordel der Desoxyribonukleinsäure (DNS) aufgedröselt und in Lesezeichen umgewandelt hat, kommt es zur Kernspaltung und ersten Zellverdoppelung.
Schon am vierten Tage plumpst eine geleeartige Plasmabeere von der Rutschbahn in den Uterustümpel zurück, auf dessen schwammigem Grund sich der Blastozyt einnistet. Wie ein Spielball rollt die Fruchtblase in der zweiten Woche regelwidrig auf die rechte Seite des Dottersacks hinüber und entblättert sich. Die Keimlamelle signalisiert: situs inversus totalis. Bald darauf nimmt sie Sandalenform an, dreht sich um die Längsachse und schwebt bäuchlings in gläserner Amnionhülle. Am Ende des ersten Monats scheint das herzpochende Vier-Millimeter-Wesen Schwanz und Kiemen auszubilden, weshalb es in finsteren Zeiten nicht genau wusste, ob aus ihm Haifisch, Feuersalamander, Igel oder Affe werden sollte. Aber gegenwärtig zweifelt es (trotz raupenartiger Krümmung, die ihm Magen und Darm verdrillt) keinen Augenblick an seiner höheren Bestimmung. In der siebenten Woche vermag es, seine Personalität durch unverwechselbare Fingerabdrücke auszuweisen. Zwanzig Tage später definiert es sich mittels elften Fingers als Männlein, das seine junge Menschlichkeit kundtut, indem es Fäuste ballt und Mamas Innendekoration anpinkelt. Die schönste Zeit verbringt der Fetus, dem der Name Guido zugedacht ist, im fünften und sechsten Entwicklungsmonat. Durch Haarflaum und aromatische Firniscreme geschützt, turnt er schwerelos in der Unterwasserstation des Fruchtsacks, vollführt Saltos, Bauchwellen um die Nabelschnur, Hand- und Kopfstand. Bisweilen nuckelt er am Daumen oder bohrt im Po. Obwohl die feuchtwarme Taucherglocke ständig durchspült wird, ertrinkt er nicht, weil ihn der Sauerstoff-Inhalator der Plazenta reichlich versorgt. Interessiert beobachtet er seine kybernetischen Körpersysteme. Als er nach vierteljährigem Lidverschluss endlich wieder die Augen öffnen kann, hindert ihn feindliche Dunkelheit daran, die rote Brutkammer zu betrachten. Schade, denn transparente Häute ermöglichten ihm sonst einen fabelhaften Röntgenblick auf mütterliche und eigene Eingeweide. Nun vertreibt er sich die Zeit, indem er auf karikaturistisch dünnen Beinchen durch die Geburtsarena dribbelt und sich selbst lautlos applaudiert. Geheimnisvolle Vibrationen im Zwerchfellhimmel der Madonna offenbaren ihm das gleichzeitige Wachstum einer krummnasigen, plattfüßigen Zukunftsgefährtin, worauf er den Schicksalsschicker um Genreparatur oder ein stellvertretendes Brandmal bittet.
Allmählich spürt Klein Guido, dass er wie Blaualgen aufquillt und in räumliche Bedrängnis gerät. Vom Scheitel seines überdimensionalen Quadratschädels bis zur noch unverkästen Fußsohle misst er jetzt fünfundvierzig unrelativierte Zentimeter. Nachdem er vergeblich die Ellbogen gebraucht hat, um sich erneut Bewegungsfreiheit zu verschaffen, bleibt er schließlich koppheister im nachtschwarzen Uterustunnel stecken. Gefasst nimmt er die Lotos-Yogastellung ein und träumt von exzellenter Anwartschaft.
Plötzlich scheint es ihm, als seien ungeahnte Teufel los. Die Wände beginnen zu wackeln. Von allen Seiten fühlt er sich eingekeilt, gezerrt, gedehnt. Unsichtbare Gewalten schieben seinen Kopf wie zur Strangulation in den Halsring der Gebärmutter hinein. In angstvoller Wut möchte er schreien, aber das Bernsteinwasser des Amnions füllt knebelgleich seinen Mund. Auf Guidos Drei-Kilo-Körperchen schieben sich immer schwerere Bürden: Dreißig Kilo, vierzig Kilo, fünfundvierzig, sechsundvierzig (nicht mal beim Übergang zur zweiten kosmischen Geschwindigkeit braucht man sein zwanzigfaches Gewicht zu tragen), neunundvierzig, fünfzig Kilo … Anhalten! Aufhören! Gibt es denn gar keine Luke in dieser verdammten Gondel? Oh, könnte er als linksgewundene Kegelschnecke ins Freie kriechen und selbstschöpferisch König sein!
Er dreht sich. Vor Eintritt der Bewusstlosigkeit wird das verdrehte Menschlein buchstäblich ausgestoßen.
Der Doktor hebt es in die helle Höhe, findet es leblos und kümmert sich zunächst um die schwach atmende Mutter, die er liebt. Da tritt unhörbar der blaue Reiter in den Raum und nimmt das Kind in den Arm.
Zeitansage, 1. Jahr
29. Februar: Während dem praktischen Arzt und Geburtshelfer Dr. Theo Möglich in Paradies bei mittäglichem Glockengebimmel ein Sohn geboren wurde, orgelte der Vesuv und warf glühenden Dreck in Richtung des Golfes von Neapel. Synchron spießten die Zeiger auf dem Berliner Rathausturm eine goldene Zwölf auf, in den Zwiebelköpfen des Heiligen Basilius zu Moskau schlug es vierzehn, die No-Spieler von Tokio umtanzten zwanzig Magnolienblüten, und im New Yorker Singer-Building schnarchte der Sechs-Uhr-Wecker. Gleichzeitig wetteiferten im Nordischen Institut drei Atomphysiker miteinander, jeweils aus einem einzigen Auge wie schläfrige Krokodile die Mikrowelt anzuglotzen, weil sich nur auf diese Weise Ort und Impuls flitzender Strahlenstäubchen messen ließen. Konzentrierter Doppelblick hingegen ergab Unklarheit. – Auf der hauptstädtischen Rennstrecke startete unterdessen ein torpedoförmiges, geflügeltes Spezialauto, aus dessen Heck wie gebündelte Räucheraale zwei Dutzend Düsenstäbe herausragten. Nachdem der Steuermann die Rakete gezündet hatte, raste der Kraftwagen aus einer Dampf- und Gestankwolke auf die Zwei-Kilometer-Zielscheibe zu, an der er ein Rekordtempo von 230 km/h erreichte; außerdem einen Rekord der Betriebskosten, dreitausendmal über normal liegend. Dennoch halten es Experten für möglich, dass heute die Fortbewegungsart der Zukunft erprobt wurde.
Unschärferelationen
Zur Freude der Eltern benahm sich der Säugling korrekt und gemäß den Lehrbüchern in der väterlichen Bibliothek. Rund um die Uhr verpennte er zwanzig Stunden. Sobald er erwachte, protestierte er (tränenlos weinend) gegen sein Geworfensein in das Diesseits, bis er sich mit Klimmzug an eine heranflatternde Hand schmiegen konnte: Fabelhafter urmenschlicher Klammerreflex, erstaunlicher Fußgreifeffekt! Nun hüpfte der Knabe, zwischen dessen Schultern ein bienengroßes Muttermal prangte, wassertretend im emaillierten Heimteich oder züngelte hingebungsvoll an mütterlichen Papillen. Ein paar Tage lang sabberte aus seiner eigenen Brust etwas Milch, ohne ihn zum Selbstversorgertum anzuregen. Bisweilen gewann er den Trost traumloser Deltawellen, indem er aus der Daumenpraline Lethe lutschte und reibungsenergetischen Schotengeruch genoss.
In der siebenten Existenzwoche erfreute er seine Eltern durch eine tägliche Stimmband-Kräftigungsstunde. Das bescherte ihm die Erfahrung der Allmacht, denn infolge seines Geschreis belebte sich der halbmeterhohe, glockenförmige, schielend betrachtete Hohlraum über ihm. Saxofonähnlich quäkend schuf das Baby Gestalten. Wie fünffingrige Seesterne, Melonenquallen oder schnurrbärtige Riesenmuschelkrebse kamen Körperglieder angeschwommen, dazu das Lächeln, Küsse, das Streicheln und Laute verschiedener Tonfrequenz. Mit starkem Krakeelen konnte er Dinge beschwören und festhalten.
Bei Lustfahrten im Korbwägelchen (Vollballonreifen, Durchschnittsgeschwindigkeit 1 m/sec.) entdeckte Klein Guido, wie er seine mobilen Teile in den Bühnenhimmel zu schieben vermochte. Amüsiert betastete er seine Rumpfanhänge, Hände, Finger, Füße und Zehen, die sich selbständig zu machen schienen, ohne dass voraussehbar war, wann es wo strampeln, zucken und rucken würde. Obwohl der Junge unaufhörlich zappelte, ließen sich Lokalität, Wahrscheinlichkeit eines Impulses und Häufigkeitsverhältnis im Bewegungschaos nicht gleichzeitig bestimmen.
Manchmal nahm ihn die Mutter zu sich ins Bett, um ihm das Gefühl der Geborgenheit zu geben. Dort geschah eines Tages im Halbschlummer, was Martin Luther im Hohen Liede trefflich dolmetschte: „Er steckte seine Hand durchs Loch, und ihr Leib zitterte dafür.“ Als Frau Dagmar es ihrem Mann erzählte, lobte er lachend die ersten Anzeichen genialer Empfindungsart. Sie antwortete: „Wünsche es nicht! Auf Wunderkinder wartet meistens ein früher Tod.“
Zeitansage, 1. Jahr (Fortsetzung)
27. August: Die Metropole der Mode erwies sich an diesem Tage auch als Hauptstadt globaler Diplomatie. „Ewiger Friede“, sagten die Leute am Quai d’Orsay. Nachdem sie den Obelisken des furiosen Ramses gestreichelt und die Concorde-Brücke überschwemmt hatten, jubelten Knickerbocker-Herrchen und bubikopffrisierte Damen in knabenschlanker Garçon-Fashion den Politik-Harmonikern zu, die über eine Freitreppe ins Außenministerium trippelten. Die Silbermine des Pariser Regierungsthermometers kroch gerade bis zum 32. Querstrich der Celsiusskala empor. Punkt fünfzehn Uhr westeuropäischer Zeit versammelten sich die Ressort-Chefs im historischen Horloge-Saal, nahmen am hufeisenförmigen Tisch Platz und bewunderten die Vertragsmappe. Exzellent! Da lag ein typografisches Meisterwerk, auf vier handgeschöpfte Büttenseiten gedruckt und in goldverziertes Saffianleder gebunden. Während der französische Gastgeber die erfolgreiche Bemühung um internationale Aussöhnung pries, tropfte den Repräsentanten der Welt viel Schweiß in Cut und Zylinder, denn von Decken und Wänden strahlten acht Scheinwerfer und vierhundert Kerzen und brannten das Bewusstsein epochaler Wende in die erlauchten Köpfe ein. „Ächtung des Krieges für immer!“, rief der erwärmte Chef des Protokolls. „Toleranz-Esperanto! Nie mehr Streit zwischen uns! Ab sofort gilt das Evangelium des Friedens nebst Befehl an die Menschheit: Liebet einander!“ – Nun begann die Polonaise der erschöpften Delegationen, wobei das Hohe Kollegium jedes Autogramm handfeucht beklatschte. Mit schwarzer Dokumententinte signierten und besiegelten die Staatsmänner von fünfzehn Nationen das Glaubensbekenntnis zur Ewigen Güte. Emphatisch, triefnass und ein bisschen verträumt sangen Amerikaner, Kanadier, Engländer, Franzosen, Deutsche, Polen, Tschechen, Japaner, Australier und Südafrikaner im Chor: „Dona nobis pacem“. Da die Sowjets überraschend Sympathie bekundeten, sah Eirena mit dem Füllhorn plötzlich ein Drittel der Erde zu ihren Füßen liegen.
28. August: Im Goethemuseum zu Frankfurt am Main empfing Doktor Missopo einen berühmten Preis. Er steckte den Scheck des Freien Deutschen Hochstifts ins Brustfach seines Gehrocks, besah seine Remontoir-Uhr und empfahl dem andächtig lauschenden Publikum, keine Zeit zu vergeuden und chaotische Zeiten niemals zu dulden. – Sechs Wochen später begannen in Berlin die Hellen Nächte. Millionen Glühbirnen, bengalische Feuer und Lampions erfüllten die Goethe‘sche Forderung: mehr Licht!
In klassischem Geiste
Nach Meinung von Theo Möglich und Frau Dagmar war ihr Büblein in die beste aller Welten hineingeboren worden. Seit Kurzem lebte man also im gigantischen Universum auf dem einzigen Planeten mit vernünftigem Dasein: in heiterer Helligkeit, frei von Bedrohung, Krise und Krieg. Welche Hoffnung für die Völker und Klein Guido, dem fraglos beneidenswerte Entfaltungschancen offenstanden.
Auf mannigfache Weise suchte der Vater Dispositionen und Begabungen des Sprösslings zu ermitteln. Beim Abhorchen und Abtasten gewahrte er das erstaunliche Phänomen, dass Herz und Milz des Babys rechtsseitig rumorten, während sich die Leber aus verrückter Linkslage meldete. Der Medikus zweifelte keinen Augenblick an der höchsten Bedeutung dieses Naturwunders, zumal die Umkehrsymmetrie möglicherweise auf eine einzigartige Hirnstruktur mit rechtem Sprach- und Schreibzentrum schließen ließ. Nicht einmal Goethe, den man einst nach der Abnabelung „für tot“ befunden wie Guido, hatte eine derart elitäre Organbildung besessen! Hingegen traute der Vater dem klassischen Knaben zu, was er an seinem eigenen beobachtete, nämlich gewitzte Reaktionen bei Pinselstrichen über Augenbraue, Nase und Fußsohle, Kopfnicken in Richtung feiner Flötentöne und eine frühe Fähigkeit zum Aufblasen winziger Spucke-Luftballons. Als die Mutter vom angeblich gezielten Erkenntnislächeln sprach und es zu den Intelligenzleistungen zählen wollte, demonstrierte Theo, wie das Jüngelchen eine abscheuliche Faschingsmaske ebenso fröhlich anlächelte wie ihr Gesicht.
Fortan widersetzte sie sich energisch der Absicht ihres Mannes, das Kind episodisch in einer stummen Zone aufwachsen zu lassen. Er behauptete, wenn Guido keine nachahmenswerten menschlichen Laute vernähme, könne man von ihm eines Tages das Ur-Wort erwarten, das vermutlich Aufschluss gäbe über Sprache und Nationalität der ersten Hominiden. – „Rückständigkeit“, sagte Frau Dagmar verächtlich. Leider verhinderte ihr typisch weibliches Unverständnis die Durchführung des fabelhaften wissenschaftlichen Experiments, was den Doktor verdross, bis sich nach zehn Wochen ein anderes linguistisches Erlebnis anbot.
Der eingeborene Sohn begann zu brabbeln. Obwohl sich seine endlosen Lall-Monologe anfangs so anhörten, als sei er nicht ganz richtig im Kopfe, registrierte der unterscheidungswillige Vater bald eine erstaunliche Klangfülle. Er bemerkte nach- und nebeneinander Vokale, Labiale und Dentale, ferner französische Nasalgongs, englische Lispler, kanarische Pfiffe und sudanesische Schnalzer. Zusammen mit Delfinischen Klicks und hochkomplizierten Gurgel-, Schnupf- und Puptönen verfügte Guido bereits im sechsten Lebensmonat über ein beispielloses internationales Lautrepertoire.
Schließlich entwickelte er aus selbstimitatorischer Virtuosität heraus das Offenbarungswort: Dada. „Na also!“, riefen die Eltern entzückt und ergötzten sich an dieser ersten Manifestation modernen Künstlertums.
In den folgenden Tagen schaute der Knabe mit großen Forscheraugen umher. Gemäß der Goethe‘schen Sentenz von der Begehrlichkeit des „Unendlichen“ streckte er seine Ärmchen nach vorbeifliegenden Vögeln, Sonneninseln und dem Vollmond aus. – Infolge der allmählichen Verdoppelung seiner grauen Hirnmasse fühlte er sich seit der Nebelzeit dazu angeregt, rutschend und kriechend den Wohnraum zu vermessen. An Tür und Schrankwand vorbei robbte er wie durch die glasierte Ziegelschlucht einer altbabylonischen Prozessionsstraße. Jeder Aufblick eröffnete ihm kolossale Dimensionen, weshalb ihm Tisch- und Stuhlbeine erschienen wie Kiefernstämme im Teppichmoos und das Sofa wie ein flämischer Wallach. Über bunt gestreifter Leinenwand lugte ein goldgelber, hochnäsiger Kopf hervor, lustig anzusehen, weil er rumpf- und bewegungslos auf einer Art Brummkreisel thronte. Neben ihm stand plötzlich giraffenlang die Mutter. Sie kickte zwei Bauklötze, die Guido betastete und beroch, bevor er sie wie High-Hat-Becken ergriff und in schnellem Rhythmus gegeneinanderschlug.
Zum Winteranfang summierte Dr. Möglich den bisherigen Nahrungsverbrauch des Babys. Dabei fand er es bemerkenswert, dass außer Milch, Haferschleim, Zwiebackbrei, Zucker, Obst- und Gemüsepapp auch 10 Gramm Kinderpuder, 7 Gramm Erde, 2 Gramm Haare und ein Wäscheknopf zu bekömmlicher Verköstigung gedient hatten.
Zeitansage, 2. und 3. Jahr
24. Oktober: Als die Jobber und Clubmitglieder der New Yorker Börse am Abend ihre Geschäftsbücher prüften, gab es nichts zu summieren, sondern nur ungeheuer viel zu subtrahieren. Ei, verflucht: Schon bald nach Eröffnung der Corbeille waren bislang hochbegehrte Wertpapiere und Garanten der Weltwirtschaftsblüte hingeblättert worden wie Herbstlaub. Schwindelerregende Verkaufsaufträge und Baisse-Angriffe hatten zur vorsorglichen Verstärkung der Sicherheitswachen geführt. Mit Entsetzen beobachteten die Finanzmänner das Dahinschwinden des Aktienkapitals von General Motors, Radio- und United Steel Corporation. Der Ticker karikierte maschinelle Überproduktion, indem er endlose Zahlenschlangen ausspie und inflationär machte. Trotz blitzflinker Kursnotierungen verzögerten sich seine Kundeninformationen über die Marktlage immer mehr, bis der Rückstand zwei Stunden betrug und für nahezu jede Minute Rekordverluste von einigen Millionen Dollar auswies. Panik, Nervenzusammenbrüche, Raserei! Doch, Herrschaften, liebet einander! Infolge des raschen transatlantischen Absaufens von fünfzehn Milliarden Dollar breiteten sich die Wogen der Verzweiflung auch auf europäische Großbanken und Handelshäuser aus. „Nur einer kann uns retten“, sagten die christlichen Geldsäcke im Deutschen Reich, und am lautesten sagte es der „Retter“ selbst.
Im nächsten Spätsommer, 10. September: Die versammelten Leute im Berliner Sportpalast erwarteten weder Eishockeyspiel, Boxkampf noch Sechs-Tage-Rennen, sondern die Wundershow der Schowis. Violette Wandbespannungen, „Heiligen“-Bilder und gedämpfte Lichteffekte schufen eine Stimmung wie vor katholischem Messopfer oder theatralischer Gralsfeier. Mit einem Male flammten Jupiterlampen auf. Fahnenschwenken, Trommelwirbel und Fanfaren kündigten die närrische Hauptattraktion des Münchener Zirkus Krone an, den Boss Ahi, der im Redesport innerhalb einer Woche den Rekord von zwanzig dreistündigen Lall-Monologen aufgestellt hatte. Nach bejubeltem, forschem Erscheinen legte der Kehlkopfathlet seinen Feldherrnmantel ab und grüßte, wobei er die rechte Hand wie eine Fliegenklatsche schlenkerte. Dann feuerte er aus dem Terzerol einen Schuss ab und trat ans Mikrofon. Mit rau-gutturaler Stimme rief er: „Elendes Gesocks!“ – Am folgenden Morgen berichtete die nationale Presse, jede Losung sei mit „stürmischem Beifall“ bedacht worden. In der Tat beklatschte das Publikum die staunenswerte Begabung des Bosses, stundenlang Spruch an Spruch zu reihen und heilig-nichtssagend die Üppigkeit seines „Genies“ darzutun. Wie ein Hypnotiseur wiederholte er eindringliche Formeln: Schandbares Unrecht sei einem Volke geschehen. Schandbuben und vaterlandslose Verbrecher hätten die Ehre des Volkes verkauft. Wie ein Mann aufstehen müsse das Volk gegen „schurkische Ehrabschneider, Weltverjudung und bolschewistische Versauung“. Während Ahi diese Reizworte in die Menge schleuderte, trommelte er mit den Fäusten aufs Pult und gelangte auf einen Höhepunkt. „Attacke!“, brüllte er unvermittelt. „Zickezacke, Heil!“, schrien die Schowis im Chor. „Attacke – Zickezacke!“ Dreimal reproduzierte sich das erprobte rituelle Responsorium, in dem die Getreuen eine Weltkriegsreminiszenz des Erretters oder einen hochkünstlerischen Raptus vermuteten. – Kurze Verschnaufpause! In dem Bewusstsein, dass er sich an eine gebildete, poesie- und philosophiekundige Nation wandte, schmückte der Boss sein Marathon-Kolleg nun mit dichterischen Redeblumen aus. Unerschrocken charakterisierte er die „Kulturkotze“ der bestehenden Republik. Was denn die sogenannten Stars und Intelligenzfatzken des verkommenen Novembersystems vorzuweisen hätten? Nichts als Schweinereien! Stinkenden Romanrotz, üble Nuttendramen und hinterfotzige literarische Gemeinheiten über edelrassige Frauen und Familien. Das müsse anders werden, tobte Ahi und stampfte mit den Füßen. In einer von ihm geführten Regierung würden die Deutschen keine rechtlosen Hottentotten mehr sein, sondern Kämpfer. Infolge der Notwendigkeit kämpferischer Lebensbehauptung gäbe es keinen Unterschied zwischen Krieg und Frieden. Eiskalt müsse ein Revolutionstribunal Köpfe rollen lassen und unwertes Leben zum Gnadentod bestimmen. „Ausrotten!“, grölte er. „Attacke!“ – Vier Tage später wählten achtzehn Prozent des Volkes das verheißene Heil.
Der liebe Gott hat gepetzt
Während Guido auf dem Wallachsofa schaukelte, versuchte die Mutter, ihn für Lebensreize und die psychologische „Einübungstheorie“ zu gewinnen. Mit einschmeichelnden Worten reichte sie ihm Gummiring, Klapper, Klötzchen und Puppe, damit er sich sinnvoll beschäftige. Er nahm das Spielzeug behutsam von der linken in die rechte Hand und warf es nacheinander über die Lehne auf den Boden. Dada flog ins Dada und bestätigte den ersten Grundsatz der Thermodynamik. – Frau Dagmar hob die misshandelten Gegenstände liebevoll auf, streichelte sie und präsentierte sie erneut. Doch jedes Mal beförderte der Knabe das Dargebotene ungerührt und krachend zurück ins Nichtsein. Erledigt! Nun offerierte sie ihm ein Bilderbuch und zwei Münzen mit silbernen Reichsadlern. Scheinbar überrascht schaute Guido auf und prüfte Barschaft und Album. Dann verurteilte er alles zum freien Fall in die Zero-Tiefe. Ein unheimliches Benehmen! Offenbar übte er den Umgang mit der Dingwelt, indem er sie degradierte.
Theo fand das in Hinblick auf eine gewisse Philosophie sehr klug: Ob denn das kindliche Tun nicht genau das symbolisiere, was gescheite Erwachsene heute über das Dasein dächten? Die Mutter hingegen meinte, niemand könne es sich gegenwärtig leisten, Geld in die Gosse zu schütten. Um des Weiterlebens willen müsse man die sogenannte Wegwerfwelt wenigstens mit der Gier auf Neues betrachten. – Selten hatte sie ihren Mann derart unmanierlich lachen sehen.
Wenige Tage später erlebte sie jedoch die Genugtuung, dass sich Guido durchaus für seine Umwelt interessierte, und zwar auf dem Umweg über die Sprache. Da sich bestimmte Objekte beim besten Willen nicht wegschieben, bestimmte Antworten nicht schadlos verweigern ließen, begann er allmählich, über das universelle Dada-Hoheitsgebiet hinaus Bezeichnungen zu erfragen. Immerhin schien es nützlich zu sein, das eigene Subjekt, vertraute und fremde Personen, Auffälliges und Erwünschtes benennen zu können. Durch Fingerzeige und forschend-forderndes „Was?“ bemächtigte er sich zunächst einer Hundertschaft von Hauptwörtern, wodurch diese überraschend ihre Hauptsächlichkeit einbüßten und Dienst tun mussten in seinem Sprachgebäude. Er brauchte sie nur zu rufen, und sogleich bewies ihr promptes Erscheinen eine ihm rätselhaft verliehene Vollmacht. Das war komisch und verführerisch zugleich. Lange glaubte er an das fantastische Einerlei von Worten und Wesenheit, weshalb er recht viele Begriffe zu ergreifen suchte.
Die Sprachleine erwies sich auch als Orientierungshilfe, als er erste, torkelnde Schritte durch das Zimmerlabyrinth wagte. Auf An- und Notrufe kam jedes Mal ein beruhigendes, unterrichtendes Echo. Im Seemannsgang und bald in ekstatischem Tanz bewegte sich Guido an Stubenkulissen vorbei und in Möbelhöhen, um die dritte Dimension zu erkunden. Er drang buchstäblich vor bis zum Grunde des Hausrats. Geschwind wie ein Dieb räumte er Schubladen, Regale und Schrankfächer aus und fand enttäuschend begrenzte Leere. Papierkörbe und Mülleimer leerte er; Blumenvasen kippte er um; aus Kissen schüttete er Eiderdaunen; Bücherbände ließ er kurzweilig herunterpurzeln von Borden, deren Höhlen zum Hineinkauern und meditativen Studium des Nichts verlockten.
Da Frau Dagmar die lebhafte Praktizierung der Einübungstheorie und die Neuverteilung des Wohnungsinventars selten rechtzeitig gewahrte, bemühte sie sich, das Erkenntnisstreben ihres Sohnes zu zügeln, indem sie ihm das Märchen vom lieben Gott erzählte, der alles sehe. Guido erkundigte sich nach dem Aufenthaltsort des unerwarteten Aufpassers. „Ist er da drin? Oder dort?“ Obwohl der Himmelschef (nach Auskunft der Mutter) auf Erden ungefähr so herumflog wie Licht und Wind und aus Zimmerwinkeln duftete wie Dr. Möglichs Zigarrenrauch, vermutete der Knabe, dass sich Gott vor allem in jenem hochnäsigen, goldgelben Brummkreiselkopf über der Buchwand verberge. „Aber das ist doch Goethe!“, bemerkte Mama amüsiert. „Wenn dein Vater ein dickes Buch schreibt, baut man ihm vielleicht auch so ein Denkmal.“
Schon am nächsten Tag gelang es Guido, mittels Tisch und Sessellehne zum geheimnisvollen Aussichtsbrett emporzuklimmen und sich in schwindelfreiem Balanceakt dem glänzenden Haupt zu nähern. Hier oben konnte der heilige Spion nicht beiseite gucken, weshalb es glücken musste, ihm ein Taschentuch über die Augen zu werfen. Doch im letzten Moment passierte ein Malheur. – Als die Mutter den schweren Bronzegong hörte und alarmiert herbeilief, rief ihr das Büblein kleinlaut entgegen: „Ja, ja, nun hat dir der liebe Gott gepetzt, dass ich ‚Töte‘ runtergeschmissen hab.“
Die Regierung mit Gottes Hilfe bewährte sich nur vorübergehend, denn zu Beginn des dritten Lebensjahres machte Guido zunehmend Souveränitätsansprüche geltend. Hatte er bisher von sich gleichmütig in der dritten Person gesprochen, so übersprang er jetzt den zweiten Rang und definierte sich entschlossen als Ersten und Einzigartigen. Stolz entdeckte er sein Ich mit Ellbogen und dem Drang, anderes Ich zu verdrängen und zu bezwingen. Gewiss wusste er noch nicht immer, wo die Grenzlinien des Ichs lagen, aber genau wusste er, dass er das Wollen wollte und die Bekräftigung der absoluten Freiheit des Willens. Darum sagte er grundsätzlich zu allem nein, was nicht seinem eigenen Entschluss entsprang, und zwar sowohl zu anmaßenden Ess- und Schlafaufforderungen der Erwachsenen wie zu unerbetenen Zärtlichkeiten oder Naschgaben.
Um Begehrtes zu erlangen, Lästiges abzuwehren und Elternenergien durch seinen kapriziösen Willen zu blocken, bediente er sich einer probaten Methode. Falls die Mutter beispielsweise das schandbare Unrecht beging, den ihm zustehenden viertelpfündigen Schokolade-Tagestribut zu verweigern, oder nicht daran dachte, die Mahlzeiten den Erfordernissen seiner Spielpassion anzupassen, holte er tief Luft, und dann brüllte er los. Mit puterrotem Kopf schrillte er abwechselnd wie Gellflöte und Dudelsack, setzte das Schlagzeug der trommelnden Fäuste und stampfenden Füße in Bewegung und erreichte binnen Kurzem die respektable Lautstärke von achtzig Dezibel. Zur Unterstreichung seines sakralen Zorns biss er in den Teppich; jede Aufrichtung verhinderte er, indem er sich versteifte wie eine Gipsfigur. Oh, wie genoss er es, wenn Frau Dagmar ihn durch törichte Popoklapse oder gutes Zureden zur Räson zu bringen versuchte! Wie beseligend fand er ihre sanften Trost- und Begütigungssprüche, die ihn schließlich dazu bewogen, wieder „lieb“ zu sein! Infolge der Effektivität unterzog sich Guido der Mühe, den Trotztrick täglich bis zu dreißigmal zu produzieren.
Ungefähr nach fünf Wochen geruhte der Diktator, sich das eigene Schauspiel mal mit verteilten Rollen anzusehen. Er inszenierte folgenden Auftritt: „Mama, jetzt musst du sagen, dass du Kuchen essen willst.“ – „Ich habe gar keinen Hunger.“ – „Du sollst aber!“ – „Na schön, ich möchte Kuchen haben.“ – „Den kannst du nicht kriegen, verdirbst dir den Magen, es gibt gleich Mittagbrot.“ (Soufflierend:) „Nun musst du schreien und trampeln und aufn Tisch hauen, damit du doch kriegst.“
Frau Dagmar stutzte; parodistisch plärrte und lärmte sie. Der Bengel quiekte vor Vergnügen!
Leider verlor das Böckchendrama seitdem an Reiz. Die Eltern waren nämlich plötzlich so gemein, Konflikte zu vermeiden, indem sie mehrere Entscheidungen zur Wahl stellten und Wutanfälle gänzlich unbeachtet ließen. Welche Demütigung, nicht mehr alles wollen zu dürfen und sich aus Verbannungen brav in die Familiengunst zurückschleichen zu müssen!
Derartige Erlebnisse tragischer Vereinsamung führten dazu, dass Guido allmählich eine Welt nach seinem Wunsche schuf. Er bemerkte die überraschende Vielförmigkeit von Klötzen und Stöcken, die sich wispernd als Häuser, Bäume oder Wagen anboten und gleichzeitig wie Menschen redeten. Noch mehr gefiel es ihm, sich selbst zu verwandeln und mit Illusionen zu umgeben.
Unermüdlich unterhielt er sich mit „Daus“, einem Allzweckwesen, dessen Transformationen sämtliche Gesetze der Physik und Biologie außer Kraft setzten. Daus konnte zum Beispiel als fächerflossige Grunzgroppe in Papierschnipselgestalt durch das Wasser der Luft schwimmen und im Winter als Dampfvogel aus dem Mund flattern. Manchmal glich er einem Schopfgibbon, der sich an der Mittagstafel rekelte und viel ausgeschimpft werden musste, weil er ungezogen schmatzte, manschte und kleckerte. Ein andermal hopste er (stellvertretend für seinen untadeligen Herrn) mit schmutzigen Schuhen auf dem Sofa herum, oder er wusste die Angehörigen zu erfreuen, indem er Schlüssellöcher mit Brotkrümel verkleisterte und unpikierte Salatpflanzen zu Blumensträußen bündelte. Außerdem erfüllte Daus wichtige Beschützerfunktionen. Aus der Steckdose vermochte er, Funken zu sprühen wie eine Wunderkerze und Guidos Widersacher furchtbar mit „Totmachen“ zu bedrohen. Schließlich schwebte der hilfreiche Geist allnächtlich als undurchdringlicher achtäugiger Regenschirm über dem Bett des Schläfers.
Nach dem Erwachen stand der treue Begleiter sofort wieder zu Diensten. Er tat schön vor dem blondbeschopften Gebieter, den es heute danach gelüstete, aus tschibukartiger Strohhalmpfeife zu schmauchen, pantomimisch imaginäre Lakritze-Luftbonbons zu verspeisen und sich selbst in Luft aufzulösen. Während die Mutter rufend suchte, lief der zaubermächtige Knabe stundenlang mit Tarnkappe durch die Wohnräume, leise kichernd, himmlisch-heimlich und unsichtbar.
Nun lebte Frau Dagmar periodisch mit zwei Nichtexistierenden oder Versteckspielern zusammen, denn seit einigen Wochen sah sie auch Theo nur noch zu den Mahlzeiten. Wenn sie ihm die jüngsten Schelmenstückchen des Söhnchens schilderte, mimte er beiläufig Interesse, aber sie gewahrte, dass er weder auf die Kinderspäße achtgab noch auf ihre zarte Einladung, sich wieder mal „was Hübsches“ zu gönnen. „So?!“, sagte er abwesend. „Um sich die Lippen nass zu machen, muss man nicht küssen.“ Eilig entschwand er ins Arbeitszimmer.
Früher hatte sie geglaubt, seine desillusionierenden Reden bedeuteten eine Schutzreaktion gegenüber gefühlsmäßiger Ergriffenheit. Es konnte doch nur ein Medizinerulk und nicht sein Ernst sein, die Liebe als „vernunftwidrigen Fortpflanzungsmechanismus“ und „schlimme Krankheit“ zu bezeichnen, ausgelöst durch „liederliche“ innersekretorische Vorgänge beim Anblick sexueller Reizzonen! Aber neuerdings zweifelte sie bisweilen an seiner seelischen Empfindungsfähigkeit und der Bereitschaft, erotische Vergeistigungen anzuerkennen. Ob er etwa mit der laxen zeitgenössischen Moral übereinstimmte, mit dem Zeitungsgeschwätz vom Revisionsbedürfnis der Ehe und Kult des Nackten? Ob es gewagt gewesen war, diesen nahezu zwanzig Jahre älteren Mann zu heiraten?
Seltsame Grübeleien! Als sie ihn am Sonntagabend besorgt auszuhorchen versuchte, berichtete er zunächst ausweichend von einem sensationellen Artikel im Fachblatt. „Kürzlich“, sagte er, „wurde ein junger Assistenzarzt aus der Provinz entscheidend angeregt durch den Aphorismus: ‚Der sicherste Weg zum Herzen einer Frau geht durch die Vagina‘“ „Eine sehr virile Marginalie“, meinte sie.
„Bitte schön: Mein Kollege hielt Ausschau nach einem vergleichbaren schwarzen Kanal in seinen eigenen Innereien und erinnerte sich an die blauen, dünnwandigen Blutbahnschläuche. Kurz entschlossen anästhesierte er eines Tages seine linke Ellenbeuge, rief ‚Vena cephalica, öffne dich!‘ und schob einen geölten Katheter in Stromrichtung aufwärts: bis zum Schlüsselbein und dann, unter Selbstkontrolle vor dem Röntgenschirm, durch die obere Hohlader in die rechte Herzkammer.
Toll, nicht wahr?“
„Ja, gewiss! Und warum erzählst du mir das?“
Er blickte sie halb erstaunt, halb spöttisch an. „Gedenke des Alters“, antwortete er leise. „Vielleicht ergibt sich mal die Notwendigkeit, ein tugendsames Herz in beschriebener Weise mit Traubenzuckerbalsam beträufeln und auffrischen zu müssen. Im Übrigen hoffte ich, meine Probleme würden dich interessieren.“
„Wieso: deine Probleme. Hast du einen ähnlich gefahrvollen Unsinn vor?“
„Wie dürfte ich es wagen, mein Schatz! Trotz gelegentlicher Unaufmerksamkeit verstand ich, dass dir der liebe Gott vieles petzt.“
Sie lachte und fühlte sich ein bisschen durchschaut. Doch er missdeutete ihr Lachen und Fragen als Zeichen eines heiter-verblüffenden Mitwissens um seine geheimsten Ideen, weshalb er nach kurzer Pause erklärte: „Du kannst schon recht haben mit deinen Befürchtungen. Ich gäbe etwas darum, wenn ich ebenso verrückt zu experimentieren vermöchte wie der Mann aus der Provinz und etwas fände, was das Leben sinnvoller macht. Vermutlich müsste man es zu verlängern suchen. Wie? Das weiß ich noch nicht, obwohl bestimmt nicht durch Injektionen von Stierhodenhäckerle.“
„Um Himmels willen! Daran hast du gedacht?“
„Nein, nein! Ich wünschte mir nur genug Zeit zum Lesen und Überlegen. Der kleine Sprechstundenalltag befriedigt mich nicht mehr. Am liebsten hielte ich Sprechstunden ab für die ganze Welt, die heute dringend einen Herz-Arzt braucht.“
Inspektion des Universums
Mehrmals hatte er inständig darum gebeten, man möge ihn in Ruhe lassen. Doch da er ein berühmter Erfinder, Entdecker und Prophet war, glaubte die Öffentlichkeit, ein Recht auf sein Privatleben zu besitzen.
Als er eine Woche später in der stillen Schiffskabine der „Bergenland“ an die turbulenten Tage in der Metropole New York zurückdachte, standen ihm noch immer die gottlob unskalpiert gebliebenen Haare zu Berge. Ojemine, wie aufregend verlief die unscheinbare Erholungsreise eines Naturforschers!
Fürchterliche Erinnerung an Autogrammstunden, Empfänge, Reden an die Nation, Opernbesuche und Stadtrundfahrten. Menschengetümmel wie beim Triumphzug von Old Washington nach der Schlacht von Yorktown. Überall ein spürbares indiskretes Interesse, vermischt mit Sensationslust, weshalb es ihm Spaß machte, dass seine „alte Dame“ mit sichtbehinderndem Sombrero neben ihm thronte. Um die Bewunderer nicht zu enttäuschen, hatte er artistisch seinen schwarzen Filzhut in die Luft geworfen und jauchzend gedankt für Blumengeschosse, die ihm hart ums Haupt schwirrten. – Dann sein unbändiges Gelächter vorm steinernen Ebenbild und Reliefdenkmal an der Riverside-Kirche, wo ihn die Leute umdrängten wie einen Heiligen. Am liebsten hätten sie ihm wohl die bauschige, graumelierte Mähne ausgezupft und ins Reliquiar getragen wie seine ausgetretenen Schuhe, die ihn künftig in der „Halle des Ruhmes“ vertreten sollten.
Am schlimmsten trieben es die Publizisten, Bildreporter und Werbeagenten. Bis zu zwanzigtausend Dollar hatten ihm die verrückten Reklamechefs geboten für zehn Worte über seinen bevorzugten Whisky, Instant-Coffee, Tabak, Bubble-Gum, Deo-Spray oder Rasiercreme. Ungläubiges Staunen, als er seine unzivilisierte Geringschätzung für Bucks und „all diese Dinge“ bekundete. – Schließlich die Massenmeetings und Pressekonferenzen!
Frage: „Wie beurteilen Sie die Deutschen?“
Antwort: „Drollige Leute! Obwohl sie mich für eine stinkende Blume halten, stecken sie mich gerne ins Knopfloch.“
Frage: „Wie ernst nehmen Sie die Drohung der Schowis, beim Machtantritt verhasste Köpfe rollen zu lassen?“
Antwort: „Vorwiegend heiter. Sobald sich Deutschlands Magen füllt, dürften sich die Kassen des Bosses leeren. Ansonsten würde man binnen Kurzem wissen, wie viel mein Gehirn wiegt.“
Frage: „Rechnen Sie demnächst mit einem neuen Krieg?“
Antwort: „Nein. Falls nur zwei Prozent der Wehrpflichtigen die ‚Pflicht‘ verweigerten, besäße keine Regierung genügend Gefängnisse für das Heer der Friedensfreunde.“
Und so weiter und so fort! Meistens verzapften die Interviewer interrogativ Blödsinn, weshalb sie seine Foppereien nicht verstanden und auch nicht die Gegenfrage: „Warum lebt man?“ Heiter-hintergründig erklärte er ihnen: „Um Menschen zu erquicken, von deren Wohlergehen das eigene Glück abhängt.“
Nun fuhr der große Mann (dessen Längenausdehnung im unbeschleunigten Erdsystem allmorgendlich 176 Pariser Zentimeter betrug) als Zeitflüchtling in den Frieden maritimer und kalifornischer Entlegenheit hinein. Bald würde er ungestört den Garten Amerikas und die Wunder des Alls betrachten können. Trotz halber Kontinentumschiffung veränderten sich die Horizonte wenig. Es gab Ausblicke auf das Karibische Meer, auf grüne Küsten, die Bai von Habana mit Palmen und Lorbeerbäumen, die sechs Schleusen des Panamakanals und den ewigen Schnee der Sierra Madre. Als sich die Reisenden Ende Dezember bei Santa Margarita über den Wendekreis des Krebses bewegten, begannen die Wasser des Stillen Ozeans plötzlich zu brodeln. Wie dampfende Kessel oder sprühende Riesentorpedos schwammen hintereinander fünf Dutzend Wale vorüber, die sich auf dem Wege ins Mexikanische Sommerrevier befanden.
Nach knapp zwei Wochen lief der königlich-belgische Schnelldampfer „Bergenland“ in den Zielhafen von San Diego ein. Dort lag einst ein Stück Wilder Westen, und der naturliebende Passagier freute sich auf die provinzielle Stille. In Begleitung von Frau Elsa ging er beschwingt über den Laufsteg an Land.
Da bliesen Trompeter einen Tusch. Im Chor rief es: „Salut für den famosen Professor Einstein!“ Viel Volk strömte herzu. Stadtväter überreichten dem Hohepriester der Wissenschaft Chrysanthemen und einen Begrüßungstrunk. Mit der finsteren Entschlossenheit von Kannibalen umringten ihn Journalisten, die ihre Mikrofone wie Schlagstöcke unter seine Nase schoben und ihn zur Rede stellten.
Stimmengewirr: „Wie gefallen Ihnen die ‚Staaten‘? Lieben Sie Coca, Blues, Lumberjack? Vielleicht einen bestimmten Frauentyp? Was halten Sie von Blondie und Cinema? Finden Sie Berühmtsein schön? Gibt es einen lieben Gott? Erklären Sie bitte in einem Satz die Relativitätstheorie!“
Während die „alte Dame“ erschrocken konstatierte: „Nun sind wir aus dem Wolkenguss in den Wasserfall gekommen“, holte Einstein bekümmert seine Geige aus dem Kasten: Auf dem sonnigen pazifischen Pier spielte er seine Violinpartie aus der Kleinen Nachtmusik.
In einer reservierten Ford-Limousine fuhren die Gäste eilig weiter nach Los Angeles, wo sie im Vorort Pasadena in einem hübschen Bungalow Wohnung nahmen. Obwohl der Gelehrte seit mehr als zwei Lustren überall ungewöhnliches Aufsehen erregte, fühlte er sich durch das Gegaffe noch immer stark belästigt. Andererseits sah er nicht ein, weshalb er sich irgendwelche Zurückhaltung auferlegen sollte, ja manchmal verstärkte er schelmisch die öffentliche Aufmerksamkeit. Zum Beispiel lud er im modernen Selbstbedienungsladen kiloweise frische Erdbeeren und Honiggläser ins Einkaufswägelchen, oder er spazierte in Shirt und Leinenhose durch die Straßen und leckte ungeniert an Eiswaffeln. „Ich stehe Modell“, sagte er.
Bereits am zweiten Tage des Aufenthalts rollte er im Caltech-Chevrolet auf langer, gewundener Chaussee ins gebirgige Amphitheater hinauf, um sich in 1 700 Meter Höhe das größte Spiegel-Schauspiel der Erde anzugucken. Die Mitarbeiter des Mount-Wilson-Observatoriums empfingen den prominenten Ankömmling sehr respektvoll. Dieser schon mit fünfzig Jahren legendenumwobene Mann war für die meisten von ihnen gleichsam ein verkörpertes Energie-Gesetz, der spekulative Weltgeist in Person, und einige Verehrer fürchteten, dass sie seinen wissenden Blick nicht zu ertragen vermöchten. Auch der Chefastronom hatte ein wenig Lampenfieber, doch in Gedanken an ein erprobtes Besuchsprogramm blieb er äußerlich ruhig. So schlug er gleich nach dem Begrüßungszeremoniell einen Rundgang durch die technischen und wissenschaftlichen Einrichtungen des Instituts vor.
Überraschend antwortete Einstein: „Wozu? Das Sichtbare kann ich mir denken. Erzählen Sie mir lieber vom Unsichtbaren, wobei wir vielleicht wie chinesische Mönche ein bisschen Tee süffeln sollten.“
Im Studierzimmer holte der Gast eine quirllange Tschibukpfeife hervor, ohne sie anzurauchen. Der Himmelsforscher bemerkte erfreut ein gemeinsames „Laster“, zückte seinerseits eine Shagpfeife und bot „prima Virginia-Tabak“ an. Aber Einstein schüttelte den Kopf. „Ich darf nur noch am Mundstück nuckeln wie ein Säugling“, erklärte er mit sanfter, zarter Stimme. „Seit dem Kreislaufkollaps von Anno 28, bei dem ich beinahe abnippelte, überwacht mein Weib peinlich die Einhaltung eines gewissen ärztlichen Gebots. Dankenswert, nicht wahr? Nun werde ich sicher noch die Anerkennung meiner fraulicherseits geschätzten Leistungen als Öffner diverser Konservenbüchsen erleben, denn bisher habe ich mich leider nur als Physiker halbwegs durchgesetzt.“
Der Astronom lachte und sah wohlgefällig zu, wie die Sekretärin den Tee servierte. Vom Nachbartisch holte er einen Stapel charakteristischer Spiralnebelfotos herüber. Da sagte der Besucher unvermittelt: „Der gekrümmte Raum?“
Ein Weilchen schwieg er, weshalb sich der Sternkenner angesprochen fühlte und eine vorsichtige Mitteilung versuchte. „Wir haben uns sehr bemüht, den von der Allgemeinen Relativitätstheorie postulierten kurvenartigen Flug des Lichts im Weltall zu erweisen. Doch es ist ungeheuer schwierig, in den bis jetzt überschaubaren himmlischen Bereichen sphärische und euklidische Geometrie zu unterscheiden. Trotz der Genialität Ihrer Vorstellung von den in Gravitationsfeldern gebeugten Lichtstrahlen, die nach einer Rundreise von fünfzig Milliarden Erdjahren zum Ausgangspunkt zurückkehren sollen, scheinen unsere jüngsten Beobachtungen auf eine andere Struktur hinzudeuten. Könnten wir nur erkennen, was in den fernsten Fernen liegt!“
Einstein antwortete nicht, sondern rührte nachdenklich mit dem Löffel in der Teetasse. – Der Astronom wagte keine Störung der ehrfurchtgebietenden Meditation des Gastes, der die hohe Stirn runzelte und mit großen, rehbraunen Augen auf das dampfende Getränk starrte. Seltsam, wie sein bauschiger, silbersträhniger Haarkranz das unausgeprägte Hinterhaupt kaschierte. Plötzlich verkündete der Gelehrte mit verschmitztem Gesichtsausdruck: „Wunderbar, wie die Reibung am Tassenrand den Wirbel bremst und die Teekrümel akkurat in die Mitte des Heißwasserspiegels strudelt!“
Während der Himmelsforscher überlegte, ob es sich um eine bewusste Clownerie des berühmten Mannes handelte, fuhr jener unheimlich assoziierend fort: „Wie soll ich wissen, was sich hinter der Lichtbarriere verbirgt? Wahrscheinlich weder Zeit noch Raum, obwohl Raum-Zeit ins Nichts hineinwächst. Aber natürlich verstünde ich gern mehr davon. Euphemistisch gesprochen, möchte ich die Gedanken des ‚Ur-Alten‘ kennen, Seine metaphysische Mathematik, Wesen und Größe des Universums und die Architektur des Alls. Sehen Sie!“ (Er knautschte die seitlichen Sakkotaschen im Rücken zusammen und demonstrierte:) „Vielleicht gleicht die Milchstraße unserem Rückgrat und das Sterngewölbe den Rippen.“
„Ein lustiges Bild“, bestätigte der Astronom. „Aber da sich die Sterne weder quasistatisch verhalten noch heben und senken wie der Brustkorb, fände ich es anschaulicher, an einen Luftballon zu erinnern. Wenn es im utopischen Experiment gelänge, eine transparente Hülle allmählich bis zu acht Kilometer Durchmesser aufzublasen und darin in je fünfzehn Meter Abstand Tennisbälle herumfliegen zu lassen, ergäbe das ebenfalls ein Modell vom Kosmos und den Vielmillionen außergalaktischen Nebeln.“
Einstein schlug sich vergnügt auf die Schenkel. Mit einem Male griff er nach dem „Virginia“-Kästchen, stopfte den Tschibukkopf und zündete den Tabak an. „Oh, mein Weib!“, seufzte er. Dann lehnte er sich behaglich schmauchend in den Sessel zurück und stellte eine Reihe jungenhafter „Warum?“-Fragen. Schließlich: „Wie schnell fliegen eigentlich die Bälle in Ihrer Riesenseifenblase?“
„Sehr unterschiedlich, verehrter Herr Professor. Je weiter sich die Weltinseln vom Zentrum des Urknalls entfernen, desto größer ist ihre heute berechenbare Geschwindigkeit. Wenn Sie einen Blick auf diese Fotoplatten werfen wollen? Beispielsweise dürfte ein bestimmter Großer-Bären-Nebel in 500 Millionen Lichtjahren Entfernung mit einem Tempo von 15 000 km/ sec. entfliehen, die Zwillings-Galaxis auf Distanz von 700 Millionen Lichtjahren mit Tempo 24 000 km/sec. und der Bootes-Haufen sogar mit 40 000 km/sec., wobei wir im Spektrum Strahlung einfangen, die ungefähr eine Milliarde Lichtjahre unterwegs war.“
„Fantastisch!“, rief der Besucher. „Sie jonglieren ja mit Zahlen, als ob Sie in Gottes Logbuch geschmökert hätten! Erlauben Sie mir jedoch die Ketzerei, dass mir Ihre Dezimalstellen und Nullen ein bisschen so vorkommen, als spielten wir deutsche Inflation oder Mückenzählen in der Sommernacht.“
Der Astronom erwiderte: „Gewiss sind Daten aus Sternenlicht nicht immer eindeutig. Aber möchten Sie sich nicht selbst ein Bild davon machen?“
Um 19 Uhr Pacific Standard Time betraten die beiden Forscher die Kuppelhalle des Observatoriums. Inmitten eines parabelförmigen Stahlgerüsts befand sich an einer pfeilermächtigen Rahmenmontierung der Gittertubus des Teleskops mit dem singulären Zweieinhalb-Meter-Rundspiegel. Der Hausherr hievte den Gast in den Drehsessel vorm Okular und erläuterte am Instrument die Methoden der Beobachtung, Spektrografie und Deutung von Absorptionslinien. Mittels Räderwerk richtete er das Fernrohr auf gut erkennbare kosmische Objekte: Andromeda-Nebel, Galaxien im Pegasus und in den Fischen… „Ja, ja“, sagte Einstein. „Ich schwelge in Lichtjahren und kann mir Weiteres denken. Wissen Sie, auch wenn Ihre Proportionskonstante viel zu hoch oder viel zu niedrig sein sollte, fasziniert es mich, von Welten zu hören, die etwa ein Siebentel der Lichtgeschwindigkeit erreichen. Falls Ihnen ein noch tieferer Vorstoß in die vierte Dimension und den siderischen Raum gelänge, müssten die Nebel dann nicht irgendwann und irgendwo so schnell fliegen wie das Licht selbst? Freilich erhielten wir von dort keine Signale mehr. Und nun stellen Sie sich vor, wie Sonnensysteme gleich Feuerwerkskörpern vom Pariser Arc de Triomphe nach allen Seiten auseinanderflitzen, sich beschleunigen und am Ende in die Unendlichkeit schweben.“
„Ich bin kein Theoretiker“, bemerkte der Astronom leise. „Doch würde ein derartiger Exodus nicht zur Verarmung der Materie im Endlichen führen?“
Da schaute ihn die Zelebrität mit schalkhaft blitzenden, großen Augen an und entgegnete: „Und wenn es eine Wiederkunft gäbe? Vielleicht vermag zerstrahlte Energie zu kondensieren und aus der Unsichtbarkeit des Nichts ins Sein zurückzufinden. Oh, Einheit der Vielheit! Möglicherweise sind alle universellen Vorgänge nur Veränderungen im Aufbau und Kombinationsrhythmus des Ur-Feldes, in welchem sich die Universalität elektromagnetischer und gravitierender Kräfte offenbart. Deshalb müsste eine logische, symmetrische und ästhetische Weltformel denkbar sein, die für den Mikrokosmos ebenso gilt wie für den Makrokosmos, für statistische Quantenmechanik ebenso wie für die Kausalität der Gestirnsphäre, kurzum für die Totalität jeder raum-zeitlichen Existenzform.“
‚Welch erhabener Auftritt!‘, dachte der Himmelsforscher. Er hörte Albert Einstein zu, der von der Drehbühne aus mit sanfter Stimme über die Geheimnisse des Alls dozierte, bärtig, bauschhaarig und rundäugig wie der liebe Gott.
Ein paar Etagen tiefer
Schade, dass die Augsburger Reporter nichts von den kosmischen „Modell“-Vorstellungen des kalifornischen Chef-Astronomen wussten! Sonst hätten sie den geschätzten Lesern sicher die unmittelbar bevorstehende Blas-Geburt des ersten Gummiuniversums oder einer Trojanischen Himmelsmilchkuh angekündigt. Vielleicht gar einen Mondflug? Aber auch ohne futurologische Anregung besaßen die Unterhaltungskünstler von der Presse selbstverständlich Fantasie genug, ein vorbereitetes wissenschaftliches Abenteuer wirksam ins Gespräch zu bringen. Im Preisausschreiben für die schönste Schlagzeile gelangten in die engere Wahl:
Todesflug ins Vakuum? Himmelfahrt zweier Draufgänger am Mittwoch nach Pfingsten. Prof. Piccard will Aufstieg ins elektrische Potential wagen. Werden Mörderstrahlen die Kabine der Höhenforscher durchlöchern?
Obwohl der „tollkühne“ Professor die feinen Formulierungen der Zeitungsdichter als „dussliges Gequatsche“ bezeichnete (und damit ein bedauerliches Unverständnis für publizistische Volkstümlichkeit bewies), erhielten Mit- und Nachwelt dennoch zuverlässige Kunde: Wie die Baumwollhülle in der Morgendämmerung des 27. Mai zeltplanähnlich ausgebreitet wurde, insgesamt 2 600 Kubikmeter Wasserstoff zu schlucken bekam und sich in den Bodenfesseln aufbäumte wie das Theatergespenst des alten Hamlet oder ein fabelhafter Buckelwal. Nachdem die beiden Männer in die hermetisch verschließbare Kugelgondel hineingeklettert waren, frischte um 3 Uhr 57 MEZ plötzlich der Wind böig auf und riss den Ballon von den Haltegurten los. Aus den Mündern von siebzig prominenten Frühaufstehern und anderthalbtausend Zaungästen ertönte ein langgezogenes Ah!
Auguste Piccard reckte seinen Lamahals und guckte aus enzianblauer Iris durch Rundrahmenbrille und Kabinenbullaugen: Menschenpünktchen, Spielzeughäuser, geometrische Ackerflächen, Kumuluswolken. In kehligem Schwyzerdütsch konstatierte er: „Bhütis, wir flügen! Wir flogen ab ohne Startzeichen. Nun haben wir kurzi Zyti.“
Gegen die Aluminiumwände des Himmelslabors paukten die schwebenden Taue des befreiten Ballons. Im Raum rauschten die Sauerstoffflaschen. Da zischte es neben der Bodenluke, worauf der Professor den Schuderheuel seines eins-Komma-zwoundneunzig hohen Scheitels durch Kniebeuge auf Halbstock brachte. Mit echsendünnen Fingern versuchte er, einen elektrischen Sondenträger durchs Zugloch auszuführen, wobei ihm jedoch das Röhrchen zerbrach und Argentum vivum niederperlte. Nur mühsam konnte er die Öffnung mittels Kautschukzapfen verstopfen. Kaum war das geglückt, als Assistent Kipfer auf Luftdruckabfall und leises Pfeifen aufmerksam machte. Vereint suchend, fanden die Herren in der hinteren Gondelwand einen kleinen Riss, den Piccard mit Textilfäden und Vaselinecreme abdichtete. „Hoppla“, sagte er. „Journalisten sind öppe ahnungsvolle Leute.“
Nun prüfte er Uhr und Barometer und erstaunte. Obgleich der Aufstieg erst vor einer halben Stunde begonnen hatte, stand die Quecksilbersäule bei 80 Millimeter fest. Demnach musste der Ballon so schnell wie ein guter horizontaler Kurzstreckenläufer vertikal in die Stratosphäre emporgeschossen sein, nämlich mit der Durchschnittsgeschwindigkeit von 9 m/sec. Aus der bisher unerreichten Rekordhöhe von 15 500 m schauten die auf Körben sitzenden Forscher nach oben und unten und gewahrten: schwarzblaues Firmament mit praller Aerostatkugel, kontrastarme Landschaft, Alpakaband des Lechflusses, Alpengipfel und in Richtung der fernen Adria eine Dunstglocke. Nach kurzer Überlegung entschlossen sie sich dazu, Ballastschrot abzuwerfen und noch einen halben Tausender weiter zu steigen. Während draußen das Barometer allmählich auf 76 Merkurius-Millimeter absank, machte sich drinnen eine sehr lästige Zunahme der Luftfeuchtigkeit bemerkbar. Zwar wurde das ausgehauchte Kohlendioxyd durch Kalipatronen absorbiert und der Sauerstoff aus Sprühkanistern künstlich ersetzt, doch der Atemdampf schlug sich an Kabinenwänden und Apparate-Isolationen nieder und beeinträchtigte die Funktionstüchtigkeit der Instrumente erheblich. Das vorgesehene wissenschaftliche Programm ließ sich jetzt kaum noch erfüllen. Lediglich der Geiger-Müller-Zähler tickte unablässig und zeigte ionisierte Strahlung an. – Als die Gondel in den Einfallswinkel der Sonne geriet, schob sich die Silbermine des Thermometers rasch auf 32 Grad empor, weshalb Piccard Vorbereitungen zum Abstieg traf. Um 9 Uhr 45 griff er zur Manövrierleine, um im Zenit des Ballons ein Ventil zu öffnen. Aber das Seil ließ sich nicht bewegen oder niederholen, so oft er auch daran zog. Das hatte er in knapp zwanzigjähriger Flug- und Forschungspraxis noch nie erlebt!
„Donnstigs, wir sind Gefangene der Luft“, erklärte er. „Es gibt keine Möglichkeit zur Steuerung mehr. Uns bleibt nur abzuwarten, ob der Aerostat seine Allmacht ausnutzt und uns ins Jenseits entführt, oder ob er gnädig verfahren will. Am besten stellen wir uns erst mal auf Sauna-Verhältnisse ein.“
Da die Temperatur inzwischen 38 Grad maß, legten die beiden Männer Jacken und Hemden ab, wobei der Professor einen Augenblick zögerte, seine milchweiße, unbehaarte Brust zu entkleiden, bis er bemerkte, dass sich auch Kipfer nicht mit „männlicher“ Mähne zu brüsten vermochte. Im Verpflegungsbeutel suchten sie vergeblich nach Erfrischungsgetränk; offenbar war die Korbflasche vergessen worden, weshalb sie Brot, Hirsebrei und Äpfel trocken hinunterschlucken mussten. Um den Durst zu lindern, leckten sie Kondenswasser von der Aluminiumwand ab.
Bei alledem gelang es dem jungen Assistenten nicht, seine Erregung zu verbergen. Piccard drehte seine Zeigefinger wie Lockenwickel, ermahnte zur „Haltung“ und dozierte, dass keinerlei Gefahr bestünde, solange der Sauerstoffvorrat reiche, was bei ruhigem Verhalten bis zum Abend der Fall sein dürfte. – Bald darauf boten die Luftschiffer ein denkwürdiges Bild: Mit entblößten Oberkörpern und leicht vorgebeugten Schultern saßen sie einander Knie an Knie gegenüber und spielten Schach. Von den Stirnen tropfte Schweiß, weshalb die Herren ihre Hemden als Wischtücher gebrauchten oder behutsam wie große Fächer hin und her schwenkten. Infolge ihres eingeengten Aufenthaltsraumes von zwei Metern Durchmesser bereitete es ihnen Vergnügen, wenigstens auf dem Karobrett die Läufer, Springer und Türme zügig zu bewegen. Trotz des hochkonzentrierten Figurenturniers (bei dem der ermutigte Kipfer meistens gewann) versäumte es Piccard nicht, pünktlich im Abstand von fünfzehn Minuten Umschau zu halten und festzustellen, dass sich der Ballon noch immer in 15 500 m Höhe befand, wo er seit den Frühstunden am Himmel aufgehängt schien und unmerklich driftete, während draußen 50 Minusgrade und drinnen 40 Plusgrade herrschten.
Um die Mittagszeit geriet der Kugel-Cockpit, der zum Glück dichthielt und sich als Druckausgleichskabine der Zukunft empfahl, in den Schatten des Aerostaten, wodurch sich die Hitze allmählich verminderte. Später entwickelte der Professor seinem Assistenten die Idee, eine vergleichbare, gut temperierte Tiefseegondel mit Ballastschleusen und Regulierventilen zu bauen. Taucherfahrt zum Grunde des Ozeans! Ferner erörterte er, wie kosmische Strahlen gegebenenfalls auszunutzen und Elemente anzuregen seien, einen Teil ihrer atomaren Kräfte abzugeben. Das würde die gesamte Weltwirtschaft verändern, wobei Kohle und Erdöl nur noch geologisches Interesse hätten. Dann stünden sicher auch Energien zur Verfügung, um ein Luftschiff in erwünschter Weise zu manövrieren.
„Warum fallen wir nicht?“ Musste sich das tragende Wasserstoffgas nicht längst in der Kühle des Raumes zusammenziehen? Welche Erfahrung galt eigentlich noch in diesen bisher unerfahrenen Dimensionen? Vielleicht würden auch die Sauerstoffspeicher schneller aufgebraucht als berechnet? Schlimme Überraschungen, dachte Kipfer. Ursprünglich hatte man jetzt gemütlich am Starnberger See dinieren wollen, und nun schwebte man schon einen halben Tag lang scheinbar reglos in der Stratosphäre! Unheimlich sachte vergingen die Stunden. Ob möglicherweise das Barometer nicht mehr funktionierte, weil es sich fast gar nicht rührte?
Sechzehn Uhr, siebzehn, achtzehn, neunzehn Uhr … Die Sonnen-Tomate rollte die Himmelsböschung zum Westhorizont hinab; zwischen Schäfchenwolken hüpfte der Mond wie Eidotter. Erst als das solare Licht gegen zwanzig Uhr in den Glarner Bergen verglühte, begann der Ballon plötzlich zu schrumpfen und zu sinken. Innerhalb weniger Minuten verdoppelte sich der Luftdruck, weshalb sich Assistent Kipfer erschrocken einen bienenkorbähnlichen Schutzhelm überstülpte. Von dem Augenblick an gefiel es Professor Piccard, Kaltblütigkeit zu demonstrieren. Er holte eine Stabtaschenlampe aus der Joppentasche, hielt sie wie ein Mikrofon vor den Mund und sagte: „Gottwilche, liebe Zuhörer der Nachwelt! Möge es gelingen, die Schwingungen meiner Stimme hörbar zu machen, damit Sie narrochtige Kunde erhalten von zwei Aeronauten, deren Gondel gegenwärtig auf die Erde stürzt. Gewiss könnten wir die Geschwindigkeit durch Ballastabgabe bremsen, doch da unsere Sauerstoffflaschen nahezu leer sind, dürfen wir keinen Dilldopp riskieren. Darum lassen wir uns widerstandslos fallen. In 4 500 m Höhe haben wir soeben die Bodenluke geöffnet; aus Spaß sende ich ein paar Blinkzeichen aus. Im Mondlicht erkennen wir unter uns eine hochalpine Landschaft mit Schneegipfeln, Zacken und Steilwänden. Wenn ich nicht irre, sind unsere Chancen wäger ausgezeichnet, an einem Felsen zu zerschellen oder in einer Gletscherspalte z’Platze zu kommen. Hurra, wir plumpsen! Hinein in die Flühe oder die Eislawine! Adieu, geschätzte Nachwelt!“
Ein langer Arm zog die Reißbahn auf. Dumpfer Gong beim Aufprall. Drei Sprünge der Kugel, in der alles durcheinanderwirbelte. Zusammensacken des Ballons. Absolute Stille.
Nach einem Weilchen reckte Piccard hinterm Sandsack seinen Lamahals und konstatierte: „Sanfte Landung. Und Sie sind ein Held, Kipfer!“
Zeitansage, 4. Jahr
1. April: Während das Statistische Bundesamt mitteilte, dass die Vereinigten Staaten nunmehr in New York, Fifth Avenue, ein 381 m hohes, höchstes Gebäude der Welt besitzen und ferner von 35 Millionen Automobilen der Erde allein 27 Millionen ihr bekömmliches Kohlenoxyd auf amerikanischen Straßen verströmen, gab der Kaiser a. D. von China seinen Entschluss bekannt, bald als Opernsänger zu debütieren.
15. Mai: Im Vestibül des neuen Bolognesischen Theaters erging an Arturo Toscanini das Gebot: Vor dem geistlichen Konzert ist der Canto dei fascisti zu spielen. Als sich der Dirigent mit der Begründung weigerte, kein echter Künstler könne politische Vorschriften oder Einmischungen dulden, wurde er durch Ohrfeigen und einen harten Jab über neurömisches Recht belehrt. Seitdem befindet er sich in Sicherheitsverwahrung von achtzehn Kriminalisten und vier Karabinieri.
12. Oktober: Bei einem Kameradschaftstreffen der Aufrechten in Harzburg versprachen die Bankiers eine Verzögerung der wirtschaftlichen Neubelebung, damit die Schowis demnächst als „Bezwinger der Krise“ und „Retter der Nation“ auftreten könnten. Ahi nahm großzügig ein Finanzpaket in Empfang und versprach seinerseits: a) den Konzernherren die rücksichtslose Bekämpfung der Gewerkschaften, b) den Gewerkschaften die rücksichtslose Bekämpfung der Konzernherren, außerdem höhere Löhne und Frieden, c) den Militärs ehestens lohnenden Krieg, d) allen bisherigen Verlierern den Sieg des Volkswillens über rekordsüchtige Dollarplutokratie und jüdisch-bolschewistischen Internationalismus. „Attacke!“, rief der Boss. „Entweder wählt ihr mich – oder das Chaos.“
‚Er ist das Chaos‘, dachte Dr. Möglich am nächsten Morgen bei der Zeitungslektüre.
Märchenstunde im Zwischenreich
Eines Tages entdeckte Guido, dass seine Mutter schön war. In der Tat hatte Frau Dagmar blonde Haarlocken und helle Augen, über die sich beim Herniederschauen große Lider wölbten. Im Übrigen aber besaß sie eher strenge Gesichtszüge: ein ovales Antlitz mit leicht vorspringenden Wangenknochen und eine schmalrückige Nase. Dem Kinde erschien die Mutter nicht nur schön, sondern zugleich lieb wie eine Fee, die alle Wünsche erfüllte, und am meisten gefiel es Guido, wenn sie ihm Geschichten erzählte. Dann durfte er auf ihrem Schoß in der Kuschelecke unter dem Busen sitzen und hören, dass „einmal sieben Zwerge“ waren.
„Diese Zwerge“, erklärte Frau Dagmar, „luden vor vielen Jahren einen spielenden Knaben dazu ein, in ihrem Reich bei einem dreitägigen Fest etwas vorzusingen. ‚Das ist gar nicht lange‘, dachte der Junge und hüpfte zusammen mit den Knirpsen in eine Karussellgondel. Jetzt begann sich das Karussell schnell und immer schneller zu drehen, während er immer kleiner und die Gondel immer größer wurde. Ehe er sich’s versah, verwandelte sich der Raum in eine Liliputstadt, in der es keine Nacht gab, sondern nur blinkendes Licht und hunderttausend Wichtelmänner. Sie freuten sich, als er ihnen alle Lieder vortrug, die er kannte. Nachdem er gesungen, eine Menge Eierkuchen und Pudding gegessen und dreimal geschlafen hatte, schenkten ihm die kleinen Leute einen Korbwagen voll Gold, bremsten das flinke Riesenrad und ließen ihn just an seinem Spielplatz aussteigen. Aufgeregt lief er ins Haus, wo ihm eine alte Frau begegnete und ihn fragte, wer er sei. Das wunderte ihn, bis sie beide ausrechneten, dass er nicht drei Tage, sondern dreißig Jahre im Geisterreich gewesen war.“
Nach diesem Märchen wollte Guido gewöhnlich noch die Erzählung vom König hören. „Ja, der König“, sagte Frau Dagmar. „Er machte den ganzen Tag lang nichts anderes als Zeitungslesen, Papierbekritzeln und Kuchenessen. Da er nur sich selbst liebte, lebte er ganz allein in den vielen Zimmern des Palastes. Um die Mittagszeit trippelte er in den Empfangssaal hinüber, wo ihn seine Höflinge und Soldaten mit Fahnen, Trommeln und Trompeten begrüßten. ‚Allmächtig und gnädig bist du, o Herr!‘, riefen sie dem Gebieter entgegen, der als Hoheitszeichen eine große Fliegenklatsche trug. Misstrauisch schritt er die Versammlung ab, beschnupperte seine Gefolgsmänner und klatschte jeden platt und tot, der nicht richtig roch. Nun hielt er eine lange Schimpfrede und befahl, ihm Denkmäler zu bauen und in den Heiligen Kampf zu ziehen. – Während der König wieder Zeitung las, Papier bekritzelte und Kuchenkrümel leckte, reckten seine Getreuen die Nasenspitzen wie Rüssel über die Köpfe, beschnüffelten alle Leute und schossen mit Feuerspritzen auf jeden, der nicht richtig roch. Weil es so viele Andersriechende gab, herrschte jahrelang Krieg im Lande. Manchmal brachten die Krieger Gefangene in die Stadt. Darunter befand sich einmal eine schöne Maid, die am Geburtstag des Regenten ihr goldenes Haar opfern sollte, weshalb sie sehr weinte. Doch es gelang ihr, heimlich einen geflügelten Boten zum Prinzen Wendehals zu schicken, der plötzlich auf dem Schlosshof landete und die Feuerspritzen der Palastgarde auspustete. Im Thronsaal schimpfte der König fürchterlich über Verräter und Eindringlinge. Er schlug mit der Fliegenklatsche wütend um sich, aber Wendehals lachte und streckte ihm die Zunge heraus, an der die Majestät schließlich festklebte. Mit einem Male verschwand der ganze Spuk, und der Retter konnte das befreite Mädchen heiraten.“
Die Mutter wusste noch viele fabelhafte Geschichten: zum Beispiel vom wandernden Taler auf dem Jahrmarkt oder von einer Grille, die mit der Nachtigall einen Pakt abschließen wollte, sich gegenseitig nicht aufzufressen. Doch am liebsten lauschte Guido auf die Märchen vom bösen König und den sausenden Heinzelmännchen. Vielleicht hörte er sie zu oft?
Eines Nachts schien es ihm so, als ob sich seine Beine wie im Wasser der Badewanne vom Grund lösten und nach oben schwammen. Nanu? Ängstlich ruderte er mit den Armen und bemerkte, wie er unversehens und kopfständig gen Himmel fuhr. Natürlich wollte er schreien, aber die Rufe blieben ihm im Halse stecken. Niemand eilte ihm zu Hilfe, weder der achtäugige Schutzengel Daus noch die Vögel, Zwerge oder großen Leute. Vergeblich versuchte er, sich an den Wolken festzuhalten, die ihm kalte Duschen entgegenspritzten. Unterdessen wurden unter ihm die Kinder, Häuser, Bäume, Straßen und Wiesen klein und kleiner. Dann schwebte er irgendwo im Weltenraum und sah von der Erde nur noch ein paar Lichtpünktchen. Nach einem Weilchen begannen sich die Sterne zu drehen und wie Leuchtkugeln auf krummen Flugbahnen durchs dunkle Gewölbe zu bewegen, weshalb er nicht mehr unterscheiden konnte, wo oben und unten, hoch und tief, gestern und morgen war. Wie lange die Reise und Erkundung der vierten Dimension dauerte? Später glaubte er, sich an ein seufzendes Ausatmen zu erinnern, worauf er sich zu seiner Überraschung wieder der Erde näherte. Kaum hatte er begriffen, dass er durch kurzes Luftschnappen und fauchendes Hauchen die Höhe zu regulieren vermochte, blies er aus Leibeskräften, bis er endlich wie an einem Fallschirm in sein Bettchen flog.
War das eine Not! Fortan fürchtete Guido, er könnte jederzeit aus der Welt hinausfallen, weshalb er abends die Daunendecke mit Stofftieren beschwerte und tagsüber sorgsam Umschau hielt, ob Gebäude und Bäume zum Anklammern in der Nähe seien. Beim Spielen im Garten bereitete das keine Mühe, denn überall ragten stämmige Hölzer und Zwerge empor, die teilweise lustige Namen hatten wie Amarelle, Griepenkerl, Jonathan, Boskop oder Mollebusch. Hinter Flieder und Sonnenblumen gab es verbotene „Kräuterbeete“, von denen ein geheimnisvoller Reiz ausging. Dort wuchsen Sadebaum, Aronstab, Seidelbast und Gesundheitspflanzen, aus deren Giften der Doktor wundersame Säfte und Pulver für seine Hausapotheke gewann. Bisher hatte Guido immer allein oder mit der Mutter gespielt. Jetzt entdeckte er in der Nachbarschaft Annette, die gern zum „Grasen“ hinüberkam. Dann lagen die beiden mucksmäuschenstill auf der Wiese und guckten zu, wie Käfer an Halmen hangelten, Admiralsschmetterlinge im Klee badeten und eine linksgewundene Hortensisschnecke ihre Fühler schwenkte wie ein Geweih. Später fingen die Kinder Eidechsen und grüne Heupferde, die sie auf ihrer Puppenbühne als Krokodile und Zirkusspringer auftreten ließen.
Irgendwann verirrten sich die Spielgefährten in die „Kräuterbeete“. Und Annette erblickte eine Staude mit Früchten und meinte, sie seien lieblich anzuschauen und gut zu schmecken. So pflückte sie braunrote Schattenmorellen und aß und gab dem Guido auch zu essen davon. Da wurden ihre Augen verwirrt, und der blaue Reiter zockelte durch den Garten … Ach, wie erschrak Frau Dagmar darüber! Doch Theo erkannte, was die Stunde geschlagen hatte. Er bemerkte erweiterte Pupillen, Sehstörungen, Puls- und Atembeschleunigung, trockene Haut und diagnostizierte Atropinvergiftung infolge des Genusses von Tollkirschen. Sofort flößte er den Kindern Salzwasser ein, worauf sie erbrachen wie nach stürmischer Seefahrt und erschöpft einschliefen.
Seitdem wussten die beiden „Sünder“, was gut und böse war. Tapfer nahm Guido die „Schuld“ auf sich, aber nicht das bekümmerte ihn vordringlich, sondern die unheimliche Wiederholung der Himmelfahrt. Dabei hatte er diesmal zeitweilig wie eine Eidechse schnappen müssen! Während des interessanten Krankenlagers in der Wohnstube entschloss er sich zögernd dazu, die Mutter um Aufklärung zu bitten, ob ein Junge auch ein Krokodil sein könne.
„Nein, Prinzchen, das kannst du nur spielen oder träumen.“
„Aber ob Krokodile manchmal träumen, dass sie Menschen sind?“
„Bestimmt nicht, denn noch nie hat man Krokodile in die Schule gehen oder Zeitung lesen sehen.“
Guido überlegte einen Augenblick und fragte weiter: „Woher weiß man eigentlich, was wirklich ist? Und wo bin ich, wenn ich träume?“
„Natürlich in deinem Bettchen.“
„Kann das nicht wegfliegen, wenn ich etwas tue?“
„Im Schlaf tut man doch nichts. Da machst du nur die Augen zu und ruhst dich aus vom Spielen und träumst ein bisschen, als ob du an deinen Geburtstag denkst.“
Die Antwort schien den Knaben zu befriedigen. Sein Schlafzimmer, in dem so viele Träume waren, kam ihm nicht mehr allzu gespenstisch vor. Vergnügt guckte er seine schöne Mama an, über deren Augen sich beim Herniederneigen große Lider wölbten. Plötzlich fragte er: „Und wo war ich, als ich noch tot war?“
Frau Dagmar wunderte sich über ihren Sohn. Sie bemühte sich jedoch um behutsames Verständnis und erzählte, wie er einst in ihrem Bauch und vorher vielleicht beim lieben Gott gewesen sei.
Da Guido dem „alten Petzer“ misstraute, erkundigte er sich nach dem „einst“ und „vorher“. Ob eine Stunde so lang sei wie eine Hand oder ein Arm? Auf der Uhr könne man ja die Zeit auch sehen und messen! Warum man die Wochen nicht aufessen könne, damit sie schneller weniger werden? Ob gestern und heute dasselbe sei?
Die Mutter schüttelte den Kopf, worauf Guido erinnerte: „Aber gestern hast du gesagt, dass heute morgen ist.“
„Ja, mein Junge, das ist eine verrückte Sache. Weißt du, heute war gestern und morgen, und heute ist eben heute, ebenso wie gestern heute war und morgen so viel wie heute sein wird.“ Allmählich ging Frau Dagmars Geduld zu Ende, doch das Büblein dachte sich immer neue Fragen aus, um sie am Fortgehen zu hindern: Warum heißt der Stuhl nicht Tisch? Warum fängt man mit eins zu zählen an? Warum fragt man warum? Schließlich: „Warum lebt man eigentlich?“
„Um lieb zu sein, Prinzchen.“
Zeitansage, 5. Jahr
26. Januar: Im Düsseldorfer Herrenklub sprach Ahi, der ehemalige Zirkusstar und Kehlkopfartist, wieder einmal über das kommende Reich der Liebe. Vor dreihundert versammelten Bankiers, Magnaten, Generaldirektoren und Geldnehmern redete er bewegt über seine pekuniäre Not und darüber, dass nur großzügige Geldgeber von heute ein Anrecht auf die Fülle von morgen hätten. Im Machtstaat der Zukunft werde er bolschewistische und demokratische Schweinereien unerbittlich ausrotten und zugleich riesige Lebensräume erkämpfen lassen für Volk und Volkswirtschaft. Durch diese Liebesbeteuerungen gerührt, öffneten die Industriellen den Fonds der Fronde und spendeten raschelnde Papiermillionen für die baldige Aufwertung der Deutschen Mark. – Unterdessen machten fröhliche Schowi-Trupps die Bevölkerung mit künftigem Glück bekannt. Sie verkündeten das freie Zeitalter der Rowdies, zogen musizierend durch die Straßen und benahmen sich heldisch, indem sie zu zwölft einzelne Leute verprügelten, lachend alte Weiber auszogen und in Gaststätten sorgfältig Mobiliar zerholzten. Selbstverständlich wiesen sie den Vorwurf des Terrorismus entrüstet zurück, denn Wildwestspiele und Zahngoldspuckreize seien Ehrensache und patriotische Taten von Revolutionstribunalen. Da die Gesetze der Republik eine derartige „ritterliche Opposition“ schätzten und schützten, gönnte der Boss seinen Getreuen tägliche Silvesterknallereien, Schadenfeuer und Schießübungen in Arbeitervierteln. – Sechs Monate später wählten siebenunddreißig Prozent des Volkes das demonstrierte Heil.
12. August: Besorgt über die Entartung des politischen und privaten Lebens erließ eine hohe Behörde Notverordnungen zur Wiederherstellung von Sicherheit und Sittlichkeit: Verbot von staatsgefährdender Freikörperbewegung, aufreizender Badekleidung, Nacktszenen im Theater, Film, Revue und Varieté; Gebot von christlichen, bauch- und busenverhüllenden Damentrikots und von züchtigen Zwickeleinsätzen in den zur Wasserbenetzung bestimmten Hosen der Herren. – Bei hochsommerlichen Temperaturen von dreißig Grad inspizierten Polizisten mit Ferngläsern die See- und Strandbäder des Reiches und erhoben von aufsässigen Nudisten Bußgelder bis zu 150 Mark. Unbefugte Flurhüter klebten in Erholungsparks auch auf unkeusche Plastiken die blauen Zahlungsbefehle des Regierungsamtes.
Doktorspiele
Wo hatte der Bengel nur diese Ausdrücke her! Sehr vergnügt sagte er „Arschloch“ und „Furz“. Obwohl ihn die Mutter darüber belehrte, dass man „so etwas“ nicht ausspreche, wiederholte er die Würzworte unentwegt. Da er auf Tadel lediglich durch gespanntes Aufblicken reagierte, entschloss sie sich dazu, einfach nicht mehr hinzuhören, bis Guido triumphierend verkündete: „Und vögeln kann ich auch noch.“ Nun lachte Frau Dagmar, denn es hätte vulgärer lauten können. Pädagogisch lobte sie die wunderschöne Benennung und fragte, ob sie wohl wissen dürfte, was das sei.
Er erklärte: „Na, wenn die Kinder nicht mehr tot sind.“
Sie meinte: „Aber dann wachsen sie doch im Bauch einer Mama.“
„Und wie kommen sie dort hinein?“
Es ergab sich ein ganz vernünftiges Gespräch über Ursprünge, Geburt und die Möglichkeit des anfänglichen „Lebens im Finstern.“
Beim Zeichnen offenbarte Guido weitere Spezialkenntnisse. Er malte Impressionen und Dada-Bilder mit grünem Himmel, gelbem Wasser und blauen Häusern, in denen Tische und Wallachsofa sichtbar waren. Ferner überragende Menschen, deren Melonenhäupter bisweilen zwei Nasen, drei Augen und aufgeklebte Dreieckshüte trugen. Auf unbekleideten, transparenten Rumpf-Ellipsen erschienen Herz, Magen und auffällige Fransenmarkierungen. Ungefragt erläuterte der Junge: „Die Frauen haben Haare unterm Bauch, damit man nicht sieht, wo der Puller fehlt. Und die Männer haben Haare auf der Brust, damit man nicht sieht, wo die Kullern fehlen.“
„Das sind ja lustige Ansichten“, bemerkte die Mutter. „Dann müsste auch unter den Haaren auf dem Kopf bei den meisten Leuten etwas fehlen.“
„Vielleicht Gehirn?“, mutmaßte der Sohn.
Dieser Annahme und jener von den eventuellen Vorzügen der Scheitelplatte des Vaters vermochte Frau Dagmar wenig entgegenzusetzen.
Etwas beunruhigt über Guidos Frühinformiertheit beobachtete sie ihn diskret bei seinem „Tagwerk“. Neben bunten, bizarren Malereien beschäftigte er sich damit, im Sandkasten Tunnel für Eidechsen zu graben und einen Swimmingpool für zwei Laubfrösche, deren Wetterprognosen er allerdings durch eifriges Begießen beeinträchtigte. Gern fuhr er mit dem Dreirad an Beerensträuchern entlang, um Grün-Weiß-Rot zu ernten. Besonders liebte er den Zauber des Winkels. Indem er über Stühle, Pfähle und Gezweig alte Decken spannte, schuf er Räume im Raum, geheimnisvolle Séparées, in denen er stundenlang hocken und sich im Verborgenen geborgen fühlen konnte.
Nur Annette durfte ihn in den Höhlen besuchen, während sie sonst meistens seine Partnerin in der Dreschschule, im Kaufmannsladen oder in „Himmel und Hölle“ war. Wenn sie Vater und Mutter miteinander mimten, verlangte der Junge merkwürdigerweise oft nach der Frauenrolle und den „väterlichen“ Zärtlichkeiten des schwarzhaarigen Mädchens.
Über allen Spielen stand jedoch das Doktorspiel. Innerhalb von zwei Stunden bekam Annette mindestens ein Dutzend Krankheiten, Knochenbrüche oder Verwundungen, die Guido gewissenhaft untersuchte und heilte. Er beklebte die Patientin kreuz und quer mit Pflaster, kurierte Blutvergiftungen mit Brausepulver, Kopfweh mit Bonbontabletten und die Masern mit Vasenolpulver. Zu den Höhepunkten der ärztlichen Universalbehandlung gehörten Zahnziehen, „Beißerchenbohren“ und beherzte chirurgische Schnitte über der Magengrube. Als die Freundin einmal eine Medizin gegen Bauchschmerzen verlangte, hielt der kleine Praktiker eine gründliche Inspektion unterhalb der Gürtellinie für erforderlich. Er musste einmal nachschauen, wo gemäß mütterlicher Auskunft die kleinen Kinder herauskamen. Behutsam betastete er die Weichteile zwischen Nabel und Steißbein, betrachtete interessiert die Leistenbeuge und stellte schließlich fest: „Ach, herrje, du hast ja zwei Pos. Wie lütt müssen Babys sein, die da rauskriechen können.“ Um der armen Kranken Linderung zu verschaffen, verordnete er ihr ein Klistier, was freilich nicht ohne Folgen blieb.
Am nächsten Vormittag erblickte Dr. Möglich das runde, schnurrbärtige Gesicht von Annettes Vater im Wartezimmer. „Hallo, Herr Nachbar“, sagte er, „was macht die Puste?“
Alban Holdheimer fühlte sich durch die gewohnte Anrede erleichtert, obwohl sie ihm die Sondermission vermutlich erschwerte. Schon seit Langem befand er sich in ärztlicher Behandlung wegen seiner Asthma-Anfälle, aber der Doktor (mit Routineuntersuchungen beschäftigt) verbreitete wieder einmal Optimismus: Gewiss kenne man heutzutage ungefähr zehntausend verschiedene Krankheiten oder Syndrome, doch infolge des wissenschaftlichen Fortschritts stürben die Leiden gleichsam schneller als die Leidenden. Selam für Methusalem! Ob man es denn vor hundert Jahren für möglich gehalten hätte, dass Epidemien wie Pocken, Cholera und Pest aus Europa verschwinden und bisher tödliche Mangelerscheinungen durch künstliche Insulin- oder Hormongaben behoben werden könnten? Na also! Ein bisschen Asthma bedeute an der medizinischen Front keinerlei Gefahr, da eine simple Adrenalinspritze zur Abwehr genüge.
„Dennoch pfiff ich gestern beinahe aus dem letzten Loch“, bemerkte der Nachbar.
Theo Möglich nahm die Goldrahmenbrille ab, wodurch seine hohe Stirn noch höher wirkte, und erklärte: „Dann müssen wir ein neues Allergen annehmen. Vielleicht auch ein Konfliktchen? Hoffentlich klappt es mit dem werten Liebesleben?“ „Auwei!“, fiepte Herr Holdheimer. Er legte den Kopf auf die rechte Schulter und sah momentan in seinem schwarzen Anzug wie ein melancholischer Geiger aus. Ein Weilchen überlegte er, ob er die Frage beantworten oder ausweichend über Guidos „unzüchtige Handlungen“ reden sollte. Am Ende rückte er näher an den Ordinationstisch heran und begann ein Gespräch unter Männern.
In der Tat gebe es gewisse Schwierigkeiten. Zwar wolle er sich nicht beklagen oder gar einen Zusammenhang zwischen Kalamität und Atemnot konstruieren, aber bekümmern tät ihn schon etwas. Mit seinem Weib wär’s im Ganzen recht nett, sie erfülle ihre Pflichten im Haus und Geschäft zur Zufriedenheit, wenngleich im Bett, sozusagen, nur anstandshalber. Freilich habe sie das Nettchen geboren, worüber er narrisch glücklich sei, obwohl sie bei der Empfängnis dagelegen hätt wie ein Kriegerdenkmal. Und so treibe sie’s fort: Kein Funken Gefühl bei der Kopulation, sondern stets ein Duldermäskchen wie die Heilige Jungfrau persönlich. Manchmal glaube er, das müsste ein Scheidungsgrund sein.
„Oha“, sagte Dr. Möglich, „für Sie oder Ihre Gattin? Wie benehmen Sie sich denn beim erotischen Hoppelpoppel? Immer Schnellbüffet, ja? Dachte ich’s mir doch, lieber Herr Holdheimer. Haben Sie schon mal überlegt, wie eine unzerkaut geschluckte Praline schmecken würde? Und Sie muten Ihrer armen Frau ständig zu, sie solle gewissermaßen an injizierter Nascherei Geschmack finden. Offenbar muss ich einem Delikatesswarenhändler eine Genießerlektion erteilen.“
„Ist’s wahr?!“, rief der Nachbar. Angesichts der eigenen beschämenden Unerfahrenheit erschien ihm seine „Sondermission“ samt beabsichtigtem Protest gegen den libidinösen Forschungseifer von Herrn Doktors Sprössling plötzlich recht läppisch.
Unterdessen dozierte der Arzt über die Wissenschaft vom bekömmlichen Liebesakt. Schon die alten Inder hätten, aufs Wort, vierundsechzig vergnügliche Positionen, Variationen und Spiele gekannt und dabei ein feines Empfinden für das zulängliche Zeitmaß bewiesen. Besonders gefalle ihm ein Vergleich, demzufolge wollüstige Bewegung ebenso langsam beginnen und sich allmählich beschleunigen solle wie Töpferscheibe, Kreisel oder Schaukel. Zur Ehe-Gymnastik seien Fantasie und Kunst vonnöten wie zum harmonischen Leben überhaupt.
„Harmonie? Gibt’s die denn noch?“, fragte Alban Holdheimer und entschloss sich dazu, das Zwiegespräch auszuweiten. „Wissen Sie, in der Liebe wird mir Ihr Rezept vielleicht helfen, schönen Dank, doch wie begegne ich der politischen Not, die mir Atemnot schafft? Ich fürchte, es geht nicht gut aus in Deutschland.“
„Man muss den Glauben an die Kraft der Humanität bewahren“, erklärte Dr. Möglich. „In der medizinischen Praxis bedienen wir uns des Placebo-Effekts, wobei sich zeigt, dass vierzig Prozent aller Patienten auf eine harmlose Zuckerpille genauso reagieren wie auf eine echte Droge. Auf Vertrauen kommt es an.“
Der Nachbar schüttelte den Kopf. „Ich wage nicht mehr, viel zu hoffen. Überall Drohung, Hass und Gewalttätigkeit. Verstehen Sie das? Als ob wir Juden nicht immer gute Deutsche gewesen wären! Und nun wollen die Schowis berühmte Gelehrte und Künstler, die zum deutschen Ansehen beitrugen, ansehen wie Parasiten.“
„Im Paradies blieb es bisher ruhig, lieber Herr Holdheimer.“
„Ja, gewiss. Aber was sind das für Sachen, die uns die Zeitungen täglich offerieren: Fememorde, geheime Aufrüstung, Gerangel an der Regierungsbank und das Gerede von der miserablen Rasse. Dazu ökonomischer Schlamassel, der einen Geschäftsmann zwackt wie Rheumatismus. Darf’s das geben in einem zivilisierten Establishment? Mir ist das unheimlich, lieber Doktor. Und wenn dieser Ahi an die Macht gelangt, denk ich, dann gnade uns Gott.“
Theo Möglich blätterte im Arzneibuch, als der Besucher leise hinzufügte: „Warum leben wir nur in einer derart schlimmen Zeit?“
„Um zu überleben, mein Freund.“
ZWEITES LUSTRUM
Sein Kampf in Bildern oder: Zeitansage, 6. Jahr
31. Januar (1. Bild): Nachdem der Boss den Bankiers und Finanziers baldige internationale Kreditwürdigkeit und Allerhöchsten Schutz versprochen hatte, ließen sie den Großkopfetenhut im Kreise herumgehen. Grinsend überreichten sie dem Retter der Nation drei Millionen Reichsmark als Morgengabe. Während Ahi auf die Kanzel hinaustrat, wo er aus dem Terzerol drei Schüsse abfeuerte, stellten die Konzernherren das Fließband zur Gangster-Show an. Vom Brandenburger Tor her beförderte die Rollbahn jubelnde Schowi-Trupps mit Fackeln, Fahnen und Fanfaren durch die Nacht. Transparente verkündeten den Kampf gegen Blähungen und unreines Blut, worauf viel Volk, vom Spektakel fasziniert, auf die Drehbühne sprang und zu den Rauschgiftbuden hindrängte. Berichterstatter Os prophezeite, der Spuk werde entweder zwölf Tage oder zwölf Jahre dauern. Aus dem Lautsprecher dröhnte hingegen eine rau-gutturale Stimme: „Ich werde ein Fundament für Jahrtausende bauen. Wenn von dieser großen Stadt und Metropole kein Stein mehr auf dem anderen liegt, soll die Welt noch immer unserer heiligen Bewegung gedenken.“
27. Februar (2. Bild): Am Nachthimmel über dem Reichstagsgebäude zu Berlin breitete sich Feuerschein aus. Gespenstisch spiegelte sich die brandumrandete Silhouette des Kuppelbaus in der Spree. Menschen rannten und gafften. Mit Verspätung trafen zehn Löschzüge ein, aus denen Wasserschläuche wie Anakonda-Schlangen hervorquollen und die Flammenflut im Parlament erstickten. Unterdessen tanzte Ahi in verqualmten Wandelgängen und schrie: „Jetzt hab ich sie! Es gibt kein Erbarmen. Lasst Köpfe rollen, Kerls, und killt! Schließlich senkte sich Dunkelheit über die Szenerie, doch in den Straßen kehrte nicht Stille ein wie sonst. Gestalten und abgeblendete Fahrzeuge huschten umher. ‚Du musst dich in Sicherheit bringen‘, dachte Os. Aber er wartete ab bis zum Hahnenruf.
21. März (3. Bild): Unweit eines Kurorts für Herzkrankheiten wurde das Konzentrationslager Rotenfeld eingeweiht. Wie die Staatszeitung meldete, äußerten sich Geistliche sehr anerkennend über die vorbildliche Unterbringung der Schutzhäftlinge in sauberen, luftigen Zimmern mit fließendem Wasser, über gesunde Kost und korrekte Behandlung. Vom Appellplatz her näherte sich im Laufschritt eine nummerierte Kreatur mit gelbem Kürbiskopf, blauem Auge und Zahnlücken. Mühsam erkannte der Besucher den ehemaligen Berichterstatter Os, dessen Atem pfiff und leise Worte ausstieß: „Sagen Sie den Freunden, es ist bald vorüber, bald aus. Ich bin am Ende, und das ist gut. Ich wollte nur Güte und Frieden.“ – Wie die Wandzeitung meldete, gelten die sumateraischen Batakstämme als die letzten Menschenfresser, die Gefangene auf Bambusstangen rösten und zum Reis verspeisen. Gemäß moderner wissenschaftlicher Erkenntnis bietet jeder frische Leichnam zwölf Pfund Proteine und Rohstoff für fünf Pfund Leim, ein Pfund Salz, ein Viertelpfund Zucker und diverse Mengen Phosphor und Eisen.
10. Mai (4. Bild): Am Nachthimmel über dem Opernplatz zu Berlin breitete sich Feuerschein aus. Doch kein Löschzug erschien im Zentrum. Unter den Linden marschierten Schowi-Kolonnen, oder sie brachten auf Lastautos und Ochsenkarren Bücherballen herbei. Während Blechkapellen musizierten, Licht- und Schalltrichter in Aktion waren, Volkslieder erklangen und die Kameraleute der Universum-Film-AG munter kurbelten, warfen Studenten mit lauten Bannflüchen „undeutsches“ Schrifttum in lodernde Scheiterhaufen. Telepathisch zuckte der Berichterstatter Os im Rotenfeld zusammen. Begeistert begrüßte die Versammlung den Entschluss Ahis, künftig allen Ehepaaren, ausgezeichneten Schülern und Erziehern den „Kampf“ zu verordnen, um jedermann darüber zu belehren, dass sich ein politisches Genie große Versprechungen im Leben und in einem Literaturwerk dreitausend Sprachfehler leisten darf.
Eine schöne Bescherung
Doktor Domagk liebte weiße Mäuse. Wenn er sie im gekachelten, wintergartenähnlichen Laboratorium fütterte, pflegte er sie zu streicheln, denn er sympathisierte mit ihrem unzeitgemäßen Kosmopolitismus und Kulturbedarf. Kopfschüttelnd hörte die Assistentin zu, als er den langgeschwänzten Albinos ein langgezogenes Flötenmotiv von Mozart vorpfiff und sie zum Liebestod für die Menschheit zu begeistern suchte. „Stellvertretung bald unerwünscht“, kommentierte ein unsichtbarer Boss.
Doktor Domagk vervollständigte mit rechtsschräger Schrift, deutsche und lateinische Buchstaben hochverräterisch mischend, Rotauges Chronik und Trimmprogramm. Er zog den weißen Kittel aus und sagte bye-bye. Von Station Westende aus hätte er bequem mit der Schwebebahn in Richtung Vohwinkel fahren können. Aber da er täglich stundenlang auf einem Drehschemel sitzen musste, schien es ihm ratsam, im vierzigsten Lebensjahr etwas gegen Hämorrhoiden und für die arterielle Strömungsgeschwindigkeit von 50 cm/sec. zu tun. Folglich marschierte er allmorgendlich vom Wohnhaus zum Pathologischen Institut und allabendlich zurück ins Zooviertel.
Doktor Domagk lief durch den Schwarzen Weg und die Tiergartenstraße. Ausblick: bewaldete Höhen, das Wupper-Wasser im Tal, mausgraue Grünanlagen, Viadukte und Villen unter Wolken, die den Dezember milde machten. Anblick: stattlicher Herr mit Vierkantschädel, Fledermausohren, rotbackigem Gesicht, kleinen Augen, fast wimpern- und brauenlos. Einblick: Gedanken an Erdbeeren, steigende Eierpreise, Bakterien, befohlene Volks- und Leistungsgemeinschaft, Abneigung gegen Teamwork.
„Als ich nach Hause kam“, erzählte der Chef den weißen Mäusen und der Assistentin, „sah ich den Schrei und ein Mädchen in Rot. Unverständlich, warum man mich nicht gerufen hatte. Von Ihnen, geschätzte Mitarbeiterin, wäre in vergleichbarer Situation sicher ein Telefonat geführt worden?“ Da sie nickte, sagte er: „Falsch! Die Experimente eines Forschers darf niemand stören. Wissen Sie, es gab nur ein bisschen Aufregung, weil mein Töchterchen Hilla beim Spielen eine Nähnadel zum Impfen benutzen oder die Festigkeit des Handwurzelknochens testen wollte. Kurzum, die Spitze brach ab, Geheul brach aus, ein Kollege von der Chirurgie entfernte den Fremdkörper und verschrieb der kleinen Patientin schmerzstillendes Brausepulver.“
Nun setzte der Pharmakologe die Versuchsserie fort. Er würzte Eibouillon mit Streptokokken, angelte nacheinander am Rückenfellchen zwei Dutzend Mäuse aus dem Gehege und lud sie zum Karma-Yoga ein. Per os verabreichte er ihnen mittels Kanüle die Mikrobensuppe und animierte die Tiere zum Fifty-fifty-Spiel. Nach einer Stunde (und nochmals am Nachmittag) durfte nur Rotauges Truppe erneut zur Nackenmassage antreten und zugleich je einen Kubikzentimeter basischen Azofarbstoff schlucken. Diese Prontosil-Limonade tropfte Domagk auch auf Spaltpilzlösung in Reagenzgläsern. Bald darauf untersuchte er sowohl Gewebeproben der beiden Mäuse-Korporationen wie den Pilzschnaps unterm Mikroskop und gewahrte mennigrote oder tintige Pünktchen, die in bestimmten Präparaten gleichsam wegtauten. – Am nächsten Tage meldete Rotauges Chronik das muntere Überleben seines gesamten Clans und das klägliche Abnibbeln der separierten, unversorgten Mäuse-Elf.
In der Weihnachtswoche wurde Doktor Domagk zu Hause vom Chirurgen erwartet, der eine ernste Aussprache wünschte. Trotz korrekter Entfernung der Nadelspitze, erklärte der Kollege, und trotz mehrerer Inzisionen habe sich der Zustand der kleinen Kranken überraschend verschlimmert. Die Ausbreitung der Phlegmone sei in einem Maße bedenklich, dass er, sozusagen, dringend die Amputation des Unterarms empfehle. „Fällt Ihnen gar nichts anderes ein?“, fragte der beglückte Vater. „Hoffentlich möchten Sie das Pfötchen nebst Elle nicht sofort in der Aktentasche mitnehmen. Ob Sie sich mit der famosen Spirituskonservierung noch ein wenig gedulden können? – Recht herzlichen Dank!“
Nach der Verabschiedung des Arztes stand der Forscher lange an Hillas Lager, wo er seine Forschheit rasch verlor. Ach, es sah wirklich übel aus mit dem lieben Kind: Patscherl wie Bärenpranke, Schüttelfrost, anhaltendes und ansteigendes Fieber, alarmierende Blutbildbefunde. Natürlich lag eine Infektion vor. Aber während man bei Bayer & Co. die Erreger fernster Tropenkrankheiten entdeckt und bekämpfbar gemacht hatte, gab es gegen viele europäische Seuchen und die Streptokokken dieser simplen Sepsis noch fast keine geeigneten Mittel.
Was tun? Wenn nicht bald etwas geschah, würde Hilla tatsächlich nur durchs Hackebeilchen zu retten sein. Vielleicht sollte man versuchen, alle Faktoren bedenkend, die verursachenden Bakterien zu bekriegen? Nun ja, durch Prontosil-Gaben wie bei den weißen Mäusen. Die jüngsten Experimente hatten doch zuverlässige Wirkungen erwiesen und ohnehin eine Anwendung in der Humanmedizin nahegelegt. Warum zögerte er? Uff! Weil ein Mädchen eben kein Mäuschen war. Weil das an Tieren erprobte Sulfonamid beim Menschen, bei einem liebsten Menschen, nicht unbedingt dieselben Reaktionen und Heileffekte hervorrufen musste.
Um Himmels willen, wenn seine Frau ahnte, welche Wagnisse er erwog! Als er dann sehr behutsam um ihre unumgängliche Zustimmung zur eventuellen Chemotherapie bat, antwortete sie ungewöhnlich pathetisch: „Ich schenke dir mein Vertrauen.“ Das erleichterte ihm seinen Entschluss keineswegs. Vertrauen? Er selbst brauchte es vor allem, denn wenn seine Forschungsergebnisse an Rotäuglein und weißen Mäusen im Mindesten trogen und sich in Großorganismen nicht bewährten, hegte er jetzt mörderische Gedanken. Mit einem Male fühlte er sich ungeheuer einsam, zumal ihm bewusst wurde, dass er sich zur riskanten Injektion bei einem fremden Menschen leichter bereitfände … Unterdessen begann Hilla von einem Zeppelin zu fantasieren, auf dem sie schwimmen und Blumen pflücken wollte, doch ihr Arm sei „so komisch schwer“ wie ein Ruder.
Erschrocken fuhr Doktor Domagk auf. Offenbar galt es, keine Zeit mehr zu verlieren. Aus einem Medikamentenkästchen entnahm er drei Ampullen mit je fünf Kubikzentimetern Prontosil solubile, bereitete daraus ein Klistier und führte dem benommenen Kinde die Sonde ein. Außerdem gab er ihm Prontosil-„Limonade“ zu trinken. – Obwohl nichts Bedrohliches geschah, wagte er nicht aufzuatmen. Im Tierversuch pflegten sich Auswirkungen erst nach Stunden zu zeigen; wie nun, wenn er die Droge zu hoch dosiert hatte? Unruhig kontrollierte er Atmung, Pulsschlag und die unverändert hitzige Körpertemperatur der kleinen Tochter, deren Brechreiz er durch Luminal überwand. Vor dem Einschlafen verordnete er ihr tapfer eine weitere Prontosil-Tablette.
In der Nacht wachte der Vater in Hillas Zimmer. Nachdem er die Stehlampe zur Bettseite hin abgedunkelt hatte, saß er lesend im Lehnstuhl. Er blätterte in einer Zeitung, die von erstaunlichen Protesten der Bekennenden Kirche gegen die „falsche Lehre“ und Herrschaftsanmaßung weltlicher Behörden berichtete, von Volksgerichtshof, Hamsterkäufen und Winterhilfswerk. Dann vertiefte er sich in die Geschichte eines Wahrheitssuchers.
Im Helden erkannte er seine eigene Forscherneugier wieder: die Fahndung nach dem Bösen. Obwohl Gutes gelang, misslang das Bemühen um Weltverbesserung, weil die bedeutsame medizinische Erfindung auch Gesundheitsindustrie und Geschäfte mit der Krankheit ermöglichte. Musste sich der Entdecker rechtfertigen? Ließ sich sein Tun nicht vergleichen mit zwanghaftem, befreiendem Kunstschaffen, wobei experimentelle Präzision undenkbar war ohne Fantasie? Aus der Kriegserfahrung ärztlicher Machtlosigkeit erwuchsen produktive Ideen … Über die Maas sprangen tintige Heupferde, verbargen sich am Boden im Pilzgeflecht und schoben sich wie Perlschnüre in Schützenlöcher hinein. Im märkischen Lago amore, den Akazien und Buchen umstanden, tummelten sich bemooste Karpfen, während vom Johanniterberg eigentümlich stummelschwänzige Albino-Mäuse ins Binnenmeer sprangen und mondsüchtig Mozart pfiffen. Es roch nach Borke und Blaubeeren. Dazwischen schwebten, wie auf Präsent-Aquarellen vom alten Freund Rohlfs, gelbe, rufende Blumen.
Hilla rief. Und sie schrie, als sie beim Pullern zu bluten schien. Aber der Vater beruhigte sie über das vom Azofarbstoff erzeugte „Feuerwasser“. Bevor er wieder im Lehnstuhl Platz nahm und sich verantwortungsbewusstes Wachbleiben befahl, prüfte er ihren Puls und die Temperatur, schüttelte den Kopf und gab bange acht auf Atemzüge, halblaute Wortfragmente und Bewegungen, von denen er binnen Kurzem zwanzig zählte. Oh, wie sehr bat er insgeheim um die Mithilfe des geliebten Mädchens! Nur wenn es ihn mit natürlichen Widerstandskräften unterstützte, konnten die vom Prontosil geschwächten Bakterien endgültig ausgeboxt werden.
Am nächsten Morgen zog sich das Fieber um vier Teilstriche aus der Quecksilbersäule zurück.
In den folgenden Tagen benahm sich die Patientin, wie es sich für eine Romanheldin geziemt. Sobald Doktor Domagk frohlockte, jagte sie ihm mit Hitzerekorden nahe der Vierzig-Grad-Grenze argen Schrecken ein; sobald er sich bekümmert zeigte, bescherte sie ihm überraschend ein Temperaturtief. Übrigens ließ sie sich nur noch in den Po spritzen und zum Trinken der „ollen Tomatenlimonade“ bewegen, wenn man ihr dafür heute allerlei Belohnungen „für morgen“ versprach.
Doch am Ende gab es eine schöne Weihnachtsbescherung. Hilla blieb vom Hackebeilchen verschont und wurde gesund, und die Mutter sagte: „Was Vater tut, ist immer recht.“
Zeitansage, 7. und 8. Jahr
30. Juni: Obwohl Ahi durch Besiedlung von Konzentrationslagern, Beschleunigung des Emigrationstourismus und friedliche Kriegswirtschaft alsbald Hunderttausende Arbeitsplätze für Erwerbslose schuf, nannte Spezi Rüpel derartige Errungenschaften einen Furz. Kraftmeierisch forderte er eine blutige, zweite „Revolution“ und die Übertragung aller militärischen Macht an Ganoven-Sturmabteilungen. – Blitzschnell entschloss sich Ahi dazu, von Bonn nach Bayern zu fliegen, um die unehrerbietigen Getreuen zur Räson zu bringen. Wie die Staatszeitung meldete, fuhr er im Morgengrauen fast ohne Begleitung zum Quartier der alten Mitkämpfer, bezwang die Wachposten mit blitzendem Blick und betrat, eine Hundepeitsche schwingend, das Schlafgemach des Rivalen. Von zwei Scharfschützen flankiert, trieb er den Mann im Nachthemd heldenhaft aus dem Bette und verkündete: „Du bist verhaftet!“ In den angrenzenden Stuben bot sich dem charaktervollen, makellosen, sauberen Boss ein empörendes Bild dar; er fand die Rüpel-Garde zumeist in perversen Positionen. „Ihr Arschficker!“, brüllte er in kernig-korrektem Bühnendeutsch und riss von umherliegenden Uniformen die Rangabzeichen herunter. „Pfui Teufel! Ich arretiere, degradiere und liquidiere euch!“ Wenige Stunden später verordnete Ahi den hochverräterischen Freunden und Opfern der deutschen Bartholomäusnacht den Gnadentod durch Erschießen.
20. Dezember: Einst war das Luftschiff „Graf Zeppelin“ bei einer Besichtigungsreise in zwanzig Tagen um die Welt gesegelt. Nun stellte es einen Streckenrekord auf, der vierundzwanzig Erdumkreisungen in einem Betriebslustrum entsprach. Während der Flug von Friedrichshafen nach Rio de Janeiro für jeden der zwanzig Gondelpassagiere vor fünf Jahren noch 8 400 RM kostete, dürfte die Preissenkung auf 1 500 RM für daheim Unerwünschte erwünscht sein.
Im nächsten Spätsommer, 15. September: Gemäß rassenhygienischer Vorschrift sind Eheschließungen zwischen Juden und arischen Deutschen künftig verboten, bereits geschlossene Mischehen null und nichtig und außereheliche Geschlechtsbeziehungen im genannten Personenkreis verbrecherisch. Ab sofort haben Hebräer und Farbige als minderwertig, schamlos, sexuell entartet und schwachsinnig zu gelten. Die Höchststrafe trifft jedermann, der den Retter Ahi, den Heiland und die ersten Menschen nicht für nordisch und reinrassig hält.
Der klagende Delfin
Zischend, fauchend und Dampfballons verpuffend setzte sich die Lokomotive in Bewegung. Frau Dagmar, über deren Augen sich beim Herniederneigen große Lider wölbten, beobachtete ihren Sohn, der endlich wieder lachte. Er hockte neben ihr auf dem Fensterplatz des Eisenbahnwagens, drückte die Nase an die Scheibe und fand es lustig, wie draußen die Leute, Häuser, Bäume und Telegrafenstangen zu tanzen begannen. Immer wieder jauchzte er den Dingen entgegen, die am Zug vorbeirannten, bis eine Haltestelle in Sicht kam. Nun fuhr die linke Seite des Abteils (neben Güterwaggons) überraschend weiter, während die rechte Seite still stand.
Obwohl die Mutter amüsiert lächelte und dem Jungen die Suche eines festen Bezugspunktes auf der Böschung empfahl, vermochte sie die Sorgen der vergangenen Woche nicht ganz zu verdrängen. Holdheimers waren plötzlich verschwunden. Emigriert, wie Theo verstohlen sagte. Natürlich hatte Guido ständig nach Annette gefragt, aber was sollte sie ihm antworten? Fabelei von einer Ferienreise ohne Wiederkehr? Erzählung von „andersartigen“ Menschen, die angeblich nicht „hierher“ gehörten? Berufung auf Himmels- und Landesväter, die für jedermann das Beste aus dem Schicksalssack schütteten? Ach, sie hatte es mit allen drei Erklärungen versucht, doch durch Guidos unerbittliche Warum-Geschosse waren sämtliche Ausreden zerplatzt. Nein, vom „ollen Petzer“ oder von „hundsgemeinen“ Knecht-Ruprecht-Vätern wolle er nichts wissen; seine Freundin sei nicht „anders“, sondern die beste und liebste und gehöre ins Nachbarhaus. Als er gleichsam in den Hungerstreik trat und sich ganz unkindlich aus der Spielecke zurückzog, verging den Eltern rasch die Lust, über „frühen Liebeskummer“ zu spaßen.
Schließlich kam Frau Dagmar auf den Gedanken, den Jungen zu „zerstreuen“ und erstmals zum Einkaufsbummel in die Kreisstadt mitzunehmen. Schon beim Gang durch die Altmarktstraße eröffnete er jeden zweiten Satz mit dem Vorspruch: „Kaufst du mir –?“ Es gab in den Schaufenstern so ungeheuer viel zu sehen und zu begehren, etwa weiße Mäuse im Kletterrad, ein Aquarium mit Purpurkopfbarben, Schleierschwänzen und flügelflossigen Guranis, ferner Boxhandschuhe, Fernrohr und Armbanduhr. Bevor er sich ein Paddelboot wünschen konnte, gelang es der Mutter, seine Aufmerksamkeit auf einen Rasselkasten zu lenken, der jeweils fünf Pfennige verschluckte und dafür portionsweise Bonbons und Fruchtwaffeln herausrückte. Vergnügt stopfte Guido die Taschen voll und gönnte seiner Begleiterin vorübergehend den Ausblick auf Kleider, Hüte und Strickmoden. Später zeigte sie sich erkenntlich, indem sie außer Utensilien für die bevorstehende Einschulung noch Buntstifte, Malbuch, Trommel und ein Miniaturmodell des neuesten Raketenautos erstand.
Während der Rast im Stadtpark entdeckte der Knabe inmitten eines Wasserbassins eine Säule, auf deren Spitze sich ein zeppelinförmiges Marmorgebilde befand. „Ein Krokodil?“, mutmaßte er.
„Nein, ein Delfin. Weißt du, das sind Tiere, die im Meer schneller schwimmen als Dampfer und Fische und den Matrosen manchmal zuzwinkern. Ein Steindelfin kann freilich nicht zwinkern, aber auf einer Inschrift erklärt der Denkmalbauer, dass es ein ‚klagender Delfin‘ ist.“
„Warum klagt er?“
„Weil er traurig ist, mein Junge.“
„Und warum ist er traurig?“
„Ich glaube, weil er baden und planschen und nicht immerzu in der Luft hängen möchte.“
Guido überlegte ein Weilchen und sagte: „Nein, weil er so alleine ist! Er hopst bloß aus’m Schwimmbecken, damit er seine Freundin schneller sieht, wenn sie kommt.“
„Vielleicht hast du recht“, meinte Frau Dagmar. „Aber Delfine können im Wasser besser gucken als in der Luft, und sie finden im Meer auch viel flinker andere Delfine, die lieb sind und sogar untergehenden Menschen helfen.“
Leider erfüllte sich die Hoffnung der Eltern nicht, dass sich ihr Sohn bei Schulbeginn an neue Gefährten anschließen würde. Zwar versicherte der Lehrer, nahezu alle Siebenjährigen säßen wochenlang kontaktarm wie Kohlköpfe nebeneinander, bis sie plötzlich „Freunde“ entdeckten, doch Guido schien auf Annäherung keinen Wert zu legen. Da er von zu Hause aus eine Mittelpunktrolle gewöhnt war, dachte er, sie stünde ihm auch in der Klasse zu, weshalb er von den Mitschülern unbedingte Unterordnung erwartete. Es gab für ihn nur willige Zuhörer oder freche Ruhestörer, und als sich die meisten Jungen nicht fügen wollten, nannte er sie rundheraus doof. Nun blieb ihm nur, aus sich selbst heraus geeignete Partner zu schaffen.
Beim Lesen- und Schreibenlernen fand er es reizvoll, das Alphabet zu verbildlichen und zu beleben. Beispielsweise bemerkte er im A die langen, hängenden Arme eines Affen, im B die ergänzungsbedürftigen Blütenblätter des Wiesenschaumkrauts und im O eine Orange; aus M flog eine Möwe hervor, und S wand sich wie eine Schlange. Während des Unterrichts unterhielt er sich minutenlang mit den Tieren und Dingen, die hinter den Buchstaben hervorlugten und ihm bedeuteten, dass sie Verkehrszeichen der Sprache seien. Besonders gut verständigte er sich mit der katzengesichtigen Eule, die reglos wie ein Yogi im U-Bogen hockte, sich über die Dummheit der Leute im Uhu-Märchen mokierte und dagegen die kauzige Begabung zur Durchdringung der Dunkelheit pries. Wortsymbole paradierten. Mühelos gelang es ihm, Texte in Bilder, Sinnbilder in Sätze zu verwandeln und nach flüchtiger Ansicht auswendig herzusagen.
Lehrer Krause wunderte sich über die rasche Auffassungsgabe des Knaben, der offenbar gar nicht aufpasste. Immer wieder bemühte sich der alte Schulmann, durch kurzweilige Lernspiele nützliches Wissen zu vermitteln, doch Guido zeigte sich nur ausnahmsweise interessiert. Einmal beäugte er am Kartenständer erstaunt eine Reproduktion altägyptischer Bilderschrift. Ein andermal verblüffte ihn die Demonstration der Leichtgläubigkeit, denn nach episodischer Betrachtung eines Landschaftsfotos bejahten fast alle Kinder die Suggestivfrage, ob sie im Hintergrund eine (gar nicht vorhandene) gelbe Postkutsche gesehen hätten. Schließlich erregte ihn die pädagogische Umfrage, wen sich jeder zum liebsten Spielkameraden wünsche, weil bei der anonymen Auszählung eine rätselhafte Stimme für ihn dabei war. In der nächsten Zeichenstunde löste er die Aufgabe, das sympathischste Tier darzustellen, indem er zwei springende Delfine mit menschenähnlichen Köpfen malte.
Als Dr. Möglich von der schulischen Verträumtheit des Sprösslings hörte, schimpfte er über die in seinem Hause „leider üblich gewordene törichte Verzärtelung“. Obwohl Frau Dagmar spöttisch fragte, seit wann er sich für die Ideale der behämmerten, ruppigen Schowi-Jugend begeisterte, hielt Theo am Erziehungsvorsatz fest, aus Guido einen Guide zu machen.
Der Knabe zeigte sich anfangs durchaus beglückt davon. Wie sehr hatte er einstmals Annette um deren stets anteilnehmenden Ätti beneidet, und jetzt sollte er selbst endlich einen Papa bekommen, der sich mit ihm beschäftigte! Gern folgte er der Aufforderung zum lustigen Wettlauf und Seilhüpfen; vergnügt tummelte er sich beim Ballspiel auf dem Rasen, bis er sich unversehens als Torwart zwischen zwei Pappelstäbe gestellt sah. Nun flogen wuchtige Geschosse wie Donnerkeile um ihn her. Mehrmals traf ihn die harte Lederkugel frontal und bereitete ihm brennende Schmerzen, die ihn aufschreien ließen. Aber der Vater rief ungerührt: „Heul nicht! Fang auf oder köpfe! Dann kann dir gar nichts passieren.“
Trotz mitleidiger Einwände der Mutter verlangte der Doktor in der Folgezeit immer neue Mutproben von seinem Sohn, dem er die „Gefahrlosigkeit jeder Situation“ erläuterte, vorausgesetzt, er verhalte sich vernünftig. Nach sportwissenschaftlicher Belehrung musste Klein Guido auf Bäume klettern, „federnd“ von Mauern hinunterspringen und „absolut entspannt“ über eine zwei Meter hohe Latte balancieren, wobei er das philosophische Schreck- und Schwindelgefühl über seine abgründigen Möglichkeiten erst hinterher spüren durfte. Ein andermal half ihm kein Weh und Ach gegen das Gebot, im fröhlichen gymnastischen Schwimmbewegungs-Einszweidrei einen Fluss zu durchqueren, was er am Ende im Vertrauen auf imaginäre rettende Delfine tatsächlich wagte. Seitdem blickte er seinen Erzeuger teils trüb-, teils feindselig an.
Abends sank er sofort in tiefen Erschöpfungsschlummer. Während Frau Dagmar den „armen Jungen“ bedauerte, dozierte Theo über ausdauernde Gesundheit durch Turnen. „Nach unseren medizinischen Erkenntnissen“, sagte er, „begünstigen Training und langer Schlaf die Langlebigkeit. Außerdem trägt erquickliche Nachtruhe zur Intelligenzverstärkung und körperlichen Kräftigung bei, da sich das Wachstumshormon Somatotropin vorwiegend nachts auswirkt. Wünschst du noch mehr für Guido? Wachsend wird er sich ändern, nachdenklich wird er wandeln.“
Zeitansage, 9. Jahr
12. Juli: Während der Himmel das Land der rechtschaffenden Schowis segnete und dort eine Rekordernte reifen ließ, bescherte er dem Land der protzigen Yankees arge Hitzerekorde um sechzig Grad, katastrophale Dürre, Heuschreckenplage und (wie in einem Super-Western-Film) stündlich hundert Tote.
18. Juli: Andächtig lauschten die Aufrechten Deutschen den Nachrichten über die Erfolge der Erneuerungsbewegung in Marokko und Andalusien. Als der oberste Falange-General seine Entschlossenheit bekundete, zum Zwecke der heiligen Machtergreifung gegebenenfalls „halb Spanien zu erschießen“, telegrafierte ihm Ahi entzückt Glückwünsche, verbunden mit der Ankündigung bombiger Mithilfe und der Entsendung manöverlustiger Flugzeuggeschwader.
14. August: Anlässlich der Olympischen Spiele herrschten in Berlin zwei Wochen lang die Hellen Nächte. Hunderttausende Glühbirnen, griechische Feuer, Lampions, Scheinwerfer und Strahlendome erfüllten die goethesche Forderung: mehr Licht! Tagsüber besichtigten anderthalb Millionen Gäste und Reporter den üppigen Festschmuck (50 000 Quadratmeter Fahnentuch, 70 Kilometer Eichenlaubgirlanden), diverse Weiheräume und die Auslagen humanistischer Literatur in den Schaufenstern zur Welt. Beunruhigung durch die Broschüre „Lernen Sie das schöne Deutschland kennen“ mit Empfehlung eines Besuchs in „Sonderbehandlungsräumen“ der Konzentrationslager. Dennoch stimmten die Globetrotter begeistert in den Halleluja-Chor aus Händels „Messias“ ein, dieweil der Retter Ahi das Stadion betrat. Freundlich begrüßte er die Repräsentanten des Auslandes, huldvoll ehrte er die nationalen Triumphatoren, doch unmutig verließ er jedes Mal die Ehrentribüne bei Medaillengewinnen der „Untermenschen aus dem Dschungel“, dem Siegesquartett des Negers Jesse und anderen skandalösen Vorfällen. „Deutschland von Norwegen 2:0 geschlagen!“ Welch hochverräterische Schlamperei! Es war Pflicht der arischen Deutschen, Überlegenheit zu demonstrieren.
19. August: Vier Wochen nach dem Sieg der Falange in Granada kamen die Häscher in das Haus der Geborgenheit und verhafteten Frederico. Oh, wäre er im bedrohten Madrid geblieben oder rechtzeitig über den Ozean zu Freunden geflohen! Aber er hatte sich nach andalusischen Hirten, Gärten und der Sprache der Blumen gesehnt, nach lyrischem Kopfweh und den pianistischen Mysterien Debussys. – Nun saß er im Gouverneurspalast gefangen und sagte leichthin zu Angeline, die ihm Kaffee und blonden Tabak brachte: „Dichter tötet man nicht.“ Unmöglich konnten Poeme der Wahrheit strafwürdig sein, denn Wahrheit galt seit je als hohes Ziel der Erkenntnis und sittlichen Bemühung. Dennoch: Überall breitete sich Angst aus wie Nebel im Tal und erreichte auch ihn. Erinnerung an seine Verse gegen miese Bourgeoisie, Gendarmen mit Schädeln aus Blei und die Diebe von Brot und Öl des Volkes; Bekenntnisse zur Freiheit in der Liebe, Liebe zur Freiheit und zu den Unfreien, die um ihr Menschenrecht stritten. – Die Schwarze Legion vergaß nichts. Kurz nach Mitternacht fuhren sie ihn nach Viznar und von dort auf dem Mönchsweg zum dunklen Gewölbe. Im Morgengrauen eskortierten sie ihn gefesselt zum Quell der Tränen. Erschrocken gewahrte er die letzte Wahrheit, Flügel aus Moos, Schwefelblüte über dem Mund und den blauen Reiter. Doch kein Geklage! Dem Tod muss man auf die Lippen sehen. Stille. Schüsse. Unter den Zweigen des Ölbaums verblutete Spaniens großer Dichter.
23. November: Durch anklagende Dichterworte war es überraschend gelungen, den Berichterstatter Os aus den Händen der Folterknechte zu befreien. Im Berliner Staatskrankenhaus empfing er die Nachricht von seiner Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis. „Dank für die Ehrung“, sagte er. ‚Leider bin ich bald am Ende‘, dachte er. Und er schwieg beredt.
Von der Größe eines Landes und des Kindes
Nachdem Lehrer Krause seine gamaschenumwickelten Beine ausgestreckt, den rechten Arm entblößt und den Bizeps angespannt hatte, ließ er die kichernden Schüler der dritten Klasse vorbeimarschieren und „kartoffelharte“ Muskeln befühlen. Gleichzeitig sprudelten aus dem breiten Mund seines treuherzigen Froschgesichts unablässig Worte hervor über erstrebenswerte „Kraft durch Klimmzüge“ und Übung, die dreister machte. Der Magister ermutigte alle Jungen dazu, sich zu trimmen wie er und zu Ruhm und Ehre des Vaterlandes athletische Formen zu gewinnen.
Im Unterricht erzählte er vom olympischen Fest der siebenundfünfzig Nationen, bei dem sich die deutschen Sportler als die besten der Welt erwiesen hätten. Nirgends gäbe es ähnlich vorzügliche Speerwerfer, Boxer und Reiter, aber auch nirgends vergleichbare Erfinder und Soldaten, Ochsen, Schweine und Puffbohnen. Unter Führung Ahis sei Deutschland ein Riesenkurort und das schönste, bedeutendste und stärkste Land auf Erden geworden.
Zu Hause fragte Guido, wie lange man laufen müsse, um von einer Grenze des Reiches zur anderen zu gelangen.
Frau Dagmar lächelte und meinte, wenn er täglich nur zehn Kilometer wandere, also wie von Paradies nach Friedburg, brauche er sicher drei Monate dazu.
„Und wie lange geht man um die ganze Welt?“
„Um Himmels willen, Prinzchen! Da wärst du bestimmt mehr als zehn Jahre unterwegs. Doch schaue es dir selber einmal an!“
Im sogenannten Herrenzimmer sah er auf einem medizinballgroßen Globus, den er bisher wenig beachtet hatte, das blaue Band der Meere und darin gesprenkelte, flundernförmige Kontinentalgebilde. Ein pausbäckiger gelber Fleck hieß China, über Kanada lag eine grüne Sattelschrecke, die Vereinigten Staaten bewachte ein silbergrauer Bär, Brasilien leuchtete wie eine Ocker-Unke, und Australien schwamm wie eine violette Muschel im Ozean. Am auffälligsten fand der Betrachter eine weiträumige fuchsrote Fläche, in der er den Namen Sowjetunion entzifferte.
Als die Mutter auf eine braune Warze am asiatischen Hals hinwies und sagte, das sei Deutschland, schüttelte Guido ungläubig den Kopf. „So lütt? Das ist ja nicht mal so dick wie mein Daumen, der –“ er ließ die Finger der Hand wie ein Klavierspieler über die Tasten der Längengradmarkierungen gleiten – „siebzigmal auf die Kugel passt. Wie können wir die Stärksten sein, wenn wir so klein sind?“
„Ja, mein Junge, das möchte ich auch gerne wissen.“
Ein bisschen beunruhigt entließ sie ihn zum nachmittäglichen Spiel mit dem Bauernsohn Martin, der sich grinsend als Guidos rätselhafter „Wahlmann“ beim schulischen Beliebtheitstest zu erkennen gegeben hatte. Vermutlich ging von dem stämmigen, verkniffen blickenden Burschen kein günstiger Einfluss aus, aber man musste wohl froh sein, dass er eine gewisse kindliche „Liebesaffäre“ vergessen half. Zu Beginn der Freundschaft bemühten sich die beiden, in olympischem Geiste Rekorde aufzustellen im Weitpissen (4 Meter) und Eisessen (1 Kilo pro Stunde). Erfreut über die respektablen Ergebnisse machten sie Shakehands und den Plan, die Zulässigkeit des Bösen im heimatlichen Paradies zu erproben.
Wie Verschwörer steckten sie die Köpfe zusammen, wobei es Guido war, der die abscheulichsten „Experimente“ ausdachte und vorbereitete. Von den Schnüren ihrer Eibenholzbogen schnellten die Büblein Pfeile auf Vögel ab, deren Federn sie als Trophäen begehrten. Unbekümmert sezierten sie Feuersalamander und schmierten Drüsengift auf Speerspitzen, mit denen sie ominöse Igel und streuende Katzen durchlöcherten. Gierig beobachteten sie, wie Ameisen einen Käfer skelettierten oder eine Gottesanbeterin den begattenden Partner auffraß, denn danach bereitet es unheimliches Vergnügen, sowohl Killer wie Gekillte zu zertrampeln. Katapulte dienten zum Fensterscheibenbeschießen, aus Verstecken warfen die Knaben Grasbüschel und Kletten auf sauber gekleidete Passanten. Der „alte Petzer“ im Himmel schwieg dazu und enttäuschte, weil er offenbar nicht mal einen strafenden Blitz zu schicken vermochte. Am interessantesten fanden die Jungen eine Lupe, die sie als Brennglas zum Anzünden der ersten Zigaretten benutzten, aber auch zum Ausräuchern von Wespennestern und Schmoren arglosen Kleingetiers. Das Absengen von Hummelflügeln nannten sie „rasieren“, das Verglühen einer Raupe „sonnenbaden“, und göttlich-koddrig atmeten sie jeden Opfergeruch ein. Als Dr. Möglich seinen Sohn eines Tages bei der „Punktbestrahlung“ einer weißen Maus ertappte, holte er zu einer Backpfeife aus. Guido lief davon, der Vater trappelte hinterher. Guido kletterte auf eine Pappel, der Vater schimpfte. Guido lachte sehr frech und sprang plötzlich aus drei Meter Höhe hinunter, wobei der Vater spontan Hilfestellung leistete. Schwer atmend standen sie sich gegenüber.
„Schämst du dich gar nicht, wehrlose Tiere zu quälen?“
„Nein, denn du selbst hast mir beigebracht, dass ich tun soll, was ich nicht tun möchte.“
Seit dem väterlichen „Abhärtungskursus“ reizte es Guido in der Tat, Widerwärtiges entschlossen anzupacken, Furcht zu überwinden und sich mutwillig in Gefahr zu begeben. Wenn er nun auf dem Dachfirst herumkletterte, mit Freunden Messerwerfen „auf den Mann“ übte oder sich selbst ein Feuermal auf die Haut brannte, hatte er die Genugtuung, dass sich der „Alte“ offensichtlich mehr ängstigte als er. Schließlich zog sich Theo resignierend in seine Studierstube zurück und überließ Frau Dagmar die weitere Erziehung des Sohnes.
Ach, welch komplizierte Psychologie der heranwachsenden Jugend! Gemäß den Lehrbüchern müsste das Bürschlein in dem Alter noch friedlich mit Kreisel und Murmeln spielen und einen guten Mitteilungsdrang entwickeln. Stattdessen diese sadistischen Entartungen und verspäteten Trotzreaktionen. Oder handelte es sich bereits um frühreife pubertäre Allüren? Ob der Schlingel wohl bald zur Besinnung kam und die besten väterlichen Absichten anerkannte?
Zur ärztlichen Sprechstunde erschien (wie gerufen) Lehrer Krause, der über ungewöhnliche Schlaflosigkeit klagte. Während der Routineuntersuchungen (Auskultation, Perkussion, Blutdruckmessung) erkundigte sich Dr. Möglich jovial nach den „Heldentaten“ seines Sprösslings, und er hörte mit Erstaunen von dessen andauernder „Verträumtheit“.
„Einatmen, ausatmen! Husten Sie mal! – Und Guido, meinen Sie, schläft im Unterricht besser als Sie in der Nacht?“
„Wahrscheinlich, Herr Doktor, obwohl er bei Fragen aufgeweckt wirkt und eigentlich stets gescheite Antworten gibt.
Erst kürzlich hat er einen Text über das Dämmerungssehen leuchtäugiger Tiere erfreulich ergänzt durch den Hinweis, dass sich echopeilende Delfine sogar in absoluter Dunkelheit zurechtfinden.“
‚Nanu!‘, dachte Theo Möglich. ‚Das weiß er doch nicht von mir!‘ Dann sagte er: „Ihr Herz ist ein bissel huschlig. Haben Sie irgendwelche Schwierigkeiten?“
„Ich bin seit zwanzig Jahren glücklich verheiratet, Herr Doktor.“
„Hm! Und weitere Kalamitäten, bitte? Zum Beispiel in der Schule? Da Sie mein Sohn merkwürdigerweise nicht ärgert, treiben es andere Jungen vielleicht ärger.“
„Nach zwanzig Dienstjahren, Herr Doktor, glaube ich den Anforderungen meines Berufes gewachsen zu sein.“
„Na, mein Lieber, Ihr Herz scheint aber nicht ganz mitgewachsen zu sein, sonst würde es nicht so puppern. Wer weiß, was Sie für ein unordentliches Innenleben haben! Und nun denken Sie, der olle Möglich wird die verheimlichten, schlafhemmenden Konfliktchen schon mit seiner chemischen Kriegführung aus dem Nischel jagen. So einfach ist das nicht, lieber Herr Krause, zumal unsere üblichen barbitursäurehaltigen Hypnotika meistens die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen.“
„Das möchte ich allerdings nicht riskieren. Und was empfehlen Sie in meinem Falle?“
„Ein dickeres Fell, Herr Nachbar. Außerdem: beruhigendes Hellblau im Schlafzimmer, Nord-Süd-Ausrichtung des Bettes und Beachtung des Erdmagnetismus, Buddhaspiele und ermüdende Goethelektüre.“
„Ist das Ihr Ernst, Herr Doktor? Sollte es gar keine unschädlichen Medikamente gegen gewisse Beunruhigungen geben?“
„Aha!“, sagte Theo Möglich. Bevor er weiterredete, zündete er sich unter der Goldrahmenbrille eine Zigarre an. „Nun will ich Ihnen mal was erzählen: Wenn Sie schlecht schlafen, produziert Ihr Körper bestimmte narkotische Substanzen nicht ausreichend. Und warum nicht? Weil Sie es selbst angstvoll blockieren. Erst wenn es gelänge, die fehlenden körpereigenen Hypnotoxine künstlich herzustellen und damit Spannungen zu beheben, besäßen wir eine halbwegs harmlose Droge. Aber noch gibt es sie nicht! Vielleicht verraten Sie mir jetzt, was Sie bekümmert?“ „Es soll geheim bleiben, Herr Doktor. Mein Sohn wurde als Bombenflieger nach Spanien abkommandiert.“
Zeitansage, 10. Jahr
26. April: Markttag in Guernica! Die Sonne irisierte im Saphir des Himmels. In den Straßen der Stadt drängten sich Frauen in bunten, bortenbesetzten Trachtenröcken und Männer mit blauen Baskenmützen um die Basare. „Friede sei mit euch“, sagten die Ordensbrüder von der Heiligen Eiche. – Am Spätnachmittag kam der Krieg durch die Luft gebrummt. Juhe-Flugzeuge brausten im Tiefflug über den Ort dahin, warfen großkalibrige Bomben ab und schossen auf fliehende Menschen. In Staffeln und Wellen kehrten die geflügelten Zerstörer mehrmals wieder und streuten Brände aus. „Wir alle tauchen in ein Meer von Trauer“, sang einstmals Federico. Als die Nacht einbrach, zählte der letzte Ordensbruder von der Heiligen Eiche 4 450 überlebende, 1 650 tote und 900 verwundete Einwohner von Guernica.
Der spanische Pavillon
Wenn die Weiber auflachend ihre schönen Zähne zeigen, Pablo, dann fliehe! Sei eingedenk der heuschreckigen Gottesanbeterinnen, die Andacht heucheln und zärtlich wippende Männchen zwischen den Kiefern zermalmen.
Doch er hatte (beim Apis!) einen gar sündhaften Leib. Vielleicht würden die Kunstschüler später seine Liebschaften aufzählen wie Buhlen des Zeus und bemerken, dass es ihm manchmal nur um Haaresbreite gelungen war, nicht den Kopf zu verlieren. Warum er trotzdem immer wieder erotische Abenteuer suchte? Aus purem Übermut und liederlichem Gelüst! Denn die Damen brauchten sich nicht auszuziehen, damit er sie gestalterisch anziehend fand; er malte ihre Frätzchen, Titten und schwarzovalen Pussis sowieso stilisiert und ohne hinzugucken.
Aber welcher Teufel ritt ihn, als er sich mit drei Fangschrecken zugleich einließ? Das musste den stärksten Nahkämpfer umhauen! – Ja, ja, von Madame, dem rothaarigen Luder, hätte er sich längst trennen sollen. Ständig ihre Missvergnügtheit und hysterische Kreischerei! Erst die zimbelnden Schnappscheren zweier neuer Verehrerinnen ermutigten ihn, die Scheidung zu begehren, worauf das Chaos ausbrach: Olga verwandelte sich in eine Furie und hetzte ihm die Juristen auf den Hals, Therese kriegte ein Kind, und Dora glich dem unergründlichen, grünäugigen Meer.
Oh, er war der unglücklichste Mann der Welt! Am besten, so schien es, genoss man seine Männlichkeit bei den Nutten vom Montmartre und schickte die „ehrbaren Dirnen“ in die Wüste. Nur ihretwegen gelang ihm seit fast einem Jahr kein gescheites Bild mehr. Einzig und allein sie machten ihn krank und künstlerisch lendenlahm, statt ihm durch liebendes Dienen die höchste Befreiung zu ermöglichen. Sein bisheriger Stolz: sich nach gigantischen, (bitte schön:) genialen Schöpfungen nicht erschöpft zu fühlen und in doppeltem Sinne hochpotent zu bleiben. Und nun? – Gewiss gab es jenen Auftrag der Leute aus Madrid, die für den spanischen Pavillon der Pariser Sommerausstellung ein Wandgemälde von ihm erwarteten. Sie würden noch lange warten müssen. Abgesehen von seiner Abneigung gegen bestellte Werke fiel ihm einfach kein geeignetes Thema ein. Begriff denn niemand, dass man von ihm nichts mehr erhoffen durfte, weil ihn die verflixten Weiber ruinierten? Während er Ende April sein neues Atelier in der Rue des Grands Augustins lustlos mit Malerkram vollstopfte, entdeckte er in einer hauptstädtischen Gazette die Nachricht von der Zerstörung des baskischen Wallfahrtsortes Guernica y Luno. Welch universelles Entsetzen: Blumen, Vögel, Phallus, Knochen, Ziegel, Gerüche, Streichholzschachteln und Atome schrien. Negermasken an den Wänden rissen Münder auf und heulten. Im Wendeltreppengang zerklirrten Lampen, Bücher, Kartonblätter und Ringpinsel wirbelten umher, bis Pablo einen winselnden Bleistift ergriff und allegro con moto vier Figuren auf blaues Papier skizzierte.
Stier: Kein Symbol des evangelistischen Kunstpatrons oder des gegenwärtigen Tierkreises, sondern schwarzes, lauerndes, drohendes Widerspiel der Toreros. – Pferd: Kein helikontischer Pegasus, doch aus dem Blute der Medusa entsprungen, im Todesschmerz brüllend. – Frauen: Ein schreiendes, deformiertes und kein schönes Geschlecht; aus brennenden Häuserhöhlen hilferufend oder eine Kindesleiche bergend.
Auf mehreren Entwürfen kombinierte und variierte Pablo die Detailstudien von Stier, Pferd und Frau. Bald setzte er dem zentaurischen Bullen ein Unmenschenhaupt auf, bald eine bärtige Teufelsfratze. In dem hochgerissenen Kopf der Mähre kennzeichnete er ein grässliches Kratermaul mit Luntenzunge und zigarettenstummelförmigen Zähnen. Langarmig ließ er eine stafettenähnliche Ölfunzel hinausreichen in den Raum, auf dessen Boden ein krepierender Kämpe lag.
Nach anderthalb Wochen hisste Pablo im unteren Atelier dreißig Quadratmeter Segeltuch: von Seitenmauer zu Seitenmauer, von den roten Fliesen bis zum Dachgebälk. Sorgsam strich er ein gesiebtes Grundierungsgemisch auf die vorgeleimte Leinwand, schliff später mit Sandpapier ab und wählte einen grauen Unterton. Dann begann er zu malen.
Er arbeitete täglich von nachmittags bis mitternachts, wenn von der Seine her das Tuten der letzten Dampfer durch die Stille hallte. Wie ein Artist turnte der kleine große Mann im Scheinwerferlicht. Mit Sweater und Shorts bekleidet, kletterte er auf die Leiter, um in drei Meter Höhe gespreizte Hände, geblähte Tiernüstern und Gottes besorgtes Glühbirnenauge zu formen. Selbst der Allmächtige konnte nicht mehr ohne Monokel auskommen, was Monsieur erheiterte, wenngleich nicht tröstete, denn mit der Eulenbrille (die er nur im verschwiegenen Atelier bei Feinarbeiten trug) sah er verdammt älter aus. Einfach drauf pfeifen? Oh, nicht vor den Damen! Doch er pfiff. Zwischendurch schwatzte er surrealistische Sprüche vor sich hin, die er in den Monaten der Brache sogar aufgeschrieben hatte. ‚Säcke voller Nüsse, ausgeschüttet über Glatzen und die sich schubsenden Konkubinen. Glacéhandschuhe übergestreift vor der Entscheidung, im Liebesstreit nichts zu entscheiden. Rösselsprung in Journalfetzen und drei Heulen mit Glaskonvex unterm Brennglas, während Rindox das Fegefeuer anbläst im Sarg und Golf von Biskaya. Bitte, anschnallen in der Kabine, Gespräche mit dem Piloten sind verboten …‘
Unentwegt rauchte er und warf die Kippen achtlos in das staubige Kabuff, in dem es aus Büchsen und Terpentin, Leinöl und Chemikalien roch. Statt einer Palette benutzte er ein Tischchen, auf dem er aus Tuben schwarze, weiße, blaue und gelbe Farbpasten auf Zeitungspapier drückte. Er konturierte und kolorierte die Figuren, als ob er den Pinsel in Trance führte und bereits vorhandene Linien nachzöge.
Obwohl er ein paar Dutzend Skizzen, Federzeichnungen und Urbilder geschaffen hatte, erprobte er immer neue Möglichkeiten der Komposition. Anfangs gestattete er es dem hingestreckten, sterbenden Krieger, die rechte Faust zum republikanischen Gruß zu erheben. Als Pablo die erschlaffende Hand schließlich niederholte wie eine Fahne und die Finger durch die Blume des Todes anwurzelte, konnte er den vormals gebeugten, brüllenden Pferdeschädel wie in einer Schlinge zur blühenden Sonnenlinse hieven. Nun empfahl es sich, den lebensgroßen Stier, der unter mondsichelförmigen Hörnern napoleonische Züge trug, umzudrehen und mit Hinterteil und baumelnden Hoden in die linke Ecke zu drängen. Während eine wehklagende Mutter ihr spitzes Gebiss unter das Farrenmaul schob, ragte ein griechisches Profil aus dem Fenster und legte eine dreieckige Lichtschneise ins Bild.
Der Meister war nicht daheim, als ihn sein Chauffeur Marcel zu gewohnter Vormittagsstunde in der Privatwohnung (La Bohème genannt) abholen wollte. Etwas beunruhigt steuerte er die Hispano-Suiza-Limousine durch die Avenue des Champs-Élysées und über die Concorde-Brücke zur Rue des Grands Augustins, wo er in Nr. 7 die enge, gedeckte Wendeltreppe zur zweiten Etage emporkraxelte. Zu seiner Überraschung hörte er aus dem Atelier schrille Pfiffe.
„Nur herein, du Halunke!“, rief Pablo vergnügt. „Bist du eben erst aus dem Bett gefallen, oder hast du die Nacht in der Weltausstellung der horizontalen Halbwelt verbracht? Was gibt’s Neues im Bordellanzeiger?“
Marcel stand vor der rechten Bildseite und begaffte die siebzig Zentimeter hohe Fußsohle einer fliehenden Frau. Darüber eine Art Kreuzigung: gereckte Arme und ein gekipptes Kinn, so lang wie ein Bart. „Beängstigend – diese Frühschicht“, sagte er. „Bei der Hochzeit des Herzogs von Windsor, falls es Sie interessiert, trug die fürstliche Kokette modisches Wallis-Bleu. Nun reisen sie an die blaue Adria.“
Der Maler lachte wiehernd. „Nachher könntest du mich zum Pennen in die ‚Bohème‘ hinüberfahren.“ Er hüpfte vor der Leinwand auf und ab und steckte auf eine Stangenspitze einen roten Papierschnipsel, den er nacheinander unter jedes gemalte Auge hielt. „Wie schaut’s aus in den baskischen Provinzen?“ „Auf dem Boulevard des Heiligen Michel“, bemerkte Marcel, „würden Sie jetzt prima Antiquitäten und die jugendlichsten Modelle finden. Aufreizende Mädchen aus dem Orient, auch Negerinnen und Japanerinnen. Auf dem Trocadero-Platz hingegen stellen die Dänen viel Käse aus, die Schweizer ihre Uhren und die Deutschen Kinderspielzeug und gemeißelte Muskelmassen.“
Pablo hob das rote Signal unter das Murmelauge des Pferdes und fragte: „Wie gefällt dir das?“
„Ehe ich es vergesse, Monsieur: Die Gazetten melden, dass die Falange den Belagerungsring um Bilbao enger schließt.“
„Hol sie der Henker! Und das erzählst du mir erst jetzt? Menschenskind, es eilt! Wir müssen Guernica im spanischen Pavillon aufbauen.“
„Wenn Ihr Gemälde ‚Guernica‘ heißen soll, will ich Hmhm heißen. Ich sehe weder eine Stadt noch Flugzeuge und Bomben, sondern nur weibliche Vogelscheuchen.“
„Nanu? Hast du noch nicht beobachtet, wie relativ das Aussehen der Menschen ist? Einem Kind erscheinst du vielleicht als Opa und Pfiffikus, und einer Frau als schwerer Junge und Luftikus. Ebenso entdecke ich an meinen Figuren oftmals Apartes, eine verlogene Schönheit immerhin, die ich dann deformiere, um Ideen und den wahren Entwurf eines Daseins zu gewinnen. Meine Bilder sind eine Summe von Zerstörungen.“
„Aber stellen Sie sich mal vor, Monsieur, Ihre Frauen und Freunde kämen mit solchen Bilderfratzen an Ihre Haustür gerannt.“
Pablo kicherte, wobei er aus rundem Eulengesicht den Blick seiner morionschwarzen Pupillen merkwürdig starr auf Marcels hakennasigen Normannenkopf richtete. „Ja, es wäre zum Davonlaufen. Doch nun pass mal auf: Manchmal porträtiere ich die Leute noch durchaus so, wie sie sich gerne sehen, nämlich ähnlich und ein bisschen angehübscht. Ob man dazu allerdings Kunst braucht? Ich glaube: nein, denn ein Foto bietet die gewünschte, betrügerische Naturtreue mindestens ebenso gut. Deshalb male ich von Personen meistens nicht mehr deren Vorstellungen von sich selbst, keine Kopien, sondern mein Seherlebnis, mein fantastisches Wissen um ihre inneren Wirklichkeiten.“
„Trotzdem begreife ich nicht, warum Sie Ihre Gestalten derart zerhacken müssen. Ich erkenne nur Realitätsreste: hier einen halben Arm, dort ein Stück Rumpf oder ein schädeldachloses Haupt. Es sieht ja beinahe aus wie –“ „Auf einem Schlachtfeld, nicht wahr? Da hast du es: Ich male nicht den Krieg, sondern seine Opfer, nicht die Explosion, sondern Visionen. Hörst du nicht, wie die stumme Schöpfung auf meinem Bilde vor Schmerzen schreit? Was den Körpern hier angetan wird, ist so unmenschlich, dass es sicher menschliche Aktivitäten aufzurufen vermag. Siehst du noch immer nicht Guernica?“
Der Chauffeur trat in den Raum zurück und beugte sich vor, als wollte er einen Anlauf nehmen. Gewiss imponierte ihm das Gemälde: dreieinhalb Meter hoch und nahezu acht Meter breit. Mehrmals sprang er die erstaunliche Komposition mit den Augen an, um tiefer in sie einzudringen. Drei weinende Frauen, ein gefällter Krieger, ein brüllender Gaul, eine geisterhafte Lichtbringerin in der Mitte … Aber warum hatte sich der Kämpe mit dem Schwert gewehrt? Warum wurde der Klepper von einer Lanze durchbohrt, während der Bulle unversehrt blieb? Herrschte hier absurde Stierkampfzeit?
Schließlich sagte Marcel: „Offenbar kann man das nur richtig verstehen, wenn man die Bedeutung der Figuren kennt. Deshalb möchte ich fragen –“
„Pst! Machte Pablo und hielt den roten Schnipsel unter das rechte Auge des gehörnten Hauptes. „Nirgends passt der Tropfen hin. Siehst du, meine Gestalten haben alles Wasser ausgeweint. Das Malen war halt stärker als ich und nahm Empfindungen gefangen. Vielleicht gleicht das Pferd dem leidenden Volk und der Stier einer brutalen oder widerstrebenden Macht. Nur widerstrebend deute ich, weil ich an die Freiheit der Kunst denke und an das Paradoxon, dass ich dem Gewalttäter möglicherweise an jedem Freitag diese heimliche Träne ankleben werde.“
Zeitansage, 10. Jahr (Fortsetzung)
19. Juli: Die weißen Schäfer hatten sich vorübergehend aus dem Land Arkadien am Rande des Münchener Hofgartens zurückgezogen. Stattdessen waren verurteilte Bilder und Bildwerke an Schandsäulen aufgehängt worden. Zur Eröffnung der Ausstellung „Entartete Kunst“ erschien der Schowi-Boss in Begleitung seiner Gala-Ganoven. Als der verkrachte „akademische“ Maler und Kehlkopfartist die improvisierte Rednertribüne betrat, gewahrte er voller Rührung eine einzigartige Huldigung: Infolge der geschickten, ästhetischen Anordnung sämtlicher Glatzköpfe des Publikums leuchtete ihm aus dem Raum sein Name Ahi entgegen. Grüßend schlenkerte er die Hand wie eine Fliegenklatsche, bevor er mit rau-gutturaler Knödelstimme erklärte:
„Elendes Gesocks erfrechte sich, uns jahrzehntelang Kulturkotze zuzumuten. Darum habe ich die schizophrenen Ausgeburten fünftrangiger Kleckser, die sich nur der Gunst jüdischer Schleimscheißer erfreuten, an den Pranger stellen lassen.“ (Lärmend beklatschten die Getreuen jedes Gossenwort.) „Wir Aufrechten verdammen alles, was sich im Gefolge des Blauen Reiters auszubreiten wagte: Kubistischen Blödsinn im Kubik, expressionistische Seelenjauche, futuristisches Getto-Chaos und anderes Krickelkrakel.“ (Prasselnder Beifall.) „Angewidert wenden wir uns ab von Bilderfratzen und den gepinselten Überresten menschlicher Gesichter, Arme und Beine. Empört betrachten wir die deformierten Darstellungen deutscher Mütter in Gestalt geiler Dirnen, die schweinischen Klosettwandschmierereien und Besudelungen heldischen Soldatentums. – Dagegen preisen wir unsere gesunde Muskel-Malerei, die Veranschaulichung heroischer Nordmänner und des gewaltigen Prankenschlags.“ (Jubelnder Beifall.) „Verewigt seien Blutzeugen und Bauernfrühstück, Kameradschaft und Krieg, wozu Wagnerfanfaren erklingen und das Verlangen nach würzigem Münchener Bier erwecken sollen. Ich erwarte, dass Musik künftig nach ihrem Erfrischungswert und die bildende Kunst nach Gesichtspunkten der Atemtechnik beurteilt wird. Von unserem neuen Lebensgefühl aus missbilligen wir die verkrampfte Haltung einer Venus von Milo, die Porträtierung hebräischer Untermenschen durch Rembrandt und die schlappen Modelle El Grecos, von den Sauereien neuerer Kulturbolschewisten gar nicht zu reden. Attacke!“ – „Zickezacke, Heil!“
Mit finsteren, verächtlichen Blicken zog die Schowi-Garde an den Gehängten vorüber. Christus tröstete Barlachs Apostel, ließ bei Corinth den Ecce-Homo-Ruf ertönen und schrie auf in Noldes Kreuzigungstriptychon. Während Lehmbrucks Knieende wie eine Gerte schwankte, schossen Klees goldener Fisch und die blauen Pferde von Marc aufgeschreckt in den Krieg von Dix hinein. Kokoschkas Windsbraut riss die Türen der Ausstellungshalle auf: Alltäglich nahmen zwanzigtausend Besucher Abschied von den achtbaren Geächteten.
Einige Tage später: Die Gefolgsleute defilierten ehrfürchtig vor dem Palast, in dem der Retter wohnte. Die ganze Nacht hindurch hatte in seinem Studierzimmer das Licht gebrannt, und heilig-ergriffen gedachten sie des einsamen Regenten, der nur Arbeit kannte und demütig die Last der Erwählung und Verantwortung trug. Ohne Frauen und Vertraute, ohne Freunde und Trauer lebte er droben, einzig um das Wohl der Nation besorgt.
Als Ahi in der elften Stunde erwachte, sorgte er sich vorzugsweise um sein Aftersausen und das Ekzem am linken Unterschenkel. Nach hypochondrischer Überprüfung der Körperfunktionen döste er eine lange Weile und erinnerte sich an die kurzweilig-exklusive Nacktrevue und den „Fledermaus“-Film von gestern Abend. Ein hübsches, erfrischendes Singspiel, das Appetit auf Esslinger Sekt weckte, zudem lehrreich in der Methode, das Volk zu zerstreuen und zum Einverständnis mit Schicksalsfügungen zu erziehen. ‚Glücklich ist, wer vergisst …‘ Ach, niemals vergaß er das süße Nichtstun in seiner Wiener Zeit! Ausgestattet mit Erbschaftsgeldern und den kleinen Erträgen der Kopisterei hatte er sich unbekümmert dem Theater, der Bohème und der Malkunst widmen können, wobei professorale Dummköpfe freilich seine Begabung nicht erkannten. Heute würden sie staunen, die Trottel, denn Genie war im Grunde Faulheit und kam auch im Müßiggang zu dem Ziel, sich beispielsweise als der größte Deutsche zu offenbaren.
Durch derartige Gedankenarbeit ermuntert, beschloss Ahi, gemächlich aufzustehen und sich mit Zeitungslesen, Papierbekritzeln und Kuchenessen zu beschäftigen. Befriedigt las er vom 100 000-Kilometer-Marsch mischpokiger Jedermanns in siebzigjähriger Daseinsfrist und der kasernierten Knabenschulung im alten Sparta, ferner von Forschungen zur Gewinnung höchster Spannungen und Energien. Um ein Uhr wandelte er zum Empfangssaal hinüber, wo er vor versammelten Gangstergranden beim frugalen Mahl ausschweifend zu monologisieren begann.
Nach bescheidener Würdigung seiner eigenen Verdienste um die Überwindung der Arbeitslosigkeit und die militärische Stärkung des Reiches sprach er von der Notwendigkeit, das Errungene zu festigen. Kundig verwies er auf das Beispiel der Spartaner, die bereits in früher Jugend diszipliniert und in Feldlagern zu Kriegstüchtigkeit und Autoritätsgläubigkeit erzogen worden seien, bevor sie vom 20. bis 60. Jahr frohgemut ihrer Wehrpflicht genügt hätten. – Dieses Glück der perfekten staatlichen Lebensregelung wolle er endlich auch dem deutschen Volk bescheren. Darum wünsche er, dass die Menschen keinen Augenblick des Tages allein gelassen würden. Zwar müsse man leider den Schlaf noch als Privatsache betrachten (nicht ohne regierungstreue Träume zu fordern), doch im Übrigen sollten die Leute stets eine rege Schaffenskooperative bilden und sich zu gemeinsamem Urlaub, Gelage und störfreiem Rundfunkempfang zusammenfinden. Jeder möge des anderen Wächter sein. Um die Geburtenfreudigkeit zu heben, verordne die Obrigkeit patriotischen Beischlaf und pro Frau ein Plansoll von vier Kindern. Den Malern, Literaten und Musikern falle die Aufgabe zu, seine Leit-Ideen auszugestalten und Männer und Frauen für das schöne, arbeitsame Schowi-Dasein zu begeistern. Wie jüngste Vorgänge zeigten, gäbe es allerdings noch Künstler und Intelligenzfatzken, die sich einbildeten, sie könnten weiterhin ihre absurden, freiheitstrunkenen Ausgeburten anbieten. Falls die Herren nicht bald begriffen, was man von ihnen erwarte, werde zu überlegen sein, ob man sie nicht, sozusagen, ausrotten solle – oder dergleichen.
Der Boss redete in charmantem Plauderton, während er vegetarische Kost genoss. Sein Gesicht verriet keinerlei Empfindungen. Bisweilen wischte er mit der Serviette das bärtige Bürstchen über dem schmallippigen Mund ab. Er trank weder Bier noch Wein, sondern dünnen Tee, den er reichlich süßte. Früher als gewohnt, erhob er sich. Sein Wink galt dem Bauinspektor Alverich, den er aufforderte, ihn ins „Empyreum“ zu begleiten.
Durch den Diplomatengang schritten die beiden Männer zur „Galerie“ hinüber, in der Ahi Scheinwerfer aufflammen ließ: Ein Modell der Hauptstadt des künftigen Germanischen Weltreiches wurde sichtbar. Von der maßstabgerechten Attrappe eines Triumphbogens erstreckte sich die Prachtstraße des Berliner Zentrums, gesäumt von den Gebäudeklötzen der Ministerien, Luxushotels und Vergnügunsstätten. Am Ende der Avenue erhob sich der leuchtende Dom des Volkes, in dem der Imperator einstmals vom goldenen Thronsessel aus eine Versammlung von 150 000 Gefolgsleuten zu überschauen gedachte.
Zwischen den Spielzeughäusern kauernd, fantasierte Ahi: „Ich werde diese Metropole gigantischer ausgestalten als Mekka, Athen und Rom. Aus allen Ländern der Erde sollen die Menschen hierher pilgern, nachdem ich jedes Konkurrenzkapitol zerstört und alles Großartige von der ägyptischen Sphinx bis zum Eiffelturm am Spreeufer aufgebaut habe. Nicht jeder sieht mich, wenn ich auf der höchsten Tribüne stehe, doch jeder fühlt mich. Und in einem gewachsenen Felsblock hinter der Oper werden Steinmetzen mein ewiges Antlitz meißeln als Monument für Jahrtausende.“
Mein lieber Jab!
Es ist ja ’ne Wucht, dass Du mich durch ein Suchbüro aufgestöbert und gefunden hast. Mensch, Junge, nach drei Jahren endlich wieder etwas von Dir zu hören – darüber bin ich ganz jeck vor Freude! Jedenfalls vielen Dank für Deinen Brief vom 10.8.47, der mich beinahe pünktlich an unserem „Gedenktag“ erreichte. Seinerzeit, vor einem Dezennium, wussten wir noch nichts von der großen Pleite, die uns bevorstand: Von überstürzter Pennäler-Pensionierung“, Kommissdienst und Krieg, Niedergang und Heimatlosigkeit. Aber trotz ständiger Gefahr des Ablebens überlebten wir, um schließlich aufzuleben. – Jetzt schmeiße ich hier in Berlin (zusammen mit meiner Mutter) einen Laden. Wir handeln mit Büchern gemäß dem Sprichwort: Während der Klügling noch denkt, handelt der Grünling schon. Ein guter Job, lieber Jab! Und Du bewachst inzwischen Hamburger Nachtlokale? Da Du stets ein unternehmungslustiger Boy warst, wundere ich mich nicht darüber. Erzähle doch bald mal etwas mehr von deinen Abenteuern.
Nun erinnerst Du an unseren Blutsbrüderschwur vor zehn Jahren. Auch ich entsinne mich genau, wie wir mit dem Fahrrad in den Donnerwald fuhren und schweigend unter ein Mistelkreuzholz traten. Dann desinfizierte ich mit sechzigprozentigem Äthylalkohol eine Nähnadel und unsere Zeigefinger, ritzte die Kuppen und ließ das Blut in eine halbgefüllte Mineralwasserflasche tröpfeln. Nach feierlichem Beistandsgelöbnis tranken wir die sanguinische Limonade und riefen Hugh!
Merkwürdigerweise fällt mir sonst von Anno dunnemals wenig ein. Vielleicht deshalb, weil wir eine anonyme Gruppe bildeten und uns gewissermaßen zu entpersonalisieren trachteten. Die Psychologen behaupten ja, dass man in diesem Alter gefühlsarm sei, zur Nivellierung neige und keine Besonderheit wünsche außer jener, abgewetzt und schmuddlig herumzulaufen „wie alle“. Dennoch muss es gemeinschaftliche Begeisterungen gegeben haben. Sobald ich nämlich beginne, Geschichtliches exakt zu datieren, tauchen plötzlich die dazugehörigen individuellen Geschichten auf. Ob es Dir ebenso geht? Die Angel der Historie verhilft dazu, Provisorisches und längst Vergessenes aus dem „privaten“ Unterbewusstsein heraufzuziehen, wobei es nicht selten zu Überraschungen kommt. Zum Beispiel glaubte ich immer, ein katastrophales, mich stark beunruhigendes türkisches Erdbeben habe in unserem „Schwurjahr“ stattgefunden, aber eine Zeittafel korrigiert mich und weist das Ereignis zwei Jahre später aus. Unser Schutz- und Trutz-Eid hingegen hing ganz sicher mit einer gerade aktuellen, tragischen Himalaja-Expedition zusammen.
Weißt Du noch, wie wir uns im Kino den „Nanga Parbat“-Film anschauten? Uns faszinierten sieben deutsche Sahibs oder Höhenforscher, die durch Kaschmirland zur dajarmurischen Schneegrenze ritten. Dann erblickten wir grandiose Bilder und Szenen vom Aufstieg: vermummte Gestalten mit Sonnenbrillen, Stecken und Halteseilen; einen sich windenden, tausendfüßlerähnlichen Trägertross am Steilhang; Zeltlager auf nackten Plateaus; die Artilleriesalven der Gletscher, deren Eisschollen aus den Flanken des lichtumfluteten Gipfels niederkrachten, am Felsgestein zerbarsten und in winzige Kristalle zerstäubten. Ungeheuer erregend war die Belagerung der sturmumtosten, eingenebelten „Gralsburg“ überm Firngrat des Silbersattels; endlich die Vorbereitung des Angriffs auf eine der höchsten Zinnen der Welt, bis in kühler Mitt-Juni-Nacht eine Lawine über das Camp hinwegrollte und die tapfere Mannschaft begrub. – In jenen Tagen gelobten wir beide uns „Treue bis in den Tod“ wie die Leute vom Nanga Parbat.
Heute, zehn Jahre später, hat noch immer kein Sterblicher auf der weißen Spitze gestanden, ebenso wenig auf den anderen sechs Götterbergen des Himalaja. Allerdings vermute ich, dass dennoch bald tüchtige Sahibs bis zum Scheitelpunkt der Erde bei Kilometer 8 840 emporkraxeln und beweisen werden, was Menschen vermögen. Ich meine die Menschen schlechthin. – Schon als uns Lehrer Krause seinerzeit weismachen wollte, andersrassige und semitische „Untermenschen“ seien dumm, faul und zu keiner hervorragenden Leistung fähig, bezweifelte ich es, weil ich an den schwarzen Weltrekordler Jesse, an die mutigen, geschickten einheimischen Begleiter der Hochgebirgsforscher und an Annette Holdheimer dachte. Welch bedauernswerte Pädagogik, die uns aufzuwerten suchte, obwohl es gar nichts Bestes, sondern nur bestens Spezialisiertes gibt! Welch arme Schulmeister, die nichts wissen und sagen durften von Heinrich Heine, Karl Marx, Gustav Mahler und Albert Einstein, von altägyptischer und chinesischer Weisheit!
Dein Brief, lieber Jab, wirkt auf mich offenbar wie Lackmuspapier, das sich in der Lauge des Erinnerungsstromes vergissmeinnichtblau färbt. Dabei überrascht es mich, dass ich scheinbar so unvertraulich mit Dir plaudere, aber vom privat gelebten Leben blieb eigentlich nur rührend Anekdotisches, während sich denkwürdige Erinnerungen im Allgemeinschicksal auflösen. Darf ich fortfahren wie im Selbstgespräch? – Also, dieweil das indische Grabmal im ewigen Schnee versank, schaufelte sich eine andere Entdeckertruppe wiederholt frei: die Russen auf dem Nordpol. Dass dort vier Männer monatelang auf einem driftenden, brüchigen Eisfeld ausharrten und hundert Gefahren trotzten, fanden wir respektabel. Sicherlich erinnerst Du Dich genauso gut, wie ich an die Berichte von den entlegensten Bewohnern am Schnitt- und Ruhepunkt des blauen Planeten, von ihrem Wigwam in Mitternachtssonne und Polarnacht, Stiemwetter und Gewächte. Jederzeit konnte das Frostfloß zerspringen, umkippen und in die Presse von benachbartem Packeis geraten, aber obgleich die Scholle tatsächlich mehrmals splitterte und auf wenige Quadratmeter zusammenschmolz, loteten ein Hydrobiologe und ein Geophysiker seelenruhig die Ozeantiefe aus; sie fischten Plankton und trieben meteorologische Studien. – Als ein Oberschüler eines Tages renommierte, er habe mit einem selbstgebastelten Amateurfunkgerät Signale der Station UPOL aufgefangen, kannte unsere Begeisterung keine Grenzen. Denkst Du noch daran, wie wir uns auf dem vereisten Mühlbach eine Schneeburg bauten, Messlatte und Funkantenne aus Ästen aufrichteten und Schlitten zum „Provianttransport“ bereitstellten? Ja, und dann kam der alte Krause vorbei und erkundigte sich nach unserem Spiel. „Wir sind die Russen vom Pol!“, riefen wir. – „Schämt euch, Kinder! Das sind doch unsere Feinde.“
Weißt Du, Jab, was mich im Zusammenhang mit der sowjetischen Expedition erschreckte, war die Erkenntnis vom schwankenden Grund. Meine Mutter erklärte mir damals, dass nicht nur Eisschollen driften, sondern auch Kontinente. Vor etwa hundert Millionen Jahren, sagte sie, habe sich Südamerika von Afrika verabschiedet und nach Westen abgesetzt, und Indien sei von der madagassischen Gegend auf Nordostkurs gegangen, um beim Festmachen an der südasiatischen Küste den Himalaja aufzufalten. Unsere Erdteile rutschten ungefähr so über den plastischen Erdmantel wie Robben über Kachelböden, wobei die robbenden Großregionen durchschnittlich nur eine Dicke von zwanzig Kilometern erreichten. Diese Vorstellungen von unserer schauderhaft schmalen Lebenskruste, von vulkanischem Schwingrasen und brodelndem Sand ängstigten mich jahrelang und haben längst symbolische Bedeutung erlangt.
O Freund, nichts ist mehr fest und verlässlich auf der Weltkugel; unter der dünnen Oberfläche wirken furchtbare Kräfte, die sich in jedem Augenblick entladen können. Obwohl ich gründlich desillusioniert aus dem „heißen Krieg“ zurückkam, schien es mir unmöglich, dass es bald wieder einen „kalten Krieg“ geben würde. Er schwelt! Jetzt leben wir in Furcht und Ungeborgenheit. Manchmal frage ich, warum wir aufgespart wurden und weiterleben müssen. Vielleicht deshalb, damit wir für uns und die Menschheit der Zukunft aus dem trügerischen Frieden einen sicheren machen. Möge es gelingen – und unser jungenhaftes Beistandsgelöbnis einen neuen Sinn bekommen.
Das wünscht mit herzlichen Grüßen
Dein Guido
DRITTES LUSTRUM
Erscheinungen des Neandertalers
Während die Zeitungen das große gegenwärtige Zeitgeschehen und den Gebieter Ahi priesen, dem bei der „Ehrenrettung der Nation“ alles „so wunderbar“ gelinge, erzählte Studienrat Hardekopf seinen Schülern von fernster Vergangenheit und den Anfängen der Humanität.
In der unwirtschaftlichen, unmenschlichen Vorgeschichtsepoche des mittleren Paläolithikums, sagte er, seien auf der Erde Menschenwesen aufgetaucht, deren Menschentum man oft bezweifelt habe. Noch immer gelte es als Beleidigung, jemandem derartige Vorfahren zuzumuten. Denn diese schrägstirnigen, großmäuligen und kinnlosen Individuen wiesen unbestreitbar mancherlei äffische Züge auf, weshalb man dazu neige, sie als grunzende, schlurfende Gorillasprösslinge darzustellen, die ihre Weiber an den Haaren in Höhlen zerrten und stumpfsinnig rammelten. – Aufgrund neuester Berechnungen der Schädeldimensionen wisse man jedoch, dass die fellvermummten Gesellen der Vorzeit genauso viel Hirnmasse besaßen wie jetzige Menschen. Demnach habe es im humanen Bereich seit fünfzigtausend Jahren kein evolutionäres Hirnwachstum mehr gegeben. Folglich müsse man alle Völker grundsätzlich als gleichwertig und die sogenannten Neandertaler als vernunftbegabt ansehen. In der Tat könne man aus Gerät- und Pollenfunden in deren Gräbern auf Totenkult, Naturbeherrschung und „Blumensprache“ schließen. Verschiedenartige Steinwerkzeuge beglaubigten zudem manuelle Geschicklichkeit und einige ausgewachsene, deformierte Skelette eine bemerkenswerte Krankenfürsorge.
„Lange vor unserer beschreibbaren, schriftlich überlieferten Geschichte“, fuhr der Lehrer fort, „gelang den Leuten von Crô-Magnon dann eine sichtbare Vergeistigung. Sie beschränkten sich nicht mehr auf Jagd und Daseinskampf, sondern bemühten sich darum, Gewalttat zu bändigen und das Leben zu verschönern. Unnotwendig und aus reinem Wohlgefallen an farbigen Formen begannen sie, die Wände ihrer Behausungen mit ausdrucksvollen Tierbildern zu bemalen. Bereits vor dreißigtausend Jahren wurde offenbar, dass Kunst zum Wesen und zu den Grundbedürfnissen der Menschheit gehört.“ Während Herr Hardekopf Kopien urtümlicher Rötelzeichnungen von Stier, Wildpferd und Bär auf eine Leinwand projizierte, verbarg Guido im Halbdunkel nicht seine Anteilnahme. Besonders gefiel ihm das Foto eines aus Elfenbein geschnitzten, rückwärtsschauenden Farrenkopfes mit mondsichelförmigen Hörnern. Als der Studienrat von französischen und spanischen Kindern berichtete, die bei der Entdeckung der Höhlen und Gemälde wesentlich beteiligt gewesen seien, träumte der Junge von ähnlichen Forschertaten. Fortan kroch er in jede Grotte hinein, doch leider fand er keine Antiquitäten, sondern allenfalls Kothaufen.
Seit Beginn des fünften Schuljahres radelte er täglich zusammen mit Freund Martin von Paradies nach Friedburg zum Gymnasium hinüber. Da ihm die Mutter für die „Mittagsstunde“ stets etwas Geld zusteckte, lief er nach dem Unterricht gern durch die Altmarktstraße, besah Aquarien, Fernrohre und Paddelboote wie einst und kaufte Raketenautos und Naschereien. Noch immer suchte er im Stadtpark das Geheimnis des „klagenden Delfins“ zu ergründen. Manchmal beteiligte er sich auch an den Ausflügen der Schowi-Jugend, obwohl ihm die Kommandiererei des Fähnleinführers (Fäfü genannt) sehr missfiel. Hingegen begeisterte sich der Knabe dafür, Jägerstände zu erklettern, Wildrudel zu umschleichen, Pilze zu sammeln und auf Reisigfeuer zu schmoren.
Eines Tages rief ihm der Jungboss zu: „Komm mal mit! Wir wollen auf dem Sportplatz die Fahne hissen.“ Weil der Angeredete nicht reagierte, wiederholte der Häuptling lautstark: „Ich gebe dir den dienstlichen Befehl, sofort mitzukommen!“ Nun blickte Guido den drei Jahre älteren, breitschultrigen Burschen spöttisch an. „Du hast mir gar nichts zu sagen, du Neandertaler.“
Blitzschnell sprang der Fäfü herzu und paukte mit beiden Fäusten auf den Gegner ein. Diesem blieb zunächst nichts weiter übrig, als sich durch Vorbeugen und Armekreuzen überm Kopf gegen die pausen- und rücksichtslosen Boxstöße des vordrängenden Raufboldes zu schützen. Bevor Jung Möglich Distanz schaffen und planmäßig kontern konnte, streckte ihn ein Schlag in die Magengrube zu Boden.
In dem Augenblick stieg Martin vom Fahrrad. Der Jungboss begrüßte ihn: „Oha, noch ein Hackfleisch-Anwärter? Weißt du, solchen Scheißkerlen und Meuterern wie euch beiden wollte ich schon lange mal die Fresse polieren. Los geht’s!“
Das Reizwort bewirkte wechselweise eine Stimulierung des Sympathikus und Ausschüttung des Nebennierenhormons Adrenalin; ferner Beschleunigung des Kreislaufs, Erhöhung des Blutdrucks, Energiesteigerung durch Freigabe von Kohlehydraten aus dem Leberspeicher; Verstärkung der Reaktionsfähigkeit und Muskelspannung.
Temperamentvoll stürzte sich der Fäfü auf den neuen Widersacher, um ihn in erprobter Weise durch Schlagbombardements und brutalen Einsatz überlegener Körperkräfte „fertigzumachen“. Aber zu seiner Verblüffung trafen die Fäuste nicht. Jedes Mal, wenn er wie ein Stier anrannte, wich Martin wie ein Torero aus. Er tauchte seitlich weg, duckte sich, pendelte und tänzelte, weshalb die meisten gegnerischen Aktionen ins Leere liefen. Infolgedessen geriet der Herausforderer zusehends in Rage. Da er wegen seines ungestümen Angriffstempos nur ungenau zu zielen vermochte, ließ sich Guidos Freund bald auf direkten Schlagabtausch ein.
Inzwischen hatten sich ungefähr fünfzig Zuschauer angesammelt, die aufmunternd pfiffen und den Kampf lärmend kommentierten. Sie bemerkten, wie der kleine, stämmige Sextaner die Offensiven des um einen Kopf größeren, athletischen Schowi-Rabauken geschickt blockte, konterte und nach Sidesteps graziöse Uppercuts austeilte. Besonders imponierte es, als Martin die Vorliebe des Fäfüs für Nahdistanz ausnutzte und dessen Deckung durch kurze Haken aufriss. Diese geschwinden linken Winkelschläge, die meistens knallhart am Unterkiefer landeten, machten den Gegener allmählich groggy. Obwohl er für Deutschlands und seine eigene „Ehre“ kämpfte und sich im Infigth verzweifelt wehrte, musste er starke Hiebe hinnehmen: stichartige Geraden, Kolbenstöße, Hammerhits, Wischer, Aufwärtshaken und Schwinger. Schließlich eine wuchtige geschraubte Gerade zum Kinn.
„K. o.!“ und „Okay!“ schrien die Jungen und umringten den Sieger. „Mensch, deine linken Kanthaken sind verdammt klasse!“ „Kanthaken“, sagte Martin geringschätzig. „Das nennt man Jab, falls ihr noch nichts von Boxtechnik gehört haben solltet.“ Begeistert verliehen ihm die Schüler den Sportsnamen als Spitznamen.
Während sich der verprügelte Jungboss verwirrt erhob und trollte, bewegte sich die Gymnasiastengruppe zu Guido hinüber, der noch immer auf der Erde kauerte und erklärte: „Weiß der Teufel, weshalb ich mich nicht rappeln kann. Wahrscheinlich hat mir der Kerl das Zwerchfell gegerbt, denn mir ist zumute, als steckte ein Messer im Leib.“
Auf dem Vierhändesitz trugen Jab und ein Kamerad den Verwundeten zum Aloysius-Spital, wo der Chirurg den schlimmen Milzriss sogleich operierte und nähte. Als Dr. Möglich besorgt herbeieilte, konnte er seinem Kollegen nur noch für Umsicht und schnelle Hilfe danken. Da er eine „gründliche Ausheilung“ wünschte, musste Guido zehn Tage lang im Krankenhaus bleiben, was dem Jungen durchaus gefiel, denn er verspürte keine Schmerzen mehr und wurde von den Pflegerinnen verwöhnt.
Viel Spaß bereitete es ihm, wenn ihn die Schwestern in den Bestrahlungsraum riefen, um Verbinden zu üben. Dann wanden sie Mullstreifen in Spiral- und Schraubentouren um seine Arme und Beine, brachten an den Händen Kornähren, an den Ellbogen Schildkrötenmuster hervor und schnürten die Brust in Sternfaschen ein. Zuletzt lachten sie, weil er wie ein lädierter Kämpe im Ringelkleid aussah oder wie eine altägyptische Osiris-Mumie.
Nachdem Riss und Schnitt gut verheilt waren, verbrachte Guido noch ein Wochenende in der Klinik, damit er am Dienstag von hier aus zur Schule gehen konnte. Fast das gesamte Personal hatte an diesem Samstagnachmittag Ausgang, weshalb die siebzehnjährige Schwester Christine den Jungen zu „Verbandslehre“ und Zeitvertreib einlud. Unterm Bilde des Hausheiligen, flankiert von Lilie und Lamm, begann sie ganz unbekümmert mit dem blonden, blauäugigen Burschen zu flirten. Amüsiert entdeckte sie seine zahlreichen „Verletzungen“ und spulte um Kinn, Schulterblätter, Bauchnabel und Knie fünf Meter Binden ab.
Plötzlich schlug sie einen Rollentausch vor. „Du kannst doch schweigen?“ Sie streifte Kittel und Büstenhalter ab und wies auf die Brust. „Dort bin ich verwundet.“
Obwohl Guido das Delikate der Situation kaum begriff, glaubte er, „mutig“ mitspielen zu müssen, und Christine schien ihn zunächst in der Spielvorstellung zu bestärken. Aber ihre urmenschlichen Katzbalgereien gingen bald in befremdliche Zärtlichkeiten über, die er erschrocken abzuwehren suchte. Immer wieder bemühte sie sich, ihm Wimpern, Lippen, Fingernägel und Strümpfe zu schenken; ihre Brüste flogen ihm wie Ballgeschosse entgegen. Nachdem sie ihn betroffen gemacht hatte durch die Bemerkung, alle Menschen sollten „lieb zueinander“ sein, wusste er nicht mehr, wie ihm geschah. Oh, antipathische Sympathie!
Ungefähr zur gleichen Stunde erlebte auch der Vater im Paradies etwas Unheimliches. In den vergangenen Wochen hatten Patienten vermehrt über Schlaflosigkeit geklagt und Träume erzählt von Gewitterstürmen, Feuersbrünsten, Abstürzen, Schattenverlust und grotesken Drohgestalten. Als der Doktor bei Blutuntersuchungen der Geängstigten eine auffällige, allgemeine Verminderung der Leukozyten feststellte, neigte er dazu, Umwelteinflüsse in Betracht zu ziehen. Vielleicht kosmische Strahlungen? Hieß es nicht, dass die Observatorien gegenwärtig ungewöhnliche Sonnenfleckenaktivitäten registrierten? Ob diese möglicherweise irdische Katastrophenahnungen und Krisen begünstigten, ja determinierten?
Wohl wissend um die Bedeutung eines erquicklichen Schlummers war Theo Möglich im Frühling dazu übergegangen, Ruhe- und Traumzustände genauer zu erforschen. Bei nächtlichen Bespähungen von Frau und Kind gewahrte er durchschnittlich dreißig Körperdrehungen und anderthalbstündige Zyklen mit schnellen Augenrollbewegungen. Es reizte ihn, die Schläfer zu wecken und zu befragen, was sie in dem Moment „gesehen“ hätten. Aber dann überlegte er, wie er sich selbst gleichsam von innen begucken könnte.
Merkwürdigerweise kam ihm Guidos Krankenhausaufenthalt sehr gelegen. Nicht nur aus fürsorglichen Gründen empfahl er eine längere stationäre Behandlung, sondern auch, weil er die Zeit für ein Experiment nutzen wollte, das sich auf keinen Fall vor den Augen eines respektschuldigen Knaben abspielen durfte. Unter Umständen wäre der Bengel sogar imstande, sich rekordsüchtig daran zu beteiligen! Kurzum, der Doktor hatte sich dazu entschlossen, vier Tage und vier Nächte hindurch auf jeden Schlaf zu verzichten.
„Eine verrückte Idee!“, meinte Frau Dagmar. „Und warum?“
„Ich möchte gern herausfinden, ob das Schicksal des legendären Ewigen Juden wirklich so schlimm ist. Auch interessiert es mich, wie lange man bei einer Dauerwache leistungsfähig bleibt und was währenddessen in uns vorgeht.“
„Könntest du das nicht jüngeren Leuten überlassen?“
„Bitte, denk mal an den ‚Mann aus der Provinz‘. Sei lieb und hilf mir, konsequent durchzuhalten, ja?“
Die erste Nacht überstand Theo ausgezeichnet. Zunächst fesselte ihn ein Buch „Zwischen Wasser und Urwald“, obwohl es ihm wissenschaftlich veraltet zu sein schien. Fröhlich kritzelte er an den Rand: „Noch keine Ahnung von Sulfonamiden!“ – Im Morgengrauen, gegen vier Uhr, genoss er Kaffee und ein paar Schinkenbrote, worauf es ihm gefiel, Kasperlepuppen seines Sohnes auszukramen und halblaut ein Weihnachtsspiel zu proben: Hygienische Verhaltensmaßregeln für Maria und Josef „in Bethlehems Stall“. Beim Frühstück wirkte er auf Dagmar frisch und heiter, so dass sie ihn unbesorgt zur gewohnten ärztlichen Sprechzeit entließ.
Erst am Abend bemerkte sie eine gewisse Veränderung seines Wesens. Einerseits lachte er häufig unmotiviert und forderte charmant den Liebesvollzug, andererseits brauste er jäh auf, als sie zögerte und ihn an seine Schonungsbedürftigkeit erinnerte. Dennoch leistete sie ihm verständnisvoll Gesellschaft bis mitternachts. – Nun versuchte er, sich durch „Schwejk“-Lektüre zu ermuntern, aber nach einem Weilchen ertappte er sich beim gedankenlosen Umblättern von Seiten, deren Schrift vor seinen Augen tanzte. Um den kritischen Punkt zu überwinden, stellte er stark rhythmische Grammofonmusik an, bis er sich dazu aufraffte, die andrängende Müdigkeit durch einen Spaziergang zu verscheuchen. Da er während des Marsches tief atmete und am Ortsrand in den Mühlbach tauchte, empfing Frau Dagmar in der Frühe den Eindruck seiner Unverwüstlichkeit. Offenbar „bewies“ er, dass Schlaf nur eine schlechte Angewohnheit war.
Der Augenschein trog. Zwar gelang es ihm tagsüber, bei Telefonaten, Mahlzeiten und einer ausgedehnten Kaffeetafel Leistungsfähigkeit zu mimen, doch tatsächlich spürte er eine entsetzliche Antriebsarmut, Arbeitsunlust und Konzentrationsschwäche. Nachdem er am Spätnachmittag mühsam errechnet hatte, dass er bereits fünfzig Stunden ahasverisch wandelte, entdeckte er dicke Käfer auf dem Teppich. Auch begann der Globus geschwind zu rollen und die Dimensionen im Raum zu verändern: Tische und Schränke zogen sich in die Länge, die Decke wölbte sich und verkürzte die Lampe. Alarmiert nahm der Doktor Kokaintabletten und begab sich ins Studierzimmer, wo er die kommende Nacht mit dem Vorsatz durchzustehen hoffte, sämtliche Titel seiner Bibliothek abzuschreiben. Immer wieder wurde er jedoch aufgeschreckt durch Erscheinungen wie die schwebende Goethebüste, sich schlängelnde Polsterrollen und verdächtige Rufe im Ofen. Wie gehetzt stapelte er Bücher vor sich auf. Er hielt sich für den Archivar von Schloss Ferney.
Am nächsten Morgen guckte er seine Frau misstrauisch an. Schweigend nahm er die Samstagsausgabe der Zeitung zur Hand und starrte lange auf die Überschrift: „Ahi aus Rom zurück.“ Da sah Theo Möglich, wie der schrägstirnige, großmäulige Mann auf dem Titelfoto aus Ruinen hervortrat und eine blutige Faust über Totenschädel reckte.
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