Kitabı oku: «3 MÄNNER UND EIN MORDKOMPLOTT»

Yazı tipi:

INHALTSVERZEICHNIS

COVER

TITEL

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ANMERKUNGEN DES AUTORS

NACHWORT

WEITERE TITEL DES AUTORS

LESEPROBE

EINS

»Das macht dann 17 Euro 80, Frau Moritz.«

Elisabeth Moritz runzelte unzufrieden die ohnehin faltige Stirn. Der Einkauf beim Metzger wurde auch jedes Mal teurer. Fast 18 Euro für ein paar Scheiben Salami und Lachsschinken, zwei Paar Wiener und das bisschen Geschnetzelte, das sie mittags für Hannes und sich selbst zum Essen machen wollte. Aber was soll’s?, dachte sie. Wenn man gute Qualität haben will, muss man eben auch ein bisschen tiefer in die Tasche greifen! Und die Alternative, die darin bestand, ihre Fleisch- und Wurstwaren in Zukunft im Supermarkt und nicht mehr bei ihrem Stammmetzger zu kaufen, bei dem sie seit mindestens dreißig Jahren Kundin war, kam für sie nicht infrage.

Also schenkte sie der übergewichtigen Metzgereifachverkäuferin hinter der Theke, deren schwarz gefärbte Haare an den Ansätzen schon wieder grau waren, das einstudierte Lächeln, das sie bei jeder Gelegenheit und in jeder Stimmung hervorzaubern konnte und auch den Kunden ihres Gästehauses zeigte, egal, wie nervtötend diese gerade waren, und zog einen 20-Euro-Schein aus ihrem Portemonnaie.

»Dann bekommen Sie von mir noch 2 Euro 20 zurück«, sagte die Verkäuferin, als wäre Elisabeth senil und nicht mehr selbst in der Lage, auszurechnen, wie viel sie herausbekam, und legte ihr das Wechselgeld in die ausgestreckte Handfläche. »Danke für Ihren Einkauf, Frau Moritz, und beehren Sie uns doch bald wieder.«

»Vielen Dank und auf Wiedersehen«, sagte Elisabeth Moritz, ohne die junge Frau daran zu erinnern, dass sie nun schon seit vielen Jahren jeden Freitagvormittag in die Metzgerei kam, obwohl sie große Lust verspürte, genau das zu tun.

Doch es wäre der Mühe nicht wert gewesen, denn die Verkäuferin hatte sich bereits von ihr weggedreht und den anderen Kunden zugewandt. »Wer kommt als Nächstes dran?«

Elisabeth wandte sich also ohne ein weiteres Wort um und verstaute ihr Portemonnaie und die Tüte mit der Wurst und dem Fleisch in ihrer Einkaufstasche, die sie unter dem linken Arm trug.

Obwohl sie im kommenden Winter erst ihren 68. Geburtstag feierte, sah sie mindestens fünf Jahre älter aus. »Das sind Sorgenfalten«, pflegte sie stets vorauseilend zu sagen, da es natürlich niemand wagte, die Falten von sich aus zu erwähnen. Weder die Falten noch das silbergraue Haar, das schulterlang war, von ihr aber meistens am Hinterkopf zu einem altmodischen Knoten geflochten wurde, der sie noch strenger aussehen ließ. Außerdem war sie für eine Frau erstaunlich groß, beinahe 1,80, dafür aber sehr dünn, und hatte spinnenartige, dürre Gliedmaßen.

»Daran sind die unzähligen Sorgen, die mir Hannes bereitet, die viele Arbeit im Gästehaus und der ständige Stress schuld«, sagte sie jedem, selbst denen, die es gar nicht wissen wollten. »Nur deshalb bin ich vorzeitig ergraut, habe mehr Falten im Gesicht als der Grand Canyon und wiege trotz meiner Größe weniger als fünfzig Kilo.«

Elisabeth nickte einer flüchtigen Bekannten zu, die in der Schlange vor dem Tresen stand, deren Name ihr aber partout nicht einfallen wollte. Der Frau, die nur unwesentlich jünger als sie selbst war, war anzusehen, dass sie nichts gegen ein kleines Schwätzchen einzuwenden hatte, um sich die Wartezeit zu verkürzen. Doch Elisabeth stand augenblicklich nicht der Sinn danach, sich einzig um des Redens willen über oberflächliche Themen zu unterhalten. Außerdem wäre es ihr zu peinlich, wenn sie die andere Frau nicht mit ihrem Namen ansprechen konnte. Was die dann wohl von mir denken würde?, fragte sie sich. Vermutlich, dass ich langsam dement werde oder Alzheimer kriege. Aber derartige Gerüchte wollte sie erst gar nicht aufkommen lassen. Deshalb warf sie einen demonstrativen Blick auf ihre Armbanduhr, bevor sie ihrer Bekannten einen bedauernden Blick zuwarf und eilig an ihr vorbei zur Tür schritt.

Elisabeth, die ein marineblaues Kleid, einen dazu passenden gleichfarbigen Blazer und bequeme, flache Schuhe trug, verließ die Metzgerei und blieb dann auf dem Bürgersteig stehen, um zu überlegen, ob sie auch tatsächlich alles erledigt hatte, was sie sich zu Hause vorgenommen hatte. Wie üblich hatte sie ihre freitägliche Einkaufstour im Supermarkt begonnen. Nachdem sie ihre dortigen Einkäufe im Auto verstaut hatte, war sie zu Fuß zum Bäcker und zum Metzger gegangen. Danach kehrte sie in der Regel zum Wagen zurück und fuhr nach Hause.

Moment!

Ihr fiel ein, dass sie noch zur Apotheke musste, um sich neue Schmerztabletten zu besorgen. Seit Kurzem hatte sie des Öfteren stechende Kopfschmerzen, gegen die die Tabletten, die sie zu Hause hatte, nichts ausrichteten. Noch machte sie sich keine Sorgen, es könnte etwas Ernsthaftes dahinterstecken. Außerdem hoffte sie, dass Tabletten mit einem anderen, eventuell stärkeren Wirkstoff ihr Leid linderten. Wenn die Schmerzattacken allerdings anhielten, würde sie wohl oder übel zum Arzt gehen müssen. Dabei gab es auf dieser Welt wenig, was Elisabeth mehr hasste und fürchtete als Ärzte. Was allerdings weniger an den Medizinern lag, sondern eher an Elisabeths ständiger Angst, sie könnten bei ihr eine schwere, unter Umständen sogar tödliche Krankheit diagnostizieren.

Da sie nicht länger als unbedingt nötig an tödliche Krankheiten denken wollte, sah sie sich suchend um. Die nächstgelegene Apotheke lag etwas versetzt auf der anderen Straßenseite und praktischerweise auf ihrem Weg zum Parkplatz, wo sie ihren Wagen abgestellt hatte. Elisabeth hielt nach einem Zebrastreifen Ausschau, doch der lag mindestens zweihundert Meter in der anderen Richtung, was nicht nur einen Umweg, sondern auch einen Zeitverlust bedeutet hätte. Sie hatte es zwar nicht eilig, doch je früher sie nach Hause und zurück in ihr Büro kam, desto früher konnte sie sich auch um diverse Angelegenheiten kümmern, die sie heute noch zu erledigen hatte. Sie sah erneut auf die Uhr, dieses Mal jedoch nicht, um jemandem vorzutäuschen, sie hätte es eilig, sondern weil sie tatsächlich wissen wollte, wie spät es war. Viertel vor zehn. Wenn sie sich beeilte, konnte sie noch einiges tun, bevor sie nach einem kurzen Mittagsschläfchen für Hannes und sich selbst Essen kochen musste.

Elisabeth hatte ihren Mann Franz-Xaver erst im reifen Alter von dreißig Jahren kennengelernt. Danach war allerdings alles Weitere Schlag auf Schlag und in einem nahezu perfekten 12-Monats-Rhythmus erfolgt, denn ein Jahr später hatten sie geheiratet, im Jahr drauf war ihr Sohn Hannes zur Welt gekommen und elfeinhalb Monate später hatte Franz-Xaver, der zu diesem Zeitpunkt erst 35 Jahre alt war, einen tödlichen Herzinfarkt erlitten. Nach seinem Tod hatte sich die Witwe ganz allein um das Gästehaus und ihren Sohn kümmern müssen. Mit viel Fleiß, harter Arbeit und noch mehr Durchsetzungsvermögen hatte Elisabeth es nicht nur geschafft, das Gästehaus vor dem Ruin zu bewahren, sondern auch von Jahr zu Jahr erfolgreicher zu werden. Bei der Erziehung ihres Sohnes war sie allerdings weniger erfolgreich gewesen. Normalerweise erbten Kinder von ihren Eltern sowohl gute als auch schlechte körperliche und charakterliche Merkmale, doch Hannes schien von Vater und Mutter nur die schlechten Dinge mitbekommen zu haben. Denn allzu schnell nach der Einschulung stellte sich heraus, dass er absolut keine Begabungen besaß. Hannes konnte im Grunde gar nichts, weder gut lesen, schreiben oder rechnen, noch zeichnen, malen, werken oder sporteln. Er war praktisch ein Versager auf ganzer Linie und schaffte es nicht einmal, die Schule ordentlich abzuschließen. Ohne Schulabschluss war an eine anschließende Lehre natürlich nicht zu denken. Aber zum Glück besaß er wenigstens ein Mindestmaß an handwerklichem Geschick, sodass Elisabeth ihn als Hausmeister im Gästehaus einsetzen konnte. Ihr graute allerdings vor dem Tag, an dem sie sterben und Hannes zwangsläufig das Gästehaus erben würde. Vermutlich würde er alles, was sie in den letzten 34 Jahren aufgebaut und erreicht hatte, in kürzester Zeit zerstören. Er lag ihr in letzter Zeit ohnehin schon ständig in den Ohren mit der wahnwitzigen Bitte, ihm die Leitung des Gästehauses schon jetzt, zu ihren Lebzeiten, zu übertragen und sich zur Ruhe zu setzen. Als wenn sie dann tatsächlich ihre Ruhe gehabt hätte. Aber das konnte er sich abschminken. Freiwillig würde sie ihm das Gästehaus bestimmt nicht übertragen. Wenn, dann musste er es ihr schon aus ihren kalten, starren Händen reißen.

Nur über meine Leiche!, dachte Elisabeth grimmig, die trotz der Kopfschmerzen, die sie auch jetzt plagten, nicht vorhatte, allzu bald zu sterben. Auch wenn Hannes sie manchmal so ansah, als würde er den natürlichen Lauf der Dinge nur schwerlich abwarten können und deshalb am liebsten selbst nachhelfen wollen. Doch auch dazu war er ihrer Meinung nach gar nicht fähig. Wenn er sie tatsächlich irgendwann umbringen wollte, dann hatte sie ohnehin nichts zu befürchten, da er sich sogar dabei mit Sicherheit erbärmlich anstellen und versagen würde.

Obwohl sie in diese unschönen Gedanken vertieft war, achtete Elisabeth dennoch wie immer auf den Verkehr. Andernfalls wäre sie vermutlich auch nicht 67 Jahre alt geworden. Sie blieb am Rand des Gehsteigs stehen und sah in beide Richtungen. Wenn mehr Autos unterwegs gewesen wären, dann hätte sie vermutlich sogar den Zebrastreifen benutzt, doch momentan war ohnehin wenig Verkehr. Beide Fahrbahnen waren frei, und in beiden Richtungen waren keine näher kommenden Fahrzeuge zu sehen. Wenn sie sich beeilte, konnte sie auf der anderen Seite sein, bevor das nächste Auto kam. Links von ihr stand ungefähr zwanzig Meter entfernt eine schwarze BMW-Limousine mit laufendem Motor am Straßenrand, doch der Fahrer, den sie hinter der spiegelnden Scheibe nicht erkennen konnte, machte keinerlei Anstalten, loszufahren. Vermutlich wartete er auf jemanden.

Such dir gefälligst einen richtigen Parkplatz und verschmutz hier nicht die Umwelt!, sandte Elisabeth ihm eine gedankliche Botschaft, obwohl sie nicht an solchen Unfug wie Gedankenübertragung glaubte, bevor sie den Blick wieder nach vorn richtete und die Straße betrat.

Sie hatte erst zwei große Schritte gemacht, als ganz in der Nähe ein Motor laut aufheulte und Reifen protestierend quietschten, sodass sie erschrocken zusammenzuckte. Das Motorengeräusch wurde daraufhin erschreckend schnell lauter. Elisabeth blieb stehen und wandte den Kopf in die Richtung des Lärms, ohne allerdings gleich zu begreifen, dass die Lärmquelle eine Gefährdung für sie darstellen könnte.

Als sie den schwarzen BMW erneut erblickte, war er nicht mehr zwanzig, sondern nur noch fünf Meter von ihr entfernt. Außerdem stand er nicht mehr am Straßenrand, sondern bewegte sich mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu. Und die Motorhaube war genau auf sie gerichtet. Auch ohne die exakte Geschwindigkeit des Wagens zu kennen, wusste Elisabeth, dass der Wagen und sie in Kürze unweigerlich miteinander kollidieren würden. Es war gewissermaßen unaufhaltsam, und weder sie noch der Fahrer konnten noch etwas tun, um es zu verhindern.

Die zweite Erkenntnis, die ihr in diesem Augenblick kam, der sich in ihrer Wahrnehmung scheinbar zu Minutenlänge dehnte, war sogar noch erschreckender. Denn ihr wurde jäh bewusst, dass ihr alter, dürrer Körper und ihre spröden Knochen der Masse, der Robustheit und der Wucht des BMW nichts entgegenzusetzen hatten. Beinahe glaubte sie schon jetzt, die Schmerzen spüren zu können, die sie unweigerlich haben würde, wenn ihre Knochen unter dem heftigen Aufprall zerbrachen und ihr Körper aufgerissen wurde.

Es war der letzte bewusste Gedanke, den Elisabeth Moritz in ihrem Leben hatte, das nach beinahe 68 Jahren auf dieser Straße enden würde, denn nicht einmal 0,6 Sekunden später riss ihr die Front des Fahrzeugs die Beine unter dem Körper weg, deren Knochen wie morsche Äste an mehreren Stellen brachen. Doch entgegen ihrer Vorstellung spürte sie keine Schmerzen, als sie auf die Motorhaube krachte und mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe knallte, was unweigerlich weitere Knochenbrüche zur Folge hatte, unter anderem einen mehrfachen, schweren Schädelbruch.

Für den Bruchteil einer Sekunde lag sie völlig reglos auf der Motorhaube des fahrenden Wagens, ihre linke Wange gegen die Windschutzscheibe gepresst. Aus dieser Nähe hätte sie vermutlich sogar einen Blick durch die Scheibe auf den Fahrer werfen können. Doch in ihrer misslichen Lage kam sie nicht einmal auf den Gedanken, so etwas zu tun. Außerdem war der Augenblick zu kurz, denn schon wurde sie von den erbarmungslosen Kräften, die auf ihren wehr- und hilflosen Körper einwirkten, wie eine Gliederpuppe über das Wagendach geschleudert. Sie landete mehrere Meter hinter dem Wagen auf der Straße, die sie hatte überqueren wollen, während der BMW nicht etwa anhielt, sondern im Gegenteil rasant beschleunigt wurde und davonfuhr. Doch davon bekam Elisabeth Moritz schon nichts mehr mit. Ebenso wenig von der Tatsache, dass der mörderische Aufprall auf dem Asphalt nahezu sämtliche anderen bis dahin unversehrt gebliebenen Knochen in ihrem toten Körper zerschmetterte.

»Beeil dich! Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen.«

Lisa Bernert hatte die Worte noch immer im Ohr, obwohl es nun schon beinahe zehn Minuten her war, dass Norbert sie am Telefon zu ihr gesagt hatte.

Und sie hatte sich in der Tat beeilt. So schnell hatte sie nach dem Ende des Telefonats ihre Schuhe noch nie angezogen. Danach war sie in Rekordzeit die Stufen des Mietshauses, in dessen drittem Stock ihre kleine Wohnung lag, nach unten geeilt, wo ihr roter Daihatsu Cuore stand, hinter dessen Steuer sie nun saß und hoch konzentriert auf die schmale Landstraße starrte, die sich vor ihr zwischen abgeernteten Feldern wand und zeitweise durch kleine Waldstücke schlängelte.

Nach dem Losfahren hatte sie kurz überlegt, die längere Strecke zu nehmen, die über die wesentlich breitere und geradere Bundesstraße führte und die sie entschieden lieber fuhr als die enge, kurvige Landstraße über die Dörfer. Doch dann hatte sie sich dagegen entschieden, denn sonst hätte sie mindestens doppelt so lange gebraucht, um zu Norberts Haus zu kommen. Und das nicht nur, weil Norbert ihr am Telefon gesagt hatte, dass sie unbedingt die kürzere Strecke nehmen sollte. Nein, sie selbst wollte so wenig Zeit wie möglich verlieren und so schnell wie möglich bei ihm sein.

Lisa umklammerte das Lenkrad so fest, dass ihre Fingerknöchel ganz blutleer waren und aussahen, als wären sie aus Elfenbein geschnitzt. Sie wagte es auch kaum, ihren Blick von der Straße vor ihr zu nehmen, und schaute nur gelegentlich in den Rückspiegel, um zu sehen, ob jemand hinter ihr fuhr. Denn das mochte sie überhaupt nicht. Dass ein anderer Autofahrer ihr auf dieser Strecke im Nacken saß, weil er ohne ihren Kleinwagen vor sich viel schneller fahren konnte, aufgrund der teilweise sehr engen Straße und der vielen unübersichtlichen Kurven aber nicht in der Lage war, sie zu überholen. Sie fühlte sich dann immer dazu gedrängt, schneller zu fahren, als ihr lieb war, weil sie niemanden aufhalten wollte und den Unmut der anderen über ihre vorsichtige und langsame Fahrweise beinahe körperlich spüren konnte. Es kam ihr dann vor, als würde der andere Fahrer sie vor sich herjagen. Und wenn sie dann schneller und schneller fuhr, begann sie sich immer unsicherer zu fühlen, sodass ihr der Schweiß ausbrach und ihr Herz rasend schnell schlug, weil sie Angst hatte, einen Fehler zu machen.

Hätte ich nur die andere Strecke genommen!, dachte sie und riskierte einen kurzen Blick in den Innenspiegel. Doch hinter ihr war zum Glück kein anderes Auto zu sehen. Wenigstens etwas!

Es würde schon nichts passieren. Sie war die Strecke erst einmal gefahren und hatte danach immer den längeren Weg über die Bundesstraße genommen, doch damals war auch alles gut gegangen.

Da es ein Stück geradeaus ging, wagte es Lisa, die rechte Hand vom Lenkrad zu nehmen und sich eine vorwitzige Strähne ihres langen rotblonden, lockigen Haars aus der Stirn zu streichen, die ihr ins Gesicht gefallen war. Lisa war vierundzwanzig Jahre alt, mittelgroß und schlank. Sie hatte leuchtend hellgrüne Augen und ein hübsches herzförmiges Koboldgesicht mit hohen Wangenknochen und einem vorwitzig spitzen Kinn. Die Brille mit der schwarzbraunen Kunststofffassung und den schmalen, ovalen Gläsern trug sie nur zum Autofahren und zum Fernsehen. Sie war ein fröhlicher Mensch, der gern und viel lachte, doch im Augenblick blickte sie in tödlichem Ernst und mit gerunzelter Stirn hochkonzentriert auf die Straße, die vor ihr lag.

Lisa studierte Design an der Fachhochschule München, hatte heute aber vorlesungsfrei. Norberts Anruf war für sie überraschend gekommen, denn sie hatte schon nicht mehr damit gerechnet, dass er sich noch einmal bei ihr melden würde. Sie hatten sich vor einem Dreivierteljahr kennengelernt, als sie mehrere Grafikdesigner in der Umgebung abgeklappert hatte, um einen Praktikumsplatz zu bekommen. Norbert hatte ihr nicht helfen können, da er allein in einem Büro in seinem Wohnhaus arbeitete und keine Zeit hatte, sich auch noch um eine Praktikantin zu kümmern. Außerdem würde, so sagte er damals, seine Frau Karin bestimmt eifersüchtig werden, wenn er eine so hübsche Praktikantin beschäftigte. Lisa hatte dann zum Glück woanders einen Praktikumsplatz bekommen, doch Norbert war ihr danach nicht mehr aus dem Kopf gegangen, sodass sie sich irgendwann eingestehen musste, dass sie sich in ihn verliebt hatte. Dumm nur, dass er verheiratet und Vater zweier Kinder war. Also hatte sie sich bemüht, ihn wieder zu vergessen. Doch wie der Zufall es wollte, traf sie ihn wenige Tage später beim Einkaufen im Supermarkt. Sie unterhielten sich in der Kühlabteilung zwischen Fertigpizzen und gefrorenen Hähnchenschenkeln sehr angeregt und vergaßen dabei die Zeit, sodass Lisa am nächsten Tag einen leichten Schnupfen hatte. Allerdings hatte diese Begegnung nicht nur unangenehme Folgen, denn sie verabredeten sich am darauffolgenden Nachmittag in einem Café. Dort gestand Norbert ihr, dass er sich in sie verliebt habe. Vom Café ging es daher direkt in ihre Wohnung, wo sie sich, kaum dass die Tür hinter ihnen zugefallen war, sofort gegenseitig die Kleider vom Leib rissen und es gerade noch ins Bett schafften, wo sie sich so leidenschaftlich liebten, wie Lisa es vorher noch nie erlebt hatte. Seitdem trafen sie sich mehr oder weniger regelmäßig und hatten eine Beziehung, die man vermutlich als Verhältnis, Affäre oder Liebschaft bezeichnen musste. Lisa drängte Norbert nie dazu, seine Frau und seine Kinder zu verlassen. Sie ahnte, dass sie dadurch auch das Gegenteil erreichen und ihn verlieren konnte, und das wollte sie nicht, weil sie ihn über alles liebte. Sie hoffte allerdings, dass er mit der Zeit von allein die richtige Wahl treffen und sich für sie entscheiden würde. Doch das geschah nicht. Es sah beinahe so aus, als hätte Norbert sich mit der Situation arrangiert und wäre mit ihr zufrieden. Im Gegensatz zu Lisa, die ihn nur ungern mit einer anderen Frau teilte, aber nicht wusste, wie sie das ändern sollte, ohne ihn zu vergraulen. Norbert hingegen schien es zu genießen, sowohl die Annehmlichkeiten einer Ehe und des Familienlebens als auch die einer heimlichen Geliebten zu haben, obwohl er ihr stets aufs Neue versicherte, dass er nur sie lieben würde, aber seine Frau momentan wegen der Kinder nicht verlassen könne. Doch dann, vor drei Wochen, veränderte sich die Situation schlagartig, als Lisa erfuhr, dass sie schwanger war.

Sie schreckte hoch und stellte fest, dass sie eine ganze Weile in Gedanken versunken gewesen und völlig unbewusst gefahren war. Es war nichts passiert, dennoch hatte es ihr einen Schrecken eingejagt, und ihr Herz klopfte rasend schnell. Sie verringerte die ohnehin nicht sehr hohe Geschwindigkeit noch mehr, als eine weitere enge Kehre kam, und lenkte den Daihatsu mit beiden schweißfeuchten Händen am Lenkrad hinein. Sie atmete auf, als sie den Scheitelpunkt passierte, ohne dass ihr ein anderes Fahrzeug entgegengekommen wäre – ein weiterer Albtraum auf dieser Strecke –, und es wieder ein Stück geradeaus ging.

Sie nahm eine Hand vom Steuer und wischte sich mit dem Ärmel ihres hellgrauen Kapuzenpullis den Schweiß von der Stirn. Außer dem Pulli trug sie hellblaue Jeans und weiße Turnschuhe. Bequeme, zweckmäßige Kleidung, die sie nicht nur in ihrer Freizeit, sondern ständig trug. Sie hielt nichts davon, sich aufzustylen und herauszuputzen, um möglicherweise wie jemand auszusehen, der sie gar nicht sein wollte. Deshalb schminkte sie sich auch nur dezent und trug allenfalls ein bisschen Lippenstift und Eyeliner auf.

Der Gedanke an ein Kind hatte in Lisas Überlegungen bis vor Kurzem kaum eine Rolle gespielt. Natürlich wollte sie irgendwann Kinder, aber auf keinen Fall jetzt, bevor sie ihr Studium abgeschlossen und im Berufsleben Fuß gefasst hatte. Der Schock war deshalb groß, als ihre Frauenärztin ihr mitteilte, sie sei in der 6. Woche schwanger. Sie hatte zwar schon davor Anzeichen festgestellt, die auf eine Schwangerschaft hindeuteten – ihre Regelblutung war ausgeblieben, ihre Brüste spannten unangenehm, sie spürte ein Ziehen im Unterleib, war oft müde und hatte unerklärliche Stimmungsschwankungen –, doch sie hatte es nicht wahrhaben wollen. Bis ihr Dr. Beckmann breit lächelnd verkündete: »Herzlichen Glückwunsch, Frau Bernert, Sie sind schwanger.«

Schwanger!

Das Wort hallte danach noch stundenlang wie das Läuten einer Totenglocke in ihrem Verstand wider.

Schwanger!

Was sollte sie jetzt tun? Abtreiben kam für sie nicht infrage. Es war schließlich ihr Kind, ihr Fleisch und Blut. Und natürlich das Kind des Mannes, den sie liebte. Doch wie sollte es jetzt weitergehen? Auf dem Weg von der Praxis nach Hause wurde ihr allmählich klar, dass sich damit die Grundlage ihrer Beziehung zu Norbert entscheidend verändert hatte. So wie bisher konnte es nicht mehr weitergehen. Norbert musste Verantwortung für das Kind übernehmen. Und nicht nur das. Er musste sich endlich entscheiden, für oder gegen Lisa und das Kind. Denn jetzt konnte er die beiden Kinder mit seiner Ehefrau nicht länger als Ausrede benutzen, warum er Karin nicht verlassen konnte, weil es ein weiteres Kind gab, auch wenn es noch gar nicht auf der Welt war.

Nachdem Lisa nach dem Arztbesuch in ihre Wohnung zurückgekehrt war, wobei sie sich kaum an den Nachhauseweg erinnern konnte, weil sie ihn wie eine Schlafwandlerin zurückgelegt hatte, rief sie ihn sofort an. Sie wusste, dass er um diese Zeit allein zu Hause war und keine Gefahr bestand, dass seine Frau oder die Kinder ans Telefon gehen könnten.

»Hallo, ich bin’s«, meldete sie sich, ohne ihren Namen zu nennen. Schließlich konnte Karin oder eines der Kinder krank geworden und deshalb zu Hause sein und möglicherweise mithören. Daher hatte Norbert verlangt, dass sie sich nie namentlich meldete, wenn sie bei ihm zu Hause anrief. »Bist du allein?«

»Ja. Was ist los, Spatzi? Wieso rufst du an? Wir sehen uns doch ohnehin morgen Vormittag.«

»Vielleicht.«

»Was heißt hier vielleicht? Wir haben das doch schon ausgemacht. Außerdem muss ich dich unbedingt sehen, Spatzi. Ich kann an nichts anderes denken als an deinen wunderschönen nackten Körper. Das macht mich noch ganz wahnsinnig. Schon allein deshalb müssen wir uns morgen treffen!«

»Mal sehen.«

»Was ist los mit dir? Bist du betrunken?«

»Schön wär’s. Aber es ist …« Sie seufzte. »… etwas anderes.«

»Wovon redest du, Lisa? Allmählich machst du mir Angst. Steckt etwa ein anderer Mann dahinter? Hast du jemanden kennengelernt? Tu mir das bitte nicht an, Lisa!«

»Nein, das ist es auch nicht.«

»Was dann? Jetzt rede endlich!«

»Ich … ich bin schwanger.«

Für eine Weile, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, herrschte Stille. Keiner von ihnen sagte etwas. Es schien sogar, als hielten beide die Luft an. Lisa kam die Stille unheilvoll vor. Ein düsteres Vorzeichen dessen möglicherweise, was noch folgen würde. Und irgendwie hatte sie schon jetzt das Gefühl, dass es nichts Angenehmes sein würde.

»Schwanger? Aber wie konnte das denn passieren, Herrgott noch mal? Du nimmst doch die beschissene Pille.«

Lisa atmete einmal ganz tief durch und zwang sich, ruhig zu bleiben. »So was kann trotzdem passieren, Norbert. Freust du dich denn gar nicht?«

»Freuen?« Norbert lachte. Doch es war kein fröhliches Lachen, wie sie es von ihm gewohnt war, sondern eins, aus dem Verzweiflung herauszuhören war. »Wieso sollte mich das freuen, Lisa? Ich hab schon zwei Kinder. Ich kann ums Verrecken nicht noch eins gebrauchen!«

»Aber das ist unser Kind, Norbert! Deins und meins!«

Er seufzte. »Ja, das stimmt schon. Ich würde mich ja auch gerne darüber freuen. Aber im Moment, also, da ist das ganz, ganz schlecht.«

»Wieso?«

»Das weißt du doch, Lisa. Es ist wegen Karin und den Kindern.«

»Was soll ich deiner Meinung nach also tun?«

»Hör mal! Das ist auch für mich nicht leicht. Aber es gibt Möglichkeiten …« Er verstummte, wollte vermutlich nicht derjenige sein, der es aussprach. Wollte, dass sie selbst auf den Gedanken kam und ihn in Worte fasste.

»Du willst also, dass ich unser Kind abtreibe?«

»Das hab ich nicht gesagt. Das war deine Idee. Aber im Grunde ist es doch die einzig vernünftige Alternative. Im Moment jedenfalls. Das musst du doch einsehen, Lisa!«

»Vergiss es, Norbert!«

»Was …?«

»Ich werde nicht abtreiben.«

»Jetzt sei doch vernünftig, Spatzi.«

»Lass das! Außerdem bin ich vernünftig. Unvernünftig wäre es, die Frucht unserer Liebe zu töten.«

Schweigen. Lisa konnte Norbert atmen hören. Sie stellte sich vor, wie er fieberhaft überlegte und seine Augen rastlos hin und her huschten, während er nachdachte und nach einem Ausweg aus diesem Dilemma suchte.

»Hör zu, Lisa! Ich glaube, wir sollten ein andermal darüber sprechen. Am besten morgen, wenn wir uns ohnehin treffen. Wenn wir beide eine Nacht über die Sache nachdenken und uns wieder beruhigen konnten, dann sieht alles schon ganz anders aus.«

»Nein!«

»Wieso bist du auf einmal so stur, Lisa? So kenne ich dich gar nicht.«

»Das sind vermutlich Stimmungsschwankungen. Die hat man, wenn man schwanger ist, weil die Hormone verrücktspielen. Aber glaub bloß nicht, dass ich morgen anders über die Sache denke. Ich werde das Kind bekommen! Und du, Norbert …!«

»Jetzt sei doch endlich …«

»Unterbrich mich gefälligst nicht, Norbert, sonst beende ich dieses Telefonat auf der Stelle!«

Er erwiderte nichts darauf.

»Also, ich habe mich bereits für das Kind entschieden. Und du, Norbert, musst dich jetzt ebenfalls entscheiden. Dazu hast du …« Sie überlegte und nannte dann den ersten Zeitraum, der ihr in den Sinn kam. »… genau drei Wochen Zeit.«

»Was soll das sein? Ein Ultimatum?«

»Ja. Drei Wochen. Keinen einzigen Tag länger.«

»Und was soll ich genau entscheiden?«

»Ob du weiterhin bei Karin und den Kindern bleiben oder mit unserem Kind und mir zusammen sein willst.«

»Tu das nicht, Lisa! Damit machst du doch bloß alles kaputt.«

»Nein, Norbert. Nicht ich mache alles kaputt, sondern du, wenn du dich gegen uns entscheidest. Aber du musst es nicht gleich tun. Du hast drei Wochen Zeit dafür.«

»Und falls ich mich gegen dich und dafür entscheiden sollte, bei Karin zu bleiben. Was würdest du dann tun?«

»Falls du das wirklich tust, werde ich deine Frau anrufen und ihr alles erzählen. Außerdem werde ich allen sagen, wer der Vater des Kindes ist. Und natürlich werde ich dich auf Unterhalt verklagen, wenn du nicht freiwillig zahlst.«

»Ja, bist du denn jetzt komplett wahnsinnig geworden?«

»Nein. Ganz im Gegenteil. Ich hab mich noch nie so vernünftig gefühlt.«

»Das … das kannst du mit mir nicht machen?«

»Doch! Und wie ich das kann. Und unsere Treffen kannst du dir vorerst auch abschminken. Ruf mich erst wieder an, wenn du eine Entscheidung getroffen hast. Bis dahin will ich dich weder sehen noch hören.«

»Ich …«

Doch Lisa hatte genug von ihm und legte einfach auf. Danach rief er noch ein halbes Dutzend Mal bei ihr an. Sie sah seine Nummer auf dem Display, nahm aber nicht ab.

Und seitdem hatte sie tatsächlich nichts mehr von ihm gehört. Und da die Frist, die sie ihm gesetzt hatte, mit dem Ende des heutigen Tages abgelaufen wäre, hatte sie auch nicht mehr damit gerechnet.

Bis er vor fünfzehn Minuten angerufen hatte.

»Ja?«, fragte Lisa kühl, nachdem sie abgenommen hatte, denn sie hatte natürlich seine Nummer erkannt.

»Ich war ein Idiot, Lisa«, sagte Norbert anstelle einer Begrüßung.

Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Nach dem, was er bei ihrem letzten Telefonat gesagt hatte, hatte sie eigentlich damit gerechnet, dass er ihr mitteilen würde, er wolle bei seiner Frau bleiben. Doch seine Worte klangen nicht danach und gaben ihr neue Hoffnung.

»Um das zu erkennen, hast du aber lange gebraucht.« Noch bemühte sie sich, sich von ihren Gefühlen nichts anmerken zu lassen.

»Es war eine schwere Entscheidung. Deshalb musste ich es mir auch gut und lange überlegen. Außerdem wollte ich ganz sicher sein, das Richtige zu tun. Aber jetzt weiß ich endlich, was ich will.«

»Und was …« Sie musste schlucken, bevor sie weitersprechen konnte. »… willst du?«

»Ich will dich, Lisa.«

Sie zitterte am ganzen Körper vor Freude und Aufregung, während ihr Herz pochte, als wollte es zerspringen.

»Bist du dir wirklich sicher?«

»Ja.«

»Und das Kind?«

»Ich will dich und das Kind.«

Lisa lächelte selig. Zum Glück war niemand anderes in ihrer Wohnung, der sie sehen konnte, denn sie sah bestimmt wie ein Trottel aus. Sie hatte, wenn sie ehrlich war, nicht mehr damit gerechnet, aber im Gegensatz zu ihrem letzten Telefonat sagte Norbert dieses Mal genau das, was sie von ihm hören wollte. Er war wie ausgewechselt. Ihr Ultimatum musste ihn nicht nur zum Nachdenken, sondern sogar zum Umdenken gebracht haben. Doch trotz aller Freude blieb ein Teil ihres Verstandes misstrauisch und mahnte zur Vorsicht.

»Wann sagst du’s Karin?«

»Das hab ich schon getan.«

Sie glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Endlich entwickelte sich alles so, wie sie es sich gewünscht hatte. »Wann?«

»Vor einer Viertelstunde. Karin …« Er stockte und seufzte schwer. »Sie hat es zum Glück relativ gefasst aufgenommen und keine Szene gemacht. Vielleicht hat sie ja schon etwas geahnt. Auf jeden Fall ist sie mit den Kindern weggefahren. Wenn sie in zwei Stunden zurückkommt, muss ich meine Koffer gepackt haben und verschwunden sein.«

»Soll ich …?«

»Ja. Komm bitte her und hol mich ab. In dein winziges Spielzeugauto passt zwar nicht viel rein, aber den Rest kann ich auch ein anderes Mal holen. Und beeil dich! Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen.«

»Mir geht es genauso.«

»Fahr über die Dörfer, dann bist du schneller da.«

»Aber …«

»Tu es einfach, Spatzi! Mir zuliebe. Um diese Zeit ist auf der Strecke ohnehin nichts los. Und je eher du da bist, desto früher kann ich dich wieder in meinen Armen halten und können wir ein neues, gemeinsames Leben beginnen. Ich hab dich so vermisst.«

»Ich dich auch. Ich leg dann jetzt auf und fahr sofort los.«

»Gut. Ich warte auf dich.«

»Ich liebe dich«, sagte sie, doch Norbert hatte bereits aufgelegt. Macht nichts, dachte sie. In ungefähr zwanzig Minuten kann ich es ihm ins Gesicht sagen.

Die Erinnerung an das Telefonat hatte ein verträumtes Lächeln auf Lisas Gesicht gezaubert. Sie wurde allerdings sofort wieder ernst, als sie aus dem Augenwinkel eine Bewegung im Seitenspiegel registrierte. Sie nahm die Augen von der Straße und blickte in den Spiegel. Was sie darin sah, verjagte die Glücksgefühle und trieb ihr erneut den Angstschweiß auf die Stirn.

»Das hat mir jetzt gerade noch gefehlt«, sagte sie und behielt das Fahrzeug, das sich ihr mit hoher Geschwindigkeit von hinten näherte, noch einen Moment länger im Auge, ehe sie sich losriss und wieder nach vorn sah. Gerade noch rechtzeitig, denn da kam auch schon die nächste Kurve. Mit dem anderen Auto hinter sich bremste sie nicht so stark ab, wie sie es getan hätte, wenn sie allein auf der Strecke gewesen wäre. Dennoch kam sie gut durch die Kurve. Danach ging es wieder ein Stück geradeaus weiter, sodass Lisa es wagen konnte, wieder in den Rückspiegel zu schauen.

Sie stöhnte auf, denn der andere Wagen war schon direkt hinter ihr. Zwischen den beiden Fahrzeugen hätte kein anderes Auto mehr gepasst. Der andere musste wie ein Wahnsinniger durch die Kurve gefahren sein, um die Lücke so schnell zu schließen.

Lisa sah wieder auf die Straße. Die nächste Kurve war noch mehrere Hundert Meter entfernt. Außerdem war die Straße an dieser Stelle breit genug, sodass zwei Autos gefahrlos nebeneinander fahren konnten.

»Überhol doch endlich!«

Doch als sie in den Rückspiegel sah, war der andere noch immer hinter ihr. Es handelte sich um einen schwarzen Wagen, vermutlich ein BMW. Den Fahrer konnte sie nicht erkennen, da sich der weißblaue Himmel in der Frontscheibe widerspiegelte. Sie hatte das unangenehme Gefühl, das andere Auto wäre noch näher gekommen, sodass die Entfernung zwischen ihnen nicht mehr in Metern, sondern nur noch in Zentimetern gemessen werden konnte.

»Was soll das denn, du Idiot? Und wieso überholst du nicht?«

Obwohl sie eigentlich gar nicht schneller fahren wollte, trat Lisa dennoch aufs Gas, um den Abstand zu vergrößern. Für einen Moment klappte das auch, doch dann fuhr auch der andere schneller und hing erneut wie eine Klette an ihr.

Zum Glück war sie heute ausnahmsweise angeschnallt. In der Regel mochte sie es nicht, weil sie sich dabei immer so eingeengt fühlte. Doch weil Norbert sie gebeten hatte, diese Strecke zu fahren, hatte sie eine Ausnahme gemacht und den Gurt genommen. Jetzt war sie froh darüber.

Sie fuhr noch schneller und sah nach vorn. Noch etwa zweihundert Meter bis zur Kurve.

Was soll ich nur tun, wenn wir dort sind?, fragte sie sich panisch, denn ihrer Meinung nach fuhr sie zu schnell für die scharfe Kurve. Und wenn sie abbremste, fuhr ihr möglicherweise der Idiot hinter ihr ins Heck. Sie sah auf den Tacho und erschrak. Sie hatte gedacht, sie würden achtzig fahren. Doch laut Geschwindigkeitsanzeige hatte sie bereits über hundert Sachen drauf.

»Das ist doch der Wahnsinn!«

Es war nicht mehr weit bis zu dem kleinen Ort, in dem Norbert wohnte. Doch wenn der Schwachkopf hinter ihr so weitermachte, käme sie dort nie heil an.

Sie sah wieder in den linken Seitenspiegel und atmete erleichtert auf. Der BMW war endlich zum Überholen auf die andere Spur ausgeschert und schob sich jetzt langsam neben sie. Bei der hohen Geschwindigkeit, mit der sie fuhren, hatten sie die Kurve schon beinahe erreicht.

Lisa wollte bremsen.

Doch bevor sie dazu kam, sah sie aus dem Augenwinkel, dass das andere Auto in ihre Richtung schwenkte, obwohl es noch immer neben ihr fuhr und sie noch nicht überholt hatte. Sie riss das Lenkrad herum, um auszuweichen, schaffte es jedoch nicht. Mit einem lauten Krachen prallte der schwere BMW seitlich in ihren Daihatsu. Der Kleinwagen hatte gegen die Masse des viel schwereren Autos keine Chance und wurde zur Seite geschleudert. Die rechten Räder kamen von der Straße ab und holperten über den schmalen Grasstreifen, der die Straße von der steilen Böschung trennte, hinter der die Felder lagen.

Für einen Moment hatte Lisa die Hoffnung, dass der Fahrer des anderen Wagens ihr nach der unabsichtlichen Kollision Platz machen würde und sie ihr Auto wieder auf die Straße lenken könnte. Doch schon eine Sekunde später krachte der BMW erneut in ihr Auto und schob es endgültig von der Straße.

Der Daihatsu stellte sich schräg und raste die steile Böschung hinunter. An ihrem Ende bohrte sich die vordere rechte Ecke des Fahrzeugs in die Erde des Ackers.

Durch den Krach wurde eine Schar Krähen aufgeschreckt, die auf dem abgeernteten Feld nach Körnern gesucht hatte, und erhob sich mit einem protestierenden, vielstimmigen Krächzen in die Luft.

Lisa schrie ebenfalls laut, als sie nach vorn geworfen wurde und in den Sicherheitsgurt fiel, der sich ruckartig spannte und in ihren Leib bohrte. Den Bruchteil eines Augenblicks später entfalteten sich mit einem lauten Knall die Airbags und pressten sie in den Sitz zurück.

Der Wagen wurde hochgeschleudert, landete auf dem Dach und überschlug sich dann mehrmals auf dem Feld.

Um Lisa herum herrschten nur noch infernalischer Lärm und wirbelnde, übelkeitserregende Bewegung, sodass sie sich wie in einer Waschmaschine im Schleudergang vorkam. Der Gurt hielt sie allerdings in ihrem Sitz und verhinderte, dass sie durch die Fahrgastzelle oder durch die zerschmetterten Fenster nach draußen geschleudert wurde. Von den dreieinhalb Überschlägen bekam die junge Frau allerdings nur die ersten anderthalb mit. Denn als das Auto das zweite Mal auf dem Dach landete, schlug Lisas Kopf so heftig gegen etwas, das härter und unnachgiebiger als ihr Schädelknochen war, dass die chaotische Welt um sie herum für sie augenblicklich zu existieren aufhörte.

Nach zwei weiteren Überschlägen kam der Daihatsu völlig demoliert auf dem Dach zu liegen. Nur die vier Reifen drehten sich noch eine Weile munter weiter, bis schließlich auch sie zum Stillstand kamen. Danach war nur noch das Ticken von heißem Metall zu hören, das sich langsam abkühlte, denn das Motorengeräusch des ohne Halt davongefahrenen BMW hatte sich längst in der Ferne aufgelöst.

Ansonsten war es für eine Weile geradezu totenstill. Und nichts bewegte sich, weder innerhalb noch außerhalb des Wracks.

Dann kamen die Krähen zurück, die auf einem nahen Baum Zuflucht gesucht hatten, landeten rund um das zerstörte Fahrzeug und suchten wieder nach Essbarem.

»Verdammter Mist!«

Er wäre gern schneller gefahren, doch ausgerechnet heute hatte der Scheinwerfer seines Keeway-Motorrollers seinen Geist aufgegeben. Michi wusste nicht, ob nur die Birne defekt oder sogar ein neuer Scheinwerfer fällig war. Letzteres wäre noch ärgerlicher, denn das würde ein Loch in sein derzeit ohnehin geringes Barvermögen reißen.

Er fuhr langsam über den schmalen Kiesweg, der an dieser Stelle durch ein dichtes Waldstück führte und eigentlich nur für Spaziergänger und Wanderer gedacht war. Hier war es besonders dunkel. Die einzige Orientierungshilfe bot ein schmaler Streifen Nachthimmel über ihm, der nur geringfügig heller war als die Baumkronen rechts und links, weil der sichelförmige Mond sich hinter eine dichte Wolkendecke zurückgezogen hatte. Wenigstens kannte Michi den Weg, sonst hätte er auf diesem Teil seines Heimwegs noch langsamer fahren oder den Motorroller vielleicht sogar schieben müssen. Er hoffte nur, dass nicht plötzlich ein Reh oder Wildschwein vor ihm auf dem Weg stand, denn wenn er das Tier zu Gesicht bekäme, wäre es zu spät, um den Roller noch rechtzeitig anzuhalten.

Seine Mutter würde toben. Wahrscheinlich hatte sie schon unzählige Male versucht, ihn auf seinem Handy zu erreichen. Da er jedoch keine Lust hatte, sich ihre Tirade anzuhören, hatte er es ausgeschaltet. Wenn er nach Hause kam, würde er sich ohnehin einiges anhören müssen. Es reichte also, wenn er ihre Schimpfkanonade einmal über sich ergehen ließ.

Dabei hatte er heute gar nicht vorgehabt, so lange bei seinem besten Freund Max zu bleiben, weil er noch Hausaufgaben – ausgerechnet in seinem »Lieblingsfach« Mathe – machen und ein paar Seiten in diesem blöden Kannibale und Liebe, oder wie der Schinken hieß, lesen musste. Er fragte sich jedes Mal, wieso dieser Schiller nicht so hatte schreiben können, dass auch ein normaler Fünfzehnjähriger verstand, worum es ging. Aber dann hatten Max und er noch eine Runde FIFA 15 gespielt und noch eine und … Na ja, irgendwie hatte er die Zeit vergessen, und als er dann doch einmal auf die Uhr gesehen hatte, war es später als gedacht und draußen schon dunkel gewesen.

Michi bremste vorsichtig, um auf dem lockeren Kies nicht die Kontrolle zu verlieren, denn in wenigen Metern musste eine Kurve kommen. Es fehlte ihm gerade noch, dass er jetzt zu allem Überfluss auch noch seinen Roller schrottete. Er hatte zu lange darauf gespart und konnte sich momentan keine größeren Reparaturen leisten. Eine neue Birne für den Scheinwerfer war okay, doch alles, was darüber hinausging, wäre schmerzhaft. Da kam die Kurve auch schon. Michi durchfuhr sie vorsichtig und starrte angestrengt ins Dunkel, das vor ihm lag.

Michael Bergmoser, der von allen nur Michi genannt wurde, war fünfzehn Jahre alt und ging in die 10. Klasse des Gymnasiums. Er war für sein Alter recht groß – bei der letzten Messung eins vierundachtzig – und schlank. Er hatte kurzes hellbraunes Haar, braune Augen und bis auf ein paar Härchen auf der Oberlippe noch keinen nennenswerten Bartwuchs. Michi lebte mit seiner Mutter im – wie er es nannte – allerletzten Kuhkaff. Deshalb war er froh gewesen, als er endlich den Mofa-Führerschein machen und sich von seinen Ersparnissen den gebrauchten Motorroller kaufen konnte, denn damit wurde er endlich unabhängig von der Gnade seiner Mutter, die ihn zu seinem Leidwesen nicht immer dorthin gebracht hatte, wo er hingewollt hatte. Aber die Zeiten, in denen er sie anbetteln oder Hausarbeiten gegen Chauffeurdienste verrichten musste, waren zum Glück vorbei.

Allerdings würde sie heute Abend wieder einmal besonders angepisst sein, weil er erst nach Einbruch der Dunkelheit nach Hause kam und sein Handy ausgeschaltet hatte. Michi zuckte mit den Schultern. Seit sein Vater sie verlassen hatte und mit einer wesentlich jüngeren Frau zusammengezogen war, kannte seine Mutter ohnehin nur drei Gemütszustände: ärgerlich, wütend und fuchsteufelswild. Er tippte darauf, dass heute wieder einmal fuchsteufelswild an der Reihe war. Also würde er ihre Schimpftirade schweigend über sich ergehen lassen, schließlich sah er ausnahmsweise sogar ein, dass er sie verdient hatte, und sich reumütig zeigen, bis sie sich allmählich wieder beruhigte und nur noch ärgerlich war. Am Ende würde sie ihn fragen: »Hast du deine Hausaufgaben überhaupt schon gemacht?« Und er würde lügen und sagen, dass er es getan habe. Und dann wäre er entlassen und könnte in sein Zimmer gehen, während Mutter sich wieder auf die Couch im Wohnzimmer zurückzog, irgendeinen Scheiß im Fernsehen ansah und eine Flasche Wein, Hugo oder was auch immer leerte. Immer das Gleiche!

Michi fuhr behutsam um die nächste Kurve, um im Kies nicht auszurutschen, und atmete erleichtert auf, als er endlich das Ende des Waldstücks vor sich sah. Wenn er den Wald erst hinter sich hatte, konnte er auch wieder schneller fahren. In spätestens fünfzehn Minuten wäre er dann zu Hause. Er gab schon jetzt wieder etwas mehr Gas, da er sehen konnte, dass es zwischen ihm und dem Waldrand keine Hindernisse gab, weder umgekippte Baumstämme noch lebende nachtaktive Tiere. Dann hatte er es endlich geschafft und fuhr aus dem Wald. Der Weg machte einen scharfen Rechtsknick und führte zunächst ein kleines Stück am Waldrand entlang. Dann ging es nach links, und an dem einsamen Ahornbaum, der an einer Gabelung stand, musste er nach rechts abbiegen.

Er fuhr durch die Biegung und gab anschließend Gas.

Da sah er das Feuer.

Auf den ersten Blick sah es so aus, als würde der ganze Ahornbaum in Flammen stehen. Hören konnte Michi jedoch nichts, da der Helm, den er trug, die Geräusche seiner Umgebung dämpfte. Er fuhr unwillkürlich schneller, während sein Blick weiterhin auf den Flammen ruhte, die am Fuß des großen Baumes loderten. Zuerst vermutete er, betrunkene Jugendliche hätten sich einen Scherz erlaubt oder ein Lagerfeuer gemacht, das dann außer Kontrolle geraten war. Doch er sah niemanden in der Nähe des Feuers. Er ließ seinen Blick umherschweifen auf der Suche nach denjenigen, die für das Feuer verantwortlich sein mussten. Dabei sah er ein Auto, das ohne Licht fuhr und schon im nächsten Augenblick in der Dunkelheit außerhalb des Lichtkreises, den die lodernden Flammen schufen, verschwand, als hätte es nie existiert.

Michi folgte dem Kiesweg, der sich vom Wald entfernte und direkt auf den Ahornbaum zuführte. Er konnte jetzt besser sehen, was sich unter den ausladenden Ästen des Baumes befand, und erkannte ein Auto. Es war gegen den Stamm geprallt und stand lichterloh in Flammen.

Was ist denn hier passiert?, fragte er sich und versuchte, sich ein Szenario vorzustellen, bei dem zwei Autos und ein Ahornbaum eine Rolle spielten und eines der Autos gegen den Baum prallte und in Flammen aufging. Es gelang ihm allerdings nicht. Diese Gegend war viel zu abgeschieden. Er hatte hier draußen noch nie auch nur ein einziges Auto gesehen, sondern immer nur Traktoren, Mähdrescher und Fahrräder. Außerdem war der Feldweg viel zu schlecht für Autos und zu schmal, um darauf Rennen zu fahren.

Michi stoppte den Motorroller in ausreichendem Abstand zum brennenden Fahrzeug. Er hatte im Fernsehen genug explodierende Autos gesehen, um seinen kostbaren Roller besser keinem Risiko auszusetzen. Ohne den Blick von den Flammen zu nehmen, schaltete er den Motor aus und bockte den Roller auf. Dann ging er langsam auf das Feuer zu, behielt dabei aber sicherheitshalber den Helm auf.

Das Innere des Fahrzeugs, das er hinter den Scheiben sehen konnte, war bereits ein einziges Flammenmeer. Es war vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis das Glas aufgrund der Hitze zersprang. Aber auch über die Motorhaube, das Dach und den Kofferraum leckten schon gierige Feuerzungen, sodass der schwarze Lack Blasen warf. Manche Flammen züngelten sogar schon an der Rinde des Baumstamms empor.

Michi erkannte, dass es sich bei dem Auto um einen BMW handelte. Da er sich von der Beifahrerseite her näherte, umrundete er das Fahrzeug, hielt jedoch einen ausreichenden Sicherheitsabstand. Nicht nur die Angst, der Wagen könnte explodieren, hielt ihn auf Abstand, sondern auch die Hitze, die sogar mehrere Meter vom Brandherd entfernt enorm war. Obwohl er nur Jeans und einen dünnen Pulli trug, brach ihm der Schweiß aus.

Als er auf der Fahrerseite angekommen war, sah er, dass die vordere Seitenscheibe offen war. Die Flammen schlugen nach draußen und leckten am Rahmen. Mittlerweile konnte er trotz des Helms auch das Prasseln und Tosen des Feuers hören.

Er überlegte, was er tun sollte. Natürlich musste er umgehend die Feuerwehr rufen. Aber was, wenn sich jemand im Inneren befand? Musste er das den Rettungskräften nicht mitteilen?

Da ist keiner mehr drin!, sagte sich Michi. Er wusste jedoch nicht, woher er die Überzeugung dafür nahm. Vermutlich war es nur die Hoffnung, dass keiner mehr im Wagen gewesen war, als dieses Feuer angefangen hatte, denn den Hochofen, in den sich das Fahrzeuginnere mittlerweile verwandelt hatte, konnte niemand überlebt haben.

Er dachte an das Fahrzeug, das sich entfernt hatte, ohne das Licht anzuschalten. Wer immer das gewesen war, hatte anscheinend etwas zu verbergen. Michi stellte sich Bankräuber vor, die ihren Fluchtwagen angezündet hatten, um alle Spuren, die sie möglicherweise hinterlassen hatten, zu vernichten. Aber wieso waren sie mit dem BMW dann auch noch gegen den Ahornbaum gerast? Das ergab doch keinen Sinn!

Michi wollte sich schon abwenden, um sein Handy herauszuholen und die Feuerwehr zu rufen, als er eine Bewegung im Fahrzeuginneren sah. Er glaubte, sein Herz würde aufhören zu schlagen und sich dann nie mehr in Gang setzen lassen.

Das kann nicht sein!

Dennoch sah er es ganz deutlich. Ein dunkler Umriss neigte sich in Richtung des offenen Fensters. Michi erschauderte. Als seine Fantasie ihm eine Vorschau dessen lieferte, was gleich geschehen würde, sah er darin eine verkohlte Leiche, die die Fahrertür öffnete, aus dem Wagen stieg und steifbeinig auf ihn zu stakste, während die Flammen sie noch immer wie ein lebender Umhang umhüllten. Im Nachhinein hätte er sich nicht einmal gewundert, wenn er sich in diesem entsetzlichen Moment in die Hose gemacht hätte. Aber zum Glück blieb ihm diese Schmach erspart.

Die Bewegung, sofern es eine solche überhaupt gegeben hatte, kam zum Stillstand. Dann fuhr ein leichter Windstoß durch das offene Fenster ins Feuer, sodass sich für einen Augenblick eine Lücke im dichten Flammenvorhang auftat, durch die Michi einen Blick auf die geschwärzte, unmenschlich wirkende Gestalt auf dem Fahrersitz werfen konnte.

Hinterher konnte er sich an keine Einzelheiten mehr erinnern, wofür er dankbar war. Er wusste nur noch, dass ihm in diesem Moment klar wurde, dass die Person im Inneren des Wagens mausetot sein musste und gar nicht mehr in der Lage sein konnte, sich zu bewegen. Vermutlich waren nur ihre Muskeln und Sehnen unter dem Einfluss der mörderischen Hitze geschrumpft, sodass sich der verkohlte Schädel in Richtung Fenster geneigt hatte. Und obwohl Michi das erkannte, hatte er dennoch das Gefühl, der Leichnam hätte ihm grüßend zugenickt.

Als sich der lodernde Vorhang wieder schloss und ihm die Sicht verwehrte, wurde Michi sich endlich wieder bewusst, dass er einen Körper hatte und sich bewegen konnte. Außerdem wurde ihm so übel wie noch nie in seinem fünfzehnjährigen Leben. Er wirbelte herum, lief ein paar Schritte, bis die Hitze erträglicher war und nur noch seinen Rücken wärmte. Es gelang ihm gerade noch, sich den Helm vom Kopf zu reißen. Dann konnte er die Gummibärchen, die Chips und die Cola, die er bei Max bekommen hatte, nicht mehr länger bei sich behalten. Als er sich nicht mehr würgend übergeben musste, war ihm zwar immer noch übel, doch wenigstens war der Brechreiz weg. Er wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab und ging auf wackligen Beinen zurück zu seinem Roller. Dabei vermied er es, noch einen Blick auf den brennenden BMW zu werfen. Er hatte viel zu viel Angst, er könnte auf dem Beifahrersitz oder den Rücksitzen noch weitere schwarz verkohlte Leichen entdecken, die sich bewegten und ihn dann bis in seine Albträume verfolgen würden. Er setzte sich auf den Roller und holte sein Handy heraus. Nachdem er es angemacht hatte, sah er, dass er sechs Anrufe von seiner Mutter bekommen hatte. Aber die war momentan seine geringste Sorge. Statt die Feuerwehr anzurufen, wie er es eigentlich vorgehabt hatte, wählte er die 110. Schließlich saß ein toter Mensch im Wagen, für den jede Rettung zu spät kam, und dafür war seiner Meinung nach in erster Linie die Polizei zuständig.

Dilegua, o notte! Tramontate, stelle! Tramontate, stelle! All’alba vincerò! Vincerò! Vincerò!

(Die Nacht entweiche, jeder Stern erbleiche! Jeder Stern erbleiche, damit der Tag ersteh und mit ihm mein Sieg!)

Er summte die Opernarie Nessun dorma, die den britischen Handyverkäufer Paul Potts in der Castingshow Britain’s Got Talent 2007 schlagartig berühmt gemacht hatte, ergänzte den italienischen Text allerdings nur in Gedanken, während er unter der Dusche stand und sich den Schaum aus dem vollen, mittelblonden Haar spülte. Zu Hause sang er die Arie immer laut, wenn er duschte, obwohl seine Frau und die Kinder ihn hinterher immer damit aufzogen. Natürlich wusste er selbst, dass er nicht so gut singen konnte wie Paul Potts, seiner Meinung nach klang es aber auch nicht so schlecht, wie sie sagten. Trotzdem hätte er es nie gewagt, an einem Ort wie diesem, dem Bad seines Gästezimmers, laut zu singen, weil er keinen der anderen Gäste stören wollte.

Gerhard Biermann hörte auf zu summen und stellte das Wasser ab. Dann öffnete er die Tür der Duschkabine und griff nach dem Handtuch, das er in der Nähe bereitgelegt hatte, um sich abzutrocknen. Während er das tat, dachte er über den Tag nach, der bald zu Ende gehen würde.

Er war eigentlich recht erfolgreich verlaufen, denn er hatte heute sämtliche Termine einhalten und eine ganze Reihe von Ärzten und Apotheken in und um Fürstenfeldbruck besuchen können. Morgen würde er nach Möglichkeit den Rest auf seiner Liste abhaken, bevor er zum nächsten Ort weiterzog. Gerhard war Pharmaberater und lebte mit seiner Frau Heike und den beiden Kindern Sarah und Niklas in Mannheim. Nach seinem letzten Termin bei einem Allgemeinmediziner war es bereits dunkel geworden. Also fuhr er gleich zum Gästehaus, in dem er im Lauf des Tages eingecheckt hatte, ging dort auf sein Zimmer und rief zu Hause an, damit er noch mit den Kindern sprechen konnte, bevor sie ins Bett gingen. Danach unterhielt er sich noch eine Weile mit seiner Frau. Zum Schluss versicherten sie sich gegenseitig, wie sehr sie den anderen liebten und vermissten, und beendeten das Gespräch. Anschließend ging Gerhard zu einem späten Abendessen in ein italienisches Restaurant in der Nähe und trank zwei Gläser Wein zu seiner Pizza. Obwohl er danach schon recht müde war und sich am liebsten nur noch ins Bett gelegt hätte, ging er dennoch wie jeden Abend unter die Dusche.

Als er sich abgetrocknet hatte, trat er aus der Duschkabine und vor den Spiegel, der beschlagen war. Er nahm ein Handtuch und wischte ein Oval in der Mitte der spiegelnden Fläche frei. Obwohl schon viele behauptet hatten, Gerhard sähe so unscheinbar aus, dass man sein Gesicht schon wieder vergessen hatte, sobald er aus dem Zimmer gegangen war, war er dennoch zufrieden mit dem, was er sah. Und Heike war es wohl auch, sonst hätte sie ihn bestimmt nicht geheiratet. Er hatte kurzes mittelblondes Haar, ein glatt rasiertes, gleichmäßiges Gesicht ohne besondere Merkmale und blassgraue Augen. Außerdem war er von durchschnittlicher Größe und Statur.

Gerhard nahm die Bürste und kämmte sein trocken gerubbeltes Haar. Dann sprühte er sich Deo unter die Arme. Fertig! Jetzt konnte er sich endlich ins Bett legen und schlafen, denn morgen war bestimmt wieder ein anstrengender und langer Tag.

Er öffnete die Tür und trat in den schmalen Flur, der von der Zimmertür zum Gästezimmer führte. Da er das Licht hatte brennen lassen, sah er sofort den Eindringling, der neben dem Bett stand und augenscheinlich auf ihn gewartet hatte, denn er sah ihn erwartungsvoll an.

»Wer sind Sie?«, fragte Gerhard aufgebracht. Trotz seiner Entrüstung fühlte er sich unwohl, da er nur ein Handtuch um die Hüften trug und sich darin entblößt und nackt vorkam. »Und was haben Sie in meinem Zimmer zu suchen?«

Der andere Mann sagte nichts, sondern starrte ihn nur an. Dann hob er die Hand, die er bislang hinter seinem Körper verborgen gehalten hatte, sodass Gerhard zum ersten Mal das große Küchenmesser sehen konnte, das der Fremde bei sich hatte. Gerhard schloss für einen Moment die Augen, als sich das Licht der Deckenlampe in der Klinge spiegelte und ihn blendete.

»Was wollen Sie von mir?«

»Das weißt du ganz genau, Ladykiller!«

Gerhard war verwirrt. Was sollte das? Und wer bitte schön war dieser Ladykiller, von dem der andere sprach? Er verspürte den drängenden Impuls, sich augenblicklich herumzuwerfen, zur Tür zu rennen und fluchtartig das Zimmer zu verlassen. Doch ein anderer Teil seines Verstandes überzeugte ihn davon, dass es vermutlich besser war, dem anderen klarzumachen, dass er sich geirrt hatte, im falschen Zimmer gelandet war und demzufolge auch den falschen Mann bedrohte. Es war der Teil von ihm, der auch der Ansicht war, dass man durch ein vernünftiges Gespräch jedes Problem lösen konnte.

»Sie täuschen sich«, sagte er daher. »Ich bin nicht der, für den Sie …«

Weiter kam er jedoch nicht, da er plötzlich von hinten an den Armen gepackt wurde.

»Was …«

Im nächsten Augenblick wurde ihm etwas über den Kopf gezogen. Es fühlte sich nach einem Stoffsack oder Kissenbezug an. Trotz der Angst, die ihn erfüllte, war Gerhard froh, dass es wenigstens kein Plastikbeutel war und er noch immer atmen konnte. Der Stoff war nicht völlig undurchsichtig, und so konnte er schemenhaft erkennen, dass der Mann mit dem Messer auf ihn zukam. Gerhard wand sich und versuchte verzweifelt, seine Arme aus den Griffen der Personen zu befreien, die hinter ihm standen und die er zunächst gar nicht wahrgenommen hatte. Bei einem, vermutlich demjenigen, der ihm auch den Sack über den Kopf gestülpt hatte, gelang es ihm sogar. Er riss die rechte Hand im gleichen Moment hoch, als der Mann vor ihm auf ihn einstach. Die Klinge traf seine Handkante und schnitt tief ins Fleisch, bis sie auf einen Knochen traf. Gerhard schrie vor Schmerz, aber wenigstens hatte er das Messer aufhalten können, bevor es in seinen Leib fuhr und Schlimmeres anrichtete.

»Haltet ihn gefälligst fest!«, zischte der Mann vor ihm ärgerlich. »Und bringt ihn zum Schweigen!«

Dann wurde auch schon Gerhards Arm gepackt, nach unten gerissen und eng an den Körper gepresst, sodass er sich nicht noch einmal befreien konnte, sosehr er es auch versuchte. Gerhard konnte fühlen, wie das Blut an seiner Hand und seinen Fingern hinunterlief, von deren Spitzen es vermutlich auf den Teppichboden tropfte. Er riss den Mund auf, um erneut zu schreien, viel lauter dieses Mal, um jemandem in einem der anderen Zimmer auf sich und seine Notlage aufmerksam zu machen. Doch noch ehe er auch nur einen Ton von sich geben konnte, legte sich eine Hand auf seinen Mund, um ihn zu verschließen und jeden Schrei im Ansatz zu ersticken. Was er daraufhin von sich gab, klang dumpf und erstickt und konnte außerhalb dieses Zimmers unmöglich gehört werden.

Gerhard war zu abgelenkt gewesen, um den zweiten Stick kommen zu sehen. Er wurde sich erst darüber bewusst, dass der Messermann erneut zugestochen hatte, als sich etwas durch seine Bauchdecke bohrte. Zunächst spürte er nur die eisige Kälte der Klinge in seinen Eingeweiden, doch als der andere sie wieder herauszog, traf ihn der Schmerz mit der Wucht eines heftigen Faustschlags. Augenblicklich wurden seine Knie wachsweich, während er gleichzeitig spürte, wie das warme Blut aus der tiefen Wunde sprudelte und nach unten lief, wo es vom Stoff des Handtuchs aufgesaugt wurde. Er knickte in den Knien ein und wäre zu Boden gesunken, hätten ihn die anderen Angreifer nicht festgehalten.

Warum ich? Was habe ich getan?

Seit er aus dem Bad gekommen war, war nicht einmal eine Minute vergangen. Eine Minute, in der er von seinem normalen, alltäglichen Leben geradewegs in einen fürchterlichen Albtraum gestolpert war. Alles war so schnell gegangen, dass er gar nicht dazu gekommen war, sich Gedanken darüber zu machen, was hier geschah. Es war einfach unbegreiflich! Im Bad war sein Leben noch vollkommen in Ordnung und so gewesen, wie es sein sollte. Zugegebenermaßen langweilig und nicht jeden Tag erfreulich, aber dafür sicher und berechenbar. Doch als er das Bad verlassen hatte, war es, als wäre er durch eine Zaubertür getreten und in eine andere Welt geraten. Eine Welt, die ihm fremd war und deren Regeln er nicht kannte. Aber vor allem eine Welt, in der Gewalt herrschte und Männer über einen Unschuldigen herfielen, um auf ihn einzustechen.

Und wer zum Teufel ist dieser verfluchte Ladykiller?

Es war Gerhards letzter bewusster und zusammenhängender Gedanke, bevor der Angreifer vor ihm erneut auf ihn einstach und die Klinge sich in seinen Körper grub. Er wusste nicht einmal, wo genau das Messer ihn traf, weil der Schmerz mittlerweile seinen ganzen Körper in Flammen gesetzt hatte. Doch danach spürte er nur noch Agonie und war keines einzigen logischen Gedankens mehr fähig.

Diejenigen, die ihn von hinten gepackt hatten, waren nicht länger in der Lage, ihn zu halten, und ließen ihn zu Boden sinken. Es war auch nicht mehr nötig, ihm den Mund zuzuhalten, da ihm zum Schreien längst die Kraft fehlte. Alles, was aus seinem Mund kam, war ein langgezogenes, dumpfes Stöhnen.

Der Messermann hatte jedoch noch immer nicht genug und stach weiter zu. Gerhard spürte allerdings kaum noch, wie die Klinge immer wieder wie ein wütendes Tier in sein Fleisch biss. Wie durch einen blutigen Nebel sah er Bewegungen, doch sie waren verschwommen und unscharf.

Das Einzige, was er noch deutlich spürte, war das Blut, das aus mehreren tiefen Wunden aus seinem Körper rann und sein Leben Tropfen für Tropfen mit sich nahm. Doch ehe er verblutete, fand die lange Klinge des Küchenmessers sein Herz und durchbohrte es.

Von einem Augenblick zum anderen war der Schmerz spurlos verschwunden. In ihm machte sich eine Leichtigkeit breit, die in so großem Gegensatz zu dem Zustand der Agonie stand, in dem er sich bis dahin befunden hatte, dass er beinahe laut gelacht hätte. Doch sein Körper starb und war zu derartigen Dingen natürlich nicht mehr in der Lage.

Heike, Sarah, Niklas!

Die Namen seiner Frau und seiner Kinder blitzten in seinem sterbenden Verstand auf und erloschen sofort wieder wie Sternschnuppen, bevor der Tod seinen schwarzen Umhang über ihn breitete. Im Hintergrund begann jemand – Paul Potts oder er selbst – leise Nessun dorma zu singen, verstummte jedoch schon allzu bald wieder.

Dilegua, o notte …

(Die Nacht entweiche …)

Denn das Gegenteil geschah. Die Nacht entwich nicht, sondern kam. Die ewige Nacht!

ZWEI

Hört, ihr Leut, und lasst euch sagen: unsre Glock hat zwei geschlagen! Zwei Weg hat der Mensch vor sich. Herr, den rechten führe mich. Menschenwachen kann nichts nützen, Gott wird wachen, Gott wird schützen. Herr, durch deine Güt’ und Macht, schenk uns eine gute Nacht!

Kriminalhauptkommissar Franz Schäringer von der Kriminalpolizei Fürstenfeldbruck stellte sich vor, wie ein mittelalterlicher Nachtwächter, bekleidet mit einem langen, schwarzen Mantel und einem schwarzen Hut, ein Horn um den Hals und eine Hellebarde sowie eine Laterne in der Hand, durch die Straße marschierte, durch die sie gerade fuhren, und laut die zur gegenwärtigen Uhrzeit passende Strophe des alten Nachtwächterlieds sang.

»Schläfst du?«

Schäringer wandte den Kopf und sah zu Kriminalkommissar Lutz Baum, der den Dienstwagen um zwei Uhr nachts durch die menschenleeren Straßen lenkte.

»Nein. War nur in Gedanken.«

Baum sah sogar noch müder aus, als Schäringer sich fühlte. Das lag vermutlich nicht nur an der Uhrzeit, zu der sie beide normalerweise längst im Bett lagen, sondern auch daran, dass sie vorher nicht im Büro gewesen waren und Baum deshalb auch noch keinen Automatenkaffee bekommen hatte, der ihm als einzigen Menschen, den Schäringer kannte, so gut schmeckte, dass er jeden Tag erschreckend große Mengen davon trinken konnte. Mengen, die jedem anderen Sterblichen nach Schäringers Überzeugung mindestens ein Magengeschwür, wenn nicht sogar einen baldigen, schrecklichen Tod beschert hätten. Baum schien der Kaffee hingegen nicht nur zu schmecken, sondern sogar zu bekommen, denn er siechte nicht allmählich dahin, sondern wurde vor allem an Bauch und Hüften stetig etwas rundlicher und im Gesicht immer voller. Doch das lag vermutlich eher an den reichhaltigen Mahlzeiten und den Süßigkeiten, die er darüber hinaus ständig zwischendurch konsumierte.

Normalerweise sah Baum nur in der Früh so verschlafen aus der Wäsche, wenn er es gerade noch rechtzeitig ins Büro geschafft hatte, denn er kam nur schlecht aus den Federn, oder wenn man ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf riss. Heute Nacht hatten sie beide allerdings noch gar keine Gelegenheit gehabt, sich schlafen zu legen, da sie am späten Abend lange nach Einbruch der Dunkelheit zum ausgebrannten Wrack eines BMW gerufen worden waren, den ein 15-Jähriger unter einem Ahornbaum gefunden hatte. Der Baum wäre beinahe ebenfalls ein Raub der Flammen geworden und komplett abgebrannt, wenn die herbeigerufene Feuerwehr den Brand nicht gelöscht hätte. Für die Fahrerin war allerdings jede Hilfe zu spät gekommen. Sie war im Innern des Fahrzeugs nahezu bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Schäringer erinnerte sich mit einem Schaudern an die gespenstische Szenerie, die sie vor einer halben Stunde verlassen hatten, nachdem auch die Leiche abtransportiert worden war.

Obwohl der abgeschiedene Ort, an den sich vermutlich noch nie so viele Menschen auf einmal verirrt hatten, vor Leuten geradezu wimmelte, war es dennoch geradezu unnatürlich still. Während die Feuerwehrleute im Licht des aufgestellten Beleuchtungsmastes ihre Geräte einpackten und uniformierte Polizisten darauf achteten, dass nur autorisiertes Personal hinter die Polizeiabsperrung trat, untersuchten an Gespenster erinnernde, weiß gekleidete Beamte der Spurensicherung den Boden innerhalb der Absperrung und das abkühlende Fahrzeugwrack und der Gerichtsmediziner die Leiche. All das geschah allerdings in geisterhafter Lautlosigkeit, da kaum jemand sprach, und wenn doch, dann allenfalls im Flüsterton. Das einzig laute Geräusch stammte vom Generator der Feuerwehr, der den Lichtmast mit Strom versorgte.

Baum und Schäringer hatten den jungen Mann, der mit seinem Motorroller auf dem Heimweg gewesen war, als er den brennenden Wagen entdeckt hatte, kurz befragt und dann in die Obhut seiner besorgten Mutter entlassen, die jemand kurz zuvor informiert hatte. Nachdem der Junge durch die Flammen einen kurzen Blick auf die Leiche erhascht hatte, war es ihm zwar noch gelungen, die Polizei anzurufen, aber seitdem war mit ihm verständlicherweise nicht mehr viel anzufangen. Er war mit seinen Nerven am Ende und würgte immer wieder, obwohl er längst nichts mehr im Magen hatte, das er von sich geben konnte. Vermutlich würde er sich zeitlebens an den furchtbaren Anblick erinnern, auch wenn er gnädigerweise keine Einzelheiten mehr wusste. Und auch sonst hatte er ihnen leider wenig sagen können, was Licht auf die Angelegenheit hätte werfen können. Allerdings war er davon überzeugt, dass er ganz kurz ein anderes Auto gesehen hatte, das sich ohne Licht entfernt hatte, bevor er den Ort erreichte. Mehr hatte er wegen der Dunkelheit jedoch nicht erkennen können.

Es war also nicht viel, was sie bislang erfahren hatten, reichte aber, die beiden Kriminalbeamten davon zu überzeugen, dass die Hintergründe dieses Fundes vermutlich komplizierter waren, als es auf den ersten Blick aussah. Entgegen der landläufigen Meinung waren Baum und Schäringer nicht nur für Mord zuständig, sondern mussten in allen Fällen Todesermittlungen durchführen, in denen die Todesursache zunächst unklar war. Das war auch hier der Fall, denn solange der Leichnam im gerichtsmedizinischen Institut nicht eingehend untersucht worden war, blieb die genaue Todesursache ein Geheimnis. Aufgrund des schlechten Zustands des verbrannten Körpers war es dem Gerichtsmediziner Dr. Dieter Mangold nicht einmal möglich gewesen, vor Ort eine vorläufige Feststellung zu treffen. Daher war momentan noch alles offen, und es kamen sowohl ein Suizid als auch ein Unfall, aber natürlich auch ein Tötungsdelikt in Betracht.

Während die beiden Kriminalpolizisten beobachteten, wie die Kollegen von der Spurensicherung etwaige Beweise sicherten, die ihnen womöglich bei ihren Ermittlungen weiterhalfen, dachte Schäringer über die möglichen Szenarien nach, die dazu geführt haben könnten, dass der schwarze BMW gegen den Baum gerast war und anschließend Feuer gefangen hatte.

Erste Möglichkeit: Unfall.

Die Fahrerin – Dr. Mangold hatte zumindest die begründete Vermutung geäußert, dass es sich um den Leichnam einer Frau handelte – war zu schnell über den schmalen Kiesweg gefahren, hatte die Kontrolle über ihr Fahrzeug verloren und war gegen den Baum geprallt. Entweder war sie bereits durch den Aufprall getötet oder so schwer verletzt worden, dass sie das Bewusstsein verloren hatte und nicht mehr in der Lage gewesen war, den Wagen zu verlassen, als sich auslaufendes Benzin entzündete und das Auto in Brand setzte. Wie Christian Krautmann, der Leiter der Abteilung Spurensicherung und -auswertung, Schäringer mitgeteilt hatte, war die Frau während des Unfalls angeschnallt gewesen. Verletzungen, die sie beim Unfall davongetragen hatte, würde der Gerichtsmediziner natürlich bei einer genaueren Untersuchung des Leichnams feststellen. Außerdem würde eine Untersuchung des Fahrzeugwracks ergeben, wie und warum das Feuer ausgebrochen war. Doch wie passte das zweite Fahrzeug, das sich ohne Licht entfernt hatte, in dieses Szenario? War die Frau von jemandem verfolgt worden und deshalb zu schnell gefahren? Oder hatten sich die Fahrer ein Rennen geliefert, das tragisch endete? Aber auf einem schmalen, schlecht zu befahrenden Feldweg machte das wenig Sinn.

Zweite Möglichkeit: Suizid.

Die Fahrerin war mit voller Absicht gegen den Baum gefahren, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Aber wieso ausgerechnet an diesem verlassenen Ort? Wollte sie damit nur sicherstellen, dass niemand schnell genug zur Stelle war, um das Feuer zu löschen und sie zu retten? Obwohl Schäringer aufgrund der äußeren Umstände vor Ort diese Möglichkeit ebenfalls für wenig überzeugend hielt, gab es gleichwohl auch Begleitumstände, die für eine Selbsttötung sprachen.

Im Laufe des Tages hatte es nämlich zwei tragische Unfälle gegeben, die man zunächst für bedauerliche Einzelfälle gehalten hatte, die nach dem Fund des ausgebrannten BMW aber unter einem neuen Blickwinkel betrachtet werden mussten, denn in beiden Fällen hatte vermutlich ebenfalls ein schwarzes Auto eine Rolle gespielt.

Im ersten Fall war die 67-jährige Betreiberin eines Gästehauses am Vormittag auf offener Straße überfahren worden. Und nach der überwiegenden Zahl der Augenzeugenberichte hatte es sich bei dem Unfallwagen um einen schwarzen BMW gehandelt, obwohl einzelne Zeugen sowohl eine andere Fahrzeugmarke als auch eine andere Farbe genannt hatten. Das menschliche Erinnerungsvermögen war, wie Schäringer nur zu gut wusste, trügerisch und nicht immer verlässlich, doch er vertraute darauf, dass sich die Mehrheit nicht irrte. Wie sich der Unfall zugetragen hatte, war hingegen weniger klar, denn keiner der Zeugen hatte gesehen, wie die alte Frau die Straße betreten hatte. Erst als sie das Aufheulen eines Motors gehört hatten, waren sie aufmerksam geworden und hatten mitansehen müssen, wie das Unfallopfer über den Wagen geschleudert wurde und leblos auf der Straße landete. Ein Zeuge hatte allerdings ausgesagt, er hätte den schwarzen BMW zuvor mit laufendem Motor am Straßenrand stehen sehen, als würde er auf jemanden oder etwas warten.

Beim zweiten Vorfall war eine 24-jährige Autofahrerin von der Straße abgekommen, die Böschung hinuntergerast und in einem Feldweg gelandet, wo sich der Wagen mehrmals überschlagen hatte. Zunächst war man von einem Unfall ohne Fremdbeteiligung ausgegangen. Dann hatte man jedoch an der Fahrerseite schwarze Lackspuren gefunden, die von einem anderen Fahrzeug stammen mussten. Der Lack musste noch kriminaltechnisch untersucht werden, um bestimmen zu können, von welcher Fahrzeugmarke er stammte, doch Schäringer würde sich nicht wundern, wenn herauskam, dass auch hier ein schwarzer BMW beteiligt gewesen war. Und möglicherweise würde sich dieser Verdacht bereits bestätigen, wenn an dem ausgebrannten Wagen Lackspuren des roten Kleinwagens nachgewiesen werden konnten.

Doch wie passten diese Vorfälle in das Suizidszenario? Hatte die Fahrerin, nachdem sie an einem einzigen Tag zwei furchtbare Unfälle verursacht hatte, so große Gewissensbisse bekommen, dass sie unter der Last ihrer Schuld nicht mehr weiterleben konnte?

Möglich wäre es.

Schäringer zuckte zweifelnd mit den Schultern, denn er konnte sich bessere Möglichkeiten vorstellen, sich das Leben zu nehmen, als mit dem Auto angeschnallt gegen einen Baum zu rasen. Schließlich konnte man nicht sicher sein, dass man dabei tatsächlich starb. Möglicherweise überlebte man und war für den Rest seines Lebens schwerstbehindert. Oder man überstand zwar den Unfall, starb dann aber qualvoll in den Flammen. Allerdings gingen Autos in der Wirklichkeit nicht so schnell in Flammen auf, wie Film und Fernsehen das den Zuschauern suggerierten.

Also war noch alles offen. Es bestand daher immer noch die Möglichkeit, dass es sich weder um einen Unfall noch um einen Selbstmord, sondern um ein Tötungsdelikt handelte.

Dritte Möglichkeit daher: Mord.

Schäringer sah sich aufmerksam um, während er darüber nachdachte, wie die Sache in dem Fall abgelaufen sein könnte. Zumindest die Abgelegenheit und Verlassenheit des Ortes sprach für diese Alternative, denn eine bessere Stelle, einen Mord zu begehen und dabei ungesehen und ungestört zu bleiben, gab es in einem dicht besiedelten Land wie diesem kaum. Schäringer spielte das Szenario durch: Der oder die Täter hatten die Fahrerin getötet, den BMW hierher und dann gegen den Baum gefahren, die Leiche hinters Steuer gesetzt und angeschnallt, das Auto sodann mit Benzin übergossen und angezündet und waren schließlich mit einem anderen Fahrzeug weggefahren, als der 15-Jährige überraschend auf seinem Roller aufgetaucht war. Doch aus welchem Grund waren die Frau getötet und der Wagen angezündet worden? Und wie passten die beiden anderen Vorfälle in dieses Szenario?

Schäringer seufzte, denn noch ergaben die Geschehnisse dieses Tages kein eindeutiges, einheitliches Bild und schienen bis auf die Beteiligung eines schwarzen Fahrzeugs nichts miteinander zu tun zu haben. War also alles nur ein merkwürdiger Zufall? War es möglich, dass an einem Tag drei völlig verschiedene schwarze Autos absolut unabhängig voneinander in drei schreckliche Vorfälle verwickelt sein konnten?

Nichts ist unmöglich!, kam ihm der Werbespruch einer Automarke in den Sinn, während er zusah, wie der Transportsarg mit den sterblichen Überresten der Frau in den Leichenwagen geschoben wurde. Doch nach all den Jahren bei der Kripo fiel es ihm immer schwerer, an derartige Zufälle zu glauben. Sein Bauchgefühl sagte ihm vielmehr, dass es einen Zusammenhang geben musste, auch wenn sie bislang nur eine Unmenge einzelner Puzzleteile sahen und keine Ahnung hatten, wie und ob sie überhaupt zusammenpassten. Erst die nachfolgenden Untersuchungen der gefundenen Beweise, des Fahrzeugs und der Leiche würden weitere, bislang verborgene Aspekte des Falls zum Vorschein bringen, die dann hoffentlich mehr Licht in den Fall bringen und alle offenen Fragen beantworten würden. Bis dahin musste er sich allerdings in Geduld üben.

Wenigstens mussten sie solange nicht untätig bleiben und Däumchen drehen, sondern konnten mit den Informationen arbeiten, die der Gerichtsmediziner und die Spurensicherung bereits in Erfahrung gebracht hatten. So wussten sie nicht nur, dass der Leichnam einer Frau gehörte, sondern hatten auch herausgefunden, dass es sich bei dem Wagen um einen carbonschwarzen BMW 740i handelte, der auf eine Christiane Kauffmann zugelassen war. Schäringer war niemand, der gern und oft wettete, doch in diesem Fall wäre er ausnahmsweise jede Wette eingegangen, dass es sich bei dem verbrannten Leichnam um die Fahrzeughalterin handelte.

Als der Fahrer des Abschleppwagens damit begann, das noch immer schwelende Fahrzeugwrack vom Baumstamm zu trennen, um es aufzuladen, wandte sich Schäringer ab. »Lass uns zum Haus von Frau Kauffmann fahren, Lutz. Mal sehen, ob jemand zu Hause ist, der uns ein paar Fragen beantworten kann.«

Und genau dorthin waren sie nun unterwegs.

Schäringer beobachtete noch immer seinen jüngeren Kollegen, einen mittelgroßen 38-Jährigen, dem man in dieser Nacht ausnahmsweise jedes einzelne seiner Lebensjahre ansah und dessen gelocktes Haar von einer Farbe, die Schäringer normalerweise an Karotten erinnerte, ebenso müde, matt und glanzlos war wie seine grünen Augen. Baum trug wie immer teure Markenkleidung. Neben der obligatorischen Jacke aus besonders weichem, schwarzem Lammleder von Just Cavalli, von der er sich nicht einmal trennen konnte, wenn er im Büro hinter seinem Schreibtisch saß, hatte er eine anthrazitfarbene Schurwollhose von Ermenegildo Zegna, ein schwarzes Hemd von Tommy Hilfiger und dunkelbraune Desert Boots von Floris van Bommel an.

»Warum guckst du mich die ganze Zeit so komisch an?« Baum hob die Hand zum Mund, weil er gähnen musste.

Schäringer wandte rasch den Kopf und sah durch die Windschutzscheibe auf die Straße, um sicherzugehen, dass weder ein Hindernis noch eine scharfe Kurve vor dem Wagen auftauchte, während Baum die Augen geschlossen hatte. Doch die Strecke war zum Glück schnurgerade und frei. Wäre ja auch zu dumm gewesen, wenn sie nach all den gestrigen Vorfällen jetzt auch noch mit dem Auto verunglückt wären.

»Ich hab über den Fall nachgedacht.« Schäringer überlegte, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn ausnahmsweise er sich ans Steuer gesetzt hätte. Er war zwar ebenfalls müde und hätte nichts dagegen gehabt, wenn er endlich nach Hause und ins Bett gekommen wäre, doch er hatte allem Anschein nach weniger mit der Müdigkeit zu kämpfen als sein Kollege, obwohl er 19 Jahre älter als Baum war.

Schäringer maß ein Meter neunzig, war schlank und hatte dichtes, kurzgeschnittenes Haar von aschblonder Farbe mit ein wenig Grau dazwischen, das jedoch kaum auffiel. Er trug passenderweise einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und eine Krawatte mit Querstreifen in verschiedenen Grautönen, als hätte er gestern früh beim Anziehen bereits gewusst, dass er zur Anschrift einer Toten fahren musste, um möglicherweise einem Angehörigen die traurige Nachricht vom Tod eines lieben Menschen zu überbringen, was allerdings nicht der Fall gewesen war. Außerdem verschwendete der Kriminalhauptkommissar im Gegensatz zu Baum wenig Gedanken an seine Kleidung und hatte nach dem Frühstück einfach einen seiner Anzüge aus dem Schrank genommen, von denen er mehrere in unterschiedlichen Farben besaß.

»Soll ich fahren?«, fragte Schäringer.

Baum schüttelte den Kopf. »Nicht nötig, ich schaff das schon.« Er rieb sich mit den Fingern die Tränen zuerst aus dem linken, dann aus dem rechten Auge. Anschließend zwinkerte er mehrmals und riss seine Augen ganz weit auf, als hätte er Angst, sie könnten ihm ansonsten zufallen. »Hast du etwa Angst, dass ich einschlafe?«

»So, wie du mit der Müdigkeit zu kämpfen hast? Wer hätte da keine Angst?«

»Ich schlaf schon nicht ein. Hab nur die Nacht zuvor schon zu wenig Schlaf gekriegt.«

»Und warum, wenn ich fragen darf? Hast du etwa schon wieder eine neue Freundin?«

Baum lachte. »Stimmt. Bei deinem Scharfsinn solltest du Kriminalist werden, Franz.«

»Gute Idee. Aber wieso schaffst du es eigentlich nie, ausnahmsweise ein bisschen länger mit einer Frau zusammenzubleiben.«

»Das liegt wahrscheinlich daran, dass es so viele von ihnen gibt. Ich kann mich einfach nicht für eine Frau entscheiden. Aber eigentlich bist du der Letzte, der mir Tipps in Beziehungsfragen geben sollte, Franz. Schließlich lebst du jetzt schon seit deiner Scheidung vor fünf Jahren allein. Wird Zeit, dass du dir auch mal wieder eine Partnerin suchst. Dann musst du deine neugierige Nase auch nicht ständig in mein Liebesleben stecken. Soll ich mal für dich auf die Suche gehen?«

»Gott bewahre!« Schäringer winkte ab. »Außerdem – wozu brauche ich eine Frau, wenn ich doch dich habe.«

Baum sagte nichts darauf, sondern gähnte erneut.

»Und außerdem kriege ich so im Gegensatz zu dir in der Nacht wenigstens genügend Schlaf.«

Baum seufzte. »Ich hatte ja gehofft, ich könnte den fehlenden Schlaf heute nachholen. Aber Pustekuchen. Wieso müssen die Leute immer dann den Löffel abgeben, wenn es uns am wenigsten passt?«

»Manchmal können sie es sich eben nicht aussuchen. Außer, sie bringen sich selbst um. Aber selbst dann, glaube ich, verschwenden die meisten nicht allzu viele Gedanken daran, ob sie anderen dadurch Umstände oder zusätzliche Arbeit bereiten.«

»Glaubst du, die Fahrerin des BMW hat das getan?«

»Du meinst, sich selbst getötet?«

»Ja.«

Schäringer zuckte mit den Schultern. »Die Frage habe ich mir auch schon gestellt, als ich über den Fall nachdachte. Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Warten wir einfach die Obduktionsergebnisse ab, dann sind wir hoffentlich schlauer.«

»Ich wollte nicht wissen, was du weißt, sondern was du glaubst. Was sagt denn dein berühmtes Bauchgefühl dazu. In der Regel ist darauf doch Verlass.«

Schäringer seufzte. »Mein Bauchgefühl sagt mir, dass mehr hinter dieser Geschichte steckt, als auf den ersten Blick offensichtlich ist. Deshalb glaube ich auch nicht, dass es Selbstmord war.«

»Dann sind wir ja ausnahmsweise mal einer Meinung. Ich denke nämlich auch nicht, dass die gute Frau mit voller Absicht gegen den Baum knallte und sich dann grillen ließ.«

Schäringer schüttelte den Kopf. »Du solltest mehr Respekt vor den Todesopfern haben, mit denen wir es zu tun haben, Lutz.«

»Nur weil ich mich manchmal etwas flapsig ausdrücke, heißt das nicht, dass ich die Toten nicht respektiere.«

»Dann bin ich ja beruhigt.«

Baum bog ab. »Das ist die Straße. Wir müssten also gleich da sein.«

Sie hielten Ausschau nach der richtigen Hausnummer. Zu beiden Seiten der Straße befanden sich weitläufige Grundstücke, die in den meisten Fällen hinter Mauern oder hohen Hecken verborgen waren, sodass von den großzügigen Einfamilienhäusern von der Straße aus nur wenig zu sehen war.

»Sieht so aus, als hätten die Leute, die in dieser Gegend wohnen, keine finanziellen Probleme«, vermutete Baum.

»Oder sie wollen zumindest den Eindruck erwecken, es wäre so. Da ist es!« Schäringer wies auf eine Grundstückseinfahrt, die von einem hohen Gittertor versperrt wurde. »Fahr bis vors Tor und halt an. Du kannst im Wagen warten, während ich läute. Mal sehen, ob uns jemand das Tor öffnet. Aber schlaf bloß nicht ein.«

»Sehr witzig!« Baum stoppte ihren Dienstwagen einen Meter vor dem Tor. »Und was machen wir, wenn niemand da ist? Schließlich wissen wir gar nicht, ob die Frau überhaupt verheiratet war.«

»Wenn keiner auf das Klingeln reagiert, können wir nach Hause fahren und uns schlafen legen. Dann besorgen wir uns morgen früh einen Durchsuchungsbeschluss und kommen mit dem Schlüsseldienst zurück.«

Baum schloss kurz die Augen, als würde er darum beten, dass niemand zu Hause war. Allerdings wusste Schäringer, dass sein Kollege nicht besonders gläubig war und deshalb auch nicht betete. Er stieg aus, ohne den jüngeren Mann noch einmal zu ermahnen, bloß nicht einzuschlafen, und ging um die Motorhaube herum zur linken Seite des Tors, wo er die Klingel vermutete. Er fand ein Messingschild von dezenter Größe, auf dem lediglich der Name Kauffmann stand. Neben der Hausnummer, die aus großen Ziffern aus Edelstahl bestand und sich weiter oben an dem Pfeiler aus Natursteinen befand, ein weiterer Beweis, dass sie hier richtig waren.

Schäringer begrub den Klingelknopf neben dem Namen für die Dauer von mehreren Sekunden unter seinem Daumen. Anschließend hob er den Kopf und sah in die Kamera, die auf der Spitze des Pfeilers befestigt und auf den Bereich vor dem Tor gerichtet war. Er stellte sich darauf ein, länger warten und notfalls noch einmal klingeln zu müssen. Selbst wenn tatsächlich jemand zu Hause war, hatte derjenige um diese Uhrzeit bestimmt geschlafen und war vermutlich erst durch Schäringers langes Klingeln geweckt worden. Doch zu seiner Überraschung hörte er bereits nach weniger als dreißig Sekunden eine Stimme aus den Schlitzen neben dem Klingelknopf kommen.

»Ja?«

Die Stimme war so verzerrt, dass sich unmöglich sagen ließ, ob sie einem Mann oder einer Frau gehörte. Schäringer konnte daher nur raten. »Herr Kauffmann?«

»Ja. Und wer sind Sie?«

»Schäringer, Kriminalpolizei.« Er holte seinen Dienstausweis aus der Innentasche seines Jacketts und hielt ihn in die Kamera. »Entschuldigen Sie die späte Störung, Herr Kauffmann.«

»Das ging aber schnell.«

»Wie bitte?« Schäringer runzelte die Stirn. Hatte der Mann sie etwa erwartet? Wenn ja, wieso?

»Ich öffne Ihnen das Tor. Fahren Sie bis vors Haus. Dort warte ich auf Sie.«

Es knackte in der Sprechanlage, bevor sie verstummte.

Schäringer wandte sich ab und stieg wieder in den Wagen.

»Und? Da ich dich sprechen gehört habe und weiß, dass du trotz deines fortgeschrittenen Alters noch nicht dazu neigst, Selbstgespräche zu führen, gehe ich davon aus, dass jemand da ist und mein Bett noch ein bisschen länger auf mich warten muss.«

»Bingo! Bei deinem Scharfsinn solltest du Kriminalist werden, Lutz.«

Das Gittertor vor ihnen bewegte sich und rollte in seiner Stahlschiene zur Seite.

»Fahr bis zum Haus. Dort erwartet Herr Kauffmann uns bereits.«

»Ist das der Ehemann?« Baum startete den Wagen und fuhr los, nachdem das Tor vollständig zur Seite gewichen war.

»Vermutlich. Sieht ganz so aus, als hätte er gewusst, dass wir kommen.«

Baum warf ihm einen kurzen Blick zu, als wollte er sich versichern, dass sein Kollege keine Scherze mit ihm trieb. »Ohne Scheiß?«

Schäringer nickte. »Nachdem ich mich vorgestellt hatte, sagte er: ›Das ging aber schnell.‹«

»Vielleicht hat er seine Frau umgebracht, ihren Wagen gegen den Baum gefahren, sie hinters Steuer gesetzt und das Auto dann angezündet«, sagte Baum und entwickelte damit ein Szenario, das sich auch Schäringer schon als mögliche Alternative überlegt hatte. »Doch als er wieder zu Hause war, packte ihn die Reue. Deshalb ist er froh, dass wir kommen, und legt sofort ein umfassendes Geständnis ab. Fall erledigt, und alle sind zufrieden. Außer die tote Ehefrau vielleicht. Und wir können endlich Feierabend machen und uns verdientermaßen zur Ruhe legen.«

»Und was ist mit den anderen Fällen von gestern, bei denen ein schwarzes Fahrzeug beteiligt gewesen sein soll? Wie passen diese Vorfälle in dein Szenario?«

»Gar nicht, weil es nämlich gar keinen Zusammenhang gibt. In den anderen Fällen kann nämlich auch ein ganz anderes schwarzes Auto beteiligt gewesen sein.«

»Vielleicht«, stimmte Schäringer halbherzig zu, als Baum ihren Wagen auf der gepflasterten Einfahrt vor der geschlossenen Doppelgarage zum Stehen brachte.

Kauffmann stand in der offenen Tür und sah ihnen erwartungsvoll entgegen, als Schäringer und Baum sich dem Haus näherten.

»Franz Schäringer, Kriminalpolizei Fürstenfeldbruck«, stellte sich der Kriminalhauptkommissar noch einmal vor und präsentierte seinen Dienstausweis.

Kauffmann machte sich jedoch gar nicht die Mühe, einen Blick darauf zu werfen. »Schön, dass Sie kommen konnten, Herr Schäringer«, sagte er, als hätte er sie herbestellt, und streckte dem Kriminalhauptkommissar seine Rechte entgegen. »Ich bin Friedrich Kauffmann.«

Sie schüttelten sich die Hände. Dann wies Schäringer auf Baum. »Das ist mein Kollege Lutz Baum.«

Kauffmann gab auch diesem die Hand.

»Wir kommen wegen Ihrer Frau«, sagte Schäringer.

»Das weiß ich doch!« Kauffmann sah nicht so aus, als wäre er schon im Bett gewesen, denn er trug eine schwarze Jeans, ein rotes Polohemd und braune Lederhausschuhe. »Kommen Sie herein.« Er bedeutete den beiden Polizisten, ihm zu folgen, wandte sich ab und ging voraus.

Schäringer ließ Baum den Vortritt. Dann betrat er das Haus und schloss die Tür hinter sich. Von einem kleinen Vorraum mit der Garderobe unmittelbar hinter der Tür ging es durch eine Glastür ins nächste Zimmer, das nahezu den ganzen Rest des Erdgeschosses einnahm und Wohnzimmer, Esszimmer und Küche in einem war. Die einzelnen Teile wurden nur optisch durch andere Einrichtungsstile und vereinzelte Deckenpfeiler voneinander getrennt. Lediglich die Toilette war in einem eigenen kleinen Raum untergebracht. Die Einrichtung machte auf den Kriminalbeamten einen kostspieligen Eindruck, teilweise handelte es sich auch um Antiquitäten. Außerdem gab es zahlreiche Kunstgegenstände. Neben mehreren großformatigen Gemälden an den Wänden diverse Heiligenfiguren aus Holz in den unterschiedlichsten Größen. Schäringer fiel auf, dass es sich allesamt um weibliche Heilige handelte. Da er nicht nur eine katholische Erziehung genossen hatte, sondern auch viele Jahre lang Messdiener gewesen war, erkannte er einige der Figuren anhand der Gegenstände, die sie in Händen hielten. Unter anderem die Heilige Cäcilia, die Patronin der Kirchenmusik und Organisten, die eine kleine Orgel trug. Die Heilige Apollonia, die eine Zange mit einem gezogenen Zahn bei sich hatte und als Patronin der Zahnärzte galt. Und die Heilige Barbara, die einen Turm mit drei Fenstern in den Händen hatte. Sie zählte zu den vierzehn Nothelfern und wurde gegen Gewitter, Feuer, die Pest, Fieber und generell gegen einen plötzlichen und unerwarteten Tod angerufen, weshalb sie die Schutzpatronin gleich mehrerer gefahrgeneigter Berufe war. Allerdings hatte auch sie der verstorbenen Christiane Kauffmann nicht helfen können, als diese plötzlich und unerwartet gestorben war.

Kauffmann führte sie in den Wohnbereich und zu einer Sitzgruppe aus dunkelbraunem Leder. »Nehmen Sie bitte Platz, meine Herren.«

Sie setzten sich. Baum holte ein in schwarzes Leder gebundenes Notizbuch heraus, auf dem sich sein Monogramm befand. Er schlug es auf, nahm den Kugelschreiber und wartete, dass einer der beiden anderen Männer das Gespräch eröffnete.

Kauffmann sah nicht so aus, als würde er es tun wollen, denn er sah Schäringer erwartungsvoll an. Er musste Anfang bis Mitte fünfzig sein, war ungefähr eins fünfundsiebzig groß und übergewichtig. Er hatte ein rundes Gesicht mit fleischigen, roten Backen, warmherzige braune Hundeaugen und hellbraunes, sehr kurz geschnittenes Haar, das sich in der Mitte seines Schädels schon deutlich lichtete.

»Sie sagten vorhin: ›Das ging aber schnell.‹«, begann Schäringer die Befragung. »Bedeutet das, dass Sie mit unserem Kommen gerechnet haben?«

Kauffmann nickte. »Selbstverständlich.«

»Und woher wussten Sie, dass wir kommen?«

Kauffmann seufzte, als wäre Schäringer besonders begriffsstutzig. »Na, wegen der Vermisstenanzeige.«

»Vermisstenanzeige?«, wiederholte Schäringer und hob die Augenbrauen.

»Sagen Sie bloß, Sie wissen gar nichts davon.«

»So ist es. Erzählen Sie uns doch davon.«

Kauffmann sah verwirrt aus und schüttelte den Kopf. »Ich war doch gestern Nachmittag bei der Polizei und wollte eine Vermisstenanzeige aufgeben.«

»Weswegen?«

»Na, weil meine Frau verschwunden ist. Gestern früh war noch alles in Ordnung. Wir frühstückten gemeinsam, wie wir das seit fast dreißig Jahren jeden Tag tun. Dann ging sie aus dem Haus, um ins Büro zu fahren.«

»Wo arbeitet Ihre Frau?«

»Sie ist Unternehmerin und hat ein eigenes Busunternehmen. Ich bin Zahnarzt und musste erst später los, weil die Praxis am Freitag erst um neun öffnet. Ich räumte den Frühstückstisch ab und ging dann ins Bad. Eine halbe Stunde später bekam ich einen Anruf von Frau Brand. Das ist Christianes Sekretärin. Sie fragte, ob meine Frau heute später kommen würde oder krank sei. Ich sagte, Christiane sei schon weggefahren und müsste eigentlich längst dort sein. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt natürlich noch keinen Grund, beunruhigt zu sein. Vielleicht musste sie ja noch etwas besorgen und hatte nur vergessen, ihrer Sekretärin und mir davon zu erzählen. Frau Brand meinte, dass meine Frau dann wohl jede Sekunde eintreffen würde, und wir beendeten das Gespräch. Ich machte mir keine Gedanken und fuhr in die Praxis. Doch eine Stunde später rief mich die Sekretärin erneut an. Sie machte sich Sorgen, weil Christiane noch immer nicht aufgetaucht war. Jetzt begann ich mir ebenfalls Sorgen zu machen. Ich sagte Frau Brand, sie solle mich informieren, sobald meine Frau auftauchte. Dann wählte ich die Nummer von Christianes Handy, erreichte sie aber nicht. Anschließend rief ich ihre beste Freundin Sandra Sterzinger an, mit der sie sich manchmal zu einem zweiten Frühstück oder zum Mittagessen verabredet. Doch Sandra hatte sie nicht getroffen und seit Tagen nicht gesehen. Ich wusste nicht mehr, wen ich sonst noch anrufen sollte. Am liebsten hätte ich bei allen Krankenhäusern in der Umgebung nachgefragt, ob jemand eingeliefert wurde, der meine Frau sein könnte, hielt das zu diesem frühen Zeitpunkt aber für übertrieben. Ich konnte mich allerdings kaum auf meine Arbeit konzentrieren und sagte daher alle Termine für den Nachmittag ab. Um zwei rief ich dann Frau Brand an, doch Christiane war noch immer nicht aufgetaucht. Also fuhr ich zur Polizei, um eine Vermisstenanzeige aufzugeben.« Er seufzte tief und schüttelte den Kopf. »Der Beamte weigerte sich jedoch, die Anzeige aufzunehmen und eine Vermissten-Fahndung, wie er es nannte, einzuleiten. Schließlich sei meine Frau erwachsen und im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte. Sie habe daher das Recht, ihren Aufenthaltsort frei zu wählen, ohne dass sie diesen ihren Angehörigen und Freunden mitteilen müsse. Es sei nämlich nicht Aufgabe der Polizei, bei erwachsenen Personen Aufenthaltsermittlungen durchzuführen, solange nicht von einer Gefahr für Leib oder Leben, beispielsweise durch eine Straftat, einen Unfall, Hilflosigkeit oder eine Selbsttötungsabsicht, ausgegangen werden muss.« Kauffmann schüttelte erneut den Kopf. »Aber wieso sollte Christiane sonst verschwunden sein?« Er sah Schäringer fragend an, als wüsste der die Antwort, doch dieser zuckte nur mit den Schultern. »Als Sie dann vor dem Tor standen und sagten, Sie seien von der Kriminalpolizei, nahm ich an, die Polizei würde die Sache endlich ernst nehmen. Doch wie es scheint, habe ich mich wohl getäuscht.« Kauffmann runzelte die Stirn und dachte nach. »Von welcher Abteilung der Kripo sind Sie eigentlich, Herr Kommissar?«, fragte er dann mit leiser Stimme.

»Kommissariat für Todesermittlungen und vorsätzliche Tötungsdelikte.«

Kauffmann, der das schon geahnt haben musste, erbleichte schlagartig, als wäre sämtliches Blut aus seinem Kopf in seine unteren Körperregionen geflossen. Die Muskeln in seinem Gesicht erschlafften, sodass sogar die fleischigen Backen der Schwerkraft nachgaben und ein Stück nach unten sackten. Von einer Sekunde zur anderen sah er um Jahre gealtert, unsagbar müde und todtraurig aus. »Dann ist Christiane also tot.« Es war keine Frage.

Schäringer nickte. »Es tut mir wirklich leid, Herr Kauffmann, dass ich keine besseren Nachrichten für Sie habe.«

Kauffmann schüttelte den Kopf. »Sie können ja auch nichts dafür, Herr Kommissar. Außerdem ahnte ich bereits, dass ihr etwas zugestoßen sein musste. Was ist passiert? Sie sagten, Sie sind für vorsätzliche Tötungsdelikte zuständig. Heißt das, dass meine Frau ermordet wurde?«

»Das wissen wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht. Die Todesursache ist momentan noch unklar, deshalb führen wir bislang nur Todesermittlungen durch. Aber sobald Ihre Frau im Laufe des Tages rechtsmedizinisch untersucht wurde, wissen wir hoffentlich mehr.« Schäringer erzählte Kauffmann, wo und unter welchen Umständen seine Frau gefunden worden war.

»In ihrem Auto verbrannt!«, flüsterte der Mann wie ein gespenstisches Echo, nachdem Schäringer seinen Bericht beendet hatte.

Schäringer nickte. »Außerdem gab es gestern noch zwei weitere Vorfälle, in die ein schwarzes Fahrzeug wie das Ihrer Frau verwickelt war.«

»Welche Vorfälle?«

»In der Innenstadt wurde gestern Vormittag eine alte Dame angefahren und dabei tödlich verletzt. Die meisten Augenzeugen sagten aus, dass es sich bei dem Unfallfahrzeug um einen schwarzen BMW gehandelt haben soll. Und am Nachmittag kam auf einer Landstraße nordwestlich von Fürstenfeldbruck der Kleinwagen einer jungen Frau von der Straße ab und überschlug sich mehrmals. An der linken Seite des Fahrzeugs wurden schwarze Lackspuren eines anderen Wagens gefunden.«

»Und Sie glauben jetzt, meine Frau hätte etwas damit zu tun gehabt?«

Schäringer zuckte mit den Schultern. »Drei Vorfälle an einem einzigen Tag, und bei jedem scheint ein schwarzes Auto beteiligt gewesen zu sein. Das sieht mir nicht nach einem Zufall aus.«

Kauffmann setzte sich wieder aufrechter hin. Sogar seine Gesichtszüge strafften sich. Er schüttelte den Kopf und sah Schäringer zornig an. »Zufall hin oder her. Für mich sieht es so aus, als wollten Sie Ihre Ermittlungen schnell abschließen und diese Taten meiner Frau in die Schuhe schieben. Einer Toten, die sich nicht mehr wehren kann. Aber das lasse ich nicht zu! Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass Christiane etwas mit diesen schrecklichen Dingen zu tun hatte, weder absichtlich noch unabsichtlich. Sie war schon immer eine gute und sichere Fahrerin. Das können Sie übrigens überprüfen, denn sie hat keinen einzigen Punkt in der Verkehrssünderkartei. Und falls Sie denken, sie könnte betrunken gewesen sein, dann liegen Sie ebenfalls vollkommen daneben. Meine Frau hat nämlich nie einen Tropfen Alkohol getrunken. Außerdem verabscheute sie nichts mehr, als Menschen, die zu viel tranken, sich dann hinters Steuer setzten und andere gefährdeten. In dieser Hinsicht drückte sie auch bei ihren Busfahrern kein Auge zu und griff rigoros durch. Statt also meine Frau grundlos zu verdächtigen, Herr Kommissar, sollten Sie sich besser auf die Suche nach den wahren Tätern machen und endlich herausfinden, was mit meiner Frau geschehen ist.«

»Genau das haben wir vor, Herr Kauffmann. Nur eine Frage noch.«

»Ja?« Schäringers Worte hatten Kauffmann anscheinend den Wind aus den Segeln genommen. Die Energie, die ihn gerade noch durchpulst hatte, verpuffte, und seine Schultern sanken wieder nach unten.

»Sagen Ihnen die Namen Elisabeth Moritz und Lisa Bernert etwas?«

Kauffmann überlegte kurz, dann schüttelte er den Kopf. »Nein. Wieso?«

»Das sind die Namen der beiden anderen Opfer.« Schäringer stand auf. »Wir wollen Sie jetzt aber nicht länger stören, Herr Kauffmann.«

Obwohl es im Grunde eine ganz ähnliche Situation wie am gestrigen späten Abend war, als Baum und Schäringer zum ausgebrannten Wrack des BMW gerufen worden waren, hätten die beiden Szenarien dennoch kaum unterschiedlicher sein können. Es ging zwar erneut um einen Leichenfund in einem Fahrzeug, doch damit endeten die Gemeinsamkeiten auch schon, denn dieses Mal spielte sich alles am helllichten Tag, genauer gesagt am späten Vormittag, und auch nicht in der Dunkelheit an einem abgeschiedenen Ort, sondern mitten in der Stadt auf einer ansonsten vielbefahrenen Kreuzung ab. So war es auch kein Wunder, dass eine vollkommen andere Atmosphäre herrschte. Nicht die gespenstische Stille, die nur vom lauten Brummen eines Generators gestört wurde, sondern lautes Rufen und Hupen und das Rauschen des Verkehrs, der um den abgesperrten Bereich herumgeleitet wurde, der im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Polizei, Spurensicherung, Rechtsmedizin und neugierigen Passanten stand.

»Was ist passiert?«, fragte Schäringer den Streifenpolizisten, der gemeinsam mit seinem Kollegen als Erster vor Ort gewesen war, und warf einen Blick auf die beiden Autos, einen titaniumblauen Toyota Corolla mit Mannheimer Kennzeichen und einen silbergrauen VW-Golf, die mitten auf der Kreuzung kollidiert waren. So wie es aussah, war der Corolla ungebremst in die Beifahrerseite des Golfs gefahren. Der Pathologe Dr. Dieter Mangold beugte sich über den offen stehenden Kofferraum des Toyota und untersuchte den Leichnam, der darin lag und den Schäringer von seinem Standort aus nicht sehen konnte. Ein genervter Autofahrer hupte. Schäringer sah sich um und bemerkte, dass sich der Verkehr, der von mehreren Verkehrspolizisten gestikulierend über den freien Teil der Kreuzung gelenkt wurde, dennoch in allen Richtungen staute.

Polizeiobermeister Simon Ludwig räusperte sich und sah dann zu beiden Unfallfahrzeugen, als müsste er sie vor Augen haben, um das Geschehen korrekt wiedergeben zu können. Er war einen ganzen Kopf kleiner als Schäringer, von mittlerer Statur und schätzungsweise Mitte dreißig. Unter seiner Dienstmütze lugte kurzes, hellblondes Haar hervor. Außerdem trug er eine Brille mit filigranem, goldfarbenem Metallgestell.

»Nach Aussagen der Golffahrerin, einer 43-jährigen Grundschullehrerin, und mehrerer Augenzeugen fuhr der Toyota mit überhöhter Geschwindigkeit bei Rot auf die Kreuzung und rammte dort den VW Golf, dessen Fahrerin Grün hatte. Der Fahrer des Toyota stieg jedoch zunächst nicht aus, sondern versuchte, den abgestorbenen Motor seines Fahrzeugs sofort wieder zu starten, was ihm jedoch trotz mehrerer Versuche nicht gelang. Deshalb verließ er schließlich doch den Wagen und rannte davon, ohne sich um den von ihm angerichteten Schaden zu kümmern und eine Aufnahme seiner Personalien zu ermöglichen. Laut Beschreibung durch die Geschädigte und die Zeugen …« Ludwig wandte den Blick von den Autos und richtete ihn auf das Klemmbrett in seiner Hand, um die exakten Daten abzulesen, die er sich notiert hatte. »… handelt es sich bei dem Fahrerflüchtigen um einen 25- bis 30-jährigen, ungepflegt wirkenden Mann mit langen, dunklen Haaren, ungefähr ein Meter fünfundsiebzig groß. Er trug eine hellgraue Jeans und ein weißes T-Shirt mit buntem Aufdruck. Mehreren Personen fiel auf, dass der Mann zahlreiche Piercings im Gesicht und großflächige Tätowierungen an den Armen hatte. Besonders einprägsam war dabei vor allem ein Skelett mit Wikingerhelm auf dem linken Unterarm, das eine große Axt schwingt. Nachdem der Unfallverursacher geflüchtet war, rief die Geschädigte die Polizei zu Hilfe. Als mein Kollege und ich daraufhin den Wagen durchsuchten, um einen Hinweis auf die Identität des Fahrers zu finden, stieß ich im Kofferraum auf die Leiche eines Mannes.«

»Vielen Dank.« Schäringer nickte dem uniformierten Kollegen zu, bevor dieser ging, um sich wieder seinen Aufgaben zu widmen.

»Schon wieder eine Leiche.« Baum seufzte tief. Er sah noch immer müde aus und hatte dunkle Ringe um die Augen. »Als hätten wir nicht schon genug davon.«

»Dieses Mal scheint es aber eindeutig das Opfer eines Tötungsdelikts zu sein.«

»Wie kommst du denn darauf, Franz? Du hast den Toten doch noch gar nicht gesehen.«

»Wie viele Selbstmörder oder Unfallopfer hast du denn schon gesehen, die im Kofferraum eines Autos gefunden werden?«

Baum überlegte kurz. »Du hast recht. Das spricht eher für Mord.«

»Lass uns hören, was Christian dazu zu sagen hat. Sieht so aus, als sei Dr. Mangold noch mitten in der Arbeit, deshalb stören wir ihn lieber nicht.«

Sie gingen zu Christian Krautmann, dem Leiter der Abteilung Spurensicherung und -auswertung, der nicht nur ein geschätzter Kollege, sondern auch ein guter Freund von Schäringer war. Die beiden hatten ungefähr zur selben Zeit bei der Kripo Fürstenfeldbruck angefangen und seitdem in unzähligen Fällen erfolgreich zusammengearbeitet. Gelegentlich trafen sie sich auch nach Feierabend, um irgendwo eine Flasche Wein zu trinken.

Krautmann trug einen partikeldichten, hellgrauen Schutzoverall mit schwarzem Polizei-Aufdruck auf dem Rücken und übergezogener Kapuze, dazu Einmal-Handschuhe aus Vinyl und weiße, reißfeste Überschuhe. Er war 56 Jahre, eins achtzig groß, hatte einen kugelförmigen Kopf und dünne, schwarze Augenbrauen und trug eine randlose Brille, deren Gläser seine Augen vergrößerten.

Schäringer und Baum blieben neben Krautmann stehen, der in der Nähe der offenen Fahrertür des Toyota stand und etwas auf einem Klemmbrett notierte. Anscheinend hatte er sie noch nicht bemerkt.

»Hallo, Christian«, sagte Schäringer, um die Aufmerksamkeit seines Freundes zu erregen. »Schon was herausgefunden?«

Krautmann brummte etwas Unverständliches, hob den Kopf und sah zuerst Schäringer und dann Baum finster an. Durch den Vergrößerungseffekt der Brillengläser wurde die Wirkung noch verstärkt. »Eigentlich habe ich nach dem gestrigen Tag schon mehr als genug unerledigte Arbeit auf meinem Schreibtisch. Und dann taucht schon wieder eine neue Leiche auf. Manchmal ist es wie verhext. Und jetzt kommt auch noch ihr beiden daher und lenkt mich von der Arbeit ab. Was willst du wissen, Franz?«

»Schon herausgefunden, wem der Toyota gehört?«

Krautmann nickte. »Der Halter des Fahrzeugs heißt Gerhard Biermann, kommt aus Mannheim und ist laut Auskunft der dortigen Zulassungsstelle 38 Jahre alt.«

»Dann kann er nicht der Kerl sein, der den Unfall verursacht hat und stiften gegangen ist«, sagte Baum und notierte sich die Informationen wie schon beim Bericht des Streifenpolizisten in sein Notizbuch.

»Sehe ich auch so«, stimmte Krautmann zu. »Allerdings könnte der Tote im Kofferraum Biermann sein. Der Wagen wurde nicht aufgebrochen und kurzgeschlossen, sondern mit dem Schlüssel geöffnet und gestartet, der noch immer im Zündschloss steckt. Im Inneren des Wagens wurden bislang keine Fingerabdrücke gefunden. Sieht ganz so aus, als sei alles sehr sorgfältig abgewischt worden. Nach Aussage einiger Zeugen soll der Unfallfahrer Handschuhe getragen haben.«

»Kannst du uns auch schon etwas über die Leiche sagen?«, fragte Schäringer.

»Der Tote weist mehrere Stichwunden auf, ist splitterfasernackt und wurde in durchsichtige Plastikfolie verpackt. Bedauerlicherweise hatte er auch keine Ausweispapiere bei sich, sondern nur einen gepackten Trolley. Aber wie schon gesagt, dürfte es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Biermann handeln. Mehr über den Leichnam erfahrt ihr aber sicherlich von …« Er senkte die Stimme, damit der Gerichtsmediziner ihn nicht hörte. »… Dr. Tod.«

»Dr. Tod?«, flüsterte Schäringer mit gerunzelter Stirn. »Ist das etwa ein neuer Spitzname für ihn?«

»Wieso neu?«, fragte Baum. »Hatte er denn auch einen alten?«

»Soweit ich weiß, nicht«, sagte Schäringer. »Aber wer ist denn ausgerechnet auf Dr. Tod gekommen.«

Krautmann zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Aber er passt doch. Oder etwa nicht?«

»Er passt vermutlich auf jeden Rechtsmediziner, da sie in der Regel einen Doktortitel haben und ihre Kunden allesamt tot sind. Von daher ist er allerdings auch nicht besonders einfallsreich.«

»Mir gefällt er.« Baum grinste.

»Das dachte ich mir fast«, sagte Schäringer. Dann zu Krautmann: »Habt ihr die Tatwaffe gefunden?«

»Nein. Aber wenn derjenige, der dem armen Kerl das angetan hat, klug war, dann hat er sie in die Amper geworfen, sodass sie nie mehr auftaucht.«

»Hoffen wir mal, dass wir es mit einem dummen Mörder zu tun haben«, sagte Baum. »Schließlich war es auch nicht sehr klug, mit einer Leiche im Kofferraum bei Rot über eine Kreuzung zu rasen und ein anderes Auto zu rammen.«

»Ich danke dir, Christian«, sagte Schäringer. »Sag Bescheid, wenn du noch was für uns hast.«

»Mach ich.« Krautmann wandte sich ab, ging zur Fahrertür und beugte sich ins Innere des Toyota.

Schäringer und Baum gingen die wenigen Schritte bis zum Gerichtsmediziner, der noch immer neben dem offenen Kofferraum stand, die Latexhandschuhe abstreifte und einfach zu Boden fallen ließ.

»Schäringer«, sagte Dr. Mangold, der grundsätzlich jeden nur mit den Nachnamen ansprach, selbst wenn es die Kanzlerin oder der Papst gewesen wäre, und lächelte.

Der Kriminalhauptkommissar schätzte den Gerichtsmediziner auf Mitte fünfzig. Mit seinen eins fünfundachtzig war er nur geringfügig kleiner als Schäringer, dafür übertraf er diesen an Breite um das Doppelte. Das schwarzbraune Haar auf seinem Kopf war nicht echt, sondern eine Perücke, die böswilligen Gerüchten zufolge von einer Leiche stammen sollte, die auf seinem Seziertisch gelandet war. Dr. Mangold warf liebend gern mit lateinischen Fachausdrücken um sich und testete das Wissen seiner Gesprächspartner, sodass Unterhaltungen mit ihm Schäringer oft unangenehm an Ausfragen durch seinen ehemaligen Lateinlehrer erinnerten. Allerdings zeigte der Pathologe sich ihm gegenüber auch immer sehr auskunftsfreudig. Dr. Mangold trug eine braune Cordhose, ein kariertes Hemd und braune Halbschuhe.

»Und Sie sind Baum«, sagte der Rechtsmediziner und wandte sich an Schäringers Kollegen. »Ich erinnere mich an Sie. Sie sind der, der in der Schule kein Latein, sondern Französisch gelernt hat.« Er sagte es in einem Tonfall, als gäbe es nichts Schrecklicheres.

»Ist aber andererseits ganz praktisch, wenn man Urlaub in Frankreich macht«, erwiderte Baum schlagfertig.

»Und wie oft waren Sie in den letzten Jahren in Frankreich, junger Mann?«

»Gar nicht.«

»Sehen Sie!«, sagte Mangold mit hochgezogenen Augenbrauen. »Latein kann man hingegen immer gebrauchen. Vor allem natürlich in der Rechtsmedizin.« Er wandte sich an Schäringer. »Haben Sie schon einen Blick auf den Toten geworfen?«

Schäringer nickte. Er hatte die Zeit des Wortwechsels zwischen Baum und Mangold genutzt und sich den Leichnam im Kofferraum genauer angesehen. Der Tote hatte kurz geschnittenes, mittelblondes Haar und graue Augen, die weit offen standen und vom Tod getrübt waren. Ansonsten gab es allerdings keine Auffälligkeiten. Obwohl er verkrümmt im Kofferraum lag, weil er sonst nicht hineingepasst hätte, und seine Größe daher schwer zu schätzen war, ging Schäringer davon aus, dass er durchschnittliche Körpermaße hatte. Der Körper war wachsbleich und hob sich daher besonders deutlich von der schwarzen Matte auf dem Boden des Kofferraums ab. Die transparente Plastikfolie, mit der der Tote umwickelt gewesen war, war geöffnet und zurückgeschlagen worden, damit der Rechtsmediziner die Leiche untersuchen konnte. Sie wies mehrere blutige Flecken auf, doch für die zahlreichen Stichwunden, die der Leichnam aufwies, war es entschieden zu wenig Blut. Der Mann war also woanders erstochen und erst dann verpackt und in den Kofferraum gelegt worden.

»Starb er am Blutverlust?«, fragte der Kriminalhauptkommissar.

»Früher oder später wäre er das angesichts der multiplen Stiche und des daraus resultierenden Blutverlustes gewiss. Doch bevor es dazu kommen konnte, durchbohrte das Messer sein Cor. Das ist …«

»… das Herz.« Baum grinste, als sowohl Dr. Mangold als auch Schäringer ihn überrascht ansahen.

»Ich dachte, Sie können kein Latein, Baum.«

»Ein paar Begriffe habe ich inzwischen gelernt.«

»Und woher?«, fragte Schäringer. »Hast du etwa einen VHS-Kurs belegt? Latein für Anfänger.«

»Nein. Meine derzeitige Freundin ist Medizinstudentin. Gelegentlich muss ich bei ihr den Stoff abfragen, und da bleibt das eine oder andere hängen.«

»Ach so.« Schäringer hob die Augenbrauen. »Deshalb hast du vorletzte Nacht also zu wenig Schlaf bekommen.«

»Nein, das hatte andere Gründe.« Baum winkte ab. Er konnte es jedoch nicht verhindern, dass sein Gesicht ein intensiveres Rot zeigte, als es sonst der Fall war.

»Können wir jetzt vielleicht wieder zu den wichtigen Dingen des Lebens zurückkommen?«, fragte der Rechtsmediziner.

Schäringer und Baum nickten nur.

»Danke. Auf jeden Fall haben Sie recht, Baum. Einer der Stiche ging ins Herz. Und das führte in kürzester Zeit zu einer Perikardtamponade. Wissen Sie in Ihrer grenzenlosen Weisheit vielleicht auch, was das Perikardium ist, Baum?«

Dieser zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid, aber das kam noch nicht dran.«

»Der Herzbeutel. Merken Sie sich das für die Zukunft, Baum!«

Baum nickte.

»Und Sie auch, Schäringer.«

Der Kriminalhauptkommissar wies auf die rechte Hand des Toten, an der sich ein tiefer Schnitt befand. »Ist das eine Abwehrverletzung.«

»Davon gehe ich aus. Ich nehme an, dass er den ersten Stich mit der Hand abwehren konnte. Es ist allerdings die einzige Verletzung an seinen Händen.«

»Dann bedeutet das wohl, dass er sich danach nicht mehr wehren konnte.«

Dr. Mangold nickte. »Vielleicht wurde er festgehalten.«

»Das heißt, dass der Täter möglicherweise nicht allein war, sondern einen oder mehrere Komplizen hatte.«

»Ja. Aber das herauszufinden ist Ihre Aufgabe, meine Herren. Ich kann Ihnen nur sagen, was der Leichnam mir erzählt.«

Schäringer dachte an den neuen Spitznamen des Rechtsmediziners, der möglicherweise doch ganz passend war, und erschauderte. »Hat er Ihnen wenigstens gesagt, wann er gestorben ist?«

Dr. Mangold bekam die Ironie nicht mit. Er wiegte den Kopf hin und her, bevor er antwortete: »Schätzungsweise vor sechs bis vierzehn Stunden.«

»Letzte Nacht also.«

Der Mediziner nickte. »Vielleicht kann ich den Zeitrahmen noch etwas enger ziehen, nachdem ich ihn genauer untersuchen konnte.«

»Was ist mit der Tatwaffe?«

»Ein schmales, langes Messer mit gerader Klinge. Schätzungsweise zwischen 15 und 25 Zentimeter lang. Wenn Sie mich fragen. Schäringer …« Der Pathologe sah den Kriminalhauptkommissar an und hob fragend die Augenbrauen.

Schäringer seufzte. »Haben Sie eine Vermutung, welche Art von Messer benutzt wurde, Dr. Mangold?«

Der Rechtsmediziner strahlte. »Gut, dass Sie fragen, Schäringer. Die habe ich nämlich in der Tat. Meiner Meinung nach stammen die Stichwunden von einem Fleisch- oder Tranchiermesser.«

»Das könnte auf eine Tat im Affekt oder in Notwehr hindeuten«, meldete sich Baum zu Wort. »Der Täter …«

»… oder die Täterin«, sagte Dr. Mangold mit hochgezogenen Augenbrauen tadelnd.

»… oder die Täterin«, wiederholte Baum gehorsam, »griff nach dem erstbesten Gegenstand, der greifbar war, und ertastete den Messerblock auf der Küchentheke. Er …« Er sah den Mediziner an. »… oder sie zieht zufällig das Fleischmesser heraus und sticht zu.«

»Die hohe Zahl der Stichwunden spricht meiner Meinung nach gegen Notwehr«, widersprach Schäringer. »Wieso sollte der Täter so oft zustechen, wenn es ihm nur darum ging, einen Angriff abzuwehren.«

»Ein Exzess«, schlug Dr. Mangold vor.

Schäringer zuckte mit den Schultern und warf einen weiteren Blick auf die Leiche. »Trotzdem – jemanden im Affekt oder in Notwehr zu töten, ist eine Sache. Die Leiche anschließend in den Kofferraum zu legen, um sie irgendwo verschwinden zu lassen, eine ganz andere. Das Erste geschieht ohne Vorsatz, das Zweite erfordert hingegen Kaltblütigkeit und Planung. Kurz gesagt, es passt meiner Meinung nach nicht zusammen.«

»Zum Glück ist es Ihre und nicht meine Aufgabe, dieses Rätsel zu lösen«, sagte Dr. Mangold. »Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich momentan nach der ersten Inaugenscheinnahme des Leichnams weiß. Mehr erfahren Sie dann in meinem schriftlichen Bericht über das Ergebnis der Obduktion. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen, meine Herren. Mich erwartet im Sektionsraum noch eine Menge Arbeit.«

Schäringer bedankte sich bei Dr. Mangold. Dann verabschiedeten sich die beiden Kriminalbeamten und gingen zu ihrem Wagen, den sie am Rand der Absperrung abgestellt hatten.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Baum.

»Du lässt dich von einem Streifenwagen zur Inspektion bringen, Lutz. Versuch so viel wie möglich über Gerhard Biermann, den Halter des Toyota, herauszubekommen. Wie waren seine Lebensverhältnisse? Was tat er hier? Was machte er beruflich? Vielleicht findest du im Internet sogar ein Foto, damit wir abklären können, ob es sich bei dem Leichnam im Kofferraum tatsächlich um ihn handelt.«

»Und was hast du vor?«

»Ich versuche herauszufinden, wer den Toyota zuletzt gefahren und nach dem Unfall Fersengeld gegeben hat.«

»Und wie willst du das anstellen?«

»Nach Aussage der Augenzeugen hatte der Kerl zahlreiche Tätowierungen. Und dabei ist ihnen vor allem eine Tätowierung im Gedächtnis geblieben, die meiner Meinung nach sehr markant und möglicherweise einzigartig ist.«

»Der skelettierte Wikinger mit der Axt.«

Schäringer nickte. »Ich frage jemanden, der sich mit Tätowierungen auskennt.«

Baum hob die Augenbrauen. »Dann weiß ich ja, zu wem du gehst.«

»Soll ich ihm von dir einen schönen Gruß ausrichten?«, fragte Schäringer grinsend.

Doch sein Kollege schüttelte voller Entrüstung den Kopf. »Bloß nicht. Der Typ will mich nur wieder dazu überreden, mir ein Herz und die Worte Mamas kleiner Liebling tätowieren zu lassen.«

Die elektronisch verstärkte Glocke läutete extrem laut, als Schäringer das Tätowierstudio namens »Tattoo-Angel« im Erdgeschoss eines heruntergekommenen, mehrstöckigen Hauses betrat. Das Studio war verlassen, doch aus einem Durchgang im Hintergrund des Raums, der von einem schwarzen Vorhang verdeckt wurde, meldete sich eine unglaublich tiefe Stimme mit den Worten: »Komme gleich.«

Schäringer sah sich um. Seitdem er mit Baum zum ersten Mal hier gewesen war, hatte sich nichts verändert. In der Ecke neben der Eingangstür stand eine Sitzgruppe aus nicht zueinanderpassenden Sperrmüllmöbeln, bestehend aus einem zerschlissenen Sofa und vier Sesseln um einen zerkratzten Holztisch herum, auf dem zerfledderte Zeitschriften über Tattoos und Motorräder lagen. Die Wände waren mit Tätowiermotiven tapeziert, mit denen auch das einzige Schaufenster zugeklebt war, hinter dem sich das eigentliche Studio befand, das durch einen Vorhang vom Eingangs- und Wartebereich abgetrennt werden konnte. Dort stand der wuchtige, mit schwarzem Vinyl bezogene Tätowiersessel, dessen gepolsterte Rücken- und Armlehnen und Bein- und Fußstützen hydraulisch verstellt und nahezu jeder Körperhaltung angepasst werden konnten. Daneben ein höhenverstellbarer Hocker mit Vinylbezug, eine Stehlampe auf Rollen mit mehrfach verstellbarem Schwenkarm und eingebautem Vergrößerungsglas sowie eine Armlehne mit gepolstertem Kissen, auf dem der Tätowierer bei den Sitzungen, die oft mehrere Stunden dauern konnten, seinen Arm ablegen konnte. Neben dem Hocker stand ein Trolley aus Metall mit zwei Ablagefächern, auf denen die Tattoo-Maschine, Nadeln und Farben lagen.

»Haben Sie sich jetzt etwa doch dazu entschlossen, sich tätowieren zu lassen, Herr Polizist?«

Schäringer wandte den Kopf und betrachtete den Riesen, der den Vorhang zur Seite geschoben und aus dem Durchgang ins Studio gekommen war.

Angel Michael Grimm überragte sogar den Kriminalhauptkommissar, der mit seinen eins neunzig alles andere als ein Zwerg war, um mindestens fünfzehn Zentimeter. Er war Mitte dreißig und hatte einen massigen Körper mit ausladenden Schultern und einem dicken Bauch. Sein Schädel war riesig, von schwarzen Haaren geradezu überwuchert und wuchs ohne erkennbaren Übergang aus seinem tonnenförmigen Brustkorb, der ebenfalls von einem dichten, schwarzen Pelz bedeckt war, der aussah wie ein langfloriger Teppichboden, den er sich auf den Körper geklebt hatte. Im Gegensatz zu ihrer letzten Begegnung war das lange Haar allerdings nicht mehr zu einem Pferdeschwanz gebunden, sondern wie auch der dichte Vollbart zu unzähligen, dünnen Rastazöpfen, sogenannten Micro Braids, geflochten, die zusätzlich mit bunten Perlen verziert waren. Lediglich die wulstigen Lippen, die an eine Knolle erinnernde Nase und ein kleiner Bereich um seine warmherzigen, braunen Augen waren unbehaart. Wie auch beim letzten Mal war Grimm von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, vom ärmelloses Shirt mit dem Aufdruck einer Heavy Metal Band, die der Kommissar nicht kannte, über die Lederhose, die nicht nur von einem nietenbeschlagenen Ledergürtel, sondern auch von den breiten Hosenträgerriemen an Ort und Stelle gehalten wurde, bis hin zu den rindsledernen Motorradstiefeln, die mehr als nur ein modisches Accessoire waren, da der Tätowierer stolzer Besitzer einer Harley-Davidson FLSTF 1584 Fat Boy war. Und als wäre Grimm eine fleischgewordene Litfaßsäule, die Werbung für die eigene Arbeit machte, waren die sichtbaren Teile seiner Arme vom Handrücken bis zu den Schultern mit Tattoos übersät. Allerdings keine düsteren Bilder, sondern eher religiöse Motive wie Kreuze, Engel und Bibelzitate. Auch auf die einzelnen Glieder seiner Finger waren Buchstaben tätowiert worden. Auf seiner rechten Pranke ergaben sie das Wort G-O-T-T, auf seiner linken J-E-S-U. Im Gesicht gab es, vermutlich mangels unbehaarter Stellen, keine Tattoos, dafür silberne Piercings in den Ohren, den Lippen, der Nase und den Augenbrauen.

»Für Tattoos bin ich definitiv zu alt.«

»Dafür ist man nie zu alt.« Grimm trat näher und reichte dem Polizisten die bratpfannengroße Hand, auf deren Fingern G-O-T-T zu lesen war. »Sie glauben gar nicht, wer alles zu mir kommt, um sich tätowieren zu lassen.«

Schäringer schüttelte die Hand des Riesen vorsichtig. Er hatte befürchtet, es könnte ihn ein paar Finger kosten, doch Grimms Handgriff war zwar zupackend, aber nicht schraubstockartig. »Trotzdem ist das nichts für mich.«

»Was vermutlich weniger an Ihrem Alter, sondern eher an Ihrer konservativen Gesinnung liegt.«

»Man muss nicht konservativ sein, um sich kein Tattoo machen zu lassen«, widersprach Schäringer. »Es reicht schon, dass man es nicht mehr so leicht loswird, wenn man es sich irgendwann anders überlegen sollte.«

Der Tätowierer schürzte die Lippen, ließ das Thema jedoch fallen. »Was hat Sie dann zu mir geführt, wenn Sie Ihren Körper schon nicht von mir verschönern lassen wollen?«

»Ich brauche Ihre Hilfe.«

»Geht es wieder einmal um jemanden, der ermordet wurde?«

Schäringer nickte.

»Was ist passiert?«

»Das müssen Sie nicht wissen.«

»Sie haben recht, Herr Polizist. Ich muss es nicht wissen. Ich will es aber wissen! Wenn Sie meine Hilfe wollen, dann müssen Sie mir schon sagen, worum es geht.«

»Und was ist mit christlicher Nächstenliebe? Sie sind doch so ein überzeugter Christ. Ein Mensch wurde umgebracht, und Sie können unter Umständen dazu beitragen, dass der Mörder gefunden und für seine Tat zur Rechenschaft gezogen wird. Denken Sie nur an das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten!«

»Mit christlicher Nächstenliebe hat das nicht das Geringste zu tun. Der Mann ist tot, und wenn er ein gottgefälliges Leben geführt hat, ist er jetzt bereits im Himmelreich. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn sein Mörder gefunden und bestraft wird.«

»Der Täter könnte aber erneut zuschlagen. Können Sie das mit Ihrem Gewissen vereinbaren, Herr Grimm?«

Der Tätowierer seufzte, hob die Hände und ließ sie resignierend wieder fallen. »Na gut, Sie haben gewonnen. Wie kann ich Ihnen helfen?«

»Wir suchen jemanden, der eine besonders auffallende Tätowierung hat.« Schäringer beschrieb das Aussehen des Toyotafahrers.

»Ein Wikingerskelett, das eine riesige Axt schwingt, sagten Sie?«

»Ja. So haben es zumindest ein paar Augenzeugen beschrieben, die den Mann aus der Nähe sahen. Kennen Sie ihn?«

Grimm wandte den Blick ab und dachte nach. »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen den Namen sagen kann.«

»Also ist er ein Kunde von Ihnen.«

Grimm nickte. »Eben. Was ist mit der Schweigepflicht.«

»Die gilt nicht für Tätowierer!«, sagte Schäringer entschieden.

»Dabei ist das Vertrauensverhältnis zwischen Tätowierer und Kunde beinahe ebenso groß wie zwischen Arzt und Patient.«

Schäringer schüttelte den Kopf. »Sagen Sie mir den Namen, Herr Grimm! Vielleicht hilft es Ihnen ja, an die Menschen zu denken, die ihm vielleicht noch zum Opfer fallen, um die richtige Entscheidung zu treffen.«

»Ich kenne den Mann, den Ihre Augenzeugen beschrieben haben. Der Skelettwikinger stammt von mir. Er war zwar jetzt schon länger nicht mehr hier, aber ich kann mir trotzdem nicht vorstellen, dass er jemanden umgebracht haben soll. Dafür ist er einfach nicht der Typ.«

»Was für ein Typ ist er dann?«

»Ein Junkie und Kleinkrimineller, der Diebstähle begeht, um sich Geld für Drogen zu beschaffen, und höchstens mal ein Auto klaut, wenn die Gelegenheit günstig und die Sicherheitsvorkehrungen nicht allzu hoch sind. Alles, was darüber hinausgeht, würde ihn schon überfordern, sowohl charakterlich als auch intellektuell.«

»Wenn er niemanden umgebracht hat und nur, sagen wir mal, ein Auto gestohlen hat, in dessen Kofferraum zufällig eine Leiche lag, dann finden wir das heraus. Wie heißt er?«

»Marcel Seefelder.«

»Adresse?«

Grimm schüttelte den mächtigen Kopf so heftig, dass die Rastazöpfe flogen.

»Sind Sie sicher? Vielleicht sehen Sie zur Sicherheit noch mal in Ihren Unterlagen nach.«

»Welche Unterlagen, Herr Polizist? Meine Kunden kommen, sagen mir, welches Tattoo sie von mir haben wollen, zahlen hinterher in bar und gehen wieder ihres Weges. Keine Adressen also.«

»Na gut. Trotzdem vielen Dank für Ihre Hilfe, Herr Grimm.«

»Immer wieder gern, Herr Polizist«, sagte der Hüne grollend. »Das nächste Mal bringen Sie aber wieder Ihren Kollegen mit. Ich habe genau das richtige Tattoo für ihn.«

»Er wusste, dass Sie das sagen würden.« Schäringer wandte sich ab und ging zur Tür. »Leben Sie wohl, Herr Grimm.«

»Sie auch, Herr Polizist. Und schönen Gruß an Ihren Kollegen.«

Die Türglocke bimmelte laut, als Schäringer das Studio verließ.

Kaum stand er vor dem Haus, rief er in der Zentrale an und bat darum, Marcel Seefelders Adresse herauszufinden, einen Streifenwagen dorthin zu schicken und den jungen Mann, sofern er zu Hause angetroffen wurde, zur Befragung in die Kriminalpolizeiinspektion zu bringen.

Als Schäringer in der Inspektion eintraf, ging er nicht sofort in sein Büro, sondern machte einen Abstecher zur Abteilung für Spurensicherung und -verwertung.

»Grüß dich, Christian.« Schäringer nahm auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch seines Freundes Platz. Die Tischplatte war voller Unterlagen und Beweisstücke, die in Pappkartons, Kunststoff- und Papiertüten verpackt waren und an denen Krautmann gerade arbeitete. Auch die Regale waren voll davon.

Krautmann hob den Kopf, sah Schäringer durch seine Brillengläser aus im wahrsten Sinne des Wortes großen Augen an und sagte: »Wenn du wegen der Leiche im Toyota gekommen bist, dann muss ich dir leider mitteilen, dass wir nichts Verwertbares gefunden haben. Es gab zwar noch ein paar Fingerabdrücke im Fahrzeuginneren, die der Täter bei seiner Putzaktion übersehen hat, aber die stammen alle vom Opfer.«

»Dann ist der Tote also tatsächlich Gerhard Biermann.«

»So sieht’s aus.«

Schäringer nickte. »Aber eigentlich komme ich ohnehin wegen der Fälle von gestern vorbei. Hast du dazu schon erste Untersuchungsergebnisse vorliegen?«

»Ja. Warte mal einen Moment.« Krautmann sah sich suchend auf seinem Schreibtisch um, schob erst auf der einen Seite ein paar Beweismitteltüten beiseite, dann auf der anderen einen Stapel Unterlagen, bevor er fand, wonach er gesucht hatte. Er nahm einen zusammengehefteten Stoß Papiere, blätterte durch die Seiten und nickte dann. »Das sind die vorläufigen Ergebnisse der Lackuntersuchungen durch das LKA.«

»Das ging aber schnell.«

»Da staunst du, was? Aber dafür sind die Ergebnisse auch nur vorläufig und mit Vorsicht zu genießen. Vor Gericht haben sie natürlich keinen Wert, aber für deine Ermittlungen reichen sie allemal. Das endgültige Gutachten gibt es vermutlich erst in einer Woche.«

»Und was haben die Kriminaltechniker vom LKA festgestellt?«

»Sie haben die Lackproben, die ich ihnen per Expressboten geschickt habe, mit den gesammelten Daten aus EUCAP verglichen.«

»EUCAP?« Schäringer runzelte die Stirn. »Was ist das denn?«

»EUCAP ist die Abkürzung für European Collection of Automotive Paint. Darin sind mehr als 25.000 Originallackproben 23 europäischer und japanischer Automobilkonzerne gesammelt. Um unsere Lackproben damit vergleichen zu können, wurden sie bei hoher Temperatur pyrolysiert, indem sie in einem Gaschromatografen in ihre Bestandteile zerlegt wurden, und anschließend im Massenspektrometer identifiziert. Der Vorteil dieser Methode gegenüber dem lichtmikroskopischen Verfahren besteht vor allem darin, dass auch eine kleine Probenmenge ausreichend ist und die Probe nicht zeitaufwändig vorbereitet werden muss, sondern direkt verwendet werden kann.«

Schäringer hob abwehrend die Hände und bewegte sie hin und her. »Kannst du mir nicht einfach die Ergebnisse mitteilen, Christian?«

Krautmann seufzte. »Tut mir leid, Franz. Manchmal kann ich mir einfach nicht vorstellen, dass andere solche Dinge nicht ebenso faszinierend finden wie ich. Du willst also die Kurzversion ohne all den technischen Schnickschnack?«

»Sei mir nicht böse, Christian, aber den ganzen technischen Kram verstehe ich ohnehin nicht.«

»Ist schon okay. Also, hör zu! Wie du weißt, wurden sowohl an der Leiche der alten Frau als auch am Kleinwagen der jungen Frau schwarze Lackspuren gefunden. Laut vorläufigem Ergebnis des kriminaltechnischen Instituts des Bayerischen Landeskriminalamts stimmen diese beiden Lackspuren überein und stammen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem carbonschwarzen BMW.«

Schäringer nickte, als Krautmann seine Vermutungen bestätigte. Denn seiner Meinung nach wäre es auch ein allzu großer Zufall gewesen, wenn bei drei Vorfällen an einem Tag, bei denen jedes Mal ein schwarzes Fahrzeug beteiligt gewesen war, drei unterschiedliche Autos eine Rolle gespielt hätten. »Der ausgebrannte Wagen von Christiane Kauffmann ist ein solches Auto. Was hast du noch für mich?«

»Im Frontbereich des BMW, der durch den Aufprall auf den Baumstamm natürlich erheblich demoliert wurde, auf der Motorhaube und auf der Windschutzscheibe wurden eingebrannte Blutspuren gefunden. Eine Analyse dieser Spuren ist zwar nicht mehr möglich, ich gehe aber trotzdem jede Wette ein, dass es das Blut der alten Frau ist.«

Schäringer nickte mit nachdenklicher Miene, sagte jedoch nichts.

»An der rechten Fahrzeugseite befanden sich weitere Unfallspuren«, fuhr Krautmann fort, »die definitiv nicht von der Kollision mit dem Baum stammen. Stattdessen konnten wir dort rote Lackspuren feststellen, die von einem Daihatsu Cuore stammen. Damit steht meiner Meinung nach fest, dass mit dem Auto von Christiane Kauffmann zuerst die alte Frau überfahren und dann der Kleinwagen von der Straße gedrängt wurde, bevor er gegen einen Baum fuhr.«

»Gute Arbeit!«

»Bedank dich beim LKA.«

»Weißt du auch, warum der Wagen in Brand geraten ist?«

»Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen. Die Brandursachenermittlung hat ergeben, dass aufgrund des großflächigen Brandentstehungsbereichs und der Brandverlaufsspuren eigentlich nur Brandstiftung und damit keine natürliche Ursache, also beispielsweise durch den Aufprall, infrage kommt. Alle anderen Brandursachen konnten ausgeschlossen werden. Außerdem wurde Brandbeschleuniger festgestellt.«

»Also hat jemand Benzin im Fahrzeuginneren und auf dem Auto verteilt und angezündet.« Schäringer dachte an das zweite Fahrzeug, das sich ohne Licht entfernt hatte, als der 15-jährige Michael Bergmoser den brennenden BMW entdeckt hatte. Schade, dass der Junge nicht erkannt hatte, um was für ein Fahrzeug es sich gehandelt hatte.

Krautmann nickte. »Sieht ganz danach aus.«

Schäringer stand auf. »Vielen Dank, Christian. Du hast mir ein gutes Stück weitergeholfen.«

»Keine Ursache, Franz. Wann gehen wir eigentlich wieder mal einen trinken?«

»Sobald wir die aktuellen Todesfälle zu den Akten legen können. Vorher habe ich keine Zeit dafür. Du hast doch momentan auch jede Menge zu tun.«

»Erinnere mich bloß nicht daran! Ruf mich einfach an, wenn du Zeit hast.«

In ihrem gemeinsamen Büro hatte Baum Neuigkeiten für Schäringer. Er wartete jedoch geduldig, bis sein älterer Kollege sein Jackett ausgezogen und über den Stuhl gehängt und dann hinter seinem Schreibtisch Platz genommen hatte, bevor er loslegte.

Der Leichnam im Kofferraum war tatsächlich der des 38-jährigen Fahrzeughalters Gerhard Biermann aus Mannheim. Biermann war verheiratet und Vater von zwei Kindern gewesen. Baum hatte mit seiner Frau telefoniert und in Erfahrung gebracht, dass Biermann gestern Abend noch mit ihr und den Kindern gesprochen hatte. Mehr hatte der Kriminalbeamte von ihr allerdings nicht erfahren, da sie verständlicherweise nicht in der Lage gewesen war, das Telefonat fortzusetzen. Immerhin hatte sie Baum noch den Arbeitgeber ihres Mannes nennen können, einen Pharmakonzern, für den er als Pharmaberater tätig gewesen war. Auf der Internetseite der Firma hatte Baum dann ein Foto des Mannes gefunden und ausgedruckt. Er zeigte es Schäringer.

»Kein Zweifel. Das ist unsere Kofferraumleiche. Wusste Biermanns Frau eigentlich, von wo er sie gestern Abend angerufen hat?«

»Ja. Er sagte ihr, er sei im Gästehaus Moritz abgestiegen, und sie hat es sich notiert.«

»Gästehaus Moritz?« Schäringer runzelte die Stirn, als er nachdachte. »Wo hab ich den Namen in letzter Zeit schon mal gehört?«

»Die Oma, die gestern überfahren wurde, hieß Elisabeth Moritz«, half Baum ihm grinsend auf die Sprünge. Vermutlich war er stolz, dass er auch einmal punkten konnte, denn in den meisten Fällen war Schäringer Gedächtnis, was die Daten und Fakten der laufenden Fälle betraf, nahezu unfehlbar. Im Gegensatz zu Baum, der alles in sein Notizbuch schrieb, speicherte der Kriminalhauptkommissar sämtliche Details in seinem Kopf. »Langsam merkt man, dass du alt wirst, Franz.«

»Ach was! Das kommt nur davon, dass wir seit gestern mit neuen Todesfällen förmlich überhäuft wurden. Bei all den Namen kann einem der eine oder andere schon mal entfallen. Ich wäre schon noch von allein draufgekommen. Außerdem hatten wir gar keine Zeit, uns mit jedem Vorfall näher zu befassen, da hatten wir schon den nächsten auf dem Tisch. Aber du hast natürlich recht, was den Namen Moritz betrifft. Ich erinnere mich wieder, in der Akte gelesen zu haben, dass Elisabeth Moritz die Inhaberin des Gästehauses war. Merkwürdig, dass sie von einem Auto überfahren worden ist, kurz bevor einer ihrer Gäste ermordet wurde.«

»Siehst du etwa schon wieder Zusammenhänge zwischen Fällen, die nichts miteinander zu tun zu haben scheinen?« Baum seufzte.

»Momentan ist es nur so ein Gefühl. Aber wir sollten dem Gästehaus auf alle Fälle einen Besuch abstatten. Möglicherweise war der Tod der alten Frau alles andere als ein Unfall.«

»Wie kommst du darauf? Warst du etwa bei deinem Trinkkumpan von der Spusi?«

Schäringer nickte und erzählte seinem Kollegen, was Krautmann ihm mitgeteilt hatte.

»Aber einen unmittelbaren Zusammenhang zur Kofferraumleiche konnte niemand feststellen, oder?«

»Was die beiden Fälle miteinander verbindet, ist doch offensichtlich, Lutz: Es ist das Gästehaus Moritz. Weißt du zufällig, wer den Angehörigen gestern die Nachricht vom Tod der Frau überbracht hat?«

Baum schüttelte den Kopf. »Vermutlich eine Streifenwagenbesatzung. Ich kann ja mal dort anrufen und nachfragen, wer es war und wen sie dort angetroffen haben.«

»Ja, mach das doch bitte.«

»Währenddessen kannst du dir ja schon mal den vorläufigen Bericht von Dr. Tod, unserem allseits geliebten und verehrten Rechtsmediziner, durchblättern.« Baum deutete mit dem Zeigefinger auf die rechte Ecke von Schäringers aufgeräumten Schreibtisch.

»Ist die Untersuchung von Biermanns Leiche etwa schon abgeschlossen? Das ging ja selbst für Dr. Mangold erstaunlich schnell.«

»Nein, nicht von unserer Kofferraumleiche, sondern von der verkohlten Busunternehmerin im BMW. Dr. Tod ist zwar schnell, aber so schnell auch wieder nicht.« Der neue Spitzname schien Baum immer besser zu gefallen. Grinsend klemmte er den Telefonhörer zwischen Wange und Schulter, tippte eine mehrstellige Nummer ein und trank einen Schluck Automatenkaffee, ohne das Gesicht zu verziehen oder auch nur mit der Wimper zu zucken, während er wartete, dass am anderen Ende abgenommen wurde.

Schäringer nahm den vorläufigen Bericht über die Ergebnisse der Obduktion und blätterte ihn durch, während Baum sein Telefonat führte. Er hielt sich erst gar nicht mit dem vorderen Teil des Berichts auf, der in nüchterner Medizinersprache eine genaue Beschreibung des Leichnams und all seiner Organe enthielt, sondern fing sofort an, die Schlussfolgerungen des Rechtsmediziners – Dr. Tod!, konnte selbst er sich nicht verkneifen, ihn in Gedanken zu nennen – zu lesen, die die pathologisch-anatomische Diagnose und davon ausgehend die wahrscheinlichste Todesursache enthielt.

»Sieh mal einer an«, murmelte Schäringer, auch wenn er nicht wirklich überrascht war, als er las, dass Christiane Kauffmann nicht durch den Aufprall auf den Baumstamm getötet worden war, da ihr Körper keinerlei Verletzungen durch den Unfall davongetragen hatte. Außerdem waren weder in der Speise- und der Luftröhre noch in ihrer Lunge Rußpartikel gefunden und bei der chemisch-toxischen Untersuchung in ihrem Blut war kein Kohlenmonoxid festgestellt worden. Auch fehlten auf der Kehlkopfschleimhaut, in den Bronchien und in der Lunge typische Hinweise auf eine Hitzeeinwirkung. Dies ließ laut Gerichtsmediziner nur die Schlussfolgerung zu, dass die Frau nicht mehr geatmet hatte, als das Feuer ausbrach, sonst hätte sie unweigerlich heiße Luft, Monoxid und Ruß eingeatmet. Da der Leichnam darüber hinaus keine äußeren Verletzungen aufwies, die eine andere Todesursache möglich erscheinen ließen, und Dr. Mangold stattdessen eine akut geblähte Lunge, Blutungen unter der Kopfschwarte und in den Schläfenmuskeln und eine Ausweitung der rechten Herzkammer festgestellt hatte, ging er davon aus, dass die Unternehmerin aller Wahrscheinlichkeit nach durch Verschluss der Atemwege erstickt wurde. Dies konnte entweder durch einfaches Zuhalten von Mund und Nase oder durch eine weiche Bedeckung, beispielsweise ein Kissen, geschehen sein. Den Todeszeitpunkt bezifferte der Rechtsmediziner auf acht bis zwölf Stunden vor Ausbruch des Feuers.

Als Schäringer die Schlussfolgerungen gelesen hatte, beendete auch Baum sein Telefongespräch.

»Und? Was hast du herausgefunden, Lutz?«

»Ich sprach mit einem unserer uniformierten Kollegen, die die traurige Nachricht überbracht haben. Demnach war die alte Frau schon seit mehreren Jahren Witwe. Sie hat allerdings einen Sohn, Hannes ist sein Name, der ebenfalls im Gästehaus arbeitet.«

»Dann sollten wir uns mal mit ihm unterhalten.« Schäringer stand auf und zog sein Jackett an. »Schließlich wurde seine Mutter gestern von einem Auto überfahren, dessen Halterin zu diesem Zeitpunkt schon tot war. Und dann wurde auch noch ein Gast seines Hauses erstochen, dessen nackter Leichnam am nächsten Tag zufällig im Kofferraum des eigenen Wagens gefunden wurde. Mal sehen, was er zu alldem zu sagen hat.«

Das Gästehaus Moritz war ein großer gelb gestrichener, schmuckloser Bau mit drei Stockwerken in der Form eines L. Außerdem gab es noch einen kleineren, nachträglich errichteten Anbau, der allem Anschein nach eine Privatwohnung enthielt. Die Zufahrt führte am kurzen Querbalken des L vorbei zu einem gekiesten Innenhof, der als Gästeparkplatz diente.

Die junge Frau an der Rezeption sah auf, als die beiden Kriminalbeamten die Lobby betraten.

»Was kann ich für Sie tun, meine Herren?«

Sie trug ein elegantes, marineblaues Kostüm, bestehend aus Blazer und Hose, außerdem eine weiße Bluse und ein blaues Halstuch. Ihr langes hellblondes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie hatte strahlend blaue Augen und ein sympathisches Lächeln, das echt und nicht einstudiert wirkte.

Schäringer stellte sich und seinen Kollegen vor und zeigte ihr seinen Dienstausweis. »Wir hätten gern mit Herrn Moritz gesprochen.«

Die Rezeptionistin, auf deren Namensschild nur der Name Nicole stand, wurde augenblicklich ernst. »Ich nehme an, es geht um die Chefin. Weil sie doch gestern …« Sie verstummte und schüttelte den Kopf, als wagte sie es nicht, die traurige Wahrheit laut auszusprechen.

»Ja«, sagte der Kriminalhauptkommissar nur. Interessant war allerdings, dass Elisabeth Moritz noch immer als Chefin bezeichnet wurde. Was war Hannes Moritz dann? Der Juniorchef? »Ist Herr Moritz im Haus?«

Nicole nickte. »Ja. Er ist im Büro der Chefin …« Sie verstummte. »Ich meine, jetzt ist es natürlich nicht mehr ihr Büro, sondern seins.«

»Können Sie uns zu ihm führen?«

»Natürlich. Folgen Sie mir bitte.« Sie kam hinter der Rezeption hervor und führte sie durch eine Tür, auf der Privat stand, in einen Flur, von dem mehrere geschlossene Türen abzweigten. »Das war das alte Büro von Herrn Moritz«, sagte Nicole und deutete im Vorbeigehen auf eine geschlossene Tür. Sie gingen bis zum Ende des Flurs und blieben vor der letzten Tür stehen. Die Rezeptionistin klopfte leise.

»Ja?«

Nicole öffnete die Tür, durch die ihnen der Geruch nach Zigarettenrauch entgegenwehte. »Entschuldigen Sie die Störung, Herr Moritz, aber hier sind zwei Herren von der Polizei, die Sie sprechen wollen.«

»Polizei?«

»Ja. Es geht um die … um Ihre Mutter.«

»Was soll das? Die Polizei war doch gestern schon da?«

»Ich weiß es nicht, Herr Moritz. Am besten sprechen Sie selbst mit den beiden Herren.«

»Na schön. Schicken Sie sie herein, Nicole!«

Nicole wandte sich um und trat gleichzeitig zur Seite. »Bitte«, sagte sie lächelnd und wies auf die offene Tür.

»Vielen Dank.« Schäringer trat, gefolgt von Baum, ein. Er hörte, wie die Tür hinter ihnen geschlossen wurde und sich Nicoles Schritte im Flur entfernten.

Hannes Moritz war aufgestanden, um den riesigen Schreibtisch herumgegangen und streckte Schäringer die rechte Hand entgegen. »Guten Tag, meine Herren. Ich bin Hannes Moritz, Eigentümer des Gästehauses Moritz. Nicole sagte, dass Sie mit mir über meine Mutter sprechen wollen. Worum geht es denn?«

Schäringer stellte sich ebenfalls vor und erwiderte den schlaffen, verschwitzten Händedruck des anderen Mannes, während er ihm mit der linken Hand seinen Dienstausweis zeigte, den dieser nur flüchtig zur Kenntnis nahm. Anschließend nannte er Baums Namen, der ebenfalls in den Genuss kam, Moritz’ feuchte Hand schütteln zu dürfen.

»Nehmen Sie bitte Platz.« Moritz kehrte hinter den Schreibtisch zurück, wo er sich in einen mit verschlissenem, schwarzem Leder bezogenen Stuhl sinken ließ, der unter der Belastung laut knarrte und ächzte.

Schäringer nahm Platz und wischte dabei die rechte Hand unauffällig an seiner Hose ab. Aus dem Augenwinkel sah er, dass Baum es ihm gleichtat.

»Schön.« Moritz saß hinter dem Schreibtisch, als hätte er einen Stock verschluckt und könnte sich deshalb nicht entspannen. Entgegen seiner Äußerung schien er es alles andere als schön zu finden, dass er Besuch von zwei zivilen Polizisten hatte. Er schwitzte stark, wodurch die glitzernden Schweißperlen auf seiner Stirn immer zahlreicher wurden. Er fragte noch einmal: »Worum geht’s denn?«

Schäringer ließ sich Zeit mit der Antwort und sah sich erst einmal im Büro um. Obwohl es sich um ein großes Eckzimmer mit drei Fenstern handelte, wirkte der Raum düster, was vor allem an den alten Möbeln aus dunklem Holz lag. An den Wänden standen Regale, in denen sich unzählige Aktenordner aneinanderreihten. Dazwischen hingen großformatige Bilder, die zeigten, wie das Gästehaus früher ausgesehen hatte. Der große Schreibtisch nahm einen beträchtlichen Teil des freien Raums ein. Auf einer Hälfte der Tischplatte lag ein unordentlicher Haufen Unterlagen und Papiere, als wäre alles schnell zur Seite geschoben worden, um Platz für den Computermonitor zu schaffen. Der Monitor, die Tastatur, die Maus, der dazugehörige Rechner, der neben dem Schreibtisch auf dem Teppichboden stand, und ein voller Aschenbecher waren die einzigen Gegenstände neueren Datums und wirkten an diesem Ort wie Anachronismen. Neben dem Zigarettenrauch roch es muffig, als wäre schon länger nicht mehr gelüftet worden, obwohl zwei der Fenster gekippt waren.

»Schönes Büro«, sagte Schäringer, obwohl er anderer Ansicht war.

Moritz sah sich um, als sähe er alles zum ersten Mal. Er seufzte. »Bis gestern war es noch das Büro meiner Mutter. Ich … ich glaube, ich muss es renovieren und neu einrichten lassen, bevor ich hier … arbeiten kann. Momentan habe ich ständig das Gefühl, meine Mutter steht hinter mir und schaut mir über die Schulter.« Er schüttelte sich, als würde er erschaudern.

Schäringer schätzte Moritz auf Mitte dreißig. Er war groß, mindestens eins fünfundachtzig, aber auch ziemlich übergewichtig, und hatte ein breites, schwammiges Gesicht mit hoher Stirn und ausgeprägten Geheimratsecken. Er war unrasiert und sah aus, als hätte er letzte Nacht nicht genug Schlaf bekommen. An den dicken Fingern der rechten Hand befanden sich hässliche gelbe Nikotinflecken. Das hellbraune Haar, das sich schon deutlich lichtete, war wie durch einen Axthieb exakt in der Mitte gescheitelt und glänzte fettig. Moritz trug einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd und eine schwarze Krawatte. Alle Kleidungsstücke sahen eine Nummer zu klein aus, als hätten sie eine ganze Weile vergessen im Kleiderschrank gehangen, während der Körper, für den sie einmal gekauft worden waren, allmählich seine Ausmaße verändert hatte. Der Kommissar glaubte sogar, trotz der anderen Gerüche unterschwellig einen Hauch von Mottenkugeln wahrzunehmen. Die Anzugjacke spannte vor allem an Schultern und Armen, die Hose an Bauch und Taille. Das Hemd stand zwischen den Knöpfen klaffend offen, als würden diese bei der nächsten unachtsamen Bewegung weggesprengt werden und wie Miniaturgeschosse durchs Zimmer fliegen.

»Ich möchte Ihnen zunächst unser Beileid zum Tod Ihrer Mutter aussprechen«, sagte Schäringer.

Baum schloss sich mit einem Nicken an. Er hatte sein Notizbuch gezückt, überließ die Gesprächsführung jedoch wie gewohnt seinem älteren Kollegen und wartete darauf, etwas notieren zu können.

»Danke.« Moritz wirkte noch immer sehr nervös. Er blinzelte, als ihm ein Schweißtropfen ins Auge lief, und wischte sich mit dem Ärmel des Jacketts den Schweiß von der Stirn. Dann steckte er den Zeigefinger hinter den Hemdkragen, um diesen ein bisschen zu lockern. Er holte mit hektischen Bewegungen eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug aus der Innentasche seines Jacketts, zündete sich jedoch noch keine an, sondern legte beides vor sich auf den Tisch. »Ich verstehe allerdings nicht, was Sie von mir wollen, Herr …«

»Schäringer.«

»Gestern waren nämlich schon zwei Polizisten hier, um mich vom … vom überraschenden Ableben meiner Mutter zu unterrichten. Weswegen sind Sie jetzt hier?«

»Ich kann nur noch einmal wiederholen, dass es uns wirklich leidtut, Sie stören zu müssen, Herr Moritz. Sie haben im Moment bestimmt viel zu tun.« Schäringer deutete auf den ungeordneten Haufen auf einer Seite des Schreibtischs.

Moritz sah die Unterlagen an, als ginge von ihnen eine höchst ansteckende, tödliche Krankheit aus, und nickte dann heftig. »Sie haben recht. Ich habe tatsächlich sehr viel zu tun.« Er gab den Kampf gegen seine Nikotinsucht auf und zündete sich eine Zigarette an. Sobald er den ersten Zug inhaliert hatte, schien er sich sichtlich zu entspannen. »Ich muss jetzt natürlich auch den Aufgabenbereich meiner Mutter übernehmen und mich einarbeiten. Außerdem muss ich mich auch noch um die Beisetzung meiner Mutter kümmern.«

»Ich hörte, dass Ihre Mutter bis zu ihrem Tod das Gästehaus leitete. Was war Ihre Aufgabe hier?«

»Ich … ich war sozusagen ihr Assistent.«

Schäringer nickte.

»Aber sagen Sie, Herr …«

»Schäringer.«

»Sind Sie etwa hier, weil Sie den Dreckskerl gefunden haben, der meine Mutter auf dem Gewissen hat?«

»Wieso denken Sie, dass es ein Mann war?«

Moritz zuckte so heftig zusammen, dass die Asche von seiner Zigarette fiel und auf der Schreibtischplatte landete. Er wischte sie mit der bloßen Hand weg und zuckte dann mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Das war eigentlich nur so dahergeredet.« Dann fiel ihm anscheinend etwas ein, denn sein Gesicht hellte sich auf. »Aber ich denke, eine Frau hätte angehalten und wäre nicht einfach davongefahren.«

Schäringer nickte erneut, als könnte er das Argument nachvollziehen.

Moritz’ Hände zitterten. Er drückte die Zigarette aus und steckte sich sofort die nächste zwischen die Lippen.

»Wir haben den Wagen gefunden, mit dem Ihre Mutter angefahren wurde«, sagte Schäringer unvermittelt und beobachtete die Reaktion des anderen Mannes. Dabei achtete er besonders auf die Mimik, die nur für den Bruchteil einer Sekunde im Gesicht des anderen aufblitzte, sogenannte Mikroexpressionen oder Mikromimik, und leicht übersehen werden konnte, die einem erfahrenen Beobachter aber Aufschluss über die wahren Emotionen hinter der Fassade gaben, die Moritz ihnen zeigte.

Moritz hatte gerade die Zigarette in seinem Mund mit der Feuerzeugflamme anzünden wollen, erstarrte nun jedoch, und sah den Kommissar aus weit aufgerissenen und rasch blinzelnden Augen an.

»Der Wagen war neben einem Feldweg gegen einen Baum geprallt und in Flammen aufgegangen.« Schäringer verschwieg, dass das Fahrzeug nicht aufgrund des Unfalls Feuer gefangen hatte, sondern dass jemand mit Benzin, Streichhölzern oder einem Feuerzeug wie das, das Moritz gerade in der Hand hielt, nachgeholfen hatte, denn dabei handelte es sich um Täterwissen, das sie momentan lieber noch für sich behalten wollten. »Die Fahrerin saß hinter dem Steuer und war tot.«

Moritz nahm die Zigarette aus dem Mund und ließ die Flamme des Feuerzeugs erlöschen. »Die Fahrerin? Dann war es also eine Frau?«

Schäringer nickte. »Ihr Name war Christiane Kauffmann. Kennen Sie sie?«

Moritz überlegte und zog dabei die Augenbrauen so stark zusammen, dass zwischen ihnen eine tiefe Falte entstand. Er hob die Hand, in der er die unangezündete Zigarette hielt, und rieb über seine Nasenspitze, wobei er mit der Handfläche den Mund verdeckte. Seine Augen wanderten von ihm aus gesehen nach rechts, als könnte er dort die Antwort auf die Frage des Kriminalbeamten ablesen. Dann schüttelte er den Kopf. »Nein! Tut mir schrecklich leid, Herr Schäringer, aber diesen Namen habe ich noch nie gehört. War sie von hier?«

»Ja«, antwortete Schäringer, ohne Einzelheiten preiszugeben.

»Kauffmann?«, sagte Moritz gedehnt, als müsste er den Namen auf der Zunge zergehen lassen, um sich besser erinnern zu können. »Nein. Der Name sagt mir trotzdem nichts.« Er schien sich plötzlich wieder an die Zigarette in seiner Hand zu erinnern, denn er steckte sie in den Mund, entzündete sie und legte das Feuerzeug dann auf die Schachtel. Dabei vermied er es, Schäringer anzusehen.

»Dann vielleicht Lisa Bernert?«

Moritz hatte noch immer den Kopf gesenkt und spielte mit dem Feuerzeug, indem er es wie einen Kreisel auf der Zigarettenschachtel drehen ließ. Er schüttelte den Kopf. »Nein. Wer ist das?«

»Eine Frau, die gestern ebenfalls verunglückte.«

Moritz strich mit der Zigarettenspitze über den Rand des Aschenbechers, um die Asche abzustreifen, und schien zu gefangen von dieser Tätigkeit, als dass er etwas darauf hätte erwidern können. Dann hob er jedoch den Blick, sah Schäringer blinzelnd an und sagte: »Ach ja. Ich glaube, ich habe heute Morgen in der Zeitung davon gelesen. Eine junge Frau, noch dazu schwanger, deren Wagen sich in einem Acker überschlug. Eine furchtbare Tragödie. Aber was hat das mit dieser Frau Kauffmann und dem Tod meiner Mutter zu tun?«

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