Kitabı oku: «DER WIDERSACHER»

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INHALTSVERZEICHNIS

COVER

TITEL

PROLOG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

ERSTER TEIL: DER LEBENDE TOTE

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

ZWEITER TEIL: DER GOURMET

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

DRITTER TEIL: DER TOD

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

VIERTEL TEIL: DER WIDERSACHER

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

EPILOG

Kapitel 28

NACHWORT

WEITERE TITEL DES AUTORS

LESEPROBE

Prolog: Die Kälte des Todes!

MITTWOCH

Kapitel 1: »Dafür sind Nachbarn doch da.«

PROLOG

Kapitel 1

Sobald sie in der Tiefgarage war, überkam Doris Sonntag stets ein überwältigendes Gefühl der Angst. Auch an diesem Abend war das nicht anders, obwohl die Garage des Hauses, in dem sie und ihr Mann eine Eigentumswohnung besaßen, hell ausgeleuchtet und überschaubar war. Bereits vor neun Jahren, kurz nach ihrem Einzug, hatte Doris auf der Eigentümerversammlung den Antrag gestellt, anstatt der trüben Funzeln hellere Lampen zu installieren. Der Antrag war von den anderen Wohnungseigentümern unterstützt und daher vom Hausverwalter umgehend in die Tat umgesetzt worden. Doch auch die bessere Beleuchtung half nichts gegen die tiefsitzende Angst, die sie jedes Mal empfand, sobald sie aus dem Aufzug trat oder mit dem Wagen in die Tiefgarage fuhr.

Dabei wusste sie als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ganz genau, dass ihre Ängste irrational oder zumindest deutlich übertrieben waren, da sie auf keiner realen Gefahr oder Bedrohung beruhten. Sie hatte auch noch nie ein traumatisches Erlebnis in einer Tiefgarage gehabt, das derartige Ängste nachvollziehbar erscheinen lassen würde. Doch trotz ihres Fachwissens konnte sie sich nicht davon befreien, sondern musste sich ihnen fünf Tage in der Woche mindestens zweimal täglich stellen. Immerhin hatte sie in der Nähe ihrer Praxis einen oberirdischen Stellplatz anmieten können, sodass sie dort nicht an jedem Arbeitstag haargenau in dieselbe Situation geriet.

Als sie nun ihren Wagen, einen obsidianschwarzen Mercedes CLS 350 Coupé, langsam durch die Tiefgarage lenkte, sah sie sich nervös in alle Richtungen um. Sie verrenkte sogar den Kopf, um in die hintersten Ecken sehen zu können. Gleichzeitig musste sie heftig schlucken, um den vermeintlichen Kloß zu entfernen, der in ihrem Hals steckte und ihr die Atmung erschwerte. Diese war ebenso wie ihr Herzschlag unwillkürlich schneller geworden, sobald sie den Wagen durch das geöffnete Tor auf die abwärts führende Rampe gefahren hatte.

Doris hatte erst vor wenigen Tagen ihren vierzigsten Geburtstag gefeiert. Sie war ein Meter sechsundsechzig groß, hatte eine knabenhaft schlanke Statur, kurze mittelbraune Haare und braune ausdrucksstarke Augen, bei denen ihre Patienten unwillkürlich das Gefühl hatten, sie könnte damit bis in die verborgensten Tiefen ihres Innersten blicken. Sie war heute etwas später als sonst dran, weil sie auf dem Heimweg von der Praxis noch am Supermarkt haltgemacht hatte. Normalerweise kauften sie und ihr Mann, der als Chirurg in einer Privatklinik für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie tätig war, samstags für die gesamte Woche ein. Doch vor einer Stunde hatte ihr Mann Dietmar angerufen und ihr mitgeteilt, dass er überraschend einen alten Studienfreund getroffen und heute Abend zum Essen eingeladen hatte. Doris konnte es nicht ausstehen, wenn ihr straffer, meistens minutiös durchgeplanter Tagesablauf durcheinandergewirbelt wurde, doch Dietmar schaffte es immer wieder, dass sie seinem sprunghaften Verhalten und seinen spontanen Einfällen nachgab und ihm nicht lange böse sein konnte. Deshalb hatte sie rasch alle Zutaten für eine Tomatensuppe als Vorspeise, einen gemischten Salat und provenzalisches Hähnchen mit Grillgemüse eingekauft. Sie war zwar, wie sie sich selbst gegenüber eingestehen musste, keine besonders gute Köchin, doch da sie die ausgewählten Gerichte inzwischen oft genug zubereitet hatte, würde es keine unliebsamen Überraschungen geben.

Als sie sich nun dem Doppelstellplatz näherte, der zu ihrer Wohnung gehörte, war Doris überzeugt, dass sich außer ihr niemand in der Tiefgarage aufhielt. Allerdings beruhigte sie dieser Gedanke nicht, da die irrationale Furcht, jemand könnte ihr an diesem Ort auflauern, sich von rationalen Überlegungen nicht im Mindesten beeindrucken ließ. Im Gegenteil, ihre Angst intensivierte sich sogar noch, denn solange sie im Wagen saß und die Türen verriegelt waren, fühlte sie sich noch verhältnismäßig sicher. Sobald sie allerdings geparkt hätte, würde sie den Wagen verlassen müssen, um ihre Einkäufe aus dem Kofferraum zu nehmen und zum Aufzug zu gehen. Zum Glück lagen ihre Stellplätze nicht weit davon entfernt, sodass sie nur wenige Meter zurücklegen musste. Für sie war es dennoch der nervenaufreibendste und gefühlt gefährlichste Teil ihres Weges in die Sicherheit, die die Fahrstuhlkabine ihr versprach.

Da das Einparken aufgrund der Pfeiler ein hohes Maß an Konzentration erforderte, war ihr eine kleine Atempause vergönnt, in der sie nicht so stark von ihren Ängsten geplagt wurde. Doch sobald das Auto stand und sie sich davon überzeugt hatte, dass sie rechts genug Platz für Dietmars Jaguar gelassen hatte, kehrte die Furcht in unverminderter Stärke zurück.

Doris stellte den Automatikhebel auf P, zog die Feststellbremse an und schaltete dann den Motor aus. Sobald das Motorbrummen verstummt war, verhielt sie sich eine Weile mucksmäuschenstill, hielt sogar den Atem an und lauschte aufmerksam. Doch über das rasche Klopfen ihres Herzens hinaus war nur das Knacken abkühlender Metallteile des erhitzten Motorblocks zu hören. Sie sah sich mit ruckartigen Bewegungen um, wobei sie wie ein aufgeregter Vogel wirkte, konnte jedoch nichts Verdächtiges entdecken.

Niemand da!

Sobald sie zu diesem Schluss gekommen war, hatte sie es eilig, den Wagen zu verlassen, denn sie wollte in der Aufzugskabine sein, bevor die Zeitschaltuhr dafür sorgte, dass das Licht in der Tiefgarage ausging. Erschaudernd erinnerte sie sich daran, wie sie einmal zu lange im Wagen sitzen geblieben war, weil sie zu ängstlich gewesen war, um auszusteigen. Auf dem Weg zum Fahrstuhl war es dann plötzlich dunkel geworden. Nur die Notbeleuchtung hatte gebrannt. Doris hatte geglaubt, sie würde an Ort und Stelle sterben, weil ihr Herz jäh zu schlagen aufgehört und sich geweigert hatte, seinen Dienst sofort wieder aufzunehmen. Doch dann hatte der Herzschlag zum Glück wieder eingesetzt, heftiger als je zuvor, und sie war wimmernd zum Fahrstuhl gerannt und hatte den erleuchteten Lichtschalter daneben betätigt, worauf es endlich wieder hell geworden war. Der furchtbare Vorfall hatte sie einige graue Haare und mit Sicherheit ein paar Jahre ihres Lebens gekostet. Damit er sich nicht wiederholte, hatte sie den Hausmeister gebeten, den Zeittakt der Tiefgaragenbeleuchtung zu verlängern. Es waren wahrscheinlich weniger ihre Worte, sondern eher der Hunderteuroschein gewesen, der den Mann schließlich davon überzeugt hatte, ihren Wunsch zu erfüllen, doch das war ihr egal, denn am Ende zählte nur das Ergebnis. Seitdem war sie nicht mehr von der Dunkelheit überrascht worden. Dennoch wusste sie, dass sie nicht trödeln durfte und sich beeilen musste.

Sobald sie sich ihre Handtasche geschnappt hatte und eilig ausgestiegen war, wurde das Angstgefühl in ihr intensiver und schnürte ihr die Kehle zu, sodass sie Schwierigkeiten hatte, genügend Luft zu bekommen. Der rationale Teil ihres Verstandes, der weiterhin in der Lage war, ihr zutiefst irrationales Verhalten zu analysieren, erklärte ihr im Tonfall eines gelangweilten Hochschulprofessors, dass die Angst zur Alarmreaktion ihres Körpers und damit zur Aktivierung verschiedener Körperfunktionen führte. Indem ihr Herz schneller schlug, ihre Atmung rascher erfolgte, die Muskeln sich am ganzen Körper anspannten und gleichzeitig sämtliche Sinnesorgane mit erhöhter Aufmerksamkeit reagierten, wurde sie in die Lage versetzt, rascher und effizienter auf eine mögliche Gefahr oder Bedrohung zu reagieren. Entweder indem sie sich der Gefahr durch Flucht entzog oder dieser in einem Kampf begegnete. Doch da nicht wirklich eine Gefahr drohte und die Angst daher irrational war, waren die Reaktionen ihres Körpers wie das Herzrasen, die Schwindelgefühle, die leichte Übelkeit und die Atemnot in diesem Fall wenig hilfreich und daher eher eine Belastung für sie.

Und obwohl sie sich ihrer Angststörung an jedem Arbeitstag morgens und abends aussetzen musste, war kein Gewöhnungseffekt eingetreten und war es ihr auch nicht gelungen, sie in den Griff zu bekommen. Aber immerhin schaffte sie es aufgrund ihrer nahezu täglichen Routine inzwischen, ein wenig besser damit umzugehen und angemessener darauf zu reagieren.

Doris wusste aus Erfahrung, dass sie die körperlichen Auswirkungen ihrer Angststörung für kurze Zeit komplett ignorieren konnte, indem sie sich stattdessen intensiv auf andere Dinge konzentrierte. Deshalb ging sie nun in Gedanken noch einmal die Zutatenliste für das Essen durch, das sie zubereiten wollte, sobald sie in ihrer Wohnung war und sich frischgemacht und andere Sachen angezogen hatte. Anschließend vergegenwärtigte sie sich in allen Einzelheiten geradezu bildhaft die jeweiligen Arbeitsschritte.

Während sie das tat, eilte sie zum Kofferraum ihres Wagens und entnahm ihm rasch die beiden Tüten mit den Einkäufen. Anschließend schloss sie den Kofferraum und verriegelte das Fahrzeug trotz ihrer Eile gewissenhaft, bevor sie sich schließlich in Bewegung setzte und zum Fahrstuhl lief, so schnell ihre Last es ihr erlaubte.

Das Geräusch ihrer eiligen Schritte wurde von den kahlen Betonwänden zurückgeworfen und verstärkt, sodass sie ihr überlaut vorkamen. Denn auch wenn sie sich gedanklich anderweitig beschäftigte, lauschte Doris weiterhin auf verdächtige Laute in ihrer Umgebung und sah sich wie ein hypernervöses Beutetier ständig um.

Erst als sie ohne Zwischenfall den Fahrstuhl erreicht und auf den Knopf gedrückt hatte, wagte sie es zum ersten Mal, erleichtert aufzuatmen. Es war ihr zwar von vornherein klar gewesen, dass ihr – wie unzählige Male zuvor – in der Tiefgarage keine reale Gefahr drohte, dennoch war sie heilfroh, dass sie wieder einmal recht behalten hatte.

Die Fahrstuhlkabine war in einem der oberen Stockwerke gewesen. Doris hörte, wie sie sich von dort aus in Bewegung setzte und nach unten fuhr. Sie wandte der Fahrstuhltür den Rücken zu, um die Tiefgarage weiterhin im Auge behalten zu können. Doch nun, da sie alsbald die Garage verlassen konnte und damit in Sicherheit war, legten sich sowohl ihre Angst als auch die physiologischen Reaktionen allmählich, die diese ausgelöst hatte. Doris erlaubte sich sogar ein angedeutetes Lächeln, als ihr bewusst wurde, dass sie es wieder einmal überstanden und gleichzeitig ihrer größten irrationalen Angst getrotzt hatte, ohne sich ihr zu unterwerfen. Schließlich könnte sie es sich auch einfach machen, indem sie Situationen, die diese Angst in ihr auslösten, komplett vermied und sich schlicht und einfach weigerte, die Tiefgarage auch nur zu betreten. Es war zwar schwierig, in dieser Gegend einen oberirdischen Parkplatz zu finden, aber nicht völlig unmöglich. Doch Doris betrachtete es als Therapie, sich ihrer Angst zu stellen, auch wenn diese Therapie in ihrem Fall bislang kaum angeschlagen hatte.

Erst als die Fahrstuhlkabine im Schacht hinter ihr ruckelnd zum Stillstand kam und sich die Tür öffnete, wandte sie sich um. Sie wollte den Aufzug rasch betreten und unverzüglich den Schalter für ihr Stockwerk drücken. Wenn sich die Tür dann endlich schloss, wäre sie endgültig in Sicherheit und könnte damit beginnen, sich zu entspannen.

Doch noch ehe Doris sich in Bewegung setzen konnte, trat jemand aus der Kabine und ihr entgegen.

Doris stieß vor Schreck einen Schrei aus. Sie ließ die beiden Tüten mit ihren Einkäufen sowie ihre Handtasche fallen. Dann fasste sie sich mit beiden Händen an die Brust, weil sie befürchtete, diesmal den tödlichen Herzinfarkt zu bekommen, mit dem sie schon damals gerechnet hatte, als das Licht ausgegangen war. Gleichzeitig schalt sie sich selbst für ihre Dummheit, denn zweifellos war es nur einer der anderen Hausbewohner, der zu seinem Wagen wollte und über die unerwartete Begegnung nun ebenso erschrocken wie sie war.

Die Einkaufstüten prallten mit einem dumpfen Laut rechts und links von ihr auf den Boden. Etwas Gläsernes in ihrem Innern zerbrach mit einem lauten Klirren, worüber Doris sich trotz ihres Schrecks unwillkürlich ärgerte.

Doch ihr Ärger verflog augenblicklich, als ihr Blick auf ihr Gegenüber fiel. Erstens erkannte sie in ihm keinen der anderen Hausbewohner wieder, die sie fast alle persönlich kannte, wenn auch nur von kurzen Begegnungen im Treppenhaus oder von den jährlichen Eigentümerversammlungen. Zweitens machte er keinen erschrockenen, sondern einen eher zielgerichteten Eindruck. Und drittens sah er darüber hinaus auch noch extrem merkwürdig aus.

Er war groß und überragte sie um mehr als einen ganzen Kopf, wirkte aber noch deutlich größer, weil er beinahe skelettartig dünn war. Der Eindruck eines lebenden Toten, den er bei seinen Mitmenschen unwillkürlich erwecken musste, wurde durch den Rest seiner Erscheinung noch verstärkt. So hatte er unter anderem das fahle Äußere eines blutleeren Leichnams und extrem kurz geschnittenes weißblondes, fast durchscheinend wirkendes Haar, durch das seine geäderte Kopfhaut zu sehen war. Seine grauen, leblos erscheinenden Augen lagen tief in den dunkel umrandeten Höhlen seines an einen Totenschädel erinnernden Kopfes. Darüber hinaus verströmte er einen unangenehmen Geruch, der sie unwillkürlich an Beerdigungen denken ließ. Er war von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, was seine Gesichtshaut noch bleicher wirken ließ, und trug schwarze enganliegende Lederhandschuhe.

In dem kurzen Augenblick, den Doris benötigt hatte, um all diese Einzelheiten in sich aufzunehmen, hatte der unheimliche Mann sie bereits erreicht. Und bevor sie in irgendeiner Form darauf reagieren konnte, prallte er gegen sie und stieß sie mit beiden Händen kräftig zu Boden. Sie schrie ein weiteres Mal, doch der Schrei endete wie abgeschnitten, als ihr Hinterkopf heftig und schmerzhaft auf den Betonboden prallte, sodass sie für einen kurzen Moment das Bewusstsein verlor. Sie erlangte es zwar sofort wieder, war jedoch leicht benommen und stöhnte leise.

Der Angreifer gönnte ihr allerdings keine Atempause. Er setzte sich rittlings auf ihren Brustkorb, sodass er mit den Unterschenkeln ihre Arme gegen den Boden pressen konnte.

Als die Benommenheit endlich wich und Doris realisierte, dass ihre irrationale Angst plötzlich Wirklichkeit geworden war, begann sie, sich panisch zur Wehr zu setzen. Ihre eingeklemmten Arme waren nutzlos, deshalb wand sie sich wie eine Schlange, um den Mann abzuwerfen. Doch obwohl er erschreckend mager war und nur wenig mehr als sie wiegen mochte, lastete er wie ein Tonnengewicht auf ihr und drückte ihren Körper und ihre Arme zu Boden. Sie hob daher die Beine und trommelte mit den Knien gegen seinen Rücken. Doch das schien ihn ebenfalls nicht besonders zu beeindrucken; er verzog lediglich das Gesicht zur Grimasse eines Totenkopfgrinsens und lachte meckernd.

Aufgrund der Erfolglosigkeit ihrer Bemühungen änderte Doris daraufhin ihre Taktik. Sie riss den Mund weit auf und schrie so laut, wie sie es noch nie in ihrem Leben getan hatte und hoffentlich auch nie wieder tun musste. Womöglich war einer der anderen Hausbewohner zufällig in der Nähe, hörte ihren Schrei und kam ihr zu Hilfe.

Doch der skelettartige Mann legte ihr blitzschnell die linke Hand auf dem Mund und drückte mit dem Daumen ihren Unterkiefer nach oben, sodass ihr Schrei augenblicklich erstickt wurde und sie ihn nicht beißen konnte. Auch wenn er überhaupt nicht danach aussah, schien er erstaunlich kräftig zu sein, denn obwohl Doris erbittert dagegen ankämpfte, war sie gezwungen, den Mund zu schließen, bis ihre Lippen so fest aufeinandergepresst wurden, dass es schmerzte.

»Spar dir deinen Atem«, sagte der Mann in einem leisen Flüstern, sodass Doris sich anstrengen musste, um ihn überhaupt zu verstehen. Dann beugte er sich nach vorn und sah sie mit seinen Leichenaugen eindringlich an. »Schließlich brauche ich ihn noch.«

Obwohl es weder der rechte Ort noch die richtige Zeit dafür war, dachte Doris automatisch über seine rätselhaften Worte nach. Was meint er damit?, fragte sie sich. Worauf unvermittelt die viel bedeutsamere Frage folgte: Und was hat er mit mir vor?

Sie dachte zunächst an einen Raubüberfall. Immerhin befanden sie sich hier in einem Gebäude mit großzügigen und exklusiven Eigentumswohnungen, in denen vorwiegend wohlhabende Leute wohnten. Außerdem ließ das Äußere des Mannes vermuten, dass er möglicherweise drogenabhängig war und dringend Geld für seinen nächsten Schuss benötigte. Allerdings machte er auf sie überhaupt nicht den Eindruck eines Junkies. Also vermutlich doch kein Raubüberfall.

Aber was dann?

Der zweite Gedanke, den sie zunächst verdrängt, der ihr nun aber immer wahrscheinlicher vorkam, war erschreckender: Er will mich vergewaltigen!

Doris schüttelte den Kopf, so gut es die Hand auf ihrem Mund zuließ, während ihr Tränen in die Augen traten und ihre Sicht verschleierten.

»Hab keine Angst«, flüsterte er, als könnte er ihre Gedanken lesen. »Alles, was ich von dir will, ist deine Atemluft.«

Obwohl Doris fürchterliche Angst hatte, runzelte sie ob der Worte des Mannes verwirrt die Stirn, während die Psychiaterin in ihr versuchte, einen Sinn darin zu erkennen und gleichzeitig eine Diagnose zu stellen.

Was stimmt mit dem Kerl nicht?

Erneut kam es ihr so vor, als hätte der skelettartige Mann ihre Gedanken gelesen. Aber vermutlich konnte er ihr die Verwirrung an den Augen ablesen oder ihre Körpersprache richtig deuten.

»Ich bin tot und verwese allmählich«, hauchte er und nickte dann nachdrücklich, als hätte sie ihm widersprochen. »Und um die Verwesung meines Körpers aufzuhalten oder zumindest zu verlangsamen, benötige ich deine Atemluft.«

Trotz ihrer Angst war Doris in der Lage, sofort eine Diagnose zu stellen. Der Mann litt vermutlich am sogenannten Cotard-Syndrom. Bei diesem Wahn, der im englischen Sprachraum auch Walking Corpse Syndrome genannt wird, ist die betroffene Person davon überzeugt, sie sei tot, existiere nicht, verwese oder habe ihr Blut und ihre inneren Organe verloren. Das Cotard-Syndrom, benannt nach dem französischen Neurologen Jules Cotard, der es als Erster beschrieb, ist häufig eine Folge schwerer Hirnerkrankungen.

Der Verstand der Psychiaterin lieferte ihr wie ein zuverlässiger Computer weitere Daten zum geschichtlichen Hintergrund, zur Symptomatik, zur Pathophysiologie und zur Behandlung dieses Krankheitsbildes. Allerdings zeigte er ihr keine Möglichkeit, wie ihr dieses Wissen in ihrem gegenwärtigen Zustand helfen sollte. Das frustrierte sie, sodass sie all das theoretische Wissen kurzerhand verwarf und ihre Überlegungen stattdessen darauf konzentrierte, was sie tun sollte.

Der Wunsch des Mannes nach ihrer Atemluft erschien ihr eher harmlos. Anscheinend glaubte er in seinem Wahn, er könnte damit die Verwesung seines Körpers aufhalten, von der er überzeugt zu sein schien. Wenn dieser durchgeknallte Irre – als Frau vom Fach vermied Doris eigentlich derartiges Vokabular, doch in der gegenwärtigen Situation scherte sie sich nicht darum – also unbedingt ihre Atemluft wollte, dann konnte er sie gerne haben. Hinterher würde sie sich einfach den Mund abwaschen und gründlich mit einem Mundhöhlenantiseptikum ausspülen.

Um ihm zu signalisieren, dass sie ihm ihren Atem geben wollte, nickte Doris zustimmend.

Sofort verzog er das Gesicht wieder zu seinem unangenehmen Totenkopfgrinsen, das sie erneut erschaudern ließ. »Ich wusste, dass du vernünftig bist«, flüsterte er. »Schließlich bist du Psychiaterin, und mit denen kenne ich mich aus.«

Seine Worte überraschten sie nicht, denn bei seiner Erkrankung musste er eine entsprechende Vorgeschichte und bereits Erfahrungen mit Psychologen und Psychiatern gemacht haben, doch dieses Wissen war im Moment zweitrangig. Wichtig war, dass sie das Beste aus dieser Situation machte und unversehrt davonkam. Sobald er erst einmal seine Hand von ihrem Mund genommen hätte, könnte sie mit ihm reden. Schließlich war das ihr Job, und sie war ausgebildet worden, mit psychisch gestörten Menschen wie ihm umzugehen.

Doch er nahm die Hand nicht von ihrem Mund. Stattdessen griff er mit der anderen Hand unter die leichte Windjacke, die er trug.

Doris schielte ängstlich dorthin, wo seine Hand verschwunden war. Eisiges Entsetzen durchfuhr sie, als die Hand mit einem Messer wieder zum Vorschein kam. Es besaß eine schmale, beidseitig geschliffene Klinge und sah wie ein Brieföffner aus. Doris wollte wieder schreien, doch da seine linke Hand unverrückbar auf ihrem Gesicht lag und ihren Mund verschloss, wurde daraus nur ein unterdrücktes Wimmern.

»Pssssst!«, machte der Mann tadelnd und schüttelte den Kopf. »Wehr dich nicht dagegen, denn ich würde dir ungern mehr als unbedingt nötig wehtun.« Anschließend setzte er die Klingenspitze in der Höhe ihres Herzens unter ihre linke Brust und übte ein klein wenig Druck aus, sodass die Klinge sowohl ihre Kleidung als auch die obersten Hautschichten durchstieß.

In diesem Moment gingen die Deckenlampen in der Tiefgarage aus. Doch aus dem Fahrstuhl, dessen Tür der Mann blockiert haben musste, sodass sie noch immer offenstand, fiel weiterhin Licht auf die beiden Menschen.

Doris stöhnte vor Schmerzen und sog durch die Nase Luft ein, denn mehr war ihr nicht möglich. Sie versuchte, den Kopf herumzuwerfen, um die Hand auf ihrem Mund loszuwerden, doch der Mann ließ sie nicht los. Erneut wollte sie sich aufbäumen und ihn abwerfen, aber auch das ließ er nicht zu.

Er verstärkte den Druck auf das Messer, dessen Klinge langsam, aber unerbittlich tiefer in ihren Körper eindrang.

Der Schmerz durchfuhr ihren Körper wie ein Blitzstrahl. Es fühlte sich an, als würde sie von einem weißglühenden Eisendorn durchbohrt werden. Doris atmete keuchend und stoßweise durch die Nase.

Der Mann beugte sich noch weiter herunter, bis sein Totenschädelgesicht, auf dem ein erwartungsvolles Lächeln lag, unmittelbar über dem ihren schwebte. Dann nahm er rasch die Hand vor ihrem Gesicht, hielt ihr stattdessen mit Daumen und Zeigefinger die Nase zu, öffnete den Mund ganz weit und presste schließlich seine Lippen auf ihre.

Doris hielt unwillkürlich die Luft an.

Das schien ihm nicht zu gefallen, denn augenblicklich schob er die Messerklinge ein gutes Stück weiter in sie hinein.

Vor Schmerz stieß sie die angehaltene Luft aus, die er daraufhin gierig in sich einsog.

Er nahm seinen Mund von ihrem und sagte: »Atme!«

Doris blieb nichts anderes übrig, als nach Luft zu schnappen. Kaum hatte sie das getan, presste er seinen Mund wieder auf ihren und schob das Messer erneut tiefer in ihren Körper, sodass sie gezwungen war, auszuatmen.

Der Schmerz in ihrer Brust wurde immer stärker, je tiefer sich die Klinge hineinbohrte, sodass sie sich nur noch darauf konzentrieren konnte und kaum etwas anderes wahrnahm. Deshalb bekam sie nicht mit, wie oft ihr Angreifer seine Aktion wiederholte und die Luft inhalierte, die sie ausatmete.

»Gleich ist es vorbei«, sagte er, wie ihr schien, nach einer Ewigkeit flüsternd.

Doris hätte daraufhin Todesangst empfinden müssen, doch über diesen Punkt war sie längst hinaus. Alles, was sie fühlte, war grenzenlose Erleichterung, dass die Qualen endlich ein Ende haben würden.

Schließlich explodierte der Schmerz in ihrer Brust, als er das Messer bis zum Heft hineindrückte und ihr Herz durchbohrte, und überrollte ihren Verstand wie eine lodernde Feuersbrunst.

Gierig inhalierte er ihren letzten Atemzug, bis ihre Atmung schließlich versiegte, hob den Kopf und blickte in ihre brechenden Augen.

»Ich danke dir.«

Sein Flüstern war das Letzte, was sie in dieser Welt wahrnahm. Es begleitete sie, tausendfach widerhallend, als ihr Bewusstsein in den Abgrund jenseits des Todes stürzte.

Sobald die Frau tot war, richtete sich der skelettartige Mann auf und kam auf die Beine. Er trat einen Schritt zurück und sah sich um. Während er die letzten Atemzüge seines Opfers inhaliert, sie gleichzeitig getötet und dadurch gewissermaßen ihr Leben eingeatmet hatte, war es ihm nicht möglich gewesen, auf seine Umgebung zu achten. In diesen ekstatischen Momenten war daher die Gefahr am größten, dass jemand zufällig des Weges kam und ihn auf frischer Tat überraschte. Doch er und der Leichnam der Psychiaterin waren noch immer allein in der dunklen Tiefgarage.

Erneut warf er einen Blick auf sein Opfer, das im Licht, das aus dem Fahrstuhl nach draußen fiel, so aussah, als schliefe es nur. Er war der Frau zutiefst dankbar, dass sie ihm ihre letzten Atemzüge geschenkt und sein Leben für ihn gegeben hatte, auch wenn sie es natürlich nicht freiwillig getan hatte. Doch er spürte bereits, wie es wirkte, denn er fühlte sich kraftvoller und energiegeladener als zuvor. Und der Geruch der Verwesung, der ihn seit seinem Tod umgab und in der Regel sein ständiger Begleiter war, war nicht mehr wahrnehmbar. Allerdings würde die Wirkung nicht allzu lange anhalten und den Zerfall seines toten Körpers letztendlich nur hinauszögern.

Jäh besann er sich darauf, wo er war und dass noch immer die akute Gefahr bestand, dass jemand kam und ihn am Tatort ertappte. Deshalb riss er schließlich den Blick von seinem Opfer los.

Er sah den Schweizer Dolch in seiner Hand an, an dem noch immer das Blut der Frau klebte. Rasch bückte er sich und wischte die Klinge aus Torsionsdamast an ihrem Blazer sauber. Anschließend steckte er den Dolch zurück in die Scheide, die er verborgen unter seiner Jacke trug, und holte stattdessen einen transparenten Tiefkühlbeutel heraus. Dieser enthielt einen einzigen Gegenstand, den er behutsam entnahm und unmittelbar neben der Stichwunde, die inzwischen zu bluten aufgehört hatte, auf dem Leichnam deponierte. Anschließend wandte er sich ab und trat in den Aufzug. Er beseitigte die Türblockade und drückte den Knopf fürs Erdgeschoss. Ihm war noch ein allerletzter kurzer Blick auf sein jüngstes Opfer vergönnt, bevor sich die Tür schloss und der Fahrstuhl mit einem leichten Ruck in Bewegung setzte.

Kapitel 2

Ralf Kohler wischte den Spiegel ab, der nach dem Duschen beschlagen war, und betrachtete dann sein darin leicht verschwommen sichtbares Ebenbild. Mit dem, was er sah, war er höchst zufrieden, sodass er nicht anders konnte, als breit zu grinsen. An den strahlend weißen Zähnen in seinem Gesicht mit den männlich markanten Zügen, die das Bild der Perfektion ergänzten, das er abgab, hatte sein Zahnarzt ein kleines Vermögen verdient. Kein Wunder, dass der Mann jetzt einen Porsche fuhr. Aber nach Kohlers Meinung hatte er sich das Geld redlich verdient, denn er hatte wahrhaftig hervorragende Arbeit geleistet.

Kohler hob die Arme und spannte die Muskeln an. Er wandte den Kopf zuerst nach rechts und dann nach links und betrachtete selbstgefällig seine ausgeprägten Bizepse, für deren Aufbau er nicht nur lange schweißtreibende Stunden in der Muckibude verbracht, sondern auch haufenweise Proteine und Anabolika geschluckt hatte. Doch auch das hatte sich, wie er fand, ausgezahlt.

Er entspannte seine Muskeln wieder und ließ die Arme sinken. Anschließend kehrte sein Blick zu seinem Spiegelbild zurück. Mit argwöhnischer Miene und zusammengekniffenen Augen, denn er war etwas kurzsichtig, suchte er seinen nur mit einem um die Hüften geschlungenen Badetuch bekleideten Körper nach einem Makel ab. Er konnte jedoch keinen finden. Mit einer Körpergröße von zwei Metern und zwei Zentimetern – auf die beiden Zentimeter legte er großen Wert, denn sie hoben ihn von all den gewöhnlichen Zweimetermännern ab – und dem muskulösen Körper eines durchtrainierten Bodybuilders sah er nicht nur äußerst eindrucksvoll, sondern geradezu ehrfurchtgebietend aus. So mancher hatte ihn schon mit dem jungen Arnold Schwarzenegger verglichen, auch wenn Kohler der Meinung war, dass ihm der Vergleich nicht wirklich schmeichelte, weil er viel besser aussah als Arnie zu seinen besten Zeiten.

Begegnete Kohler anderen Männern, erfüllte es ihn jedes Mal mit Genugtuung und Stolz, wenn sie nach einem ängstlichen Blick auf seine Körpergröße und enorme Muskelmasse sofort respektvoll zur Seite traten, um ihm Platz zu machen. Er liebte es, von anderen geachtet und gleichzeitig gefürchtet zu werden. Aus diesem Grund war es nur naheliegend gewesen, dass er sich nach dem Abschluss der Mittelschule bei einem Münchner Wach- und Sicherheitsdienst als Personenschützer beworben hatte. Und obwohl er keine militärische oder polizeiliche Ausbildung genossen hatte und keine einzige Form der waffenlosen Selbstverteidigung beherrschte, war er sofort eingestellt worden, denn in der Regel genügte schon sein bloßer Anblick, um andere Menschen einzuschüchtern und nicht auf dumme Gedanken kommen zu lassen.

Kohler war hauptsächlich im Personenschutz, bei Bedarf aber auch immer mal wieder als Chauffeur sowie im Objekt- und Veranstaltungsschutz tätig. Von seinen Bekannten wurde er wegen seines Jobs als Schutzengel der Reichen und Berühmten Angel genannt. Allerdings erst, als er eines Abends selbst den Namen ins Spiel gebracht hatte.

Nachdem er keinen offensichtlichen Makel in seiner äußeren Erscheinung gefunden hatte, hob Kohler die rechte Hand und fuhr sich mit den Fingern durch sein dunkelbraunes Haar, das noch nass und eine seiner wenigen Schwachstellen war. Obwohl er erst dreißig Jahre alt war, hatte sein Kopfhaar bereits frühzeitig damit begonnen, zu ergrauen und sich an der Stirn und am Oberkopf deutlich sichtbar zu lichten. Der plastische Chirurg hatte ihm erklärt, dass der Haarausfall und das Ergrauen in seinem Fall neben den Steroiden, die er zu sich nahm, auch genetische Gründe hatten. Es war ein Erbe seines Vaters, der bereits mit fünfunddreißig Jahren nur noch einen mickrigen silbernen Haarkranz besessen hatte, der ihn um mindestens fünfzehn Jahre älter gemacht hatte. Da Kohler darauf absolut keine Lust hatte, hatte er sich 1.500 Haarwurzeln aus dem Hinterkopf entnehmen und im Stirnbereich und am Oberkopf einsetzen lassen. Außerdem ließ er seine Haare regelmäßig färben. Mit dem Ergebnis war er vollauf zufrieden, denn mittlerweile merkte niemand mehr, dass sein Haar einmal eine seiner Problemzonen gewesen war.

Problem Nummer zwei waren seine Augen. Er litt seit seinem zwanzigsten Lebensjahr unter einer leichten Kurzsichtigkeit, die sich in letzter Zeit zu verschlimmern schien. Allerdings war er zu eitel, um eine Brille zu tragen. Außerdem fand er, dass ein Personenschützer mit Brille auf der Nase höchst uncool war. Deshalb hatte er es mit Kontaktlinsen versucht. Doch er schaffte es einfach nicht, sich die Linsen in die Augen zu setzen. Sein Lidschlussreflex, der das Augenlid jedes Mal unmittelbar vor dem Einsetzen automatisch schloss, machte ihm immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Das wunderte ihn allerdings nicht, denn seine Augen waren schon immer seine sensible Zone gewesen. Bereits als Kind hatte er Probleme gehabt, sich Tropfen ins Auge zu träufeln. Vor allem im Job bemühte er sich daher, sich von seiner Kurzsichtigkeit nichts anmerken zu lassen und sich irgendwie durchzumogeln. Bisher war ihm das gelungen, ohne dass jemand Verdacht geschöpft hatte, doch wenn sich die Sehschwierigkeiten verstärkten, musste er wohl oder übel allmählich doch über eine Brille nachdenken.

Kohler seufzte. Nachdem sein nahezu perfekter Adoniskörper ihn vor wenigen Augenblicken noch mit so viel Freude erfüllt hatte, wollte er sich den Abend nicht vermiesen lassen, indem er noch länger über seine Kurzsichtigkeit nachgrübelte. Deshalb verdrängte er das Thema kurzerhand aus seinem Bewusstsein. Doch da eins meist zum anderen führte, machte er sich plötzlich Gedanken über seine Erektionsstörungen, womit er unversehens und ungewollt beim Problembereich Nummer drei angelangt war. Er hatte den starken Verdacht, dass es vor allem an den Anabolika lag, dass er nicht nur ordentlich Muskeln aufgebaut, sondern inzwischen immer größere Schwierigkeiten hatte, einen Ständer zu bekommen. Doch da er gegenüber Frauen ohnehin unerwartet schüchtern war, war es bislang kein riesiges Problem für ihn gewesen. Dennoch machte er sich gelegentlich Gedanken, ob es nicht doch besser wäre, auf Steroide zu verzichten. Aber dann, so befürchtete er, würde er einen Teil seiner eindrucksvollen Muskelmasse und vielleicht sogar seinen Job verlieren. Außerdem fürchtete er mögliche Entzugserscheinungen. Also kam ein Verzicht auf Anabolika für ihn im Grunde überhaupt nicht infrage, sodass es sich gar nicht lohnte, darüber nachzugrübeln.

Erneut seufzte Kohler tief, bevor er all die negativen Gedanken aus seinem Bewusstsein verdrängte. Ein letzter Blick in den Spiegel auf seinen athletisch wirkenden gebräunten Körper hob seine Stimmung sofort wieder und ließ ihn erneut breit grinsen, sodass seine unnatürlich weißen Zähne im Lichtschein der Beleuchtung aufblitzten. Dann wandte er sich ab, verließ das Badezimmer und schaltete das Licht aus.

Auf dem Weg durch den Flur zum Schlafzimmer, wo er seine Kleidung für diesen Abend bereits vor dem Duschen ausgewählt und aufs Bett gelegt hatte, sang er leise vor sich hin: »I’m too sexy for my love, too sexy for my love …«

Doch als er gerade die Kommode passierte, auf der sein Smartphone lag, gab dieses plötzlich die Tonfolge für einen eingehenden Anruf von sich, sodass er unwillkürlich erschrak und verstummte.

»Irgendwann bekomme ich noch einen Herzinfarkt«, murmelte er, wovor er tatsächlich große Angst hatte. Denn der längerfristige Konsum anaboler Steroide führte nach Meinung anerkannter Experten nicht nur zu einer gestörten Spermienproduktion, Schrumpfhoden und Unfruchtbarkeit, sondern erhöhte auch das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko. Doch ebenso wie ein nikotinabhängiger Raucher, den auch keine noch so furchtbaren Schockbilder möglicher gesundheitlicher Folgen auf Zigarettenschachteln vom Rauchen abhielten, ignorierte Kohler sämtliche Risiken, die die Einnahme von Anabolika für ihn bedeuten konnten.

Er griff nach seinem Handy und warf einen Blick auf das Display, um zu sehen, wer ihn anrief. Es handelte sich jedoch um eine unbekannte Nummer. Da er auf dem Telefon allerdings nur wenige Kontakte gespeichert hatte, kam das oft vor. Deshalb dachte er sich nichts dabei und nahm den Anruf entgegen.

»Ja?«

»Spreche ich mit Ralf Kohler, der von seinen wenigen Freunden auch Angel genannt wird?«, fragte die tiefe Bassstimme eines Mannes.

Kohler runzelte verwirrt die Stirn. Er kannte die Stimme nicht, die aufgrund ihrer Tiefe auf ihn allerdings unwillkürlich einschüchternd wirkte. Aber vielleicht erlaubte sich einer seiner Bekannten einen Spaß mit ihm und hatte einen Freund gebeten, ihn anzurufen. Deshalb beschloss er, erst einmal mitzuspielen, um den Spieß dann umzudrehen und dem Anrufer und seinem Freund den Spaß zu verderben.

»Ja, der bin ich. Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?«

»Ich bin der Tod!«

Kohler machte ein verdutztes Gesicht und sah sich dabei in dem mannshohen Spiegel an, der im Flur hing. Es gab noch weitere Spiegel, die in der ganzen Wohnung verteilt waren, ebenso wie unzählige Fotografien von ihm selbst, denn Kohler konnte nicht genug von seinem Ebenbild bekommen. Als er jetzt seinen entgeisterten Gesichtsausdruck sah, musste er unwillkürlich grinsen. Zuerst hatten ihn die Worte des Anrufers, vor allem wegen der tiefen Stimme und seiner Ernsthaftigkeit, erschreckt, doch jetzt fand er es nur noch lächerlich. Aber anstatt der Farce ein schnelles Ende zu bereiten, indem er das Gespräch beendete, spielte er den Ahnungslosen.

»Wer, sagten Sie, sind Sie noch mal? Ich hab es leider akustisch nicht richtig verstanden. Es klang doch tatsächlich so, als behaupteten Sie, Sie wären … der Tod.«

»Du hast schon richtig verstanden, Angel«, antwortete die tiefe Stimme, in der keine Spur von Humor mitschwang, was Kohler, auch wenn er noch immer überzeugt war, dass er hier nach Strich und Faden verarscht werden sollte, dennoch ein unwohles Gefühl und eine Gänsehaut bescherte. »Ich bin tatsächlich der Tod!«

Kohler lachte, obwohl es etwas aufgesetzt klang. »Und weswegen rufen Sie mich an, Herr … Tod?« Er bemühte sich, das letzte Wort möglichst hämisch auszusprechen, doch da seine Stimme dabei leicht zitterte, misslang sein Vorhaben.

»Ich wollte dir nur sagen, dass ich in diesem Moment auf dem Weg zu dir bin, um dich zu holen, Angel.«

Kohler konnte im Spiegel mitansehen, wie das unechte Lächeln auf seinem Gesicht zerfloss und sich in einen Ausdruck der Wut verwandelte, denn allmählich ging der Anrufer entschieden zu weit. Für einen Spaß war Kohler immer zu haben, solange er nicht auf seine Kosten ging. Aber was der Kerl hier tat, war kein Spaß mehr. »Jetzt hör mir mal gut zu, du dummes Arschloch«, sagte er daher, spannte die Muskeln an und ballte die linke Hand unwillkürlich zur Faust. »Das ist nicht witzig. Also hör sofort auf damit und sag mir, was dieser Scheiß soll!«

»Ich sagte dir doch schon, was ich vorhabe. Ich komme, um dich zu holen.«

Kohler schnaubte verächtlich. Die absolut humorfreie tiefe Stimme erfüllte ihn zwar immer stärker mit Unbehagen, doch er hatte nicht vor, sich davon beeindrucken zu lassen. Immerhin war er ausgebildeter Personenschützer und würde sich daher von irgendeinem dahergelaufenen Idioten nicht ins Bockshorn jagen lassen. »Hör zu, Arschloch. Ich glaube nicht, dass du wirklich den Mumm hast, zu mir zu kommen, denn in Wahrheit bist du nur ein perverser Schwächling, der am Telefon eine große Klappe hat, aber den Schwanz einzieht, wenn es darauf ankommt. Aber komm ruhig her, wenn du dich traust. Mach dich allerdings darauf gefasst, dass ich dir dann deine hässliche Fresse poliere und anschließend den Boden damit aufwische.« Den letzten Satz hatte Kohler mal irgendwo gehört und sich gemerkt, um ihn irgendwann selbst zum Besten geben zu können.

»Bis gleich!«, erwiderte der Anrufer daraufhin nur und legte auf.

Kohler nahm das Telefon vom Ohr und starrte es für ein paar Sekunden ungläubig an. Dann schnaubte er noch einmal kopfschüttelnd und legte es zurück auf die Kommode.

»Was war das denn, verdammt noch mal?«, fragte er sein Spiegelbild, das ebenso ratlos aussah, wie er sich fühlte. Das unbehagliche Gefühl, das ihm die tiefe Stimme und die Worte des Anrufers bereitet hatten, erfüllte ihn noch immer. Doch da er davon überzeugt war, dass der Kerl nur heiße Luft von sich gegeben hatte, schüttelte er es einfach ab. Immerhin hatte er diesem Perversling gehörig den Spaß verdorben, indem er sich am Telefon unbeeindruckt gezeigt hatte. Vermutlich rief der Kerl in diesem Moment bereits die nächste Nummer auf seiner Liste an und hoffte, dass er damit mehr Erfolg hatte.

Kohler beschloss, den merkwürdigen Anruf so schnell wie möglich wieder zu vergessen, was ihm in der Regel leichtfiel, und überlegte stattdessen konzentriert, was er eigentlich vorgehabt hatte, bevor das Telefon ihn dabei gestört hatte. Bei einem erneuten Blick auf sein eindrucksvolles Spiegelbild fiel es ihm wieder ein, denn er trug noch immer nicht mehr als ein Badetuch um die Hüften.

Er eilte daher ins Schlafzimmer, riss das Handtuch von seinem Körper und ließ es einfach zu Boden fallen, wie er es immer tat. Die Putzfrau, die zweimal in der Woche kam, würde sich schon darum kümmern. Dann nahm er seine Armbanduhr, eine Rolex Oyster Perpetual 34, und legte sie an. Es war zwar ein günstigeres Modell, das ihn, da er es unter der Hand erworben hatte, nur 2.000 Euro gekostet hatte, aber immerhin war es eine echte Rolex und machte etwas her. Als er einen Blick auf das schwarze Ziffernblatt warf, sah er, dass er noch genug Zeit hatte. Er war an diesem Abend mit zwei seiner Kollegen verabredet. Sie wollten zusammen in einen Club gehen. Und da er am nächsten Tag nicht arbeiten musste, würde es vermutlich spät werden.

Vor der verspiegelten Front des riesigen Kleiderschranks zog er sich einen knappen weißen Slip und weiße Socken an, die sich deutlich von seiner gebräunten Haut abhoben. Er nahm verschiedene Posen ein, ließ die Muskeln spielen und betrachtete sich dabei im Spiegel. Anschließend schlüpfte er in eine hellgraue Leinenhose, ein naturweißes Hemd, das wie angegossen passte und daher seine ausgeprägte Brust- und Schultermuskulatur besonders hervorhob, und schließlich ein hellgraues Leinensakko. Die Sachen hatte er erst vor wenigen Tagen gekauft. Als er sich anschließend im Spiegel betrachtete, kehrten sowohl seine gute Laune als auch sein breites Grinsen zurück, und der merkwürdige Telefonanruf war längst vergessen.

»Wow, siehst du heute Abend aber wieder mal gut aus!«, sagte er zu seinem Spiegelbild und zwinkerte ihm zu. Als er das Schlafzimmer verließ, sang er erneut ein paar der wenigen Zeilen des Liedes I’m Too Sexy von Right Said Fred, die er auswendig kannte: »I’m too sexy for my shirt, too sexy for my …«

Doch er verstummte wie abgeschnitten und blieb wie zur Salzsäule erstarrt stehen, als er im erleuchteten Flur angekommen war und plötzlich eine Gestalt im dunklen Wohnzimmer stehen sah.

Der Eindringling wandte ihm den Rücken zu und sah aus dem Fenster auf die Straße, als gäbe es dort etwas besonders Interessantes zu sehen. Entweder hatte der Mann noch nicht bemerkt, dass Kohler aus dem Schlafzimmer gekommen war, was eher unwahrscheinlich war, nachdem dessen Gesang soeben abrupt geendet hatte, oder es kümmerte ihn überhaupt nicht.

Sobald Kohler verstummt war, war in der Wohnung Stille eingekehrt. Außerdem bewegte sich keiner der beiden Männer, als spielten sie ein kindisches Spiel, bei dem der Erste, der sich rührte, verlor. Kohler hatte daher Zeit, den Mann, dem es gelungen war, in seine Wohnung einzudringen, in aller Ruhe zu mustern. Der Kerl war einen Kopf kleiner als er, aber von stämmiger, gedrungener Gestalt und machte daher einen kräftigen Eindruck, auch wenn er natürlich längst nicht so muskulös wie Kohler war. Das lange dunkelbraune Haar hatte er zu einem Zopf geflochten, der so schnurgerade an seinem Rücken herunterhing, als wäre er mithilfe einer Wasserwaage ausgerichtet worden. Er trug eine schwarze Übergangsjacke, eine blaue Jeanshose, robuste schwarze Stiefel und schwarze Handschuhe aus dünnem Leder.

Es dauerte nicht lange, bis Kohler sich einen ersten Eindruck von dem Eindringling verschafft und sich zudem von seinem Schrecken erholt hatte. Was er vor sich sah, machte keinen besonderen Eindruck auf ihn. Er war nicht nur größer, sondern auch viel muskulöser als der Kerl und würde ihm zuerst die Fresse polieren und anschließend den Boden mit ihm wischen, so wie er es ihm am Telefon versprochen hatte. Denn für Kohler bestand nicht der geringste Zweifel, dass er den Mann mit der tiefen Stimme vor sich hatte, der sich als Tod bezeichnet und gedroht hatte, er würde vorbeikommen, um ihn zu holen. Also hatte er tatsächlich den Mut gefunden, seine Drohung wahrzumachen, auch wenn ihm das schlecht bekommen würde. Kohler bedauerte lediglich, dass sein neuer Anzug bei der bevorstehenden Auseinandersetzung in Mitleidenschaft gezogen werden könnte. Aber eventuell war es ja gar nicht nötig, dass er handgreiflich wurde. Vielleicht sah der Kerl ein, dass er sich mit dem Falschen angelegt hatte, sobald er sich umdrehte und einen Blick auf Kohler warf, schließlich hatte er bislang noch nicht gesehen, wen er vor sich hatte.

»Wie sind Sie hier hereingekommen?«, stellte Kohler die erstbeste Frage, die ihm in den Sinn kam, und brach damit das Schweigen. Er ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten und setzte einen bedrohlich wirkenden Gesichtsausdruck auf, den er unzählige Male vor dem Spiegel eingeübt und dann als Personenschützer perfektioniert hatte.

Der Mann reagierte allerdings nicht sofort auf Kohlers Worte, beinahe so, als hätte er ihn gar nicht gehört. Kohler öffnete bereits den Mund, um seine Frage zu wiederholen, da seufzte der andere vernehmlich und wandte sich um.

Im Licht, das aus dem Flur auf ihn fiel, sah Kohler, dass der Eindringling sowohl einen Schnauz- als auch einen Kinnbart trug. Außerdem besaß er eine lange, spitze Nase und eng beieinanderstehende Augen. Er sah gar nicht wie der Verrückte aus, für den Kohler ihn hielt, sondern im Grunde völlig normal. Beinahe wie ein Künstler, dachte Kohler. Er konnte ihn sich zwar nicht unbedingt mit Pinsel und Palette vor einer Leinwand vorstellen, dafür aber mit Hammer und Meißel vor einem Marmorblock oder mit einer Kettensäge vor einem Baumstamm, um gekonnt eine Skulptur aus dem Material herauszuarbeiten.

»Willst du wirklich, dass wir die kurze Zeit, die uns miteinander verbleibt, mit solchen Nebensächlichkeiten vertrödeln, Angel?«, fragte der Mann mit derselben tiefen Stimme, die Kohler bereits von ihrem Telefonat kannte. Er beseitigte damit nicht nur jeglichen Zweifel darüber, ob er der Anrufer war, sondern riss Kohler auch aus seinen Überlegungen. Dann schnaubte er und schüttelte den Kopf, um sein Unverständnis zum Ausdruck zu bringen.

Kohler gefiel es, wenn seine Freunde – der Kerl hatte am Telefon recht gehabt, er hatte tatsächlich nur wenige – ihn Angel nannten. Deshalb hatte er ihnen diesen Namen ja auch vorgeschlagen. Doch aus dem Mund dieses Mannes, der den Spitznamen ständig mit einem höhnischen Unterton aussprach, hörte es sich lächerlich an.

»Mein Name ist Ralf Kohler«, sagte er daher. »Ich empfehle Ihnen also, mich auch so anzusprechen.« Wie er es in der Ausbildung gelernt hatte, blieb er weiterhin höflich und sachlich, auch wenn es ihm schwerfiel. »Und jetzt sagen Sie mir gefälligst, wie Sie in meine Wohnung gekommen sind.«

Der Fremde stieß deutlich hörbar die Luft aus und machte einen gelangweilten Gesichtsausdruck. »Na schön, wenn du es unbedingt wissen und deine restliche Lebenszeit mit diesem Unsinn verplempern willst, dann sage ich es dir eben: Ich habe mir erlaubt, einen Nachschlüssel sowohl für deine Wohnung als auch für die Haustür unten anzufertigen.« Er griff mit der rechten Hand in die Jackentasche und holte einen Ring heraus, an dem nur zwei Schlüssel hingen.

»Was?«, fragte Kohler entgeistert. Er fiel aus allen Wolken und konnte nicht glauben, dass der Kerl tatsächlich einen Schlüssel für seine Wohnung besaß. »Aber wieso haben Sie das gemacht?«

»Was glaubst du denn, Einstein?« Er klimperte mit den Schlüsseln, bevor er sie wieder einsteckte. »Natürlich, damit ich deine Wohnung betreten kann, um dich zu holen, so wie ich es dir bei unserem kurzen Telefonat versprochen habe. Erinnerst du dich? Du hättest mir besser glauben und abhauen oder die Polizei rufen sollen, solange du noch die Gelegenheit dazu hattest. Aber dafür ist es jetzt zu spät!«

»Moment mal«, sagte Kohler, hob beide Hände und schüttelte verwirrt den Kopf. »Wieso sind Sie nicht einfach eingebrochen?«

Der Mann zuckte mit den Schultern. »Das ist nun mal nicht mein Stil. Außerdem hättest du es dann unweigerlich bemerkt, als ich vorgestern hier war.«

»Wie bitte?« Kohler riss vor Überraschung die Augen weit auf. »Sie waren schon mal in meiner Wohnung?«

Der Mann nickte. »Das sagte ich doch soeben.«

»Aber aus welchem Grund?«

»Um die Abhörgeräte zu installieren.«

»Abhörgeräte?«

Erneut nickte der Mann. »Schließlich musste ich wissen, wie du auf meine telefonische Ankündigung reagierst. Hättest du die Polizei gerufen, dann hätte ich dich in Ruhe gelassen und mir eine andere Herausforderung gesucht. Aber du hast das Ganze ja für einen Witz gehalten und dich nicht an die Polizei gewandt. Also bin ich jetzt hier, und wir können allmählich anfangen.«

»Anfangen?« Kohler schwirrte bereits der Kopf von all dem Unsinn, den der Eindringling erzählte. Seiner Meinung nach war der Kerl sogar noch verrückter, als er gedacht hatte, auch wenn er nicht danach aussah. »Anfangen womit?«

»Mit unserem Kampf natürlich«, sagte der Mann mit der tiefen Stimme, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. »Ich fordere dich hiermit zu einem fairen Kampf auf Leben und Tod heraus. Aber da ich, wie ich dir bereits am Telefon sagte, der Tod bin, wird es für dich schwer werden, mich zu besiegen.«

Zum ersten Mal veränderte sich die neutrale Miene des Eindringlings, als nun ein zuversichtliches Lächeln in seinem Gesicht auftauchte, das Kohler eine Gänsehaut bescherte.

»Sie sind ja vollkommen irre!«, sagte er und schüttelte den Kopf.

Der andere Mann wiegte, noch immer lächelnd, den Kopf hin und her. »Das ist Ansichtssache, würde ich mal sagen. Aber jetzt lass uns nicht noch mehr Zeit vergeuden und endlich anfangen, Angel.« Sobald er ein weiteres Mal Kohlers Spitznamen auf seine unnachahmlich herablassende Weise ausgesprochen hatte, setzte er sich auch schon in Bewegung und kam näher.

Kohler zögerte einen Moment. Rein körperlich gesehen hatte er weder Angst noch Bedenken, den anderen zu besiegen. Doch dessen Selbstsicherheit und resolutes Auftreten erzeugten ein mulmiges Gefühl in ihm. Und nachdem der Kerl selbst mehrere Male von der Polizei gesprochen hatte, erschien es Angel inzwischen gar nicht mehr so abwegig, dort anzurufen. Er wandte daher kurz den Blick von dem Eindringling und suchte auf der Kommode neben sich nach seinem Handy. Aber es war nicht mehr da.

»Suchst du das hier?«, fragte der andere Mann. Er war unmittelbar jenseits der Türschwelle im Wohnzimmer stehen geblieben und damit nur noch wenige Meter entfernt. In der erhobenen linken Hand hielt er Kohlers Smartphone.

»Geben Sie das sofort her! Das gehört mir!« Noch während Kohler es sagte, kamen ihm seine Worte lächerlich vor. Wie zwei Fünfjährige, die sich im Sandkasten um einen Eimer stritten.

Die Reaktion des Eindringlings fiel auch tatsächlich so aus, wie Kohler befürchtet hatte. »Geben Sie das sofort her! Das gehört mir!«, äffte er ihn nach und machte dabei sehr überzeugend die Stimme eines kleinen Jungen nach. Dann sprach er mit seiner normalen Stimme weiter: »Na, dann hol es dir doch, Angel.«

Doch noch ehe Kohler sich in Bewegung setzen konnte, sagte er »Ups!« und ließ das Handy fallen. Als es auf dem Parkettboden aufkam, verzog Kohler unwillkürlich das Gesicht. Aber das Telefon, das direkt vor den Füßen des Eindringlings zu liegen gekommen war, schien den Aufprall unbeschadet überstanden zu haben, und so atmete Kohler auf. Doch er hatte sich zu früh gefreut, denn unvermittelt hob der Fremde den rechten Fuß und ließ den Stiefelabsatz auf das Display des Smartphones krachen, das sofort zersplitterte. »Nochmal ups!«, sagte er, zuckte in gespieltem Bedauern mit den Schultern, konnte sich dabei aber ein Grinsen nicht verkneifen.

Jeder Gedanke daran, die Polizei zu rufen, war jäh vergessen. Glühender Zorn erfüllte Kohler und ließ ihn rot sehen, jede Furcht vergessen und jegliche Vorsicht über Bord werfen.

»Das wirst du mir büßen, Arschloch«, knurrte Kohler, der nun ebenfalls auf jede Form von Höflichkeit verzichtete und zum Du überging. »Dafür nehme ich dich auseinander, Freundchen.« Und damit stampfte er auf den fremden Mann zu.

Normalerweise wichen andere ängstlich zurück oder bemühten sich zumindest um beschwichtigende, Unterwerfung signalisierende Gesten, wenn ein in Rage geratener Ralf Kohler mit hochrotem Kopf und finsterem, Mord verheißendem Gesichtsausdruck wie ein außer Kontrolle geratener Gefahrgutlastwagen auf sie zu rauschte. Sogar Männer, die ihm sowohl in der Größe als auch in der Statur nahekamen, überlegten es sich unwillkürlich zweimal, ob es tatsächlich so wichtig war, auf ihrem Standpunkt zu beharren, oder sie in diesem Fall nicht doch lieber eine Ausnahme machen und nachgeben sollten. Der Eindringling schien allerdings keine derartigen Bedenken zu haben. Im Gegenteil. Er lächelte strahlend, als bereitete ihm die Aussicht auf einen Ringkampf mit diesem zornigen Muskelberg allergrößtes Vergnügen, und wartete scheinbar gelassen und entspannt auf seinen Gegner.

Kohler, dem jede Kampfsporttechnik fremd war, vertraute stattdessen auf seine Muskelmasse, die Reichweite seiner langen Arme und seine Kraft. Aus Erfahrung wusste er, dass es am besten war, wenn er mit der Wucht einer Dampframme über seinen Gegner herfiel und jeden möglichen Widerstand unverzüglich im Keim erstickte. Er lief daher ins Wohnzimmer und schlug mit der zur Faust geballten Rechten ansatzlos nach dem Kopf des anderen. Hinter dem Schlag lag zwar nicht so viel Kraft, als wenn er vorher ausgeholt hätte, doch es dürfte dennoch genügen, um Nasenbein oder Kiefer des Gegners zu zertrümmern und ihn halb bewusstlos zu schlagen. Das Wichtigste war allerdings, dass der andere den Hieb erst gar nicht kommen sah. Auf diese Weise wollte Kohler den Eindringling überrumpeln und den Kampf bereits in den ersten Augenblicken für sich entscheiden. Denn obwohl er sich dem Mann körperlich weit überlegen fühlte, hatte ihn dessen forsches Auftreten und Unerschrockenheit dennoch tief beeindruckt.

Als sein Gegner überhaupt keine Anstalten machte, sich zur Wehr zu setzen, sah sich der Personenschützer bereits auf der Siegerstraße. Doch unmittelbar bevor seine Faust ins Schwarze traf, riss sein Widersacher mit einer Schnelligkeit, die Kohler nicht erwartet hatte, den Kopf zur Seite, sodass der Hieb ins Leere ging und Kohler unvermittelt nach vorn taumelte. Bereits im nächsten Augenblick rammte der andere ihm die rechte Faust in die Magengrube, sodass Kohler unvermittelt das Gefühl hatte, er wäre von einer Dampframme getroffen worden. Unmittelbar gefolgt von einem Leberhaken, ausgeführt mit der anderen Faust, der so schmerzhaft war, dass Kohler augenblicklich pechschwarz vor Augen wurde. Von einer Sekunde zur anderen hatte er massive Kreislaufprobleme und geriet ins Wanken.

Er hatte Angst, der andere könnte sofort nachsetzen, seine momentane Schwäche und Hilflosigkeit ausnutzen und ihn kurzerhand niederschlagen. Doch der Eindringling zog sich stattdessen zurück und ließ seinem Gegner Zeit, sich zu erholen.

Kohler schnaufte schwer, als ginge der Kampf bereits über mehrere Runden. Er war sichtlich angeschlagen und kämpfte darum, nicht in die Knie zu gehen. Schwer atmend richtete er sich auf, rieb sich mit der rechten Hand die Seite, die noch immer wahnsinnig wehtat, denn Leberhaken waren sogar bei Profiboxern gefürchtet. Manch einer war bereits nach einem einzigen davon zu Boden gegangen.

Der Eindringling lächelte noch immer und wirkte weiterhin völlig entspannt. Der bisherige Kampfverlauf hatte ihn weder ins Schwitzen gebracht, noch seinen Zopf in Unordnung gebracht. Er atmete nicht einmal wesentlich schneller.

»Warum gehen Sie nicht einfach, und wir vergessen, dass Sie hier eingedrungen sind und mein Handy kaputtgemacht haben«, schlug Kohler vor, sobald er wieder halbwegs zu Atem gekommen war, als wäre die Situation andersherum und er würde nach Punkten führen. Nach den beiden Schlägen, die er eingesteckt hatte, war er jetzt allerdings wieder um Höflichkeit bemüht. »Die Nachschlüssel müssen Sie allerdings hier lassen.«

Der Eindringling lachte leise. »Du bist nicht besonders helle, oder?«

Kohler ging nicht auf die Frage ein. »Ich will nur nicht, dass jemand ernsthaft verletzt wird.«

»Mit jemand kannst du nur dich selbst meinen«, sagte der andere. »Aber anscheinend hast du es noch immer nicht begriffen, dass es hier genau darum geht. Wie ich schon sagte, kämpfen wir um Leben und Tod. Das beinhaltet automatisch, dass jemand – in diesem Fall du – ernsthaft verletzt wird.«

Kohler schüttelte den Kopf. »Ich verstehe das nicht. Wieso tun Sie das?«

»Weil es mir Spaß macht«, erwiderte der Eindringling lächelnd. »Gibt es denn einen besseren Grund? Und wenn du dich genug ausgeruht hast, können wir ja allmählich in die zweite Runde gehen.«

Während der kurzen Kampfpause hatte sich Kohler wieder etwas erholt, auch wenn er noch immer heftige Schmerzen in der rechten Seite hatte. Er hatte fieberhaft überlegt, was er tun sollte. So angeschlagen, wie er war, und angesichts der kämpferischen Fähigkeiten, die sein Gegner bislang an den Tag gelegt hatte, war seine Siegesgewissheit geschmolzen wie ein Schneemann in der Wüste. Jetzt ging es ihm nur noch darum, ohne größere Blessuren und mit dem Leben davonzukommen.

Aber wie?

Schreien nützte ihm wahrscheinlich nichts. Bis seine Nachbarn realisierten, was los war und die Polizei riefen, und bis diese dann auch eintraf, hatte ihn der andere vermutlich längst auf die Bretter geschickt, bewusstlos oder, falls er es tatsächlich ernst meinte, vielleicht sogar tot. Also blieb ihm als einzige Alternative, so schmachvoll es auch war, die Beine in die Hand zu nehmen und abzuhauen. Unter Umständen war er dem Eindringling ja wenigstens im Davonlaufen überlegen.

Kaum hatte Kohler diesen Entschluss gefasst, wirbelte er auch schon herum und lief in Richtung Flur, um die Haustür zu erreichen.

Doch sein Widersacher schien vorausgeahnt zu haben, was in Kohlers Kopf vorgegangen war, denn er reagierte mindestens ebenso rasch. Und er war erheblich flinker als Kohler, der, noch bevor er die Tür erreicht hatte, am Oberarm gepackt und vehement zurückgerissen wurde. Erst da wurde es ihm so richtig bewusst, wie kräftig der andere sein musste, um seine 135 Kilogramm Lebendgewicht so mühelos zur Seite zu schleudern.

Sobald der Eindringling ihn wieder losgelassen hatte, stolperte Kohler rückwärts. Noch ehe er sein Gleichgewicht wiedererlangen konnte, prallte er mit den Kniekehlen gegen ein Hindernis und kippte nach hinten. Er wusste bereits, worauf er landen würde, bevor die Kristallglasplatte des Wohnzimmertischs unter seinem enormen Gewicht zerbarst und er inmitten des Gestells aus poliertem Stahl und den Scherben landete, die sich an mehreren Stellen durch seine Kleidung in seinen Körper bohrten. Kohler schrie vor Schmerz.

Er wälzte sich sofort zur Seite und befreite sich dabei vom Tischgestell. Dann tastete er hektisch nach den Stellen, wo die Schmerzen am heftigsten wüteten, und riss Glasscherben heraus. Die meisten Verletzungen waren zum Glück nur oberflächlich, weil die Scherben nur wenige Millimeter tief eingedrungen waren. Doch zwei dolchartige Glasstücke hatten sich tiefer in seinen Körper gebohrt, die eine in seinen Oberschenkel und die zweite in seinen Hintern, sodass er an diesen Stellen heftig blutete.

Auf Händen und Knien und schwer atmend sah Kohler sich hektisch nach dem Eindringling um. Doch bevor er ihn entdeckte, bekam er bereits einen heftigen Tritt in die Seite, der ihn herumschleuderte, sodass er wieder auf dem malträtierten Rücken landete. Er schrie erneut. Inzwischen konnte er gar nicht mehr unterscheiden, wo der Schmerz am heftigsten wütete, denn längst tat ihm alles weh. Dennoch wollte er nicht einfach liegen bleiben und alles geduldig über sich ergehen lassen, sondern sich wenigstens zur Wehr setzen. Er musste nur die Gelegenheit bekommen, den Kerl einmal richtig zu treffen. In dem Fall reichte ein einziger Schlag, um das Blatt zu wenden.

Kohler setzte sich stöhnend auf, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Doch kaum hatte er das getan, sah er eine Stiefelsohle auf sich zukommen. Sie wurde riesengroß, bevor sie ihn mit so enormer Wucht am Kopf traf, dass er beinahe schon dadurch das Bewusstsein verloren hätte. Sein Oberkörper wurde wieder nach hinten geschleudert, und sein Hinterkopf knallte auf den Parkettboden, worauf er tatsächlich bewusstlos wurde.

Der Eindringling schnaufte einmal tief durch und sah missmutig auf den gefällten Giganten zu seinen Füßen hinab.

Er hatte sich auf diesen Kampf gefreut und mit einer echten Herausforderung gerechnet. Doch der Kerl war letztendlich nur ein Scheinriese gewesen. Ein Zweimetermann mit viel Muskeln und wenig Hirn, der nicht einmal wusste, wie man effektiv kämpfte. Und so etwas wurde auch noch Personenschützer. Dabei hatte er sich nicht einmal selbst schützen können.

Der Eindringling seufzte, bevor er sich abwandte und an die Arbeit machte. Als Erstes entfernte er die beiden Wanzen, die er vor zwei Tagen im Wohnzimmer und im Flur angebracht hatte, und steckte sie ein. Anschließend holte er einen Gefrierbeutel aus der Innentasche seiner Jacke. Er nahm den Gegenstand heraus, der sich im Beutel befand, und schob ihn in die Brusttasche des Sakkos, das der Bewusstlose trug. Dann steckte er den leeren Beutel wieder ein, bevor er zum Fenster ging und nach draußen sah. Da im Wohnzimmer hinter ihm kein Licht brannte, vor dem sich seine Silhouette abzeichnen konnte, und der Nachthimmel dicht bewölkt war, sodass der sichelförmige Mond dahinter verborgen war, war die Gefahr verschwindend gering, dass ihn jemand sah. Außerdem befanden sie sich im vierten Stock, wohin das Licht der Straßenlaternen nicht reichte. Um dennoch keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen, bewegte er sich behutsam und wie in Zeitlupe, als er sich nach allen Richtungen umsah. Die Straße vor dem Haus war verlassen. Hinter einem offenen Fenster auf der anderen Straßenseite stand ein alter Mann, rauchte eine Zigarette und sah auf die Straße hinunter. Ansonsten war im Augenblick niemand zu sehen.

Der Eindringling wartete reglos und geduldig, bis der alte Mann seine Zigarette ausdrückte, das Fenster schloss und verschwand. Erst nachdem auch noch das Licht ausgegangen war, öffnete er das Fenster. Anschließend kehrte er nach einem letzten Blick in die Runde zu seinem Opfer zurück.

Der Personenschützer war noch immer bewusstlos und hatte sich nicht gerührt. Als der Mann mit der tiefen Stimme ihn an den Füßen packte und zum Fenster schleifte, stöhnte er leise, wachte aber nicht auf.

Nachdem der Eindringling sich noch einmal davon überzeugt hatte, dass niemand ihn beobachten konnte und die Straße unter ihnen noch immer verlassen war, hievte er den Bewusstlosen übers Fensterbrett und ließ ihn dann los.

Ralf Kohler fiel vier Stockwerke tief, bevor er mit einem eigentümlichen Klatschen zwischen der Hausmauer und den am Straßenrand geparkten Autos auf dem Bürgersteig landete und augenblicklich starb. Allerdings bekam er davon gnädigerweise nichts mehr mit, da er bis zur letzten Sekunde ohne Bewusstsein blieb.

Noch bevor der Körper am Boden aufgekommen war, hatte der Eindringling bereits das Fenster geschlossen und sich abgewandt, um eilig und ungesehen zuerst die Wohnung und anschließend das Haus zu verlassen.

Kapitel 3

Es war bereits nach Mitternacht, als Edgar Wimmer die Abkürzung durch den Luitpoldpark nahm.

Wimmer hatte den Park, von Westen kommend, an der Brunnerstraße betreten. Nun war er auf einem der Wege in östlicher Richtung unterwegs und hatte soeben den Pumucklspielplatz mit dem Brunnen und dem Heckenlabyrinth passiert.

Obwohl der Luitpoldpark um diese Uhrzeit ausgesprochen finster und völlig menschenleer war, hatte der 55-jährige Mann mit den kurzen mittelbraunen Haaren keine Angst. Warum auch? Schließlich nahm er diesen Weg an jedem Arbeitstag, und das sogar zweimal. Einmal bei Tageslicht am Vormittag, wenn er von seiner kleinen Zweizimmerwohnung in einem fünfstöckigen Mietshaus in der Hörwarthstraße zu seiner Arbeitsstätte ging. Dabei handelte es sich um ein bayerisches Wirtshaus mit Biergarten auf der anderen Seite des Parks, wo er als Kellner arbeitete. Nach Schließung der Wirtschaft um Mitternacht ging es anschließend wieder in die andere Richtung, nur dass es dann dunkel und vor allem an Werktagen kaum noch jemand im Park unterwegs war. Doch das machte Wimmer nichts aus. Im Gegenteil. Er liebte die nächtliche Stille nach den lauten und anstrengenden, oft hektischen Stunden in der Wirtschaft mit den manchmal nervigen, quengelnden Gästen, denen man oft nichts recht machen konnte.

Da Wimmer diesen Weg schon so oft gegangen war, dass er ihn sogar im Schlaf mit verbundenen Augen gefunden hätte, und seine Beine ihn wie ein Autopilot nach Hause brachten, ohne dass er ständig darauf achten musste, wohin er lief, war er dabei meistens tief in Gedanken versunken. In der Regel ließ er dabei die vergangenen Stunden noch einmal vor seinem inneren Auge Revue passieren und dachte an die bemerkenswertesten der zahlreichen Gäste, die er im Laufe dieses Arbeitstages bedient hatte.

In den mehr als fünfunddreißig Jahren, in denen er nun schon als Kellner tätig war, hatte er eine Art geheimes Ranking für seine Gäste entwickelt. Dabei vergab er wie in der Schule Noten von eins bis sechs. Zunächst gab es eine Note für die Freundlichkeit des Gastes, dann eine weitere für seine Großzügigkeit im Hinblick auf das Trinkgeld. Denn da der Beruf des Kellners zu den schlechtbezahltesten überhaupt gehörte, bildete das Trinkgeld einen wichtigen Bestandteil des Verdienstes. Aus diesen beiden Noten bildete Wimmer anschließend eine Durchschnittsnote. Natürlich war er nicht in der Lage, sich sämtliche Gäste und ihre Noten zu merken, aber sowohl die schlimmsten als auch die positivsten Fälle behielt er im Gedächtnis.

Der schlechteste Gast war bis zum heutigen Tag ein Mann gewesen, der schon schimpfend zur Tür hereingekommen war und anschließend über alles und jeden lautstark gemeckert hatte: über das trostlose Ambiente, die langweilige Tischdekoration, die Lautstärke der anderen Gäste, den miserablen Service – womit er vor allem Wimmer meinte, der ihn bediente –, die zu geringe Füllmenge seines Getränks, die Temperatur, die Menge sowie die Qualität seines Essens, die berufliche Eignung des Kochs und schließlich die mangelnde Sauberkeit der Toiletten. Am Ende hatte er auch noch versucht, um den Preis zu feilschen, als wären sie auf einem türkischen Basar. Aber da war es Wimmer schließlich zu bunt geworden, und er hatte kurzerhand seinen Chef geholt, damit der sich mit dem Querulanten herumärgern konnte. Am Ende hatte der Gast, nachdem der Chef mit Polizei, Anwalt und einem Gerichtsverfahren gedroht hatte, widerstrebend bezahlt, natürlich ohne einen Cent Trinkgeld zu geben, und war, weiterhin vor sich hin motzend, gegangen. Der Mann war nie wiedergekommen, was Wimmer nicht verwunderte und worüber er insgeheim sogar froh war. Dennoch hatte er den Gast, ebenso wie einige andere, in denkbar schlechter Erinnerung behalten. Er hatte dem Mann zweimal die Note sechs gegeben, wodurch er sofort zum Spitzenreiter seiner Liste der unangenehmsten Gäste aufgestiegen war. Und bis heute war Wimmer davon ausgegangen, dass ihn niemand von dort verdrängen würde, schließlich gab es bekanntlich keine schlechtere Schulnote als die sechs.

Doch der heutige Tag hatte ihn, wie es das Leben seiner Meinung nach immer wieder tat, eines Besseren belehrt. Denn er hatte es mit einem Gast zu tun bekommen, für den er eine neue Notenstufe einführen musste, nämlich eine sechs minus. Und diese Benotung hatte der unsympathische Kerl sich in beiden Kategorien auch redlich verdient.

Als wäre er aus dem Nichts aufgetaucht, stand der Mann an diesem Abend urplötzlich hinter Wimmer, als dieser sich mit einem Tablett voller Getränke von der Theke wegdrehte und eilig losmarschierte. Da der Kellner sofort abrupt abbremsen musste, um eine Kollision zu verhindern, geriet das runde Tablett auf seiner Handfläche unweigerlich in Schieflage, und die vollen Gläser, die darauf standen, neigten sich zur Seite und kamen bedenklich ins Rutschen. Reaktionsschnell gelang es ihm, das Tablett gerade noch rechtzeitig wieder aufzurichten, bevor es auf einer Seite Übergewicht bekommen, von seiner Hand kippen und mit allen Getränken zu Boden stürzen konnte. Anschließend atmete Wimmer erleichtert auf und warf dem anderen Mann einen irritierten, leicht verärgerten Blick zu.

»Sie müssen schon ein bisschen besser aufpassen«, sagte dieser herablassend und schüttelte den Kopf. »Nicht auszudenken, wenn Sie durch Ihre Ungeschicklichkeit Hannibal und mir eine Dusche aus Bier, Wein und Cola verpasst hätten.«

Wer zum Teufel ist Hannibal?, fragte sich Wimmer, bevor er den Yorkshire Terrier entdeckte, den der Mann auf dem Arm trug, und der, als wäre sein Name das Kommando dazu gewesen, in diesem Moment mehrere Male bellte.

»Jetzt sehen Sie nur, was Sie angerichtet haben!«, sagte der Gast theatralisch und sah Wimmer mit aufblitzenden Augen zornig an. »Mit Ihrer Tollpatschigkeit haben Sie Hannibal einen ganz schönen Schrecken eingejagt.«

Wimmer war zu perplex, um etwas darauf zu erwidern. Außerdem hätte er ohnehin nicht gewusst, was er darauf sagen sollte.

Da der Mann ihm im Weg stand und keine Anstalten machte, zur Seite zu treten, um den Weg freizumachen, während er seelenruhig seinen Hund streichelte und beruhigend auf ihn einredete, blieb dem Kellner nichts anderes übrig, als zu warten. Der Raum zwischen den beiden voll besetzten Tischen rechts und links wäre ohnehin nicht breit genug gewesen, als dass sich Wimmer, obwohl er von schlanker Statur war, an dem Mann mit dem Hund auf dem Arm problemlos hätte vorbeiquetschen können. Erschwerend kam hinzu, dass der Kerl unglaublich dick war. Wimmer, der bei einer Körpergröße von 1,77 Meter siebzig Kilo auf die Waage brachte, schätzte, dass sein Gegenüber, obwohl er mindestens fünf Zentimeter kleiner war, 170 bis 180 Kilogramm wiegen musste. Er war vermutlich Ende dreißig, Anfang vierzig, obwohl er auf den ersten Blick älter wirkte, was vor allem an der Halbglatze und dem Kranz aus langem dunkelblonden, fettigen Haar liegen mochte. Seine Gesichtshaut war gerötet, die feinen Blutäderchen unter der Haut waren deutlich zu erkennen. Außerdem hatte er eine mit Knötchen und Pusteln übersäte gerötete Knollennase, auf der eine Brille mit auffallend rotem Rahmen saß, die nach Wimmers Ansicht nicht zu seinem Gesicht passte. Er trug eine khakifarbene Outdoorweste mit unzähligen Taschen, darunter ein kurzärmliges dunkelblaues Hemd mit Blumenmuster und gewaltigen Schweißflecken unter den Armen und eine enge beige Baumwollhose, alles in Übergröße. Dazu an den Füßen braune Herren-Slipper in der Größe von Kindersärgen.

Da Wimmer nicht ewig Zeit hatte, weil die Gäste auf ihre Getränke warteten, räusperte er sich schließlich. Allerdings schluckte er seinen Zorn auf diesen merkwürdigen Gast herunter, so wie er es stets tat, und fragte höflich: »Kann ich Ihnen helfen?«

Das gerötete Gesicht des anderen Mannes richtete sich ruckartig auf den Kellner, und seine kornblumenblauen Augen schienen dabei Funken zu sprühen. »Was soll das?«, fragte er aufgebracht. »Sehen Sie denn nicht, dass ich mit meinem Hund gesprochen habe?«

Da der Kerl beim Sprechen feine Speicheltröpfchen versprühte, hob Wimmer automatisch das Tablett mit den vollen Gläsern, um sie vor dem ekligen Sprühregen in Sicherheit zu bringen. Die wenigen Augenblicke in der Gegenwart dieses Mannes hatten ihm bereits gereicht, um sich aufgrund seiner langjährigen Berufserfahrung und Menschenkenntnis ein umfassendes Bild von ihm zu machen. Deshalb verlieh er ihm schon jetzt in Sachen Freundlichkeit kurzerhand die Note sechs. Da er jedoch andererseits über ausreichend Erfahrung mit schwierigen Gästen verfügte, blieb er weiterhin ruhig, freundlich und gelassen. Und daher verkniff er sich jede Erwiderung, die ihm unweigerlich in den Sinn kam, und wartete schweigend ab.

Der Mann schnaubte kurz und wischte sich mit der linken Hand den Schweiß von der Stirn. Dann deutete er damit auf einen Tisch am Fenster. »Ich möchte den Tisch dort drüben haben.«

Ohne einen Blick in die Richtung werfen zu müssen, in die der dicke Mann zeigte, wusste Wimmer, dass der Tisch reserviert war, was auch deutlich zu erkennen war. »Tut mir leid, mein Herr, aber dieser Tisch ist reserviert. Ich kann Ihnen aber gern einen anderen …«

»Ich will diesen Tisch und keinen anderen!«, unterbrach ihn der Mann mit dem Hund auf dem Arm in höchst aggressivem Tonfall. »Und nachdem Sie mir beinahe ein Tablett mit vollen Gläsern auf den Kopf geworfen und fast meinen lieben, kleinen Hund ertränkt und zu Tode erschreckt haben, ist das noch das Mindeste, was ich verlangen kann.«

Wimmer seufzte. Er warf einen raschen Seitenblick zum Wirt des Gasthauses, der Josef Drexl hieß und von allen Sepp genannt wurde. Er stand nur wenige Meter entfernt hinter der Theke, zapfte ein Bier und war mittlerweile von selbst auf das Gespräch zwischen seinem Kellner und dem Gast aufmerksam geworden. Wimmer hob fragend die Schultern und die Augenbrauen, woraufhin der Chef mit einem widerwilligen Nicken seine Zustimmung erteilte.

»Natürlich bekommen Sie den gewünschten Tisch«, sagte Wimmer daraufhin zu dem dicken Mann vor ihm, obwohl ihm ganz andere Worte auf der Zunge lagen, die er allerdings wie immer für sich behielt und hinunterschluckte. Denn der Gast war bei ihnen nun einmal König und bekam in der Regel auch, was er verlangte.

Der dicke Mann lächelte selbstzufrieden. »Na also. Warum nicht gleich so?« Dann wandte er sich ohne ein weiteres Wort ab und marschierte zu dem Fenstertisch.

Wimmer atmete erleichtert auf, dass er den Kerl vorerst los und der Weg endlich frei war. Er setzte sich unverzüglich in Bewegung, um die Getränke auf seinem Tablett zu verteilen, bevor die Gäste ungeduldig wurden. Dann nahm er an einem der anderen Tische gleich noch die Essensbestellung auf und meldete diese an die Küche weiter. Während er anstelle des Tisches, den der dicke Mann verlangt hatte, einen anderen freien Tisch mit einem Reserviert-Schild versah, vermied er es bewusst, in dessen Richtung zu blicken. Allerdings glaubte er immer wieder, die stechenden Blicke des Mannes zu spüren, als wären sie Dolche, die sich in seinen Rücken bohrten. Außerdem war er sich natürlich darüber bewusst, dass er sich früher oder später um den unangenehmen Gast kümmern musste. Er hätte ihn zwar liebend gern an den Tisch eines Kollegen gesetzt, wenn er die Wahl gehabt hätte, doch da der Kerl ausdrücklich den Fenstertisch verlangt hatte, war er weiterhin für ihn zuständig. Und da Unfreundlichkeit und Knauserigkeit seiner Erfahrung nach oftmals einträchtig Hand in Hand gingen, durfte er nicht einmal auf ein üppiges Trinkgeld hoffen, sofern es überhaupt eins gab.

»Hallo, Sie da, wollen Sie mich noch lange ignorieren? Ich habe Hunger und möchte jetzt endlich bestellen.«

Wimmer seufzte leise, als er jäh die unangenehme Stimme des dicken Mannes hörte, und schloss für einen Moment schicksalsergeben die Augen. Dann öffnete er sie wieder, richtete sich auf und wandte sich lächelnd um. Zahlreiche Augen waren auf ihn gerichtet, doch der Kellner ließ sich nicht anmerken, wie unangenehm ihm die Sache war. Allerdings richtete sich der Unmut der Gäste nicht etwa gegen ihn, sondern gegen den Mann mit dem Hund, der ihrer Meinung nach durchaus diskreter hätte vorgehen können.

»Das wurde aber auch Zeit«, sagte der dicke Mann mit der geröteten Knollennase, als Wimmer an seinen Tisch trat. Der Hund, der unter dem Tisch saß, knurrte daraufhin angriffslustig.

Wie das Herrchen, so der Hund, dachte Wimmer und machte sicherheitshalber einen Schritt nach hinten, damit das Tier nicht auf dumme Gedanken kam und ihn biss.

»Beruhige dich, mein Schätzchen«, sagte der Mann, beugte sich ächzend zur Seite, sodass Wimmer befürchtete, er könnte gleich von seinem Stuhl kippen und bei seinem Aufprall das Gebäude zum Einsturz bringen, und streichelte dem Yorkshire Terrier über den Kopf, worauf dieser augenblicklich verstummte. »Warten wir doch erst einmal ab, was der gute Mann uns serviert, bevor wir böse auf ihn werden. Wenn er seine Arbeit nicht gut genug erledigt, kannst du ihn von mir aus immer noch fressen.« Er richtete sich wieder auf, sah Wimmer an und lächelte verschlagen.

»Was darf ich Ihnen zu trinken bringen?«, fragte der Kellner, dem es von Minute zu Minute immer schwerer fiel, freundlich zu bleiben, obwohl er in all den Jahren noch nie aus der Haut gefahren war und stets seine Fassung bewahrt hatte.

»Als Allererstes bringen Sie einen Napf mit Wasser für meinen Hund«, sagte der Gast, hob die rechte Hand und stach mit dem ausgestreckten Zeigefinger mehrere Male in Wimmers Richtung, als wollte er seinen Worten auf diese Weise besonderen Nachdruck verleihen. »Aber auf keinen Fall ordinäres Leitungswasser, sondern nur stilles Mineralwasser.«

In seinen dreieinhalb Jahrzehnten als Kellner hatte Wimmer genug erlebt, um die Bestellung, ohne mit der Wimper zu zucken, zur Kenntnis zu nehmen und auf seinem Block zu notieren.

»Und kommen Sie bloß nicht auf den verrückten Gedanken, mir das Wasser in Rechnung stellen zu wollen. Erstens sollte das zum Service eines guten Hauses gegenüber Hundebesitzern gehören, und zweitens sind Sie es meinem kleinen Liebling schuldig nach allem, was Sie bisher angerichtet haben.«

Wimmer seufzte, allerdings nur in Gedanken, denn angesichts dessen, wie dieser Mann sich bislang verhalten hatte, hatte er insgeheim bereits mit einem derartig unverschämten Ansinnen gerechnet. Die Forderung des Kerls, das Mineralwasser für seinen Hund nicht bezahlen zu wollen, ließ er sicherheitshalber unkommentiert. »Und was darf ich Ihnen bringen?«, fragte er stattdessen.

»Ich nehme den Merlot Cabernet Sauvignon. Bringen Sie mir gleich die ganze Flasche.«

»Sehr wohl, der Herr.« Wimmer notierte es sich gewissenhaft, wandte sich rasch um und ging. Auf dem Weg zur Ausschanktheke nahm er noch zwei weitere Bestellungen entgegen.

»Gibt es Ärger mit dem Kerl?«, fragte der Wirt, nachdem der Kellner ihm die Getränkewünsche mitgeteilt hatte.

Wimmer schüttelte den Kopf. »Keinen Ärger. Nur ein höchst unangenehmer Zeitgenosse. Aber mit dem komme ich schon klar.«

»Daran habe ich keinen Zweifel«, sagte Sepp, der zehn Jahre jünger als Wimmer war und auf die langjährige Erfahrung seines Mitarbeiters im Umgang mit schwierigen Gästen vertraute. Dann wandte er sich ab, um die gewünschte Rotweinflasche zu holen und zu öffnen.

Wimmer ging indessen in die Küche, wo sie ein paar Hundenäpfe aufbewahrten. Da sie tatsächlich ein hundefreundliches Wirtshaus waren, hatten sie nichts dagegen, wenn Gäste ihre Zamperl mitbrachten, und waren darauf vorbereitet. Deshalb bekam der Yorkshire Terrier namens Hannibal natürlich auch sein Wasser. Allerdings würde er dem Köter mit Sicherheit kein teures Mineralwasser vorsetzen, wenn der Kerl nicht einmal bereit war, dafür zu bezahlen. Das Tier selbst würde sich auch mit ordinärem Leitungswasser zufriedengeben und den Unterschied vermutlich gar nicht bemerken.

Kurze Zeit später brachte er den mit Leitungswasser gefüllten Napf an den Tisch. Er stellte ihn daneben auf den Boden und schob ihn dann mit dem Fuß vorsichtig unter den Tisch, wo noch immer der Hund saß und sofort wieder zu knurren anfing. Trotz seiner geringen Größe klang das Knurren in Wimmers Ohren bedrohlich.

Der dicke Mann beobachtete alles argwöhnisch, sagte jedoch nichts, was der Kellner erfreut zur Kenntnis nahm.

Wimmer kehrte zur Ausschanktheke zurück, wo bereits das Tablett mit den Getränken für ihn bereitstand, darunter auch eine Flasche Merlot Cabernet Sauvignon und ein Rotweinglas. Er servierte die Getränke und hob sich den Rotwein bis zuletzt auf, da er bei der Gelegenheit auch gleich den Speisewunsch des Mannes entgegennehmen wollte.

Er stellte das Weinglas vor dem unangenehmen Gast ab. Anschließend nahm er die Flasche, schenkte zwei Fingerbreit Merlot in das Glas und wartete, dass der Kerl davon kostete.

Der Mann umfasste das Glas mit den dicken Wurstfingern seiner rechten Hand, hob es auf Augenhöhe und besah sich die rubinrote Flüssigkeit. Dann schwenkte er das Weinglas ein wenig und roch kurz daran. Schließlich nahm er laut schlürfend einen Schluck und bewegte den Wein mit geschlossenen Augen langsam im Mund.

Wimmer wartete geduldig, bis der Mann die Flüssigkeit endlich hinunterschluckte, was trotz des hohen Geräuschpegels in der Gaststube deutlich vernehmbar war.

»Ich habe schon viele deutlich bessere Merlots als diesen getrunken«, meldete sich der dicke Mann schließlich zu Wort. »Normalerweise würde ich darin nicht einmal meine Füße waschen.« Er seufzte tief. »Aber da ich nicht davon ausgehe, dass ich in der näheren Umgebung etwas Besseres vorgesetzt bekomme und langsam Hunger habe, muss ich mich heute Abend mit diesem minderwertigen Gesöff begnügen.« Er bedachte Wimmer mit einem empörten Blick, als wäre es dessen Schuld, und nickte dann zum Zeichen, dass der Kellner Wein nachschenken sollte.

Wimmer war froh, dass er geübt darin war, sich seine wahren Gefühle nicht anmerken zu lassen, während er das Glas füllte. »Haben Sie schon etwas aus unserer Speisekarte ausgewählt?«, fragte er dann und stellte die Flasche auf den Tisch.

»Natürlich, was denken Sie denn!«, versetzte der dicke Mann schnippisch.

Wimmer wartete schweigend, Kugelschreiber und Block in den Händen.

»Als Vorspeise hätte ich gern das Beefsteak-Tatar, anschließend das gebackene Kalbsbries und als Nachtisch den Kaiserschmarrn. Außerdem brauche ich einen sauberen Fressnapf für meinen Hund.« Er klappte die Speisekarte zu und fügte hinzu: »Aber zügig, wenn ich bitten darf.«

Wimmer nickte, nahm die Speisekarte und ging.

Im Laufe der nächsten Stunde brachte er dem dicken Mann den Fressnapf, die Vorspeise, das Hauptgericht und den Nachtisch. Und als der Wein, dem der Gast ebenso eifrig und begierig wie dem Essen zusprach, zur Neige gegangen war, servierte er auf dessen Wunsch auch noch eine zweite Flasche. Wimmer hatte das Küchenpersonal bereits vorgewarnt, dass sie es mit einem überaus schwierigen, kritischen und ungeduldigen Gast zu tun hatten. Deshalb gaben sich der Koch und seine Helfer bei den Gerichten des Mannes besonders viel Mühe, damit auch ja alles perfekt war. Und obwohl die drei Gänge, wie verlangt, vom Kellner zügig serviert wurden, hatte der dicke Mann dennoch an allem zahlreiche Dinge auszusetzen.

Allerdings hatte Wimmer auch nichts anderes erwartet. Er wäre eher erstaunt gewesen, wenn der Kerl nicht an allem herumgemosert hätte und mit den Speisen und dem Service zufrieden gewesen wäre.

Was den Kellner jedoch sehr wohl irritierte und immer wieder erschaudern ließ, war die Tatsache, dass er den Kerl ständig dabei ertappte, wie er ihn regelrecht lauernd beobachtete. Und selbst wenn er nicht zu ihm hinübersah, hatte er das Gefühl, dass der dicke Mann ihn anstarrte, während er gleichzeitig sein Essen in sich hineinschaufelte.

Wimmer war deshalb heilfroh, als der Kerl endlich fertig war, die zweite Weinflasche geleert hatte und die Rechnung verlangte. Und wie er es vorausgesehen hatte, gab der Kerl auch keinen Cent Trinkgeld, sondern legte das Geld abgezählt auf den Tisch.

»Wenn Sie ein Trinkgeld erwartet haben, guter Mann, dann muss ich Sie enttäuschen«, sagte er und lächelte erneut lauernd, als wartete er darauf, dass Wimmer endlich aus der Haut fuhr. Doch den Gefallen tat ihm der Kellner nicht. Worauf er fortfuhr: »Eigentlich müssten sogar Sie mir etwas bezahlen. Und zwar Schmerzensgeld, weil ich Ihren miserablen Service und den elenden Fraß erduldet habe.« Er kicherte, als hätte er einen richtig guten Witz gemacht.

Wimmer bewahrte weiterhin Schweigen. Zu diesem Zeitpunkt war es ihm längst egal, was der Kerl sagte. Hauptsache, er ging endlich und verschwand mitsamt seinem Köter letztlich aus seinem Leben.

Er blieb bis zum Schluss gewohnt freundlich. »Vielen Dank«, sagte er, als er die abgezählten Scheine und Münzen entgegennahm und in seiner Kellnerbörse verschwinden ließ. »Beehren Sie uns doch bald wieder.« Insgeheim erhoffte er sich allerdings das Gegenteil. Und so wie der Kerl an allem herumgemeckert hatte, ging er auch nicht davon aus, dass er jemals wiederkommen würde.

Doch der dicke Mann war anscheinend immer wieder für eine Überraschung gut. »Vielleicht tue ich das sogar«, meinte er augenzwinkernd und fügte mit einem boshaften Grinsen einschränkend hinzu: »Obwohl der Wein, der Service und das Essen in diesem Etablissement natürlich erheblich zu wünschen übrig lassen.«

Wimmer ließ auch diesen Satz unkommentiert, obwohl es ihn Mühe kostete. »Einen schönen Abend noch«, sagte er, dabei wünschte er dem Kerl in Wahrheit die Pest an den Hals.

»Den werde ich mit Sicherheit haben«, erwiderte der andere und grinste bösartig.

Der Kellner wandte sich rasch um und ging geradezu fluchtartig davon, dankbar, dass er den Kerl endlich, endlich, endlich los war. Und als er sich zwei Minuten später umdrehte, war der Tisch bereits verwaist und von dem dicken Mann und seinem Hund nichts mehr zu sehen.

Während der Kellner den Tisch abräumte, dachte er bereits über die Noten nach, die er dem Kerl geben wollte. Sowohl in Sachen Freundlichkeit als auch bezüglich des fehlenden Trinkgeldes hatte der Gast sich selbstverständlich jeweils die schlechteste Note verdient. Da er aber in Wimmers Wahrnehmung noch furchtbarer als der bislang schlechteste Gast gewesen war, musste er auf eine Notenstufe ausweichen, die es eigentlich nicht gab, und vergab daher zweimal und damit auch insgesamt eine Sechs minus.

Als er jetzt, noch immer auf dem Weg durch den Luitpoldpark, noch einmal gründlich darüber nachdachte, kam er zu haargenau demselben Ergebnis. Der dicke Mann hatte sich den ersten Platz in der Tabelle der schlechtesten Gäste redlich verdient. Es war nicht nur seine Unfreundlichkeit gewesen und dass er an allem etwas auszusetzen gehabt hatte. Seine Art und sein Verhalten waren Wimmer zutiefst zuwider gewesen. Die ganze Zeit über hatte er das Gefühl gehabt, der Kerl würde ihn anstarren. Warum auch immer? Darüber hinaus hatte er in der Gegenwart des Mannes ständig ein Gefühl der Bösartigkeit und Heimtücke verspürt. Doch das war zum Glück Vergangenheit. Wimmer hoffte, dass der Kerl nie wieder in ihr Lokal kam, auch wenn er vor seinem Weggang etwas anderes angedeutet hatte.

Der Kellner folgte weiterhin dem Weg durch den Park. Er hatte es nicht eilig, denn er lebte allein; zu Hause wartete nur sein Bett auf ihn. Bis vor siebzehn Jahren war Wimmer verheiratet gewesen. Doch dann hatte ihn seine Frau nach dreizehn Ehejahren von heute auf morgen verlassen, um mit einem anderen Mann zusammenzuleben. Wimmer war damals aus allen Wolken gefallen, als Eva unversehens ihre Koffer gepackt und ihm gleichzeitig mitgeteilt hatte, dass sie ihn schon seit Jahren betrogen hätte und fremdgegangen wäre. Und er hatte nicht das Geringste davon bemerkt. »Weil du ständig so lange arbeitest. Und weil du selbst dann nie richtig da bist, wenn du zu Hause bist«, hatte seine Ex-Frau, denn die Ehe war längst geschieden, damals zu ihm gesagt. Und da sie gemerkt hatte, dass er nicht verstand, was sie damit meinte, hatte sie erklärend hinzugefügt: »Dein Beruf ist dir wichtiger als alles andere. Du lebst nur für deine Arbeit. Und selbst wenn du zu Hause und mit mir zusammen bist, denkst du nur an deinen Job und an deine blöden Gäste.« Mit diesen abschließenden Worten hatte sie sich umgedreht und war mit ihren Koffern aus der gemeinsamen Wohnung und seinem Leben verschwunden. Er hatte sie nur noch ein einziges Mal wiedergesehen, beim Scheidungstermin vor der Familienrichterin. Zuerst hätte er sie gar nicht wiedererkannt, denn alles an ihr hatte sich verändert: ihre Frisur, ihre Haarfarbe, ihre Kleidung, sogar ihr Auftreten. Sie sah glücklich aus und lachte viel. Da wurde Wimmer bewusst, dass er seine Frau in den letzten Jahren ihrer Ehe immer seltener lachen gesehen hatte. Gleichzeitig erkannte er, wie recht Eva gehabt hatte. Er liebte seine Arbeit als Kellner über alles. Und nicht einmal solche Typen wie der unfreundliche dicke Kerl mit dem Hund konnten diese Liebe trüben. Es gab praktisch nichts, was ihm wichtiger war. Und daneben hatte eben nichts anderes Platz, nicht einmal eine Frau. Deshalb lebte Wimmer seitdem allein und war auch nicht unglücklich, sondern zufrieden damit.

Da er tief in seinen Gedanken und Erinnerungen versunken war, bemerkte er zunächst gar nicht, dass er nicht mehr allein war. Doch dann bellte nur wenige Meter vor ihm ein Hund.

Wimmer fuhr erschrocken zusammen, blieb abrupt stehen und hob den Kopf. Fünf Meter vor ihm stand ein Mann mitten auf dem Weg, neben ihm ein kleiner Hund. Obwohl er in der nächtlichen Dunkelheit keine Einzelheiten erkennen konnte, ließ die massige Gestalt des Kerls keinen Zweifel daran, wen er vor sich hatte.

»Sie?«

»Na sieh mal an, wen wir da haben, Hannibal. Wenn das mal nicht der unfreundliche Kellner aus der Kaschemme ist, in der wir heute mehr schlecht als recht zu Abend gegessen haben.«

Der Hund bellte, sobald der Mann seinen Namen nannte.

Wimmer schüttelte irritiert den Kopf. »Was tun Sie hier?«

Der dicke Mann, von dem der Kellner gehofft hatte, ihn nie wiedersehen zu müssen, kam langsam näher. Er deutete auf den Yorkshire Terrier, der artig im gleichen Tempo neben ihm herlief. »Ich gehe mit meinem Hund spazieren. Oder passt Ihnen das etwa nicht? Dasselbe könnte ich übrigens auch Sie fragen: Was treibt Sie denn zu dieser Stunde in diesen gottverlassenen Park?«

Es widerstrebte Wimmer zwar zutiefst, dem Mann etwas über sich selbst zu offenbaren, dennoch sagte er: »Ich bin auf dem Weg nach Hause. Ich gehe fast jeden Tag hier entlang.«

»Was für ein merkwürdiger Zufall, dass wir uns noch einmal begegnet sind«, sagte der dicke Mann, der weniger als zwei Meter von Wimmer entfernt stehen blieb. Der Hund an seiner Seite hatte zu knurren begonnen. Sein Herrchen sah nach unten. »Ich habe das Gefühl, Hannibal mag Sie nicht besonders.«

Wimmer sah ebenfalls den Hund an und zuckte mit den Schultern. Das beruht auf Gegenseitigkeit, hätte er beinahe gesagt, verkniff es sich jedoch. Als Kellner war es gewohnt, seine Gedanken ständig für sich zu behalten und die Gäste trotz allem höflich und zuvorkommend zu behandeln. Dieses Verhalten hatte er nach all den Jahren verinnerlicht, sodass er sich ebenso verhielt, wenn er freihatte und nicht bediente. »Sieht so aus«, sagte er daher nur.

»Das liegt wahrscheinlich daran, dass Sie ihm kein Mineralwasser, so wie ich es gewünscht hatte, sondern ordinäres Leitungswasser vorgesetzt haben«, meinte der dicke Mann und sah wieder Wimmer an.

Der Kellner hatte ein ungutes Gefühl. Die Bösartigkeit, die er in Gegenwart dieses Mannes unterschwellig wahrgenommen hatte, kehrte zurück. Am liebsten wäre er einfach weitergegangen, auch wenn er einen Bogen um den Kerl und seinen Hund machen musste, um seinen Weg fortzusetzen. Er hielt es jedoch für notwendig, etwas auf die Anschuldigung des Mannes zu erwidern und sich zu rechtfertigen. »Sie waren nicht bereit, für das Mineralwasser zu bezahlen. Also bekam Ihr Hund auch nur Leitungswasser. Wenn er das nicht mag, kann ich auch nichts dafür.«

»Hast du das gehört, Hannibal?«, fragte der dicke Mann seinen Hund, dessen Knurren daraufhin zu lautem Gebell wurde.

Doch Wimmer hatte keine Angst vor dem Tier. Es war zu klein, um ihm gefährlich zu werden. Wenn es notwendig sein sollte, würde er dem Köter einfach einen Tritt verpassen, der ihn mindesten fünf Meter wegschleuderte. Anschließend würde er die Beine in die Hand nehmen und wegrennen. Bei dem Gewicht, das der dicke Mann auf die Waage brachte, würde er kaum hinterherkommen. Wenn sich der Kerl überhaupt schneller als in Schrittgeschwindigkeit bewegen konnte. »Warum sind Sie eigentlich noch immer hier?«, stellte Wimmer nun die Frage, die ihn beschäftigte, seit er den Kerl erkannt hatte. »Es ist Stunden her, dass Sie die Wirtschaft verlassen haben.«

Der dicke Mann zuckte mit den Schultern. »Ich sagte doch schon, dass ich mit meinem Hund spazieren gehe. Er musste furchtbar dringend und schert sich dabei nicht um die Uhrzeit. Anschließend müssen wir wohl die Zeit vergessen haben, während wir durch diesen schönen und ruhigen Park spaziert sind. Außerdem lieben wir beide die Natur. Sie ist so …« Er verstummte und suchte nach dem richtigen Wort, bevor er den Satz beendete. »… natürlich.«

»Ich muss jetzt weiter«, sagte Wimmer, der den Mann und seinen Hund endlich loswerden wollte. »Ich hatte einen langen Tag und bin müde.«

»Das ist aber jammerschade. Dabei wollte ich mich mit Ihnen noch einmal über den grottenschlechten Service und den miserablen Fraß unterhalten, den Sie mir vorgesetzt haben. Jetzt, wo wir uns rein zufällig noch einmal über den Weg gelaufen sind. Vom erbärmlichen Leitungswasser für meinen kleinen Liebling ganz zu schweigen.«

Erneut schluckte Wimmer die passende Erwiderung herunter, die ihm auf der Zunge lag, und schwieg.

»Tun Sie sich keinen Zwang an!«, forderte der dicke Mann ihn da auf, als ahnte er, was in dem Kellner vorging. »Sprechen Sie ruhig aus, was Sie denken. Schließlich sind wir hier in diesem menschenleeren Park nicht mehr Gast und Kellner, sondern nur zwei Männer, die sich zufällig begegnet sind. Außerdem sind wir unter uns. Sie können mir also gern ungeniert die Meinung sagen, wenn Sie wollen.«

Wimmer überlegte. Der Mann hatte recht. Sie waren tatsächlich unter sich und in dieser Situation gleichwertig. Also konnte er mit dem Kerl tun, was er schon bei so manchem Gast gern getan hätte: Ihm ordentlich die Meinung geigen.

»Sie sind widerlich!«, platzte es aus dem Kellner heraus, bevor er überhaupt in der Lage war, über das nachzudenken, was er sagen wollte.

»Hört, hört!«, sagte der dicke Mann daraufhin und lachte gehässig. »Ich bin also widerlich? Was noch? Spucken Sie es schon aus, bevor Sie daran ersticken.«

»Sie haben unrecht.«

»Inwiefern?«

»Das Essen bei uns mag nicht mit dem in einem Sterne-Restaurant vergleichbar sein, aber es ist auf keinen Fall ein, wie nannten Sie es noch mal, miserabler Fraß.« Wimmer spürte, wie er allmählich in Fahrt geriet. Endlich konnte er all das herauslassen, was sich in über fünfunddreißig Berufsjahren in ihm angestaut hatte. »Und was den Service betrifft: Ich möchte mich ungern selbst loben, aber ich habe Sie mit Sicherheit nicht schlecht oder falsch, sondern im Gegenteil absolut korrekt und fehlerlos bedient.«

»Sind Sie fertig?«

»Nein, ich bin noch nicht fertig!«

»Dann fahren Sie endlich fort«, sagte der dicke Mann. »Allmählich werde ich nämlich müde. Außerdem wäre ich gern zu Hause, bevor die Morgendämmerung anbricht.«

»Leute wie Sie«, fuhr Wimmer fort, »haben immer an allem etwas auszusetzen. Sie suchen ständig nach dem Haar in der Suppe. Und wenn Sie keins finden, dann reißen Sie sich eben selbst eins aus und werfen es hinein. Und wissen Sie, warum Sie und Ihresgleichen das tun?«

Der dicke Mann zuckte mit den Schultern. »Ich habe ehrlich gesagt keinen blassen Schimmer. Aber da Sie es zu wissen scheinen, klären Sie mich doch bitte auf.«

»Weil Ihr eigenes erbärmliches und inhaltsloses Leben Sie insgeheim ankotzt und Sie es nicht ertragen können, dass andere Menschen glücklich oder zumindest zufrieden mit ihrem Leben sind. Deshalb sind Sie so begierig darauf, anderen das Leben zu vermiesen und zur Hölle zu machen, indem Sie ihre Mitmenschen ständig kritisieren und heruntermachen und nach Dingen suchen, über die Sie sich aufregen können.«

»War’s das jetzt?«

Wimmer nickte. Nach dem Ausbruch fühlte er sich erschöpft. Gleichzeitig war er aber auch erleichtert, dass er endlich hatte aussprechen können, was ihm förmlich auf der Seele gebrannt hatte. Obwohl er bis vor wenigen Augenblicken gar nichts davon geahnt hatte. Erst dieser widerwärtige Mann hatte es zum Vorschein gebracht.

»Das war ja ganz schön starker Tobak«, meinte der andere Mann. »Bist du nicht auch dieser Meinung, Hannibal?«

Als hätte er ihn verstanden und wollte ihm zustimmen, bellte der Hund. Aber vermutlich reagierte er nur jedes Mal automatisch auf die Nennung seines Namens, weil er darauf abgerichtet war.

Dann wandte sich der dicke Mann wieder an Wimmer. »Soll ich Ihnen etwas gestehen?«

Der Kellner sah den anderen Mann argwöhnisch an. Dann nickte er.

»Sie haben vollkommen recht!«

»Was?«

»Natürlich meine ich nicht den Teil, in dem Sie meinten, ich würde ein erbärmliches und inhaltsloses Leben führen, das mich insgeheim ankotzt. Im Gegenteil: Mein Leben ist erfüllt, aufregend und reich an Vergnügen und Abenteuern. Ich liebe es und wünsche mir kein anderes. Aber was den Rest angeht, da haben Sie, verflucht noch eins, einen Volltreffer gelandet.«

»Ich verstehe nicht«, sagte Wimmer verwirrt.

»Was ist daran denn so schwer zu verstehen, wenn ich Ihnen recht gebe?« Der dicke Mann schüttelte den Kopf. »Also wirklich, Ihnen kann man es auch gar nicht recht machen. Und irgendwie machen Sie es einem damit verdammt schwer, Sie zu mögen. Aber was soll’s. Ich werde es Ihnen erklären.« Er kam noch einen Schritt näher, sodass sie nun so eng zusammenstanden, dass sie sich beinahe berührten. Als er fortfuhr, sprach er unwillkürlich leiser, als befürchtete er, sie könnten belauscht werden: »Selbst wenn das Essen und der Service perfekt gewesen wären, was Sie natürlich nicht waren, wie Sie selbst zugeben müssen, hätte ich kein gutes Haar daran gelassen und an allem herumgemeckert.«

»Aber warum tun Sie das?«

»Einfach nur, um Sie zur Weißglut zu bringen.«

»Um mich zur Weißglut zu bringen? Aber wieso?«

»Ich brauchte schließlich einen vernünftigen Grund, um das zu tun, was ich mit Ihnen vorhabe. Und den haben Sie mir gegeben, als Sie mich widerlich nannten. Denn das kann ich Ihnen bei allem Verständnis leider nicht verzeihen.«

Wimmer hatte gar nicht bemerkt, wie die Hand des Mannes in seiner Jacke verschwunden war, von wo er plötzlich wie ein Bühnenzauberer ein langes Fleischmesser zum Vorschein brachte.

»Was …?«

Wimmer konnte die letzte Frage nicht beenden, denn der dicke Mann riss die Hand mit dem Messer blitzschnell nach oben und fuhr damit über den Hals des Kellners. Im ersten Augenblick empfand Wimmer gar nichts und dachte, der Kerl hätte ihn verfehlt. Doch dann spürte er jäh, dass eine warme Flüssigkeit über seine Brust und in seinen Hals lief. Wimmer gurgelte hilflos. Seine Beine knickten ein, und er sank auf die Knie. Das Blut spritzte und sprudelte aus dem Schlitz in seinem Hals und schien jegliche Wärme und Energie mit sich zu nehmen, denn rasch breiteten sich eisige Kälte und Kraftlosigkeit in seinem ganzen Körper aus. Er kippte zur Seite und rollte dann auf den Rücken. Mit den bloßen Händen wollte er den Blutstrom stoppen, doch sein Lebenssaft sprudelte zwischen seinen Fingern hindurch und ließ sich nicht aufhalten. Er starrte zu dem dicken Mann empor, der lächelnd auf ihn herunterblickte, das Messer mit der blutigen Klinge noch immer in der Hand. Dann verließ ihn jegliche Kraft und Wärme. Seine Hände sanken herab und blieben reglos liegen. Die letzte Atemluft entwich durch den tiefen Schnitt, der seinen Hals durchtrennt hatte, und ließ das Blut Blasen werfen. Dann trübte sich sein Blick, und Edgar Wimmer nahm nichts mehr wahr.

Der Mörder wartete geduldig, bis der Blutfluss zum Erliegen kam.

»War viel einfacher, als ich dachte«, sagte er zu seinem Hund, der erwartungsvoll neben ihm saß und die Leiche ebenfalls ansah. »Ich habe insgeheim mit etwas mehr Gegenwehr gerechnet. Aber so ist es natürlich viel besser. Ein Kampf hätte nur den Adrenalinspiegel erhöht und sich negativ auf das Fleisch ausgewirkt.« Er lächelte.

In diesem Moment erinnerte er sich an die Verpflichtung, die er übernommen hatte, und holte mit seiner freien Hand einen Tiefkühlbeutel aus einer der Taschen seiner blutbefleckten Outdoorweste. Er entnahm dem Beutel den kleinen Gegenstand, der sich darin befand, und steckte ihn in die linke Socke der Leiche, wo er nicht vom Blut befleckt werden konnte, das dem Toten über die Brust gelaufen und sein Hemd durchtränkt hatte. Nachdem er den Klarsichtbeutel zusammengeknüllt und wieder eingesteckt hatte, wandte er sich erneut an seinen Hund: »Was meinst du, Hannibal? Wollen wir uns nach dem miserablen Wirtshausfraß heute Nacht noch ein Stück gebratene Niere gönnen?«

Der Yorkshire Terrier bellte und wedelte erwartungsvoll mit dem Schwanz.

»Gut. Dann werde ich mich mal ans Werk machen.«

Der dicke Mann ging laut ächzend neben der Leiche in die Knie und machte sich dann fachmännisch mit dem Fleischmesser an die Arbeit.

ERSTER TEIL

DER LEBENDE TOTE

Kapitel 4

Das Haus sah aus wie eine Baustelle.

Die Mitarbeiter der Fensterfirma hatten im Laufe des Tages sämtliche alten Holzfenster im Obergeschoss und sogar schon einen kleinen Teil im Erdgeschoss ausgebaut und durch neue hochmoderne, energiesparende Kunststofffenster ersetzt. Der Rest der Arbeiten – die Fenster im Wohnzimmer, im Esszimmer und im Gäste-WC – sollte dann am darauffolgenden Tag durchgeführt werden.

Und da Anja Spangenberg schon mal dabei war, das Häuschen zu renovieren, das sie von ihrem verstorbenen Ehemann Fabian geerbt hatte, hatte sie sich spontan dazu entschlossen, eine neue Küche einbauen zu lassen und die Innenwände zu streichen.

Die alte Küche war ebenfalls an diesem Tag abgebaut und abtransportiert worden. Sie war mindestens fünfunddreißig Jahre alt und noch von Fabians Großeltern angeschafft worden, denen das Haus einst gehört hatte, bevor es nach ihrem Tod an den einzigen Enkel gegangen war. Wenn alles wie geplant klappte, was sie inständig hoffte, erwartete sie am kommenden Tag den Fliesenleger, um die alten, im Laufe der Jahre unansehnlich gewordenen braunen Fliesen zu entfernen, die anschließend durch eine moderne Küchenrückwand aus Acryl ersetzt wurden. Außerdem musste der Elektriker die Stromleitungen überprüfen und gegebenenfalls neue verlegen, während der Klempner die Überprüfung und eventuelle Erneuerung der vorhandenen Wasseranschlüsse durchführen sollte. Das Anstreichen der Wände übernahm Anja anschließend selbst, bevor dann endlich die neue Küche eingebaut werden konnte.

Sie hatte vor, nach und nach sämtlichen Innenwänden einen neuen Anstrich zu verpassen, was ihrer Ansicht nach ebenfalls längst überfällig war. Mit dem Arbeitszimmer hatte sie am heutigen Tag den Anfang gemacht. Sie wollte es bei der Gelegenheit auch neu einrichten, um nicht ständig, sobald sie den Raum betrat, daran erinnert zu werden, dass sie an diesem Ort den Leichnam ihres Mannes gefunden hatte.

Anja seufzte. Sie verdrängte die schmerzhaften Erinnerungen an ihren ermordeten Ehemann und die Bilder, die diese unwillkürlich mit sich brachten, und besann sich stattdessen wieder auf das Hier und Jetzt.

Die Handwerker hatten ihre Arbeit für heute bereits beendet und waren gegangen. Sie war daher allein im Haus, denn nicht einmal ihr Mitbewohner Yin war da. Als am frühen Morgen die Invasion der Arbeiter eingesetzt hatte und kurz danach lautes Bohren und Hämmern durchs Haus geschallt war, hatte der schwarze Kater vor dem Lärm und dem Aufruhr die Flucht ergriffen und das Haus verlassen. Seitdem war er nicht mehr zurückgekehrt. Aber vermutlich würde ihn der Hunger alsbald wieder in sein Zuhause zurückführen. Vor allem, nachdem nun fürs Erste wieder Ruhe eingekehrt war.

Anja hatte für den heutigen Tag ebenfalls Feierabend gemacht. Sie musste morgen nur noch die Fensterseite streichen, die sie wegen der Erneuerung des Fensters heute ausgelassen hatte, dann wäre sie zumindest schon mal mit dem Arbeitszimmer fertig. Sie erledigte das Malern aber nicht nur deshalb selbst, um Geld zu sparen. Bei den Unsummen, die allein die neuen Fenster und die Küche kosteten, käme es auf das Geld für einen professionellen Maler ihrer Meinung nach auch nicht mehr an. Sie tat es, weil sie momentan zu viel Zeit hatte und ihr ansonsten sterbenslangweilig wäre.

Nach dem Tod des Mordermittlers Anton Krieger, der aller Voraussicht nach von demselben Mann ermordet worden war, der auch schon ihren Vater, ihren Ehemann und zahlreiche andere Menschen auf dem Gewissen hatte und den sie den Widersacher nannte, war Anja nichts anderes übriggeblieben, als ihren unmittelbaren Dienstvorgesetzten bei der Vermisstenstelle der Kripo München, Kriminalrat Alexander Zumbruch, über all die Dinge in Kenntnis zu setzen, die sie bislang beharrlich verschwiegen hatte, um selbst gegen ihren Widersacher ermitteln zu können. Da sie dadurch nach Meinung ihrer Vorgesetzten die offiziellen Ermittlungen behindert hatte, was schlussendlich auch zum tragischen Tod des Kollegen von der Mordkommission geführt hatte, war wegen des Verdachts eines schwerwiegenden Dienstvergehens ein Disziplinarverfahren gegen sie eingeleitet worden. Gleichzeitig war sie vorläufig ihres Dienstes enthoben und angeordnet worden, dass fünfundzwanzig Prozent ihrer Dienstbezüge einbehalten wurden.

Zum Glück war sie auf das Geld nicht angewiesen. Sie hatte nach dem Tod ihres Mannes nicht nur dieses Haus, sondern auch sein Vermögen geerbt. Außerdem hatte Fabian, ohne dass sie davon wusste, ein paar Jahre vor seinem Tod eine Risikolebensversicherung abgeschlossen, deren Begünstigte sie gewesen war. Sie litt also zumindest keine materielle Not.

Schwerer wog die Suspendierung. Anja war mit Leib und Seele Ermittlerin in der Vermisstenstelle, deshalb fehlte ihr die Arbeit auch sehr. Um sich gegen die drohende Beendigung des Beamtenverhältnisses zur Wehr zu setzen, hatte sie sich einen Anwalt genommen. Doch der hatte ihr aufgrund ihrer Vergehen bislang nur wenig Hoffnung machen können, dass das Disziplinarverfahren zu ihren Gunsten ausgehen könnte.

Anja seufzte erneut. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, bevor sie sich umdrehte und das Arbeitszimmer verließ. Sie hatte bereits die Farbroller und Pinsel gereinigt und den Farbeimer sorgfältig verschlossen. Außerdem hatte sie die alten Klamotten, die sie beim Malern getragen hatte, ausgezogen, sich Gesicht und Hände gewaschen und war in ihre Joggingsachen geschlüpft. Sie wollte nicht herumhocken, Däumchen drehen und darauf warten, dass Yin endlich nach Hause kam, sondern verspürte den Drang, sich zu bewegen. Deshalb hatte sie beschlossen, im Westpark ein paar Runden zu drehen. Ihre Armmuskeln schmerzten zwar von der ungewohnten Malertätigkeit am heutigen Tag – vor allem das Streichen der Decke war in die Arme gegangen –, aber schließlich lief sie nicht mit den Armen, sondern mit den Beinen. Die Schmerzen taugten daher ihrer Meinung nach nicht als Entschuldigung.

Da die Küche momentan unbenutzbar war, hatte sie in einer Ecke des Esszimmers eine kleine Ersatzküche eingerichtet. Dort stand ein kleiner Kühlschrank, der die Ausmaße einer Minibar in einem Hotelzimmer hatte. Daneben ein Tisch mit einer Doppelkochplatte und ihrer Kaffeemaschine. Vor allem auf Letztere konnte und wollte sie auf keinen Fall verzichten. Außerdem standen hier auch Yins Näpfe. Da sie nicht warten wollte, bis das Tier sich endlich dazu bequemte, nach Hause zu kommen, füllte sie einen der Näpfe im Bad mit Wasser und einen zweiten mit Katzenfutter aus der Dose. So musste der Kater wenigstens nicht hungern, wenn er während ihrer Abwesenheit nach Hause kam.

Danach verließ sie das Haus umgehend, schloss die Tür hinter sich und sperrte gewissenhaft ab.

Nur wenige Schritte von der Tür entfernt stand ein Gestell mit den restlichen Fenstern, die am nächsten Tag eingebaut werden sollten. Unmittelbar daneben befand sich ein Bauschuttcontainer, in den die Arbeiter die alten Fenster und den entstandenen Schutt geworfen hatten.

Anja ging darum herum und an ihrem weißen MINI Cooper vorbei, der vor der geschlossenen Garage stand, die vom Porsche ihres verstorbenen Mannes in Beschlag genommen wurde. Kaum hatte sie den Wagen passiert, bog ein dunkelblauer BMW in ihre Einfahrt. Anja blieb stehen und sah dem Fahrzeug teils neugierig, teils argwöhnisch entgegen. Sie kannte das Auto nicht, und außerdem erwartete sie ohnehin keinen Besuch.

Der BMW kam hinter ihrem MINI zum Stehen. Ohne den Motor abzustellen, öffnete der Fahrer die Tür und stieg aus.

»Was will denn der Kriminaldauerdienst von mir?«, fragte Anja, sobald sie den Mann erkannt hatte.

»Von wegen Kriminaldauerdienst«, entgegnete Kriminaloberkommissar Andreas Plattner grinsend. »Ich bin jetzt beim Mord.«

Plattner war einunddreißig Jahre alt, ein Meter einundachtzig groß und schlank. Er hatte blassgrüne Augen, kurzgeschnittenes rotbraunes Haar und einen rotbraunen Vollbart. Jedes Mal, wenn Anja ihn sah, erinnerte er sie unwillkürlich an den irischen Schauspieler Michael Fassbender. Anja hatte ihn – den Kollegen, nicht Michael Fassbender! – vor wenigen Wochen kennengelernt. Damals hatte er mit Kriminalhauptkommissarin Melissa Schubert ein Team des kriminalpolizeilichen Dauerdienstes gebildet, dem Bereitschaftsdienst der Kripo. Allerdings hatte er Anja schon damals erzählt, dass er gern zur Mordkommission wechseln wollte, sobald dort eine Stelle frei werden sollte, weil ihn Todesfälle interessierten. Nicht nur das hatte Anja, die nach Möglichkeit einen großen Bogen um jede Leiche machte, an ihm irritiert, sondern auch seine nervige Angewohnheit, ständig, selbst in den unpassendsten Momenten, breit zu grinsen.

»Glückwunsch«, sagte Anja, trat näher und schüttelte ihm die Hand. »Dann hat es ja endlich geklappt, und Ihr Traum wurde wahr.«

»Ja.« Er lächelte mit stolzgeschwellter Brust, doch dann verschwand das Lächeln jäh aus seinem Gesicht und machte einer betroffenen Miene Platz. »Allerdings gibt es bei der Geschichte auch einen Wermutstropfen. Denn es musste erst ein Kollege sterben, bevor ich endlich zur Mordkommission wechseln konnte.«

»Ach.« Anja riss überrascht die Augen auf. »Sie meinen Anton Krieger. Dann haben Sie also seine Stelle und arbeiten jetzt mit Peter Englmair zusammen?«

Plattner nickte. »Ich hoffe, das macht Ihnen nichts aus.«

Anja schüttelte den Kopf. »Wieso sollte es?«

»Na ja, Sie kannten Krieger doch und haben oft mit ihm zusammengearbeitet. Da dachte ich …« Er ließ den Rest ungesagt, als wüsste er nicht, wie er den Satz beenden sollte.

»Machen Sie sich da mal keine Sorgen. Ich kannte Anton Krieger und schätzte ihn auch als Polizisten, aber wir waren nicht unbedingt die besten Freunde.« Was sogar noch gewaltig untertrieben war, aber mehr musste Plattner Anjas Ansicht nach nicht wissen. »Außerdem ist er tot, so traurig das auch ist, und irgendjemand musste die freie Position übernehmen. Warum also nicht Sie, wenn das ohnehin Ihr Herzenswunsch war?«

Das Grinsen kehrte auf Plattners Gesicht zurück. »Da fällt mir aber ein Stein vom Herzen«, meinte er. »Ich befürchtete schon, Sie würden mich nicht als Peter Englmairs neuen Kollegen in der Mordkommission akzeptieren.«

»Im Gegenteil, ich freue mich für Sie. Außerdem kann Englmair Ihre Hilfe bestimmt gut gebrauchen. Aber was hat denn Ihre bisherige Kollegin beim KDD dazu gesagt?«

Plattner schnitt eine Grimasse. »Als ich es ihr erzählte, war sie natürlich im ersten Moment ganz schön angefressen und wollte gar nicht mehr mit mir reden. Aber dann hat sie es schließlich doch akzeptiert. Sie hat jetzt einen neuen Partner, der vorher beim Einbruchsdezernat war. Und wie ich hörte, kommen die beiden prima miteinander aus, sodass Melissa mir mittlerweile verziehen hat.«

»Und wie lange sind Sie jetzt schon beim Mord?«

»Seit drei Wochen«, sagte Plattner grinsend. »Ich bin also in Sachen Mord gewissermaßen noch grün hinter den Ohren.«

»Das wird sich schnell ändern, da bin ich mir sicher«, entgegnete Anja. »Und in Peter Englmair haben Sie einen guten Lehrmeister. Aber was führt Sie zu mir?« Sie hob Einhalt gebietend die Hand, als der frischgebackene Mordermittler antworten wollte. »Lassen Sie mich raten: Sie kommen natürlich wegen eines Mordfalls.«

Plattner wiegte den Kopf hin und her. »Sozusagen.«

»Was heißt hier sozusagen?«

»Lassen Sie sich überraschen.«

Anja hatte schon bei ihrer ersten Begegnung bemerkt, dass der Kollege sich gern geheimniskrämerisch gab. »Und was heißt das?«

»Mein Kollege hat mich hergeschickt. Er hat mir aufgetragen, Sie abzuholen. Sie sollen sich etwas ansehen.«

Eine ungute Ahnung befiel Anja. In der Regel hatte es für sie nichts Gutes zu bedeuten gehabt, wenn die Kollegen der Mordkommission sie in letzter Zeit zu einem Tatort gerufen hatten. Außerdem erschauderte sie schon allein bei dem Gedanken, dass sie es heute noch mit einem Leichnam zu tun bekommen könnte. »Ich wollte zum Joggen gehen«, wandte sie daher ein.

»Das kann warten.«

»Kann ich mich wenigstens vorher noch duschen und umziehen?« Das würde das unangenehme Erlebnis zwar nur hinauszögern, aber immerhin hätte sie mehr Zeit, sich mental darauf vorzubereiten.

»Nicht nötig«, sagte Plattner. »Da, wo wir hingehen, reicht ihr Outfit allemal. Außerdem wartet Peter ungeduldig auf uns.«

Anja seufzte tief. »Na gut.« Sie wandte sich ab und umrundete den Wagen des Mordermittlers. »Aber beschweren Sie sich hinterher bloß nicht, dass es in ihrem Auto nach Schweiß riecht. Ich habe nämlich heute die Wände und die Decke meines Arbeitszimmers geweißelt und bin dabei gehörig ins Schwitzen gekommen.«

»Ich werde es überleben«, erwiderte Plattner grinsend, setzte sich wieder hinters Steuer und schloss die Tür.

Sie nahm neben ihm Platz. Bevor sie sich anschnallen konnte, fuhr Plattner bereits rückwärts aus der Einfahrt. »Wieso haben wir es so eilig?«

»Weil ich der Neue im Team bin und meinen Kollegen ungern warten lasse, wenn er mir einen Auftrag erteilt.«

Anja nickte verständnisvoll. »Verstehe. Na, dann geben Sie mal tüchtig Gas, damit Englmair nicht länger als unbedingt notwendig auf uns warten muss.«

»Zu Befehl!«, sagte Plattner und tat genau das.

Ihr Ziel lag in Harlaching, einem Stadtteil mit viel Grün und zugleich eine der ruhigsten und vornehmsten Wohngegenden Münchens, unmittelbar an der Isar gelegen und in Nachbarschaft zum Tierpark Hellabrunn sowie zu den Trainingsstätten des FC Bayern München.

Trotz des dichten Verkehrs, des einen oder anderen leichten Staus und einer Baustelle schafften sie die Strecke erstaunlich rasch in fünfundzwanzig Minuten.

Plattner hielt vor einem imposanten und stilvollen Mehrfamilienhaus unweit des Tierparks, und sie stiegen aus.

Anja sah sich um. Sie hatte einen Tatort mit dem üblichen Aufgebot an Streifenpolizisten, Kriminaltechnikern, Mordermittlern und dem unvermeidlichen Gerichtsmediziner erwartet, doch davon war nicht das Geringste zu entdecken. Sie sah daher Plattner fragend an und hob die Schultern.

»Kommen Sie!«, forderte er sie mit dem obligatorischen Grinsen im Gesicht auf und ging voraus.

Sie zuckte mit den Schultern und seufzte. Doch was blieb ihr anderes übrig, als ihm zu folgen?

Es ging zu einer Tiefgaragenzufahrt. An den Überresten eines rotweißen Flatterbands, die hier und da noch herumlagen, erkannte Anja, dass die Tiefgarage bis vor Kurzem gesperrt gewesen sein musste. Allmählich wurde es interessant. Da das Zufahrtstor offen war, konnten sie die unterirdische Garage ungehindert betreten. Im Licht der für eine Tiefgarage erstaunlich hellen Beleuchtung bewunderte Anja die Autos, die auf einigen Stellplätzen geparkt waren. Es handelte sich fast ausschließlich um Fahrzeuge der Oberklasse oder schnittige Sportwagen. Mit einem schwarzen Mercedes, den sie auf ihrem Weg passierten, hatten sich offensichtlich intensiv die Kriminaltechniker befasst, denn das Fahrzeug war an zahlreichen Stellen, vor allem an der Fahrertür und am Kofferraumdeckel, mit weißem Fingerabdruckpulver bestäubt.

Schließlich entdeckte sie auch Kriminalhauptkommissar Peter Englmair von der Mordkommission, der in der Nähe der Aufzugstür stand und ihnen erwartungsvoll entgegensah.

Englmair war 42 Jahre alt, von durchschnittlicher Statur und eins achtzig groß. Er hatte kurze dunkelblonde Haare und grünbraune Augen.

Erst als sie sich ihm bis auf wenige Schritte genähert hatte, bemerkte Anja die Kreidestriche auf dem Boden der Tiefgarage unmittelbar vor der Aufzugstür. Sie bildeten die Umrisse eines menschlichen Körpers. Außerdem sah sie dunkle Flecken aus getrocknetem Blut.

Also handelte es sich bei diesem Ort tatsächlich um einen Tatort, was zumindest die Anwesenheit der beiden Mordermittler erklärte. Allerdings waren allem Anschein nach die kriminaltechnischen Untersuchungen beendet und die Leiche längst abtransportiert worden. Anja atmete erleichtert auf und spürte, wie die Anspannung und innere Erregung, die sie auf der Fahrt hierher unwillkürlich erfasst hatten, ein wenig nachließen.

Englmair lächelte freundlich, als sie sich begrüßten. Es war ungewohnt, ihn ohne seinen langjährigen Partner Krieger zu sehen. Die beiden waren von den Kollegen oft scherzhaft als siamesische Zwillinge bezeichnet worden. Erstens waren sie nahezu unzertrennlich gewesen, zweitens hatten sie sich trotz eines erheblichen Größenunterschieds ausgesprochen ähnlich gesehen. Doch dann hatte Englmair in den letzten Monaten abgenommen und sich die Haare wachsen lassen, sodass die Ähnlichkeit zwischen ihnen immer weniger geworden war. Und nun war Krieger tot, und Englmair hatte einen neuen Partner. Also sollte sie sich allmählich daran gewöhnen.

Anja bedauerte den Tod des Mordermittlers sehr. Andererseits war sie, wenn sie ehrlich sein wollte, aber auch ein wenig erleichtert, dass er jetzt nicht hier war, denn vermutlich wäre er bei ihrem Anblick sofort wieder auf Konfrontationskurs gegangen. Und darauf konnte sie bei allem Ärger, den sie derzeit ohnehin hatte, gut und gerne verzichten.

Nach Kriegers Tod hatten Anja und Englmair sich geschworen, zusammenzuarbeiten, um seinen Mörder zu finden. Seitdem telefonierten sie häufig miteinander und trafen sich auch gelegentlich. Allerdings geschah das stets privat und außerdienstlich.

Das heutige Treffen war etwas anderes, denn es war allem Anschein nach offiziell. Vermutlich hatte Englmair deshalb seinen neuen Partner geschickt, um Anja hierher zu bringen, und sie nicht einfach angerufen und herbestellt.

»Da bin ich!«, sagte Anja und breitete die Arme aus. Sie sah auf die Kreideumrisse und Blutflecken auf dem Boden. »Sagt mir jetzt endlich mal jemand, warum ich hier bin?« Da Englmair wusste, dass sie vom Dienst suspendiert war, musste sie ihn nicht extra daran erinnern. Wenn er sie dennoch an diesen Ort geholt hatte, um mit ihr über einen seiner Fälle zu sprechen, musste er einen verdammt guten Grund dafür gehabt haben.

»Sagt dir der Name Doris Sonntag etwas?«, fragte Englmair, als wäre sie eine Verdächtige in einem Mordfall. Es beruhigte sie allerdings, dass er dabei noch immer ein freundliches, väterliches Lächeln auf dem Gesicht trug.

Anja schüttelte den Kopf. »Noch nie gehört. Ist das der Name des Opfers?« Sie deutete mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf den Kreideumriss und das getrocknete Blut auf dem Boden, neben dem Fingerabdruckpulver an der geschlossenen Aufzugstür die einzig verbliebenen Hinweise, dass hier vermutlich ein Verbrechen verübt worden war.

Die beiden Mordermittler nickten nahezu synchron. Englmair nicht länger lächelnd, sondern mit der gebotenen Ernsthaftigkeit, Plattner hingegen weiterhin grinsend, als wäre das alles nur ein Spaß.

»Sie war Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit eigener Praxis«, erklärte Englmair. »Vierzig Jahre alt, verheiratet mit einem Schönheitschirurgen, keine Kinder. Ihnen gehört eine sündteure Eigentumswohnung in diesem Haus.«

»Sagt mir alles nichts. Was ist passiert?« Anja verschränkte die Arme vor der Brust, verlagerte das Gewicht und stellte sich bequemer hin. Sie ging davon aus, dass diese Unterredung länger dauern würde. Da die Beleuchtung nicht ausging, nahm sie an, dass der Hausmeister auf Veranlassung der Polizei die Zeitschaltuhr abgestellt und auf Dauerbeleuchtung umgeschaltet hatte.

Englmair sah Plattner an und nickte ihm zu, um es seinem Partner zu überlassen, Anja über die Einzelheiten des Falls aufzuklären. Plattner räusperte sich kurz, bevor er zu sprechen anfing. Das Grinsen verschwand aus seinem Gesicht, als er sich auf die Fakten konzentrierte. »Frau Sonntag war nach der Arbeit noch beim Einkaufen, weil ihr Mann jemanden überraschend zum Essen eingeladen hatte. Anschließend fuhr sie hierher. Über der Einfahrt ist eine Kamera installiert, und auf der Aufnahme sieht man, wie sie in die Tiefgarage fährt.«

»Saß sie am Steuer?«, fragte Anja. »Und war sie allein im Fahrzeug?«

»Sie steuerte den Wagen, und soweit man es sehen kann, war außer ihr niemand sonst im Auto.«

»Und dann?«

»Sie parkte den Mercedes auf ihrem Stellplatz und ging mit ihrer Handtasche und zwei Einkaufstüten zum Aufzug. Hier hat sie dann ihren Mörder getroffen. Als er auf sie losging, ließ sie alles fallen. Er tötete sie anschließend mit einem einzigen Stich ins Herz.«

»Die Tatwaffe?«

»Vermutlich ein Dolch mit einer beidseitig geschliffenen und spitz zulaufenden Klinge.«

»Wurde sie vergewaltigt?«, fragte Anja, was zunächst einmal naheliegend war.

Doch Plattner schüttelte verneinend den Kopf.

»Raubmord?«

»Ebenfalls Fehlanzeige«, schaltete sich Englmair ein. »Von ihren Sachen fehlte absolut nichts. Geldbörse und Schmuck waren unangetastet.«

»Was ist mit dem Ehemann? Hat er ein Alibi?«

»Das hat er in der Tat«, sagte Plattner. »Sogar ein absolut überzeugendes, denn er hat zu dem Zeitpunkt, als seine Frau umgebracht wurde, eine Schönheitsoperation durchgeführt. Dafür gibt es ungefähr ein halbes Dutzend Zeugen.«

Anja seufzte. »Wäre nicht das erste Mal, dass ein Ehemann jemanden mit dem Mord an seiner Frau beauftragt und dafür sorgt, dass er selbst ein hieb- und stichfestes Alibi hat.«

»Das ist natürlich durchaus möglich«, sagte Englmair. »Aber in dem Fall müsste er ein hervorragender Schauspieler sein, denn er erlitt einen Schwächeanfall und kippte einfach um, als wir ihn über den Tod seiner Frau informierten. Ich dachte schon, er hätte einen Herzinfarkt und würde ebenfalls sterben. Der Notarzt, den wir gerufen hatten, gab ihm dann ein Beruhigungsmittel. Außerdem informierten wir seine Schwester, die sich seitdem um ihn kümmert. Es geht ihm zwar noch immer schlecht, doch inzwischen konnten wir ihm zumindest ein paar Fragen stellen. Dabei haben wir erfahren, wo er zum Zeitpunkt ihres Todes war und dass weder seine Frau noch er irgendwelche Feinde haben.«

Anja zuckte ratlos mit den Schultern und sah sich um. »Wenn es der Ehemann nicht war, und sowohl ein Sexualverbrechen als auch ein Raubmord ausscheiden, warum wurde sie dann getötet?«

»In den letzten drei Jahren gab es vier nahezu identische Mordfälle«, ließ Englmair die Katze endlich aus dem Sack. »Allerdings nicht hier in München, nicht einmal in Bayern, sondern in Norddeutschland. In allen vier Fällen wurden sowohl weibliche als auch männliche Psychiater und Psychotherapeuten ermordet. Und jedes Mal wurden sie mit einem einzigen gezielten Dolchstoß ins Herz getötet.«

»Ein Serienkiller also«, sagte Anja.

»Sieht ganz danach aus.«

Anja überlegte fieberhaft. Obwohl sie bei der Vermisstenstelle arbeitete und im Grunde nur nach vermissten Personen suchte, hatte sie es in den letzten Jahren mehrere Male mit Serienmördern zu tun bekommen. Deshalb war sie allerdings noch lange keine Expertin auf diesem Gebiet. Es musste daher noch einen anderen Grund für ihr Hiersein geben, auch wenn dieser nicht sofort ersichtlich war. »Wann geschah der Mord eigentlich?«

»Gestern Abend«, sagte Plattner.

»Gestern Abend?«, echote Anja erstaunt. »Und warum habt ihr mich erst jetzt hierher gebracht?«

»Wir waren anderweitig beschäftigt«, sagte Englmair, ohne näher darauf einzugehen, was sie in der Zeit getrieben hatten.

»Okay«, sagte Anja und nickte nachdenklich. »Jetzt bin ja hier. Aber ich weiß immer noch nicht, was ich hier soll.« Sie sah Englmair erwartungsvoll an. »Entweder du sagst mir endlich, was dahintersteckt, oder ich schwöre dir, ich verlasse auf der Stelle diese Tiefgarage, fahre mit dem Taxi nach Hause und schicke dir dann die Rechnung.«

Englmair lächelte. »Das glaube ich dir sogar. Es wird aber nicht nötig sein.« Er griff in die Innentasche seiner Jacke, holte einen Stapel Fotografien heraus und reichte ihn Anja. »Das sind die Tatortfotos. Tu mir bitte den Gefallen und sieh sie dir an.«

Anja seufzte, senkte den Blick und sah sich das oberste Foto an. Es war in der Tiefgarage, allerdings aus einiger Entfernung aufgenommen worden, sodass die Frauenleiche im Hintergrund kaum als solche zu erkennen war. Sie nahm das Foto und steckte es nach hinten. Bei der nächsten Aufnahme war der Fotograf schon näher dran gewesen, doch noch immer war von dem Leichnam kaum etwas zu erkennen. Man konnte allerdings die beiden bunten Einkaufstüten und die Handtasche sehen, von denen Plattner gesprochen hatte und die inzwischen weggeräumt worden waren. Sie besah sich aufmerksam ein Bild nach dem anderen. Da sich der Fotograf dem Leichnam immer mehr angenähert hatte, nahm dieser immer mehr Raum auf den Aufnahmen ein, wodurch auch immer mehr Details erkennbar waren, bis die Leiche schließlich in Großaufnahme und all ihrer Schrecklichkeit zu sehen war. Anja erschauderte bei dem Anblick, doch es war nichts gegen das Angstgefühl, das sie stets hatte, wenn sie sich in direkter Gegenwart einer menschlichen Leiche befand.

Langsam arbeitete sie sich durch den Stapel in ihrer Hand und beäugte eine Aufnahme nach der anderen aufmerksam. Doch nichts, was sie darauf sah, erklärte, warum sie hier war. Doch dann war auf einer der letzten Aufnahmen in Großaufnahme eine rechteckige weiße Karte zu sehen. Die Karte war ihr bereits vorher aufgefallen, denn sie hatte in der Nähe der einzelnen Stichwunde auf dem Leichnam gelegen, Anja hatte ihr aber keine besondere Bedeutung beigemessen. Doch nun, aus unmittelbarer Nähe, erkannte sie, dass es sich um eine Visitenkarte handelte. Und nicht etwa um irgendeine Visitenkarte, denn Anjas Name, ihr Dienstgrad und ihre dienstliche Telefonnummer standen darauf.

Jäh überkam sie ein Gefühl von Déjà-vu, als sie sich unwillkürlich daran erinnerte, dass schon einmal Visitenkarten von ihr an mehreren Tatorten zurückgelassen worden waren. Damals hatte ihr Widersacher mit der Hilfe eines Serienkillers versucht, ihr mehrere Morde an Menschen, die sie in ihrer Kindheit gekannt hatte, in die Schuhe zu schieben. Beinahe wäre ihm das auch gelungen. Zeitweise hatte Anja sogar selbst geglaubt, sie hätte die Morde im Alkoholrausch begangen, und deshalb sogar Beweismittel beiseitegeschafft, die sie belasteten. Der Anblick der Visitenkarte weckte in Anja nun zahlreiche ungute Erinnerungen, denn es war damals ausgerechnet Krieger gewesen, der sie aufgrund der Spurenlage der Morde verdächtigt hatte. Nachdem schließlich der wahre Täter getötet worden war, hatte sich Krieger bei ihr entschuldigt; allerdings war er seitdem stets besonders misstrauisch ihr gegenüber gewesen. Er war davon überzeugt gewesen, dass Anja ihren Kollegen wichtige Informationen vorenthalten hatte und insgeheim ihr eigenes Süppchen kochte. Und damit hatte er nicht einmal unrecht gehabt, auch wenn er ihr dabei kriminelle Motive unterstellt hatte, die sie nicht besaß.

»Jetzt wissen Sie, warum Sie hier sind«, sagte Plattner.

Anja hob den Blick und sah ihn an. »Aber ich kannte die Frau doch gar nicht.«

»Sind Sie sich sicher?«

Sie nickte. »Absolut! Ich bin dieser Psychiaterin noch nie im Leben begegnet.«

»Warum hat der Täter dann Ihre Visitenkarte auf die Leiche gelegt?«

»Das kann ich Ihnen auch nicht sagen.« Anja seufzte. »Aber wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass dahinter derselbe Kerl steckt, der meinen Vater, meinen Mann und Krieger umgebracht hat. Anscheinend hat er wieder damit begonnen, seine Spielchen mit mir zu treiben.«

Englmair nickte. »Das dachte ich mir auch gleich, als ich die Visitenkarte sah. Deshalb hielt ich es für das Beste, dass du von der Sache erfährst.«

»Wovon redet ihr zwei eigentlich?«, fragte Plattner irritiert.

»Das ist eine lange Geschichte«, erwiderte Anja und sah Englmair fragend an.

Der zuckte mit den Schultern. »Vielleicht ist es besser, wenn wir ihn einweihen. Schließlich spielt er jetzt in unserem Team.«

»Einweihen in was?«

Anja nickte und sah Plattner an. »Es gibt da jemanden, der es auf mich abgesehen hat und mir seit einiger Zeit immer wieder das Leben schwermacht, indem er Leute umbringt oder umbringen lässt. Anschließend verwickelt er mich dann in diese Mordserien, indem er mir Nachrichten schickt oder es so aussehen lässt, als hätte ich die Taten begangen. Fragen Sie mich aber bitte nicht, warum er das tut, denn das weiß ich nicht. Ich nenne diesen Mann den Widersacher. Wenn er allerdings im Darknet mit anderen Psychopathen kommuniziert, dann lässt er sich von ihnen Jack nennen.«

»Jack?« Plattner lachte. »Wie in Jack the Ripper etwa? Echt jetzt? Ihr wollt mich bloß verarschen, oder? Das ist ein Streich, den man den Neulingen in der Mordkommission spielt. Und gleich kommen die Kollegen hereingestürmt, lachen sich scheckig, weil ich euch auf den Leim gegangen bin, und rufen: ›Hereingelegt, Grünschnabel!‹«

»Schön wär’s«, sagte Englmair und sah Anja an. »Wieso sind wir nicht auf diese Idee gekommen?«

Anja zuckte mit den Schultern. »Vermutlich, weil man mit so etwa, vor allem an einem Tatort wie diesem, keine Scherze treibt.«

»Daran wird’s wohl liegen«, stimmte Englmair zu.

»Ihr meint das also wirklich ernst?«, fragte Plattner noch einmal nach. Das Grinsen war ihm scheinbar vergangen, denn er guckte reichlich konsterniert aus der Wäsche.

»Todernst!«, versicherte ihm Anja. »Außerdem haben wir uns den Namen nicht ausgedacht, den hat er selbst gewählt. Vermutlich ist die Assoziation mit dem berühmtesten Serienmörder aller Zeiten dabei durchaus beabsichtigt. Der Widersacher ist allem Anschein nach sehr von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt. Und dazu hat er auch allen Grund, denn bislang ist es niemandem gelungen, ihn für seine Taten zur Rechenschaft zu ziehen oder auch nur seine wahre Identität zu enthüllen.«

»Und was hat dieser mysteriöse Jack so alles angestellt?«, fragte Plattner.

»Soweit wir wissen, begann alles vor annähernd sechsundzwanzig Jahren. Damals wurden hier in München drei Mädchen entführt, die bis auf ihr langes dunkelbraunes Haar, das Geschlecht und die Altersgruppe kaum etwas gemeinsam hatten. Ich kannte sogar eines der Mädchen; sie hieß Helena und ging mit mir in eine Klasse. Mein Vater war damals für die Vermisstenfälle zuständig und leitete zusammen mit seinem Partner die Sonderkommission, die gebildet worden war. Doch noch während der Ermittlungen starb mein Vater. Ich fand damals seine Leiche, als ich nach Hause kam und die Tür zu seinem Arbeitszimmer öffnete. Der Widersacher hatte ihn getötet, weil mein Vater ihm vermutlich auf die Schliche gekommen war und zur Rede gestellt hatte. Er hatte den Mord allerdings erfolgreich als Selbstmord inszeniert, sodass jahrelang alle – auch ich – davon ausgingen, er hätte Suizid begangen.« Anja verstummte und verdrängte die schmerzhaften Erinnerungen an damals, die sie noch heute gelegentlich in furchtbaren, immer wiederkehrenden Albträumen quälten.

»Und was passierte dann?«, fragte Plattner neugierig.

»Danach geschah erst einmal lange Zeit gar nichts«, sagte Anja. »Vielleicht trieb Jack woanders sein Unwesen, möglicherweise im Ausland, denn ich kann nicht glauben, dass jemand wie er von heute auf morgen einfach mit dem Morden aufhört.«

»Und die drei verschwundenen Mädchen?«

»Sind nie wieder aufgetaucht«, antwortete Englmair, den Anja nach Kriegers Tod in alles eingeweiht hatte.

»Stattdessen ist vor fast etwa zweieinhalb Jahren der Widersacher wieder in Erscheinung getreten«, fuhr Anja fort. »Allerdings nicht persönlich, sondern mithilfe einer Reihe anderer Killer, die er als Werkzeug benutzte. Außerdem schickte er mir Nachrichten, sodass ich in die Mordfälle involviert wurde. Auf diese Weise erfuhr ich auch, dass mein Vater sich nicht selbst getötet hatte, sondern von Jack ermordet worden war. Und dass der Widersacher sich noch im Haus aufhielt, als ich den Leichnam meines Vaters fand. Darüber hinaus ermordete er meinen Mann und ließ es ebenfalls wie einen Suizid aussehen, um ihm die Schuld an mehreren Morden in die Schuhe zu schieben, die in Wahrheit eines seiner Werkzeuge begangen hatte.« Anja verstummte und schüttelte den Kopf. Sie hatte nicht vor, Plattner hier und jetzt alles haarklein zu erzählen. Es genügte, wenn er die groben Umrisse der Geschichte kannte. »Seitdem versuche ich herauszufinden, wer der Widersacher ist, um ihm endlich das Handwerk zu legen.«

»Und was ist mit den Morden vor ein paar Wochen, als ich noch beim KDD war und meine Kollegin und ich von Ihnen zu zwei Tatorten gerufen wurden?«, fragte Plattner.

»Auch hinter diesen Fällen steckte in Wahrheit der Widersacher. Er bediente sich dabei der Hilfe des Mannes, der sich selbst Regenmann nannte.«

Plattner nickte mit gerunzelter Stirn, als er nun die Zusammenhänge erkannte. Über den Regenmann, der nur bei Regenwetter zugeschlagen und mehrere Menschen ermordet hatte, wusste er Bescheid. Allerdings hatte er bislang natürlich nicht die wahren Hintergründe der letzten Morde dieses Mannes gekannt.

»Am Ende tötete der Widersacher nicht nur den Regenmann, als er ihn nicht mehr benötigte«, sagte Anja, »sondern auch Kriminaloberkommissar Anton Krieger, der mir zum Haus des Regenmanns gefolgt war.«

»Und er ermordete darüber hinaus eine Malerin und ihren Vater in Fürstenfeldbruck«, ergänzte Englmair.

»Aus welchem Grund?«, fragte Plattner.

»Durch ein Notizbuch meines Vaters, das meine Mutter im Auto gefunden und dann wieder vergessen hatte, stieß ich auf ein Grundstück in der Nähe von Fürstenfeldbruck, das mein Vater unmittelbar vor seinem Tod überprüft hatte. Vermutlich hatte der Widersacher das Grundstück damals gemietet und die Leichen der drei Mädchen dort vergraben. Allerdings wurden die Leichname später wieder entfernt und an einen bislang unbekannten Ort gebracht. Als ich den damaligen Eigentümer befragte, der an beginnendem Alzheimer litt und in einem Seniorenheim lebte, wurde er ermordet, während ich ihn kurz allein ließ, um Wasser zu holen. Kurze Zeit später wurde auch seine Tochter in meiner Gegenwart getötet. Allerdings gab sie mir vorher eine Fotografie, auf der vermutlich das Auto des damaligen Grundstücksmieters und ein Teil des Kennzeichens zu sehen sind.«

»Und?«, fragte Plattner. »Hat sich mithilfe dieses Fotos eine neue Spur ergeben?«

Anja und Englmair schüttelten gleichzeitig den Kopf.

»Und dabei haben wir alles versucht, um den damaligen Halter des Fahrzeugs zu ermitteln«, sagte Englmair zerknirscht. »Aber es ist einfach schon zu lange her. Außerdem kennen wir nur einen Teil des Kennzeichens, was die Sache zusätzlich verkompliziert.«

»Also seid ihr noch immer keinen Schritt weitergekommen?«

Auch das mussten die Kollegen zähneknirschend bejahen.

»Habt ihr dann wenigstens einen vagen Verdacht, wer es sein könnte?«

Englmair sah Anja fragend an. Von dem Verdacht, den sie insgeheim hegte, hatte sie nicht einmal ihrem Vorgesetzten, sondern nur ihm erzählt.

Anja seufzte, bevor sie sagte: »Ich habe tatsächlich jemanden in Verdacht. Ich ließ diese Person sogar von einem Bekannten meines Vaters, einem ehemaligen Kollegen, zeitweise überwachen. Allerdings hat diese Überwachung nichts ergeben, das meinen Verdacht erhärtet hätte, sodass ich den Namen des Mannes momentan lieber für mich behalten möchte. Schließlich kann ich mich auch täuschen, und diese Person hat nichts mit der Angelegenheit zu tun und ist unschuldig. Deshalb möchte ich sie nicht grundlos verdächtigen.«

Bei dem Verdächtigen handelte es sich um ihren Onkel Christian Kramer. Er war unmittelbar nach der Beerdigung seines Bruders nach Südafrika ausgewandert und unmittelbar vor dem erneuten Auftauchen des Widersachers wieder nach Deutschland zurückgekehrt, was ihn in Anjas Augen verdächtig genug machte. Außerdem konnte sie sich gut vorstellen, dass ihr Vater damals beschlossen hatte, jemanden wie seinen Bruder erst zur Rede zu stellen, als er ihn in Verdacht hatte, bevor er anderen davon erzählte.

Plattner nickte nachdenklich. Er schien den Grund für ihr Schweigen über die Identität ihres Verdächtigen nachvollziehen zu können, denn er bohrte nicht nach. Nach ein paar Augenblicken kehrte das obligatorische Grinsen auf sein Gesicht zurück. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Mannomann! Was für eine abgefahrene Scheiße.«

Anja und Englmair mussten daraufhin ebenfalls grinsen.

»Das kannst du laut sagen, Partner«, meinte Englmair.

Anja nickte. »Und die Sache ist noch nicht zu Ende, denn es sieht danach aus, als hätte der Widersacher erneut einen willigen Psychopathen gefunden, der für ihn die Drecksarbeit erledigt, damit er weiter sein hinterhältiges Spielchen mit mir treiben kann. Ich hatte gehofft, er gönnt mir diesmal eine längere Pause, sodass wir eine Chance bekommen, ihm endlich auf die Schliche zu kommen. Aber er ist uns wie immer mal wieder einen Schritt voraus und treibt uns vor sich her.« Sie seufzte laut und sah sich um. »Gibt es sonst noch etwas, das ich über den Mord an der Psychiaterin wissen sollte?«

»Da ist tatsächlich noch etwas«, sagte Englmair.

Anja wandte den Kopf und sah ihn fragend an. »Was denn noch?« Insgeheim hatte sie allerdings bereits geahnt, dass das noch nicht alles gewesen war und Englmair noch eine Überraschung für sie parat hatte.

»Sieh dir einfach das nächste Tatortfoto an.«

Sie tat, was er ihr geraten hatte. Die Aufnahme zeigte die Rückseite der Visitenkarte. Darauf war ein roter Fingerabdruck zu sehen, vermutlich aus Blut. Ein derart deutlicher und vollständiger Abdruck war vermutlich der Traum jedes Kriminaltechnikers. »Wessen Abdruck ist das?«, fragte Anja, hob wieder den Kopf und sah Englmair an.

»Das wissen wir nicht«, sagte er. »Wenn es dein Fingerabdruck wäre, hätten wir dich bereits festnehmen und in einem Verhörzimmer befragen müssen, aber er stammt definitiv nicht von dir, denn das haben wir bereits überprüft. Im Übrigen auch nicht von unserem Mordopfer, was natürlich unser zweiter Gedanke war. Und es gibt auch keine Übereinstimmung mit den gespeicherten Fingerabdrücken im AFIS.« Dabei handelt es sich um das automatisierte Fingerabdruck-Identifizierungs-System beim Bundeskriminalamt, das es der Polizei ermöglicht, unbekannte Fingerabdruckspuren mit bekannten Fingerabdrücken zu vergleichen. Im AFIS sind die Fingerabdrücke von mehr als fünf Millionen Personen und die Handflächenabdrücke von über zwei Millionen Personen gespeichert.

»Vielleicht ist es ja der Fingerabdruck des Mörders oder Ihres mysteriösen Widersachers«, schlug Plattner vor.

Doch Anja schüttelte entschieden den Kopf. »Das halte ich für unwahrscheinlich. Der Mörder meines Vaters würde sich vermutlich eher die Hand abhacken, als an einem Tatort einen Fingerabdruck zu hinterlassen. Und wieso sollte der Täter so etwas tun? Das ergibt überhaupt keinen Sinn.«

»Von wem ist er dann?«

Anja überlegte. »Wie ich schon sagte, liebt es der Widersacher, seine perfiden Spielchen mit uns zu treiben. Deshalb gehe ich davon aus, dass es sich auch hier wieder um eine seiner niederträchtigen Gemeinheiten handelt. Ihr solltet daher alles daransetzen, so schnell wie möglich herauszufinden, wessen Fingerabdruck das ist.« Sie sah erneut auf die oberste Fotografie des Stapels in ihren Händen. »Besteht der Abdruck tatsächlich aus Blut, oder ist das nur rote Farbe?«

»Blut«, antwortete Englmair und fuhr, da er ihren Gedankengang und ihre nächste Frage bereits erahnte, fort: »Es handelte sich eindeutig um menschliches Blut der Gruppe A Rhesus positiv, also um die in Deutschland häufigste Blutgruppe. Das Ergebnis der DNA-Analyse steht allerdings noch aus.«

Anja ließ sich diese Information durch den Kopf gehen.

»Was denkst du jetzt?«, fragte Englmair.

»Er spielt wieder mit uns«, sagte Anja nachdenklich. »Außerdem ist das hier sicherlich noch nicht alles, was Jack für uns auf Lager hat. Es ist nur die Spitze des Eisbergs, die er uns sehen lässt. Ich könnte mir daher vorstellen, dass sowohl der Fingerabdruck als auch das Blut vom nächsten Opfer stammen.«

»Das denke ich nicht«, widersprach Englmair.

Anja sah ihn überrascht an. »Wie kannst du dir da so sicher sein?«

Englmair seufzte. Bevor er ihr eine Antwort gab, streckte er die Hand aus, nahm ihr den Stapel mit den Tatortfotos ab und steckte sie wieder ein. »Das wollten wir dir ohnehin als Nächstes zeigen«, sagte er dann. »Komm mit!« Damit wandte er sich ohne ein weiteres Wort um und marschierte in Richtung Tiefgaragenausfahrt.

Anja sah Plattner fragend an. Doch der zuckte nur mit den Schultern und grinste, bevor er seinem Partner folgte. Anja blieb erneut nichts anderes übrig, als ihnen hinterherzueilen, während sie sich fragte, welche Überraschung dieser Tag noch für sie bot.

Von alldem, was noch kommen sollte, ahnte sie zu ihrem Glück nichts.

Kapitel 5

Plattner setzte sich erneut hinter das Steuer des BMW. Und da Englmair auf dem Beifahrersitz Platz nahm, blieb für Anja nur die Rückbank übrig.

Sobald sie losgefahren waren, rief Englmair den Hausmeister des Gebäudes an, das sie soeben verlassen hatten. Er teilte ihm mit, dass sie in der Tiefgarage fertig seien und er das Tor schließen und die Zeitschaltuhr der Beleuchtung wieder einschalten könne. Die restliche Fahrt hüllten sich die drei Kriminalbeamten in Schweigen; jeder hing seinen eigenen mehr oder weniger düsteren Gedanken nach.

Zwanzig Minuten später erreichten sie ihr Ziel im sogenannten »Franzosenviertel«. Es lag im Stadtteil Haidhausen und seine Straßen und Plätze waren nach französischen Städten benannt. Plattner parkte den Wagen in einer Seitenstraße in der Nähe des Bordeauxplatzes verbotswidrig vor einer Ausfahrt, und sie stiegen aus.

Anja folgte den beiden Männern. Schon nach wenigen Metern blieb Englmair stehen und deutete auf die Überreste eines teilweise bereits verwischten Kreideumrisses mitten auf dem Bürgersteig. Außerdem waren auch hier getrocknete Blutspuren zu sehen. In unmittelbarer Nähe, direkt vor der Hauswand, hatten Anwohner Blumen abgelegt und brennende Kerzen aufgestellt, um des Toten zu gedenken.

»Hier starb das zweite Opfer«, sagte Englmair.

Das überraschte Anja nicht. Aufgrund des Verhaltens der beiden Kollegen hatte sie bereits befürchtet, dass es noch einen Todesfall geben musste.

»Wurde er wie das erste Mordopfer ebenfalls mit einem einzelnen Dolchstoß ins Herz getötet?«, fragte Anja, die nach einem Zusammenhang zwischen den beiden Todesfällen suchte, denn andernfalls wäre sie jetzt nicht hier.

»Nein«, antwortete Plattner. »Er stürzte aus dem Fenster seiner Wohnung im vierten Stock.« Er deutete mit dem Zeigefinger himmelwärts.

Anja folgte der Bewegung unwillkürlich mit den Augen und sah nach oben. Das Fenster, aus dem der Mann gefallen sein musste, war geschlossen. »Was ist passiert?«, fragte sie und richtete ihren Blick wieder auf Englmair.

Doch erneut war es Plattner, der die Aufgabe übernahm, sie über die Hintergründe des Falls zu informieren. »Der Tote heißt oder besser gesagt hieß …« Er zuckte mit den Achseln, als wäre er sich unsicher, welche Zeitform nun korrekt war und ob ein Leichnam weiterhin seinen Namen behielt. »… Ralf Kohler. Ein riesiger Kerl, mindestens zwei Meter groß, noch dazu Bodybuilder mit einem Körper wie ein Schrank. Von Beruf war er Personenschützer, was bei seiner Statur sogar naheliegend war.«

»So ein Kerl fällt doch nicht einfach so mir nichts, dir nichts aus dem Fenster«, sagte Anja kopfschüttelnd. »Außer natürlich, er wollte das Fenster putzen und ist dabei abgerutscht.«

Plattner lachte, wurde aber rasch wieder ernst.

»Das ist eher unwahrscheinlich«, meinte Englmair. »Wer putzt schon spätabends seine Fenster. Außerdem hatte Kohler eine Putzfrau, die zweimal in der Woche kam.«

»Also ist er entweder selbst gesprungen, weil er seines Lebens überdrüssig war«, sinnierte Anja. »Oder jemand hat nachgeholfen.«

»Eindeutig Letzteres«, sagte Plattner.

»Weswegen seid ihr euch da so sicher?«

»Das Fenster, aus dem Kohler gefallen ist, wurde hinterher wieder geschlossen«, sagte Englmair. »Das kann er unmöglich selbst getan haben, wie du zugeben musst. Und in der Wohnung gibt es eindeutige Spuren einer tätlichen Auseinandersetzung. So ging beispielsweise der Glastisch im Wohnzimmer zu Bruch. Außerdem wurden Blutspuren des Opfers auf dem Parkettboden, an der Wand unter dem Fenster und auf dem Fensterbrett gefunden.«

»Kohler muss bei dem Kampf verletzt worden sein, trug vermutlich auch einige Prellungen und Blutergüsse davon«, erklärte Plattner. »Allerdings lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen, welche Verletzungen auf den Kampf zurückgehen und welche von dem anschließenden Aufprall auf das Pflaster nach dem Sturz aus dem vierten Stock stammen.«

»Der Gerichtsmediziner geht übrigens davon aus, dass Kohler noch am Leben, aber vermutlich ohne Bewusstsein war, als er starb«, sagte Englmair.

Anja schüttelte zweifelnd den Kopf. »Ein Zweimetermann, noch dazu Bodybuilder und ausgebildeter Personenschützer, verliert einen Zweikampf, wird bewusstlos geschlagen und anschließend aus dem Fenster seiner Wohnung geworfen?«

Plattner und Englmair nickten gleichzeitig. Englmair mit ernsthafter Miene, um ihr zu zeigen, dass er nicht scherzte, Plattner hingegen mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.

»Puh«, machte Anja. »Da möchte ich mir lieber gar nicht vorstellen, wie sein Gegner aussah. Außer natürlich, es handelte sich dabei um mehrere Männer.«

Englmair schüttelte jedoch entschieden den Kopf. »Wir gehen von einem Einzeltäter aus. Außerdem glaube ich gar nicht, dass der Mörder unbedingt größer und stärker als Kohler war. Wahrscheinlich war er nur ein besserer Kämpfer. Von Kohlers Kollegen haben wir erfahren, dass er allein aufgrund seiner Größe und Statur schon äußerst eindrucksvoll wirkte und sich deshalb niemand mit ihm anlegte. Er hat allerdings nie eine richtige Kampfkunstausbildung genossen.«

»Wann ist es passiert?«

»Gestern am späten Abend zwischen zehn und halb elf«, sagte Englmair.

»Kohler wollte mit Kollegen ausgehen«, übernahm Plattner. Anja hatte das Gefühl, dass die beiden bereits ein eingespieltes Team waren. »Sie wollten sich um halb elf vor einem Club treffen. Als Kohler nicht kam, versuchten sie zunächst, ihn anzurufen. Da er nicht ans Telefon ging, fuhren sie mit einem Taxi hierher und fanden seine Leiche.«

»Hat jemand im Haus etwas gehört?«, fragte Anja. »Immerhin muss der Kampf eine Menge Lärm verursacht haben.«

»Ein paar Nachbarn haben tatsächlich Lärm gehört«, meinte Plattner. »Sie dachten aber, Kohler würde zu laut Musik hören, was er manchmal tat. Allerdings hat sich scheinbar niemand getraut, die Polizei zu rufen oder sich zu beschweren. Außerdem kehrte ohnehin bald wieder Ruhe ein.«

»Und wie ist der Täter in Kohlers Wohnung gelangt?«

Englmair zuckte mit den Schultern. »Es gibt keine Einbruchspuren. Also hat Kohler ihn vermutlich selbst in die Wohnung gelassen.«

»Und da kam es dann zur tödlichen Auseinandersetzung«, meinte Anja. »Die Frage ist müßig, trotzdem muss ich sie stellen: Hat der Täter in der Wohnung oder am Opfer irgendwelche Spuren hinterlassen? Fingerabdrücke, Haare, Fasern?«

Plattner schüttelte den Kopf. »Die Putzfrau war erst gestern da und hat saubergemacht. Und die Frau ist wirklich sehr gründlich. Die Kriminaltechniker fanden an der Wohnungstür und in der kompletten Wohnung nur Fingerabdrücke von Kohler und seiner Putzfrau. Es sieht auch nicht danach aus, als hätte der Täter anschließend Spuren weggewischt oder beseitigt.«

»Also trug er Handschuhe und hatte vermutlich von Anfang an vor, Kohler zu töten.«

Englmair nickte. »Davon gehen wir momentan aus.«

»Okay«, sagte Anja schließlich und atmete einmal tief durch. »Ihr habt mich doch bestimmt nicht hierhergebracht, damit ich die Feststellungen, die ihr aufgrund der Spurenlage ohnehin bereits selbst getroffen habt, nur bestätige und abnicke, habe ich recht?«

Erneut nickten die beiden Kollegen.

»Dann lasst mich mal kurz zusammenfassen: Die Psychiaterin wurde in der Tiefgarage mit einem einzelnen gezielten Stich ins Herz getötet. Und da es schon drei weitere derartige Fälle in Norddeutschland gab, handelt es sich bei dem Täter vermutlich um einen Serienkiller. Der Personenschützer hier …« Anja deutete auf die Reste des Kreideumrisses und die Blutflecken. »… wurde hingegen ordentlich vermöbelt, bewusstlos geschlagen und anschließend aus dem Fenster geworfen. Wo ist also der Zusammenhang zwischen diesen beiden Mordfällen? Denn dass es einen solchen geben muss, beweist mir bereits die Tatsache, dass ich jetzt hier stehe und mir alles über diesen Mord anhören musste.« Sie sah zuerst Englmair und dann Plattner auffordernd an, bevor sie fragte: »Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, dass ihr auch hier eine meiner Visitenkarten gefunden habt. Habe ich recht?«

»Das stimmt«, erwiderte Englmair. »Die Tatortfotos habe ich nicht dabei, aber das ist auch nicht notwendig. Auf jeden Fall fanden wir in der Brusttasche des Leichnams ebenfalls eine Visitenkarte von dir.«

»Das habe ich befürchtet«, sagte Anja. »Und auf der Rückseite der Karte …«

»… befindet sich wiederum ein blutiger Fingerabdruck«, beendete Plattner grinsend den Satz.

»Allerdings stimmen weder die Abdrücke noch die Blutgruppen auf den beiden Visitenkarten überein«, erläuterte Englmair. »Der Abdruck auf der Visitenkarte, die wir bei Kohler fanden, stammt von einer weiteren Person. Wir wissen allerdings auch hier nicht, von wem, da es wiederum keine Übereinstimmung im AFIS gab. Das Blut gehört zur Gruppe 0 Rhesus positiv. In Deutschland ist das die zweithäufigste Blutgruppe, weltweit sogar die Nummer eins, was die Suche nach dem Ursprung des Blutes nicht unbedingt erleichtern dürfte.«

Anja dachte über alles nach, was sie gehört hatte. »Vorhin, in der Tiefgarage, sagtest du, dass der Abdruck und das Blut auf der ersten Visitenkarte nicht vom zweiten Opfer stammten.«

»Das stimmt«, sagte Englmair. »Es ist weder Kohlers Fingerabdruck noch sein Blut.«

»Dann haben wir jetzt schon zwei Leichen«, meinte Anja, »und möglicherweise noch zwei weitere Opfer, von denen wir bislang nur die Abdrücke haben und die Blutgruppen wissen.«

»Und wir haben höchstwahrscheinlich zwei Serienkiller«, ergänzte Plattner.

»Habt ihr etwa auch ähnliche Mordfälle wie diesen hier entdeckt?«

Englmair wiegte den Kopf hin und her. »Im Gegensatz zum ersten Fall, in dem der Täter mit einer bestimmten Mordwaffe zugeschlagen und denselben Modus Operandi wie in drei anderen Fällen verwendet hat, ist es in diesem Fall schwieriger, Ähnlichkeiten zu anderen Fällen zu finden. Es gab auf jeden Fall schon zahlreiche Mordfälle, in denen jemand erst verprügelt und anschließend getötet wurde. Allerdings wurde nicht jedes dieser Opfer aus dem Fenster geworfen. Manche wurden auf Schienen gelegt oder von Brücken auf Autobahnen geworfen. Und nicht jeder dieser Fälle muss unbedingt von demselben Täter stammen, der auch Kohler umgebracht hat. Aber aufgrund der Visitenkarte gehen wir davon aus, dass wir es hier mit hoher Wahrscheinlichkeit ebenfalls mit einem Serientäter zu tun haben.«

»Dass der Widersacher zwei Werkzeuge gleichzeitig einsetzt, ist neu«, meinte Anja mit gerunzelter Stirn und finsterer Miene. »Und es macht mir, ehrlich gesagt, auch ein bisschen Angst. Ein Serienkiller für sich ist bereits angsteinflößend genug, denn bis man so einen Kerl geschnappt hat, falls einem das überhaupt gelingt, hat er meistens schon mehrere Leute umgebracht. Nicht auszudenken, was zwei Psychopathen anrichten können, wenn sie gleichzeitig zuschlagen.«

Anja sah von Englmair zu Plattner und dann wieder zurück zu Englmair. Etwas, das sie in den Mienen der beiden Männer sah, aber nicht eindeutig identifizieren konnte, machte sie jäh misstrauisch. »Was habt ihr zwei denn plötzlich? Ihr schaut mich so komisch an. Irgendwas ist da doch im Busch, oder?« Sie dachte nach, dann seufzte sie. »Sagt mir jetzt bitte nicht, dass es noch ein drittes Opfer und einen dritten Serienmörder gibt.«

Beide Männer nickten synchron, aber nur Englmair machte dabei ein dem Anlass entsprechendes ernstes Gesicht.

Der dritte, und wie Anja hoffte, letzte Tatort an diesem denkwürdigen Tag lag im Luitpoldpark.

Der 33 Hektar große Park liegt im Münchner Norden im Stadtbezirk Schwabing-West. Er wurde 1911 anlässlich des 90. Geburtstages des damaligen Prinzregenten Luitpold eröffnet. Ihm zu Ehren errichtete man einen Obelisken, und in Sichtachse auf das Denkmal wurden 90 Linden für die Lebensjahre des Regenten und 25 Eichen für seine Regierungsjahre gepflanzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im Nordteil des Parks aus den Überresten der zerbombten Häuser ein Schuttberg angehäuft. Dieser wurde begrünt und im Jahr 1958 mit einem Bronzekreuz zur Erinnerung an die Opfer der Bombenangriffe gekrönt. Der 37 Meter hohe Luitpoldhügel bietet nicht nur einen ungehinderten Ausblick über das nördliche München, sondern ist im Winter auch ein beliebter Rodelberg. Der Luitpoldpark enthält darüber hinaus zahlreiche Liege- und Spielwiesen, Kinderspielplätze, ein bürgerliches Restaurant mit Biergarten, den Pumucklbrunnen und ein kleines Heckenlabyrinth.

Plattner hatte den Wagen nach einer knapp dreißigminütigen Fahrt auf einem kleinen Anliegerparkplatz an der Ecke Borschtallee und Voelderndorffstraße geparkt, und sie waren das letzte Stück zu Fuß gegangen. Dabei hatten die beiden Kollegen Anja alles erzählt, was sie über die Lebensumstände von Edgar Wimmer, dem dritten Mordopfer, wussten.

Schließlich blieben sie dort stehen, wo der fünfundfünfzigjährige Kellner gestorben war. Auch hier war die Arbeit der Kriminaltechnik längst beendet, die Leiche entfernt und der Tatort freigegeben worden, sodass Anja unwillkürlich ein Gefühl von Déjà-vu erlebte, als sie die verwischten Markierungen und die großflächigen getrockneten Blutflecken auf dem Parkweg sah. Sie war allerdings auch erleichtert. Obwohl sie nun innerhalb kürzester Zeit an den Tatorten von drei Morden gewesen war, war sie gleichwohl mit keiner einzigen Leiche konfrontiert worden. Abgesehen natürlich von den Fotos der toten Psychiaterin, aber das zählte in ihren Augen nicht.

»Muss ich raten, oder erzählt ihr mir einfach, wie Opfer Nummer drei gestorben ist?«, fragte sie nun, da die beiden Männer keine Anstalten machten, von sich aus darüber zu sprechen.

»Ihm wurde die Kehle aufgeschlitzt«, sagte Plattner lapidar.

Als Anja ihn daraufhin ansah, verdeutlichte er seine Worte durch eine entsprechende Geste, als glaubte er, das sei notwendig. Allerdings irritierte es Anja, dass er dabei weiterhin grinste.

»Er ist verblutet«, fügte er dann hinzu.

»Das dachte ich mir bereits«, meinte Anja. »Denn das erklärt das viele Blut, das hier vergossen wurde.«

»Das war aber noch nicht alles, was der Mörder seinem Opfer angetan hat«, sagte Englmair.

»Eigentlich will ich es ja gar nicht wissen«, sagte Anja. »Für einen Tag habe ich nämlich schon genug Scheußliches erfahren. Aber ich befürchte, du wirst es mir trotzdem erzählen.«

Bevor Englmair antworten konnte, platzte allerdings Plattner damit heraus, als wollte unbedingt er es sein, der Anja davon berichtete: »Der Täter hat der Leiche eine Niere entfernt und mitgenommen.«

Anja verzog angewidert das Gesicht. »Echt jetzt?«

Plattner nickte grinsend. »Voll der Hammer, oder?«

Anja konnte seine offensichtliche Begeisterung nicht teilen und schüttelte den Kopf. »Da bin ich jetzt sogar doppelt und dreifach erleichtert, dass die Leiche bereits weggebracht wurde. Und kann mir bitte jemand erklären, warum man die Niere einer Leiche mitnimmt?«

»Entweder wollte er eine Trophäe von seinem Opfer behalten«, meinte Plattner, »oder er hat vor, die Niere zu essen.«

Sowohl Englmair als auch Anja sahen ihren Kollegen daraufhin entsetzt an.

»Warum seht ihr mich so an?«, fragte Plattner und zuckte mit den Schultern. »Das habe ich mir nicht ausgedacht, so etwas ist alles schon mal da gewesen. Denkt nur an Jeffrey Dahmer. Der hob die Köpfe und Körperteile mancher Opfer auf und aß dann Teile davon. Und auch hier in Deutschland gab es bereits derartige Fälle. Zum Beispiel Karl Denke, den Kannibalen von Münsterberg. Er tötete in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts mindestens zwanzig Menschen, zerlegte sie, lagerte das Fleisch in Fässern voller Salzlake und verspeiste es anschließend. Und …«

Englmair unterbrach seinen Partner: »Ich denke, das genügt! Wir haben auch so verstanden, was du uns damit sagen willst.«

Anja wusste nicht, was sie mehr entsetzte. Die Unmenschlichkeit des Mörders, der sein Opfer nicht nur getötet, sondern ihm anschließend auch noch ein Organ für welchen Zweck auch immer entnommen hatte. Oder die sichtliche Begeisterung des frischgebackenen Mordermittlers für dieses Thema und sein beinahe enzyklopädisches Wissen über Serienkiller.

»Eine Sache möchte ich in dem Zusammenhang noch hinzufügen«, wandte Plattner ein und sah seinen Partner um Erlaubnis bittend an. »Es könnte wichtig sein.«

»Wenn es wirklich wichtig ist, dann heraus damit!«, sagte Englmair auffordernd.

Plattner nickte erleichtert. Ausnahmsweise war sogar ihm das Grinsen vergangen, und er sah überraschend ernsthaft aus. Vermutlich kam die Ernsthaftigkeit daher, weil es hier um eines seiner Lieblingsthemen ging. »Ihr habt mir ja beim ersten Tatort in der Tiefgarage erzählt, dass sich dieser Widersacher, der sich im Hintergrund hält, im Darknet Jack nennt. Zuerst hielt ich das ja für einen Witz. Aber soeben ist mir eingefallen, dass Jack the Ripper am 30. September 1888 seinem vierten Opfer Catherine Eddowes, die auch unter dem Spitznamen Kate Kelly bekannt war, eine Niere entnommen hat. Am 16. Oktober 1888 erhielt George Lusk vom Whitechapel Vigilance Committee dann eine kleine Schachtel, dem ein angeblicher Brief des Rippers beilag. Die Schachtel enthielt einen Teil einer menschlichen Niere. Ob sie tatsächlich von Catherine Eddowes stammte, ist allerdings bis heute heftig umstritten. In dem Schreiben behauptete der Absender, dass er das fehlende Stück der Niere gebraten und gegessen habe.« Plattner verstummte und sah seine Kollegen bedeutungsschwer an. »Wenn ihr mich fragt, dann kann das nicht bloß ein Zufall sein.«

Anja musste zunächst den ekelerregenden Bildern Einhalt gebieten, die aufgrund von Plattners Schilderung ihren Verstand überschwemmen wollten. Dann seufzte sie schwer und meinte mit einem zustimmenden Nicken: »Vermutlich ist es alles andere als ein Zufall, denn dafür passt das alles viel zu gut zusammen. Außerdem mag der Widersacher solche gruseligen Details.«

Für mehrere Sekunden schwiegen die drei Ermittler und starrten nachdenklich auf die nur mehr zu erahnenden Umrisse des Mordopfers.

Dann wandte sich Anja an Englmair. »Wann wurde das dritte Opfer eigentlich ermordet?«

»Er hat die Wirtschaft um kurz nach Mitternacht verlassen. Wir gehen daher davon aus, dass er ungefähr um halb eins seinem Mörder begegnet ist.«

»Um diese Uhrzeit dürfte außer den beiden kaum jemand im Park unterwegs gewesen sein«, meinte Anja. »Vermutlich gibt es daher auch keine Zeugen, die den Täter gesehen haben könnten.«

»Genauso ist es«, erwiderte Englmair sichtlich zerknirscht.

»Was ist mit dem Wirtshaus, in dem er arbeitete? Vielleicht hat der Mörder ihn bereits dort beobachtet und ist dabei jemandem aufgefallen.«

»Wir haben natürlich den Wirt, die anderen Bediensteten und ein paar Stammgäste, die wir auftreiben konnten, befragt«, sagte Englmair.

»Und?«

»Niemandem ist ein Gast aufgefallen, der ein ungewöhnliches Interesse an Edgar Wimmer gezeigt hätte.« Englmair zögerte, bevor er weitersprach: »Es gab allerdings an diesem Abend einen Gast, der mehreren Leuten unangenehm aufgefallen ist.«

»Was war das für ein Kerl?«

»Die Zeugen beschrieben ihn übereinstimmend als dicken, ungepflegten Mann«, antwortete Plattner. »Allerdings gehen ihre Beschreibungen zu seiner Person ansonsten weit auseinander, sodass sie im Grunde nicht sehr hilfreich sind. Auf jeden Fall hatte er einen kleinen Hund dabei und benahm sich anscheinend unmöglich. So bestellte er für seinen Hund Mineralwasser, wollte aber nicht dafür bezahlen. Und er hatte scheinbar an allem etwas auszusetzen. Nicht nur Edgar Wimmer, der ihn bediente, war erleichtert, als der Mann schließlich bezahlte und die Wirtschaft verließ.«

»Viel zu auffällig«, meinte Anja nach kurzem Nachdenken und schüttelte den Kopf. »So verhält sich doch niemand, der vorhat, den Kellner umzubringen, der ihn bedient hat und mit dem er unzufrieden war.«

»Das denke ich auch«, sagte Englmair. »Davon ganz abgesehen hatte er einen Hund dabei. Und welcher Serienmörder nimmt schon seinen Hund mit, wenn er seine Morde begeht.«

»Vielleicht hat er den Hund weggebracht und ist dann allein zurückgekommen«, gab Plattner zu bedenken. »Genügend Zeit hatte er ja, bis das Wirtshaus um Mitternacht zumachte und Wimmer nach Hause ging.«

Anja wiegte den Kopf hin und her. »Wie ich schon sagte: Für einen Mörder verhielt sich der Kerl viel zu auffällig. Trotzdem kann er natürlich der Täter gewesen sein, wir sollten daher nichts ausschließen.« Sie überlegte, dann sah sie wieder Englmair an. »Ich gehe mal davon aus, dass es auch in diesem Fall eine Visitenkarte mit einem blutigen Fingerabdruck gab. Sonst stünde ich jetzt vermutlich nicht hier, sondern könnte, wie ich es eigentlich vorhatte, ein paar Runden laufen.«

Englmair nickte. »Es ist genauso wie in den anderen beiden Fällen. Allerdings steckte die Karte in der linken Socke des Leichnams, sodass sie nicht sofort entdeckt wurde. Vermutlich, damit sie nicht blutig wurde. Abdruck und Blut auf der Rückseite der Visitenkarte stammen von einer weiteren, bislang unbekannten Person. Diesmal handelt es sich um die Blutgruppe AB negativ, der seltensten Blutgruppe in Deutschland und weltweit.«

Anja fiel ein, dass ihre Cousine ebenfalls diese Blutgruppe besaß. Sie erschauderte unwillkürlich und beschloss, Tanja später anzurufen, nur um sicherzugehen, dass es ihr gutging. Doch erst einmal musste sie sich auf den vorliegenden Fall konzentrieren. »Gab es ähnliche Fälle wie diesen?«

Die beiden Mordermittler nickten.

»Es gibt sogar eine Reihe derartiger Fälle, in denen in den letzten Jahren dem Mordopfer Organe oder Organteile entnommen wurden«, antwortete Plattner, der sich an diesem Tag als der wahre Experte für Serienkiller entpuppt hatte, der sogar Kalenderdaten historischer Morde auswendig wusste. »Bei einigen dieser Mordfälle wurde den Opfern auch wie hier mit einem Messer die Kehle durchgeschnitten, sodass man durchaus davon ausgehen kann, dass ein und dieselbe Person und damit ein Serienkiller hinter den Taten stecken könnte.«

»Wieso habe ich davon noch nie etwas gehört?«, fragte Anja.

»Davon erfährt die Öffentlichkeit in der Regel nichts«, sagte Englmair. »Schließlich wollen die ermittelnden Behörden keine Panik erzeugen oder Nachahmungstäter und Trittbrettfahrer auf den Plan rufen. Und solange die Presse keinen Wind davon bekommt und anschließend in riesengroßen Buchstaben Schlagzeilen produziert, bleiben derartige Mordserien ein gut gehütetes Geheimnis der Ermittlungsbehörden.«

»Also haben wir es hier mit sage und schreibe drei Serienkillern gleichzeitig zu tun«, sagte Anja seufzend. »Als hätten Jack und zwei weitere Serienmörder nicht vollends gereicht, uns das Leben schwer zu machen.« Sie warf einen abschließenden Blick auf die Blutflecken, als wollte sie sich das Muster einprägen, und sah sich dann im Park um. Während der Unterhaltung mit den beiden Kollegen hatte sie die Umgebungsgeräusche komplett ausgeblendet, damit diese sie nicht in ihrer Konzentration störten. Erst jetzt wurde ihr das Lärmen der anderen Parkbesucher, vor allem das der zahlreichen Kinder und Hunde, die über die Wiesen rannten und teilweise Bällen hinterherjagten, wieder bewusst. Obwohl hier vor weniger als vierundzwanzig Stunden ein brutaler und grausamer Mord geschehen war, ging das Leben ringsherum scheinbar unbeirrt weiter. Die Leute machten lediglich einen Bogen um die drei Ermittler und die Blutflecken auf dem Weg.

Nachdem Anja das Wichtigste über die drei Mordfälle erfahren hatte, zwischen denen es aufgrund der aufgefundenen Visitenkarten einen unmittelbaren Zusammenhang geben musste, gingen sie zum Auto zurück.

Diesmal setzte sich Englmair hinters Lenkrad. Anja durfte auf dem Beifahrersitz Platz nehmen, während Plattner sich nach hinten setzte. Zunächst fuhr Englmair zu ihrer Dienststelle in der Hansastraße im Stadtteil Sendling-Westpark. Dort verabschiedete sich Plattner von ihnen und stieg aus. Anschließend brachte der Mordermittler Anja nach Hause. Während der Fahrt sprachen sie allerdings nicht über die Morde, sondern über harmlosere Dinge wie Familie und Freunde. Beide Kriminalbeamten vermieden es auch, über den verstorbenen Anton Krieger und Anjas Suspendierung vom Dienst zu sprechen.

Schließlich brachte Englmair den BMW vor der Einfahrt zu Anjas Grundstück zum Stehen und schaltete den Motor aus.

Anja schnallte sich ab, öffnete aber noch nicht die Tür, denn offensichtlich hatte der Mordermittler noch etwas auf dem Herzen.

»Wir sollten über Personenschutz nachdenken«, sagte er unvermittelt.

»Für wen?«

»Für dich natürlich. Immerhin bist du es, die der Widersacher auf dem Kieker hat.«

Anja war sich dessen durchaus bewusst, doch der Gedanke, auf Schritt und Tritt überwacht und beobachtet zu werden, behagte ihr ganz und gar nicht. »Dafür ist es vermutlich noch viel zu früh«, sagte sie daher.

Englmair sah sie zweifelnd an. »Um dein Leben zu schützen, ist es nie zu früh.«

Doch Anja schüttelte entschieden den Kopf. »Ich denke nicht, dass ich jetzt schon in ernsthafter Gefahr bin. Der Mann, der meinen Vater und meinen Ehemann umgebracht hat, liebt es, mit seinen Opfern zu spielen und sie zu quälen, bevor er sie tötet. Das ist für ihn ein wichtiger Bestandteil der Tat und übt vermutlich einen ebenso großen Reiz auf ihn aus wie das Töten selbst. Deshalb wird er auch dieses Mal nicht darauf verzichten wollen. Das Problem ist eher, dass seine Werkzeuge vermutlich erst eine Menge anderer Leute ermorden, bevor sie sich auf mich konzentrieren, ohne dass wir etwas dagegen unternehmen können. Damit will er mir immer wieder meine eigene Hilflosigkeit vor Augen führen, weil ich nicht in der Lage bin, den Tod dieser Leute zu verhindern. So wie ich es auch nicht verhindern konnte, dass mein Vater und mein Mann umgebracht wurden. Der Widersacher will mich vermutlich gar nicht töten, sondern er will erreichen, dass ich daran zerbreche.«

»Das kannst du nicht mit Sicherheit wissen«, wandte Englmair ein. »Vielleicht ist er es allmählich leid und will dieser Sache jetzt rasch ein Ende bereiten, nachdem du ihm und seinen Handlangern jetzt oft genug in die Suppe gespuckt hast. Auch die geduldigste Katze tötet die Maus, wenn sie lange genug mit ihr gespielt hat. Und um diesmal auf Nummer sicher zu gehen, hat Jack jetzt sogar gleich drei von diesen Typen auf dich angesetzt.«

»Wenn es tatsächlich so wäre, dann wären die Kerle gleich bei mir aufgekreuzt und hätten mich ohne Vorwarnung umgebracht. Und dann bräuchte es auch nicht drei Psychopathen, sondern es hätte sogar ein einziger ausgereicht.«

Englmair seufzte und unternahm einen letzten Versuch, sie zur Vernunft zu bringen. »Bist du dir sicher, dass du keinen Schutz benötigst? Wir könnten einen Streifenwagen vor deinem Haus postieren, dann wärst du wenigstens hier geschützt, ohne dass dir ständig jemand folgt.«

»Die Kollegen werden woanders dringender gebraucht. Aber wenn ich irgendwann der Meinung sein sollte, dass ich in Gefahr bin, dann sage ich dir Bescheid.«

»Na gut«, meinte Englmair, obwohl seine verkniffene Miene deutlich zum Ausdruck brachte, dass es für ihn alles andere als gut war. Aber vermutlich hatte er eingesehen, dass er gegen Anjas Sturheit nichts ausrichten konnte. »Aber dann lass mich dir wenigstens etwas geben.«

»Was denn?«

»Mach doch mal das Handschuhfach auf!«

Anja zuckte mit den Schultern und öffnete das Fach. Sofort entdeckte sie eine vollautomatische Pistole, die neben einigen anderen Dingen, die vermutlich viele Autofahrer mit sich führten, wie ein Fremdkörper wirkte.

»Ich nehme mal an, dass du wegen der Suspendierung deine Dienstwaffe abgeben musstest«, sagte Englmair. »Also nimmst du einfach diese Waffe, dann bist du wenigstens nicht völlig schutzlos, und ich kann heute Nacht besser schlafen.«

Anja machte keine Anstalten, nach der Schusswaffe zu greifen. »Was ist das für eine Pistole?«

»Es handelt sich um eine GLOCK 17C, 9 mm Luger, mit einem 19-Schuss-Magazin.«

»Ich wollte nicht wissen, um was für ein Fabrikat es sich handelt, denn das kann ich selbst sehen, sondern woher die Waffe stammt.«

Englmair seufzte. »Sie gehörte Toni.«

Anja sah den Mordermittler aus großen Augen an. »Das war Kriegers Pistole?«

»Natürlich nicht seine Dienstwaffe. Eher so eine Art Ersatzpistole für den Notfall. Allerdings hat sie ihm am Ende auch nichts genützt, denn er hatte sie nicht dabei, sondern in seiner Schreibtischschublade liegen, als er seinem Mörder begegnete.«

Anja dachte daran, dass ihre Dienstwaffe auch mehr Zeit in der Schublade als in einem Holster an ihrem Körper verbracht hatte.

»Er hätte gewollt, dass du sie bekommst«, sagte Englmair.

»Bist du dir sicher?«, fragte Anja skeptisch. »Krieger hat mir misstraut. Und dabei hatte er nicht einmal Unrecht, denn ich war euch und meinen Vorgesetzten gegenüber nicht aufrichtig und habe relevante Dinge verschwiegen und Beweise unterschlagen und vernichtet. Außerdem ist es meine Schuld, dass er tot ist.«

»Das stimmt doch gar nicht«, sagte Englmair aufbrausend. Sie hatten bereits mehrmals darüber gesprochen, doch die Unterhaltung nahm jedes Mal wie ein Gewohnheitstier dieselben ausgetretenen Pfade. »Du kannst nichts dafür, dass er tot ist. Er hat dir zwar misstraut, sich aber auch in dir getäuscht und sich in eine fixe Idee verrannt, weil er dachte, du wärst aktiv in die Morde verwickelt. Insofern ist er dem Widersacher auf den Leim gegangen. Toni hat seinen Tod selbst verschuldet, weil er dir nachgeschnüffelt hat. Du kanntest ihn nicht so gut wie ich. Deshalb sage ich dir, dass er gewollt hätte, dass du seine Waffe bekommst, um dich gegen die Handlanger des Widersachers zur Wehr zu setzen und dem Dreckskerl endlich das Handwerk zu legen.«

Anja seufzte. »Ist die Waffe sauber?«

»Natürlich«, entgegnete Englmair entrüstet. »Ich weiß zwar nicht, wo Toni sie herhatte, aber sie ist absolut sauber. Außerdem hat er sie ohnehin nie benutzen müssen.«

Anja überlegte. Sie glaubte zwar nicht, dass die Handlanger des Widersachers ihr so bald auf die Pelle rücken würden, doch womöglich hatte Englmair recht, und Jack hatte diesmal die Spielregeln geändert. Schließlich war der Kerl unberechenbar. In dem Fall würde sie sich ein wenig sicherer fühlen, wenn sie eine Schusswaffe in Reichweite hätte. Und wenn sie sich irrte, könnte sie darauf zurückgreifen und müsste ihren Irrtum nicht gleich mit dem Leben bezahlen. Daher nickte sie schließlich. »Okay, du hast mich überredet. Ich nehme die Pistole. Aber nur als Leihgabe und allerletzten Ausweg.«

»Als das ist sie auch gedacht.«

Anja nahm die Waffe und klappte das Handschuhfach wieder zu. »Danke.«

»Nichts zu danken«, sagte Englmair. »Ich hoffe, du brauchst das Ding gar nicht. Aber falls doch, ist es mir Dank genug, wenn du das Aufeinandertreffen mit einem von Jacks Handlangern mit der Hilfe von Tonis Waffe unbeschadet überstehst.«

Anja steckte die Pistole in die Kängurutasche ihres Kapuzenpullis und wechselte das Thema. »Du sagst mir Bescheid, wenn ihr mit euren Ermittlungen in den drei Mordfällen Fortschritte macht?«

»Auf jeden Fall. Und was hat sich bei dir so ergeben? Du wolltest doch das Foto von dem Auto, das du von Jana Albrecht bekommen hast, deiner Mutter zeigen.«

»Das habe ich vor Kurzem auch getan«, erwiderte Anja. »Dabei habe ich sie gefragt, ob sie sich an ein derartiges Auto oder das Kennzeichen erinnern kann.«

»Und? Was hat sie dazu gesagt?«

»Sie hat kurz gezögert, als käme es ihr vage bekannt vor, sodass ich schon die Hoffnung hatte, sie könnte mir endlich zum Durchbruch verhelfen. Doch dann hat sie den Kopf geschüttelt und erklärt, dass sie sich weder an das Auto noch an das Nummernschild erinnern könne. Allerdings hat sie mir versprochen, weiter darüber nachzudenken, falls ihr doch noch etwas einfällt. Bis jetzt habe ich allerdings noch nichts von ihr gehört. Ich werde sie aber gleich anrufen, sobald ich im Haus bin.«

»Dann können wir nur hoffen, dass sie sich doch noch an etwas erinnert«, sagte Englmair. Er hörte sich aber nicht so an, als hegte er in dieser Hinsicht allzu große Hoffnung. »Denn außer dem Foto haben wir momentan keine anderen Anhaltspunkte. Und solange Jack und seine drei neuen Freunde keinen schwerwiegenden Fehler begehen, können wir nicht viel mehr tun, als darauf zu warten, dass sie erneut zuschlagen.«

Anja nickte zustimmend. Der Gedanke, dass sie momentan nichts gegen die drei Mörder unternehmen konnten, um sie zu stoppen, war niederschmetternd und bedrückte sie. Allerdings konnte sie daran nichts ändern.

Für mehrere Sekunden schwiegen beide und dachten über das Gesagte und Gehörte nach, bevor Anja schließlich die Tür öffnete und aus dem Wagen stieg. Sie verabschiedeten sich voneinander. Anja ging über die Einfahrt zum Haus. Sie hatte noch immer vor, zum Joggen zu gehen. Jetzt sogar noch mehr als zuvor, denn beim Laufen konnte sie wunderbar nachdenken. Zuvor wollte sie allerdings noch zwei dringende Telefonate führen.

Sobald sie im Haus war, holte sie die Pistole, die Englmair ihr gegeben hatte, aus der Tasche. Da sie die Waffe auf keinen Fall mit zum Joggen nehmen wollte, überlegte sie, wo sie diese zwischenzeitlich am besten deponieren sollte. Einerseits wollte sie das Ding in Griffweite haben, sonst nützte es ihr schließlich nichts. Andererseits sollte niemand, der ins Haus kam, sofort über die Waffe stolpern. Anja sah sich im Erdgeschossflur um. Ihr Blick fiel schließlich auf die hohen Stiefel, die neben anderen Schuhen unter der Garderobe standen und die sie momentan nicht benötigte. Vermutlich würde es niemandem einfallen, ohne Grund in ihre Stiefel zu fassen, sodass die Pistole darin sicher wäre. Also steckte sie die Waffe in den rechten Stiefel und hatte damit zumindest eines ihrer derzeitigen Probleme gelöst, auch wenn es beileibe nicht das größte und drängendste war.

Anschließend suchte sie im ganzen Haus nach Yin, fand den Kater aber nirgends. Da allerdings sein Fressnapf nicht nur leer, sondern picobello saubergeleckt war, musste er zwischenzeitlich zu Hause gewesen sein und seinen Hunger gestillt haben. Anja war beruhigt, dass sie sich wenigstens um ihre Katze keine Sorgen machen musste. Sie spülte die Näpfe kurz aus und füllte sie dann erneut.

Als Nächstes rief Anja zunächst im Haus ihrer Mutter an, erwischte aber nur den Anrufbeantworter. Da sie davon ausging, dass Dagmar in der Druckerei ihres zweiten Mannes war, wo sie im Büro arbeitete, wollte Anja sie momentan nicht stören. Sie verzichtete auch darauf, eine kurze Nachricht auf dem AB zu hinterlassen. Sie würde es einfach später noch einmal bei ihrer Mutter versuchen.

Danach rief sie ihre Cousine Tanja auf deren Handy an, was sie vorgehabt hatte, seit Englmair ihr die seltene Blutgruppe auf der Visitenkarte des dritten Mordopfers genannt hatte.

Als Tanja das Gespräch fast augenblicklich entgegennahm, fiel Anja ein Stein vom Herzen. Sie hatte zwar nicht wirklich geglaubt, dass es der Fingerabdruck und das Blut ihrer Cousine sein könnte, sich aber dennoch Sorgen gemacht. Schließlich hatte der Widersacher oft genug unter Beweis gestellt, wie skrupellos und hinterhältig er sein konnte. Aber so infam, Anjas Cousine, die für sie wie eine Schwester war, ein zweites Mal ins Visier zu nehmen, war scheinbar nicht einmal er.

Die beiden Frauen unterhielten sich eine Weile. Tanja schlug vor, dass sie wieder einmal zusammen essen gehen sollten. Anja war sofort einverstanden, und so machten sie gleich einen Termin in drei Tagen in einem italienischen Restaurant aus. Tanja wollte noch heute telefonisch einen Tisch reservieren. Da sie in der Arbeit war und daher keine Zeit mehr hatte, beendeten sie das Gespräch, sodass Anja endlich aufbrechen konnte, um vor dem Abend noch ein paar Runden im Westpark zu drehen.

Kapitel 6

Er verharrte nahezu regungslos und behielt aufmerksam die Joggerin im Auge, die sich rasch seinem Versteck näherte.

Ferdinand Petersen erschauderte, als ihn die Vorfreude auf das erfasste, was ihm und der Frau unmittelbar bevorstand. Allerdings ahnte sie im Gegensatz zu ihm noch nichts von ihrem Schicksal; und das war auch gut so, denn sonst wäre sie vermutlich schreiend in die andere Richtung gerannt, als wären sämtliche Teufel der Hölle hinter ihr her.

Die Hölle!

Ferdinand verzog sein totenkopfähnliches Gesicht zu einer Grimasse, die man nur mit enorm viel Fantasie als Lächeln bezeichnen konnte. Er wusste, wie es in der Hölle war, denn er war dort gewesen, nachdem er vor vier Jahren gestorben war.

Er war damals einundzwanzig Jahre alt, lebte in Kiel im Haus seiner Eltern im Stadtteil Gaarden-Süd/Kronsburg und studierte an der Christian-Albrechts-Universität Mathematik.

An jenem schicksalhaften Abend im tiefsten Winter, der sein Leben nicht nur grundlegend verändern, sondern sogar beenden sollte, ging der junge Mann trotz des eisigen Wetters spazieren.

Ferdinand war stets allein unterwegs, denn er hatte keine Freunde. Es fiel ihm schwer, Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu schließen. Er konnte nicht auf andere zugehen und sich ihnen gegenüber öffnen, sondern war extrem scheu und verschlossen. Schon im Kindergarten und in der Schule war er daher lieber für sich geblieben und ein Einzelgänger gewesen. Und das hatte sich auch an der Uni nicht geändert. »Der Junge ist sich eben selbst genug«, sagte seine Mutter immer, wenn andere sie nach den Freunden ihres einzigen Sohnes fragten, auch wenn sie dabei nie besonders glücklich aussah und anschließend einen tiefen Stoßseufzer ausstieß. Sie und ihr Mann hatten einen großen Freundeskreis, den sie pflegten und oft zu sich nach Hause einluden, denn im Gegensatz zu ihrem Sohn waren sie kontaktfreudige, offenherzige und gesellige Menschen. Ferdinand blieb diesen fröhlichen Zusammenkünften in der Regel fern, sofern es sich nicht um Familienfeierlichkeiten handelte, an denen er teilnehmen musste. Seiner Meinung nach wurde dabei nicht nur zu viel getrunken, sondern auch viel zu viel geredet. Von dem Stimmengewirr und der Lautstärke taten ihm schon nach kurzer Zeit die Ohren weh. Außerdem bekam er davon früher oder später unweigerlich Kopfschmerzen. Deshalb blieb er auf seinem Zimmer, spielte Computerspiele, las Horror-Romane oder lernte für seine Prüfungen. Doch manchmal, wenn es ihm sogar in seinem Zimmer im ersten Stock zu laut wurde, schlich er sich heimlich nach draußen und machte einen Spaziergang. Und er kam erst dann wieder zurück, wenn alle Gäste gegangen waren und im Haus Ruhe eingekehrt war.

Auch heute Abend war es wieder extrem laut zugegangen. Sein Vater Klaus, der am Gymnasium Mathematik, Physik und Informatik unterrichtete, hatte ein paar seiner Kollegen eingeladen. Und da die meisten Lehrer sich nach Ferdinands Ansicht gerne selbst reden hörten und noch dazu ein erprobtes und extrem lautes Organ besaßen, war ihr Rufen und Grölen sogar in der Abgeschiedenheit seines Zimmers allmählich unerträglich geworden. Der ständige Lärm hatte unweigerlich zu heftigen Kopfschmerzen geführt, sodass Ferdinand nichts anderes übriggeblieben war, als die Flucht zu ergreifen und an diesem bitterkalten Januarabend Zuflucht in der winterlichen Stille außerhalb des elterlichen Zuhauses zu suchen.

Bevor Ferdinand das Haus verlassen hatte, hatte er sich warm angezogen, schließlich konnte er nicht wissen, wann im Haus wieder Ruhe einkehren würde. Er trug dicke Winterstiefel, unter der Jeans zusätzlich eine lange Unterhose, außerdem einen Wollpulli und darüber eine dicke Daunenjacke, und natürlich einen Schal, eine Wollmütze und Handschuhe. Trotz der Handschuhe hatte er seine Hände in den Jackentaschen vergraben. Und da ein eisiger Wind wehte, hatte er die Mütze tief ins Gesicht und den Schal über die untere Hälfte seines Gesichts gezogen. So sah er aus, als wollte er eine Bank überfallen. Aber obwohl er immer noch etwas fror, hatte er nicht vor, nach Hause zurückzukehren, bevor die Gäste seiner Eltern dieses verlassen hatten.

Immerhin linderte die eisige Kälte seine Kopfschmerzen, wofür er zutiefst dankbar war. Ferdinand hatte oft Kopfschmerzen, nicht nur, wenn es in seiner Umgebung zu laut war, sondern auch bei stickiger Raumluft, bei Stress oder wenn er schlecht geschlafen hatte. Meist nahm er dann Schmerztabletten, doch die wirkten nicht immer, sodass er die Schmerzen oft einfach über sich ergehen lassen musste. Seine Mutter Jutta war der Ansicht, dass er hochsensibel war und deshalb sämtliche Sinneseindrücke viel stärker und bewusster wahrnahm als andere. Ferdinand war der Meinung, dass sie damit möglicherweise sogar recht hatte. Letztendlich interessierte es ihn aber gar nicht, warum er so oft Kopfschmerzen hatte. Ihm kam es vor allem darauf an, dass die Schmerzen rasch wieder vergingen. Deshalb war er in diesem Augenblick trotz der beißenden Kälte froh, dass die Kopfschmerzen, die sich zuvor wie winzige Bohrmaschinen durch sein Gehirn gegraben hatten, wenigstens halbwegs gelindert wurden. Und vielleicht gingen sie sogar ganz vorbei, wenn er nur lange genug durch die Gegend marschierte und die frostige Luft einatmete.

Wie meistens an diesen Abenden, an denen er aus seinem Elternhaus geflüchtet war, führten ihn seine Schritte auch dieses Mal automatisch zum Großen Drachensee. Er gehörte zu einem Landschaftsschutzgebiet am südlichen Stadtrand der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins und war nur knapp 400 Meter entfernt. Zusammen mit dem Kleinen Drachensee und dem Vorderen und Hinteren Russee, die einen Ausläufer des Westensee-Endmoränengebiets bilden, war er während der Weichseleiszeit durch eine Toteissackung entstanden. Der Große Drachensee hatte eine Ausdehnung von 7,4 Hektar, einen Umfang von 1,1 Kilometer und war an seiner tiefsten Stelle 6,20 Meter tief.

Als Ferdinand schließlich am Rand des Sees stand, stellte er fest, dass dieser komplett zugefroren war. Unwillkürlich musste er lächeln. Er war auf seinen einsamen Spaziergängen bereits unzählige Male um den Drachensee herumgewandert, liebte es aber noch viel mehr, bei geschlossener Eisdecke über den zugefrorenen See ans andere Ufer und wieder zurückzulaufen.

Die Kopfschmerzen waren vollkommen vergessen, als Ferdinand nun mit kindlicher Begeisterung vorsichtig die Eisfläche betrat, die sich unter seinen Sohlen fest und sicher anfühlte. Er lauschte aufmerksam, während er behutsam die ersten Schritte machte, hörte jedoch kein Knacken und Knistern, das darauf hingedeutet hätte, dass die Eisdecke nicht dick genug war. Er sah auch keine Risse im Eis, durch die aufgrund der Belastung durch sein Gewicht das Wasser des Sees schwallartig an die Oberfläche getreten wäre.

Ferdinand hatte nicht nur den zugefrorenen Drachensee oftmals überquert, sondern auch die Eisdecken zahlreicher anderer Seen und Weiher in der Umgebung betreten. Er war auch auf zugefrorenen Teilen der Ostsee spazieren gegangen, beispielsweise in der Lübecker Bucht oder in der Innenbucht in Heiligenhafen. Er war daher der Ansicht, dass er ausreichend Erfahrung darin hatte, und traute es sich ohne weiteres zu, zu erkennen, ob das Eis sicher war oder nicht. Und hier und heute war er der Ansicht, dass die Eisdecke dick und stabil genug war, um sein Gewicht zu tragen. Deshalb marschierte er weiter auf den See hinaus und wurde dabei immer unbeschwerter und sorgloser, während er die Einsamkeit und Stille dieser traumhaften nächtlichen Umgebung genoss.

Doch unmittelbar bevor er die Mitte des Drachensees erreichte, hörte der Student plötzlich ein Knacken unter sich, das in der Stille besonders laut wirkte. Er blieb augenblicklich stehen und verharrte absolut regungslos. Als er das Eis unter seinen Füßen betrachtete, entdeckte er im Licht des fahlen Vollmondes einen Riss in der Eisdecke. Er hatte unter seinem rechten Fuß seinen Ursprung und verlief von dort mehrere Meter zickzackartig über die Eisschicht. Wie weit er sich erstreckte, konnte Ferdinand allerdings nicht erkennen. Und als er über seine linke Schulter einen Blick nach hinten warf, sah er, dass sich der Riss hinter ihm fortsetzte.

Bereits das Umsehen und die dadurch entstandene leichte Gewichtsverlagerung genügten, damit das Eis unter ihm erneut laut knackte. Mit Entsetzen bemerkte Ferdinand, dass sich nun ein weiterer Riss gebildet hatte, der seitwärts verlief und sich unter seinem rechten Fuß mit dem ersten Riss kreuzte. Außerdem war jetzt auch ein leises Knistern zu hören, als entstünden fortwährend weitere haarfeine Verästelungen, die der junge Mann jedoch nicht sehen konnte.

Ihm wurde sofort klar, dass er die Situation falsch eingeschätzt hatte. Mochte das Eis am Uferbereich und sogar bis weit in den See hinaus sicher gewesen sein, so war es das hier in der Seemitte definitiv nicht. Ein Fehler, der ihn leicht das Leben kosten konnte, denn eine weitere elementare Regel zum korrekten Umgang mit Eisdecken hatte er ebenfalls nicht beachtet. Die lautete, dass man niemals allein aufs Eis gehen und immer jemanden dabeihaben sollte, der einen im Notfall retten oder zumindest Hilfe holen konnte. Doch Ferdinand war schon so oft allein aufs Eis gegangen, dass er gar nicht darüber nachgedacht hatte, er könnte dadurch in Lebensgefahr geraten.

Noch immer an Ort und Stelle verharrend, sah er sich um. Doch weder auf dem zugefrorenen See noch an dessen Ufer war jemand zu sehen. Er war mutterseelenallein hier draußen.

Die Kopfschmerzen wurden wieder intensiver, was Ferdinand in dieser Situation überhaupt nicht gebrauchen konnte. Was er jetzt am dringendsten benötigte, war ein klarer Kopf, um nachdenken zu können.

Was soll ich tun?, fragte er sich verzweifelt. Und wie verhalte ich mich richtig, damit ich meine Lage nicht noch verschlimmere?

Trotz der pochenden Schmerzen, die sich allmählich zu einem Hämmern steigerten, bemühte sich der Einundzwanzigjährige, seinen mathematisch geschulten Verstand dazu zu bringen, ihm einen Ausweg aus seiner Misere zu zeigen.

Da die Eisdecke zur Mitte hin immer dünner und brüchiger wurde, wäre es natürlich völlig falsch, weiterhin in diese Richtung zu marschieren. Also musste er logischerweise wieder in die Richtung, aus der er gekommen war und wo das Eis dicker und tragfähiger war.

Gedacht, getan!

Ferdinand hob vorsichtig den rechten Fuß vom Eis, wo die beiden Risse sich kreuzten und ihren Ursprung genommen hatten, und setzte ihn behutsam einen halben Meter hinter sich wieder aufs Eis. Zuerst wagte er es gar nicht, das Bein zu belasten. Doch als es jäh erneut knackte und sich unter seinem linken Fuß, der nun das ganze Gewicht seines ein Meter neunzig großen Körpers tragen musste, ebenfalls ein Riss im Eis bildete, der wie ein gezackter Blitz in rasendem Tempo die Eisschicht zerteilte, beeilte er sich, die Belastung wieder auf beide Füße zu verteilen.

Anschließend verharrte Ferdinand erneut regungslos und lauschte. Inzwischen fror er nicht mehr, sondern schwitzte stark und war in Schweiß gebadet; doch das nahm er nur am Rande wahr, so konzentriert versuchte er, sich in das Eis unter seinen Füßen einzufühlen.

Als nichts geschah, atmete er erleichtert auf. Anscheinend hatte er einen Ausweg aus seiner Notlage gefunden und konnte sich ans sichere Ufer retten, indem er wie in Zeitlupe absolut behutsam rückwärtsging. Und sobald die Eisdecke wieder dick genug wäre, könnte er sich unbesorgt umdrehen und zurückmarschieren.

Doch er hatte sich zu früh gefreut. Denn urplötzlich knallte es so laut, als wäre ein Schuss abgefeuert worden, und Ferdinand konnte spüren, wie das Eis unter seinem rechten Stiefel nachgab. Es knackte und knisterte laut, als sich unzählige Risse und Spalten von seiner Position aus in alle Richtungen ausbreiteten und das Seewasser schwallartig nach oben gedrückt wurde. Der ganze Bereich um ihn herum schien in Bewegung zu geraten. Eisplatten zerbarsten und zerbrachen in kleine Stücke, die nicht länger in der Lage waren, sein Gewicht zu tragen.

Zu spät fiel ihm ein, was seine Mutter zu ihm gesagt hatte, als er noch ein kleines Kind gewesen war und sie mit ihm zum ersten Mal aufs Eis dieses Sees gegangen waren: »Wenn das Eis unter dir zu knacken beginnt, dann legst du dich flach hin, um dein Gewicht auf eine größere Fläche zu verteilen, und robbst ohne ruckartige Bewegungen ans Ufer!«

Ferdinand wollte ihren Rat umgehend befolgen und sich hinlegen. Doch bevor er dazu kam, brach er bereits im Eis ein und stürzte ins eiskalte Wasser. Dabei fiel er nach hinten und knallte mit den Hinterkopf auf eine Eisscholle, die sich unter ihm aufgerichtet hatte und wie ein Miniatureisberg nach oben ragte.

Der junge Mann verlor augenblicklich das Bewusstsein und bekam gar nicht mehr mit, wie sein Körper in den eisigen See eintauchte und anschließend leblos nach unten sank.

Als er wieder zu sich kam, hatte er unzählige schreckliche Bilder im Kopf, die ihn erschaudern ließen und mit Angst erfüllten.

Er erinnerte sich, in einer infernalischen Umgebung gewesen zu sein, wo ihn schwarzhäutige Teufel mit rot glühenden Augen und gewundenen Hörnern auf den Köpfen gequält hatten. Dort war er buchstäblich tausend Tode gestorben, einer grausamer und brutaler als der vorherige. Er war jedoch immer wieder neu belebt worden, um weitere Qualen zu erleiden und erneut zu sterben. Da die Bilder so deutlich und detailliert waren, war er davon überzeugt, dass es sich dabei nicht um Traumbilder, sondern um echte Erinnerungen handelte und dass er in der Hölle gelandet war.

Doch dieses erneute Erwachen war anders als die vorherigen, wenn die Dämonen der Hölle ihn zu Tode gequält und wiedererweckt hatten. Es vollzog sich nicht ruckartig, sondern langsam und geradezu behutsam.

»Ich glaube, er kommt zu sich«, hörte Ferdinand eine Frauenstimme sagen. Am Anfang des Satzes klang sie noch etwas dumpf und hörte sich an, als würde sie in zu niedriger Geschwindigkeit abgespielt werden. Zum Ende hin wurde sie jedoch schneller und deutlicher, sodass er sie schließlich als die seiner Mutter identifizieren konnte. Doch das war unmöglich, denn wie sollte seine Mutter in die Hölle gelangt sein?

»Bist du dir sicher, Schatz?«, fragte daraufhin eine zweite Stimme. Und auch diese erkannte er, denn sie war markant und gehörte seinem Vater. Dass auch er hier war, erstaunte Ferdinand sogar noch viel mehr. Wie waren die beiden hierhergekommen? Waren sie ebenfalls gestorben und in die Hölle gefahren? Denn dass er selbst gestorben war, davon war er überzeugt. Allzu deutlich erinnerte er sich daran, wie er in die Eisfläche des Drachensees eingebrochen war und das Bewusstsein verloren hatte. Dass er das nicht überlebt haben konnte, war für ihn so sicher wie das Amen in der Kirche.

»Seine Augenlider haben gezuckt«, erklärte Ferdinands Mutter in diesem Augenblick ihrem Mann.

»Vielleicht träumt er ja nur«, meinte sein Vater und seufzte. Er klang, als hätte er resigniert und alle Hoffnung aufgegeben. »Seine Augen haben sich in den letzten Wochen immer wieder hin und her bewegt, während er geträumt hat.«

»Nein, so war es nicht!«, widersprach Ferdinands Mutter energisch. »Es waren nämlich nicht die Augen, die sich hinter seinen Lidern bewegt haben, sondern seine Lider haben gezuckt. Ich glaubte wirklich, dass unser Junge endlich aufwacht.«

Ferdinand hörte diesem Dialog voller Verwirrung zu, während er allmählich zu sich kam. Dabei meldeten sich immer mehr seiner fünf Sinne zurück und übermittelten ihm ihre Eindrücke: unter anderem quietschende Schritte auf einem Gang in der Nähe, außerdem gedämpfte Verkehrsgeräusche, dazu der Geruch nach Krankenhaus und Desinfektionsmittel, und schließlich das Gefühl einer weichen Unterlage und einer Decke auf seinem Körper.

Ohne es zu wollen, stöhnte Ferdinand leise, während er sich bemühte, seine Augen zu öffnen. Doch die Lider widersetzten sich seinen Bemühungen und zuckten nur.

»Hast du das gehört?«, fragte Jutta Petersen aufgeregt. »Und da: Seine Lider haben schon wieder gezuckt.«

»Ja, jetzt habe ich es auch gesehen«, sagte ihr Mann Klaus. Er klang jetzt ebenfalls erregt. »Sollen wir eine Schwester rufen?«

»Nein, warten wir damit lieber, bis er wirklich wach ist.«

Seine Eltern, die in seiner unmittelbaren Nähe sein mussten, verstummten. Vermutlich beobachteten sie ihn aufmerksam, denn Ferdinand glaubte, ihre Blicke auf sich zu spüren. Erneut versuchte er, die Augen zu öffnen. Und diesmal klappte es sogar. Seine verklebten Lider öffneten sich langsam. Doch er sah alles nur verschwommen, konnte lediglich dunkle und helle Flächen erkennen.

»Ferdinand?«, fragte seine Mutter hoffnungsvoll. »Kannst du mich hören, mein Junge?«

Seine Sicht klärte sich. Die vagen Umrisse nahmen deutlichere Gestalt an und wurden nach und nach zu zwei Menschen, die rechts und links neben ihm standen, auf ihn heruntersahen und die er sofort erkannte. Über ihnen schwebte eine weiße Zimmerdecke.

Ferdinand runzelte verwirrt die Stirn. Wo waren die Flammen und die grausamen Teufel? Wo war die Hölle, in der er eine gefühlte Ewigkeit gefangen gewesen war?

»Ferdinand?«, fragte nun auch sein Vater. »Kannst du uns hören, mein Sohn?«

Da er nicht wusste, ob er in seinem Zustand – immerhin war er tot! – überhaupt sprechen konnte, bewegte er den Kopf und schaffte es, ein Nicken zustande zu bringen.

»Hast du das gesehen, Klaus?«, fragte Jutta Brand aufgeregt. Tränen liefen ihr übers Gesicht. »Er hat genickt. Ferdinand kann uns tatsächlich hören. Und er hat deine Frage verstanden. Er ist also wieder da!«

»Ja.« Klaus Petersen lachte ausgelassen. Er hatte ebenfalls feuchte Augen, wollte sich aber vermutlich nicht anmerken lassen, wie ergriffen er war. Er räusperte sich, bevor er sagte: »Du hast recht. Unser Sohn ist wieder da. Jetzt wird alles wieder gut.«

Ferdinand war sich da nicht so sicher. Er wusste nämlich nicht, was hier los war. Er wusste nur, dass er gestorben und in der Hölle gelandet war. Also war er tot! Wieso konnte er dann mit seinen Eltern kommunizieren?

Er konzentrierte sich auf die anderen Sinneseindrücke, die auf ihn einstürmten. Irgendwo in der Nähe redeten zwei Leute miteinander, ihre Stimmen waren allerdings nur gedämpft zu hören. Und über den typischen Krankenhausgeruch hinweg konnte er einen leichten Duft nach Verwesung wahrnehmen. Der musste von ihm selbst stammen, schließlich war er tot, und tote Körper verwesten allmählich. So hatte die Natur es eingerichtet.

Der Verwesungsgeruch, den er jetzt, nachdem er ihn identifiziert hatte, immer deutlicher wahrnehmen konnte, war für ihn der Beweis, dass er tatsächlich tot war.

Ich bin gestorben, und jetzt bin ich eine verwesende Leiche!

Aber wieso lag sein Körper dann nicht in einem Grab, sondern in einem Krankenhausbett? Und warum konnte er sich bewegen, seine Eltern sehen und ihre Stimmen hören?

Vielleicht wurde ich aus der Hölle hierher zurückgeschickt, um eine Aufgabe zu erledigen?

Der Gedanke erschien ihm so logisch, dass er für ihn geradezu zwingend war und damit richtig sein musste. Doch welche Aufgabe sollte das sein? Vermutlich konnte er nicht darauf hoffen, dass ihm ein Engel erschien und ihm alles erklärte, sondern musste es selbst herausfinden.

Er spürte, dass er stetig mehr Kontrolle über seinen Körper zurückerhielt. Er wollte etwas sagen, doch sein Mund und sein Hals waren ausgetrocknet und seine Zunge klebte am Gaumen. Das war natürlich ebenfalls logisch, schließlich war er tot. Deshalb leckte er sich über die Lippen und sagte mit krächzender Stimme: »Was …«

»Was passiert ist, willst du wissen?«, unterbrach ihn sein Vater eifrig.

Doch Ferdinand schüttelte den Kopf. »Was…ser.«

»Er will etwas trinken«, rief seine Mutter. »Schnell, Klaus, gib ihm etwas Mineralwasser.«

Während seine Mutter das Kopfteil des Bettes höher stellte, damit ihr Sohn aufrechter saß, öffnete sein Vater eine Wasserflasche und füllte ein Glas, das er seinem Sohn anschließend an die Lippen hielt.

Ferdinand trank das stille Wasser so gierig, als hätte er seit Wochen nichts mehr zu trinken bekommen. Er konnte sich auch nicht erinnern, dass ihm die Teufel in der Hölle etwas zu trinken angeboten hatten. Der quälende Durst gehörte dort zur Bestrafung dazu. Kein Wunder also, dass er so ausgedörrt und durstig war. Die Trockenheit in seinem Mund und in seiner Kehle verschwand augenblicklich. Außerdem stellte er überrascht fest, dass sein Durst gestillt wurde. Es verwunderte ihn allerdings, dass er überhaupt so etwas wie Durst verspürte und trinken konnte, wo er doch tot war. Außerdem atmete er.

Wie kann das sein?

Doch dann fiel ihm die Antwort ein. Normalerweise lagen tote Menschen regungslos in ihren Särgen und verwesten dort allmählich. Doch da er sich bewegte, da er sprechen und denken konnte, benötigte sein Körper ebenso wie ein lebender Mensch Luft und Energie. Deshalb musste er atmen, trinken und vermutlich auch essen, denn wenn er seinem Körper keine Energie zuführte, konnte dieser auch nicht funktionieren. Es war also letzten Endes alles logisch und erklärbar.

»Nicht so schnell«, warnte ihn seine Mutter. »Nicht dass du dich noch verschluckst.«

Sein Vater nahm ihm daraufhin das Glas weg. »Das reicht erst mal. Später bekommst du mehr.«

Ferdinand nickte, um sein Einverständnis zu signalisieren. Er sah sich um. Inzwischen fiel es ihm leichter, seinen Körper zu steuern, der sich unmittelbar nach seinem Erwachen noch so angefühlt hatte, als wäre er ihm ein paar Nummern zu groß und würde ihm nicht richtig gehorchen. Doch mit jeder verstreichenden Minute wurde es besser. Er lag in einem Krankenhausbett. Da es keine anderen Betten gab, musste es ein Einzelzimmer sein. Durch das Fenster konnte er den Himmel sehen, der blau und sonnenklar war. In seinem Unterarm steckte eine Kanüle; der Schlauch führte zu einem Tropf, der an einem Ständer hing und eine klare Flüssigkeit enthielt. »Wo … bin ich?«, fragte er, obwohl er es bereits aufgrund des Geruchs und der Atmosphäre erkannt hatte, und das, was er in seiner Umgebung zu sehen bekam, seine Annahme bestätigte.

»Du bist im Krankenhaus«, sagte seine Mutter und strich ihm liebevoll das Haar aus der Stirn.

»Weißt du noch, was passiert ist?«, fragte sein Vater.

Ferdinand nickte.

»Du bist aus dem Haus geschlichen und auf den zugefrorenen Drachensee gegangen.« Klaus Petersen schüttelte den Kopf. »Wie konntest du nur etwas derart Unvernünftiges tun?«

»Klaus!«, ermahnte ihn seine Frau. »Es ist ja nichts Schlimmes passiert.«

»Nichts Schlimmes passiert?«, fragte Ferdinands Vater und wies mit beiden Händen auf ihren Sohn im Krankenhausbett.

»Immerhin ist er am Leben und gerade erst aufgewacht. Erspar ihm also bitte deine Vorwürfe.«

Ferdinand wollte widersprechen und seinen Eltern sagen, dass er gar nicht lebte, sondern tot war. Doch seine Mutter ließ ihm keine Gelegenheit dazu.

»In der Mitte des Sees war die Eisschicht in jener Nacht nicht dick genug, um dein Gewicht zu tragen«, erklärte sie ihm. »Deshalb bist du im Eis eingebrochen.«

»Ich weiß«, sagte er.

»Dann kannst du dich also an alles erinnern?«, fragte sein Vater.

Ferdinand nickte.

»Das ist ungewöhnlich, aber auch gut«, sagte Klaus Petersen lächelnd, bevor er sich an seine Frau wandte. »Das ist sogar sehr gut. Denn dann scheint er trotz allem wenigstens keinen Hirnschaden davongetragen zu haben.«

Hirnschaden?

Einen Hirnschaden hatte er vermutlich tatsächlich nicht, zumindest bemerkte er davon nichts, dafür aber ein viel größeres Problem.

Nein, ich habe keinen Hirnschaden, ich bin nämlich tot!

Erneut wollte er es seinen Eltern erklären, doch wieder machte ihm seine Mutter einen Strich durch die Rechnung.

»Als du im Eis eingebrochen bist, hast du dir den Kopf angeschlagen und wurdest bewusstlos. Und dann bist du im Wasser versunken und …« Sie brach ab, als könnte sie es nicht aussprechen, und schluchzte stattdessen, während sie erneut in Tränen ausbrach.

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