Kitabı oku: «TODESJAGD»

INHALTSVERZEICHNIS
COVER
TITEL
PROLOG
Tag 1: NEMESIS
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Tag 2: CHARON
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Tag 3: KASSANDRA
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Tag 4: HADES
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EPILOG
NACHWORT
WEITERE TITEL DES AUTORS
LESEPROBE
PROLOG
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PROLOG
Regen tropfte von den Bäumen. Ein Blitz tauchte ihre Umgebung für den Bruchteil eines Augenblicks in gleißendes Licht, sodass sie geblendet die Augen schließen musste. Sekunden später folgte das dumpfe Grollen des Donners.
Sie öffnete die Augen sofort wieder und rannte weiter durch den Wald.
Wenn sie normalerweise lief, tat sie das zu ihrem Vergnügen. Aber nicht heute.
Heute rannte sie um ihr Leben!
Als sie an ihren Verfolger dachte, wandte sie den Kopf und sah sich gehetzt nach ihm um. Doch zwischen den dicht stehenden Bäumen hinter ihr war nichts von ihm zu entdecken.
Im Umkehrschluss bedeutete das, dass er sie ebenfalls nicht sehen konnte. Und wenn er sie nicht sah, konnte er auch nicht auf sie schießen. Denn er war mit einem Gewehr bewaffnet, während sie nichts bei sich hatte, das sie als Waffe gegen ihn einsetzen konnte.
Als sie ihren Kopf wieder nach vorn wandte, stolperte sie über die aus der Erde ragende Wurzel eines Baumes. Sie konnte einen Sturz aber gerade noch verhindern, indem sie sich an dem dazugehörigen Baumstamm festklammerte. Schwer atmend verharrte sie einen Augenblick, um zu verschnaufen. Dabei lauschte sie aufmerksam, denn die Geräusche, die sie bei ihrer Flucht verursacht hatte, hatten bislang die ihres Jägers übertönt.
Jetzt konnte sie neben dem stetigen Tropfen des Regens das Rascheln von Blättern und das Knacken von Ästen unter seinen Stiefeln hören. Und das, obwohl sie keuchend Atem holte, das Blut in ihren Schläfen überlaut pochte und ihr Herz heftig schlug. Ihr wurde jäh bewusst, dass er deutlich näher als zuvor war. Bald hätte er sie eingeholt, wenn sie nicht schneller rannte.
Sofern die Arbeit und das Wetter es ihr erlaubten, lief sie möglichst regelmäßig. Sie war daher eine geübte und ausdauernde Läuferin. Doch der Verfolger stand ihr in dieser Hinsicht anscheinend in nichts nach.
Außerdem war sie gehandikapt. Sie hatte eine schlimme Nacht hinter sich, litt unter Kopfschmerzen und immer stärker unter Muskelkrämpfen. Ihr war zudem leicht übel. Und die Lauferei trug auch nicht unbedingt dazu bei, dass sie sich besser fühlte. Im Gegenteil: Obwohl der nasse Waldboden weich und nachgiebig war, erschütterte sie jeder einzelne Schritt bis ins Mark. Und jede Erschütterung sandte ein weiteres schmerzhaftes Hämmern durch ihren Schädel, das jedem Schmied an seinem Amboss ein anerkennendes Nicken entlockt hätte. Und als wäre das noch nicht genug, schlug Ihr Magen im Rhythmus ihrer Schritte Purzelbäume.
Lange halte ich das nicht mehr durch!
Doch was sollte, oder besser, was konnte sie dagegen tun? Im Moment konnte sie nur eins tun: weiterlaufen!
Sie schüttelte den Kopf. Zum wiederholten Male wunderte sie sich, wie sie überhaupt in diese ausweglose Lage geraten war. Dabei hatte am Anfang nichts darauf hingedeutet, dass es so enden würde.
Sie setzte sich wieder in Bewegung und floh vor ihrem bewaffneten Verfolger. Während sie das tat, dachte sie unweigerlich über die turbulenten Ereignisse der vergangenen drei Tage nach, die sie schlussendlich an diesen Ort und wieder einmal in tödliche Gefahr gebracht hatten.
Tag 1
NEMESIS
In der griechischen Mythologie die Göttin des »gerechten Zorns«, auch: »ausgleichenden Gerechtigkeit«. Sie wurde dadurch ebenfalls zur Rachegottheit.
(Wikipedia)
1
Die vermisste Person hieß Christian Stumpf. Er war zwanzig Jahre alt und studierte im dritten Semester an der Juristischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität Rechtswissenschaften.
Kriminalhauptkommissarin Anja Spangenberg von der Vermisstenstelle der Kripo München betrachtete eins der Fotos des Vermissten. Wie ein Dutzend andere auch war es über dem Schreibtisch an die Wand gepinnt worden. Obwohl es nicht nur den vermissten Studenten, sondern auch eine junge Frau zeigte, war es besser als das Foto aus der Vermisstenakte, das etwas zu dunkel und zudem leicht unscharf war. Die beiden jungen Leute posierten lächelnd Wange an Wange für den Fotografen. Das ließ darauf schließen, dass sie miteinander vertraut waren. Entweder handelte es sich um gute Bekannte oder unter Umständen sogar um ein Liebespaar.
Christian Stumpf war ein gut aussehender junger Mann mit kurz geschnittenen blonden Haaren und markanten, erstaunlich makellosen Gesichtszügen. Auf dem Foto trug er eine Brille mit schwarzem Kunststoffgestell im Wayfarer-Stil der Firma Ray Ban. Er wirkte damit wie ein erblondeter Clark Kent, der sich jeden Moment die Kleidung vom Leib reißen könnte, sodass darunter das Superman-Kostüm zum Vorschein käme.
Aus der Akte wusste Anja, dass er ein Meter fünfundachtzig groß war und aus einer Kleinstadt südwestlich von München stammte. Obwohl die Ähnlichkeit nicht allzu groß war, erinnerte der vermisste Student Anja dennoch ein wenig an ihren verstorbenen Mann Fabian. Sie seufzte missmutig und unterdrückte jeden weiteren Gedanken, der in diese im Moment unerwünschte Richtung ging. Stattdessen konzentrierte sich wieder voll und ganz auf ihren aktuellsten Vermisstenfall.
Er war ihr erst an diesem Morgen zugeteilt worden. Als sie ins Büro gekommen war, das sie sich mit ihrem Kollegen, Kriminaloberkommissar Daniel Braun, teilte, war dieser entgegen seinen sonstigen Gepflogenheiten bereits anwesend gewesen.
»Was machst du denn schon hier?«, fragte Anja irritiert. Sie zog ihre schwarze Lederjacke aus und hängte sie an den Garderobenständer, der neben der Tür stand.
»Wieso?« Braun tat so, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, dass er vor seiner Kollegin im Büro war; dabei war es eher die Ausnahme, weil er nahezu ständig zu spät kam. Er sah aus, als könnte er nur mit viel Mühe ein selbstzufriedenes Grinsen unterdrücken.
»Ach was, ist nicht wichtig.« Anja winkte ab und schüttelte den Kopf, während sie zu ihrem Schreibtisch ging, der dem des Kollegen unmittelbar gegenüberstand. Diesmal war sie es, die nur mühsam ein Lächeln unterdrückte, als sie die Enttäuschung in Brauns Augen sah, weil sie das Thema nicht weiterverfolgte. Erst dann entdeckte sie die Vermisstenakte, die mitten auf der Schreibtischplatte lag. Sie stöhnte verhalten. »Ein neuer Fall?«, fragte sie und ließ sich auf den Drehstuhl fallen, der vernehmlich ächzte, als wollte er sie nachäffen. Das lag aber nicht daran, dass sie zu viel wog, sondern eher daran, dass der Stuhl bereits so betagt war.
Die Kriminalbeamtin hatte vor anderthalb Monaten ihren fünfunddreißigsten Geburtstag gefeiert. Sie maß vom Scheitel bis zu den Fußsohlen exakt einhundertzweiundsiebzig Zentimeter. Allerdings hatte sie keinen Scheitel, denn ihr kurzes dunkelblondes Haar war zu ihrem Verdruss auch an diesem Morgen wie immer arg zerzaust. Dadurch sah sie aus, als wäre sie auf dem Weg ins Büro durch einen schweren Sturm marschiert. Sie hatte ein herzförmiges Gesicht und hohe markante Wangenknochen; dazu grüne Augen, eine schmale Nase und einen ihrer Ansicht nach etwas zu breiten Mund mit dünnen Lippen.
»Die Akte lag da schon, als ich kam«, erklärte Braun.
Anja vermutete, dass er erst wenige Minuten oder allenfalls Sekunden vor ihr das Büro betreten hatte und jetzt so tat, als handelte es sich um Stunden. »Hast du auch einen neuen Fall zugeteilt bekommen?«
Er schüttelte den Kopf, schürzte die Lippen und zuckte gleichzeitig mit den Schultern, als würde er diesen Umstand bedauern, was er allerdings mit Sicherheit nicht tat.
»Und wieso dann ich?« Es war eine rhetorische Frage, daher erwartete und erhielt sie auch keine Antwort von ihm. »Ich habe momentan schon so viele offene Fälle, dass ich einen weiteren ungefähr ebenso dringend gebrauchen kann wie einen Pickel am Hintern.«
Ihr Kollege lachte. Im Grunde kamen Anja und er gut miteinander aus. Allerdings vermisste Anja ihre ehemalige Zimmerkollegin Rebecca Oberweger, mit der sie sich ausgezeichnet verstanden hatte. Doch Rebecca, mit der Anja einmal im Monat telefonierte, befand sich in Elternzeit, seitdem sie eine Tochter zur Welt gebracht hatte.
Braun war achtundzwanzig Jahre alt und ein Meter zweiundachtzig groß. Er hatte kurzes dunkelbraunes Haar, einen dichten Vollbart und eine Hakennase.
»Vermutlich habe ich keinen neuen Vermisstenfall zugeteilt bekommen, weil ich ab übermorgen im Urlaub bin«, sagte er nun. »Schon vergessen?«
»Ach ja, richtig.« Anja schlug mit den ausgestreckten Fingern der rechten Hand leicht gegen ihre Stirn, als müsste sie die Zahnräder ihres Gehirns erst mit einem Klaps mechanisch in Gang setzen. »Wo geht es denn diesmal hin? Endlich nach Kalifornien zum Badwater Ultramarathon? Oder dieses Mal in die Atacama-Wüste in Chile, die Wüste Gobi in China, die Sahara in Ägypten und schließlich die Eiswüste der Antarktis zum legendären Vier-Wüsten-Rennen?«
Braun lief in seiner Freizeit am liebsten sogenannte Ultramarathons, deren Laufstrecken länger waren als die normale Marathondistanz. Das sah man ihm auch an, denn er war extrem schlank, ja geradezu hager und knochig. Bei einem Ultramarathon liefen die teilnehmenden Sportler hundert oder mehr Kilometer am Stück oder in Tagesetappen. Oder sie unterzogen sich Stundenläufen, die 72 Stunden oder noch länger dauern konnten.
Anja kannte die Namen der Marathons und die Orte, an denen sie stattfanden, mittlerweile in- und auswendig. Braun erzählte ihr ständig mit funkelnden Augen und kaum zu zügelnder Begeisterung von den Ultramarathons, die er in den letzten Jahren erfolgreich absolviert hatte. Oder er schwärmte ihr von den Läufen vor, die er noch machen wollte. Sowohl der Badwater Ultramarathon als auch das Vier-Wüsten-Rennen fehlte noch in der Sammlung ihres Kollegen.
»Weder noch«, sagte er und lächelte verträumt. »An diese beiden legendären Rennen wage ich mich im Moment noch nicht heran. Stattdessen geht es diesmal zur Transvulcania auf der Kanarischen Insel La Palma. Der Ultramarathon beginnt um 6 Uhr morgens im Süden La Palmas am Leuchtturm von Fuencaliente mit dem Aufstieg zur Vulkanroute. Da es um diese Uhrzeit noch dunkel ist, muss man sich den Weg selbst mit einer Taschen- oder Stirnlampe ausleuchten. Ziel ist nach 74,34 Kilometern Los Llanos de Aridane. Da während des Laufs ein Höhenunterschied von insgesamt 8.525 Metern – 4.415 Meter bergauf und 4.110 Meter bergab – überwunden werden muss, braucht man eine ausgezeichnete Kondition. Jeder Läufer muss daher erst einmal nachweisen, dass er in den letzten 18 Monaten bei einem mehr als 40 Kilometer langen Rennen ins Ziel gekommen ist. Der Ultramarathon der Transvulcania bringt außerdem Punkte im World-Ranking der International Skyrunning Federation.«
Braun war wieder einmal ins Schwärmen geraten. Nachdem er seinen Vortrag beendet hatte, nickte Anja anerkennend. Sie war beeindruckt, was ihr Kollege sich jedes Mal zumutete, wenn er derartige Plagen auf sich nahm, anstatt sich an einem wunderschönen Strand irgendwo auf dieser Welt in die Sonne zu legen und von seinem oftmals stressigen Job bei der Vermisstenstelle zu erholen. Anja versuchte möglichst jeden Tag je nach Lust, Laune und Wetter manchmal mehr und manchmal weniger Runden durch den Westpark zu laufen. Dabei legte sie pro Runde etwa 6 Kilometer zurück. Sie hielt aber alles für übertrieben, was deutlich über ihr durchschnittliches Pensum hinausging.
»Dann wünsche ich dir jetzt schon mal viel Spaß und Erfolg.«
»Danke. Obwohl ich vermutlich nicht allzu viel Spaß haben werde. Aber das ist ja auch nicht der Sinn der Sache. Wenn ich Spaß haben will, kann ich ins Kino gehen und mir eine Komödie angucken.«
»Oder einen Marathon über die normale Distanz laufen, bei dem es weder steil bergauf noch durch eine Wüste geht«, schlug Anja vor.
Braun lachte. »Oder das.«
Sie verstummten. Braun lächelte. Er sah verträumt aus, als würde er in Gedanken einen seiner geliebten Ultramarathons laufen. Anja wiederum senkte den Blick. Sie las den Namen auf der Vermisstenakte, die auf ihrem Schreibtisch lag: CHRISTIAN STUMPF.
Sie seufzte. »Dann werde ich wohl mich mal meinem neuesten Vermisstenfall widmen müssen.«
Braun war daraufhin ins Hier und Jetzt zurückgekehrt und hatte mit einem Nicken gesagt: »Ich muss auch noch einiges erledigen, bevor ich morgen für zwei Wochen von hier verschwinden kann.«
Im Zimmer des vermissten Studenten nahm Anja nun das Foto von der Wand und legte es zu dem anderen in die Akte. Dann rief sie sich noch einmal die wesentlichen Details der Vermisstenanzeige ins Gedächtnis.
Christian Stumpf war vorgestern Abend zum letzten Mal gesehen worden, und zwar von seinem Mitbewohner Ferdinand Baumbach. Die beiden Studenten bewohnten eine helle 2-Zimmer-Altbauwohnung in Untersendling in unmittelbarer Nähe des Südbads. Laut Aussage des Mitbewohners, der an der Technischen Universität München Mathematik studierte, stürmte Stumpf gegen 22 Uhr aus seinem Zimmer. Baumbach, der an diesem Tag Küchendienst hatte, war gerade dabei, die Spülmaschine auszuräumen. Da er annahm, es wäre etwas passiert, ließ er augenblicklich alles stehen und liegen und eilte in den Flur. Stumpf hetzte jedoch wortlos an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Er war kreidebleich und bewegte fortwährend die Lippen, als führte er Selbstgespräche, gab allerdings keinen einzigen Laut von sich. Baumbach sprach ihn daraufhin an und fragte, was los sei. Doch Stumpf reagierte noch immer nicht auf seine Gegenwart, so als sähe und hörte er ihn nicht. Er rannte zur Wohnungstür, riss sie auf und verließ die Wohnung. Baumbach starrte noch eine Weile auf die geschlossene Tür, durch die sein Mitbewohner verschwunden war. Er versuchte sich einen Reim auf dessen ungewohntes und merkwürdiges Verhalten zu machen. Doch dann schüttelte er den Kopf und kehrte in die Küche zurück, um endlich seine Küchenarbeit zu beenden. Er wollte möglichst bald fertig werden, damit er noch ein oder zwei Folgen seiner Lieblingsserie Numb3rs ansehen konnte, von der er alle sechs Staffeln auf DVD besaß. Aus diesem Grund grübelte er auch nicht länger über seinen Mitbewohner nach. Am darauffolgenden Morgen klopfte er an Stumpfs Zimmertür, um sich zu erkundigen, ob es ihm gutgehe. Als keine Reaktion erfolgte, öffnete er die Tür und stellte fest, dass Stumpf nicht da war. Wie es schien, war er in der Nacht nicht zurückgekommen, denn das Bett sah unberührt aus. Als Baumbach dann am Nachmittag von seinen Vorlesungen zurückkehrte, war Stumpf noch immer nicht da. Und es sah nicht danach aus, als wäre er zwischenzeitlich in der Wohnung gewesen. Da Baumbach ihn darüber hinaus auch nicht auf seinem Handy erreichen konnte und sich allmählich Sorgen machte, rief er die Eltern seines Mitbewohners an. Gemeinsam beschlossen sie, dass Baumbach unverzüglich zur Polizei gehen und Stumpf als vermisst melden sollte. Also hatte er nach dem Telefonat ein Foto seines Mitbewohners von der Wand über dem Schreibtisch genommen, auf dem dieser allein abgebildet war. Damit war er schnurstracks zur nächstgelegenen Polizeidienststelle marschiert. Und da aufgrund des merkwürdigen Verhaltens von Christian Stumpf nicht auszuschließen war, dass das Leben oder die Gesundheit des jungen Mannes in Gefahr war, hatte der zuständige Beamte der Polizeiinspektion 15 in Sendling die Vermisstenakte umgehend an die Vermisstenstelle weitergeleitet. Dort war sie dann am heutigen frühen Morgen wie durch Geisterhand auf Anjas Schreibtisch gelandet.
Bevor die Polizei sich mit dem Fall eines vermissten Erwachsenen befassen und Fahndungsmaßnahmen einleiten kann, müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein. Erstens muss die gesuchte Person ihren gewöhnlichen Lebensbereich verlassen haben und zweitens ihr derzeitiger Aufenthaltsort unbekannt sein. Doch vor allem ist es erforderlich, dass eine Gefahr für Leib oder Leben des oder der Vermissten besteht. Denn volljährige Personen haben grundsätzlich das Recht, ihren Aufenthaltsort frei zu bestimmen. Sie sind niemandem Rechenschaft darüber schuldig. Erst wenn die ernsthafte Befürchtung besteht, sie könnten in Gefahr sein, hat die Polizei eine Handhabe, um nach ihnen zu fahnden. Sei es, weil die vermisste Person krank, hilflos oder auf Medikamente angewiesen ist, weil sie vor ihrem Verschwinden Selbstmordabsichten äußerte oder weil sie möglicherweise Opfer einer Straftat wurde.
Der Fall hatte Anja zunächst an einen Vermisstenfall erinnert, den sie vor einem halben Jahr bearbeitet hatte und der sie beinahe das Leben gekostet hätte. Damals war sie auf der Suche nach einer Studentin gewesen, die auf der Fahrt von ihren Eltern in Nürnberg zu ihrer Studenten-WG in München spurlos verschwunden war. Doch bis auf die Tatsache, dass es sich in beiden Fällen um Studenten handelte, gab es ansonsten nach ihren bisherigen Erkenntnissen keine weiteren Gemeinsamkeiten.
Anja seufzte und sah sich noch einmal um. Sie hatte das Zimmer gründlich unter die Lupe genommen, die Schränke und Schubladen durchsucht und an allen Orten nachgesehen, an denen die Leute ihrer Erfahrung nach Dinge versteckten, die nicht jeder sehen sollte. Doch nichts von dem, was sie entdeckt hatte, gab ihr auch nur den geringsten Aufschluss darüber, warum Christian Stumpf vorgestern kreidebleich und fluchtartig die Wohnung verlassen hatte, um anschließend so spurlos zu verschwinden, als hätte er sich in Luft aufgelöst.
Was ist an jenem Abend hier passiert?, stellte sie sich unwillkürlich die Schlüsselfrage.
Denn irgendetwas musste geschehen sein! Völlig grundlos hatte der nach Aussage seines Mitbewohners ansonsten höchst zuverlässige und besonnene junge Mann bestimmt nicht so panisch reagiert und war nachgerade kopflos davongerannt. Doch was hatte diese für seine Verhältnisse ungewöhnliche Reaktion überhaupt erst hervorgerufen?
Ein Telefonanruf, eine SMS oder eine E-Mail?
Vieles sprach nach Anjas Meinung dafür, dass Stumpf am Abend eine dieser Nachrichten bekommen hatte, denn wenn er Besuch gehabt hätte, dann hätte Baumbach das zweifellos mitbekommen.
Trotz ihrer gründlichen Suche hatte Anja allerdings kein Mobiltelefon gefunden. Das hieß, dass Stumpf es vermutlich bei sich gehabt hatte, als er die Wohnung verlassen hatte. Doch offensichtlich war es ausgeschaltet, denn Anja hatte immer dann, wenn sie seine Nummer gewählt hatte, die Mitteilung bekommen, dass der Teilnehmer momentan nicht erreichbar wäre.
Sie machte sich in Gedanken eine Notiz, sich unbedingt die Verbindungsdaten zu besorgen, sobald sie wieder im Büro war. Unter Umständen konnte sie auf diese Art herausfinden, ob und von wem Stumpf am Abend seines Verschwindens angerufen oder anderweitig kontaktiert worden war.
Da sie im Zimmer des Vermissten alle Möglichkeiten ausgeschöpft hatte und nichts mehr finden würde, das in der Lage wäre, Licht ins Dunkel zu bringen, zog sie ihre Einweghandschuhe aus und steckte sie in die Jackentasche. Anschließend nahm sie Stumpfs Laptop und die Vermisstenakte und verließ den Raum.
Ferdinand Baumbach saß in der kleinen Küche an einem winzigen Tisch und hatte einen halbvollen Kaffeebecher vor sich stehen. Als Anja eintrat, sah er in einer Art und Weise auf, die vermuten ließ, dass er bis soeben tief in Gedanken versunken gewesen war. Rasch nahm er den Mittelfinger der linken Hand, an dessen Nagel er gedankenverloren geknabbert hatte, vom Mund.
»Kaffee?«, fragte er und deutete auf seinen eigenen Becher.
Normalerweise wäre Anja nicht abgeneigt gewesen, denn sie liebte guten Filterkaffee und konnte nicht genug davon bekommen. Doch erstens wollte sie sich nicht mehr so lange hier aufhalten, und zweitens hatte sie das Glas mit löslichem Kaffee neben der Spüle entdeckt. Somit wusste sie, dass sie hier keinen Filterkaffee bekommen würde. Sie schüttelte daher den Kopf. »Tut mir leid, aber ich muss gleich wieder los.«
Baumbach nickte und stand rasch auf. »Na dann«, sagte er und seufzte. »Aber wenn ich Ihnen irgendwie helfen kann, dann brauchen Sie mich nur anzurufen. Meine Handynummer haben Sie ja.«
»Natürlich. Ich nehme übrigens den Computer Ihres Mitbewohners mit, um ihn im Büro genauer unter die Lupe zu nehmen. Gegebenenfalls finde ich darauf ja etwas, das uns einen Hinweis gibt, warum und wohin er verschwunden ist.«
»Heißt das, dass Sie in seinem Zimmer sonst nichts gefunden haben?«
Anja nickte. »So ist es. Ich hätte aber noch eine Frage an Sie.«
»Worum geht’s?«, fragte Baumbach eilfertig.
Die Polizistin legte den Laptop auf den Tisch, der damit voll war, und öffnete die Akte. Sie entnahm ihr das Foto von Christian Stumpf und der jungen Frau.
»Können Sie mir sagen, wer die junge Dame ist?«
Baumbach warf nur einen kurzen Blick auf das Foto, bevor er zu nicken begann. »Das ist Susanne.«
»Eine Bekannte von Herrn Stumpf?«
»Seine Ex-Freundin.«
»Seit wann sind die beiden nicht mehr zusammen?«
»Seit ungefähr einer halben Woche.«
Anja hob die Augenbrauen. »Davon haben Sie mir bei unserem Gespräch vorhin gar nichts gesagt.«
Baumbach zuckte mit den Schultern. Er schaffte es, gleichzeitig betreten und zerknirscht dreinzublicken. »Tut mir echt leid. Daran hab ich bei der ganzen Aufregung überhaupt nicht mehr gedacht.«
»Wie lange waren die beiden zusammen?«
Der Student überlegte kurz, bevor er antwortete: »Ich glaube, ungefähr anderthalb Jahre.«
Anja runzelte die Stirn. Sie konnte nicht nachvollziehen, wie Baumbach so etwas hatte vergessen können. Wenn Stumpf und seine Freundin nur wenige Tage oder Wochen ein Liebespaar gewesen wären, dann hätte sie es ja noch verstanden. Aber da die beiden bis vor wenigen Tagen achtzehn Monate lang zusammen gewesen waren, dachte man doch beim Verschwinden des einen nahezu zwangsläufig auch an den anderen, auch wenn sie kein Paar mehr waren. Allerdings war es natürlich denkbar, dass Baumbach zu aufgeregt gewesen war, sodass er es tatsächlich zu erwähnen vergessen hatte.
»Wer von den beiden hat denn die Beziehung beendet?«, fragte sie.
»Das war Susanne.«
»Und wie hat Herr Stumpf das aufgenommen?«
»Gar nicht gut. Er war ziemlich deprimiert deswegen. Ich glaube, er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es mit ihnen beiden doch noch mal was werden könnte. Er bezeichnet Susanne immer als seine große, einzig wahre Liebe.«
»Wie heißt die Dame mit vollen Namen?«
»Susanne Winkler. Sie studiert Betriebswirtschaftslehre. Die beiden lernten sich auf der vorletzten Karibikfete kennen. Das ist die Semesterparty des Corps Alemannia München, die jedes Jahr im November in ihrem Wohnheim stattfindet.«
Anja hatte ihr Notizbuch aus der Innentasche ihrer Jacke geholt und notierte sich die Angaben. Als sie fertig war, fragte sie nach einer Telefonnummer, unter der sie die Frau erreichen konnte.
»Warten Sie, die muss hier irgendwo hängen.« Baumbach ging zu einer Pinnwand, die neben dem Kühlschrank an der Wand hing. Sie war übersät mit Zetteln, Postkarten, Flyern, Visitenkarten und alten Terminzetteln von Ärzten. »Hier ist sie.« Er nahm einen hellblauen Notizzettel, auf der eine Handynummer stand und gab ihn der Polizistin.
Anja legte ihn in ihr Notizbuch. »Wissen Sie zufällig auch, warum seine Ex-Freundin mit Herrn Stumpf Schluss gemacht hat?«
Baumbach zuckte mit den Schultern. »Soweit ich weiß, gab es keinen konkreten Grund. Zumindest hat Susanne Christian keinen genannt. Sie hat von einem Tag auf den anderen die Beziehung beendet und jeden Kontakt zu ihm abgebrochen.«
»Okay.« Anja steckte ihr Notizbuch zurück. »Gibt es sonst noch etwas, das Sie vergessen haben, mir zu sagen? Jetzt haben Sie die Gelegenheit, es nachzuholen.«
»N…n…n…nein«, sagte Baumbach stotternd. »Ich hab Ihnen alles gesagt, was ich weiß.«
»Na schön. Wenn Ihnen doch noch etwas einfällt, rufen Sie mich bitte umgehend an. Verstanden?«
Er nickte eifrig.
Sie gab ihm ihre Visitenkarte, bevor sie die Akte und den Laptop wieder an sich nahm und sich verabschiedete.
2
Nach dem Mittagessen war sie allein in ihrem Büro in der Vermisstenstelle, die sich im zweiten Stock des Dienstgebäudes in der Hansastraße befand. Daniel Braun war in einem seiner Vermisstenfälle unterwegs.
Anja hatte sich auf der Rückfahrt von der Studenten-WG ein Grill-Sandwich und eine kleine Flasche Cola besorgt. Anschließend war sie zu ihrer Wohnung gefahren, um Yin, den sechsjährigen schwarzen Kater, den sie seit einem halben Jahr besaß, zu füttern und ihm für eine Weile Gesellschaft zu leisten.
Nun hatte sie den Laptop des vermissten Studenten vor sich stehen und durchsuchte die Festplatte nach wichtigen Dokumenten.
Sie fand auf Anhieb ein paar Briefe, die der junge Mann an seinem Computer geschrieben hatte, doch die waren zum größten Teil schon älteren Datums und hatten nicht das Geringste mit seinem Verschwinden zu tun. Mangels Passwörtern und PINs konnte sie darüber hinaus weder auf seinen E-Mail-Account noch auf sein Online-Bankkonto zugreifen. Es frustrierte sie, dass sie nichts fand und offenkundig ihre Zeit verschwendete. Doch da sie niemand war, der schnell aufgab, blieb sie hartnäckig und suchte weiter.
Was blieb ihr auch anderes übrig? Sie hatte momentan nicht die geringsten Anhaltspunkte, was geschehen war. Mithilfe von Stumpfs Bankdaten, die sie sich notiert hatte, würde sie seine letzten Kontobewegungen überprüfen können. Vielleicht hatte er unmittelbar vor oder nach seinem Verschwinden einen größeren Bargeldbetrag abgehoben. Das würde darauf schließen lassen, dass er freiwillig verschwunden war, um sich möglicherweise eine Auszeit zu gönnen, nachdem seine Freundin ihm vor wenigen Tagen so überraschend den Laufpass gegeben hatte. Falls es andererseits keine verdächtigen Geldabhebungen gab und auch nach seinem Verschwinden nicht mehr auf das Konto zugegriffen worden war, konnte das wiederum ein Indiz dafür sein, dass er sich womöglich aus Liebeskummer etwas angetan hatte.
Die einzig andere vielversprechende Spur, der Anja im Moment nachgehen konnte, war die Ex-Freundin Susanne Winkler. Anja wollte wissen, aus welchem Grund sie die Beziehung dermaßen abrupt beendet hatte. Außerdem interessierte es sie, ob die junge Frau unmittelbar vor oder nach Stumpfs Verschwinden Kontakt mit ihm gehabt hatte. Gegebenenfalls kannte sie auch das Passwort für Stumpf E-Mail-Account.
Doch zunächst wollte Anja sicherstellen, dass sie die Festplatte des Laptops gründlich durchsucht und dabei nichts übersehen hatte. Sie würde das Gerät anschließend zwar ohnehin an die IT-Spezialisten der Kripo weiterleiten, damit diese es auf Herz und Nieren überprüften; doch je früher sie etwaige Hinweise fand, desto eher konnte sie ihnen nachgehen. Und in einem Vermisstenfall wie diesem, in dem zu befürchten stand, dass die vermisste Person sich etwas antat, konnten schon ein paar Stunden über Leben und Tod entscheiden.
Die Kriminalbeamtin wollte bereits aufgeben und Susanne Winkler anrufen, um mit ihr ein Treffen zu vereinbaren. Doch da fand sie in einem Verzeichnis mit dem kryptischen Titel CdtG eine Datei, die den unmissverständlichen Namen Abschiedsbrief.docx trug. Sie stammte von dem Tag, an dem der Student verschwunden war.
Sofort war sie wie elektrifiziert. Sie klickte die Datei hastig an, um sich ihren Inhalt anzusehen. Obwohl das Programm und das Dokument zügig geöffnet wurden, kam es ihr wie eine kleine Ewigkeit vor. Doch dann war es endlich soweit.
Anjas Lippen bewegten sich unwillkürlich, als sie die Sätze las, die vermutlich das Letzte waren, was Christian Stumpf auf diesem Computer geschrieben hatte.
An all diejenigen, die das hier lesen und die es überhaupt interessiert.
ICH BIN TOT!
Vielleicht wurde meine Leiche ja schon gefunden. Wenn nicht, dann wird das womöglich bald der Fall sein. Aber das ist ohnehin egal, denn mein lebloser Körper ist nicht mehr wichtig.
NICHTS AUF DIESER WELT IST NOCH WICHTIG!
WARUM?, fragt ihr, die ihr das lest, euch vielleicht.
Nun, ich werde es euch sagen: Susanne, die LIEBE MEINES LEBENS, hat mich verlassen. Und ohne sie kann ich nicht weiterleben. Ich habe es in den letzten Tagen versucht. Doch dabei habe ich feststellen müssen, dass es einfach nicht geht.
DESHALB HABE ICH BESCHLOSSEN, MEINEM LEBEN EIN ENDE SETZEN!
Allein hätte ich diesen Schritt vermutlich nie gewagt. Es ist viel schwerer, als man zunächst denkt. Doch dann stieß ich zufällig auf den CLUB DER TOTEN GESICHTER. Dank der SUICIDE-CHALLENGE des Clubs wurde ich innerhalb von 23 Stunden durch 23 Aufgaben auf die finale Herausforderung vorbereitet, nämlich auf meinen eigenen selbst herbeigeführten Tod.
JETZT BIN ICH ENDLICH BEREIT UND WERDE ES TATSÄCHLICH TUN.
Die 23. und vorletzte Aufgabe bestand darin, diesen Abschiedsbrief zu verfassen. Nachdem ich ihn zum Beweis an NEMESIS, meinen TODESENGEL und dunklen Begleiter, geschickt habe, der mich bis zum Ende und schließlich ins Licht geleitet, wird er mir mitteilen, wo und wie ich mich umbringen soll.
Ich bedanke mich hiermit bei NEMESIS und auch beim Administrator des CLUBS DER TOTEN GESICHTER. Ohne euch hätte ich es nie geschafft!
Lebt wohl und seid nicht traurig über meinen Tod, denn es war meine eigene freiwillige Entscheidung.
Euer CHRISTIAN
Anja ließ sich in ihrem Stuhl zurücksinken und dachte über das soeben Gelesene nach.
Es sah wahrhaftig so aus, als hätte Stumpf vorgehabt, sich aufgrund seines Liebeskummers das Leben zu nehmen. Fragte sich nur, ob er es bereits getan hatte und letzten Endes auch erfolgreich gewesen war. Denn offensichtlich wollte er längst tot sein, wenn dieser Brief gefunden wurde.
Doch was hatte es mit dem Club der toten Gesichter, der ominösen Suicide-Challenge und dem erwähnten Todesengel und dunklen Begleiter namens Nemesis auf sich?
Anja erinnerte sich, vor einigen Monaten einen Artikel über ein sogenanntes Selbstmordspiel aus Russland gelesen zu haben, das sich Blue Whale nannte. Durch dieses vorgebliche Social-Media-Spiel wurden Jugendliche, die an Depressionen litten, zum Suizid verleitet. Allein in Russland sollte das Selbstmordspiel nach offiziellen Angaben mehr als 90 Jugendliche das Leben gekostet haben. Weitere Fälle waren zunächst aus Kirgisien und Kasachstan, später aus Polen und den baltischen Staaten und schließlich auch aus Ungarn, Bulgarien und Frankreich bekannt geworden. Dann war es den Behörden gelungen, den Administrator der Seite zu verhaften.
Das Selbstmordspiel Blue Whale funktionierte folgendermaßen: Sobald die Jugendlichen sich angemeldet hatten, stellte ihnen ein selbsternannter Vormund fünfzig Aufgaben; jeden Tag eine neue. Die Teilnehmer wurden beispielsweise aufgefordert, um 4:20 Uhr aufzustehen und aufs Dach des Hauses zu steigen. Oder sie sollten sich einen Tag lang Horrorfilme ansehen oder etwas in den Arm ritzen. Die Jugendlichen mussten die Erfüllung jeder Aufgabe durch Fotos oder Videos an ihren Vormund nachweisen. Erst dann ging es ins nächste Level des Spiels. Die Herausforderungen wurden mit jeder Stufe härter, um sie auf das Ziel, den Selbstmord nach fünfzig Tagen, vorzubereiten. Gewinner des Spiels war, wer alle Aufgaben absolvierte und sich schließlich das Leben nahm.
Aus dem, was Stumpf in seinem Abschiedsbrief geschrieben hatte, ging Anja davon aus, dass es sich bei dem obskuren Club der toten Gesichter um etwas ganz Ähnliches handeln musste. Doch anstelle eines Vormunds gab es hier einen Todesengel namens Nemesis. Und die Suicide-Challenge dauerte auch nicht fünfzig Tage, sondern nur 24 Stunden. Allerdings schien es auch das Ziel dieses Clubs oder Spiels zu sein, dass der Spieler sich am Ende das Leben nahm.
Da Anja es in ihrem Aufgabenbereich immer wieder mit selbstmordgefährdeten Menschen zu tun hatte – nicht nur junge Leute, sondern auch Erwachsene –, wusste sie, dass die allermeisten suizidalen Jugendlichen nicht wirklich sterben wollten. Allerdings konnten sie durch sogenannte Selbstmordspiele manipuliert werden. Zunächst wurden sie willkommen geheißen und umgarnt. Düstere Texte, traurige Musik und furchtbare Bilder vermittelten ihnen die Botschaft, dass es sich nicht lohnte, am Leben zu bleiben. Und wer das Spiel dennoch vorzeitig beenden wollte, erhielt Drohnachrichten und wurde nach und nach in Angst und Panik versetzt.
Anja öffnete an ihrem Dienstcomputer den Browser und gab Club der toten Gesichter in die Suchmaschine ein. Sie erhielt jedoch keinen direkten Treffer und runzelte daher irritiert die Stirn. Wenn es diesen Selbstmordclub tatsächlich gab, dann musste er auch zu finden sein, denn wie sollte er sonst Mitglieder bekommen. Andererseits wollten die Betreiber oder Hintermänner möglicherweise gar nicht so leicht gefunden werden, weil sie nicht ins Blickfeld der Öffentlichkeit oder ins Visier der Ermittlungsbehörden geraten wollten. In dem Fall wurde die Adresse womöglich nur unter der Hand weitergegeben, sodass nur vertrauenswürdige Personen und potentielle Mitglieder sie in die Finger bekamen.
Die Kriminalbeamtin öffnete daher am Laptop den Browser, den der vermisste Student bevorzugt hatte, und sah in der Chronik nach. Sie hoffte, dass Stumpf sie nicht gelöscht hatte. Und ausnahmsweise hatte sie sogar Glück. In der Chronik war eine Reihe von Webseiten aufgeführt, die Stumpf vor seinem Verschwinden besucht hatte. Die meisten waren uninteressant und brachten Anja nicht weiter. Doch dann entdeckte sie am unteren Ende der Liste einen Eintrag, der genau wie das Verzeichnis, in dem sie den Abschiedsbrief gefunden hatte, CdtG hieß. Wie sie inzwischen wusste, war das die Abkürzung für Club der toten Gesichter. Offenbar legten die Betreiber des Clubs viel Wert auf Diskretion und wollten keine unnötige Aufmerksamkeit bei den falschen Leuten erregen. Kein Wunder, schließlich wollten sie depressive Menschen mit einer Suicide-Challenge zum Selbstmord anspornen und anleiten.
Anja gab die Adresse der Webseite in den Browser ihres Dienstcomputers ein.
Bingo!, dachte sie, als sie im oberen Teil der Seite in bluttriefender Schrift die Worte Club der toten Gesichter las. Der Internetauftritt war düster aufgemacht und hauptsächlich in den Farben Schwarz, Dunkelgrau und Rot gehalten. Auf beiden Seiten der Überschrift flackerten animierte Kerzen. Darunter war ein Sarg abgebildet, den ein Kreuz schmückte.
Subtil sieht anders aus!
Alles – die Farben, die Bilder und die Animationen – war übertrieben, kitschig und geschmacklos. Anja hatte zwar keine Lautsprecher, konnte sich aber vorstellen, dass darüber hinaus im Hintergrund schwermütige Musik gespielt wurde. Oder Lieder, die vom Selbstmord handelten oder diesen glorifizierten. Wenn dieser ominöse Club der toten Gesichter nicht ausgerechnet im Abschiedsbrief eines Mannes Erwähnung gefunden hätte, der seit vorgestern vermisst wurde, und damit bitterernst zu nehmen war, dann hätte Anja darüber lachen können. Doch unter den gegebenen Umständen war ihr nicht danach.
Anja scrollte die Seite nach unten und entdeckte unterhalb des Sarges mit dem Kreuz einen Begrüßungstext:
Willkommen, Suchender, auf der Internetseite des »Clubs der toten Gesichter«.
Bist du des Lebens überdrüssig? Siehst du keinen Sinn mehr in deinem trostlosen irdischen Dasein? Bist du auf der Suche nach Hilfestellung für deinen selbstbestimmten Freitod?
Wenn du auch nur eine einzige dieser Fragen mit Ja beantwortet hast, dann bist du hier bei uns goldrichtig. Mit unserer »Suicide-Challenge« bereiten wir dich Schritt für Schritt geradezu spielerisch auf den Selbstmord vor. In 23 Stufen innerhalb von ebenso vielen Stunden erhältst du von unseren Todesengeln das nötige Rüstzeug, um anschließend erfolgreich dein todtrauriges Leben zu beenden.
Alles, was du dafür tun musst, besteht darin, dich anzumelden. Mehr ist nicht nötig! Zögere also nicht länger, denn je früher du aktiv wirst und an unserer »Suicide-Challenge« teilnimmst, desto eher wirst du diese erbärmliche Existenz aus Schmerzen und Leid hinter dir lassen können und ins Licht aufsteigen.
Umgehend nach deiner Anmeldung wird sich einer unserer erfahrenen Todesengel mit dir in Verbindung setzen, um dich unter seine Fittiche zu nehmen. Er wird dir dann auch die Spielregeln der »Suicide-Challenge« erläutern.
Bist du dir noch nicht sicher, ob du wirklich unserem Selbstmordclub beitreten willst?
Dann sieh doch einfach mal in unserer »Suicidal Hall of Fame« nach. Dort findest du die Bilder sämtlicher Mitglieder, die die Challenge bislang erfolgreich absolviert haben.
Melde dich sofort an – schon nach 24 Stunden kannst auch du Teil unserer »Suicidal Hall of Fame« sein und damit gewissermaßen unsterblich werden.
Anja schüttelte den Kopf über diesen Blödsinn. Aber anscheinend gab es tatsächlich Leute, die darauf hereinfielen. Unter Umständen würde sie anders darüber denken, wenn sie depressiv wäre oder im Moment in einem Stimmungstief stecken würde.
Sie suchte nach einem Impressum, fand jedoch keins. Damit hatte sie auch nicht unbedingt gerechnet, und alles andere hätte sie auch verwundert.
Außer der Hauptseite gab es nur noch zwei weitere Seiten. Eine beinhaltete ein Formular für die Anmeldung, die andere war die erwähnte Ruhmeshalle. Anja entschied sich zunächst für die zweite Alternative.
Die »Suicidal Hall of Fame« bestand aus einem guten Dutzend Fotos. Die eine Hälfte der Aufnahmen war schwarzweiß und stammte aus Zeitungen; die übrigen waren Farbfotos. Unter keinem der Bilder, die keine bestimmte Reihenfolge oder Ordnung aufwiesen, sondern kreuz und quer auf der Seite verteilt waren, stand ein Name.
Anja entdeckte rechts oben sofort ein Bild von Christian Stumpf. Es zeigte ihn von der Seite; er schien in ein Gespräch mit einer anderen Person verwickelt zu sein, die man aber nicht sehen konnte.
Sie seufzte tief. Wenn man der Webseite und Stumpfs Abschiedsbrief glauben konnte, die sich auf makabre Weise ergänzten, hatte der Student die Suicide-Challenge mittlerweile erfolgreich absolviert. Das bedeutete, dass er längst tot war. Anjas Bemühungen, ihn lebend zu finden, waren daher aller Voraussicht nach von vornherein zum Scheitern verurteilt. Doch solange seine Leiche nicht gefunden worden war, wollte Anja nicht einfach aufgeben und die Hände in den Schoß legen. Stattdessen würde sie ihren Job erledigen und nach ihm suchen.
Die Kriminalbeamtin sah sich die anderen Fotos der Reihe nach an. Beim vorletzten stutzte sie, denn die Person, die auf dem Zeitungsfoto zu sehen war, war ebenfalls eine ihrer Vermissten.
3
Martina Schreiber war vor fünfzehn Tagen zum letzten Mal gesehen worden. Die 54-Jährige hatte nie geheiratet und war kinderlos geblieben. Sie war Schauspielerin und bewohnte eine kleine Wohnung in München-Schwabing. Ihr Bruder Reinhard meldete sie als vermisst, nachdem sie nicht zu einem vereinbarten Termin gekommen und auch telefonisch nicht zu erreichen gewesen war.
Reinhard Schreiber besaß zwar für derartige Notfälle einen Schlüssel zur Wohnung seiner Schwester, traute sich aber nicht, allein dorthin zu gehen. Er hatte panische Angst, er könnte ihre Leiche finden. Denn Martina Schreiber litt seit vielen Jahren unter Depressionen. Sie hatte in der Vergangenheit mehrmals geäußert, sie würde sich eines Tages das Leben nehmen. Vor anderthalb Jahren hatte sie es sogar versucht, indem sie eine Überdosis Schlaftabletten geschluckt hatte. Da sie ihrem Bruder unmittelbar davor eine E-Mail geschickt hatte, in dem sie ihren Suizid angekündigt hatte, konnte sie gerettet werden. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus verbrachte sie auf eigenen Wunsch sechs Wochen in der geschlossenen Abteilung der Psychiatrie. Anschließend besuchte sie bis zu ihrem Verschwinden regelmäßig einen ambulanten Therapeuten.
Sowohl der Bruder als auch der Therapeut hatten bis vor fünfzehn Tagen gedacht, Martina Schreiber wäre nicht mehr akut selbstmordgefährdet. Ihr spurloses Verschwinden hatte sie dann eines Besseren belehrt. Allerdings hatte die Frau dieses Mal keine E-Mail mit der Ankündigung ihres Suizids an ihren Bruder geschickt. Und es war auch kein Abschiedsbrief gefunden worden.
Anja hatte sämtliche ihr zur Verfügung stehenden Fahndungsmaßnahmen eingeleitet, war bei ihren Ermittlungen jedoch auf der Stelle getreten. Martina Schreiber gehörte zu den Vermissten, die im wahrsten Sinne des Wortes spurlos verschwanden. Da es weder Spuren noch Hinweise gab, denen die Kriminalbeamtin aktiv nachgehen konnte, hatte sie die Akte nach kurzer Zeit auf den Stapel mit den unerledigten Fällen legen müssen. Seitdem wartete sie darauf, dass sich in dem Fall etwas Neues ergab. Insgeheim war sie allerdings stets davon ausgegangen, dass sie erst dann wieder von der Frau hören würde, wenn man ihren Leichnam fand.
Doch nun war es doch anders gekommen. Statt ihrer Leiche tauchte ihr Bild in der sogenannten Ruhmeshalle eines Selbstmordclubs auf, über den Anja in einem anderen Vermisstenfall gestolpert war.
Nachdem Anja den ersten Schock halbwegs verdaut hatte, sah sie sich die übrigen Fotos noch einmal genauer an. Sie entdeckte jedoch kein weiteres Gesicht, das ihr vertraut vorkam.
Anschließend kehrte sie zur Eingangsseite zurück und überlegte, was sie jetzt tun sollte.
Ich sollte mich selbst in diesem Club anmelden. Mal sehen, was dann passiert.
Sie klickte den ersten Menüpunkt an und gelangte zum Anmeldeformular. Darin wurde neben ihrem vollständigen Namen und dem Geburtsdatum eine Reihe weiterer Angaben verlangt. Anja hatte allerdings nicht vor, ihre wahre Identität preiszugeben. Sie wollte sich stattdessen als fünfzehnjähriges Mädchen ausgeben. Also dachte sie sich kurzerhand einen falschen Namen aus und trug ihn in die dafür vorgesehenen Felder ein. Als Adresse gab sie ein Hochhaus in Moosach an, in dem eine ehemalige Schulfreundin gewohnt hatte. In dem Haus gab es so viele Parteien und ständige Mieterwechsel, dass die Initiatoren des Clubs der toten Gesichter schon persönlich hingehen und alle Briefkästen überprüfen mussten, um den Schwindel zu durchschauen. Bevor sie ihre E-Mail-Adresse eingab, richtete sie bei einem kostenlosen Anbieter einen neuen Account ein. Die Angabe der Telefonnummer war freiwillig. Darüber war Anja froh, denn sonst hätte sie ihre echte Handynummer verwenden müssen, was sie nicht wollte. Am Ende überprüfte sie alles noch einmal gründlich und schickte die Anmeldung dann ab.
Die Wartezeit verkürzte sie sich, indem sie ihre anwesenden Kollegen anrief und bat, sich die Bilder in der Suicidal Hall of Fame anzusehen. Dazu diktierte sie ihnen die Adresse der Seite. Während diese damit beschäftigt waren, sah sie die Aktenstapel auf dem Schreibtisch ihres Bürokollegen durch. Denn da Braun nicht da war, konnte sie ihn nicht fragen, ob ihm eines der Fotos bekannt vorkam. Sie fand jedoch in seinen offenen Fällen keine vermisste Person, die Ähnlichkeit mit einem der Fotos auf der Internetseite hatte.
Dann rief einer ihrer Kollegen zurück.
»Ich habe einen Treffer erzielt«, sagte Josef Fuchsner.
Anja rief erneut die Seite mit der vermeintlichen Ruhmeshalle auf. »Welches Foto ist es denn?«
»Das Zeitungsfoto unten in der Mitte.«
Anja sah es sich an. Es zeigte einen leicht übergewichtigen Mann mit Halbglatze. Anhand des körnigen Zeitungsfotos konnte sie nur schwer einschätzen, wie alt er war; sein Alter konnte durchaus zwischen vierzig und sechzig Jahren liegen.
»Wie heißt er«, fragte Anja, während sie ihr Notizbuch öffnete und den Kugelschreiber in die Hand nahm.
»Sein Name ist Stefan Greinwald. Fünfundfünfzig Jahre alt. Fernfahrer. Geschieden. Eine erwachsene Tochter, zu der er in den letzten Jahren allerdings kaum noch Kontakt hatte.«
Anja notierte sich alles. »Wann ist er verschwunden?«
»Vor zweieinhalb Wochen. Sein Arbeitgeber meldete ihn als vermisst, nachdem er nicht zur Arbeit gekommen war und man zwei Tage lang vergeblich versucht hatte, ihn zu erreichen.«
»Und?«, fragte Anja erwartungsvoll. »Was glaubst du, was mit ihm geschehen ist?«
»Ich ging von Anfang an davon aus, dass er sich möglicherweise etwas angetan hat. Und sein Foto in dieser sogenannten Suicidal Hall of Fame bestätigt mich nur in meiner Vermutung.«
»Gibt es weitere Anhaltspunkte für eine Suizidversion?« Anja dachte dabei vor allem an einen Abschiedsbrief. Manchmal legten Personen, die sich umbringen wollten, aber auch ihre Testamente oder andere wichtige Unterlagen bereit, damit die Angehörigen nicht danach suchen mussten.
»Der Mann war schwerkrank. Nachdem er vier Jahrzehnte lang jeden Tag ein bis zwei Schachteln Zigaretten geraucht hatte, bekam er vor einem halben Jahr bei einem Arztbesuch die Quittung, als bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert wurde.«
Anja dachte nach. Bislang waren drei der Personen in der Suicidal Hall of Fame des Clubs der toten Gesichter identifiziert worden. Alle wurden vermisst. Und bei allen stand aus unterschiedlichen Gründen der begründete Verdacht im Raum, sie könnten sich etwas angetan haben.
Fuchsner versprach, ihr demnächst die Akte vorbeizubringen, damit sie sich selbst ein Bild des Vermisstenfalls machen konnte. Dann verabschiedeten sie sich voneinander.
Kaum hatte Anja den Hörer aus der Hand gelegt, bekam sie den nächsten Anruf. Dieses Mal von einer Kollegin namens Sarah Neuner, die nur drei Jahre älter als sie war.
»Du glaubst es nicht, aber ich habe einen der Vermissten wiedererkannt«, sagte sie, als könnte sie es selbst noch nicht fassen. »Es handelt sich um das Zeitungsfoto ein Stück links vom Zentrum der Seite.«
Anja sah sich das Bild an. Es zeigte einen etwa vierzigjährigen Mann mit lockigen dunklen Haaren und einem Vollbart. »Name?«
»Erhard Bader, neununddreißig Jahre alt. Er ist Musiker, hat aber seit Jahren keine feste Anstellung und hält sich deshalb mit Gelegenheitsjobs und Straßenmusik über Wasser. Seine Mutter meldete ihn vor zehn Tagen als vermisst. Sie hatte ihn zum Essen zu sich nach Hause eingeladen, was sie regelmäßig tut. Als er nicht kam, rief sie bei ihm an, doch er ging nicht an den Apparat. Sie fuhr anschließend zu seiner Wohnung, für die sie einen Schlüssel hat. Doch er war nicht da. Als er auch am nächsten Tag noch immer unauffindbar blieb, wandte sie sich an die Polizei.«
»Hattest du schon eine Vermutung, was ihm widerfahren sein könnte?«, fragte Anja, hatte aber bereits eine Ahnung, was sie zu hören bekommen würde.
»Ehrlich gesagt, tippte ich von Beginn an auf Suizid. Deshalb hat es mich auch nicht wirklich überrascht, sein Foto auf der Seite dieses komischen Selbstmordvereins zu finden. Nach Angaben seiner Mutter war er schon seit Jahren seines Lebens überdrüssig, wie sie es ausdrückte. Die große Musikerkarriere war ihm verwehrt geblieben. Außerdem gelang es ihm immer seltener, als Musiker genug Geld für seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er war auf ihre Unterstützung angewiesen, verachtete sich aber gleichzeitig dafür. Andererseits war er aber auch zu stolz, öffentliche Mittel in Anspruch zu nehmen. Im Grunde rechnete die Mutter ständig damit, dass er sich irgendwann einmal umbringt, weshalb sie sein Verschwinden auch nicht überrascht hat. Wenn man jahrelang fest mit einem Ereignis rechnet, dann ist es vermutlich sogar eine Erleichterung, wenn es schließlich eintritt, auch wenn es im Grunde furchtbar ist.«
Während Anja noch mit Sarah Neuner sprach, klopfte es an der Tür. Lukas Brandstetter, ein zehn Jahre älterer Kollege, der im Nebenzimmer arbeitete, kam herein. Er hatte eine Vermisstenakte bei sich, sodass Anja sofort wusste, aus welchem Grund er gekommen war.
»Ich muss Schluss machen«, sagte Anja. Sie bedeutete Brandstetter, Platz zu nehmen. »Ich komme nachher vorbei und hol mir die Akte, Sarah. Danke für den Anruf.«
Sie legte auf und sah Brandstetter, einen etwas korpulenten Mann mit kurzen vorzeitig ergrauten Haaren und einem Schnauzbart, erwartungsvoll an. »Lass mich raten. Du hast eine der Personen in der Ruhmeshalle des Selbstmordclubs erkannt.«
Er nickte lächelnd. »Da bin ich wohl offenbar nicht der Einzige.« Mit hochgezogenen Augenbrauen deutete er auf das Telefon.
»Ja.« Anja erzählte ihm von den anderen Fällen und zeigte ihm auf dem Monitor die entsprechenden Zeitungsfotos. »Und was hast du für mich?«
Er legte die Akte vor ihr auf den Schreibtisch, sodass sie den Namen darauf lesen konnte, und sagte: »Markus Lehner, 57 Jahre alt, war bis zu seiner Frühpensionierung Finanzbeamter. Vor drei Jahren ist er an Knochenkrebs erkrankt. Keine Aussicht auf Heilung. Seine Lebenserwartung beträgt nach Aussage seines Arztes voraussichtlich nur noch wenige Monate. Die Wohnungsnachbarin erzählte mir, dass er in letzter Zeit oft von Selbstmord gesprochen habe. Im Nachhinein meinte sie, dass es in letzter Zeit durchaus so klang, als habe er sogar schon konkrete Pläne gehabt. Sie hat aber nicht ernsthaft damit gerechnet, dass er auch den Mumm hätte, es zu tun. Nachdem sie ihn ein paar Tage lang nicht gesehen hatte, begann sie sich Sorgen um ihn zu machen und rief die Polizei. In der Wohnung fand man jedoch keine Spur von ihm. Da er als suizidgefährdet gilt, wurde Vermisstenanzeige erstattet, und der Fall landete bei uns.«
Während Brandstetter sie über die wichtigsten Details in Kenntnis gesetzt hatte, hatte Anja die Akte aufgeschlagen und sich die Fotos des vermissten Mannes angesehen. Dann hatte sie in der Ruhmeshalle des Selbstmordclubs nach seinem Konterfei gesucht und es auch rasch gefunden. Es handelte sich ebenfalls um das körnige Schwarzweißfoto aus einer Tageszeitung, das vermutlich zu einer öffentlichen Fahndung nach dem Vermissten gehört hatte.
»Seit wann ist er verschwunden?«
»Er wurde vor acht Tagen zum letzten Mal gesehen.«
»Angehörige?«
»Einen Bruder, der in Norddeutschland lebt. Die beiden hatten in den letzten Jahren aber keinen Kontakt mehr. Seine Frau ist vor fünf Jahren gestorben, und der einzige Sohn kam vor fast dreißig Jahren bei einem Badeunfall ums Leben.«
»Tragisch!«
Brandstetter nickte. »Wie bist du überhaupt auf diesen ominösen Selbstmordclub gestoßen?«
Sie erzählte es ihm.
»Du solltest zum Chef gehen«, sagte Brandstetter anschließend. Der Chef war Polizeirat Alexander Zumbruch, der Leiter der Vermisstenstelle und damit ihr unmittelbarer Dienstvorgesetzter. »Da die Fotos der Vermissten auf dieser Seite auftauchen und diese Leute eindeutig alle suizidgefährdet waren, besteht meiner Meinung nach ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen den Fällen. Da ist es vermutlich vorteilhafter, wenn die Bearbeitung all dieser Fälle in einer Hand liegt.«
»Und wenn du von einer Hand redest, meinst du vermutlich meine Hand.« Anja winkte ab. »Ich habe mit meinen eigenen Fällen schon mehr als genug zu tun.«
»Wer hat das nicht?« Brandstetter grinste. »Und ehrlich gesagt hätte ich nichts dagegen, einen offenen Vermisstenfall auf diese Weise elegant loszuwerden. Aber darum geht es mir gar nicht.«
Anja nickte. »Du hast ja recht. Ich werde gleich zum Chef gehen und ihn bitten, die drei anderen Fälle an mich zu übertragen. Sobald ich das erledigt habe, hole ich mir die übrigen Akten von den Kollegen.«
»Dann viel Glück bei den Ermittlungen.« Brandstetter stand auf. »Ich hoffe, du bekommst den Kerl zu fassen, der hinter dieser Seite steckt. Sag Bescheid, wenn du dabei Hilfe benötigst.«
Sobald der Kollege ihr Büro verlassen hatte, machte sich Anja auf den Weg zu Polizeirat Zumbruch. Sie schilderte ihm mit knappen Worten die Vermisstenfälle. Anschließend zeigte sie ihm die Webseite des Clubs der toten Gesichter. Er stimmte mit ihr darin überein, dass es aufgrund der Fotos in der vermeintlichen Ruhmeshalle einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen den Fällen gab. Aus diesem Grund übertrug er ihr die Verantwortung für die Ermittlungen. Sollte sie Hilfe benötigen, versprach er ihr Unterstützung durch einen der Kollegen.
Auf dem Weg zurück in ihr Büro holte sie die beiden restlichen Vermisstenakten bei Sarah Neuner und Josef Fuchsner ab.
4
Als sie wieder an ihrem Schreibtisch saß, überprüfte sie sogleich das Postfach des E-Mail-Accounts, den sie unter falschem Namen eingerichtet hatte.
»Wer sagt’s denn?«, murmelte sie. Neben einer Begrüßungsmail des Betreibers, die sie ungelesen löschte, hatte sie noch eine weitere Nachricht erhalten. Sie stammte von jemandem, der sich Nemesis nannte, wobei unklar blieb, ob sich dahinter eine Frau oder ein Mann verbarg. Anja erinnerte sich an den Abschiedsbrief des vermissten Studenten. Darin hatte er ebenfalls einen Todesengel namens Nemesis erwähnt.
Anja las die E-Mail.
Hallo, Laura,
Freut mich, dass du den Weg zu uns gefunden hast und bereit bist, dich der »Suicide-Challenge« zu stellen. Ich verspreche dir, du wirst es nicht bereuen.
Ich heiße Nemesis und bin dein Todesengel. Als Erstes werde ich dir die Regeln erklären. Anschließend begleite ich dich durch die gesamte Challenge, indem ich dir die Aufgaben stelle, die du zu bewältigen hast. Außerdem bin ich für die nächsten 24 Stunden dein Ansprechpartner und werde dir all deine Fragen beantworten, sofern ich dazu in der Lage bin.
Hier nun die Regeln, die strikt zu befolgen sind:
1. Die »Suicide-Challenge« besteht aus 24 Aufgaben, die innerhalb von ebenso vielen Stunden erfolgreich absolviert werden müssen.
2. Du darfst keiner Menschenseele etwas davon erzählen. Nicht einmal deiner besten Freundin oder deinen Eltern.
3. Du musst jede Aufgabe, die ich dir stellen werde, sorgfältig und wortgetreu erfüllen!
4. Sobald du eine Aufgabe erfolgreich absolviert und abgeschlossen hast, sendest du mir eine Nachricht mit einem Beweisfoto.
5. Nach jeder erfolgreich bestandenen Aufgabe erfolgt zur jeweils vollen Stunde die nächste, bis schließlich alle erfüllt wurden.
6. Am Ende der Challenge geht dein Todeswunsch in Erfüllung, und du wirst sterben! Damit hast du die Suicide-Challenge erfolgreich bewältigt. Dann wird auch dein Foto in die »Suicidal Hall of Fame« aufgenommen.
Du kannst mir dafür gern ein Foto von dir mailen. Wenn nicht, ist das auch nicht tragisch. Dann nehme ich einfach ein Foto aus der Zeitung. Beispielsweise, wenn du vermisst wirst und nach dir gesucht wird. Oder aus deiner Todesanzeige.
Das war’s auch schon für den Anfang.
Bist du bereit?
Anja verfasste sofort eine Antwort.
Hallo Nemesis,
herzlichen Dank für die freundlichen Worte und deine Hilfe. Tut mir echt leid, aber ich weiß noch gar nicht, ob ich überhaupt schon bereit bin zu sterben. Ich habe Angst! Was, wenn ich mittendrin aussteigen und die Challenge abbrechen will. Geht das?
Anja schickte die Nachricht ab. Während sie auf eine Antwort wartete, öffnete sie die Akte des vermissten Fernfahrers Stefan Greinwald, der an Lungenkrebs litt und als Erster verschwunden war.
Doch sie kam mit dem Aktenstudium nicht weit, denn als sie nach einer Minute zum ersten Mal aufblickte, hatte sie bereits eine Antwort von Nemesis bekommen.
Du kannst jetzt nicht mehr aufhören und die »Suicide-Challenge« abbrechen, denn die hat bereits mit deiner Anmeldung begonnen. Von nun an gibt es weder einen Ausstieg noch einen Weg zurück.
Anja lächelte grimmig. Genauso hatte sie sich das vorgestellt. Die Betreiber des Clubs der toten Gesichter bedienten sich haargenau derselben Mittel wie andere Selbstmordclubs oder -spiele auch. Offensichtlich kopierten sie nur das Vorgehen ihrer Vorgänger. Der einzige Unterschied bestand darin, dass sich andere derartige Seiten ausschließlich an Jugendliche richteten, die natürlich leichter zu beeinflussen waren, und nicht an Erwachsene. Doch die Ruhmeshalle des Clubs bewies, dass der Masche mit der Suicide-Challenge auch Erwachsene auf den Leim gingen. Vermutlich, weil sie extrem verzweifelt waren und sich den Tod wünschten.
Grundsätzlich war Anja der Ansicht, dass jeder Erwachsene das Recht hatte, über das eigene Leben und den eigenen Körper zu bestimmen. Aus diesem Grund konnte er sich gegebenenfalls selbst das Leben nehmen, wenn er sich für diesen Weg entschlossen hatte. Auch in ihrem Leben hatte es eine Phase gegeben, in der sie immer wieder mit dem Tod geliebäugelt hatte, den sie in Gestalt einer Packung Schlaftabletten im Spiegelschrank ihres Badezimmers aufbewahrt hatte. Doch im Laufe ihrer Ermittlungen im Fall des Apokalypse-Killers hatte sie diese latente Todessehnsucht erfolgreich überwunden.
Die Hintermänner des Clubs der toten Gesichter richteten sich aber nicht nur an Erwachsene. Auch Kinder und Jugendliche konnten auf die Webseite gelangen und sie lesen. Und sie konnten sich sogar problemlos anmelden, denn auch Anja hatte sich bei ihrer Anmeldung als fünfzehnjähriges Mädchen ausgegeben. Und dennoch hatte sich der Todesengel Nemesis bei ihr gemeldet, damit sie die Challenge durchführte. Sie war daher fest entschlossen, diesen Leuten das Handwerk zu legen. Doch dazu musste sie unbedingt herausfinden, wer hinter diesem Internetauftritt steckte und wer sich hinter ihrem Todesengel verbarg.
Sie schrieb eine kurze E-Mail an Nemesis.
Was, wenn ich trotzdem aussteigen will?
Die Antwort kam weniger als zwei Minuten später.
Ich habe dir doch schon mitgeteilt, dass du nicht aussteigen kannst. Dein Weg ist von nun an vorgezeichnet und führt ohne Umwege in den Tod. Das wolltest du doch! Deshalb hast du dich doch in unserem Club angemeldet! Glaub mir, jeder hat ein bisschen Muffensausen, wenn der Tod endlich greifbar nahe ist. Das ist völlig normal und sollte dich daher auch nicht beunruhigen.
Vertrau mir!
Vertraust du mir?
Anja antwortete:
Ich weiß nicht, ob ich dir vertrauen kann. Ich kenne dich doch gar nicht! Wer bist du eigentlich? Wenn ich wüsste, mit wem ich es zu tun habe, würde es mir vermutlich leichter fallen. Erzähl mir bitte etwas von dir.
Nemesis schrieb nahezu postwendend zurück.
Tut mir leid, aber ich darf dir nichts über mich erzählen, so gerne ich’s auch täte. Es verstößt gegen die Regeln, wenn ein Todesengel gegenüber einem Teilnehmer der Challenge seine wahre Identität oder Informationen über sich preisgibt.
Du musst mir einfach blind vertrauen! Schließlich wollen wir doch beide dasselbe: deinen Tod.
Also lass uns nicht länger zögern, sondern endlich anfangen. Die Zeit läuft!
Bist du jetzt bereit?
Anja schüttelte den Kopf.
»So einfach mache ich es dir nicht, Schätzchen!«, murmelte sie.
Wäre schön gewesen, wenn Nemesis ihr etwas über sich selbst verraten hätte. Allerdings hatte Anja nicht ernsthaft damit gerechnet.
Sie überlegte kurz und verfasste dann eine Antwort-Mail.
Ich weiß nicht, ob ich bereit bin. Als ich mich angemeldet habe, habe ich nicht erwartet, dass es sofort losgeht. Können wir es nicht noch etwas verschieben?
Nemesis’ Reaktion erfolgte innerhalb kürzester Zeit.
Anja hatte das Gefühl, dass ihr Todesengel allmählich wütend wurde. Aber genau das hatte sie beabsichtigt. Sie wollte ihn aus der Reserve locken. Womöglich machte er in seiner Wut einen Fehler und verriet mehr, als er ursprünglich wollte, sodass Anja endlich einen Anhaltspunkt für ihre Ermittlungen in die Hand bekam.
Ich habe dir doch schon mitgeteilt, dass es kein Zurück mehr gibt. Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du dich angemeldet hast.
Zweifel und Ängste sind normal, aber die musst du jetzt überwinden und hinter dir lassen. Und genau dafür ist die Challenge da.
Du willst doch sterben, sonst hättest du nicht die Seite unseres Clubs besucht und dich angemeldet.
Und meine Aufgabe ist es, dir dabei zu helfen, dich umzubringen.
Mit der Anmeldung hast du in gewissem Sinne einen unkündbaren Vertrag mit uns abgeschlossen. Ziel dieses Vertrages ist dein Tod. Und der wird hundertprozentig spätestens in 23 Stunden und 34 Minuten eintreten, ob nun mit deiner Hilfe oder auch ohne dein Zutun.
Endlich ließ Nemesis die Katze aus dem Sack, denn das war eine eindeutige Todesdrohung.
Doch als Laura gab sich Anja weiterhin ahnungslos.
Was meinst du mit »auch ohne dein Zutun«? Was hat das zu bedeuten?
In ihrer nächsten Nachricht wurde Nemesis konkreter.
Stell dich bitte nicht dümmer, als du bist, Laura!
Wir wissen schließlich durch die Daten deiner Anmeldung, wo du wohnst. Also kannst du dich auch nicht vor uns verstecken. Wenn du nicht zur Challenge antrittst oder vor der finalen Aufgabe aussteigst, sind wir gezwungen, selbst die Initiative zu ergreifen.
Kann ja sein, dass du einen Bruder oder eine Schwester hast, die du liebst. Du möchtest doch nicht, dass ihm oder ihr etwas zustößt, oder? Auf dem Weg in die Schule oder den Kindergarten kann schließlich viel passieren.
Und was ist mit deinen Eltern?
Und wage es bloß nicht, jemandem etwas von uns zu erzählen. Vor allem deinen Eltern, Lehrern und der Polizei solltest du unter keinen Umständen etwas sagen. Wir werden auf jeden Fall davon erfahren. Dann wirst es nicht nur du bereuen, sondern alle, die dir etwas bedeuten, werden dafür büßen.
Aber jetzt haben wir lange genug geplaudert und kostbare Zeit vertrödelt. Lass uns endlich anfangen.
Hier ist deine erste Aufgabe. Sie ist nicht schlimm und sollte daher auch für dich kein Problem sein.
Schreibe dir mit einem wasserfesten Stift die Ziffern 4:20 auf den Unterarm.
Du hast noch eine halbe Stunde Zeit, um die Aufgabe zu bewältigen. Und vergiss nicht, mir ein Beweisfoto zu schicken.
Anja wusste, dass die Teilnehmer der Blue Whale Challenge oft aufgefordert worden waren, um 4:20 Uhr in der Nacht aufzustehen und irgendwelche haarsträubenden Dinge zu tun. Die Ziffern hatten die Betreiber der Suicide-Challenge also einfach von ihrem berühmt-berüchtigten Vorgänger übernommen. Doch Laura konnte das unter Umständen nicht wissen, deshalb gab sich Anja ahnungslos.
Was bedeuten die Ziffern 4:20?
Anja grinste, als sie die Mail abschickte.
Die Antwort erfolgte prompt.
Stell gefälligst nicht weiterhin überflüssige Fragen, sondern tu endlich, was ich dir mitgeteilt habe! Wir haben genug Zeit verschwendet. Außerdem habe ich auch noch andere Teilnehmer, um die ich mich kümmern muss. Das ist schließlich kein Debattier-, sondern ein Selbstmordclub.
Ich warte!
Den Hinweis auf andere Teilnehmer fand Anja interessant. Es musste ihr gelingen, an Nemesis heranzukommen und mehr über sie zu erfahren, um ihre wahre Identität herauszufinden. Denn je eher diesen Leuten das Handwerk gelegt wurde, desto besser. Doch momentan schien Nemesis nicht in der Stimmung zu sein, etwas über sich zu verraten. Deshalb beschloss Anja, ihr den Gefallen zu tun und die erste Aufgabe zu erfüllen. Unter Umständen ergab sich im weiteren Verlauf der Challenge eine Möglichkeit, mehr zu erfahren, wenn Nemesis der Meinung war, Lauras Widerstand wäre gebrochen und sie würde jetzt endlich alles tun, was sie sagte. Deshalb würde Anja erst einmal mitspielen und sich bemühen, die Aufgaben zur Zufriedenheit ihres Todesengels zu erfüllen. Vorausgesetzt, sie schadete damit weder anderen noch sich selbst.
Anja hatte allerdings nicht vor, die erste Challenge buchstabengetreu zu erfüllen. Es musste schließlich nur überzeugend genug wirken, um Nemesis zu täuschen und zufriedenzustellen.
Anstelle eines wasserfesten Stifts nahm sie daher einen Folienschreiber mit abwaschbarer schwarzer Tinte und schrieb 4:20 auf ihren linken Unterarm. Dann machte sie mit ihrem Smartphone ein Foto und schickte es an die Mail-Adresse ihres imaginären Lockvogels Laura. Anschließend hängte sie es an die Nachricht, die sie Nemesis schrieb.
Ich kann es nicht glauben, aber ich hab es tatsächlich getan! Anliegend das Beweisfoto, das du verlangt hast. Irgendwie fühle ich mich jetzt sogar ein bisschen besser. Befreit sozusagen. Ergibt das für dich irgendeinen Sinn?
Nemesis antwortete:
Natürlich ergibt das einen Sinn. Du wirst dich mit jeder Aufgabe, die du erfolgreich absolviert hast, und mit jeder Stufe, die dich deinem Ziel – dem Tod – näher bringt, besser und befreiter fühlen.
Ich habe das schon oft bei anderen erlebt, die ich in den Tod begleiten durfte. Wirf doch mal einen Blick in die »Suicidal Hall of Fame«. Den Leuten, die du dort siehst, erging es anfangs ähnlich wie dir. Dennoch haben sie es schließlich geschafft. Und schon bald wird dein Foto neben den anderen zu sehen sein.
Bravo! Die erste Aufgabe hast du geschafft. In 22 Minuten werde ich dir die nächste stellen. Mach dich bereit!
Sobald Anja Nemesis’ letzte Nachricht gelesen hatte, wischte sie sich mit Speichel und einem Papiertaschentuch die Schrift vom Unterarm. Anschließend ging sie ins Internet und suchte nach Informationen über den Namen ihres Todesengels.
Nemesis war in der griechischen Mythologie die Göttin des gerechten Zorns oder der ausgleichenden Gerechtigkeit. Heutzutage verstand man darunter allerdings eher einen ewigen Gegenspieler oder Erzrivalen. Außerdem stand der Name Nemesis für einen persönlichen Todesengel oder Todfeind, einen personifizierten Todesbringer oder eine tödliche Bedrohung.
Die Wahl des Namens passte also, denn diejenigen, die bei anderen Selbstmordspielen Vormund genannt wurden, waren hier im wahrsten Sinne des Wortes personifizierte Todesbringer.
Anja schloss den Browser und griff zum Telefon. Sie rief bei einem Kollegen in der Cybercrime-Abteilung an, mit dem sie ein paar Mal zu tun gehabt hatte und den sie ein bisschen besser kannte als seine Kollegen. Cybercrime war unter anderem für die EDV-Beweismittelsicherung und -auswertung und die Telekommunikationsüberwachung zuständig. Sie setzte ihn davon in Kenntnis, dass sie den Laptop eines vermissten Studenten vorbeibringen lassen würde, damit er auf Herz und Nieren untersucht werden konnte. Außerdem gab sie ihm die Internetadresse des Clubs der toten Gesichter und bat ihn, mehr über den oder die Betreiber der Seite herauszufinden.
Als es an der Zeit für Nemesis’ nächste Nachricht mit der zweiten Aufgabe der Suicide-Challenge war, sah sie in Lauras Postfach und öffnete die Mail, die vor wenigen Augenblicken dort eingegangen war.
Hallo, Laura,
zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur Bewältigung der ersten Challenge. Du kannst echt stolz auf dich sein. Doch das war erst der Anfang, denn 23 Aufgaben liegen noch vor dir. Aber keine Bange. Du hast gezeigt, dass du entschlossen genug bist, dein Ziel kompromisslos zu verfolgen, auch wenn dich, wie nicht anders zu erwarten war, im Moment noch Zweifel und Ängste plagen.
Hier also die zweite Aufgabe.
Sieh dir innerhalb der nächsten Stunde im Internet mindesten fünfmal das Video zu dem Lied »Gloomy Sunday« an. Mach dich zudem mit seiner Hintergrundgeschichte vertraut. Fasse für mich anschließend in einer kurzen Mail die Geschichte des Songs zusammen.
Anja runzelte verwirrt die Stirn, denn der Titel des Liedes sagte ihr nichts. Auf den ersten Blick gab es nicht einmal einen Bezug zum Thema Selbstmord. Außerdem war es keine schwere Aufgabe, die ein großes Opfer von ihr verlangte. Entweder hatte Nemesis gemerkt, dass sie Laura nicht gleich am Anfang überfordern durfte, und fing deshalb behutsam an. Oder die Suicide-Challenge des Clubs begann immer so harmlos, steigerte sich dann aber unter Umständen umso mehr, wenn sie dem Höhepunkt zustrebte.
Sie machte sich im Internet über »Gloomy Sunday« schlau. Dabei handelte es sich um den englischen Titel eines Liedes, das der ungarische Pianist Reszö Seress 1932 geschrieben hatte, nachdem er von seiner Verlobten verlassen worden war. Der ungarische Titel lautete Szomorú Vasárnap, was übersetzt »Trauriger Sonntag« hieß. Es ging darin um einen Mann, dessen Freundin kürzlich verstorben war, und der nun darüber nachdachte, Selbstmord zu begehen, um wieder mit ihr vereint zu sein. Berühmt wurde das Lied vor allem als sogenanntes »Lied der Selbstmörder«, da alsbald eine Reihe von Suiziden damit in Verbindung gebracht wurde. So sollte im Frühjahr 1933 in einem Budapester Café ein junger Mann die Kapelle gebeten haben, Szomorú Vasárnap zu spielen. Anschließend ging er nach Hause und erschoss sich. In einem anderen Fall schluckte eine junge Frau eine Überdosis Tabletten, während ihr Grammophon ständig Szomorú Vasárnap spielte. Als die Nachbarn schließlich genervt die Wohnungstür aufbrachen, da auf ihr Klopfen niemand reagiert hatte, fanden sie die Frau tot vor. Einige Radiosender weigerten sich daraufhin, das Lied zu spielen. Seress selbst beging im Januar 1968 Selbstmord; er sprang aus dem Fenster seiner Budapester Wohnung. Und das Mädchen, das ihn verlassen und damit erst zu dem Lied inspiriert hatte, hatte sich schon viel früher umgebracht. Neben ihrem Leichnam fand man angeblich ein Blatt Papier, auf dem »Gloomy Sunday« stand. Erst mit dem deutsch-ungarischen Film »Ein Lied von Liebe und Tod – Gloomy Sunday« aus dem Jahr 1999 wurde das Lied wiederentdeckt.
Anja sah sich anschließend Videos des Originalsongs, der deutschen Version »Das Lied vom traurigen Sonntag« aus dem Film »Ein Lied von Leben und Tod« und die englischsprachige Interpretation »Gloomy Sunday« von Sinéad O’Connor an. Das Lied war melancholisch und durchaus in der Lage, jemanden noch trauriger zu machen, der sich ohnehin in depressiver Stimmung befand. Doch Anja hatte anschließend nicht das Bedürfnis, sich umzubringen. Bis vor etwa zehn Monaten wäre das noch anders gewesen. Damals hatte sie oft den Lockruf verspürt, den der Abgrund jenseits des Todes, wie sie es nannte, auf sie ausgeübt hatte. Vermutlich musste man depressiv, ohnehin suizidgefährdet oder zumindest extrem niedergeschlagen und traurig sein, um von dem Lied dazu verführt zu werden, sich selbst das Leben nehmen zu wollen.
Da Nemesis ihr aufgetragen hatte, sich das Video mindestens fünfmal anzusehen, hatte Anja noch genügend Zeit, bevor sie ihrem Todesengel eine Mail mit der Zusammenfassung der Geschichte des Liedes schicken musste. Außerdem wollte sie ihn ein bisschen auf die Folter spannen und zappeln lassen. Nemesis sollte sich nach Möglichkeit nie allzu sicher sein, dass sie Laura vollständig unter Kontrolle hatte. Gegebenenfalls ließ sie sich ja eher Antworten auf Lauras Fragen entlocken, wenn sie sie damit bei der Stange halten musste.
Um die Wartezeit zu überbrücken, arbeitete sich Anja durch die Akten der Vermisstenfälle, die sie von ihren Kollegen bekommen hatte. Sie enthielten jedoch nichts Neues; das Wichtigste hatten die Kollegen ihr bereits bei ihren Gesprächen mitgeteilt.
Anschließend verglich sie die Vermisstenfälle miteinander und suchte nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Stefan Greinwald, Martina Schreiber, Erhard Bader und Markus Lehner hatten im Gegensatz zu Christian Stumpf, dem aktuellsten Fall, weder Abschiedsbriefe noch Hinweise auf den Club der toten Gesichter hinterlassen. Außerdem lebten sie, anders als der Student, allein und waren todkrank oder schon länger depressiv oder lebensmüde.
Der Umstand, dass zwei der Vermissten an Krebs erkrankt waren, erinnerte Anja an den Apokalypse-Killer. Der Serienmörder hatte todkranke Frauen entführt und umgebracht, um ihre Leichen anschließend als makabre Abziehbilder der apokalyptischen Reiter zu inszenieren. Doch der Apokalypse-Killer war zum Glück tot und konnte daher nicht länger sein Unwesen treiben!
Sie dachte intensiv über die verschiedenen Vermisstenfälle nach, kam aber zu keinem Ergebnis. Irgendetwas störte sie; sie konnte aber nicht sagen, um was es sich konkret handelte. Nach einer Weile fand sie es allmählich an der Zeit, ihre nächste Nachricht an Nemesis zu schicken. Es waren nur noch wenige Minuten, bis die zweite volle Stunde ihrer Challenge und damit die Zeit endete, in der sie die nächste Aufgabe absolviert haben musste. Sie schrieb eine kurze Zusammenfassung dessen, was sie über »Gloomy Sunday« erfahren hatte, bevor sie die Nachricht abschickte.
Die Antwort ihres Todesengels kam ein paar Minuten später.
Gratulation! Du hast auch die zweite Aufgabe mit Bravour bewältigt. War doch gar nicht so schwer, oder?
Nun bist du bereit für die nächste Challenge.
Deine dritte Aufgabe ist die folgende: Zeichne einen »Todesengel« auf ein Stück Papier. Mach anschließend ein Foto und maile es mir.
Anja runzelte die Stirn. Auch die dritte Challenge war leicht durchführbar und kein großes Opfer. Sie hatte erwartet, dass die Aufgaben immer härter werden würden. Andererseits war sie natürlich froh. Sie hatte nicht vor, sich zu verletzen, indem sie sich beispielsweise die Haut aufritzte, Nadeln in den Arm stach oder die Lippen zerschnitt, was bei anderen Selbstmordspielen teilweise verlangt worden war.
Allerdings hielt sie die Zeit für gekommen, dass Laura sich wieder einmal ein wenig störrisch benahm. Deshalb schrieb sie eine weitere Nachricht an Nemesis.
Ich weiß nicht, wie ein Todesengel aussieht. Kannst du mir helfen, Nemesis? Du bist doch ein Todesengel. Wie siehst du aus?
Erneut konnte sich Anja ein Lächeln nicht verkneifen, als sie die Mail abschickte, denn die würde Nemesis mit Sicherheit nicht gefallen.
Als sie fast umgehend die Antwort erhielt, glaubte sie sogar, das Wutschnauben des vermeintlichen Todesengels zu hören, während sie las, was Nemesis geschrieben hatte.
Offensichtlich hast du die Regeln noch immer nicht kapiert, sonst würdest du mir keine derartig dummen Fragen stellen.
Es funktioniert wie folgt: Ich sage dir, was du zu tun hast, und du machst es anschließend, ohne es ständig zu hinterfragen! Hast du mich jetzt endlich verstanden?
Deine dritte Aufgabe besteht darin, einen »Todesengel« zu zeichnen. Das kann doch nicht so schwer sein! Andere Teilnehmer, die ich bislang begleitet habe, stellten sich nicht so dämlich an.
Es geht nicht darum, wie ein »Todesengel« aussieht, sondern darum, wie du dir einen vorstellst. Und den zeichnest du dann.
Verstanden?
Und schick mir gefälligst keine weiteren Nachrichten, bevor du die Aufgabe erfüllt hast!
Die Zeit läuft! Ich warte!
»Ich auch«, murmelte Anja und ließ die Nachricht fürs Erste unbeantwortet.
Sie hatte noch eine Menge weiterer Vermisstenfälle, die darauf warteten, von ihr bearbeitet zu werden. Und am heutigen Tag war sie bislang zu nichts anderem gekommen, als ausschließlich die Fälle von Vermissten zu bearbeiten, deren Fotos in der Ruhmeshalle des Selbstmordclubs hingen.
Sie öffnete daher die Akte eines vierzehnjährigen Mädchens namens Leonie Wagner. Leonie war vor drei Tagen verschwunden. Allerdings war das nichts Neues. Das Kind riss regelmäßig von zu Hause aus, wurde aber ebenso regelmäßig wenige Tage später in der Innenstadt, meist in der Nähe des Hauptbahnhofs, wieder aufgegriffen. Dennoch musste sie jedes Mal erneut zur Fahndung ausgeschrieben werden. Denn auch wenn allen klar war, dass sie nicht in Gefahr schwebte, durfte sie als Minderjährige ihren Aufenthaltsort nicht selbst bestimmen. Im Gegensatz zu Erwachsenen galten Kinder und Jugendliche schon dann als vermisst, wenn ihr Aufenthaltsort unbekannt war.
Der Fall war mittlerweile abgeschlossen, denn Leonie war gestern Abend von zwei Bundespolizisten innerhalb des Bahnhofs entdeckt worden. Die Beamten kannten das Mädchen inzwischen. Sobald Anja sie darüber informierte, dass Leonie wieder einmal abgängig war, hielten sie nach ihr Ausschau. Anja hatte sie noch am gleichen Abend bei der Bundespolizeiinspektion am Hauptbahnhof abgeholt und nach Hause gebracht. Auf der Fahrt hatte sie dem Mädchen, wie sie es immer tat, ins Gewissen geredet. Sie glaubte allerdings nicht, dass sie diesmal damit erfolgreicher gewesen war als die unzähligen Male zuvor. Leonie hatte so demonstrativ gelangweilt, wie es nur vierzehnjährige Mädchen können, aus dem Fenster gestarrt und mit keiner Regung auf Anjas Worte reagiert. Für Anja war es frustrierend. Doch was sollte sie sonst tun? Das Kind zu Hause anketten? Wohl kaum. Und so war beiden bewusst gewesen, dass sie sich unter ganz ähnlichen Bedingungen erneut begegnen würden. So lange, bis Leonie nicht mehr davonlief oder endlich volljährig war und damit tun und lassen konnte, was sie wollte.
Danach war Anja gleich nach Hause gefahren und nicht mehr dazu gekommen, den Abschluss des Falls in der Akte zu dokumentieren. Das holte sie jetzt nach.
Als sie zwanzig Minuten später aufsah und Lauras E-Mail-Account checkte, sah sie, dass Nemesis ihr eine weitere Nachricht geschickt hatte.
Laura? Warum meldest du dich nicht?
Es kann doch nicht so lange dauern, einen Todesengel zu zeichnen.
Schreib mir bitte umgehend zurück!
»Darauf kannst du lange warten, Arschloch«, sagte Anja und widmete sich einer anderen Vermisstenakte.
Nach zehn weiteren Minuten traf die nächste Mail von Nemesis ein.
Laura? Was ist los mit dir?
Ich hoffe, ich hab dich mit meiner schroffen Art nicht vor den Kopf gestoßen. Aber es ist unbedingt notwendig, dass die Teilnehmer der »Suicide-Challenge« die ihnen gestellten Aufgaben erfüllen, ohne sie ständig zu hinterfragen. Anders funktioniert die Challenge nicht.
Bitte melde dich.
»Na schön«, sagte Anja und seufzte. »Dann will ich dir den Gefallen mal tun.«
Sie formulierte eine Antwort und schickte sie weg.
Tut mir leid, Nemesis, aber ich konnte nicht früher antworten. Ich habe geweint, denn ich bin traurig und verwirrt. Warum darf ich keine Fragen stellen? Ich dachte, du bist mein Ansprechpartner, den ich alles fragen kann. Ich möchte doch nur wissen, mit wem ich es zu tun habe. Schließlich weißt du ja auch, wer ich bin. Es würde mir ja schon reichen, wenn du mir schreibst, wie alt du bist, ob du männlich oder weiblich bist und welche Farbe deine Haare haben. Danach tue ich alles, was du mir sagst, ohne dämliche Fragen zu stellen. Versprochen!
Nemesis’ Reaktion erfolgte prompt.
Na schön, Laura. Dann werde ich dir eben mitteilen, was du wissen willst. Aber danach ist Schluss, und du musst tun, was ich dir geschrieben habe. Wir haben nicht mehr viel Zeit, bevor die vierte Aufgabe an der Reihe ist.
Also. Ich bin weiblich und 20 Jahre alt. Meine Haarfarbe ist ein rötliches Kastanienbraun.
Endlich zufrieden?
Dann beeil dich jetzt bitte und erledige Aufgabe Nummer 3, bevor ich es bereue, gegen die Regeln verstoßen zu haben.
Anja notierte sich die Angaben. Natürlich konnte Nemesis gelogen haben, aber dieses Risiko musste sie eingehen. Sie nahm sich ein Blatt Druckerpapier und zeichnete mit dem Folienstift die Umrisslinie eines engelsartigen Wesens mit riesigen Flügeln, Hörnern und einem Teufelsschwanz. Anschließend malte sie den Umriss schwarz aus. Sie machte ein Foto, schickte es erneut zuerst an Lauras Account und dann als Anhang einer Mail an Nemesis.
Danke, dass du meine Fragen beantwortet hast, mein lieber Todesengel. Jetzt habe ich schon viel, viel mehr Vertrauen in dich. Ich bin gespannt, was als Nächstes auf mich zukommt.
Anja seufzte. Die Selbstmord-Challenge und der Schriftwechsel mit Nemesis nahmen viel zu viel Zeit in Anspruch. Sie hielt es aber für notwendig, den Kontakt aufrechtzuerhalten, denn gegebenenfalls kam sie auf diesem Weg an die Hintermänner des Clubs heran.
Sie bearbeitete zwei weitere Akten; in diesen Fällen hatte sich allerdings nichts Neues ergeben. Dann war es auch schon wieder Zeit für die nächste Aufgabe.
Anja öffnete Nemesis’ Mail und las:
Jetzt wird es allmählich Zeit für die erste richtige Herausforderung.
Hier ist deine 4. Challenge: Geh auf das Dach eines hohen Gebäudes. Je höher, desto besser! Stell dich direkt an den Rand oder ans Geländer. Blicke mindestens zehn Minuten lang in den Abgrund. Mach ein Foto und maile es mir.
Anja sah auf die Uhr. Es war Zeit, für heute Feierabend zu machen. Wegen dieser blöden Challenge kam sie ohnehin zu kaum etwas anderem. Außerdem war sie am Abend noch zum Essen verabredet.
Sie schaltete ihren Computer aus und klappte den Laptop des vermissten Studenten zu. Bevor sie in die Tiefgarage zu ihrem Wagen ging, wollte sie noch rasch dafür sorgen, dass das Gerät zu David Mollberger bei Cybercrime gebracht wurde.
Während sie ihre Lederjacke anzog, überlegte sie, auf welches hohe Gebäude sie steigen sollte, um dort die nächste Aufgabe hinter sich zu bringen.
5
Nachdem sie in ihrem weißen MINI Cooper die Tiefgarage des Dienstgebäudes verlassen hatte, fuhr sie ohne Umwege zu dem Hochhaus im Stadtteil Moosach, dessen Adresse sie bei ihrer Anmeldung im Club der toten Gesichter angegeben hatte.
Anfangs hatte sie für ihre nächste Challenge noch an eines der höchsten Gebäude der Stadt gedacht; schließlich hatte Nemesis geschrieben: je höher, desto besser. Doch bei vielen dieser Häuser waren die Dächer nicht oder nur schwer zugänglich. Beispielsweise beim Hochhaus Uptown, das ebenfalls in Moosach stand und mit 146 Metern das höchste Gebäude der Stadt war. Oder bei den Highlight Towers in Schwabing-Freimann, die mit 126 und 113 Metern die Plätze zwei und vier belegten.
Abgesehen davon fand sie es passend, ausgerechnet das Dach des Wohnhauses aufzusuchen, in dem sie angeblich wohnte. Falls es den Leuten, die hinter dem Selbstmordclub steckten, aufgrund ihres Fotos gelang, das Gebäude zu identifizieren, würden sie wenigstens nicht stutzig werden. Schließlich war es für ein vierzehnjähriges Mädchen naheliegend und am einfachsten, das Dach des Hauses aufzusuchen, in dem es wohnte.
Von früheren Besuchen bei ihrer ehemaligen Schulfreundin, die mit ihren Eltern und ihrem jüngeren Bruder in der 18. Etage gewohnt hatte, wusste sie noch genau, in welcher der Erdgeschosswohnungen sie den Hausmeister finden konnte. Der gedrungen wirkende, glatzköpfige Mann, der ihr die Tür öffnete, war nicht erfreut, dass sie ihn um diese Uhrzeit störte, denn er saß mit seiner Frau und seinen drei Kindern beim Abendessen. Doch mithilfe ihres Dienstausweises und einer kleinen Notlüge, vor allem aber dank eines diskret angebotenen Geldscheins, um ihn für seine Mühe zu entschädigen, gelang es ihr erstaunlich leicht und rasch, den Hausmeister zu besänftigen. Außerdem konnte sie ihn auf diese Weise auch dazu überreden, ihr den Schlüssel zu geben, der ihr Zutritt zum Dach des über 70 Meter hohen Gebäudes gewährte.
Als sie das Treppenhaus verließ und aufs Dach trat, gönnte sie sich zunächst einen ausgiebigen Rundumblick, denn allzu oft sah sie die Stadt nicht aus dieser Perspektive. Die Aussicht von hier oben war eindrucksvoll. Es wehte zwar ein leichter Wind, der in Anjas ohnehin arg zerzaustem Haar wühlte und an ihrer Kleidung zerrte, doch er war nicht so kräftig, dass sie Gefahr lief, vom Dach geweht zu werden.
Schließlich ging sie über den moosbedeckten, leicht rutschigen Kiesbelag, der den größten Teil des Daches bedeckte, zum Rand. Ein hüfthohes Geländer sollte vermutlich verhindern, dass jemand versehentlich vom Gebäude fiel. Unmittelbar davor blieb sie stehen und legte die rechte Hand darauf. Erst dann senkte sie den Blick und sah in die Tiefe. Wie bereits auf der Fahrt hierher ging ihr dabei wie ein besonders nervtötender Ohrwurm die Melodie von »Gloomy Sunday« durch den Kopf.
Von hier oben wirkte das Gebäude sogar noch höher als zuvor von unten. Die Autos und Fußgänger sahen aus wie Bestandteile einer Modelleisenbahn.
Anja wollte nur schnell das Beweisfoto für Nemesis machen und sofort wieder verschwinden. Doch dann zog sie der Anblick in seinen Bann, sodass sie nicht mehr in der Lage war, sich zu bewegen oder einen Muskel zu rühren.
Sie erschauderte sosehr, dass sie am ganzen Körper erzitterte.
Zunächst hatte der Abgrund vor ihr beängstigend und gefährlich auf sie gewirkt. Doch je länger sie in die Tiefe starrte, desto vertrauter und harmloser wurde der Anblick für sie. Beinahe erschien es ihr, als wollte der Abgrund sie zu sich locken. Es war ein ganz ähnliches Gefühl wie das, das sie bis vor ein paar Monaten immer gehabt hatte. Damals hatte sie nach ihren ständig wiederkehrenden Albträumen im Badezimmer ihrer Wohnung wie hypnotisiert auf die Schachtel mit den Schlaftabletten gestarrt, die ihr einen einfachen und schnellen Ausweg aus ihrer Misere versprochen hatten. Auch jetzt vermeinte sie wieder, den Lockruf des Abgrunds zu spüren, nur dass es diesmal nicht nur der sinnbildliche Abgrund jenseits des Todes, sondern die sehr reale und tödliche Tiefe rund um ein Hochhausdach war.
Während in ihrem Kopf wie der Soundtrack zu einem Film weiterhin »Gloomy Sunday« gespielt wurde, und zwar dermaßen laut, dass sie sich kaum denken hören konnte, kletterte sie über das Geländer, bis sie auf dem schmalen Absatz balancierte, der die Brüstung vom Abgrund trennte. Anschließend ließ sie das Geländer los, senkte den Kopf und sah in die Tiefe vor ihren Füßen, die ihr finster entgegenblickte. Der Wind zerrte hier, unmittelbar am Rand, noch heftiger an ihr. Es kam ihr beinahe so vor, als griffe er mit gierigen Händen nach ihr, um sie vom Gebäude herunterzureißen und anschließend auf ihrem Weg nach unten zu begleiten. Doch sie hielt dem Zerren stand. Dann schloss sie die Augen, ließ sich nach vorn fallen und …
Anja schwankte und bekam einen Schreck. Ihr Herz klopfte erschreckend schnell. Eilig riss sie die Augen auf und erkannte mit Erleichterung, dass sie gar nicht über das Geländer geklettert war und vom Dach stürzte, sondern es sich nur besonders lebhaft vorgestellt hatte. Sie stand noch immer auf der sicheren Seite der Brüstung. Und ihre rechte Hand klammerte sich weiterhin daran fest, als hinge ihr Leben davon ab. Außerdem hatte sie weiche Knie.
Als sie erneut in die Tiefe blickte, wurde ihr umgehend schwindelig. Sie vermeinte noch immer, einen leichten Sog zu verspüren, so als flüsterte ihr die Tiefe zu, es endlich hinter sich zu bringen und zu ihr zu kommen. Doch Anja schüttelte verneinend den Kopf und widerstand der Versuchung.
Ich muss schleunigst von hier weg!
Sie löste ihre Finger widerstrebend vom Geländer. Anschließend trat sie rasch ein paar Schritte zurück, bis die endlich wieder das Gefühl hatte, festen Boden unter den Füßen zu haben. Das Schwindelgefühl legte sich allmählich.
Eilig holte sie ihr Telefon heraus und machte die Aufnahme, die Nemesis verlangt hatte. Normalerweise war sie schwindelfrei und litt auch nicht unter Höhenangst. Sie hatte aber dennoch keine Lust, zehn Minuten lang hier herumzustehen und nach unten zu starren, wie es der Todesengel verlangt hatte, während ihr gleichzeitig ständig das sogenannte Lied der Selbstmörder durch den Kopf ging und der Abgrund sie flüsternd zu sich locken wollte.
Anja hatte gedacht, sie wäre seit dem Tod des Apokalypse-Killers nicht mehr suizidgefährdet. Aber offenkundig hatte sie sich getäuscht. In manchen Situationen, beispielsweise am Rand eines Hochhausdaches, konnte sie den Lockruf des Todes noch immer vernehmen und seinen Sog deutlich spüren.
Sie erschauderte erneut und erzitterte dabei.
Womöglich war es doch keine so brillante Idee, diese Selbstmord-Challenge anzufangen.
Dennoch wollte sie die Challenge jetzt nicht abbrechen. Außer dem Kontakt zu Nemesis hatte sie momentan nichts in der Hand, um den Hinterleuten des Clubs auf die Spur zu kommen. Schon deshalb musste sie mit der Challenge unbedingt weitermachen.
Anja gab sich innerlich einen Ruck und drehte sich schließlich um, damit sie nicht länger in die verlockende Tiefe schauen musste. Nachdem sie beim Anblick des Abgrunds soeben das Gefühl gehabt hatte, sie wäre in Trance gefallen, traute sie sich hier oben selbst nicht länger.
Besser, ich verschwinde so schnell wie möglich!
Schließlich hatte sie, was sie wollte. Und sobald sie Nemesis das Foto geschickt hatte, wäre damit auch die vierte Aufgabe erledigt.
Sie ging, noch immer auf wackligen Beinen, zu dem Aufbau in der Mitte des Daches, der neben dem Schachtkopf des Aufzugs eine Tür zum Treppenhaus enthielt. Als sich die Tür hinter ihr schloss und sie sicher im Inneren des Hauses war, atmete sie erleichtert auf. Auch die Melodie von »Gloomy Sunday« in ihrem Kopf wurde augenblicklich leiser. Sie lief die Stufen bis ins oberste Stockwerk hinunter. Anschließend fuhr sie mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss. Nachdem sie dem Hausmeister den Schlüssel zurückgebracht und sich noch einmal bedankt hatte, verließ sie das Gebäude, setzte sich in ihren Wagen und fuhr nach Hause.
Anjas 3-Zimmer-Wohnung lag in der Hansapark-Wohnsiedlung nördlich des Westparks. Von ihrem verstorbenen Mann Fabian hatte sie ein Haus geerbt. Es lag in der Nähe des Waldfriedhofs, auf dem sowohl ihr Mann als auch ihr Vater begraben waren. Dennoch hatte sie sich bislang nicht dazu durchringen können, die Wohnung aufzugeben und in das Haus zu ziehen. Dabei wäre das vom rein wirtschaftlichen Gesichtspunkt her viel sinnvoller gewesen. Doch abgesehen davon, dass sie in Fabians Haus zu viel an ihn erinnerte und die Trauer und der Schmerz über seinen Tod dort allgegenwärtig waren, lag die Wohnung erheblich näher an ihrer Dienststelle. Wenn sie ihr Auto nicht benötigte, konnte sie innerhalb weniger Minuten zu Fuß zur Arbeit gehen. Außerdem lag der Westpark, in dem sie bevorzugt ihre Runden drehte, unmittelbar vor der Haustür.
Sobald sie die Wohnung betreten hatte, sah sie sich Yin gegenüber. Er saß im Flur und sah sie erwartungsvoll an. Sofort bekam sie ein schlechtes Gewissen, denn der Kater hatte bis vor einem halben Jahr auf einem Bauernhof gelebt und dort jede Menge Auslauf und Freiraum gehabt. Ermittlungen im Fall einer verschwunden Psychologiestudentin, an die Anja an diesem Tag schon einmal erinnert worden war, hatten sie damals dorthin geführt und in eine lebensgefährliche Situation gebracht. Yin hatte ihr gleich zweimal das Leben gerettet. Zum Dank hatte Anja ihn bei sich aufgenommen, denn nachdem die beiden Bewohner des Bauernhofs gestorben waren, hatte es niemanden gegeben, der sich um ihn gekümmert hätte. Seitdem lebte Yin bei Anja und war eine reine Wohnungskatze. Er beklagte sich zwar nie darüber, dass er nicht mehr wie früher nach Belieben in der Gegend herumstreunen und auf Mäusejagd gehen konnte, wie es Katzen ihrer räuberischen Natur gemäß eigentlich tun sollten. Dennoch war Anja davon überzeugt, dass er es insgeheim vermisste. Vor allem, da sie einen Großteil des Tages nicht da und er in dieser Zeit sich selbst überlassen war. Anja stellte sich dann immer vor, dass er auf dem Fensterbrett saß, nach draußen sah und seiner verlorenen Freiheit nachtrauerte. Das war natürlich Blödsinn, und wie viele Tierbesitzer vermenschlichte sie das Tier damit allzu sehr. Dennoch beschloss Anja in diesem Moment spontan, sich schon um des Katers willen endlich darum zu kümmern, dass sie diese Wohnung trotz ihrer unbestreitbaren Vorteile aufgab und in das leerstehende Haus neben dem Waldfriedhof zog.
»Gute Neuigkeiten, Yin«, sagte Anja daher zur Begrüßung. »Wir beide ziehen bald in ein Haus mit einem großen Garten.«
Yin ließ sich nicht anmerken, ob er sie verstanden hatte und, wenn ja, was er darüber dachte. Er wartete geduldig, bis sie endlich Schuhe und Jacke ausgezogen hatte, bevor er zu ihr kam, sich an ihren Beinen rieb und leise miaute.
»Hunger?«, fragte Anja.
Dieses Wort schien der Kater hingegen sehr wohl verstanden zu haben. Er löste sich augenblicklich von ihr und lief leichtfüßig in die Küche.
Anja folgte ihm.
Als sie die Küche betrat, saß er bereits auf der Arbeitsplatte neben dem Kühlschrank. Sein Schwanz peitschte ungeduldig hin und her.
»Ich mach ja schon«, sagte Anja und schüttelte den Kopf. Am Anfang ihres Zusammenlebens hatte sie ihm noch beibringen wollen, nicht auf die Tische und die Arbeitsplatten in der Küche zu springen. Doch da er ihre dementsprechenden Anweisungen schlichtweg ignoriert hatte, hatte sie es irgendwann aufgeben, ihn erziehen zu wollen. Stattdessen hatte sie immer öfter das unbestimmte Gefühl, die Katze würde sie dressieren und wäre damit sogar ausnehmend erfolgreich.
»Und? Wie war dein Nachmittag?« Sie öffnete den Oberschrank, unter dem Yin saß, und holte eine Dose Katzenfutter mit Kaninchen- und Entenfleisch heraus. Sie glaubte, dass es sich dabei um Yins Lieblingssorte handelte, denn keine andere Geschmacksrichtung aß er rascher auf. Während sie einen frischen Futternapf füllte und die Katze gleichzeitig mit dem Ellenbogen davon abhielt, sich schon jetzt darüber herzumachen, redete sie weiter, als hätte Yin ihr geantwortet. »Bei mir war’s überhaupt nicht langweilig. Ich hab mich bei einer Suicide-Challenge angemeldet und musste jede Menge dämlicher Aufgaben erledigen.« Sie stellte den Napf auf den Boden. Yin sprang herunter und stürzte sich darauf, als hätte er Angst, jemand könnte es ihm vor der Nase wegschnappen. »Guten Appetit«, wünschte Anja. Anschließend leerte sie den Wassernapf, spülte ihn kurz aus, füllte ihn dann erneut und stellte ihn neben den dritten Napf, der Trockenfutter enthielt, auf das Yin jedoch nur im äußersten Notfall zurückgriff.
Erst als sie den Kater versorgt hatte, kam sie dazu, an sich selbst zu denken und die Kaffeemaschine in Gang zu setzen. Dank der Suicide-Challenge würde es vermutlich eine lange Nacht ohne allzu viel Schlaf werden, denn Nemesis würde ihr jede Stunde eine weitere Aufgabe stellen.
Während die Maschine lief, erzählte sie Yin von den Aufgaben, die sie bereits absolviert hatte. Sie hatte festgestellt, dass es ihr guttat, zu Hause jemanden zu haben, mit dem sie nach Feierabend über ihre Arbeit und die Fälle reden konnte. Auch wenn es sich nur um eine Katze handelte und die Gespräche verständlicherweise einseitig verliefen. Dennoch hatte sie oftmals das Gefühl, Yin verstünde sie auf einer speziellen Ebene sehr gut. Immerhin hatten sie ein paar Dinge gemeinsam. Sie waren beide Überlebende und hatten ihre Partner verloren. Anja ihren Ehemann Fabian, den sie, obwohl sie ihn sechs Monate vorher verlassen hatte, zum Zeitpunkt seines Todes noch immer sehr geliebt hatte. Und Yin seine Gefährtin Yang, eine ebenfalls sechsjährige weiße Katze, die ein Opfer des Mannes geworden war, der auch Yin und Anja hatte töten wollen.
Als der Kaffee fertig war, setzte sie sich mit einem randvollen Jumbobecher an den Küchentisch vor ihren Laptop, den sie bereits aufgeklappt und eingeschaltet hatte.
Yin hatte seine Mahlzeit beendet, saß neben dem saubergeleckten Napf und unterzog sich einer gründlichen Katzenwäsche. Anja hatte das Gefühl, dass er in letzter Zeit etwas fülliger geworden war. Womöglich sollte sie ihn auf Diät setzen. Aber unter Umständen lag es nicht in erster Linie daran, sondern kam eher daher, dass er zu wenig Bewegung hatte. Doch das würde sich jetzt ohnehin bald ändern, das hatte sie sich fest vorgenommen.
Sie hatte nur noch ein paar Minuten Zeit, Nemesis eine Nachricht mit dem Foto vom Hochhausdach zu schicken.
Bereits bei dem Gedanken daran, was ihr dort oben widerfahren war, überlief sie ein eisiger Schauder, der sie erzittern ließ. Sie verdrängte die Erinnerungen, die von der nervigen Melodie des Selbstmordliedes begleitet wurden, und versuchte stattdessen, sich auf ihr Tun zu konzentrieren.
Anja wusste nicht, was passieren würde, wenn sie Nemesis das Foto nicht rechtzeitig schickte. Sie verspürte zwar gute Lust, die Probe aufs Exempel zu machen und es herauszufinden, sparte sich das aber für eine spätere Gelegenheit auf und beeilte sich daher, damit ihr Todesengel die Mail zur rechten Zeit bekam.
Wenige Minuten danach erhielt sie eine Antwortmail von Nemesis.
Gut gemacht, Laura! Hattest du Angst?
Anja schrieb zurück:
Ein bisschen schon. Aber nur am Anfang. Während ich nach unten sah, ging mir ständig die Melodie von »Gloomy Sunday« durch den Kopf, und meine Angst legte sich. Außerdem spürte ich einen merkwürdigen Sog, den der Abgrund auf mich ausübte. Beinahe kam es mir so vor, als würde mich die Tiefe zu sich rufen oder locken. Ich konnte nur schwer widerstehen. Das war natürlich komisch. Andererseits aber auch cool.
Yin hatte seine Fellpflege beendet und offenbar beschlossen, dass es Zeit für den Austausch von Zärtlichkeiten war. Schließlich hatte Anja eine kleine Belohnung dafür verdient, dass sie ihn so gut versorgte. Er sprang auf Anjas Schoss, stemmte sich mit den Vorderpfoten gegen ihren Oberkörper und rieb seinen Kopf an ihrem Kinn. Anja kraulte ihn am Hals und hinter den Ohren, sodass er alsbald zufrieden schnurrte.
Als Nemesis’ Antwort kam, öffnete sie die Mail und konzentrierte sich auf den Text.
Genau so soll es auch sein. Oberstes Ziel der ersten 23 Aufgaben ist es, dir die Angst zu nehmen. Die Angst vor der 24. Challenge und natürlich die Angst vor dem Tod. Denn der Tod ist im Grunde nichts, vor dem du dich fürchten musst! Das Leben ist es, vor dem du Angst haben solltest.
Deshalb lautet deine 6. Aufgabe wie folgt:
Sieh dir die Videos an, die ich dir geschickt habe. Am besten mehrmals hintereinander. Berichte mir hinterher, was du dabei empfunden hast.
»Da sind wir beide ja mal gespannt, was das Miststück mir geschickt hat, nicht wahr?«, sagte Anja, und Yin maunzte zustimmend.
Anja öffnete die erste von einem halben Dutzend Dateien, bei denen es sich durchweg um kurze Filme von wenigen Minuten Dauer handelte, und sah sich das Video an. Es bestand aus einer Aneinanderreihung von Bildern und Szenen der Not und des Elends, begleitet von schwermütiger Klaviermusik, die Anja an die Untermalung von Stummfilmklassikern erinnerte. Sie sah hungernde Menschen, Opfer von Kriegen und Katastrophen, Szenen der Gewalt und des Terrors. Nach dem ersten Film hatte sie bereits mehr als genug gesehen und keine Lust, die anderen auch noch abzuspielen. Doch da Nemesis einen Bericht über ihre Empfindungen erwartete und ihr unter Umständen eine Falle gestellt hatte, um zu überprüfen, ob sie sich tatsächlich alle Videos angesehen hatte, musste sie da durch, ob sie wollte oder nicht.
Also nahm sie Yin kurz hoch und schenkte sich einen zweiten Kaffeebecher ein. Dann setzte sie sich wieder und ließ den Kater auf ihren Schoß sinken. Während sie die anderen Videos über sich ergehen ließ, die allesamt ähnliche Szenen zeigten wie das erste, drehte sich die Katze mehrmals im Kreis. Erst als sie die ideale Position gefunden hatte, legte sie sich hin und schnurrte anschließend mit der Gleichmäßigkeit eines gut geölten Uhrwerks.
Anja war froh, als sie die Videos endlich geschafft hatte. Doch die Bilder, die sie gesehen hatte, ließen sie auch danach nicht los. Sie waren ihr noch immer so präsent, als wären sie mit Reißzwecken in ihr Gedächtnis geheftet worden wie Urlaubsschnappschüsse an eine Pinnwand. Und dazu spielte im Hintergrund ihres Verstandes fortwährend die bedrückende Melodie des Selbstmörderliedes.
»Prima!«, sagte Anja und seufzte tief. »Wer sich danach nicht umbringt, muss ein gefühlloser Eisklotz sein.«
Yins Schnurren pausierte kurz, als würde er über ihre Worte nachdenken. Doch er hielt es offensichtlich für unter seiner Würde, einen Kommentar abzugeben.
Durch das Ansehen der schrecklichen Bilder und Szenen fühlte sich Anja irgendwie beschmutzt. Sie trank rasch ihren Kaffee aus, deponierte Yin, der protestierend miaute, auf dem Küchenstuhl und ging schnurstracks unter die Dusche. Obwohl sie keine gute Sängerin war, sang sie lautstark aktuelle Hits, die sie im Autoradio gehört hatte. Dabei dachte sie krampfhaft an schöne und angenehme Dinge. Doch all das funktionierte nicht! Die furchtbaren Bilder standen ihr auch danach noch immer deutlich vor Augen. Und in ihrem Hinterkopf spielte ihr Musikgedächtnis in einer nervtötenden Endlosschleife die Melodie von »Gloomy Sunday« ab.
Genau so war es von Nemesis vermutlich auch beabsichtigt gewesen. Und wenn es sich auf Anja, die momentan keine akuten, sondern allenfalls latente Selbsttötungsabsichten hegte, schon derart heftig auswirkte, wie musste die Wirkung dann erst bei jemandem sein, der hochgradig depressiv oder akut selbstmordgefährdet war?
Nachdem sie sich geduscht und frische Sachen angezogen hatte, schickte sie Nemesis eine kurze Mail, in der sie ihr schilderte, was sie beim Anblick der Videos empfunden hatte. Sie musste sich nicht einmal etwas aus den Fingern saugen, sondern nur ihre eigenen Gefühle schildern und etwas ausschmücken.
Yin lag auf der Couch im Wohnzimmer. Er drehte ihr demonstrativ den Rücken zu und schmollte anscheinend.
Soll er ruhig!, dachte Anja. Es dreht sich eben nicht immer alles nur um ihn.
Da sie um neunzehn Uhr zum Essen verabredet war, verabschiedete sie sich von der beleidigten Katze, die sich allerdings nicht rührte, und verließ anschließend die Wohnung. Die nächste Nachricht des Todesengels wollte sie sich unterwegs auf ihrem Smartphone ansehen.
Als sie ihr Auto auf dem Parkplatz des Lokals abstellte, war es drei Minuten vor sieben und sie damit überpünktlich. Doch sie blieb im Wagen sitzen und überprüfte mit ihrem Mobiltelefon, ob die imaginäre Laura eine weitere Mail erhalten hatte. Das war nicht der Fall, deshalb wartete sie noch etwas länger.
Drei Minuten später war es dann soweit.
Herzlichen Glückwunsch, Laura, denn du hast auch die 5. Aufgabe erfolgreich absolviert.
Deine momentane Gefühlslage ist exakt so, wie sie sein soll. Du bist somit auf einem guten Weg. Und ich bin fest davon überzeugt, dass du alle 24 Aufgaben und damit die komplette »Suicide-Challenge« schaffen wirst.
Doch noch sind wir nicht soweit. Erst einmal kommt hier die 6. Aufgabe.
Hör dir in der nächsten Stunde ununterbrochen folgende Songs an, die du in der Anlage findest:
1. »Suicide is Painless« von Kassandra Manson.
2. »Suicidal Dream« von Silverchair.
3. »Commit Suicide« von GG Allin.
4. »Tourniquet« von Evanescence.
5. Und last, but noch least »Gloomy Sunday«.
Berichte mir hinterher abermals, wie du dich dabei gefühlt hast.
Anja war erleichtert, dass es wieder eine vergleichsweise harmlose Aufgabe war. Sie hatte natürlich nicht vor, sich die Songs eine Stunde lang ununterbrochen anzuhören. Danach wäre sie vermutlich tatsächlich so weit, wie Nemesis sie haben wollte, und damit eine potenzielle Selbstmordkandidatin. Im Gegenteil: Sie würde die Lieder überhaupt nicht anhören, da sie dafür momentan keine Zeit hatte. Später würde sie ihrem Todesengel einen Bericht schreiben, der dem ähnelte, den sie ihm bereits nach den Videos zugeschickt hatte.
6
Es war sechs Minuten nach der verabredeten Zeit, als Anja das italienische Lokal in der Landsberger Straße betrat. Sie mochte es im Grunde nicht, wenn jemand unpünktlich war. Vermutlich, weil sie sich selbst stets bemühte, zur vereinbarten Zeit da zu sein, damit niemand auf sie warten musste. Dass sie sich dennoch ausnahmsweise verspätet hatte, daran waren natürlich nur die Suicide-Challenge und Nemesis schuld.
Ihre Verabredung wartete bereits auf sie und hob bei ihrem Eintreten die Hand, um Anja auf sich aufmerksam zu machen.
Das Lokal war gut besucht; nahezu alle Tische waren besetzt.
Anja ging zu einem Tisch für zwei Personen im hinteren Teil des Raums, an dem bereits ein Mann saß, und begrüßte ihn.
»Hallo, Anja«, sagte er und tippte mit dem Zeigefinger der rechten Hand mehrere Male auf seine Armbanduhr. »Du hast dich verspätet.«
»Tut mir leid.« Anja zog ihre Lederjacke aus und hängte sie über die Stuhllehne. »Eigentlich war ich sogar schon früher da, musste im Wagen aber noch auf eine wichtige E-Mail warten.«
»Du verzeihst mir hoffentlich, dass ich nicht aufstehe«, sagte Hans Baumgartner und grinste frech.
»Sehr witzig.« Anja bedachte den Mann im Rollstuhl mit einem gespielt strengen Blick und nahm Platz.
Baumgartner war früher ebenfalls Kriminalbeamter bei der Vermisstenstelle und darüber hinaus ein enger Kollege und guter Freund ihres verstorbenen Vaters gewesen. Doch kurz nach der Beerdigung ihres Vaters hatte er einen schweren Verkehrsunfall gehabt. Er war seitdem an den Rollstuhl gefesselt und aus dem Dienst ausgeschieden. Mittlerweile war er 61 Jahre alt, geschieden und hatte einen erwachsenen Sohn, zu dem er kaum noch Kontakt hatte.
»Was für eine E-Mail?«, fragte er. »Irgendetwas, das ich wissen muss.«
Anja schüttelte den Kopf. »Es hat nichts mit Onkel Christian zu tun, wenn du das meinst.«
»Sondern …?«
Sie seufzte. »Ein neuer Fall.«
»Interessant?«
»Ja. Aber auch rätselhaft.«
»Ausgezeichnet. Ich liebe interessante und rätselhafte Fälle. Willst du mir davon erzählen?«
Anja nickte. Baumgartner fragte sie bei jedem ihrer regelmäßigen Treffen nach ihren laufenden Fällen. Trotz seines Ausscheidens aus dem aktiven Dienst vor beinahe einem Vierteljahrhundert interessierte er sich noch immer für die Arbeit in seiner ehemaligen Dienststelle. Doch noch ehe sie dazu kam, ihm etwas zu erzählen, erschien wie aus dem Nichts der Kellner an ihrem Tisch und fragte sie, was sie zu trinken haben wollten.
Anja bestellte eine Apfelsaftschorle. Bis vor sechzehn Monaten hatte sie ein ernsthaftes Alkoholproblem gehabt. Aus purer Verzweiflung darüber, dass ihr Mann sie ständig mit immer neuen Frauen betrog, hatte sie, die sich auch noch die Schuld für seine Untreue gab, zur Flasche gegriffen und versucht, ihren Frust im Alkohol zu ertränken. Das war ihr natürlich nicht gelungen. Doch dann hatte ihre Cousine Tanja ihr Beweisfotos für die Untreue ihres Ehemannes präsentiert, wodurch das erträgliche Maß für Anja überschritten worden war. Sie hatte daraufhin ihren Mann verlassen und von einem Tag auf den anderen mit dem Trinken aufgehört. Doch davon einmal abgesehen wollte sie auch wegen der Suicide-Challenge heute Nacht einen klaren Kopf behalten.
Baumgartner hat in dieser Hinsicht weniger Skrupel und bestellte einen halben Liter Rotwein. »Ich bin nicht selbst gefahren, sondern mit dem Taxi gekommen«, erklärte er auf Anjas fragenden Blick, nachdem der Kellner gegangen war, um ihre Getränke zu holen. Sein Auto, ein weißer Škoda, war speziell für Rollstuhlfahrer umgebaut worden. Er enthielt beispielsweise eine Einstieghilfe, von Hand bedienbare Pedale und einen Verlader, der seinen Rollstuhl automatisch hinter dem Fahrersitz verstaute. »Was ist jetzt mit diesem neuen Fall, an dem du arbeitest?«
Anja erzählte ihm alles, angefangen beim Verschwinden von Christian Stumpf bis hin zur zuletzt gestellten Aufgabe der Suicide-Challenge. Nur als der Kellner ihre Getränke brachte und sie ihr Essen bestellten, unterbrach sie ihren Bericht. Anja nahm Spaghetti alla Diva mit Krabben und Knoblauch in Aurorasauce und dazu einen gemischten Salat. Baumgartner wählte ironischerweise und mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht eine Pizza Mafiosa mit Salami und Peperoni.
Baumgartner hörte ihr aufmerksam zu und nickte ab und zu. Er hatte sein schulterlanges Haar, das noch voll, aber schneeweiß war, zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sein Vollbart war ebenfalls weiß. Er hatte ein schmales, längliches Gesicht, das stets etwas bleich, hager und eingefallen wirkte, und sah aus, als bestünde er nur aus Haut und Knochen. Dabei musste er über kräftige Armmuskeln verfügen, denn mit dem Rollstuhl, in dem er saß, konnte er erstaunliche Kunststücke vollführen, die Anja nicht für möglich gehalten hätte.
»In der Tat ein ungewöhnlicher Fall«, kommentierte er, nachdem Anja ihren Vortrag beendet hatte. »Was hast du jetzt vor?«
»Was bleibt mir anderes übrig, als die Challenge weiterzumachen und die Aufgaben zu erfüllen, die Nemesis mir stellt? Natürlich nur, solange ich dabei weder mir selbst noch jemand anderem Schaden zufügen muss. In dem Fall müsste ich ernsthafte Überlegungen anstellen, wie ich meinen Todesengel überlisten kann.« Bei dem Gedanken an Nemesis warf sie einen raschen Blick auf ihre Armbanduhr; doch es war noch genügend Zeit, bis sie ihren Bericht abschicken musste.
»Bist du dir sicher, dass du das wirklich tun willst?«, fragte Baumgartner mit besorgtem Blick.
Anja zuckte mit den Schultern. »Was soll mir schon passieren? Ich bin schließlich weder akut suizidgefährdet noch depressiv.«
»Trotzdem. Was du mir über deine Gefühle erzählt hast, als du auf dem Hochhaus warst, klang für mich nicht so, als hätten diese Aufgaben überhaupt keinen Einfluss auf dich. Und dann noch dieses alte Lied der Selbstmörder, das dir ständig im Kopf herumgeistert. Unter Umständen solltest du lieber die Finger von dieser Challenge und dem Selbstmörder-Club lassen.«
»Mach dir keine Sorgen, Hans«, sagte Anja, obwohl sie deutlich weniger zuversichtlich war, als sie vorzugeben versuchte. Sie hatte ihm nichts davon erzählt, dass sie in der Vergangenheit gelegentlich mit dem Sensenmann in Gestalt einer Überdosis Schlaftabletten geflirtet hatte, weil sie den Lockruf des Abgrunds jenseits des Todes vernommen hatte. Dennoch schien der ehemalige Kriminalist instinktiv zu spüren, dass Anja für derartige Dinge empfänglicher und anfälliger war, als sie zugeben wollte. »Ich hab die Sache völlig im Griff.«
»Sicher?«
Sie nickte mit entschlossener Miene, um seine Sorgen zu zerstreuen.
Er schien allerdings nicht völlig überzeugt zu sein, denn er sah sie weiterhin skeptisch an. »Diese Nemesis wird dir womöglich ohnehin nichts sagen, was dich auf ihre Spur führen könnte«, wandte er ein. »Deshalb ist es vermutlich reine Zeitverschwendung, sich auf ihr Spiel einzulassen. Das ist nämlich kein harmloser Zeitvertreib, sondern todernst. Du hast es ja selbst gespürt. Und wie du sagtest, bist du nicht selbstmordgefährdet.«
»Ich weiß.« Anja winkte ab. Sie wollte sich nicht rechtfertigen müssen. Baumgartner gebärdete sich in letzter Zeit immer öfter, als wäre er ihr Ersatzvater, und das ging ihr allmählich gewaltig auf die Nerven. Andererseits meinte er es nur gut. Deshalb wollte sie ihn auch nicht vor den Kopf stoßen, was sie bei jedem anderen in einer derartigen Situation vermutlich längst getan hätte, da sie jede Art von Bevormundung hasste. »Trotzdem muss ich es versuchen. Gegebenenfalls schaffe ich es, sie davon zu überzeugen, dass ich niemandem etwas verrate und fest entschlossen bin, mich zu töten. Dann vertraut sie mir womöglich etwas an, das mir bei meinen Ermittlungen weiterhilft. Es ist natürlich nur ein Strohhalm, an den ich mich klammere, das ist mir klar. Aber mehr habe ich momentan nicht in der Hand.«
»Befrag die Ex-Freundin des Studenten«, schlug Baumgartner vor. »Unter Umständen hat sie unmittelbar vor seinem Verschwinden noch mit ihm gesprochen. Und was diesen Mitbewohner angeht, der kommt mir auch nicht ganz koscher vor. Du solltest ihm noch einmal auf den Zahn fühlen und dabei die Samthandschuhe ausziehen.«
Anja nickte. »All das habe ich mir ohnehin für morgen vorgenommen. Aber bis dahin werde ich mich weiterhin bemühen, alle Aufgaben zu erfüllen, die Nemesis mir stellt. Kann gut sein, dass ich damit nur meine Zeit verschwende, aber schlimmer als eine schlaflose Nacht kann es schließlich nicht werden.«
»Warum teilst du ihr nicht einfach mit, dass du keine Lust mehr hast und aussteigst«, schlug Baumgartner vor. »Immerhin hat sie dir geschrieben, sie würde die Dinge dann selbst in die Hand nehmen. Das war meiner Meinung nach eine eindeutige Drohung. Und wenn sie dich dann wirklich umbringen will, muss sie sich dazu in deine Nähe wagen. Warum lässt du sie also nicht einfach zu dir kommen, anstatt dich auf die Suche nach einem Phantom zu machen?«
»Die Idee hatte ich auch schon. Nur funktioniert sie leider nicht.«
»Warum nicht?«
»Weil ich Nemesis einen ausgedachten Namen und eine falsche Adresse genannt habe. Wenn ich aussteige und sie ihre Drohung wahrmachen will, wird sie meine Angaben genauer überprüfen. Und dabei wird sie feststellen, dass die Person, mit der sie in den letzten knapp sechs Stunden Kontakt hatte, überhaupt nicht existiert.«
»Teile ihr doch einfach mit, dass du dich nicht getraut hättest, bei der Anmeldung deinen echten Namen zu verwenden. Schließlich wusstest du nicht, wer hinter diesem merkwürdigen Club steckt.«
»Und warum sollte ich ihr dann meine echten Daten mitteilen, wenn ich die Challenge ohnehin abbrechen will und nachdem sie mir gedroht hat.« Anja schüttelte den Kopf. »In dem Fall wird sie erst recht misstrauisch werden, die Zugbrücke hochziehen und den Kontakt komplett abbrechen. Dann habe ich gar nichts erreicht und in der Tat nur meine Zeit verschwendet.«
Baumgartner seufzte. »Ich sehe schon, dass ich hier auf verlorenem Posten kämpfe. Versprich mir wenigstens, dass du vorsichtig bist.«
»Natürlich«, sagte Anja und nickte nachdrücklich. »Das bin ich doch immer.«
Er sah sie mit skeptischem Blick und gerunzelter Stirn an. »Für die Scherze bin hier immer noch ich zuständig. Aber Spaß beiseite. Ruf mich an, wenn du Hilfe brauchst. Egal, zu welcher Uhrzeit. Du weißt, dass du immer auf mich zählen kannst und ich immer für dich da bin. Das bin ich Frank schuldig. Er würde es mir nie verzeihen und mich vermutlich als Geist heimsuchen, wenn ich es zulasse, dass seinem kleinen Sonnenschein etwas zustößt.«
»Ich weiß. Und ich bin dir für dein Angebot dankbar. Aber du hast schon so viel für mich getan. Allein die Überwachung meines …«
Er vollführte eine entschiedene Handbewegung, als wollte er ihre Argumente vom Tisch wischen, woraufhin Anja verstummte. »Das ist doch kein Thema. Außerdem hab ich sonst nichts zu tun. Und solange ich dir helfen kann, fühle ich mich nicht mehr ganz so nutzlos, sondern endlich wieder lebendig. Bis du vor ein paar Monaten an meiner Tür geklingelt hast, hatte ich mich schon viel zu lange in der Wohnung vergraben und Trübsal geblasen. Also muss ich dir im Grunde dankbar sein, dass du mich da herausgeholt hast.«
Anja wollte widersprechen, doch Baumgartner ließ es nicht zu. »Da kommt unser Essen. Lass uns über etwas anderes sprechen.«
Während sie aßen, redeten sie über eine Reihe wesentlich unverfänglicherer Themen. Dann erkundigte sich Baumgartner nach ihrer Mutter und ihrer Cousine Tanja.
Anja hatte erst vorgestern mit ihrer Mutter telefoniert. Dagmar Fröhlich, wie sie seit ihrer zweiten Eheschließung hieß, war siebenundfünfzig Jahre alt und wohnte mit ihrem Mann Josef und ihrem Stiefsohn Sebastian in einem Haus im Stadtteil Sendling-Westpark. Josef Fröhlich besaß eine Druckerei, in der seine Frau noch immer als Sekretärin arbeitete.
Nach dem Tod des Vaters und Ehemannes hatten Anja und ihre Mutter unzählige Auseinandersetzungen gehabt. Das hatte allerdings, wie Anja unumwunden zugegeben hätte, wäre sie danach gefragt worden, nicht nur an ihrer Mutter gelegen. Vor allem in den letzten drei Jahren vor Anjas achtzehnten Geburtstag war es besonders schlimm gewesen. Zwischen den beiden Frauen hatte damals ein regelrechter Krieg mit bis aufs Äußerste geführten heftigen Wortgefechten geherrscht. Dabei hatte es auf beiden Seiten zahlreiche Verletzungen gegeben. Nahezu jedes Thema war damals kontrovers beurteilt und diskutiert worden. Und dass Anja ihren Stiefbruder von Anfang an absolut nicht ausstehen konnte und mit ihren Gefühle nicht hinter dem Berg hielt, war nur einer der Tropfen gewesen, die das Fass oft zum Überlaufen gebracht hatten. Erst seit Anjas langersehntem Auszug, sobald sie volljährig geworden war, hatte sich ihr Verhältnis allmählich gebessert. Sie waren sich immer noch in vielen Dingen uneins. Doch beide Seiten bemühten sich, den mühsam errungenen, oftmals fragil wirkenden Waffenstillstand nicht zu brechen. Wenn sie miteinander sprachen – meistens am Telefon, denn Dagmar bestand darauf, dass ihre Tochter sie regelmäßig anrief, und weitaus seltener von Angesicht zu Angesicht – war sich jede der beiden Frauen des brüchigen Friedens bewusst. Aus diesem Grund bewegte sich jede von ihnen so vorsichtig an der unsichtbaren Demarkationslinie entlang, als liefen sie auf Eiern. Eins der Themen, die sie unterschiedlich beurteilten und daher meistens vermieden, war Anjas Beruf. Obwohl es durchaus Aspekte gab, die sie daran nicht mochte – dazu gehörte vor allem die gelegentliche Konfrontation mit den Leichen vermisster Personen –, liebte Anja ihre Arbeit. Sie konnte ihr viele positive Aspekte abgewinnen, denn oftmals gelang es ihr, Menschen aufzuspüren, die in einer Notlage waren. Dagmar hingegen sah im Beruf des Polizisten nur das Schlechte, was womöglich vor allem daran lag, dass sie früher mit einem verheiratet gewesen war.
Als Anja vor zwei Tagen mit ihrer Mutter telefoniert hatte, hatten sie auch über Tanja, die Tochter ihrer Tante Mia, gesprochen. Die beiden Cousinen waren zusammen aufgewachsen und standen sich mangels Geschwistern so nahe, als wären sie leibliche Schwestern. Vor einigen Monaten war bei Tanja Brustkrebs diagnostiziert worden. Sie war daraufhin ins Visier des Apokalypse-Killers geraten, der es auf todkranke Frauen abgesehen hatte, und von ihm entführt worden. Am Ende war es Anja jedoch gelungen, ihre Cousine zu retten. Tanja hatte inzwischen eine Chemotherapie hinter sich, und es sah ganz danach aus, als wäre der Krebs besiegt worden. Ob es tatsächlich so war, würde erst die Zukunft zeigen; doch alle waren optimistisch und freuten sich riesig darüber.
Während sie Baumgartner davon erzählte, machte Anja sich gedanklich eine Notiz, Tanja anzurufen, sobald die Selbstmord-Challenge abgeschlossen war. Sie wollte sich mit ihrer Cousine wieder einmal zum Essen verabreden, was längst überfällig war.
Beim Gedanken an die Challenge sah sie auf die Uhr und stellte fest, dass es kurz vor acht und somit höchste Zeit war, Nemesis einen erfundenen Bericht über die Songs zu schicken.
Baumgartner runzelte missbilligend die Stirn, als sie ihr Smartphone herausholte.
»Tut mir leid, aber ich muss Nemesis eine Mail schreiben«, erklärte Anja.
Er nickte. »Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen.« Er schien ihre Entscheidung, die Sache nicht abzubrechen, sondern auch die nächsten Aufgaben zu erledigen, inzwischen akzeptiert zu haben, denn er unternahm keinen weiteren Versuch, es ihr auszureden.
Anja schrieb eine Nachricht, die ihrem Bericht nach dem Ausflug auf das Hochhausdach ähnelte. Darin schilderte sie ihre angeblichen Gefühle beim Anhören der fünf Lieder, die sich alle mit Tod und teilweise sogar in aller Deutlichkeit mit Selbstmord befassten. Insgeheim war sie froh, dass sie sich die Songs nicht angehört hatte; das hätte sie nur noch tiefer in diesen selbstmörderischen Strudel hineingezogen, den Nemesis mit ihren Aufgaben erzeugen wollte. Dennoch kam ihr auch jetzt wieder unvermittelt und ungewollt die Melodie von »Gloomy Sunday« in den Sinn.
»Erledigt«, sagte Anja und sah erneut auf die Uhr. »Gerade noch rechtzeitig.«
»Würde mich interessieren, was passiert, wenn du nicht fristgerecht an deinen Todesengel schreibst«, meinte Baumgartner.
»Mich auch. Aller Voraussicht nach würden die Drohungen massiver werden. Schließlich glaubt Nemesis, sie hätte es mit einem 14-jährigen Mädchen zu tun, das sich gerade in einer akut depressiven Phase befindet und leicht zu beeinflussen und einzuschüchtern ist.«
Sie blickte wieder auf ihr Telefon und sah, dass ihr persönlicher Todesengel bereits geantwortet hatte.
Gut gemacht, Laura. Wenn ich mir diese Lieder anhöre, was ich oft tue, empfinde ich ähnlich wie du. Du bist jetzt in der richtigen Grundstimmung, um die nächsten Aufgaben anzugehen und erfolgreich zu absolvieren.
Deine 7. Aufgabe lautet:
Geh auf eine Brücke, klettere über die Brüstung und sieh nach unten. Stell dir vor, du würdest springen. Überwinde dabei deine Angst vor dem Fallen und dem Tod. Nach zehn Minuten kletterst du wieder zurück. Mach ein Foto und schick es mir.
Anja zeigte Baumgartner die Nachricht, sodass er sie lesen konnte.
Er hob die Augenbrauen. »Eine Brücke diesmal«, meinte er anschließend. »Ich hätte ja eine andere Reihenfolge gewählt. Zuerst die Brücke und dann erst das Hochhaus, sodass es eine Steigerung in der Höhe gibt.«
»Hast du eine Idee, welche Brücke ich nehmen soll?«
Er zuckte mit den Schultern. »In München gibt es über tausend Brücken. Da sind zum einen natürlich die Brücken über die Isar.« Er zählte ein paar davon auf: »Wittelsbacherbrücke, Reichenbachbrücke, Corneliusbrücke, Ludwigsbrücke, Maximiliansbrücke, Luitpoldbrücke, Max-Josef-Brücke. Außerdem die Brücken über die breiten Gleisanlagen zwischen Hauptbahnhof und Pasing. Im Grunde ist es egal, welche du nimmst. Du musst ja nicht über die Brüstung steigen. Warum entscheidest du dich nicht einfach für diejenige, die am nächsten liegt? Dann sparst du dir Zeit.«
Anja überlegte. »Das müsste dann die Donnersbergerbrücke über die Eisenbahntrasse sein.«
»Ja. Da kannst du schnell hinfahren, sobald wir hier fertig sind, dein Foto machen und bist danach ruckzuck zu Hause.«
»Du hast recht«, sagte Anja. »Genauso mache ich es auch. Vorher will ich Nemesis aber noch ein paar Fragen stellen. Nicht ausgeschlossen, dass sie inzwischen etwas gesprächiger ist.« Sie schrieb eine Nachricht an den Todesengel.
Du hast geschrieben, dass du ähnlich wie ich empfindest, wenn du dir diese Lieder anhörst. Heißt das, dass du ebenfalls vorhast, deinem Leben ein Ende zu bereiten?
Anja schickte die Mail ab und zeigte Baumgartner, was sie geschrieben hatte. Sie wollte ihm die Texte nicht laut vorlesen. Ein älteres Paar am Nebentisch hatte schon ein paarmal irritiert zu ihnen herübergeschaut, als sie Baumgartner von ihrem aktuellen Fall erzählt hatte.
Als sie erneut auf das Display sah, war Nemesis’ Antwort da.
Ja, in nächster Zukunft werde ich denselben Weg beschreiten, auf dem du im Moment unterwegs bist. Ich bin fest entschlossen, denn ich kann dieses erbärmliche Leben kaum noch ertragen. Aber leider muss ich damit noch etwas warten. Ich werde nämlich hier gebraucht, um Menschen wie dir dabei zu helfen, den rechten Weg zu finden. Aber sobald du alle 24 Aufgaben der Challenge erfolgreich hinter dich gebracht hast, fühle ich mich bereit, selbst die »Suicide-Challenge« in Angriff zu nehmen und dir nachzukommen.
»Was für ein Blödsinn«, sagte Baumgartner, nachdem sie ihm den Text gezeigt hatte. »Wenn das Miststück tatsächlich so fest entschlossen wäre, wie sie schreibt, hätte sie es längst getan. Ich glaube ihr kein Wort. Und das solltest du besser auch nicht tun.«
»Habe ich auch nicht vor. Ich rechne sogar damit, dass Nemesis ein verlogenes Miststück ist. Aber das Ziel dieser Sache besteht nun einmal darin, ihr auf den Zahn zu fühlen. Und ihr dabei nach Möglichkeit auch die eine oder andere Information zu entlocken, die mich auf ihre und die Spur der Hintermänner des Clubs der toten Gesichter bringt.«
Sie schrieb eine weitere Nachricht.
Warum willst du dich umbringen? Ich will es tun, weil mein Freund mich verlassen hat und jetzt mit einem anderen Mädchen zusammen ist. Ohne ihn kann und will ich nicht leben!
Nemesis schrieb postwendend zurück.
Bei mir ist es genau andersherum. Ich habe meinen Freund verlassen. Aber nur, weil er so ein Arschloch ist und mich betrogen hat. Ohne ihn ist mein Leben ebenfalls nicht mehr lebenswert. Deshalb kann ich auch so gut nachempfinden, was du im Augenblick durchmachst und fühlst.
»Wer’s glaubt, wird selig«, kommentierte Baumgartner die Nachricht.
»Wer weiß?« Anja zuckte mit den Schultern. »Auf alle Fälle schadet es nicht, wenn ich ihr ein bisschen Honig ums Maul schmiere. Möglicherweise wird sie dann noch gesprächiger.«
Sie schrieb:
Das mit deinem Ex-Freund tut mir echt leid. Meiner hat mich ebenfalls betrogen, und dann auch noch mit meiner besten Freundin. Jetzt hab ich nicht nur meinen Freund verloren, sondern auch meine beste Freundin. Das Leben ist echt voll für ’n Arsch! Wenn ich könnte, würde ich am liebsten die ganze Welt die Toilette runterspülen. Aber da das nicht geht, gibt es nur einen Ausweg.
Auf jeden Fall bin ich so was von froh, dass ausgerechnet du mein Todesengel bist. Wo wir doch dieselbe bittere Erfahrung machen mussten und damit so etwas wie Seelenschwestern sind.
Für mich ist es jedoch immer noch etwas merkwürdig, dass ich dich nur unter dem Namen »Nemesis« kenne. Ich würde dich so gern mit deinem richtigen Vornamen ansprechen. Ich werde ihn auch niemandem verraten, das verspreche ich dir bei allem, was mir lieb und teuer ist.
»Netter Versuch«, meinte Baumgartner. »Sie wird dir ihren echten Namen trotzdem nicht verraten. Und falls sie doch einen Namen nennt, hat sie sich den vermutlich soeben ausgedacht.«
»Du bist immer ein solcher Pessimist, Hans.«
»Ich bin kein Pessimist, sondern Realist.«
Wie die nächste Nachricht des Todesengels zeigte, hatte er recht.
Tut mir echt leid, Laura, aber ich kann dir meinen Namen nicht verraten. Auch wenn ich es gern tun würde. Aber es verstößt eindeutig gegen die Regeln und würde ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen. Sie würden mich aus dem Club werfen, und dann könnte ich die »Suicide-Challenge« nicht mitmachen. Das darf ich nicht riskieren.
Mir geht es aber genau wie dir. Auch ich habe das Gefühl, dass wir Seelenschwestern sind. Und ich bin ebenfalls froh, dass ich dein Todesengel sein und dich auf deinem letzten, aber bedeutendsten Weg begleiten darf.
Vergiss die 7. Aufgabe und das Beweisfoto nicht.
»Sagte ich doch«, meinte Baumgartner und bemühte sich, dabei nicht allzu selbstzufrieden zu klingen, was ihm nur unvollständig gelang.
Anja legte ihr Smartphone auf den Tisch. »Ich habe ehrlich gesagt auch nicht damit gerechnet. Aber einen Versuch war’s wert.«
Sie hatten ihre Mahlzeit beendet. Prompt tauchte der Kellner auf und räumte die Teller ab. Kurze Zeit später kam er wieder und fragte, ob sie einen Nachtisch oder einen Cappuccino wollten. Baumgartner bestellte ein Tartufo bianco, Anja einen Doppio Espresso. Sie ging davon aus, dass sie das Koffein – und zwar jede Menge davon – heute Nacht dringend benötigte.
Nachdem der Kellner gegangen war, fand Anja, dass es an der Zeit war, endlich über das zu sprechen, weswegen sie sich hier getroffen hatten. Sie beugte sich nach vorn, sah Baumgartner mit ernster Miene an und sagte so leise, dass die Leute an den Nachbartischen es nicht hören konnten: »Erzähl mir von der Überwachung meines Onkels.«
7
Anjas Onkel hieß Christian Kramer. Er war der Bruder ihres Vaters. Schon bald nach dessen Beisetzung war er für alle überraschend nach Südafrika ausgewandert und hatte jeglichen Kontakt zu seiner Nichte und seiner Schwägerin abgebrochen. Er hatte in Kapstadt als Ingenieur gearbeitet, geheiratet und zwei Kinder bekommen. Seine Frau war vor ein paar Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen.
Vor etwas über einem Jahr war er nach Deutschland zurückgekehrt, um in der alten Heimat seinen Lebensabend zu verbringen. Doch erst nachdem ein paar Monate später sein Sohn Oliver und seine Tochter Judith nachgekommen waren, um hier zu studieren, hatte er Kontakt zu Anjas Mutter aufgenommen. Sie hatten sich daraufhin alle zum Essen getroffen, um sich wieder miteinander vertraut zu machen oder neu kennenzulernen.
Zur gleichen Zeit hatte der sogenannte Bibel-Killer Menschen aus Anjas Vergangenheit ermordet und versucht, ihr die Morde in die Schuhe zu schieben. Im Laufe ihrer Ermittlungen in diesem Fall war sie allmählich zur Überzeugung gelangt, ihr Onkel könnte der Mörder ihres Vaters sein.
Jahrelang waren alle davon überzeugt gewesen, ihr Vater hätte Selbstmord begangen, indem er sich in seinem Arbeitszimmer erhängt hatte. Und ausgerechnet die elfjährige Anja war es damals gewesen, die seine Leiche entdeckt hatte; ein traumatisches Erlebnis, dass sie bis heute in regelmäßigen furchtbaren Albträumen verfolgte.
Der Apokalypse-Killer hatte ihr nach jedem Mord einen Umschlag mit einem Auszug aus der Apokalypse des Johannes, einer historischen Zeichnung der apokalyptischen Reiter und einem Ausweisdokument des jeweiligen Opfers geschickt. Nachdem Anja ihn getötet hatte, entdeckte sie bei einem Besuch am Grab ihres Vaters einen weiteren derartigen Umschlag. Doch da der Apokalypse-Killer tot war, konnte er das Kuvert nicht für sie dort hinterlassen haben. Also musste er einen Komplizen oder Hintermann gehabt haben, der noch immer frei herumlief und vermutlich schon seine nächsten Verbrechen plante.
In dem Umschlag fand Anja ein Foto ihres Vaters. Es zeigte ihn so, wie sie ihn auch in seinem Arbeitszimmer vorgefunden hatte. Dort hatte sein lebloser Körper mit einem Strick um den Hals am Haken der Deckenlampe gehangen. Doch auf der Aufnahme hatte ihr Vater die Augen geöffnet. Er war noch am Leben und sah mit panikerfülltem Blick und voller Todesangst in die Kamera.
Seitdem wusste sie, dass ihr Vater keinen Suizid verübt hatte, sondern ermordet worden war. Außer ihr kannten allerdings nur der Mörder und Hans Baumgartner die Wahrheit. Den ehemaligen Freund und Kollegen ihres Vaters hatte sie aufgesucht, um ihn über die Ereignisse unmittelbar vor dem Tod ihres Vaters zu befragen.
Zum Zeitpunkt seines Todes hatten Frank Kramer und Hans Baumgartner versucht, das spurlose Verschwinden von drei jungen Mädchen aufzuklären. Dabei waren sie jedoch keinen einzigen Schritt vorangekommen.
Die zwölfjährige Melanie Brunner, die elfjährige Daniela Forstner und die gleichaltrige Helena König waren innerhalb weniger Wochen auf dem Nachhauseweg verschwunden, ohne eine Spur oder einen Hinweis darauf zu hinterlassen, was mit ihnen geschehen war. Die Mädchen hatten sich nicht gekannt, waren sich, wie es schien, nie begegnet und hatten auch keine gemeinsamen Freunde oder Bekannten. Alles was sie miteinander verband, war ihr auffallend langes dunkelbraunes Haar. Außerdem sprach die zeitliche und räumliche Nähe ihres Verschwindens dafür, dass es einen Zusammenhang zwischen den Fällen geben musste. Aus diesem Grund wurde eine Sonderkommission unter Leitung von Kriminalhauptkommissar Frank Kramer gebildet.
Offiziell waren die damaligen Ermittlungen im Sande verlaufen. Es war zwar kein weiteres Mädchen verschwunden, doch Melanie, Daniela und Helena waren bis heute nicht wieder aufgetaucht. Anja hegte allerdings den unbegründeten Verdacht, dass ihr Vater dem Entführer und mutmaßlichen Mörder der Mädchen durchaus auf die Schliche gekommen war. Doch da es sich dabei um seinen eigenen Bruder handelte, hatte er niemandem etwas gesagt. Er wollte Christian zunächst zur Rede stellen und auf Nummer sicher gehen, bevor er den Bruder öffentlich der Entführung und des Mordes beschuldigte.
Von ihrer Mutter und Baumgartner wusste Anja, dass die beiden Brüder zum damaligen Zeitpunkt heftig gestritten hatten. Christian behauptete, Anjas Vater sei nicht damit einverstanden gewesen, als er von den Plänen seines Bruders erfahren hatte, nach Südafrika auszuwandern. Aus diesem Grund sei es damals zum Zerwürfnis zwischen ihnen gekommen. Doch Anja glaubte ihm nicht.
Der zeitliche Ablauf passte ihrer Meinung nach einfach zu perfekt zu ihrer Version, was sich ereignet hatte. Zuerst tötete Christian seinen Bruder und damit die einzige Person, die außer ihm selbst wusste, dass er drei Mädchen entführt und höchstwahrscheinlich ermordet hatte. Unmittelbar nach der Beisetzung brach er seine Zelte in Deutschland ab und verschwand nach Südafrika, ohne sich von Anja und ihrer Mutter zu verabschieden. Und zeitgleich mit seinem Verschwinden endeten auch die Entführungen junger Mädchen mit langen dunkelbraunen Haaren in München.
Jahrzehnte später tauchte er ebenso unvermittelt wieder in seiner alten Heimatstadt auf. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, unmittelbar bevor der Apokalypse-Killer sein erstes Opfer entführte, das er drei Monate lang gefangen hielt, hungern ließ und schließlich mit Natriumpentobarbital tötete.
Anja verdächtigte ihren Onkel nicht nur der Entführung und Ermordung der drei Mädchen, von denen das Letzte mit Anja in eine Klasse gegangen war. Ihrer Meinung nach hatte er auch ihren Vater umgebracht und die Tat wie einen Suizid aussehen lassen. Damit hatte er alle mit dem Fall befassten Beamten, darunter den damaligen Todesermittler und den zuständigen Rechtsmediziner, getäuscht. Darüber hinaus hatte er dem Apokalypse-Killer bei seinen Morden geholfen und Anjas Ehemann getötet, um die Schuld auf ihn zu lenken, indem er ihn erdrosselte und in seinem Arbeitszimmer aufhängte. Zweifellos wollte er damit vor allem Anja schockieren, denn erneut war sie es, die den Leichnam eines geliebten Menschen fand. Und am Ende, mit dem vierten Opfer des Apokalypse-Killers, sollte sie schließlich die Leiche ihrer Cousine finden und damit zum dritten zu spät kommen, um einen Menschen, den sie liebte, vor dem Tod zu bewahren. Daran, so der Plan des skrupellosen Komplizen des Apokalypse-Killers, sollte Anja innerlich zerbrechen.
Doch Anja gelang es, seine perfiden Pläne zu durchkreuzen, indem sie den Killer tötete und ihre Cousine rettete.
Drei Monate später trat allerdings ein neuer Mörder auf den Plan, der Bibel-Killer. Vom ersten Mord an war Anja vollauf damit beschäftigt, den Verdacht von sich zu lenken und Beweise zu beseitigen, die sie belasteten. Gleichzeitig versuchte sie verzweifelt, die Wahrheit herauszufinden. Doch die ganze Zeit über wurde sie von dem Serienkiller geschickt manipuliert. Zunächst glaubte sie sogar selbst, sie hätte diese Morde unter Alkoholeinfluss begangen und könnte sich nicht mehr daran erinnern. Dann gelangte sie gezwungenermaßen zur Überzeugung, ihre Cousine Judith wäre die Mörderin. In Wahrheit steckte allerdings ihr Cousin Oliver dahinter, der auch den Unfalltod seiner Mutter in Südafrika herbeigeführt und eine Handvoll Morde an Straßenkindern verübt hatte. Doch dann hatte jemand aus München mit ihm Kontakt aufgenommen; ein mysteriöser Mann, der sich Jack nannte und über Olivers geheimen Aktivitäten genauestens Bescheid wusste. Er hatte Oliver gewissermaßen ein Angebot gemacht, das dieser nicht ablehnen konnte. Jack würde Oliver den Boden bereiten, damit dieser seine Mordserie fortsetzen konnte. Allerdings sollte das hier in München geschehen. Und die Mordopfer, die Jack überwiegend schon ausgesucht hatte, hatten alle eins gemeinsam: Sie hatten früher ein Mädchen namens Anja Kramer gekannt, das inzwischen Spangenberg hieß und Kriminalhauptkommissarin bei der Vermisstenstelle der Kripo München war.
Wie es schien, hatte Jack noch ein Hühnchen mit Anja zu rupfen. Er benutzte zunächst den Apokalypse-Killer und nach dessen Scheitern den Bibel-Killer, um es ihr heimzuzahlen. Allerdings hatte Anja keine Ahnung, warum der Mann, der sich Jack nannte, es auf sie abgesehen hatte. Sie glaubte jedoch, dass es mit dem Tod ihres Vaters und seinen damaligen Ermittlungen zusammenhing.
Das Polaroidfoto, das ihren Vater unmittelbar vor seinem Tod zeigte und das nur sein Mörder aufgenommen haben konnte, bewies nicht nur, dass es kein Selbstmord gewesen war. Es hatte Anja zudem deutlich gemacht, dass der Mörder damals noch im Haus gewesen war, als sie den Leichnam ihres Vaters entdeckt hatte. Denn auf der Rückseite hatte er Anjas damalige Worte beim Anblick ihres Vaters notiert. Das elfjährige Mädchen hatte im ersten Moment nicht erkannt, was mit seinem Vater los und dass er tot war. Deshalb hatte sie gesagt: »Du bist ja doch zu Hause, Papa.« Und exakt diese Worte standen auf der Rückseite des Fotos.
Warum der Mörder sie damals am Leben gelassen hatte, wusste sie nicht. Doch mittlerweile schien er es sich anders überlegt zu haben, denn er verfolgte Anja mit einem Eifer, der seinesgleichen suchte, ohne dabei allerdings selbst offen in Erscheinung zu treten. Stattdessen bediente er sich anderer Killer, die er wie Marionetten lenkte. Wie er diese Männer derart zielsicher gefunden hatte, die ihre tödlichen Neigungen bis dahin so erfolgreich vor der Welt verborgen gehalten hatten, war Anja schleierhaft. Unter Umständen gab es ja so etwas wie eine magnetische Anziehungskraft zwischen Psychopathen wie ihnen.
Am Ende war es Anja auch gelungen, ihren Cousin Oliver auszutricksen. Er war daraufhin von seiner eigenen Schwester, die sein nächstes Opfer hätte werden sollen, erschossen worden.
Somit war der Mörder ihres Vaters auch bei seinem zweiten Versuch, ihr übel mitzuspielen, gescheitert. Doch Anja war davon überzeugt, dass er schon an einem neuen Plan feilte und jeden Augenblick wieder in Erscheinung treten konnte.
Für einen Moment fragte sie sich, ob er unter Umständen auch diesmal seine Finger im Spiel hatte und hinter dem Club der toten Gesichter steckte. Ob er möglicherweise sogar der Todesengel Nemesis war, der sie über die vermeintlichen Selbstmorde der Vermissten dazu gebracht hatte, an der Suicide-Challenge teilzunehmen, und sie nun mit seinen Aufgaben dazu verleiten wollte, sich am Ende selbst das Leben zu nehmen. Allerdings war der Fall des vermissten Studenten Christian Stumpf nur zufällig auf ihrem Schreibtisch gelandet. Er hätte auch einem ihrer neun Kollegen in der Vermisstenstelle zugewiesen werden können. Deshalb glaubte sie nicht wirklich, dass derselbe Mann dahintersteckte, der bereits in den Fällen des Apokalypse-Killers und des Bibel-Killers im Hintergrund die Fäden gezogen hatte. Doch da sie es nicht komplett ausschließen konnte, beschloss sie, diesen Gedanken vorerst im Hinterkopf zu behalten.
Auf jeden Fall war ihr Onkel momentan ihr Verdächtiger Nummer eins, wenn es um den Mord an ihrem Vater ging. Aus diesem Grund hatte sich Hans Baumgartner, der einzige Mensch, dem sie bislang die Wahrheit erzählt hatte, erboten, ihren Onkel zu überwachen. Er saß zwar im Rollstuhl, war aber dank seines behindertengerecht umgebauten Autos mobil genug für eine derartige Überwachungstätigkeit. Außerdem wollte er noch längst nicht zum alten Eisen gehören, sondern endlich wieder etwas Vernünftiges zu tun haben, wie er es nannte.
Natürlich kam für eine einzelne Person, noch dazu für jemanden, der nicht laufen konnte, keine Rund-um-die-Uhr-Überwachung infrage. Doch immerhin beobachtete Baumgartner ihren Onkel beinahe täglich fünf bis sechs Stunden zu ständig wechselnden Tageszeiten. Alles darüber hinaus wäre vermutlich ohnehin zu auffällig gewesen.
Doch trotz dieser Überwachung hatte der ehemalige Kriminalbeamte bislang nicht das Geringste herausgefunden, das den Verdacht gegen Christian Kramer erhärtete. Anjas Onkel war für einen Ruheständler zwar äußerst rege und viel mit dem Auto unterwegs, doch dabei schien es sich ausschließlich um geschäftliche Angelegenheiten zu handeln. Als Ingenieur in Südafrika war er wohlhabend geworden und investierte einen Teil seines Geldes, wie es aussah, in vielversprechende und gewinnbringende Geschäftsideen in Deutschland.
Allmählich kamen Anja daher immer öfter Zweifel, ob sie auf der richtigen Spur war oder ihren Onkel nicht zu Unrecht verdächtigte. Deshalb hatte sie längst beschlossen, die Überwachung in ein paar Wochen abzubrechen, sollte bis dahin nicht endlich etwas Handfestes herauskommen. Doch bis es so weit war, würde Baumgartner an Christian Kramer dranbleiben und ihn im Auge behalten.
Als Anerkennung für seine Mühen lud sie ihn, wie auch am heutigen Tag, regelmäßig zum Essen ein. Bei der Gelegenheit erstattete er ihr über die Überwachungstätigkeit Bericht.
Baumgartner erwiderte Anjas Aufforderung, ihr von der Überwachung ihres Onkels zu berichten, zunächst nur mit einem Achselzucken, bevor er sagte: »Ich befürchte, dass dir nicht gefallen wird, was ich dir erzähle.«
»Wieso?«, fragte Anja und konnte nicht verhindern, dass sie sich enttäuscht anhörte. »Wieder nichts?«
Baumgartner nickte. »Dein Onkel ist zwar ständig auf Achse, aber es handelt sich dabei fast ausschließlich um geschäftliche Termine.«
Anja seufzte. »Jetzt sind es schon sieben Monate«, sagte sie, denn so viel Zeit war vergangen, seit Baumgartner die Überwachung gestartet hatte. »Und wir haben noch immer nichts gegen ihn in der Hand. Nicht der geringste Beweis, dass er tatsächlich der ist, für den ich ihn halte. Das kann doch nicht sein!«
Baumgartner wollte etwas darauf erwidern, doch in diesem Augenblick wurden sein Nachtisch und Anjas doppelter Espresso gebracht. Deshalb wartete er damit, bis der Kellner wieder weg war. »Es gibt im Grunde genommen nur zwei Erklärungen«, sagte er dann, tauchte den Löffel in sein Eis-Dessert, probierte es und hob anerkennend beide Augenbrauen.
»Und welche sind das?« Anja nahm einen Schluck von ihrem Espresso, der stark war und sie augenblicklich belebte.
Baumgartner aß rasch einen zweiten Löffel seines Nachtisches, bevor er antwortete: »Entweder ist dein Onkel unschuldig und hat nichts mit den Entführungen und Morden zu tun …«
»Das ist unmöglich.« Anja schüttelte entschieden den Kopf. Sie konnte sich damit aber nicht einmal selbst überzeugen. Längst quälten auch sie Zweifel an ihrer Theorie, die eine Zeitlang so einleuchtend und naheliegend gewesen war.
»Oder …«, fuhr Baumgartner fort, ohne ihren Einwand zu beachten, »… er hat längst bemerkt, dass er überwacht wird.«
»Ich dachte, du wärst vorsichtig gewesen.«
»War ich ja auch«, rechtfertigte er sich mit erhobenem Dessertlöffel. »Aber selbst dann gibt es keine Garantie, dass die überwachte Person nicht doch etwas bemerkt.«
»Was glaubst du denn, welche Erklärung am ehesten zutrifft?«
Baumgartner zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Es ist möglich, dass er etwas ahnt. Wenn er wirklich der Killer ist, für den du ihn hältst, wird er extrem misstrauisch sein und seine Umgebung ständig aufmerksam im Auge behalten. In dem Fall kann es natürlich durchaus sein, dass ihm irgendwann einmal mein Auto aufgefallen ist, weil es entschieden zu oft in seiner unmittelbaren Umgebung auftauchte oder in der Nähe seines Hauses parkte. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Ich kann ja schlecht jeden Tag einen anderen Wagen mieten, der nicht für meine speziellen Bedürfnisse ausgestattet ist. Das ist eben das Risiko, wenn man einen Krüppel mit der Überwachung eines mutmaßlichen Serienkillers beauftragt.«
Anja stöhnte. »Wie oft muss ich dir denn noch sagen, dass du kein Krüppel bist?«
Baumgartner lachte und löffelte sich Dessert in den Mund. »Du kannst es nennen, wie du willst, aber darauf läuft es doch hinaus. Unter Umständen solltest du statt eines alten Mannes im Rollstuhl lieber professionelle Privatdetektive anheuern und damit beauftragen, ihn rund um die Uhr zu überwachen.«
»Blödsinn!«, sagte Anja. »Du machst das sehr gut. Das größte Problem ist, dass wir ihn nicht ständig im Auge behalten können. Vor allem, wenn er ahnt, dass er beobachtet wird. Dann kann er während der Überwachung so tun, als wäre er ein biederer Geschäftsmann, der keinem ein Haar krümmt. Und seine krummen Geschichten erledigt er dann, wenn ihn niemand im Auge hat. Allerdings mache ich mir momentan mehr Sorgen um dich. Wenn er wirklich etwas ahnen sollte, schwebst du in tödlicher Gefahr. Womöglich sollten wir die Überwachung aus Sicherheitsgründen abbrechen.«
Doch Baumgartner schüttelte den Kopf. »Das wäre das Verkehrteste, was wir im Augenblick machen sollten. Denn dann hätte er vollkommen freie Hand und könnte tun und lassen, was er will. Außerdem werde ich in Zukunft noch vorsichtiger sein.«
»Ich weiß nicht«, sagte Anja unentschlossen und schüttelte den Kopf. »Ich habe kein gutes Gefühl dabei.«
»Aber ich«, entgegnete Baumgartner. »Vertrau mir. Ich weiß, was ich tue.«
»Was schlägst du also vor?«
»Wir machen fürs Erste so weiter wie bisher. Und wenn sich, sagen wir, in acht Wochen immer noch nichts getan hat, dann stellen wir die Überwachung ein und überlegen uns etwas Neues.«
Anja ließ sich Baumgartners Vorschlag durch den Kopf gehen; doch sie musste nicht lange darüber nachdenken, denn er entsprach exakt ihren eigenen Vorstellungen. »Na gut. Du versprichst mir aber, dass du vorsichtig bist und beim geringsten Anzeichen einer Gefahr sofort aus seiner Nähe verschwindest.«
»Ich werde in meinem Rollstuhl davonsausen, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter mir her«, sagte Baumgartner schmunzelnd.
»Du solltest das nicht auf die leichte Schulter nehmen, Hans«, ermahnte ihn Anja. »Wenn ich recht habe, dann ist er nämlich tatsächlich so etwas wie der personifizierte Teufel.«
»Keine Sorge. Ich nehme die Sache ernst.« Er löffelte die letzten Reste geschmolzener Eiscreme aus der Glasschale. »Willst du überhaupt noch wissen, was dein Onkel in den letzten Tagen getrieben hat?«
Anja trank ihren Espresso aus und sah auf die Uhr. Sie musste zwar noch zur Brücke und das Foto für Nemesis machen, hatte dafür aber noch genug Zeit. »Na schön, klär mich auf.«
»Nun ja«, begann Baumgartner. »Neben den üblichen Dingen, die er immer wieder tut und die du zur Genüge kennst, war er vor drei Tagen beim Zahnarzt. Alles spricht dafür, dass es ein Routinetermin war. Wenn du willst, kann ich versuchen, mehr herauszufinden. Aber das könnte Verdacht erregen.«
»Nicht nötig. Vermutlich hast du recht, und es war ein regelmäßiger Kontrolltermin. Was soll er beim Zahnarzt schon Schlimmes anstellen? Kein Grund, unnötig Verdacht zu erregen. Was noch?«
»Fast ausschließlich geschäftliche Termine und Besprechungen. Einzige Ausnahme war der gestrige Besuch bei einer Versicherung mit dem Namen Charon.«
»Charon? So wie dieser Fährmann aus der griechischen Mythologie?«
»Genau der. Der düstere, greise Fährmann, der die Toten für einen Obolus in seinem Binsenboot über den Totenfluss Acheron gebracht hat, damit sie in den Hades gelangten, wie die Unterwelt genannt wurde.«
»Du hast dich informiert«, vermutete Anja.
Er nickte. »Bei Wikipedia.«
»Und was wollte mein Onkel da? Ich meine, bei dieser Charon-Versicherung, nicht bei Wikipedia.«
»Es ist zumindest naheliegend, dass er dort war, um eine Versicherung abzuschließen.«
»Du weißt aber vermutlich nicht, welche Versicherung das sein könnte, oder?«
»Zufälligerweise weiß ich das doch.«
»Und?«, fragte Anja, nachdem Baumgartner keine Anstalten machte, von sich aus damit herauszurücken, als wollte er es besonders spannend machen. »Sagst du mir auch, welche?«
»Es handelt sich um eine Sterbegeldversicherung.«
»Woher weißt du das so genau?«
»Weil die Charon Versicherungsgemeinschaft Sterbegeld VVaG, wie sie offiziell heißt, für ihre Mitglieder ausschließlich Sterbegeldversicherungen anbietet.«
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