Kitabı oku: «WENN DIE EICHEN LEICHEN TRAGEN»

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INHALTSVERZEICHNIS

COVER

TITEL

PROLOG

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KAPITEL 1

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KAPITEL 2

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KAPITEL 3

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KAPITEL 4

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KAPITEL 5

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KAPITEL 6

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EPILOG

1

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3

ANMERKUNGEN DES AUTORS

NACHWORT

WEITERE TITEL DES AUTORS

LESEPROBE

PROLOG

1

Es war wie die weltberühmte Frage, was zuerst da war, das Huhn oder das Ei. Denn nach ihrem Erwachen wusste sie zunächst nicht zu sagen, ob nun das schmerzhafte Pochen in ihrem Schädel dafür gesorgt hatte, dass sie erwachte, oder es sich nicht eher andersherum verhielt und der Kopfschmerz erst in dem Moment entstanden war, als sie begonnen hatte, zu sich zu kommen.

Da sie instinktiv ahnte, dass der Schmerz sich intensivieren würde, sobald sie die Augen öffnete, ließ sie diese lieber noch zu. Sie überlegte, ob sie heute zur Schule musste oder ausschlafen konnte. Sie konnte sich allerdings nicht erinnern, welcher Tag heute war. Das kam am Wochenende gelegentlich vor. Dann wachte sie auf, dachte, sie müsste gleich aufstehen, weil sie Schule hatte, und dann fiel ihr ein, dass Samstag oder Sonntag war und sie sich beruhigt noch einmal auf die andere Seite drehen und weiterschlafen konnte. Auch dieses Mal wartete sie auf diese Erkenntnis, doch anders als gewohnt stellte sie sich heute nicht ein, sodass sie weiter darüber nachgrübeln musste.

Hatte sie etwa doch Schule? Aber wieso hatte sie dann den Wecker nicht gehört? Vielleicht war es also tatsächlich so, dass der bohrende Schmerz in ihrem Kopf sie geweckt hatte. Oder sie hatte ein Geräusch im Haus gehört. Ihre Mutter möglicherweise, die immer vor allen anderen aufstand, um in Ruhe die erste Tasse Kaffee des Tages zu genießen, bevor die anderen lärmend herunterkamen und sie Pausenbrote für die Kinder machen musste. Oder ihr Vater, der noch schnell ins Bad schlurfte, kurz bevor ihr Wecker klingelte und sie das Bad für die nächsten zwanzig Minuten mit Beschlag belegte. Nur die Nervensäge Robin, ihr neunjähriger Bruder, konnte es nicht gewesen sein, denn der stand nie vor den anderen auf, sondern erst im letztmöglichen Moment, bevor Mama die Geduld verlor, nach oben ging und ihm die Decke wegriss. Dann hatte er gerade noch Zeit für eine Katzenwäsche, das Zähneputzen und ein hastiges Frühstück, bevor er aus dem Haus rannte.

Sie versuchte sich zu erinnern, was sie am letzten Abend getan hatte, um über diesen Umweg in Erfahrung zu bringen, was für ein Wochentag heute war, stieß jedoch anstelle einer Erinnerung nur auf gähnende Leere. Sie runzelte die Stirn, was den Schmerz unter ihrer Schädeldecke augenblicklich verstärkte.

Warum kann ich mich nicht daran erinnern, was ich gestern Abend getan habe?, fragte sie sich beunruhigt.

Es sah immer mehr so aus, als würde sie unter einem Kater leiden. Aber wie konnte das sein, wo sie doch schon aus Prinzip keinen Alkohol trank? Niemals! Und dabei machte sie auch keine Ausnahmen. Sie trank noch nicht einmal ein Glas Sekt, wenn eine ihrer Freundinnen Geburtstag feierte. Doch die Symptome, unter denen sie heute früh litt – stechender Kopfschmerz und eine riesige Gedächtnislücke –, erinnerten sie unwillkürlich an das, was Freunde und Bekannte über die Nachwirkungen von übermäßigem Alkoholgenuss erzählt hatten. Außerdem hatte sie, wie ihr erst jetzt auffiel, einen trockenen Hals und einen ekelhaften Geschmack im Mund. Bitter und intensiv, so als hätte sie vor dem Schlafengehen Medizin eingenommen.

Da das Pochen in ihrem Schädel nicht wie erhofft schwächer, sondern mit jeder Minute noch intensiver wurde, beschloss sie, aufzustehen und eine Schmerztablette zu nehmen. Außerdem wollte sie sich die Zähne putzen und den Mund gründlich ausspülen, um den scheußlichen Geschmack loszuwerden.

Sie öffnete die Augen und blinzelte in die trübe Helligkeit, die sie umgab und ihre Kopfschmerzen – wie sie richtig vermutet hatte – zusätzlich anheizte. Sie stöhnte laut und lang gezogen, allerdings weniger wegen der Schmerzen, sondern eher wegen dem, was ihre Augen ihr zeigten. Denn sie erkannte augenblicklich, dass sie gar nicht zu Hause in ihrem Bett lag, wie sie seit dem Aufwachen geglaubt hatte, sondern ganz woanders war. An einem fremden Ort, den sie noch nie gesehen hatte und an dem sie nie zuvor gewesen war.

Sie hob den schmerzenden Kopf vom Kissen, das ihr nun nicht mehr so weich wie ihr eigenes erschien. Und auch die Matratze, auf der sie lag, war viel härter, dünner und unbequemer. Mit behutsamen Bewegungen ihres Kopfes und ihrer Augen sah sie sich um.

Das Licht, das es ihr erlaubte, ihre Umgebung zu erkennen, war diffus und kam durch eine rechteckige, vergitterte Öffnung unmittelbar unter der unverputzten Betondecke. Auch die Wände sahen aus wie in einem Rohbau und waren schmucklos. Als sie den Kopf langsam nach links wandte, entdeckte sie eine fensterlose Tür aus Metall, die hellgrau gestrichen war.

Ich muss in einem Kellerraum sein. Aber warum bin ich hier? Und wer hat mich hierher gebracht?

Sie versuchte erneut, sich an die letzten Ereignisse unmittelbar vor dem Einschlafen zu erinnern. Doch alles war wie ausgelöscht. Ihr kam der vage Gedanke, dass sie mit Freunden unterwegs gewesen und anschließend im Dunkeln allein nach Hause gegangen war. Aber alles, was danach eigentlich kommen müsste, war weg, als hätte es nie existiert oder wäre nachträglich gelöscht worden.

Für den Bruchteil eines Augenblicks erschien, wie von einem Blitzlicht aus der Dunkelheit gerissen, ein Gesicht vor ihrem inneren Auge, um allerdings sofort wieder zu verschwinden, bevor sie in der Lage war, Details zu erkennen. Ihr wurde lediglich bewusst, dass sie die Person, der das Gesicht gehörte, nicht kannte und nie zuvor gesehen hatte.

Aber warum sehe ich dann ihr Gesicht vor mir, während ich darüber nachgrüble, was mit mir geschehen ist?

Obwohl sie das Antlitz nur für die Dauer eines Lidschlags gesehen hatte, fiel ihr im Nachhinein auf, dass es zwei gänzlich unterschiedliche Ausdrücke gezeigt hatte. Erst lächelnd und freundlich, aber schon im nächsten Moment böse und verzerrt. Fast wie die beiden gegensätzlichen Seiten ein und derselben Medaille.

Sie schloss die Augen, um sich besser konzentrieren und das Gesicht noch einmal aus der Finsternis ihrer verlorenen Erinnerungen reißen zu können. Es gelang ihr aber nicht. Außerdem verstärkte sich der Schmerz, je intensiver sie nachdachte.

Also öffnete sie die Augen wieder und richtete ihren Oberkörper auf. Es klirrte metallisch, als sie sich bewegte. Sie sah nach unten und entdeckte voller Entsetzen, dass ihre Handgelenke von eisernen Schellen umschlossen wurden, die durch silberne, massiv wirkende Ketten mit einem Stahlring in der Wand verbunden waren. Sie hob die Hände näher vor ihre Augen, als könnten sich die Fesseln dadurch als Trugschluss herausstellen. Doch schon das laute Klirren, das sie dadurch erzeugte, bewies ihr, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Die Schellen und Ketten lösten sich partout nicht in Luft auf, sosehr sie sich das auch wünschte, und plötzlich konnte sie auch deutlich ihr Gewicht und die Enge um ihre Handgelenke spüren.

Die eisige Kälte der Todesangst griff nach ihrem Herzen, umschloss es mit knochigen Fingern und drückte in dem Augenblick zu, als ihr bewusst wurde, was das alles – die fremde Umgebung, der Kopfschmerz, die Erinnerungslücke und die Ketten – bedeuten musste.

»Aber wer …?«, fragte sie mit krächzender Stimme, ehe ein Hustenanfall sie verstummen ließ. Während sie hustete, löste jede einzelne Erschütterung ihres Körpers in ihrem gequälten Schädel weitere weißglühende Pfeile aus purem Schmerz aus, die in alle Richtungen flogen.

Aber als hätten die neuen Schmerzimpulse sie befreit, tauchten plötzlich Erinnerungen in ihr auf. Es waren allerdings ganz andere Erinnerungen, als sie erwartet und erhofft hatte. Sie erinnerte sich nämlich daran, dass vor ein paar Tagen eine junge Frau verschwunden und seitdem nicht mehr aufgetaucht war. Sie wohnte ganz in der Nähe von Fürstenfeldbruck und sah ihr sogar ein bisschen ähnlich. Beide hatten langes, hellblondes Haar und hübsche, ebenmäßige Gesichtszüge. Beide waren groß gewachsen und schlank. Sie hatte die andere zwar nicht gekannt, da sie in verschiedenen Orten wohnten und unterschiedliche Schulen besuchten, dennoch hatte ihr spurloses Verschwinden sie entsetzt und beunruhigt.

Sollte ihr nun dasselbe widerfahren sein und das gleiche Schicksal drohen wie der verschwundenen Frau, die nur ein knappes Jahr jünger war als sie.

»Aber wieso ausgerechnet ich?«

Es schien, als wären ihre Worte von jemandem vernommen worden und hätten in einem anderen Teil dieses Hauses eine Reaktion ausgelöst, denn plötzlich wurden direkt über ihr Geräusche laut. Stampfende Schritte ertönten, verharrten kurz, wurden dann lauter, nachdem vermutlich eine Tür geöffnet worden war, polterten anschließend Stufen herunter und kamen dann rasch näher.

Ihr Herz schlug mit jedem lauter werdenden Schritt der unbekannten Person schneller und heftiger, während es noch immer im eiskalten Griff ihrer furchtbaren Angst steckte. Denn selbst wenn sie denjenigen, der sich ihr näherte, gar nicht kannte, musste es sich doch um die Person handeln, die sie aus ihrem normalen Leben gerissen und an diesen albtraumhaften Ort gebracht hatte und nun hier gefangen hielt.

Als die Schritte schließlich unmittelbar vor der Tür zu ihrem Kellerverlies verstummten, hielt sie unwillkürlich die Luft an. Mit ängstlichem Blick und laut klopfendem Herzen starrte sie die geschlossene Tür an, die einzige Barriere, die nun noch zwischen ihr und ihrem Entführer lag.

Ein Schlüssel drehte sich im Türschloss. Dann wurde ein Riegel zurückgezogen. Die Tür öffnete sich mit einem nervenzerreißenden Quietschen. Es fuhr ihr durch Mark und Bein und hätte sie beinahe laut schreien lassen.

Beim Anblick des Maskierten, der den Kellerraum betrat, konnte sie sich allerdings nicht länger beherrschen. Sie schrie so laut und schrill, wie sie noch nie zuvor geschrien hatte. Doch ihr Schrei währte nur Sekunden, bevor der Vermummte nach vorn sprang und ihr ins Gesicht schlug. Nicht so fest, dass sie verletzt wurde oder das Bewusstsein verlor, aber doch fest genug, um ihr Schreien zu einem leisen Wimmern werden zu lassen.

»Endlich aufgewacht, Miststück?«, fragte der Maskierte, der eine bunte Clownsmaske und eine bis zum Boden reichende schwarze Kutte mit Kapuze trug, mit dunkler, rauer Stimme. Er legte seine behandschuhte, rechte Hand unter ihr schmales Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. »Dann können wir ja endlich anfangen, dir Schmerzen zuzufügen, die du für den kümmerlichen Rest deines kurzen, beschissenen Lebens nicht mehr vergessen wirst, damit du das, was du getan hast, endlich eingestehst und bereust.«

Durch die Augenschlitze konnte sie die Augen der Person sehen, die sie mitleidlos und zornig anfunkelten. Noch mehr als der Schlag ins Gesicht und die ganze Maskerade ließ sie dieser Blick frösteln und das Schlimmste befürchten …

2

Er grub wie ein Besessener. Der Schweiß lief ihm nicht nur übers Gesicht, sondern längst am ganzen Körper herunter und durchtränkte seine Kleidung. Er schwitzte und fröstelte zugleich, denn ein kühler Wind wehte durch die Bäume, unter denen er stand und grub, und brachte die Blätter zum Rascheln. In seinen Ohren klang es beinahe so, als unterhielten sich die Bäume flüsternd über ihn und das, was er hier tat.

Doch auf all diese Dinge achtete er nur am Rande. Denn viel mehr interessierte ihn die Erde unter seinen Füßen und das, was sie vermutlich enthielt.

Seine Bewegungen wurden immer hektischer, je größer das Loch wurde, das er aushob. Er achtete auch nicht darauf, ob jedes Mal genug Erde auf dem Blatt des Spatens war, damit sich die ruckartige, beinahe wütende Bewegung, mit der er die Erdbrocken hinter sich schleuderte, auch lohnte. Ihm kam es nicht darauf an, effektiv und kräftesparend zu graben und mit der ausgehobenen Erde neben dem Loch einen ordentlichen Haufen zu bilden. Ihm kam es einzig auf Schnelligkeit an. Er hatte es eilig, denn er wollte endlich Gewissheit haben, auch wenn er schon jetzt wusste, dass ihm die Gewissheit vor allem Kummer bereiten und Leid zufügen würde.

Obwohl er erst vor wenigen Minuten zu graben begonnen hatte, war die ungleichmäßige Grube unter seinen Füßen bereits knöcheltief. Längst schnappte er keuchend nach Luft, gönnte sich aber keine Pause. Ohne Unterlass grub er, als hinge sein Leben davon ab.

Und vielleicht war es ja auch so. Er war sich in dieser Hinsicht nämlich noch nicht sicher.

Was werde ich tun, wenn es tatsächlich wahr ist?, hatte er sich in den letzten Minuten mehr als einmal bang gefragt. Werde ich den Mut haben, die richtigen Konsequenzen aus dem, was ich finde, zu ziehen? Das Richtige zu tun? Das, was getan werden muss?

Er kannte die Antworten auf diese Fragen nicht. Vermutlich würde er sie erst wissen, wenn er fand, wonach er suchte. Falls es tatsächlich hier vergraben war. Denn noch war nichts sicher. Noch hatte er Hoffnung, dass es nur ein Irrtum war.

Die Arme wurden mit jedem Heben des Spatens schwerer. Seine Unterarmmuskeln verkrampften sich immer wieder aufgrund der ungewohnten Belastung durch die heftigen, ruckartigen Bewegungen. Außerdem schmerzte sein Rücken, weil der Griff des Spatens zu kurz war und er gebückt graben musste. Als die Krämpfe in den Unterarmen zu stark wurden, musste er doch eine kurze Pause einlegen. Er lehnte den Spatengriff gegen sein rechtes Bein, dessen Knie ebenso wie das andere vor Anspannung und Angst zitterte. Dann massierte er sich zuerst mit der linken Hand den rechten Unterarm und anschließend umgekehrt, bis sich die schmerzhafte Verkrampfung ein bisschen gelockert hatte.

Wie gut das tat, als der Schmerz nachließ. Zumindest was den körperlichen Schmerz betraf, denn den vermochte er halbwegs zu lindern. Im Gegensatz zu seinem seelischen Leid. Die Wunde, die sein Herz davongetragen hatte, war zu tief und zu schwer, als dass sie heilbar wäre. Und von dem, was hier vergraben lag, würde es abhängen, ob sie letzten Endes auch tödlich war.

Er legte den Kopf in den Nacken und gönnte sich noch ein paar weitere Augenblicke, um zu verschnaufen und wieder ein wenig zu Atem zu kommen. Durch vereinzelte Lücken im Laubwerk der Bäume, die ihn umgaben und überragten, konnte er den Nachthimmel sehen, der vom Mond erhellt wurde, der in dieser Nacht noch immer fast voll und rund war. Einzelne Strahlen schienen auch zwischen den Ästen hindurch auf ihn und den erdigen Untergrund, auf dem er stand und ein Loch aushob. Das Mondlicht war Beleuchtung genug, um ihn sein makabres Werk verrichten zu lassen. Die Taschenlampe, die er von zu Hause mitgebracht hatte, hatte er deshalb wieder eingesteckt, sobald er diesen Ort gefunden und erkannt hatte, was er verbarg.

Mach weiter!

Der mentale Befehl, den er sich selbst gab, setzte ihn gleichermaßen abrupt und ruckartig in Bewegung wie einen ferngesteuerten Roboter der Druck auf den Kontrollhebel. Er nahm den Spaten, atmete noch einmal tief durch und trieb das Blatt dann mit neuer Kraft tiefer als zuvor in die Erde. Er stöhnte leise, als er einen großen Erdbrocken anhob und zur Seite warf. Der Schweiß auf seinem Körper hatte nicht einmal Zeit gehabt, vollständig zu trocknen, da brach er ihm erneut aus.

Seine Bewegungen wurden immer verbissener. Er ahnte, dass er seinem Ziel nahe war. Er konnte es kaum erwarten, dass seine Mühen und die Ungewissheit ein Ende fanden, hatte gleichzeitig aber auch furchtbare Angst davor, genau das zu finden, was er befürchtete. Erneut trieb er die Spitze des Spatens besonders tief in die Erde, indem er mit dem rechten Fuß auf die Kante des Schaufelblatts trat und es in den Boden drückte. Als er den Stiel wie einen Hebel nach unten drückte, um die Erde zu lockern, ließ er sich im ersten Moment keinen Millimeter bewegen. Er befürchtete schon, der Spaten könnte feststecken, und wollte ihn herausziehen, da spürte er, wie die Erde doch noch unter dem Druck nachgab. Er hob den Erdbrocken, der schwerer war als alle bisherigen Ladungen, mit der Schaufel aus dem Loch und ließ ihn daneben zu Boden fallen.

Erneut musste er für einen Moment verschnaufen, bevor er weitergraben konnte. Er sah nach unten, um seinen Fortschritt zu begutachten. Seine letzten Bemühungen nach der Pause waren effektiver gewesen als das planlose, hektische Buddeln zuvor. Er hatte dadurch bereits ein knietiefes Loch geschaffen. Niklas sah, dass die Erde am Rand bröckelte und nach unten rieselte. Noch während er zusah, löste sich ein größerer Erdbrocken und purzelte zum Grund des Lochs. Und aus der Lücke, die dadurch an der Seitenwand des Lochs entstanden war, klappte wie ein makabrer Scherzartikel eine leichenblasse, menschliche Hand herunter.

Ihm stockte der Atem, während auch das hämmernde Herz in seiner Brust vor Schreck mehrere Schläge ausließ, ehe es in noch schnellerem Tempo weitergaloppierte. Er stöhnte leise, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu sein. Der Griff des Spatens entglitt seinen gefühl- und kraftlosen Fingern. Gleichzeitig gaben seine zitternden Knie unter dem Gewicht des Körpers nach und knickten ein. Er fiel auf die Knie, während er weiterhin wie gebannt auf den menschlichen Körperteil starrte, der so plötzlich, aber gleichzeitig nicht wirklich überraschend an diesem Ort zum Vorschein gekommen war.

Die Hand und der sichtbare Teil des Gelenks waren so weiß, dass sie im fahlen Licht des Mondes, das durch eine Lücke im Geäst auf sie fiel, beinahe zu leuchten schienen. Er hatte eine solche Hautfarbe noch nie bei einem Menschen gesehen. Allerdings hatte er auch noch nie eine echte Leiche zu Gesicht bekommen. Nur einige kreisrunde, dunkle Flecken auf der Handfläche, an den Spitzen mancher Finger und an den empfindlicheren Stellen zwischen den Fingern, die wie Brandmale aussahen, störten die ansonsten beinahe makellose Weiße. Das Handgelenk endete dort, wo es in den Unterarm mündete und in der Erde verschwand, und es sah auf den ersten Blick beinahe so aus, als wäre die Hand vom Rest des Körpers abgetrennt worden, der noch immer im Boden vergraben war. Das, was er vor sich sah, war nur ein kleiner Teil, der wie die Spitze eines Eisbergs aus der Erde ragte.

Er schauderte, als er zaghaft seine eigene rechte Hand in Richtung der leichenblassen Hand ausstreckte. Er schlotterte am ganzen Körper, und das nicht nur wegen der kühlen Brise, die den Schweiß auf seinem Körper trocknete und ihn frösteln ließ. Als seine eigenen, gut durchbluteten Fingerspitzen nur noch wenige Zentimeter von den blutleeren Fingern der Leiche entfernt waren, zuckte er unwillkürlich zurück.

»Nein!«, schalt er sich augenblicklich selbst und flüsterte dabei automatisch, als hätte er Angst, er könnte durch ein lautes Wort den Leichnam, dem die Hand gehörte, wieder zu gespenstischem Leben erwecken und dazu veranlassen, sich aus seinem kühlen Grab zu erheben. Er wusste natürlich, dass diese Vorstellung absurd war, und redete sich ein, er würde nur wegen der Nachbarn und des Grundstückseigentümers flüstern, die ansonsten auf sein Tun aufmerksam werden könnten. Dabei wusste er genau, dass dieser Ort ziemlich abgeschieden war und sie ihn um diese Uhrzeit vermutlich nicht einmal dann hören könnten, wenn er lauter sprechen würde. »Du musst es tun!«, fuhr er, noch immer wispernd, aber in beschwörendem Tonfall fort. »Du musst dir Gewissheit verschaffen!«

Auch wenn dich die Gewissheit umbringt?, fragte die Stimme der Vernunft in seinem Verstand, die an diesem Abend allerdings bislang kein Gehör gefunden hatte. Und auch in diesem Moment ignorierte er sie, so als hätte er die berechtigte Frage gar nicht gehört. »Du musst!«, sagte er noch einmal, diesmal ein wenig lauter, und griff beherzt nach der leblosen Hand, die vor ihm aus der Erde ragte.

Er hatte sofort erkannt, dass es sich um die rechte Hand der vergrabenen Person handelte. Als wollte er dem Leichnam die Hand schütteln und sich artig vorstellen, ergriff er sie mit seiner eigenen rechten Hand und zog einmal kräftig daran. Natürlich erhoffte er sich nicht, den Körper auf diese Weise aus der Erde ziehen zu können. Das war auch gar nicht seine Absicht. Allerdings gab der Arm, an dem die Hand hing, etwas nach, und ein weiteres Stück des Unterarms kam zum Vorschein. Dadurch gerieten weitere Erdklumpen in Bewegung, blätterten ab und purzelten nach unten.

Als er genauer hinsah, entdeckte er, dass durch seine Aktion nicht nur ein weiterer Teil des weißen, mit kreisrunden Brandmalen bedeckten Unterarms sichtbar geworden war, sondern auch ein Armband aus silbernen Kettengliedern, an denen mehrere Anhänger hingen.

Seine Hand zuckte zurück, als hätte er sich an einer heißen Herdplatte verbrannt. Er gab einen kurzen, teilweise unterdrückten Laut von sich, eine Mischung aus Stöhnen, Aufheulen und Schluchzen, und starrte gebannt auf das Armband. Auch ohne genauer hinzusehen oder die Anhänger zu zählen und zu untersuchen, wusste er, dass es sich um ein silbernes Bettelarmband handelte, an dem sieben kleine Symbole hingen. Es handelte sich um ein Kreuz, ein Herz, ein Kleeblatt, einen Schlüssel, einen Pilz, einen Engel und einen kleinen Eiffelturm. Symbole, Erinnerungen und Stationen eines Lebens, das nun unweigerlich beendet war.

Sein Blick verschleierte sich, als ihm Tränen in die Augen schossen. Doch das Bild des zierlichen, leichenblassen Handgelenks mit dem im Mondlicht glänzenden Armband hatte sich ohnehin längst unauslöschlich in sein Gedächtnis eingebrannt. Er schluchzte leise, während ihm die Tränen übers Gesicht liefen und sich dort mit dem Schweiß vermischten.

Er hob beide Arme, die Hände zu Fäusten geballt, und legte den Kopf in den Nacken. Mit tränenverschleiertem Blick starrte er zum Mond empor, der die Szene, die ein paar seiner Strahlen aus der Finsternis rissen, im Schutz des Astwerks schweigend beobachtete. Das leise Schluchzen verstummte, als er tief Luft holte, den Mund ganz weit aufriss und einen gellenden Schrei von sich gab, der wie das Heulen eines Wolfs klang und weithin hörbar durch die nächtliche Stille hallte. Ein paar Hunde in der Nähe wurden davon aufgeschreckt und erwiderten das Heulen, als wollten sie einen neuen Artgenossen in ihrer Mitte begrüßen …

3

Er beobachtete fasziniert die tanzenden Flammenzungen, die an der Fensterscheibe des Gebäudes vor ihm emporleckten, wieder in sich zusammensanken, als wollten sie neuen Anlauf nehmen, und schon im nächsten Augenblick noch höher und zahlreicher emporloderten. Durch das geschlossene Fenster war ihr Knistern und Knacken, mit dem das Feuer alles verzehrte, was in Reichweite war, um sich davon zu nähren und noch weiter zu wachsen, nur gedämpft zu hören. In seinen Ohren klang es allerdings beinahe so, als flüsterten die Flammen ihm etwas zu. Er legte den Kopf schief, konnte aber immer noch nicht verstehen, was sie ihm sagen wollten.

Trotz der Faszination, die das muntere Spiel der Flammenzungen in ihm auslöste, spürte er dennoch auch die Gefahr, die von ihnen ausging. Instinktiv wich er auf dem gepflasterten Innenhof mehrere Schritte zurück. Er sah zu den anderen Fenstern, von denen es ziemlich viele gab. Hinter den meisten in der unteren Reihe loderte bereits das Feuer. Hinter anderen war nur ein orangerotes Leuchten zu sehen. Die oberen Fenster waren hingegen noch dunkel.

In diesem Moment zersprang mit einem lauten Knall die Scheibe, durch die er die ersten Flammenzungen beobachtet hatte. Die enorme Hitze, die sich im Inneren des Gebäudes allmählich entwickelte, hatte das Glas bersten lassen. Frische Nachtluft wurde durch die Öffnung ins Innere gesaugt und fachte das Feuer noch mehr an. Nun loderten die Flammen durch das Loch im Fenster nach außen und nagten am Holz des Fensterrahmens. Das leise Knistern und Knacken, das ihm anfangs noch wie geflüsterte Worte erschienen war, war längst zu einem Brausen geworden, das mit jeder Sekunde weiter anschwoll, als türme sich hinter dem Haus eine tödliche Wasserwoge auf, die jeden Moment brechen und alles unter sich begraben und verschlingen würde.

Er wich noch weiter zurück, bis er neben einer Reihe von Garagen stand. Das Pflaster endete an dieser Stelle und wurde von ungemähtem Gras ersetzt, durch das sich ein Trampelpfad schlängelte. Hinter ihm waren Bäume und Büsche, doch er hatte nur Augen für das, was vor ihm geschah. Er knurrte voller Furcht, denn er verstand nicht, was in dem Haus geschah und was das alles zu bedeuten hatte. Am Anfang war das Spiel der Flammenzungen noch lustig gewesen, aber nun machte es ihm keinen Spaß mehr, sondern nur noch Angst, denn das Feuer wuchs mit jeder Sekunde und wurde zu einem riesigen, gefräßigen Ungetüm, das alles verschlingen würde, was in seiner Reichweite war.

Er wandte den Kopf, als in der Ferne ein jaulender, auf- und abschwellender Laut zu hören war, der allmählich immer lauter wurde, weil die Lärmquelle rasch näher kam. Er kannte dieses Geräusch. Er hatte es schon oft gehört und sofort die dazu passenden Bilder der Fahrzeuge vor Augen, die diese Töne von sich gaben, während sie durch die Straßen sausten.

Er ließ sich davon allerdings nur kurz ablenken und richtete sein Augenmerk und seine Aufmerksamkeit sofort wieder auf das brennende Haus vor ihm, als könnten die Flammen seine Abgelenktheit ansonsten ausnutzen und ihn anspringen, wenn er sie nicht scharf im Auge behielt.

Trotz all ihrer Gefährlichkeit, ihrer Unberechenbarkeit und ihrer Gier hatten die Flammen gleichzeitig auch etwas zutiefst Faszinierendes an sich. Und so verfolgte er wie hypnotisiert ihren tödlichen Tanz. Aus diesem Grund war er blind und taub für alles andere, was um ihn herum geschah, und spürte nicht die Gefahr, die gar nicht vom Feuer ausging, sondern sich ihm in diesem Augenblick aus einer ganz anderen, unerwarteten Richtung näherte.

Erst in dem Moment, als ihn eine kräftige Hand im Genick packte und hochhob, wurde er sich der Person bewusst, die sich von hinten an ihn herangeschlichen hatte. Doch da war es längst zu spät und aussichtslos, zu reagieren.

Die große, kräftige Gestalt legte die andere Hand um seinen Unterkiefer und riss seinen Kopf so heftig und abrupt zur Seite, dass die Wirbel in seinem Hals knirschend brachen.

Er kam nicht einmal dazu, einen einzigen Laut von sich zu geben, ehe er starb …

KAPITEL 1

1

Ein kühler, frühmorgendlicher Windstoß rüttelte an den Ästen der großen Eiche und ließ ihre Blätter rascheln, als wisperten sie einander Geheimnisse zu. Doch sosehr Kriminalhauptkommissar Franz Schäringer sich auch darauf konzentrierte, so hoffte er dennoch vergeblich darauf, sie würden ihm verraten, was letzte Nacht an diesem Ort geschehen war.

Nach Schäringers langjähriger Erfahrung als Kriminalbeamter der Mordkommission wurden Leichen sehr oft am frühen Morgen gefunden. Die Leute standen nichtsahnend auf, frühstückten – noch immer ohne das Bewusstsein, dass ihnen alsbald der Tag und möglicherweise sogar die ganze Woche versaut werden würde –, und kamen dann auf dem Weg zur Arbeit oder zu einer anderen Beschäftigung an einen Ort, wo sie ganz unvermittelt über einen Leichnam stolperten, der am Abend zuvor noch nicht dort gewesen war. Entweder hatte sich der oder die Verstorbene vor seinem oder ihrem Ableben selbst freiwillig oder unfreiwillig dorthin begeben. Oder er oder sie war von seinem oder ihrem Mörder vor oder nach der Tat aus irgendwelchen Gründen an diesen Ort gebracht worden. Schäringers Aufgabe war es dann zunächst einmal, mithilfe der Spurensicherung und der Gerichtsmedizin herauszufinden, welche der vorgenannten Alternativen zutraf, um dann für den Fall, dass es sich tatsächlich um ein Tötungsdelikt handelte, im zweiten Schritt den oder die Täter zu ermitteln. Das klang in der Theorie relativ einfach, war es in der Praxis allerdings nur selten.

Der Tote, auf den der Ermittler der Kripo Fürstenfeldbruck in diesem Moment starrte, bestätigte in dieser Hinsicht seine Erfahrungswerte. Er war am frühen Morgen dieses Tages unmittelbar nach Sonnenaufgang von einem Bauern gefunden worden. Dieser war mit seinem Traktor vorbeigekommen und hatte sich verwundert gefragt, warum jemand eine Vogelscheuche an einen Ast der eindrucksvollen, riesigen Eiche gehängt hatte, die hier schon seit Jahrhunderten stand und die Gabelung des Feldwegs markierte. Nachdem der schon recht betagte Landwirt von seinem Fahrzeug gestiegen war und festgestellt hatte, dass es sich gar nicht um eine Vogelscheuche, sondern um einen toten jungen Mann handelte, hatte er zunächst sein reichhaltiges Frühstück, das zum überwiegenden Teil aus eigenen Erzeugnissen bestanden hatte, von sich gegeben, bevor er sich wieder auf seinen fast ebenso betagten Traktor setzte und so schnell, wie es die alte Maschine hergab, zurück zu seinem Hof fuhr, von wo er sofort stammelnd die Polizei über den entsetzlichen Fund informierte.

Es war noch immer früh am Tag – Schäringers Armbanduhr stand auf zehn vor sieben – und trotz der Tatsache, dass es Ende Juni war, erstaunlich frisch. Der Kriminalbeamte fröstelte und zog unwillkürlich die Schultern hoch.

Obwohl der junge Mann schon vor gut anderthalb Stunden gefunden worden war und die ersten Einsatzkräfte vor einer Stunde hier eingetroffen waren, hing er noch immer am Baum. Da für ihn längst jede Hilfe zu spät kam, hatte es niemand eilig, ihn von dort herunterzuholen. Im Gegenteil, denn erst mussten alle Spuren an der Leiche, am Strick und auf dem Erdboden unmittelbar unter dem Toten gesichert werden, die ansonsten bei der Bergung zerstört werden konnten. Schließlich wusste momentan noch niemand mit letzter Gewissheit, ob es sich tatsächlich um einen Freitod handelte, wie es den Anschein hatte, oder ob jemand, der den jungen Mann umgebracht hatte, nur diesen Eindruck erwecken wollte, um den perfekten Mord zu begehen und mit seinem Verbrechen ungestraft davonzukommen. Für empfindlichere Gemüter mochte es befremdlich erscheinen, einen menschlichen Leichnam so lange hängen zu lassen. Bei der Polizeiarbeit war für derartige Sentimentalitäten allerdings kein Raum. Alle, die sich in diesem Moment in unmittelbarer Nähe des Tatorts befanden, konzentrierten sich darauf, ihren Job zu erledigen. Und der bestand in erster Linie darin, anhand der Leiche und eventueller Spuren herauszufinden, was hier geschehen und wie es dazu gekommen war, dass der Junge jetzt am Baum hing. Schließlich konnte ihnen der einzige Tatbeteiligte, der zum gegenwärtigen Zeitpunkt greifbar war, nichts mehr darüber erzählen, weil er das Opfer und darüber hinaus mausetot war. Und falls er sich nicht selbst und aus freiem Willen an diesem einsamen Ort erhängt hatte, mussten sie ermitteln, wer dafür die Verantwortung trug, damit der Täter bestraft wurde, weil er gegen eins der zehn göttlichen Gebote und eine der elementarsten Regeln des menschlichen Zusammenlebens verstoßen hatte: Du sollst nicht töten! Schon ein einziger Fehler bei der Sicherung der Spuren konnte dazu führen, dass der wahre Täter nie ermittelt und gefasst wurde und – möglicherweise angestachelt von seinem Erfolg – erneut zuschlug. Aus diesem Grund arbeiteten die Mitarbeiter der Abteilung Spurensicherung und -auswertung unter der Leitung von Schäringers Kollegen Christian Krautmann lieber etwas langsamer, aber dafür umso sorgfältiger. Und wenn das im Endeffekt bedeutete, dass der Leichnam eine Viertelstunde länger an seinem Strick baumelte, dann musste das eben im Dienst der Wahrheitsfindung in Kauf genommen werden. Schäringer war sich sicher, dass die Seele des Toten dort, wo sie sich jetzt befand, vermutlich am wenigsten Anstoß daran nahm. Sie dürfte sogar viel eher daran interessiert sein, dass ihr Tod aufgeklärt und – falls es sich dann doch um Mord handelte – gesühnt wurde.

Die Mitarbeiter der Spurensicherung mussten ihre Arbeit in der unmittelbaren Umgebung der Leiche abgeschlossen haben, denn sie machten sich nun daran, den Leichnam zu bergen. Einer der Männer, die einen hellgrauen Einmal-Overall mit übergezogener Kapuze und der Rückenaufschrift Polizei trugen, stieg auf eine Aluminium-Leiter, die man neben dem sachte hin und her pendelnden Leichnam aufgerichtet und gegen den dicken Ast gelehnt hatte, um den auch der Strick gebunden war, an dessen unterem Ende der Tote hing. Der Beamte schnitt den Strick an der Oberseite des Astes durch, um die Knoten nicht zu zerstören. Denn falls es sich um Mord handelte und der Mörder die Knoten geknüpft hatte, konnten sie unter Umständen wichtige Hinweise auf seine Person liefern. Zwei Kollegen des Mannes auf der Leiter, die unter dem Leichnam standen, nahmen diesen in Empfang, als er, seines Haltes beraubt, nach unten plumpste, und legten ihn erstaunlich behutsam und rücksichtsvoll auf den Boden.

Schäringer beobachtete, wie der Gerichtsmediziner Dr. Mangold, der ungeduldig am Rand des von der Spurensicherung untersuchten Bereichs darauf gewartet hatte, dass er endlich in Aktion treten konnte, zu dem Toten ging. Er ließ sich neben ihm in die Knie sinken, stellte seine Arzttasche ab und begann mit der ersten Untersuchung.

Schäringer gähnte hinter vorgehaltener Hand, denn er war noch immer etwas müde, nachdem der Anruf des diensthabenden Kollegen vom Kriminaldauerdienst ihn vor seiner üblichen Zeit aus dem Bett geholt hatte. Er sah sich um, um sich ein Bild von der Umgebung zu machen, und drehte sich dabei einmal um die eigene Achse.

Die Stelle, an der sich der Feldweg gabelte, befand sich im Süden der Ortschaft Landsberied, die etwa 20 Kilometer westlich von Fürstenfeldbruck lag. Die Eiche war der einzige größere Baum weit und breit und stand zwischen den beiden Ästen der Weggabelung, die beide nach Süden führten, wo in einem Kilometer Entfernung der Fürstenfelder Wald begann. Der eindrucksvolle Baum war mindestens 20 Meter hoch, und der Stamm besaß einen Durchmesser von ungefähr 5 Metern. Schäringer schätzte daher, dass die Eiche schon an die 400 Jahre alt sein konnte. Unter den ausladenden Ästen des Baums stand eine Holzbank, auf der sich müde Spaziergänger ausruhen konnten. Daneben befand sich ein hölzernes Marterl, wie Wegekreuze in Bayern genannt werden, die meist aufgrund eines Gelübdes aus Dankbarkeit wegen der Rettung aus einer großen Notlage, beispielsweise Krieg, Krankheit oder Seuche, gestiftet und errichtet worden waren. Außer der Eiche, der Bank und dem Marterl gab es hier im Umkreis von mindestens einem Kilometer nichts Augenfälliges, denn rechts und links der Feldwege lagen nur Äcker mit unterschiedlicher Bepflanzung und in verschiedenen Reifestadien.

Die Fahrzeuge all derjenigen, die an diesem Morgen ausschließlich aus beruflichen Gründen den Weg an diesen Ort gefunden hatten, der um diese Zeit ansonsten vermutlich ebenso einsam und verlassen gewesen wäre wie ein Mondkrater, nun aber nahezu überlaufen wirkte, waren allesamt ordentlich auf einer Seite des Feldwegs abgestellt worden, auf dem Schäringer stand und der von Landsberied zur Gabelung führte. Es handelte sich um zwei Streifenwagen, den Kleintransporter der Spurensicherung und einen Leichenwagen des örtlichen Bestatters, in dem der Tote weggebracht werden würde, sobald Dr. Mangold die Untersuchung beendet und die Leiche zum Abtransport freigegeben hatte. Der Fahrer und der Beifahrer standen neben ihrem Fahrzeug, dessen Heckklappe bereits erwartungsvoll offen stand und einen Blick auf den leeren Transportsarg auf der Ladefläche erlaubte, warteten auf ihren Einsatz und unterhielten sich. Einer der Männer rauchte eine Zigarette und trank aus einer Flasche zuckerarme Cola, während der andere sich eine Butterbreze schmecken ließ. Hinter dem Leichenwagen standen vier zivile Fahrzeuge. Schäringer kannte die beiden vorderen, bei denen es sich um den Dienstwagen von Christian Krautmann, dem Leiter der Abteilung Spurensicherung und -verwertung, und das Privatfahrzeug von Dr. Mangold, einen relativ neuen Mercedes SLK 250 Roadster, handelte, und das letzte Fahrzeug, den BMW, mit dem sein Kollege und er wieder einmal als Letzte zum Tatort gekommen waren. Das Fahrzeug unmittelbar vor ihrem Dienstwagen, ein weiterer BMW 316i, kannte er allerdings nicht.

»Wem gehört eigentlich der BMW vor unserem?«, fragte er deshalb seinen Kollegen, Kriminalkommissar Lutz Baum, der neben ihm stand. Baum bekam um diese Tageszeit üblicherweise kaum die Augen auf und hielt sich deshalb, um nicht umzukippen, an einem riesigen Becher Kaffee fest, den er von zu Hause mitgebracht hatte, wo Schäringer ihn vor knapp fünfundzwanzig Minuten persönlich abgeholt hatte, damit er nicht wieder erst dann am Tatort eintrudelte, wenn alle anderen schon einpackten und die Leiche längst in einem Sektionsraum der Gerichtsmedizin lag.

Die beiden Kriminalbeamten der Mordkommission, die nun schon seit 6 Jahren zusammenarbeiteten, waren sehr unterschiedlich, sowohl im Hinblick auf ihre körperliche Erscheinung als auch hinsichtlich ihres Charakters. Schäringer war ein Meter neunzig und sehr schlank, wodurch er noch größer wirkte. Er besaß trotz seiner 57 Lebensjahre noch immer dichtes, aschblondes Haar mit nur wenigen Spuren von Grau. Der 38-jährige Baum war hingegen mittelgroß und wirkte neben seinem Kollegen sogar noch kleiner. Er hatte kurz geschnittenes, lockiges, karottenrotes Haar und neigte aufgrund seiner Vorliebe für reichhaltige Mahlzeiten, Süßigkeiten zwischen den Mahlzeiten und schlechten Automatenkaffee zwischen den Mahlzeiten und den Süßigkeiten und einer damit einhergehenden Abneigung für jegliche Form der körperlichen Ertüchtigung zum Übergewicht, was sich vor allem im Bereich von Bauch und Hüften und in seinem rosigen Gesicht zeigte. Auf dem rechten Handrücken hatte Baum eine drei Zentimeter lange, weiße Narbe, ein Andenken an einen früheren Fall, an den er nur ungern erinnert wurde, als er sich an den Scherben einer zerbrochenen Terrariumtür geschnitten hatte. Von dem Biss der harmlosen Kornnatter, den er sich bei dieser Gelegenheit ebenfalls zugezogen und von dem er geglaubt hatte, er würde ihn sein junges Leben kosten, war hingegen nichts mehr zu sehen. Baum bevorzugte Markenkleidung und trug an diesem Tag eine Boxy-Powell-Jeans von Jack & Jones, einen in den Farben Schwarz und Weiß quergestreiften Pullover mit V-Ausschnitt von Bruno Banani und Slipper von Hush Puppies. Über dem Pulli trug er seine obligatorische schwarze Lammlederjacke von Just Cavalli, ohne die er nicht aus dem Haus ging. Die Jacke allein hatte mehr gekostet als Schäringers komplette Garderobe, der auch an diesem Tag einen seiner gewohnten 2-teiligen Anzüge trug, die er vor ein paar Jahren in den Farben braun, mittelgrau, mitternachtsblau und schwarz bestellt hatte. Heute war der braune Anzug an der Reihe, dazu ein weißes Hemd, eine beigefarbene, schmale Krawatte und schwarze Schnürschuhe. Schäringer liebte komplizierte Fälle voller Rätsel, die ihn vor intellektuelle Herausforderungen stellten. Er dachte gern um die Ecke und versuchte stets, alle Begleitumstände eines Falles einschließlich zunächst nebensächlich erscheinender Details gleichzeitig im Auge zu behalten und miteinander in Verbindung zu bringen. Baum war hingegen der Meinung, sein Kollege würde zu kompliziert denken und sich trotz seiner Erfolge zu leicht und zu oft in Nebensächlichkeiten verrennen. Er selbst konzentrierte sich bei ihren Ermittlungen daher vor allem aus Bequemlichkeit lieber auf das Wesentliche und sah ungern über den Rand des Tellers, auf dem er saß, hinaus. Aber trotz oder vielleicht sogar gerade wegen all ihrer Gegensätzlichkeiten bildeten sie im Großen und Ganzen ein harmonisches und erfolgreiches Team.

»Hä?«, fragte Baum, nachdem er sich in Zeitlupe zu Schäringer umgewandt hatte, und sah ihn mit verschlafenem Gesichtsausdruck und aus Augen, die er gerade einmal zu schmalen Schlitzen öffnen konnte, ratlos an. »Was ist mit unserem BMW?«

»Nicht mit unserem. Ich meine den Wagen, der vor unserem steht. Weißt du zufällig, wem der gehört?«

Baum drehte sich schwerfällig in die andere Richtung und sah zu der Reihe von Fahrzeugen zurück. Er blinzelte, nahm einen Schluck aus dem halbvollen Becher in seiner Hand und sagte dann: »Ist das nicht der Wagen vom Bauer.«

»Vom Bauern? Meinst du etwa den, der die Leiche gefunden hat? Ich dachte, der wäre mit dem Bulldog gekommen und wieder auf seinen Hof zurückgefahren, nachdem er die Eiche mit seinem Frühstück gedüngt hatte.«

»Nicht von dem Bauern, sondern vom Bauer«, korrigierte Baum und wandte sich wieder Schäringer zu. »Ich meine unseren lieben Kollegen vom Kommissariat für Vermisstenfälle. Der heißt Bauer.«

»Vermisstenfälle?« Schäringer runzelte die Stirn. Er sah wieder zur Eiche, unter deren Blätterdach sich die meisten der übrigen Anwesenden versammelt hatten, und sah sich die Personen noch einmal der Reihe nach an. Uniformierte Beamte, Mitarbeiter der Spurensicherung in ihren Overalls und mittendrin als einzige Person in Zivil der Rechtsmediziner Dr. Mangold, der noch immer mit der Untersuchung der Leiche beschäftigt war. Sonst war niemand zu sehen. Doch dann, als hätte allein die Nennung ihres Namens sie heraufbeschworen wie einen übellaunigen Flaschengeist, kam eine weitere Person hinter dem dicken Stamm des Baumes hervor, der sie bislang vor Schäringers Blicken verborgen hatte, und trat in sein Blickfeld. »Du hast recht, Lutz, das ist tatsächlich der Bauer von der Vermisstenabteilung.«

Schäringer mochte den Kollegen, der für vermisste Personen zuständig war, nicht besonders, auch wenn er sich bei zufälligen Begegnungen bemühte, sich seine Abneigung nicht zu deutlich anmerken zu lassen. Bauer galt als krankhaft ehrgeizig und unkollegial. Als vor sechs Jahren Schäringer vorheriger Kollege in der Mordkommission auf eigenen Wunsch zur Kripo nach München gewechselt war und die frei gewordene Stelle neu besetzt werden musste, hatte sich auch Bauer darum beworben, der in der Position vermutlich vor allem ein Sprungbrett sah, auf dem er sich durch die Aufklärung spektakulärer Mordfälle auszeichnen und so für höhere Aufgaben innerhalb des bayrischen Polizeiapparates empfehlen konnte. Schäringer, der bei der Auswahl seines zukünftigen Mitarbeiters ein entscheidendes Wörtchen mitreden durfte, entschied sich allerdings gegen Bauer und stattdessen für den jüngeren Kriminalkommissar Lutz Baum aus der Abteilung für Einbruchs- und Kfz-Kriminalität. Er hielt Baum nicht nur für kompetenter und fachlich geeigneter, sondern war auch der Ansicht, sie würden besser zueinanderpassen und miteinander auskommen und sich in der täglichen Zusammenarbeit möglicherweise sogar ergänzen. Und bis zum heutigen Tag hatte er auch noch keinen Grund gehabt, die damalige Entscheidung in irgendeiner Weise zu bereuen – wenn man einmal von Baums ungesunder Vorliebe für den grässlichen Automatenkaffee aus der Kriminalpolizeiinspektion absah. Bauer hatte Schäringer die Ablehnung allerdings nie verziehen und hegte seitdem einen Groll gegen Schäringer und Baum im Speziellen und die Mordkommission im Allgemeinen.

Baum sah in die Richtung, in die Schäringers Blick gerichtet war. »Aber was hat der Bauer hier überhaupt zu suchen? Handelt es sich bei dem Toten etwa um einen seiner Vermisstenfälle?«

»Am schnellsten finden wir das vermutlich heraus, wenn wir zu ihm gehen und ihn fragen.«

»Wenn’s unbedingt sein muss«, murmelte Baum mit einem Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen, ehe sie sich auf den Weg machten, um mit dem ungeliebten Kollegen zu reden. Wenigstens wirkte er jetzt schon entschieden wacher als fünf Minuten zuvor.

2

Als sie den Feldweg verließen und unter das Blätterdach der Eiche traten, wurden die beiden Beamten der Mordkommission von den Anwesenden begrüßt und erwiderten die Grüße. »Ich komm gleich zu dir, dann unterhalten wir uns«, sagte Schäringer zu Christian Krautmann von der Spurensicherung. Dann gesellten sie sich zu Stefan Bauer, der mit verschränkten Armen neben dem Stamm des Baumes stand und mit ausdrucksloser Miene dem Gerichtsmediziner bei seiner Arbeit zusah. In der rechten Hand hielt er zwei Beweismittelbeutel aus transparenter Plastikfolie.

Zunächst sah es so aus, als hätte er die Ankunft der beiden Kollegen von der Mordkommission gar nicht bemerkt, so konzentriert beobachtete er, was Dr. Mangold tat. Als diese aber keine Anstalten machten, wieder zu gehen und ihn in Ruhe zu lassen, hob er geradezu widerwillig den Blick und sah zuerst Schäringer und dann Baum abschätzig an. »Sieh an, die Kollegen von der Abteilung Mord und Totschlag sind also auch schon da.«

Bauer war Mitte vierzig, von durchschnittlicher Statur und durchschnittliche eins einundachtzig groß. Er hatte kurzes und in der Mitte gescheiteltes, hellbraunes Haar und einen Zehntagebart. Er war leger gekleidet, trug eine ausgewaschene, hellblaue Jeans, ein weißes T-Shirt und darüber ein hellblaues Jeanshemd im Western-Style. Seine Füße steckten in beigen Freizeitschuhen von Adidas.

Schäringer erinnerte sich, dass der Kriminaloberkommissar seit Neuestem nicht nur für Vermisstenfälle zuständig, sondern auch Leiter einer Sonderkommission war, die vorgestern eingerichtet worden war, nachdem innerhalb weniger Tage zwei junge Frauen spurlos verschwunden waren. Die erste war die siebzehnjährige Nadine Blume. Sie wohnte in der Gemeinde Emmering, die im Osten an das Stadtgebiet von Fürstenfeldbruck grenzte, und besuchte die elfte Klasse des Graf-Rasso-Gymnasiums. Sie war vor acht Tagen auf dem Heimweg vom Nachmittagsunterricht gewesen, allerdings nie zu Hause angekommen und seitdem nicht wieder aufgetaucht. Und vor zwei Tagen war eine weitere Schülerin verschwunden. Die achtzehnjährige Nele Schumacher aus dem Ortsteil Buchenau ging aufs Viscardi-Gymnasium. Sie war mit Schulfreunden abends beim Pizzaessen gewesen, bevor auch sie spurlos verschwand. Gemeinsam war beiden jungen Frauen nicht nur, dass sie etwa im gleichen Alter waren und aufs Gymnasium gingen, sie waren auch bildhübsch und sahen sich sogar ein bisschen ähnlich. Beide hatten langes und sehr helles, blondes Haar und waren groß und schlank. Nach Neles Verschwinden wurde daher eilig eine Sonderkommission eingerichtet, die sich auf die Suche nach den beiden Frauen konzentrierte. Und Stefan Bauer wurde kurzerhand zum Leiter der Soko ernannt.

»Morgen, Kollege Bauer«, grüßte Schäringer, ohne auf die Bemerkung des anderen einzugehen. Er wollte kein frisches Öl ins Feuer gießen, sondern war nur hier, um seine Arbeit zu erledigen, so gut es ihm möglich war. Persönliche Animositäten hatten dabei seiner Meinung nach nichts zu suchen. »Was hat Sie denn hierher verschlagen?«

»Sie müssen sich verirrt haben, Bauer«, sagte Baum und deutete auf den Toten. »Das da ist eindeutig ein Kerl und keins Ihrer verschwundenen Mädchen. Nach denen sollten Sie lieber woanders suchen. Aber was soll’s? Jeder kann sich mal täuschen.«

»Morgen, Schäringer. Ist Ihr Schoßhündchen eigentlich immer so bissig?«

Schäringer zuckte mit den Schultern. »Nicht immer. Aber wenn wir so früh am Tag schon unsere erste Leiche zu Gesicht bekommen, läuft er zur Hochform auf.«

Baum grinste Bauer frech an, knurrte und machte: »Wuff!«

»Aber um noch einmal auf meine Frage zurückzukommen«, sagte Schäringer. »Was suchen Sie denn nun wirklich hier?«

»Dasselbe wollte ich eigentlich Sie fragen.«

Schäringer runzelte die Stirn und sah Bauer fragend an. »Warum mein Kollege und ich hier sind, dürfte sich ja wohl von selbst erklären. Schließlich liegt da drüben für jedermann sichtbar eine männliche Leiche, die kurz zuvor noch an einem Strick an diesem eindrucksvollen Baum hing. Obwohl die äußeren Umstände klar für einen Suizid sprechen, sind die tatsächliche Ursache und die genaueren Umstände des Todeseintritts vor der Untersuchung des Leichnams durch den Gerichtsmediziner und der Würdigung der gefundenen Beweise gleichwohl unklar. Eindeutig ist bislang nur, dass es sich um keinen natürlichen Tod handelt. Wir sind somit hier, um die Todesermittlungen durchzuführen und zu prüfen, ob es sich tatsächlich um einen Freitod handelt oder ob eine andere Person für das Ableben des jungen Mannes verantwortlich ist. Solange also nicht mit hundertprozentiger Sicherheit feststeht, dass er sich selbst und aus freien Stücken umgebracht hat, ist und bleibt das ein Fall für die Mordkommission. Und nachdem ich mein Sprüchlein aufgesagt habe, sind Sie mit Ihrem an der Reihe, Bauer. Was tun Sie hier? Hat der junge Mann etwas mit den Ermittlungen der Soko zu tun?«

Bauer nickte. »Das hat er tatsächlich, Schäringer. Sie und Ihr Hündchen können sich also gleich wieder in Ihr Auto setzen und zurück ins Büro fahren, denn das hier ist ein Fall für meine Soko.«

»Wenn er noch einmal Hündchen zu mir sagt, pinkle ich ihm ans Bein. Darf ich?«

»Von mir aus«, sagte Schäringer. »Aber vorher erklären Sie mir mal, warum das kein Fall für die Mordkommission sein soll, Bauer, und woher Sie diese Erkenntnis haben. Stammt sie etwa von den Dingen, die Sie in diesen Beweismitteltüten mit sich herumtragen?«

»In der Tat. Sie waren ja schon immer ein ganz Schlauer, Schäringer. Am besten sehen Sie es sich selbst an.« Er reichte Schäringer eine der Beweismitteltüten, in der sich ein Stück Papier befand.

»Was ist das?«, fragte Schäringer. »Ein Abschiedsbrief?«

Baum trat nach einem feindseligen Blick auf Bauer näher an seinen älteren Kollegen, um ebenfalls einen Blick auf das durch die Kunststoffhülle geschützte Beweisstück werfen zu können.

»Nicht direkt ein Abschiedsbrief«, sagte Bauer. »Allerdings so gut wie. Aber in meinen Augen ist es vor allem ein lupenreines Geständnis dieses Burschen, was das Verschwinden und die wahrscheinliche Ermordung von Nadine Blume angeht.«

»Sie meinen also, dass er der Entführer der beiden Schülerinnen ist und sie auch schon getötet hat?«

Bauer nickte mit grimmiger Miene. »Lesen Sie doch selbst, was er geschrieben hat.«

Schäringer folgte der Aufforderung und konzentrierte sich auf das Schriftstück in seiner Hand. Es handelte sich um ein kariertes Blatt Papier im Format DIN-A5, das an einer Seite einen unregelmäßigen, ausgefransten Rand aufwies, weil es augenscheinlich aus einem Heft oder einem Notizbuch herausgerissen worden war, und mehrere Knickstellen besaß, wo es ursprünglich mehrfach gefaltet gewesen war. Auf eine Seite des Blattes hatte jemand mit blauem Kugelschreiber in großen Druckbuchstaben, die mehrere Kästchen hoch waren, folgende Worte geschrieben:

BLÜMCHEN IST VERSCHWUNDEN, UND ICH BIN SCHULD!

ICH HAB SIE AUF DEM GEWISSEN!

ES TUT MIR ALLES SO LEID!

WAS SOLL ICH NUR TUN?

Die dicken Linien, aus denen die einzelnen Buchstaben bestanden, waren mehrfach nachgezeichnet worden, sodass sie sich sehr tief in das Papier eingedrückt und dieses teilweise sogar aufgerissen hatten.

»Klingt mir allerdings weder nach einem eindeutigen Abschiedsbrief noch nach einem lupenreinen Geständnis«, sagte Schäringer. »Schließlich kündigt der Schreiber in keiner Weise unmissverständlich an, sich selbst zu töten, sondern fragt nur, was er tun soll. Außerdem steht auch nirgendwo explizit, dass er das Mädchen – mit Blümchen ist vermutlich das erste Entführungsopfer Nadine Blume gemeint – entführt und umgebracht hat. Falls das Ganze überhaupt von diesem jungen Mann hier stammt. Aber um das zu klären, muss die Schrift erst mit einer Schriftprobe von ihm verglichen werden. Wenn Sie mir also nichts Eindeutigeres vorlegen können, Kollege, werden wir bestimmt nicht unverrichteter Dinge ins Büro zurückkehren, sondern hier, wie geplant, unseren Job erledigen und die Todesermittlungen durchführen.«

»Vielleicht überzeugt Sie das hier mehr«, sagte Bauer und hielt den zweiten Beweismittelbeutel hoch, sodass Schäringer und Baum seinen Inhalt erkennen konnten.

»Was ist das?«, fragte Baum. »Ein Armband?«

»Ihr Schützling kann ja tatsächlich mehr als nur kläffen und Bäume anpinkeln, Schäringer. Das ist tatsächlich ein Armband, genauer gesagt ein Bettelarmband oder auf Englisch charm bracelet. An die Kettenglieder werden kleine Anhänger oder charms gehängt, die Symbole darstellen und ganz unterschiedliche Bedeutungen haben können: Glücksbringer, Glaubenszeichen oder auch zur Erinnerung an bestimmte Orte oder Personen. Der Name kommt vermutlich daher, dass man sich die Symbole ursprünglich erbettelt hat.«

»Ich vermute mal«, sagte Schäringer, »dass es nicht dem jungen Mann, sondern eigentlich Nadine Blume gehörte.«

»Damit liegen Sie goldrichtig. Und auch mit Ihrer anderen Vermutung von vorhin haben Sie übrigens ins Schwarze getroffen. Nadine Blume wurde von ihren Freundinnen und Freunden Blümchen genannt.«

»Und das hatte der Tote bei sich?«, fragte Baum und deutete mit dem Zeigefinger auf das Bettelarmband in der Tüte.

»Ja. Jemand von der Spurensicherung fand es zusammen mit dem Zettel in einer Hosentasche.«

»Trug Nadine Blume das Bettelarmband auch am Tag ihres Verschwindens?«, fragte Schäringer.

»Nach Aussage ihrer Angehörigen und Freundinnen trug sie es jeden Tag. Wir gehen daher davon aus, dass sie es auch anhatte, als sie verschwand.«

»Dann gibt es zumindest einen Zusammenhang zwischen dem jungen Mann und dem Verschwinden des Mädchens«, räumte Schäringer ein, um sofort zu ergänzen: »Aber mehr auch nicht. Und solange nicht hundertprozentig feststeht, dass der Junge sich selbst erhängt hat, ergibt sich auch nicht der geringste Zweifel an der Zuständigkeit der Mordkommission, um die exakte Ursache und die Umstände seines Todes aufzuklären.«

»Dann führen Sie und Ihr …«, Bauer sah Baum abschätzig von oben bis unten an, »… Lakai von mir aus Ihre Todesermittlungen durch. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass dieser Typ hier mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die beiden Mädchen entführt und getötet hat. Damit ist das in erster Linie ein Fall für mich und die Soko. Kommen Sie mir also besser nicht in die Quere.«

»Korrekt müsste es eigentlich heißen: ein Fall für die Soko und mich«, sagte Baum. »Der Esel nennt sich eben immer zuerst. Aber das würde Ihnen natürlich gut in den Kram passen, Bauer, nicht wahr? Kaum sind Sie zwei Tage Leiter der Soko, schon können Sie den Medien und der Öffentlichkeit den Täter präsentieren, auch wenn es letztendlich gar nicht Ihr Verdienst war. Und jetzt wollen Sie sich natürlich von niemandem die Butter vom Brot nehmen und Ihren großen Ermittlungserfolg streitig machen lassen, nicht wahr? Dieser Mann will auf Teufel komm raus Karriere machen, Franz.«

»Mag sein, dass du recht hast, Lutz. Aber das interessiert mich alles nicht«, sagte Schäringer. »Mir geht es nur darum, dass wir ungestört unsere Arbeit erledigen können. Falls der junge Mann sich tatsächlich selbst umgebracht hat, finden wir das bald heraus und sind hier schnell fertig. Dann gehört er wieder ganz Ihnen, Bauer, und Sie können mit dem Fall machen, was Sie wollen. Aber bis es so weit ist, bleibt das unser Fall. Und falls er sich doch nicht selbst aufgehängt hat, sondern umgebracht wurde, um einen Mord zu vertuschen und ihm gleich noch die Entführung und Ermordung der Mädchen in die Schuhe zu schieben, was meiner Meinung nach durchaus in Betracht zu ziehen ist, dann werden wir weiter ermitteln und alles daransetzen, den Mörder zu finden. Also geben Sie mir schon den Beutel mit dem Armband, Bauer. Ich werde die Beweise dem Leiter der Spurensicherung übergeben, damit sie kriminaltechnisch untersucht werden können.«

Für einen Moment sah es ganz so aus, als wollte Bauer sich weigern. Seine Finger schlossen sich noch fester um die obere Hälfte der Beweismitteltüte, sodass seine Knöchel weiß wurden. Er biss die Zähne so fest aufeinander, dass Schäringer glaubte, er könnte sie leise knirschen hören. Dann verzog Bauer jedoch das Gesicht und zeigte ein falsches Grinsen, bevor er sagte: »Na gut, Schäringer, für den Moment haben Sie vielleicht gewonnen, weil es momentan tatsächlich noch Ihr Fall ist. Aber sobald Sie feststellen, dass diese kleine Drecksau, die zwei junge Frauen ermordet hat, sich tatsächlich durch einen feigen Selbstmord seiner Festnahme und Verurteilung entzogen hat, erwarte ich, dass Sie mir augenblicklich alle Unterlagen und Beweise übergeben.«

»Selbstverständlich«, sagte Schäringer, ohne eine Miene zu verziehen, und griff nach dem Beutel mit dem Bettelarmband. »Darf ich?«

Bauer ließ los, sodass Schäringer das Beweisstück an sich nehmen konnte, wandte sich wortlos ab und marschierte davon.

»Wuff, wuff!«, rief ihm Baum hinterher und grinste schadenfroh.

Ohne sich von jemandem zu verabschieden, ging Bauer zu seinem Wagen und stieg ein.

»Der Arsch soll bloß aufpassen, dass er beim Ausparken nicht gegen unser Auto fährt!«, sagte Baum und beobachtete mit Argusaugen, wie der verhasste Kollege aus der Lücke fuhr, seinen Wagen auf dem schmalen Feldweg wendete und davonbrauste. »Dem haben wir’s aber gegeben, Franz!«

»Wozu auch immer diese Diskussion gut war?«, sagte Schäringer und seufzte. »Aber wenigstens können wir jetzt anfangen, ungestört unsere Arbeit zu machen. Also komm und lass uns mal ein Wörtchen mit Krautmann reden.«

3

»Was sollte denn das gerade?«, fragte Christian Krautmann, der Leiter der Abteilung Spurensicherung und -verwertung, als Schäringer und Baum sich zu ihm gesellten. Er verstaute eine leere Bierdose, die er in der Nähe der Holzbank gefunden und mithilfe einer Pinzette aufgehoben hatte, in einer Kunststofftüte, auf der er in seiner gewohnt krakeligen Schrift alle notwendigen Daten notierte.

»Nur das übliche Kompetenzgerangel eines überehrgeizigen Kollegen«, antwortete Schäringer und übergab Krautmann die beiden Beweismittelbeutel, die er von Bauer bekommen hatte. »Hier. Mit freundlichen Grüßen von Kriminaloberkommissar Stefan Bauer und verbunden mit der Bitte um kriminaltechnische Untersuchung. Bauer sagte, dass ihr das Papier und die Kette in der Hosentasche des Toten gefunden habt.«

»Das stimmt«, sagte Krautmann, bückte sich und verstaute alle Beweismitteltüten in einem Pappkarton, der am Boden stand und bereits zur Hälfte gefüllt war. Dann richtete er sich wieder auf, schob mit dem Ballen seiner rechten Hand, die in einem Einweghandschuh steckte, die randlose Brille wieder nach oben, die beim Bücken heruntergerutscht war. Durch die Gläser sahen seine stets etwas angriffslustig funkelnden Augen unter den dünnen, schwarzen Brauen noch größer aus. Er hatte einen runden Kopf, der jedes Jahr mehr an einen Ball erinnerte, weil sein dunkles Haar immer lichter wurde, obwohl er sich bemühte, durch geschickte, aber letztendlich untaugliche Kämmtechniken die ständig größer werdende Kahlstelle auf seinem Kopf zu kaschieren. Krautmann liebte guten Wein, was er mit Schäringer gemeinsam hatte. Die Vorliebe für einen guten Tropfen hatte dafür gesorgt, dass sie sich nicht nur beruflich trafen, seit beide etwa zur selben Zeit bei der Kripo Fürstenfeldbruck angefangen hatten, sondern gelegentlich auch privat miteinander verkehrten. Krautmann und seine Frau waren Verehrer sogenannter Bollywood-Filme, die in Indiens Metropole Mumbai in großer Zahl gedreht werden, grell, bunt, schwülstig und oft bis zu vier Stunden lang sind, in der Regel mehrere Tanzszenen enthalten und für den gewöhnlichen mitteleuropäischen Fernsehzuschauer gewöhnungsbedürftig sind.

»Was kannst du uns über den Zettel und die Kette sagen, Christian?«, fragte Schäringer seinen Freund. »Stammt das Schreiben von dem Jungen? Und ist die Kette tatsächlich dieselbe, die Nadine Blume trug, als sie vor über einer Woche verschwand?« Bauer hatte es ihnen zwar schon erzählt, aber Schäringer wollte von Krautmann nicht nur eine Bestätigung, sondern auch seine objektive Meinung zu den Beweisstücken.

»Ob es wirklich die Handschrift des Toten ist, kann ich natürlich noch nicht sagen. Dazu benötigen wir zunächst eine Schriftprobe, die eindeutig von ihm stammt, um einen Schriftvergleich durchführen zu können. Allerdings befand sich der Zettel zusammengefaltet in seiner hinteren, linken Hosentasche. Es scheint sich um die herausgerissene Seite aus einem Notizbuch oder Schreibheft im Format DIN-A5 zu handeln, die augenscheinlich mit einem blauen Kugelschreiber beschrieben wurde.«

»Und die Kette?«

»Ein sogenanntes Bettelarmband. Tatsächlich trug Nadine Blume ein derartiges Armband bei sich, als sie verschwand. Ob es sich allerdings wirklich um das Bettelarmband des verschwundenen Mädchens handelt, kann ich noch nicht bestätigen. Für eine eindeutige Identifizierung müssen wir es erst ihren Angehörigen und Freunden vorlegen. Die Beschreibung von Nadine Blumes Armband und der sieben Symbole stimmt allerdings exakt mit dem hier überein.«

Schäringer nickte nachdenklich. Also hatte Bauer tatsächlich die Wahrheit gesagt. Aber weshalb sollte er lügen. Ihm musste klar sein, dass Schäringer und Baum seine Angaben leicht überprüfen konnten und das vermutlich auch tun würden. »Wissen wir eigentlich schon, wer der junge Mann ist?«

»Wissen wir. Er hatte nämlich freundlicherweise sein Portemonnaie bei sich. Es steckte in seiner rechten, hinteren Hosentasche. Darin befanden sich neben etwas Bargeld eine EC-Karte, ein Führerschein und ein Personalausweis. Sämtliche Papiere sind auf einen Niklas Kramer ausgestellt, wohnhaft im Willy-Buchauer-Ring in Fürstenfeldbruck. Er wurde im vergangenen Januar volljährig und ging anscheinend auf das Graf-Rasso-Gymnasium. Zumindest steht das in dem Schülerausweis, den er ebenfalls bei sich hatte.«

»Dieselbe Schule, die auch Nadine Blume besuchte«, sagte Schäringer, der diese Information in einem der zahlreichen Zeitungsartikel, die nach ihrem Verschwinden erschienen waren, gelesen und sich gemerkt hatte.

»Wenn die beiden auf dieselbe Schule gingen, dann hat er das Mädchen vermutlich auch gekannt«, stellte Baum fest. »Vielleicht hat Bauer ja doch recht, auch wenn ich das ungern zugebe, und der Junge hat die beiden Mädchen tatsächlich entführt und umgebracht. Und weil er mit der Schuld nicht mehr leben konnte, hat er sich hier aufgehängt. Macht doch Sinn, oder?«

Krautmann nickte. »Diese Version würde zumindest zu den Beweisstücken passen, die wir gefunden haben.«

»Aber wieso soll er ganz plötzlich Gewissensbisse bekommen haben, nachdem er zwei Mädchen entführte und tötete?«, fragte Schäringer, ohne sich an jemand Bestimmtes zu richten. Es war eher so, als würde er laut nachdenken. »Wenn es bereits nach dem ersten Entführungsopfer, das er aus der Schule kannte, geschehen wäre, würde ich es eher verstehen. Aber wieso erst jetzt, so kurz, nachdem er eine weitere junge Frau kidnappte und umbrachte?«

Baum schürzte die Lippen und zuckte mit den Achseln. »Vielleicht wollte er die Mädels gar nicht töten, sondern nur irgendwo gefangen halten, wo er mit ihnen machen konnte, was er wollte. Aber dann passierte ein Unfall, und die Mädchen starben. Und weil er daran schuld war, wollte er nicht mehr weiterleben.«

»Vielleicht war es ja tatsächlich so«, stimmte Schäringer zu, klang aber alles andere als überzeugt. »Immer vorausgesetzt, die beiden Schülerinnen sind tatsächlich tot und der junge Mann hat sich wirklich selbst umgebracht. Kannst du uns dazu schon etwas sagen, Christian?«

»Vermutlich kann euch der Doc bald mehr darüber erzählen, wie der Junge wirklich ums Leben gekommen ist. Ich kann dazu nur so viel sagen: Da wir nichts gefunden haben, auf das er sich stellen konnte, um den Ast zu erreichen, muss er auf den Baum geklettert sein, um den Strick zu befestigen. Anschließend muss er sich die Schlinge um den Hals gelegt und heruntergesprungen sein. Anders wäre es ohne fremde Hilfe nämlich nicht möglich gewesen. Am Baum und auf der Oberseite des Astes fanden wir auch tatsächlich mehrere Stellen, an denen die Rinde abgeschabt oder beschädigt wurde. Es ist also tatsächlich jemand hochgeklettert. Ob es der Junge war, konnten wir aber nicht feststellen. Wahrscheinlich sind wir schlauer, sobald wir seine Kleidung im Labor auf Spuren untersuchen konnten.«

»Also sieht es momentan eher nach Suizid aus«, mutmaßte Schäringer. »Na gut. Wenn es wirklich einer war, dann schließen wir die Akte schnell wieder, binden eine hübsche Schleife drumherum und schicken alles an Bauer. Mit freundlichen Grüßen von den lieben Kollegen der Mordkommission. Ob der Junge in dem Fall tatsächlich die beiden Frauen entführt hat, ist für uns nicht von Interesse, weil unsere Ermittlungen damit vorerst abgeschlossen sind. Erst wenn irgendwann ihre Leichen auftauchen sollten, sind wir wieder zuständig und werden die Ermittlungen wieder aufnehmen. Aber bis es so weit ist, kann Bauer von mir aus der Presse stolz diesen jungen Mann als Täter präsentieren, damit er in der Zeitung seinen Namen lesen und sein Foto bewundern kann.«

»Warte damit mal lieber, bis du mit dem Doc gesprochen hast, Franz«, sagte Krautmann und deutete auf Dr. Mangold. »Eine Sache fiel mir nämlich auf, als wir die Leiche herunterholten.«

»Und was?«, fragte Schäringer interessiert.

»Es sah so aus, als hätte der Kerl eine frische Wunde hier am Kopf.« Krautmann langte sich mit der linken Hand an die rechte Seite seines Schädels, um den beiden Kollegen die Stelle zu zeigen. »Sah nach einer Platzwunde aus, die geblutet hat. Wir fanden aber weder am Stamm der Eiche noch an dem Ast, an dem das Seil befestigt war, Blutspuren. Wenn er also vor seinem Tod irgendwo kräftig mit dem Kopf dagegen gestoßen ist, dann zumindest nicht gegen diesen Baum hier.«

»Interessant«, sagte Schäringer und runzelte die Stirn. »Mal sehen, was Dr. Mangold dazu zu sagen hat.«

»Mehr kann ich dir momentan ohnehin nicht sagen. Brauchst du mich noch, Franz?«

»Eine kurze Frage hätte ich tatsächlich noch, Christian. Habt ihr in der näheren Umgebung ein Fahrzeug gefunden?«

Krautmann schüttelte den Kopf. »Die Kollegen in Grün haben die Gegend abgesucht, bevor ihr gekommen seid, aber rein gar nichts gefunden. Einen Wagen würde man hier ohnehin schon von Weitem sehen. Es wurde aber auch kein Motorrad, Mofa oder Fahrrad gefunden, das im hohen Gras oder in einem Feld lag.«

»Und wie kam der Typ dann hierher?«, fragte Baum und sah sich um.

»Vielleicht fuhr er mit dem Bus nach Landsberied und ging von dort zu Fuß hierher«, überlegte Schäringer. »Der Ort ist von hier gerade einmal einen guten Kilometer entfernt.«

Baum zuckte mit den Schultern.

Schäringer seufzte. »Lass uns mit Dr. Mangold sprechen, Lutz. Sieht ganz so aus, als wäre er gerade mit der Untersuchung des Toten fertig geworden. Fürs Erste vielen Dank für deine Hilfe, Christian. Lass mir doch bitte eine Kopie des Zettels und ein Foto des Armbands zukommen, sobald du zurück im Büro bist. Und sag uns Bescheid, sobald ihr die Beweisstücke näher untersucht und etwas Neues herausgefunden habt.«

»Versteht sich doch von selbst«, sagte Krautmann, ehe er sich abwandte und zu seinen Mitarbeitern ging.

4

»In letzter Zeit begegnen wir uns ja ziemlich oft, Schäringer«, sagte Dr. Dieter Mangold, als Schäringer und Baum zu ihm traten und auf die Leiche hinunterblickten.

Der Pathologe war mit seinen ein Meter fünfundachtzig fast so groß, aber nahezu zweimal so breit wie der schlanke Schäringer. Wie auch Krautmann hatte Dr. Mangold mit Haarausfall zu kämpfen. Um die kahle Stelle auf seinem Schädel zu verdecken, hatte er allerdings zu einem anderen Mittel als der Leiter der Spurensicherung gegriffen. Er trug ein Toupet, das seiner eigenen Haarfarbe, einem sehr dunklen Schwarzbraun, weitestgehend entsprach. Seit er den Haarersatz hatte, kursierte das hartnäckige Gerücht, es handelte sich in Wahrheit um das Haar einer Leiche, die eines Tages auf Mangolds Tisch im Sezierraum gelandet war und deren Haarfarbe zufällig seiner eigenen entsprochen hatte. Von seinem Haarersatz war an diesem Morgen allerdings nichts zu sehen, denn der Mediziner hatte einen dunkelbraunen, handgefertigten Borsalino-Hut aus Biber-Haar mit Ripsband aus schwarzer Seide auf dem Kopf. Außerdem trug er eine walnussbraune Trachtenjacke aus Ziegenleder von Meindl mit Stickereien am Stehkragen und Hirschhornknöpfen, eine dunkelbraune Cordhose von Hiltl und braune Schnürschuhe aus Veloursleder von Brunello Cucinelli.

»Wenigstens geht es hier nicht wieder um giftige Schlangen, oder?«, fragte Schäringer und spielte auf einen ihrer letzten gemeinsamen Fälle an, bei der es um einen toten Kapitän im Wald gegangen war, der am Biss einer gefährlichen Giftschlange aus Mittelamerika gestorben war. Schäringer mochte Schlangen nicht besonders, während Dr. Mangold das Thema so faszinierend gefunden hatte, dass er sich über Zusammensetzung und Wirkung der Gifte verschiedener Schlangenarten genauer informiert hatte.

Baum hatte damals seine eigenen schlechten Erfahrungen in Bezug auf Schlangen gesammelt, wovon die Narbe auf seinem Handrücken zeugte. Das Aufeinandertreffen mit der Kornnatter war zwar dank deren Harmlosigkeit glimpflich verlaufen, er redete aber immer noch nicht gern darüber. Auch jetzt verzog er nur das Gesicht und gab keinen Kommentar ab, als Schäringer von giftigen Schlangen sprach. Allerdings erinnerte er sich zweifellos an das Abenteuer und daran, wie er sich verhalten hatte, als er davon überzeugt gewesen war, am Biss einer Giftschlange sterben und das schreckliche Schicksal des toten Kapitäns im Wald teilen zu müssen.

»Nein, keine exotischen Giftschlangen dieses Mal«, bestätigte der Rechtsmediziner sowohl zu Schäringers als auch zu Baums Beruhigung und fügte hinzu: »Leider!«

»Sieht eher nach Selbstmord aus«, meinte Schäringer, um dem Arzt Informationen zu entlocken.

»Auf den ersten Blick und für den rechtsmedizinischen Laien sieht es tatsächlich so aus«, bestätigte Dr. Mangold. »Aber nicht nach einem genaueren zweiten Blick und für einen kompetenten Rechtsmediziner.«

»Dann ist es ja ein Glücksfall, dass wir Sie dabei haben«, sagte Baum. »Aber was bedeutet das nun im Klartext?«

»Sie heißen Busch und sind Schäringers Handlanger, nicht wahr?«

»Ich heiße nicht Busch. Wahrscheinlich verwechseln Sie mich mit dem ehemaligen amerikanischen Präsidenten, auch wenn ich nicht weiß, wieso. Mein IQ ist nämlich mindestens dreimal so hoch.«

Der Pathologe sah Baum mit gerunzelter Stirn und hochgezogenen Augenbrauen verständnislos an.

»Das ist Lutz Baum, mein Kollege«, stellte Schäringer sowohl den Namen als auch Baums Stellung in ihrem Team richtig.

»Natürlich. Entschuldigen Sie. Aber wir sind uns noch nicht sehr oft begegnet, nicht wahr?«

»Nein.«

»Liegt vermutlich daran, dass Sie, wie ich gehört habe, kein Frühaufsteher sind, Baum.«

Baum zuckte mit den Schultern, sagte aber nichts. Stattdessen warf er einen Blick in den Kaffeebecher, den er noch immer in der Hand hielt, obwohl er ihn längst geleert hatte.

»Aber egal. Freut mich trotzdem, Sie endlich einmal kennenzulernen, Baum. Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Im Klartext bedeutet das, dass das ganze Szenario hier meiner Meinung nach nur so aussehen soll, wie sich ein Laie einen Suizid durch Erhängen vorstellt. In Wahrheit war es aber gar keiner.«

»Hat Ihre Vermutung etwas mit der Platzwunde am Kopf des Toten zu tun?«, fragte Schäringer und deutete auf die Leiche des jungen Mannes, die zwischen ihnen am Boden lag.

Der Tote mochte zu Lebzeiten durchaus gutaussehend gewesen sein, doch durch den Blutstau hatte sich das Gesicht blau verfärbt und sah aufgedunsen aus. Die aufgequollene, violette Zunge ragte aus dem offenen Mund. Die Augen standen weit offen und traten leicht hervor. Die Schlinge lag noch immer eng um den Hals des Toten, da sie erst in der Gerichtsmedizin vorsichtig entfernt werden würde. Sie hatte eine tiefe Furche ins Fleisch gegraben, die zum Nacken hin anstieg. Der ganze Hals hatte sich dunkel verfärbt und sah aus wie ein einziger großer Bluterguss. Am Kehlkopf waren zudem ein paar halbmondförmige Eindrücke zu sehen. Ansonsten war der Tote von durchschnittlicher Größe, eher schmächtig gebaut und hatte kurzes, mittelbraunes Haar. Er trug ausgewaschene, blaue Jeans, einen schwarzen Windbreaker von Carhartt, darunter ein hellgraues T-Shirt und grau-blaue Outdoorschuhe von KangaROOS.

»Die Platzwunde spielt bei der Ermittlung der Ursache des Todes zwar keine Rolle, da sie für diesen nicht mitursächlich war«, sagte Dr. Mangold. »Sie ist aber selbstverständlich in Ihre Überlegungen miteinzubeziehen, wenn es darum geht, diesen Fall als Suizid oder als Fremdtötung zu qualifizieren. Nach einer ersten, zugegebenermaßen nur oberflächlichen Untersuchung tendiere ich allerdings eindeutig zur zweiten Alternative.«

»Und worauf stützen Sie Ihren Verdacht nun genau, Dr. Mangold?«, fragte Baum.

»Wie gut ist eigentlich Ihr Latein, Baum?« Der Rechtsmediziner sprach durchweg alle Leute ausschließlich mit dem Nachnamen an.

Baum schüttelte den Kopf und runzelte gleichzeitig die Stirn, da er sich nicht sicher war, was die Frage in diesem Zusammenhang zu bedeuten hatte. »Ich kann überhaupt kein Latein. Ich habe mich damals stattdessen für Französisch entschieden. Wieso fragen Sie?«

Schäringer, der aufgrund zahlreicher Begegnungen mit dem Pathologen in den letzten Jahren wusste, dass dieser gern medizinische Fachausdrücke aus dem Lateinischen in seine oft an Vorträge erinnernden Erklärungen einfließen ließ, verfolgte den Wortwechsel amüsiert und unterdrückte ein Schmunzeln.

Dr. Mangold sah Baum mit tadelndem Gesichtsausdruck an und schüttelte den Kopf. »Dann kann ich Ihnen vermutlich auch nicht mehr helfen. Aber passen Sie trotzdem gut auf, dann lernen Sie heute vielleicht doch noch etwas Vernünftiges. Besser spät als nie, nicht wahr, Schäringer.«

»Sie sagen es, Dr. Mangold«, stimmte Schäringer ihm zu, womit er sich einen finsteren Blick seines jüngeren Kollegen einhandelte, der die Zustimmung vermutlich als Verrat betrachtete. Schäringer wollte damit aber nur erreichen, dass der Gerichtsmediziner endlich zur Sache kam. Schließlich hatten sie, wenn es sich in diesem Fall nicht um Selbstmord, sondern um Mord oder Totschlag handelte, heute noch eine Menge anderer Dinge zu erledigen. »Aber um zum Thema zurückzukommen. Womit können Sie Ihren Verdacht begründen, dass der Selbstmord hier nur inszeniert wurde und es in Wahrheit ein Fall von Fremdtötung ist?«

Dr. Mangold nickte. »Na gut, fangen wir eben erst einmal bei den Grundlagen an. Dieser junge Mann starb meiner Meinung nach ganz eindeutig durch Suffokation. Vermutlich wissen Sie nicht, was das bedeutet, da Sie bedauerlicherweise keinen Lateinunterricht hatten, Baum.«

Baum zuckte mit den Schultern.

»Tod durch Erstickung«, antwortete Schäringer an Baums Stelle, da er den Begriff noch von ihrem Giftschlangen-Fall kannte. Damals war ein Dieb nach dem Biss einer Terciopelo-Lanzenotter, der giftigsten Schlange des mittelamerikanischen Festlands, erstickt, weil sein Gesicht einschließlich Mundhöhle und Gaumen anschließend so stark angeschwollen war, dass er keine Luft mehr bekam.

»Korrekt! Der Tote ist aufgrund einer Strangulation erstickt. Eindeutige Merkmale hierfür sind die deutlich sichtbare Zyanose, das ist die Blaufärbung von Gesicht, Zunge und Schleimhäuten aufgrund des Blutstaus, die Aufdunsung und die petechialen Blutungen. Petechien wiederum sind kleine, punktförmige Erstickungsblutungen auf den Augäpfeln, den Augenlidern und der Mundschleimhaut. Und welche drei Formen der Strangulation kennen Sie, Baum?«

Baum riss überrascht die Augen auf. Zweifellos kam er sich vor wie in der Schule. Schäringer konnte ihm nachfühlen, war aber froh, dass ausnahmsweise nicht er Zielscheibe der Belehrungsversuche des Pathologen war. Wahrscheinlich, so dachte er, wäre es auch in Zukunft eine tolle Sache, Baum jedes Mal mit in die Gerichtsmedizin zu nehmen.

»Ähm, also …«, stotterte Baum, während er fieberhaft überlegte. Dann schien ihm eine Erleuchtung zu kommen, denn er deutete auf den Strick um den Hals des Toten und sagte in fragendem Ton: »Erhängen …?«

»Korrekt. Das ist eine Möglichkeit. Fehlen noch zwei. Wissen Sie’s, Schäringer?«

»Erdrosseln und erwürgen.«

Als Schäringer zu Baum sah, formte dieser mit dem Mund das Wort Streber. Schäringer zuckte mit den Schultern.

»Korrekt. Nehmen Sie sich besser ein Beispiel an Ihrem älteren Kollegen, Baum. Schäringer hat in den letzten Jahren schon eine Menge von mir gelernt. Aber zurück zu unseren Strangulationsmöglichkeiten. Zweifellos dürfte Ihnen klar sein, meine Herren, dass von diesen drei Strangulationsformen im Grunde nur das Erhängen und das Erdrosseln selbsttätig in Form eines Suizids möglich sind. Niemand kann sich hingegen selbst erwürgen, da die Muskelerschlaffung, die nach einiger Zeit unwillkürlich eintritt, auch den Druck der Hände auf den Hals aufheben würde. Erhängen bedeutet, dass der Hals durch ein Strangulationswerkzeug und das Eigengewicht des hängenden Körpers eingeschnürt wird. Beim Erdrosseln wird hingegen das Strangulationswerkzeug durch Muskelkraft zugezogen. So weit alles verstanden, Baum?«

Der Kriminalkommissar nickte. »Ich kann Ihnen folgen, Herr Doktor.«

»Gut. Kommen wir zum konkreten Fall. Zweifellos hat Ihnen Krautmann von der Spurensicherung erzählt, dass kein Gegenstand gefunden wurde, auf den sich das Opfer hätte stellen können, um seinen Kopf in die Schlinge zu legen. Wir sprechen dabei gewissermaßen vom klassischen Fall des Suizids durch Erhängen. Jemand bindet den Strick an ein Wasserrohr unter der Decke oder die Vorhangstange, stellt sich auf einen Stuhl oder Hocker und – zack! – versetzt dem Möbel einen Tritt, der es umkippen lässt. Der Selbstmörder hat keinen Boden mehr unter den Füßen und hängt am Seil, das sich durch das Gewicht sofort zuzieht und den Hals fest einschnürt. In der Regel werden daraufhin die Blutversorgung des Kopfes und des Gehirns und der Blutrückfluss augenblicklich gestoppt. Das Abschneiden der zerebralen Blutzufuhr und die dadurch herbeigeführte Blutleere des Gehirns führen zunächst zur Bewusstlosigkeit und anschließend zum Tod. Die Opfer sterben also in der Regel nicht durch Suffokation, also aufgrund des Sauerstoffentzugs, sondern durch die Unterbrechung der Blutzirkulation. Gelegentlich kann ein Abklemmen der Halsschlagadern auch zu einer akuten Zerrung des Nervus vagus und damit wegen des Carobis-Sinus-Reflexes zu einem plötzlichen Herzstillstand führen. Das kann dann sogar zum Tod führen, falls der Strick reißen sollte. Da in diesem Fall zudem kein Gegenstand gefunden wurde, auf den der junge Mann sich hätte stellen können, hätte er sich, nachdem er auf den Ast geklettert war, um den Strick zuerst um den Ast zu binden und anschließend um den eigenen Hals zu legen, von dort herunterfallen lassen müssen. Ein derartiger Sturz aus etwa zweieinhalb Metern in die Schlinge hätte jedoch mit ziemlicher Sicherheit zum sofortigen Tod aufgrund eines Genickbruchs geführt. Was hier aber nicht der Fall war.«

»Dann können wir definitiv ausschließen, dass der Junge sich erhängt und damit selbst getötet hat«, fasste Schäringer die Erklärungen des Pathologen zusammen.

»Also kommen nur Erdrosseln oder Erwürgen infrage«, sagte Baum. Möglicherweise wollte er damit beweisen, dass er aufgepasst hatte, und sich einen imaginären Fleißpunkt beim Rechtsmediziner verdienen.

»Korrekt!«, sagte Dr. Mangold mit zufriedener Miene und deutete mit dem Zeigefinger anerkennend auf Baum. »Um nun herauszufinden, welche dieser beiden Methoden bei Ihrem jugendlichen Opfer zur Anwendung kam, müssen wir uns die Male und Verletzungen im Bereich seines Halses einmal genauer betrachten.« Er ging neben dem Leichnam in die Knie und deutete mit dem Zeigefinger der rechten Hand, die in einem Einmalhandschuh steckte, auf den Bereich, von dem er sprach. »Und, meine Herren? Fällt Ihnen dabei etwas auf?«

»Der Strick hat tief ins Fleisch geschnitten«, sagte Baum.

»Vergessen Sie den Strick, Baum!«, sagte der Pathologe, ohne den Kopf zu heben und ihn anzusehen. »Das geschah erst postmortal und hatte mit dem Tod des Opfers nicht das Geringste zu tun.«

»Meinen Sie dann den Bluterguss, der sich wie ein breiter Ring um nahezu den ganzen Hals zieht, und die kleinen Einbuchtungen im Bereich der Kehle?«, fragte Schäringer.

Baum schoss einen zornigen Blick auf Schäringer ab, der, wäre er in Worte gefasst worden, zweifellos mit Elender Schleimscheißer hätte übersetzt werden müssen.

»Ganz genau, Schäringer«, sagte Dr. Mangold. »Und fällt Ihnen bei diesen eindeutigen Würgemalen noch etwas auf, Baum?«

Baum seufzte leise, beugte sich aber dennoch gehorsam ein Stück nach vorn, um besser sehen zu können, bevor er antwortete: »Der Bluterguss ist sehr breit und verläuft im Gegensatz zur Einschnürung des Stricks eher waagerecht. Und diese halbmondförmigen Eindrücke im Kehlkopfbereich sehen für mich so aus wie Spuren von Fingernägeln.«

»Sehr gut, Baum«, lobte Dr. Mangold den jungen Kriminalbeamten.

Baum richtete sich wieder auf, sah Schäringer an und streckte ihm die Zunge heraus.

»Das Opfer wurde also nicht erdrosselt, da wir sonst die Spuren des Strangulationswerkzeugs sehen müssten, das sich durch den stärkeren Druck tiefer in die Haut und das darunter liegende Gewebe eingegraben hätte. Darüber hinaus hätten sie sich um den ganzen Hals ziehen müssen, während sie hier im Bereich des Nackens fehlen. Die Hautunterblutungen sind breit und vor allem im Bereich des Kehlkopfes besonders deutlich ausgeprägt, was eher für ein Erwürgen mit bloßen Händen spricht. Diese halbmondförmigen Eindrücke an der Kehle sind tatsächlich Spuren von Daumennägeln. Der Täter muss mit beiden Daumen einen sehr starken Druck auf den Kehlkopf ausgeübt haben, wodurch diese deutlichen Male entstanden. Zweifellos wurden dabei auch der Larynx …?« Er hob den Blick und sah die beiden Kriminalisten fragend an.

Schäringer und Baum zuckten synchron mit den Schultern.

»… der Kehlkopf und das Os hyodeum …?« Es folgte ein zweiter fragender Blick, der allerdings ebenfalls zu keinem Ergebnis führte. Dr. Mangold seufzte, ehe er fortfuhr: »… das Zungenbein gebrochen. Aber zu den inneren Verletzungen kann ich Ihnen erst dann Genaueres sagen, nachdem ich den Burschen in meinem Sezierraum liegen hatte und von innen ansehen konnte. Noch Fragen?« Er richtete sich auf und sah Schäringer und Baum der Reihe nach fragend und mit hochgezogenen Augenbrauen an.

»Sie sagten, der Täter müsse mit den Daumen starken Druck auf den Kehlkopf ausgeübt haben«, begann Schäringer. »Heißt das, dass der Täter sehr kräftig gewesen sein muss?«

Dr. Mangold schürzte die Lippen und warf einen kurzen Blick auf den Leichnam zu seinen Füßen, ehe er wieder Schäringer ansah und sagte: »Aufgrund der doch sehr deutlichen Ausprägung und Breite der Würgemale bin ich tatsächlich der Ansicht, dass der Täter große Hände haben und eher kräftig sein muss. Der junge Mann, der eher schmächtig war, hatte daher vermutlich keine Chance. Möglicherweise finden wir unter seinen Fingernägeln Haut oder Blut des Täters, weil er versucht haben könnte, die Hände von seinem Hals zu lösen, und sich dabei hineingekrallt hat.«

»Dann ist der Täter also eher ein Mann«, sagte Baum.

»Oder eine kräftige Frau«, sagte der Pathologe. »Wir wollen hier schließlich niemanden diskriminieren, oder?«

»Was ist mit der Platzwunde am Kopf?«, fragte Schäringer und deutete auf die rechte Kopfseite der Leiche, wo das Haar teilweise mit getrocknetem Blut verklebt war. »Auch wenn sie für den Tod des Jungen nicht ursächlich war, kann sie für unsere Ermittlungen dennoch eine wichtige Rolle spielen. Können Sie uns denn schon sagen, ob sie ihm vor oder nach seinem Tod zugefügt wurde, Dr. Mangold?«

»Die Verletzung wurde ihm eindeutig prämortal zugefügt, meiner Meinung nach nicht lange vor seinem Tod. Es sieht ganz danach aus, als wäre er mit einem stumpfen, großflächigen Gegenstand geschlagen worden.«

»Großflächig?«, wiederholte Baum. »Meinen Sie so etwas wie eine Bratpfanne?«

»Zum Beispiel. Allerdings befinden sich Erdanhaftungen an der Wunde, im Haar über der Verletzung und im getrockneten Blut.«

»Vielleicht wurde er nach dem Schlag sofort bewusstlos, stürzte zu Boden und landete mit der verletzten Kopfseite auf der Erde«, schlug Baum vor und demonstrierte seinen Vorschlag gestenreich, indem er den Kopf zur Seite legte und sich mit der flachen Hand, die vermutlich den Boden symbolisieren sollte, leicht gegen den Kopf schlug.

»Oder er bekam einen Schlag mit einem Gegenstand, an dem bereits Erde haftete«, sagte Dr. Mangold ohne jegliche Gestik.

»Eine Schaufel beispielsweise«, präzisierte Schäringer und runzelte nachdenklich die Stirn. »Was halten Sie davon, Dr. Mangold?«

Der Rechtsmediziner zuckte mit den Schultern. »Es kann sich durchaus um eine flache Schaufel oder ein Spatenblatt gehandelt haben. Zumindest könnten dadurch die Erdanhaftungen erklärt werden. Aber letztendlich ist es Ihre Aufgabe, herauszufinden, womit dieser junge Mann geschlagen wurde und wer ihn anschließend erwürgt hat. Wenn Sie also keine wirklich wichtigen Fragen mehr an mich haben, dann empfehle ich mich jetzt. Vermutlich wartet in der Rechtsmedizin schon weitere Kundschaft ungeduldig auf mein Erscheinen. Und dieser Leichnam wird mich in ein paar Stunden ebenfalls noch eine Weile beschäftigen. Sie wissen ja, wo Sie mich finden, wenn Sie meine Hilfe und meinen fachlichen Rat benötigen, Schäringer. Leben Sie also wohl, alle miteinander.«

Dr. Mangold zog die Handschuhe aus und nahm seinen Arztkoffer, den er neben der Leiche abgestellt hatte. Er lüftete zum Abschied kurz seinen Borsalino-Hut und zeigte dabei sein Toupet. Dann marschierte er für einen Mann seiner Breite erstaunlich leichtfüßig zu seinem Mercedes und fing bereits wenige Schritte von der Eiche entfernt an, eine Melodie zu pfeifen, die Schäringer an die Arie Der Vogelhändler bin ich ja aus Mozarts Zauberflöte erinnerte.

KAPITEL 2

1

Baum, der den Dienstwagen zurück nach Fürstenfeldbruck gelenkt hatte, hielt vor dem Reihenhaus im Willy-Buchauer-Ring, in dem der 18-jährige Gymnasiast Niklas Kramer bis zum heutigen Tag gelebt hatte. »Das muss es sein!«, sagte er und riss damit Schäringer, der die ganze Fahrt über nachdenklich geschwiegen hatte, aus seinen Überlegungen.

Sie stiegen aus und sahen sich um. Die Straße machte einen verlassenen Eindruck. Es war kurz vor acht, also noch immer früh am Tag, aber die meisten Anwohner, die zur Arbeit oder zur Schule mussten, waren vermutlich schon weg. Schäringer hoffte, dass sie im Haus des toten Schülers trotzdem jemanden antrafen und nicht vollkommen umsonst hierhergekommen waren.

Baum, der um den Wagen herumgegangen war, öffnete das Türchen zum winzigen Vorgarten, ließ aber dann seinem Kollegen den Vortritt. Vermutlich riss er sich nicht gerade darum, als Erster einem Familienmitglied des Opfers gegenüberzutreten und ihm die traurige Mitteilung vom Tod des jungen Mannes und über die Umstände, unter denen er aufgefunden worden war, zu überbringen. Derartig unangenehme Pflichten überließ er lieber seinem älteren Kollegen, der weitaus mehr Erfahrung darin hatte.

Schäringer liebte es ebenfalls nicht, der Überbringer von Schreckensnachrichten zu sein. Seiner Meinung nach gehörte es neben dem ständigen Anblick von Leichen und der Teilnahme an Leichenöffnungen, an die man sich allerdings im Laufe der Zeit gewöhnen konnte, mit zum Schlimmsten, was ein Kriminalbeamter der Mordkommission erledigen musste. Er war allerdings der Ansicht, dass es getan werden musste, und drückte sich daher nicht vor dieser ungeliebten Pflicht. Außerdem konnte man aus der Reaktion derjenigen, denen man die Nachricht vom Tod eines Angehörigen oder engen Freundes überbrachte, manchmal auch wichtige Erkenntnisse über das Verhältnis zum Mordopfer gewinnen. Das konnte vor allem dann enorme Bedeutung haben, wenn der Täter – wie es nach Schäringers Erfahrung leider allzu oft der Fall war – aus dem engeren Familienkreis des Opfers stammte.

Schäringer ging zur Haustür, erkannte aufgrund eines ovalen Messingschildes an der Tür, auf dem Hier wohnen die Kramers stand, dass sie hier tatsächlich an der richtigen Adresse waren, und klingelte. Baum nahm links neben ihm Aufstellung, hielt sich allerdings ein bisschen im Hintergrund. Er legte die Hände vor dem Körper aufeinander und blickte betont ernsthaft aus der Wäsche, als wäre er auf der Beerdigung eines entfernten Verwandten, den er schon ewig nicht mehr gesehen hatte.

Schon nach wenigen Augenblicken hörten sie Schritte, die vom ersten Stock des Hauses herunterkamen. Die Tür öffnete sich. Eine Frau Mitte vierzig mit mittellangem, brünettem Haar stand in der Tür und sah die beiden Kriminalbeamten fragend an. Sie trug hellblaue Jeansleggins, ein grau meliertes Poloshirt und weiße Ballerinas an den Füßen. In der rechten Hand hielt sie eine große Tasse, die fast voll war und deren Inhalt noch immer dampfte.

»Ja?«

»Frau Kramer?«, fragte Schäringer.

»Ja. Was wünschen Sie?«

Schäringer hob die Hand und zeigte ihr seinen Dienstausweis. »Schäringer, Kriminalpolizei. Das ist mein Kollege, Kriminalkommissar Baum. Können wir reinkommen?«

Der Mund der Frau öffnete sich, als wollte sie etwas sagen. Sie blieb jedoch stumm, während sie zuerst den Dienstausweis in Schäringers Hand und dann nacheinander die beiden Beamten vor ihrer Tür ansah. Baums Leichenbestattermiene musste ihr einen Hinweis darauf gegeben haben, dass etwas Ernsthaftes geschehen war, denn sie erbleichte und richtete den Blick rasch wieder auf Schäringer. »Ist …?« Sie schluckte, als hätte sie einen riesigen Kloß im Hals. »Ist etwas passiert? Mit … mit einem der Kinder? Oder … oder mit meinem Mann?«

»Am besten, wir sprechen nicht hier im Vorgarten, sondern im Haus miteinander, Frau Kramer«, sagte Schäringer und trat rasch einen Schritt näher. Er befürchtete ernsthaft, die Frau könnte umkippen, weil sämtliches Blut aus ihrem Kopf geflossen sein musste, so blass, wie sie von einer Sekunde zur anderen geworden war, und wollte sie in diesem Fall noch rechtzeitig auffangen können. »Dürfen wir reinkommen?«

Sie nickte, hob die zitternde linke Hand und bedeckte damit ihren Mund, als wollte sie einen Schrei zurückhalten. Auch die andere Hand zitterte so stark, dass ein Teil der heißen Flüssigkeit, bei der es sich dem aromatischen Duft nach um Kaffee handeln musste, überschwappte, an der Tasse herunterlief und zu Boden tropfte.

Schäringer steckte rasch seinen Ausweis ein, nahm ihr die Tasse aus der Hand und ergriff ihren rechten Unterarm. »Hier, nimm du den Kaffee!«, sagte er zu Baum und reichte die Tasse an ihn weiter. Dann schob er sich mit der Frau ins Haus und führte sie durch den kurzen Flur an der Treppe vorbei geradeaus ins Wohnzimmer. Sie widersetzte sich ihm nicht, sondern ließ ihn gewähren, während sie keinen einzigen Ton von sich gab, als hätte der Schock über das Erscheinen der beiden Beamten der Mordkommission sie stumm werden lassen. Dabei hatte sie die schreckliche Nachricht selbst noch gar nicht gehört. Schäringer grauste es vor dem Moment, in dem sie von ihm erfahren würde, dass ihr Sohn tot war. Aber daran führte nun einmal kein Weg vorbei.

Das Wohnzimmer war ordentlich und aufgeräumt und enthielt die üblichen Einrichtungsgegenstände in Form einer hellbraunen Polstergarnitur, bestehend aus einem 3-Sitzer, einem 2-Sitzer und einem Sessel, die sich um einen niedrigen Couchtisch mit Rauchglasplatte gruppierten, einer Schrankwand aus hellem Holz voller Bücher, Gesellschaftsspiele und Bilderrahmen und einem TV-Sideboard, auf dem ein großer Flachbildfernseher stand. Gleich rechts neben dem Eingang stand ein Esstisch mit vier Stühlen, und an der angrenzenden Wand befand sich über einem Sideboard die Durchreiche zur Küche.

Schäringer führte Frau Kramer zum erstbesten Stuhl und ließ sie darauf Platz nehmen. Er selbst setzte sich auf den Stuhl, der ihrem auf der anderen Seite des Tisches unmittelbar gegenüberstand. Baum kam als Letzter herein, nachdem er die Haustür zugemacht hatte, und stellte den Kaffeebecher vor die Frau auf den Tisch. Er nahm allerdings nicht Platz, sondern blieb vor der Tür zum Flur stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.

Sie seufzte leise und nahm erst dann die Hand vom Mund. Schäringer konnte sehen, dass ihre Unterlippe und ihr Kinn bebten. Sie sah Schäringer eindringlich in die Augen und fragte: »Sagen Sie mir jetzt endlich, was … was passiert ist?«

Er nickte. »Ich muss Ihnen leider eine traurige Mitteilung machen, Frau Kramer.«

Sie schloss die Augen und schien sich innerlich gegen die folgenden Worte zu wappnen.

»Ihr Sohn, Niklas, wurde heute früh tot aufgefunden.«

Schäringer hatte es bislang immer für eine literarische Übertreibung gehalten, wenn er in Romanen gelesen hatte, dass jemandem die Gesichtszüge entglitten. Nun wurde er Zeuge, wie genau so etwas vor seinen Augen geschah. Von einer Sekunde zur anderen veränderte sich das Gesicht der Frau, als würde es sich durch chemische Prozesse unter der Haut in Jekyll-and-Hyde-Manier zum Antlitz einer völlig anderen Person umformen. Sämtliche Muskeln verloren ihre Spannkraft und erschlafften gleichzeitig, sodass man für einen Moment befürchten musste, das ganze Gesicht könnte vom Schädel fallen und mit einem feuchten Klatschen auf der Tischplatte landen. Die Augenlider und die Wangen sanken herab, wodurch auch die Mundwinkel nach unten gezogen wurden. Furchen zeigten sich, wo soeben noch glatte Haut gewesen war, und die Frau sah von einem Augenblick zum anderen mindestens acht Jahre älter aus.

Schäringer sagte nichts, sondern ließ sie die Nachricht erst einmal aufnehmen. Er wollte sie nicht bedrängen, nachdem sie soeben die furchtbarste Mitteilung im Leben einer Mutter erhalten hatte. Vielleicht konnten sie im Anschluss auch gar nicht mehr vernünftig mit ihr reden, aber das wäre aus seiner Sicht verständlich. Dann würden sie sich eben darum kümmern, dass jemand – eine nahe Bekannte oder eine Nachbarin – ins Haus kam, damit die Frau in ihrer Trauer und ihrem Schmerz nicht allein war, und ein anderes Mal wiederkommen.

Er sah zu Baum, der noch immer mit verschränkten Armen dastand, den Blick unruhig durch den Raum wandern ließ und alles ansah, nur nicht die Herrin des Hauses.

Als Schäringer seine Augen wieder auf Frau Kramer richtete, sah er, dass sich Tränen unter den noch immer fest verschlossenen Lidern hervorquetschten und über das so abrupt gealterte, erblasste Gesicht der Frau liefen. Ihre Lippen öffneten sich einen winzigen Spalt, und ein leiser Laut kam aus ihrer Kehle. Es war nur ein einzelner hoher, monotoner Ton, der sich wie ein mühsam unterdrücktes Wimmern anhörte. Schäringer bemerkte, dass ihre Hände, die rechts und links neben dem unbeachteten Kaffeebecher auf der Tischplatte lagen, zu Fäusten geballt waren.

Der Ton verstummte völlig abrupt. Gleichzeitig schien sich die Frau einen inneren Ruck zu geben, denn sie richtete sich auf, atmete einmal tief durch und öffnete dann die Augen, die gerötet waren und in Tränen schwammen.

»Sie müssen entschuldigen, Herr Kommissar, aber …«

»Sie müssen sich nicht entschuldigen, Frau Kramer. Wenn Sie jetzt lieber nicht mit uns sprechen möchten, dann hätten wir dafür vollstes Verständnis. Wir können auch Ihren Mann oder eine Nachbarin anrufen, damit Ihnen jemand Gesellschaft leistet.«

»Nein, bitte nicht. Das ist wirklich …« Sie atmete noch einmal durch und wischte sich dann mit den Fingern der rechten Hand die Tränen vom Gesicht, wodurch ihr Lidstrich verschmiert wurde. »Ich werde meinen Mann später anrufen und über … über alles informieren. Er ist … bei der Arbeit.«

»Was macht Ihr Mann beruflich, wenn ich fragen darf?« Schäringer holte ein Notizbuch aus der Innentasche seines Jacketts, obwohl er sich selten Notizen machte, sondern alle Informationen eines Falles in seinem Gedächtnis speicherte. Er hatte allerdings das Gefühl, es könnte bei dem Gespräch mit Frau Kramer ganz nützlich sein, wenn sie sah, dass er sich alles gewissenhaft notierte. Und indem er zunächst alltägliche Fragen wie die nach dem Beruf des Mannes stellte, wollte er dafür sorgen, dass sich die Frau nach dem ersten Schock wieder etwas beruhigte und entspannte, sofern das nach einer solchen Nachricht überhaupt möglich war.

»Er ist Rechnungsprüfer.«

»Und wie heißen Sie und Ihr Mann mit Vornamen?«

»Ich heiße Elke, der Vorname meines Mannes ist Thomas. Aber was …« Sie verstummte, als traute sie sich nicht, die schreckliche Wahrheit selbst in Worte zu fassen.

Schäringer, der sich ihre Angaben notiert hatte, hob den Blick und sah sie an. »Sie wollen vermutlich wissen, was mit Ihrem Sohn Niklas passiert ist.«

Sie nickte, während ihr neue Tränen aus den Augen und übers Gesicht flossen, blieb aber stumm, als traute sie der eigenen Stimme nicht.

Schäringer räusperte sich, bevor er antwortete: »Nach unseren bisherigen Erkenntnissen müssen wir leider davon ausgehen, dass Ihr Sohn ermordet wurde.«

»Er…mordet?«, wiederholte sie, als wäre es ein Wort, das sie noch nie zuvor gehört hatte und erst selbst laut aussprechen musste, um seine Bedeutung zu begreifen. Ihre Augen wurden zuerst ganz groß und schlossen sich dann wieder. Sie hob beide Hände und bedeckte ihr Gesicht damit. Ihre Schultern zuckten, während sie lautlos weinte. Schäringer wartete geduldig.

Baum hatte weniger Geduld. Er trat unruhig von einem Bein aufs andere. Vielleicht musste er ja aufs Klo, aber das war der denkbar schlechteste Moment, danach zu fragen oder von selbst zu gehen.

Schäringer konzentrierte sich wieder auf Elke Kramer. Sie schniefte laut und nahm dann die Hände vom Gesicht. Ihr Gesicht sah verheult aus und war tränennass. »Einen … einen Moment bitte«, sagte sie leise. »Ich … ich muss mich nur schnell etwas frisch machen, wenn Sie gestatten.«

»Aber sicher«, sagte Schäringer und stand ebenfalls auf. »Lassen Sie sich ruhig Zeit, Frau Kramer.«

Sie nickte Baum zu, der zur Seite getreten war, um sie vorbeizulassen, dann verließ sie das Wohnzimmer und lief die Treppe hinauf in den ersten Stock.

»Was ist los mit dir, Lutz?«, fragte Schäringer seinen Kollegen. »Musst du etwa aufs Klo?«

»Nö. Wie kommst du denn darauf?«

»Weil du ständig von einem Fuß auf den anderen tanzt, als müsstest du ganz dringend.«

»Ach was. Ich bin eben ein unruhiger Mensch, der nicht lange stillstehen kann. Solltest du nach sechs gemeinsamen Jahren aber langsam wissen, Franz.«

»Dann muss ich dir wohl in Zukunft Ritalin in deinen Automatenkaffee schütten. Bei dem ekelhaften Geschmack des Gesöffs würdest du das wahrscheinlich gar nicht merken.«

»Sehr witzig. Aber mal ganz im Ernst. Ich bin es eben nicht gewohnt, bei solchen Gesprächen danebenzustehen und nichts zu tun zu haben. Wie wär’s, wenn ich mir schon mal das Zimmer des Jungen ansehe, während du mit der Mutter redest?«

»Gute Idee. Ich frag sie, wenn sie wieder da ist. Ich glaub, da kommt sie schon.«

Elke Kramer kam tatsächlich wieder die Stufen herunter. Sie musste sich das Gesicht mit Wasser abgespült und den verschmierten Eyeliner abgewaschen haben. Sie machte einen gefassteren Eindruck, umklammerte mit ihrer rechten Faust aber ein Kosmetiktuch, als traute sie dem Frieden selbst nicht so recht und wollte für die nächste Tränenflut gewappnet sein. Sie nickte den beiden Männern zu. Als sie ihren alten Platz einnahm, setzte sich auch Schäringer wieder.

»So, jetzt können wir weitermachen«, sagte sie. »Wo waren wir stehengeblieben, Herr Kommissar?«

»Bevor wir uns weiter unterhalten, hätte ich eine Bitte an Sie, Frau Kramer. Könnte mein Kollege sich ein bisschen in Niklas’ Zimmer umsehen, während wir miteinander reden?«

Sie riss überrascht die Augen auf, als hätte sie nicht damit gerechnet, und sah von Schäringer zu Baum. Dann nickte sie jedoch, zuerst ein wenig zaghaft, dann mit zunehmender Überzeugung heftiger. »Natürlich. Das müssen Sie bei einem … in so einem Fall vermutlich tun. Soll ich Ihnen zeigen …?«

»Das ist nicht notwendig«, sagte Baum. »Sagen Sie mir nur, welches Zimmer das von Niklas ist.«

Sie nickte. »Es ist das Zimmer unterm Dach im zweiten Stock. Sie können es gar nicht verfehlen. Außerdem hängt an der Tür ein Schild, auf dem Achtung Sperrzone steht.«

»Vielen Dank, Frau Kramer. Ich werd’s schon finden.« Baum wandte sich ab, verließ das Wohnzimmer und stieg die Wendeltreppe nach oben. Zweifellos war er froh, dass er etwas zu tun bekam.

Elke Kramer wandte sich wieder an Schäringer. »Möchten … möchten Sie vielleicht einen Kaffee, Herr … Tut mir leid, aber ich hab mir Ihren Namen gar nicht gemerkt.«

»Kein Problem, Frau Kramer. Mein Name ist Franz Schäringer. Und vielen Dank, aber ich möchte keinen Kaffee.«

»Okay.« Sie warf einen Blick auf ihren eigenen Becher, schob ihn dann aber zur Seite, als wäre ihr der Appetit darauf vergangen. Der Becher hatte einen braunen Ring auf der Tischplatte hinterlassen. Sie wischte den verschütteten Kaffee mit dem Kosmetiktuch in ihrer Hand auf. »Sie sagten, Nikki wurde … ermordet.« Obwohl der Kaffeering längst weg war, wischte sie weiter über die Tischplatte, als könnte sie gar nicht mehr damit aufhören. Ihr Blick war noch immer gesenkt.

»Ja.«

»Wie wurde er …?«

»Er wurde erwürgt.«

»O mein Gott!« Sie schnappte nach Luft, während sie noch heftiger wischte. »Ging es … ging es denn schnell? Ich meine …«

»Ja. Ich gehe davon aus, dass Niklas nicht leiden musste.« Nähere Einzelheiten über den Zustand der Leiche und die deutlichen Würgemale am Hals des Jungen, die darauf hindeuteten, dass der Täter sehr kräftig gewesen sein musste, ersparte er ihr momentan lieber noch.

»Aber warum?« Erst jetzt hörte sie auf zu wischen und hob den Blick, um ihm wieder in die Augen zu sehen. »Warum wurde mein Sohn getötet, Herr Schäringer?«

Er zuckte mit den Schultern. »Das wissen wir noch nicht, Frau Kramer. Aber es ist unsere Aufgabe, herauszufinden, warum Niklas getötet wurde und wer es getan hat. Vielleicht können Sie uns bei unseren Ermittlungen helfen.«

Der Schmerz und die Trauer, die soeben noch in ihren Augen gestanden und ihre innere Welt dominiert haben mussten, wichen aus ihrem Gesicht. Beide Emotionen waren zwar noch immer vorhanden, wurden jedoch von einer neu erwachten Entschlossenheit verdrängt, die Polizei in ihrem Bemühen zu unterstützen, den Mörder ihres Sohnes zu finden und seiner gerechten Strafe zuzuführen. »Natürlich. Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Schäringer?«

»Wissen Sie, ob Ihr Sohn Feinde hatte?«

Sie riss verblüfft die Augen auf. »Nikki? Ausgeschlossen, Nikki hatte keine Feinde!«

Er zuckte mit den Schultern. »Keine Streitereien in der Schule? Zwei Jungs, die sich vielleicht in dasselbe Mädchen verliebt haben? Solche Art von Feinden meine ich.«

»Aber wegen einer solchen Lappalie bringt man doch niemanden um, oder?«

»Manchmal leider schon«, sagte Schäringer und sprach aus bitterer Erfahrung.

Elke Kramer senkte den Blick, während sie nachdachte. Sie begann, das fleckige Kosmetiktuch in kleine Fetzen zu zerreißen. »Von einem Mädchen weiß ich nichts. Zumindest gab es meines Wissens kein bestimmtes, für das Nikki schwärmte. Er war im Umgang mit dem anderen Geschlecht ohnehin sehr schüchtern. Aber …«

»Ja?«

»Er wurde in der Schule gemobbt.«

»Gemobbt? Und wie äußerte sich das?«

»Ein paar Jungs in seinem Alter hatten ihn auf dem Kieker. Ärgerten und drangsalierten ihn ständig, versteckten seinen Rucksack oder seine Sporttasche im Mülleimer und warfen seine Bücher ins Klo. Solche Sachen eben. Meistens mehr oder weniger harmlos. Dummejungenstreiche, oder was Jungs in dem Alter eben witzig finden.« Sie verstummte und kaute mit den Zähnen auf ihrer Unterlippe.

»Aber das war noch nicht alles, nicht wahr?«

»Vor … vor ungefähr zwei Wochen eskalierte die Geschichte ein bisschen. Die Kerle – es müssen drei oder vier gewesen sein – sperrten sich mit Nikki im Klo ein. Sie steckten seinen Kopf in die Toilettenschüssel und drückten die Spültaste. Das nahmen sie dann alles mit einem Handy auf und stellten den Film hinterher ins Internet.«

»Verstehe«, sagte Schäringer. »Und was unternahmen Sie deswegen?«

»Thomas … Mein Mann wurde fuchsteufelswild, als er das Video im Internet sah. Er sorgte irgendwie dafür, dass es sofort wieder gelöscht wurde. Außerdem wandte er sich an den Schulleiter. Wir verzichteten darauf, Strafanzeige zu erstatten, um den Jungs nicht ihre Zukunft zu verbauen, aber sie wurden nach einer gemeinsamen Aussprache für zwei Wochen vom Unterricht suspendiert. Außerdem mussten sie das Original des Videos löschen.«

»Die jungen Männer waren bestimmt nicht sehr glücklich darüber, dass Niklas sie beim Schulleiter meldete und sie vom Unterricht ausgeschlossen wurden. Wie haben sie darauf reagiert?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht.«

»Hat Niklas nichts erzählt?«

»Nein. Er war … Nach der ganzen Geschichte war er noch verschlossener als vorher. Außerdem waren die Kerle ohnehin suspendiert, sodass er ihnen seitdem in der Schule gar nicht begegnet war. Aber ich kann nicht glauben, dass sie Nikki deshalb gleich umbringen. Das sind jugendliche Rowdys mit merkwürdigen Vorstellungen von Spaß, aber keine Mörder.«

»Vielleicht haben Sie ja recht, Frau Kramer. Ich werde die Sache aber trotzdem im Auge behalten und mich mit den jungen Männern unterhalten. Können Sie mir ihre Namen nennen?«

»Ich kenne nur den Namen eines Jungen. Er ist so was wie der Anführer dieser Clique. Er heißt Heiko Fischer. Aber der Direktor des Graf-Rasso-Gymnasiums kann Ihnen die anderen nennen.«

Schäringer schrieb den Namen in sein Notizbuch. »Wissen Sie auch, wo Heiko Fischer wohnt?«

Sie schüttelte den Kopf. »Tut mir leid, aber da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Fragen Sie doch in der Schule nach.«

»Kein Problem. Das finden wir schon heraus. Sonst noch jemand, der kürzlich Streit oder eine Auseinandersetzung mit Niklas hatte.«

»Nein. Aber er erzählte uns auch nicht alles. In letzter Zeit war er sowieso viel unterwegs.«

»Sagt Ihnen der Name Nadine Blume etwas?«

»Natürlich.« Sie hörte auf, das Tuch zu zerrupfen, und hob den Blick, um Schäringer überrascht anzusehen. »Das ist der Name des Mädchens, das vor einer Woche verschwand. Vermutlich kennt seitdem jeder in der Gegend ihren Namen. Außerdem ging sie mit Nikki zur Schule.«

»Waren die beiden miteinander befreundet?«

Sie schürzte die Lippen und schüttelte den Kopf. »Nicht, dass ich wüsste. Wie gesagt, er war sehr schüchtern, wenn es um Mädchen ging. Sie kannten sich wohl nur vom Sehen und flüchtigen Kontakten.«

»Sie können also nicht sagen, ob Niklas in Nadine Blume verliebt war?«

»Nein. Das wäre ja ganz was Neues. Wie kommen Sie denn darauf?«

»Vielleicht hat Niklas ja auch von jemandem namens Blümchen erzählt. Das war Nadine Blumes Spitzname.«

»Nein. Auch von einer Blümchen weiß ich nichts. Aber wie kommen Sie darauf, dass Nikki in das verschwundene Mädchen verliebt gewesen sein könnte? Wurde sie etwa gefunden? Zusammen mit Nikki?« Sie riss die Augen auf und sah Schäringer entsetzt an.

»Nein, Frau Kramer. Nadine Blume wurde nicht gefunden. In Niklas’ Hosentasche befand sich allerdings ein Gegenstand, der Nadine Blume gehörte und den sie am Tag ihres Verschwindens trug.«

»Meinen Sie das Armband, von dem in der Zeitung die Rede war?«

»Ja. Es handelt sich um ein Bettelarmband mit sieben Symbolen als Anhänger. Haben Sie ein solches Armband in den letzten Tagen bei Niklas gesehen?«

»Nein. Und das wäre mir bestimmt aufgefallen, nachdem ich in der Zeitung davon gelesen hatte. Aber Moment, wollen Sie damit etwa …« Sie verstummte und schloss für einen Moment die Augen, während sie nachdachte. Sie hob die Hände und berührte mit den Fingerspitzen die Schläfen. Dann öffnete sie die Augen wieder und sah Schäringer zornig an. »Wollen Sie damit etwa andeuten, dass Nikki etwas mit dem Verschwinden dieses Mädchens zu tun hatte? Und das zweite Mädchen hat er dann wohl auch noch entführt?«

»Ich will gar nichts andeuten, Frau Kramer«, sagte Schäringer und bemühte sich, so viel Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit in seine Antwort zu legen, wie ihm möglich war. »Ich versuche nur, einen Mord aufzuklären und herauszufinden, ob es einen Zusammenhang mit dem Verschwinden der jungen Frauen gibt. Das Bettelarmband deutet nämlich genau darauf hin. Außerdem fand man in der Hosentasche Ihres Sohnes auch ein Blatt Papier, das vermutlich aus einem Notizbuch herausgerissen wurde. Darauf standen folgende vier Sätze: Blümchen ist verschwunden, und ich bin schuld! Ich hab sie auf dem Gewissen! Es tut mir alles so leid! Was soll ich nur tun? Wissen Sie, ob Ihr Sohn ein Tagebuch führte?«

Sie antwortete zunächst nicht, als würden ihr die Worte, die Schäringer gesagt hatte, noch eine Weile im Kopf herumschwirren. Dann schüttelte sie den Kopf. »Von einem Tagebuch weiß ich nichts. Er war auch nicht der Typ, der Tagebuch führt. Das machen doch eher Mädchen.«

»Wir werden die Schrift auf dem Papier natürlich mit einer Schriftenprobe Ihres Sohnes vergleichen müssen. Und sobald mir eine Kopie der Nachricht vorliegt, werde ich sie Ihnen zeigen.«

»Das wäre sehr freundlich von Ihnen, Herr Schäringer. Ich kann mir nämlich gar nicht vorstellen, dass Nikki so etwas geschrieben haben könnte. Das klingt ja tatsächlich so, als hätte er etwas mit dem Verschwinden seiner Mitschülerin zu tun. Und der letzte Satz hört sich beinahe so an, als wollte er sich etwas antun. Aber Sie sagten doch, dass er ermordet wurde, oder etwa nicht?«

»Das wurde er auch, davon sind wir überzeugt. Allerdings wollte jemand den Eindruck erwecken, Ihr Sohn hätte sich selbst getötet. Und das Bettelarmband und das Stück Papier könnten ihm ebenfalls untergeschoben worden sein, um den Verdacht vom wahren Täter auf Niklas zu lenken.«

»O mein Gott, das wird ja immer schlimmer.« Wieder traten ihr Tränen in die Augen. »Wenn das mein Mann erfährt. Und Kerstin erst …«

»Kerstin?«

»Kerstin ist unsere Tochter, Nikkis kleine Schwester. Sie ist erst vierzehn. Es wird ihr das Herz zerreißen, wenn sie erfährt, dass ihr Bruder tot ist. Aber wie … und wo hat man ihn überhaupt gefunden?«

Schäringer hatte mit der Frage gerechnet. »Ein Bauer fand ihn heute früh kurz nach Sonnenaufgang bei einem Feldweg südlich von Landsberied. Er hing am Ast eines Baumes.«

Sie schüttelte den Kopf. »O mein Gott. Mein armer Junge! Was er alles mitmachen musste. Und wir waren nicht da, um ihm zu helfen …«

»Es mag in Ihrer Situation nur ein schwacher Trost sein, Frau Kramer, aber in der Hinsicht kann ich Sie beruhigen. Niklas war bereits tot, als er am Baum aufgehängt wurde. Er bekam davon nichts mehr mit.«

Sie atmete erneut tief durch und blickte auf die Fetzen des Kosmetiktuchs vor ihr auf der Tischplatte. »Nun sehen Sie sich nur an, was für eine Sauerei ich angerichtet habe.« Dann richtete sie den Blick wieder auf den Kriminalbeamten. »Und wissen Sie schon, wann …? Also, ich meine, wann er starb …?«

»Wir können noch nicht sagen, wann Niklas getötet wurde. Es muss irgendwann letzte Nacht geschehen sein. Wissen Sie vielleicht, wohin Niklas gestern Abend oder in der Nacht ging?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich wusste ja nicht einmal, dass er schon letzte Nacht das Haus verlassen hatte, bis Sie mir erzählten, dass er … Nach dem Abendessen ging er gestern wie immer auf sein Zimmer. Ich ging um zehn ins Bett, da war er noch wach und hat gelesen. Ich wünschte ihm eine gute Nacht und ging schlafen. Danach …« Sie verstummte, kämpfte um ihre Fassung und gewann. »Danach hab ich ihn nicht mehr gesehen.«

»Fiel Ihnen denn heute Morgen gar nicht auf, dass er nicht da war? Kam er sonst nicht zum Frühstück, bevor er zur Schule ging?«

»Ich dachte, er wäre schon früher aufgestanden, um einem Bekannten beim Austragen von Werbeprospekten zu helfen. Das macht … Das machte Niklas manchmal, um sich sein Taschengeld aufzubessern. Dann … ging er schon so früh aus dem Haus, dass ich es oft gar nicht mitbekam, und anschließend direkt in die Schule. Ich sah ihn dann erst wieder, wenn er von der Schule nach Hause kam. Deshalb wunderten wir uns heute Morgen auch nicht, als er nicht herunterkam. Wir dachten eben, er wäre beim Austragen.«

»War sein Bett gemacht?«

Sie nickte. »Aber das hat nichts zu bedeuten. Die Kinder machen ihre Betten inzwischen selbst.«

»Also wissen wir nicht, ob er sich hingelegt und geschlafen hat, bevor er das Haus verließ, oder ob er schon ging, nachdem sich alle anderen schlafen gelegt hatten. Wann geht Ihr Mann ins Bett?«

»Er ist ebenfalls kein Nachtmensch. Er kommt meistens eine halbe Stunde nach mir ins Schlafzimmer, liest noch zwanzig bis dreißig Minuten und macht dann das Licht aus. Spätestens um 23 Uhr schlafen unter der Woche alle. Nur Niklas blieb manchmal etwas länger auf.«

»Wir können also momentan nur festhalten, dass Niklas frühestens eine Stunde vor Mitternacht unbemerkt das Haus verlassen haben kann. Hatte er Freunde, denen er mehr darüber gesagt haben könnte.«

Sie legte den Kopf leicht zur Seite und verzog das Gesicht. »Freunde in dem Sinne hatte Niklas gar nicht. Er hatte Schulkameraden und Bekannte, die er mochte und mit denen er sich gelegentlich traf. Außerdem war er im Fußballverein und traf sich mit den anderen Spielern zum Training und zu den Spielen. Ansonsten war er allerdings eher ein Einzelgänger. Ich glaube daher nicht, dass er anderen Leuten Dinge anvertraut hätte, die er uns nicht erzählte.«

»Wüsste Ihre Tochter Kerstin unter Umständen mehr über das, was Niklas tat und vorhatte? Geschwister erzählen sich manchmal mehr als den Eltern.«

»Ich glaube nicht, dass Kerstin mehr weiß. Sie und Nikki stritten sich zwar nur selten, vertrauten sich aber bestimmt keine Geheimnisse mehr an. Dafür waren sie zu verschieden, nicht nur wegen ihres Geschlechts. Außerdem waren sie vier Jahre auseinander und hatten ganz unterschiedliche Interessen. Sie können Kerstin natürlich gern selbst dazu befragen, aber ich würde Sie bitten, damit noch etwas zu warten, bis sie … bis sie den größten Schock über den Tod ihres … ihres Bruders verarbeitet hat.«

»Selbstverständlich, Frau Kramer. Können Sie mir dann vielleicht sonst noch etwas sagen, was Ihnen nun, im Nachhinein, unter Umständen merkwürdig vorkommt und mit Niklas’ Tod in Verbindung stehen könnte.«

Sie dachte kurz nach, wobei sich ihre Stirn kräuselte. Schäringer hörte in einem der oberen Stockwerke Schritte. Das musste Baum sein.

»Tut mir leid, Herr Schäringer«, sagte Elke Kramer dann und zuckte mit den Schultern. »Momentan fällt mir nichts ein. Das mit dem Mobbing in der Schule und dem Video ist im Grunde das Einzige, was mir in diesem Zusammenhang sofort in den Sinn kam. Ich glaube aber immer noch nicht, dass diese Jungs einen kaltblütigen Mord begehen könnten. Das sind doch noch ganz junge Kerle. Wieso sollten die jemanden umbringen, nur weil er sie beim Schuldirektor verpetzt hat und sie suspendiert wurden?«

Nun war es an Schäringer, mit den Schultern zu zucken. »Möglicherweise haben Sie recht, Frau Kramer. Trotzdem werde ich die Sache weiterverfolgen und mich mit dem jungen Mann unterhalten, dessen Namen Sie mir gaben. Wenn er und seine Kumpane für die letzte Nacht ein Alibi haben, hat sich dieser Verdacht ohnehin entkräftet. Ich lasse Ihnen auf alle Fälle meine Karte da. Falls Ihnen noch etwas einfällt, können Sie mich jederzeit im Büro oder über meine Handynummer erreichen. Egal, zu welcher Tageszeit.« Er holte eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche und legte sie auf die Tischplatte. »Vermutlich werde ich demnächst ohnehin noch einmal bei Ihnen vorbeischauen, um mich mit Ihrem Mann und gegebenenfalls mit Ihrer Tochter zu unterhalten, wenn Ihnen das recht ist.«

»Selbstverständlich. Rufen Sie aber vorher bitte an.«

Schäringer nickte. Er hörte, dass Baum die Treppe herunterkam. Er hatte den Eindruck, sein Kollege hätte nach der Durchsuchung von Niklas’ Zimmer im ersten Stock gewartet, bis Schäringer seine Unterhaltung mit Elke Kramer beendete. Entweder hatte er nicht mitten ins Gespräch platzen und stören oder nicht wieder untätig danebenstehen wollen.

»Wir können gern noch warten, bis Sie jemanden angerufen haben, der Ihnen Gesellschaft leistet«, sagte Schäringer.

»Das ist nicht notwendig, Herr Schäringer. Ich … Mir geht es … Nun, natürlich nicht gut, aber gut genug, um für kurze Zeit allein bleiben zu können. Ich werde gleich meinen Mann anrufen, sobald Sie gegangen sind. Er wird bestimmt sofort alles stehen und liegen lassen und heimkommen. Von seinem Büro sind es mit dem Auto nur fünf Minuten. Ich werde also nicht lange allein sein. Gehen Sie und Ihr Kollege lieber und erledigen Sie Ihre Arbeit, damit derjenige, der meinen Nikki umgebracht hat, geschnappt wird. Haben Sie denn in Nikkis Zimmer etwas gefunden, das Ihnen weiterhilft, Herr …?«

»Baum«, ergänzte Schäringers Kollege, der im Türrahmen stand und einen Laptop, ein Schulheft und ein Foto in der Hand hielt. »Leider nicht viel. Unsere Techniker werden die Festplatte des Laptops untersuchen, ob sich darauf etwas befindet, das mit seinen Aktivitäten in der letzten Nacht oder seinem Tod zu tun haben könnte. Außerdem würden wir gern dieses aktuelle Foto von Niklas und sein Deutschheft mitnehmen, damit wir seine Handschrift mit der Nachricht vergleichen können, die man bei ihm fand. Sie bekommen die Sachen nach Abschluss der Ermittlungen natürlich zurück.«

Sie sah traurig auf die Gegenstände in Baums Hand, als wollte sie diese nicht auch noch hergeben, nachdem sie an diesem Morgen bereits ihren Sohn verloren hatte, doch dann nickte sie. »Natürlich. Nehmen Sie von Nikkis Sachen mit, was auch immer Sie benötigen.«

Schäringer erhob sich von seinem Platz. »Dann werden wir Sie nicht länger stören, Frau Kramer. Bleiben Sie ruhig sitzen. Wir finden von allein hinaus. Auf Wiedersehen.«

Auch Baum verabschiedete sich. Elke Kramer nickte nur wortlos und blieb auf ihrem Stuhl sitzen, während die beiden Kriminalbeamten das Wohnzimmer verließen und durch den Flur zur Haustür gingen. Bevor Schäringer hinter Baum aus dem Haus trat, sah er sich noch einmal um. Er konnte Elke Kramer nur zum Teil sehen, erkannte jedoch, dass sie vornübergebeugt dasaß, das Gesicht in beide Hände vergraben hatte und ihre Schultern zuckten. Er seufzte hinter fest aufeinandergepressten Lippen, wandte sich ab und schloss die Tür hinter sich.

2

Als Schäringer und Baum den Vorgarten des Reihenhauses durchquerten, wurden sie von einer Nachbarin drei Häuser weiter neugierig und relativ unverblümt angestarrt.

»Guten Morgen«, grüßte Baum. »Wir sind vom bayerischen Ministerium für Gesichtskontrolle. Zu Ihnen kommen wir in einer Viertelstunde auch noch. Bereiten Sie sich bitte schon mal darauf vor.«

Schäringer verdrehte die Augen, musste aber dennoch schmunzeln.

Die Frau riss Augen und Mund auf – so hätte sie gewiss keine Gesichtskontrolle überstanden – und schnappte nach Luft. Dann wandte sie sich um und verschwand fluchtartig im Haus.

»Ich wünschte mir, du würdest solche Dinge unterlassen, Lutz.«

»Du fandest es aber auch witzig, Franz, gib’s ruhig zu. Ich hab gesehen, dass du ein bisschen gelächelt hast.«

»Das war kein Lächeln«, sagte Schäringer, während er das Gartentürchen hinter sich schloss und sie über den Gehsteig zum Wagen gingen. »Ich habe nur gequält das Gesicht verzogen und mit den Zähnen geknirscht, als ich daran denken musste, was wir für einen Ärger kriegen, wenn die Frau zum Telefon greift und Kriminalrat Ehrbacher anruft.«

»Die weiß doch gar nicht, dass wir von der Kripo sind«, wiegelte Baum ab, betätigte den Türöffner, damit Schäringer schon mal einsteigen konnte, und lief dann um die Motorhaube des BMW herum.

Schäringer schüttelte den Kopf und stieg ein. Als Baum die Fahrerseite erreichte, öffnete er erst die hintere Tür, um den Laptop auf den Rücksitz zu legen, ehe er auf dem Fahrersitz Platz nahm. Wenn die beiden Kollegen gemeinsam unterwegs waren, saß stets Baum hinter dem Steuer des Dienstwagens. Er fuhr gern Auto und war fast genauso zappelig wie eben im Wohnzimmer der Kramers, wenn er auf dem Beifahrersitz hocken musste und zur Untätigkeit verdammt war. Um etwas zu tun zu haben, nervte er den Fahrer dann stets mit überflüssigen Hinweisen wie »Die Ampel wird gleich rot!«, »Pass auf, die Autos da vorn bremsen!« oder gerne auch mal: »Auf der linken Spur würden wir schneller vorankommen!« Einmal hätte Schäringer ganz am Anfang ihrer Zusammenarbeit sogar um ein Haar einen Unfall verursacht. Baum hatte laut gerufen: »Pass auf den Radfahrer auf!« Schäringer, der den Radler bemerkt und im Auge gehabt hatte, hatte sich aber gedacht: »Was, noch ein Radfahrer?« und so abrupt abgebremst, dass der nachfolgende Fahrer ihnen beinahe ins Heck gekracht wäre. Seitdem überließ er Baum gern den Platz hinter dem Steuer. Das hatte zudem den Vorteil, dass er sich nicht auf den Verkehr konzentrieren musste, sondern in aller Ruhe über die jeweils aktuellen Fälle und die bisherigen Ermittlungen nachdenken konnte. Es war fast so, als hätte er einen eigenen Chauffeur.

»Und wo fahren wir jetzt hin?«, fragte Baum, als sie beide im Auto saßen.

»Wir statten einem jungen Mann namens Heiko Fischer einen Besuch ab. Aber lass mich erst noch telefonieren, um seine Adresse in Erfahrung zu bringen.« Schäringer holte sein Handy heraus und tippte die Bürodurchwahl des Leiters der Spurensicherung ein. Wenn er Glück hatte, war Krautmann schon wieder im Büro und konnte dort im Handumdrehen die Adresse des Burschen herauskriegen.

»Krautmann. Wer stört?« Vermutlich hatte er Schäringers Handynummer auf dem Display seines Apparates erkannt, sonst hätte er sich nicht mit diesen Worten gemeldet.

»Als wenn du das nicht wüsstest, Christian.«

»Franz, was gibt’s? Für gute Neuigkeiten ist es noch viel zu früh. Wir sind noch immer dabei, die Spuren vom Tatort zu analysieren.«

»Dachte ich mir schon. Es geht ohnehin um etwas ganz anderes. Ich brauche die Adresse eines jungen Mannes. Er heißt Heiko Fischer, dürfte um die 18 sein und geht aufs Graf-Rasso-Gymnasium. Kannst du die Anschrift rauskriegen und mich dann zurückrufen?«

»Klar. Ich melde mich sofort wieder.«

»Danke.« Schäringer unterbrach die Verbindung, behielt das Mobiltelefon allerdings in der Hand.

»Und wer ist dieser ominöse Heiko Fischer?«

»Der Wortführer einer Clique, die Niklas Kramer in der Schule gemobbt hat.«

»Gemobbt? Als ich zur Schule ging, gab es das Wort im Deutschen noch nicht mal, obwohl auch damals schon Schulkameraden geärgert und getriezt wurden. Das nannte man nur anders. Bei uns hieß das Du-bist-das-größte-Arschloch-in-der-Klasse-und-wir-ärgern-dich-damit-du-das-bis-morgen-auch-ja-nicht-vergisst.«

»Und du hattest nie Mitleid mit den Opfern?«

»Mitleid?« Baum zuckte mit den Schultern. »Wieso? Außerdem waren das keine Opfer. Das waren Idioten, die sich wie Idioten benahmen und es verdient hatten.«

»Das kann man so oder so sehen, Lutz. Auf jeden Fall heißt das Ganze heutzutage auf Neudeutsch Mobbing und hat wohl auch Ausmaße angenommen, die es früher nicht gab, weil die heutige Jugend infolge der Reizüberflutung durch das Internet und die Medien und durch gewalttätige Computerspiele und Filme teilweise den Bezug zur Realität verloren hat und langsam aber sicher immer mehr verroht.«

»Hört, hört!« Baum hielt sich die geschlossene Faust vor den Mund, als spräche er in ein Mikrofon. »Schalten Sie auch nächste Woche wieder ein, wenn Pfarrer Schäringer das Wort zum Sonntag spricht.«

Schäringer schmunzelte, dann erzählte er Baum, was die jungen Männer unter Heiko Fischers Führung mit Niklas Kramer angestellt hatten.

»So was haben wir damals natürlich nicht gemacht«, sagte sein Kollege, nachdem Schäringer seinen Bericht beendet hatte. »Bei uns war das noch vergleichsweise harmlos.«

»Ihr hattet auch noch nicht die technischen Möglichkeiten dazu«, gab Schäringer zu bedenken und meinte Handys, mit denen man Filme drehen konnte.

»Hast du eine Ahnung. Bei uns gab es auch schon Toiletten mit fließendem Wasser. Wir haben allerdings nie jemanden, nicht einmal den größten Idioten der ganzen Schule, mit dem Kopf hineingesteckt. Aber als du zur Schule gingst, Franz, vor achtzig Jahren oder so, da gab es vermutlich nur ein einziges stinkendes Plumpsklo auf dem Schulhof, oder?«

Schäringer lächelte nur müde. »Wenn du weiterhin so schlechte Witze machst, Lutz, wirst du nie so alt werden, wie du aussiehst.« Das Handy in seiner Hand spielte die ersten Töne der Titelmelodie der Tatort-Reihe und beendete damit ihre Unterhaltung fürs Erste.

»Das ging aber flott, Christian«, sagte Schäringer anstelle einer Begrüßung, denn er hatte gesehen, dass der Anruf von Krautmann kam.

»So sind wir von der Spurensicherung eben: schnell, zuverlässig und verdammt gut aussehend. Ich hab die Adresse des jungen Mannes. Hast du was zu schreiben?«

»Die kann ich mir schon noch merken. So alt bin ich nämlich auch wieder nicht.« Er warf einen finsteren Blick in Baums Richtung, der nur grinste. »Schieß los!«

»Der junge Mann ist 19 Jahre alt und wohnt gar nicht weit vom Graf-Rasso-Gymnasium in der Münchner Straße.« Krautmann nannte auch die Nummer. »Brauchst du sonst noch was?«

»Erste Untersuchungsergebnisse kannst du mir ja eh noch nicht liefern, oder?«

»Tut mir echt leid, Franz, aber da musst du dich schon noch ein bisschen gedulden.«

»Hast du wenigstens eine Kopie des Zettels und ein Foto des Armbands für mich gemacht?«

»Natürlich. Liegt schon alles auf deinem Schreibtisch.«

»Dann sage ich schon mal Danke. Wir werden jetzt erst einmal ein Wörtchen mit Heiko Fischer reden, aber sobald wir wieder in der Inspektion sind, bringt Baum dir den Laptop und ein Schulheft von Niklas Kramer für den Schriftenvergleich vorbei.«

»Also noch mehr Arbeit für meine Leute und mich. Dann weiß ich ja wenigstens, worauf ich mich heute noch freuen kann. Servus, Franz.«

»Servus, Christian.«

Schäringer steckte sein Handy weg und sagte zu Baum: »Wir müssen in die Münchner Straße. Das ist nicht weit von hier.« Er griff nach dem Gurt und schnallte sich an.

»Okay«, sagte Baum und gurtete sich ebenfalls an. »Während der Fahrt kannst du dir ja schon mal das Schulheft angucken, das ich aus Niklas’ Zimmer mitgenommen habe.« Er legte Schäringer Heft und Foto des jungen Mannes in den Schoß und startete den Wagen.

»Ein Tagebuch, aus dem ein Blatt herausgerissen wurde, hast du nicht gefunden?«

»Nein. Und ich hab wirklich überall gründlich danach gesucht. Ein Handy war übrigens auch nicht da. Er hatte aber auch keins bei sich, als man ihn fand.«

»Vielleicht besaß er gar keins.«

»Junge Leute in seinem Alter haben doch heutzutage alle ein Handy. Ohne Smartphone ist man doch schon in der vierten Klasse Grundschule total uncool. Wir sollten seine Eltern fragen, ob er eins hatte und um welches Fabrikat es sich handelt. Möglicherweise hat es jetzt der Mörder.«

»Und wieso soll ich einen Blick in dieses Heft werfen? Gibt es darin etwas Besonderes zu sehen?«

»Schau es dir einfach mal an, okay?«

»Na gut. Also hast du das Heft nicht nur mitgenommen, um es für die Schriftanalyse zu benutzen?«

»Stimmt. Was hat Frau Kramer eigentlich gesagt, als du sie nach Niklas’ Verhältnis zu Nadine Blume befragt hast?«

»Sie sagte, dass Niklas das Mädchen vermutlich nur flüchtig kannte. Ob Niklas in Nadine Blume verliebt war, konnte sie nicht bestätigen. Angeblich war er ausgesprochen schüchtern im Umgang mit Mädchen.«

Schäringer sah sich kurz das Foto an, das sie mitgenommen hatten. Zum ersten Mal sah er Niklas Kramer so, wie er zu Lebzeiten ausgesehen hatte, ohne all die grauenvollen Merkmale des Erstickungstodes. Es handelte sich um die professionelle Arbeit eines Fotografen, die vermutlich angefertigt worden war, um sie den Eltern oder Großeltern zu Weihnachten oder zum Geburtstag zu schenken, und zeigte einen halbwegs gut aussehenden, jungen Mann, der etwas unsicher und zaghaft in die Kamera lächelte.

Schäringer schob das Foto unter das Heft und öffnete es dann auf der ersten von Niklas Kramer beschriebenen Seite. Er überflog sie und suchte nach Auffälligkeiten, ohne die Bedeutung der Worte zur Kenntnis zu nehmen. Es schien sich ausschließlich um Themen des Deutschunterrichts zu handeln. Schäringer blätterte weiter, fand jedoch auch auf den nächsten 10 Seiten nichts Ungewöhnliches. Er dachte schon, Baum wollte ihn nur auf den Arm nehmen, und war kurz davor, den Kollegen zu fragen, was dieser Blödsinn zu bedeuten habe, als er auf der nächsten Seite zum ersten Mal auf ein gezeichnetes Herz am Seitenrand stieß, in dem die Initialen »N.B. & N.K.« zu lesen waren.

»Aha, das meintest du also.«

»Ja. Und da kommt noch mehr.«

Schäringer sah sich das Datum des Hefteintrags an, das am Rand vermerkt war, und stellte fest, dass Nadine Blume nur eine Woche später verschwunden war. Er blätterte weiter und stieß auf der nächsten Doppelseite sogar auf vier Herzen einschließlich Initialen. Manches Herz wurde von einem Pfeil durchbohrt, und aus den Löchern tropfte rot angemaltes Blut. Außerdem war ein halbes Dutzend Mal der Satz »Blümchen, ich liebe dich!« zu lesen. In dieser Art ging es weiter bis zum Eintrag des Tages, an dem Nadine Blume auf dem Nachhauseweg vom Nachmittagsunterricht spurlos verschwunden war. Dort fand er allerdings kein Herz, sondern nur die Initialen »N.B.«. Darunter stand: »Heute oder nie!« Schäringer blätterte weiter und sah sich die Einträge an, die danach kamen – der letzte stammte von vorgestern –, fand jedoch weder ein Herz noch eine weitere Liebesbekundung.

»Am Tag nach ihrem Verschwinden hört er ganz plötzlich auf, Herzchen und Liebeserklärungen in sein Heft zu malen. Aber warum? Seine Liebe kann mit ihrem Verschwinden doch nicht abrupt erloschen sein. Vermutlich sollte sie doch eher gewachsen sein, weil er sich schreckliche Sorgen um sie machen musste.«

»Außer, er selbst hat Nadine Blume an diesem Tag in seine Gewalt gebracht. Dann muss er nicht mehr heimlich in sein Heft schreiben, dass er sie liebt, sondern kann es ihr persönlich sagen. Und sie kann ihn nicht zurückweisen, weil er sie sonst bestraft, indem er sie schlägt oder ein bisschen mit dem Messer bedroht. Vielleicht war er ja gar nicht mehr so schüchtern, sobald die Mädchen gefesselt waren, sich nicht wehren und ihm keinen Korb geben konnten.«

»Hm«, machte Schäringer und überlegte. »Dann bleibt aber immer noch die Frage, wer ihn erwürgt und an den Baum gehängt hat, um es wie einen Selbstmord aussehen zu lassen.«

»Möglicherweise ein Fall von Selbstjustiz«, schlug Baum vor, setzte den Blinker und bog ab.

»So wie man es im Wilden Westen mit Pferdedieben gemacht hat, meinst du? Einfach am nächsten Baum aufknüpfen. Allerdings wurde er schon vorher erwürgt. Wenn er erhängt worden wäre, müsste man eher von einem planmäßigen Verhalten ausgehen, denn dazu braucht man einen Strick. Dass er von einer Person, die kräftiger war als er, erwürgt wurde, könnte auch im Affekt geschehen sein. Aber wer könnte diese Person gewesen sein?«

»Jemand, der herausfand, dass Niklas die beiden Mädchen entführt und möglicherweise getötet hat. Jemand, der deshalb eine Stinkwut auf den Jungen hatte.«

»Du meinst also, einer der Angehörigen der beiden Mädchen hat es getan?«

»Wäre doch möglich? Da der Junge ermordet wurde und sein Tod ganz offensichtlich im Zusammenhang mit den verschwundenen Mädchen steht, müssen wir uns ihre Angehörigen ohnehin näher ansehen.«

Schäringer nickte. »Aber jetzt sehen wir uns erst einmal dieses Bürschchen an, das gern die Köpfe seiner Mitschüler in Kloschüsseln steckt. Da vorne ist es. Fahr am besten in die nächste Seitenstraße und such dort nach einem Parkplatz.«

Baum blinkte, bog ab und besetzte die nächste freie Parklücke am rechten Rand der Fahrbahn.

3

Der junge Mann, der ihnen öffnete, nachdem sie an der Tür der Doppelhaushälfte Sturm hatten läuten müssen, um die ohrenbetäubend laute Musik aus dem Obergeschoss zu übertönen, passte rein äußerlich schon einmal hervorragend in ihr bisheriges Täterprofil eines sehr kräftigen Mannes, denn er war kaum kleiner als Schäringer, aber um einiges breiter, vor allem im Schulterbereich. Er machte einen bulligen und feindseligen Eindruck, wie er in der offenen Tür stand und die beiden Männer, die vor ihm standen, grimmig ansah. Er trug ein schwarzes T-Shirt, auf dem der Name der Band IRON MAIDEN stand und das teilweise von ihren Bandagen befreite Gesicht einer vertrockneten Mumie zu sehen war. Seine eindrucksvolle Brustmuskulatur und die dicken Oberarmmuskeln spannten den Stoff des Shirts, sodass es aussah, als würde es bei der nächsten Bewegung wie ein Kokon aufplatzen. Allerdings würde darunter kein filigraner Schmetterling zum Vorschein kommen. Auch die schwarze Jeans, unter deren Stoff sich die mächtigen Oberschenkelmuskeln deutlich abzeichneten, saß so eng, als wäre sie ihm auf den Leib gegossen worden. Er trug keine Schuhe, sondern nur weiße Tennissocken und hatte streichholzkurzes, hellblondes Haar, eine große, gebogene Nase, die an den Schnabel eines Raubvogels erinnerte, und einen kleinen, silbernen Knopf im linken Ohrläppchen.

»Wenn ihr zwei Knalltüten Zeugen Jehovas seid, rate ich euch, schleunigst einen Abflug zu machen und unser Grundstück zu verlassen, bevor ich mit euren dämlichen Gesichtern den Bürgersteig vor dem Haus aufwische.«

Die Musik aus einem Zimmer im ersten Stock war erst verstummt, nachdem Schäringer den Klingelknopf zum mindestens zehnten Mal unter seinem Daumen begraben und für länger als eine Minute nicht mehr losgelassen hatte. Erst dann war die einzige Person, die an diesem Vormittag zu Hause zu sein schien, auf das Klingeln aufmerksam geworden und hatte die Musik abgestellt. Durch ein gekipptes Fenster im Obergeschoss, hinter dem auch das laute Wummern und Dröhnen entstanden war, war eine Stimme zu hören gewesen, die »Ist ja schon gut, ihr Wichser!« gerufen hatte. Dann war dieselbe Person mit so lauten Schritten die Treppe heruntergepoltert, dass Schäringer sich nicht gewundert hätte, wenn das ganze Gebäude ins Wanken geraten wäre. Erst als die Tür geöffnet worden war und die beiden Polizisten einen Blick auf den anwesenden Hausbewohner hatten richten können, hatte Schäringer verstanden, warum die Schritte des jungen Mannes so laut gewesen waren.

»Sind Sie Heiko Fischer?«, fragte Schäringer und starrte das junge Muskelpaket ebenso finster an wie dieser ihn. Es war im Grunde keine Frage, sondern eher eine begründete Vermutung, denn wer anderes sollte an einem Werktag-Vormittag zu Hause sein als ein vom Unterricht suspendierter Schüler. Natürlich bedeutete eine Suspendierung nicht, dass er den ganzen Tag zu Hause sitzen und Däumchen drehen musste, aber vielleicht hatten ihn seine Eltern dazu verdonnert, die von der Beurlaubung alles andere als begeistert sein durften. Der junge Mann, der vor Schäringer und Baum stand, sah zwar älter aus als 19 Jahre, dennoch war Schäringer sich relativ sicher, dass sie die Person vor sich hatten, mit der sie sprechen wollten.

»Und wer will das wissen?«

»Schäringer, Kriminalpolizei«, stellte sich der Kriminalhauptkommissar der Mordkommission gewohnt knapp vor und präsentierte seinen Dienstausweis, sodass sein Gegenüber ihn problemlos lesen und das Foto erkennen konnte. Mit der freien Hand deutete er gleichzeitig in Baums Richtung. »Und das ist mein Kollege, Kriminalkommissar Baum. Wir würden gern reinkommen und uns ein wenig mit Ihnen unterhalten, Herr Fischer.«

Heiko Fischer sah sich den Dienstausweis nur kurz an, bevor er das Gesicht zu einer wütenden Grimasse verzog. »Dann hat dieser Schwächling also doch die Bullen informiert. Ich glaub’s einfach nicht. Aber was hat denn die Kripo damit zu tun? So schlimm war die ganze Geschichte doch gar nicht.«

»Wie wäre es, wenn wir drin weiterreden, Herr Fischer?«, schlug Schäringer vor. »Muss ja nicht jeder in der Nachbarschaft mitbekommen, was wir zu besprechen haben, oder?«

Heiko Fischer sah die beiden Kriminalbeamten der Reihe nach an und überlegte.

Schäringer warf einen kurzen Blick zu Baum, der den jungen Mann noch feindseliger ansah, als dieser zuvor sie. Zweifellos lagen ihm die Titulierungen »Wichser«, »Knalltüten« und »Bullen« im Magen, verursachten ihm erhebliche Beschwerden und waren für den finsteren Ausdruck auf seinem Gesicht verantwortlich.

»Haben Sie denn einen Durchsuchungsbefehl?«

Schäringer seufzte und richtete den Blick wieder auf Fischer, der ihn frech angrinste, die Arme vor der Brust verschränkte, was seine Bizepse noch stärker anschwellen ließ, und sich betont lässig gegen den Türrahmen lehnte.

»Wenn du es darauf ankommen lassen willst, können wir uns im Handumdrehen einen besorgen, Arschloch!«, sagte Baum in seiner gewohnten diplomatischen Art. »Allerdings gibt uns ein Durchsuchungsbeschluss, wie schon der Name sagt, das Recht, das ganze Haus mit einem halben Dutzend Leuten von der Spurensicherung vom Dach bis in den Keller zu durchsuchen. Ich glaube nicht, dass du und vor allem deine Eltern das wirklich wollen. Also, was ist jetzt, Arnold? Willst du drin weiterreden oder uns in unser Büro begleiten?«

Während Baums kurzer Ansprache verzog sich Fischers Gesicht zunächst zu einer wütenden Grimasse, während er gleichzeitig die Hände zu Fäusten ballte, als wollte er gleich auf Schäringers Kollegen losgehen. Doch je mehr von Baums Worten seinen Verstand erreichten und dort entschlüsselt wurden, desto mehr entspannten sich sowohl seine Miene als auch seine großen Hände. Am Ende knurrte Fischer leise und sah nach rechts und nach links, ob einer der Nachbarn in der Nähe war und etwas von dem Gespräch mitbekommen hatte. Sichtlich zufrieden, dass es keine Zeugen dafür gab, dass er nachgeben musste, stieß er sich vom Türrahmen ab, nahm die Hände herunter, die längst keine Fäuste mehr waren, und trat einen Schritt zurück und zur Seite, um wie ein miesepetriger Türsteher den Durchgang freizugeben. »Okay, dann kommen Sie schon rein.« Der bisherige bösartige Tonfall war ebenso verschwunden wie das respektlose Duzen.

Schäringer betrat das Haus und marschierte durch den Flur geradeaus bis ins Wohnzimmer, das im Grunde nicht viel anders eingerichtet war als das der Kramers, in dem sie vor der Fahrt hierher gewesen waren. Die Möbel sahen lediglich ein bisschen anders aus und waren anders im Raum verteilt.

»Na also, warum nicht gleich so?«, sagte Baum, als er an Fischer vorbeiging, um seinem Kollegen zu folgen.

Der junge Mann schloss die Haustür und trottete auf Strumpfsocken hinter ihnen her. Er blieb in der offenen Tür stehen, verzichtete darauf, ihnen einen Platz anzubieten, und sah Schäringer an, den er vermutlich für den freundlicheren Polizisten und damit das kleinere Übel hielt. »Also, was wollen Sie von mir?« Obwohl er sich den Anschein gab, nicht wirklich eingeschüchtert zu sein, zeigten sich erste Schweißperlen auf seiner Stirn und seinem erst kürzlich rasierten, rosigen Gesicht.

»Was glauben Sie denn, weswegen wir hier sind, Herr Fischer?«, fragte Schäringer. »Was dagegen, wenn wir uns setzen?« Er deutete mit fragendem Gesichtsausdruck auf das Ecksofa aus karamellfarbenem Leder.

Fischer schaute zunächst verwirrt, doch dann nickte er. Nachdem Schäringer auf dem schmaleren Teil Platz genommen hatte, sah der junge Mann fragend zu Baum, als wollte er ihm den Vortritt lassen, doch dieser schüttelte den Kopf.

»Ich stehe lieber. Aber tun Sie sich keinen Zwang an.« Er wies auf die Couch.

Fischer gehorchte widerwillig. Seine ganze Feindseligkeit, die er zuvor geradezu versprüht hatte, war so spurlos verschwunden, als hätte sie nie existiert. Nun ähnelte er auch mehr dem 19-jährigen Gymnasiasten, der er tatsächlich war, und weniger dem muskelbepackten, coolen Typen, der er vermutlich gern sein wollte.

»Und?«, fragte Schäringer, nachdem Fischer sich auf den längeren Teil des Sofas so weit wie möglich von ihm weggesetzt hatte.

»Was und?«

»Ob Sie eine Ahnung haben, weswegen wir hier sind, würde ich gern von Ihnen wissen.«

Der junge Mann senkte den Blick und schaute auf seine Hände, die er in seinem Schoß unablässig knetete. Er leckte sich die Lippen, als wären sie trocken, bevor er antwortete: »Vermutlich sind Sie wegen Kramer hier, diesem kleinen, petzenden Scheißer.«

Schäringer nickte und fügte, da Fischer ihn nicht ansah, hinzu: »Das stimmt. Wir sind wegen Niklas Kramer hier. Was haben Sie mit ihm angestellt?«

»Angestellt?«

»Was haben Sie ihm angetan?«

»Angetan? Gar nix haben wir ihm angetan. Wir haben ihn nur ein bisschen geärgert.«

»Geärgert?«, fragte Baum so laut, dass Fischer ruckartig den Kopf hob und zu ihm hochsah. »Das, was du und deine Kumpel ihm angetan habt, bezeichnest du also verharmlosend als ärgern? Dann hast du wohl auch nichts dagegen, wenn ich dich mal ein bisschen ärgere, oder?«

»Na gut«, sagte der junge Mann und hob in einer Geste der Beschwichtigung die Hände. »Beim letzten Mal lief die Geschichte eben ein kleines bisschen aus dem Ruder. So was kommt vor. Andi hat das Ganze mit seinem Handy aufgenommen, um es ins Netz zu stellen. Deswegen sind wir vermutlich ein wenig übers Ziel hinausgeschossen. Aber wir haben’s nicht wirklich böse gemeint. Und außer an seiner Würde hat Kramer ja wohl keinen Schaden genommen.«

Baum schüttelte verständnislos den Kopf und verdrehte die Augen.

»Und was haben Sie nun genau mit ihm gemacht?«, fragte Schäringer.

Fischer sah wieder nach unten und runzelte die Stirn, während er nachdachte. Er hob die rechte Hand und kratzte sich am Hinterkopf. »Na ja, wir verriegelten die Tür zum Klo von innen, als er in der Pause mal musste. Dann schnappten wir ihn uns, als er nichtsahnend aus der Kabine kam, und wickelten ihm ungefähr eine halbe Rolle Klopapier um den Kopf. Mann, das war echt witzig.« Er hob den Blick und sah grinsend zu Schäringer. Als er dessen finstere Miene sah, bröckelte das Grinsen jedoch aus seinem Gesicht und machte einem betretenen Ausdruck Platz. »Also, damals, als wir’s machten, da fanden wir es schon irgendwie witzig. Und Andi hat alles mit seinem neuen iPhone gefilmt, das hatte er damals noch gar nicht so lange.«

»Und was soll daran bitteschön witzig sein, wenn man jemandem gegen seinen Willen Toilettenpapier um den Kopf wickelt?«, fragte Baum.

»Weiß nicht«, sagte Fischer, ohne den jüngeren Polizisten anzusehen. »Es war irgendwie situationsbedingt witzig.«

»Situationsbedingt«, wiederholte Baum spöttisch. »Wenigstens lernen die jungen Leute auf dem Gymnasium heutzutage, sich vernünftig auszudrücken, während sie ihre Mitschüler quälen.«

»Und was haben Sie und Ihre Freunde dann getan?«, fragte Schäringer, um zum Thema zurückzukommen.

»Hm! Also, nachdem wir seinen Kopf in Klopapier eingewickelt hatten, haben wir ihn in eine Kloschüssel gesteckt und gespült.«

»Was vermutlich auch situationsbedingt witzig war, nehme ich an«, sagte Baum.

Der junge Mann nickte und zuckte gleichzeitig mit den Schultern, als wäre er sich im Nachhinein nicht mehr so sicher, erwiderte aber sicherheitshalber nichts.

Schäringer erinnerte sich, dass Baum vorhin noch erzählt hatte, dass sie während seiner Schulzeit die größten Idioten der Klasse ebenfalls geärgert und gehänselt hatten. Allerdings schien ihm das, was die jungen Leute heute ihren Mitschülern antaten, entschieden zu weit zu gehen, sonst würde er hier vermutlich nicht den Oberinquisitor markieren.

»Und dann?«, fragte Schäringer.

Heiko Fischer zuckte noch einmal mit den Schultern, hob den Kopf und sah Schäringer an. »Nichts und dann. Wir ließen Kramer in der Toilettenkabine zurück und gingen in den Unterricht. Andi hatte ja alles mit dem Handy aufgenommen. Nach der Schule trafen wir uns hier bei mir und stellten das Video ins Netz.«

»Aber dann meldeten Niklas und sein Vater die Sache dem Direktor Ihrer Schule.«

Der junge Mann nickte mit verkniffener Miene. »Genau so war es. Wir mussten uns entschuldigen und unsere Kopie des Videos löschen. Außerdem wurden wir zur Strafe für zwei Wochen vom Unterricht suspendiert. Ab kommenden Montag dürfen wir wieder zur Schule gehen und am Unterricht teilnehmen. Meine Eltern sind fast ausgeflippt, als sie von der Suspendierung erfuhren, waren aber dann der Meinung, wir seien damit sogar noch glimpflich davongekommen. Deshalb verstehe ich nicht, warum dieser Wichser und sein bescheuerter alter Herr jetzt doch die Polizei eingeschaltet haben. Dabei hieß es am Anfang noch, man wolle uns nicht unsere Zukunft nehmen.«

»Wahrscheinlich wart ihr nach der Suspendierung gar nicht gut auf Niklas Kramer zu sprechen, habe ich recht?«, fragte Baum.

»Pffft!«, machte Heiko und hob die muskulösen Schultern. »Geliebt haben wir ihn ganz bestimmt nicht, nachdem er und sein Alter uns beim Direktor verpfiffen hatten, das ist schon mal sicher. Aber wie ich schon sagte, waren unsere Eltern der Ansicht, wir wären mit der Suspendierung noch gut weggekommen und es hätte auch schlimmer kommen können.«

»Haben Sie und Ihre Freunde Niklas seit dem Gespräch beim Direktor noch einmal getroffen?«, fragte Schäringer.

»Nein. Wir waren ja beurlaubt und seitdem nicht mehr in der Schule. Und privat hatten wir ohnehin keinen Kontakt. Außerdem beschlossen wir, ihn in Zukunft in Ruhe zu lassen und ihm besser gleich ganz aus dem Weg zu gehen. Wir wollen nicht noch mehr Ärger, als wir ohnehin schon haben.«

»Sie sagten, Sie mussten Ihre Kopie des Videos löschen.«

Heiko Fischer senkte den Blick auf seine Hände, die wieder in seinem Schoß lagen und sich umklammerten, und nickte.

»Haben Sie das auch tatsächlich getan?«

»Natürlich«, sagte der junge Mann, klang aber nicht sonderlich überzeugend. »Sie können ja meinen Vater fragen. Er war dabei, als ich die Datei gelöscht habe.«

»Und ihr hattet natürlich auch überhaupt keine anderen Kopien, nicht wahr?«, sagte Baum.

Heiko schüttelte den Kopf. »Nö.«

»Vielleicht sollten wir uns doch einen Durchsuchungsbeschluss besorgen und seinen Computer beschlagnahmen lassen, damit die Festplatte im Labor unter die Lupe genommen werden kann«, sagte Baum zu Schäringer. »Was hältst du davon, Franz? Ich glaub nämlich, dass dieser muskelbepackte Dünnbrettbohrer uns hier dreist ins Gesicht lügt und wir sehr wohl eine weitere Kopie des Videos finden werden, wenn wir nur gründlich genug danach suchen. Und wer weiß, was wir dabei noch alles entdecken. Wahrscheinlich hat er jede Menge Musikdateien und Kinofilme, die er illegal heruntergeladen und gespeichert hat.«

Bevor Schäringer antworten konnte, hob Fischer den Blick, sah Baum wütend an und sagte: »Und ich sollte vielleicht gar nicht mehr länger mit Ihnen reden. Dazu bin ich nämlich nicht verpflichtet. Was würden Sie also dazu sagen, wenn ich mich, falls überhaupt, erst wieder im Beisein eines Anwalts mit Ihnen unterhalte?«

»Das ist natürlich Ihr gutes Recht, Herr Fischer«, sagte Schäringer. »Ich würde es Ihnen allerdings nicht empfehlen.«

»Und wieso nicht?«

»Weil dies hier bislang nur ein inoffizielles Vorgespräch zwischen Ihnen und uns ist, dessen Wortlaut in keiner Akte auftauchen wird. Denn wie Sie sehen, machen wir uns keine Notizen und nehmen unsere Unterhaltung auch nicht auf Band auf. Sollten Sie allerdings darauf bestehen, nur im Beisein eines Verteidigers mit uns zu sprechen, könnte das natürlich nur im Rahmen einer offiziellen Zeugenbefragung geschehen. In dem Fall könnte ich Ihnen natürlich auch nicht garantieren, dass niemand vom Inhalt dieser Einvernahme Kenntnis erlangt. Möglicherweise würde das, was Sie mit Niklas Kramer gemacht haben, sogar vor Gericht zur Sprache kommen und damit öffentlich bekannt werden.«

»Wollen Sie mir etwa drohen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen?«

Schäringer schüttelte den Kopf. »Nein, so etwas würde ich nie tun. Ich möchte Ihnen nur die möglichen Konsequenzen darlegen, falls Sie sich weigern sollten, mit uns zu kooperieren.«

Fischer musste an Schäringers Gesicht abgelesen haben, dass dieser tatsächlich meinte, was er sagte, denn nach einem Augenblick des Nachdenkens nickte er und sagte: »Okay, okay, ich geb’s ja zu. Ich hab noch eine Kopie des Videos auf der Festplatte meines Rechners.«

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