Kitabı oku: «Geist & Leben 2/2019»
Inhalt
Heft 2 | April–Juni 2019
Jahrgang 92 | Nr. 491
Notiz
Spiritualität im digitalen Zeitalter
Simon Peng-Keller
Nachfolge
Kommunizierendes Friedensverständnis. Inspirationen durch Hildegard von Bingen
Maura Zátonyi OSB
Anthony de Mello.
Stationen einer Rezeption
Paul R. Pinto SJ
Vorbilder der Gewaltfreiheit
Josef Freise
Nachfolge | Kirche
Bis hierher und nicht weiter?! Gedanken zum „Hier“ und „Weiter“ der Ökumene
Andrea Riedl
Bekehrende Begegnung von Kirche und Welt. De Lubac und Schillebeeckx im Gespräch
Christiane Alpers
Die dunkle Nacht (der Passion). Sieben Durchgänge
Nachfolge | Junge Theologie
Wie Stille in das Leben überschwappt. In memoriam Thomas Keating OCSO (1923–2018)
Kristina Kieslinger
Reflexion
Das Herzstück des Ignatius (Teil I)
Felix Körner SJ
Lebenswandel als schöpferische Treue. Perspektiven der Unterscheidung bei J. H. Newman
Peter Becker
Zur Grammatik christlicher Erfahrung und Erkenntnis Gottes
Dominikus Kraschl OFM
Lektüre
Jean-Joseph Surin (Teil I)
Michel de Certeau SJ
Buchbesprechungen
Impressum
GEIST & LEBEN – Zeitschrift für christliche Spiritualität. Begründet 1926 als Zeitschrift für Aszese und Mystik
Erscheinungsweise: vierteljährlich
ISSN 0016–5921
Herausgeber:
Deutsche Provinz der Jesuiten
Redaktion:
Christoph Benke (Chefredakteur)
Britta Mühl (Lektorats-/Redaktionsassistenz)
Redaktionsbeirat:
Bernhard Bürgler SJ / Wien
Margareta Gruber OSF / Vallendar
Stefan Kiechle SJ / München
Bernhard Körner / Graz
Jörg Nies SJ / Rom
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Bezugspreis: Einzelheft € 12,50
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E-Book ISBN 978-3-42906-428-0
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
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Simon Peng-Keller | Zürich
geb. 1969, verheiratet, Professor für Spiritual Care an der Universität Zürich, Beiratsmitglied von GEIST & LEBEN
simon.peng-keller@theol.uzh.ch
Spiritualität im digitalen Zeitalter
Der Übergang von einer Epoche, die vom gedruckten Buch geprägt war, zu einem Zeitalter, das durch eine weitreichende Digitalisierung bestimmt ist, löst gegenwärtig tiefgreifende kulturelle Transformationsprozesse aus. Unsere Kommunikation und unser Wirklichkeitserleben verändern sich, wenn wir uns in Sekundenschnelle in Netzwerke einklinken können, die uns mit Menschen rund um den Globus verbinden. Dass die rasch voranschreitende Digitalisierung unserer Lebenswelt sich auch auf die spirituelle Praxis auswirkt, lässt sich einfach belegen. Waren die meisten klassischen Texte christlicher Spiritualität bis vor kurzem nur für eine kleine und privilegierte Gruppe in ihrer ganzen Breite greifbar, so sind sie heute, bei funktionierendem Internetanschluss, frei zugänglich und das schneller und lesefreundlicher, als das in der besten Bibliothek der Vergangenheit je möglich war. In den neuen Welten, die das Internet eröffnet, entstehen auch vielfältige spirituelle Räume und Praktiken: Online-Gebetsräume, Chat-Groups und digitale Friedhöfe, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. All das wird die künftige christliche Spiritualität prägen.
Denn gelebte Spiritualität ist medial geformt. Sie ist vermittelt und geprägt durch Ausdrucks- und Kommunikationsformen aller Art. Wenn wir die spirituellen Erfahrungen in Erinnerung rufen, die uns geprägt haben und immer wieder neu inspirieren, so sind sie vermutlich mit bestimmten Medien verbunden: mit Formen des Betens, rituellen Vollzügen, spezifischen Texten und anderem mehr. Diese mediale Vermittlung fällt nicht ins Auge – zeichnen sich doch gute Medien dadurch aus, dass sie sich selbst unsichtbar machen. Ein spannender Roman kann uns so fesseln, dass wir kaum mehr merken, dass wir ein Buch in der Hand haben. Deshalb werden spirituelle Erfahrungen in der Regel eher mit Unmittelbarkeit assoziiert. Wir tauchen in Erfahrungswelten ein, ohne auf die Vermittlungen zu achten, die sie uns eröffnen. Hinzu kommt die christliche Überzeugung, dass Gott uns in seinem Geist unmittelbar gegenwärtig ist. Gottes Geist teilt sich zwar mittels „Medien“ mit, doch ist diese Medienwahl ausgesprochen kreativ und nicht selten unkonventionell. Sie beschränkt sich nicht auf liturgische und künstlerische Hochkultur, sondern hat ein Flair fürs Einfache und Unscheinbare. Schlichte Gesten berühren uns manchmal tiefer als berühmte Kunstwerke. Gottes Geist ist multimedial.
Gleichwohl ist die Entstehung des christlichen Glaubens eng mit einem bestimmten Medium verbunden. So sehr Jesus nur wenig geschrieben haben mag, vielleicht nur wenig mehr als ein paar Buchstaben in den Sand, so bildete sich seine Sendung und sein missionarisches Profil in der gesättigten Nährlösung einer hochentwickelten Schriftkultur heraus. Betend, verkündigend und erzählend bewegte er sich im Horizont einer religiösen Welt, die von einer reflexiven Schriftkultur geprägt war. Sie hatte das, was Karl Jaspers die axiale Wende nannte, seit mehreren hundert Jahren hinter sich. Ein reflexiver Umgang mit der Schrift war charakteristisch für die sich langsam herausbildende christliche Spiritualität.
Aus einer Vielzahl von Schriften kristallisierten sich in stetigem und reflexivem Gebrauch einige heraus, die das Leitmedium des lebendigen Wortes besonders deutlich vermittelten. Auf dieses Leitmedium, hat sich das Christentum (oder nach dem Johannesprolog Gott selbst) festgelegt. Gott spricht dem Menschen das rettende Wort zu, auf das dieser sich restlos verlassen kann. Ohne dieses Evangelium gäbe es keinen christlichen Glauben, keine Gläubigen, keine Kirche. Gott inkarniert sich in seinem Logos.
Wird christliche Spiritualität, die sich von Gottes Wort inspirieren lässt, durch die Digitalisierung nicht an einer schmerzempfindlichen Stelle getroffen? Wenn sich die buchförmige christliche Bibel in ein Digitalisat auflöst – entgeht dann dem/der Leser(in) dieses Buchs mit dem haptischen Erleben nicht ein Aspekt der Inkarnation? Als jemand, der noch vor der digitalen Revolution religiös sozialisiert wurde, erachte ich es als einen positiven Nebeneffekt der Digitalisierung, dass sie auch auf die fokussierende Qualität eines Buchs aufmerksam macht, die der Praxis einer geistlichen Lektüre entgegenkommt. In der digitalen Relativierung des Buchmediums kann jedoch auch deutlich werden, dass das Wort, auf das sich Christ(inn)en verlassen, kein gedruckter Text ist. Inkarniert sich doch Gott, nach christlichem Verständnis, in seinem lebendigen Wort und nicht in den heiligen Schriften, die von dieser Wortwerdung berichten, auch nicht in dem Buch, in dem diese Schriften gesammelt sind. So unersetzbar diese Schriften auch sind, so missverständlich ist es, das Christentum als Schrift- oder Buchreligion zu beschreiben. Gottes Gegenwart vergegenwärtigt sich multimedial – auch digital.


Maura Zátonyi OSB | Rüdesheim
geb. 1974, Dr. phil.,
Abtei St. Hildegard/Eibingen
sr.maura@abtei-st-hildegard.de
Kommunizierendes Friedensverständnis
Inspirationen durch Hildegard von Bingen
In Europa erleben wir derzeit die längste Friedensperiode der Geschichte. In unserem Alltag erfahren wir jedoch, wie zerbrechlich der Friede ist. Täglich erreichen uns Berichte von Kriegen, gewaltsamen Eskalationen, bedrohlichen Krisen. Auch in unseren eigenen Verhältnissen sind wir immer wieder Konflikten – unterschwellig oder offen ausgetragen – ausgesetzt. Eine Versöhnung erfolgt meistens erst nach einem heftigen Streit. Muss es so sein? Warum ist es so? Der folgende Versuch, auf diese Fragen einzugehen, schöpft aus der spirituellen Tradition und versteht sich als eine Einladung zur realitätsbezogenen Reflexion und geistesgewirkten Gestaltung einer Friedenskultur.1
Friede: Ein spiritueller Wachstumsprozess
„Um in der Wahrheit zu bleiben, muss man manchmal seinen seelischen Frieden verlieren können. Echter Gottesfriede entsteht oft erst aus Leiden und Demütigung oder aus einer bewusst angenommenen seelischen Erschütterung.“2 Diese Worte von Jean Vanier, dem Gründer der Arche-Gemeinschaften, widersprechen unserer üblichen Vorstellung von Frieden. Wenn wir an Frieden denken, dann meinen wir Ruhe und einen ungestörten Verlauf der Dinge. In Jean Vaniers Friedensverständnis dagegen ist viel Dynamik enthalten. Friede entsteht demgemäß dann, wenn wir uns den störenden Faktoren unseres Lebens stellen.
Jean Vanier steht mit dieser Einsicht nicht allein, auch andere Meister des spirituellen Lebens sind ähnlicher Überzeugung. Basil Kardinal Hume, ehemals Abt von Ampleforth, dann Erzbischof von Westminster, legte seinen Mönchen ans Herz: „Der Friede, den [das Ordensleben] schenkt, ist ein hart errungener und, glauben Sie mir, er bringt Leiden mit sich. Und doch ist es ein Friede, der durch die uns von allen Seiten her bedrängenden Stürme nicht erschüttert wird.“3
So überrascht es nicht, wenn wir in die Geschichte der Spiritualität blickend auf weitere Konzepte eines dynamischen und kämpferischen Friedensverständnisses stoßen. Zwar aus der zeitlichen Ferne von 900 Jahren, aber mit einer beeindruckenden Aktualität vertritt die heilige Hildegard von Bingen (1098–1179), seit 2012 zur Kirchenlehrerin erhoben, eine Auffassung, die mit den bereits zitierten Worten übereinstimmt. Die hl. Hildegard wird häufig mit in Richtung Himmel gerichtetem Blick dargestellt. Ihr Lebenswerk zeugt aber von ihrer Bodenständigkeit, ihrer realistischen Menschenkenntnis, einem psychologischen Feingefühl und auch von ihrer Entschlossenheit, Konflikten und Schwierigkeiten konstruktiv zu begegnen.4
Als Äbtissin kannte Hildegard aus eigener Erfahrung sowohl die glücklichen Momente als auch die belastenden Schwierigkeiten des gemeinschaftlichen Lebens. Sie wusste, dass das friedliche Zusammenleben von Menschen immer wieder durch Zwietracht und Spaltungen gefährdet ist.5 Zugleich war sie überzeugt, dass wir aus den Gefährdungen und Erschütterungen eine gereifte Erfahrung von Frieden gewinnen können. Ihre Überzeugungen hat sie in einem Brief zusammengefasst, der als ihr spirituelles Testament gilt: „Alles, wovor der Mensch aus Angst flieht, um nicht verletzt zu werden, trägt dazu bei, dass er seine Zuversicht auf Gott setzt und zu ihm ruft, damit Gott ihm beisteht und ihn in der Ruhe des Friedens bewahrt. Alles aber, was um des Menschen willen existiert, was in ihm ist, wodurch er wirkt und was ihm friedlich und zuträglich Hilfe leistet, lehrt den Menschen, Gott Liebe entgegenzubringen. Wenn der Mensch nämlich nur das kennen würde, was ihm angenehm und wohltuend ist, wüsste er nicht, was das ist und was es heißt. Deshalb gewinnt der Mensch das höchste Wissen unter der Last der Härte, die von dem kommt, was schädlich ist, und so erkennt er, was gut und böse ist, und so kann er allem einen Namen geben, wie Adam. Würde der Mensch nämlich in den Dingen nur das eine kennen, dann wäre das Werk Gottes in ihm nicht vollkommen (…).“6
Mit diesen Worten gibt Hildegard zu verstehen: Alles, was den Menschen beunruhigt, wodurch er seinen Frieden bedroht und gefährdet sieht, kann ihn in einer existenziellen Erkenntnis wachsen lassen. Diese Gedanken beinhalten eine befreiende Botschaft: Es steht in unserer Entscheidung, wie wir auf Verletzungen, Bedrängnisse, Enttäuschungen und sogar Unrecht reagieren! Entweder antworten wir mit Aggression und schlagen zu, wenn wir uns bedroht fühlen, und dann werden wir immer mehr in Verbitterung verwickelt. Oder wir lassen uns herausfordern und sind bereit, uns auf einen Lernprozess einzulassen.
„Der Frieden sprosst in der vollen Grünkraft der Wahrheit“
Hildegard versteht den Weg zum Frieden als einen spirituellen Lernprozess – oder sogar als einen spirituellen Wachstumsprozess: „Der Frieden sprosst in der vollen Grünkraft der Wahrheit.“7 Das typisch hildegardische Wort „Grünkraft“ (viriditas)8 enthält theologische und spirituelle Dimensionen. Gerade dieses Wort viriditas macht deutlich, dass das Wachsen in den Frieden hinein ein von Gottes Geist gewirkter Prozess ist. Dies gilt es im Folgenden zu zeigen.
Bei einer Lektüre in den Werken Hildegards ergeben sich drei Momente, die nach dem hildegardischen Friedensverständnis einen solchen Prozess konstituieren: 1. Realitätssinn, 2. Wahrheit bzw. Wahrhaftigkeit und 3. Aufgeschlossenheit für die transzendenten Dimensionen des Daseins. Zudem leuchtet ein, dass es sich bei Hildegard um ein kommunizierendes Friedensverständnis handelt: Frieden wächst durch entsprechende Formen der Kommunikation.9
Obwohl sich Hildegard an zentralen Stellen mit dem Frieden befasst, hat sie keine systematische Lehre oder einen Traktat darüber entworfen. Ihre Form, sich auszudrücken, sind Visionen, in denen uns fremde und befremdende Bilder begegnen. Wenn wir uns aber in diese Visionen vertiefen, dann entdecken wir, dass diese Bilder etwas mit uns zu tun haben. Die Visionen Hildegards laden uns ein, unseren Alltag mit spiritueller Kraft zu durchdringen und so ein Stück Frieden zu verwirklichen. Hildegards Visionen vermögen unserem Dasein – manchmal ein Knäuel von unterschiedlichen, einander widerstrebenden Kräften – eine Fassung zu geben und in das Dickicht unserer Beziehungslandschaft Licht zu bringen. Dazu müssen wir die einzigartige Sprache der Visionen auf uns wirken lassen.
Anfang: Realitätssinn - konstruktive Konfrontation
Der Frieden fällt nicht vom Himmel. Hildegard war sich dessen bewusst. Sie schreibt realistisch vom „Sprossen“ des Friedens: „Der Frieden sprosst in der vollen Grünkraft der Wahrheit“ [Herv. MZ]. Frieden kann nur dann entstehen, wenn wir bereit sind, Wachstumsprozesse und natürliche Gesetzmäßigkeiten zu akzeptieren.
Diese Verpflichtung der Realität gegenüber veranschaulicht Hildegard in ihrem theologischen Spätwerk, dem Buch vom Wirken Gottes, mit der ihr eigenen Bildersprache. In einer Vision beschreibt sie einen Brunnen, in dem zwei Gestalten stehen, während eine dritte Gestalt außerhalb des Brunnens auf dessen Randstein steht.10 Hildegard erklärt dazu, dass diese drei Gestalten die Liebe, die Demut und den Frieden verkörpern. Dass die Liebe und die Demut im Brunnen stehen, ist gemäß Hildegards Auslegung ein Symbol dafür, dass sie „in der reinsten Gottheit [stehen], aus der Ströme der Seligkeit fließen“.11 Demzufolge gehören Liebe und Demut zum Wesen Gottes, wie Hildegard dies auch an anderen Stellen in ihrem Werk zum Ausdruck bringt.12
Der Friede dagegen – und das lässt aufhorchen – steht außerhalb des Brunnens auf einem Stein. Hildegard deutet das so, dass der Friede immer neu errungen werden muss, weil er nicht nur dem himmlischen, sondern zugleich dem irdischen Bereich zugeordnet ist.13 Die irdische Realität ist nach Hildegards Worten durch Schwankungen und Änderungen gekennzeichnet: Wir werden hin und her geworfen.14 Das alles verursacht Ängste im Menschen selbst und Spannungen unter den Menschen. Wir müssen die irdische Realität miteinander bewältigen und gestalten. Dabei treffen wir auf unterschiedliche Interessen, unterschiedliche Meinungen und wir setzen uns mit unterschiedlichen Temperamenten ein. Spannungen sind vorprogrammiert!
Aber nicht die Spannungen zerstören den Frieden, sondern das Ignorieren der Spannungen. Besonders wir Christ(inn)en neigen dazu, alles harmonisieren zu wollen. Damit wollen wir jegliche Spannungen ausräumen und so Frieden schaffen. Dabei kann gerade eine solche Haltung den Frieden verhindern. Hildegard trifft den Kern dieses Problems in ihrem ersten theologischen Hauptwerk, dessen Titel Wisse die Wege heißt. Auch dort stellt sie den Frieden in personifizierter Gestalt dar. Diese artikuliert die Versuchung, die sich gegen den Frieden richtet, und zwar in einer Mentalität, die so spricht: „Ich kann keine Bedrängnis ertragen, sondern will alles Widerstrebende von mir fernhalten.“15 Daraus können wir schließen: Ein erster Schritt auf unserem Lernprozess des Friedens ist, wenn wir Spannungen bewusst aushalten und uns ihnen stellen.
Wie das zu realisieren ist, lässt sich exemplarisch an einer Herausforderung, die eines gewissen Konfliktpotentials nicht entbehrt, nachvollziehen. Durch den wachsenden Anteil von Menschen aus anderen Kulturen und Religionen durch Immigration wird die interreligiöse und interkulturelle Begegnung zur alltäglichen Notwendigkeit. So ist jede(r) von uns gefragt, wie wir mit kulturellen und religiösen Unterschieden umgehen. Ein realistischer und zugleich optimistischer Ansatz könnte lauten: „konstruktive Konfrontation“16 – anstelle von Harmonisierung, welche die realen Differenzen ausblendet. Es hilft nicht weiter und reicht nicht aus, einfach zu sagen, „wir sind ohnehin alle Brüder und Schwestern und haben uns alle so lieb“.17 Vielmehr ist eine ernsthafte und profunde Auseinandersetzung mit den konkreten Gegebenheiten erforderlich, in denen Probleme offen angesprochen werden. So könnte sich eine ehrliche, offene, dialogbereite, eben konstruktive Konfrontation zum Guten entwickeln. Dies gilt in allen Bereichen unseres Lebens.
Somit können wir festhalten, dass die erste Kommunikationsform, die dem wahren Frieden zuträglich ist, eine konstruktive Konfrontation bedeutet. Sie gelingt aber nur, wenn wir uns der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit verpflichten. Damit kommen wir zum zweiten Moment im Friedensprozess.
Mitte: Wahrheit und Wahrhaftigkeit - Konversation
Hildegard hält die Verbindung von Frieden und Wahrheit für grundsätzlich:
„Der Frieden sprosst in der vollen Grünkraft der Wahrheit“ [Herv. MZ]. Sie macht uns auf diesen Zusammenhang in ihren Visionen wiederholt aufmerksam. Während der Friede im Buch vom Wirken Gottes in einer Dreiergruppe neben Liebe und Demut steht, erscheint er in der erwähnten Vision von Wisse die Wege in einer Reihe mehrerer personifizierter Tugenden: Enthaltsamkeit, Freigiebigkeit, Frömmigkeit, Wahrheit, Glückseligkeit. Es ist von Bedeutung, dass sich der Friede direkt neben der Wahrheit, Seite an Seite, befindet.18 Friede und Wahrheit gehören zusammen. Denn Spannungen können erst dann konstruktiv gelöst werden, wenn jede(r) Beteiligte sich der Wahrheit verpflichtet weiß.
Es gibt zwei Formen, die Wahrheit zu verfehlen. Die eine ist die bereits erwähnte Tendenz, alles harmonisieren zu wollen, die Augen vor den Problemen und Spannungen zu verschließen und so die Realität zu verdrängen. Die zweite Form führt in das andere Extrem. Verschärfen sich die Spannungen hin zu unrechten Vorwürfen, dann geht es nicht mehr um konstruktive Konfrontation, sondern um destruktive Aggression. Wenn wir uns von den Spannungen beherrschen lassen, verfehlen wir die Konstruktivität.
Wie können wir also mit Spannungen in Wahrheit und konstruktiv umgehen? Wenn wir sie wahr-nehmen! Ja, wenn wir sie in ihrem wahren Wesen erkennen, indem wir auf dem Grund der Spannungen zu dem Punkt vorstoßen, wo das Problem liegt. Wenn wir die Probleme artikulieren und benennen können, haben wir einen wesentlichen Schritt hin auf den Frieden getan. Indem wir die Probleme aussprechen, können wir sie in offene Fragen umwandeln.
Probleme sind offene Fragen. Und auf Fragen könnten wir mit Phantasie und Mut eine Antwort finden, die auch ein Umdenken und die Entdeckung neuer Perspektiven ermöglicht. Immer gelingt es nicht. Hildegard ist aber überzeugt, dass uns bei der Suche nach Antworten der Heilige Geist zu Hilfe kommt. Die entsprechenden Überlegungen Hildegards lassen sich sinngemäß so paraphrasieren:19 Solange die existenzielle Frage und die Suche nach Antwort im Menschen sind, wird ihn die Kraft Gottes nicht verlassen, weil dieser Frage ein Umdenken innewohnt. Wo aber diese Frage im Menschen nicht ist, gibt es auch keine Antwort des Heiligen Geistes; denn dieser Mensch stößt die Gabe Gottes von sich, wenn er nicht bereit ist, Fragen zu stellen und umzudenken.
Diese Gedanken verdeutlichen, dass der konstruktive Umgang mit Problemen eine kreative Suche nach Lösungen bedeutet: einen Austausch. Das lateinische Wort dafür, conversatio, lässt die doppelte Bedeutung dieses Vorgangs erkennen. Es beinhaltet nicht nur Austausch, sondern zugleich Umkehr, Umdenken. Damit erweist sich die Konversation als die zweite Kommunikationsform des Friedens.
Wir sind nur dann fähig umzudenken, wenn wir bereit sind, über die eigenen Schatten zu springen, über uns hinauszuwachsen, ja, wenn wir offen sind für Überraschungen. Hildegard stellt die personifizierte Gestalt des Friedens in Wisse die Wege mit Flügeln dar. Sie schreibt dazu: Diese Gestalt des Friedens hat „auf beiden Seiten einen schwungkräftigen Flügel“, „[d]enn auf beiden Seiten, nämlich der ruhigen und der stürmischen Äußerung, strebt sie empor zu Gott (…) und erreicht sie den einen Gott in der Übereinstimmung ihrer beiden Flügel.“20 In diesem Bild ist eine ungeheure Dynamik eingefasst, eine existenzielle Offenheit auf das „Darüber hinaus“ hin, auf das Transzendente – auf Gott hin. Und Gott sorgt für Überraschungen! Damit sind wir beim dritten Moment im Friedensprozess.
Erfüllung: Offen für Gott - Kooperation
Hildegard denkt groß vom Menschen. Sie legt dar, dass uns Menschen ein Vermögen angeboren ist, uns der Transzendenz zu öffnen. Sie nennt es rationalitas.21 Hildegard zufolge ist die rationalitas unsere Gottesfähigkeit. Der vornehmste Vollzug unserer rationalitas, unserer Vernunftbegabtheit, besteht darin, sich der transzendenten Dimension zu öffnen.
Dieser transzendente Aspekt des Friedensprozesses ist in unserem Leitmotiv enthalten: „Der Frieden sprosst in der vollen Grünkraft der Wahrheit“ [Herv. MZ]. Der Schwerpunkt liegt auf dem Wort „Grünkraft“ (viriditas). Dieses Wort hat nichts mit Naturheilkunde oder Kräutern zu tun. Grünkraft hat eine tiefe theologische Bedeutung. Um das zu verstehen, ist ein kleiner Rekurs auf das zweite Hauptwerk Hildegards, das Buch der Lebensverdienste, nötig. Im Mittelpunkt dieses Werkes steht eine Mannesgestalt, die den ganzen Kosmos überragt.22 Hildegard nennt sie einfach „Mann“, auf Latein vir. Das ist aber keine Aussage über das Geschlecht dieser Gestalt, sondern ein Ausdruck dessen, dass dieser Mann (vir) eine vollständige Vitalität ausstrahlt und damit Gott selbst versinnbildlicht: Gott als vir ist Ursprung aller Lebenskraft (vis) und jeglicher Grünkraft (viriditas), aus ihm kommt alles Leben (vita) und er gibt jene Kräfte (virtutes) in Fülle, die den Sieg des Guten vollbringen.23 Hildegard macht also deutlich, dass der Friede letztlich nicht unser Werk ist, sondern eine Frucht, die von Gott her wächst. Diese Frucht des Friedens kann aber nur wachsen und reifen, wenn der Mensch mitwirkt. Auf die Konversation folgt also die dritte Kommunikationsform: die Kooperation.
Eine Kooperation zwischen Gott und Mensch ist möglich. Das ist eine großartige Botschaft Hildegards. Einerseits ist diese Kooperation möglich aufgrund der rationalitas des Menschen, weil diese ihn „gottfähig“ macht. Andererseits ist diese Kooperation möglich, weil der Mensch durch seinen Leib in der Welt Gottes Schöpfungswerk weiterführen kann.24 In seiner vernunftbegabten und leibhaftigen Existenz entspricht der Mensch der wirkenden Schöpferkraft Gottes, seiner viriditas. So kann der Mensch Gottes Frieden wortwörtlich zur Welt bringen.
In Hildegards Visionsbild erscheint der Friede mit leuchtendem Gesicht.25 Mit diesem Bild drückt Hildegard die vollendete Form eines kommunizierten Friedens aus: „Im allerhöchsten Gott leuchtet der Mensch auf und Gott im Menschen.“26
Mit dieser Aussage erfasst Hildegard die Größe des Menschen: Gott leuchtet im Menschen auf. Damit mündet der Wachstumsprozess des Friedens in die vollendete Form der Kommunikation: Das ist die communio, eine wahre Gemeinschaft
– der Mensch in Gott und Gott im Menschen. Der Frieden, der durch einen langen Lernprozess gewachsen und gereift ist, macht auch das Miteinander der Menschen möglich. Er stiftet eine wahre Gemeinschaft, die stärkt: Im lateinischen Wort communio ist das Wort munire (stärken) enthalten. Auf dieses kommunizierende und kommunizierte Friedensverständnis kommt es an.
Ausblick: Ein neuer Name für den Frieden
Wie sich dieser Lernprozess des Friedens konkret vollzieht, können wir an der Geschichte Europas in den letzten Jahrzehnten beobachten. Erinnern wir uns an die anfangs zitierten Worte Hildegards: „Der Mensch gewinnt das höchste Wissen unter der Last der Härte, die von dem kommt, was schädlich ist, und so erkennt er, was Gut und Böse ist.“ Der europäische Integrationsprozess hat angesichts der Erschütterung durch den Zweiten Weltkrieg damit begonnen, dass Politiker bereit waren, aus der Tragödie zu lernen und umzudenken, eine conversatio zu vollziehen.27 Zum gemeinsamen Ziel der Verhinderung eines weiteren Krieges wurden die Europäischen Gemeinschaften (Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, Europäische Wirtschaftsgemeinschaft und Europäische Atomgemeinschaft) ins Leben gerufen. Diese auf Realitätssinn basierten Maßnahmen gingen der Gründung der Europäischen Union voraus. Ihnen verdanken wir jene welthistorisch nicht genug hochzuschätzende Tatsache, dass wir heute in Europa die bislang längste Friedensperiode erleben.
Wir erleben aber nicht nur die andauernste Friedensperiode unserer europäischen Geschichte, sondern auch die ausgedehnteste prosperierende Periode. Dennoch begegnen wir in unserer Gesellschaft einem hohen Maß an Sinnverlust, weltanschaulicher Orientierungslosigkeit, innerer Verwahrlosung.28 So ist das Gebot der Stunde ein Prozess, der die horizontalen Formen der Kommunikation – gesellschaftliche Diskurse und politische Debatten – in eine gelebte Spiritualität als vertikale Form der Kommunikation einbettet. Das erfordert die Verbindung von Realitätssinn und Wahrhaftigkeit mit der Sensibilisierung für spirituelle Werte, um den Frieden zu bewahren und zu fördern.
Vor 50 Jahren hat Papst Paul VI. formuliert: Der neue Name für Frieden ist die Entwicklung.29 Auch heute hat dieser Entwicklungsgedanke, der soziale, kulturelle, sittliche und religiöse Dimensionen umfasst, nichts an Bedeutung verloren. Umso mehr haben wir die Aufgabe, für die Entwicklung im Europa des 21. Jahrhunderts einen konkreten Akzent zu setzen. Dazu kann das von Hildegard inspirierte und hier dargelegte Friedensverständnis einen Beitrag leisten: Entwicklung wird heute in Europa gelingen, wenn wir sie als spirituellen Wachstumsprozess realisieren.
1 Der vorliegende Beitrag ist die überarbeitete Fassung eines Referats, das am 11. Mai 2018 bei einer Podiumsveranstaltung des 101. Deutschen Katholikentags in Münster gehalten wurde.
2 J. Vanier, In Gemeinschaft leben. Meine Erfahrungen. Freiburg i. Br. u.a. 1993, 314.
3 B. Hume, Gott suchen. Einsiedeln 1979, 79.
4 Zu einer zusammenfassenden Einführung in Hildegards Leben, Denken und Werk siehe M. Zátonyi, Hildegard von Bingen (Zugänge zum Denken des Mittelalters, Bd. 8). Münster 2017.
5 Siehe Hildegard von Bingen, Prophetisches Vermächtnis – Testamentum propheticum. Übers. u. eingel. v. M. Zátonyi. Beuron 2016, 75.
6 Vgl. ebd., 82.
7 Hildegard von Bingen, Wisse die Wege – Liber Scivias. Übers. v. M. Heieck. Beuron 2010, 385.
8 Siehe dazu G. Lautenschläger, Viriditas. Ein Begriff und seine Bedeutung, in: E. Forster (Hrsg.), Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten. Freiburg i. Br. u.a. 1997, 224–237.
9 Zur „kommunizierenden“ Struktur geistlicher Prozesse in den Visionen Hildegards siehe D. Flandera / M. Zátonyi, „Jeder, der Flügel im Glauben hat …“. Betrachtungen über Glaube, Hoffnung und Liebe bei der Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen, in: G. Ratzinger / R. Zörb (Hrsg.), Zum 90. Geburtstag. Festschrift der Gesellschaft zur Förderung christlicher Verantwortung e.V. für den Heiligen Vater em. Benedikt XVI. 16. April 2017. Rohrbach bei Weimar 2017, 43 f.
10 Vgl. Hildegard von Bingen, Das Buch vom Wirken Gottes – Liber divinorum operum. Übers. v. M. Heieck. Beuron 2012, 316.
11 Ebd., 318 f.
12 Vgl. Hildegard von Bingen, Wisse die Wege, 43 [s. Anm. 7].
13 Hildegard von Bingen, Das Buch vom Wirken Gottes, 319 [s. Anm. 10].
14 Ebd.
15 Hildegard von Bingen, Wisse die Wege, 369 [s. Anm. 7].
16 Zum Begriff siehe das Interview mit M. Weninger, Vatikan-Dialogfachmann Weninger über Gespräche mit Muslimen, ursprünglich am 02.11.2013 im Radio Vatikan, jetzt abrufbar unter URL: https://gloria.tv/article/rjm4siQnsKMo4zW9QMMnEqu7s (Stand: 19.02.2019).
17 Ebd.
18 Vgl. Hildegard von Bingen, Wisse die Wege, 366–370, bes. 368 f. [s. Anm. 7].
19 Vgl. ebd., 94.
20 Ebd., 369 u. 385.
21 Siehe A. F. Chávez, Die brennende Vernunft. Studien zur Semantik der rationalitas bei Hildegard von Bingen (Mystik in Geschichte und Gegenwart, Bd. I 8). Stuttgart – Bad Cannstatt 1991.
22 Vgl. Hildegard von Bingen, Das Buch der Lebensverdienste – Liber vitae meritorum. Übers. u. eingel. v. M. Zátonyi. Beuron 2014, 46.
23 Vgl. ebd., 56 f.
24 Vgl. R. Berndt / M. Zátonyi, Glaubensheil. Wegweisung ins Christentum gemäß Hildegard von Bingen (Erudiri Sapientia, Bd. 10). Münster 2013, 193 f.
25 Vgl. Hildegard von Bingen, Das Buch vom Wirken Gottes, 316 [s. Anm. 10]; s. auch Hildegard von Bingen, Wisse die Wege, 369 [s. Anm. 7].
26 Hildegard von Bingen, Wisse die Wege, 385 [s. Anm. 7].
27 Siehe M. H. Weninger, Europa ohne Gott? Die Europäische Union und der Dialog mit den Religionen, Kirchen und Weltanschauungsgemeinschaften. Baden-Baden 2007, 21–29.
28 Vgl. Johannes Paul II., Nachsynodales Schreiben Ecclesia in Europa zum Thema „Jesus Christus, der in seiner Kirche lebt – Quelle der Hoffnung für Europa“. Rom 2003, c. 7–9.
29 Vgl. Paul VI., Enzyklika Populorum progressio über die Entwicklung der Völker. Rom 1967, c. 76–78.

Paul R. Pinto SJ | Rom
geb. 1972, Dr. theol., Assoziierter
Professor für Spiritualität an der
Päpstlichen Universität Gregoriana
rolphypinto@gmail.com
Anthony de Mello*
Stationen einer Rezeption
„Haben Sie Anthony de Mello gekannt?“ Diese Frage, hauptsächlich von Jesuiten gestellt, musste ich sehr oft beantworten, während ich in der Zeit rund um den Millenniumswechsel in Spanien mein Interstiz1 absolvierte. Scheinbar konnte man gar nicht über die Gesellschaft Jesu in meinem Heimatland Indien sprechen, ohne de Mello zu erwähnen – solchermaßen war seine Beliebtheit.
Wie hat sich die Situation aber inzwischen entwickelt? Wie ist sein Einfluss auf Kirche und Welt heute? Und wie wirkt sich das konkret im Alltagsleben von Menschen aus? Ein Austausch mit Menschen, die direkt oder indirekt mit ihm in Kontakt standen, könnte diese Fragen beantworten. Daher führte ich einige Gespräche mit Jesuiten aus verschiedenen Erdteilen, um herauszufinden, wie sie Tonys Einfluss heute einschätzen.2 Die persönlichen Gespräche dauerten zwischen dreißig Minuten und einer Stunde. Ich wollte von meinem Gegenüber jeweils wissen, welche Eindrücke sie von de Mello und von seinem Einfluss auf andere hatten. Die Mitteilungen waren hilfreich und teilweise von sehr persönlicher Art.
Das Ergebnis dieser Erkundungen: De Mello ist international. Seine Botschaft ist für alle zugänglich – für Gläubige wie für Nichtgläubige, denn er sprach den Lebenskern der Menschen an. Ganz besonders erreichte er jene Menschen, die von organisierten Religionen enttäuscht waren, da er ihnen dabei half, Wahrheitsansprüche zu hinterfragen und Wahrheit bzw. Einsicht aus erster Hand zu erfahren. Ferner integrierte er das Beste aus östlichen und westlichen Formen der Spiritualität. Seine eigene Spiritualität ist befreiend – dieses Wort fällt immer wieder in den Gesprächen. Er bietet eine Methode an, sowohl zu den innersten Tiefen des eigenen Selbst als auch zur äußersten transzendenten Wirklichkeit, Deus semper maior, durchzudringen. Bevor ich auf diese Aspekte eingehe, will ich an einigen Stellen in de Mellos Leben innehalten, um die genannten Eigenschaften besser zu verstehen.
Geschichte
1972 gründete de Mello in Pune (Indien) das spirituelle Beratungsinstitut Sadhana3, welches ein psycho-spirituelles Programm anbot. 1978 siedelte er das Institut auf eine mehr abgelegene Hügelstation, Lonavla, um. Anfangs war das Programm auf Jesuiten abgestimmt, wurde später jedoch auch anderen Priestern und Religionen zur Verfügung gestellt. Jedes Institut entwickelte sich anhand der Herausforderungen seiner Zeit, während es gleichzeitig dem Geist seines Gründers treu blieb. Das trifft auch auf Sadhana zu. Das bezeugt Michael Barnes: „Als ich das Terziat in Indien absolvierte, die Abschlussphase meiner jesuitischen Ausbildung, konnte man mit seinem Namen Wunder wirken. Als ich das Zentrum besuchte, das er bei Lonavla, unweit von Pune, gegründet hatte, wurde mir klar, dass der Geist de Mellos weiterlebte.“4
De Mello starb am 2. Juni 1987 in New York. Während er die Welt bereiste, um Seminare anzubieten und Konferenzen zu leiten, wurden seine Werke zwar publiziert, aber zahlreiche andere erschienen erst posthum.5 Gegen 1998 waren einige seiner Bücher (insbesondere Sadhana) bereits in über 40 Sprachen übersetzt.6
Widersprüche und Widerstände
Gerade in Tonys Todesjahr publizierte Carlos G. Vallés SJ, einer seiner eifrigsten Bewunderer, den Beitrag Unencumbered by baggage: Father Anthony de Mello, a prophet for our times. Zehn Jahre später kam Vallés‘ Diez años después, wo er die Schattenseiten jenes Propheten, den er so bewundert hatte, hervorhebt. Im Vorwort zu diesem zweiten Buch stellt Vallés klar, dass sein Manuskript bereits 1997, zum zehnten Todestag von Anthony de Mello, fertiggestellt war. Publiziert wurde es erst 1998 aufgrund einer Verzögerung bei der Erlangung des Imprimatur. Im Vergleich zu Vallés formuliert Thomas Casey einige seiner Vorbehalte bezüglich de Mello zurückhaltender. Casey schreibt: „Leider können Tonys Verschmitztheit und freier Geist als düsterer missverstanden werden, als sie in Wahrheit sind, wenn diese sich schriftlich ausdrücken. Daher bevorzugte er das gesprochene gegenüber dem geschriebenen Wort.“7
Im Geschehen um die Rezeption des Nachlasses von A. de Mello stellte sich der 24. Juni 1998 als wichtiges Datum heraus. An dem Tag, über ein Jahrzehnt nach dem Tod de Mellos, erließ die Glaubenskongregation eine „Notifikation über die Schriften von P. Anthony de Mello SJ“.8 Diese Notifikation legte fest, dass einige Positionen de Mellos für den katholischen Glauben „schweren Schaden verursachen können“. Grundlage der Notifikation waren jene Publikationen, die posthum in de Mellos Namen erschienen waren – diese waren aber nicht seine eigenen Publikationen. Berüchtigt unter ihnen sind ein langer Beitrag in der spanischen Zeitschrift Vida Nueva unter dem Titel „La iluminación es la espiritualidad“ sowie ein portugiesisches Buch Caminhar sobre as águas: Quebre o ídolo (engl. Übers.: Walking on Water), die auf den Notizen für Einkehrtage, die er in Amerika leitete, beruhen.9 Die Notifikation verwirrte Christ(inn)en und Nicht-Christ(inn)en gleichermaßen. Die meisten Menschen fragten sich, worin der „schwere Schaden“ liegt. Es gibt keinen Beweis, dass jemand die Kirche nach der Lektüre von Tonys Buch je verlassen hätte.
In einer Analyse der Hintergründe dieser unglücklichen Notiz beobachtet Lisbert D’Souza, dass de Mellos Beliebtheit mit einem Aufschwung der „New Age“-Spiritualität zusammenfällt und dass er als Prophet des „New Age“ bejubelt wurde. „New Age“ war allerdings ein Tabuthema in manchen kirchlichen Kreisen, und de Mellos Bücher mussten dafür den Preis zahlen. Sie verschwanden über Nacht aus den Regalen katholischer Bücherläden. Später wurde dieser „Bann“ wieder aufgehoben, die Bücher tauchten in katholischen Buchhandlungen wieder auf, versehen mit einem kleinen Warnhinweis.10 Inzwischen war de Mellos Buch aber nach wie vor im säkularen Handel zu erwerben. Das „Verbot“ förderte freilich nur den Verkauf.
Rezeption
Absolventen des Sadhana-Kurses, allen voran diejenigen, die ihn unter de Mello durchliefen, führen ihn später nicht selten in irgendeiner Form selbst weiter. So fördert beispielsweise Anand Nyak, ehemaliger Jesuit und de Mello-Experte, de Mellos Lehre in der Schweiz, Frankreich, Belgien, Deutschland, Österreich und Kanada. Er leitet regelmäßig Sadhana-Kurse im Lasalle Haus, dem Bildungshaus der Jesuiten in Edlibach (Kanton Zug) nahe Zürich.11 J. Francis Stroud SJ gründete wiederum das „DeMello Spirituality Center“ (nunmehr DeMello-Stroud Spirituality Center).
De Mellos Schriften genossen also anhaltendes Interesse. Auch nach 1992 erschienen weiterhin Werke, die auf seinen Konferenznotizen oder auf Tonbandaufnahmen seiner Vorträge basieren, so etwa 2010 Seek God Everywhere: Reflections on the Spiritual Exercises of St. Ignatius (Vorträge zu den ignatianischen Exerzitien, Juli – November 1975).12 Zum 25. Todestag brachte Image Books die Publikation Rediscovering Life: Awaken to Reality13 als Begleitband zu seinem Buch Awareness heraus. Zuletzt erschien 2014 das von seinem Bruder Bill edierte Buch Swansong: Anthony de Mello’s Last Seminar (2014).
Diese Bücher zeigen ferner den Umfang seines Einflusses. Der irische Jesuit John Callanan ist ein weiterer Schriftsteller mit einer umfangreichen Publikationsliste zu Tony de Mello.14 We Heard the Bird Sing: Interacting with Anthony de Mello, S.J. (1997), zusammengestellt von Aurel Brys SJ und Joseph Pulickal SJ, enthält interessante Erfahrungsberichte von Personen, deren Leben von de Mello berührt und beeinflusst wurde. Tony D’Souza und Bud Wonsiewicz brachten 2006 Discovering Awareness: A Guide to Peace, Strength and Freedom heraus, während Anand Nayak im selben Jahr Anthony de Mello: Sein Leben, seine Spiritualität publizierte.
P. Jerry Sequeira SJ, Direktor des jesuitischen Verlagshauses „Gujarat Sahitya Prakash“ (GSP) in Anand, Indien, welches die Rechte für neun Bücher de Mellos innehat15, erwähnte die ungebrochene Nachfrage nach seinen Büchern. GSP übertrug die Publikationsrechte für Übersetzungen der Werke an einige weitere Verlage. Allein dadurch wurden seine Bücher in über 26 Sprachen übersetzt. Zuletzt unterzeichnete GSP Verträge für Übersetzungen ins Rumänische sowie ins Ukrainische.
Im ersten Jahr nach seinem Tod erreichte de Mellos Spiritualität Menschen hauptsächlich durch die Bücher. Die rasche Ausbreitung des Internets ermöglichte Menschen aller Kasten, Konfessionen und Religionen einen einfachen Zugang. Zahlreiche seiner Konferenzen stehen frei zur Verfügung auf YouTube sowie auf Internetseiten wie beispielsweise jene des DeMello Spirituality Center. Manche Videos wurden bereits über 100 000 Mal aufgerufen. De Mello besaß eine natürliche Begabung für Kommunikation. „Wäre er ein Schauspieler, so hätten seine Auftritte einen Oscar verdient.“16 Ignacio Rodríguez bestätigte:
„Ich staune über de Mellos Anziehungskraft auf Menschen aus allen Lebensbereichen, Gläubige wie Nichtgläubige. Ich sah seine Bücher in Bücherregalen auf Flughäfen. Die Menschen kauften sie, weil sie sich nach einem echten spirituellen Erlebnis sehnten, sogar außerhalb der Grenzen institutionalisierter Religionen. Er verwendete eine literarische Gattung, die den Menschen zugänglich ist und keine unverdauliche kartesische Sprache. De Mello ist international.“
Berührung des Lebenskerns
Anthony J. D’Souza leitet weltweit Awareness-Seminare. In den USA findet er unter Katholik(inn)en, die von der strukturierten und institutionalisierten Kirche enttäuscht sind, ihre spirituelle Suche dennoch nicht aufgeben wollen, seine bereitwilligsten Zuhörer(innen). De Mellos Spiritualität findet hier großen Anklang. A. J. D’Souza arbeitet mit Gruppen aus unterschiedlichen christlichen Denominationen und diese berichten, dass sie geistliche Nahrung in de Mellos Lehre finden.
Lisbert D’Souza erzählt, dass de Mello sich selbst als eine Art Rebell verstand. Auch Ignatius war eine Art Rebell, zumal man ihn verdächtigte, ein Alumbrado zu sein, weil er von Gott als jemandem sprach, der unvermittelt mit der menschlichen Seele kommuniziert. De Mellos Selbstinszenierung diente auch der Provokation seiner Zuhörerschaft. So forderte er diese beispielsweise auf, den Buddha zu töten, sollten sie ihn finden.17 Damit entlarvte de Mello die Strukturen organisierter Religion und ermutigte seine Adressat(inn)en, die Ebene der Symbole zu verlassen (den Finger, der zum Mond hindeutet), zugunsten der symbolisierten Realität (des Mondes selbst). Er sah, dass Symbole, wie die blinde Ausübung von Riten und Ritualen, zum Hindernis anstatt zur Hilfe werden können.
De Mello besaß große Fähigkeiten, Weisheit durch Geschichten und Anekdoten zu vermitteln. Seine Botschaft traf den Lebenskern der Menschen. Er appellierte nicht an die Fähigkeit des Menschen zur Konzeptualisierung, sondern an dessen Vorstellungskraft und Affektivität.
Joaquin Barrero fragte, warum de Mello so einflussreich in Spanien war und dies auch nach wie vor bleibt. Seine Sicht: Die Menschen in Spanien waren einer moralistischen, kasuistischen, rigiden und rationellen Theologie überdrüssig. De Mello hingegen sprach von einem Gott, der bedingungslos liebte und von ihnen nicht erwartete, sich zu ändern, damit er sie liebte. Er wusste wohl, dass die Annahme einer solchen Liebe die Menschen ändern würde, und vermittelte diese Botschaft effektiv wie affektiv. Ähnlich formulierte L. D’Souza: „Für de Mello gab es nichts Gefährlicheres als einen verschlossenen Geist. Erbegleitete solche Menschen und half ihnen zu einem Aha-Erlebnis (Einsicht). In einem solchen Augenblick ‚sieht‘ man plötzlich, kann aber nicht sagen, was gesehen wird. Gerade dann ist das Erzählen einer Geschichte angesagt. De Mellos Geschichten waren provokativ und offen. Sie stellten Menschen in Frage und zielten darauf hin, Menschen wie aus einem Schlaf erwachen zu lassen. Befragung und Provokation waren de Mellos Therapie.“
Auf meine Frage: „Was haben Sie von de Mello gelernt?“, antwortete Lisbert D’Souza: „Ich lernte, alles in Frage zu stellen und die vielen Wahrheitsansprüche nicht wie selbstverständlich anzunehmen. Unsere Welt mit ihrer schnellen Kommunikationstechnologie bietet eine Fülle an Antworten. Die Verbraucher dieser Wahrheitsansprüche nehmen sich keine Zeit, sie in Frage zu stellen. Ich lernte, sogar die Ansprüche auf absolute Wahrheit in Frage zu stellen, ‚denn nicht das Vielwissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das Verspüren und Verkosten der Dinge von innen her‘ (Ignatius v. L., Geistliche Übungen, 2). Das war übrigens de Mellos Lieblingszitat aus den Übungen. Was zählt, ist die persönliche Erfahrung von absoluten Wahrheiten und nicht die unterwürfige Akzeptanz von Wahrheitsansprüchen nur, weil jemand sie ausgesprochen hat.“
Integration östlicher und westlicher Spiritualität
L. D’Souza erinnerte sich an de Mellos Definition von Spiritualität: Es ist der Verlust des Selbst. Darin integrierte de Mello den shunyata-Gedanken des Buddhismus und das ignatianische Kriterium des spirituellen Fortschritts, nämlich das Ablegen der Eigenliebe, des Eigenwillens und des Eigennutzes (vgl. GÜ Nr. 189). A. J. D’Souza, der de Mello 20 Jahre lang als geistlichen Begleiter hatte, behält dies im Sinn, wenn er seine De Mello-Seminare mit „Integration of Spirituality and Psychology from an Eastern Perspective“ bezeichnet. John Dardis bemerkt: „Die 1970er Jahre waren eine Zeit, in der ‚Vorstellungskraft‘, ‚Affektivität‘ und ‚Sexualität‘ suspekt waren. De Mello konfrontierte diese Begriffe direkt, mit Mut und Kreativität. Er verknüpfte Psychologie, Spiritualität und Sexualität mit dem Menschlichen und machte daraus eine kreative Mischung der Psychologie, die er in Chicago studiert hatte, und der (fern)östlichen Schulen der Spiritualität. Er redete nicht nur theoretisch über einen psychospirituellen Ansatz, sondern zeigte auch tatsächlich, wie dieser funktionieren könnte. Er entwickelte Übungen, genau wie Ignatius die seinen, die Menschen wirklich befreiten.“ J. Dardis fährt fort: „Das Ziel der Übungen besteht darin, Menschen aus ihrer Knechtschaft zu befreien zum Dienst an der Menschheit (A.M.D.G.). De Mello erreichte dies in den Übungen, die er anbot, indem er sie flexibel machte und neue Übungen einführte, welche aktuelle Bedürfnisse ansprachen. Er wiederholte nicht bloß die von Ignatius konzipierten.“
De Mellos Spiritualität wirkt befreiend
Demütig erkannte Mariano Ballester, dass de Mello seinem Leben sehr viel Gutes brachte. Nach der GK 32 kam de Mello regelmäßig nach Rom, um Seminare zu leiten. Der Andrang war so groß, dass die Teilnahme ausschließlich auf Obere und Generalobere der Kongregationen in Rom beschränkt werden musste. Ballester nahm an diesen Seminaren teil und war besonders beeindruckt von der Freiheit, mit der de Mello seiner hochkarätigen Hörerschaft begegnete. Er integrierte de Mellos Methoden und Inhalte in die Gebetsseminare, welche das CIPO (Centro Internacional de Pastoral y Oración, ein von P. Arrupe gegründetes Zentrum zur Wiederbelebung des Gebetsapostolats) anbot. „Tony befreite mich von papeles (geschriebenen Notizen)“, sagte Mariano einigermaßen erleichtert, und fuhr fort: „Ich lernte, die Vorstellungskraft auf kreative Art in den Gebetsseminaren einzusetzen. Diese beinhalteten drei Schritte: 1. Entspannung; 2. das Eintreten ins eigene Haus; 3. Frieden im eigenen Haus schaffen.“
Mit der Notifikation im Sinne sagte Jim Grummer: „Viele verabsäumten, das richtige Verständnis für de Mellos Intentionen aufzubringen. Natürlich wurde Tony wahrgenommen als wäre er gegen das Establishment, doch lehnte er niemals das Lehramt der Kirche ab. Er verwendete seine provokative Sprache lediglich, um Menschen zu befreien. Wer de Mello liest oder ihm zuhört, soll seine Gedanken zu begreifen versuchen und seine Worte nicht buchstäblich oder oberflächlich aufnehmen.“
„Große Wirkung!“ Mit diesen Worten beschrieb Dardis das erste De Mello-Seminar, an dem er in den 70er-Jahren teilnahm, gemeinsam mit 60 anderen Jesuiten. „Tony befreite mich!“, sagte Dardis ziemlich direkt. „Nach der GK 32 half er auch der irischen Provinz, die auf der Suche nach neuen Wegen war, jesuitisch zu sein. Die traditionelle Spiritualität der Gesellschaft brauchte Erneuerung, sie sollte die Inkarnation stärker hervorheben, menschlicher werden. De Mellos Intervention half den irischen Jesuiten, sich in diese Richtung zu bewegen“, bestätigte Dardis.
Vor seinem Noviziat kam José Antonio Guerrero (er trat der Gesellschaft Jesu 1979 bei) mit dem Gebet nach Sadhana in Berührung. Er nutzte dieses wiederum, um anderen jungen Menschen zu helfen. Guerrero beobachtete die „Befreiung“ vieler Menschen durch Tonys Wirkung. In Spanien wurde er Zeuge der großen Beliebtheit de Mellos, vor allem durch den Verkauf von Büchern aus dem Verlagshaus Sal Terrae. Er erwähnte einige Jesuiten wie Jesús García-Abril und Manuel Fernández Márquez, die von Tony zutiefst beeinflusst wurden und stets viel unternehmen, um de Mellos Spiritualität zu verbreiten. Diesbezüglich schrieb García-Abril in einer persönlichen Korrespondenz: „Meine persönliche Erfahrung ist, dass de Mellos Werke mit ihrer befreienden Glaubensvision, richtig angewendet, Positives in den Menschen bewirken.“
Barrero, wie Guerro, erinnerte sich an Namen von Männern wie José Antonio Garcia Monge und Vincente Bonet, die in den 80er Jahren von de Mellos Ideen beeinflusst wurden. Sie wurden zu lideres multiplicadores (führenden Multiplikatoren), welche bis heute Menschen mit de Mellos Spiritualität inspirieren. Er erinnerte sich an eine Erfahrung, die ihm in seiner Zeit als Spiritual zuteil wurde: „Vor allem ein Jesuit sagte oft zu mir: ‚Tony eröffnete mir Tore der Rettung.‘“ Ferner meinte er: „De Mellos Botschaft kam wie ein frischer Atemzug daher, ‚Oxigenaba y liberaba‘ (er brachte Sauerstoff und er befreite). Genau das ist es, was unsere hochsäkularisierte Gesellschaft heute benötigt. De Mello betonte die Gnade Gottes zu einer Zeit, in der vergeltende Gerechtigkeit hervorgehoben wurde. Vielleicht erreichen wir heute langsam ein Gleichgewicht.“
Seine Methode: Deus semper maior
Vernon D’Souza nutzte de Mellos Spiritualität im Noviziatsprogramm. Den Novizen gab er im ersten Jahr das Buch Sadhana, welches wesentlich zur erfolgreichen Durchführung der dreißigtägigen Exerzitien beitrug. Im zweiten Jahr verwendete er de Mellos Audiokassetten (eine Vortragsreihe zu Liebe, Frieden und Freude), um seine Methode zu vermitteln, nämlich sowohl die innersten Tiefen des Selbst als auch die entfernteste transzendente Realität zu erreichen.
In seiner Erwähnung von Tony de Mellos Geschichten warnte L. D’Souza davor, diese buchstäblich zu verstehen, wie auch die Gleichnisse Jesu nicht buchstäblich zu interpretieren sind. Das Erzählen von Geschichten und Anekdoten auf angemessene und effektive Weise entsprach de Mellos Methode. Diese darf aber nicht als didaktische Kommunikation von Dogmen verstanden werden. Die Geschichten sind vielmehr wie der Finger, der zum Mond deutet. Der Versuch, sie wortwörtlich zu deuten, kann mitunter gefährlich sein. Vielmehr regte de Mello seine Hörer(innen) an, die Ebene des Wörtlichen zu übersteigen: Deus semper maior. John Dardis hegte aber zweierlei Sorgen: Wie sollten wir heute die Geistlichen Übungen anbieten? Welche Art von geistlichen Begleitern bringen wir hervor? „Wo sind die heutigen ‚de Mellos‘?“, fragte er. De Mello konfrontierte diejenigen, die er begleitete, und bot ihnen maßgeschneiderte Exerzitien an, in denen er das starke Potenzial der Vorstellungskraft nutzte. Genau das praktizierte seinerzeit auch Ignatius. Die Phantasie „Die Statue“18 ist Dardis‘ Favorit. Diese Übung half ihm zu seiner eigenen Befreiung, und er entwarf wiederum weitere solcher Übungen, um die Menschen, die er begleitete, zu befreien und weiterzuführen.
Fazit
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass de Mellos Botschaft, welche die Lehre der Weisen aus Ost und West in sich integriert, allen zugänglich ist. Sie spricht den Lebenskern der Menschen an und weckt sie auf. Dieses Aufwachen führt sie in die Freiheit, welche die Menschen wiederum befähigt, die Wahrheit über sich selbst und über die transzendente Wirklichkeit zu erfassen. Das ist eine Reise weg von der Fixierung auf sich selbst und hin zur Zuwendung zu anderen. Kirchlich gesehen befähigte vor allem im Westen de Mellos Spiritualität Menschen, die sich von der Kirche abgewandt hatten, wieder zu ihr zurückzukehren. Ferner half sie den Katholik(inn)en, bessere Katholik(inn)en zu werden.
Bis heute unterstützt seine Spiritualität Menschen gerade deshalb, weil sie sie befähigt, Lösungen an der richtigen Stelle19 zu finden, und dies sogar mit möglichst wenig menschlicher Anstrengung. Aufgepasst! „Spiritualität bedeutet aufzuwachen.“20
* Übersetzung: Johanna Friedl. Bearbeitung: Christoph Benke.
1 Das Interstiz ist ein Abschnitt des jesuitischen Ausbildungsweges; es dauert zwei oder drei Jahre.
2 Meine Gesprächspartner waren u.a. die Patres L. D’Souza, A. J. D’Souza, V. D’Cunha, M. Ballester, J. Grummer, J. Dardis, G. I. Rodríguez, J. A. Guerrero, J. B. Díaz und A. Kerhuel. Ferner stand ich in E-Mail-Kontakt mit J. Garcia-Abril, M. Ghaly sowie A. de Mellos Bruder Bill, der in Australien lebt.
3 Dies ist ein Wort aus dem Sanskrit und bezeichnet spirituelle Praktiken, um ein transzendentes Ziel zu erreichen.
4 M. Banes, Anthony de Mello SJ, URL: http://www.thinkingfaith.org/articles/anthony-de-mello-sj, 19. Juni 2014 (Stand: 19.02.2019).
5 Von den wenigen Büchern, die zu de Mellos Lebzeiten erschienen, war Sadhana: A Way to God das erste (1978; basierend auf jenen Notizen, die Msgr. Almeida von Brasilien über die geistlichen Punkte anfertigte, die de Mello den Delegierten der GK 32 mitgab). Daraufhin folgten The Song of the Bird (1982), Wellsprings: A Book of Spiritual Exercises (1984) sowie One Minute Wisdom (1985). Nach seinem Tod wurden zahlreiche Bücher publiziert, die auf seinen eigenen Schriften beruhten sowie auf Tonbandaufnahmen seiner Vorträge und auf Konferenzmitschriften. Einige der bekannteren sind The Prayer of the Frog (2 Bde., 1989), Taking Flight (1988) und dessen Fortsetzung, The Heart of the Enlightened (1989), Awareness (1990), Contact with God: Retreat Conferences (1990), Call to Love: Meditations (1991), Caminhar sobre as águas: Quebre o ídolo (1992) und One Minute Nonsense (1992).
6 Vgl. D. Paramananda, The Enigma of Anthony de Mello, in: America 179 (1998), 8.
7 T. G. Casey / M. B. Hassett, From Fear to Serenity with Anthony de Mello. Mahwah/NJ 2011, 130–131.
8 AAS 90 (1998), 833 f. Ferner eine erklärende Notiz, herausgebracht am 22. August 1998.
9 Obwohl La Iluminación de Mello zugeschrieben wurde, war María Paz Morino die eigentliche Verfasserin. Was den zweiten Text betrifft: Toni konnte nicht Portugiesisch! Vgl. B. de Mello, Anthony de Mello SJ. The Happy Wanderer. A Tribute to My Brother. Ed. C. W. DeSilva. Anand 2012, 243.
10 Dieser lautet: „Die Bücher von Anthony de Mello entstanden in einem multireligiösen Kontext und sollten Anhängern anderer Religionen, Agnostikern und Atheisten eine Hilfe bei ihrer geistlichen Suche sein. Dieser Intention des Autors entsprechend sind sie nicht als Darstellungen des christlichen Glaubens oder als Interpretationen katholischer Dogmen zu verstehen.“ Vgl. B. de Mello, Anthony de Mello SJ, 247 [s. Anm. 9].
11 S. die Rückseite des Buches von A. Nayaks, Anthony de Mello. His life and his Spirituality. Dublin 2007.
12 A. de Mello, Seek God Everywhere: Reflections on the Spiritual Exercises of St. Ignatius. Ed. G. O’Collins / D. Kendall / J. LaBelle. New York – London 2010.
13 A. de Mello, Rediscovering Life: Awaken to Reality. New York 2012.
14 J. Callanan publizierte folgende Werke über Tony de Mello: The Spirit of Tony de Mello (1993), Dreaming with Tony de Mello (1997), Finding Fire with Tony de Mello (2001) und Watering the Desert with Tony de Mello (2004).
15 Call to love, Contact with God, One minute Nonsense, One Minute Wisdom, Sadhana, The Prayer of the Frog 1 & 2, The Song of the Bird sowie Wellsprings.
16 Vgl. T. G. Casey / M. B. Hassett, From Fear to Serenity, 9 [s. Anm. 7].
17 Ein altes, Zenmeister Linji zugeschriebenes Koan, vgl. URL: http://www.dailybuddhism.com/archives/670(Stand: 19.02.2019).
18 Vgl. A. de Mello, Sadhana. A Way to God, 87 [s. Anm. 5]. In den Betrachtungen zu den Zwei Bannern (GÜ 137–147) und den Drei Menschengruppen (GÜ 149–156) sind ignatianische Versionen der „Statue“ nicht zu übersehen.
19 Man kann einen Schlüssel, den man zu Hause verloren hat, nicht woanders suchen, nur weil es dort heller wäre. Vgl. A. de Mello, The Song of the Bird, 30 [s. Anm. 5].
20 A. de Mello, Awareness: A de Mello Spirituality Conference in His Own Words, 5 [s. Anm. 5].
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