Kitabı oku: «Rebekkas Tagebuch»

Yazı tipi:

Eckart zur Nieden

Rebekkas Tagebuch

Roman


Für Edeltraud

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 9783865067050

© Copyright 2014 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfotos: fotolia

Satz: Brendow Web & Print, Moers

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

www.brendow-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

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Nachwort

Weitere Bücher

1

Es war Montag, der 22. Juni des Jahres 1992, einen Tag nach Sommeranfang, sechs Uhr fünfzig.

Paul stellte fest, dass er noch zehn Minuten warten musste, ehe er mit der Maschine arbeiten konnte. Seine Werkstatt in dem alten Bauernhof lag mitten im Dorf, und um Ärger zu vermeiden, wollte er nicht vor sieben Uhr Lärm machen.

Paul war nicht sehr groß, aber kräftig, mit breiten Schultern. Er hatte unter dem kurzen dunkelblonden Haar, das er meistens unter einer altmodischen Baskenmütze verbarg, ein freundliches, rundes Gesicht und besaß die Gewohnheit, jeden, mit dem er sprach, aus seinen braunen Augen fest anzusehen.

Um die Zeit zu nutzen, verließ er seine Bildhauerwerkstatt im alten Kuhstall durch das Tor, das er in die Außenmauer gebrochen hatte, und ging nebenan durch das alte Tor zur Tenne.

Dort stand der Oldtimer seines Großvaters. Damit der durch den Staub aus der Werkstatt nicht Schaden nahm, hatte Paul zwischen Tenne und altem Kuhstall, der nun sein Arbeitsplatz war, eine Mauer hochgezogen.

Von der Tenne aus stieg er die Leiter hinauf und befand sich nun über seiner Werkstatt. Auf dem früheren Heuboden gab es natürlich kein Heu mehr. Paul wollte sich die Konstruktion des Bretterbodens genau ansehen. War es ohne großen Aufwand möglich, die Balken und die darauf liegenden Bohlen zu entfernen? Dann hätte er unten mehr Platz. Dann könnte er Arbeiten an größeren Blöcken, die er bisher im Hof durchführen musste, zukünftig in die Werkstatt verlegen – ein Vorteil bei Kälte und Regen.

Natürlich würde er erst seinen Großvater fragen müssen, dem der Hof mit all seinen Gebäuden offiziell noch gehörte. Aber das war nur eine Formsache. Der hatte sicher nichts dagegen.

Auf dem Boden war zwar kein Heu, aber Teile von Gipskartonplatten lagen in einer Ecke, in einer anderen ein Stapel Dachziegel, sogenannte Frankfurter Pfannen, die wohl beim Erneuern irgendeines Daches übrig geblieben waren. Auch eine Rolle Teerpappe lag da und mehrere alte landwirtschaftliche Geräte, deren Funktion Paul nicht kannte.

Sein Urgroßvater Ludwig Born hatte noch bis in die frühen fünfziger Jahre Landwirtschaft betrieben. Wenn der wüsste, wie fremd mir das ist, dachte Paul, würde er sich wahrscheinlich im Grab rumdrehen.

Wie waren die Bohlen an der Seite befestigt? Paul ließ sich auf die Knie nieder in eine dicke Schicht Staub, die ihn aber nicht störte, da er ohnehin schon seine schmutzige Arbeitskleidung anhatte. Er kroch mühsam unter die Dachschräge. Kein Problem!, stellte er fest. Die Bretter waren nur auf einem Balken festgenagelt.

In der hinteren Ecke waren ein paar rote Ziegelsteine aufgestapelt. Als Paul sie zur Seite räumte, um die Konstruktion des Bretterbodens in der Ecke zu begutachten, bemerkte er hinter den letzten Steinen einen rechteckigen Gegenstand, der mit einem schmutzigen Tuch umwickelt war. Er zog das Ding zu sich heran und kroch rückwärts unter der Dachschräge hervor, um sich bequemer hinsetzen zu können.

Der Stapel Gipskartonplatten diente ihm als Sitz. Er untersuchte seinen Fund. Als er das Tuch aufgeschlagen hatte, kam ein Buch zum Vorschein.

Genau genommen war es kein ordentlich gebundenes Buch. Jemand hatte einen fingerdicken Stapel von Blättern provisorisch mit Hilfe eines Bindfadens, der durch mehrere Löcher führte, zusammengeheftet.

Vorn auf dem ersten Blatt stand in handgeschriebenen Blockbuchstaben: Tagebuch. Und darunter: Rebekka Schimmel.

Das sagte Paul nichts. Von einer Rebekka Schimmel hatte er nie etwas gehört.

Paul blätterte und war enttäuscht. Jemand, wahrscheinlich diese Frau Schimmel, hatte mit Bleistift in deutscher Schrift geschrieben. Das konnte er nicht lesen. Stellenweise waren die Buchstaben ziemlich verblasst, aber noch zu erkennen.

Paul stemmte sich hoch. Es war vier Minuten nach sieben. Er konnte also loslegen. Er warf noch einen letzten Blick auf die Arbeit, die ihn bald hier oben erwarten würde, klemmte seinen Fund unter den Arm und stieg die Leiter hinab.

In seiner Werkstatt angekommen, legte er das Buch irgendwo ab und vergaß es. Er setzte Schutzbrille und Ohrschützer auf und machte sich mit dem durch Druckluft betriebenen Meißel ans Werk.

Wenig später ging das Licht mehrmals an und aus. Das machte seine Frau Stefanie immer, wenn sie in die Werkstatt kam und Paul mit einem lauten Gerät arbeitete. So musste sie ihn nicht mit einem Tippen auf die Schulter erschrecken.

Paul schaltete sein Werkzeug aus und setzte Brille und Ohrschützer ab.

„In zehn Minuten kannst du zum Frühstück kommen“, sagte sie. Stefanie war zwar schon zivilisiert angezogen mit Jeans und T-Shirt, hatte aber ihre rotbraunen Haare noch nicht zum Pferdeschwanz gebunden. „Ich habe Leoni zum Bäcker geschickt. Sie holt Brötchen. Zur Feier des Wochenanfangs.“

„Und des Sommeranfangs. Der war gestern.“

„Also noch ein Grund.“

„Du schickst sie alleine zum Einkaufen?“

„Na, hör mal! Sie ist fünf! Und der Bäcker ist gerade mal sechs- oder siebenhundert Meter entfernt!“

Paul nickte und klopfte den Steinstaub von seiner Arbeitskleidung.

„Was soll das werden?“, fragte Stefanie und deutete auf den Grabstein.

Paul grinste breit und zeigte seine gesunden Zähne. „Die Leute wollten unbedingt einen Engel. Ich habe gesagt: Engel auf einem Grabstein, das hat man im neunzehnten Jahrhundert gemacht. Ist heute total überholt. Kitsch! Ich hab es ein bisschen vorsichtiger ausgedrückt. Aber sie ließen sich nicht davon abbringen.“

„Der Kunde ist König. Vergraule deine Kunden nicht, wir brauchen das Geld!“

„Der Kunde ist König, aber der Künstler ist kein Sklave.“

„Außerdem sind Engel wieder im Kommen, hab ich gelesen.“

„Ich mache jetzt etwas, das man auch als Engel deuten kann, wenn man will.“

Sie traten gemeinsam aus der Werkstatt.

Der Hof war, wie Paul gern sagte, wie ein Schloss angelegt. Eine dreiflügelige Anordnung der Gebäude. Hinten, wo bei Schlössern das Hauptgebäude steht, erhob sich der ehemalige Kuhstall mit Scheune, wo er jetzt seine Werkstatt hatte. Das Gebäude, von der Straße aus gesehen rechts, in dem einmal der Schweinestall und ein Geräteschuppen gewesen waren, hatte das junge Ehepaar Born sich als Wohnung ausgebaut. Gegenüber, in einem gut erhaltenen Fachwerkbau auf einem Fundament aus mächtigen Sandsteinquadern, wohnten oben Pauls Mutter Thea und unten sein vierundachtzigjähriger Großvater Harald Born.

„My home is my castle“, sagte Paul gern, obwohl es rein juristisch gesehen nicht sein Heim war, sondern immer noch Großvater gehörte. Und nach Schloss sah der Hof auch höchstens wegen der Anordnung der Gebäude aus, vielleicht noch wegen des „Turms“ links hinten, dem inzwischen nicht mehr genutzten Silo. Aber von einem einheitlichen Stil konnte keine Rede sein, eigentlich konnte von Stil überhaupt keine Rede sein, und das Alter hatte seine Spuren hinterlassen. Überall bröckelte der Putz, Balken, Fensterrahmen und Türen schrien nach einem neuen Anstrich, und das Hofpflaster war im Lauf der Jahrzehnte mit unterschiedlichsten Materialien notdürftig geflickt worden.

Während Paul seine Baskenmütze absetzte und sich die Hände und die sehnigen Unterarme wusch, kam Leoni herein.

„Hast du Brötchen geholt? Toll, was du schon alles kannst!“, lobte ihr Vater.

„Papa!“ Leoni klang entrüstet. „Ich bin schon groß!“ Sie legte die Gebäcktüte auf den Tisch. „Und das hier hat mir ein Mann gegeben. Für dich.“ Sie hielt ihrem Vater einen dicken Umschlag aus festem Karton hin.

„Für mich?“ Er trocknete sich fertig ab und nahm den Umschlag. Tatsächlich! „Herrn Paul Born“ stand darauf. Das Ehepaar sah sich erstaunt an. Dann nahm Paul ein Küchenmesser und schlitzte eine Seite auf.

Im ersten Moment hielt er es für einen Scherz. Aber es war keiner. Was er in der Hand hielt, war ein dickes Bündel von 100-Mark-Scheinen. Wieder sah er Stefanie an, als müsse sie ihm bestätigen, dass er nicht träumte.

„Da ist noch ein Zettel“, sagte seine Frau. Ihre Stimme klang etwas belegt.

Paul zog ein kleines Blatt heraus und las, was mit Computerdrucker darauf geschrieben stand:

Lieber Herr Born, ein Bericht in unserer Zeitung stellte Ihre künstlerische Arbeit vor. Das erinnerte mich an Ihre Familie, der ich seit langem zu Dank verpflichtet bin. Vielleicht kann ich von dieser Dankesschuld mit dem beiliegenden Geld etwas abtragen. Ob Sie damit den in dem Zeitungsbericht erwähnten „Unimog mit Kran“ erwerben oder Ihre Werkstatt vergrößern, bleibt Ihnen überlassen. Falls das Ihr Gewissen beruhigt: Für mich ist diese Summe kein großes Opfer. Ein Freund.

„Ich werd verrückt!“, stammelte Paul.

Stefanie murmelte: „Aber vorher zähle es noch!“

Das tat er. Es dauerte eine ganze Weile, denn er wollte es trotz der zitternden Finger gründlich tun.

„250. Also 25.000 D-Mark.“

„Wahnsinn!“, meinte Stefanie, als wäre die Bemerkung ihres Mannes, dass er verrückt werde, schon Tatsache. „Wer schenkt uns 25.000 D-Mark?“

„Einfach so!“

„Vielleicht ... nicht einfach so.“ Sie sah ihn nachdenklich an. „Denkst du das Gleiche wie ich?“

Paul nickte. „Wahrscheinlich.“ Er blätterte überlegend durch das Bündel mit den Geldscheinen.

Leoni sagte: „Das ist viel Geld, stimmtś? Können wir damit ein Pony kaufen?“

„Nein“, antwortete ihre Mutter. „Du hast es doch gehört – das ist für Papas Arbeit bestimmt. Übrigens – hat die Katze schon ihre Milch? Schau doch mal nach! Und wenn du zurückkommst, können wir frühstücken.“

Als Leonie das Zimmer verlassen hatte, murmelte Paul: „Mein unbekannter Vater! Es kann gar nicht anders sein!“

„Den deine Mutter uns nicht verraten will. Angeblich soll er ja gar nicht mehr leben. Aber offenbar lebt er doch und ist nun an sein Liebesabenteuer von vor sechsundzwanzig Jahren erinnert worden. Und das schlechte Gewissen, weil er damals deine Mutter verlassen hat, plagt ihn jetzt. Und weil er genug Geld hat ... “

„Anscheinend wohnt er nicht weit entfernt. Es war ja keine überregionale Zeitung, in der der Artikel über mich stand. Vielleicht hat er auch unsere Familiengeschichte verfolgt.“

Stefanie nickte.

„Ein merkwürdiger Gedanke!“, murmelte Paul.

„Aber nicht unangenehm! Grüble nicht weiter, freu dich und kauf dir den Unimog. Damit du nicht immer ein Fahrzeug leihen musst, um deine Steine zu holen und deine Kunstwerke auszuliefern.“

„Ich kann mich noch nicht einmal bedanken.“

„Warum auch? Nimm es einfach als Erbe, das dir zusteht!“

„Falls dieser Wohltäter mein Vater ist. Denn das steht ja nicht fest.“

Stefanie beobachtete, dass ihr Mann nach diesem Satz den Atem anhielt und starr durch sie hindurchzublicken schien.

„Was ist?“

„Mir fällt da etwas ein. Ich habe heute Morgen auf dem alten Heuboden über der Werkstatt ein Tagebuch gefunden. Alt. In deutscher Schrift. Ich konnte es nicht lesen. Vielleicht besteht da ein Zusammenhang.“

Leoni kam herein. „Muschi hatte schon ihre Milch.“

„Dann frühstücken wir jetzt!“, beschloss Stefanie. „Nach dem Tagebuch sehen wir später. Ich muss nämlich um halb neun an meiner Arbeit sein. Wenn es Sütterlin ist, kann ich es wahrscheinlich lesen. Meine Oma hat noch so geschrieben. Kommt an den Tisch!“

2

Paul Born und seine Frau saßen am Tisch im Wohnzimmer. Stefanie hatte das Tagebuch vor sich liegen und schaute es zunächst schweigend an. Sie musste sich erst an das Schriftbild gewöhnen. Dann fing sie an, langsam und stockend vorzulesen.

3. Juni 1941

Viele Mädchen schreiben ja mit Begeisterung Tagebücher. Ich konnte mich in meiner Jugend nie damit anfreunden. Aber nun bin ich erwachsen, und wenn ich jetzt doch damit anfange, so hat das einen anderen Grund.

Die Ereignisse überstürzen sich. Es gibt vieles, was festgehalten werden muss. Vielleicht werde ich später einmal, wenn die Krise durchgestanden ist, mir anhand dieser Notizen wieder alles in Erinnerung rufen. Ich werde dann desto dankbarer sein, je mehr Gefahren und Notlagen hier stehen, die überstanden sind.

Vielleicht wird ein anderer dies alles lesen, wenn ich nicht mehr lebe. Es ist ein tröstlicher Gedanke für mich, dass mit meinem Leben nicht auch meine Geschichte vergangen sein wird.

Vielleicht wird aber auch niemand dieses Tagebuch lesen. Dann hat es wenigstens den Sinn gehabt, dass ich mir beim Schreiben Gedanken mache und nicht nur in unserem Versteck vor mich hin brüte.

Bevor ich die frischen Erlebnisse aufschreibe, will ich die Vorgeschichte notieren. Ohne diese sich über Jahre hinziehenden Schwierigkeiten wären wir, mein Mann Aaron und ich, ja nie in dieses Versteck auf Borns Heuboden gekommen.

Nach der Aktion der Nazis „Kauft nicht bei den Juden“ im April 1933 ging es mit unserem Textilgeschäft in Wuppertal immer schlechter. Es hielten sich zwar durchaus nicht alle Kunden an diese gehässige Parole, und es gab sogar einige wenige, die aus leisem Protest extra in unseren Laden kamen. Aber das waren Ausnahmen. Der Umsatz ging immer mehr zurück. Schließlich war das Geschäft nicht mehr zu halten.

Die Verunglimpfungen wurden auch immer dreister. Man munkelte, dass Juden verschleppt würden. Wohin und zu welchem Zweck – das wusste keiner.

Mein Schwager und meine Schwägerin waren oft bei uns. Sie wollten ins Ausland fliehen und drängten uns mitzukommen. Ich wäre vielleicht schweren Herzens mitgeflohen, aber Aaron war dagegen.

Als dann in der Nacht vom neunten auf den zehnten November 1938 die Barmer Synagoge in der Scheurenstraße ausbrannte und die Zeitungen von ähnlichen Tragödien in anderen Städten berichteten, nahm natürlich auch unsere Angst zu. Auch die Atmosphäre uns gegenüber wurde immer feindlicher, was die Angst noch verstärkte.

In einem erneuten Gespräch mit Schwager und Schwägerin beschlossen wir – nach endlosen Beratungen bis zwei Uhr in der Nacht –, dass die beiden fliehen sollten. Sie waren kinderlos und würden unseren Sohn Jakob mitnehmen. Aaron und ich wollten aber noch bleiben, um zu versuchen, unseren Besitz – den Laden, die Textilien und unser Mobiliar – zu Geld zu machen, damit nicht alles verloren ginge. Ohne unseren Sohn würde es für uns später leichter sein, nachzukommen. Und sollte es bei uns misslingen, was wir aber nicht ernsthaft annahmen, so wäre wenigstens er in Sicherheit.

Aber wir konnten fast nichts verkaufen. Die Dinge spitzten sich immer mehr zu, und die Gefahr für uns wurde zunehmend größer, besonders als 1939 der Krieg begann. Warum wir nicht konsequenter reagiert haben, weiß ich nicht. War es, weil wir die Gefahr nicht realistisch einschätzten? Weil wir sie nicht erkennen wollten? Weil wir zu sehr am materiellen Besitz hingen? Weil wir uns einredeten, dass wir zwar Juden waren, aber am jüdischen Leben fast gar nicht teilgenommen hatten und damit eigentlich wie andere Deutsche waren?

Irgendwann war es für eine Flucht zu spät. Freunde erzählten uns davon, dass manche es vergeblich versucht hatten und verhaftet worden seien.

An dieser Stelle will ich noch erklären, wie unsere religiöse Einstellung war. Wie erwähnt, nahmen wir am Leben der jüdischen Gemeinde nicht teil. Die eine oder andere Tradition bestand in unserer Familie fort – zum Beispiel hatten wir Jakob beschneiden lassen –, aber die jüdischen Feste feierten wir nicht. Dafür feierten wir wie alle um uns her Weihnachten und Ostern. Aaron und ich sprachen auch kaum über religiöse Fragen. Eine gewisse Scheu wird dabei eine Rolle gespielt haben, aber auch Unsicherheit. Stimmte das alles, was man uns an unbeweisbaren Dingen in der Erziehung mitgegeben hatte? In unserer Umgebung hielt man etwas ganz anderes für wahr. Natürlich ist mir klar, dass die Wahrheit nicht unbedingt bei der Mehrheit liegen muss. Aber auch nicht bei der Minderheit, nur weil sie die Minderheit ist. Und auf lange Traditionen berufen sich alle.

Ich muss zugeben, selbst diese Gedanken sind neu für mich. So gründlich habe ich über das alles gar nicht nachgedacht. Erst durch die Begegnungen und Gespräche mit den alten Borns bin ich aus meiner Gleichgültigkeit solchen Fragen gegenüber etwas aufgewacht.

Von dem jungen Ehepaar Born muss ich berichten. Sie wohnten wie wir im dritten Stock, nur auf der anderen Seite des Treppenhauses. Beide waren ungefähr in unserem Alter und hatten eine Tochter, Thea, die ein Jahr jünger war als Jakob. Die Kinder spielten oft zusammen, meistens in Borns Wohnung, wenn Aaron und ich im Geschäft waren. Als wir das nicht mehr betrieben, waren beide oft bei uns.

Als der Krieg begann, war Harald Born als Leutnant natürlich nicht mehr da. Vom Polenfeldzug an war er nur noch zu Hause, wenn er Fronturlaub hatte. Umso mehr suchte Annemarie den Kontakt zu uns, um nicht so allein zu sein. Die Verachtung für die Juden griff zwar immer mehr um sich, aber sie setzte sich darüber hinweg.

Einmal waren Annemaries Schwiegereltern zu Besuch. Den Anlass weiß ich nicht mehr. Es könnte der vierte Geburtstag von Thea gewesen sein. Es ergaben sich längere und sehr ernste Gespräche zwischen dem alten Ehepaar Born und uns. Sie waren freundliche Leute, die irgendwo im bergischen Land einen Bauernhof besaßen.

Schnell entstand Vertrauen zwischen uns, nicht nur, weil Annemarie manches über uns erzählt und so die Begegnung vorbereitet hatte, sondern hauptsächlich, weil sie Vertrauen erweckende Menschen waren.

Kurz bevor sie nach ihrem mehrtägigen Besuch wieder abreisten, kamen wir auf die Situation der Juden zu sprechen. Sie rieten uns, wir sollten uns ins Ausland absetzen. Aaron erzählte ihnen offen, dass wir mit dem Gedanken lange – wohl zu lange – gespielt hätten, aber dass es nun zu spät sei. Und er schilderte, was wir in der Hinsicht unternommen hatten. Da sagte Ludwig Born, und seine Frau Elisabeth nickte eifrig dazu, wenn wir fliehen müssten und nicht wüssten, wohin, sollten wir zu ihnen kommen. Sie hätten Möglichkeiten, uns zu verbergen, und würden das auch gerne tun.

Wir bedankten uns für das Angebot, nahmen es aber nicht sehr ernst. An den Gedanken, auf einem Bauernhof bei Fremden in einem Versteck zu leben, vielleicht für lange Zeit, konnten wir uns noch schwerer gewöhnen als an den, im Ausland neu anzufangen. Aber es war wohl so, dass wir überhaupt zu träge waren, an etwas anderes als das Gewohnte zu denken. Wir hatten die Gefahr, in der wir schwebten, immer noch nicht voll erkannt. Oder wir wollten sie nicht erkennen und verdrängten sie deshalb aus unseren Köpfen.

Später habe ich darüber nachgedacht, ob es reiner Zufall war, dass wir davonkamen, oder ob tatsächlich der Gott Israels, der ja wohl auch der Gott der Christen ist, uns ein Wunder hat zufallen lassen. Ein eindeutiges Ergebnis ist bei diesem Nachdenken nicht herausgekommen. Jedenfalls begab sich Folgendes:

Aaron sah eines Abends ohne bestimmte Absicht aus dem Fenster auf die Straße. Da bemerkte er ein Auto, eine schwarze Mercedes-Limousine, die vor unserem Hauseingang hielt. Männer sprangen heraus. Er sagte später, dass er sofort gewusst habe: Es war die Gestapo. Ich glaube es ihm aufs Wort. Man erkannte diese Leute sofort, wenn nicht an ihrer Kleidung, dann an ihrem herrischen Auftreten.

Aaron rief: „Sie wollen uns holen!“, rannte zu mir, packte mich am Arm und zog mich, ehe ich recht begriffen hatte, was los war, zur Tür. Wir nahmen uns nicht einmal die Zeit, irgendetwas Wertvolles mitzunehmen. Gegenüber klopften wir heftig bei Annemarie Born an die Tür. Sie öffnete gerade in dem Augenblick, als unten die ersten Stiefeltritte auf der Treppe zu hören waren. Annemarie war nicht nur hilfsbereit, sondern besaß auch eine rasche Auffassungsgabe. Ehe wir etwas erklären konnten, zog sie uns in die Wohnung und schloss die Tür.

Wir hörten gegenüber Rufen, Poltern, und schließlich krachte es so laut, dass wir annahmen, dass sie die Tür eingetreten hatten. Nach einiger Zeit wurde bei Frau Born geklingelt. Wir hatten schon damit gerechnet und uns versteckt. Ich quetschte mich in die winzige Speisekammer, und Aaron legte sich im Schlafzimmer unter die Betten.

Frau Born öffnete und lächelte die Gestapoleute freundlich an. Später sahen wir, dass sie eine Uniformjacke ihres Mannes mit all seinen Abzeichen direkt neben die Tür an die Garderobe gehängt hatte, in der Hoffnung, dass das den Männern Respekt einflößen würde. Ob sie wüsste, wo die Nachbarn seien, Ehepaar Schimmel, wurde sie gefragt. Nein, antwortete sie, aber die machten manchmal einen Abendspaziergang. Im Übrigen kümmere sie sich nicht um die Nachbarn, denn sie seien Juden.

Unsere Sorge war, dass die kleine Thea, die schon schlief, bei dem Lärm aufwachen und uns verraten könnte. Aber nichts dergleichen geschah, und die Männer wandten sich mit einem „Heil Hitler“-Gruß ab.

Annemarie Born beobachtete, dass noch etwa eine Stunde lang zwei Geheimpolizisten vor der Haustür auf der Straße standen. Später zogen sie ab, jedenfalls waren sie nicht mehr zu sehen.

Uns war klar, dass wir noch in dieser Nacht verschwinden mussten. Frau Born redete uns zu, das Angebot ihrer Eltern anzunehmen. Dazu waren wir nun auch entschlossen. Wohin hätten wir sonst fliehen können? Aber wie sollten wir dort hinkommen? Es wäre sicher zu gefährlich, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen.

Also zu Fuß! Frau Born gab uns eine genaue Karte und zeigte uns darauf den Weg. Sollten wir gut und ohne Hindernisse vorankommen – am besten nachts –, würde die Reise wohl drei oder vier Tage dauern.

Wir schlichen gegen ein Uhr in der Nacht aus dem Haus, und zwar durch den Hinterausgang. Durch verschiedene Gärten – einmal zu Tode erschreckt durch lautes Hundegebell – kamen wir schließlich wieder auf die Straße. Ich war überrascht, dass Aaron, der nie gern von Flucht gesprochen hatte, mir eröffnete, er habe sich diesen Weg schon vorher überlegt und sogar ausprobiert.

Wir hatten hauptsächlich Nahrungsmittel in unseren Rucksäcken, dazu warme Kleidung zum Schlafen im Freien.

In der ersten Nacht kamen wir, da wir ja erst spät aufgebrochen waren, kaum aus der unmittelbaren Umgebung von Wuppertal heraus. Nicht weit von der bekannten Müngstener Brücke verbrachten wir den Tag in einem Gebüsch. Wir beschlossen, dass abwechselnd einer von uns wachen sollte, während der andere schlief. Aber als ich mit Schlafen dran war, hielt mich die Anspannung trotz meiner Müdigkeit wach.

Abends machten wir uns wieder auf den Weg. Wir hatten zwar geplant, Verkehrsstraßen zu meiden und mehr auf Feldwegen zu gehen. Aber das erwies sich als unmöglich. Kleinere Straßen und Wege waren auf unserer Karte nicht verzeichnet. Zweimal verliefen wir uns und brauchten viel Zeit, wieder zu einem Ort zu kommen, durch dessen Ortseingangsschild wir erfuhren, wo wir waren.

Die Sonne war bereits im Begriff aufzugehen, als uns in der Nähe von Schloss Burg an der Wupper ein Bauer auf seinem Traktor überholte. Er wollte wohl früh mit seiner Ernte – was auch immer auf dem Anhänger lag – auf dem Markt sein. Er hielt an und fragte, ob er uns ein Stück mitnehmen solle. Es wäre verdächtig gewesen, wenn wir abgelehnt hätten. Also stiegen wir auf, ruhten unsere geschwächten Beine aus und kamen doch ein gutes Stück weiter. Aaron erzählte ihm, ohne dass der Bauer gefragt hätte, wir seien auf dem Weg zu einem Familientreffen hinter Wermelskirchen.

Je mehr wir in ländliches Gebiet kamen, desto weniger Angst hatten wir, dass uns die Polizei anhalten könnte. Also gingen wir nun auch bei Tageslicht, vermieden nur die Zeiten, wenn die Leute sich an ihre Arbeit machten oder von dort kamen.

Am dritten Tag hielt ein Lastwagen neben uns. Der Fahrer öffnete die Tür und rief uns zu: „Ach, wohl auch Städter, die auf dem Land ihr silbernes Besteck gegen Schinken tauschen wollen?“ Er lachte dabei und winkte uns, wir sollten auf die Ladefläche klettern. Wir waren glücklich, dass da jemand die Ausrede, die wir uns hätten ausdenken müssen, selbst erfunden hatte.

Am späten Abend des vierten Tages kamen wir in dem Ort Pfalzhof an, völlig erschöpft und übermüdet. Wir fanden den Hof von Borns, zögerten, ob wir sie so spät noch wecken dürften, entschlossen uns dann aber doch dazu. Beide waren natürlich erstaunt, als wir vor ihnen standen, hießen uns aber herzlich willkommen. Ich hatte sogar den Eindruck, sie freuten sich, dass wir ihre Einladung ernst genommen hatten. Vielleicht entstand der Eindruck aber nur, weil ich Schlimmeres befürchtet hatte. Schließlich kommt es oft vor, dass Menschen freundlich sind, solange es unverbindlich bleibt, und die Hilfsbereitschaft schnell schwindet, wenn es ernst wird.

Borns boten uns als Erstes an, sie Ludwig und Elisabeth zu nennen. Elisabeth machte einen Topf mit Milch warm, und ihr Mann ging, um unsere Unterkunft vorzubereiten. Wo die sein sollte, wussten wir noch nicht. Als wir dann alle vier zusammensaßen, erläuterte Ludwig seinen Plan. Für diese Nacht sollten wir auf zwei Sofas schlafen. Morgen sollten wir auf den Heuboden umziehen. Jetzt im Dunkeln da hinaufzuklettern in unbekanntes Gelände sei gefährlich und sicher nicht nötig.

Nach einer kurzen Nacht weckte uns Ludwig, ehe es hell wurde. Er hatte einige Mühe, uns wachzukriegen. Wir müssten nun in unser Versteck umziehen, meinte er entschuldigend, weil bald Leute kämen. Er wollte uns unser Lager zeigen, ehe er zum Melken in den Stall ging.

Das Wohnhaus stand an der linken Seite eines rechteckigen Hofes. Gegenüber war ein Backsteinbau, in dem Geräte untergebracht waren, und der Schweinestall. An der hinteren Seite stand ein höheres Gebäude, in dem unten die Kühe untergebracht waren. Darüber war das Heu gelagert. Dort sollten wir unser neues Zuhause finden.

Von der Tenne aus führte eine steile Leiter hinauf. Oben musste man eine Klappe öffnen, um auf den Heuboden zu kommen. Daneben deckte eine größere Klappe eine Öffnung ab, durch die Heuballen und anderes an einem Seil hinaufgezogen werden konnten. Das Seil lief über eine Rolle an einem Dachbalken.

Da oben, auf einer kleinen Fläche aus Brettern und dahinter Heu, etwa mannshoch, sollten wir nun also „wohnen“.

Ludwig war vorausgestiegen, wir beide folgten, und Elisabeth bildete die Nachhut. Oben angekommen, sahen wir uns erst schweigend um und dann schweigend an. Ich bemerkte an Aarons Blick, dass er es hier zwar nicht gerade gemütlich fand, aber er war auch nicht unzufrieden. Verglichen mit unseren Schlafstellen unterwegs und auch verglichen mit dem, was wir uns unter dem Begriff „Versteck“ vorgestellt hatten, konnten wir froh sein, hier unterzukommen.

„Wir bringen euch noch zwei Stühle“, machte Ludwig uns Mut.

„Und natürlich Decken und was man sonst noch so braucht“, ergänzte seine Frau.

Plötzlich fürchtete ich, sie könnten an unseren Gesichtern Enttäuschung ablesen, und beeilte mich, eine fröhliche Mine aufzusetzen. „Sehr schön! Hier können wir uns wohlfühlen! Vielen Dank!“

„Nichts zu danken! Was ihr einem von meinen geringsten Brüdern getan habt, habt ihr mir getan.“

Als ich erstaunt guckte und mich fragte, welche Brüder Ludwig wohl meinte, da ich zu wissen glaubte, dass er keine hatte, fügte er hinzu: „Hat Jesus gesagt.“

„Ach, Ludwig!“, meinte Elisabeth. „Das klingt ja jetzt, als würden wir es nur tun, weil Jesus es verlangt. Das auch, aber – nun ja, ihr tut uns leid, und wir wollen euch gern helfen.“

„Ja, das stimmt“, nickte ihr Mann. „Und noch etwas: Wir schämen uns, dass unser Volk euch das antut. Was wir tun können, um ... na ja, ihr wisst schon, wie ich‘s meine.“

Aaron ging zu Ludwig und umarmte ihn wortlos. Das hätte ich nicht von ihm erwartet, er ist sonst eher distanziert. Aber ich nahm das zum Anlass, Elisabeth in den Arm zu nehmen, allerdings nicht wortlos. Freilich waren meine Worte wohl eher ein ziemlich zusammenhangloses Gestammel als ein formvollendeter Dank.

Ludwig öffnete die große Bodenklappe und zeigte uns, wie der Seilzug zu bedienen war. Immer wenn unten jemand pfiff oder sich sonst bemerkbar machte, sollten wir öffnen und das Seil mit dem Haken und einem Korb daran hinunterlassen. Unser Essen, und was wir sonst so brauchen würden, sollte auf diese Weise nach oben kommen.

Später brachte Elisabeth noch einen Eimer, in den wir unsere Notdurft verrichten sollten. Wir weigerten uns aber, den auch am Seil hinunterzulassen, weil wir die beiden nicht auch noch damit belasten wollten, sondern bestanden darauf, nachts selbst hinabzusteigen und den Eimer zu leeren.

Während ich dies schreibe, leben wir nun bereits zwei Wochen hier in unserem Versteck. Es ist langweilig – auch ein Grund, weshalb ich schreibe. Andererseits ist aber auch immer eine Anspannung da: Wie geht es weiter? Wie wird der Krieg enden? Wird es wieder Freiheit für uns Juden geben? Kann es sein, dass sich die Hilfsbereitschaft des Ehepaars Born erschöpft, wenn es noch länger so weitergeht? Können wir es im Winter hier oben aushalten? Was geschieht, wenn einer von uns krank wird?

Bei aller Anspannung durch Zukunftsangst und aller Langeweile durch Untätigkeit – das Gefühl, das mich am meisten erfüllt, ist Dankbarkeit. Was bringt Menschen dazu, sich selbst in größte Gefahr zu begeben, um uns zu schützen? Und das nicht widerwillig, als würde ihr Gewissen oder ihre moralische Erziehung sie unter Druck setzen, sondern gern und liebevoll. Wir spüren, dass es für sie eine Freude ist, uns zu helfen.

Obwohl sie mit ihrer Landwirtschaft viel zu tun haben, nimmt sich Elisabeth abends immer mal ein paar Minuten Zeit für uns. Manchmal kommt auch Ludwig mit herauf. Oft geht dann aber Elisabeth bald wieder, weil sie fürchten, dass es ein Besucher des Hofes seltsam finden könnte, wenn niemand da ist. Und wenn dann einer vom Heuboden steigt, wo ja mitten im Sommer niemand etwas zu suchen hat.

Wir freuen uns jedes Mal, wenn einer die Leiter heraufkommt, mit uns redet, berichtet, was in der Welt so vorgeht, und uns Mut macht. Ich kann nur staunen über diese beiden liebevollen alten Menschen und bin traurig, dass ich weiß: Wir werden das nie vergelten können.

3

Harald Born hatte es sich in seinem Sessel bequem gemacht, und seine Urenkelin Leoni saß auf seinem Schoß. Um dem Kind nicht zu schaden, hatte der alte Mann seine Pfeife ausgehen lassen. Sie lag neben ihm auf dem Tischchen neben dem vergilbten Foto, das ihn als jungen, schneidigen Offizier in tadellos sitzender Uniform zeigte.

Das schnelle Hämmern des Meißels in der Werkstatt hatte ihn an Maschinengewehrfeuer erinnert. So konnte er nicht anders. Er musste von damals erzählen, als der Rückzug begann. Besonders das Erlebnis am Dnjeprknie.

„Ich konnte mich nur flach auf den Boden legen“, erzählte er gerade, „sodass die Geschosse über mich hinwegzischten. Wo meine Kameraden waren, konnte ich nicht sehen. Ich wagte gar nicht, den Kopf zu heben, um mich nach ihnen umzuschauen. Als der Beschuss etwas nachließ, kroch ich langsam zurück. Ich wusste, dass weiter hinten ein Graben war, in dem ich besseren Schutz finden würde. Vielleicht waren dort auch die Kameraden. Aber als ich dort ankam, war ich allein. Die anderen hatten sich schon weiter zurückgezogen. Der Graben konnte mir aber auf Dauer auch nicht helfen, denn ich hörte und sah, dass der Feind näher kam. Ich allein konnte ihn natürlich nicht aufhalten. Was sollte ich tun? Da bemerkte ich eine kleine Brücke, eigentlich nur ein Steg aus dicken Bohlen, der über den Graben hinwegführte. Schnell kroch ich dort hin und versteckte mich darunter. Kaum war das gelungen, da hörte ich schon, wie die feindlichen Soldaten über meinem Kopf donnernd über die Brücke rannten. Ich konnte nur stillhalten, die Pistole in der Hand, und warten ... “

„Vater!“ Thea stand plötzlich in der Tür. „Du kannst doch dem Kind nicht solche Geschichten erzählen! Was denkst du dir denn dabei!“ Ihr Gesicht glühte rot vor Zorn, und sie beherrschte sich nur mühsam, um nicht noch lauter zu schimpfen.

„Guten Morgen, Thea!“

„Leoni, Uropa hat genug erzählt. Geh jetzt raus und spiele draußen!“

„Och ... “, murrte das Mädchen. Aber es spürte, dass eine Spannung in der Luft lag, und ging darum schnell hinaus.

„Ich habe das schon oft gesagt, Vater! Du kannst doch einer Fünfjährigen nicht solche grausamen Geschichten erzählen!“

„Es ist alles wahr, was ich erzähle. Nichts ist erfunden. Noch nicht mal leicht übertrieben oder ausgeschmückt.“

„Darum geht es nicht. Ich weiß, dass du das alles erlebt hast. Aber sei froh, dass es vorbei ist! Ich bin jedenfalls froh, dass wir keinen Krieg mehr haben. Da muss man doch ein Kind nicht mit so etwas belasten! Wer weiß, was du damit in seiner Seele anrichtest!“

„Unsinn! Sie wird nur abgehärtet. Für die Realitäten des Lebens.“

„Abgehärtet? Ein fünfjähriges Mädchen? Du hast keine Rekruten vor dir, falls du das noch nicht gemerkt hast.“

Ein Blick in das Gesicht ihres Vaters ließ Thea erschrecken. Der alte Mann hatte solch einen traurigen Ausdruck in den Augen, mit denen er in ihre Richtung starrte. Aber so, als sähe er durch sie hindurch. Hatte sie zu hart mit ihm geredet?

Immerhin war er ja ihr Vater. Und ein alter Mann. Mit weicherer Stimme sagte sie, während sie näher zu ihm trat und schließlich direkt vor ihm stand: „Versprich mir, Vater, dass du ihr so etwas nicht wieder erzählst!“

Ihr Vater antwortete nicht. Da rief Leoni von der Tür her: „Bist du dann gerettet worden, Uropa?“

Der lächelte. „Klar! Sonst säße ich ja nicht hier.“

„Stimmt!“, meinte das Mädchen.

„Es war aber noch ein ... “

„Du sollst unten spielen, hatte ich gesagt!“, unterbrach Thea.

Leoni verschwand.

„Du sollst mir versprechen, Vater, dass du das Kind nicht mit deinen Kriegserlebnissen von Blut und Tod belastest!“

Harald Born sah unter sich. Das Lächeln, mit dem er seine Urenkelin angesehen hatte, war verschwunden. Aber auch der strenge Ausdruck, den seine Tochter sonst von ihm gewöhnt war. Er wirkte nur traurig, als er leise murmelte: „Es hört mir ja sonst niemand zu.“

4

Nach dem Abendessen kam Pauls Mutter Thea herüber.

„Setz dich, Mutter! Möchtest du etwas trinken?“

„Nein, danke.“

Mutter und Sohn setzten sich und hörten schweigend zu, wie Stefanie oben für Leoni ein Gute-Nacht-Lied sang. Meistens las sie eine Geschichte vor oder erzählte eine, aber manchmal wollte Leoni ein Lied gesungen haben, wie früher, als sie noch kleiner war. Stefanie hatte den Eindruck, dass das immer dann der Fall war, wenn ihr aus irgendwelchen Gründen emotionale Geborgenheit fehlte. Nicht immer wusste die junge Mutter, was der Grund dafür war.

Als die drei Erwachsenen zusammensaßen, schnitt Stefanie einige Äpfel auf, verteilte die Stücke an Mann und Schwiegermutter und erzählte zunächst einige Erlebnisse aus dem Altenheim, wo sie zu wechselnden Zeiten halbtags pflegerisch tätig war. Dann begann Thea behutsam zu berichten:

„Leoni war bei Opa. Das ist ja eigentlich was Schönes. Er freut sich an seiner Urenkelin. Und sie freut sich an ihm. Nur ... “

In die Pause hinein fragte Paul: „Nur?“

„Er erzählt oft vom Krieg. Auch heute. In allen grausamen Einzelheiten. Das ist sicher nicht gut für das Kind.“

„Nein, bestimmt nicht!“ Stefanie blickte von ihren Äpfeln auf.

„Ich habe es ihm schon mehrmals gesagt. Aber entweder versteht er mich nicht, oder er vergisst es wieder. Oder er setzt sich bewusst über meine Bedenken hinweg.“

„Dann werde ich mal mit ihm reden. Oder du, Paul. Ich will nicht, dass unser Kind mit solch blutigen Geschichten aufwächst.“

„Neulich hat er mir entgegengehalten, die Grimm‘schen Märchen seien auch grausam.“

Paul warf ein: „Das ist natürlich Unsinn! Und das weiß er auch, oder sollte es zumindest wissen. Das ist gar nicht zu vergleichen. Ich werde mal mit ihm reden. Es wäre schade, wenn wir wegen seiner Haltung Leoni verbieten müssten, ihren Uropa zu besuchen.“

Thea kaute überlegend an einem Apfelstück und meinte nach einer Weile: „Irgendwie kann ich ihn ja verstehen. Der Krieg mit all seinen Schrecken war gewissermaßen der Höhepunkt seines Lebens. Oder – ‚Höhepunkt‘ klingt vielleicht zu positiv – die Phase seines Lebens mit den dichtesten Erlebnissen, voller Gefahren und Spannungen. So etwas prägt. Manche verdrängen das und wollen nie wieder davon reden. Bei anderen ist es wohl genau umgekehrt. Wenn sie nicht davon sprechen können, fühlen sie sich um etwas Wichtiges betrogen. Man nimmt ihnen einen entscheidenden Teil ihrer Geschichte. Und damit einen wichtigen Teil von ihnen selbst. Ein Loch entsteht, ein Vakuum.“

„Hast du heimlich Psychologie studiert?“, fragte Stefanie schmunzelnd.

Und Paul meinte: „Scharfsinnig analysiert! Kannst du diesen analytischen Scharfsinn nicht auch mal auf deinen Sohn richten?“

„Wie meinst du das?“

„Die Frage war nicht sehr scharfsinnig. Du solltest dir denken können, wie ich das meine.“

Thea reagierte nicht. Paul setzte nach:

„Meinst du nicht, dass bei deinem Sohn auch ein Loch entstehen muss, solange er nicht weiß, wer sein Vater ist?“

„Ach, fang nicht wieder damit an, Paul!“ Seine Mutter blickte unter sich.

„Ich werde immer wieder damit anfangen, bis ich eine Antwort bekomme. Oder bis ich verstanden habe, warum du schweigst. Aber weshalb ich heute damit anfange, das hat noch einen besonderen Grund. Es kann sein, dass wir es auf anderem Wege erfahren, und da will ich dir vorher die Chance geben, es von dir aus zu sagen.“

„Auf anderem Wege? Das verstehe ich nicht.“

„Ich habe auf dem alten Heuboden ein Tagebuch gefunden. Von einer Rebekka Schimmel. Urgroßvater und Urgroßmutter müssen dort Juden versteckt haben. Ich wundere mich, dass ich bisher nichts davon wusste. Ein Familiengeheimnis also. Und da liegt der Gedanke nahe, dass auch die Geschichte meines Vaters damit zusammenhängt.“

„Aaron und Rebekka Schimmel! Ich ahnte nicht, dass sie ein Tagebuch geführt haben.“

„Du wusstest also davon ... “

„Ich war ein kleines Mädchen damals. So wie Leoni jetzt. Meine Erinnerungen sind sehr lückenhaft.“

„Und – stimmt es, dass es da einen Zusammenhang gibt mit meinem Vater?“

Thea schwieg einige Augenblicke, bis sie zur Antwort gab: „Nur indirekt.“

„Aber warum habt ihr nie davon erzählt, du oder Großvater?“

„Aus dem gleichen Grund. Ja, das kann man vielleicht so sagen. Ach, Paul – es tut mir leid, diese Geheimniskrämerei. Ich weiß sehr wohl, dass du ein Recht hast, von deinem Vater zu erfahren. Ich verspreche dir, in nicht allzu ferner Zukunft werde ich dir alles erzählen.“

Paul sagte leise: „Ich habe von dir immer viel Liebe erfahren, Mutter. Darum kann ich mir nicht denken, dass du mir ohne triftigen Grund Schmerzen zufügst. Den Schmerz, mir die Auskunft vorzuenthalten. Aber es wäre leichter für mich, wenn ich wenigstens den Grund wüsste.“

Eine Weile herrschte Stille. Nur langsame Kaugeräusche waren zu hören.

Stefanie blickte plötzlich auf. „Hat es mit Opa zu tun?“

„Wie kommst du darauf?“

„Du hast schon mal gesagt, du würdest das Geheimnis bald lüften. Aber worauf wartest du? Willst du dein Schweigen brechen, wenn Opa gestorben ist?“

Thea sah erst sie und dann ihren Sohn an. Schließlich sagte sie leise: „So viel kann ich zugeben: ja.“

Paul versuchte zu raten: „Wäre er mit meinem Vater nicht einverstanden gewesen? Aber das ist doch kein Grund ... “

„Bitte, Paul!“

Es war offensichtlich, dass sie das Thema wechseln wollte. „Das Tagebuch von Schimmels – ich würde es dann auch gern mal lesen.“

„Sicher“, antwortete Stefanie. „Lass es uns nur erst zu Ende lesen. Es dauert etwas. Ich lese mir alles mühsam durch, notiere mir auch einiges in meiner eigenen Schrift, was nur schwer zu entziffern ist, und lese es dann Paul vor. Aber dann kannst du es natürlich auch lesen.“

„Tut mir einen Gefallen: Erzählt Großvater nichts von dem Tagebuch!“

„Warum nicht?“

„Ich vermute, wenn ihr es bis zu Ende gelesen habt, könnt ihr euch die Antwort selbst geben.“

Paul fragte: „Wenn das Geld, die 25 000 Mark, nicht von meinem Vater sein sollten, wie du behauptest, können sie dann von diesen Leuten sein, die hier versteckt waren?“

„Ich weiß es nicht“, antwortete seine Mutter, „aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich.“

5

Das Gespräch mit Thea hatte Pauls und Stefanies Neugier noch gesteigert. Aber beide hatten ihre täglichen Pflichten. Erst am nächsten Tag nach dem Mittagessen, wo sie sich sowieso eine kleine Pause angewöhnt hatten, nahmen sie sich das Tagebuch wieder vor.

22. Juli 1941

Jetzt liegt die Heuernte hinter uns. Das brachte einige Veränderungen mit sich. Der Raum, in dem wir uns bewegen können, ist ziemlich eingeschränkt.

Zwei Vorteile hat das aber: Erstens duftet es wunderbar und überdeckt damit die Gerüche vom Kuhstall unter uns. Wir können auch in dem neuen Heu großartig liegen. Und zweitens konnten wir wenigstens etwas helfen. Das Heu, das vom Wagen heraufgereicht wurde, haben wir verstaut.

Nach langem Drängen hat uns Elisabeth auch sonst einige Arbeit gegeben. Zum Beispiel ziehen wir oft am Vormittag einen Eimer mit Kartoffeln herauf, die ich dann schäle.

Morgens melkt Ludwig die Kühe unter uns im Stall, ehe er sie auf die Weide bringt. Abends ist das Elisabeths Aufgabe. Während sie beschäftigt ist, singt sie oft. Es sind wohl christliche Lieder, ich kann den Text aber kaum verstehen bis auf wenige Wörter, und ich kenne die Melodien auch nicht. Elisabeth hat eine schon etwas brüchige Stimme, aber sie scheint musikalisch zu sein, denn sie trifft alle Töne sauber und hat keine Mühe, etwa einen oder zwei Töne höher oder tiefer anzustimmen, wenn sie merkt, dass sie an den Rand ihres Stimmumfangs kommt. Obwohl es kein Genuss im ästhetischen Sinne ist – sie denkt vermutlich beim Singen gar nicht an die Zuhörer über sich –, lege ich mich dann gern im Heu zurück und lausche auf ihren Gesang. Auch Aaron scheint von dieser schlichten Ungezwungenheit ihres Singens berührt zu sein und hört still zu. Schmunzelt nur zwischendurch, wenn Elisabeth mit einer der Kühe redet.

Als sie zum ersten Mal eine Kuh mit ihrem Namen ansprach – es sind alltägliche Mädchennamen wie Lisa oder Erna –, bekam ich einen Schreck, weil ich dachte, eine Frau sei mit im Stall. Inzwischen kenne ich alle sechs Kühe mit Namen.

Heute war Ludwig bei uns. Er wollte sich für unsere Hilfe bedanken. Ich dachte erst, er wollte einen Scherz machen. Aber nein, er meinte es ernst. Aaron dankte ihm, dass wir die Möglichkeit hatten, ein wenig zu helfen und so wenige Promille von der Schuld abzutragen, in der wir bei ihm stehen.

Wir haben uns über Politik unterhalten. Er schilderte uns, wie es mit dem Krieg steht. Deutsche Luftangriffe sollen England in die Knie zwingen. Das scheint aber nicht zu gelingen, so wie Hitler sich das gedacht und Göring es ihm versprochen hat. Ludwig scheint darüber nicht traurig zu sein. Im Radio würde auch immer von den Erfolgen der U-Boote berichtet, die die britische Handelsblockade um Deutschland knacken und England vom weltweiten Handel aussperren sollen. Ich stelle mir das schrecklich vor. Da werden Handelsschiffe einfach versenkt mit allen Menschen an Bord. Aber auch für die U-Boot-Besatzungen wird es kein Vergnügen sein. Sie leben auf noch engerem Raum als wir hier.

In Afrika, wo ein deutsches Afrikakorps die Italiener unterstützt, unter Führung eines gewissen Rommel, soll es große Erfolge geben.

Ludwig erzählte uns von zwei jüdischen Familien, mit denen er bekannt gewesen war. Sie sind plötzlich verschwunden. Die eine schon vor zwei Jahren, die andere erst kürzlich. Ich hatte den Eindruck, er wolle damit seine Mahnung unterstreichen, wir sollten ja nicht unser Versteck verlassen. Aber das haben wir auch nicht vor. Eine Warnung war nicht nötig, wir kennen die Gefahr und verdrängen sie nicht mehr.

So kamen wir allgemein auf das Thema der Juden in Deutschland zu sprechen. Aaron sagte zu Ludwig: „Ich weiß, dass du kein Antisemit bist. Aber wie ist genau deine Einstellung zu den Juden?“ Ich fand die Frage ein bisschen aufdringlich, aber da denkt Aaron anders als ich.

Ludwig dachte einige Augenblicke nach – sicher nicht, um zu überlegen, wie er in der Sache dachte, sondern um die richtigen Worte zu finden, es zu erklären. Dann meinte er: „Es gibt nicht den geringsten Grund, Juden zu verachten, denn es sind Menschen wie wir Deutschen. Und wenn manche glauben, Gründe zu haben, dann sind die vorgeschoben. Vorgebracht werden diese Gründe, weil man vor sich selbst rechtfertigen muss, was man ihnen antut. Und warum tut man es ihnen an? Weil man einen Sündenbock braucht. Ein Ausdruck, der, wie ihr sicher wisst, aus dem Alten Testament stammt. Man braucht jemanden, den man für jede Misere verantwortlich machen kann. Das erleichtert. Es erspart den Menschen, Fehler bei sich selbst zu suchen.“

Er schwieg eine Weile, und Aaron nickte. Dann fuhr Ludwig fort: „Das sage ich als Mensch. Aber als Christ sage ich noch etwas anderes. Die Juden sind Gottes Volk. Das sind sie auch, nachdem die meisten nicht bejahen, dass Gott sich mit seinem Sohn auf eine ganz neue Weise gezeigt hat. So hat es Paulus geschrieben, im Römerbrief. Ich weiß nicht, was das im Einzelnen bedeutet, weiß auch nicht, was Gott noch mit seinem Volk vorhat. Weiß auch nicht, wie das viele Leid, das die Juden erleiden mussten und müssen, damit zu vereinbaren ist. Aber Tatsache bleibt es, dass sie ‚Gottes Augapfel‘ sind. Denn so steht es geschrieben.“

„Manche Christen bekämpfen die Juden, weil sie sagen, sie seien die Christusmörder“, wandte Aaron ein.

„Unsinn! Es waren heidnische Römer, die Christus gekreuzigt haben. Juden waren auch beteiligt, sicher. Aber nicht das ganze Volk. Letztlich schuld am Tod Jesu am Kreuz sind alle Sünder, denn ihretwegen ist er als Mensch erschienen und hat den Tod auf sich genommen, als Sühne.“

„Ich weiß, dass die Christen das lehren“, sagte Aaron, und er klang dabei etwas unwillig. Ludwig wird das nicht bemerkt haben, weil Aaron natürlich unseren freundlichen Helfer nicht angreifen wollte, aber ich, der ich meinen Mann seit langem kenne, hörte es wohl. Er fuhr fort: „Die Nazis sehen das leider nicht so wie du. Es ist ja ein furchtbarer Hass, den sie uns gegenüber haben. So fanatisch, dass mir scheint, die Erklärungen, die du gerade gegeben hast, reichen nicht aus, ihn zu begründen.“

„Manche Nazis brauchen auch keine logische Begründung für ihren Hass. Sie freuen sich nur, wenn sie irgendwo draufhauen können, statt ihren Ärger nur runterzuschlucken. Sie freuen sich, wenn sie sich irgendjemandem gegenüber besser und stärker fühlen können. Da kommen sie sich heldenhaft vor. Überhaupt – Stärke zu beweisen scheint die neue Religion in unserem Land zu sein.“

Aaron nickte. „In unseren Heiligen Schriften, die zum Teil euer Altes Testament sind, wird von Lamech erzählt. Ich habe noch vor einigen Wochen über ihn gelesen. Der erfand am Anfang der Menschheitsgeschichte das Schwert. Und dadurch fühlte er sich stark genug, sich siebenfach zu rächen. Einen Mann zu töten, wenn der ihm nur eine Beule beigebracht hat. So denken viele heute.“

„Genau so denken die Ideologen der neuen Zeit“, bestätigte Ludwig. „Man könnte die Nationalsozialisten Lamechbewegung nennen. Nur hat man heute keine Schwerter, sondern Panzer und U-Boote und Flugzeuge.“

„Aber Gott hat dieser Denkweise sein Gebot entgegengestellt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die Strafe soll nicht über die Tat hinausgehen. Rache darf nicht maßlos werden.“

„Und Jesus ging noch weiter“, sagte Ludwig. „Wenn dich jemand auf die eine Backe schlägt, halte ihm die andere auch noch hin. Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen.“

Aaron lächelte. „Aber du tust uns nicht wohl, weil du uns hasst, nicht wahr? Scherz beiseite – ich kenne nicht viele Christen, die mit solchem Handeln beweisen, dass sie das Wort von Jesus ernst nehmen.“

„Leider.“

„Und wegen dieses Liebesgebotes, das kaum jemand beachtet, glaubst du, das Christentum sei wertvoller als das Judentum?“

„Wertvoller? Ich weiß nicht, was ich mir darunter vorstellen soll. Ich möchte so sagen: Das eine ist eine Weiterführung des anderen. Eine Steigerung. Ein Schritt weiter in der Geschichte Gottes mit den Menschen.“

„Aber du verachtest uns und den Glauben der Juden trotzdem nicht?“

„Jesus sagte – das steht bei Johannes: Das Heil kommt von den Juden.“

Es wunderte mich, dass ein solcher Satz im Neuen Testament stehen sollte, aber ich sagte nichts dazu, wusste ich doch, dass meine Kenntnis dieser Dinge äußerst mangelhaft war.

Ich habe hier versucht, das Gespräch möglichst genau festzuhalten. Aber natürlich kann ich mich nicht mehr an jeden einzelnen Satz erinnern. Sinngemäß lief aber unser Gespräch so ab.

Aaron und ich haben uns dann noch ein wenig über das Thema unterhalten, kamen aber nicht wesentlich weiter, weil wir über den christlichen Glauben nicht genug wussten. Es war uns nur geläufig, was zur Allgemeinbildung gehört. Wir hatten aber den Eindruck, damit nicht bis zum Kern vorgedrungen zu sein. Im Übrigen wussten wir über unseren eignen Glauben auch nicht genug.

Gestern hörten wir lautes Reden unten im Hof.

Wir können durch einen kleinen Schlitz zwischen den Dachziegeln hinuntersehen. Allerdings können wir nicht den ganzen Hof mit einem Blick erfassen.

Wir beobachteten, dass Ludwig sich mit einem Mann im braunen Hemd stritt. Es war ein ziemlich dicker Mann, bei dem das militärische Gehabe etwas unpassend und lächerlich wirkte. Nach dem heftigen Wortwechsel drehte sich der Dicke um und stapfte wütend davon.

Später berichtete uns Elisabeth, was geschehen war. Sie stieg die Leiter hinauf, aber nicht ganz. Nur ihr Oberkörper lugte durch die geöffnete Klappe. Der Mann, erzählte sie, war der Ortsgruppenleiter der Partei. Er wollte, dass Ludwig eine Hakenkreuzfahne vorn an der Straße aufhängt. Er erwartete einen Gauleiter – oder wie die sich nennen – für morgen zu einem Besuch. Der sollte würdig empfangen werden. Da Borns Haus direkt an der Hauptstraße steht, sollten sie sich an dem Fahnenschmuck beteiligen und damit ihre Begeisterung über den neuen Geist ausdrücken. Diese Begeisterung war aber bei Ludwig nicht vorhanden, eher das Gegenteil. Er weigerte sich. Er habe keine Fahne, sagte er dem Nazi. Das brachte ihm den Ärger dieses Mannes ein.

Elisabeth meinte: „Hoffentlich bewirkt das nicht, dass er uns nun mit mehr Sorgfalt beobachten lässt. Es wird erzählt, dass die Gestapo manche Leute drängt, andere zu bespitzeln. Nachbarn, Geschäftspartner, sogar Verwandte.“

„Könnt ihr euren Nachbarn trauen?“, fragte Aaron.

„Nun ... “ Elisabeth wiegte den Kopf. „Ich sage ihnen nichts Schlechtes nach. Wir haben eigentlich nach beiden Seiten und gegenüber ein gutes Nachbarschaftsverhältnis. Aber wer weiß schon, wie Menschen reagieren, wenn sie unter Druck gesetzt werden und persönliche Nachteile befürchten müssen. Eine kleine Beobachtung, aufgebauscht oder sogar erfunden, ist ein einfaches Mittel, sich für irgendeinen kleinen Ärger zu rächen, oder zumindest, um sich bei den Machthabern beliebt zu machen.“

„Es wäre leichter, wenn euer Hof weiter draußen läge. Aber er liegt nun mal mitten im Ort. Und mit der offenen Seite zur Straße, sodass jeder, der vorbeikommt, hineinsehen kann.“

Elisabeth nickte. Nach einer Weile fuhr sie fort: „Der Ortsgruppenleiter scheint gut über unsere Familie informiert zu sein. Er erwähnte unseren Sohn.“

Ich sagte: „Es spricht doch für euch, dass euer Sohn an der Front kämpft.“

„Ja, eigentlich schon. Aber es kann ihm auch schaden, wenn wir gegen das Regime sind. Ein Nazifeind wirft sofort einen Schatten auf die ganze Familie.“

„Wie denkt denn Harald darüber? Wir haben ihn ja in Wuppertal selten gesehen und uns nie – soweit ich mich erinnere – über Politik unterhalten.“

Elisabeth antwortete nicht. Sie sah unter sich. Dabei musste ihr wohl der Gedanke gekommen sein, wie sie vom Thema ablenken könnte. „Ach, ich wollte ja noch die Tenne kehren.“ Sie stieg zwei Sprossen nach unten. Das Ablenkungsmanöver war aber so offensichtlich, dass es ihr selber auffiel. Sie zögerte einige Augenblicke und stieg dann wieder drei Sprossen hinauf.

„Leider ... “, sagte sie leise und sah uns dabei nicht an, „leider denkt Harald in diesen Dingen nicht wie wir. Er ... er ist mit dem gegenwärtigen Regime durchaus einverstanden.“

Aaron wollte ihr wohl ein wenig aus der Verlegenheit helfen, bereute sicher auch, die Frage gestellt zu haben. „Nun ja, wenn er Offizier ist ... Dazu gehört ja auch Gehorsam. Mehr noch: eine unbedingte Identifikation mit der Sache, für die man kämpft.“

„Das allein ist es nicht.“ Ich konnte sehen, wie schwer es Elisabeth fiel, das zu sagen. „Er geht ganz in dieser Ideologie auf.“

„Ist er denn auch ... “ Aaron hatte unüberlegt angefangen zu sprechen. Aber er biss sich auf die Lippen und vollendete die Frage nicht.

Elisabeth wusste allerdings, was er fragen wollte. „Ich weiß nicht, ob man ihn als Antisemit bezeichnen kann. Ich fürchte, weit entfernt davon ist er nicht.“

Eine Weile war es still. Jeder hing seinen Gedanken nach.

Dann meinte ich, etwas Tröstliches sagen zu müssen. „Du musst dir deswegen keine Vorwürfe machen, Elisabeth. Erziehung kann in diesen Dingen nicht viel bewirken. Schon gar nicht, wenn ein Sohn seine Einstellung erst als Erwachsener gefunden hat. Da ist der Einfluss der Eltern gleich null.“

Elisabeth nickte. „Nett, dass du das sagst. Aber was mich belastet, sind nicht eventuelle Erziehungsfehler. Ich bin betrübt, dass er so denkt, egal, wie er dazu gekommen ist. Es ist nicht im Sinne Gottes.“

Weder Aaron noch ich wussten etwas dazu zu sagen, obwohl wir sie gern getröstet hätten. Elisabeth sah unsere Verlegenheit und meinte: „Belastet ihr euch nicht damit! Gott wird uns, Ludwig und mir, die Kraft geben, damit fertig zu werden, wenn wir es nicht ändern können.“

Sie stieg noch zwei Stufen höher und setzte sich auf den Rand der Öffnung. „Natürlich ist es fast unmöglich für alte Eltern, an der Einstellung eines erwachsenen Sohnes etwas zu ändern. Besonders wenn diese Einstellung fanatisch ist und von der Mehrheit der Menschen seiner Umgebung gestützt wird. Ich dachte nur, als Kind und Jugendlicher in unserem Haus hätte er durch den Umgang mit der Bibel und christusgläubigen Eltern gefestigt sein müssen. So gefestigt, dass diese antigöttliche Ideologie bei ihm keinen Nährboden hätte finden können. Aber das war ein Irrtum.“

Nachdem wir alle drei wieder einige Zeit geschwiegen hatten, sah Elisabeth plötzlich auf. „Oh – entschuldigt! Ich habe euch mit meinen Sorgen belastet, dabei sind doch eure Sorgen viel größer! Reden wir nicht mehr davon!“

„Aber Elisabeth!“, sagte ich. „Wir wären wirklich sehr egoistisch, wenn wir die Sorgen der Menschen nicht mittragen wollten, die unsere größeren Sorgen mittragen! Die unsere Sorge zu ihrer eigenen machen! Und das ganz praktisch. Wir danken dir für den Vertrauensbeweis, dass du uns an deinem Kummer teilhaben lässt.“

Ich rückte ein wenig näher und legte die Hand auf ihre Schulter. Sie lächelte mich dünn an.

„Ihr müsst aber keine Angst haben“, sagte sie dann. „Wenn Harald Fronturlaub hat, besucht er Frau und Kind in Wuppertal. Hierher kommt er nicht. Unser Verhältnis ist viel zu ... wie soll ich sagen? ... angespannt, als dass er von den wenigen Tagen Urlaub noch einige bei seinen total altmodisch denkenden Eltern verbringen würde.“

„Das klingt bitter“, stellte Aaron leise fest.

„Ich weiß, bitter soll man nicht werden. Aber, offen gesagt: Ich fürchte, innerlich haben wir unseren Sohn verloren, auch wenn er natürlich unser Sohn bleibt. Und wenn unsre Liebe ihm weiter gilt.“

Ich sagte: „Wohl wissend, dass es kein Trost ist, sage ich es trotzdem: Wenn ihr auch euren Sohn innerlich verloren habt, mit uns habt ihr Freunde gewonnen. Freunde, die euch allerdings nichts nützen, eher belasten. Und wenn es stimmt, was Ludwig neulich sagte, dass Gott irgendwann einmal fragen wird, wo ihr Bedürftigen geholfen habt, dann zeigt auf uns.“

Aaron tadelte mich: „Ach, Rebekka! Es stimmt zwar, dass wir dankbare Freunde sein wollen, aber du kannst uns doch nicht mit ihrem Sohn vergleichen!“

Ehe ich antworten konnte, meinte Elisabeth: „Lass nur, Aaron! Ich weiß, wie Rebekka es meint. Und ich danke ihr dafür. So – jetzt muss ich mich aber um die Hühner kümmern. Und um die Schweine. Und ich meine nicht die Nazis.“

Sie lächelte uns an, während sie rückwärts die Leiter hinunterstieg.

6

Ein schmutziger kleiner LKW fuhr auf den Hof, und ein Mann in ölverschmiertem blauem Arbeitsanzug stieg aus. Zielstrebig ging er auf die Tenne zu, in der Harald Born seinen Oldtimer stehen hatte.

Stefanie sah ihn durchs Fenster und kam auf den Hof. „Guten Morgen. Kann ich Ihnen helfen?“

„Ich bin angemeldet“, sagte der Fremde. „Ich soll den Wagen von Herrn Born ... “

„Ist schon in Ordnung!“, rief Harald vom Fachwerkhaus aus und kam herüber. „Ich habe Herrn Wehmeier hergebeten, wieder mal“, erklärte er der Frau seines Enkels. „So ein Oldtimer muss immer mal bewegt werden. Und kontrolliert.“

Der Mechaniker nickte. „Und es gibt Teile, die lösen sich auf, auch wenn man gar nichts damit macht. Dichtungen zum Beispiel.“

Harald Born öffnete die beiden hölzernen Flügel. Da stand das Prachtstück, beigefarben und leicht verstaubt.

„Da geht einem das Herz auf!“, behauptete Herr Wehmeier mit einem Blick auf den alten Wagen. „Eine echte Borgward Isabella! Ein Schatz aus einer anderen Zeit!“

Stefanie konnte die Begeisterung der beiden Männer für das alte Auto nicht nachvollziehen. Sie wollte sich wieder zurück an ihre Hausarbeit begeben, entschloss sich dann aber doch, noch eine Weile zuzusehen.

Wehmeier setzte sich in das Auto und wollte es offenbar starten, was aber nicht ging. Lag das an der Batterie? Stefanie hatte keine Ahnung von so etwas. Sie musste aber wohl mit ihrer Vermutung recht gehabt haben, denn der Mechaniker fuhr nun sein eignes Auto dichter heran, klappte beide Motorhauben hoch und stellte eine Kabelverbindung her. Tatsächlich lief bald der Motor des alten Borgward.

Wehmeier fuhr seinen eigenen Wagen etwas zur Seite, um für den Oldtimer den Weg frei zu machen, stieg in diesen ein und fuhr ihn auf den Hof.

„Hier ist mehr Licht und mehr Platz“, sagte er zu dem stolzen Besitzer. „Ich sehe mir erst mal alles an, und dann fahre ich in meine Werkstatt. Heute Abend, spätestens morgen, bringe ich ihn wieder her. Mein Auto lasse ich solange hier stehen. Da stört es doch niemanden, oder?“

„Ist recht, Herr Wehmeier“, nickte Harald.

„Setzen Sie sich mal rein und betätigen Blinker, Bremse und so weiter! Ich kontrolliere die Lichter.“

Er musste jetzt seine Stimme etwas anheben, da gerade in Pauls Werkstatt die Schleifmaschine anfing zu laufen und ein kreischendes Geräusch zu machen.

Offenbar fiel die Kontrolle der Lichter befriedigend aus. Herr Wehmeier setzte sich nun wieder hinter das Steuer des Borgward und kurvte ein wenig auf dem Hof herum.

Stefanie fragte: „Sag mal, Großvater, willst du dir nicht mal ein neues Auto kaufen? Ich meine, es kann ja ruhig gebraucht sein, aber nicht so uralt wie das. Bei dem weißt du ja nie, ob du auch da ankommst, wo du hinwillst.“

„Ich fahre ja sowieso nicht damit. Wo sollte ich denn hinfahren?“

„Na, da muss man doch erst recht fragen, warum du die alte Kiste noch behalten willst und pflegen lässt.“

„Das verstehst du nicht. Es ist ein wertvoller Oldtimer. Der dient nicht zum Fahren, jedenfalls nicht hauptsächlich.“

„Sondern? Als Geldanlage?“

„Auch. Aber vor allem als Liebhaberstück.“

Der Mechaniker hielt kurz an, öffnete die Tür und rief: „Alles klar. Ich fahre dann.“ Er legte den Gang ein und ließ behutsam die Kupplung gehen. Sanft fuhr das alte Auto vom Hof.

„Dass man an so etwas Freude haben kann!“, staunte Stefanie und grinste Harald an. Sie sagte nicht, was ihr auch durch den Kopf ging: Besser, er beschäftigt sich mit einer alten Limousine als mit einem Panzer. Na ja, das ginge wohl schlecht. Aber mit Waffen und solchen Dingen.

„Weißt du, Stefanie, wenn man so jung ist wie du, blickt man in die Zukunft. In meinem Alter blickt man in die Vergangenheit. Du musst dich nach vorn ausrichten, Pläne machen, von Dingen träumen, die du erreichen willst. Bei mir kommt nicht mehr viel. Ich beschäftige mich mehr mit dem, was war.“

„Das verstehe ich“, nickte die junge Frau.

„Und zu dem, was war, gehört auch meine alte Luxuslimousine. Übrigens – sie kann auch eine Bedeutung für die Zukunft bekommen. Wenn ich mal gestorben bin, könnt ihr sie verkaufen. Sie hat einen hohen Wert.“

„Hast du sie schon mal schätzen lassen?“ Sie grinste, um nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, sie warte auf den Erbschaftsfall.

„Du wirst überrascht sein, denke ich. Positiv überrascht.“

„Dass du noch eine Weile am Leben bleibst, ist wichtiger als dein Erbe“, schob Stefanie sicherheitshalber nach.

„Danke! Sehr freundlich.“

„Zumal wir ja gerade reich beschenkt worden sind.“

Harald nickte. „Ich habe es gehört. Erst von Leoni, dann von Paul und schließlich von Thea. Erstaunlich! 25.000 Mark!“

„Du kannst dir nicht denken, wer der edle Spender ist?“

„Ich kann es mir durchaus denken. Aber meine Tochter bestreitet es vehement.“

„Pauls Vater?“

„Natürlich. Wer sonst? Auch wenn Thea behauptet, der lebt nicht mehr.“

Harald setzte sich auf eine alte, grobgezimmerte Bank, die vor dem Haupthaus stand und auf der wohl frühere Generationen von Bauern pfeiferauchend gesessen und den Feierabend nach der harten Feldarbeit genossen hatten.

Stefanie setzte sich neben ihn, nachdem sie den Staub von der Sitzfläche geblasen hatte.

„Warst du – hoffentlich nimmst du es mir nicht übel, wenn ich das frage –, warst du sehr böse, als deine Tochter ein Kind bekam, ohne verheiratet zu sein? Ich meine, damals waren die Moralvorstellungen ja noch nicht so locker wie heute.“

„Natürlich war ich zunächst – nun, sagen wir: nicht besonders glücklich. Böse war ich ihr nicht. Das sage ich ganz ehrlich. Nur darüber war ich ihr böse, dass sie mir weder verraten wollte, von wem das Kind ist, noch etwas unternahm, um alles in ordentliche Bahnen zu lenken. Sprich: den Mann zu heiraten.“

„Sie sagt, der lebt nicht mehr.“

„Das habe ich immer für eine Ausrede gehalten.“

Sie schwiegen eine Weile. Das Schleifen aus Pauls Werkstatt war inzwischen in ein Hämmern übergegangen.

Dann ergriff der alte Mann noch einmal das Wort. „Du darfst aber nicht denken, dass ich gegenüber Paul voreingenommen bin, weil er nicht aus einer ordentlichen Ehe stammt. Wäre Thea verheiratet, wäre Paul kein besserer Enkel als jetzt. Ich habe ihn gern. Und besonders meine Urenkelin.“

Dann fiel ihm noch etwas ein: „Und dich selbstverständlich auch!“

Stefanie schmunzelte, wurde aber gleich wieder ernst. „Leoni liebt dich auch.“

Er nickte. „Paul hat mit mir gesprochen, ich soll ihr nichts vom Krieg erzählen. Thea hat das auch schon gesagt. Ich bin zwar nicht überzeugt, dass ihr das schaden würde, aber ich akzeptiere euren Wunsch.“

„Danke! Verstehst du, ich will verhindern ... “

Harald hob die Hand und schnitt ihr damit das Wort ab. „Ist gut. Lass uns nicht darüber diskutieren. Ich halte mich an eure Erziehungsgrundsätze. Punkt.“

Wieder schwiegen beide. Die Katze kam angeschlichen, blieb vor Stefanie sitzen, sah zu ihr auf und miaute. Dann sprang sie mit einem Satz auf ihren Schoß. Stefanie kraulte sie am Hals.

„Ja, die Erziehungsgrundsätze ... “, murmelte Harald überlegend. „Manches ist so völlig anders als zu meiner Zeit, dass ich es überhaupt nicht verstehe. Was muss das früher für die Alten eine befriedigende Situation gewesen sein, zu beobachten, dass die Kinder und Enkel ihre Wertvorstellungen übernommen haben. Der Urenkel des Bäckers wollte genauso erfolgreich Brot backen wie der Urgroßvater, der Kaufmann das Geschäft des Gründers von vor vielen Generationen weiterführen, und der junge Ritter wollte genau so ein Kriegsheld werden wie sein Ahnherr, den irgendein König vor Jahrhunderten zum Ritter geschlagen hatte.“

„Da hast du recht, so ist es heute nicht mehr. Sonst müsste Paul ein Bauer sein. Aber du warst ja auch schon keiner.“

Darauf ging der Alte nicht ein. „Bei manchen Dingen habe ich den Eindruck, heute wird genau so gedacht wie vor meiner Jugend. Bei uns gab es so viel Neues, das uns begeistert hat. Es fiel uns wie Schuppen von den Augen, und auf einmal sahen es alle so. Zum Beispiel die Größe unseres Volkes. Oder die Fehlentwicklung der Weimarer Demokratie. Oder das Verderben, das durch die Juden kam. Aber alle diese Gedanken und Erkenntnisse sind verschwunden. Man darf noch nicht mal davon reden.“

Stefanie erschrak. Und sie beschloss, auch nicht davon zu reden. Er hatte ja schon deutlich gemacht, dass es keinen Sinn hatte zu diskutieren. Klar: Der alte Mann hatte seltsame Ansichten. Aber sonst war er ein netter Großvater und Urgroßvater. Ändern würde sie ihn nicht.

Leoni kam über den Hof gelaufen.

„Da bist du, Mama! Ich habe dich gesucht!“

„Setz dich zu Uropa, Leoni, und nimm Muschi auf den Schoß. Die ist anscheinend zurzeit besonders anlehnungsbedürftig. Ich muss bügeln.“

7

„Schlürf nicht so mit deiner Suppe!“, mahnte Stefanie ihre Tochter.

Paul fragte: „Wie war‘s denn heute im Kindergarten?“

„Schön. Ich habe mit Kai gespielt.“

„Mit Puppen?“, fragte Paul leicht verwundert.

„Nein, mit der Kugelbahn. Du, Papa!“

„Hm?“, machte der mit vollem Mund.

„Das Auto war da. Vorne an der Ecke.“

„Da sind öfter mal Autos. Welches meinst du denn?“

„Na, wo der Mann mir das Geld gegeben hat, für dich.“

Paul verschluckte sich fast. „Der Mann ... Hast du das Auto wiedererkannt?“

„Ja, weil da an der Seite, an der Tür, da war so was gemalt.“

Paul sprang auf und sagte zu Stefanie: „Ob uns der beobachtet? Vielleicht steht er ja noch da. Ich renne mal schnell hin.“ Er warf fast den Stuhl um und lief zur Tür. Da drehte er sich noch einmal um.

„Leoni, was war auf das Auto gemalt?“

„So zwei Räder. Solche mit Zacken drumrum.“

„Zahnräder?“

„Ja, Zahnräder. Eins war hier so ... “ Sie zeigte es mit der einen Hand in der Luft und deutete mit der anderen eine Position schräg rechts darunter an. „Und das kleinere hier.“

„Welche Farbe hatte das Auto?“

„Äh, so wie ... die Jacke von meiner Puppe.“ Als Paul ahnungslos guckte, erklärte Stefanie: „Hellblau.“

„Bin gleich wieder da!“ Er rannte los.

An der Ecke, die seine Tochter offenbar gemeint hatte, stand kein Auto. Auch sonst parkten an der Dorfstraße nur der Kombi des Bäckers und der rote VW von Hans Hebel, den kannte er. Eine Weile stand er unschlüssig da und sah sich um. Dann ging er in den Bäckerladen.

„Hallo, Liesbeth. Sag mal, hast du zufällig vor kurzem hier auf der Straße einen hellblauen PKW gesehen, mit einem Firmensignet an der Seite: zwei Zahnrädern?“

„Nee, Paul. Ich gucke aber auch nicht dauernd auf die Straße. Was hat‘s denn damit auf sich?“

„Ach, nichts Wichtiges. Nichts für ungut! Grüß Herbert von mir, wenn du dran denkst! Tschüss.“ Weg war er.

Zu Hause angekommen, informierte er seine Frau nur mit einem Kopfschütteln. „Schade“, sagte die. „Hätte doch zu gerne gewusst, wer unser Wohltäter ist.“

„Und weshalb er hier ... Vielleicht wollte er nachsehen, ob ich schon den Unimog gekauft habe.“

„Nun iss erst mal fertig!“

Das tat Paul. Als sie fertig waren mit der Mahlzeit, ging er ans Telefon und blätterte im Telefonbuch.

„Wen willst du denn anrufen? Suchst du nach Zahnradfabriken?“

„Die Industrie- und Handelskammer. Da kenne ich den – Moment, jetzt fällt mir der Nachname nicht ein. Ich weiß nur noch, dass er Heinrich heißt ... es war so ein komischer Name ... irgendwas Schlimmes. Ah, jetzt weiß ich‘s wieder: Übler heißt er, Heinrich Übler.“

Er fand die Industrie- und Handelskammer und ließ sich zu Herrn Übler durchstellen.

„Hallo, Heinrich! Hier ist Paul, Paul Born. Weißt du noch, wer ich bin? Na, prima! Ja, waren tolle Zeiten, ich denke gerne daran. – Du, Heinrich, du könntest mir einen Gefallen tun. Kennst du eine Firma, oder kannst du sie ausfindig machen, die ein Emblem hat mit zwei Zahnrädern? Das größere oben und das kleinere schräg rechts darunter. – Das kann ich dir nicht sagen, ich habe es selbst nicht gesehen. – Da wäre ich dir dankbar. Ruf mich einfach an, wenn du was gefunden hast. Ich sage dir noch meine Nummer.“

Das tat Paul, und dann legte er auf.

„Meinst du, er kann dir helfen?“, fragte Stefanie.

„Er will‘s versuchen. Er hätte zwar gern Genaueres gewusst ... “

Das Telefon klingelte. Paul hob ab. „Na, das ging aber schnell, Heinrich!“

„Äh – das muss ein Irrtum sein. Hier ist kein Heinrich.“

„Oh – entschuldigen Sie bitte! Ich erwartete einen Rückruf.“

„Spreche ich mit Herrn Paul Born?“

„Ja.“

„Hier ist das Bürgermeisteramt der Großgemeinde Pfalzhof. Einen Moment bitte, ich verbinde Sie mit Bürgermeister Buchner.“

Es dauerte einige Augenblicke, dann meldete sich eine tiefe Stimme. „Herr Born? Buchner hier. Haben Sie ein paar Minuten, Herr Born?“

„Natürlich, Herr Buchner.“

„Wir sind uns schon mal begegnet. Ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern.“

„Aber ja. Ich kenne Sie von verschiedenen öffentlichen Veranstaltungen. Voriges Jahr – nein, es war schon vor zwei Jahren – hatte ich den neuen Brunnen gestaltet. Da habe ich beim anschließenden Festbankett neben Ihnen gesessen.“

„Beziehungsweise ich neben Ihnen. Bei so einem Anlass sitzt nicht der Künstler neben dem Bürgermeister, sondern der Bürgermeister neben dem Künstler. Auch ich erinnere mich gut daran. Und das ist auch der Anlass, weshalb ich anrufe. Unser Stadtrat hat beschlossen, eine kleine Gedenkstätte zu errichten für die jüdischen Mitbürger unserer Gemeinde, die während des sogenannten Dritten Reiches verschleppt wurden und umgekommen sind. Es ist ja reichlich spät dafür, zugegeben, aber unsere Vorgänger hatten dafür wohl kein Interesse. Nachdem nun aber mehrfach aus der Bürgerschaft Anträge kamen, Anregungen, Vorschläge, manche wütend fordernd, andere mit höflicher Zurückhaltung, haben wir uns dazu entschlossen. Wenn die Recherchen meines Büros richtig sind, müssen es dreiundzwanzig Personen sein. Wir stellen uns eine lichte, offene Anlage vor, mit einer Gedenktafel, auf der die Namen stehen. Aber das Ganze soll natürlich künstlerisch gestaltet sein. Alle im Stadtrat fanden es naheliegend, damit einen Künstler aus unsrer Gemeinde zu beauftragen. Zumal Sie mit dem Brunnen ja schon einen Beweis Ihres Könnens abgeliefert haben.“

„Es würde mich freuen, wenn ich den Auftrag bekäme.“

„So ganz einfach ist es natürlich nicht. Wir müssen auch noch andere Künstler fragen, uns Entwürfe vorlegen lassen und über den Preis reden.“

„Dass wir über den Preis reden müssen, ist klar. Aber mit einem Entwurf ist das nicht so einfach. Sie wissen vielleicht noch, wie meine Arbeitsweise ist, Herr Buchner. Am Brunnen kann man das auch sehen. Ich suche große Steine – meistens im Steinbruch, manchmal auch mit besonderer Genehmigung in Bachbetten. Wenn die eine Besonderheit aufweisen, die ich herausarbeiten kann, lasse ich die so zur Geltung kommen, wie es von der Natur vorgegeben ist. Ich kann Ihnen also einen Entwurf der Gesamtanlage vorlegen, wenn ich das Gelände gesehen habe. Aber den Stein muss ich erst noch suchen.“

„Hm, ja, verstehe. Vielleicht, Herr Born, sollten Sie mal zu einer Sitzung unseres Stadtrates kommen und Ihre Vorstellungen grob skizzieren.“

„Ja, gern. Nennen Sie mir einen Termin!“

„Nun, Sie müssen sich ja erst mal Gedanken machen. Es eilt ja auch nicht. Die Informationen, die Sie brauchen, bekommen Sie von unsrer Sekretärin. Auch mit Herrn Eberhard Blei vom Geschichtsverein können Sie sprechen, er ist mit der Sache schon länger befasst. In einigen Tagen sollten wir noch mal telefonieren und einen Termin ausmachen.“

„Einverstanden. Ich sehe mir den Platz an, suche einen geeigneten Stein und mache mir Gedanken. Und im Übrigen warte ich auf Ihren Anruf.“

„So machen wir‘s. Auf Wiederhören, Herr Born.“

„Auf Wie ... ach, noch etwas, Herr Buchner. Die Namen der Juden aus unserem Ort, die umgekommen sind – haben Sie die aus so einer Art Einwohner-Melderegister?“

„Ja. Aber es sind auch welche dabei, von denen wir nicht wissen, ob sie wirklich umgekommen sind. Klar ist nur, dass sie verschleppt wurden. Es hat sich da jemand viel Mühe gemacht, die Namen zusammenzutragen.“

„Kann es sein, dass auch Juden irgendwo versteckt waren, die nicht erfasst sind? Weil sie gar nicht in unserer Gemeinde gemeldet waren, aber eben hier Zuflucht gefunden haben?“

„Natürlich kann das sein. Aber woher sollen wir dann ihre Namen kennen? Ich weiß nicht, ob das vom künstlerischen Standpunkt aus geht, aber vielleicht können Sie die Namen auf der Tafel oder dem Stein so anordnen, dass man Namen nachtragen kann, falls später noch welche bekannt werden.“

„Ich fürchte, das wird nicht gehen, vom ästhetischen Gesichtspunkt aus ... Ein leerer Platz ... “

„Machen Sie‘s, wie Sie denken. Sie verstehen mehr davon. Sie entschuldigen mich, Herr Born, ich habe gleich einen wichtigen Termin.“

„Klar, es ist ja auch das Wichtigste besprochen. Auf Wiederhören!“

8

Stefanie hatte die nächste Eintragung im Tagebuch schon einmal durchgelesen und sich Notizen gemacht. So konnte sie besonders schwer zu entziffernde Stellen flüssig vorlesen. Ein wenig spielte auch die Neugier mit. Sie hatte keine Geduld, zu warten, bis Paul Zeit hatte, zuzuhören.

14. August 1941

Wir kamen beide fast gleichzeitig auf den Gedanken. Als uns Elisabeth erzählte, dass die Heidelbeeren reif seien, sie aber keine Zeit habe, welche zu pflücken, sagte ich: „Aber wir!“ Und Aaron ergänzte: „Wir müssen unbedingt mal hier raus! Man wird ja verrückt, wenn man so lange eingesperrt ist. Und da ist das Heidelbeerpflücken ideal! Im Wald sucht uns keiner. Und wenn doch mal ein Wanderer oder ein Pflücker kommt, weiß er ja nicht, wer wir sind. Gefährlich ist es, wenn uns jemand im Hof sieht. Jeder im Dorf weiß, dass wir nicht hierhingehören. Aber im Wald ... “

„Wir verlassen den Hof morgens bei Dunkelheit und kommen erst spätabends wieder“, ergänzte ich. „Dann kann gar nichts passieren.“

Nach einigem Zögern stimmte Elisabeth zu. „Gut. Ich bringe euch heute Abend noch etwas zu essen, das ihr morgen mitnehmen könnt. Und Gefäße für die Beeren.“

„Ja!“, sagte Aaron begeistert. „Mehrere Eimer! Wenn wir den ganzen Tag pflücken, kommt eine Menge zusammen.“

Elisabeth beschrieb uns sehr genau, wo wir ergiebige Heidelbeerfelder finden könnten. Sie hatte Erfahrung aus früheren Jahren.

Wir hatten keinen Wecker, aber wir waren am nächsten Morgen schon wach, ehe der Hahn krähte. Vorsichtig stiegen wir die Leiter hinunter und schlichen uns vom Hof. Während wir zu dem beschriebenen Wald unterwegs waren, begann es langsam hell zu werden, sodass wir, als wir ankamen, sofort mit dem Pflücken beginnen konnten. Tatsächlich schimmerte hier sehr viel Blau zwischen den kleinen grünen Blättern, der Tag versprach eine reiche Ernte.

Aber unsere anfängliche Begeisterung überstieg deutlich unsere körperlichen Fähigkeiten. Wir waren diese Arbeit nicht gewohnt. Bald tat mir der Rücken weh, und ich konnte nur noch kniend oder im Sitzen pflücken. Bald gab es auch blaue Flecken auf meinem Rock. Aber – was machte das schon! Es sollte uns ja sowieso niemand sehen.

Zweimal kamen Menschen vorbei: Ein älterer Herr mit Hund machte wohl einen Spaziergang. Wir nickten grüßend. Und eine Frau in etwa meinem Alter kam auch mit einer Milchkanne. Anscheinend kannte sie noch ein anderes Gebiet mit vielen Heidelbeeren, denn als sie uns sah, meinte sie wohl, wir hätten hier unseren Claim abgesteckt, und ging weiter.

Als die Sonne hoch am Himmel stand, machten wir Mittagspause. Wir aßen das Brot, das uns Elisabeth mitgegeben hatte, tranken Wasser aus einer zweckentfremdeten Bierflasche und bewunderten mit einem Blick in den Eimer unseren bisherigen Erfolg.

Nach kurzem Dösen – auf dem weichen Waldboden mit Fichtennadeln und Ameisen liegend – machten wir uns wieder ans Werk.

Dabei kamen wir zu einem dicht mit Sträuchern bewachsenen Hang, der zu einem kleinen Bach abfiel, eher einem Rinnsal.

Plötzlich hörten wir aus einiger Entfernung das hohe Geschrei von Kinderstimmen. Wir richteten uns auf – froh, mal das Kreuz strecken zu können – und lauschten. Es kam auf uns zu und wurde immer lauter.

Da sprangen einige Jungen aus dem Wald – nicht direkt auf uns zu, aber so, dass sie wohl nahe bei uns vorbeikommen mussten. Hitlerjungen offenbar, denn sie trugen alle die gleichen Hemden mit Halstüchern. Sie waren so zwischen acht und elf Jahren alt, schätzte ich. Zunächst waren es sechs oder sieben. Als sie den Bach erreicht hatten, sprangen sie hinüber und blieben keuchend stehen. Uns schienen sie gar nicht zu bemerken. Dann folgte noch ein Pulk von fünf Jungen, danach noch ein paar einzelne.

Sie alle sprangen über den Bach und schauten, nachdem sie teilweise gebückt Atem geschöpft hatten, zurück, wer da noch kommen sollte.

Tatsächlich kamen noch zwei Jungen völlig entkräftet angerannt und zum Schluss ein kleiner, vielleicht acht Jahre alt. Er konnte kaum noch. Er war auch etwas pummelig und offenbar nicht sehr sportlich.

Als die Gruppe jenseits des Baches ihn beobachtete, wie er kraftlos angestolpert kam, schrien sie ihm laut entgegen. Das Stimmengewirr war aber so durcheinander, dass wir nichts verstehen konnten.

Der Junge wurde immer langsamer und blieb etwa zwanzig Meter vor dem Bach stehen. Die andern brüllten. Allmählich konnten wir einiges von ihrem Geschrei verstehen. „Komm her, Feigling!“, „Karlchen ist der Letzte!“, „Karlchen ist der Jude!“.

Der Jude? Was hatte das zu bedeuten?

Einige größere Jungen sprangen wieder über den Bach zurück und ergriffen das Kind, das offenbar Karlchen hieß. Unter dem Gejohle der anderen führten sie Karlchen zu einem Baum, stellten ihn davor, bogen seine Arme nach hinten und fesselten sie mit einem Bindfaden. Der Junge weinte.

Jetzt schritt einer der Größeren die Entfernung ab: zehn Schritte von dem Baum mit dem Gefesselten. Sie zogen einen Strich mit den Schuhen in den Boden, andere legten Äste dazu. Unter wildem Geschrei holten nun die Jungen mit den Händen Schlamm aus dem Bach, stellten sich an der Grenzlinie auf und bewarfen Karl damit. Dabei schrien sie: „Jude! Jude! Karlchen ist unser Jude. Gebt es ihm!“

Karlchen wurde von dem Schlamm überall getroffen, auch im Gesicht. Er heulte, aber nicht laut.

Ich sah Aaron an und bemerkte, wie sein Gesicht vor Zorn rot wurde. Nach den ersten Sekunden, die er brauchte, um zu verstehen, was hier geschah, rannte er los.

„Was macht ihr da?“, rief er. „Aufhören! Hört sofort auf!“

Die Jungen waren im ersten Augenblick erschrocken, dass sich da ein Erwachsener einmischte. Aber dann protestierten sie: „Es ist ein Spiel!“, „Er war der Letzte, also ist er der Jude!“, „Das muss er sich gefallen lassen!“. Andere sagten gar nichts, bewarfen den Kleinen nur fleißig weiter.

Mir schwante Unheil, und ich rannte hinter Aaron her. Der riss gerade einen der größeren Jungen zurück, der im Begriff war, einen Dreckklumpen zu werfen, in den er einen Tannenzapfen eingeknetet hatte. Aber der Junge entwand sich seinem Griff und warf schnell, ohne jedoch zu treffen. Dafür trafen andere. Es war unmöglich, diese wild gewordene Schar von fünfzehn oder zwanzig Jungen zu bändigen.

„Warum soll er denn ein Jude sein?“, fragte Aaron hilflos. Einer antwortete hämisch grinsend: „Na ja, über einen Juden können wir uns hermachen. Der hat es verdient.“

„Habt ihr kein Mitleid mit Karlchen?“

„Mitleid? Wieso? Er war der Letzte. Schwächlinge wollen wir sowieso nicht bei uns haben.“

Da lief Aaron zu dem Baum mit dem Jungen. Was sollte das? Mir stockte der Atem. Aaron stellte sich vor Karlchen, blitzte die anderen Jungen zornig an und rief: „Ich bin Jude! Bewerft mich!“

Es wurde mit einem Mal still. Einen Erwachsenen mit Dreck zu bewerfen, trauten sie sich anscheinend nicht. Das war wohl auch Aarons Plan. Einige Jungen traten etwas zurück und wirkten verlegen, andere kneteten weiter an ihren Wurfgeschossen. Es sah so aus, als würden sie nach dem ersten Zögern doch auf diesen Mann werfen wollen, der ihnen den Spaß verdarb.

Aaron winkte mir. Ich verstand, was er wollte. Ich lief hin, knotete Karlchens Fesseln auf und führte den immer noch weinenden Jungen zum Bach. Dort half ich ihm, sich einigermaßen sauberzumachen, soweit das möglich war.

„Was wollen Sie?“, schrien einige der Jungen. „Es geht Sie gar nichts an, was wir spielen!“

„Ihr spielt nicht! Ihr fügt Karlchen Schaden zu. Selbst wenn ihr ihn nicht verletzt ... ihr beleidigt ihn, ihr erniedrigt ihn!“

„Er ist so ein Waschlappen, den kann man gar nicht erniedrigen.“

Ein anderer Junge rief: „Aber wenn Sie unbedingt der Jude sein wollen – das können Sie haben!“ Und er warf einen Kiefernzapfen nach Aaron.

Es war ein Test. Sie rechneten damit, dass er sich jetzt aus der Schusslinie zurückziehen würde. Das tat er aber nicht, und das wiederum ermutigte andere, auch zu werfen.

„Schluss jetzt!“

Am Waldrand erschien ein junger Mann, vielleicht neunzehn oder zwanzig Jahre alt. Da er genauso wie die Jungen gekleidet war, nur statt einer kurzen eine lange Hose trug, musste er wohl der Gruppenleiter sein. Er kam heran.

„Stillgestanden!“

Die Jungen rührten sich nicht und ließen ihre Wurfgeschosse fallen. Der junge Mann wandte sich an Aaron.

„Ich muss mich entschuldigen für meine wilde Bande. Manchmal kennen sie die Grenzen nicht.“ Dann wandte er sich an die Schar. „Erich, Dankmar, Detlef! Ihr helft der Dame, Karlchen sauberzumachen. Die anderen zurück ins Lager! Aber zack, zack!“

Alles funktionierte reibungslos. Der junge Mann kam auf Aaron zu und reichte ihm die Hand. „Heinze mein Name. Ich leite die Gruppe. Wir haben hier in der Nähe ein Zeltlager.“

„Schimmel.“

„Angenehm. Meine Anerkennung für Ihren Mut einzugreifen. Obwohl es nicht nötig gewesen wäre.“

„Nicht nötig? Der arme Junge kann einen Knacks fürs ganze Leben kriegen, wenn andere ihn so fertigmachen.“

„Was uns nicht umbringt, macht uns stark!“, schnarrte der junge Mann. Es klang auswendig gelernt. „Und wenn er das nicht vertragen kann, dann passt er nicht in unsere neue Gesellschaft.“

Mir kam die Galle hoch bei diesen hochnäsigen Worten aus dem Mund eines Schnösels, der noch kaum etwas vom Leben erfahren haben konnte. Ich hoffte inständig, Aaron, der sicher ähnlich empfand wie ich, würde sich beherrschen.

„Und mutig von Ihnen, sich als Jude zu bezeichnen!“, sagte der Herr Heinze. „Ich habś gehört, von da oben.“

„Warum ist das mutig?“ Aaron bebte innerlich, das konnte ich sehen, aber er sprach mit beherrschter Stimme.

„Warum? Na, wer will schon freiwillig ein verdammter Jude sein!“

„Kennen Sie einen Juden persönlich?“

„Gott sei Dank nicht! Ich will auch keinen kennenlernen.“

„Woher kommt dann Ihr negatives Urteil?“

Ich hielt die Luft an. Aaron redete sich um Kopf und Kragen!

Der Gruppenleiter lachte laut. „Das klingt ja jetzt, als wollten Sie die Juden verteidigen! Aber Scherz beiseite – tut mir leid, dass Sie als harmloser Beerenpflücker so in diese Schlammschlacht geraten sind. So, jetzt muss ich aber ... Na, Karlchen! Alles einigermaßen sauber? Nun hör auf zu heulen! Ein echter Kerl heult nicht! Läufst halt nächstes Mal etwas schneller, dass ein anderer der Jude wird.“

Damit wandte er sich um und verschwand. Die vier Jungen folgten ihm.

Ich ging, als sie verschwunden waren, zu Aaron und legte ihm den Arm um die Schulter. „Aaron! Warum hast du das getan? Du hast mit dem Feuer gespielt!“

„Ich konnte nicht anders, Rebekka. Ich war so voller Wut, ich konnte nicht anders. Am liebsten hätte ich ... na, ich hab mich beherrscht. Tut mir leid, dass ich dir Angst eingejagt habe. Und dich in Gefahr gebracht! Das fällt mir erst jetzt ein.“

„Uns beide.“

„Ja. Komm, wir pflücken weiter! Dieses Eimerchen sollte auch noch voll werden.“

Es zeigte sich: Heidelbeeren pflücken war der beste Weg, innerlich zur Ruhe zu kommen. Man musste sich nicht so auf die Arbeit konzentrieren und konnte seinen Gedanken nachhängen. Das tat ich, bis die stürmische See in mir sich allmählich zu einem sanften Wellengang abgeschwächt hatte.

Als die Sonne sank, machten wir uns auf den Heimweg. Wir sprachen nicht mehr über das Erlebnis. Wahrscheinlich schwieg jeder von uns mit Rücksicht auf den anderen. Was gab es auch zu reden? Ändern konnten wir nichts an dem „neuen Geist“, der da im Land herrschte und der sogar den Kindern eingeimpft wurde. Was sollte daraus noch werden? Was sollte aus uns Juden werden?

Als Elisabeth später kam, überreichten wir ihr stolz unsere Ernte und erzählten kurz, was geschehen war. Sie war erschrocken und bestand darauf, dass wir zukünftig in unserem Versteck bleiben sollten.

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23 aralık 2023
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9783865067050
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