Kitabı oku: «Vielleicht begab es sich aber ...»
ECKART ZUR NIEDEN
VIELLEICHT
BEGAB ES SICH ABER...
Was neben den biblischen Geschichten
noch passiert sein könnte

Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 9783865066374
© 2013 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelgrafik: Christine Domajnko
Satz: Brendow PrintMedien, Moers
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
www.brendow-verlag.de
INHALT
Cover
Titel
Impressum
ANFANG
SCHICKSAL
GEBET
ZWEIFEL
BEWAHRUNG
SCHUTZ
LOBLIED
VERRAT
NÄCHTE
BEGEGNUNG
DANK
STELLVERTRETUNG
RETTUNG
GLOSSAR
ANFANG
Zu 1. Mose 1,1 - 2,4
Der alte Mann sass auf einem einfachen Schemel und war dabei, die letzte seiner vierundzwanzig Ziegen zu melken.
»Onkel!«, wurde er gerufen. Die Stimme kam aus der einfachen Lehmhütte hinter ihm.
»Hier bin ich, Tuka! Hinter dem Haus bei den Ziegen!«
Sein Neffe trat ins Freie, ein stattlicher junger Mann. Er trug einen Beutel in der Hand. Sein Umhang war sauber und mit Stickereien verziert, nicht so schäbig wie der seines Onkels.
»Ich grüße dich im Namen der Götter!«, rief der junge Mann und trat näher.
»Und ich grüße dich im Namen des einen Gottes, des Höchsten.«
»Zu dem du eine besondere Beziehung zu haben scheinst«, nickte der Besucher. »Darum bin ich gekommen.«
»Ich bin mit Melken fertig. Komm, wir gehen ins Haus!«
»Lass uns lieber ans Ufer des Euphrat hinuntergehen und uns dort ins Gras setzen, wenn es dir nichts ausmacht!«
Sie gingen ein paar Schritte und ließen sich am Hang nieder. Die Blicke schweiften über den Fluss, auf dem ein paar Fischer in ihren runden Korbbooten mit ihren Netzen beschäftigt waren. Am gegenüberliegenden Ufer sah man Olivenbäume. Weiter links, flussaufwärts, waren die ersten Häuser der Stadt zu erkennen, darüber die oberen Stufen des großen Tempelturms.
»Du bist gekommen, weil du meinst, ich habe eine besondere Beziehung zu Gott?«, begann der Alte das Gespräch.
»Ja. Du weißt viel von Dingen, die anderen Menschen verborgen sind. Zum Beispiel hast du vom Angriff der Wüstennomaden gewusst, ehe die Späher des Königs die Gefahr gemeldet hatten. Und als meine Mutter, deine Schwester, schwer krank war, hast du deinen Gott angerufen, und sie wurde gesund. Und als …«
»Er ist nicht nur mein Gott. Er ist der Gott aller Menschen, aller Welt.«
»Mag sein, Onkel. Nur sind die meisten Menschen nicht davon überzeugt.«
»Bist du davon überzeugt, Tuka?«
»Nun, zumindest halte ich es für möglich. Und dass du mehr weißt über jenseitige Dinge, ist unbestritten. Keiner, den ich kenne, hat solche Einblicke in eine Welt, die dem normalen Auge verborgen ist, wie du.«
»Und darum kommst du zu mir?«
»Ja. Vielleicht kannst du mir helfen, Onkel. Ich bin ja nur ein untergeordneter Schreiber am Hof des Königs. Darum ist es eine besondere Ehre für mich, dass ich beauftragt bin, die Geschichte des Königshauses aufzuschreiben. Vater, Großvater, Urgroßvater und so weiter. Bis zum Anfang. Und wenn über einen der Vorfahren des Königs etwas Besonderes bekannt ist, zum Beispiel Kriege, Städtegründungen, Gesetze, dann soll das alles vermerkt werden.«
»Wozu soll das gut sein?«
»Es stärkt den Machtanspruch des Herrschers und vermehrt seinen Ruhm, wenn man nachlesen kann, wie lange seine Familie schon regiert. Und von welch edlem Blut er ist. Vielleicht kann ich sogar herausbekommen, dass der erste dieser Reihe am Beginn schon von den Göttern eingesetzt wurde.«
»Und dazu soll ich dir helfen? Es tut mir leid, Tuka, aber das kann ich nicht. Darüber weiß ich nichts.«
Tuka nickte. »Das habe ich auch nicht angenommen. Aber weißt du, wie die Welt angefangen hat? Es gibt da ja ganz unterschiedliche Vorstellungen. Die einen sprechen von einer riesigen Schlange, aus der die Erde wurde, andere von einem Adler, der die Erde aus Versehen fallen ließ, und durch die Erschütterung haben sich die Menschen gebildet, wieder andere sagen …«
»Lass es gut sein! Ich kenne diese Legenden.«
»Sie sind alle etwas … nun, seltsam. Außerdem haben sie den Nachteil, dass sie einander widersprechen. Niemand kann zuverlässig und glaubhaft Auskunft geben.«
»Und nun denkst du, ich könnte das?«
»Ja.« Tuka holte eine Tontafel und einen Griffel aus seinem Beutel. »Ich bin sicher, du kannst mir mehr dazu sagen als jeder andere.«
»Dein Vertrauen ehrt mich, mein lieber Neffe, aber steck dein Schreibzeug mal wieder weg! Ich weiß nichts über den Anfang der Welt. Gott hat mir nichts darüber gesagt.«
»Vielleicht … Verzeih, Onkel, ich will nicht aufdringlich sein. Aber vielleicht könntest du deinen Gott – ich meine: unseren Gott – mal fragen?«
»Fragen?«
»Ja. Bitte ihn, dir zu sagen – oder im Traum zu zeigen, oder sonst wie –, was damals geschah. Wie die Welt geworden ist.«
»Ich weiß nicht …« Der Alte wiegte den Kopf. »Ich weiß nicht, ob ich Gott um eine Auskunft bitten darf, die keinen Nutzen hat außer dem, die Neugier zu befriedigen. Und Ruhm und Stolz unsres königs zu mehren.«
»Vielleicht mehrt es ja den Ruhm Gottes, wenn bekannt wird, wie er die Welt schuf.«
Der Alte kniff nachdenkend die Augen zu, dann nickte er. »Das mag sein. Vielleicht hast du recht. Ich werde ihn fragen. Wenn Gott mir die Frage nicht beantworten will, muss ich das so hinnehmen. Dann darfst auch du nicht unwillig werden.«
»Ich verspreche es. Kann ich morgen wiederkommen?«
Der Alte nickte.
»Ich danke dir!«, sagte sein Neffe und stand auf. »Die Götter … nein, Gott sei mit dir, Onkel! Ich muss wieder an meine Arbeit.« Er klopfte der schwarzen Ziege, die dicht dabeistand, auf den Hals, dass der Staub kleine Wolken bildete, und ging durch die Hintertür in die Lehmhütte und vorn wieder hinaus.
Lange saß sein Onkel still an seinem Platz und sprach mit seinem Gott. Bis es dunkel wurde, saß er da. Sehr dunkel wurde es, und kalt. Viel kälter, als es sonst abends wird, wenn die Sonne untergegangen ist. So kalt, dass der Alte erstarrte. Mehr noch, der Euphrat erstarrte auch. So etwas hatte er noch nie gesehen. Ein kaltes, weißes Etwas fiel vom Himmel. Jemand hatte ihm einmal erzählt, auf den hohen Bergen, die dem Himmel ganz nahe sind, sei es sehr kalt, und das Wasser würde hart wie Stein. Und der Regen sei weiß und ganz leicht.
Solchen Regen sah er. Immer mehr fiel herunter und bildete allmählich wie im Euphrat steinhartes, durchsichtiges Wasser. Aber je höher es sich aufschichtete, desto weniger Licht ließ es durch.
Schließlich war der Alte ganz eingeschlossen und konnte sich nicht mehr bewegen. Er hatte aber auch gar nicht das Bedürfnis, sich zu bewegen. Er spürte die Kälte nicht. Er spürte nur, dass sein Gott ihm eine Antwort gab. Dass er ihn einen Blick werfen ließ in die alte Zeit. In eine Zeit, die lange, sehr lange, vergangen war.
Der Wasserstein hatte sich so hoch auf das Land gelegt, dass nun gar kein Licht mehr hindurchdrang. Alles darunter war platt gedrückt, nichts rührte sich. Auch der Alte rührte sich nicht, aber er wurde nicht zerdrückt, und daraus schloss er, dass dies alles nicht wirklich geschah, sondern dass ihm etwas gezeigt wurde – als Antwort auf seine Frage.
Lange, lange Zeit war es kalt und dunkel. Er wusste nicht, wie lange. Auf jeden Fall viel länger, als er bisher gelebt hatte. Und merkwürdig lautlos war es.
Dann aber hörte er eine Stimme, gewaltig und gebieterisch. Kurz darauf drang ein erster Lichtschimmer durch den Wasserstein. Die mächtige Schicht über ihm wurde immer dünner. Das hart gewordene Wasser wurde wieder flüssig und floss ab.
Die Sonne schien warm und freundlich. Aber da war nichts, was sie bescheinen konnte, nur nackte Erde und Steine.
Der Alte fror, obwohl jetzt die Sonne schien. Er ging ins Haus und legte eine Decke über sich, schlief ein wenig ein, bis die Ziegen ihn durch ihr Meckern weckten, weil sie gemolken werden wollten.
Als sein Neffe kam, fröhlich und aufgekratzt, war er sehr wortkarg. Er sagte nur: »Schreibe, Tuka! Schreibe genau auf, was ich dir sage: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.«
»Wasser?«, fragte Tuka. »Was denn für Wasser?«
»Unterbrich mich nicht! Schreibe nur: Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es wurde hell.
Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da wurde aus Abend und Morgen der erste Tag.«
Tuka schrieb: » … der erste Tag. Fertig. Und? Wenn das der erste Tag war – gibt es noch weitere, über die du mir etwas sagen kannst?«
»Ja. Komm morgen wieder. Vielleicht kann ich dir dann sagen, wie es weiterging.«
Der Alte stieg nicht wirklich auf den Tempelturm, das wäre ihm als Verrat an seinem Gott erschienen, aber er stellte sich vor, er stünde da oben. Das reichte nicht, merkte er, er brauchte einen hohen Berg, um die weiße Erde von oben zu sehen. Wo kam nur das viele Wasser her, das sich da auf allem Land verhärtet hatte? Er sah sich um, und da wusste er es: Es gab keine Meere mehr. Und es gab keine Wolken, die sonst das Wasser über alle Länder tragen und sie von oben her befeuchten. Alles war kalt und trocken.
Aber nun änderte sich etwas. An vielen Stellen war der Wasserstein schon aufgeweicht und abgeflossen. Auch da unten, wo seine Hütte stand, denn es war warm in seiner Heimat, wärmer als anderswo. An anderen Stellen aber war noch nichts vom Erdboden zu sehen.
Wohin floss das Wasser? Nach unten natürlich, wo das Meer war. Aber nicht nur. Es stieg auch auf. Kleine Wölkchen bildeten sich. Sie wuchsen und bedeckten schließlich als graue Decke den ganzen Himmel, sodass die Sonne nicht mehr zu sehen war. Wasser unten und Wasser oben.
Als am nächsten Tag sein Neffe kam, diktierte er ihm langsam, sodass Tuka genug Zeit hatte, die Zeichen in den weichen Ton zu drücken: »Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag.«
Fast unterschied sich das Bild am nächsten Tag nicht von der Nacht, so dicht und schwarz waren die Wolken von Horizont zu Horizont. Immerhin gab es so viel Licht, dass der Alte erkennen konnte, wie überall sich das verhärtete Wasser in Bewegung setzte, auch auf den Bergen und in den kälteren Gegenden der Erde, die nicht so angenehm waren wie seine Heimat am Euphrat. Überall floss das Wasser ab, hinunter an die tief liegenden Stellen, und bildete Meere. Das Land, das erst vor Kälte trocken gewesen und dann beim Schmelzen des Wassers nass geworden war, wurde nun wieder trocken.
Kaum war der graubraune Boden zu sehen, wurde er auch schon grün. Gras und Gebüsch wuchsen empor, ja, sogar Bäume. Sie vermehrten sich, der Pflanzenwuchs breitete sich aus in bunter Vielfalt.
Als der Alte die Augen öffnete, was das Bild verschwunden. Er sah wieder den Euphrat, wie er ihn kannte. An seinem Ufer wuchsen Schilf und Binsen. Überall, wo nicht die Menschen eingegriffen hatten, drangen diese Pflanzen vor. Weiter entfernt vom Ufer wuchs kein Schilf mehr, dafür aber Gras, an dem sich seine Ziegen gütlich taten, dazwischen Blumen mit kleinen gelben, roten oder blauen Blüten. Neben seiner Lehmhütte stand sein Feigenbaum und am anderen Ufer die Olivenbäume. Was für eine Vielfalt von Pflanzen hat Gott da geschaffen! Zum Nutzen der Menschen, aber auch als Mühsal für sie, wie die Dornensträucher, die vom Rand seines Grundstücks immer wieder auf seine Ziegenweide vordrangen, wenn er sie nicht bekämpfte.
An diesem Tag schrieb Tuka auf seine Tafel: »Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, dass man das Trockene sehe. Und es geschah so. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume auf Erden, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist. Und es geschah so. Und Gott sah, dass es gut war. Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.«
So schön war der Tag, dass der Alte sich fast ein wenig davor fürchtete, wieder in die Zeit zurückversetzt zu werden, in der alles noch anders war, eine Zeit voller gewaltiger Umbrüche, eine dunkle Zeit.
Nicht so finster wie ganz am Anfang, als überhaupt kein Licht zum Erdboden vordrang, aber doch beängstigend unter der dicken schwarzen Wolkendecke. Und nass war es. Denn nun begann es zu regnen. Wie aus Kübeln stürzten die Wassermassen herab, lange, lange Zeit. Wie lange, das wusste der Alte nicht, denn was sonst seine Zeit einteilte und ihr ein Maß gab, Aufgang und Untergang der Sonne, das fehlte in dieser Welt, in die er versetzt war.
Endlich begann der Regen nachzulassen. Und da wurde es auch heller. Hier und da riss die Wolkendecke auf, und ein strahlend blauer Himmel wurde sichtbar. Die Wolken, die noch zu sehen waren, verloren ihre bedrohliche blauschwarze Färbung und wurden weiß. Sie bewegten sich auch und zogen mit dem Wind über das Land. Die Sonne brach durch und erwärmte und erleuchtete die Welt, sodass das Grün der Pflanzen und die vielen Farben der Blüten und Früchte noch viel bunter erstrahlten.
Nun sah der Alte auch wieder, wie die Sonne unterging. Aber auch da wurde es nicht völlig finster, denn der Mond leuchtete, und daneben blinkten unzählige Sterne.
Die Welt hatte nun eine Ordnung und ähnelte schon sehr der Welt, wie der Alte sie kannte.
»Und Gott sprach«, so diktierte er es heute seinem Neffen, »es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheinen Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei große Lichter: Ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne. Und Gott sah, dass es gut war. Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.«
»Ja, so wird es gewesen sein«, bemerkte Tuka, nachdem er zu Ende geschrieben hatte. »Aber von den Menschen hast du noch nichts gesagt.«
»Ich habe dir gesagt, was Gott mir gezeigt hat.«
»Dann hoffe ich, er zeigt dir auch noch den Rest. Mir fehlt immer noch der Anschluss an den ersten König aus unserem Herrscherhaus.«
»Willst du hören, wie es war, oder willst du hören, was zu deinen Plänen passt?«
»Entschuldige, Onkel, so war es nicht gemeint.«
»Wenn Gott mir noch mehr sagt, erfährst du es.«
»Ich danke dir, Onkel!«
»Nimm dir einen Becher Ziegenmilch, wenn du möchtest!«
»Danke! Oh, da fällt mir ein, ich habe dir etwas mitgebracht.« Er kramte in seinem Beutel, stellte einen Becher auf den Tisch und legte ein kleines Säckchen aus Tuch daneben.
»Honig. Habe ich vorhin auf dem Markt gekauft. Und ein paar geröstete Nüsse.«
»Ich danke dir, Junge. Soll das eine Bezahlung sein für das Wissen, das ich dir weitergebe? Das ist nicht nötig. Gott gibt es mir umsonst, und umsonst gebe ich es weiter.«
»Sieh es so: Du schenkst mir dein Wissen, und ich schenke dir diese Genüsse für den Gaumen.«
»Wie kommst du voran mit deinen Forschungen über die alten Könige?«
»Gestern habe ich mit Leuten gesprochen, die alte Geschichten von ihren Vorfahren überliefert haben. Leider hat man damals nichts aufgeschrieben. Diese Vorfahren waren mit dem Urgroßvater unseres Herrschers auf Schiffen gefahren. Nicht nur auf dem Euphrat, sondern weit hinaus auf das Meer. Sie bauen unten im süden große Schiffe, die vom Wind vorangetrieben werden. Erstaunliche Geschichten haben sie mir erzählt von fremden Ländern mit fremden Völkern, die anders sprechen als wir und sich doch gegenseitig verstehen, und auch anders als die Wüstennomaden. Vom gewaltigen Sturm auf dem Meer haben sie erzählt und von schaurigen Ungeheuern, die das Meer bevölkern. Viele Male waren sie in Lebensgefahr. Ich bin froh, dass ich da nicht hinmuss.«
»Was die Leute so alles erzählen, um sich als Helden darzustellen …«
»Ich muss gehen, Onkel. Wenn es dir recht ist, komme ich morgen wieder vorbei.«
»Tu das!«
Am Abend saß der Alte am Ufer des Euphrat. Einige Steine bildeten einen Weg durch das Schilf, sodass er direkt ans Wasser kam. Hinter ihm im Schilf zwitscherte ein Vogel, anscheinend auf der Suche nach einem geeigneten Nistplatz. Vor ihm im Fluss standen kleine Fische still. Als er die Hand ins Wasser tauchte, schnellten sie davon.
Wie es seine Gewohnheit war, wenn er etwas Schönes sah, dankte er seinem Gott in einem stillen Gebet. Da war es ihm wieder, als säße er nicht hier am Flussufer, sondern als schwebte er über der Welt, wie sie vor langer Zeit war. Er hörte die Stimme des Schöpfers und beobachtete, wie das tote Wasser sich mit Leben füllte: Würmer und Schnecken, Seepferdchen und Seesterne, Krebse und Muscheln, und Fische in allen Größen, Formen und Farben. Und über dem Meer, am Ufer und auch über dem Land entstand Bewegung: Vögel flatterten nervös oder schwebten majestätisch durch die Luft. Das Pfeifen und Zwitschern, das Klappern und Schnattern wurde übertönt von einem Befehl, der laut war und Gehorsam heischend, aber zugleich merkwürdig sanft, als teilte er sich den Wesen gar nicht über die Ohren mit.
»Du wirst noch etwas warten müssen«, sagte der Alte am nächsten Tag zu seinem Neffen. »Noch kann ich dir nichts von den Menschen berichten. Aber von Tieren des Meeres und der Luft. Schreibe: Und Gott sprach: Es wimmele das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. Und Gott schuf große Walfische und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllt das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden. Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag.«
Zu dieser Jahreszeit ließ der Alte meistens seine Ziegen draußen grasen. Jetzt wuchs überall Grün, das niemandem gehörte: an den Wegrändern und an den Ufern des Flusses. Er musste nur in der Nähe sein, um auf sie aufzupassen, sonst würden sich die Tiere verlaufen.
So saß er auf einem Sandhügel, blickte ab und zu auf, ob seine Ziegen noch in der Nähe waren, und schnitzte an einem Schilfrohr, das er am Ufer geholt hatte. Tuka hatte ein Messer aus diesem seltsamen Material, das man aus Feuer gewann, und das fest war und glänzte. Das hatte der Alte nicht, er brauchte es auch nicht. Ihm reichte der scharfkantige Stein.
Zur Mitte des Tages hin hatte er die Flöte fertig. Er setzte sie an die Lippen und blies hinein. Ein sanfter Ton erklang. Wenn er die zwei Löcher mit den Fingern verschloss, veränderte sich der Ton.
Er lauschte dem Klang nach, als wäre es die Stimme eines geliebten Menschen. Als könnte er ihn sehen, den Klang, wie er über die Weite schwebte, mal langsam und traurig, dann wieder fröhlich auf und nieder hüpfend. Zwei seiner Ziegen, die das Flötenspiel ihres Hirten schon kannten und liebten, ließen sich davon anlocken und kamen heran. Sie stapften um ihn herum und stießen ihn sogar an. Die anderen zweiundzwanzig schienen den Ton gar nicht zu hören.
Der Alte beachtete seine Tiere nicht. Er folgte dem Flötenton auf seinem Flug in die Weite. Und da war er wieder in einer anderen Zeit. Sah Dinge, die andere nicht sahen, weil sie ihm direkt in den Kopf eindrangen, ohne den Umweg über die Augen zu nehmen.
So hatte er seinem Neffen wieder etwas vorzusagen, als der ihn besuchte. »Schreibe wörtlich auf, was ich dir sage, Tuka! Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so. Und Gott sah, dass es gut war.
Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und er schuf sie als Mann und Frau. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan. Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.«
Zwei Tage dauerte es, bis Tuka wieder in der Hütte erschien.
»Ich grüße dich, Onkel! Gestern war der Tag der Ruhe und des Feierns. Darum musste ich mit dem königlichen Hof im Tempel sein und konnte nicht kommen. Aber vielleicht hast du mir sowieso nichts mehr zu diktieren, weil die Menschen ja nun nach deinem Bericht auf der Erde sind und anfangen, sie zu beleben. Oder kannst du mir etwas von dem ersten König erzählen?«
»Nein, Tuka. Die Schöpfung ist vollendet. Du kannst aber dem Bericht noch etwas hinzufügen. Denn etwas hat Gott noch geschaffen.«
»Was?«
»Den siebten Tag. Den Ruhetag. Den Tag, an dem die Menschen nicht nur neue Kraft für die Arbeit sammeln, sondern auch ihre Gedanken auf ihren Schöpfer richten sollen.«
»Du meinst, der Ruhetag ist auch von Gott? Nicht per Gesetz vom König eingerichtet?«
»Nein. Du siehst, dass selbst bei denen, die sich andere Götter gemacht haben, noch eine Spur der Ordnung des einen wahren Gottes zu erkennen ist.«
»Gut, ich schreibe. Sprich!«
»So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebten Tage von allen seinen Werken. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn. So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.«
SCHICKSAL
Zu 1. Mose 12,10 - 20; 16; 21,8 - 21
Manchmal hatte sie das Gefühl, das ganze Leben bestünde nur aus Lehm und Fliegen. Der Lehm an den nackten Füßen und allmählich auch an Beinen und Armen und überall diese Fliegen! Und dann war über allem noch die Sonne, die unbarmherzig vom Himmel brannte und ihr alle Kräfte aus den Gliedern saugte.
Weiter treten! Immer weiter!
Aber natürlich war da noch mehr als Lehm und Fliegen. Die Großmutter neben ihr, die auch mit ihren nackten Füßen den Lehm trat, um ihn mit dem Stroh zu durchmengen. Ihre Mutter, die in der Nähe den Lehm aus einer anderen Grube in die hölzernen Ziegelformen stampfte, die dann umkippte und den geformten Lehm zum Trocknen in die Sonne legte. Und ab und zu kam ihr Vater mit zwei Eimern Wasser vom Fluss herauf, die er an einem Joch auf der Schulter trug. Das Wasser kippte er in die Lehmgrube, nicht ohne seine Tochter mit rauer Stimme zu ermahnen: »Weiter, Kind! Schlaf nicht ein!«
Wenn er wieder gegangen war, stampfte ihre Großmutter manchmal näher an sie heran und strich ihr wortlos über die langen schwarzen Haare. Das tat ihr gut, weil es ihr klarmachte, dass eben doch nicht das ganze Leben nur Arbeit war und Erschöpfung und Schweiß, nur Lehm und Fliegen. Da gab es noch Menschen, die ihr zwar die Qual nicht ersparen, aber mit Trost und Nähe etwas mildern konnten.
Die Sonne war auf ihrer Barke gerade über den höchsten Punkt geglitten, da schreckte Hagar auf, weil ihre Mutter sie ansprach: »Komm, Hagar, schnell!«
Sie stapfte zum Rand der Lehmgrube. Ihre Mutter fasste mit der Linken ihren Hinterkopf, fuhr mit der Rechten in den Lehm und schmierte ihr geschickt den dicken Brei ins Gesicht. »Mach die augen zu!«
Hagar wusste nicht, was das für einen Sinn haben sollte, aber sie war zu erschöpft, um darüber nachzudenken. Als sie merkte, dass nicht mehr in ihrem Gesicht herumgewischt wurde, schlug sie die Augen auf. Ihre Mutter war gerade dabei, auch ihr eigenes Gesicht zu verunstalten.
»Was machst du da?«, fragte Hagars Großmutter.
»Siehst du ihn nicht? Den Mann des Königs? Jedes Jahr kommt er und sucht nach schönen Frauen und Mädchen für den Palast.« Dabei zeigte sie zur Straße, die in einiger Entfernung vorbeiführte, die große Fernstraße in Richtung Sonnenaufgang, über die man in ferne Länder kommen konnte, wie erzählt wurde.
Hagar wendete ihren Blick in die Richtung, in die ihre Mutter zeigte. Da kam eine merkwürdige Gruppe heran. Sie bestand aus einem Reiter auf einem Esel und drei Mann zu Fuß. Einer der Fußgänger lief dicht neben dem Esel und hielt eine Stange über den Reiter, an dem oben ein ausgespanntes Tuch befestigt war. Offenbar hatte er die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass der Reiter immer Schatten hatte.
»Du weißt nicht, was gut und was schlecht ist für das Kind!«, sagte die Großmutter. »Das Leben im Palast ist bestimmt besser für Hagar, egal, was sie dort erwartet. Es kann nicht schlimmer sein als diese Schufterei beim Ziegelmachen.« Und sie nahm Wasser aus dem Krug, der zum Trinken bereitstand, und wusch ihrer Enkelin das Gesicht wieder sauber.
Ihre Tochter widersprach nicht. Sie setzte sich – nein, besser: Sie ließ sich fallen, vergrub das Gesicht in den Händen und weinte. Zur Erschöpfung kam die Verzweiflung, und beides zusammen war zu viel.
Hagar verstand das alles nicht. Sie traute sich auch nicht, die weinende Mutter oder die zornige Großmutter zu fragen. So blickte sie nur den Männern entgegen, die auf sie zukamen.
Der Reiter schien ein vornehmer Herr zu sein, auch wenn sein Reittier nicht sehr groß war. Seine Füße erreichten fast den Boden, obwohl er nur mittelgroß und sehr dick war. Außer dem Lendentuch trug er einen leichten Umhang, mit allerlei Mustern bestickt, in verschiedenen Farben, sodass es sehr bunt wirkte. So etwas hatte Hagar noch nie gesehen. Die Kanten des Kleidungsstückes waren mit etwas verziert, das metallisch glänzte, und große Knöpfe aus Knochen oder etwas Ähnlichem waren daraufgenäht. Aber der Umhang war nicht geschlossen, er stand offen, sodass man seine behaarte Brust und darunter den dicken Bauch sehen konnte.
Vor der Lehmkuhle hielt der Mann seinen Esel an. Die beiden Männer, die dahintergegangen waren, stellten sich breitbeinig hin und pflanzten ihre Spieße vor sich auf.
»Komm heraus!«, rief der Dicke mit seltsam hoher Stimme Hagar an. Hagar kletterte heraus, ihre Großmutter half ihr dabei.
»Von dir will ich nichts!«, schimpfte der Mann die alte Frau, und dann sagte er zu Hagar: »Sieh mich an!«
Sie hob zögernd den Kopf.
»Dreh dich um!« Hagar musste sich von allen Seiten begutachten lassen wie ein Stück Vieh.
»Hm. Hübsch, aber noch zu jung. Im nächsten Jahr vielleicht. Notiere das!«, sagte der Vornehme zu seinem Begleiter. Der wollte den Sonnenschirm auf den Boden legen, aber sein Herr brummte ärgerlich: »Gib her!« Er hielt sich das Ding selbst über den Kopf, und der andere nahm eine Wachstafel und einen Stift aus seiner Umhängetasche und drückte einige Zeichen hinein.
Gerade wollte der Dicke sich Hagars Mutter zuwenden, die immer noch auf dem Boden saß, da rief einer der Bewaffneten: »Herr! Sieh da drüben!«
Alle wendeten den Blick zur Straße.
Da kam eine Reisegruppe. Ein alter Mann ging voraus, ihm folgten mehrere Frauen. Eine kleine Schaf- und Ziegenherde wurde von Männern, anscheinend Knechten, zusammengehalten und vorwärtsgetrieben, zwei Esel trugen Teppiche und Zeltstangen, ein Eselsfüllen trippelte neben einem der Lasttiere.
»Haltet sie auf!«, befahl der Dicke und wendete seinen Esel. Die beiden Bewaffneten liefen zur Straße und stellten sich dort breitbeinig auf, die Spieße den Ankömmlingen entgegengestreckt. Die verzögerten ihre Schritte. Nun war auch der Dicke auf seinem Esel herangekommen. Er redete auf den Mann an der Spitze der Gruppe ein. Daraus, dass er dabei mit den Händen gestikulierte, schlossen die Frauen, dass sie in unterschiedlichen Sprachen redeten und sich kaum verstanden.
Jetzt sahen sie, dass der Dicke von seinem Esel stieg. Es schien ihn einige Mühe zu kosten. Er ging auf die Frau zu, die direkt hinter dem Anführer der Gruppe gegangen war, legte seinen Finger unter ihr Kinn und drückte damit ihren Kopf hoch. Nach einigen offenbar vergeblichen Versuchen, sich zu verständigen, und vielen Handbewegungen, stieg der Dicke mit Hilfe seiner Begleiter mühsam wieder auf sein Tier und ritt los, in die Richtung, aus der er gekommen war. Sein Helfer lief links neben ihm her, einer der Bewaffneten rechts, es folgten die Fremden, und der zweite Bewaffnete beschloss den Zug.
Hagars Großmutter murmelte zu ihrer Tochter: »Vielleicht hätten sie dich mitgenommen, wenn nicht gerade diese Fremden gekommen wären.«
»Vielleicht.«
»Ist das nun gut oder schlecht?«
Hagars Mutter antwortete nicht und wandte sich wieder ihren Ziegelformen zu. Hagar und ihre Großmutter stiegen in die Lehmgrube zurück.
***
Es war ein größerer Komplex von Lehmhäusern, in dessen Innenhof sie Hagar schoben. Da waren noch andere Frauen und Männer. Eine Frau kannte sie, sie hatten einmal bei der Getreideernte zusammengearbeitet.
Hagar ging zu ihr hin, aber sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Doch die Frau sprach sie an: »Du auch? Du bist noch so jung.«
Hagar nickte. »Sie haben mich einfach von zu Hause weggeholt.«
»Ich kenne dich, aber ich habe deinen Namen vergessen.«
»Hagar.«
»Richtig, Hagar.«
»Kommen wir in den Palast?«
»Oh nein, in den Palast nicht. Ich weiß es nicht genau, aber es wird erzählt, der König wolle uns den Hebräern schenken.«
»Wem?«
»Hebräer. So nennt man diese Leute. Sie kommen aus dem Gebiet – da drüben irgendwo.« Sie zeigte in die Richtung, in der die Sonne aufgeht, etwas weiter nach links. »Es sind Nomaden. Leute, die nicht in festen Häusern wohnen, sondern in Zelten, die sie immer mitnehmen, wenn sie mit ihrem Vieh neues Weideland suchen.«
»Suchen sie jetzt hier Weideland?«
Die Frau lachte. »Nein, Kind, hier nicht. Man würde sie vertreiben. Hier braucht jeder sein Gras selbst. Sie sind auch fast ohne Vieh gekommen.«
»Aber warum sind sie dann überhaupt gekommen?«
»Weil es in ihrem Land eine Dürre gibt. Es wächst fast nichts, ihr Vieh hat nichts zu fressen, sie selbst haben darum auch nichts und müssen hungern. Aber jeder weiß, dass man hier in Ägypten nicht so auf Regen angewiesen ist. Hier wächst immer etwas, weil wir den Nil haben. Darum sind sie gekommen.«
»Ach so. Aber warum will uns der König ihnen schenken? Uns können sie ja nicht essen.«
»Nein«, lächelte die Frau, »wir werden Mägde und Knechte von diesem Mann.«
»Aber warum?«
Die Frau setzte sich auf den staubigen Boden und lehnte den Rücken an die Lehmziegelwand. Dann winkte sie Hagar. »Setz dich neben mich! Ich erzähle dir, was man so munkelt.« Sie dämpfte ihre Stimme, als handele es sich um ein tiefes Geheimnis. Hagar musste sich zu ihr hinüberbeugen, um alles zu verstehen.
»Dieser Abram hat eine Frau von großer Schönheit, obwohl sie wahrhaftig nicht mehr die Jüngste ist. Die Späher des Königs hatten sie schnell entdeckt und in den Palast gebracht.«
»So wie mich und meine Mutter auch fast …«
»Der Anführer dieser Truppe, dieser Abram, hat gesagt, sie sei seine Schwester. Deshalb hatten sie auch keine Skrupel. Das war auch nicht ganz gelogen, sie ist seine Halbschwester. Aber vor allem ist sie seine Frau. Man sagt, dass den König allerlei Unglück traf, seit diese Frau an seinem Hof war. Irgendwie kam dann raus, dass sie mit Abram verheiratet ist. Der König ist an dem Punkt sehr empfindlich. Wenn er sich nun den Zorn des hebräischen Gottes zuzieht! Also hat er Sarai wieder unversehrt an Abram zurückgegeben, und zur Versöhnung schenkt er ihm noch Vieh und – na ja, uns eben. Als Knechte und Mägde. Und mit genug Verpflegung ausgerüstet, geht nun die Reise zurück. Und wir sind dabei.«
»Werde ich dann meine Familien nicht mehr wiedersehen?«
»Natürlich nicht, Hagar! Gewöhne dich an den Gedanken, dass du jetzt eine Hebräerin bist. Du bist noch jung, wirst bald in die neue Lebensweise hineinfinden und ihre Sprache lernen. Ich werde dafür länger brauchen. Sei nicht traurig! Ob du da schuftest oder hier, kommt doch ziemlich auf das Gleiche raus.«
»Aber … aber meine Mutter und …«
»Es hätte sowieso nicht mehr lange gedauert, dann hätten sie dich aus deiner Familie gerissen. Vielleicht geht es uns ja bei diesen Schafhirten ganz gut. Wenn sie nur nicht so stinken würden! Na ja, daran werden wir uns gewöhnen. Sieh da rüber! Das scheinen sie zu sein.«
Ein vornehm gekleideter Herr – anscheinend ein Beamter des Königs – führte den alten Mann herein, den Hagar schon einmal von weitem gesehen hatte. Seine Frau ging an seiner Seite. Der Vierte in der Gruppe schien ein Übersetzer zu sein, denn wenn der Beamte mit ihm geredet hatte, sprach er anschließend mit dem Alten.
Nun erhob der Königsbeamte seine Stimme: »Herkommen! Alle!«
Wer gesessen hatte, stand auf, und alle drängten sich um ihn, auch Hagar.
»Dieser geschätzte Gast aus dem Land Kanaan genießt die besondere Freundschaft unseres weisen Königs – lang sei sein Leben! Darum hat er in seiner Großmut beschlossen, ihm ein Geschenk zu machen, das eines Königs würdig ist: Vieh und Sklaven. Das seid ihr. Dieser würdige Mann, Abram ist sein Name, ist also von nun an euer Herr. Und seine Frau Sarai ist eure Herrin. Erweist ihnen Ehre!«
Die Männer und Frauen fielen auf die Knie und beugten den Kopf, bis die Stirn die Erde berührte.
Der Alte sagte etwas mit freundlicher Stimme. Der Übersetzer erklärte: »Ihr sollt aufstehen!«
Alle erhoben sich. Hagar sah sich um. Einige konnten den Zorn in ihren Gesichtern nicht ganz verbergen, andere zeigten sich unterwürfig, wieder andere blickten nur voller Neugier.
Während der Alte mit dem Übersetzer sprach, ging seine Frau an der Reihe der Sklavinnen entlang und betrachtete jede Einzelne. Vor Hagar blieb sie stehen.
Hagar staunte. Die Frau schien etwa so alt wie ihre Großmutter zu sein, aber sie sah aus wie ihre Mutter. Ihr ebenmäßiges Gesicht strahlte eine Hoheit aus, wie man sie eher bei Königinnen erwartet als bei Frauen von Schafhirten. Ihre ruhig und ein wenig stolz blickenden Augen waren genauso schwarz wie ihr Haar, in dem sich noch keine graue Strähne zeigte, und das ihr lang und voll über die Schultern fiel. Ihre gerade Körperhaltung ließ darauf schließen, dass sie nicht wie Hagars Mutter viel bückend gearbeitet hatte. Sie trug ein einfaches, nur mit wenig Stickerei verziertes Kleid, das aber offenbar neu war und in seiner Schlichtheit die Schönheit und Würde der Trägerin noch unterstrich.
Nun winkte Sarai den Übersetzer herbei und sagte etwas zu ihm. Der sprach zu Hagar: »Deine Herrin will wissen, wie du heißt.«
»Hagar, Herr.«
»Du musst nicht mich ansprechen! Sie ist deine Herrin. Wie alt bist du?«
»Ich habe vierzehn Sommer gesehen.«
Nach einem Wortwechsel mit der Hebräerin sagte der Mann: »Deine Herrin hat dich aus all diesen Frauen ausgewählt, ihr persönlich als Magd zu dienen. Das ist eine besondere Ehre! Sei allezeit freundlich, höflich, fleißig und zuverlässig bei allem, was du zu tun bekommst!«
Hagar starrte die beiden abwechselnd an und wusste nicht, wie sie auf diese Worte reagieren sollte. Der Übersetzer fauchte sie an: »Verbeuge dich!« Erschrocken neigte Hagar ihren Oberkörper. Als sie hörte, dass die beiden miteinander redeten, dachte sie, dass sie nun sicher wieder gerade stehen dürfe, und richtete sich auf.
»Deine Herrin wird eine ihrer bisherigen Mägde beauftragen, dir die hebräische Sprache beizubringen, und dazu alles, was du für die Arbeit in ihrem Zelt wissen musst.«
Hagar nickte. Dann fiel ihr ein, dass es vielleicht angebracht war, sich noch einmal zu verbeugen, und tat es. Als sie sich wieder aufrichtete, war ihre neue Herrin schon weitergegangen.
Aber dann kam sie noch einmal zurück, redete mit dem Übersetzer und zeigte auf Hagars Füße. »Du sollst dich waschen!«, sagte der Mann. »Da klebt noch Lehm zwischen deinen Zehen. Und auch sonst sollst du dich waschen. Wer schwitzt, zieht die Fliegen an.« Schnell folgte er der Frau mit Namen Sarai, die schon weitergegangen war.
***
»Träumst du, Mutter?«
Hagar schreckte auf. Ja, sie war in Gedanken in ihrer Kindheit gewesen. Vielleicht hatten die Fliegen sie daraufgebracht. Sie schabte gerade mit einem Bronzemesser das Fett von der Innenseite eines Schaffells. Das zog immer die Fliegen an, die sich davon reichlich Nahrung versprachen. Sie umkreisten sie in schwarzen Schwärmen, so wie damals, als sie schwitzend den Lehm stampfen musste. Eine Plage sind diese Fliegen, dachte sie. Gierig stürzen sie sich auf das, was von früherem Leben übrig geblieben ist. Sie leben vom Tod einer anderen Kreatur. Aber tun wir das nicht alle?
»Mutter! Wo bist du mit deinen Gedanken?«
Ach ja, der sie da ansprach, war nicht ihr Vater, der sie zum fleißigen Stampfen antreiben wollte, sondern ihr Sohn. Inzwischen war der fast so alt, wie ihr Vater damals gewesen war, sogar die Stimme klang so ähnlich. Nur freundlicher. Und sie selbst, Hagar, war fast so alt, wie ihre Großmutter damals gewesen war.
»Ja, Ismael, ich war mit meinen Gedanken in Ägypten. In meiner Kindheit.«
»Sehnst du dich zurück?«
»Nein, mein Sohn. Nein, ich sehne mich nicht zurück. Es war nicht schön damals.«
»Man sagt aber, alle Erwachsenen fänden im Rückblick, ihre Kindheit sei eine schöne Zeit gewesen.«
Hagar nickte. »Das mag für die meisten zutreffen. Aber nicht für mich.«
»Für mich trifft es zu«, meinte träumerisch der junge Mann. »Ich erinnere mich gern an die Zeit, als mein Vater mich als Kind auf den Schultern getragen hat, oft weite Strecken, wenn er zu den Weideplätzen ging. Oder wie er mir abends Geschichten erzählt hat, von seiner Heimat im Land der zwei Ströme oder in Haran am oberen Euphrat. Auch, wie er von Gott sprach. Oder wie er mir erklärte, wie ich den Bogen handhaben sollte, den er mir gemacht hatte.«
Hagar schabte eine Weile schweigend weiter und achtete nicht auf die Fliegen, die sich auf ihrem Gesicht niederließen. Schließlich sagte sie: »Es ist gut, Ismael, behalte das nur in guter Erinnerung. Die schöne Zeit war ja dann bald zu Ende.«
»Stimmt. Als ich … wie alt war ich, als Isaak geboren wurde?«
»Vierzehn Jahre. Ungefähr so alt, wie ich war, als ich als Sklavin Abram und Sarai geschenkt wurde, die heute Abraham und Sara heißen, und mit ihnen aus Ägypten fortzog.«
Ismael setzte sich neben sie und scheuchte die Fliegen von ihr fort. »Ich weiß, dass es eine schwere Zeit für dich war, Mutter. Dass Sarai eifersüchtig war. Und als Isaak geboren war, wurde es noch schlimmer. Bis sie uns dann aus dem Zelt gejagt haben. Aber ich habe es als Kind nicht so schrecklich empfunden, wie du es wohl empfinden musstest.«
»Das ist gut so, mein Sohn. Du sollst nicht mit Groll an deinen Vater denken. Aber du verstehst sicher auch, dass ich enttäuscht bin. Ich war gut genug für ihn, ihm einen Sohn und Erben zur Welt zu bringen. Aber als seine erste Frau doch noch einen Sohn bekam, galt ich nichts mehr.«
»Es ist nicht seine Schuld, Mutter, dass er uns vertrieben hat. Es geschah auf Saras Betreiben.«
»Na und? Hätte er sich nicht dagegen behaupten können? Ist er nicht der Patriarch, das Oberhaupt der Sippe?«
Ismael stand auf. Er wollte das Gespräch nicht fortsetzen. Es schmerzte ihn, wenn von seinem Vater so gesprochen wurde. Er nahm seinen Bogen, legte einen Pfeil auf und schoss auf die Terebinthe, die schon vorher das Ziel seiner Schießübungen gewesen war.
Hagar spürte, was in ihm vorging. Er hatte recht, sie sollte nichts Böses über Abraham sagen, nicht ihm gegenüber. Um das Thema zu wechseln, rief sie ihm zu: »Lass es gut sein, Ismael! Jetzt hast du zwölfmal auf den Baum gezielt und zwölfmal getroffen. Was willst du noch verbessern?«
Ismael lachte, und das freute Hagar, denn es zeigte ihr, dass die Missstimmung schnell vergangen war. »Ich will fünfzigmal darauf zielen und fünfzigmal treffen.«
Als er die letzten Pfeile verschossen hatte – sie steckten alle im Stamm der Terebinthe –, rannte Ismael hin und holte sie. Dann kam er wieder zu ihr zurück in den Schatten der kleinen Hütte. Die bestand aus Ästen, die mit Fellen überzogen waren.
Er drückte den Bogen mit dem Knie durch und hängte die Sehne aus, um ihn zu entspannen. Hagar beobachtete ihn dabei und bewunderte mit mütterlichem Stolz das Spiel der Rückenmuskeln unter der sonnengebräunten Haut. »Du wirst mal ein großer Jäger«, murmelte sie. »Ach nein, du bist ja schon einer.«
Ismael legte sich zurück, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und schaute in den blauen Himmel hinauf.
Eine Weile sprach niemand, nur das schabende Geräusch von hagars Werkzeug war zu hören und das Summen der Fliegen.
»Ich verstehe nicht«, unterbrach Ismael schließlich die Stille, »dass du nach Ägypten zurück willst, wenn du so schlechte Erinnerungen daran hast.«
»Nicht meinetwegen will ich dort hin, sondern deinetwegen.« »Meinetwegen? Aber ich will gar nicht nach Ägypten!«
»Du sollst dir dort eine Frau nehmen.«
»Es gibt hier bei den Wüstenstämmen auch geeignete Frauen.«
»Kennst du eine?«
»Nein. Nein, aber ich werde sicher eine finden.«
Hagar antwortete nicht. Sie spannte das Schaffell, das sie behandelt hatte, zwischen die Pflöcke, die dafür in passendem Abstand in den Boden getrieben waren. Ismael half ihr, die Schnüre zu spannen, ohne dabei aufzustehen, er wälzte sich nur etwas hinüber.
Schließlich sagte seine Mutter: »Ägypten ist ein besseres Land als diese trockene, menschenleere Gegend, Ismael. Da gibt es viele Häuser und Tempel, sogar die gewaltigen Pyramiden, die Grabstätten der alten Könige. Es gibt Händler, die von weit her ihre Waren bringen und ihre Berichte von allem, was in der Welt vorgeht. Es gibt Schiffe, die der Wind treibt, und Streitwagen, die von schnellen Pferden gezogen werden. Es gibt Gelehrte, die erzählen können, was früher war, und die die Kunst beherrschen, das alles in Zeichen festzuhalten, die wieder andere lesen und in Worte zurückverwandeln können. Es gibt Meister des Bauens, Meister des Malens von schönen Bildern, Meister der Musik, Meister der Steinmetz- und der Goldschmiedekunst. Es gibt Heilkundige und Sterndeuter und Strategen und … ach, es gibt alles, was du dir vorstellen kannst. Und was gibt es hier? Sand und ein paar Sträucher, Bäche, die drei Viertel des Jahres keinen Tropfen Wasser führen, Springmäuse und Schlangen und ab und zu einen Wüstenfuchs oder einen Springbock. Und Fliegen.«
»Na und?«, erwiderte ihr Sohn und setzte sich auf. »Mir reicht es. Ich bin ein Jäger, wie du selbst gesagt hast. Was soll ich in Ägypten jagen? Heilkundige und Goldschmiede und Baumeister? Oder die Rinder, die immer jemandem gehören, der mich dann ins Gefängnis werfen lässt, wenn ich auf sie schieße? Ich bin ein Sohn dieses Landes, Mutter, ein Sohn der Wüste und der Steppe. Mein Vater musste immer da hinziehen, wo noch kein anderer Besitzansprüche geltend machte. Wenn ich in einem Haus leben müsste und links und rechts daneben wohnten hundert andere Leute, wenn ich zum Horizont sehen wollte und könnte ihn nicht finden, weil lauter Häuser davorstehen, wenn ich in die Weite gehen wollte und müsste dabei immer auf festgelegten Linien bleiben, den Straßen, weil ich niemandes Acker zertrampeln darf – dann würde ich verzweifeln.«
Er ist kein Kind mehr, dachte Hagar. Ich kann ihn nicht zu etwas drängen, das er nicht will. »Lass uns ein anderes Mal darüber reden«, sagte sie und hoffte, dass bei anderer Gelegenheit die Stimmung besser sein würde.
»Außerdem«– Ismael wollte sich nicht so leicht von seinen Gedanken abbringen lassen –, »außerdem sagst du doch, Gott habe dir versprochen, meine Nachkommen sollten ein großes Volk werden. Wo soll das Volk denn wohnen? In Ägypten ist kein Platz mehr.«
Als Hagar nichts sagte, bohrte Ismael nach einer Weile nach: »Weißt du keine Antwort?«
»Nein, mein Sohn, ich weiß nicht, wo dieses Volk leben wird.«
»Vielleicht stimmt es gar nicht, dass ich der Vater von zwölf Fürsten werde, die auch wieder viele Kinder haben. Wer kann schon wissen, was in der Zukunft liegt.«
»Gott weiß es.«
Hagar ging in die Hütte und legte ein paar trockene Äste auf das Feuer. Dann schürte sie es und hängte einen Bronzetopf mit Wasser an das dreibeinige Gestell darüber.
Ismael folgte ihr und sagte: »Weißt du, was ich nicht verstehe, Mutter?«
»Sag es mir!«
»Dass du so fest mit dem Gott Abrahams rechnest.«
Sie sah ihn erstaunt an. »Wie meinst du das?«
»Du hast in deiner Kindheit andere Götter gehabt. Vom Gott meines Vaters hattest du keine Ahnung. Auch bei den Völkern um uns her werden ganz andere Götter angebetet. Warum vertraust du darauf, dass der Gott Abrahams der einzige wahre Gott ist?«
Hagar holte Luft, um zu antworten, aber Ismael sprach schnell weiter: »Ich kann mir denken, was du sagen willst. Du hast es eben in Abrahams Zelt so gelernt. Die meisten glauben ja so, wie man es sie gelehrt hat. Aber man lernt weniger durch Worte als durch Vorbilder. Sara, mit der du meistens zu tun hattest, aber auch Abraham waren dir kein gutes Vorbild. Sie haben dich enttäuscht, dich vor den Kopf gestoßen, dich vertrieben. Wie kommt es, dass du trotzdem an dem festhältst, was du bei ihnen gelernt hast? Wenn du all das Böse, das du in ihrem Zelt erlebt hast, am liebsten aus deinem Gedächtnis verbannen möchtest – warum verwirfst du nicht auch ihren Glauben?«
»Aber Ismael!« Sie sah ihren Sohn mit ihren großen dunklen Augen an, als wunderte sie sich, dass er diese Frage stellte. »Ich glaube doch an den einzigen, unsichtbaren Gott nicht darum, weil mir Abraham und Sara das so beigebracht haben!«
»Sondern?«
»Weil er selbst mir begegnet ist! Du kennst doch die Geschichte, wie ich fliehen wollte, und Gott mich sah und zu mir sprach, ich solle zurückgehen. Ich habe dir oft davon erzählt. Und wie wir nachher, als Abraham uns fortschickte, fast verdurstet wären und wie Gott uns half, das hast du selbst erlebt.«
Ismael schob eins der Hölzer mit dem Fuß weiter ins Feuer. Es war eine Geste der Verlegenheit. »Ja, das stimmt.«
»Und darum bin ich auch absolut sicher, dass er sein Versprechen erfüllt, aus dir ein großes Volk zu machen. Und …«, lächelte sie, »wenn du der Vater eines großen Volkes wirst, werde ich seine Großmutter.«
Jetzt lächelte Ismael auch. »Ein steiler Aufstieg vom Sklavenmädchen zur Großmutter eines Volkes.«
»Ja, und das habe nicht ich erreicht, das hat Gott gemacht. Er hat nicht nur mit mir geredet, sondern auch gehandelt. Durch viel Not, durch Lehm und Fliegen und Verachtung und Beleidigungen zu einem guten Ziel. Sollte ich diesem Gott absagen? Nein, Ismael, das kann ich nicht. Das will ich auch nicht. Dem Lebendigen, der mich sieht und über mir wacht, will ich treu bleiben.«
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