Kitabı oku: «Tales of Beatnik Glory, Band II, (Deutsche Edition)»

Yazı tipi:

— DEUTSCHE EDITION —

Ed Sanders

Tales Of Beatnik Glory

Band II

East Side Blues

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Bernhard Schmid

FUEGO

Über dieses Buch

— Band II der vierbändigen Ausgabe —

Allen Ginsberg nannte das dokumentarische Rock ’n’ Drug-Epos Tales of Beatnik Glory über »Die Freaks von Greenwich Village« ganz ohne Neid einen »satirischen Lobgesang auf radikale visionäre Politik, wie man sie im 21. Jahrhundert mit der Einstellung den alten Ägyptern gegenüber betrachten wird«, und einen »Meilenstein historischer Archäologie«. Es ist eine Sammlung von höchst vergnüglichen und schrägen Geschichten um einen Dichter aus dem Hinterland, der zuerst in New York landet und von dort aus die verschiedenen Phasen der alternativen Szene der USA erlebt.

»East Side Blues« führt in die subkulturelle Szene der Lower East Side in das New York der Jahre zwischen 1963 und 1965, wo wir in verschiedenen Stories die Szene-Freaks bei schrägen Kunstaktionen, dem »Großen Marsch nach Washington«, dem Kampf gegen Krieg und Rassismus, sowie bei ausgiebigen Sex- und Drogenexperimenten begleiten. Sanders schlägt in »East Side Blues« einen weiten Bogen von den jüdischen Sozialisten und Aktivisten der Vorkriegsjahre hin zu den Beatniks und Anarchisten der Sechziger, die mutig in die Südstaaten reisten, um dem rassistischen Schrecken des Ku-Klux-Klan die Stirn zu bieten.

»Als die Beatniks den Hippies weichen mussten, war Ed Sanders dabei. Er stand auf der Kreuzung, dirigierte den Verkehr und formte die Dekade.«

William S. Burroughs

ICH HABE EINEN TRAUM

Einige schliefen ein, aber die meisten unterhielten sich aufgeregt und begannen alle paar Minuten unter Klatschen und Stampfen zu singen auf dieser langen Morgenfahrt nach Washington. Immer wieder stimmten sie die Hymnen an, die sie bewegten, die Melodien zu ihren philosophischen Passionen: »If I Had A Hammer, »Solidarity Forever«, »Ain’t Gonna Study War No More«, »Dona nobis pacem«. Ein besonders stürmisches Kontingent führte den Bus durch »Cuba Si, Yankee No«, »We Shall Wear The Red And Black« und die »Internationale«, jenes schöne Lied aus den Tagen der Pariser Kommune von 1870.

Sam und seine Freunde saßen ganz hinten und ließen diskret Joints und Alkohol kreisen, und schließlich setzte man sie am Morgen müde und hungrig am Rand des Parks ab, in dem das Washington-Monument steht.

Sam hatte etwas zu erledigen und so winkte er Cynthia, Talbot und Nelson zu und lief los. Unter einer bestimmten Ulme rechts vom Lincoln Memorial wollte man sich später wieder treffen.

Obwohl es über dreißig Grad hatte, trug Sam besonders dicke — schlangensichere — Schaftstiefel, eine orangefarbene, an den Hüften ausgestellte Reitjacke mit Fischgrätmuster, ein kragenloses gewürfeltes Hemd und einen australischen Militärhut, dessen Krempe mit einem NO HOPE WITHOUT DOPE-Button hochgesteckt war (»Keine Hoffnung ohne Dope«). Der Button gab ihm zu denken, und so nahm er ihn ab und ersetzte ihn durch einen, auf dem AHIMSA zu lesen war.

Die hatte er bis zwei Uhr morgens vervielfältigt, dann war es Zeit für den Bus gewesen. Deshalb war er so müde.

Sein Ziel war die Library of Congress, zu der es mehr als anderthalb Kilometer waren.

»Ich würde mir gern Ezra Pounds Radiosendungen ansehen«, sagte Sam Thomas, seine Lunge eine Thermosflasche voll Scherben, da er die ganze Strecke gelaufen war.

Man brachte ihm einen Karton mit Weiß-auf-Schwarz-Abzügen — offensichtlich von Filmnegativen — der Abschriften von Pounds italienischen Radiosendungen zwischen 1941 und 1943, die der Foreign Broadcast Intelligence Service aufgezeichnet hatte. Sam war zu aufgeregt, um sie sofort durchzugehen. Normalerweise dauerte es wenigstens zehn Minuten, bis sich seine Aufregung so weit legte, dass er hochgeistig arbeiten konnte. An diesem Tag riss er sich so sehr zusammen, dass seine ersten Notizen krakelig, fast unleserlich waren. Seine Nachforschungen galten der »Lb Q« oder »Pound Question«, wie Sam und einige Freunde es nannten. Nicht viele dachten an jenem Tag in Washington groß über die Lb Q nach, aber für Lyriker in der Tradition der Beats, der Black Mountain School, des Objektivismus oder Deep Image war sie ein ernstes Problem. Würden Blicke Papier abnutzen, die Seiten von Personae — einer Sammlung von Pounds frühen Gedichten — wären längst leer gewesen. Pounds unerbittliche Wissenschaftlichkeit, die Mischung aus knallharter und zärtlicher Lyrik, seine Liebe zum Griechischen und Lateinischen, das alles hatte Sam geholfen, Dichter zu werden.

Nach dem Krieg, Sam war in der ersten Klasse, hatte man Lb des Landesverrats angeklagt, für irre erklärt und ins Washingtoner St. Elizabeth’s Hospital abgeschoben. Es war unter Schriftstellern zu einer großen Debatte gekommen, als Pound, während er in der Anstalt war, für die Pisaner Gesänge den Bollingen-Preis verliehen bekam. Einige nannten ihn seiner Sendungen während des Krieges wegen einen Verräter; andere meinten, er sei ein großer Lyriker, und sein Werk hebe ihn über seine Sendungen hinaus; wieder andere nannten ihn eine alberne Schimäre aus alten Zeiten, die man am besten vergesse. 1963, zur Zeit des großen Marsches auf Washington, war Lb längst aus der Klapse entlassen und lebte wieder in Italien.

Sam wollte selbst sehen und entdeckte es auch sofort: Es wimmelte nur so von abfälligen Bezeichnungen über Juden wie »Itzig« und »Itzigenrat« — letzteres poundscher Code für Roosevelts Kabinett.

»Großer Gott, der Mistkerl war ja wirklich ein Antisem!«, entfuhr es Sam — etwas zu laut, sodass der Typ von der Ausleihe die Brauen hochzog.

Eine halbe Stunde genügte. Sam stand auf, eilte mit den Abschriften zurück zur Ausleihe, dankte dem Bibliothekar, schulterte seine Kamera und die Umhängetasche voller Dope, Fucking and Social Change: A Journal of the New America und verließ den marmornen Datentempel im Sprint; vorbei an Kapitol, Nationalgalerie, Smithsonian, Weißem Haus und Washington-Monument hielt er auf den Reflecting Pool vor dem Lincoln-Denkmal zu.

Aus irgendeinem Grund hatte er einen Meskalintrip im Stiefel verbunkert, und als der schmolz, sickerte das Dope durch die schweißnasse Socke in eine geplatzte Wasserblase, sodass er, als er die ungeheure Menschenmenge erreichte, die sich um Lincoln versammelt hatte, zarte Farbnuancen wahrzunehmen begann.

Sam hatte noch nie zweihunderttausend Leute gesehen. Als er die Bell & Howell auspackte und zu filmen begann, war er sich eines tiefen Grollens bewusst, eines Vibrierens, das von der Menge ausging. Es war Sams erste Erfahrung mit dem Summen einer Massendemo und dazu gehörte nicht nur das tosende Grollen der Menge, sondern auch die Hunderte von Leuten, die am Rand lauthals über ihr Engagement für was auch immer sprachen und dabei eine Vielzahl von Flugblättern, Magazinen, Wimpeln, Buttons, Pamphleten und Flugschriften für linke, linksliberale, Friedens- und Bürgerrechtsgruppen verteilten. Sam war in seinem Element. Es war, als lege sich ein Amphetamindunst über seine Sinne. Er ahnte es nicht, aber es lagen fünfzehn Jahre dieses Summens vor ihm.

Nervös vor Angst, sie nicht wiederzufinden, durchkreuzte Sam im Zickzack die mit Transparenten bewehrten Kontingente auf der Suche nach den Freunden. Joan Baez war auf der Bühne und stimmte gerade »We Shall Overcome« an, das im Sommer 1963 — eben als Nationalhymne akzeptiert — die Leute zu bewegen vermochte wie kein anderes Lied.

Er fand die Freunde bei Limonade unter der großen Ulme mit den schön gezackten Blättern, die sie den Friedensbaum tauften. Eilig huschte er neben seinen Freund John Barrett, der wie Sam etwas Selbstgebasteltes mitgebracht hatte — eine Lyra mit dem Panzer einer Schildkröte als Resonanzkörper nach dem Vorbild auf einer griechischen Vase.

»Ich habe mir in der Kongressbibliothek ein paar von Pounds Sendungen angesehen«, sagte er und gab John seine Notizen.

John sah sie sich an:

»Es kann sich niemand als Historiker des letzten halben Jahrhunderts qualifizieren, der nicht die Protokolle (der Weisen von Zion) gelesen hat.« 20.04.43

»Talmudische Juden, die gern alle anderen Rassen beseitigt sähen, die sich nicht unterjochen lassen.« 20.04.43

»Die amerikanischen Lynch-Gesetze haben ihren Ursprung im Ruin des amerikanischen Südens durch den Juden.« 15.06. 042

»Wenn ihr keinen Führer findet, dann werdet ihr womöglich auf einen gutherzigen Bayern oder Ungarn warten müssen, der euch von den New Yorker Juden befreit.« 06.03.42

»Ich sagte, die Republikaner hätten 1944 das ganze Judentum und seinen geballten Profit gegen sich.« 16.03.43

»Seit zwei Jahrhunderten, seit der viehische Cromwell ihn zurück nach England geholt hat, saugt der Itzig an euren lebenswichtigen Organen.« 15.03.42

»Der ganze Abschaum aus den ehemaligen europäischen Gettos hängt jetzt am Hals des amerikanischen Volkes.« 23.03.42

»Die USA werden weder sich selbst noch sonst jemandem nützen, bevor sie nicht den Itzig und Mr. Roosevelt los sind.« 11.03.42

»Hitler, der den Juden auf die deutsche Demokratie hat kotzen sehen, war es um Verantwortung ...« 20.04.42

John hörte zu lesen auf, weil der Zettel zu zittern begann.

»Und das sind alles Zitate aus den Sendungen?«

Sam nickte.

Er und John waren in jenem Sommer per Autostopp kreuz und quer durch die Staaten gefahren. Jeden Morgen, bevor sie losgetrampt waren, hatten sie Die Gesänge studiert; »Pfundige Runden« (Round Pounds) hatten sie diese Sitzungen scherzhaft genannt. John zerriss das Blatt, zerknüllte die Fetzen, warf sie Sam zu.

»Meiner Ansicht nach war der zwei Leute«, sagte Sam, »mindestens. Einerseits der Redneck aus dem antisemitischen Herzland, ein jähzorniger Typ, der nicht mit Mostrich zu genießen war. Aber auf der anderen Seite ein sensibler Typ, der ausgesucht schöne chinesische Naturlyrik schrieb.« Sams Wasserblase bescherte ihm ein Techni-Color-Bild von Pound in der Sendekabine, sein knorriger Bart vor einem jener Knollenmikros im runden Metallrahmen — ein tollwütig geifernder Hinterwäldler.

Pound war augenblicklich vergessen, als Talbot Jenkins zum Kreis der Lower-East-Siders stieß. Talbot kam eben von der Rednerbühne auf der Treppe des Memorials. Er hatte breite Schultern, einen mächtigen Wuschelkopf und merkwürdige Lider, durch die seine Augen irgendwie schräg wirkten; wegen all der Jahre, die man ihn bei seinem Kampf um die Integration des Südens geschlagen, in Handschellen abgeführt und mit Elektroschlagstöcken traktiert hatte, war er unter seinen Freunden als Talbot der Große bekannt.

Talbot der Große war in Harlem aufgewachsen, wo sein Vater Geistlicher und seine Mutter Chorleiterin einer Kirche war. Er hatte Football gespielt, als fullback, und er war ein Star gewesen, bis der Klan bei den Freedom Rides von ’61 an der Stadtgrenze von Birmingham den Bus überfallen hatte, in dem Talbot saß. Einer von ihnen hatte ihm mit einem Bleirohr das Knie demoliert und damit seiner angehenden Karriere als Footballprofi ein Ende bereitet. Selbst jetzt zog er das Bein noch ein wenig nach.

Talbot hätte am liebsten für den Rest seines Lebens einen Bogen um Birmingham gemacht, aber zwei Jahre später, im letzten Frühjahr, hatte man dazu aufgerufen, den hundertsten Jahrestag der Unterzeichnung der Emanzipationserklärung zu feiern — mit einem groß angelegten Versuch, Birmingham zu integrieren, wo eine bösartige weiße Machtclique dafür sorgte, dass die Stadt nach Rassen getrennt blieb, und zwar total. Man verwehrte Schwarzen jede Art von Arbeit außer Putz- und Dienstbotenjobs, und überall in der Stadt — über Wasserspendern und Imbisstheken, an Toilettentüren und in den Umkleidekabinen der Geschäfte — wimmelte es nur so von beleidigenden Schildern. Organisator war der Southern Christian Leadership Council unter dem Vorsitz von Martin Luther King, und Talbot folgte dem Ruf.

Die Presse berichtete darüber wie über einen Krieg; im Fernsehen und auch sonst überall waren die Bilder zu sehen. Die Welt sah, wie Kinder von Wasserwerfern niedergemäht wurden, wie Hunde sich in die Armen friedfertiger Leute verbissen, und das Foto eines Polizistenknies am Hals einer auf dem Gehsteig liegenden Frau; aus den Fenstern der Gefängnisse drangen Kirchenlieder aus Kinderkehlen.

Zunächst gab man Talbot ein Walkie-Talkie und setzte ihn als Koordinator auf der Straße ein. In der Brieftasche hatte er ein Foto des Mannes, der ihm das Knie zerschlagen hatte — nur für den Fall, dass er ihm noch mal über den Weg laufen sollte. Als die Organisatoren erfuhren, wie flink und gut er schrieb, kommandierte man ihn dazu ab, Flugblätter zu verfassen — Presseerklärungen und eilige Bulletins ans Justizministerium. Es waren verrückte Tage. Er schrieb und schrieb und schrieb, von früh bis spät. Er führte Tagebuch und fand sogar noch Zeit für Gedichte. Nach vierunddreißig Tagen Demos und Tausenden von Verhaftungen flog Talbot mit dem Manuskript seines ersten Gedichtbands zurück nach New York.

Jedermann dachte, man würde Talbot beim großen Marsch um eine Rede bitten. Er schrieb eigens ein Gedicht dafür und übte es insgeheim tagelang ein. Bei der Aussicht auf ein Publikum von einigen Hunderttausend jedoch ist das Gerangel ums Mikrofon groß und so war kein Platz für Talbots Gedicht. Talbot tat es lachend ab, aber seine Freunde regten sich auf. Als Talbot nun von der Rednertribüne zurückkam, sprach er von Zensur. Je größer die Menge, desto größer die Einflussnahme auf den Text. Mit Empörung hatte er gesehen, wie einer der Redner hinter der Bühne auf einer Reiseschreibmaschine seine Ansprache hatte umschreiben müssen. Der Mann hatte beabsichtigt, die Regierung Kennedy zu kritisieren, die im Süden rassistische Bundesrichter ernannt hatte. Außerdem hatte er Kennedys Vorlage zur Bürgerrechtsgesetzgebung angegriffen — sie sei zu lasch und komme zu spät.

Präsident Kennedy hatte am 11. Juni in einer Fernsehansprache über die Bürgerrechte gesprochen. Tags darauf hatte man in Jackson, Mississippi, Medgar Evers, einen Offiziellen der NAACP, ermordet. Am 19. Juni hatte Kennedy die Gesetzesvorlage dem Kongress vorgelegt. Die Kennedy-Brüder waren erst gegen den Großen Marsch gewesen; sie hatten befürchtet, dass er der Vorlage schaden könnte. Eine Gruppe von Organisatoren des Marsches hatte sich im Weißen Haus eingefunden und sie beruhigt. Man einigte sich darauf, den Marsch als »kreatives Lobbying« zu betrachten, er würde der Regierung allzu harte Kritik ersparen, und so hatte Kennedy sich denn bereit erklärt, sich dahinter zu stellen.

»Alles Bullshit. Liberales Gefasel«, schimpfte Talbot. »Ich habe einen Durchschlag. Sie wollten nicht, dass er die Wahrheit sagt — nämlich dass Kennedy im Süden tatsächlich rassistische Bundesrichter ernannt hat. Und dass die Bürgerrechtsvorlage nun mal zu lasch ist und zu spät dran. Sie ist ein Teller trockenes, bröseliges, unfertiges liberales Gebäck — und der Teller hat einen Sprung.«

So um die Zeit hatte die Demo einen Durchhänger wegen einiger langweiliger Reden, und so verteilte Sam seine Zeitschrift, spazierte um den Friedensbaum und drehte dabei Drei-Minuten-Rollen 16-mm-Film mit seiner Bell & Howell. Als Mahalia Jackson »I’ve been ’buked and I’ve been scorned« zu singen begann, kam Talbot herüber zu Sam. »Als Nächster kommt King.«

Sam hatte Martin King nie sprechen hören. Er war bereit, ihn höhnisch abzutun, da er die Art Predigerkamellen erwartete, die er auf anderen Bürgerrechtsmärschen in zahllosen Kirchen des Südens gehört hatte.

Er hatte die menschliche Stimme nie für ein Machtinstrument gehalten, aber er hatte auch noch nie eine Rede wie diese gehört. Es war Blakes »Stimme des Barden, die Vergangenheit und Gegenwart sieht«. Sie sorgte an jenem Tag für eine wunderbare Einigkeit unter der Menge. Hoch über den Lautsprechern war die mächtige Statue des sitzenden Lincoln zu sehen. Sam spürte ein Kribbeln auf der Haut, ein Prickeln, die Härchen stellten sich auf.

King war noch nicht einmal bei der Hälfte seiner Rede angelangt, da standen Sam und seine Freunde im Halbkreis unter dem Friedensbaum und hielten einander an den Händen — Sam, Rebecca Levy, Cynthia Pruitt, John Barrett, Louise Adams, Claudia Pred, Talbot der Große, Nelson Saite und Kameraden vom Living Theatre, dem Committee for a Non-Violent World und dem Catholic Worker.

Sam sah sich um und wünschte sich, jede einzelne Hand in dieser Menge aus allen Winkeln der Vereinigten Staaten halten zu können. Dann entdeckte er eine Gruppe von Männern, die zwischen den Demonstranten herumhuschte. Hier und da blieben sie kurz stehen, beugten sich über Leute, die sich gesetzt hatten, und machten dann eine merkwürdig ruckartige Geste in Richtung ihrer eigenen Nase. Was war da los? Die Gruppe kam näher, und Sam sah die weißen Ringe ihrer Armbinden und die schwarzen Hakenkreuze darauf.

Sie kamen am Friedensbaum vorbei. Einer der Nazis gab leise Laute von sich, so als spucke er aus, und beschimpfte sie flüsternd. Mit zwei zusammengelegten Fingern machte er vor manchen Menschen, die er offenbar für Juden hielt, ein lange Nase. Aber alle lauschten King, und niemand wollte sich ablenken lassen.

Sam war wütend. Er konnte nicht tatenlos zusehen, wie diese teuflischen Ofenschergen alles verunglimpften, was ihm lieb und teuer war. Jemand musste ihnen die Stirn bieten. Er schulterte die Kamera in genau dem Augenblick, als King sagte: »Juden und Christen, Protestanten und Katholiken werden fähig sein, einander die Hände zu reichen und die Worte des alten Negerspirituals zu singen. Endlich frei! Endlich frei! Dank sei Gott, dem Allmächtigen, wir sind endlich frei!«

King war fertig; das Tosen einer meilenweiten Muschelschale hob an, und die Ofenschergen huschten davon. Talbot und Nelson eilten einem der Grüppchen nach, Sam einem anderen.

Sam musste an Ezra Pound denken, als er hinter den Heizern des Teufels hertrabte. Pound, der ihm geholfen hatte, Dichter zu werden. Pound, auf den er sich einst verlassen hatte, wann immer Kraft und Ideen für die kreative Revolte angesagt waren. Pound, der ihn in der Kongressbibliothek im Stich gelassen hatte.

»Ich habe was sehr Wichtiges von dir gelernt, Ez«, sagte Sam vor sich hin und blieb dann stehen, um eine der Hakenkreuzbinden zu filmen.

Er schrie auf eine Art auf die Nazis ein, die nicht gerade im Geiste von Gandhis Gewaltlosigkeit war: »He, ihr Drecksnazis! Wisst ihr eigentlich, was für Kroppzeug ihr seid? Kommt her, ich hab hier was für euch, ihr Kotzbrocken, ihr dreckigen!«

Das schien zu genügen, um sie zum Umdrehen zu bewegen; sie kamen auf Sam zu, und seine Kamera bannte alles auf Zelluloid.

»Tod allem Nazigesocks!«

Das brachte die Stiefel ins Spiel. Sam rollte sich auf der Erde herum, um Bauch und Kamera zu schützen. Dummerweise exponierte er dabei die Nieren, und einer der Ofenschergen erwischte ihn.

Ein anderer hob den Stiefel, um ihm die Rippen einzutreten, also rappelte Sam sich wieder auf. Zu dem Zeitpunkt war die Parkpolizei eingetroffen, und die Ofenschergen suchten eilig das Weite. Einige wurden geschnappt.

Sam schrie hinter ihnen her. Er versuchte sich an die alte Quäkerweisheit zu erinnern, nach der der »Geist der Versöhnung etwas Überwältigendes« ist oder so ähnlich, aber so sehr ein Teil von ihm die Armbinden zu transformieren versuchte, der Rest hätte am liebsten das Messer gezückt. Die Sentenz fiel ihm einfach nicht ein.

Er sah sich von seinen Freunden getrennt, als er den Polizisten folgte, die die Nazis abführten. »Nazikotzbrocken! Nazigesocks!«

Er hielt nicht genügend Abstand. Die Polizisten verwarnten ihn; einer der Ofenschergen stürzte sich auf die Kamera, und dann nahm man auch noch Sam fest. Seine Freundin Cynthia Pruitt hatte ihn im Auge behalten, und sie erlaubten ihm, ihr Kamera und Tasche zu geben, wofür er mächtig dankbar war; nur ungern hätte er die nagelneue Ausgabe von Dope, Fucking and Social Change in den Akten des FBI landen gesehen.

Dem verhafteten und unter die Nazis gefallenen Sam schien Cynthia wie eine Vision aus dem Paradies. Sie war barfuß, die ausgefransten Säume ihrer Jeans hingen ins lange Gras; die Bluse hatte sie zu einem BH hochgeknüpft, wegen der Hitze; eine Feldflasche hing von einer der Schlaufen an ihren Jeans. Das Haar war sicherheitshalber mit einem Halstuch zusammengerafft, der provisorischen Gasmaske jener Zeit. Für einen Moment trafen sich ihre wilden Blicke. Nie würde er ihr Lächeln vergessen, die abgesprungene linke Ecke ihres linken Schneidezahns, den richten zu lassen ihr die Knete fehlte. Sie bückte sich, und Sam sah ihre hübschen Nippel aufblitzen, als sie seinen hellgrünen Feldhut aufhob, der auf der Erde gelandet war. Sie setzte ihn auf, und der rotweiße AHIMSA-Button hatte offensichtlich eine beruhigende Wirkung auf ihn.

Sam stellte sich tot, und zwei Bullen trugen ihn fort. Er ließ den Kopf nach hinten hängen und sah sich schlagartig mit einem verkehrten Blick auf das Washington-Monument konfrontiert. Der weißgraue Obelisk nahm sich aus wie ein hyperrealistisches Gemälde: Die beiden Außenkanten bildeten eine titanweiße Doppellinie, die an der Spitze vor dem milchigen Blau des Himmels zusammenlief — lange, dünne Striche, die mit dem Streichmesser aufgetragen waren.

Während man ihn davontrug, konzentrierte er sich auf zwei dunkle Aussichtsfenster an der Spitze des Monuments, die für eine erschreckende Sekunde wie die Augen in einer himmelhohen Klanskutte aussahen.

Noch Jahre später konnte er sich lebhaft an die bestürzende Vision der riesigen Klanskutte erinnern, und mit dem zeitlichen Abstand sah er, dass es tatsächlich so etwas wie eine ungeheure Klanskutte gewesen war, was da im Amerika des Jahres 1963 das schöne Wetter zu verdüstern versuchte.

Zusammengeknüllt wurde Sam Thomas in die Wanne geworfen. Bevor die Tür zuschlug, hatte er gleich noch eine bestürzende Vision: Er sah das Gesicht des Geheimpolizisten J. Edgar Hoover über sich schweben, das — wie ein toter Karpfen an der Mündung einer Kloake — über den Himmel gepflastert war. Eine Zeit schieren Irrsinns würde Amerika in große Gefahr bringen. Er hörte das statische Knistern in Gehirnen, die des Wahnsinns Beute geworden waren, und sah ganze Dörfer unter Tieffliegern in Flammen aufgehen.

DER SCHLEMIHL DER HAPPENING STREET

Er hiess Harry Summers, war aber für alle nur der Schlemihl der Happening Street. Er war Maler, verdankte seinen kometenhaften Aufstieg jedoch seinen Happenings. Harry gehörte zu einer Gruppe von Malern, bei denen die Leidenschaft für die Leinwand sich mit Hunger nach der Arbeit mit Live-Publikum paarte. Es war die Paint-Perf-Ära, die Zeit der Maler mit dem Hang zur Performance, im Gegensatz zur Perf-Po-Bewegung — den Performance-Dichtern — späterer Jahrzehnte.

Der Schlemihl der Happening Street war er deshalb, weil bei ihm immer etwas schief ging, und das gewaltig, aber fast immer war gerade diese Panne für das Happening die brillante Wende hin zum Triumph. Vornehmlich inszenierte die Happening-Bewegung damals glasklare apollinische Spektakel, die mit ruhiger Hand und durchschaubarem Faden genäht waren. Wir befinden uns in der Dekade, in der man entdeckte, dass man Furore machen konnte, indem man auf klare baumelnde Plastikplatten malte, zeichnete, was auch immer, davor Stühle aufstellte, einen Cellisten auf Rollschuhen anheuerte oder ein Tonband mit Straßenlärm laufen ließ.

Harry genügte das nicht. Für ihn war das nichts, Performances in eleganten Räumen — die Stille zwischen den Aktivitäten erinnerte ihn an einen Schluck Wein zwischen zwei Gängen. »Zum Teufel mit dem Wechselspiel von Licht und geometrischer Form!«, rief er. »Wir wollen Schweiß!« Für gewöhnlich den des Publikums, das kam, um sich Harrys ganz eigene Art von wildem Spektakel anzusehen. Er nannte es »REGA«, für »Raw Energetic Gestaltic Absolute«. Veranstaltet wurden diese Roh-Energetischen Gestalt-Absoluta fast ausschließlich in der Neunten Straße Ost zwischen den Avenues B und C; für die Lower East Side war die Straße deshalb die Happening Street.

Harry Summers war der einzige Happening-Künstler, der sich auch nur in die Nähe von Buhrufen und Pfiffen wagte. Marinettis Manifest, in dem vom »Vergnügen, ausgebuht zu werden« die Rede war, hatte eine große Wirkung auf ihn gehabt. Nach einigen Experimenten in Sachen Performance-Painting hatte er festgestellt, dass sich wahrscheinlich nichts machen ließ, was die Glanzzeit der Performance-Skandale, als das Publikum noch mit Kartoffeln geworfen hatte, zurückgebracht hätte. Nichtsdestoweniger versuchte er es. Ihn reizte dieses coole Publikum aus Beats, Arm und Reich, das sich praktisch alles ansah, ohne den Mund aufzumachen. Vielleicht hatten die grausigen Exzesse dieses Jahrhunderts — die Kriege, die Bomben, die Auswüchse des Bösen — alle Kartoffeln absorbiert.

Als Harry Summers feststellte, dass das Publikum der frühen sechziger Jahre sich nicht zum Aufruhr bewegen, ja noch nicht einmal aufbringen ließ, öffnete er in Liebe und Freundschaft die Arme. Er entspannte sich. Er hatte ein gutes Gefühl in Bezug auf die geistige Verfassung derer, die seines REGA wegen in die Neunte Straße Ost kamen. Wie er feststellte, war die Freude umso größer, je sichtbarer er bei seinen fantastischen Mal-Happenings war. Er inspirierte die Passiven wie die Tragi-Zyniker. Er verlieh Energie. Er machte verdrießliche Banker und selbst die Bittersten unter den bitteren Scheißern der Kunstszene zu spontanen Akteuren.

Stets war er mit Farbe bekleckert — die Kleidung, das Gesicht wie das Haar. Sie vermischte sich mit dem Schweiß seiner Performances zu leuchtend bunten Rinnsalen. Seine Hose war immer am Rutschen. Nie ging er lediglich — für ihn herrschte immer Rushhour. Er stolzierte daher wie eine fußlahme Ente und mit jedem Schritt stieg der Mond aus der Hose, die wieder ein Stückchen sank. Seine Augenhöhlen waren viel zu groß für die Augen darin, sodass sich sein blaugrünes Freudestrahlen wie das Licht zweier Ministablampen aus den finsteren Tiefen einer Höhle ausnahm, wann immer er sein Publikum dazu zu bewegen versuchte, in den »Geist des REGA« mit einzufallen; und stets experimentierte er dabei mit der ebenso feinen wie peinlichen Trennlinie zwischen dem »du kannst beim Happening mitmachen« und dem »du wirst«. Die Happenings waren ein Tonikum für Harry, sie bedeuteten schieres Glück; sie hoben ihn in solche Höhen, dass er in der Verzweiflung, die unweigerlich folgte, entsprechend tief fiel. Wenn Harry down war, und das war er nicht selten, bewegte er sich in einer dumpfen Welt flackernden Zwielichts, einer Axt schmerzloser Migräne. Aus diesem Grund machte er zwei Shows pro Monat, um sich sein high zu bewahren.

Einer der Gründe, weshalb er bei seinen Happenings zu einem derart sichtbaren Teilnehmer wurde, war der, dass es bei seinen Spektakeln ständig etwas zu richten gab, wenn etwa ein Diffusorschirm umzufallen oder der Stapel Warzenmelonen vom Fließband ins Publikum zu rasseln drohte. Dann sprang er vor und — schwitzend vor Freude und Zorn — richtete er die Aberration.

Die Kunstjournale berichteten fasziniert über diese Events. Ein legendäres Happening widmete sich der Frage: »Warum sollte man nicht auf Pfannkuchen laufen können — Riesenpfannkuchen —, während sie backen?« Einige von den Spezialschuhen, die Harry dafür entwarf, fingen mittendrin Feuer, und die flambierten Füße panischer Teilnehmer wurden geradezu legendär.

In der Dynamit-Sonate arbeitete er mit Sprengstoff, den er unter einer Reihe schwerer Metallplatten platzierte, wie man sie auf Baustellen beim Sprengen benutzt. Harry brachte auf den Platten Gemälde an, dann zündete eine Reihe von Assistenten per Fernzünder die Ladungen so, dass das Ganze die rhythmische Begleitung zu einem frühen Stück elektronischer Musik abgab. Während der Proben hoben sich die Metallplatten einen halben Meter vom Boden und fielen dann — mit einer gefälligen Staubwolke rund um die Gemälde — wieder zurück. Während der eigentlichen Performance kam dann alles ganz anders, die Rhythmusspur der Explosionen sprengte ein Hauptwasserrohr und brachte eine Mauer zum Einsturz, hinter der ein winziger jüdischer Friedhof aus dem Achtzehnten Jahrhundert zum Vorschein kam.

In seinem Stück Wer ist der Puppenspieler? ließ man über dem Publikum dicke, mit Schnellkleber bestrichene Schnüre von der Decke, die, während die Leute von der Action um sie herum abgelenkt waren, fieserweise trockneten, was sie in einigen Fällen unzertrennlich mit Anzugjacketts, Überwürfen, Holzfällerhemden oder Beat-Generation-Leder verband. Und dann waren da noch die Wunder. Die Griechen, die die Zukunft gern durch Beobachtung von Vögeln weissagten, hätten ein Staatsereignis darin gesehen, als — wie bei einem von Harrys Happenings — praktisch alle zweihundert Tauben, die man über einer riesigen schwarzen Leinwand freiließ, auf einmal kackten.

Harry Summers brachte etwas Einzigartiges in die Geschichte der Happenings ein und zwar das Konzept der »gefährlichen Kunst«. Das sprach sich herum, und so zog er ein ganz eigenartiges, gefahrenorientiertes Publikum an. Man sah geradezu, wie sie ruhig — und im Kollektiv — ihre Chancen berechneten, wann immer etwas schief zu gehen begann; jeder hatte seinen ganz persönlichen Augenblick, in dem es Zeit wurde, schreiend und drängelnd in Richtung Ausgang zu fliehen. Zu Harrys Anerkennung muss man freilich sagen, dass nie jemand verletzt wurde.

Trotz dieser ungeplanten Zwischenfälle verliefen Harrys Paint-Performances nahtlos. Und er war mittendrin; wie ein Balletttänzer sprang er über den Set. Die Bandmaschine wollte nicht, schon zischte Harry los, drückte jedem der Anwesenden ein Telefonbuch in die Hand und rief: »Sing!« So kam auch das erste »Telefonbuch-Simultan« in einunddreißig Stimmen in der Geschichte der Happenings zustande, bei dem man sich durch die A’s von Manhattan sang. Auch Nacktheit taugte hervorragend, um die disparaten Elemente eines Happenings zu verschmelzen. Und es gab sie nicht zu knapp, Männer wie Frauen. Und die Nackten standen nicht einfach nur rum, Harry ließ sie tanzen, von Balken baumeln, ja sie umarmten einander sogar. Was Kartenverkäufe anging, war das ein todsicherer Anreiz, wenn auch 1963/64 einer, der mit Prozessen verbunden war — verdeckte Ermittler oder Typen von der Staatsanwaltschaft kamen vorbei, um sicherzustellen, dass es nicht zu illegalen Berührungen, Ständern, klitoralem Gefummel, Blasmusik oder gar Geschlechtsverkehr kam.

Harry hatte einen Assistenten namens Sweat Brow Bill. Dieser war in dem Maße ordentlich, in dem Harry chaotisch war, und ebenso unermüdlich. Seine Markenzeichen waren eine Brille mit Bernsteingestell — mitsamt versteinerten Käfern — und sein langes, hellbraunes Haar, das er in zwei Pferdeschwänzen trug. Sweat Brow Bill war der Archivar. Er sah zu, dass Plakate eingemottet wurden, und zwar beschriftet, dass die Produktionsskripts gesammelt, Fotos gemacht und aufbewahrt und Presseverlautbarungen und Rezensionen fein säuberlich in Alben eingeklebt wurden; er brachte Gemälde zum Restaurieren.

Unermüdlich sondierte Sweat Brow das Publikum nach Leuten, bei denen Harry Requisiten unterbringen konnte, Kostüme, Bühnenbilder, ja selbst zerlegbare Bühnen und Beleuchtungsanlagen. Und das klappte. In ganz New York gab es Leute, viele Leute, die ihre Unterkünfte mit Harrys Kram vollgestellt sahen, alles sorgfältig beschriftet, indiziert, mit Querverweisen und in Kartons. Am Tag einer Paint-Perf düste man dann eilig im Taxi von einem Stadtteil zum anderen, um die benötigte Ausrüstung zusammenzuholen.

Eines Nachmittags bereitete Harry ein Gebäude für eine Produktion vor: Die Schönheit geschaffener Dinge — Ein Happening in der East Ninth. Crew und Ensemble waren versammelt, darunter Sweat Brow Bill, Cynthia Pruitt, John Barrett und Sam Thomas. Die beiden Letzten sollten gleichzeitig aus ihrem Werk rezitieren, und Harry war von Cynthia fasziniert, die gekommen war, um ihren Liebhaber Sam Thomas auftreten zu sehen. Cynthia war nach New York City gekommen, um freiwillig in asketischer Armut beim Catholic Worker zu dienen. Ihre Operationsbasis war ein Haus in der Nähe der Bowery, in dem man die Zeitung machte und Mahlzeiten an Arme und Obdachlose ausgab. Für den Worker hatte sie sich als etwas zu mannstoll erwiesen und so wohnte sie jetzt allein. Harry Summers konnte es kaum erwarten, Cynthia in der Schönheit geschaffener Dinge für ihn die Kleider abwerfen zu sehen. Sie allerdings zögerte, ja genauer gesagt sträubte sie sich.

Immer wieder fragte man Harry nach seiner Leidenschaft für die East Ninth, eine Slumstraße, die sonst nur für den Geruch von Armut und gedünsteten Zwiebeln bekannt war. Nun, er mochte sie einfach — ihre Häuser, ihre Gassen, ihre Keller —, überall fand er herrliche Winkel, Pfosten, Mauern, interessante Fensterrahmen, Dächer, die groovy waren. Nachdem er sich ein Haus ausgesucht hatte, überzeugte er Bewohner und Hausmeister ihn machen zu lassen. Er nannte das »ein Haus machen«. Zwei-, dreimal fuhr er ins ländliche New York hinaus oder nach Long Island, um »eine Scheune zu machen« oder ein Herrenhaus; später im selben Jahrzehnt »machte« er dann eine Kommune.

Das neue Happening sollte in einem verborgenen Hinterhof stattfinden, der zwischen einem Wohnblock vorn und einem kleineren Wohnhaus dahinter gelegen war. In der Mitte des Hofs befand sich ein Halbkreis stehender Vorhänge um einen geheimnisvollen »Tunnel nach Nirgendwo«, den die Teilnehmer krabbelnd oder im Entengang betreten sollten. Außerdem hatte Harry einen alten hölzernen Wasserturm auf Metallpfeilern in den Hof schaffen lassen. Geplant waren Musik, gefällige Körperlyrik und »ein Geheimnis«, wie Harry versprach.

Harry hatte den Tunneleingang mit einer Art Flickendecke ausgelegt, auf der man eine Schräge mehr oder weniger hinabrutschte, bevor man in den eigentlichen Tunnel gelangte. Er überredete Cynthia Pruitt zu einem Probekriechgang — zusammen mit ihm. Sie waren eine ganze Weile unten, was die Probe aufhielt. Alle gingen davon aus, dass die beiden es trieben. Oder auch nicht. Schließlich kam unter dem donnernden Applaus des Ensembles eine nackte Cynthia aus dem Tunnel. Hinter ihr folgte Harry Summers, der sich den Strick um die Hose zu knoten versuchte. Dann stellte Cynthia sich Sam Thomas und starrte den Freund in Grund und Boden, ein Blick, der unter den Frauen der Beat-Generation zum Klassiker geworden war.

Inzwischen traf unweit der Generalprobe, in einer Wohnung an der Avenue A, die Schwiegermutter ein. Wie immer war sie lautlos die vier Treppen nach oben geschlichen, bis an die mehrfach verriegelte Wohnungstür; sie hatte eine Reihe von Einkaufstüten voller Geschenke für ihre Tochter und die Kinder dabei. Die Empfänger nannten sie CARE-Pakete, und heute enthielten sie Kinderkleidung von der reichen Tante Shifrah, zwei Packungen Streit’s-Matzen mit Schokoglasur, ein Sortiment zugeklebter Kascha-Packungen, viele — womöglich zu viele — Dosen Erbsensuppe, ein Riesenglas Zuckerbirnen, Milch, Eier, Obst, Glühbirnen, Zeitschriften, Spielsachen und Zwirn.

Meist fielen die Besuche der Schwiegermutter kurz aus, und der dreckige Beatnik — oder D.B., wie Maries Familie in Queens ihn nannte — verzog sich in eine Kneipe oder hinauf in das Schreibzelt auf dem Dach und wartete ab. An diesem Tag jedoch sollte Schwiegermama bis gegen Mitternacht bleiben. Schwiegerpapa wartete für gewöhnlich draußen oder patrouillierte das Viertel in seinem Buick, weil er sich weigerte, den »verantwortungslosen Beatnikstrolch« auch nur zu sehen, der seine Tochter in einen Slum geholt hatte, dem zu entrinnen sogar drei Generationen von Greenhorns — den Flüchtlingen vor Pogromen und Krieg aus dem Schtetl — gelungen war. An dem Tag hatte er geschäftlich in Manhattan zu tun, und die Schwiegermutter wollte währenddessen in die Avenue A.

Die Besuche von Schwiegermama waren üblicherweise mit einer ganzen Reihe temporärer Tumulte verbunden. Immer regte sie irgendetwas auf. An diesem Tag beschäftigte sie der Zombieblick der Zwillinge, denen sie die neuen Spielsachen gab, ein Phänomen, das ihr arg zu schaffen machte. Irgendetwas stimmte da nicht. Sie waren teilnahmslos. Müde. Ihre Augen die von Zombies. Die armen Kleinen! Was war da los? Waren sie erkältet? Sollten wir nicht Fieber messen?

Das Schuljahr hatte gerade angefangen, und die Schwiegermutter sah nicht, dass es sich da um ein Leiden handelte, das unter Kindern der Beat-Generation keine Seltenheit war. Die Zwillinge waren gerade in den Kindergarten gekommen. Ihr ganzes Leben lang hatten sie ihre biologische Uhr nach dem Rhythmus der Eltern gestellt, mit anderen Worten: Sie schliefen von fünf Uhr morgens bis mittags um eins; jetzt zerrte man sie zu ihrem Entsetzen um sieben oder acht Uhr früh aus ihrem Stockbett und sie würden noch einige Wochen zu leiden haben, bevor ihr Schlafzyklus sich angepasst hatte.

Marie erklärte Schwiegermama das alles, während sie die verderblichen Sachen aus den CARE-Paketen in den Kühlschrank packten, an dessen Tür ein Plakat für Die Schönheit geschaffener Dinge — Ein Happening in der East Ninth geklebt war.

Der D.B. ging mit Marie zurate. Warum die Schwiegermutter nicht auf das Happening mitnehmen? Sie hatten schließlich alles geplant, sie hatten einen Babysitter, und ihre Freunde aus dem Ensemble erwarteten sie. Der Schwiegermutter war es egal, solange sie nur um halb zwölf wieder da war, wenn ihr Mann sie abholen kam. Sie bereiteten sie schon mal schonend auf entblößte Brüste und Genitalien vor, was ihr auch egal war, solange ihr Gatte es nicht erfuhr.

Der Hinterhof war gerammelt voll. Das Publikum saß auf Stühlen und stand auf den schmiedeeisernen Treppen, die ins Vorder- und ins Hinterhaus führten. Alles war bereit — der Tunnel nach Nirgendwo mit den Vorhängen davor befand sich in der Mitte; den Eingang beleuchtete eine Neonskulptur. Rechter Hand stand die Dichterbühne und gleich hinter dem Tunnel der Wasserturm.

Und dann ging es los. Es war nett. Die Schwiegermutter, Marie und der D.B. saßen direkt am Geschehen in einer Stuhlreihe neben den renommiertesten Künstlern und Schriftstellern von Lower New York. Sam und John Barrett begannen ihre Gedichte zu schreien, und Cynthia Pruitt und einige andere nackte Künstler fingen an, im Kreis um den Tunnel nach Nirgendwo zu marschieren, wobei sie mit Taschenlampen Arabesken auf die Vorhänge malten. Mit einem Mal zischte es — ein Kurzschluss im Transformator, der die runde Neonskulptur um den Eingang zum Tunnel speiste, Funken flogen, und die Vorhänge fingen Feuer.

Kein Problem, sie wieder zu löschen. Harry kippte einige Eimer Wasser und Sand darüber. Das Event sollte eben weitergehen, als sich plötzlich die Beine des Wasserturms zu spreizen begannen, dann rutschten sie unter dem Krachen von splitterndem Holz weg. Der Turm enthielt die geheime Komponente des Happenings: sieben Tonnen Wackelpeter mit Himbeergeschmack.

Die Lichter zischten ein letztes Mal, es schäumte, ein Plopp!, ein Peng!, dann war es finster. Harry Summers lief mit einer Taschenlampe ins Chaos und die aufgeregte — und nackte — Cynthia Pruitt hinter ihm drein; sie versuchten die Leute zu beruhigen, als die Holzdauben des Wasserturms platzten und die Götterspeise aus dem Tank geschossen kam.

Eine Stimme brachte den allgemeinen Konsens der Versammelten auf den Punkt: »Bloß weg hier!« Dann begann die Stampede.

Die Schwiegermama sah sich von Marie und dem D.B. getrennt und fand sich schließlich neben Harry, der sie beim Arm nahm und ihr in die Hocke und in den Tunnel nach Nirgendwo half. »Der einzige Ort, wo wir sicher sind«, sagte er ihr.

Schreie waren zu hören und Harrys Taschenlampe fuhr wie wild hin und her. Die Schwiegermutter warf einen Blick auf das Schild über dem Eingang, als sie in den Tunnel zu krabbeln begann: EINTRITT $2, NACKTE UMSONST.

Was Harry und die Schwiegermama da betraten, war der legendäre »Tunnel der Neunten Straße«. Harry hatte ihn wiederentdeckt. Er hatte von ihm gehört, aber kein Mensch wusste, wo er sich befand; erst ein hundertjähriger Hausmeister aus der Avenue C hatte die Info für ihn. Er führte unter der Neunten Straße zu dem entsprechenden Hof auf der anderen Seite, und angeblich hatte er der Underground Railway zur Rettung von aus der Sklaverei entflohenen Schwarzen gedient.

Inzwischen traf massenhaft Polizei ein. Es wurde unheimlich auf der Straße: die blinkenden Lichter, Sirenen, das rasche Öffnen und Zuschlagen von Türen. Ein Notstandsgebiet. Wie es schien, waren die sieben Tonnen Götterspeise rasch ausgelaufen, und zwar gefährlicherweise in den Tunnel nach Nirgendwo. Darüber hinaus war offensichtlich auch noch ein Stück der Tunneldecke eingebrochen, und gleich am Eingang hatten sich im Hinterhof die Zementplatten gesenkt.

Die Feuerwehrleute versuchten, den Weg freizubekommen. Nur Sweat Brow Bill wusste, dass der Tunnel unter die Straße führte. Aber auch er wusste nicht, wohin. Er, der D.B. und Marie suchten die Straße ab, Lücke für Lücke, Keller für Keller, Flur für Flur, auf der Suche nach Harry Summers und der Schwiegermama. Wo steckten die bloß? Hatten Götterspeise und Steine die beiden erdrückt?

Dann tauchten aus der Dunkelheit der Straße Harry und die Gesuchte auf, kamen, über die kalten, nassen Schläuche steigend, am Spritzenwagen vorbei. Marie wischte sich eben die Freudentränen aus den Augen, als die Schwiegermutter sagte: »Wir bringen ein paar von Harrys Sachen bei uns unter, ein paar Requisiten.«

»Draußen in Queens?«

»Warum nicht? In der Garage haben wir Platz.«

T ALBOT GEHT NACH BIRMINGHAM

Um vier Uhr morgens klopfte es bei Sam. Talbot Jenkins stand draußen, zitternd, stotternd, eine Träne lief ihm langsam über die Backe und glänzte im Schein der Kerzen, die Sam mangels Stroms nachts ansteckte; als sie die Bartgrenze am Kiefer erreichte, machte sie einen jähen Schwenk und benetzte das Haar auf dem Kinn. Keine Spur von seiner bekannt coolen Art. Leise schimpfte er über etwas namens »Slage«, vielleicht auch »Slaize«, Sam war sich nicht sicher. Kurz bevor er wieder ging, wurden seine Worte deutlich und fest: »Ich bringe einen aus dem Klan um«, sagte er. »Hier ist ein Brief für meine Mutter, falls was schief geht.«

Sam sagte erst gar nichts. Er lebte nach der Maxime, das Verhalten seiner Freunde so selten wie möglich infrage zu stellen, und so kam das hallende Klicken von Talbots Absätzen schon vom unteren Ende der Treppe aus Stein und Metall, als Sam den Kopf schüttelte: Das ist doch Wahnsinn. Dann lief er auf die Straße hinunter. »Wie willst du denn da runterkommen? Brauchst du Geld?« Fieberhaft überlegte er nach einem coolen Weg, seinen Freund zu bremsen. Talbot antwortete nicht. »Vielleicht sollten wir im House of Nothingness bei einer Tasse Tee darüber reden, Mann. Die haben wahrscheinlich noch offen ...«

Talbot wollte sich nicht bremsen lassen. »Das Stück Scheiße jag ich in die Luft«, sagte er. »Genauso, wie sie die Mädchen in ihren Gewändern in die Luft gejagt haben.« Zu früh hatten sie die Ecke Vierzehnte und First Avenue erreicht, wo Talbot in der U-Bahn verschwand. Sam stand schweigend da und überlegte, was er machen sollte. Da war nichts zu machen. Talbot ging nach Birmingham und damit hatte es sich.

Sam ging an einem Kiosk vorbei, der die ganze Nacht offen hatte, und kaufte sämtliche Zeitungen — die Times, die Post, den Mirror und die Daily News — und ging dann rüber zum House of Nothingness, in den geharkten weißen Sand im Innenhof, wo man die Stühle auf die Tische zu stellen begann, während er über das Grauen las.

Die vier Kinder waren aus Ella Demands Sonntagsschule gekommen; das Thema der Stunde: »Liebe, die vergibt«. Sie waren in den Keller gegangen, um in ihre Chorgewänder zu schlüpfen, und saßen in weißem Satin auf dem Sofa, als es geschah.

Unvorstellbar — Kinder in ihren Chorgewändern in Fetzen gesprengt! Für Talbot Jenkins war es umso schrecklicher, als er praktisch in einem Chorgewand aufgewachsen war in Harlem, wo seine Eltern eine Kirche leiteten. Sein Vater war der Geistliche, seine Mutter stand dem Chor vor. Selbst jetzt noch legte Talbot hin und wieder seine Satinsachen an, um zu Ostern oder Weihnachten in der Messe zu singen.

Stunden, nachdem er mit Sam gesprochen hatte, hob Talbot Jenkins seinen Koffer auf eine hölzerne Barrikade vor der Baptistenkirche in der Vierzehnten Straße und starrte dann die zerschmetterten, bombengeschwärzten Reste der Buntglasfenster an. Er kochte vor Zorn. Er kniff die Augen zusammen, bis sie so gut wie geschlossen waren, und dachte an die Graffiti, die Gangs aus der Lower East Side neben ihren Namen an die Wände sprühten: »DTK« für »Down to Kill« — bereit zu töten. Genau das würde Talbot unten in Birmingham sein: DTK — Leben für Leben, Dynamit für Dynamit.

Talbot ging hinein und fuhr dort mit den Fingern die gezackten Buntglasscherben in einem der Fensterrahmen entlang. Er kniete nieder, ohne die Finger von den Zacken zu nehmen, und sprach ein Gebet. Das Zittern, der Kummer, der Zorn vermengten sich mit dem Blut an seinen Händen, als er die Scherben umschloss.

In der Tasche hatte er einen Zettel mit einem Namen darauf: Ethrom Slage, Chef einer Ortsgruppe des Klans in der Nähe von Birmingham. Slage hatte damals, 1961, an dem Tag, als man auf einem Trailways-Bahnhof in Birmingham Talbots Bus mit Freedom Riders überfiel, ein Bleirohr geschwungen. Slage hatte Talbots angehender Karriere als Footballprofi mit einem brutalen Schlag aufs Knie ein Ende bereitet.

Talbot hatte Slages Namen von den Typen aus dem Justizministerium, die Kennedy im Frühjahr des Vorjahrs geschickt hatte, um die Demonstrationen zu verfolgen. Sie hatten sich lange geweigert, ihm Auskunft über die Identität des Mannes auf dem Foto zu geben, das Talbot ihnen zeigte, aber er war so hartnäckig, dass schließlich einer von ihnen Slages Namen auf den Zettel schrieb, der sich jetzt in Talbots Tasche befand.

Talbot hatte eine Sammlung von Fotos von Slage, wie er auf Demos über Leute herfiel. Slage schwang sein Bleirohr quer durch den Süden, obwohl Kennedys Justizministerium ihm mit einer Klage gedroht hatte, sodass er es ’63 nicht mehr ganz so offensichtlich trieb wie ’61. Talbots Ansicht nach hatte Slage umgesattelt und sich von Bleirohren auf Dynamitstangen verlegt. Aber damit war jetzt Schluss. Talbot war DTK.

Talbot besorgte sich eine Pistole, deren Herkunft nicht zu verfolgen war, und einen Wagen von jemandem, der nicht das Geringste mit den Bürgerrechtsgruppen der Stadt zu tun hatte. Falls man ihn erwischte, so wollte er nicht, dass jemand aus der Bewegung Probleme bekam.

Talbot brach auf einer Baustelle ein, wo er das Schloss wegschoss und einen Karton Dynamit mit einigen Sprengkapseln stahl. Er wusste, was er tat; er hatte mit seinem Onkel in der Bronx Abrissgebäude gesprengt. In dem Koffer, den er aus New York mitnahm, befanden sich Drahtrollen und ein batteriebetriebener Detonator.

Am späten Vormittag desselben Tages fuhr er an Ethrom Slages Farm einige Meilen außerhalb von Birmingham vorbei. Er hatte sich einen Wagen besorgt, der alt genug war, um damit eine Panne vortäuschen zu können, und hatte ein Zündkabel abgezogen, sodass er auf nur fünf Zylindern dahinhustete. Etwa hundert Meter weiter blieb er stehen, öffnete die Haube und prägte sich, während er vor sich hinbastelte, den Grundriss des Anwesens ein.

Er hatte eine unansehnliche Ansammlung halb verfallener Gebäude vor sich, darunter das Farmhaus der Slages, das an einer Ecke aufgebockt war; der Garten war ein Chaos: Automotoren auf Schlackensteinblöcken, eine Reihe von Eiskisten, die von Zielübungen mit Einschusslöchern übersät waren, ein Zinkzuber mit einer kurbelgetriebenen Wäschemangel mit narbigen gelben Rollen, stapelweise Radkappen, abgefahrene Treckerreifen und mehrere Generationen klappriger Sämaschinen, Eggen, ein Pflug. Hier und da in dem Durcheinander sah er kleine Kuhlen in der Erde, in denen sich wohl der Hahn bei heißem Wetter verkroch.

Gleich neben dem Haus steckten ein paar gefleckte graue Perlhühner hoffnungsvoll die Köpfe durch einen rostigen Gartenzaun, der nach hinten hinaus aus nebeneinander genagelten beschichteten Küchentischplatten bestand. Am Außenabort lehnten, wie Talbot später sah, bündelweise veraltete Flugblätter voller Hassparolen, die mit einer Plane abgedeckt waren.

Links vom Haus, eine Böschung hinab, stand eine Scheune, deren Dachbleche teilweise vom Wind aufgebogen oder gleich ganz fortgeweht waren. An der Tür unter dem Heuschober waren einige rosige, frisch gesalzene Waschbärenfelle zum Trocknen gespannt.

Auf den Teil des Gartens gleich hinter der Scheune hatte Talbot keinen Einblick, aber daran anschließend sah er einen Bach, an dessen gegenüberliegendem Ufer sich ein dichter Wald einige Hundert Meter weit einen steilen Hügel hochzog. Talbot schüttelte mehrmals ganz langsam den Kopf und presste die Zähne so fest aufeinander, dass ihm der Kiefer wehtat. Irgendwas stimmte da nicht. Er hatte eine Festung erwartet, nicht den Hof eines Losers. Die ungepflegten Gebäude mit ihren zerkratzten, von Beutelratten angenagten Türen konnten unmöglich das Zuhause eines Mannes sein, der so viel organisierten Schaden angerichtet hatte. Vielleicht war es nur eine Fassade, nicht das Zuhause von Slage, sondern nur Tarnung, vielleicht befand sich ein Bunker unter all dem vor sich hinfaulenden Kram. Talbot war sich sicher, dass es der richtige Hof war. Auf dem Briefkasten stand »Slage«, und er hatte alles dreifach geprüft.

Das Einzige, was womöglich auf eine Ortsgruppe des Klans hätte hinweisen können, war eine Funkantenne auf dem Dach, mit der Slage, wie Talbot zu Recht vermutete, den Sprechfunk der örtlichen Polizei abhörte. Wie Talbot sah, führte die Zufahrt hinter das Haus, und als er ans andere Ende seines Wagens ging, erspähte er eine neue Garage aus Schlackensteinblöcken mit einem Metalldach, das noch glänzte, weil es noch nicht gestrichen war.

Das Grollen eines kräftigen schwarzen Hundes mit einem zottigen braunen Bart um das Maul lenkte seine Aufmerksamkeit weg von dem Dach. Er sah nach einer Hälfte Dobermann und einer Hälfte Bluthund aus und lief, so weit seine Kette reichen wollte, im Hof hin und her, sodass die vordere Veranda und die Fenster bewacht waren. Sein Auslauf war ausgetreten wie ein Bachbett, und sein Knurren schien dummerweise gegen Talbot gerichtet zu sein. Genau gesagt stemmte er sich in seine Kette, und Talbot erwartete schon, Slage aus dem Haus stürzen zu sehen, um ihn zur Rede zu stellen. Talbot rief sich ins Gedächtnis, wo genau in seinem Ranzen er die Pistole verstaut hatte, nur für den Fall, dass er sich mit Slage im Vorgarten schießen musste.

Talbot hätte sich fast übergeben, als die Tür dann tatsächlich aufging! Ein vielleicht zehnjähriger Junge kam aus dem Haus und ging auf den Briefkasten zu. Er spähte zu Talbot herüber, während er die Post herausnahm. Sein Haar hatte die Farbe von unreifem Mais, und er trug es kurz bis auf zwei Locken, die er rechts und links in die Stirn gekämmt trug. Er war barfuß, und die Jeans waren um die Knie schartig abgeschnitten und ausgefranst. Er nahm die Post und ging zurück zum Haus, vorbei an dem hin- und herlaufenden Hund.

Talbot trottete davon, als wollte er Ersatzteile oder Hilfe holen. Als er außer Sichtweite war, bog er nach links ab und schlug einen Bogen durch den dichten Waldrand hinauf auf den Hügel hinter dem Hof. Von dort aus konnte er alles sehen. Dort, wo er zuvor keinen Einblick gehabt hatte, also zwischen der Rückseite der Scheune und dem Bach, erspähte er einen Schweinekoben und eine kleine Weide für Slages Kühe. Er machte sich eine Skizze davon.

So würde es gehen! Slage fütterte wahrscheinlich jeden Morgen die Schweine und ließ die Kühe hinaus auf die Weide, bevor er zur Arbeit ging. Er musste einfach irgendwo arbeiten — kein Mensch konnte von einem so jämmerlichen Hof existieren.

Auf der Hügelkuppe, auf der er stand, erspähte Talbot eine Scheune, die perfekt für eine Nachtwache war. Slage würde sein Vieh am frühen Morgen füttern kommen. Und damit hätte es sich. Bumm! Blut. Klan-Gedärme aus einem Klan-Bauch.

Nach Einbruch der Dunkelheit kam er zurück aus Birmingham und versteckte seine Umhängetasche, die mit Taschenlampe, Pistole, Dynamit, Draht, Sprengkapseln, Feldflasche, Handschuhen, Proviant und einigen Aufputschpillen vollgepackt war. Er fuhr den Wagen zurück in die Stadt und marschierte dann die acht Meilen bis zu der Scheune.

Während des frühen Morgens stellte er fest, dass der Hund keine große Bedrohung darstellte. Er bellte ständig, und es gab genügend Stinktiere und Beutelratten, um ihn zu verwirren.

Außerdem hatte Talbot seine Waffe, und er war bereit, sich mit dem Mann zu schießen.

Kurz vor Morgengrauen ging das Küchenlicht aus. Slage kam auf die Veranda und rief nach dem Hund. Er löste die Kette und ging mit ihm auf die Scheune zu. Er hatte eine Art Stock bei sich, in dem Talbot ganz richtig eine Büchse vermutete.

Talbot folgte ihm in der Düsterheit mit dem Feldstecher. Slage band den Hund am Aborthäuschen an, griff nach unten, zog etwas Papier unter der Plane hervor und ging dann hinein. Er machte den Hund wieder los, als er aus dem Abort kam, und ging hinunter zur Scheune, wo er aus Talbots Blickfeld verschwand. Fünf Minuten später kam er durch die rückwärtige Tür in den Schweinekoben, diesmal mit einer Schubkarre, in der etwas aufgehäuft war. Die Schweine waren inzwischen aufgewacht und wackelten drängelnd und schiebend auf die Schubkarre zu; noch ehe er die Ladung in den Trog kippen konnte, rüsselten sie quiekend danach. Talbot machte fünf Fahrten mit der Karre.

Er ging wieder zurück zum Haus, kettete den Hund an, dann fuhr er weg.

Talbot setzte alles auf eine Karte und stürzte den Hügel hinab auf die Scheune zu, um sich umzusehen. Vom Haus aus nicht zu sehen, setzte er über den Zaun und schlüpfte durch die Schweinetür, hinter der er zu seinem Erstaunen auf eine tiefe Betongrube von etwa drei Meter Breite stieß, die mit einer Tonne kleinem, noch in Papier gewickeltem Gebäck gefüllt war — Moon Pies, Twinkies, Snow Balls, Jelly Rolls, Napfkuchen mit Schokoguss und Pekantörtchen.

Talbot vermutete, dass Slage sie bei Geschäften und Bäckereien aufkaufte, nachdem das Ablaufdatum überschritten war. Dem Geschmatze und Gegrunze der Schweine nach zu urteilen, schmeckte ihnen das Zeug, und Slage konnte zu Weihnachten mit seinen besonders süßen Schinken prahlen. Die Kühe weideten weit genug weg von der Scheune, sodass sie bei der Explosion wahrscheinlich nichts abbekamen, aber womöglich würden einige der Schweine dran glauben müssen. Er machte sich Gedanken darüber, ob den Schweinen wohl etwas passierte oder den Schwalben, die sich in der Dunkelheit über die rauchenden Trümmer des Schuppens verirrten.

Talbot markierte die Stelle, wo er die Ladung anbringen wollte, dann ging er wieder hinauf in die Scheune und schlief den ganzen Vormittag hindurch und bis in den frühen Nachmittag. Nach Mitternacht dann trug er die in Paraffinpapier gewickelten Dynamitstangen den Hügel hinab, stach ein Loch für die elektrische Sprengkapsel in eine davon, wickelte die Stangen mit Klebeband zusammen und versteckte sie unter dem Riesenhaufen von süßem Gebäck. Er tarnte den isolierten Draht mit Stroh und führte ihn den Hügel hinauf bis zu der Zündmaschine in der Scheune.

Dann wartete er.

Bis zur Dämmerung war es noch eine Stunde, als den Hügel herauf scharfe Laute an sein Ohr zu dringen begannen, so schwach, dass sie kaum zu hören waren. Zuerst hielt Talbot sie für das Knistern eines Lagerfeuers. Er wandte langsam den Kopf, mit jedem Ruck einige Grade, um die Richtung auszumachen. Vorsichtig stand er auf und starrte durch die letzten Scherben eines zerbrochenen Scheunenfensters hinaus. Es kam vom Schuppen. Knister. Knister. Knister.

Er hatte keine Schritte gehört. Der Hund hatte nicht gebellt. Die Küchenfenster waren dunkel. Die Laute ließen nicht nach.

Sollte er sprengen? Seine Hand zitterte; eine Hand über dem Glas der Taschenlampe, tastete er mit der anderen nach dem Kolben. Er war unschlüssig. Er zögerte.

Talbot ging den Hügel hinab, um durch die Ritzen in den grauen Brettern zu spähen. Drinnen sah er, im Schein einer Laterne, den flachsköpfigen Jungen neben dem Haufen weichen Gebäcks — fast direkt über dem Bündel Dynamit.

Er packte die kleinen Napfkuchen aus, warf die Papierhüllen in ein Fass und das Gebäck in die Grube. Talbot drückte ein Auge gegen den Schlitz im dunklen, trockenen Holz der Scheune, als der Junge eine Moon Pie probierte, ein rundes gelbes Konfekt mit einer weißen Cremefüllung. Der Junge spuckte den Bissen in die Kuhle mit dem Rest des klebrigen Zeugs.

Talbot öffnete den Riegel an der Tür und trat ein. Die Augen des Jungen wurden groß vor Angst, als er vor sich etwas sah, von dem man ihm zeitlebens beigebracht hatte, es käme unter allen Gefahren der Schöpfung gleich nach dem Teufel — ein großer, muskulöser Schwarzer mit einer Waffe. Talbot legte den Finger an die Lippen — schhhh! »Nicht schreien. Dir passiert nichts. Ich will nur eines — dass du mir deinen Namen sagst.«

»Johnny Ray Slage.«

Talbot sprach langsam und eindringlich. »Ich möchte nicht, dass zu zum Klan gehst, wenn du groß wirst. Hörst du? Du musst dieses Gift loswerden. Ich werde dir dabei helfen. Ich werde dir Sachen schicken, mit der Post. Wie ist denn eure Adresse hier? Habt ihr eine Hausnummer?«

Der Junge sagte sie ihm.

»Du brauchst einen Lehrer. Und ich werde das übernehmen.« Talbot grub in dem Kuchenhaufen und zwickte die Drähte ab, die zum Dynamit führten. Mit behandschuhten Fingern holte er das Bündel heraus, zog die Sprengkapsel ab, verabschiedete sich und lief dann im Trab über den Hof und dann den Hügel hinauf. Er fragte sich, ob Johnny Ray wohl nach seinem Paps schreien würde. Es blieb still.

Er blieb stehen und blickte zurück auf das Haus. Nichts rührte sich. Er reagierte ganz instinktiv. Er änderte die Richtung und stürzte auf das Haus zu, sprang über den Zaun, wich den Reifenstapeln und Farmwerkzeugen aus wie ein Querfeldeinläufer; sein kaputtes Knie erinnerte ihn daran, dass Slage es ihm auf einem Busbahnhof mit einem Rohr zerschlagen hatte. Er lief auf den Abort zu, wo er die Plane wegzog und sich eine Handvoll der Flugblätter mit den Hassparolen schnappte, die er zu Hause an der Lower East Side Sam Thomas geben wollte.

Dann ging es wieder zurück zu der Scheune im Wald, wo er sicher war. Im Schein der Taschenlampe überquerte Talbot den bewaldeten Grat und kletterte dann ein trockenes Bachbett hinab ins nächste Tal, wo er den Sprengstoff und die Waffe so vergrub, dass er sie später wiederfinden würde, falls ihm danach war.

Er stieg abermals hinauf auf den Grat des Hügels und folgte ihm zirka eine Meile, bis er den Laubwald Alabamas mit einem scharfen Schwenk hinter sich ließ und neben der Straße nach Birmingham lief.

A LS LEBE MAN MIT EINEM MONGOLEN

Bei schönem Wetter trafen sie sich jeden Vormittag gegen zehn zum Erfahrungsaustausch, ein Kern von sechs jungen Müttern, der an manchen Tagen auf zehn oder zwölf anwuchs, ihren Nachwuchs im Kinderwagen oder auch an der Hand. Die älteren Kinder spielten im Sandkasten oder turnten an Kletterringen gleich in der Nähe, während sich die Mütter unterhielten.

Schauplatz dieser Zusammenkünfte war der Tompkins Square Park, benannt nach Gouverneur Daniel Tompkins, der 1827 den Kampf gegen die Sklaverei im Staat New York angeführt hatte. Begrenzt wird der Park von den Avenues A und B im Westen und im Osten und von der Zehnten und der Siebten Straße im Norden und im Süden. Ein massiver schwarzer Schmiedeeisenzaun mit Eingängen an einigen der Straßenmündungen verleiht ihm eine gewisse Intimität. Auf der Seite der Avenue B in der Nähe der Neunten Straße gab es damals ein Fleckchen, so abgelegen, wie es eine solche Anlage nur zulässt, ohne dass man von den Bänken, auf denen sie die Köpfe zusammensteckten, den Blick auf den Spielplatz verlor.

Die Mehrheit der Frauen waren Schriftstellerinnen oder Künstlerinnen und eine wie die andere lebten sie mit Schriftstellern, Malern oder Musikern. Einige hatten ihre eigene Kunst auf Eis gelegt aus Rücksicht auf den Neid und die mangelnde Selbstsicherheit ihrer Partner. Nicht alle Frauen verfügten über dasselbe Maß an Energie, aber im Großen und Ganzen war eine wie die andere quicklebendig, idealistisch und voller Schwung. Der Slum hatte sie noch nicht aufgerieben und sie waren bereit, die Regeln zu lernen und falls nötig einige neue aufzustellen. Die meisten waren in der Tradition der Nachkriegsvierziger und der Fünfziger McCarthys erzogen und rebellierten dagegen, weigerten sich mit anderen Worten, farblos, blond und blind zu sein. Es war nicht einfach, in den Wirren sich jagender Veränderungen wirklich stimmig die Probleme der Befreiung zu formulieren, die erst fünf Jahre später voll und ganz erläutert waren. Aber sie hatten eine Nase dafür.

Die Ehen und Beziehungen dieser Frauen gingen regelmäßig in die Brüche, wenn auch wahrscheinlich nicht öfter als unter den Spießern, nur womöglich etwas lebhafter, da ihre Persönlichkeiten darauf programmiert waren, sich mit dem homo erectus beatnicus zu paaren. Ihre Ehegatten oder Liebhaber hielten es nämlich mit einer berauschenden Tradition: der Lebensweise nebst dem Wahnsinn von Schriftstellern und Künstlern wie Charlie Parker, Hemingway, Fitzgerald, Baudelaire, Nerval, Kerouac, Jackson Pollock, Modigliani, Hart Crane, Vachel Lindsay, Van Gogh ... Es gab da einen Berg von Irrsinn, und der wollte bestiegen sein!

Infolgedessen neigte ein gut Teil dieser Männer zur Egomanie, mit anderen Worten: zu Rücksichtslosigkeit, Obsessionen und Drogenmissbrauch; sie waren manisch-depressiv, despotisch, anmaßend und maßlos erotisiert, auf der anderen Seite jedoch unentschlossen und ohne Selbstvertrauen. Die meisten der Frauen im Park liebten ihre Kerle über alles, aber so schwache Menschen mit derartigen Fehlern zu lieben war alles andere als einfach, wo sie selbst schwach und fehlerhaft und beide Seiten in Verwirrung, Armut und widersprüchlichen Trieben gefangen waren. Einige der Frauen waren dem Abenteuer nicht abgeneigt, und als ihre Partner fremdgegangen waren, so erzählten sie den anderen, hatten sie es selbst versucht. Einige fanden Gefallen daran, andere nicht, wieder andere wussten nicht so recht.

Sie hatten nicht eigentlich einen Namen für ihre Gruppe, abgesehen von einem, der als Scherz zustande gekommen war. Marie Colson hatte von einem Streich erzählt, den ihr Gatte sich jüngst geleistet hatte, und mittendrin ausgerufen: »Es ist, als lebe man mit einem Mongolen!«

Als lebe man mit einem Mongolen — lachend schlug man sich auf die Schenkel. Von dem Tag an waren sie der Mongolenausschuss. Selbstredend, dass sich die Bemerkung auf die Mongolen des Dreizehnten Jahrhunderts bezog und nicht etwa auf die guten Leute der modernen Volksrepublik. Maries Gatte wurde der Archetyp. So stammte etwa die Technik des Mongolen beim Abwasch geradewegs aus dem Pleistozän. Spülmittel und Topfkratzer meidend, ging er mit den Fingernägeln zu Werke, kratzte und stocherte auf Spaghettihöcker in Töpfen ein wie ein Opossum, das sich durch eine Tür zu nagen versucht. Natürlich hatte diese Technik für ihn einen spirituellen Hintergrund; enthüllt hatte sie ihm — wie ein Zen-Koan — ein Typ, der als Beatnik-Tony bekannt war. Sie half dem Mongolen, die Oleophobie oder Angst vor dem haptischen Kontakt mit Speiseresten und öligen Oberflächen zu überwinden, die er aus dem Mittelwesten mitgebracht hatte.

Der Mongole war ein archetypisches Ferkel. Seine Genitalien waren buchstäblich schmierig und grau. Seine Seite des Betts glich einem Krähennest: Büroklammern, getrocknete Pasta, Fusseln, beschriebene Zettel (und auch schon mal beschriebene Laken), Kaffeeflecken, Samenflecken, Haschkrümel, Magazine, lose Heftklammern (gefürchtet, weil Marie sich daran ständig schnitt) und weiß der Teufel was sonst. Die Vorstellung des Mongolen vom Bettenmachen beschränkte sich darauf, eine Madrasdecke über das eben geschilderte Chaos zu werfen und dann schleunigst von dannen zu ziehen. Marie versuchte es ihm beizubringen, aber das Ergebnis war ausnahmslos ein klumpiges Faltenterrain, das arg nach Marcel Duchamps dadaistischer Fotomontage Dust Breeding aussah.

Der Mongolenausschuss taugte, wenn schon sonst zu nicht sonderlich viel, immerhin dazu, seinen Mitgliedern Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch zu geben. So konnten sie zum Beispiel die Ausreden ihrer Partner vergleichen, wenn sie wieder mal nicht nach Hause gekommen waren, und feststellen, dass sie alle gleich waren:

1. überfallen und bewusstlos auf der Straße liegen gelassen,

2. bei Nelson nach einem irrsinnigen Roten Libanesen aus den Latschen gekippt,

3. verhaftet und durfte nicht raustelefonieren,

4. auf Past Blasts Party nach einem Yohimbin-Meskalin-Magic-Mushroom-Tequila-Punsch umgekippt — kein Telefon.

Der Mongolenausschuss kannte sie alle in- und auswendig.

Ihre Stärke kam aus der Fähigkeit zu teilen, schließlich hatten sie von offizieller Seite praktisch keine Unterstützung: keine Tagesstätten, kein Mietzuschuss, keinerlei Kommunaleinrichtungen seitens der Stadt. Die East Side hätte ein Sozialzentrum vertragen, das mit den Sitten und Gebräuchen der Beat-Ära vertraut war. Es gab zwar eine Klinik, oder jedenfalls nannte sie sich so, aber selbst die war ein gutes Stück zu Fuß, und dann gab es natürlich die Wohlfahrt, die aber schon in jenen Tagen – so wie heute — Familien eher zerstörte, als dass sie ihnen half. Also trafen sie sich vormittags, tauschten sich über ihre Probleme aus, die Krankheiten ihrer Kinder, die kleinen Schwächen ihrer Partner, die kleinen Schwächen der Zeit. Einige zögerten anfangs, die Details ihres Privatlebens schonungslos offen zu legen, vor allem, wenn es unappetitlich zu werden begann.

Ihre erste Entscheidung als Gruppe bestand darin, bei sich zu Hause ein totales Verbot von Gewalt und deren Androhung anzustreben. Dies führte zu beträchtlicher Verlegenheit, ja zu Animositäten seitens der Männer — es kam zu Ausrufen wie: »Wer, ich? Was redest du denn? So was mach ich doch nicht! Na das eine Mal, da hast du mich provoziert.« Und zu weiteren Feindseligkeiten kam es, als sie einige Frauen vor Ehemännern versteckten, denen öfter mal die Hand ausrutschte und die dann drohend oder wimmernd die Wohnungen abklapperten, in denen man ihren Frauen Schutz gewährt haben konnte.

Der Ausschuss organisierte Streiks gegen besonders schleimige Vermieter, wie etwa gegen den berüchtigten Slumlord Two Car Louis, der in einer Rostlaube in die Lower East Side fuhr, um die Miete zu kassieren, nachdem er seinen Cadillac an der 59th-Street-Bridge geparkt hatte, und dessen Häuser nur deshalb nicht als Hütten zu bezeichnen waren, weil die Bauherren zweihundert Jahre zuvor Mörtel und Steine benutzt hatten anstatt Holz.

Sie gaben ihren Kindern Namen, die in der Beat-Generation Tradition hatten, wie Nathaniel, Sebastian, Katherine, Django, und einige mit afrikanischen Wurzeln wie Damjeela und Onghi. Zu den Flowerpower-Namen waren es noch einige Jahre hin. Noch hörte man nirgendwo: »Sequoia! Bringst du mal deine Batikfarben her?«, oder: »Mondfuchs, wir bewerfen Mountain aber nicht mit Sand, ja?« Es gab allerdings ein paar Kinder von Protohippies rund um den Sandkasten, die hießen Rainbow und Bountiful, und ein charmanter kleiner Junge namens Mulligan hörte gar auf den Vornamen On the Road.

Die meisten der Frauen arbeiteten nicht, und selbst wenn sie sich Babysitter hätten leisten können, sahen ihre verklemmten Gatten sie in der Regel lieber in ihrer alternativen Küche. Derlei ökonomische Arrangements funktionierten, weil die Ausgaben fürs tägliche Leben so verlockend gering waren — man konnte sich einige Wochen in ein kreatives Projekt stürzen, dann ein paar Tage auftauchen, um Geld für Miete und Stadtwerke zusammenzukratzen, und wenn man die beisammenhatte, stürzte man sich wieder in seine Kunst.

Erst wenn es zum gesundheitlichen Krisenfall kam oder Telefon und Strom abgestellt wurden und aus der Schüssel fürs Nudel- oder Kerzengeld keine Münzen mehr hervorkommen wollten, krachte der geballte Terror des New Yorker Lebens wie Hesiods Amboss in Ehe, Leben und Kunst — und der Ausschuss trat in Aktion. Man ging ans Eingemachte, brach Ersparnisse für Geburtstage und Weihnachten an und teilte sie mit den anderen. Man gab die eine oder andere Telefonnummer weiter, die rasch problemlose Kohle für den Notfall garantierte, sei es durch Modellstehen für Künstlerklassen am Cooper Union College oder der Universität von New York, durch Kellnern im Village oder im House of Nothingness oder eine Fülle anderer Möglichkeiten im Lichterdschungel von uptown New York.

Die Zeit ging ins Land, und das Leben derer, die sich vormittags im Park versammelten, war zwar nicht weniger chaotisch, aber glücklicher als zuvor. Die Autorinnen unter ihnen hatten angefangen, ein hektografiertes Magazin herauszugeben, und die Malerinnen teilten sich die Kosten für Modelle und gemeinsames Babysitting.

Zur Feier seines zweiten Jahrestags veranstaltete der Ausschuss ein Picknick am Sandkasten mit Essen und Wein, und eine von ihnen brachte sogar ein paar Speed-Pillen mit für alle, denen danach war, und reichte sie in Schokoladenpapier herum. Mehr als ein Dutzend Frauen kam, darunter auch ehemalige, die von der Lower East Side weggezogen waren. Es war ein schöner Vormittag, und Kinder wie Mütter hatten sich in Schale geworfen — Beatnik-Schick. Jenes flüchtige Phantom namens Glück hielt tanzend Einzug im Park.

Und die Moresca tanzte das Phantom, als Carol Mulligan mit ihrem Sohn On the Road kam. Carol war die Erste und Einzige von ihnen gewesen, die buchstäblich ausgeflippt war. Und jetzt war sie wieder da! Sie hatte etwas zugenommen, was nur gut war, so beängstigend mager, wie sie während ihrer schlimmen Zeit gewesen war.

Ihr Mann Bart war ein »apokalyptischer Bop-Prosa-Spontaneitäts-Avatar«, mit anderen Worten ein Romancier und Dichter, der in der postkerouacschen Tradition schrieb: so schnell und so viel wie möglich, nach der Maxime: Der erste Gedanke ist auch der beste. Bart hatte einige Zeit davor eine Lyrikertagung in Kalifornien besucht und war mit einer Frau namens Ocea the Other — oder schlicht Other — zurückgekehrt. Ocea the Other hatte einige Jahre eifrig Karriere an der Lower East Side gemacht, bevor sie zurück nach Berkeley gegangen war, um ihren Doktor zu absolvieren. Sie war fest entschlossen, als Lyrikerin von der New York School akzeptiert zu werden, und so füllte sie — wie ein Mädchen, das erst mit dem Kopf nickt, bevor es beim Seilhüpfen ins Doppelseil springt — ihren Rucksack mit den richtigen, sprich: angesagten Büchern und machte sich, um mitspielen zu können, mit der ganzen Skala der Themen vertraut.

Familie Mulligan hatte vor dem Flug nach Kalifornien auf dem Drahtseil der Wohlfahrt getanzt. Als Bart zurückkam, bestand das Sozialamt darauf, dass er sich Arbeit suchte, egal welche, und obwohl er das Gelübde abgelegt hatte, »vom Wort zu leben«, als man ihnen die Leistungen zu streichen drohte, kapitulierte er dann doch und die Leute von der Wohlfahrt gaben ihm das Geld für einen Anzug sowie ein Hemd mit Button-down-Kragen nebst Schlips; damit sollte er in den Bürogebäuden uptown auf Jobsuche gehen.

Bart Mulligan fuhr mit dem Geld rüber an die West Side und fand einen waschechten Zoot Suit mit rasantem breitem Revers und ein Hemd mit Entenschwanzkragen, und darin stolzierte er mit Ocea the Other auf dem Kopfsteinpflaster der Lower East Side von Café zu Café — Mann, apokalyptische Pop-Prosa-Spontaneität, echt, Mann, ich meine, mit der nächsten Edna St. Vincent Millay durchs Viertel zu schlendern, Wahnsinn, Mann, irre, echt.

Bei Carol und On the Road ließ er sich immer seltener sehen, und noch seltener sahen sie Geld. Schließlich strich man ihnen die Sozialhilfe, und er versuchte letztendlich mit zwei Frauen zu leben, in zwei Wohnungen, ein Verhältnis so ärmlich wie das andere.

Carol Mulligans Philosophie war die der sofortigen Rache gewesen — Auge um Auge, Fick um Fick. Kaum hatte sie von einer seiner Eskapaden erfahren, hatte sie bei Stanleys oder im House of Nothingness einen Kerl aufgegabelt und ihn gebumst. Dieses Mal war es anders. Sie war am Boden zerstört. Carols Markenzeichen waren lange schwarze T-Shirts, die die Garben ihrer langen, glatten, hellblonden Haare besonders zur Geltung brachten. Ihre Wangen waren dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr gerötet, und ihre hellgrauen Augen schienen stets feucht; wenn sie aufgeregt war, flatterten ihre Lider. Zu Abend aß sie mit den Alkoholikern in der Suppenküche des Catholic Worker.

Obwohl der Mongolenausschuss half, wo immer es möglich war, musste Carol fast alles verkaufen; das ging so weit, dass sie zu ihrer Demütigung einen Karton voll Kram wie Besteck und Salzstreuer ins Treppenhaus stellte, in der Hoffnung, einer der anderer Mieter würde etwas kaufen.

Schließlich wurde es ihr einfach zu viel — ihre Augen hatten Ringe von fauvistischem Rot, und sie hatte sich in eine Art Stupor geweint. Eines Abends hatte Bart versprochen, Lebensmittel und Geld zu bringen, aber um Mitternacht war er noch immer nicht da. Das reichte. Carol Mulligan öffnete die Schranktür, ging in die Hocke, lehnte sich mit dem Rücken gegen die hintere Wand, seufzte zum Abschied leise und versank dann Zentimeter für Zentimeter in dem Chaos aus Sandalen, Schuhspannern, Büchern und Hukaschläuchen auf dem Schrankboden, das eines Duchamp würdig war. Dort blieb sie sitzen, bei geschlossener Tür, und On the Road brachte ihr einige Tage lang Brot und Wasser, bis Bart ganz zufällig die Schranktür öffnete und sie dasitzen sah.

Bart fand die Geschichte mit dem Schrank gar nicht komisch, ebenso wenig wie Ocea the Other. Carol hatte die Augen fest geschlossen und schien bewusstlos zu sein. Schließlich rief ihr Gatte in der Klapse an, und die schickten die Weißkittel los. Der Ausschuss setzte sich mit ihrer Familie in Idaho in Verbindung, und sie flog nach Hause. On the Road blieb bei Marie Colson.

Am Abend vor dem Picknick waren Carol und On the Road wieder vereint und jetzt hielten sie triumphierend auf dem Spielplatz Einmarsch, unter Applaus.

On the Road, das Gescheiteste der Kinder, hatte einen Arm voll Publikationen dabei — Der Niedergang der Ehe meiner Eltern, eine Novelle, die er geschrieben hatte und die einige wirklich gute Schilderungen von Ehestreitigkeiten unter Beatniks enthielt. Während seine Mama sich in Idaho ausgeruht hatte, ließ On the Road sich von Marie Colson mit dem Manuskript zum Peace Eye Bookstore bringen. Marie und ich tippten die Matrizen und zogen sie ab, die Zeichnung auf dem Cover klaute er aus einer Mappe seiner Mutter, und damit war On the Road im Alter von sechs Jahren gedruckt.

Er war ein ausgesprochen frühreifes Kind. Hätte man ihm gesagt: »Komm her, On The Road, jetzt lernen wir ein bisschen Akkadisch«, er hätte nach ein paar Tagen in feuchten Lehm mit einem Griffel in Keilschrift geschreieben.

Später brachte er sein Buch im Eighth Street Bookshop und im Gotham Book Mart an den Mann, und schließlich wurde On the Road geradezu eine Sensation. Die Village Voice brachte einen Artikel über das literarische Wunderkind, und es kamen Anfragen von Verlagen aus der uptown, sehr zum Verdruss und zur Besorgnis seines Vaters.

Während des Picknicks verkaufte On the Road das Buch an Passanten. Taktvoll warb er dafür: »Mein Papa ist bis ganz nach Kalifornien getrampt, und ich habe ein Buch darüber geschrieben! Nur fünfzig Cent!« In einer halben Stunde verkaufte er an die fünfundzwanzig Stück. On the Road würde es noch weit bringen.

Die Stimmung im Park näherte sich an jenem Vormittag einem »Unmaß an Frohsinn«, wie Samuel Pepys es ausgedrückt hat. Gedämpft wurde dieser Frohsinn jedoch durch die Ankunft von Marianne Bonfiglie, die sich die Nacht auf der Suche nach ihrem Freund Llaso um die Ohren geschlagen hatte, der sang- und klanglos verschwunden war und dabei ihren Fernseher, den Plattenspieler, Schmuck und Geld hatte mitgehen lassen, von ihrem heiß geliebten Büffelhaut-Tomtom ganz zu schweigen. Sie erzählte die Geschichte und meinte dann lachend: »Meine Mutter hat’s mir prophezeit.« Eine andere, angesäuselt von Aufputschpillen und Wein, sagte zu Marie, Marianne hätte sich das ja vielleicht selbst denken können, schließlich hieß Llasos bekannteste Gedichtfolge Ich bin ein Soziopath.

Am meisten ärgerte Marianne der Verlust ihrer Trommel, da sie in einer merkwürdigen Personalunion Dichterin, Schauspielerin und Trommlerin war. Schlagzeugerinnen waren in der ersten Hälfte der Sechziger eher dünn gesät — Marianne Bonfiglie wurde später bekannt, als sie bei Velvet Underground vorspielte und beinahe genommen wurde. Die Miete verdiente sie sich mit Nacktfilmen. Manchmal stand sie mit Llaso in den Skizzensitzungen des Mongolenausschusses Modell. Die beiden hatten passende Muttermale, seines auf dem Penis, ihres über der rechten Brust. Während der heißen Monate ihrer gemeinsamen Zeit hatten sie in ihnen Vermählungszeichen gesehen.

Marianne verließ die Party schließlich, um ihre Suche fortzusetzen, und einige Augenblicke später kam On the Road Mulligan angelaufen und berichtete, er habe Llaso beim Entladen eines Taxis gesehen; er schleppe allen möglichen Kram in den Laden von Fence Lady an der Ecke Tenth und B. Fence Lady hatte einen jener Läden für Antiquitäten, Schmuck und Haushaltskram, wo Junkies geklautes Zeug verhökern konnten. Sie nahm auch Bestellungen entgegen. So konnte man zum Beispiel eine IBM-Schreibmaschine ordern, und Llaso oder Andrew Kliver brachen dann in der Universität oder irgendeinem Büro ein, um eine zu klauen. Berühmt war der Duft des Ladens: Fence Lady rauchte Asthmazigaretten auf Belladonnabasis um den Geruch des Grases zu kaschieren, das die Jungs aus der Nachbarschaft manchmal bei ihr durchzogen.

Eine der Frauen blieb bei den Kindern, und die anderen elf liefen aus dem Park, um Llaso zu stellen. Der trug den Aufzug, in dem er seine offiziellen Geschäfte tätigte: ein großes Silberkreuz an einem Band und eine Art Klerikerkragen, enge schwarze Levi’s, die eine Handbreit zu kurz waren, um seine auf Hochglanz polierten schmalen, spitzen Stiefel zur Geltung zu bringen, dazu ein schwarzes Jackett, das man ihm in der Bowery geschenkt hatte. Llaso war hochgewachsen und hatte ein schmales Gesicht mit finnugrischen Augen, die durch die Flaschenböden seiner Brille vergrößert waren. Er war auf dem Sprung nach England, um dort ganz legal Junkie zu werden.

Llaso war eher der heimliche Junkie, ganz im Gegensatz zu seinem Freund Andrew Kliver, der sich einmal mitten in einer Vernissage einen Schuss gesetzt hatte. Llaso war auf der einen Seite stolz auf seine Sucht, auf der anderen schämte er sich. Manchmal gab er bekannt, er sei seinen Affen wieder los, aber das war reiner Schnee. Zuweilen schrieb er Gedichte, die Heroin als Boten des Pazifismus priesen. England hin oder her, Llaso sollte sich bald eine Nadelhepatitis einfangen, die ihn zwanzig Jahre später an Leberkrebs sterben ließ.

In seinen Notizbüchern fand sich ab und zu ein Gedicht über die Angst vor seiner Grausamkeit gegenüber seinen Frauen, und als seine Flaschenbodenaugen die Schar aus dem Mongolenausschuss erblickten, stellte er sich, Mariannes Fernseher in der Hand, zitternd den Frauen. Fence Lady peilte die Lage und verschloss die Tür.

Die Frauen umzingelten ihn. On the Road erkannte eine gute Geschichte, wenn er eine sah; er schlug seinen Notizblock auf und schrieb rasend drauflos. »Schnappt euch seine Taschen!«, schrie Carol Mulligan. Jemand langte ins Taxi und holte die Umhängetasche heraus, in der sich sein Pass befand. Währenddessen trat der Autor des Gedichtzyklus Ich bin ein Soziopath mit einem schwarzen Stiefel gegen das Schutzgitter an Fence Ladys Tür; dann schickte er sich wie ein guter Soziopath ins Unvermeidliche. Er händigte ihnen den Fernseher aus und bekreuzigte sich zweifellos in Erinnerung an all die Male, in denen er in der Redaktion der Zeitung des Catholic Worker herumgehangen war.

»Sagt Marianne bitte, dass es mir leidtut«, sagte er, dann schlug er die Taxitür zu und zischte die Avenue B hinauf in Richtung London und seiner Lotophagenkolonie. Carol einigte sich mit Fence Lady darauf, den Kram bei ihr unterzustellen, bis sie Marianne aufgespürt hätten. Dann gingen sie alle zurück in den Park, um für den Rest des Picknicks das volle Unmaß an Frohsinn zu genießen. Carol stand noch eine Weile mit On the Road vor Fence Ladys Laden; dann hatte er die nächste Story skizziert.

D IE NUMMER IM VAN

Enid Baumbach war verabredet, um Talbot dem Großen drüben in seiner Wohnung einen zu blasen. Nur das, nichts weiter. Es war ihre Idee, sie hatte es arrangiert, und jetzt war sie unterwegs.

Enid war eine unermüdliche Kämpferin für soziale Gerechtigkeit. Sie arbeitete für SANE und den Kongress für rassische Gleichstellung und beteiligte sich an den Aktionen zur Wählerregistrierung. Sie war perfekt, wenn es um die Fülle von Kleinigkeiten ging, die anfallen — alle auf einmal — und sofort auf die Reihe gebracht werden wollen, wenn man wirksame Demonstrationen organisiert. Ihre Spezialität war es, Reporter von der New York Times dazu zu bringen, auf Demos zu gehen. Ein Talent, das an ein Wunder grenzte. Enid hätte einen Typen von der Times um Mitternacht in einen leeren Tunnel gekriegt! Später dann druckte sie erstklassige Einberufungsbescheide für die Vietnam Railroad.

In ihrer Freizeit war ihr nichts lieber als ein deftiger Fick. Dafür lebte sie. Und sie wollte es stundenlang, das heißt, sie vermied wenn möglich neurasthenische, passive Beatniks, Jünglinge mit unsichtbaren Spiegeln vor dem Gesicht. Sie war Anfang zwanzig und knochendürr. Sie war aus Arkansas und behauptete, halb Cherokee, halb ungarische Jüdin zu sein. In ihrem nöligen Dialekt klangen die Ozark Mountains an, mit anderen Worten: Sie zerdehnte aufreizend ihre Vokale, wenn sie einem Typen sagte, sie wolle ihn unbedingt ficken — jetzt auf der Stelle und gleich. Sie hatte lange Finger wie aus einem ägyptischen Gemälde, die unglaublich beruhigend auf die Seele wirkten, so geschickt, wie sie sie über die Haut gleiten ließ.

Sie war extrem gepflegt. Sie war so sauber, dass man ihren Bauch als Operationstisch hätte nehmen können — eine weite, flache Ebene, die das ganze Jahr über gebräunt war, nur an der Gürtellinie hatte sie einen kaum merklichen Wulst. Sie trug afrikanische Ketten und Accessoires, die den Schimmer ihrer langen, rabenschwarzen Haare betonten, die ihr in langen Strähnen auf die Schultern fielen. Wann immer es sich einrichten ließ, waren ihre Liebhaber zwei schwarze Bürgerrechtsaktivisten und am liebsten waren ihr zwei pro Nacht — ohne dass der eine vom anderen erfuhr.

Für einige war sie unergründlich. Es war nicht einfach zu sagen, wie intelligent sie war, da sie eine derartige Einzelgängerin war. Sie war keine Frau von vielen Worten, konnte sich aber stundenlang über ihre Ansichten zu weiß Gott welchen Themen auslassen. Sie kochte — für sich allein — die aufwendigsten Mahlzeiten mit Kerzen, Kristall und Servietten unter dem Silberbesteck, die sie dann in kleinen Bissen kaute, stundenlang und mit etepetete Manieren, bis ihr erster Liebhaber kam.

Was ihren Unterhalt anbelangte, so wusste niemand, wovon sie lebte, und keiner machte sich die Mühe, es herauszufinden. Manchmal arbeitete sie für Werbeagenturen. Sie tippte flink und war gut am Telefon. Später dann schmuggelte sie auch schon mal Koks. Manchmal jobbte sie in afrikanischen Boutiquen. Oder sie verschwand für einige Monate, und wenn sie dann an die Lower East Side zurückkam, prahlte sie damit, in einer Hütte an der Westküste Mexikos gehaust zu haben — mit einem jungen Kerl aus dem nächsten Dorf, der es ihr die ganze Nacht lang besorgen konnte.

Sie half Schriftstellern. Sie hatte eben Talbots Gedichtband abgetippt, den er im vorigen Frühjahr während des Kampfs um die Integration Birminghams geschrieben hatte. Sie half Sam Thomas mit den Matrizen für Dope, Fucking and Social Change: A Journal of the New America. Hin und wieder hatte sie was mit einem der Dichter, die im Peace Eye Bookstore herumhingen, aber eher zögernd, und die Barden staunten, wenn sie ihre Erfahrungen austauschten, dass sie heulte, wenn man sie zu ficken begann.

Enid trug die merkwürdigsten Sonnenbrillen. Die coolsten Sonnenbrillen, die in der Beatnik-Hippie-Ära zu sehen waren. Sie waren ihr Markenzeichen. Das eine Glas war, sagen wir mal, herzförmig, und das andere hatte die Form eines Kleeblatts; oder sie hatten beide die Form von Atompilzen. Es war ein Spätsommertag, und Enid trug ihre verrückteste Brille. Sie ging den Broadway hinauf nach Norden und wollte eben am St. Mark’s Place rechts abbiegen, um hinüber zu Talbots Bude zu gehen. Sie trug eine Art hautenge Radlerhose mit Tigerstreifen und Trägerhemd. Es war so ziemlich der letzte Tag der Saison, an dem man so etwas tragen konnte.

Der Servicevan einer Elektrofirma fuhr vorbei und einer der Typen beugte sich aus dem Fenster und pfiff ihr zu; dann schlug er mit der flachen Hand gegen die Tür. An einer Ampel blieb der Van stehen. Desgleichen Enid, die sich ihnen zuwandte, das eine Glas ihrer Brille ein Kleeblatt, das andere ein Herz. Sie stemmte die Hände auf den tiefen Bund ihrer Tigerhose und sagte: »Also, dann los.«

Es war eine Kapriole, die sie sich gelegentlich gönnte, aus reiner Lust. Sie nannte so was eine Van-Nummer. Ein Typ sah den anderen an, zuckte die Achseln und öffnete die Tür. Enid stieg auf und ein. Es war ein Van ohne Fenster; sodass es hinten dunkel war. Sie spürte mehrere dicke Rollen elektrischen Draht, die aufeinander geworfen waren.

»Gleich hier«, sagte sie. Sie ließ die Sonnenbrille auf, band sich die Radlerhose um die Schultern und schälte sich mit einer gekonnten Bewegung aus ihrem Slip, der in das Etui ihrer Sonnenbrille kam.

Einer der Typen fuhr, während Enid den anderen durchzog, dann war der Zweite an der Reihe. In zwanzig Minuten war sie wieder aus dem Van. Sie bat, in der Nähe von Talbot abgesetzt zu werden.

Wo sie gerade zur rechten Zeit ankam. Sie entschuldigte sich, um sich im Bad zu waschen, und ging dann in Talbots Schlafzimmer, sank auf die Knie, zog den Reißverschluss seiner Hose auf und machte ihren Frieden mit ihm.

S APPHO IN DER SIEBTEN OST

Ein KuGeGe

(Kurzgeschichtengedicht)

Der Dichter John Barrett studierte klassische Literatur an der New York University. Seine Obsession war Sappho — er hatte Zeichnungen von ihr an den Wänden seiner Wohnung und Fotokopien ihrer Gedichtfragmente, die man im ägyptischen Oxyrhynchos in Särgen aus Pappmaschee gefunden hatte. Barretts eigene Übersetzungen ihrer Gedichte hingen über seinen Schreibtisch geklebt und das Wohnzimmer war zu einer Werkstatt umfunktioniert, in der er eine viersaitige Leier baute, deren Resonanzkörper aus dem Rückenschild einer europäischen Landschildkröte bestand. John hatte etwa ein Dutzend solcher Panzer gesammelt. Sie lagen überall in der Wohnung und auf den Milchkästen, die ihm als Bücherregale dienten; seine Freunde benutzten sie als Aschenbecher. Morgens aß er seinen Haferbrei aus einem dieser Panzer. Wir befinden uns im Spätsommer.

Er war besessen von Sappho.

Er lebte in ihren Metren

wie eine Forelle im heiteren Bach.

Er baute eine viersaitige Lyra,

um Sappho herabzusingen.

O, Sappho, komm doch herab!

Er kopierte Leiern

vom Fries des Parthenon;

er suchte die vollkommene Form


Es hingen von Schildkröten

die Panzer an Nägeln

an seiner Wand.

Einer lag auf dem Schreibtisch

neben Stechbeiteln, einer Säge,

einem Leimtopf,

einigen Schnitzmessern

von H. L. Wild (auf der Elften Ost)

Nur Ziegenhörner

waren schwer zu bekommen

an der Lower East Side.

Also schnitzte er die Arme

aus den Beinen

eines Lehnstuhls,

einem Fund von der Straße,


und eine dünne Resonanzdecke

schnitt er (aus einer Schindel aus Rottannenholz)

rund,

genau in der Form des Schilds.

Die Querstrebe von Arm zu Arm

war mit den Wirbeln eines

alten kaputten Banjos versehen,

einem Fund in den Trümmern

eines ausgebrannten Geschäfts.

Einen Steg formte

und kerbte er

aus einem Ebenholzkamm,

und als er eine gebaut hatte,

zu der es sich singen ließ,

schrieb er darauf Sapphos


»Komm, meine heilige Lyra,

erklinge mit deinem Lied!«


Die Leier

verwandelte ihn —

ganz wie die

Dada-Masken

die schüchternen jungen Dichter

in einem Züricher Cabaret.*1

*1 Eine Anspielung auf das am 5. Februar 1916 eröffnete Cabaret Voltaire, in dem es zu spontanen Gedichtvorträgen und Tanzvorführungen kam, inspiriert von Marcel Jancos berühmten Masken.

Barrett wurde ein anderer Barde,

als er seine Zimmer durchschritt,

die Leier umfasst, und

mit so viel Inbrunst sang,

wie sich nur aufbringen ließ:

»Es gibt einen Fluss

in Mytilene,

in dem

mit einer Freundin Sappho

gern schwamm.

Die Sandalen mit

dem Elfenbeinzierrat der beiden

lagen am Gestade im Sand.

Ich sah Sappho

an einem Sommertag

in Schaumkronen gebeugt

stehen — ohne Peplos,

vom Chiton befreit,

ein Lied auf den Lippen,

das uns verloren ging.

Später lagen

die beiden

in des Wasserlaufs Auen

und strichen einander

mit Öl & Düften

über die Haut,

ein Lied auf den Lippen,

das uns verloren ging.

O, Sappho, steig hernieder,

Sappho, komm doch herab!«

Eine Kommilitonin,

Consuela,

wohnte gleich nebenan.

Sie hörte John Barretts Gebet

durch die dünne Wand.

Abend für Abend lauschte sie,

um zu checken, was denn da abging,

und verstand schließlich,

als Barrett sang:

»Wie ein Drachenflieger

von der luftigen Höhe

eines Gipfels

über birkenbewachsene Hügel gleitet,

so gleite herab, oh,

Sappho, gleite herab!«

Sie lag im Bett

mit einem Ohr

an der Wand,

prustend, als ihr ein verhaltenes Lachen entkam.

Sie verhöhnte ihn:

»Wie ein Bonbonpapierchen

durch das Gitter

über dem U-Bahn-Schacht

in den

kaugummiverklebten

Schlamm

so schwebe herab, oh,

Sappho, und lande im Dreck.«

Tags darauf erzählte sie das

ihrer Griechischklasse, und

zusammen planten sie einen Streich.

Eines Nachts würde sie

auf der Feuertreppe erscheinen,

die sie sich mit Barrett teilte

— in Chiton und Peplos*2 —,

*2 Die wesentlichen Kleidungsstücke des antiken Griechenland, beide aus langen Stoffbahnen. Der Chiton war eine Leinen- oder Wolltunika, die als Unterkleid auf der Haut getragen wurde. Zweimal um den Körper gewickelt, wurde Sie über beide Schultern von Spangen gehalten und an der Taille von einem Gürtel oder Reif. Der Peblos war ein schwerer Umhang, der als Überkleid getragen wurde.

um etwas von Sappho zu singen/zu deklamieren,

ganz so, als wäre sie Sapphens Geist.

Sie erstand einen Ballen weißes Linnen

in der Orchid Street

und — mit ukrainischen Symbolen —

Brokat für den Saum

bei Surma an der Siebten

& nähte sich ein sapphisch’ Gewand.

Sie, Consuela,

lernte die Hymne an Aphrodite,

um Sappho herabzusingen.

Ach, Sappho, komm!

Es war ein Spätnachmittag, als sie

aus der Dusche kam, den Chiton anlegte

und den Peplos, das Überkleid.

Dann stieg sie aufs Fensterbrette, schob

die Blumenkästen beiseite

— sie wusste, es war die Stunde, zu der

Barrett sang —

und kauerte auf dem rauen

schwarzen Eisenrost,

vernarbt und voller Blasen

von zwanzig Anstrichen in neunzig Jahren.

Als sie Barrett zum lauten

Gebet anheben hörte

und die Saiten seiner Leier dazu, stand

sie auf, um zu singen — Consuela

sah den Himmel über der Feuerleiter

sich teilen —, als hätte eine Riesenhand

der Leinwand der Realität mit einer Schere

einen Schnitt beigebracht.

Sie hörte Vögel zwitschern,

trübe Punkte bewölkten ihren Blick.

Durch das pointilistische Grau

schob sich ein Arm

mit einer Lyra,

dann ein weiterer Arm —

dessen Hand zur Faust geballt war.

Und als sie sich öffnete, fielen kleine

Körnchen auf den Rost

der Feuertreppe

und rieselten dann unter ihr auf den Hof.

Consuela sank ehrfürchtig

auf eine Stufe der Treppe;

sie hinterließ narbige graue Streifen

auf ihren Knien,

während Sapphens Körper

durch den Schnitt in der Leinwand

zu schweben schien

in genau dem Augenblick,

in dem Barretts ekstatische Stimme

zu singen begann:

»Sappho, komm herab,

o Sappho, komm!«

Zuerst versuchte John Barrett

die Erscheinung anzustarren,

als wolle er sagen:

»Das wird aber auch Zeit.«

Dann blieb ihm die Luft weg: »Sappho!«

Denn um ehrlich zu sein,

hatte Barrett kaum großes Vertrauen

in die Kraft der Beschwörung

einer Leier mit Armen

aus einem Stuhl vom Sperrmüll

und einer bebenden Stimme,

die eher herausfordernd war.

Er blickte sich um

in seiner schlampigen Beatnikbude und wollte,

er hätte die Flaschen

weggeräumt von der Nacht zuvor.

Sappho nahm seine Lyra

von seinem Schreibtisch,

legte die ihre beiseite

und hub an zum Gesang.

Er sah

die Worte, die sie sang,

über ihr; sie pochten,

als hätten sie ein eigenes Herz.


Worte aus Wasser


Worte aus Feuer


Worte aus gebrochenen Rudern

Als das Lied zu Ende war,

stand Barrett, Tränen auf der Wange,

wie vom Donner gerührt.

Der Blick getrübt, die Nase verstopft,

den Schmerz der Liebe im Bauch.

Dann trat sie an die Wand,

an die seine Übersetzungen

ihrer Verse gepinnt waren.

Er versuchte, nicht

auf ihre Brüste zu starren,

so wie er

einen bloßen Bauch ignorierte

an einem heißen Abend

in Stanley’s Bar.

Der Busen

eines Gespensts

ist nicht für die Küsse

von Augen gedacht.

Barrett war entsetzt,

Sappho seine Versionen

ihrer Verse lesen zu sehen.

Er hatte alle Mühe,

sie nicht von der Wand zu reißen

Schließlich wandte sie sich ab & lachte:

»Besser als Byrons —

allemal.«

Als Nächstes besuchte sie seine Regale.

»Lass mich«, sagte sie,

»doch dein Bücherschiff sehen.«


Oh, nein!,

dachte John Barrett in Sorge

ob der vielen unbedeutenden Bände

in seinem Bücherschiff.

Das Geplapper von Freunden,

Ferkeleien,

schludrige Geisteswissenschaft.

Dann begann Sappho zu singen:

»Es gibt ein Schiff

für jeden Barden

im Spiel der Wellen,

das Bücherschiff.


Es gibt welche, die sagen einem,

ein Totenschiff zu bauen.

Andere singen dir von einem

grünen Trimaran.


Für einen Barden jedoch

gehört es sich, dass er

gegen schwere See

sich ein Bücherschiff baut.


Und du wirst

am Bug des Bücherschiffs

eine Muse sehen für deine Zeit:

Retentia,

die Muse des Erinnerten Bildes.

Die Panflöten,

die siebensaitige Lyra,

die Kunst & die These —

Die Musen,

mit denen ich sang,


aber dein ist die Ära

eingefangenen Sonnenlichts

& oxidgesprenkelter Bänder.

Retentia

fängt den schönen Fluss

flinker ein als der Sprung einer Grille.

Die Fotos der Bruchstücke

von meinen Gedichten

an deiner Wand

verdankst du Retentia.

Sie springt der ächzenden Clio zur Seite,

deren Schriftrollen schwarz & dick sind

sie hilft dir zu ordnen,

zu beschwichtigen,

auszusieben,

aber auch zu behalten,

zu bewahren,

zu formen.

Das Bild ist sicher

bei Retentia

auf eine Million Jahre,

bis die pulsierenden Feuer

auch die letzte Leier verbrannt.

Einst, in der Senke

eine Hügelchens

bei Mytilene

ein Kreis von Jungfern sang

— Alcaeus war dort.

Ach, könnt ich nur,

könnt ich nur,

könnt ich nur

ihr Bild noch mal hören!«

Sappho hörte auf zu singen,

der Anflug eines Bebens, eines Schluchzens

in ihrem Ton.

»Bete zu Retentia, John Barrett,

denn jede Muse hilft,

wie sie kann,

und die Aufgabe besteht

darin,

die Mischung der ihr eigenen Gaben

in deinen Zeilen zu sehen.«

Sie streckte eine Hand zur Wand,

fotokopierten Papyrus zu berühren.

Die Wand spaltete sich,

und heraus trat Retentia

in einem blauschwarzen Kleid,

die Keile winziger Blitze knisterten

über den Stoff

und wirkten fast wie geklöppelte Lichtspitze

über der blauschwarzen Tracht.

Barrett fragte sich,

welche Art von Gebet

er wohl zu sprechen hätte

zur Huldigung der neuen Muse,

die da, vom Bug des Bücherschiffs,

in sein Zimmer getreten war.

Er dachte närrisch daran,

sich auf den Boden zu werfen,

um Retentias Saum zu küssen,

als Sappho an den Küchenschrank trat

und die Türen zu öffnen begann.

»Was will sie nur?«, fragte sich Barrett.

»Ich habe keinen Methu«, sagte er

und lobte sich insgeheim für seinen Witz.

(Methu war ein berühmter

Wein aus dem

alten Lesbos.)

»Hast du keine duftenden Kräuteröle?«,

sprach sie, als beklagte sie sich,

als sie die Schranktüren schloss —

»Wie unzulänglich du doch bist

in Sachen Liebe & Lust«,

sagte sie.

»Wie kommst du darauf,

dass eine Frau wie Louise

dich lieben könnte

bei dem, was du weißt?«

Sie trat in Barretts Schlafzimmer,

eine geschmacklose Kammer

mit einer Matratze

auf dem Boden,

Kerzenwachsspritzer rundum

und über der Schlafstatt

eine Blaupause

über die ganze Wand

von Sapphos Gesicht.


»Jetzt werde ich dich

die Massage mit Ölen &

der Glossa Didacta lehren.«

Retentia

erschien an der Tür

mit einem Tablett

voll Kanopen

— Öle & Salben,

mit denen Sappho

ihre Hände bewehrte,

als sie die Kleidung

von John Barretts magerer

Gestalt zu streifen begann,

& dann arbeitete sie sich

auf anregende Weise

von Gefäß zu Gefäß.

Jedes Öl hatte

einen anderen Kitzel

— hier ein zarter Stich,

dort ein Zittern —,

& süße Düfte

mischten sich

mit pikantem Geruch.

»Es gibt so viel,

was du nicht weißt«,

sprach sie

und hängte ihren Peplos,

nachdem sie sie geschlossen hatte,

sauber an einen Nagel hinter der Tür.

Sie zog Barrett nach unten.

Oh, Barrett, komm herab.

»Wir haben sie

Glossa Didacta genannt,

und jedem Barden ziemt

die vollkommene Beherrschung.«

Zusammen

sanken sie auf J. Barretts Matratze.


Sie zog ihn an seinen

ungewaschenen Locken

hinab zum Einzigen, was wesentlich war.

Er landete zwischen weichen Hüften;

der Rest von ihr spukhafter Dunst.

»Dein Kopf ist das Ruder,

& ich werde es durch

die Stromschnellen führen.«

hierhin

dahin

liebevoll an den Ohren gefasst,

steuerte sie die Rosenknospe,

steuerte sie des Barden junge Stirn,

unterwies ihn im rechten Druck

in den Bewegungen,

in den Figuren.

»So ist’s recht.

So tut es gut.

So ist es vollkommen.«

Die Klitoris gespalten

wie

ein

Lithops

(die linke Seite für die rechte Hirnhälfte,

die rechte für die linke Hirnhälfte?

ein Bündel

Lustnerven,

zweigeteilt?)


Sie kam in geheimen Worten.

Sapphische Seufzer durchzuckten sie

in einer wirren Flut

von Neonhieroglyphen

wie zuvor bei ihrem Gesang —


Sie sprach zu ihm auf Lateinisch

»Ich habe dich nun

den Lingus Didacticus gelehrt,

und wen immer du

in seinen zuckenden Bann lockst,

sie wird einen Tanz kennenlernen,

leichtfüßiger als Euripides’ Metren.«

Dann bat sie ihn,

in sie zu kommen.

»Machst du es denn nicht nur mit, äh, gunaikes?«,

antwortete er und wich dabei ins Griechische aus.

Sie hatte Chiantiflaschen,

mit brennenden Kerzen bestückt,

rund ums Bett arrangiert.

Barrett blickte nach oben

und sah den Schatten

des Geists

auf ihrer Blaupause

an der Wand,

als sie sachte,

aber nachdrücklich an ihm zog,

bis sie dalagen,

Gesicht zu Gesicht,

dann führte sie ihn hoch & hinein —

eine Stunde,

die ihn wieder

an den Gedanken des Numen

glauben ließ,

oder eine Stunde

wie eine Katalpablüte

im Fluss der Lust.

Ahh, auf ewig Seite an Seite

sehnte er sich zu liegen

mit ihr,

als die Dämmerung kam —

»Steh auf«, sagte sie stattdessen,

»wir gehen auf eine Reise.«

»Dann«, so antwortete John Barrett,

»gib mir die Beine eines Satyrn!

Ja, kräftige, haarige Beine

& die Hufe eines Bocks,

mit denen sich hüpfen & springen lässt!«

Sappho lächelte,

kam seiner Bitte aber nicht nach.

Sie hielt seine Hand

& schwebte

aus dem Raum in der Siebten Ost

über den grünen Hain des

Tompkins Park,

schwindelnd, schwindelnd

ging es im Wirbel um eine Ära zurück —

ins Jahr 1911,

als Emma Hardy an einem Lenzmorgen

allein im Max Gate saß*3,

*3 Max Gate: das Haus von Thomas und Emma Harris in East Dorset, Dorchester. 1908 hatte Emma sich Gaupen in ihr unter dem Dach gelegenes Boudoir einbauen lassen; auf einem Futterbrett vor dem Fenster scharten sich die Vögel und fraßen ihr aus der Hand.

während ihr Gatte unten

mit seiner Geliebten

Druckfahnen

durchsah.

Sie betraten Emmas Kammer

durchs Dachfenster,

auf dessen Fensterbrett

Futter für die Vögel

bereitlag.

Sappho hatte Mitleid

mit der bitteren Emma Hardy,

deren Gatten Hände

stets bereit waren,

kosend junge Rundungen

nachzufahren.

Sie versuchte sich

zurechtzumachen

für den neuen Tag,

aber ihr Gesicht

war von den Schmerzen

eines qualvollen Rückens verzerrt.

Der Schmerz war zu überwältigend,

um den Vögeln

auch nur einen Teller

Brotkrumen hinzustellen.

Sie klingelte nach ihrer Zofe Dolly Gale,

um sich das Haar bürsten zu lassen.

Dolly stellte sich hinter sie,

öffnete, löste, trennte

das vom Schlaf ganz zottige Haar.

Das leiseste Ziehen

an einer Strähne zeitigte

einen Seufzer der Agonie,

bis Sappho eingriff,

und auf Emmas Rückgrat

legte sich eine beruhigende Hand,

um die Axthiebe

ihrer Schmerzen zu lindern.

»Das Öl, John, das Öl«, drängte Sappho,

und John Barrett teilte das Gewand

über den schmerzenden Schultern

und begann sie zu kosen

mit Mytilenes feinstem Erzeugnis

aus einer Flasche mit langem Hals.

Der Frieden in ihrem Rücken

zeitigte das erste Lächeln

seit Monaten.

»Bitte, Emma, rufst du die Vögel für uns?«,

fragte Sappho, und Emma Hardy

trat ans Fenster,

wo sie die Hände hob.

Emma war 68.

Unter Qualen

schlug sie das Gaupenfenster auf,

um ihre Hochzeitsschleppe zu verfüttern.

Wohl eine Hundertschaft Vögel

fand sich zu der wilden Verköstigung ein,

flügelschlagend über dem Futterbrett,

pickten sie auf die Brosamen ein.

»Das Haus hat Hardy gebaut«, sagte Sappho

zu John mit Abscheu im Ton,

»ohne Wanne

für ein heißes Bad!«

Wieder nahm sie ihn bei der Hand — »Mach dich

gefasst auf eine Reise ins Jahr 642 des Herrn.«

Wieder kam es zu Wirbeln,

dann

landeten sie

inmitten von Feuer & Dampf.

Barrett überlegte einen Augenblick:

Womöglich waren sie

Dante und Vergil

in einen Kreis der Hölle gefolgt.

Sie sahen einen kahlköpfigen Mann

mit glänzendem Schädel

& einem fehlenden Zahn,

der warf bündelweise Papyrusrollen

in eines offenen Kachelherds

wörterfressenden Schlund.

In einem großen Kupferkessel

obenauf siedete Wasser

und sprudelte durch Röhren

in eine Reihe kupferner Zuber

von unterschiedlicher Hitze,

auf dass ein Badender

im Becken an einer Schnur ziehen kann,

und er hat die Temperatur seiner Wahl.

Stapelweise Rollen lagen herum,

in der Kreuz und in der Quer.

Barrett reckte den Hals,

um die Namen zu erspähen

auf der Garbe,

die der Mann eben warf.

Oh, nein! Es dauert einige Sekunden,

dann hat John

in der dicken Rolle

die Stücke des Aischylos erkannt!

Man heizt die Bäder von

Alexandria

mit den Resten der alten

Bibliothek.

»Sieh doch!«, rief sie. »Weißt du, was das ist?«

Der Heizer hatte einen Arm voll Rollen*4

*4 Die älteste Form des Buches sind um Stöcke gewickelte Papyrusrollen, die in schmalen Kolumnen beschrieben wurden.

mit vorstehenden Knöpfen umfasst. »Er gibt eben

den letzten Satz meiner gesammelten Werke

dem Feuer anheim!«

Der Heizer

gab sie zu Paar und Paar den Flammen der Vergessenheit anheim.

Barrett versuchte sie zu fassen,

aber seine Hände fuhren hindurch

wie Nebel durch einen Rotholzzweig.

»Einige meiner Gedichte

wurden von Caesar verbrannt,

als er die Flotte

in der Bucht von Alexandria ansteckte

& das Feuer auf das Land übergriff.

Einige wurden zerstoßen,

um Pappmaschee herzustellen

für die Särge der Mittelschicht Thebens.

Einige wurden zerstört,

als verdrießliche Christen

das Serapeum*5 plünderten.

*5 Eines der beiden Archive Alexandrias.

Anno 391

Und jetzt ist es Zeit

für Asche und schwarzes Holz

zur mixolydischen Tonart

zu kommen.

Einiger Dichter Worte

sind auf Wasser geschrieben,

andere machen Feuer,

auf dass es kocht.«

In eben

dem Augenblick

sind die Stimmen von Frauen

& Holzschuhgeklapper

zu hören.

Die Töchter von General Amrou*6

*6 Amrou hat Alexandria 642 für den Kalifen Omar erobert. Letzterer, so heißt es, befahl, die letzten in der alten Bibliothek verbliebenen Bücher zu zerstören; da der Koran geschrieben war, so sein Argument, wurden sie nicht länger gebraucht.

waren gekommen, sich im dampfgekrönten

Becken an einem Bad zu erfreuen

& mit Bimssteinblöcken und strigilis*7

zu glätten

ihre vom Dampf weiche Haut.

Die Frauen reichten

die Badetücher

ihren Dienstboten,

*7 Ein gebogenes Schabeisen zum Abstreifen überschüssigen Öls (nach dem Einreiben) oder der obersten Hautschicht nach einem Bad.

und unter der Kuppel des Bades

erschallten Gelächter

und platschendes Nass.

Mit einem Mal schob sich Sappho vorbei

an dem schwitzenden Mann am Ofen

und sammelte unter einem Stoßseufzer Barretts

die verbliebenen Rollen auf

und warf sie ins tosende Feuer.


Sie wandte sich ab, entkleidete sich,

reichte Barrett ihren Chiton

und glitt ins Wasser,

um sich zu den Maiden

auf eine Marmorstufe zu setzen

inmitten des brodelnden Beckens.

»Heißer, heißer«, drängte sie

den Heizer und zog an dem Seil,

um einen siedenden Zuber über ihnen

zu leeren,

während aus dem Ofen

ein brennendes Fragment flatterte,


eine Ecke Papier nur

mit Sapphens letztem Wort;

bog sich unter der Hitze, brennend


fiel Barrett vor die Füße;

er versuchte sie auszutreten,

die Flamme,


Ein silberner Knauf

vom Ende eines Rollenstocks

zu Delfinen geschnitzt

rollte aus dem Feuer,

und das war alles,

was von den Arbeiten Sapphos

von Mytilene blieb.

Barrett bückte sich, um ihn aufzuheben,

rutschte aus

& fiel hin.

Er wachte wieder auf

in seiner Bude in der Siebten Ost

und erblickte einen Fuß

auf der Feuertreppe.

»Sappho!«, schrie er fast

und stürzte ans Fenster,

aber es war Consuela

in Chiton und Peplos aus der Orchard Street.

Sie schien zu schlafen,

öffnete aber sofort die Augen,

als er sie berührte.

Sie erzählte ihm ihre Geschichte,

er ihr die seine,

zeigte ihr

den silbernen Knauf

und den Duft von Sapphos Öl

an seinem Handgelenk,

der immer noch aufregend war.

Ängstlich, aber

dennoch unfähig, nicht

darüber

zu reden,

erzählte Barrett einigen

Teile & einigen wenigen

Alles, was passiert war,

wobei

er den silbernen Knauf

herumzeigte wie das Gebein

eines Heiligen.

Für einige

war er darauf

Crazy John.

(»Bist du sicher«,

höhnte Sam Thomas,

»dass das nicht der Knauf

vom Spazierstock

deines Großvaters ist?«)

Für andere

war er

der glückliche Barde.

(Eine wahrhaftige Leier

geschnitzt zu haben, mit der Sappho

— Sappho, komm! —

herbei zu singen war.)

Obwohl er jeden Abend für sie sang,

sah er sie nicht wieder

bis zu einem verschneiten Abend

viel später im Jahr.

John sah Sappho,

ihr Hals beladen

mit schweren

russischen Kreuzen.

Sie betete im tiefen Neuschnee

in der Avenue A,

bevor er gestört wurde

von Pflügen & Salz,

vor St. Nicholai,

der Karpato-Russischen Kirche

roter Backsteinbau.

In ihren Händen

schmolzen Ikonen dahin,

& Rubine

fielen von ihrem

verkrusteten Hals

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