Kitabı oku: «Tales of Beatnik Glory, Band III (Deutsche Edition)»

Yazı tipi:

— DEUTSCHE EDITION —

Ed Sanders

Tales Of Beatnik Glory

Band III

Der Sommer der Liebe

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Erwin Einzinger

FUEGO

Über dieses Buch

— Band III der vierbändigen Ausgabe —

Der dritte Band der Tales of Betanik Glory führt uns in die Zeit des »Sommers der Liebe« 1967, so wie er in der Lower East Side von New York zwischen Beatniks, Hippies, Ausgeflippten und Drogenfreaks, Theatermachern, Dichtern und Politaktivisten verlaufen sein könnte. Vom anarchisch-dadaistischen Aufbruch spannt sich der Bogen durch einen psychedelisch-bizarren und farbenfrohen Sommer, bis sich schließlich die dunklen Schatten von Drogenmissbrauch, Wahnsinn und Gewalt über die einst fröhliche Subkultur legt und der Dichter die Stadt verlässt.

Allen Ginsberg nannte das dokumentarische Rock ’n’ Drug-Epos Tales of Beatnik Glory über »Die Freaks von Greenwich Village« ganz ohne Neid einen »satirischen Lobgesang auf radikale visionäre Politik, wie man sie im 21. Jahrhundert mit der Einstellung den alten Ägyptern gegenüber betrachten wird«, und einen »Meilenstein historischer Archäologie«.

Eine Sammlung höchst vergnüglicher und schräger Geschichten um einen Dichter aus dem Hinterland, der zuerst in New York landet und von dort aus die verschiedenen Phasen der alternativen Szene der USA erlebt.

D YLANS GITARRE

Eine Gitarre, die einst Bob Dylan gehört hatte, wurde in einer Auktion im Greenwich Village Peace Center zur Versteigerung ausgerufen. Sam Thomas und Talbot der Große standen in vorderster Reihe und warteten darauf, dass die ziemlich zerschrammte Gibson, die jedoch noch einen hervorragenden Klang hatte, in die Höhe gehalten würde. Talbot hatte einiges von seinem Schulgeld von der Bank abgehoben und war entschlossen, sich gegen das Knäuel aus sabbernden Folkniks durchzusetzen, die ebenfalls danach gierten, den Glück bringenden Schatz zu besitzen. Sie kostete Talbot schließlich zweihundert Dollar, aber er und Sam konnten sie im Triumph im Bus quer durch die Stadt zum Peace Eye Bookstore an der Zehnten Straße Ost bringen, nahe Avenue C, wo ich sie verpackte und als Geschenk für Johnny Ray Slage, den Sohn eines Ku-Klux-Klan-Anführers, nach Alabama schickte. Talbot und Thomas hatten an Johnny Ray in den letzten zwei Jahren jeden Monat geheime »Freedom-Pakete« mit Büchern und Zeitschriften geschickt, um ihn von einem Leben als Rassist abzubringen.

1961 hatte Talbot der Große sich an den Freedom Rides beteiligt, bei denen Aktivisten in Bussen durch die Südstaaten fuhren, um die wegen der Rassentrennung gesperrten Einrichtungen auch für Schwarze zugänglich zu machen. Johnny Rays Vater, Ethrom Slage, hatte die Meute der Klanmitglieder angeführt, die Talbots Freedom-Bus attackierten, als er am Busbahnhof in Birmingham ankam. Ethrom hatte Talbot mit einem Bleirohr einen Schlag gegen das Knie versetzt, weshalb er immer noch leicht hinkte und die eine Hüfte sich immer ein wenig weiter nach oben schob als die andere, wenn er über die marmorne Türschwelle in den Peace Eye Bookstore trat.

Danach, nach dem Bombenanschlag des Klans auf die Baptistenkirche in der Sechzehnten Straße im Herbst 1963, bei dem vier Mädchen in Chorgewändern getötet worden waren, gab Talbot vorübergehend die Gewaltfreiheit auf und flog nach Birmingham in der Absicht, Ethrom Slage in einem Hinterhalt mit Dynamit umzubringen — Bombe um Bombe, ausgeschossenes Auge um ausgeschossenes Auge.

Ethrom Slage lebte auf einer heruntergekommenen kleinen Farm in einer Stadt unweit von Birmingham, wo sich Hühner mit sehr wenig Federn auf der Bauchseite in staubigen Löchern an einer Hausecke ausruhten, die von einem Wagenheber abgestützt wurde. Talbot inspizierte die Lage und richtete einen Beobachtungsposten in einem verlassenen Schuppen auf einem steilen Hügel ein, von dem aus er die Farm überblicken konnte.

Sein Plan war es, Slage in die Luft zu blasen, wenn der Anführer des Klans am Morgen zu seiner Scheune ging. Er hatte schon die Drähte von der Batterie und dem Auslöser über den Hügel hinab bis zur Dynamitladung gelegt, die in der Scheune versteckt war. Kurz vor Sonnenaufgang beobachtete er, wie eine dunkle Gestalt die Scheune betrat, und wollte gerade darangehen, die Detonation auszulösen, als er das Gefühl hatte, er sollte lieber doppelt sichergehen. Deshalb schlich er den Hügel bis zur Scheune hinunter, um durch einen Bretterspalt hindurchzuspähen. Was er sah, war der junge Johnny Ray Slage, der statt seines Vaters gekommen war, um das Vieh zu füttern. Talbot spürte einen Ruck der Scham und Empörung und schwor an Ort und Stelle, für den Rest seines Lebens jeden Tag darauf zu verwenden, diesen stillen Sohn eines Klan-Anführers zu erziehen und umzuformen.

Johnny Ray hätte um Hilfe rufen können, wahrscheinlich sogar sollen, war er doch seit den Tagen, als er noch in Windeln steckte, darauf gedrillt worden, die Begegnung mit einem Schwarzen an einem abgelegenen Ort für die lebensbedrohlichste Sache zu halten, die sich nur denken ließ — aber an diesem Morgen hörte er ruhig zu. Noch während Talbot die Drähte vom Dynamit trennte und seine Ausrüstung zusammenpackte, um sich aus dem Staub zu machen, begann er auf Johnny Ray einzuwirken. »Du musst dieses Leben mit dem Klan aufgeben. Es gibt eine große, weite Welt jenseits von hier, wo die Leute keine Rassisten sind. Wir haben alle ein und dasselbe Blut. Es gibt keinen wirklichen Unterschied zwischen dir und mir. Du musst dich vom Klan abwenden.«

Talbot bat ihn um eine Adresse, an die er ihm Briefe schicken könnte, und Johnny Ray sagte ihm, er könne diese an eine Tante namens Mattie Farlo richten.

Einmal im Monat trafen wir uns im Peace Eye Bookstore, um Sachen für das Freedom-Paket auszuwählen, das wir an Johnny Ray Slage adressierten. Im Lauf der Zeit war dies zu einer Art Party geworden. Wir tranken etwas Wodka, rauchten uns ein und sangen Lieder, während wir uns überlegten, wie wir unseren kleinen Freund aus dem Klan erziehen konnten, ohne ihn zu langweilen.

Wir feierten eine wilde Party an dem Abend, als Sam Thomas und Talbot die geschwungene Gibson ins Peace Eye brachten, um sie nach Alabama zu schicken. Die Fugs waren da und wir sangen stundenlang, wechselten uns ab an der Gitarre, die einst dem großen Barden gehört hatte, und es wurde viel geprostet und gescherzt, bevor wir sie zwischen zerknüllte Ausgaben der East Village Other steckten, während Sam Thomas und Talbot einander wie üblich aufzogen und sich in die Haare gerieten im Streit um die Frage, welche Bücher und Zeitschriften denn diesmal eingepackt werden sollten.

Sam klebte eine Reihe von Metallsternen und Scheiben mit geflammtem Wellenmuster sowie ein Friedenssymbol als Abziehbild auf den Klangkörper unterhalb des Schalllochs. Talbot und Sam hatten eine kurze gewaltfreie Auseinandersetzung, als Sam einen »Pot is Fun«-Aufkleber anbringen wollte, während Talbot diesen wieder herunterriss. Als abschließende Verzierung brannte Sam das Wort Ahimsa in den Resonanzboden.

»Sakreligion!«, zog ich ihn auf und schnupperte an dem Geruch, der mir nicht mehr untergekommen war, seit ich — was nun in so weiter Ferne zu liegen schien — am Abend vor dem Aufbruch ins Sommerlager der Pfadfinder den Namen meines Trupps in die Seitenwand meiner hölzernen Zeugkiste gebrannt hatte.

»Wieso? Bloß weil Bob Dylan einmal damit gespielt hat? Alles wird verwandelt in der Neuen Welt. Schau, wie Dylan selbst die Melodien verwandelt, die er aus der Tradition der Appalachen entlehnt und umformt. Die Art, wie wir diese Gibson verändern, ist symbolisch dafür, wie wir dabei sind, unseren kleinen Abkömmling vom Klan zu verwandeln. Sofern wir ihn denn auch wirklich verwandeln.«

Sam Thomas war sich nicht so sicher, dass selbst über Jahre hinweg diese Pakete einen entscheidenden Einfluss auf den jungen Johnny Ray Slage ausüben würden. Talbot sprach etwa einmal im Monat mit Johnny Ray am Telefon und war überzeugt, dass sie mit Erfolg dabei waren, einen Abkömmling des Klans in ein menschliches Wesen zu verwandeln. Deshalb ging er mit viel Bedacht und sehr behutsam vor bei der Auswahl der Dinge, die verschickt werden sollten. In diesem Monat enthielt das Paket unter anderem ein Rundschreiben vom Kongress für Rassengleichheit, einige Zeitungsartikel über die Bürgerrechtsbewegung, ein Buch mit Gedichten von Langston Hughes, Berichte über den Klan aus der Village Voice und ein Protokoll eines Teach-In gegen den Krieg in Vietnam.

Sam wollte immer, dass die Pakete ein bisschen surrealer und weniger langweilig wären, und deshalb versuchte er in diesem Monat ein Pamphlet mit dem Titel Wie man Gras anbaut unter die Saiten von Dylans Gitarre zu schieben und mit Klebeband ein bisschen Haschisch innen neben dem Schallloch anzubringen. Talbot hob seine Hände in spielerisch abwehrender Geste in Richtung Sam, als wollte er Nein Nein Nein! sagen.

Was das Marihuana betraf, war Talbot ganz besonders empfindlich. Um die Mittel für sein Bildungsprojekt nach dem Ankauf der Gitarre wieder aufzustocken, hatte er sich zu einer frühen Ernte seines zu Verkaufszwecken angebauten Grases entschlossen, das er in Fässern in einem versteckten Garten hinter der Kirche seiner Mutter in Harlem zog. Sie hatte ihn dabei erwischt, wie er mit ihrer Zickzackschere frische Hanfwedel in eine Schultasche schnipselte. Sie zwang ihn, die kostbaren fünfblättrigen Kräuter zu vernichten und drohte ihm damit, ihn an seinen zeushaften Vater zu verraten, den Pastor der Kirche, der ihn dann wahrscheinlich der Polizei übergeben hätte.

»Dieses Zeug wächst doch dort unten in Alabama wild«, sagte Talbot zu Sam Thomas. »Johnny Ray braucht bloß zu einem Bahndamm zu gehen, wo das Zeug dazu verwendet wird, die Erosion zu verhindern. Die Regierungstypen aber könnten das Paket inspizieren und dann landen wir alle im Knast.«

Sam wollte auch ein paar Nacktfotos einer gerade auf dem Sprung zum Hippie befindlichen Modedesignerin namens Indian Annie mitschicken (das Wort Hippie tauchte erst weitere vier Monate später im allgemeinen Sprachgebrauch auf), die der Star einiger seiner Undergroundfilme war, aber Talbot blieb hart.

»Ich nehme an, die Tante öffnet diese Pakete. Sie wird uns nicht erlauben, noch einmal irgendetwas zu schicken, wenn wir allzu schräge Sachen machen«, versetzte Talbot der Große, während er die Adresse auf das Paket malte:

Johnny Ray Slage

c/o Mrs. Mattie Farlo

Rural Route 1

_____, Alabama

Dennoch schob Sam heimlich, während Talbot damit beschäftigt war, in der Schachtel noch Platz zu finden für die Gesammelten Werke von Mark Twain, einige der Schnappschüsse von Indian Annie, das Wie man Gras anbaut, ein Stück braunes Haschisch und eine Broschüre mit erotischen Fotos von Leuten unterschiedlicher Rassen, die er am Times Square aufgetrieben hatte, unter die Gitarre.

Mattie Farlo war die Schwester von Johnny Rays Mutter, und sie war sehr, sehr religiös. Sie trug vorwiegend schwarze Kleider und hielt ihre Bibel, wenn sie abends neben dem Bett kniete, so fest umschlungen, dass sich vom harten Zugriff ihrer Finger Rillen in den schwarzen Bucheinband gegraben hatten. Sie hatte sanfte, überaus runde Wangen, unter denen konzentrische Bögen in ihrer Haut verliefen, die sich nach unten hin, neben ihren Lippen, zu tief eingegrabenen Sorgenfalten erweiterten. Ihr Haar war streng von der linken Seite des Schädels zur rechten frisiert, wo sie sich unmittelbar über dem Ohr ein hübsches Gewirr von kleinen Locken erlaubte. Das war ihre Frisur gewesen von der Kindheit bis in ihre Jahre als Teenager, als sie eine ortsbekannte Schönheit gewesen war. In der Stadt erinnerte man sich immer noch an ihren großen ruhmreichen Moment — an die Parade von Cabrios und blitzendem Chrom rund um den Platz vor dem Gerichtsgebäude, nachdem sie vom Bezirkshandelsverband zur Chevrolet-Königin des Jahres 1954 gewählt worden war.

Eine unglückliche Ehe sowie Unglück auch in anderer Hinsicht waren ihrem Hang zum Gebet nur förderlich, und 1966 war sie bereits so fromm, wie man es im ländlichen Alabama nur sein konnte. Sie hatte gekränkte, leuchtende Augen, die ständig die ihres Schwagers Ethrom suchten, dem es immer recht peinlich war, wenn der Blick seiner Schwägerin und der seine sich trafen, besonders nach dem, was mit Minnie Slage passiert war. Johnny Rays Mutter war durch fahrlässiges Verschulden gestorben. Ethrom hatte sich geweigert, einen Arzt zu rufen. »Mach dir keine Sorgen, sie kommt schon durch«, sagte er immer, während er sich der wichtigen Arbeit für den Klan widmete. Aber sie kam nicht durch. Ohne medizinische Behandlung siechte sie dahin. Minnie Slage wurde auf dem Hügel oberhalb des Hauses begraben, und niemand sprach mehr von ihr.

Es gab nur eine Sache, deretwegen Ethrom seiner Schwägerin in die flammenden Augen schauen konnte. Er hatte keine Wahl. Wieder und wieder musste er ihr schwören: »Ich habe nie jemanden getötet. Ich habe nie eine Bombe in einer Kirche gelegt. Nie jemanden verletzt. Wenn du je etwas anderes herausfinden solltest, geh ruhig zum FBI.« Sie verlangte, dass er seine Hand unmittelbar auf die Stellen legte, an denen ihre Finger Rillen in ihrer Bibel hinterlassen hatten, und ließ ihn einen Schwur auf das Buch Deuteronomium leisten, dass er keine Gewalttat begangen hatte.

Mattie Farlo hasste den Ku-Klux-Klan, obwohl auch ihr eigener Vater in den dreißiger Jahren ein Anführer des Klans gewesen war. Ihr Hass ging zurück auf eine schreckliche Nacht, als sie sechs Jahre alt war und ihre Eltern mit ihr zu einer Hinrichtung gefahren waren. Sie kamen an, nachdem der Mob sich bereits wieder beruhigt hatte, und tatsächlich wogten die Leute in aufgeräumter und fröhlicher Stimmung herum. Autos waren in einem Halbkreis geparkt, um das Opfer zu beleuchten. Mattie wandte sich von dem Schauspiel ab, aber ihre Mutter packte sie am Arm und brachte sie ganz nahe heran an den Baum, wo sie sie zwang, in einer Gruppe kichernder und aufgeregter Kinder fast in Reichweite der baumelnden Beine zu bleiben.

Sie konnte es nicht verhindern, dass sie im Scheinwerferlicht den Glanz seiner sauber geputzten Schuhe bemerkte und den Hosenboden seiner mit ordentlichen Bügelfalten versehenen gestreiften Beinkleider. Sie wagte nicht, weiter nach oben zu schauen, zum Seil und dem geknickten Hals.

Sie erinnerte sich, wie ekelhaft sie ihren Vater unterwegs im Auto empfand. Es wurde ihr plötzlich bewusst, dass der Kerl mit den blitzenden und mit Troddeln versehenen Schuhen besser gekleidet und wahrscheinlich auch netter und in jeder Hinsicht sauberer war als jedes einzelne Mitglied ihrer eigenen Familie. Sie begann an Ort und Stelle laut zu beten, während sie sich langsam zur Seite drehte in der Hoffnung, dass niemand von den Erwachsenen sie bemerken und die Kinder sie nicht auslachen würden, als Tränen ihr Gesicht glänzen ließen wie die mit Troddeln verzierten Schuhe im hellen Licht der Scheinwerfer des 36er-Buick ihrer Eltern. Sie schwor, sich von dem Bösen abzuwenden, das ihre Stadt getan hatte.

Deshalb ließ Mattie Farlo es dreißig Jahre später zu, dass die Pakete für Johnny Ray vom Peace Eye in ihr Haus geschickt wurden. Sie war so hingerissen vom Leuchten der aufgeregten Augen des Sohnes ihrer Schwester und von der Eile, mit der er die Pakete aufriss, als wären es Weihnachtsgeschenke, dass sie kaum darauf achtete, was ihm geschickt wurde. Sie dachte, es handelte sich um eine Kirchengemeinde. Der Absender auf den Paketen lautete:

Die Baptistengemeinde der Hoffnung

c/o Peace Eye Bookstore

383 East Tenth Street

New York, N.Y. 10009

Johnny bewies Geschick darin, sofort darauf zu achten, welche der Dinge aus dem Freedom-Paket seiner Tante Mattie nun tatsächlich unter die Augen kamen. Deshalb ließ er Bücher von Martin Luther King und Zeitschriften, die der Kongress für Rassengleichheit herausgab, wie zufällig auf dem Bett liegen, während er Sams Anteil an den Lieferungen, zum Beispiel Jointhalter (Johnny hatte keine Ahnung, was er mit diesen pinzettenartigen Dingern anfangen sollte), Wie man Gras anbaut, die Platten der Fugs, die entzückende Indian Annie oder Robert-Crumb-Comic-Hefte mit viel Geschick vor den andächtigen Augen von Tante Mattie fernhielt.

Es war nicht so ganz einfach, einen Platz im Haus zu finden, wo er die Beute aus dem Peace Eye Bookstore verstecken konnte, denn die Räume hatten nach den jahrelangen peinlichen Besuchen von Geldeintreibern etwas Kahles an sich. Eines der Bilder, die sich in Johnnys Bewusstsein eingebrannt hatten, war seine hagere, faltige Mutter, die Blut auf der Zunge hatte, als sie schreiend auf der Veranda stand, während die Geldeintreibertypen die Lampen und Sessel wegräumten und die Versandhausteppiche im Wohnzimmer einrollten.

Sein Vater versuchte sich in allerlei Berufen — er verkaufte beispielsweise Waffen im Wohnwagen im Hof, arbeitete als Störungssucher bei der Elektrizitätsgesellschaft. Seine aufbrausende Art verhinderte stets, dass er einen Job länger behielt. Einmal ein Jahr arbeitete er einen Plan aus, um Räucherfisch zu vertreiben. Gelegentlich stellte er Fallen für Waschbären auf und verkaufte deren Felle. Einmal bestellte er über Postversand eine transportable Nerzfarm, aber ein Opossum fraß ein Loch hinein und die Nerzbrut entkam in die Wälder. Draußen im Hinterland stand eine alte Hirsemühle, in die Ethrom wutentbrannt Löcher geschossen hatte, als die Sache im Eimer war. Schließlich gab es keine andere Möglichkeit mehr, sich über Wasser zu halten, als durch den Klan. Ethrom besaß gerade noch genug Charisma, um vor brennenden Kreuzen Geld zu sammeln, sodass schwitzende armselige Südstaatler ihre Tücher hochhoben und ein paar feuchte Dollar aus ihren Hosen fischten, wovon Ethrom ein Drittel für sich einbehielt, um auf diese Weise für seine Familie eine Existenz an der Armutsgrenze zu erschnorren.

Täglich verwendete Ethrom eine gewisse Zeit dafür, um seinen Sohn darauf vorzubereiten, ein Anführer des Klans zu werden. Er war sich sicher, dass sein Sohn »etwas Großartiges« werden würde. Er war von dieser ihn verzehrenden Vorstellung wie besessen. Eine der Aufgaben von Johnny Ray bestand darin niederzuschreiben, was sein Vater von den Ku-Klux-Klan-Versammlungen in Erinnerung behielt, und Briefe und chiffrierte Kommuniqués zu tippen, die Ethrom zu mitternächtlicher Stunde in seinem Pick-up mit den verräterisch klappernden Nocken auslieferte.

»Eines Tages wirst du über den gesamten Süden herrschen«, versicherte er seinem Sohn. »Amerika verlangt von dir, dass du ein Großer wirst, mein Junge. Du bist der Auserwählte. Du wirst den Süden wieder in seine Ära der Weißen zurückführen.«

Abends, nachdem Johnny zwei oder drei Stunden lang die Korrespondenz für den Ku-Klux-Klan erledigt hatte, half Ethrom ihm dann immer beim Waschen in einer Schüssel, goss aus einem Krug Wasser über seine Hände und sorgte dafür, dass er einen sauberen Nachttopf unter dem Bett hatte. Dann erzählte er seinem Sohn Gutenachtgeschichten über den Klan, die er von seinem Vater gelernt hatte, über die ruhmreiche Zeit der zwanziger Jahre, als der Klan mächtig genug war, die Präsidentschaftskandidaten zu Fall zu bringen. Manchmal las er seinem Sohn Flugschriften mit Hasstiraden vor, als wären sie Geschichten aus dem Alten Testament. Eines Nachts war er bis in seine eisige Seele hinein erschüttert, als er erfahren musste, dass 80 Prozent der Psychiater in Alabama Juden waren. Er hatte darüber in einem Stapel von Flugblättern des Klans gelesen, die an diesem Tag aus der Druckerei kamen. »Sie bringen die Nichtjuden in die abgelegene Wildnis von Alaska und nehmen dann Lobotomien an ihnen vor. Weißt du, was eine Lobotomie ist, mein Junge? Da rennen sie dir ein Messer mitten in die Stirn, um dich in einen Atheisten zu verwandeln. Die Regierung macht das andauernd. Es gibt da dieses vom FBI geführte Krankenhaus in Alaska, wo sie einen zum garantierten Kommunisten machen. Du bist dann so etwas wie ein Spielzeugroboter, mein Junge, und wenn sie dich erwischen, hast du dafür zu sorgen, dass das Alte Testament das einzige heilige Buch in Amerika ist! — Das Alllllte Tessstament. Es wird dann kein Neues Tessstament mehr geben.«

Johnny lief es kalt über den Rücken.

Die regionale Machtverteilung legte fest, dass örtliche Klanzellen geheime Terrorkommandos bilden sollten. Diese mussten klein sein, gut bewaffnet, mobil und bereit zu töten. Ethrom folgte dem Ruf mit Freuden. Seine Gruppe wurde bekannt als The Secret Six. »Bald«, sagte er mit einem seinen Sohn förmlich durchdringenden Blick, »werden es die Secret Seven sein.«

Er war der Meinung, er habe die Schlüssel zum Universum an Johnny Ray übergeben, der hart, unerschütterlich und zugleich unbeeindruckt dreinzuschauen versuchte.

»Verstanden, Junge?«

Johnny mied seinen Blick.

»Verstanden, Junge!!!?« Ethrom trat näher an ihn heran und rüttelte an seinen Schultern.

»Verstanden!?«

»Verstanden, Dad.«

Er gab seinem Sohn einen Gutenachtkuss, dann hielt Ethrom an, um sich selbst im Vorzimmerspiegel zu betrachten, und hüpfte aus Freude darüber, dass sein Erbgut sich fortpflanzen würde, dass große Zeiten bevorstanden, mit Geld, Macht, dem Ruf Gottes und der Nation.

Eine weitere der Pflichten, die Johnny für den Klan erledigen musste, war es, Kreuze aus langen Vierkanthölzern zu zimmern und diese dann in Sackleinwand zu wickeln. Ethrom wollte sie so groß wie möglich haben, aber sie mussten noch auf die Ladefläche des Lastwagens passen. Wenn riesige Kreuze für große Versammlungen benötigt wurden, musste Johnny sie direkt auf der Wiese, wo das Treffen stattfinden würde, sägen, nageln, verklammern und mit Streifen aus Kartoffelsäcken umwickeln.

Am späten Nachmittag, nachdem er das Kreuz eingewickelt hatte, machte er sich auf den Weg zur geheimen Lichtung im Wald und hackte den Rasen mit einem Grabeisen auf. Er legte das Kreuz neben das Loch und stellte in der Nähe einen Benzinkanister bereit.

Wenn das getan war, hatte Johnny Ray Slage ein paar Minuten Zeit für sich und konnte Gitarre üben. Er besaß einen angenehmen, wohltönenden Tenor. Es war ein eher seltsamer Anblick, wenn Johnny Ray Slage im Jahr 1966 auf einem Ku-Klux-Klan-Kreuz am Rand einer Gruppe von Walnussbäumen saß und Bob Dylans »The Times They Are A-Changin’« oder John Lennons »Norwegian Wood« sang.

Nach Einbruch der Dunkelheit und kurz vor der Versammlung schüttete er Benzin von oben bis unten auf das mit Sackleinen umwickelte Kreuz und setzte es in das Loch. Johnny stand in diesen Schreckensnächten am Rand und beobachtete seinen Vater bei dessen Aktivitäten. Manchmal saß er während der Feuerzeremonien draußen im Lastwagen und las Artikel, die Talbot ihm geschickt hatte, wobei das Feuer der getränkten Sackleinwand seine Leselampe war.

Zu Hause traf Ethrom oftmals Johnny Ray beim Studieren der verbotenen Sachen an. Ethrom war so stolz auf seinen Sohn, dass er sogar gegenüber den Schallplatten blind war, die sein Sohn überall im Haus hatte, etwa von den Fugs, den Mothers of Invention, von Blues Project, John Fahey, Pete Seeger, Rubber Soul von den Beatles, Leadbelly, Wilson Pickett, den Rolling Stones, Joan Baez und ein paar frühe Tonbandaufnahmen von Janis Joplin und Big Brother and the Holding Company.

Wir konnten nicht im geringsten wissen, welchen Einfluss wir auf Johnny Ray Slage hatten oder wie schnell wir mitgeholfen hatten, ihn zu verändern. Er erzählte uns, er hätte damals begonnen, sich die Haare lang wachsen zu lassen, lang zumindest für die Verhältnisse von Alabama, und es hing ihm bereits in typischer Hippieart bacchantisch herab. Sein Vater fand das nicht in Ordnung, auch nicht, als Johnny es oben nach der Art von Elvis zurückzukämmen versuchte. Ethrom ließ sich nicht zum Narren halten und schnitt ihm eines nachmittags mit einer Schafschere beinahe eine Glatze.

Ich sandte ihm einen elektrischen Tonabnehmer für die Gibson samt einer Beschreibung, wie er zu installieren war. Die Fugs besaßen einen zusätzlichen Verstärker, den wir nach Alabama hinunterschickten, obwohl wir fürchteten, dass das auf die Leinenbespannung gemalte Auge des Horus, welches von leuchtenden Marihuanablättern umgeben war, ihn in Schwierigkeiten bringen könnte.

Johnny Ray erzählte seinem Vater, er habe den Verstärker aus einer der Kirchen mitgenommen, die der Klan in Brand gesteckt hatte. Als er Johnny zur elektrisch verstärkten Gitarre singen hörte, kam ihm die Idee, dass sein Sohn auf den Versammlungen singen könnte. Ethrom gab ihm einige Texte: »Ich möchte, dass du daraus ein Lied machst und es Morgen singst, wenn wir zur Beulah-Bethel-Kirche hinausziehen wegen dieser Sache mit der Registrierung der Stimmberechtigten.«

Die Armeen der Weißen marschieren

Marschieren für Jesus und den Ruhm

Die Armeen der Weißen

Retten die Südstaaten

Aus Satans Sowjetgeschichte

Johnny Ray konnte kaum das Lachen unterdrücken. Ethrom wollte das Lied zu einer Melodie von Hank Williams gesungen haben, und Johnny zerriss absichtlich eine Saite — pling! sodass sie seitlich von der Gitarre herunterhing.

»Schon gut so, Junge, spiel weiter.«

Sein Vater versank von Zeit zu Zeit in einer geifernden, seinen ganzen Körper zum Beben bringenden Grausamkeit. Der Begriff der permanenten Aggression war zwar noch nicht in Gebrauch, aber der an Heftigkeit ständig zunehmende Drang, sich in Terrorakten auszutoben, meldete sich in regelmäßigen Abständen. Für Ethrom gab es nichts Erregenderes, als zuzusehen, wie eine Kirche niederbrannte, oder zur Schlafenszeit in die Häuser von Leuten einzubrechen, die mit der Registrierung der Stimmberechtigten zu tun hatten, um sie zusammenzuschlagen. Die akustische Erinnerung an den dumpfen Schlag, welcher Talbots des Großen Karriere als Footballspieler ruiniert hatte, war für ihn immer noch etwas, was er genoss.

Er musste diese Dinge vor Mattie Farlo verbergen. Als im Verlauf des Sommers ’66 die Gewalt zunahm, ließ sie ihn wieder und wieder schwören, dass er nichts damit zu tun hatte.

Als er festgenommen wurde und später wegen einer Kirchenbrandstiftung vor Gericht kam, musste er aufwendigere Ausreden erfinden. Johnny Ray verstand nicht, warum sich sein Vater solche Sorgen machte, da doch der Richter in dem Prozess ein Mitglied des Klans war.

Aber da es ein Geschworenengericht war, konnte der Richter den Urteilsspruch nicht einfach vorwegnehmen. »Die Kommunisten schicken Agenten von Russland bis hierher, um sicherzugehen, dass das Gericht mich schuldig spricht!«, meinte Ethrom unter Tränen zu Mattie Farlo und konnte sie damit beinahe überzeugen. Am Tag, bevor die Gerichtsverhandlung beginnen sollte, versammelte sich die Familie in Matties Haus zum Gebet und bat darum, von allen Atheisten und kommunistischen Rassenvermischern erlöst zu werden, und darum, dass Ethrom aus dieser Angelegenheit siegreich hervorgehen möge.

Die Gerichtsverhandlung fand am anderen Ende des Staates statt, deshalb beschloss Ethrom, bei dortigen Klanmitgliedern zu übernachten. Abends patrouillierten die Secret Six durch die Straßen, in denen die Geschworenen wohnten, und hinterließen Flugblätter mit der Aufschrift THE KLAN IS WATCHING YOU auf Windschutzscheiben und an der Tür zur Gemischtwarenhandlung, wo sie ihre Milch und Brot einkauften. Johnny Ray musste in die Schule und blieb deshalb zu Hause. Er war froh darüber. Das Haus gehörte nun ihm!! Tante Mattie kam jeden Abend herüber, um ihm das Essen zu machen, dann kehrte sie wieder zurück in ihr Haus. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass Johnny Ray ganz allein war. Es war wunderbar. Er konnte lesen, was er wollte, und die Sachen offen liegen lassen. Er konnte die ganze Nacht lang Gitarre spielen und Platten hören.

Er hatte an Talbot geschrieben, ob man ihm ein Tonbandgerät besorgen könnte, also schickten wir ihm ein schönes handbemaltes Wollensak-Spulengerät, das mir Andy Warhol geschenkt hatte. Es hatte einen Siebdruck von einer der berühmten Blumen von Warhol vorne auf dem Aluminium. Dieses Wollensak von Warhol kam an, als Ethrom Slage gerade vor Gericht stand.

Man hatte erwartet, dass die Verhandlung mindestens ein bis zwei Wochen dauern würde, doch wurde Ethrom bereits nach drei Tagen freigesprochen. Ein Konvoi mit Kerlen aus dem Klan fuhr in Richtung Birmingham und veranstaltete ein Hupkonzert. Johnny fragte sich, was los war, als er aus der Ferne das Gehupe hörte, kam aber nicht auf die Idee, dass das sein Vater sein könnte.

Ethrom soff aus Krügen so groß wie Einmachgläser und brüllte, als wäre der Krieg zu Ende. Er wollte nicht, dass Mattie Farlo ihn beim Trinken erwischte, also hielt er seinen Wagen am Ende der Straße, die vom Haus wegführte, um den schwarzgebrannten Whisky in einer alten abgestorbenen Föhre zu verstecken, die in der Familie »regloser Baum« genannt wurde und Spechtlöcher hatte, groß genug, um ein Gefäß darin zu verbergen.

Warhols Wollensak war in Johnnys Schlafzimmer. Er hatte sich ein paar Bänder angehört, die wir ihm geschickt hatten. Der alte Verstärker der Fugs stand auf dem Waschbecken und Dylans Gitarre lag auf dem Polster und war mit einem selbstgebastelten Kabel, das Johnny aus einem alten Radio von der Müllkippe gebastelt hatte, an den Verstärker angeschlossen.

Ethrom war im Haus, bevor Johnny alles verstecken konnte.

Ethrom blickte betrunken und verwundert auf das mit Blumen bemalte Tonbandgerät. Er nahm die Schachteln für die Tonbänder, um zu lesen, was darauf geschrieben stand.

»Was ist da drauf auf der Maschine, Junge? Spiel es vor.«

Johnnys Hand warf einen Schatten auf die Blume von Warhol, als er die »Play«-Taste drückte.

Es war ein Tonband von den Begräbnisfeierlichkeiten für die Opfer des Bombenanschlags von Birmingham. Talbot war nach seiner Begegnung mit Johnny Ray zu dem Begräbnis gefahren. Wir hatten einen Brocken Mörtel von der Kirche, in der die Bombe explodiert war, auf meinem Schreibtisch im Peace Eye Bookstore stehen.

Auf dem Band, das Johnny Ray seinem Vater vorspielte, beendete Martin Luther King gerade seine Rede zum Gedenken an die Opfer, und dann setzte der Trauergesang der versammelten Gemeinde ein, mit einer die Seele erschütternden Strophe aus Pete Seegers Hymne für die Bürgerrechtsbewegung:

»They won’t die in vain

They won’t die in vain

Deep in my heart I do believe

They won’t die in vain.«

Als er die Stimme von Martin Luther King hörte, setzte Ethrom sich aufs Bett, rot im Gesicht und bebend, sein Atem kam stoßweise, der Whiskygeruch, der aus seiner Kehle rülpste, mischte sich mit scharfen Magendämpfen. Die Worte »They won’t die in vain« jedoch ließen seinen Hass und seine Wut wieder zurückkehren, sodass er ein Loch durch das Auge des Horus im Verstärker der Fugs, der nun auf Johnnys Bett stand, boxte. »Die Südstaaten werden auch nicht umsonst sterben!« zischte er.

Diese Ungeheuerlichkeit! Sein Sohn, an den er seine Zukunftsvision geknüpft hatte — sein Sohn, dazu auserkoren, der fesselnde Prophet des Südens zu werden, welcher Ethrom am Liebsten selbst geworden wäre, war von den Kommunisten vereinnahmt worden! Während er an seinen Knöcheln lutschte, die von dem Schlag gegen den Verstärker bluteten, versuchte er seine Fassung wiederzugewinnen.

»Woher hast du das, Junge?« Ethrom hielt die Gibson hoch.

»Die ist von Bob Dylan, Daddy.«

»Von wem?«

Johnny Ray nahm die Gitarre und fing an »With God on Our Side« zu singen.

Ethrom packte die Gitarre und schleuderte sie Richtung Wand, um sie zu zerschmettern, verlor aber das Gleichgewicht, sodass es misslang. Er rannte aus dem Zimmer und warf einen Stuhl um, während er zum Ofen eilte. »Du hältst dich für weiß Gott was für heiße Scheiße«, rief er über seine Schulter. »Aber du bist bloß ein kaltes Würstchen auf einem heißen Zahnstocher.«

Johnny hörte, wie die Ofentür geöffnet wurde, und das Herumrascheln, als sein Vater Papier zusammenknüllte, und das Reiben des Zündholzes, dann das kratzende Geräusch der Gitarre, während diese auf das brennende Papier geschoben wurde.

Johnny ging ans Fenster, zog den Vorhang zur Seite und schnappte nach Luft: »FBI, Daddy!«

Der totale Schrecken brach aus. Der Vater ließ die Ofentür offen, als er über die Stiegen nach oben stürzte, um sein Gewehr zu holen, und rief seinem Sohn noch zu, das Funkgerät einzuschalten. »Ruf die Secret Six. Sag ihnen, sie sollen sich bereit machen zum Kampf!!«

»Okay, Daddy.«

Johnny nahm die kleine Axt neben dem Holzofen und durchtrennte die elektrische Leitung am Sicherungskasten. Es gab einen gewaltigen Blitz, und dann war es im ganzen Haus finster. Er rannte zur Veranda; und kletterte über das Spaliergitter aufs Dach hinauf, wo er eine Schindel herausriss, um das Rauchabzugsloch im Kamin zuzudecken. Er dachte, dass sich so vielleicht das Haus mit Rauch füllen würde und seinen Vater aus der Fassung bringen müsste.

Dann rannte er zurück in sein Zimmer, wo er den versteckten Stapel Zeitschriften von Talbot herausriss und zum Ofen trug. Er holte die Gitarre heraus, die wie durch ein Wunder noch unbeschädigt war, abgesehen von ein paar Brandflecken auf den psychedelischen Aufklebern, und warf stattdessen die Zeitschriften hinein.

Er erschauderte, pisste sich vor Angst in die Hosen, als er sich die Finger abschürfte, während er in Windeseile einige seiner Habseligkeiten in den groben Leinensack stopfte, den sein Vater aus dem Koreakrieg mitgebracht hatte. Er fand seine Jeansjacke, einige nicht zusammenpassende Socken und die Familienbibel, denn Johnny war religiös. Er nahm ein Messer aus der Küche, damit er später die Flagge der Konföderierten vom Rücken der Jacke heruntertrennen konnte. Er wusste, wo sein Vater das Geld vom Klan aufbewahrte. Es waren ein paar Hundert Dollar da. Er würde nicht alles nehmen. Sein Vater war so schlampig, dass er ohnehin nie genau darüber Buch führte. Er suchte nach etwas, wo er es hineintun konnte, leerte den Inhalt von Ethroms Red-Man-Kautabakbeutel und stopfte ihn voll mit Geld.

Er starrte ungefähr fünfzehn Sekunden lang auf das Wollensak-Tonbandgerät mit den mittels Schablone aufgespritzten Blumen. Er wusste, was sein Vater damit tun würde — es bei Versammlungen des Klans benutzen, oder »Geständnisse« gefolterter Opfer aufnehmen —, und so beschloss er, es mitzunehmen.

Sein Vater kauerte mit einem Gewehr in der Hand unter dem Wohnzimmerfenster am Boden und fuhr seinen Sohn im Flüsterton an: »Schau, dass du dein Gewehr herkriegst, Junge, und alle Munition, die du hast. Und dann hol mir die Schachtel mit den Handgranaten aus dem Keller!«

»Okay, Daddy.«

Johnny öffnete die Haustür und flüsterte: »Es sind fünf Wagen draußen. Einer davon ist das schwarze Fahrzeug mit der großen Antenne.« Er wusste, Ethrom würde glauben, es sei der Leiter des Polizeipostens in Birmingham, und völlig in Panik geraten.

Genau in diesem Moment krächzte Vaters Papagei sein aus einem einzigen Wort bestehendes Repertoire hinaus: »Klan! Klan! Klan!« Johnny nahm ihn von seiner Sitzstange und ließ ihn auf seine Schulter hüpfen. Er würde, so dachte er, ein gutes Geschenk sein für Talbot den Großen.

Er stellte das schwere Tonbandgerät, die Gitarre, den Papagei und den Leinensack am Rand der Einfahrt nieder und ging hinauf auf den Hügel, um den Grabstein seiner Mutter zu küssen. Dann fuhr er per Autostop bis in die Lower East Side von New York City.

Ethrom kauerte ein paar Minuten lang zitternd unter dem Wohnzimmerfenster am Boden, rief flüsternd nach seinem Sohn, bis er schließlich zum Eingang kroch, die Tür aufbrach und auf die Veranda hinausrobbte, die Finger am Abzugshahn und bereit für die Entscheidungsschlacht.

Es war überhaupt nichts — kein schwarzes Auto mit großer Antenne, kein Einsatzwagen des Sheriffs. Es dämmerte ihm, dass sein Sohn abgehauen war, und er spürte einen schmerzenden Knoten im Magen wie den verkalkten Knödel eines Wiederkäuers. Er weinte und tobte und fluchte im plötzlichen Schmerz des Verrats. Er liebte seinen Sohn so sehr, dass er ihn wahrscheinlich umbringen musste.

Eines Abends streunte ein junger Mann ins Peace Eye und sagte: »Ich bin Johnny Ray Slage.« Ich erkannte das Tonbandgerät von Warhol und dann Dylans Gitarre, die aus dem Leinensack herausragte. Zum Schutz hatte Johnny einen graurotgestreiften, groben Wollsocken über den Gitarrenhals und die Wirbel gestülpt.

Er öffnete eine kleine Schachtel und heraus hüpfte der Papagei seines Vaters. Er stellte sich auf meinem Schreibtisch auf dem Mörtelbrocken, den Talbot von der Kirche gebracht hatte, auf die der Bombenanschlag verübt worden war, und krächzte »Klan! Klan! Klan!«

Ich versuchte gelassen und gleichgültig zu erscheinen, aber ich war überglücklich, dass der Junge entkommen war. Ich rief Talbot an, der im wahrsten Sinne des Wortes die ganze Strecke von der Vierzehnten Straße bis zum Peace Eye auf seinem hinkenden Bein herunterrannte. Indian Annie war im Hinterzimmer dabei, die neueste Ausgabe der Marijuana Review zusammenzustellen. Ich stellte die beiden einander vor und Annie ging hinüber zur Kommune, in der sie lebte, um einen Schlafsack für Johnny Ray zu holen. Er schlief ein paar Tage im Peace Eye, bis sich bei Annie Platz fand.

Der Papagei blieb im Peace Eye und während der nächsten paar Monate arbeiteten wir hart daran, ihm ein paar neue Phrasen beizubringen, sodass er — er trug nun den Namen Freedom —, als der Summer of Love begann, auf meinem Schreibtisch stand und »Piss auf den Klan! Peace! Piss auf den Klan! Peace!« rief.

Z EIT, GEIST, NERVENKITZEL, TANZ & MUSIK

Sam Thomas atmete schwer, rang fast nach Luft, und Bäche von Schweiß flossen über seine heißen Schulterblätter angesichts der Überzeugungskraft der Prosa. Er las laut vor, mit einer trockenen, heiseren Stimme, die bisweilen zu einem fast unhörbaren Flüstern einer im Kehlkopf sitzenden Angst wurde:

»Ich habe jetzt den ersten Hebel gedrückt,« sagte O’Brien. »Die Konstruktion des Käfigs ist Ihnen doch klar? Die Maske passt nahtlos über Ihren Kopf. Wenn ich hier auf diesen anderen Hebel drücke, dann gleitet die Käfigtür hoch. Die halbverhungerten Bestien werden wie Kugeln herausschießen. Haben Sie jemals eine Ratte durch die Luft springen sehen? Sie werden Ihnen ins Gesicht springen und sich sofort hineinbohren. Manchmal stürzen sie sich zuerst auf die Augen.«

Als die Stelle gekommen war, da die Ratten die Augen anknabberten, war das Schreien, mit dem er den Text vorlas, in ein Dröhnen übergegangen, wobei er zitterte wie ein Junkie, der sich schon den zweiten Tag gegen den Horror wehrt, einen Rattenkäfig als Gesichtsmaske tragen zu müssen. Es war alles so wirklich für ihn, dass er — nachdem er eine Pause gemacht hatte — das Gefühl hatte, aus einem heftigen Traum zu erwachen, und ein paar Sekunden lang gaben Realität und Traum einander die Hand. »Whew! Nicht mit mir! Keine Augenbehandlung mit mir!« rief er und schleuderte »1984« quer durch das Zimmer, wo es von der aus einem Wasserkühler gebauten großen silbernen Wasserpfeife abprallte.

Draußen war ein schöner Tag, der mit Mustern unendlicher und zielloser Schrägheiten lockte, und keinerlei Bilder von Rattenkäfigen vor dem Gesicht würden ihn davon abhalten, in den Nervenkitzel hineinzuspazieren.

Den ersten Halt bei seiner Herumbummelei machte er im Peace Eye Bookstore, wo gerade ein paar Matratzen von der Straße hereingeschleppt wurden und aus Öfen und Kühlschränken vom Sperrmüll eine Gemeinschaftsküche gebaut wurde.

Freedom, der Papagei, saß auf dem Hektografie-Matritzendrucker und sah zu, wie herumgeschoben und gewerkelt wurde, wobei er ungefähr alle zehn Sekunden sein »Piss auf den Klan! Peace!« hören ließ.

Der Peace Eye Bookstore war an die Gemeinschaft übergeben worden, um entsprechend den Bedürfnissen der Gemeinschaft benützt zu werden. Bei einer Versammlung des Stammesrats wurde beschlossen, dass die Gemeinschaft eine Kombination aus Kommunikationszentrum und Pennbude zum Übernachten brauchte. Der Hauseigentümer hatte sich schon aufgeregt, als im Hof jemand Selbstverteidigungskurse abhielt. Ein Zirkusartist in gebatikten Gewändern hatte ein Seil zum Balancieren gespannt und die Mieter im oberen Stock beklagten sich bald über Marihuanageruch, der von den Matratzen ins Treppenhaus hinaufzog.

Bücher waren nicht mehr so wichtig. Sie waren in Stößen in den hinteren Raum verfrachtet worden, sodass ehrwürdige Reihen von Friedenskerzen, Räucherstäbchen, Federn und Runensteinen ihren Platz in den Regalen des Verkaufsraums einnehmen konnten. Die Wände wurden mit Postern geschmückt, die sich mehr auf Marihuana und Musik bezogen als auf Dichtung und Untergrundzeitschriften, und es gab Anschlagtafeln, die voll waren mit kurzen Botschaften, der Suche nach Mitfahrgelegenheiten nach San Francisco und Aufrufen besorgter Eltern etwa des Inhalts »Will, ruf zu Hause an! Wir verstehen dein Problem. Auch wir möchten nicht, dass du nach Vietnam gehen musst!« oder »Laurie Kate. Wir versprechen dir, nie wieder ein Jimi-Hendrix-Poster zu zerreißen oder dich nicht wegzulassen. Es ist alles verziehen.«

Sam half einem jungen Mann namens Groovy, der für die Ruhezone im Peace Eye zuständig war und die sogenannte Matratzenwiese gestaltete, die sich durch alle drei Räume erstreckte. Groovy war ein paar Jahre jünger als Sam. Er war ein großer, schlanker, stiller und gelassener Typ, der eine Harmonika auf einem Drahtbügel um den Hals trug, sodass er immer eine Melodie spielen konnte, während er in der East Side unterwegs war. Groovy hatte eine Tätowierung »Bourbon Street — New Orleans« auf seinem Arm. In Auflehnung gegenüber Generationen von Vorfahren, die zum größten Teil Farmer im Mittelwesten gewesen waren und eine Tätowierung bereits als einen Bund mit dem Teufel betrachtet hätten, ließ Sam sich von Groovy dazu überreden, sich das Auge des Horus [SVG-Horusauge] aus dem Fenster des Peace Eye auf den Unterarm tätowieren zu lassen.

Groovy besaß Eigenschaften, die Sam bewunderte. Er war das, was man heute einen Macher nennen würde, einen Auftreiber von Unterkünften. Ihm war klar, dass die jugendlichen Motten aus der Gegenkultur, die es ins grelle Licht der Lower East Side zog, eine Bleibe brauchten, also half er denen, die sich in den Park flüchteten und einfach treiben ließen, eine Unterkunft zu finden. Zu anderen Zeiten hätte Groovy vielleicht ein Missionar sein können, aber das Schicksal brachte Groovy in die schmutzigen Straßen, dahin, wo es groovy war.

Er verschenkte, was er besaß. Er half denen, die auf schlechten Trips waren. Er war ein Hippie für die Hippies. Er verdiente sich ein bisschen Geld, indem er Acid und Peyote und ein paar Aufputschtabletten verkaufte. Er war fasziniert von Methamphetamin-Hydrochlorid, das unter dem Namen Methedrin verkauft wurde.

Groovy hatte eine geradezu alttestamentarische Abneigung gegen Leute, die einen übers Ohr hauten. Die Straßenmafiosi auf der Avenue A dazu übergegangen, in der Neuen Bohème mit Drogen zu handeln, zusätzlich zu den Hippie-Dealern mit den runden Nickelbrillen und Halsketten aus Schlangenwirbeln. Viele Straßendealer verlangten zu viel und hauten die Kundschaft übers Ohr. Groovy beschwerte sich bei ihnen persönlich, wenn er sie traf. Sie schätzten das nicht besonders. Mit seinen beschränkten Mitteln war Groovy so etwas wie ein Polizist der Gegenkultur, auch wenn er so einen Gedanken mit einem zornigen Akkord aus seiner Harmonika verscheucht hätte.

Hübsche Hippiemädchen, die von zu Hause weggelaufen waren und Namen wie Dove, Oat, Rainbow und Yes trugen, fühlten sich zu ihm hingezogen. Sie standen auf ihn, und Groovy fühlte sich im sprichwörtlichen Himmel, wenn er mit einer, zwei oder drei von ihnen auf psychedelischen Leintüchern im Verlauf des Sommers der Liebe herumspielte.

Sam las ihm einmal den »Rattenkäfigtext« von Orwell vor, als sie die Zehnte Straße zum Tompkins Park hinuntergingen. »Das ist es, was wir verhindern müssen, Mensch. Keine Rattenkäfige mehr«, sagte Groovy, während er beim Gehen aus dem Stegreif verrückte Muster hinlegte, tanzte und Melodien aus seiner Hohner-Marinekapellen-Harmonika mit dem Drahtgestell schlingern ließ, das ihm die Hände freiließ, um mit Freunden abzuklatschen und freundlich die Kurven der jungen Mädchen zu umspielen.

Groovy kannte sie alle — »Hi, Moan!« rief er über die Straße hinweg einem Freund zu, »Hi, Toke! Hi, Win! Hi, Mule Train!« Hin und wieder schrieb er die Adresse einer Unterkunft auf eine Karte und gab sie einem von zu Hause Weggelaufenen, der einen Platz zum Schlafen brauchte. Im Geiste suchte er immer wieder neue und geheime Unterkünfte, da die Polizei immer bemüht war, sie aufzuspüren.

Als er mit Groovy unterwegs war, hatte Sam erstmals das Gefühl, nicht auf der Höhe seiner Zeit zu sein: Ihm blieb diese Fülle an ein- und zweisilbigen Namen ein Rätsel. Es gab mindestens hundert junge Frauen, die Gipsy hießen. Wirklich, es gab so viele Gipsies, als handelte es sich um einen Science-Fiction-Film. Und allein in der Woche, als er Groovy beim Auflegen der Matratzenwiese half, traf er junge Leute namens Hawk, Pepsi, Flame, Stowaway, Crimson, Time, Thyme, Tyme, Tome, Tam, Tum, Thomb, Thumb, Peace, Moan, Sky, Abs (für Absolute), Theena (für Athena) und Fullsome. Es hatte sicherlich etwas mit den Pioniertagen Amerikas zu tun, wenn Eltern ihren Kindern Namen verpassten wie Bountiful und Welcome. Aber es machte das Leben auch zu so etwas wie einem Körbchen voller Pommes frites.

Sam steuerte für das dichter werdende Netzwerk von Pennbuden, welches Groovy schuf, seinen berühmten Enthusiasmus bei. Gemeinsam begannen sie, ein über die ganze Stadt verteiltes System von Schlafstellen und Kommunen zu planen. Sie nannten es Goof City und waren davon überzeugt, dass dieses Vorhaben zur Rettung des Planeten beitragen würde. Es musste dafür gesorgt werden, dass die Städte freundlich, friedlich, aufregend und toll blieben, ansonsten würden sie sich in nichts anderes als von einer Küste zur anderen reichende Vorstädte verwandeln und das gesamte offene Land auffressen, das Wasser verschmutzen und das Weideland aufbrauchen.

Sam schwebte Goof City vor als der »ewige Ereignispark«, um den Dichter Charles Olson zu zitieren, ein Ort der großen Freiheit, Erschwinglichkeit, der billigen Mieten, angemessenen Löhne, des sexuellen Glücks für alle, von Freizeit in Hülle und Fülle, garantiertem Zugang zu Vergnügen und Kunst, mit Straßen, die so sicher wären, dass Mann oder Frau um vier Uhr morgens nackt herumspazieren konnte, ohne belästigt oder angefasst zu werden.

Sam schrieb und veröffentlichte Das Goof City Manifest und tat sein Bestes, um Versammlungen zu organisieren, damit diese Chaosstätten, die als Pennbuden bereitstanden, irgendwie in ein System gebracht werden konnten.

Das Problem war die Zeit — Sam wollte zwar Groovy dabei helfen, ein Netzwerk von Goof-City-Unterkünften aufzubauen, aber er hatte ganz einfach nicht die Zeit dazu. Er zerriss sich ohnehin in zwanzig verschiedene Richtungen: Bürgerrecht, Dichtung, Studium klassischer Sprachen, Zusammenkünfte mit den Quäkern und dem Komitee für gewaltfreien Widerstand, Protestversammlungen gegen den Krieg, zu stundenweisen Nebenjobs eilen, Zeitschriften veröffentlichen, Filme machen, knutschen, sich streiten, sich wieder vertragen, auf LSD-Trips gehen, in Bars herumhängen, sich erholen, trampen, Galerien besuchen, die besten Köpfe seiner Generation ausfindig machen.

»Wir leben nicht lange genug, um Goof City entsprechend zu planen. Und wir können nicht überall leben«, sagte Sam Thomas. »Wir brauchen parallele Existenzen!« Sam kam zu dem Schluss, dass er mindestens sieben Leben brauchte: eines fürs Herumhängen, eines für die Kunst, eines für nützliche Arbeit, eines um Saxofon zu üben, eines für Meditation, eines für die Liebe und ein eigenes Leben, um Goof City aufzubauen, um es in Schuss und in Ehren zu halten. Er war so zerteilt, dass er nicht wusste, welchem Scheinwerfer er seinen armen Sonnenblumenschädel entgegenstrecken sollte.

»Eines Tages werden diese ungeplanten Tage des Herumhängens uns wie die Bruchstücke eines verlorenen Paradieses erscheinen«, sagte er. »Ich sehe am Horizont eine abscheuliche Kultur aus lauter Schreibstubenhengsten wie Bartleby, ihre Gesichter in Orwellschen Rattenkäfigen, und keinerlei Freizeit. Es ist deshalb ungeheuer wichtig, Goof City gleichzeitig auch zu leben, während wir Goof City auf die Beine stellen.« Auf einer der Matratzen saßen Indian Annie und Suncatch bereits ineinander verschlungen und bemalten einander die Zehennägel mit verrückten runden Mustern, während sie Betelnüsse aßen. Annie war vom East Village Other zur Slum-Göttin der Woche gekürt worden und schmückte sich jetzt für den Fototermin.

Johnny Ray Slage kam, um Freedoms Käfig zu putzen und Wasser nachzufüllen. Johnny weinte und versuchte dies vor Sam zu verbergen. Jemand hatte ihm bei einem Treffen der verschiedenen Gruppen die Gitarre gestohlen, die er im Flur gelassen hatte, weil der Raum dermaßen überfüllt war. »Ich werde sie wieder auftreiben«, meinte Groovy und schluckte eine Tablette mit Meth, die ihn frech genug machen sollte, um sich auf den Straßen auf die Suche nach der Gibson zu machen. Als er schnellen Schrittes in Richtung Park abdampfte, waren die eindringlichen Melodien seiner Harmonika zu hören.

Nachdem die Matratzenwiese fertig war, ging Sam Thomas wieder nach draußen, um etwas zu erleben. Die Sonne auf der Avenue A hatte, wenn auch nicht gerade das von den Malern so geschätzte mediterrane Leuchten, dennoch eine ungewöhnliche Intensität an einem späten Frühlingsnachmittag, der so warm war wie ein Sommertag.

Er beschloss, sich auf die Stufen der alten Total Assault Cantina zu setzen, um dem fünfzehnköpfigen Celestial Freakbeam Orchestra zuzuhören, das auf dem Dach über ihm probte. Auf den Gehsteigen drängten sich alle möglichen Lebewesen. Hinter dem oberen Rand des Schilds der Total Assault Cantina fütterte ein Rotkehlchen seine Jungen. Es hockte da und umklammerte mit den Beinen das Holz genau über dem Wort »Total«, ein Anblick, den Sam in seinem Notizbuch festhielt, und dann sang es mit einem hellen Zwitschern, das besser war als jedes Lied im Radio.

Das erste, was Sam auffiel, war die Tatsache, dass jeder auf der Straße glücklich wirkte, ziemlich ungewöhnlich für ein finsteres Viertel. Es war ein Tag, an dem viele, die in Armut dahinvegetierten, ihre Unterstützung erhielten, und deshalb waren sogar diejenigen, die in der Klemme steckten, überschwänglich. Aber es war mehr als das — selbst Revolutionäre, die mindestens die letzten sechzehn Jahre nicht gelächelt hatten, vergaßen eine Stunde lang ihren Unwillen!!

John Barrett kam vorbei, so glücklich, wie es ein sich selbst verzehrender Barde nur sein kann. Er war gerade dabei, ein Stück fertigzukriegen, das im North Beach Theatre in San Francisco aufgeführt werden sollte. Er lächelte also.

Indian Annie ging zu ihrem Fototermin als Slum-Göttin, der auf dem Dach, wo das Celestial Freakbeam Orchestra probte, stattfand. Als sie danach herunter kam, strahlte sie wie die junge erste Liebe. Das wirklich einzig Negative, was Sam an diesem ganzen Nachmittag hörte, war die neidische Mary Meth, die Annie zusah, wie sie eilig in den Park lief, wo ihr Freund Suncatch wartete, und fragte: »Was ist hier wohl Slum, und was die Göttin?«

Sechzehn Dichter schlenderten vorbei, und nicht einer von ihnen schien sich um die Karriere Sorgen zu machen, und mindestens drei Stunden lang hatte keiner das Werk eines anderen Dichters runtergemacht! Gut die Hälfte von ihnen blieb stehen und bat Sam, sich Gedichte anzusehen, die sie gerade getippt hatten.

Seine Freundin Linda Quintano setzte sich kurz zu ihm, voll Begeisterung und wildem Elan. Sie hatte einen Subventionsantrag für die Bürokraten von Johnsons Great Society zugunsten der Tagesbetreuungsstätte auf der Avenue B hingekriegt. Sie war voller Zuversicht, dass sie damit auch etwas erreichen würde.

Es wurden spontane Geschenke verteilt, so an jenem Nachmittag, als — fünfundzwanzig Jahre vor dem Eisenhans und den trommelnden Männergruppen — eine Gruppe von Männern als »Überwinde den Geiz«-Unterausschuss der Vereinigung psychedelischer Händler vom Tompkins Square, die Straße entlangmarschierte und Dollarscheine verteilte als Versuch, die Auswirkungen exzessiver Geldgier zu lindern, welche die psychedelische Psyche zerstörte.

Baldy Dom, der Kredithai, gerade aus dem Gefängnis entlassen, bot vor einem leerstehenden Geschäft alle Arten von zweifelhaften Wucher- und Grundstücksgeschäften an, nur ein Stück entfernt von der Stelle, wo Sam Thomas auf den Stufen der Total Assault Cantina saß. Heute ließ Baldy Dom den Dingen einfach ihren Lauf, rückte den ganzen Nachmittag lang niemandem auf die Pelle und lehnte sich in einem Thonet-Sessel gegen die Ziegelmauer des Gebäudes, sodass die Frühlingssonne sein blasses Gefängnisgesicht anstrahlen konnte.

Eltern kamen vorbei, die ihre Söhne und Töchter in ihren Pennbuden besuchen gingen, und Sam konnte an ihrem selbstsicheren, entspannten Gang erkennen, dass sie gewillt waren, über unerlaubt langes Haar ebenso hinwegzusehen wie über Miniröcke, die nicht breiter waren als ein Gürtel, über Wasserpfeifen, dreckiges Gebäck, vernachlässigte Berufslaufbahnen, fehlende Möbel, revolutionäre Poster, seltsame Schlafsäcke und Hinweise auf Rauschgift.

In der Elften Straße gingen Polizisten zu einer Tür hoch, um eine dieser Pennbuden auszuheben. Sie hörten Gelächter und Jazz von gegenüber und beschlossen, es bleiben zu lassen.

Leute schauten hoch und winkten dem Celestial Freakbeam Orchestra zu, dessen Mitglieder gerade wie aufgereiht am Rand des Daches standen und auf die Avenue hinunterschauten, während aus den Trompeten und Zugposaunen eine volle und fröhliche Melodie kam, als würden Wimpel gegen ein Partyzelt knattern. Irgendwie fing, während die Bläser ihre heisere Botschaft verkündeten, etwas an, das eines der legendärsten Ereignisse des Jahres 1967 werden sollte: das Spontaneous Ballet of Avenue A.

Eigentlich gab der Postbote den Anstoß für das Spontaneous Ballet of Avenue A, als er auf dem Gehsteig einen Stepptanz hinlegte, während er die Post für den Schönheitssalon aus seiner Tasche zog. Er überreichte sie dessen Inhaberin tanzend.

Die Inhaberin sprühte zufälligerweise selbst ebenfalls gerade vor Freude, weil ihr Freund ihr am Telefon gerade von seiner Arbeitsstelle aus einen Heiratsantrag gemacht hatte! Und dann war aus dem Labor der Anruf gekommen, dass sie schwanger war!

Sie stand auf den Stufen zu ihrem Geschäft und tanzte mit ihrer frisch zurechtgemachten Lockenpracht, die im tollen Sonnenlicht wie die Hieroglyphe einer Sonne aus dem alten Ägypten vibrierte. Sam wünschte, er hätte seine Kamera mitgenommen.

Ohne Verzug breitete sich das Spontaneous Ballet aus. Leute fingen an, auf die Straßen herauszutänzeln und herumzuzucken, sie drehten sich und wirbelten im Kreis, während sie bei Grün die Fahrbahn überquerten, rissen die Arme hoch, hüpften im Stand, und die Hörner, Tubas und Basstrommeln des Celestial Freakbeam Orchestra erteilten ihrem Tanz den Segen.

Der Typ von der Pizzabude an der Ecke Elfte Straße und Avenue A trat ins Freie und muss den Weltrekord im Hochschleudern von Pizzateig aufgestellt haben. Er bückte sich bis zum Boden, schleuderte dann die rotierende Scheibe wie ein von einer Feder hochschnellendes Katapult in den Himmel. Sams staunende Augen folgten ihm nach oben, oben — mindestens dreieinhalb Stockwerke hoch — während der Pizzamann zweimal herumwirbelte, bevor er dann im richtigen Moment danach griff, um wieder hineinzulaufen und Tomatenmark über den Teig zu löffeln, ihn mit Käse und Gewürzen zu bestreuen und in den Ofen zu feuern.

Auf der anderen Straßenseite stellte sich eine Gruppe von Müttern mit Kinderwagen schön in einer Reihe nebeneinander auf und ließ sie zunächst in die eine und dann in die andere Richtung im Rhythmus dahinflitzen, während sie den Jungmüttertanz vorführten.

Dora the Diver kümmerte sich um die Mülltonnen der Avenue A. Auch sie begann eine langsame, kreisende Sarabande um den Drahtkorb an der Ecke hinzulegen, wobei sie mit genau abgestimmten Bewegungen die Hände und Arme einmal eintauchte und dann wieder herauszog.

Der Polizeiwagen, dessen Besatzung sich gerade entschieden hatte, die Tür der erwähnten Pennbude nicht aufzubrechen, hielt in der Mitte der Avenue an, und schon tanzten die Polizisten heraus und umkreisten das Fahrzeug — Sam zählte mit — fünfmal, dann stiegen sie wieder ein und fuhren in Richtung Vierzehnte davon, aber erst, nachdem Indian Annie ihre Antenne mit einer Blumengirlande geschmückt hatte.

Es gab aber auch feiner abgestimmte Momente beim Spontaneous Ballet of Avenue A. So schaltete zum Beispiel der Typ, der die Nähmaschinenreparaturwerkstätte gegenüber betrieb, alle Maschinen in seinem Laden ein und stellte dabei das Tempo so ein, dass die Nadel eines der ersten elektrisch betriebenen Modelle im Fenster sich in einer Art und Weise auf und ab bewegte, dass die Abwärtsbewegung zu Sams Freude den Rhythmus des Celestial Freakbeam Orchestra aufnahm!

Der als der Hippiekapitalist bekannte Mann kam aus seiner Zentrale heraus und begann im Stand zu joggen, wobei er eine Peyote-Kürbisrassel schüttelte, während siebzehn Konzepte für Weltraumzweigstellen psychedelischer Unternehmen ihm durch den Kopf gingen. Eine nach der anderen hauten ihn die Ideen förmlich um: ein nationales Netzwerk von Ballfotografen, die die Aura von Mädchen in miedergesprenkelten Roben und Kerlen im Smoking festhalten sollten. Wow! Aufblasbare Übernachtungskuppeln für die Dächer! Wow! Eisenbetonboote, von psychedelischen Künstlern verziert! Ewigkeit! Schuhabsatzverstecke für Marihuana! Gewaltig! Lachgas-Heißluftballonfahrten! Weiter!

Eine Frau kam in einem dunkelroten Mantel an Sam vorbei und zuckte mit den Schultern zum Rhythmus der Band, überglücklich, dass sie das Geld für die Miete zusammengekratzt hatte! Vor ihren Augen tanzte ein anderer die Straße entlang, dessen Buch gerade von einem Verlag angenommen worden war!

Dann sprang eine Studentin von einem Stadtbus und sprintete in der Mitte der breiten Avenue dahin, wobei ihre Sandalen flock! flock! flock! machten, als sie auf den Asphalt schlugen. »Ich hab’ ein Ausgezeichnet! Ich hab’ ein Ausgezeichnet!« rufend schwenkte sie ihren Aufsatz »Der existentielle Reiz des Perlenauffädelns« für die philosophische Fakultät der New York University triumphierend über ihrem Kopf.

Drei Soldaten in nagelneuen Glockenhosen und mit Perlenschmuck sahen, wie ringsum alles tanzte, und sie vollführten eine Art Tanz der Verstohlenheit, während sie ihre Uniformen heimlich da und dort in Mülltonnen steckten. Sie hatten in Indian Annies Kommune übernachtet und wollten nun nach Kanada und Schweden, um zu warten, bis der Krieg vorüber war.

In diesem Moment torkelte der unter dem Namen Snarl bekannte Barde aus dem Park heraus, in einem Leninistischen Taumel der durch Speed verstärkten Selbstbezogenheit, bei dem auf zwei Schritte vor einer zurück folgte. Er hielt Dylans Gitarre auf einem schmutzigen gestreiften Polster wie eine Reliquie vor sich. »Da«, sagte er, »gib das eurem kleinen Jungen vom Klan. Groovy meinte, er würde mich in den Arsch treten, wenn ich sie nicht zurückgeben sollte. Beachte bitte, dass ich sie künstlerisch verschönert habe.« Er zeigte mit einem Finger, der aussah, als wäre er mit Kirschenmarmelade eingeschmiert worden, auf das Wort OM neben dem Schallloch, dessen Buchstaben aus kleinen aufgeklebten Methedrin-Tabletten bestanden.

Als das wunderbare Licht langsam schwächer wurde, bemerkte Sam eine sich ununterbrochen bewegende Arabeske aus Tauben, die hochflogen und sich fallen ließen und in schönem Winkel vor der dunkelroten Front der Karpato-Russischen St.-Niklas-Kirche ein Stück weiter vorne hin und her wogten, wo John Barrett einmal den Geist von Sappho im Schnee gesehen hatte.

Es war dies ein gutes Omen eines Nachmittags, an dem Zeit, Geist, Nervenkitzel, Tanz & Musik in einem vogelwahrsagerischen Zusammenspiel aus gutem Willen und Rauscherfahrung für den Zeitraum von ein oder zwei Stunden an einem warmen Frühlingstag für das Spontaneous Ballet of Avenue A in Goof City eins wurden.

D AS PSYCHEDELICATESSEN

Das Psychedelicatessen eröffnete in diesem Frühjahr auf der Avenue A nördlich der Zehnten Straße, neben der bretterverschlagenen alten Total Assault Cantina, einem Rebellencafé, das vor vier Jahren zugesperrt hatte, nicht lange, nachdem Präsident Kennedy erschossen worden war. Während dieser Jahre — wobei vier eher wie vierzig zu sein schienen — dämmerte die leere Total Assault Cantina ungenutzt von irgendeinem Mieter an der Avenue dahin, als wäre sie zu ehrwürdig, um berührt zu werden, und erwarb sich einen an Poe gemahnenden mystischen Ruf bei den Hippies, die sich, wenn sie daran vorbeigingen, an Geschichten ihrer ein wenig älteren Vorläufer aus der Beat-Generation erinnerten, Geschichten über die glorreichen Jahre der Jazz-Poetry, des Bebop und der Bongos, der Versammlungen für die Freedom Riders und den neuartigen Reiz der von Mandoline, Dulcimer oder Skiffle Band begleiteten Folk Tales.

Das urige vorpsychedelische Schild über der Tür verlor bereits seine Buchstaben: TOTAL A SAULT C NTINA, was das ganze nur noch besser machte im Sinne von Poe, wirklich. Hippies, die von Acid high waren, starrten durch die Ritzen in den mit Brettern vernagelten Fenstern, als könnten sie noch die Chianti-Flaschen der Beatniks mit roten Kerzen drin sehen und eine Gruppe von Baskenmützentypen, die nickten und einen Bürgerrechtskämpfer anfeuerten, der gerade »Howl« las, um sich auf Touren zu bringen, bevor es gegen den Klan in Mississippi ging.

1967 ging es unverhohlener zur Sache als 1961 und deshalb stellte das Psychedelicatessen seine Botschaft, dass Psychedelika eine epochemachende Erweiterung in der Geschichte der Gattung seien, in prahlerisch schreienden Primärfarben zur Schau. In den Schaukästen gab es Zubehör zum Marihuanarauchen, Haschischverstecke, Wasserpfeifen, Brillengläser, die das Licht brachen, Kaleidoskope, Pfauenfedern, Kleider, die mit Perlen aus bemalten Hanfsamenkörnern geschmückt waren, Runensteine, Tarotkarten, Massageöl, eine in verschiedenen Geschmacksrichtungen angebotene Substanz namens Orgienbutter, Salbeibüschel für den rituellen Gebrauch, aromatische Stirnbänder, welche nach Myrrhe dufteten, Voodoofiguren, Erdmuttersymbole, Rock ’n’ Roll-Poster, Körperfarben, Moiré-Scheiben für Stirn oder Nippel, kleine Glücksbringer für den Nabel, Merlin-Schuhe, stroboskopische Leuchten, Flaschenkürbisrasseln mit perlenverzierten Griffen für Peyotezeremonien, Kräutertees für den Morgen danach, magische Gefäße, in den Ganges getauchte Eisenholzstäbe zur Steigerung der poetischen Ausdruckskraft, Zebraschädel für die Anbetung, silberne Wasserpfeifen, Untergrundzeitungen und Bücher über Drogen, Aphrodisiaka, zeremonielles Gerät und Marihuana.

Als der Innenraum des Psychedelicatessen umgestaltet wurde, schwebte den Leuten eine indianische Höhlenwohnung vor. Es gab zwei ebenerdige Räume, von denen einer sich zur Straße hin öffnete, und einen Kellerraum sowie ein Obergeschoss, das über eine Leiter aus mit Hanfseil verknoteten Tipi-Sprossen erreicht werden konnte, die vom Vorderraum durch eine Öffnung in der Decke führte. In diesem Obergeschoss residierte die kommuneartige Gruppe, der das Psychedelicatessen gehörte.

Der zweite ebenerdige Raum des Psychedelicatessen stand beinahe zur Gänze für den Verkauf und das Abbrennen von Kerzen zur Verfügung. Es waren tatsächlich immerzu ungefähr fünfzig Kerzen am Brennen, große, kleine, parfümierte, solche, deren Dochte Funken sprühten oder Rauch in roten oder blauen Farbtönen abgaben, was dem ungelüfteten Raum eine mystische Verrauchtheit weihevoller Psychodüsternis und meditativen Eingestimmtseins gab. Dieser Raum mit den brennenden Kerzen bot auch eine Ausstellung zur spirituellen Kraft der Steine an. Es waren (verkäufliche) Poster an der Wand, vom Plymouth Rock, dem Stone of Scone und vom Omphalos der Gaia in Delphi. Es gab alte Hockey-Schachteln, die mit weißen Kieseln angefüllt waren, und einen Tonsandsteinklotz von einer halben Tonne, welcher »der heilige Tropfstein« genannt wurde und mit dem der Laden sozusagen seine Ehrerbietung gegenüber dem, was als »das strukturlose Wesen des Amorphen« bezeichnet wurde, zum Ausdruck brachte. Auf dem »heiligen Tropfstein« standen immer brennende Kerzen, sodass seine Seiten mit dicken, reizvoll vielfarbig schimmernden Schichten überzogen waren.

Der Raum, der dem strukturlosen Wesen des Amorphen geweiht war, war gemeinhin als der Tropfenraum bekannt, und meist gab es ein paar Meditierende oder Dichter, die an seinem Rand auf Polstern saßen und sich Notizen machten. Hin und wieder kam auch jemand in den Tropfenraum, um einen Einberufungsbefehl in der Kerze auf dem Tropfstein knisternd verbrennen zu lassen.

In einem Winkel des Tropfenraums war eine Öffnung im Boden, durch welche das Ende einer Leiter ragte, über die die Eingeladenen nach unten steigen konnten in die Kiva, einen mit Postern, stroboskopischer Beleuchtung, Matratzen und Polstern zur Meditation und für psychedelische Zeremonien ausgestatteten Kellerraum.


Vorbeieilende, deren Mägen gerade knurrten, sahen von draußen den Teil des Schildes, der -TESSEN verkündete, also kamen sie herein und wollten Bagels, Knishes oder Räucherlachs. Das führte unter dem Personal zu zahlreichen geistreichen Witzeleien über eine Speisekarte, die zum Beispiel Vorspeisen wie Marihuanasamen und Ziti, Spiegeleier mit Acid oder Peyote-Chips mit Haschöl/Jalapeño-Sauce anbieten würde. Spaß beiseite, die Sache mit dem »-tessen« war der Tupfen auf dem »i«, was den Gewinn betraf, und bald war es möglich — falls man vertrauenswürdig genug war — sich spezielle Bestellungen wie einen Haschisch-Auflauf oder eine Pilzkasserole zusammen mit einem eigenen Tripbegleiter in die Wohnung oder zur Eröffnung der Galerie liefern zu lassen.

In diesem Frühjahr flocht das Schicksal, das den Großen Teppich wob, ein zusätzliches Muster ein, welches drei Frauen zur Arbeit ins Psychedelicatessen führte. Die Erste hatte gerade den Namen Vera Kommissarzhevskaya angenommen, die Zweite war die Frau, die sie Lilona of the Space Shadows nannten, und die Dritte war eine Modedesignerin namens Indian Annie, die eine Kommune in der Siebten Ost betrieb.

Alle drei Frauen — Vera, Lilona und Annie — waren kurz zuvor aus Ehen geflüchtet und wollten nach New York, nachdem sie herausgefunden hatten, dass ihre Männer jeweils ein Verhältnis mit ihren Schwestern hatten. Vera, Lilona und Annie kamen bestens miteinander aus, erzählten einander am ersten Arbeitstag ihre Geschichten und waren zusammen im Tropfenraum neben dem großen blauen Felsen, der dem »strukturlosen Wesen des Amorphen« geweiht war, als ihnen unter abergläubischen Ausrufen wie »O nein!«, »Verdammte Scheiße!« und »Du heiliger Strohsack!« die Parallelen in ihren Schicksalen aufgingen.

Die Frau namens Vera war vor kurzem noch Kathy Grieve aus Seattle gewesen. Als ihre Schwester schwanger wurde und die Wahrheit herauskam, war Kathy barfuß durch die Straßen gezogen und hatte geheult, gekreischt und sich selbst ins Gesicht geschlagen und Klagelieder, die zwischen den tiefsten und den höchsten Tönen wechselten, über den schrecklichen Betrug ihres Mannes und ihrer Schwester, die dessen Geliebte geworden war, angestimmt. Dies hatte immerhin unter den Hippies in der Nachbarschaft soviel Aufsehen erregt, dass eine Untergrundzeitung in Seattle einen Artikel über »Liebesleid durch die Schwester« veröffentlichte.

In einem vor Kummer unternommenen LSD-Trip taumelte Kathy in eine Acid-Phantasie, in deren Verlauf sie eine Stimme hörte, die ihr verkündete, sie wäre die Reinkarnation einer gewissen Vera Kommissarzhevskaya. Sie erlebte sich auf einer Bühne in Moskau, wie sie nach einer Aufführung von Maxim Gorkis Nachtasyl unter tosendem Beifall immer wieder vor den Vorhang geholt wurde. »Vera! Vera! Vera!« rief das begeisterte Publikum.

Nach dem LSD-Trip erfuhr Kathy in der Schulbibliothek (sie hatte damals Theater als Hauptfach), dass Vera Kommissarzhevskaya eine große russische Schauspielerin des späten neunzehnten und frühen Zwanzigsten Jahrhunderts gewesen war, zum Star des Moskauer Künstlertheaters wurde und später ihr eigenes Theater gründete, in welchem sie sich auf die Stücke von Tschechow spezialisierte. Dann der Schock: Die russische Vera hatte sich ebenfalls von ihrem Ehemann getrennt, nachdem er sie mit ihrer eigenen Schwester betrogen hatte! Die Drogenvision und die Übereinstimmungen ihres Liebesleids waren nur allzu erschreckend. Kathy war überzeugt, dass in ihrem kleinen Winkel des Universums die Götter sie riefen, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen.

Die Vera Kommissarzhevskaya, über die sie las, war voller Energie und hatte ein schmales Gesicht. Für sie war das Theater ein heiliger Auftrag und die Kunst ein eifersüchtiges Wesen, unter dessen Sohlen alles zermalmt wurde, was sich ihm nicht unterwarf. Die große russische Vera verwandelte sich durch die Inspiration, die ihr die Arbeit mit einem lebendigen Publikum brachte, in ein Genie, und Kathy aus Seattle hatte entdeckt, dass auch sie ein Genie war, wenn es darum ging, ein Publikum in Erregung zu versetzen.

Im Russland des Neunzehnten Jahrhunderts wurden Schauspielerinnen mit einer beinahe religiösen öffentlichen Begeisterung verehrt. Manchmal wurde Kommissarzhevskaya am Ende eines Stücks bis zu fünfzigmal vor den Vorhang gerufen. Schließlich kehrte sie noch mit Mantel und Hut in der Hand vor ein in Tränen aufgelöstes Publikum zurück, das sie nicht gehen lassen wollte. »Gehen Sie nicht! Verlassen Sie uns nicht! Verschwinden Sie nicht! Bleiben Sie bei uns!« Sie bebte und weinte: »Ich gehöre euch!« Es gab Leute, die inmitten von soviel kollektiver Hysterie in der Menge bewusstlos wurden.

»Ja!«, hauchte Kathy Grieve. »Das ist es, wonach ich mich stärker sehne als nach Freiheit oder Berührung!« Sie identifizierte sich völlig mit der großen Schauspielerin, die die Rolle der Möwe verkörpert hatte, und nahm schon am nächsten Tag den neuen Namen an. Kathy spielte die Rolle der Kommissarzhevskaya perfekt, mit großen, dunklen Augen und einer musikalischen Stimme, deren Vokale sich melodiös dehnten bis zum Sprechgesang. Sie fand eine Fotografie in einem Buch: Wow! Sie sah sogar so aus wie Vera Kommissarzhevskaya!! Von da an trug Vera ihr dunkelrotes Haar entgegen der allgemeinen Mode — nämlich ganz kurz —, und ihre Augen, ohnehin fast schon zu groß, ruhten mit der Intensität athenischer Eulen in einem prächtigen schockroten Rahmen.

Nur wenige Wochen nach ihrer Ankunft in New York begann Vera ihre Karriere in einem Theater mit unzähligen Offs — einer Off-Off-Off-Off-Off-Broadway-Produktion mit dem Titel Acid & Communism: Yes. Nach dieser tastenden Anfangserfahrung hoffte sie, sich zumindest bereits in Richtung Überschwemmungsgebiet des Off-Broadway-Stroms zu bewegen, deshalb arbeitete sie freiwillig als Platzanweiserin beim Luminous Animal Theatre auf der Bowery, wo sie alsbald Rollen bekam. Es war erstmals auf der Bühne des Luminous Animal, nach Tausenden Proben von (gezeichnet von Tausenden Schnipseln von Probebändern), dass Vera Kommissarzhevskaya in ihrer Ära einen herausragenden Eindruck hinterließ. In den späten sechziger Jahren lockte und begeisterte sie ihr Publikum und versetzte es in Spannung. Sie verkörperte Starqualität, Starpotential und Starhunger.

Wo schon vom Hunger die Rede ist: Die Schauspielerinnen von 1967 schienen immer am Rande einer durch schlechte Ernährung bedingten Abmagerungskur zu stehen, die sie dünn bleiben ließ. Bestimmt war es vor dreitausend Jahren, wenn Künstler Eintagsproduktionen in Zelten am Rand des Tals der Könige aufführten, dasselbe, wie wenn Vera Kommissarzhevskaya fast eine Woche lang ohne Nahrung zur Arbeit gehen musste und im Psychedelicatessen Kerzen und Duftstoffe verkaufte, damit sie überleben konnte.

Es war eine Ära, in der das Wort »freak« verschiedene Bedeutungen hatte, von denen die meisten positiv waren: freak-out, freaky, freako, freaking, oder »mich dürstet es nach den ungeplanten Tagen des freak-goof.« Das Wort hatte aber auch die Bedeutung von Besessenheit. So stellte sich zum Beispiel bei der Arbeit heraus, dass Vera ein Sauberkeits- und Reinlichkeitsfreak war. Sie trug dieselbe detailversessene Energie ins Psychedelicatessen, die sie in ihre Rollen im Luminous Animal Theatre gelegt hatte — jede Reihe mit indischen Duftstoffen, jeder Kristall, in dem sich das Licht brach, jedes Stück spirituellen Glitzerzeugs arrangierte sie auf den Millimeter genau auf den Ladentischen und Regalen. Sie wischte sogar die Wachstropfen von den Kerzen im Tropfenraum mit einem feuchten Tuch weg.

Die zweite Frau, die im Psychedelicatessen arbeitete, war Lilona of the Space Shadows, deren durch die Untreue ihres Ex-Ehemanns gebrochenes Herz und eine Neigung zu allem Religiösen, welche durch Unmengen von Acid und Meskalin noch verstärkt wurde, sie ständig in Richtung des Raum-Zeit-Kontinuums streben ließ. Sie war sozusagen und schlechthin die Allererste unter den Astronauten des inneren Raums. Sie war out there, von der Außenwelt abgeschnitten, in der Regenbogenzeitzone, während sie den gigantischen Meeresschwamm in den Meeren des Jenseits ritt, und der Sturzbach ihrer manchmal kaum vernehmbaren Worte entsprang ihrer Seele mit einer vibrierenden Kraft, wie wenn ein Singvogel, den ein Habicht fasst, Federn lässt. Und dennoch gelang es Lilona, diese aus ihrer Seele gepeitschten Federn zu belangvollen Raum-Zeit-Botschaften zu verweben, welche die Leute gerne hörten und zitierten. Für ihre Ära versinnbildlichte Lilona of the Space Shadows das eigentliche Wesen dessen, was sich, sofern solch ein sprachliches Unding erlaubt ist, als der codex spacia cadetia bezeichnen ließe.

Sie war darüber hinaus das, was Balzac in einer seiner Geschichten — La Torpille — einen tollen Stechrochen nannte. Sie hatte ungemein blondes Haar, das von ihrem Kopf flatterte wie ein Zierstrauch. Sie verbarg ihren sinnlichen und umschwärmten Körper hinter zahllosen Raum-Zeit-Schichten — hinter wallenden Gewändern, Westen, Pullovern, Schals, Gürteln, Capes und Schleiern. Sie wollte nach ihrem Schmerz ihren Körper verstecken, denn ihr Körper war wie ein zorniges Meer. Unter ihrer aufsehenerregenden Kleidung sahen ihre am besten bekannten Merkmale hervor: Lilona of the Space Shadows trug fast immer einen kniehohen silbernen und einen kniehohen roten Stiefel.

Während Vera Kommissarzhevskaya bloß ein einziges Mal ausgeflippt war und mit dem Wehklagen der von der eigenen Schwester Betrogenen durch die Straßen von Seattle gezogen war, wurde Lilona alle paar Monate von allem überwältigt, sodass sie einen Tag oder eine Nacht lang auf die Straße ging und ihren Hauch aus flügelflatternden Worten in stöhnendem Geflüster von sich gab, als hätte jemand ein Federpolster aus einem Fenster im dritten Stock ausgeleert. Im Jahr ’67 waren die Straßen von New York noch sicher genug, sodass Lilona in Weltraumschmerz und grenzenloser Verzweiflung barfuß durch den Schnee laufen konnte, über dem Kopf ein Buch mit Versen schwenkend, während sie in den Himmel starrte, um den in der schmutzigen Luft kaum zu erkennenden Neumond zu sehen.

Ihre an Straßenecken dargebotenen Sinnsprüche waren in der psychedelischen Szene überaus geschätzt. Wer sie in einer bestimmten Verfassung hörte, für den klangen ihre Verkündigungen wie psychedelische Rocktexte. Und tatsächlich verwendeten zahlreiche Sänger und Musiker Zeilen von ihr in Songs, und sie half großzügig jungen Folk-Acid-Rockern, die Qualität ihrer bisweilen wirklich grauenhaft fehlerhaften Texte zu verbessern.

Lilona fand ihr Heil in der Poesie, in deren Diensten sie eine überaus praktische Veranlagung zeigte. Sie organisierte regelmäßig Dichterlesungen in nicht bloß einem oder zwei Cafés oder Buchhandlungen, sondern in zehn! Sie war am Telefon dermaßen hartnäckig, dass viele berühmte Dichter, die normalerweise nur an Veranstaltungsorten uptown wie dem Y in der Zweiundneunzigsten Straße lasen, sich Lilona zuliebe auf einmal in irgendeinem Club in der Lower East Side einfanden, der dermaßen obskur war, dass es draußen nicht einmal ein Schild gab.

Lilona gab eine Literaturzeitschrift heraus, Nightlace, die sie auf dem Matrizendrucker der Kommune im Peace Eye Bookstore herstellte, und sie betrieb einen Kleinverlag, den sie Huge nannte, weil sie davon überzeugt war, dass er sich in einen gewaltigen finanziellen Erfolg verwandeln würde.

Lilona of the Space Shadows war, wie Tausende andere auf der East Side, bereit für die Revolution, aber sie wollte die revolutionären Strukturen auf Dauer durchgesetzt sehen, nicht nur in Form von psychedelischen Barrikaden an den Straßenecken. Sie glaubte an Wahrheit und Ehre, selbst im Getümmel des revolutionären Chaos, und sie wollte eine Revolution, die auch die reiferen Jahre mit einbezog, mit einem klaren Konzept für eine saubere Welt voller Spaß, in der die Poesie und die Kinder ihren sicheren Ort haben. Deshalb sprach sie, wie abgehoben auch immer, von der Notwendigkeit einer Tagesbetreuungsstätte am Tompkins Square bereits Jahre bevor es wirklich dazu kam. Sie stand während des Sommers der Liebe im Park neben den Schaukeln und dem Planschbecken und sah die Mütter und Väter — meist Mütter — mit ihren Hippiekindern — »Stone Flame! Spritz bitte Yucca nicht an!« und träumte von einem Amerika der Kommunen, in dem alles für alle in Hülle und Fülle vorhanden war, von einem Ort, wo sie ihre eigenen Kinder großziehen könnte!

»Der große Ozean ist zornig, er will das perfekte Kind«, schrieb der Barde Charles Olson, und Lilona of the Space Shadows zitierte diese Zeile wieder und wieder. Ahh, wie sie sich nach dem perfekten Kind sehnte! Ihr war bewusst, dass sein Vater vielleicht bald wieder weg wäre, hoffte aber, dass er sanft und hilfsbereit sein würde, sodass das Kind diese Eigenschaften erben würde, um die friedfertige Natur noch zu unterstreichen, die das Baby mit Sicherheit von ihr mitbekommen und erlernen würde. Sie wollte ihr Baby in einer kooperativen Kommune aufziehen, in der die täglich notwendigen Arbeiten untereinander geteilt würden und die ihr Sicherheit gab und genug freie Zeit, um sich mit ihrer Poesie zu beschäftigen.

Lilona zählte darauf, dass ihre Mitarbeiterin Indian Annie, die auch der Kommune vorstand, in welcher Lilona lebte, die Führung übernehmen würde.

Indian Annie war eine robuste Chippewa-Indianerin aus Wisconsin, die aus einer Ehe, in der ihre Schwester zur Geliebten ihres Mannes wurde, ausgebrochen war, zwar nicht in Tränen, aber versessen darauf, alleine zurechtzukommen. Anders als Lilona und Vera, die über Telefon oder brieflich eine kämpferische Verbindung mit ihren Müttern aufrechterhielten, hatte Annie jeglichen Kontakt abgebrochen. Ihrem Identitätsgefühl nach war sie ein Opfer als Angehörige einer ganzen Kultur, aber sie fühlte sich auch als Opfer ihrer Familie, und deshalb ließ sie diese nicht an sich heran.

Ihre Familie hatte sich über ihre Arbeit als Designerin lustig gemacht, weil Annie sich gern auf eine Art kleidete, welche die annähernde Nacktheit gewisser Körperzonen mit eleganten Girlanden aus Leinen, Rinde, Spitze, kleinen durchbohrten Steinen, Lederkopfschmuck, Federn und Metallblech auf eine Art und Weise kombinierte, die in der Modewelt bald als bis an die Zähne bewaffneter Hippielook berühmt wurde. In der Lower East Side mietete sie einen Laden, wo sie ihren eigenen Lindenfaserzwirn drehte, um damit ihre Kleider zu nähen, mit denen sie zunehmend Aufmerksamkeit erregte.

Indian Annie vermisste das ländliche Leben und drohte ständig damit, aufs Land zu ziehen, aber ihr Geschäft mit den Kleidern wurde langsam ein Erfolg. So hatte etwa Bloomingdales einige ihrer Modelle gekauft und sie wurde zunehmend in Klatsch- und Modekolumnen erwähnt, obwohl es schwierig blieb, regelmäßig genug zu verkaufen, um die Miete zu bezahlen, weshalb sie eine Teilzeitarbeit im Psychedelicatessen annahm.

Indian Annie war ebenfalls eine Revolutionärin. Während Vera Kommissarzhevskaya eher Ordnung in den leblosen Raum bringen wollte und Lilona die Ordnung in ihren Versen suchte, brachte Indian Annie den Menschen Ordnung bei — vor allem den jungen Hippietypen. Die beiden Wohnungen über ihrem Laden verwandelte sie in einen Lebensraum, der irgend etwas zwischen Pennbude und Kommune war — vielleicht eine »Penn-mune«. Eines ihrer Ziele war es, von den jungen Männern, die in ihre Kommune kamen, so viele wie nur möglich zu ändern.

Deshalb wurde Annies Domäne so etwas wie die Abschlussklasse so einer Penn-mune. Annie ließ den Kerlen keinerlei Unordnung durchgehen. In den mit Matratzen ausgelegten Unterkünften, in denen die Gänge dazwischen so eng waren, dass sie ihre Arme wie eine Seiltänzerin ausbreiten musste, um während der Inspektionen von einem Ende zum anderen zu gelangen, brachte sie den jungen Männern bei, wie sie ihre indischen Bettdecken sauber und straff zu spannen hatten.

Ihr fiel ein beunruhigendes Muster unter den männlichen Hippies auf, die sich am späten Nachmittag in der Kommune einfanden und Platten hörten und Hasch rauchten, während die Hippiefrauen kochten. »Alles, was ihr Typen wollt, ist ein barbusiges Hippiemädchen, welches euch automatisch jeden Tag um halb sechs ganze Eimer voll Spaghetti kocht«, empörte sie sich. »Los! Alles aufgestanden und ab in die Küche! Ich werde euch zeigen, was zu tun ist!«

Sie brachte ihnen bei, das Gemüse zu waschen und zu schneiden, sowie Pasta- und Getreidegerichte herzustellen, und sie zwang sie zu hygienischem Umgang mit der Nahrung. Sie hatte einen Dachgarten angelegt, und alle mussten mithelfen, ihn zu bearbeiten. Sie hängte einen verhassten Dienstplan an die Wand über der Wasserpfeife der Kommune, zwischen Janis-Joplin- und Doors-Postern, und berief abends vor jeder Party Versammlungen ein, um diejenigen bloßzustellen, die ihren Anteil an den Arbeiten nicht erledigten.

Sie hielt ihnen anstelle des Tischgebets kleine Vorträge vor den Mahlzeiten. Sie machte sie auf den Wert biologischer Ernährung aufmerksam, lange bevor das Biologische so sehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rückte, bestand darauf, dass sie ihr Essen nicht hinunterschlangen, und ermahnte sie, jeden Bissen zehnmal zu kauen.

Manche waren eifrig bei der Sache, andere wurden mürrisch. Kein Vorstadtkind, das zum Rasenmähen verdonnert wird oder wegen einer schlechten Note nicht hinaus durfte, konnte derart trotzig und beleidigt sein wie einige der Hippiebürschchen, die von Indian Annie zum Kartoffelwaschen und -schälen abkommandiert wurden, zum Brotbacken fürs Abendessen oder zum Sauberkratzen eines Topfes mit angebranntem Reis. »Scheiß drauf«, meinte dann einer von ihnen, »ich wollte ein wenig im Zimmer herumhängen und mir Jimi anhören und mir einen reinziehen, Mann, und meinen Kopf für die wahren Aufgaben freimachen! Aber dies hier nimmt die Spannung völlig raus, Mann! Diese Indianerzicke ist eine harte Nuss!«

Und da waren sie also, verwoben in ein und denselben Schicksalsrahmen namens »67«, drei Frauen, deren intensives Wehklagen in Aktivität verwandelt worden war: Vera Kommissarzhevskaya, die hungrig darauf war, eine große Schauspielerin zu werden; Lilona of the Space Shadows, entschlossen, sich als Dichterin und Mutter zu verwirklichen; und Indian Annie, welcher ungemein daran gelegen war, den jungen Kerlen Benehmen beizubringen und als Modedesignerin ihren Weg zu machen.

Sie arbeiteten gut zusammen. Sie hatten so viel Elan, so viel Schwung und Lebenskraft — sie waren auf so interessante Weise penetrant und sie besaßen die Fähigkeit, keine Zeit verstreichen zu lassen zwischen Entschluss und Ausführung. Was waren sie doch für ein Team, als sie in den Sommer der Liebe schwebten!

Und dann kam der sechzehnjährige Johnny Ray Slage in den Laden, der vor seinem rassistischen Vater in Alabama geflohen war und ständig eine zerschrammte alte Gitarre mit sich herumschleppte, die einst Bob Dylan gehört hatte und ein Prachtstück war, das nur wenige kaltließ. Jemand hatte ihm seine Gitarre zu stehlen versucht, deshalb hatte er sie jetzt immer bei sich, und das ließ ihn zu einem besseren Spieler werden, da er nun zwischen dem Verpacken der verschiedenen Bestellungen, die über den Versandkatalog des Psychedelicatessen eintrafen, neue Griffe und Licks einübte.

Alle drei — Lilona, Vera und Indian Annie, hatten sich auf eine Zeit der Geilheit eingestellt, nachdem sie aus ihren Ehen geflohen waren, und nahmen gespannt Notiz von dem schönen Johnny Ray Slage mit seiner ausgeprägten hohen Tenorstimme und seiner magischen Gitarre. Er vermochte ihnen das Blut aus ihren Gesichtern zu jagen oder sie vor Begeisterung erröten zu lassen, wenn er sang. Er war solch eine Wucht, dass selbst sein Anblick schon genügte, dass ihnen die brennenden Räucherstäbchen aus der Hand fielen oder die Bissen von den Linsenlaibchen auf ihren Gabeln zu zittern anfingen.

Sie wollten ihm alle nahe sein und ihn berühren und so oft wie möglich mit ihm ins Gespräch kommen, sodass die drei Femmes fatales des Psychedelicatessen einander bald eine erstaunliche Tatsache zuflüsterten: Der Engel aus Alabama war eine Jungfrau!

Darauf folgte dann ein Streit, der sich am Rande des Unziemlichen bewegte, wer ihm die Jungfräulichkeit rauben dürfe. Ein Problem dabei war, dass er so, na ja, unerfahren war, dass er sogar Schwierigkeiten hatte, jegliche Form von sanftem Annäherungsversuch auch nur zu erkennen. Irgendwie wurde all dies unter den glühenden Maiden um den Tompkins Park publik, und an die zwanzig von ihnen frequentierten von nun an das Psychedelicatessen in der Hoffnung, Johnny Ray in ihre Bude abschleppen zu können.

Das erotische Trio namens die Wilden Weiber der Zehnten Straße schloss sich dem Bemühen an und kam mit dem Angebot, es ihm nach einem Konzert, das er eines Abends im Peace Eye Bookstore gab, zu dritt zu besorgen. Johnny verstand immer noch nicht, was sie ihm da vorschlugen, bis eine verzweifelte Enid Starkey es ganz trocken formulierte: »Johnny Ray, wir vier alle im selben Bett, keine Kleider und nur Spaß!«

Er kapierte, lehnte das Angebot jedoch ab. Es stellte sich zur Verblüffung aller heraus, dass Johnny Ray Slage religiös war und nur mit der Frau intim werden wollte, die mit ihm in die Kirche ginge!

Unter diesen Umständen übertrugen Lilona of the Space Shadows und Indian Annie die Sache an Vera Kommissarzhevskaya, da sie die Einzige war, die in ihrem Kleiderschrank ein Paar Kirchenschuhe, weiße Handschuhe und ein ordentliches Kleid behalten hatte.

Vera und Johnny probierten eine Reihe von Kirchen aus, entschieden sich aber schließlich für den Versammlungsort der Quäker im Village. An der Tür sah Johnny ein kleines Schild an einer von einem blauen Nagel hängenden goldenen Schnur, an welcher eine kleine getrocknete Blume befestigt war, mit der Aufschrift »Möge hier das Schweigen beginnen.«

Obwohl er nicht viel von seiner Heimat in Alabama vermisste, sehnte er sich nach Schweigen. Es war so laut auf der Avenue A. Selbst wenn er sich in der räucherduftschweren Stille der Kiva im Psychedelicatessen aufhielt, konnte Johnny Ray immer noch das ferne Rauschen der U-Bahn aus der Vierzehnten Straße wahrnehmen.

Er dankte Vera dafür, dass sie sich so früh an einem Sonntagmorgen schön angezogen hatte, und weinte, als er ihr erklärte, dass er bei seiner Verwandlung die Hilfe der Kirche brauche.

Sie fragte ihn, was er damit meine.

»Es genügt nicht, den Bann der Gewalt zu brechen«, meinte er. »Wir müssen darüber hinaus auch den Kreislauf der Gemeinheit durchbrechen. Ich trage solch eine Bürde mit mir. Wenn du in mein Herz kommen könntest, könnte ich dir die Spuren jahrhundertealter Gemeinheit zeigen.«

Während der stummen Andacht musste Johnny ständig das Bedürfnis zu singen unterdrücken. Anschließend fragte er die Frau, die der Gemeinde Vorstand, nach den Gepflogenheiten. »Was passiert, wenn jemand den Wunsch verspürt, die Stille durch Gesang zu unterbrechen?«

Sie sah Johnny ungefähr fünf Sekunden lang an und erwiderte dann: »Unsere Gründer ermunterten grundsätzlich zum spontanen Gesang. Die frühen Quäker sangen, wenn sie ins Gefängnis gesteckt wurden, ihren Wärtern aus freier Seele Melodien vor.« Sie führte Johnny Ray zur Bibliothek und reichte ihm einen Text aus der Apologie des Quäkerschriftstellers Robert Barclay: »Wir bekennen uns zum Gesang als eines Bestandteils des Gottesdiensts, welcher sehr lieblich und erfrischend ist, wenn er dem Herzen als reines Gefühl von Gottes Liebe entspringt.«

Mehr brauchte Johnny Ray Slage nicht zu hören. Am nächsten Sonntag brach er das Schweigen mit einem Gesang, einem freudigen und unheimlichen Klangbogen reiner Vokale, welcher die Gemeinde in seiner Schönheit in Erstaunen versetzte. Vera sang ebenfalls mit, und zwar harmonisch, indem sie das Uuuu russischer Zigeunergesänge über dasjenige von Johnny legte. Es gab natürlich damals noch keine tragbaren Minirekorder, sodass keine von Johnnys und Veras Quäker-Vokalsonaten auf Band festgehalten wurden.

Der Geist der großen Schauspielerin Vera Kommissarzhevskaya war nicht das einzige Stück Russland, das in diesem Frühling seinen Weg ins Psychedelicatessen fand. Ein anderes Bruchstück hier war von anderer Natur — es entsprang dem russlandfeindlichen Klima des Kalten Kriegs und dem Krieg gegen LSD.

Zu jener Zeit gab es eine große öffentliche Diskussion über den Stellenwert und die Frage der Harmlosigkeit psychedelischer Drogen. Bis vor nur wenigen Monaten war es gesetzlich erlaubt gewesen, im Besitz von LSD zu sein, und wer sich damit zu Forschungszwecken befasste, konnte es beim Pharmakonzern Sandoz erwerben. Es war eine Ära, in der die Leute in beträchtlichem Maße öffentlich für die Legalisierung von Drogen eintraten und wer vertrauenswürdig genug war, konnte LSD, Psilocybin, Marihuana, Meskalin und Peyote im Psychedelicatessen kaufen.

Im Verlauf des Jahres 1967 gab es Hunderte von Artikeln über die Bedeutung von LSD in den Massenmedien, wobei diejenigen, die dessen Gebrauch zur Gänze verbieten wollten, langsam den Pressekrieg gewannen. Die New York Times veröffentlichte in diesem Jahr mehr als fünfzig Artikel über LSD.

In diesem Frühjahr mietete die Bundesregierung gegenüber dem Psychedelicatessen zu Überwachungszwecken Geschäftsräume an. Zur Tarnung eröffneten die Regierungstypen ein Unternehmen namens Bananadine, Ltd.


Früher war hier eine Pizzeria gewesen und nun wurde die Reihe der bis an die Decke reichenden Ofen mit Stahltüren zum Backen und Haltbarmachen von Bananadine verwendet. Das Unternehmen Bananadine, Ltd. expandierte so schnell, dass die Agenten schon Witze machten, sie sollten sich besser pensionieren lassen, um dann ernsthaft ins Bananengeschäft einzusteigen. Sie vertrieben kleine bananenförmige Pfeifen, mit denen ihr Produkt geraucht werden konnte, und Woche für Woche wurden Tonnen von Bananadine verschifft. Reporter und Fernsehteams kamen regelmäßig, um Interviews zu machen, und die Agenten konnten ihre Umsätze noch steigern, indem sie Anzeigen in Untergrundzeitungen im ganzen Land veröffentlichten.

Die Bullen begannen das Telefon abzuhören und setzten eine Wanze in den vorderen Raum des Psychedelicatessen. Es dauerte nicht lange, bis die Beamten mit ihren Kopfhörern im Hinterzimmer von Bananadine, Ltd. in Aufregung gerieten wegen einer neuen psychedelischen Droge, die auf der anderen Straßenseite in Umlauf gebracht werden sollte.

Folgendes war passiert: Ein verdächtiger Lastwagen mit Alaska-Nummernschild und gelenkt von jemandem namens Reindeer Ron hatte vor dem Psychedelicatessen geparkt, und Agenten beobachteten mit Feldstechern von Bananadine, Ltd. aus, wie Dutzende von verdächtigen Schachteln ausgeladen wurden. Mittels eines auf einem Dreifuß stehenden Teleskops auf dem Dach war es einem Agenten möglich, durch eine dünne Platte in den vorderen Raum zu schauen, wo die Schachteln geöffnet wurden.

Es war gespenstisch. Reindeer Ron hatte buchstäblich Tausende und Abertausende kleiner Phiolen sterilisierten Rentierurins von Tieren gebracht, die im nördlichen Sibirien vermutlich psychedelische Pilze gefressen hatten.

Bei Bananadine, Ltd. kritzelte ein mit Kopfhörer und Tonbandgerät ausgestatteter Agent Notizen des Gesprächs, das jenseits der Straße geführt wurde, auf Papier.

»Woher stammt das Zeug eigentlich?«, fragte eine Stimme.

»Aus Sibirien«, sagte Reindeer Ron.

»Das kommt im Ernst aus Sibirien?«

»Ja, tatsächlich«, meinte Reindeer. »Der Schamane veranstaltet jeden Frühling und Herbst, wenn die Pilze in den Birkenwäldern wachsen, einen Wulstlingspilztanz. Sie haben ihre eigenen Rentierherden und wissen genau, wann die Herden die Wulstlinge fressen. Dann sammeln sie den Urin, und der wird schließlich in heiligen Zeremonien getrunken.«

»Und dann passiert was?«

»Wir kennen eine Möglichkeit, von der Küste aus an Land zu gehen. Wir kaufen ihnen das Zeug ab. Wir kochen es auf, und man hilft uns, es aus Sibirien herauszuschaffen. Es ist nicht für jeden bestimmt, aber Mann, es macht vielleicht high! Wir haben Etiketten drucken lassen«, sagte Reindeer Ron und hielt eine Phiole mit einem regenbogenfarbenen Etikett und dem Aufdruck Reinshine in die Höhe.

Alle lachten.

»Da, wollt ihr’s probieren?«

»Iii-uuu!« meinte Soy Flower, eines der Kinder, die im Stock darüber im Apartment des Psychedelicatessen wohnten, »Daddy trinkt Rudolphs Pipi. Iii-uu, iii-uu!«

Den Beobachtungsposten im Hinterzimmer von Bananadine, Ltd., der via Kopfhörer die Gespräche im gegenüberliegenden Psychedelicatessen mitgehört hatte, ekelte es sogar noch mehr als Soy Flower. Er war so aufgebracht, dass ihm die Kopfhörer herunterfielen, während er seinen Vorgesetzten in Washington anrief und wiederholte, was er soeben gehört hatte.

Sein Chef unterbrach ihn. »Moment mal. Wie war das: Sie haben also diesen Rentierurin, und was ist dann?«

»Den pasteurisieren sie.«

»Und der wird getrunken?«

»Ja. Von den Leuten dieses Stammes, offenbar. Sie kriegen davon einen Rausch oder werden high oder irgendwas in der Art.«

»Da ist Rauschgift drin?«

»Ja.«

»Sind Sie sicher?«

»Ja.«

»Es kommt aus Sibirien?«

»Ja. Aus Westsibirien, ungefähr hundert Meilen landeinwärts von der nach Alaska reichenden Küste.«

»Aber wie zum Teufel schaffen die das raus?«

»Das weiß ich nicht. Es ist ein Stamm von Rentierzüchtern.«

»Sie haben nichts darüber gesagt, wie es verschifft wurde? Wer ihnen geholfen hat? Das ist ein völlig abgelegener Teil von Sibirien. Es sind Lenkwaffen stationiert in diesem Gebiet.«

»Darüber wurde nichts gesagt. Irgendwie schaffen sie es nach Alaska herüber. Wie, das ist nicht klar. Danach wird es offenbar per Flugzeug oder Lastwagen nach New York gebracht. Der Lastwagen, aus dem es geladen wurde, hat ein Kennzeichen von Alaska.«

»Diese verdammten Russen wieder.«

»Russkis.«

»Sie versuchen uns mit Hilfe von Drogen zu schwächen.«

»Es scheint so.«

»Es ist ein Überraschungsangriff.«

»Ja, Sir.«

»Finden Sie alles, was Sie können, über diese Gruppe heraus.«

»Ja, Sir.«

Innerhalb von Minuten fing die Belegschaft von Bananadine, Ltd. an, sich bei den Leuten vom Psychedelicatessen anzubiedern und nach Schäden aufgrund der kommunistischen Verschwörung gegen die verwirrte amerikanische Jugend zu suchen.

Agenten machten sich an die verhasste Arbeit, Mitschriften von sämtlichen Unterhaltungen, die sie auf Band aufgenommen hatten, anzufertigen. Das war nicht einfach. Besonders schwierig waren die Telefongespräche von Lilona of the Space Shadows, in denen sie sich auf ihre verschiedenen literarischen Projekte bezog. Ziemlich lange waren sie der Meinung, sie spräche in einem besonders blumenreichen Rauschgift-Kode. »Diese Hippies reden seltsames Zeug, Chef«, bemerkte ein Beamter, als er das Wort Schamane mit Schah-Mann transkribierte.

Die Agenten wurden zunehmend gereizter, als die Sache in Gang kam und schließlich Phiolen von Reinshine in einem offenen Regal neben Ausgaben der Village Voice und des East Village Other zum Verkauf standen. Der Bundesstaatsanwalt, der für die ganze Angelegenheit zuständig war, gab grünes Licht für eine Razzia im Morgengrauen.

In dieser Nacht verabredete sich Vera Kommissarzhevskaya mit Johnny Ray, um in die Kiva hinunterzusteigen und beieinanderzusitzen und die Stille zu genießen. Sie kletterten über die Leiter nach unten, zuerst Johnny, dann Vera so dicht hinter ihm, dass ihre frisch rasierten Beine an seinen Schultern rieben.

Die Kiva war in Form eines großen Ovals gebaut worden, wobei vom Boden bis zur Decke reichende Zweige zusammengebunden und dann mit Gips und Mörtel bedeckt worden waren, um der Kiva eine überraschende Ähnlichkeit mit einer Lehmbehausung zu verleihen. In ihren abgerundeten Mauern waren alle paar Schritte Nischen für Kerzen gemacht worden, und in der Mitte gab es einen kleinen Altar für eine Feuerstelle mit einer Abzugshaube, die den Rauch in den Hinterhof leitete.

Zusätzlich zu der für spirituelle Zwecke einladenden Gestaltung war das vom Psychedelicatessen angestrebte Klima in der Kiva für erotische Zwecke nicht ungeeignet, indem es mit Pritschen und dick mit Quasten geschmückten Polstern, die im Umkreis herumlagen, recht bequem ausgestattet war. Es war schon so manches Seufzen, Schmatzen, Stöhnen und freudiges Aufjaulen bei Tag und bei Nacht in den mörtelbedeckten Rundungen der Kiva zu hören gewesen.

Es gab eine kleine Glocke am oberen Ende der Leiter, die vor dem Herabsteigen geläutet werden sollte, um dies den im Dunkeln Schmusenden anzukündigen. An diesem Abend bewachten Lilona of the Space Shadows und Indian Annie die Leiter, um zu verhindern, dass irgendjemand zum Meditieren nach unten stiege.

Johnny Ray und Vera verbrannten Salbeiblätter auf dem Altar und kosteten lange Minuten des Schweigens aus. Sie kauten ein paar Brösel magischer Pilze, gerade genug, um der Sache Farbe zu verleihen, und legten sich dann zusammen auf einer Pritsche nieder, die an die Wand stieß, welche die Kiva vom Kellergeschoß der nebenan gelegenen Total Assault Cantina trennte.

Vera reichte ihm einen Salbeizweig, und er rieb ihr damit den Nacken ein und sie ihm den seinen. Dann ließ sie ihr Kleid von den Schultern fallen, und er zögerte, hielt den Salbei, aber sie hielt ihre Brüste in den hohlen Händen, und er wusste, was sie wollte. Er strich mit dem Salbei über ihre Nippel, wobei winzige Partikel der Blätter an dem nach Myrrhe duftenden Öl kleben blieben, mit denen sie sie bereits eingerieben hatte in der Vorahnung, dass er sie wohl genauer betrachten würde.

Sie zog das Tuch über ihren Busen, öffnete aber dafür unten ihr Kleid, um ihm den kleinen gelben Schmetterling zu zeigen, der rot und blau eingerahmt an der Innenseite ihres Oberschenkels zu sehen war. Sie wünschte sich so sehr, dass er ihn berühren möge, aber da in unmittelbarer Nähe des Schenkels die Scham wohnt, zögerte sie, ihn darum zu bitten.

Johnny Ray sah sich den Schmetterling genau an, beugte sich dann hinunter, zog sein langes blondes Haar zu einem Knoten nach hinten, damit es nicht seine Lippen verdeckte, und küsste die gelben Flügel. »Ich küsse Schmetterlinge immer«, sagte er.

Das mochte durchaus so sein, aber nun war Johnny sich nicht sicher, was er als Nächstes tun sollte. »Zieh deine Hose aus«, drängte sie. Diesmal war die Scham bei ihm. Vera half ihm, die Hose auszuziehen, und da er das Hemd anbehielt, knüpfte sie es ihm auf und zog es über seine scheuen Arme.

Endlich fickten sie. Sie hatte Tränen in ihren Augen, als der Engel in ihr war. »Es macht nichts, wenn du sofort kommst«, sagte sie. »Ich mach dich wieder steif.« Vera legte mit dem wildesten Stöhnen und Herumgezappel los, das die Lower East Side seit den Tagen von Emma Goldman gesehen haben mochte. Als sie sich wie toll hingab, ähnelte die sehr magere Vera ein klein wenig einem Sack voller motorbetriebener Golfschläger, der sich selbstständig gemacht hat. Johnny ließ sich das nicht zweimal vormachen und drehte ebenfalls durch.

So hingegeben sie auch waren, sowohl Vera als auch Johnny Ray bemerkten langsam ein leises Klopfen und Flüstern, das aus der Wand hinter ihren Köpfen zu kommen schien — der Wand zum Kellerraum der alten Total Assault Cantina.

Und — Wunder über Wunder — sie hörten Applaus! Dazu gab es ein seltsames Schnipsen, das klang, als würden alle in einem Raum mit den Fingern schnipsen, wie es als Applaus bei Dichterlesungen üblich war — rhythmisch, leise, und begleitet von etwas, das wie das Stampfen von Füßen klang, wozu noch ein Instrument, vielleicht ein Saxophon, im Hintergrund leise klagend gespielt wurde.

Spielte da jemand ein Tonband oder eine Platte und kam der Klang durch einen Luftschacht oder eine Abzugsöffnung? Oder vielleicht wirkte das Psilocybin, das, auch wenn die Wirkung schon nachließ, immer noch stark genug war. Da hörten Johnny und Vera etwas, das eindeutig eine Stimme war. »Es ist die Wand!«, flüsterte eine zutiefst erschrockene Vera. »Sie spricht!«

Johnny kniete sich auf der Pritsche nieder und versuchte die Quelle des Lärms auszumachen.

»Hier, fühl es!«, sagte die Schauspielerin. Sie legten beide ihre Hände auf die alten grauen Bretter und spürten ein leises Zittern und ein Summen, das ein wenig wie die surrenden Flügel einer Wespe klang.

»Sie spricht! Die Mauer der Total Assault redet!«

Johnny hörte etwas anderes. Er war der Meinung, dass da jemand vielleicht eine elektrische Säge oder einen Bohrer benutzte, aber einen in der Tat schrecklich gesprächigen.

»Komm ganz nahe an die Wand«, sagte Vera. Sie lehnten sich beide an sie und lauschten vielleicht fünf Minuten den immer wieder einsetzenden Vibrationen und summenden Geräuschen.

»Ist da vielleicht von einer Polizeirazzia die Rede?«, fragte Vera.

»Ich habe nichts dergleichen gehört«, antwortete Johnny.

»Ja! Da, drück dein Ohr direkt an die Wand.« Sie legte ihren Arm um ihn, wobei ihre Brüste seine Schulter küssten, und sie legten ihre Köpfe an das Grau.

Eros unterbrach ihre Abhörtätigkeit und Johnny wurde wieder hart unter Veras freundlicher Hand. Sie setzte sich rittlings auf ihn und half ihm, in sie einzudringen. Diesmal gab es kein Aufstöhnen und keine Schreie, während sie Eros lauschten und zugleich dem Schnipsen, Flüstern und Summen in der Wand.

»Und ich sag dir, ich bin mir sicher«, meinte Vera und beugte sich hinunter, um die zitternden Handflächen auf seine Brust zu legen, »dass es eine Polizeirazzia im Psychedelicatessen gibt. Hörst du das denn nicht?«

Das Knacken und Klirren und die Laute aus der Wand waren stärker geworden, wie ein Radiator, der Töne von sich gibt, nur dass eben Sommer war. Spielte da jemand, der an der anderen Seite der Mauer im Keller der Total Assault Cantina auf der Lauer lag, dem Liebespaar einen Streich?

Johnny Ray drückte ein Brett weg und streckte eine Kerze in Reichweite der Arme in die Dunkelheit, aber es war niemand da.

Dann war eine Reihe von Flüstergeräuschen von oben in der Nähe der Decke zu hören, die wie Vokale und Konsonanten klangen: »Rai ... Psi ... Tom Mor ...«

Die große Rebellenkantine warnte sie. »Hör doch, bitte!«, befahl Vera Kommissarzhevskaya. »Morgen früh wird es eine Polizeirazzia im Psychedelicatessen geben. Wir müssen es allen sagen!«

In diesem Augenblick war auch Johnny überzeugt und zog die Jeans über die Beine hoch. Vera verschloss ihr Kleid mit Johnnys Gürtel, um Lilona und Indian Annie die Geschichte der Pritsche zu erzählen, und stand dann auf der Leiter und rief nach oben, dass sie herunterkommen und an der Wand lauschen sollten.

Innerhalb der nächsten paar Stunden telefonierten sie überall in der East Side herum, um die Leute zu warnen. Sie verteilten das Haschisch, das Marihuana, das LSD, das Psilocybin, das Ibogen und das Peyoteknospen- / Salbeizweige- / Marihuanablätter-Potpourri auf verschiedene Örtlichkeiten die Avenue A hinauf und hinunter. Sie saugten sogar die Ritzen des Bretterbodens, sodass bei Beginn der morgendlichen Razzia das Psychedelicatessen so sauber und frei von Drogen war wie J. Edgar Hoovers Limousine.

Anstelle eines in aller Früh angesetzten Razziaschauspiels mit halbangekleideten, grantigen Leuten, die das Marihuana durch die Spülung verschwinden zu lassen und die Tabletten zu schlucken versuchten, fand die Polizei eine Ansammlung zur Gänze bekleideter und ordentlicher Leute, die in der Kiva und in der Wohnung oberhalb »schliefen«.

In der vie anecdotique säumen Anekdoten die Bahn des Lebens so dicht, wie die übereinandergeschichteten Reihen von Federn auf einem Habichtflügel liegen, und kaum hat die eine Anekdote begonnen, ist schon die nächste unterwegs. So geschah es, dass gerade während die Polizisten auf der Suche nach dem Verbrechen die quietschenden Bodenbretter hochspreizten, das Telefon läutete, und noch bevor die Beamten es verhindern konnten, hatte Vera Kommissarzhevskaya abgehoben. Es war eine Filmgesellschaft in Los Angeles, und sie wollten, dass sie ins nächste Flugzeug stiege. Leider war dies gerade zu der Zeit, da auch ihr nächstes Stück im Luminous Animal Theatre anlaufen sollte. Sie wusste nicht, ob sie Ja oder Nein sagen sollte, bis Johnny Ray herschaute und sie ihm zuflüsterte: »Möchtest du mit mir nach Kalifornien gehen?« Johnny Ray blickte zuerst seine Gitarre und dann Vera mit vor Zustimmung strahlenden Augen an. Genau in diesem Moment drückten die Polizisten Vera an die Wand und suchten ihren schlanken, wohlgeformten Körper nach versteckten Drogen ab.

Johnny Ray ging zur Leiter hinüber, beugte sich zur Kiva hinunter und legte seine Hand ans Ohr, um zu lauschen, ob irgendetwas aus der Dunkelheit da unten zu hören wäre. Das Herumgetue und das Aufreißen von Paketen drang in seine Ohren, aber wenn er in die Kiva hätte hinuntersteigen dürfen, könnte er hören, wie die Wände der Total Assault Cantina sich vor Lachen bogen, als die Beamten durch den Tropfenraum stürmten und alle Kerzen von dem Felsen stießen, der dem strukturlosen Wesen des Amorphen geweiht war, wütend darüber, dass sie nichts anderes fanden als Jointklammern, Räucherstäbchen, Untergrundzeitungen und allerlei optischen Zauber.

Stöhne weiter, o warnende Wand.

D IE GROSSE VERWANDLUNG DER BEATNIKS IN HIPPIES IM TOMPKINS PARK

Anfang ’67 gab es ein großes Be-In im Golden Gate Park in San Francisco, und der Ruf von dessen spiritueller Bedeutung breitete sich bis in die Lower East Side aus, wo ein Phänomen namens Flower Power bereits seine Macht unter Beweis stellte. In diesem Frühjahr schossen die Be-Ins überall in Amerika wie Flieder, Märzenbecher und Akeleien aus dem Boden. Viele, die daran teilnahmen, trugen die belanglose Kleidung der Neuen Bohème, kamen in Schwarz und Grau, aber mehr und mehr Leute, die sich durch die Straßen und Parks bewegten, trugen Weihrauchduft und Pfauenfedern, kamen in prangenden Friedensgewändern daher, die lang waren und flatterten, trugen Spitzen auf nackter Haut, Stirnbänder, sternengeschmückte Zepter und Halsbänder oder zerschnipselte Einberufungsbefehle. Das Be-In war als eine amorphe, nichthierarchische Versammlung gedacht, die im Unterschied zu den rechteckigen militärischen Präsentationsformen eher die Form eines Tropfens hatte. Dahinter steckte die Vorstellung, dass das Leben wellenförmig und nach Axt der lebendigen Zellen der geheiligten Form eines Rauschgifttropfens ablaufen sollte. Diejenigen, die von der Bühne herabblickten, waren endlich vereint mit denen, die auf die Bühne starrten, und alle liefen zusammen herum im graziösen Tempo der Post-Beatniks und tanzten unter Rauschgift in der zeitlosen Zone des Zen.

Tatsächlich war während der vergangenen Monate der Geist der Primärfarben in der Lower East Side groß in Erscheinung getreten. In den Straßen rund um den Tompkins Park waren Turbane zu sehen, gebatikte Blusen, zehenfreie Zaubererschlappen und nahezu völlige Nacktheit, die nur vorsichtshalber mit ein paar Lederstreifen bedeckt war. Der Laden, der unter dem Namen Psychedelicatessen bekannt wurde, war soeben auf der Avenue A nahe der Zehnten Straße eröffnet worden, neben den mit Brettern vernagelten Räumen der Total Assault Cantina. Ringsum gab es diverse weitere Läden für den psychedelischen Gebrauch, in denen erstmals ganz offen Wasserpfeifen, stroboskopische Leuchten, schwarze Glühbirnen, Poster, die offen den Haschischgebrauch priesen, Haschischpfeifen, Marihuanafilter und ähnliche Gerätschaften für den Kiffer und seine Bedürfnisse feilgeboten wurden.

Eine Abordnung der Diggers aus San Francisco war aufgetaucht, an der Spitze ein Typ namens Digger John, um ein paar Pennbuden einzurichten sowie eine Küche mit Gratisausspeisung und ein tägliches Flugblattnachrichtensystem. Es war die Rede davon, dass innerhalb der gesamten historischen Entwicklung nun das Ende der Geldwirtschaft herbeigeführt werden sollte, zusammen mit kostenlosem Nahverkehr und dem betörenden Zauber der Blumen.

Im Verlauf dieser seltsamen Ereignisse wurde es immer offensichtlicher, dass das Wort »Beatnik« nicht länger verwendet werden konnte.

»Ich glaube nicht, dass wir noch länger Beatniks sein können!«

»Nicht? Warum?« Ein Gefühl von Verlust brachte einen Ausdruck von Bestürzung in sein Gesicht.

Fünf Sekunden lang Stille. »Weil wir jetzt Hippies sind.«

»Hippies?«

»Hippies.«

Aus dieser kurzen Unterhaltung entstand der Plan für die Große feierliche Verwandlung der Beatniks in Hippies im Tompkins Park.

Das Wort »Beatnik«, das wir zwar nie verwendet, aber insgeheim geliebt hatten, würde uns fehlen. Teilnehmer an einem Bürgerrechtsmarsch würden nicht mehr in irgendwelchen Kaffs in Mississippi als »Rassen vermischende Beatniks« abqualifiziert werden. Diese Nachsilbe mit ihrem Geruch der durchaus möglichen Nähe zu den Kommunisten, dieses wunderbare »-nik«, welches Polizeistatisten vom Schlage J. Edgar Hoovers veranlasste, leeres Geschwätz über zu verschärfende Maßnahmen gegenüber den Beats in Form dringlicher Mitteilungen an das Netzwerk der Geheimpolizei weiterzugeben, hatte etwas ausgesprochen Höhnisches und Erregendes an sich. Jeder ahnte, dass die Bezeichnung, mit der sie bereitwillig eine ganze Generation auf einen gemeinsamen Nenner brachten — Beatnik —, wobei das »nik« wie ein kommunistisches Vorzeichen vor all den vielfältigen Bedeutungen von Beat stand, von den Reportern in den großstädtischen Nachrichtenbüros innerhalb nur weniger Wochen für immer aus dem Verkehr gezogen werden würde, um sie durch Hippie zu ersetzen.

In der Lower East Side hatte die Devise »leben und leben lassen« eine Tradition von wenigstens hundert Jahren, aber dennoch gab es, wenn es um lange Haare und Liebe ging, eine gelegentlich aufflackernde Feindseligkeit gegenüber der Hippiepraxis, alles, was man sich gestattete, auch in den Straßen offen zur Schau zu stellen. Die Hippies waren unverhohlener als die Beats und das erzeugte Druck von Seiten der Polizei, von ethnischen Gruppen, ja sogar von Süchtigen und jungen Kerlen aus den Straßengangs.

So gab es keinerlei Illusionen bezüglich der Erbärmlichkeit eines Ethos, das sich in seine Bestandteile aufgelöst hatte. Aber dennoch entschlossen sich ein paar Tausend Bewohner der East Side dazu, die Möglichkeiten einer Revolution der Blumen zu erkunden, und dasselbe galt für Tausende andere, die gekommen waren, um sich die Sache einfach anzusehen, ein paar Tage herumzuhängen und dann wieder abzuziehen, entschlossen, sich von keinerlei feindseliger Stimmung beeindrucken zu lassen und stattdessen eine Zone der Freiheit zu schaffen, die zumindest behelfsmäßig von Mauern aus hübschen Farben geschützt war. Das Böse und Kriegerische, das überall vorherrschte, bedrohte ohnehin auch das Langweilige und Schreckliche im selben Maße wie alles Schöne und die hübschen Farben. Also war es immer noch besser, sich vorzugsweise dem Schönen zuzuwenden.

Am Abend vor der großen Verwandlung der Beatniks in Hippies organisierten die Diggers eine »Hommage für das Fingerschnippen — Die letzte Beat-Lesung«, eine nostalgische Veranstaltung in der Total Assault Cantina, die fünfhundert Leute besuchen wollten und für die mindestens eine halbe Tonne an schwarzer Kleidung angeschafft wurde. Die Bretter vor den Fenstern wurden heruntergerissen und der Boden der großartigen alten Cantina gekehrt, die elektrischen Leitungen legte man vom neu eröffneten, frisch gestrichenen und duftenden Psychedelicatessen herüber.

Ein letztes Mal erstrahlte die Total Assault Cantina in altem Glanz. Viele hatten vergessen, von welch existentieller Bedeutung es war, zum Applaus mit den Fingern zu schnippen, anstatt auf plumpe Weise in die Hände zu klatschen, während, unterstützt von einer Gruppe Freiwilliger aus der Nachbarschaft, die die Bongos und Congas bedienten, das Celestial Freakbeam Orchestra den zum Bersten vollen Raum mit orthodoxen Jazz/Poetry Riffs in Erregung versetzte, nachdem Beat-Klassiker wie Kerouacs »Mexico City Blues«, Ginsbergs »Sunflower Sutra« und Corsos »Bomb« vorgetragen worden waren.

Aufgeregte Ermahnungen aus dem Publikum, die bald schon für überspannt und tabu angesehen werden sollten, etwa »Contact high! Contact high!« wurden angenommen, mit dem Ergebnis, dass auch die altmodischen Kerouac-Zwischenrufe »Go! Go! Go!« beispielsweise bei Bob Kaufmans »Abomunist Manifesto« durchaus geschätzt wurden. Das Publikum ließ sich die Wörter wie kostbaren Wein auf der Zunge zergehen, Wörter, die schon bald der Vorvergangenheit angehören würden, unter anderem diese historischen

Neologismen mit der Nachsilbe »ville«, wie in »squaresville« oder »nowheresville« ebenso wie die übertrieben häufige Verwendung von Ausdrücken wie »groovy«, »hipster«, »bop kabbalah«, »North Beach«, »fried shoes« und »like, dig it man«. In Zukunft würde es nichts ausmachen, wenn so etwas hin und wieder verwendet werden sollte, aber wenn es allzu oft vorkam, musste es einfach verwunderte Blicke ernten. Leider blieben die Ausdrücke »chick« und »man«, Letzteres mit einem gedehnten und eiernd-klagenden »a« ausgesprochen, irgendwie im Sprachgebrauch erhalten.

Am Morgen nach der letzten Beat-Poetry-Lesung in der Total Assault wurde ein gewaltiger Umzug durch die Straßen der Lower East Side veranstaltet, der sich auf den Tompkins Square Park zubewegte. Die Leute versammelten sich vor der Total Assault Cantina und dem Psychedelicatessen und marschierten in Zweier, Dreier- oder Viererreihen hinter dem Celestial Freakbeam Orchestra her, das in gebatikten Felduniformmützen ausgesprochen elegant war, und ihre Basstrommel dröhnte, spielte den »No More Beatnik March«, wobei die gesamte Menge der Marschierenden in den Chor einstimmte: »When O Lord — boom boom — Am I Going to Be Able — boom boom — to Go Into the Supermarket — boom boom — and Get What I Need With My Good Looks!!?« (»Wann, o Herr, werde ich in den Supermarkt gehen können und dort kriegen, was ich brauche, nur für mein gutes Aussehen?«)

Gelungene Umzüge sind voller Überraschungen. Die erste Überraschung gab es bereits, als der Beitrag, den sich das Psychedelicatessen für den Umzug ausgedacht hatte, von der Höhe der Vierzehnten Straße die Avenue A hinuntertrottete — eine Giraffe, die einen Wagen voller Haschischkostproben zog!! Der Umzug bewegte sich durch die Straßen der Lower East Side, hielt bisweilen an, um Freunde aus den Wohnungen der Beatniks herauszurufen. Die ganze Avenue B hinauf und hinunter zogen sie an den Beat-Bars vorüber — dem Annex, Mazurs, Stanleys — und riefen, riefen, riefen.

Sie marschierten an dem Gebäude 212 Dreizehnte Straße Ost vorbei, in dem einst Emma Goldman gewohnt hatte, und hielten ehrfurchtsvoll an, um die Psychedelische Internationale anzustimmen — »Arise Ye Space Cadets of All Nations!«

Sie stampften an Allen Ginsbergs Klitsche an der Fünften Ost Ecke Avenue C vorbei; am Peace Eye Bookstore an der Zehnten Straße schlossen sich die Fugs an, die mit Songs wie »Kill for Peace« und »I Couldn’t Get High« loslegten, von einem Tieflader herab, auf dem ein großes geheimnisvolles Objekt lagerte, das von einem mit Friedensbemalung geschmückten Fallschirm bedeckt war; und dann ging es an Louise Adams’ Mindscape Gallery vorbei zum Luminous Animal Theatre in der Bowery, dann wieder in Richtung Osten zur Neunten zwischen Avenue B und C, da, wo die Dichter Frank O’Hara und Ted Berrigan einmal gewohnt hatten.

Die meisten Teilnehmer des Marsches waren mit Absicht in ihrer schönsten Beatnik-Ausstaffierung gekommen. Als der Umzug sich jedoch Indian Annies Kommune näherte, kam die Zukunft angetanzt, als aus allen Stockwerken des sechsgeschossigen Gebäudes die Kommunarden in ihrem besten Hippiestaat strömten — mit Turbanen, magischen Stäben, Roben, Pantalons, Schnabelschuhen, Bergarbeitersturzhelmen mit stroboskopischen Leuchten und losen Überwürfen, die viel vom Körper zeigten und nur von Flower Power zusammengehalten wurden.

Vor der einzigen Tagesbetreuungsstätte der East Side drängte sich eine Abordnung der Burned Beatnik Women in den Umzug, ohne sich allzu große Hoffnungen zu machen, obgleich sie sich immerhin von den Männern aus dem Hippie-Milieu etwas mehr erwarteten, als sie es bislang von den Beatniks gewohnt waren. Hipp-ee! Hipp-ee! No ... more ... Beat-nik! Hipp-ee! Hipp-ee!«

Aus einer dunklen Unterkunft im Kellergeschoss an der Neunten Ost drängte sich plötzlich Bebop Bill, der einen zerschrammten Kontrabass vor sich herschob, an dessen Unterseite er einen Kinderroller befestigt hatte. Bebop Bill zog und zupfte die Saiten in der schrägen Art der wahren Bebop-Jünger, sodass seine Baskenmütze wackelte und nickte, während der Schweiß über den Rand seiner Proto-Hipster-Bebop-Sonnenbrille tropfte. Es war dies eine Brille, durch die er einst seinen Blick auf Bird, Bud Powell und Miles gerichtet hatte, bei Sessions in den fünfziger Jahren, nur fehlte jetzt eines der dunklen Gläser, sodass sein völlig abwesendes, in anderen Sphären schwebendes linkes Wahnsinnsauge wie der wilde Entenblick der Unendlichkeit wirkte, als er mit dem Umzug die Neunte Straße bis zum Park hinunterstolzierte, wo die zeremonielle Verwandlung der Beatniks in Hippies stattfinden sollte.

»Mann, ich habe bereits die Verwandlung der Bebop-Leute in Beatniks hinter mir«, sagte Bebop Bill. »Das war vor fünfzehn Jahren in der Künstlergarderobe des Five Spot, und jetzt passiert also noch so ein Ding! Mann, die Zeit reißt sich hier wahrlich den Arsch auf!!!«

Und so strömte der Umzug in den Tompkins Square Park zur feierlichen Verwandlungszeremonie der Beatniks, die zu Hippies werden sollten, am Fuße des sogenannten Flippie Hill. Vor Kurzem waren im Park neue Bänke, Zäune und ein Musikpavillon aufgestellt worden. Der flache Lehmhügel mit Aushubmaterial vom Bau des Musikpavillons war bereits von den Blumenkindern in Beschlag genommen worden.

Am Flippie Hill war ein Zelt für die Verwandlungszeremonie der Beatniks in Hippies errichtet, und rundherum hatten die Diggers heiße Kessel mit farbigen Eintopfgerichten aufgestellt. Das Zelt für die Verwandlungszeremonie war mit Hippie-Prunkgegenständen angefüllt, die Digger John aus ganz Manhattan zusammengetragen hatte. Ein Blick in das Zelt blendete die Augen mit farbigem Glanz, der durch Haschischkostproben aus dem Psychedelicatessen noch verstärkt wurde.

Als Erstes wurde ein »Heiliger Gesang zu Ehren der Verwandlung der äußeren Erscheinung« angestimmt. Jeder wusste, dass von nun an hübsche Farben verehrt werden sollten. Alles Graue und das an Tweedstoffe erinnernde Schwarz waren dem Altkleiderbehälter für Malfetzen in Larry Rivers’ Loft zu überantworten. Es kursierten Texte für die Gesänge, die angestimmt wurden:

Wir werden prächtige, prächtige Farben tragen!

Die nächsten fünfhundert Jahre lang!

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