Kitabı oku: «Tales of Beatnik Glory, Band IV (Deutsche Edition)»

Yazı tipi:

— DEUTSCHE EDITION —

Ed Sanders

Tales Of Beatnik Glory

Band IV

Ohne einen Tropfen Blut

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Monika Rauch

FUEGO

Über dieses Buch

— Band IV der vierbändigen Ausgabe —

Der hier vorliegende abschließende Band der Tales of Beatnik Glory erzählt von den Geschehnissen einer Hippie-Kommune in Kansas. Hanfanbau, Vietnamkrieg und Polizeirazzien bestimmen die Szene und die Stories führen weiter an die Westküste der USA, wo die Hippiebewegung im aufkeimenden Rockmusik-Business in L.A. dem Prozess der Kommerzialisierung unterzogen wird. Auch der politische Aktivismus kommt mit der Besetzung der Gefängnisinsel Alcatraz durch amerikanische Ureinwohner zur Sprache, bevor sich der Dichter in die akademische Provinz zurückzieht. In einem abschließenden Kapitel treffen die Protagonisten aller vier Bände der Tales of Beatnik Glory noch einmal im New York der 1990er Jahren aufeinander, um gemeinsam Résumé zu ziehen.

Kaum jemand hat die alternativen kulturellen Strömungen in der Kunst, der Musik und vor allem in der Literatur stärker beeinflusst als die amerikanische Nachkriegsgeneration der Beatniks. Jack Kerouac, Allen Ginsberg, William S. Burroughs und Ed Sanders sind Vertreter jener "Wilden Generation", die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren und noch heute mit ihren literarischen Werken neue Formen des Schreibens dokumentierten.

»Sanders erzählt mit einer gehörigen Portion Selbstironie, ohne Verbitterung, doch voll satirischem Witz aus den Urzeiten der Alternativ-Szene und die schrägen Vögel an der Lower East Side geben zu anhaltender Heiterkeit Anlass« schreibt Florian Vetsch in der Neuen Zürcher Zeitung.

T ALBOT KANDIDIERT

Sag niemals »Ich bin ein Beat,« wenn du für den Kongress kandidierst, oder »Ich sympathisiere mit den Beats« und schon gar nicht »Ich mag diese Hippies und ihre hübschen Farben«,« sagte Talbots politischer Berater, der Abgeordnete Ervin »Top Rank« Plank, nach einer wenig erfreulichen Pressekonferenz, bei der Talbots Geschichte in der Lower East Side Poeten-Szene ausführlich erörtert worden war.


Rechtsorientierte Kolumnisten hatten sich schon über das Wort »Spaß« auf seinem Button hergemacht. Für sie war es ein Synonym für Sex und Marihuana und sie stürzten sich mit hektisch geschriebenen Sätzen darauf, die seiner gewagten Kampagne großen Schaden zufügten.

Das Jahr hatte mit Schrecken begonnen, er war nicht sicher, ob im Januar und Februar, aber immer war da dieses unablässige, ungute Gefühl, wie der »Minyrismus«, eine alte griechische Lied-Tradition, ein stiller, fast unhörbarer Klagegesang, der an seinem Bewusstsein nagte. Zu Jahresbeginn gab es den berühmten Streik der Müllarbeiter in New York City, der dazu führte, dass Talbot seine Anrufe in einer Telefonzelle voller Mülltüten führen musste. Dann erfolgte die »Tet-Offensive«, schwer einzuordnen, war sie ein Zeichen dafür, dass der Krieg bald vorüber sein würde? Wahrscheinlich nicht. Talbot begann zu glauben, dass sein leises, ungutes Gefühl das Zischen des fernen Napalms in einem ewig andauernden Krieg war.

Abgesehen vom Zischen erinnerten Talbot diese Wochen an eine frühere Sechziger-Jahre-Sinuskurve, — mit Spannung gefüllte Spitzen voller Sex und Gedichte, während er die Alben von Albert Ayler, Pharaoh Sanders und dem Celestial Freakbeam Orchestra hörte, um anschließend bei der Lektüre von Ärger, Rache, Abzocke und imperialistischem Abschlachten im gierigen Chaos der Zeitungen still in die Täler der Hoffnungslosigkeit abzugleiten.

Das Grauen schien Ende März ein Ende zu haben, als Talbot nach Washington eingeladen war, um an Martin Luther Kings Poor People’s Campaign mitzuarbeiten. Talbot hatte solche Energie nicht mehr seit dem »Freedom Summer« gefühlt. Die Kampagne rief dreitausend arme Menschen auf — Schwarze, Puerto Ricaner, Weiße, eingeborene Amerikaner, Mexikaner — mit ihren Wohnwagen nach Washington zu ziehen, dort Zelte aufzustellen und in ihnen zu schlafen, damit täglich Abgesandte zu den Ministerien gehen konnten. Die Zahlen waren steigend, von dreitausend über dreihunderttausend bis zu drei Millionen, alle würden vor Ort campen und die Regierung zu Ergebnissen zwingen.

Die erste Forderung der Poor People’s Campaign war ein Ausgleich für die siebzig Milliarden Dollar, die für Waffen ausgegeben wurden, um davon Jobs, Essen und Wohnraum zu schaffen. Es war die bestmögliche Antwort auf seinen Zustand der Verzweiflung und Talbot konnte gar nicht abwarten, dabei zu helfen, die Hauptstadt und dann die gesamte Nation in einem großen sozialen Aufruhr umzuwälzen. Er packte für seine Zugreise gen Süden, um King zu treffen, während er dem ergreifenden Rücktritt Johnsons am 1. April zuhörte.

Dann kam der Tag des Jüngsten Gerichts in Memphis und der Minyrismos wurde zu einem schmerzhaften, ohrenbetäubenden Klagen der Trostlosigkeit. Es war eine Trostlosigkeit, die ihn im Zustand der Unruhe hielt, weil sie von einem zähneknirschenden Ärger begleitet wurde. Zum ersten Mal wurde er sich dem Vorhandensein einer Verschwörung bewusst. In diesem Moment und später war er sich sicher, dass der rechte Flügel, vielleicht sogar das Militär, seinen Helden ermordet hatte, und schüttelte ungläubig den Kopf, als ein Einzelgänger, der gerade Wochen vorher eine Barkeeper-Ausbildung in einer Schule in Los Angeles begonnen hatte, als mutmaßlicher Schütze gehandelt wurde.

Talbot überlegte, dem Poor People’s March zu helfen, aber der große Umbruch der Massen konnte nicht ohne den Anführer King stattfinden, und so verfiel er wieder in den Zustand der Erregung – der angstbesetzten Sinuskurve des Tompkins Park.

Als Robert Kennedy einen Monat später nach seiner Siegesrede bei der Eismaschine in der dunklen Hotelküche zu Boden glitt, war Talbot so niedergeschlagen, dass er sich im wahrsten Sinne des Wortes für Wochen nicht mehr vom Fleck rühren konnte. Eine Dreißig-Nullsechser-Patrone und die Salve einer Zweiundzwanziger hatten Geschichte umgebracht. Es war so, als ob ein Klanmitglied ein Bleirohr genommen und auf ein schrecklich vermurkstes Land eingeschlagen hätte, ein Land, so groß wie ein dreitausend Meilen großer Patchwork-Teppich, und Talbot fühlte sich plötzlich alt, hässlich, unzulänglich, niedergeschlagen, töricht und jeglicher Energie, Sehnsucht und Ziele beraubt. Vorher war er Talbot der Große, eine »Sonnenblume« seiner Generation, angestrahlt von den starken Spotlights der Gerechtigkeit. Aber nun, nach fast einer Dekade ununterbrochener Arbeit für die Bürgerrechte, gab es keine Wege, keine Spotlights, keine Eingebung, keine Hoffnung, keine Anweisungen, keine Botschaft und absolut keine Möglichkeit für den Großen Wandel.

Als das Fernsehen Kennedys Trauergeleit zeigte, das mit dem Zug entlang der Küste nach Washington zog, überkam ihn eine religiöse Anwandlung und er sank auf die Knie, legte seinen Kopf auf die als Couchtisch dienende Kiste neben die silberne Wasserpfeife und betete. Er war entschlossen, ein neues Ziel für seinen Lebensweg zu finden, vielleicht die juristische Fakultät oder sogar das Ministerium. Seine Mittellosigkeit zermürbte ihn, er musste sich mit den üblichen Delikatessen der Beat-Ära begnügen, mit Fünfundzwanzig-Cent-Spaghettipackungen, einer Ketchtup-Sauce von Odessa und mit von Ratten angekautem Basilikum, das in einem Topf am Notausgangsfenster wuchs. Manchmal fuhr er zum Abendessen zu seiner Mutter nach Harlem, aber das war noch deprimierender, weil sie immer wieder darauf zu sprechen kam, dass er einen Job in einem Laden finden oder sogar wieder Abbrucharbeiten mit seinem Onkel in Brooklyn ausführen solle.

Mitten in dieser fast totalen Bewegungslosigkeit fand die Party zur Feier seiner »Freedom Poems« im Peace Eye Bookstore statt. Dank einer Spende von Johnny Ray Slage, der durch einen Vorschuss für sein in L.A. aufgenommenes Album reichlich Geld zur Verfügung hatte, gab es große Stapel seines sehr kunstvoll gedruckten Buches. Mit losen Schnürsenkeln und reichlich benommen tauchte ein verlegen blickender Talbot auf, der kopfschüttelnd zurückzuckte, als sie ihm beim Hereinkommen applaudierten.

Er verspürte einen Anflug von Angst, als er vor Beginn seiner Lesung einen kurzen Blick auf das Publikum warf. Was er sah, war wie ein Hogarth-Druck seiner gegenwärtigen anarcho-erotischen Misere. In Frühjahr des Jahres ’68 hatte er ein bisschen zu viel herumgebumst und sich auf das Säuseln von verhätschelnden, beruhigenden Worten verlassen und jetzt war sein Liebesleben verkorkst. Alle drei der Wilden Frauen aus der Zehnten Straße — Debbie Harnigan, Enid Baumbach und May Heath, waren in unterschiedlichen Graden von Besessenheit und Konkurrenzkampf in ihn verliebt, und sie waren alle gekommen, um ihren Mann im Peace Eye zu sehen. Ebenso in der ersten Reihe saß Cynthia Pruitt mit leuchtenden Augen und rosa Gesicht, seine Catholic Worker-Flamme, die ihn gern in ihrem Bett aufwachen sehen wollte. Seine Mutter hatte ihn dazu gebracht, die erste Sopranistin ihres Kirchenchors zu treffen, und beide warfen im Peace Eye strenge von Religiosität und Missbilligung erfüllte Blicke auf die Wilden Frauen. Seine langjährige Freundin Rose Snyder war die einzige, die fehlte. Er sah Rose ungefähr einmal im Monat, aber nun war sie sehr krank und hatte gerade ihren vierundsiebzigsten Geburtstag im Krankenhaus gefeiert. Talbot schaute nach Roses Katze und goss die Blumen in dem Appartment ihrer Kindheit, das sie für fünfzig Jahre verlassen hatte, um sich der Arbeit in der Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegung zu widmen.

Seine Freunde und Unterstützer waren so zahlreich erschienen, dass Bücherregale beiseite geräumt werden mussten. Diejenigen, die wegen der Jahre der stillen, unermüdlichen Empörung, die in seinen bemerkenswert erzählten »Freedom Poems« explodierte, zu ihm aufschauten, applaudierten ihm zu jedem seiner Worte. Genau in diesem Moment, als er in dieser Nacht im Peace Eye stand und große Beifallsbekundungen erhielt, dachte er, »Ich bin ein Nichts. Völlig bedeutungslos. Eine Null.«

Er endete mit dem berühmtesten seiner Gedichte, jenes, das seinen Hass auf Ethrom Slage, den Klan-Führer, der ihm mit einem Bleirohr während eines Freedom Rides die Beine so massiv verletzt hatte, dass seine Karriere als Fullback im College beendet war. Es erzählte auch davon, wie Talbot und Sam Thomas Ethroms Sohn Johnny Ray halfen, dem Klan zu entfliehen und zur Lower East Side zu kommen. Johnnys tatsächliche Identität war in dem Gedicht verschleiert, jetzt, wo er ein angehender Star war, wollte er nicht, dass man in der Rock ’n’ Roll-Presse darüber schreibt.

Talbot weinte zum Ende des Gedichts, krempelte sein Hosenbein hoch, zeigte die Narben an seinen Beinen und steigerte seine Stimme zu den letzten Zeilen.

Er tat mir das an!

Er ruinierte mein Leben.

Er schlug auf mich ein im Todes-Bus!

Er zerschlug meine Träume!

Seine Freunde weinten auch und bewegten sich wie eine wogende Masse in einer Kundgebung.

Aber der Tag wird kommen für die totale Befreiung

von Hass und Ausgrenzung

Totale Befreiung, totale Befreiung

eine große Nation wird es ermöglichen

nichts wird es aufhalten können

Totale Befreiung, totale Befreiung

Der Raum nahm seinen Gesang mit ihm auf, »Totale, totale, totale Befreiung ...«. Talbot stand mit gesenktem Kopf in dem überwältigenden Beifall und dachte, was immer auch in seinem Leben passiert, die Wandlung eines Klankindes würde ihm Kraft geben.

Der Abgeordnete Plank hatte Talbot während der Lesung sorgsam beobachtet und ging dann mit ihm zu Stanley’s Bar, wo Talbot sich alles von der Seele sprach — seine Verwirrtheit, seine Depression, seine Armut, sein verpfuschtes Liebesleben, sein heilloses Sich-Ausgelaugt-Fühlen zu Zeiten seiner Schnorrerei.

Plank, der seine Karriere als ein Organisator für die Kommunisten in der Bekleidungsindustrie begonnen hatte, war fünfunddreißig Jahre später eine Größe innerhalb der New York City-Demokraten. Seine politischen Ziele hatten sich weiterentwickelt und ähnelten nun, sagen wir mal, denen der schwedischen Sozialdemokraten. Seine Vision war eine Wirtschaft, in der sich ungefähr fünfzig Prozent der Unternehmen in privater Hand befänden und fünfzig Prozent Schlüsselindustrie treuhänderisch vom Staat für das Volk geführt würde. Plank lieh sich Stanleys Telefon und fand dank seiner politischen Beziehungen einen zeitlich begrenzten Job für Talbot im Jugend-Mobilisierungs-Büro in der Avenue A.

Als er versucht, Talbot in dieser Nacht in einer Bar voller Künstler und Aktivisten aufzumuntern, hatte Plank eine Idee, die auf der Begeisterung von Talbots Freunden und Unterstützern während der Lesung im Peace Eye beruhte. Du hättest die Gesichter im Buchladen sehen sollen. Ich denke, du solltest kandidieren. Eines Tages könntest du es bis Washington schaffen, oder du könntest der erste schwarze Bürgermeister sein.«

Talbot war nicht beeindruckt.

»Ich scherze nicht«, fuhr der Abgeordnete fort. »Das ist dein Moment.«

Wo vom richtigen Augenblick die Rede ist, genau in diesem Moment spürte Talbot wieder die von dem Schlag mit dem Bleirohr herrührenden, chronischen Schmerzen in seinem Knie, und er wurde daran erinnert, wie sehr er Ethrom Slage, das Klanmitglied, hasste, der wie besessen den Bus in Alabama gestürmt und mit dem Rohr auf ihn eingeschlagen hatte. Er rieb sein Knie unter dem Tisch und dachte an verpasste Gelegenheiten.

»Weißt du, Talbot, du kannst es wirklich schaffen. Lass dich zur Wahl aufstellen.«

»Mein Knie schmerzt an der Stelle, wo das Arschloch mich in Birmingham getroffen hat.«

»Eines Tages wirst du dieses Bleirohr als Türstopper in Washington benutzen«, erwiderte Plank.

Talbot ging nach Hause und dachte darüber nach. Aber zuerst einmal musste er seine Depression abschütteln. Er flüchtete sich in die Welt der Sportereignisse von 1968, die Baseball-Spielergebnisse, Geschichten über die kommende Football-Saison, die 68er Ausscheidungswettbewerbe im Schwimmen.

Er versuchte zu joggen, um wieder fit zu werden. Niemand lief während des My Lai-Jahres, höchstens jemand, der vor einem Dope-Entzug floh. In seinen tiefausgeschnittenen Carolina Tech-Stollenschuhen trottete er um den Tompkins Square Park herum, in genau jenen Schuhen, die ihn zur NFL getragen hatten, bevor die Geschichte mit Slages Bleirohr passierte. Früher hätte Sam Thomas sich ihm angeschlossen, der mit seinen Nebraska Highschool-Turnschuhen, die mit Horus-Augen verziert waren, prächtig aussah. Talbot vermisste Sam, der jetzt mit seiner Freundin Annie Maketorch in einer Kommune in Kansas lebte. Er hatte gehört, dass sie schwanger war.

»Unordnung, Fäulnis, Herumwandern und Chaos machen meine alte Gang kaputt«, sang Talbot der Große, als er die Schnürsenkel seiner Turnschuhe festzurrte. Er hatte vor langer Zeit gelernt, dass der Versuch, bei den ungezählten Lower East Side Einbrüchen, Trennungen, Auflösungen, Einzügen, Auszügen und Umzügen auf dem Laufenden zu bleiben, dem Schütteln eines Kaleidoskops mit farbigen Perlen auf einem Acid-Trip gleichkam.

Eines Morgens ließ das Klicken seiner Stollenschuhe auf dem Tompkins Park-Bürgersteigs wie Schwingungen eine Idee in seiner Birne entstehen. Warum auf die Politik warten? Er dachte an Onkel Thrills berühmten Gesang »ImGrat ImGrat ImGrat.«

»Ich werde für die Lower East Side für den Kongress kandidieren!«, rief Talbot der Große, während er zu einem Krakauer- und Eierfrühstück zum Odessa joggte. Es war zu spät, bei den Vorwahlen der Demokraten anzutreten, und nebenbei gesagt, er verachtete die Demokraten auch wegen ihres eintönigen, nicht endenden Krieges. Einige von Talbots Freunden — Enid Baumbach, Cynthia Pruitt, der Dichter Andrew Kliver und andere — ließen eine Petition herumgehen, um ihn auf dem November-Stimmzettel zu setzen und bald war Talbot in der East Side unterwegs, um Flugblätter anzubringen, die wir im Peace Eye für ihn druckten und die um Unterstützung für ihn baten.

»Du musst jeden bitten,« riet ihm der Abgeordnete Plank. »Schau’ jeder Person in die Augen und flehe ihn oder sie behutsam an, für dich zu stimmen. Sei positiv, upbeat. Nicht beat, denk dran, aber upbeat. Und zeige dich immer mit sauberen, gepflegten Händen. J. Edgar Hoover hasste schlüpfrige Hände regelrecht. Das solltest du auch.« Talbot schlief gern bis in die Mittagsstunden und dementsprechend fiel es ihm schwer, sich morgens zusammenzuraufen und für die vormittäglichen Kampagnen fit zu sein. Seine ruhigen Stunden, in denen er bis in die Dämmerung Poesie las, seine sorgfältigen und ausgedehnten Studien des Wechselspiels von Haschisch und Jazz im Rausch der Nacht, während er es mit Cynthia Pruitt vor Mitternacht trieb und mit Enid Baumbach vor Sonnenaufgang — das lag jetzt in der Vergangenheit. Stattdessen studierte er Tag und Nacht Belange und Grundsatzpapiere. Der Lehrer-Streik. Der Müllarbeiter-Streik. Die Arbeitslosigkeit. Die Wohnungsnot. Die gegenwärtige Kriegswirtschaft. Wie man Geld aus Washington lockermacht. Wie der Kongress wirklich funktioniert. Zusätzlich begann er mit Hilfe der Yippies, des SDS, des Anti-Kriegs-Vereins, der Catholik Workers nach Wegen zu suchen, den Krieg zu beenden.

Seit der Highschool hatte Talbot keinen Schlips mehr getragen, nun jedoch hatte er ein Sortiment von Dylan Thomas-Schlipsen und Cynthia machte für ihn ein paar Tweed Jacketts im Catholic Worker-Kleiderbestand ausfindig, in deren Taschen sich noch die Vorlesungs-Notizen des Fordham-Professors befanden, der sie gespendet hatte. Im Peace Eye gaben wir eine Cocktailparty für Talbot, um Spenden zu sammeln und hatten ein Oktett von Louella Jenkins Kirchenchor zu Gast. Für diesen Abend war das Peace Eye verwandelt. Man hoffte, Liberale zu ködern, um ihnen jeweils über fünfzehn Dollar zu entlocken, also wurden für diese Nacht die Stapel von Fuck You/A Magazine of the Arts und The Marijuana Newsletter versteckt. Der Abgeordnete Plank erspähte Allen Ginsbergs berühmtes »Pot Is Fun«-Logo, das von der allerersten Demonstration zur Legalisierung von Cannabis vor einigen Jahren stammte, und drehte es zur Wand, um die Schrift zu verstecken. Wir kratzten genug Spenden zusammen, um das geschlossene, frühere Psychedelicatessen in der Avenue A als Talbots Wahl-Hauptquartier anzumieten.

Einige der Peace Eye-Leute waren ziemlich genervt von Louella Jenkins und so waren wir nicht unglücklich, als sie begann, statt im Laden im Psychedelicatessen-Hauptquartier abzuhängen.

Der Blick ihrer ernsten Augen, der erfüllt war von Religiosität und einem Anti-Faulenzer-Tadel, ließ uns oft erschauern. Es waren die Augen all der ernsten Mütter in aller Ewigkeit.

Sie war schließlich bereit, die Schwächen ihres Sohnes zu akzeptieren — vielleicht ist akzeptieren nicht der richtige Ausdruck. Sie nahm Maß wie Lachesis und zerpflückte sie wie Atropos. Es war Louella Jenkins, die die meisten Antragsformulare ausfüllte, woraufhin Talbot eines Morgens perplex im Postamt an der Stuyvesant Station stand und begriff, dass er an der Columbia University zum Studium der Rechtswissenschaften zugelassen worden war.

Die Farbrente Rose wurde die Wahlkampfmanagerin. Mittels einer Gehhilfe entliess sie sich selbst aus dem Krankenhaus und leitete das Wahlbüro im alten Psychedelicatessen mit der gleichen Entschlossenheit, die sie auch während der Roosevelt-Ära in die Kampagne für die Gesetze gegen Kinderarbeit an den Tag gelegt hatte. Es war eine Neuauflage vom Freedom Summer, trotz ihrer Vierundsiebzig hatte Rose sich eine natürliche Lebenslust bewahrt. Johnny Ray Slage, dessen Album Ready to Rock nun beinahe in den Tops der Billboard-Charts war, veranstaltete ein Benefiz-Konzert im Fillmore East in der Second Avenue und überliess Talbot genügend Bargeld, dass einiges an Porto und Anzeigen im East Village Other gezahlt werden konnte.

Ziemlich schnell fand Talbot zwei allgemeingültige Wahrheiten über politischen Wahlkampf heraus:

1.) politische Flugblätter sind keine Gedichte (dies lernte er, während er wie unter Strom seine Taschen und Notizbücher mit hastig geschriebenen Ideen für Reden, Poster, Werbung und Thesenpapiere füllte, und

2.) Freiwillige verdrücken sich.

Nimm die Malerin Mary Heath. Für Talbots Wahlkampf hatte sie einen Haufen gerahmter Leinwände bereitgestellt, die an die Galerien, Bars und sogar an die Tompkins Park-Bibliothek verteilt wurden. Sie waren so gut gemacht, dass die Leute sie für ihre Wohnzimmer mit nach Hause nahmen. Schließlich wurde es Mary Heath zu viel und sie floh nach Provincetown, um dort den unruhigen Atlantik zu malen. Nach nur drei Talbot-Benefiz-Veranstaltungen machte sich Debbie Harnigan nach L.A. davon, ihren spöttichen Freunden der Greenwich Village-Folk Szene schwörend, dass sie in einem Jahr als Hauptact in den Eishockey-Arenen auftreten würde. Nur Enid Baumbach, die letzte der Wilden Frauen aus der Zehnten Straße, blieb. Die magere, besessene Enid, eine Veteranin aus der Zeit der wirklich schrecklichen, todesmutigen Menschenrechts-Aktionen in Mississippi, war bereit, ihr Leben gänzlich Talbot zu widmen. Sie trieben es fast jede Nacht im Wahlkampfbüro. Auf dem Schreibmaschinentisch. Auf dem Teppich. Auf dem Tisch. Auf den Papierstapeln neben dem Hektografiedrucker und sogar auf der Treppe zum Kellerraum, in dem Johnny Ray Slage und Vera K. die geisterhaften Stimmen aus der Wand gehört hatten.

Als ein Kandidat für Frieden und Gerechtigkeit hatte es Talbot mit Yippies, den Black Panthers, den Resten der Diggers und einer Straßengruppe, die sich Motherfuckers nannte, zu tun. Jeder erteilte ihm wenigstens fünfundvierzig Minuten lang Ratschläge, um dann abzuhauen, nachdem sie nicht eine Briefmarke geklebt und nicht eine Broschüre geheftet hatten. Ein paar radikal-hartnäckige Mikrofaktionalisten, eine radikale Splittergruppe der Ultra-Linken, mischten sich auch in seinen Wahlkampf ein. »Möchtest Du, dass ich Maos Kleines Rotes Buch, die Mao-Bibel, verkaufe, während ich morgens in den U-Bahn-Eingängen Flugblätter verteile?«, fragte Talbot einen von ihnen. Ein anderer wollte Literatur über die »Zwangssterilisation des Bürgertums« mit auf den Kampagnentisch im Peace Eye legen. Ein Dritter meinte, dass es für einen Sieg im November hilfreich wäre, wenn man die Öffentlichkeit über die verübten Ungerechtigkeiten gegen die Pariser Kommune im Jahr 1870 informierte.

Das FBI entsandte mehrere Co-Intel-Pro-Provokateure, um Talbots guten Lauf zu vermasseln. Es waren die Jahre, in denen Agenten von Militär und Geheimdienst zum Spaß und mit dem Ziel der mutwilligen Zerstörung die Gegenkultur unterwanderten, und Talbot war eines ihrer Angriffsziele. Es gab einen Agenten des militärischen Geheimdienstes, der sich als ein Posterdesigner ausgab, wie man sie im Wahlkampf immer benötigte, und einen CIA-Agenten aus dem illegalerweise im Inland tätigen Programm »CHAOS«, dessen Ziel es war, die Antikriegs-Bewegung zu zerschlagen. (Erst als die Frau des CHAOS-Agenten nach seinem Tod 2010 sein Tagebuch herausgab, kam heraus, dass Talbot eines seiner Opfer war.) Immer, wenn Talbot eine Adressenliste verfasst hatte, wurde sie gestohlen — vier Mal verschwanden sie — als würde sie von einer Fliegende Untertasse aufgesogen. Und dann gab es da noch das NYC Red Squad, das gelegentlich eine Überwachung von Talbots Wahlkampf-Hauptquartier im Psychedelicatessen durchführte. Rose sorgte dafür, dass die freiwilligen Helfer Briefumschläge füllten, das Telefon bedienten und ein sauberes und ordentliches Büro führten, und ersparte Talbot so dank der hingebungsvollen Arbeit der Regierungsagenten Tausende von Dollar an Wahlkampfkosten.

Ein Problem, das seinen Wahlkampf früh beeinträchtigte, war Marihuana. Aufgrund eines anonymen Briefes des FBIs rief der Journalist einer Uptown-Zeitung Talbot deswegen an. Talbots Name befand sich auf dem Briefkopf eines Schreibens des Komitees zur Legalisierung Marihuanas. »Es sollte unter mündigen Erwachsenen legalisiert werden«, erklärte er dem Journalisten.

»Gib nicht zu, dass du Gras rauchst«, meinte der hochgestellte Top Rank Plank, als er im Wahlkampfbüro vorbeischaute und einen feindseligen Zeitungsartikel las.

»Aber ich rauche welches.«

»Ich auch, aber gib es niemals zu. Sage, dass du alle staatlichen und bundesstaatlichen Gesetze befolgst. So einfach ist das. Lüge.«

»Und was ist mit der ökonomischen Gerechtigkeit?«

»Du kannst nicht mehr links sein als ich, und trotzdem in Amerika gewählt werden«, sagte Top Rank. »Aber du musst den Dingen einen anderen Namen geben, um das Interesse der Leute zu wecken — kapierst du, was ich meine?«

Als Antwort auf die Dope-Aufregungen hielt Talbot seine erste Pressekonferenz, in der er versicherte, dass er alle gültigen Gesetze befolgte. Daraufhin griffen ihn die Yippies an und behaupteten, dass er ein Verräter sei und die auf seinen Wahlkampf angesetzten FBI-Provokateure klebten schwer zu entfernende »Talbot, der Verräter«-Plakate auf der ganzen Avenue A.

Talbot legte seine ganze Energie in den Dienst des Stimmenfangs. Auf den alphabetisch sortierten Straßen ging er mit seinen Zetteln von Laden zu Laden, nahm an geheimen Treffen von Nachbarschaftsschutzgruppen teil, übte seinen verwünschenden Starrblick im Spiegel und stand dann von Sieben bis Zehn und von Vier bis Fünf vor den U-Bahn-Stationen, um Buttons und Flyer zu verteilen. Es gefiel ihm. Nachdem er Hunderten in die Augen geschaut und um ihre Stimmen gebeten hatte, nach vierzig oder fünfzig öffentlichen Veranstaltungen, nachdem sein Plakat nahezu alle fünfzehn Meter über die East Side verteilt war, begann er Zuversicht zu empfinden. Es gab keine Umfragen, aber eine Art Euphorie machte sich unter seinen Anhängern breit, sodass selbst Talbot anfing, an das »Die Guten werden gewinnen«-Prinzip zu glauben. Und warum auch nicht? Schau Dir all die Artikel an, die über seinen Wahlkampf veröffentlicht wurden. Schau auf all die Freiwilligen. Und guck Dir mal den Beifall an, Mann, begreif das einfach.

Aber Begeisterungsrufe und Wahlen gingen nicht immer zusammen und als Rose Snyder, die sich im Hauptquartier der Demokraten aufhielt, anrief und uns allen, die wir vor seinem Laden versammelt waren, die niederschmetternden Ergebnisse des Wahlbezirks durchgab, hätte die Niedergeschlagenheit als Anästhetika verkauft werden können. Talbot selbst war so deprimiert, wie zu der Zeit, als er im Fernsehen von dem Anschlag auf Robert F. Kennedy erfuhr. Ich hatte niemals jemanden gesehen, der so niedergeschlagen war. Er war nicht der Herbert Huncke-Beat, der ausrief, »Mann, ich bin Beat.« Talbot war nun ein Widerstandskämpfer der eingequetschten, aufgeriebenen Generation. Er sagte mir, er würde alles aufgeben. Überhaupt kein Rechtsstudium, keine Lyrik, kein Aktivismus. Es war vorbei. Er würde den Rest seiner Wahlkampf-Spenden den Catholic Workers überlassen und dann für immer entschwinden.

Der Abgeordnete Plank tauchte auf, um nach Talbot zu schauen und begleitete ihn dann zu Stanley’s Bar, um ihm eine weitere Nacht lang Ratschläge zu erteilen. »Zuallererst«, begann Top Rank, »hast du das prima gemacht — für den Kandidaten einer Splitterpartei. In einem Jahr mit sehr geringer Wahlbeteiligung in diesem Wahlbezirk hast du fünfunddreissig Prozent erhalten.«

»Ich fühle mich wie Maultierkotze«, sagte Talbot der Große.

»Erzähl mir nicht von Maultieren oder Eseln. Und ich will nichts von einer verfluchten Schwarzseherei hören. Die Demokraten geben immer auf. Gib niemals auf. Kennst Du dieses Bären-Schieß-Spiel im Vergnügungspark auf Coney Island? Du schießt auf ein kleines rundes Loch in seiner Seite, du triffst, er brüllt und fällt dann runter. Aber eine Sekunde später kannst du sehen, dass er aufsteht, triumphierend brüllt und wieder bereit ist. Das ist Politik. Das müssen die Demokraten lernen. Steh auf, schüttele alles ab, bleib bei der Sache. Gib niemals auf!«

»Du nörgelst dauernd, dass es keine Freizeit für Poeten gibt. Nun, auch dafür, die Dinge zu verbessern, gibt es keine Freizeit. Du beginnst nächste Woche mit der Arbeit für die nächste Wahl. Schreib dich zum Jurastudium ein. Und vergesse den Frieden- und Freiheit-Scheiß. Trete den Demokraten bei und schlage die Partei von innen heraus.«

Er trug einen von Talbots Buttons, aber er hatte einen neuen Text eingefügt:


»Und verabschiede dich vom »Spaß«. Die Welt zu verändern ist nicht lustig. Erinnerst du dich, was Freud einem jungen Sozialisten, damals 1907, dem Jahr des Internationalen Sozialisten-Kongresses, gesagt hatte?«

Talbot konnte sich nicht daran erinnern.

»»Versuche nicht, die Leute glücklich zu machen«, erzählte Freud dem jungen Hüpfer, »Sie wollen es nicht.««

Talbot fühlte sich schon weniger deprimiert.

»So, das war’s«, fasste der Abgeordnete zusammen. »Fang jetzt an, mache sorgfältige Pläne, trete den Demokraten bei, überlege dir, wie du an Gelder kommst, rauche kein Dope in der Öffentlichkeit, und du stehst bald wieder als Talbot der Große da. Also deines Namen würdig.«

»Auf in den Siebziger-Wahlkampf«, erwiderte Talbot, der darüber nachdachte, wie es sein würde, dabei zu helfen, den notwendigen Großen Wechsel herbeizuführen, der die Zukunft einer großen Nation bestimmen sollte.

D IE HEMPUNE
I

An jenem Morgen war wohl jeder in der Hempune aufgeregt, jeden Augenblick die Ankunft der als Indian Annie bekannten, legendären New York City-Kommunardin und Kostümbildnerin und ihres Freundes, dem Verleger, Poeten und Filmemacher Sam Thomas zu erleben. Die einzige nichtenthusiastische Person war Down Zone Don, der in seinem üblichen Seelenzustand von Nichtwollen, Negativität und Nichtwahrnehmen-Anderer mürrisch in seinem Tipi saß, da nichts jemals gut ausgehen würde — sogar irgendetwas mit Wert oder Hochgefühl hatte bei ihm höchstens die symbolische Bedeutung von »Nichts« als Wort oder Laut. »Nichts ist Nichts ist Nichts« stand über der Eingangsklappe seines Tipis. Und während niemand die Logik des Apophtegmas widerlegen konnte, diente es ihm zur Selbsterfüllung im Niedergang.

Die Kräuterfrau bereitete Down Zone Ginseng-Tee mit Meth in der Farmhausküche der psychedelischen Pioniere vor, in der ein Jimi Hendrix-Poster an der alten Tapete über einer alten handgemachten Maisgrützemühle hing. Sie hoffte, seine Stimmung aufzuhellen, indem sie dem kochenden Wasser eine Prise Cayenne und einige kleine weisse Tabletten hinzufügte, ehe sie etwas Ginseng in den Kessel auf dem Holzfeuerofen warf.

»Weisst du, Zone«, sagte die Kräuterfrau, nachdem sie ihm einen Becher ins Tipi brachte, »ich würde Dir gern beim Bemalen deiner Zeltklappe helfen — wir könnten diese negativen Worte mit einigen gesprayten Marihuana-Blüten überdecken, und vielleicht hilft dir das aus dem »Nicht« herauszukommen.«

Down Zone war nicht in der Stimmung, sich aus dem »Nicht« zu lösen, nippte traurig schauend und übernächtigt an dem Ginsengtee und stellte seine Psyche auf die wässerigen Schläge eines metaphysischen Zustands ein, den er »Albtraum-Kick Drum« nannte. Bumm, bumm, bumm, bumm, bumm, bummerte die mentale Trommel, galaktisches Nichts weissagend. Er mochte es. »Das ist der einzige Beat, den die Beats jemals schlagen!« pflegte er auszurufen.

Für ihren Weg zur Righteous Justice Farm, die wegen ihrer wichtigen Rolle als Lieferant von Marihuana an die Kommunen in Berkeley, San Francisco und der Lower East Side im Untergrund als Die Hempune bekannt war, hatten Sam und Annie ihr umfangreiches Gepäck auf einer Stangenschleife, einer Art Zuggeschirr aus drei Stangen, befestigt. Annie montierte Rollschuhe an die Enden des Stangenschleifen-Zuggeschirrs, was es ihnen leichter machte, ihre Gepäckmassen über einen gut drei Kilometer langen unbefestigten Schotterweg zu schleppen.

Sam und Annie hatten eine der Grundregeln der Beat-Ära nicht befolgt, und zwar mit nicht mehr als einem Stück Seife, einer Kulturtasche, einem Notizbuch für Poesie, ein paar Büchern, einigen Aufputschmitteln, Aspirin und einem Schlafsack zu reisen. Stattdessen frönten die beiden sieben lange Monate, die sie durch Nord- und Südamerika reisten, der Obsession ihrer Sammelleidenschaft. Untergrund-Zeitungen hatten begonnen, Fotos der beiden zu veröffentlichen, wie sie am Highway neben ihren aufgestapelten Bergen stehen. Annie hatte Berge von antiquierten Kleidern, Gürteln, Stoffmustern, Brokat, Hüten, Knöpfen und Schals in Hunderten von Garagen-Flohmärkten und kirchlichen Ramschverkäufen gesammelt. All das sollte für die Kostüme verwendet werden, die sie für die Off-Off-Off-Broadway-Bühnen und für die erlesenen East Village-Boutiquen entwarf.

Dann waren da all die Bücher und Platten, die sie erstanden hatten. Sam hatte in Nebraska Halt gemacht, um Annie seiner Mutter vorzustellen, und nahm seine Art Deco Jukebox mit, die sie festgezurrt hatten und die mit einer sagenhaften Singlesammlung bestückt war. Außerdem gab es da noch Sams Hektografiegerät, seine Manuskripte, einiges 16-mm-Equipment, inklusive eines Schneidetisches, sowie Annies umfangreiche Kunstsammlung, alles gordisch zusammengezurrt und von einem ausgemusterten, großen, olivgrünen Armeezelt bedeckt. Für den morgendlichen Marsch zur Righteous Justice Farm hatten sie den Zeltstoff festlich mit ihren Gemälden geschmückt. So kam es zu einer in der Kulturweltgeschichte einmaligen, transportablen Ausstellung von Marisols, Warhols, Rauschenbergs und Brainards, die mittels eines Stangenschleifen-Zuggeschirrs über die Straßen des ländlichen Kansas in die unsichere Zukunft auf einer Drogenfarm geschleppt wurden.

Vierhundert Meter vor der Farm konnten Sam und Indian Annie das riesige Horus-Auge sehen, das die Hempune-Kommune ihnen zu Ehren auf die kuppelförmige Versammlungshütte »Law Lodge« gepinselt hatten. An den Seitenwänden des grau-beplankten Maultierschuppens befanden sich zwei handgeschriebene Schilder, weniger auffallend als das Auge auf der Kuppel, die sich auf Sam Thomas’ legendäre Küche bezogen, denn Sam hatte bereits aus Kalifornien angerufen, um den Hempune-Kommunarden anzukündigen, dass er feine, feine Gerichte für sie zubereiten würde. KEIN YUM! rief ein Schild und BITTE KEINEN BECKETT’S TOAST! blökte das andere.

Auf einer kleinen Anhöhe parkte Sheriff Warren Fuller hinter einer verwitterten Werbetafel, von der in Fetzen die Überreste des letztjährigen Jahrmarktschildes herabhingen, beobachtete das entfernte Stangenschleifen-Zuggeschirr und schüttelte empört seinen Kopf. Er war auf dem Weg in die Kirche, hatte aber für eine Camel und ein paar Schlückchen Whiskey angehalten. Fuller liess sich gern von einem Deputy herumfahren, obwohl das Sheriffsdepartement von Twayne County nur sechs Angestellte hatte. »Schau dir diese Sauerei an!« sagte er zu Deputy Hardap, einem schlaksiger Twayne County-Einheimischen mit spitzgeschnittener Stirn, die ihm den Spitznamen Rowboat eingebracht hatte. »Ich wette, wenn wir die Sirenen anmachen,« fuhr er fort, »und diesen Scheiss auseinandernehmen, Rowboat, würden wir jede Menge dämonischen Schweinkrams, Dildos, Marihuana und das Kleine Rote Buch vom Vorsitzenden Mao finden. Ich habe Zeugs vom Militär-Geheimdienst erhalten, das mir sagt, dass der Maoismus mit voller Kraft in Kansas angekommen ist! Soviel Chinesenzeugs hat es hier seit dem Bau der Bahnlinien nicht gegeben!«

»Willst du sie festnehmen?«, fragte Rowboat.

»Sollte ich. Die sind auf dem Weg zur Kommune. Immer, wenn ich daran denke, dass meine Grossmutter meinen kranken alten Opa genau in demselben großen Schlafzimmer gepflegt hat, in dem es diese Arschlöcher wie in einem Puff miteinander treiben, dreht es mir den Magen um!«

Vorläufig war das einzige Ergebnis der geifernden und manischen Ausbrüche des Sheriffs, dass er spät dran war, und so blieb es dem Stangenschleifen-Zuggeschirr einstweilen erspart, auf der Suche nach dem Bösen vollständig auseinandergenommen zu werden.

II

Als die Jukebox und die an den Stangen befestigten Packen den Weg hinunter rumpelten, stellten sich die Hempunarden applaudierend in einer Reihe auf. In ihrer schäbigen Post-Beat-»Sommer der Liebe«-Festkleidung, also gebatikten Klamotten, Kopfschmuck, Jeans mit vielen Flecken, Pluderhosen, hauchdünnem Stoff, der die Nacktheit bedeckte, oder nur in der guten alten Nacktheit, sangen sie wieder und wieder unisono »Sam und Annie, One Makes Many!«, schlugen Schellenkränze und tanzten barfuß um das legendäre Paar herum. Einige von ihnen trugen Peace-Zeichen aus Prärieblumen, die so wunderschön waren, dass es Annie die Tränen in die Augen trieb.

An der mit Zeltstoff und Rinden bedeckten geodätischen Kuppel der »Law Lodge«, die die Gruppe gerade winterfest machte, stand der Mann, den man Hempstone nannte, oder einfach nur Stone, der Begründer der Righteous Justice Farm und einer der Ersten, der das East Village verlassen hatte, um dabei zu helfen, das ländliche Kommunen-Leben Mitte und Ende der Sechziger Jahre aufzubauen. Bei ihm stand seine Frau, Astro-Seer, groß, mager, mit blondem zu Zöpfen geflochtenem Haar. Hempstone war breitschultrig mit langen lockigen schwarzen Haaren, dessen Spitzen mit einigen Perlen versehen waren. Als Gründer der Righteous Justice Farm gebührte es Hempstone und Astro-Seer, Annie und Sam als Erste zu umarmen.

Oben aus den Wäldern vom nördlichen Hügel ertönten fröhliche Rufe. »Die Groovy kommen!« rief Astro-Seer. Gerade so, wie man »Taubenschwarm«, »zeternde Krähnen« oder »quakende Enten« sagte, so nannte man in der Hempune eine Schar Kinder die Groovy, und da kamen auch schon die tollen Kinder — Theena, Sweetname, Microgram, Anar, Ahimsa, Improv und weitere — purzelbaumschlagend den Hügel herabgestürmt. Sie schauten schuldbewusst zu Astro-Seer, vor allem ihre eigenen Kinder, Soy Peace und Sky Manna.

»Kinder, wo wart ihr? Ich wette, ihr habt bei Farmer Fred ferngesehen, richtig? Das besprechen wir im nächsten Gerichtsrat, da könnt ihr sicher sein.« Die Kinder lachten und rannten in die Law Lodge, wo sie hofften, bei den Eltern ein paar Pluspunkte zu sammeln, indem sie mithilfe von Underground-Comics ihre Lesefertigkeiten übten.

Fernsehen war verboten in der Hempune und trotzdem hatten die Kinder den verbotenen Genuss von Trickfilmen kennengelernt und begonnen, Samstagmorgens zu Farmer Freds Haus rüberzulaufen. Fred hatte eine große neumodische Antenne, die WDAF-TV aus dem circa einhundertdreißig Kilometer entfernten Kansas City empfing.

»Fred ist einer dieser heimlichen Kommunisten, vor denen sie uns immer gewarnt haben,« sagte Astro-Seer. »Er ist echt. Diese Region Kansas’ war immer viel radikaler als sie es heute ist. Fred liest Gedichte auf russisch und war mit Che befreundet.«

Farmer Fred war, wie Sam Thomas bald herausfand, tatsächlich ein heimlicher Kommunist, aber Guevara hatte er sicherlich nicht gekannt. In der Welt des Highschool-Footballs, des Rotary Clubs und des Twayne County Tortenweitwurf-Wettbewerbs, war er immer ein Querdenker, er war Direktor einer örtlichen Bank, ehemaliger Direktor der American Legion von Twayne County, Kirchen-Dekan und jahrelang hatte er im örtlichen Bildungsausschuss gesessen. Zu Beginn des Jahrhunderts, während der Minenzeit in Südost-Kansas, war sein Vater ein linksgerichteter gewerkschaftlich organisierter Kämpfer, eine Tatsache, die aus den örtlichen Annalen seit Langem gelöscht war. Farmer Fred verwahrte die Devotionalien linken Kampfes in einem Schrein im alten Elternschlafzimmer, mit Plakaten, Mitgliedsbüchern, Buttons verschiedener Aktionen und anderem aus dieser glorreichen Zeit. Mit dem Aufkommen der Neuen Linken in den 1960ern wurde Fred mutiger. Wenn die Kinder zum Fernsehen rüber kamen, zum Beispiel, las er ihnen aus einem Buch vor, dass er geschrieben hatte, East of the Sun and West of the Working Class — Tales from the Communist Manifesto (Östlich der Sonne und Westlich der Arbeiterklasse — Geschichten aus dem Kommunistischen Manifest).

Den Untertitel erwähnte er kaum, wenn er die Groovy für die Geschichten um sich geschart hatte.

»Wir geben Euch Nare-Kill’s Hütte«, sagte Astro-Seer zu Annie. »Wir sind ihn endlich losgeworden.«

»Wer ist Nare-Kill?«, fragte Annie.

»Er macht seinen Schulabschluss, Gott sei Dank. Er hatte dieses irre ... Ritual, nennt man das wohl. Er rannte total nackt, nur mit rotumrandeter Oma-Brille, durch den Garten und fuchtelte mit einer Machete herum. Er schrie, so laut er konnte, »Ich werde Narrativ töten!« Das machte er Tag und Nacht. Wir hörten ihn um Mitternacht wild brüllend mit einem Jagdmesser auf das Mobiliar einstechen. Du wirst es sehen, wenn du die Hütte betrittst. Er stach auf Tipi-Stangen ein. Er stach auf Wände ein. Und er rief immerzu »Ich werde Narrativ töten! Ich werde Narrativ töten!««

»Wir fanden schließlich heraus, was er meinte. Er hatte grade das College abgeschlossen und wovon er redete, war, die Handlung und die Struktur im Roman abzuschaffen. Ich denke, das war’s, was er meinte.«

(Wie jeder weiss, der sich mit der Post-Futurity-Bewegung beschäftigt, hatte Nare-Kill Jahrzehnte später erfolgreich einen Lehrstuhl im Institut für Studien des Signal Flow — vormals die Abteilung für amerikanische Literatur — an einer großen Universität inne. Vor nicht langer Zeit veröffentlichte Nare-Kill seinen fünfundsiebzigsten dicken Wälzer über Signal Flow, und fließt wohl immer noch.)

Sie luden Musikbox, Gemälde, Bücher, Filmmaterial und Kleiderbündel bei der Hütte aus, dann machten Sam und Annie einen Farmrundgang mit Astro-Seer. Erster Halt war das Haupthaus, in dem sie mit Hempstone, Soy Peace und Sky Manna wohnte. Das ehemalige Wohnzimmer war nun mit Kojen, Schlafsäcken und Hängematten für Besucher ausgestattet. Das Haus hatte das einzige funktionierende Telefon und in einem ehemaligen Anbau für Kutschen war die Freedom School untergebracht. Es gab auch den Healing Room, in dem Astro-Seer, die Kräuterfrau und ein Typ namens Barklore Bill, der Medizin und Umschläge aus Baumrinde herstellte, ein Heilerteam bildeten. Frauen, deren Familien seit Pionierszeiten in der Gegend lebten, fingen an, wegen gesundheitlicher Probleme vorbeizuschauen und einige nahmen Astro-Seers Hilfe auch auf andere Weise in Anspruch, denn sie konnte die Zukunft vorhersagen. Für ihre bäuerlichen Nachbarn las sie die Zukunft aus Teeblättern, für die Bewohner der Hempune verwandte sie dafür die Muster von Grassamen, die auf dem Rubber Soul-Plattencover verstreut wurden.

Danach überquerten Sam und Annie die Brücke über den Absolute Abandonment Creek, der sich in einer langen, anmutigen Kurve mitten durch das Farmland zog. Rechts von der Brücke gab es einen Badeverschlag mit einer sonnenbeheizten Dusche. Daneben befand sich die Sauna-Yurte, aus der die überhitzten Hempunarden zum nachmittäglichen Zeitvertreib gerannt kamen, gebraten und verschwitzt, um für den Post-Sauna-Abkühlungs-Kick in den Absolute Abandonment Creek zu springen. Auf halber Höhe zwischen Sauna und Bauernhaus befand sich die Law Lodge, welche die Bibliothek der Hempune beherbergte. Die Bewohner wurden ermuntert, sich dort die Zeit zu vertreiben und täglich ein paar Stunden zu lesen.

Im östlichen Teil gab es eine runde Kiva, etwa anderthalb Meter tief ins Erdreich eingelassen, mit Wänden aus Grassoden und einem Dach aus alten Scheunenresten, die an lange, aufgestellte Stangen genagelt waren, deren Zentrum der Rauchabzug bildete. Im Kiva feierten sie die Peyote-Riten, meditierten häufig und sangen gemeinsam.

Auf der anderen Bachseite, gen Norden, befand sich die Tipi Row, eine Reihe von Tipis, wo Sam und Annie den mürrischen Philosophen, genannt Down Zone Don, antrafen und dann einige Minuten mit Trust Fund Fran verbrachten, einer flotten Brünetten mit hohem Metabolismus, die ihre hüftlangen Haare zu drei Zöpfen geflochten und mit goldenen Zimbeln bestückt hatte. Frans hoch aufragendes und großzügig dimensioniertes Tipi mit einem innen gelegenen Schlafboden war Gegenstand so mancher Klassenkampfdiskussion in der ’Une.

Nicht weit vom Haupthaus befand sich die Ausflipp-Scheune, ehemals die Molkerei. 1968 brauchten sie eine Ausflipp-Scheune, weil regelmässig Besucher mit depressiven Schüben auftauchten. Manchmal flippte eine Bewohnerin des Tipi Row zeitweise aus und pennte im Ausflipp, bis sie wieder sicher gelandet war und zurück in ihr Tipi konnte. Die Kräuterfrau war die Haupt-Flipp-Pflegerin. Es gab immer ein oder zwei da draußen im Schuppen, »die im Clinch mit dem Universum« lagen. Und so trafen Annie und Sam an diesem Sonntagmorgen einen Kommunarden im Schuppen, der den Tag damit verbrachte, die mantischen Muster der kreuz- und querliegenden Heuballen auf dem Heuboden zu studieren. Ein anderer litt unter einem Anfall von CIA-noia und zerteilte mit einem X-Acto-Schablonenmesser sorgfältig Hanfwedel, überzeugt davon, dass das Militär einen Weg gefunden hatte, Abhörgeräte in Marihuana-Samen zu implantieren.

Vor einigen Wochen beherbergte der Ausflipp-Schuppen einen Vietnamveteranen namens Ned Farlo, nun bekannt als Napalm Ned, der einfach zu oft schreiend erwachte und im Traum wieder einen auswegslosen Kampf gekämpft hatte. Manchmal schlafwandelte er auch »Charlie! Charlie« rufend nachts vor dem Schuppen. Aber dank der Pflege der Kräuterfrau und Astro-Seers wurden Neds Nächte ruhiger und nun war er gerade in eine fünfeckige Hütte gezogen, die die Hempune ihm zu seinem Geburtstag gebaut hatte. Sie hatten sie in den Wald gesetzt, um die anderen Tipibewohner vor seinen Träumen zu schonen.

Ned entkam seinen Albträumen, in dem er Tag und Nacht im Amerika-Friedens-Sieges-Garten arbeitete. In diesem Sommer betrieb die Gruppe einen Gemüsestand an der Hauptstraße, den Ned gut bestückt hielt. Er übernahm die Pflege und das Füttern eines Maultierpaares und pflügte für die Sommer- und Herbst-Hanfpflanzen ein von Wald umgebenes Gebiet nordöstlich des Farmhauses, wo sie Hanf in abwechselnden Reihen mit gutem Kansas-Mais pflanzten, und das sie die Wild 40 Mais & Hanf-Tarnzone*1 nannten.

*1 »Wild 40« für vierzig Acres (entspricht sechzehn Hektar) landwirtschaftlicher Fläche, die als getarnte Hanfanbaufläche dienten. (A.d.Ü.)

Ned war eine prächtige Gestalt, wie er da mit einer eingerollten Amerikaflagge als Stirnband, um eine Narbe zu bedecken, und Yee! und Haw! rufend, dem alten Pflug hinterherschritt, den er zu Ehren der Neuankömmlinge aus New York City mit Friedenssymbolen und Horus-Augen angemalt hatte.

Das Land war hügeliger als die meisten Gegenden von Kansas, mit Schluchten und Waldstücken, wo man gut versteckten Hanfanbau betreiben konnte. Hier und da gab es getarnte Frühbeete und kleine Gewächshäuser, wo sie den Hanf im späten Winter zogen, sodass sie die Ernte versetzt vornehmen konnten.

III

Eine Cash-Ernteabgabe von Ra

Als Sam und Annie gerade von Ned durch den Amerika-Friedens-Sieges-Garten geführt wurden, erblickte Sam in einiger Entfernung eine vertraute Erscheinung mit langem rotem Haar. »Mein Gott, es ist Suncatch!«, flüsterte er. Als sein langjähriger Rivale um Annies Liebe ihnen zuwinkte und angerannt kam, sah Sam die Zukunft als eine angstvolle Ungewissheit vor sich. Indian Annies Herz klopfte, als sie Suncatch eine lange Hempune-Umarmung gab, Sams Ansicht nach zuviel Umarmung, eher ein Befummeln.

»Kommt mit in meine Bude, ich zeige euch mein Labor«, sagte Suncatch. Seine Bude war ein großes grünes Zelt mit Massen von Geräten davor — einer Tischbandsäge, einem Generator, Blechen, Archivschränken und Kisten mit allerlei Zeugs. Im Zelt befand sich eine verwirrende Ansammlung von elektrischen Bauteilen, Drehbänken, Brennöfen, großen elektrischen Bohrern, Prüfgeräten und ein Achtspur-Tonstudio, auf dessen Mischpult Suncatch nachts seinen Schlafsack ausrollte.

Suncatch war stolz auf seine Erfindungen, die rundherum auf Gestellen verteilt standen, wie zu einer Skulpturen-Ausstellung damals im Peace Eye Bookstore. In den Auslagen befand sich die welterste batteriebetriebene, selbstentzündende Hookah mit farbenfroh psychedelisch wirbelndem Wasser. Daneben stand ein Gitarrenverstärker, der von einem sehr frühen Solar-Panel-Prototypen angetrieben wurde, welcher einen Stapel Autobatterien auflud.

Suncatch hielt bei einem Podest und tätschelte stolz seinen elektrischen Teigtaschenmacher. Inspiriert durch die Piroggen-Mahlzeiten in den polnischen und ukrainischen Restaurants der Lower East Side, würde ihn diese Erfindung bald zu Wohlstand und Ruhm in der Welt der automatisierten Teigtaschenherstellung katapultieren. Er zeigte ihnen die Erfindung, an der er an diesem Morgen arbeitete, eine Vorrichtung um mithilfe einer automatischen Winde und Druckblechen Cannabis in kompakte Ziegel zu pressen. Die Hempune wollte die Hanfziegelpresse für die Sommerernte nutzen.

Sam zuckte zusammen, als er eine Schaufensterpuppe sah, die nur einen Kettenhandschuh trug und ein Andenken an den legendären Acid-Trip war, den Suncatch und Indian Annie einst gemeinsam in der Lower East Side erlebt hatten. Eine Unmenge von Farmgerät lag nahe beim Zelt herum — alte Farmall-Trecker, kaputte Melkmaschinen, Getreiderüttler und sogar ein Mähdrescher. Sam verstand sofort, wieso — genau wie in der Lower East Side, wo Suncatch für Jedermann Dinge repariert hatte, passierte es auch hier in Kansas. Suncatch war so gutmütig, dass er niemals Nein sagen konnte.

Annie und Sams Hütte, nun in Nar-Kil-Haus umbenannt, lag nicht weit von Suncatchs Zelt, Sams Meinung nach ein bisschen zu nah, vor allem, als Suncatch für Sams Musikbox und Filmschneidegerät und für Annies Nähmaschine eine Stromleitung von seinem Benzin-Generator zur Hütte verlegte.

Als sie schliesslich auf dem Weg zu ihrer Hütte waren, sagte Sam zu Annie, »Wusstest du es?«

»Ich hatte davon gehört.«

»Aber du hast es nicht erwähnt.«

»Nein, tat ich nicht. Es schien unwichtig zu sein.«

»Du hast recht. Es ist unwichtig,« log Sam.

IV

Von einigen Ausnahmen abgesehen, waren die mehr oder weniger zwanzig Kommunarden auf der Righteous Justice Farm eine gut aufeinander abgestimmte Gruppe. Vielleicht war es dem Einfluss der griechischen Götter zu verdanken — guter alter Clotho, Lachesis und Atropos — oder der römischen Fortuna, oder dem Runen-Wurf der Himmels-Würfel, jedenfalls gab es eine ununterbrochene fröhliche Stimmung in der ’Une. Diese Kommunarden vermieden irgendwie die Verdriesslichkeit, das Lästern, den Neid, die Faulheit und das übertriebene Chaos vieler anderer ländlicher Kommunen.

Vielleicht war das Es-sich-gut-gehen-lassen im eindeutigen Zusammenhang mit dem Kampf für eine bessere Welt in der Seele dieses Ortes verwurzelt.

Ein erstes Zeichen dieses Geistes zeigte sich für Sam und Annie auf dem Schwarzen Brett im Farmhaus. Es gab eine große Arbeits- und Hausarbeitsliste, aber auch eine ebenso lange Spaß- und Faulenzerliste. Die Leute versammelten sich jede Nacht entweder in der Law Lodge oder im Kuss-Tipi, um zu singen und Musik zu machen. Mit dem Thrillmore Express — einem Juwel von psychedelischem Bus — reiste die Hempune zu Konzerten und Kundgebungen durch den ganzen Mittleren Westen. Sie fuhren nach Omaha, um Jimi zu sehen, zu Janis in Denver, Allen Ginsberg in Lawrence, Jim Morrison in Kansas City, und ganz bis nach Madison zu den Fugs.

Im Righteous Justice hatten Kommunarden die Angewohnheit zu reimen und alliterierende Namen zu erfinden. Das rührte von dem Einfluss von Rhymin’ Ralph her, ein Mitbewohner und Folksinger, der sich für gewöhnlich in gereimten Maximen ausdrückte. Rhymin’ Ralph hatte Hunderte von Namen erfunden — darunter Marypole Marcie, Leather Heather, Yell Like Hell Nell (während ihrer Orgasmen), und Dinah Delirium, deren Trägerinnen immer noch auf der Farm lebten.

In einem Baumhaus hoch oben in einer der großen alten Eichen auf dem Weg hinter der Farm lebte eine Frau namens Wanda, deren Zeitwahrnehmung sich nur um den Eros drehte. Ihre Philosophie war einfach: »Wenn du etwas ganz intensiv machst, kannst du keinen Schmerz empfinden,« sodass Wandas Lebensformel für metaphysisches Wohlbefinden sich in der einfachen Gleichung »Leben geteilt durch Ewigkeit ergibt Rumficken« niederschlug. Einige nannten sie Wanna Quickie Wanda, oder Quickie, manchmal nur Quick. Ihr Baumhaus hatte eine Strickleiter mit Holzsprossen, die sie hoch- und runterlassen konnte. An den Tagen, an denen sie besonders geil war, wob sie getrocknete Hanfblumen in ihre Zöpfe und an manchen Tagen traf sie einen Liebhaber in einem frisch gepflügten Feld und vollzog dort ein Fruchtbarkeitsritual für die Pflanzen. Die Jungs der Hempune nannten es »die Bohle beackern« oder — bei ihrer Liebe zur Alliteration einen »Körner-Koitus«.

Es gab einen jungen Mann namens Pry Eye in der Tipi Row, von dem jeder anfangs dachte, dass er ein Bulle sei, und dann, als der Verdacht langsam abklang, galt er nur noch als Voyeur. Er war ein Kontrollfreak. Er war der archetypische kleine Stadtmensch. Er musste alles wissen, Herr Pry Eye, also trieb er sich in der Hempune herum und glotzte und glotzte und glotzte, öffnete unvermittelt Zeltklappen, folgte Liebenden zum Kuss-Tipi, oder kletterte auf Wandas Baum, nur um vor ihrer Tür zu lauschen. Pry Eye wäre ein guter Agent der Abwehr geworden, nur hatte er 1968 dem Napalm- und Folterbomben-Amerika bereits den Rücken gekehrt.

Trust Fund Fran war eine der Hempune-Gründerinnen. Sie war eine Sauberkeitsfanatikerin, vielleicht kam das von all den Aufputschmitteln, manchmal sah man sie um Mitternacht die Tipiplanken mit einer Zahnbürste schrubben, oder sie wusch die abgenutzten Sprossen von Wandas Strickleiter. Auf dem Weg zum Bach befand sich ein kleines Warnzeichen, das sie vom Abscheuern der Felsflechte abhalten sollte.

Ein anderer Hempunarde hatte den Spitznamen Scato. Scato verband alles im Universum mit Scheiße. »Diese Scheiße ist keine Scheiße, ohne Scheiß,« war seine Art der Umschreibung, wenn er dein Gedicht mochte. Sahen andere auf ihrem Trip Visionen von wirbelnder universeller Friedens-Glückseligkeit, sah Scato »Sky Heini«, den Himmels-Hintern. Der Songwriter Scato hatte wie Rhymin’ Ralph sein Hauptaugenmerk auf die Folk Rock-Charts gerichtet. Es war allerdings schwer für Scato, seine Songs auf, sagen wir mal, ein Album von Judy Collins, den Byrds oder Joan Baez-Platte unterzubringen, solange jede Vokal-und Konsonantensequenz sich auf Ernährung bezog. Wenigstens ein Mal im Monat ging er die knapp zehn Kilometer zur Post, um ein neues Band mit Melodien in den Laurel Canyon oder die Bleecker Street zu senden.

Über die Vergangenheit wurde in der Hempune wenig geredet und Besuche von Eltern und Verwandten wurden nicht gern gesehen. Sie wollten keine verstörten Eltern, die ihren Nachwuchs auf einer Haschfarm schuften sehen, oder die Wanda erblicken, wie sie gerade mit Napalm Ned ein getreidesegnendes Ritual in einer frisch gepflügten Ackerfurche vornahm, und dann hatte die Gruppe auch noch ein paar andere Aktivitäten, die sie lieber geheim halten wollten, wie zum Beispiel das Verstecken von Soldaten, die vor der Einberufung in den Vietnamkrieg flohen und auf dem Weg nach Kanada waren.

Die Hempune zog eine Menge Wochenendbesucher an. Die FBI-Außenstelle in Kansas City nannte sie Niknecks — Landkinder, die sich zur Gegenkultur hingezogen fühlten. Die Niknecks waren zu gleichen Teilen eine Mischung von Jungen und Mädchen. Langhaarige Hempunarden mit Gitarren und einem Underground-Vokabular waren verführerisch für junge, abspenstige Frauen, die als Verkäuferinnen in rechtslastigen Städten gefangen waren, ebenso wie die Hippie-Mädel mit ihren sonnenradbemalten Brüsten, die in Wanna Quickie Wandas Baumhaus abhingen, eine starke Verlockung für die Testosteron-strotzenden, unbefriedigten Männer in ihren Pick-ups darstellten.

Unter den Wochenend-Kommunarden gab es einige, die Wanda besuchten. Einer war ein Telefon-Mechaniker namens Fast Line Phil (weil er sich mit der Arbeit beeilte, damit er gegen halb vier im Baumhaus sein konnte), und ein anderer, Deputy Timothy Malvereaux war vom Twayne County Sheriff Department. Malvereaux schlich sich heimlich über einen hinter der Farm gelegenen Pfad zu Wandas Baumhaus und glaubte, dass niemand von seinen Besuchen wüsste. Aber natürlich wusste Pry Eye Bescheid und sagte jedem Bescheid. Dank Wanda hatte der Deputy bis zum Frühjahr ’68 so viele Orange-Sunshine-Tabletten eingeworfen, dass sich seine Weltanschauung gehörig geändert hatte, was ihm ein paar Probleme bereitete, denn in den kleinen Städten der Gegend war er als der feindseligste Vertreter von Recht und Ordnung gegenüber der Antikriegs-Gegenkultur bekannt. Bei seiner unruhigen und brünstigen Ankunft oben auf der Leiter drapierte Wanda immer zuerst Liebesperlen um seinen Hals und dann um seinen Ständer.

Es waren die Post-On the Road-kapitalistischen Jahre, mit gewaltigen Strömen von Anhaltern, die durch das Land zogen und mit psychedelischen Bussen voll verlorener, halbverlorener, sehr verlorener, nicht-so-verlorener und möchtegern-verlorener junger Menschen, die fortwährend schubweise in der Hempune auftauchten. Für ein oder zwei Tage war es kein Problem, die meisten zu versorgen, aber es gab drei lästige Kategorien unter denjenigen, die ihre Plattensammlungen und Schlafsäcke für längere Zeit in der Tipi Row unterbringen wollten. Das waren die Bösen, die Schnorrer und die spirituellen Parasiten. Ein Böser brachte übermäßig viel Wut und persönliche Macken in die Tipi Row, die er oder sie — meistens ein er — dann auf die allgemeine Stimmung in der Hempune zu übertragen versuchte. Schnorrer kamen in allen möglichen Erscheinungsformen. Sie versuchten immer, mehr zu nehmen, mehr zu benutzen, mehr zu rauchen, mehr zu essen. (Es gaben einen archetypischen Schnorrer, den man ’Site nannte, den die Farm in Ruhe liess, als ob er ein lebendes Banner oder Wahrzeichen eines zu vermeidenden Lebensstils wäre. Ohne selber einen Cent zu haben, sackte ’Site irgendwie im großen Stil die Sachen anderer Leute ein, rauchte anderer Leute Dope, hatte die größte Acid Rock-Sammlung zwischen St. Louis und Ft. Collins, sechzehn Oma-Brillen und er schaffte es, sich sämtliche Psylo-Pilze einzuverleiben, noch bevor sie die Chance hatten, im Dörrsack über dem Ofen zu trocknen.)

Was die spirituellen Parasiten angeht, waren es nicht so sehr deine materiellen Habseligkeiten, die sie wollten, sondern deine Seelen-Zeit. Du konntest fast ein saugendes Geräusch aus den Tiefen ihrer Psyche hören, wenn sie die Lebenskraft derer auslaugten, auf die sie trafen.

Die Hempune entwickelte eine einfache aber effektive Methode mit den Bösen, Schnorrern und spirituellen Parasiten zu verfahren — sie legten sie zusammen weiter hinten in einen renovierten Schweinestall, den manche die Schnorrerhütte nannten. Der Gedanke war, sie untereinander zu beschäftigen, sodass sie in einem grausigen wechselseitigen Dunst wirbelten wie Moskitos über einem Kuh-Tümpel. Wer etwas weiter weg von der Schnorrerhütte schlafen wollte, hatte schon ein gutes Maß an Nächstenliebe zu zeigen. Deswegen wurden schauspielerische Fähigkeiten gern gesehen. Ein Böser, zum Beispiel, konnte vorgeben, fröhlicher und weniger wuterfüllt zu sein, um zu vermeiden, in die Schnorrerhütte geschickt zu werden. Das war im Allgemeinen für die gesamte Gruppe okay. Schliesslich war Schauspielerei unter wirbelnden Primärfarben und Guerilla-Theater Teil des Galaktischen Spaßes, oder?

V

Frühjahr und Sommer vergingen so schnell wie ein, zwei Takte in einer Fugs-Melodie. Jeden Morgen kochte Sam Thomas einen großen Topf mit Haferbrei und Rosinen auf einem Lagerfeuer vor der Law Lodge und rührte den Brei mit einem Kanupaddel, um anschließend einen Frühstücksjodler auszustoßen, und die Tipis und Hütten entließen allmählich ihre Bewohner in einen weiteren Tag Amerikanischer Freiheit.

Sam besuchte Farmer Fred einige Male und begann an einem Vers-Stück mit dem Arbeitstitel American Legion Commie zu arbeiten. Fred verblüffte ihn. Nach vielen Stunden gemeinsamer Gespräche war ihm nicht klar, ob er ein schwerfälliger Kansas-Konservativer war oder wie seine Großtante Hazel, die einst während der Zeit der frühen Arbeitergewerkschaftsorganisation an der Sozialistischen Hochschule in Hutchinson unterrichtet hatte, ein stolzes, wenn auch heimliches Mitglied der Marxistisch-Leninistischen Untergrundbewegung. Sam hatte noch ein paar Filmrollen über und schaffte seine Bell & Howell und sein Wollensak-Aufnahmegerät zu Fred, um einige Meter 16-mm-Aufnahmen zu machen, während Fred, von der Geschichtsträchtigkeit durch einen Kameramann zur Wahrheit getrieben, Sam nach und nach seine geheimsten politischen Ansichten auf Band anvertraute. »Ein dickes Stück der amerikanischen Wirtschaft, Sam«, sagte der Farmer, der zu Hause eine dunkelrote Augenklappe mit passender roter Baskenmütze wie ein französischer Dichter aus dem Jahre 1795 trug und eine Maiskolbenpfeife rauchte, »sollte der Nation zum Wohle aller, also jedes einzelnen Amerikaners, gehören.« Ein anderes Mal erzählte Fred in die Kamera, »Die einzige Sache, die es wert ist, darüber nachzudenken, ist es, unsere Hoffnungen für eine Revolution aufrechtzuerhalten.«

Auch Annie hatte zu tun, kam von Farm-Auktionen, Kirchenbasaren, Flohmärkten und Second-Hand-Läden mit Abtanzballkleidern zurück, die sie in heiß begehrte Stücke für die Boutiquen auf der Avenue A oder Neunten Straße Ost umänderte. Ebenso sammelte sie die Kostüme für eine weitere Produktion von Sams Musical When in Doubt: Riot am American Revolutionary Theatre an der Zehnten Straße Ost.

Annie organisierte einen Frauenrat, der sich in der Law Lodge traf, um Frauen- und Männer-Recht zu diskutieren. Mit derselben Leidenschaft für Genauigkeit, die sie in ihre eigene Stadt-Kommune eingebracht hatte, um faule Hippie-Chaoten und nutzlose Rüpel, die Frauen als Huren, Hingucker und Köchinnen betrachteten, zum Umdenken zu bringen, setzte sie sich auf der Righteous Justice Farm dafür ein, das männliche Verhalten zu verändern.

Was die gerechte Verteilung von Hausarbeiten und Kochen anging, vermochte die Hempune in all den Jahren zwar keine Perfektion erreichen, aber immerhin wagte sie sich einige Meter in diese Richtung. Der Frauenrat erstellte eine Liste auf Birkenrinde und legten sie in die Birkenrinden-Gesprächs-Tonne in der Law Lodge, damit die einzelnen Punkte im nächsten Plenum diskutiert werden konnten:


[SVG-Finger] Wir wollen nicht länger »Chicks« genannt werden,
[SVG-Finger] Wir wollen gleichberechtigte Teilnahme der Männer beim Kochen und noch wichtiger, beim Saubermachen,
[SVG-Finger] Wir würden es begrüßen, wenn es mehr Sauberkeit unter den Männern gäbe (vor allen Dingen unterhalb der Gürtellinie),
[SVG-Finger] Keine Gewalt.

Das waren einfache Forderungen, aber diese Birkenrindenliste liess die Tipis wackeln. »Oh, Mann, die Chicks reden Ärger herbei!«, wurde mehr als einmal von den Jungs vernommen, die in der Sauna abhingen, um auf den Abendessen-Gong zu warten. Die Frauen borgten sich auch einen Satz vom Beat-Poeten Peter Orlovsky und brachten ein kleines Schild in der Reinigungs-Yurte an, KEEP IT CLEAN IN BETWEEN— »Halt’ es dazwischen sauber«.

VI

Leather Heather

Bezüglich der Kindererziehung gab es in der Hempune zwei Hauptphilosophien. Einige Eltern wollten ihren Kindern ein Maximum an Freiheit mit einem Minimum an Aufsicht geben; andere meinten, es gäbe zu viele Gefahren und die Kinder müssten deshalb sorgfältig betreut werden. Als die Kinder der örtlichen Grundschule Theenas Himmelstanz während einer Schulaufführung ausbuhten, entschied die Hempune, eine eigene Schule zu eröffnen. Im gleichen Monat begann eine Frau namens Leather Heather vorbeizuschauen. Heather war eine Grundschullehrerin in der nahegelegenen Stadt und war der erste beinahe ganz und gar in Leder gekleidete Postbeatnik in Kansas. Heather war in vielen Lehrerkonferenzen ein Hauptdiskussionspunkt und ihre ledernen Jodhpur-Hosen und kniehohen Stiefel wurde von nicht wenigen Kollegen als Satanismusbeweis angesehen. Im Junior College war sie auf Bierparties gesehen worden und in Leserbriefen beschwerte man sich darüber, dass sie in einer ausgefransten, mit Liebesperlen besetzten Jacke Poolbillard in der örtlichen Kneipe spielte. Sie war ein Archetypus dieser Ära — eine Wilde Frau, die versuchte, besonnen genug zu bleiben, um einen Lehrerjob zu erfüllen. Einmal, an einem NikNeck-Wochenende im Righteous Justice, als sie zuviel Meth intus hatte, rastete sie aus und befahl ihren Schülern, alle 3434 Zeilen von Evangeline! auswendig zu lernen.

Die Eltern strömten von ihren Farmen zu einer Krisensitzung in die Halle der American Legion, mit Farmer Fred als Vorsitzenden. Als Resultat kündigte sie ihren Job und zog in die Hempune, wo sie sich unter der Obhut von Astro-Seer und der Kräuterfrau soweit beruhigte, dass sie vom Ausflipp-Schuppen in die Tipi Row ziehen konnte. 1964 übernahm Leather Heather die Freiheitsschule. Heather unterrichtete Schreiben, Mathe, Gesellschaftskunde, den Vietnamkrieg und Geschichte und Sam Thomas unterrichtete Dichtkunst und gesellschaftliches Handeln.

VII

RFK an der Kansas State

Sie erfuhren, dass Senator Robert Kennedy, der gerade seine Präsidentschafts-Kampagne begonnen hatte, eine Rede an der Kansas State University in Manhattan halten würde, also kletterten Sam und etwa fünfundzwanzig andere in den Thrillmore Express und machten sich auf den Weg zur Kundgebung. Suncatch hatte den Thrillmore Express mit einer seiner Erfindungen bestückt, die er aus einem viktorianischen Harmonium gefertigt hatte, der Paradiesischen Hanfonator- & Geruchsorgel, mit einer kleinen aufgesetzten Brennkammer, aus der lange, bunte Plastikrohre auftauchten, die zu den Bussitzen führten, um Dope-Rauchschwaden wabern zu lassen, gemischt mit Düften wie Alfalfa, Salbei, Jasmin und süßem Gras. Suncatch »spielte« auf der Orgel, während die Gruppe Rock- und Bürgerrechtslieder sang und sich die ausgelassenen Hempunarden in ihren Sitzen nach Belieben die Rohre griffen, um sich einen Zug zu genehmigen.

Die Sportarena mit ihrem Rasenboden war brechend voll mit fünfzehntausend johlenden jungen Leuten, sowie allen Antikriegs-Aktivisten aus den umliegenden zehn Landkreisen. Sam manövrierte den Thrillmore Express zum Seiteneingang und die meisten Hempunarden drängten sich gerade noch rechtzeitig in die Arena, um zu hören, wie der Senator Präsident Johnson wegen dessen bankrotter Kriegshetzerpolitik attackierte. Für Sam, der die Antigone von Sophokles im Original vom Blatt lesen konnte, war es ein überwältigender Augenblick, als Kennedy schließlich den Seher Tiresias zitierte, der am Ende des Stückes König Kreon vorwarf, ein Widerling zu sein:

Alle Menschen machen Fehler

aber ein guter Mann gibt nach,

wenn er weiß, dass er auf dem falschen Weg ist

und macht das Unheil wieder gut.

Die einzige Sünde ist der Stolz.

Sam ging ein Licht auf — Kreon war Johnson, und Antigones toter Bruder stand für JFK! Es war der Genialität Sophokles’ zu verdanken, dass er Tiresias erscheinen ließ, um der Macht die Wahrheit zu verkünden, und nun, an Lyndon Johnson gerichtet, sprach Robert Kennedy die Wahrheit aus.

Es kam sich elegant und symbolträchtig vor, wie er da unter freiem Himmel stand, während Kennedy den stürmischen, kriegsgebeutelten Gemütern der fünfzehntausend Menschen in der Arena diesen Augenblick von Gnade bescherte. Sam zitterte, als der Senator in seinem Massachusetts-Akzent unterstrich, dass ein gewaltiger Zwiestreit die Vereinigten Staaten peinigte, nicht darüber, wer regieren würde, aber ein Zwiestreit um das Wesen der Nation.

»Wenn ihr mir eure Unterstützung gebt«, sagte er, »wenn ihr mir helft, werde ich für euch arbeiten und wir werden ein neues Amerika haben.«

Ein Beifallssturm antwortete auf dieses Angebot. Die Studenten schlugen Stühle aneinander, drängten nach vorn und riefen, bis sie heiser waren. RFK wurde herumgestoßen wie ein Vogel, der von einer Windböe gegen eine Mauer gedrückt wird, und freundliche aber Button-verteilende Hände zerrten an seiner Kleidung. Schließlich schaffte er es nach draußen, stand, so sinnbildlich für seine Kampagne, in seiner offenen Limousine, und wurde langsam aus Manhattan heraus zur nächsten Versammlung nach Lawrence gefahren.

Sam befand sich schon im Thrillmore Express, erblickte aber RFK in seiner offenen Limousine. Er sprang aus dem Bus und war nahe genug am Wagen, um einen kurzen Moment lang Augenkontakt zum Senator zu erhaschen und ihm die Hand zu schütteln.

Kennedy schaute zum psychedelischen Bus rüber, dann wieder auf Sam und sagte: »Geben sie Amerika nicht auf.«

»Das werde ich nicht«, antwortete Sam Thomas, »vor allen Dingen, wenn Sie Präsident werden und das Blutvergießen beenden.«

Kennedy sagte nichts und Sam lief zurück zum ungeduldigen Thrillmore Express, der sich dann im Hanfodampfo-Modus gen Righteous Justice Farm in Bewegung setzte, mit einigen Unterbrechungen für das auserlesene Sechziger Jahre-Erlebnis — als grundfarbenbuntes Hippie-Gewimmel in eine ländliche Kneipe einzufallen, sturzbetrunken Poolbillard zu spielen, Bier mit den Einheimischen zu kippen, um dann wieder zum Thrillmore Express zu taumeln, wo Suncatchs Hanfolator den alten Bluebird-Bus bereits mit Zeit-Kontinuum-verrückenden Nebeln gefüllt hatte.

Von seinem Fahrersitz aus erspähte Sam einen Haufen Schlittschuhe, die aus Mülltonnen hinter einer Eissportanlage hervorlugten. »Eislaufzeit!«, rief er, der Thrillmore Express machte eine Kehrtwende und sie luden dreißig oder vierzig Paare ein. Etwa anderthalb Kilometer weiter die Straße runter parkten sie den Bus, gaben die Schlittschuhe aus, und zwanzig Kommunarden liefen »Schlittschuh« und zogen singend und lachend unter einem ziemlich vollen Kansas-Mond lange, gewundene Linien und Rankenwerk durch ein hüfthohes Weizenfeld. Und so entstanden wahrscheinlich die ersten Kornkreise in der westlichen Hemisphäre, in der Tat ein Rätsel für die Landespolizei, den betreffenden Farmer, die örtliche Zeitung, die die Kreise auf die erste Seite brachte, und für die Gelehrten der unerklärlichen Phänomene, die man »Forteana« nannte.

»Amerika!«, rief Sam Thomas, als er die Arabesken-Tänzer in der Dunkelheit der Kornkreise antrieb. »Wir geben nicht auf!«

Annie war nicht zur Kansas State mitgekommen, sondern zuhause geblieben, um an den Kostümen für When in Doubt: Riot zu arbeiten. Suncatch blieb ebenfalls in der ’Une, um die Hanf-Brikett-Maschine fertigzustellen. Zufälligerweise gingen beide nachmittags zur selben Zeit in die Sauna und bald saßen beide in peinlich-nackter Nähe Seite an Seite, während Annie Hanfsamen auf heiße rote Steine streute.

Annie war entschlossen, ihren früheren Freund nicht anzurühren und Suncatch war zu schüchtern, einen Versuch zu starten. Aber die Schwüle in der Sauna, ihre Nacktheit und ihre gemeinsame Vergangenheit erregte sie und ihn ebenfalls. Sie schaute zu ihm rüber und sah, dass er steif war. Wider besseres Wissen rieb sie ihn sanft, dann schneller und schneller, bis er in ihr Handtuch kam. Es gab keine Küsse.

Sie rannten runter zum Absolute Abandonment Creek, die Haut fast brennend heiß, sprangen zur großen Abkühlung hinein und plantschten und lachten für eine Weile, bis sie im Adam-und-Eva-Kostüm zurück an ihre Aufgaben gingen.

Annie und Suncatch unterhielten sich in der Law Lodge, als Sam von der Kansas State zurückkam. Er vermutete gleich, dass etwas passiert sei, und später in ihrer Hütte befragte er Annie so lange, bis sie es zugab. »Ich hab’ ihm einen runtergeholt, weil er spitz war. Das war keine große Sache,« sagte sie.

Sam war, wie sie es nannten, »am Boden zerstört.« Er fühlte sich wie jemand in einer Poe-Geschichte, der gerade während des Abendessens im Schloss eine sich öffnende Spalte im Fußboden entdeckt hatte. Für Annie hatte es keine Bedeutung — es war nur eine von jenen Aber- und Aber- und Abertausenden angstbesetzter Wichsereien einsamer Jungs und Mädchen des Mittleren Westens in den Dekaden seit der Erfindung des Autos oder in den hundert Jahren, seit die Pioniere zusammengepfercht in ihren Planwagen aneinander rumgemacht hatten.

Sam machte sich auf zu einem Spaziergang in der Dunkelheit unter dem Kornkreis-Mond und traf Wanda, die am Absolute Abandonment Creek saß, ihr Haar mit eingewobenen Wiesenblumen verziert. Sie lud ihn in die Fummeleiche ein. Mit einer zunehmend schwindenden Verzweiflung war er schnell direkt hinter ihr auf der Strickleiter, und sie war nackt, ehe er die Leiter für ein bisschen Privatheit hochziehen konnte. »Ich möchte ein Baby, Sam, und mit Glück wirst du der Vater sein«, sagte sie, legte sich in ihre Hängematte und klopfte gegen den Pfosten, damit er sich beeilte.

Später konnte Annie Sam genug Details entlocken, um wütend zu werden. Es ging nicht darum, dass Sam es mit jemandem trieb, sie wollte nicht, dass er Kinder hatte, und sie wollte sich nicht mit Krankheiten anstecken. »Ich will keinen Tripper von dieser Virenschleuder!« schrie Indian Annie, und so begannen sich einige Runden von Eifersucht und sexueller Rache spiralförmig durch die Zeit der Hanfernte zu drehen in dem Jahr, das Neal Cassady’s letzte Reise, Martin King, Chicago, Nixon und »Hey Jude« brachte.

VIII

Memorial Day

Am Memorial Day, dem amerikanischen Volkstrauertag, tauchte Sheriff Fuller unangekündigt mit Blumengebinden für das Grab seiner Großeltern auf. Hempstone erblickte ihn vom Haus aus und flüsterte Astro-Seer zu, »Geh zu den anderen und erzähle allen, sich etwas anzuziehen und vergesst nicht, die Hanf-Presse zu verstecken!« Stone wählte seine besten Sonntagshosen und eine kleine Afghanen-Weste mit Goldbrokat, die reichlich Brusthaar sehen ließ, eilte dann hinaus, um den Sheriff zu begrüßen und ging mit ihm zu dem Pionier-Friedhof, der von einem rostigen, schwarzen Eisenzaun umgeben war und an einer Waldecke unweit der Wild 40 Mais & Hanf-Tarnzone lag.

Jemand hatte vergessen, Suncatch zu warnen, und man hörte erschrockenes Aufstöhnen, als der Sheriff dicht an seinem Zelteingang vorbei kam, denn Sam filmte Suncatch beim Ausprobieren der Hanfbrikett-Maschine! Der Sheriff hielt an, um die Hanfpresse genauer zu betrachten. Glücklicherweise sah man kein Marihuana, aber es roch wie in einem Asservaten-Schrank der Polizei nach einem großen geplatzten Deal. Sam traute sich nicht, den Sheriff beim Betrachten der Maschine zu filmen. Stattdessen sagte er, »Das ist eine kinetische Skulptur von Robert Rauschenberg. Er ist ein guter Freund von mir. Ich habe sie aus New York mitgebracht.«

Warren Fuller hatte in Harvard studiert und europäischen Wurzeln in der Familie. Er wusste genau, dass es kein Rauschenberg war.

Fuller hatte Ehrgeiz. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er von seiner Partei zum Vizegouverneur, dann zum Gouverneur nominiert werden würde, und dann — verdammt noch mal, dann gab es keine Grenzen für den Durchmarsch von Warren Fuller. Aber zuerst ging der Sheriff mit seinem Memorial Day-Blumengebinde weiter. Mittlerweile hatten sich etwa zehn besorgte ’Unnies eingefunden, unter ihnen die Kräuterfrau, Scato der Rato (immer auf der Suche nach Ideen für Songs), Frust Fund Fran, Napalm Ned und Astro-Seer. Sam Fuller konnte von Weitem sehen, dass etwas Farbenfrohes auf dem Grabstein seiner Großeltern lag. Er verstand es nicht, vor allem, als zu erkennen war, dass es sich um einen bemalten Kuh-Schädel handelte, der mit schimmernder, warholscher Folie an den Hörnern und mit an Perlenschnüren hängenden Falkenfedern versehen war.

»Es ist ein Gabe, die die Seligen ehrt!«, erklärte die Kräuterfrau. »Es wird deinen Großeltern wunderschöne Kiowa-Friedenslieder singen.« Der Sheriff verzichtete darauf, den Schädel zu Boden zu reißen und darauf herumzustampfen, sondern übergab ihn Hempstone, der ihn leise wegbrachte und auf die andere Zaunseite legte.

Als Hempstone zurückkam, starrte der Sheriff durch den Wald auf die Wild 40 Mais & Hanf-Tarnzone! Au Backe! »Sheriff Fuller!«, rief Hempstone um ihn abzulenken. »Wir hoffen, dass sie uns zum Abendessen beehren. Es wäre uns wirklich eine Ehre.« Der Sheriff schaute auf seine Uhr, klopfte seine Khakihosen ab, um sicherzugehen, dass er eine paar Magentabletten dabei hatte, und sagte: »Sicher, warum nicht. Ich habe hier zum letzten Mal gegessen, als ich acht Jahre alt war.«

Der Sheriff versprach zum Abendessen wiederzukommen und die Hempunarden machten den ganzen Nachmittag wie verrückt das Farmhaus sauber. »Ich werde kochen«, eröffnete Sam Thomas der verdutzten Gruppe in der Küche. Astro-Seer war sprachlos und begann verzweifelt mit heilenden Ulmenholzstäben herumzuwedeln. »Keine Bange«, versicherte er ihr, »ich werde ein triumphales Menü zaubern!«

Es kommt selten vor, dass unter solch verwirrenden Bedingungen drei Minuten des Schweigens vergehen, aber genau das passierte. Schließlich stellte Astro-Seer die Frage, die allen auf den Lippen brannte. »Yum?«

»Ja, Yum,« erwiderte der Barde. »Aber schau nicht so entgeistert. Yum wurde von der gesamten Gegenkultur ungerecht behandelt! Yum ist großartig!« Sam Thomas war entschlossen, den unfairen Widerstand gegenüber dem unförmigen, schleimigen Yum zu brechen, indem er es in glänzenden ovalen Gefäßen in der Form eines Fussballs servieren würde. »Heute abend werde ich eine Yum-Kroketten-Komposition auf Beckett’s Toast vorstellen«, verkündete er den bestürzten Hempunarden, die sich fragten, ob sie irgendwo in ihren Rucksäcken noch Magentabletten verstaut hätten.

»Oh, nein!«, stöhnte die gesamte Küche. Astro-Seer flehte Sam an, »Yum-Kroketten sind ok, aber bitte, kein Beckett’s Toast.«

»Bitte! Bitte! Kein Beckett’s Toast!!!« flehten immer mehr Kommunarden gleichzeitig, als ob sie Geister wären, die Odysseus um eine Gelegenheit baten, über schwierige Gigs in Acheron zu sprechen.

»Okay, kein Beckett’s Toast!«, erwiderte Sam widerwillig mit beißendem Unterton in der Stimme. »Es gibt hausgemachte Piroggen mit Hanfsaatsoße und Yum-Kroketten. Eines der besten Essen, das jemals einem rechtsorientierten Land-Sheriff serviert wurde!«

Zur normalen Methode, Yum zuzubereiten, über die abseitige Underground-Zeitungen Artikel veröffentlicht hatten, gehörte ein dickes, trockenes Haferflockenbett in einem hölzernen Gefäß, dem man einige Klümpchen Hellmann’s Mayonnaise und diverse Spritzer Sojasauce hinzufügte. Dann wurden frische Eier beigemischt und ergaben einen beige-und-gelb gemusterten Klumpen, der zum am Häufigsten besprochenen Essen in der amerikanischen Underground-Kultur wurde.

Für Sam war der Schlüssel zum Yum das Servieren in hölzernen Schüsseln und der Verzehr mit chinesischen Suppenlöffeln aus Porzellan. Yum-Kroketten brachten das Yum-Konzept in höhere Gefilde. Er wandte sich an Suncatch, seinem Widersacher in der Liebe, aber Freund in den Erfindungen. Sie benutzen Suncatchs Piroggen-Maschine und bereiteten gemeinsam ein Yum-und-Teigtaschen-Mahl vor.

Statt des Sauerrahms, der 1968 auf dem Land nicht leicht zu bekommen war und der mit den Piroggen angerichtet wird, braute Same eine schaumige Sauce zusammen, bestehend aus Zitronengras, Fenchel und gemahlenen Hanfsamen, die abwechselnd Annie, Hempstone und Astro-Seer in einem Mörser mahlten und zerstießen, um sie für den Sheriff unkenntlich zu machen.

Sam telefonierte mit dem Psychedelicatessen in der Avenue A, um sich einen Rat für den Yum-Teigtaschen-Teig zu holen, den er zu kleinen Würsten gerollt in großen, rechteckigen Backblechen auf dem Außenofen platzierte. Irgendjemand musste ganz nach Topeka fahren, um die Mayonnaise zu besorgen.

Die Sache mit der kreativen Küche ist, dass du deine Kunstfertigkeit irgendwann den Mündern, Zungen, Zähnen und Bäuchen offenbaren musst, und als Sam Thomas, Astro-Seer und Suncatch die Platten mit Yum-Kroketten und in Sauce glänzenden Piroggen, eingebettet in grüngewebten Blattkohlnestern, mit der rhythmischen, scharrenden Begeisterung eines Yum-Marsches ins Esszimmer des Farmhauses trugen, war dieser Moment gekommen!

Der Yum-Marsch begann damit, dass Down Zone Don auf der Albtraum-Basstrommel, die er in der Law Lodge aufgebaut hatte, einen sehr alten Rhythmus anschlug, Paian genannt, der einst von den Apollo-Anhängern benutzt worden war. Es war ein langsamer, heftiger Marsch, drei kurze Schläge und ein langer: dah-dah-dah daah! dah-dah-dah daah! dah-dah-dah daah! dah-dah-dah daah! dah-dah-dah daah!

Das gemeinsame feierliche und ausgelassene Schwelgen war einer der besten Momente auf der Righteous Justice Farm. Bis auf Sheriff Warren Fuller, dessen Gesicht qualvoll zuckte, als er die Platten mit Yum und Teigtaschen auf marxistisch-leninistischem Schleim sah, nahmen alle im Raum den fröhlichen paianischen Takt auf. Fuller drehte seinen Hals, um zuerst Sam anzustarren, der ruhig an seiner Seite stand, eine Platte hielt und Lob für das Aroma und die visuelle Gestaltung der Präsentation erwartete, dann blickte er flüchtig auf das Yum/Teigtaschen/Gemüse-Arrangement in den hölzernen Schüsseln, dann wieder auf Sam.

Sam bestand auf eine zweiminütige, stille Meditation während der er auf die Yum-Kroketten und die Hanfsaattaschen starrte. Napalm Ned sang ein Kiowa-Mampf-Lied, das als Segen für die Mahlzeit diente, und dann, langsam, vielleicht zu langsam, schaufelte sich Sheriff Fuller etwas Yum in seine hölzerne Schüssel, so wie die anderen auch, und das Abendessen nahm in trubelig-gedämpfter Stimmung seinen Lauf.

Ein einziger weiterer ungemütlicher Moment entstand, als Wanda fragte: »Wo ist Tim Malvereaux?« Der Sheriff bekam rote Ohren, aber Napalm Ned rief, »Ein Hoch auf Sam und Suncatch! Solidarität für Yum!«

»Hurra für Yum!« ertönte es im Raum.

IX

Eine Nacht im Kuss-Tipi

Sobald Sheriff Fuller weggefahren war, kam Bewegung auf, und die Hempunarden begannen, sich im Kuss-Tipi zu einem wöchentlichen Event, Tipi-Küssen genannt, zu versammeln. Für die Hempune war das wie eine Art Tanzveranstaltung. Paare konnten sich trennen, andere umarmen, und auf Suncatchs großes achtstöckig-spiralförmiges Hochbett klettern, das fast bis zur Rauchöffnung des Tipis reichte. Auch ein gewisses Maß an Petting konnte stattfinden, aber kein Geschlechtsverkehr oder Entblößen von Geschlechtsteilen, wenn du aber schon nackt dort ankamst, durftest du nackt bleiben.

An diesem Abend gab es eine Liveband, Feathered Bliss-Notations of the Divine Peacegasm, eine nikneckadelische Band, die in den Kaschemmen der Umgebung auftrat. Feathered Bliss-Gibberish bauten ihre Anlage außerhalb des Kuss-Tipis auf, nahmen den Strom von Suncatchs Generator und begannen, das Ackerland mit ausgezeichnetem, feedbackgesättigtem Corn Country Acid Rock zu erfüllen. Gitarrist, Drummer und Bassist starrten einander mit wässrigen Kifferaugen an, die eine einfache Message aussandten, »wir treffen uns an der Brücke,« und dann reisten sie für fünfundvierzig Minuten oder so auf vibrierenden Saiten hinaus in das Universum, ehe sie zu den Standard-Akkordfolgen dieses Songphänomens zusammenfanden, das als Die Brücke bekannt war.

Im Tipi ging das Küssen und Petting mit viel Spaß und Erregung voran. Das achtstöckige spiralförmige Hochbett schwankte unter dem Gewicht von zweiunddreißig zärtlichen Menschen. Sam und Annie entschieden sich, das Küssen auszuprobieren. Suncatch war dabei, blieb aber außen vor. Für Sam war das Gefühl der Eifersucht eine neue Erfahrung, und er war entschlossen, darüber hinwegzukommen, also ermutigte er Indian Annie, Suncatch »um der alten Zeiten willen« zu küssen. Trotz ihrer Reserviertheit fühlte sie sich zu Suncatch hingezogen, der muskulös gebaut war, währenddessen Sam wie ein dürrer, wendiger Hering daherkam. Sie schaute zuerst Suncatch, dann Sam an. Sie wusste um Suncatchs Schüchternheit, der sich sehr, sehr defensiv unter der Bettdecke verhielt; im Gegensatz zu Sam, der ganz und gar nicht schüchtern, man konnte sogar sagen, wild im Bett war. Schüchternheit turnte irgendwie genauso an.

Annie sah, dass Wanda auf der obersten Matratze der Spirale mit drei Typen beschäftigt war. Annie war immer noch nicht bereit, aber Sam stieß sie an. Annie mochte es nicht, von einem Typen gedrängt zu werden, schon gar nicht von ihrem Freund, also ging sie zu Suncatch und küsste ihn. Dieser Kuss dauerte fünfzehn Minuten. Suncatch rieb mit seinen Händen fortwährend über Annies Brüste, während sie seine Augenbrauen und Koteletten küsste, ein Anblick, der sich tief in Sams eifersuchtsverdrängende Psyche einbrannte.

Sam stand nahe bei den Küssenden, zu nahe, und als die schwer atmende Annie plötzlich ihre Augen öffnete, erblickte sie Sam Thomas in allernächster Nähe. »Sam! Hau ab! Hör auf, mich wie ein FBI-Agent anzustarren! Los!«

Minuten später brach Wanda eine Kuss-Tipi-Regel und versuchte, Sam einen zu blasen. Er schob sie weg, als er Annies sengenden Blick vom untersten Stock her bemerkte.

X

Ned Farlos Vater

Am nächsten Tag kam Napalm Ned Farlos Vater, Russell, in einem Lincoln Continental an, um seinen Sohn zu retten. Für den Fall, dass er die Befreiung seines Sohnes von einem Ort, bei dem es sich nach Aussage eines Freund vom Militärgeheimdienst um eine kommunistisch-ideologische Drill- und Drogentestzentrale handelte, mittels Waffengewalt erzwingen müsste, lag ein dreieckiger lederner Revolverkoffer auf dem Vordersitz.

»Hallo Dad!«, rief Ned aus dem Garten, als er ihn erblickte. »Du kannst bei mir wohnen. Weißt du, sie haben mir eine Hütte gebaut.«

Die Law Lodge wurde auch als der Elternpavillon genutzt, denn hierher brachten sie Eltern, die mit Scheren anrückten, um Langhaarige rauszuholen. An den runden Wänden waren Tausende von Büchern und Platten aufgestapelt, die hier jeder aus seiner Vergangenheit abgelegt hatte. Die Hempune war stolz auf ihre Bibliothek, und dorthin gingen sie mit Russell Farlo und ließen Hempstone die Strukturen der Righteous Justice Farm erklären.

»Es ist ein Ort, an dem jeder jedem hilft. Einige unserer Mitglieder haben Jobs in der Umgebung. Wir bauen Getreide an und betreiben einen Verkaufsstand. Wir sind ein verantwortungsvoller und vorausdenkender Teil der örtlichen Wirtschaft.« Es war das übliche Gelaber, das für aufgeregte Eltern vorgesehen war. Andere aus der Gruppe waren dazu bestimmt, Neds Vater einige Fragen zu stellen. Sie fanden heraus, dass er seinen Job verloren hatte. Sie hatten bemerkt, dass der Continental Rauch spuckte, als er die Einfahrt hochfuhr und dass der penibel sauber gehaltene Lack begonnen hatte, verblichen auszusehen.

Es war undenkbar, Thomas zum Abendessen Yum-Kroketten servieren zu lassen, stattdessen bereiteten sie das amerikanischste Mahl vor, das ihnen möglich war, eine Hempunarden-Version des Kraft-Dinners, allerdings beobachtete Mister Farlo mit nur mäßiger Begeisterung, wie eine große Masse Makkaroni und Käse mit einem Kanupaddel umgerührt wurde.

An diesem Abend gab es nach dem Essen das gewohnte Gruppensingen, in dieser Nacht mit eher appalachischen als anarcho-syndikalistischen Songs. Schließlich sprach Hempstone das Thema Ned an, der weiterhin auf der Farm leben wollte. »Mister Farlo, wir möchten, dass Sie wissen, wie gern wir Ned hier bei uns haben. Sie haben die Hütte gesehen, die wir extra für ihn gebaut haben. Er wird hier immer ein Zuhause haben.«

Den Vater hatte es vor Missfallen geschüttelt, als er seinen Sohn zum ersten Mal mit Stirnband, Kilt und Halsband sehen musste, aber nach einem Tag in der ’Une schien es nicht mehr ganz so ungewöhnlich zu sein. Während des Essens griff sich Ned plötzlich an die Wange, drückte und zog sich einen Granatsplitter heraus, der gerade seinen Weg bis unter die Haut gemacht hatte. Er hielt ihn hoch. Er sah aus wie ein Stück falscher russischer Bernstein. Zuerst bot er ihn seinem Vater an, der abwehrend in einer Nein! Nein!-Geste mit den Händen wedelte. Er überreichte Wanda den Splitter. Während der folgenden Minuten drillte sie ein kleines Loch hinein, befestigte ihn an einem Liebesperlenband und überreichte den Splitter zurück. Ned wollte ihn nicht. »Verwandele ihn,« drängte er sie,und legte den Splitter um ihren Hals, staunend, dass er auf ihrer Brust zu zittern schien.

In der Welt von Mister Farlo war das schlimmstmögliche Wort »faulenzen«, ein Wort, das er während seines Aufenthaltes einige Male benutzt hatte, und nun ein letztes Mal: »Sohn, warum faulenzt du hier herum? Du musst dein Leben anpacken! Reiß’ dich zusammen! Komm wieder nach Hause. Wir haben deinen Raum so gelassen, wie er war. Deine Mutter und ich bitten dich.«

Ned blieb eine Weile still. »Ich sitze in der Falle, wo immer ich auch hingehe, Daddy, die Träume halten mich gefangen.« Es folgten fünf Takte Stille. »Ich sah zu viel. Leutnant Murvo zwang eine Frau, ihm einen zu blasen, während er sein Gewehr an die Schläfe ihres Kindes hielt. Es gab so viele Vergewaltiger im Platoon. Sie vergewaltigten und steckten dann die Bayonette in ... in ...«, er sah Wanda an, »in die Vaginas, Daddy, und drückten ab. Einige Typen haben nichts anderes getan als Köpfe abzuschlagen, Daddy. Ich konnte sie nicht hindern. Sie schnitten ein Pik-Ass in die Brust. Sie sprengten sie mit Granaten, Daddy, nachdem sie ... Es war ein Abschlachten, um die Hölle heraufzubeschwören. Es war der Horror, Daddy, der absolute Horror! Ich kann diese Babies und die Mütter Tag und Nacht sehen! Bananenbäume ... Bambusbäume. Leute veränderten sich unvermittelt, Daddy. Sie wurden verrückt. Sie wurden zu irren Schlächtern, Daddy. Es war das Schlimmste, was jemals passieren konnte.«

Ned Farlo schaute zum Rauchabzug der Law Lodge. Er schwitzte und zitterte, als ob ihn ein Fieber übermannt hätte. »Er hatte ihre Innereien wie lange Strümpfe um sein Gewehr gewickelt, Daddy! Die Frau, die er gerade vergewaltigt hatte. Deswegen muss ich hierbleiben, Dad! Ich habe diese Träume von all den Dingen, die wir dort taten. Im Wasser treibende Babies! Dahintreibende Babies! Dad! Sie zeigen auf mich. Sie schreien, dass ich ein Mörder bin, Dad. Ich war’s nicht. Aber mein Gruppenführer! Er schnitt ihre Köpfe ab und warf sie den Müttern zu! Ich hab’ ihn das tun sehen! Aber sie sind hier, Dad! Sie treiben vorbei! Dad, sie treiben nachts durch mein Zimmer, Dad!«

»Sag ihnen, dass sie aufhören sollen! Sag ihnen, dass ich unschuldig bin! Sag ihnen, dass ich es nicht war! Bitte! Erlöse mich, Daddy! Bitte! Bitte!« Genau in diesem Moment schlug sich Ned auf die Wange, zog ein zweites Stück Granatsplitter heraus und gab es einer tränenüberströmten Wanda.

»Ihr könnt euch nicht vorstellen, was er seiner Mutter und mir bedeutet,« sagte Earl Farlo. »Unser Sohn war unser Ein und Alles!« Er zeigte Fotos herum, auf denen Ned die Ziellinie für die Landesmeisterschaften überquerte, Ned als Adler-Pfadfinder, Ned beim Grillen im CVJM, und Ned mit rasiertem Kopf, zurück von der Grundausbildung. »Du warst in deiner Ganzheit Amerika!«, sagte er und legte den Arm um seinen Sohn. Dann zog er Ned das aus der amerikanischen Flagge gefertigte Stirnband von der vernarbten Stirn, hielt eine Flamme daran und legte es auf einen Teller, damit es verbrennen konnte. »Da«, sagte er, »das willst du doch tun?«

»Nein, Daddy. Was ich tun möchte, ist hierbleiben und über meine Träume hinwegkommen.«

Vater und Sohn verließen gemeinsam die Law Lodge. Sie umarmten sich, und dann fuhr der Vater weinend weg. Auch in der Law Lodge weinten viele. Annie und die Kräuterfrau lehnten mit ihren Stirnen aneinander, sodass sie sich berührten, und ließen ihre Tränen die Wangen hinunter fließen. Sogar Sam Thomas’ Augen, die seit der Ermordung Martin Kings trocken geblieben waren, wurden feucht.

Zur gleichen Zeit kletterte Deputy Tim Malvereaux zum Baumhaus hoch, um dort auf Wandas Rückkehr von der Law Lodge zu warten. Sie kam atemlos heim, weinte immer noch und trug das Friedensstein-Halsband mit dem Granatsplitter-Diadem.

Am nächsten Morgen brachte Ned eine Ladung Müll zur Halde im hinteren Teil des Anwesens. Kurz darauf luden zwei FBI-Männer sämtliche Papiere und Schriftgut in einen Lieferwagen der US-Regierung, um es zur genauen Überprüfung mitzunehmen. Ein Glücksgriff, der bei dem Durcheinander von Abfall herauskam, war, dass Fetzen von Neds verkohlter Flagge in einem gefalteten Black Panther-Poster gefunden wurden, ein »Fakt«, der sich wie ein Lauffeuer innerhalb der Geheimpolizei verbreitete.

XI

Die Mannöver - genannt Kabelbinder (I)

Sheriff Fuller und seine beiden Deputies Malvereaux und Hardap fuhren in eine entlegene Ecke des benachbarten Fort Riordan, um einen überzähligen Armeehubschrauber abzuholen. Deputy Hardap konnte ihn fliegen, sie machten an diesem Nachmittag eine Runde und gingen weit genug auf Wanna Quickie Wandas Baumhaus herunter, um sie schimmernd und nackt in ihrer Maja-Hängematte liegen zu sehen. Sie winkte ihnen zu und hielt ihr Granatsplitter-Friedens-Halsband als Glücksbringer hoch.

Fuller und seine Deputies waren in Fort Riordan als Teil einer regionalen militärischen Übung, die Operation Kabelbinder genannt wurde. Ziel war es, die Polizei in Techniken zu trainieren, um die gefürchtete Zusammenarbeit unter Hippies, Black Power-Anwälten, der Underground-Presse, Studenten, Antikriegs-Priestern und -Pastoren sowie marxistisch-leninistisch-maoistischen Agitatoren und anderen Konspirationen zu vereiteln. Die Kabelbinder-Übungen bildeten einen »regionalen Subplan« für ein DOD-Programm gegen die Gegenkultur mit dem Codenamen »Gartenplot«, dessen Zweck es war, größere Unruhen unter Kontrolle zu bekommen. (Kabelbinder war ganz neu.)

Die Newark-Unruhen im Sommer ’67, das Anwachsen der Bewegung gegen Einberufungen und gegen den den Krieg als Ganzes, das Aufkommen der Untergrundzeitungen, die Black Panther, der SDS, kürzlich erst die in Gewalt explodierenden Trauerbekundungen in den Städten nach dem bösartigen Massaker an Martin Luther King, einige Tage die Übernahme der Columbia University, dann die Anarchisten und — schauder schauder — ganz aktuell die Maoisten, die in den Straßen von Paris Autos anzündeten ... Wow, wenn du all diese Informationen ausschneidest, kopierst und in die vor-digitalen Papierakten der Geheimpolizei ablegst, na, dann musstest du als Geheimpolizist zu dem Schluss gelangen, dass die Vereinigten Staaten angegriffen wurden.

Füge diesem Ganzen noch die an Wahn grenzende Wut und Empörung mancher Offiziere gegenüber jenen hinzu, die es wagten, sich gegen den Vietnamkrieg zu stellen. Von diesen Geschehnissen angetrieben, hatten dann alle Teilnehmer ein bewegtes Wochenende. Überall lauerte Verrat.

Unter den verfügbaren Agenten des Abwehrdienstes war einer in der Hempune als »Sprenge-irgendjemanden-für-eine-Fünzig-Dollarnote« bekannt, der sich mit Feuereifer an Gewalttaten beteiligte. »Du sagst mir wo, Sam! und dann boom!, Ausgelöscht. Fünfzig Ocken.« Was Bill mehr als alles andere an seiner Tätigkeit mochte, war die Möglichkeit, Gras zu rauchen und Informationen von halbangezogenen, jungen Frauen in psychedelischen Rock-Clubs in Erfahrung zu bringen. Auch ein paar Idioten vom CIA hielten sich an diesem Wochenende bei der Übung auf — als Teil einer konservativen Gruppe, die sich an die anderen heranschleimte.

Die Übung wurde von einem Offizier des militärischen Geheimdienstes namens Colonel Proudhut geleitet, einer jener sonderbaren und unbeugsamen Abwehroffiziere, die glaubten, dass die Gegenkultur durch Moskau unterstützt würde. Proudhuts Spitzname war »Burr«, wegen seines kurzgeschorenen, dolichocephalischen Kopfes, der aussah wie ein Sandbohrer. Proudhut vertrat die These, dass die kürzlich erfolgte Übernahme der Columbia University von den Kommunisten mit Rubeln aus St. Petersburg unterstützt worden sei, und dass sie auch das Personal finanzierten, um Einberufungsbescheide verbrennen zu lassen, allesamt Aktivitäten, die in den Augen der Vietnam niederbrennenden Militär/Geheimdienst/Surrealisten als besonders widerwärtig galten.

»Gentlemen, wir stehen vor einem Aufstand«, sagte der Colonel den versammelten Sheriffs, Kavalleristen und Deputies. »Kansas sieht sich einem Aufruhr gegenüber, den es in dieser Form nicht mehr gegeben hat, seit kommunistische Gewerkschaftsmitglieder versuchten, 1917 die Minen in Gerard zu übernehmen! Nach dem, was im letzten Sommer in Newark passiert ist, und womit wir uns konfrontiert sehen, wenn die Universitäten weiterhin in Aufruhr verfallen, könnte das Land zerrissen werden.

Wie sie bemerkt haben, sagte ich »könnte«. Unsere gemeinsame Pflicht als Gesetzesvollstrecker und Militär ist es, dieses zu verhindern. Wir haben begonnen, unsere Berichte in Computer einzuspeisen, und Jungs, wenn ihr erst einmal die Verbindungen unter diesen Leuten seht, dann werdet ihr — so wie wir — glauben, dass das Ganze direkt vom Roten Platz gelenkt und finanziert wird.

Wir werden an der nationalen Versammlung der SDS, die in einigen Wochen in Boulder stattfindet, teilnehmen. Diese Yippies und ihre heimlichen Bewunderer werden keine Ruhe geben, bis politische Kommissare den Generälen auferlegen, amerikanische Soldaten zur Zerstörung unserer eigenen Nation zu verwenden.«

Nach diesen aufmunternden Worten verlebten sie zwei Tage voller Spaß und Spiele in der weiten Prärie — fuhren Zickzack mit Jeeps, übten den Zusammentrieb von Kommies, schossen auf an Strohballen befestigte Black-Panther-Poster, simulierten Nachteinsätze gegen Yippie/Panther-Hochburgen, befassten sich mit der Methodologie der Gemeindeüberwachung und mit modernen Techniken des Tränengaseinsatzes.

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