Kitabı oku: «Die magische Welt Rialar»

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Inhalt

Impressum 2

Der geisterhafte Geschichtenerzähler 3

Die Arbeit der Löser 7

Ein kleiner Einblick 18

Ein Käfig aus Zorn 26

Durchdringendes Licht 35

Keine Ruine, doch auch kein Zuhause 42

Unvertraut 56

Unterhaltung 61

Beinahe vergessen 72

Fähigkeiten 89

Landwirtschaft 103

Reisevorbereitungen 114

Begegnungen 127

Entdeckungen 142

Zurückgelassen 150

Aus dem Wald 156

Die Wärme der Wüste 160

Kleine Familie 169

Die Kristallseuche 181

Dimension Null 193

Glossar (Notizen zu Rialar) 196

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-688-9

ISBN e-book: 978-3-99107-689-6

Lektorat: Melanie Dutzler

Umschlagfotos: Elizaveta Mironets, Sakkmesterke, Dana Rothstein,

Ivan Kmit | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Der geisterhafte Geschichtenerzähler

***

Die Stadt Oradi ist mit ihren rund 500 Bewohnern eine der größten Städte des Südens. Die Sonne ist schon halb untergegangen, als die Zwillingsbrüder Erwin und Edwin die Stadt betreten. Äußerlich sind die Brüder kaum zu unterscheiden, selbst in ihrem hohen Alter von etwa 50 Jahren haben sie noch immer ein identisches Gesicht, dieselbe Art, ihr Haar zu tragen, und einen identischen Körperbau. Allein ihr Kleidungsstil – Edwins ist typisch für einen Elementaristen und Erwins für einen Seelensammler – macht es möglich, sie auseinanderzuhalten. Sie sind gerne gesehen und ernten viele freundliche Blicke und Grüße von passierenden Bürgern, während die beiden durch die mit Glanzstein errichteten Straßen gehen.

Im Zentrum angekommen sehen sie, wie die Händler bereits ihre Marktstände schließen und sich für die Nacht vorbereiten. Die Zwillinge allerdings interessieren sich mehr für die Gasthäuser, die vorzugsweise im Stadtzentrum vorzufinden sind. Schnell haben sie sich für eine kleine Herberge mit dem Namen „Halt des Rastlosen“ entschieden und betreten die Unterkunft durch den Vordereingang.

Beim Betreten schießt einem im Inneren sofort der Duft von frischem Braten, Gewürzen und alkoholischen Getränken entgegen. Die Fläche des Hauses mutet von außen klein an, was sich im Inneren bestätigt. Der Schankraum hat eine kleine Theke und eine Handvoll runder Tische, um die vier Stühle stehen, eine Tür, die nach hinten zur Küche führt, und eine Treppe nach oben, wo sich die Schlafzimmer befinden.

Die Brüder haben Glück, denn von den fünf Tischen ist nur noch einer unbesetzt. An drei Tischen sitzen jeweils vier Personen und an einem Tisch nahe dem freien Tisch sitzt ein Mago mit einer Maga’a.

Nachdem sie beim Wirt Abendbrot bestellt haben, hören sich die Brüder bei den anderen Gästen um. Während die Leute an den vollen Tischen einfach nur essen, trinken und Geschichten austauschen, hört sich das Gespräch zwischen dem Mago und der Maga’a für die beiden interessant an.

„Lass dich nicht wieder dabei erwischen, wie du dich im Waldstück vor der Stadt herumtreibst, wo sich das starke Zornesfeld befindet …“ Mehr können sie nicht verstehen, weil die Magonar am Nachbartisch dazwischenrufen. „Verzeihung, wir wollen euch nicht stören. Doch Ihr tragt die Roben von Elementaristen und Seelensammlern. Wir fragen uns, ob ihr vielleicht Seelen dabeihabt, die spannende Geschichten zu erzählen haben?“ Die beiden alten Zwillinge schauen erst noch den Mago an, der sie angesprochen und gefragt hat. Dann aber merken sie, dass sie der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit des Gasthauses sind und jeder darin die beiden erwartungsvoll ansieht.

Erwin der Seelensammler muss nicht lange überlegen und nickt sogleich lächelnd in die Menge. „In der Tat habe ich jemanden, dessen Erlebnisse Euch interessieren könnten. Sein Name ist Jockaru. Ein Entdecker und Abenteurer aus dem Magrennar-Gebiet.“

Ein freudiges Johlen geht durch den Schankraum, gefolgt von Bitten aus mehreren Richtungen, seine Geschichten hören zu dürfen. „Sehr wohl, liebe Leute, ich werde ihn für Euch beschwören. Denkt an eine kleine Spende, wenn Euch die Geschichten gefallen“, antwortet Erwin den Maginar im Raum.

Daraufhin nimmt Erwin einen der Riaberane von seinem Gürtel. Er hält diesen in seiner rechten Hand und beginnt die Beschwörung, indem er Zeige-, Mittel- und Ringfinger der linken Hand in einer Dreiecksformation dagegen drückt. Langsam leuchtet der dunkle Riaberan von innen in einem hellen Blau auf. Geisterhafter Rauch steigt aus der kleinen leuchtenden Kugel auf. Es wird immer mehr Rauch, bis eine kleine Wolke über dem Tisch schwebt, die sich zur Büste eines alten Mago formt.

Mehr als der Kopf und die Schultern erscheinen nicht. Der halb durchsichtige Geisterkopf sieht sich im Raum um und lächelt zufrieden.

„Kein sehr großes Publikum, doch wie ich sehe, ein sehr interessiertes. Mein Name ist Jockaru, Erforscher der Magrennar. Es wäre mir ein Vergnügen, Euch von meinen Entdeckungen und Erfahrungen zu erzählen.“

Das Publikum schaut gebannt auf die Erscheinung, als diese beginnt, von ihrer Reise zu erzählen. Sogar der Wirt hört aufmerksam zu, während er den Brüdern ihr Abendbrot bringt. Die Zwillinge haben nun eine Pause, sie haben die Geschichte schon oft gehört und wenden sich ihrem Mahl zu, während der geisterhafte Jockaru erzählt.

„… mit meiner verschleiernden Wind-Magie konnte ich mich gut zwischen den Pflanzen hindurchbewegen. Ihr wisst, dass manche Pflanzen, besonders junge Bäume, schon auf kleinste Berührungen reagieren und sich wehren. Doch um zu den Magrennar zu gelangen, musste ich mich ab und zu zwischen ihnen hindurchquetschen oder den einen oder anderen Ast wegdrücken. Da ich aber den Wind genutzt habe, um die Äste wegzudrücken und mich beim Durchquetschen von einem Wirbelwind umgeben habe, konnte ich sie über meine Präsenz hinwegtäuschen. Die eigentliche Herausforderung folgte erst, als ich die Magrennar dann gefunden habe. Es war eine Gemeinschaft von Wolf-Magrennar im Grundellun-Wald. Ich musste aufpassen, denn die Sinne der Magrennar sind hervorragend ausgeprägt. Wenn man nicht aufpasst, riechen oder hören sie dich, noch bevor du sie überhaupt sehen kannst. Glücklicherweise konnte ich meine Präsenz weitestgehend verbergen und die Wesen beobachten.“

Jockaru, die Seele, erzählt seine Erlebnisse wie eine Abenteuergeschichte, obwohl diese mehr wie eine Schullektion wirkt. Das stört die Zuhörenden jedoch in keinster Weise. Sie hängen ihm neugierig an den Lippen. Man merkt, dass er regelmäßig gerufen wird, um Geschichten zu erzählen, denn er macht immer wieder Sprechpausen, aber nicht um Luft zu holen. Logischerweise braucht er keine Atemluft, doch die Zuhörer brauchen Unterbrechungen, um sich das Erzählte bildlich vorstellen zu können und die Informationen sacken zu lassen.

„Meine Vorräte reichten zu dem Zeitpunkt für drei Tage und ich wollte so viel wie möglich über die Wolf-Magrennar erfahren. Während ich sie also studierte, merkte ich immer mehr, dass sie sich im Grunde mehr wie wir Maginar verhalten als wie Tiere. Sie leben nicht etwa in wilden Rudeln, in denen sie sich um Beute und Essen streiten und der Stärkste zuerst frisst, vielmehr verhalten sie sich wie Familien. Die Stärksten gehen auf die Jagd, die Schwächeren gehen sammeln und die Alten kümmern sich um die Kleinen. Dass die Magrennar ein Territorium haben und dieses gegen Eindringlinge verteidigen, ist soweit bekannt. Wenn man sie trifft, sind sie meist sehr aggressiv und viele Begegnungen hatten schon im Unleben für Maginar geendet. Daher habe ich mich sehr lange und ausführlich auf diese Expedition vorbereitet. Dies hat sich mehr als ausgezahlt. Mit eigenen Augen habe ich ihre friedvolle Natur beobachten können. Die Magrennar erziehen ihre Jungen spielerisch für die Jagd und den Kampf. Sie sprechen sogar eine Art Sprache, jenseits von Bellen und Knurrlauten. Außerdem habe ich mehrfach beobachten können, wie sie ihr Fleisch mit Pflanzen gewürzt haben. Ich konnte jedoch nicht feststellen, ob die Magrennar diese Verhaltensweisen selbst entwickelt oder ob sie diese bei uns Maginar abgeschaut haben …“

Während Jockaru die Geschichte über die Wolf-Magrennar erzählt, merkt das Publikum nicht, wie spät es inzwischen geworden ist. Der Geist selbst spürt keine Müdigkeit, doch sieht er Ermüdungserscheinungen bei seinen Zuhörern und kommt bald zu einem Ende. Der geisterhafte Erzähler zieht sich in sein Riaberan zurück. Bevor die Menge sich auflöst, lassen sie noch den einen oder anderen Luxon für den Seelensammler, der für sie den erzählenden Geist beschworen hat, da und diskutieren auf dem Weg nach Hause über das gerade Gehörte. Die Brüder bestellen sich Zimmer für die Nacht und Ruhe kehrt in das Gasthaus ein.

Die Arbeit der Löser

***

Am nächsten Morgen wird Edwin als erster wach. Morgen ist es nicht mehr wirklich, die Sonne ist schon halb am Himmel. Edwin und sein Bruder sind wahrlich keine Frühaufsteher. Nach dem Aufstehen streckt sich der Elementarist und macht Morgenübungen, um den Kreislauf in Schwung zu bringen. Als nächstes wäscht er sich das Gesicht an der im Zimmer befindlichen Wasserschüssel und zieht sich daraufhin wieder seine Robe an.

Nun ist er ausreichend zurechtgemacht, um sein Zimmer zu verlassen. In sicherer Gewissheit, dass sein Bruder noch nicht aufgestanden ist, klopft er an Erwins Zimmertür. Dieser erwacht dadurch und beginnt dasselbe Morgenritual wie sein Zwillingsbruder.

Edwin setzt seinen Weg zum Speisesaal fort und trifft dort den Wirt. Er bezahlt den Wirt für die Zimmer und lässt sich eine Brotzeit einpacken, verstaut diese in seiner Reisetasche und verabschiedet sich. Auf dem Weg nach draußen stößt Erwin zu ihm in den Speisesaal und sie verlassen gemeinsam das Gasthaus.

Draußen schlagen sie die Richtung stadteinwärts ein. Zu dieser Tageszeit herrscht geschäftiges Treiben auf den Straßen. Da die beiden neu in der Stadt sind, lassen sie sich Zeit auf dem Weg in das Zentrum, besichtigen auf ihrem Weg die Gebäude und beobachten die Bewohner. Hier in einer größeren Stadt scheint alles entspannter zu sein als in den kleinen Dörfern. Der viele Glanzstein, der in den Straßen verbaut ist, und die Stadtmauern, in die ebenfalls Glanzstein eingearbeitet ist, sowie die Wächter, die allein für den Schutz der Stadt angestellt sind, lassen die Leute hier ein unbeschwertes Leben führen.

In der Mitte der Stadt entdecken die Brüder dann den Marktplatz und das Amtshaus des Bürgermeisters. Die Marktstände sind im Kreis um den Brunnen im Mittelpunkt aufgebaut und bieten frische Lebensmittel an. Erwin entdeckt sogar ein „Heiler- und Pflegehaus“, das am Rande des Marktplatzes liegt. Sofort weist Erwin seinen Bruder auf das Haus hin und schlägt vor: „Schau, Edwin, sollten wir nicht ein Bad nehmen, bevor wir zum Bürgermeister gehen? Wir waren schließlich eine ganz schöne Zeit lang unterwegs.“

Edwin ist begeistert. „Gute Idee, das macht einen besseren Eindruck und zeigt, dass wir gut vorbereitet sind. Hoffentlich wird das nicht zu kostspielig, wir hatten schon länger keine Löser-Arbeit mehr. Wir leben nur noch von den Spenden, die wir mit den Geschichten der Geister verdienen.“ Am Ende klingt er etwas missmutig bezüglich ihrer finanziellen Situation.

So entschließen sich die beiden, im Heiler- und Pflegehaus ein Bad zu nehmen und ihre Kleidung reinigen zu lassen. Die Pfleger nehmen sich der Zwillingsbrüder an, die nur eine schnelle Wäsche wünschen. So waschen die Pfleger die beiden Brüder und ihre Kleidung mit Hilfe von Wasserformungsmagie und trocknen sie anschließend in kürzester Zeit.

Erfrischt und sauber verlassen Erwin und Edwin kurze Zeit später das Heiler- und Pflegehaus. Doch fast genauso blank ist nun auch ihre Geldbeutel. Bis auf wenige Luxon ist ihnen nichts geblieben. Jedoch sind sie deswegen nicht beunruhigt. Denn das wäre nicht das erste Mal, dass sie pleite wären.

„Die Stadt gefällt mir. Warum sind wir nicht schon früher weiter in den Süden gereist?“, fragt Erwin seinen Bruder.

„Wir waren im Norden eigentlich immer beschäftigt. Bisher hatten wir einfach keinen Grund, in neue Gefilde zu reisen. Wir hatten unsere Freunde und Dörfer, die wir im Laufe unserer festen Route bereisten, und wir wussten, wo die Gefahren auf dem Weg sind“, antwortet Edwin, während sie zum Amtshaus des Bürgermeisters gehen und dieses betreten.

Die Zwillinge werden sofort vom Diener des Bürgermeisters begrüßt.

„Willkommen die werten Magonar. Ihrer Kleidung nach sind Sie Löser?“ Edwin nickt dem Diener zu und antwortet.

„Ganz recht, wir waren eine Weile auf Reisen und sind gestern Nacht angekommen. Ich bin Edwin, das ist mein Bruder Erwin. Wir möchten fragen, ob Sie Arbeit für uns haben?“ Der Diener klatscht vor Begeisterung die Hände zusammen.

„Hervorragend, mein Name ist Rogu und der Bürgermeister wartet schon seit einer Weile auf Ihresgleichen. Bitte hier entlang.“

Zuversichtlich folgen die Brüder dem eifrigen Rogu in den zweiten Stock vor eine einfache Holztür.

Rogu klopft an die Tür und nach einem lauten „Ja bitte?“ öffnet er diese und geht hinein.

„Kommen Sie gleich mit hinein!“

So geht Rogu voraus und die Zwillinge folgen ihm. Der Diener geht gleich nach der Tür einen Schritt zur Seite und streckt seinen Arm aus, um die Brüder an sich vorbei nach vorne zu lassen.

Noch während die beiden zum Bürgermeister gehen, stellt der hagere, etwas nervös wirkende Diener sie auch schon vor.

„Ich darf vorstellen: Edwin und Erwin, sie sind Löser und gestern in Oradi angekommen.“

Der Bürgermeister, ein wohlgenährter, in hellen Gelb- und Grüntönen gekleideter Mago, steht von seinem Schreibtisch auf. Er lächelt sofort und begrüßt die Zwillingsbrüder freundlich.

„Sehr gut, ich bin Bürgermeister Hadien und habe schon eine Weile auf Löser gewartet. Seid Ihr beide Löser? Normalerweise reicht einer.“

Der Bürgermeister erkennt die Professionen der Brüder gleich und ist deshalb neugierig.

„Richtig, normalerweise ist nur einer von uns notwendig. Doch wir sind fast immer auf Reisen und müssen unsere Arbeit schnell erledigen, um unseren Lebensunterhallt zu verdienen und weiter zu reisen. Wir sind sehr geschickt darin, unsere Fertigkeiten zu kombinieren und sowohl die Seelen als auch die Körper schnell zu lösen. Keine Angst, Ihr müsst uns nicht doppelt bezahlen.“ Bürgermeister Hadien nickt zustimmend.

„Es ist momentan für unsere Stadt dringend notwendig, dass Ihr hier seid. Wir hatten einen Löser, der hier gelebt hat. Leider wurde er gerade bei seiner Arbeit außerhalb der Stadt angegriffen und ihn ereilte das Unleben. Da sich das noch nicht herumgesprochen hat, bekommen wir kaum Besuch von Lösern, denn für sie gibt es im Normalfall keine Arbeit. Wärt Ihr interessiert, dauerhaft nach Oradi zu ziehen, um hier langfristig als Löser zu arbeiten?“

Der Bürgermeister sieht die Zwillingsbrüder erwartungsvoll an, doch diese blicken sich nur kurz gegenseitig an und dann wieder zurück zum Bürgermeister.

„Wir übernehmen gerne die Lösungsarbeit, zu der Euer früherer Löser nicht im Stande war, und wir können noch ein wenig bleiben, falls wieder etwas passiert. Doch dauerhaft an einem Ort zu bleiben, ist nicht unsere Natur“, antwortet Erwin frei heraus und wechselt dann auch gleich das Thema.

„Wie lange ist denn Euer Löser schon im Zustand des Unlebens und wie viele Fälle konnte er nicht mehr bearbeiten?“ Bürgermeister Hadien seufzt und gibt mit melancholischer Stimme zurück.

„Sein Unglück ist einen Monat her und seitdem hatten wir 27 Fälle von Unleben.“ Die Brüder bekommen große Augen.

„Bitte? 27 Fälle in einem Monat … ist das normal in so einer großen Stadt?“ Der Bürgermeister nickt bedrückt.

„Leider ist diese Zahl keine Seltenheit. Das Leben in Oradi oder generell in großen Städten ist sicher mit dem ganzen Glanzstein und Maginar, die nur für den Schutz zuständig sind. Deshalb vergessen viele Bürger die Gefahr und gehen allein und unachtsam aus der Stadt. Dann kommt ein Tier, das sich bedroht fühlt, und befördert sie ins Unleben. Das sind auch nur die Fälle, von denen wir wissen und die wir bergen konnten. Es gibt auch viele Maginar, die verschwunden sind und anschließend nicht mehr gesehen wurden“, erklärt der Bürgermeister das Stadtleben, dann geht er zu seinem Schreibtisch und kramt eine Karte aus der Schublade. Er breitet diese auf seinem Tisch aus.

„Das ist ein Überblick über Oradi. Ich markiere Euch alle wichtigen Orte. Hier ist mein Amtshaus, da sind wir gerade. Geht diesen Weg, um zur Arbeitsstätte unseres früheren Lösers zu kommen.“

Der Bürgermeister berührt mit der Fingerspitze die Orte auf der Karte, woraufhin diese anfangen zu leuchten. Auch der Weg, den er mit seinem Finger zwischen dem Amtshaus des Bürgermeisters und der Arbeitsstätte des Lösers abfährt, leuchtet.

„Gestern im Gasthaus hörte ich etwas über ein starkes Zornesfeld in der Nähe der Stadt. Meint Ihr, wir können uns diesen Ort einmal ansehen?“, fragt Erwin der Seelensammler. Bürgermeister Hadien wirkt nicht begeistert, dennoch antwortet er darauf.

„Mir wäre es recht, wenn Ihr Euch zunächst der Lösungsarbeit zuwenden würdet. Wenn das erledigt ist, könnt Ihr Euch allem annehmen, was Euch interessiert.“

Die Brüder nicken zustimmend und der Bürgermeister markiert einen ungefähren Bereich in einem Waldstück im Nordosten der Stadt.

„Das versteht sich von selbst. Unsere Profession ist die Lösung. Deshalb werden wir das als erstes erledigen. Wir werden etwa zwei Tage brauchen und als Lohn berechnen wir 25 Luxon pro Unleben. Falls wir noch bleiben sollen, obwohl für uns keine Arbeit da ist, würden wir 15 Luxon pro Tag berechnen.“ Edwin nennt die Bedingungen und der Bürgermeister rechnet kurz im Kopf nach.

„Das klingt gerecht. Während Ihr die Lösungen durchführt, werde ich die Familien informieren. Ihr bekommt die Bezahlung am Ende jeden Tages.“

Die Zwillinge und der Bürgermeister geben sich die Hände auf die Einigung. Die Brüder verabschieden sich, verlassen das Amtshaus des Bürgermeisters und folgen der Karte zur Lösungsstätte.

Dort angekommen gilt der erste Besuch der beiden Löser dem Lösungs-Hof, wo normalerweise die Bunterde gemischt wird. Der Bereich zum Lösen ist gut markiert und im Inneren ist eine Fläche, die knöchelhoch mit Steinen umrahmt ist.

Danach führt sie ihr Weg in die Unlebenwacht, dem Gebäude gleich neben dem Lösungs-Hof. Da finden sie die in Stoff eingewickelten Körper liegen, die noch keine Lösung hatten. Während Erwin die nötigen Riaberane in der Unlebenwacht zusammensucht, die dort bereitstehen, um kurzzeitig Seelen aufzunehmen, wählt Edwin die Körper aus, die sie gleich lösen werden. Der Auswahlprozess läuft größtenteils zufällig ab, doch es sind Paare dabei, die zusammenliegen, und diese bedienen sie zuerst, weil Paare meistens gleich in das Arkane Netzwerk eintreten wollen, weil sie zufriedener sind, wenn die Lösung bei ihnen gleichzeitig durchgeführt wird und sie zusammen den Eintritt erleben.

Sobald Erwin genug Riaberane am Lösungshof aufgestellt hat, tragen die beiden das erste Paar hinaus und legen die Körper in den von Steinen umrahmten Bereich eng aneinander.

Wieder außerhalb des markierten Bereichs fängt Erwin an, sich zu konzentrieren. Er streckt die linke Hand aus, atmet gleichmäßig und schließt die Augen. Schon einige Augenblicke später entspringt aus Erwins linker Hand eine zweite geisterhafte Hand. Die Geisterhand raucht und gleitet mit Erwins richtiger Hand verbunden auf die Körper zu. Als erstes greift die geisterhafte Hand an die Schulter der Maga. Die Hand zieht und rüttelt scheinbar am Körper, bis die Seele der Maga herausspringt wie ein Korken aus einer Flasche. Dasselbe macht Erwin dann beim Mago gleich daneben – es wird gerüttelt und gezogen, bis die Seele herausspringt.

Nun schweben die beiden Seelen in Form von Büsten gut zwei Schritt in der Luft. Wie bei allen Seelen, die kurz vorher aus ihren Unleben gezogen wurden, sind sie noch verwirrt und orientierungslos. Die beiden Seelen brauchen einen Moment, um ihre geisterhafte Erscheinung zu begreifen. Dann erinnern sie sich zurück an die Situation, die sie ins Unleben gebracht hat, während die Löser vor ihnen geduldig warten, bis die Seelen letztendlich beschließen, gleich in das Arkane Netzwerk zurückzukehren. Nachdem die Namen der beiden Seelen von den Lösern notiert wurden, tippt die geisterhafte Hand von Erwin die Seelen mit einem rosafarbenen Schimmer an. Die Seelen fühlen sich langsam immer leichter und schweben immer höher. Der rosa Schimmer von Erwins Berührung breitet sich in den Seelen aus und lässt sie zerfließen. Ab einer gewissen Höhe lösen sich die Seelen in Luft auf, als würden sie von einer Strömung weggeschwemmt werden. Schließlich sind sie verschwunden und es bleiben nur noch die seelenlosen Körper übrig. Die geisterhafte Hand kehrt in Erwins körperliche Hand zurück und es bleibt keine Spur des geisterhaften Spuks.

Nun ist Edwin an der Reihe. Er konzentriert sich, atmet gleichmäßig und faltet die Hände vor seinem Mund. Er pustet zwischen den beiden Daumen in seine Hände und nimmt seinen Mund wieder weg. Als er die Hände öffnet, hält er eine durchsichtige Kugel in der Hand, die von innen rot leuchtet. Er wiederholt den Vorgang, bis er vier solcher Kugeln hat, eine rot-feurige, eine blau-wässrige, eine weiß-stürmische und eine braun-erdige. Er wirft eine Kugel nach der anderen zu den Körpern in den mit Steinen umrandeten Bereich. Mit einem Fingerschnippen von Edwin lösen sich die äußeren Schutzhüllen der Kugeln auf. Die Essenzen der Elemente im Inneren werden freigesetzt und sickern in den Boden. Die jeweiligen Elemente färben den Boden in ihrer entsprechenden Farbe und breiten sich aus. Als sich zwei Elemente treffen, beginnt eine Reaktion. Die Essenzen breiten sich schlagartig aus, bis sich alle vier Elemente treffen, dann verhält sich der Boden, der in den Farben der Kugeln getränkt ist, wie eine Flüssigkeit. Die Elemente verwirbeln wie in einem Strudel, bis sie ineinander übergehen und der Boden in Regenbogenfarben leuchtet. Die nun erschaffene Bunterde gibt ein leises Summen von sich. Langsam versinken die Körper in der regenbogenfarbenen Erde, bis nichts mehr von ihnen übrig ist. Als die Körper verschwunden sind und nichts mehr in der Bunterde liegt, verstummt das Summen und die Regenbogenfarben weichen dem normalen Braun der Erde.

Nachdem die erste Lösung so reibungslos funktioniert hat, machen die Brüder eine Pause und essen die Brotzeit aus dem Gasthaus.

Danach machen sie sich wieder ans Werk. Sie widmen sich weiter den Paaren, die in der Unlebenwacht zusammenliegen, bringen diese hinaus und in die Lösungsstätte. Die Seelen der Paare werden immer gleichzeitig durch die Lösung erweckt. Wie zu erwarten, wollen alle Paare gleich in das Arkane Netzwerk eintreten, da es ihnen genügt, bei der Lösung zusammen zu sein.

Als die Lösung aller Pärchen beendet ist, machen die beiden einzelnen Personen weiter. Die Lösung der ersten Seele aus dem Körper läuft ohne Probleme. Leider verweigert die Seele aber zu akzeptieren, dass sie das Unleben ereilt hat und ihr Körper verloren ist.

„NEIN! Das kann nicht sein! Ich war schon oft außerhalb der Stadt und war immer vorsichtig! Plötzlich springt dieses Tier hervor, ich hatte gar keine Möglichkeit zu entkommen! Das ist nicht gerecht“, tobt die Seele und wirbelt dabei aufgebracht in der Luft umher.

„Beruhige dich bitte. Was geschehen ist, lässt sich nicht ändern.“ Erwin versucht, mit ruhigen Worten und Gesten zu beruhigen.

„Aber es ist ungerecht! Ich hatte nur Pech, dass genau in dem Moment ein Tier aufgetaucht ist und mich angegriffen hat! Anderen passiert das auch nicht!“ Die Seele bleibt uneinsichtig und versucht, mit den Lösern zu verhandeln, doch Erwin schüttelt nur den Kopf.

„Wir sind schon lange unterwegs und haben viele Schicksale gesehen. Was du erzählst, passiert den Magi jeden Tag, überall. Lass dir Zeit und denk darüber nach. Für gewöhnlich wird es dann leichter“, redet Erwin weiter auf die Seele ein. Diese antwortet zwar nicht, ist aber trotzdem noch aufgebracht.

Erwin nimmt dann eines der kleinen Riaberane, die er vorbereitet hat, und berührt dieses mit Zeige-, Ring- und Mittelfinger, woraufhin sich die Seele in Rauch auflöst. Der Rauch zieht vollständig in das Riaberan ein.

„Hoffentlich beruhigt er sich und akzeptiert sein unglückliches Schicksal. Wenn nicht, könnte er ein Zornesfeld oder sogar schlimmer, ein Verzweiflungsfeld hinterlassen.“ Edwin klingt sorgevoll und sein Bruder nickt nur zustimmend.

Die Zwillinge fahren mit ihrer Arbeit fort und lösen einen unlebenden Maginar nach dem anderen. Sie nehmen sich jedoch Zeit bei den Seelen, die noch nicht bereit sind, in das Arkane Netzwerk überzugehen. Diese werden übergangsweise in ein Riaberan untergebracht, genauso wie Seelen, die sich noch von Familie und Freunden verabschieden wollen. Unabhängig davon werden alle Namen auf ein Pergament geschrieben. Da noch nicht alle, die im Unleben gefangen sind, bedient werden konnten, müssen sie dokumentieren, wer bereits in das Arkane Netzwerk übergegangen ist, wer in einem Riaberan haust und wie viele noch auf eine Lösung warten.

Die Löser beschließen, Feierabend zu machen, als die Sonne schon tief steht und im Begriff ist, unterzugehen. Sie nehmen die Liste mit den Namen mit, schließen die Unlebenwacht und die Lösungsstätte wieder ab und machen sich auf den Weg zurück zum Bürgermeister.

Am Amtshaus des Bürgermeisters angekommen, werden sie wie erwartet schnell empfangen.

„Guten Abend die Magonar, ich hoffe, Sie hatten einen produktiven Tag?“, fragt Bürgermeister Hadien in hoher Erwartung.

„Ganz recht, wir konnten viele Lösungen durchführen und die Körper sind auch schon zurück zur Natur gebracht. Hier ist eine Liste, welche Maginar bis jetzt die Lösung erhalten haben und sich in das Arkane Netzwerk begeben haben und welche vorübergehend in Riabarenen hausen.“

Edwin übergibt das Pergament mit den Namen, der Bürgermeister sieht sich diese sofort an.

„Ah ja, Riaberane. Diese wurden bisher nicht allzu oft gebraucht. Wir hatten einen Elementaristen. Falls ein Zornesfeld oder dergleichen hinterlassen wurde, habe ich dieses persönlich entkräftet. Ich weiß noch, wie ich einmal ein besonders hartnäckiges Sehnsuchtsfeld entkräften musste. Das hat uns beide zur Weißglut getrieben, denn er konnte das Lösungsfeld solange nicht benutzen und ich brauchte ewig, um es wegzubekommen.“ Er lacht ausgelassen. „Wir waren schon ein gutes Gespann. Sein Verlust schmerzt mich, doch ich weiß, wenn seine Seele befreit und in das Arkane Netzwerk gegangen sein wird, dass es ihm dann besser geht“, erzählt Bürgermeister Hadien ein wenig schwermütig, dann schaut er sich die Liste wieder an.

„Sein Name ist nicht auf der Liste, sieht aus, als ob er seine Lösung noch nicht hinter sich hat. Ich würde gerne seiner Lösung beiwohnen, wenn es Euch recht wäre.“ Die Brüder sehen sich an, zucken mit den Schultern und Erwin antwortet.

„Das wäre kein Problem, am besten, Ihr kommt morgen früh mit uns zur Unlebenwacht und verabschiedet Euch von ihm, wenn wir ihn und die übrigen Unlebenden lösen.“ Der Bürgermeister überlegt kurz und lächelt die beiden dann an.

„Da kommt mir eine gute Idee, ich bringe auch gleich die Familien der Maginar mit, die sich noch in den Riaberanen befinden und sich verabschieden wollen. Wenn es gut läuft, können wir alle oder zumindest alle von heute dazu bringen, in das Arkane Netzwerk zu gehen. Oh, und bevor wir es vergessen noch die Bezahlung.“ Der Bürgermeister zählt die Namen auf der Liste und füllt die entsprechende Menge Luxon in einen Beutel. Diesen übergibt er an die Löser, die sich bedanken.

Dann verabschieden sich die Zwillinge und der Bürgermeister voneinander. Die Brüder verlassen das Amtshaus des Bürgermeisters und machen sich wieder auf zum Gasthaus, in dem sie bereits die erste Nacht verbracht haben.

Auf dem Weg hören sie einige Explosionen aus Richtung des nördlichen Stadttors, woraufhin die Leute, die ihre Verkaufsstände für die Nacht abbauen, untereinander tuscheln.

„Diese verfluchten Ziegen wittern unsere Vorräte und versuchen immer wieder, an diese heranzukommen. Seht, da sind schon die Jäger unterwegs, vielleicht haben wir bald wieder mehr Fleisch im Angebot.“

Während sie das hören, schauen die Brüder in die Richtung, von der die Jäger angelaufen und gesprungen kommen, um am Nordtor die angreifenden Ziegen zu schwächen und zu lösen und die Tierkörper dann zu schlachten, um sie anschließend auf dem Markt zum Verzehr zu verkaufen. Man sieht, dass die Jäger für die Abwehr von Tieren ausgerüstet sind. Sie bewegen sich schnell wie der Wind durch die Straßen. Hindernissen auf ihren Wegen weichen sie geschickt aus. Dies ist möglich, da sie im Gegensatz zu der normalen Bevölkerung enganliegende Kleidung aus Leder tragen.

„Hm, Tierlöser. Gut zu sehen, dass die Löser, die es nicht schaffen, Maginar zu lösen, noch eine wertvolle Rolle für die Gesellschaft ausfüllen“, sagt Erwin etwas abfällig über die Jäger, woraufhin er von Edwin tadelnd zurückbekommt:

„Wie sagt man so schön? Überheblichkeit ist der Stolperstein in eine Grube, die man selbst gegraben hat. Außerdem sind zu viele Maginarlöser nicht gut für das Geschäft.“ Darauf erwidert Erwin nichts mehr, da Edwin absolut recht hat und es da auch nichts zu diskutieren gibt.

Als die Zwillingsbrüder am Gasthaus angekommen sind, haben die Explosionen aufgehört. Als sie die Schankstube betreten, sehen sie bekannte Gesichter von gestern.

Die Brüder werden wieder herzlich gegrüßt und natürlich wollen die anwesenden Maginar erneut eine Geschichte hören.

Erwin enttäuscht die neugierigen Maginar nicht und beschwört Salmin, eine Lichtmaga und Anführerin einer Pioniergruppe. Diese Gruppe hat ein neues Dorf gegründet und aufgebaut. Salmin erzählt, mit welchen Gefahren und Widrigkeiten sie zu kämpfen hatten, und das Publikum hängt ihr gespannt an den Lippen. Unterdessen essen und trinken Erwin und Edwin wieder und genießen den Abend, bis es spät wird und die meisten Zuhörer nach Hause gegangen sind. Dann kommt Salmin zurück in ihr Riaberan und die Brüder beziehen dieselben Zimmer wie in der Nacht zuvor.

Ein kleiner Einblick

***

Am Morgen fällt es den Zwillingen wieder schwer aufzustehen. Sie müssen sich förmlich aus der Decke schälen. Doch als das geschafft ist und sie sich das Gesicht gewaschen haben, sind auch sie bereit für den Tag. In der Schankstube ist es ruhig, da am späten Morgen alle am Arbeiten sind, und die Brüder haben freie Sitzplatz-Wahl. Sie bestellen ein ausgiebiges Frühstück, da sie gestern bezahlt wurden und sich das nun leisten können. Nach dem Frühstück kommt der Wirt zu ihnen und spricht sie beim Abräumen an.

„Noch etwas, heute bekommen wir Ziegenfleisch herein. Soll ich Euch jeweils eine Portion zurücklegen?“

Ein freudiges Grinsen bildet sich auf den Gesichtern der Zwillinge.

„Sehr gerne, es ist ewig her, dass wir einen herrlichen Braten genießen konnten“, antwortet Edwin und Erwin fügt hinzu:

„Das waren doch die Explosionen gestern, oder? Greifen solche Tiere öfter an?“ Der Wirt denkt sich nichts dabei und wirkt gelassen.

„Ja, das passiert hier sehr oft. Die Tiere wittern oder spüren, dass wir Vorräte haben, und wollen diese für sich selbst. Das spielt unseren Jägern natürlich in die Hände, da sie nicht hinaus in die Wildnis müssen. Die Gefahr ist nicht so groß, wenn Ziegen oder Schafe Radau machen. Dramatisch wird es erst, wenn Vögel oder springende Tiere angreifen. Diese können die Mauer überwinden und eindringen. Doch es ist zum Glück lange her, dass das passiert ist.“

Die Brüder hören aufmerksam zu und nicken am Ende, als sie aufgegessen haben. Dann stehen sie auf und bevor die beiden das Gasthaus verlassen, bekommen sie vom Wirt noch eine Brotzeit mit auf den Weg.

Die beiden gehen wiederum zum Amtshaus des Bürgermeisters, doch dort finden sie nur den Diener Rogu vor, der ihnen ausrichtet, dass Bürgermeister Hadien nicht im Amtshaus ist und später zur Lösungsstätte kommen möchte.

Also machen sie sich auch zur Lösungsstätte auf und beeilen sich dabei etwas. Schließlich wissen sie nicht, wie lange der Bürgermeister schon auf sie wartet.

Als die Brüder die Lösungsstätte durch den Eingang betreten, sehen sie einige Maginar vor der Unlebenwacht. Sie werden begrüßt und hineingelassen. Drinnen ist schon der Bürgermeister.

„Ah, da seid Ihr ja. Ich habe mir erlaubt, die Familien der Seelen zu versammeln, deren Lösung noch nicht abgeschlossen ist und die noch auf ihre Lösung warten.“

Bürgermeister Hadien begrüßt die Löser mit seiner üblich tosend lauten Stimme. Die Brüder gehen zu der Gruppe von Stadt-Maginar und stellen sich kurz vor.

„Dann wollen wir weder die Unlebenden noch die Lebenden weiter warten lassen.“ Erwin kling voller Tatendrang, nimmt sich einen Riaberan nach dem anderen und beschwört die Seelen der Reihe nach.

Die Familien der Seelen, die beschworen werden, erkennen ihre Liebsten gleich und es formen sich Gruppen um die Seelen. Es wird über alte Zeiten geredet, Erinnerungen werden hervorgekramt, Konflikte aus der Welt geschafft und Anweisungen für die Zukunft verteilt. Alles in allem ist es ein friedlicher letzter Abschied. Nach einer Weile entschließen sich die ersten Seelen, in das Arkane Netzwerk zu gehen.

Erwin nimmt das jeweilige Riaberan und legt wieder die drei Finger darauf. Dabei wird die Verbindung der Seele zum Riaberan getrennt. Die Seelen steigen auf, bis sie wie von einem Fluss weggeschwemmt werden.

Zuletzt bleibt noch die Seele übrig, die sich am Vortag schon geweigert hat, ihr Schicksal zu akzeptieren. Diese Seele hat sich inzwischen beruhigt, kann aber noch nicht loslassen. Sie richtet das Wort unmittelbar an die beiden Löser.

„Wisst Ihr … Ich hatte noch viel vor. Ich habe weder eine Maga noch Magi’i, meinen Beruf konnte ich auch eher schlecht als recht. Es fühlt sich an, als ob ich nichts erreicht hätte und verschwinden werde, ohne dass sich jemand an mich erinnert.“ Die Seele erzählt den Lösern ihre melancholische Geschichte, was auch auf die Stimmung der anwesenden Maginar schlägt. Erwin antwortet der Seele:

„Wir hinterlassen unser ganzes Leben lang Spuren auf Rialar, ob wir wollen oder nicht. Ich glaube nicht, dass man bestimmte Ziele erreichen muss, um in der Erinnerung seiner Mitmaginar zu bleiben. Sieh dir all die Maginar an, die noch hier sind, um dich zu verabschieden. Ich denke, dass sie alle froh sind, dich gekannt zu haben.“

All die Maganar und Magonar lächeln zur Seele hinauf und teilen ihre Erinnerungen. Nach einer Weile hat sich der Weltschmerz der Seele verzogen und diese ist nun bereit für das Arkane Netzwerk. Zum Abschied haben alle Maginar ihre Hände zur Faust geballt und öffnen diese langsam mit den Worten „Sei befreit“. So löst Erwin die Verbindung der Seele zum Riaberan und sie verschwindet nun auch.

Obwohl keine Seele mehr da ist, bleiben die Maginar noch und wenden sich an die Löser, doch das Wort ergreift der Bürgermeister.

„Werte Löser, diese netten Maginar würden Euch gerne fragen, ob Ihr ihnen ein wenig über den Zustand im Unleben und als Seele erzählen könntet. Unser bisheriger Löser war ein Elementarist, er hat sich um die Körper gekümmert und die Seelen mussten gleich in das Arkane Netzwerk übergehen. So hatten wir keine Gelegenheit, mehr darüber zu erfahren.“

Diese Frage richtet sich offensichtlich an Erwin den Seelensammler, da Edwin auch ein Elementarist ist und daher von sich selbst aus auch keine großen Erfahrungen mit Seelen hat.

„Tja, wenn ich meine Seelenmagie einsetze und mein geistiger Körper den Lebendigen verlässt, fällt es mir schwer, den Geist in Form zu halten. Etwas zieht und zerrt daran. Deshalb kommt es einem vor, als ob die geisterhaften Seelen qualmen, doch das ist nur der Rest des geistigen Körpers, den es in alle Richtungen zerrt. Der Kopf ist meist gut zu erkennen, da er der Sitz des Verstandes ist und auch gleichzeitig der Sitz der Seele“, belehrt Erwin die Menge.

„Doch ich will Euch nicht mit dieser dürftigen Erklärung abspeisen. Ich habe Euch etwas anzubieten. Und zwar begleitet mich eine Seele, die Euch mehr berichten kann. Ich habe sie gestern schon im Gasthaus beschworen. Ihr Name ist Salmin, eine Lichtmaga, die mit einigen Pionieren eine Siedlung gegründet hat. Doch das ist nicht alles, die Siedlung diente einer Expedition, um das Arkane Netzwerk zu erforschen.“

Die anwesenden Maginar sind begeistert. Alle gehen in die Unlebenwacht und die meisten müssen sich auf den Boden setzen, doch wegen der Vorfreude auf die Geschichte scheint es niemanden zu stören.

Erwin beschwört nun die Seele aus dem Riaberan mit seiner Drei-Finger-Berührung. Die Seele steigt auf und blickt auf ihr Publikum hinab. Erwin spricht sie an und erzählt, dass die Maginar gerne mehr über das Arkane Netzwerk erfahren möchten.

Die Seele Salmin schaut sich in dem Raum um, in dem sie beschworen wurde.

„Eine Unlebenwacht, das ist der Raum, in dem ich mir dieselbe Frage gestellt habe wie Ihr jetzt. Natürlich nicht in genau diesem Raum, sondern in der Unlebenwacht in unserem Dorf. Ich hatte gerade der Lösung meiner beiden Geschwister beigewohnt. Als sie sich auflösten, sah es für mich so aus, als ob man Erde in einen reißenden Fluss wirft. Noch waren sie da und im nächsten Moment waren sie weg. Ich fragte mich … existieren sie noch als diejenigen, die ich kannte? Werden sie wirklich wie in einem reißenden Strom herumgewirbelt? Oder verschwinden sie vielleicht im Nichts? Diese Fragen haben mich nicht mehr losgelassen. Damals hatte ich beschlossen, mich der Lichtmagie zu widmen, da sich diese Form der Magie mit dem Sehen und Durchblicken des Verborgenen beschäftigt.

Nach einer langen Zeit des Trainings waren meine magischen Sinne so weit geschärft, dass ich das Arkane Netzwerk förmlich spüren konnte. Ich habe die Ströme und Flüsse des Arkanen Netzwerks in meinem Heimatdorf so weit erforscht, wie ich konnte. Doch das hat mir nach einer Weile nicht gereicht, denn es gab dort keinen Punkt, an dem sich die ganzen Flüsse sammelten. Ich wollte weiter hinaus in die Welt gehen, doch war es für mich allein zu gefährlich. Nach einiger Zeit fasste ich den Beschluss, eine Expedition in unbekannte Gefilde zu leiten. Leider wollte mich niemand zur Erforschung des Arkanen Netzwerkes begleiten. Also fragte ich die Leute in den umliegenden Dörfern, ob sie denn neues Land erschließen möchten. Dafür fanden sich dann glücklicherweise Leute und ich konnte, natürlich nur nebenbei, meinen Forschungen nachgehen, während wir das Land durchstreiften.

So zogen wir los, ich hatte die Expedition gestartet und deshalb war ich auch für die Führung und Navigation verantwortlich. Ich wollte in die Nähe eines großen Sammelpunktes des Arkanen Netzwerks kommen und wenn möglich dort die Siedlung errichten. Meine Begleiter konnten nicht nachvollziehen, wie ich meinen Weg fand. Die anderen konnten die Magieströme, die ich wahrnahm, natürlich nicht fühlen. Ich habe ihnen nie gesagt, wie ich meinen Weg gefunden habe. Vielleicht wussten sie es, vielleicht auch nicht, sie haben sich jedenfalls nie darüber beschwert, wo ich sie hinführte.

Jetzt kommt der spannende Teil. Alle Sammelpunkte des Arkanen Netzwerks waren in Wäldern und sogar in besonders gefährlichen Gebieten mit vielen Tieren, Magrennar und den höchsten Bäumen, die ich je gesehen habe.

Meiner Meinung nach kann nur einer von zwei Gründe dafür verantwortlich sein. Entweder war der Sammelpunkt zuerst da und hat die Natur beeinflusst, so dass die Bäume und Tiere an dem Punkt besonders stark mit magischer Kraft versorgt werden oder es ist genau anders herum, dass die Bäume gut gewachsen sind und sich viele Tiere versammelt haben. Die haben viel Magie abgegeben und so hat sich dort der Sammelpunkt gebildet. Die große Frage ist: Was war zuerst da?“

Die Seele Salmin macht eine dramatische Pause, während die anwesenden Maginar mit Gemurmel untereinander darüber diskutieren, was sie eben gelernt haben. Dann ergreift Salmin wieder das Wort.

„Diese Frage kann ich Euch leider auch nicht beantworten. Ich habe keinen Weg gefunden, das Alter solcher Sammelpunkte des Arkanen Netzwerks herauszufinden. Doch ich konnte sie mit meiner Magie etwas betrachten und zwar wesentlich genauer als jeder andere Magi. Was ich dort gesehen habe, ist ziemlich erstaunlich. Ich habe dort elementare Magie gesehen, aber auch verschiedene Gefühle und verschiedene Magi-Eigenschaften erspäht. Ihr fragt Euch sicher, wie Eigenschaften und Gefühle aussehen, doch als Lichtmaga sieht man diese Seiten an den Maginar. Doch in diesen Sammelpunkten waren diese Teile nicht als Ganzes, sondern in Einzelteilen vorhanden. Als wäre eine Seele, wie ich es bin, eine Mauer und im Sammelpunkt war dieselbe Mauer vorhanden, nur nicht in einem Stück, sondern dort sind die Steine durcheinandergeflogen. Deshalb habe ich die Theorie, dass die Seelen, wenn sie in das Arkane Netzwerk übergehen, in ihre Bestandteile wie Wut, Neid, Willenskraft, Wahrnehmung und so weiter zerlegt wird. Deshalb auch die Gefühlsfelder. Wenn ein Gefühl zu stark am Ort des Übergangs gebunden ist, steckt es sozusagen im Strom fest. Dann wird das Gefühl vom Arkanen Netzwerk nur noch mehr gespeist und beeinflusst alles in der Umgebung.

Doch zurück zu den Bestandteilen der Seelen. In einem Sammelpunkt des Arkanen Netzwerks sind die Bestandteile von sehr vielen Maginar vermischt, je nachdem, wo sie nach ihrer Lösung hingetrieben wurden. Und wenn ein neues Magi’i geboren wird, werden diese Bestandteile vom Neugeborenen angezogen und zufällige Gefühle und Eigenschaften bilden eine neue Seele. Das könnte auch für Tiere gelten, auch ihre Eigenschaften kommen in diese Sammelpunkte und wenn sich Maginar-Bestandteile mit denen von Tieren vermischen, könnte das die Existenz der Magrennar erklären. Das ist alles natürlich hoch theoretisch, doch vor dem Beweis muss ja schließlich die Theorie kommen, oder?“

Ein lautes Raunen geht durch den Raum. Die Maginar müssen das alles verarbeiten, indem sie weiter darüber miteinander diskutieren. Dann meldet sich eine Maga aus der Gruppe.

„Dann wäre das so, dass unsere Magi’inar die Fähigkeiten und Gefühle der durch Lösung freigegebenen Unlebenden bekommen? Beispielsweise meiner Großeltern?“ Salmin antwortet gleich auf die Frage:

„Ganz genau, nun welche Fähigkeiten und Gefühle die Magi’inar bekommen, ist im Grunde Zufall, doch es ist möglich. Jedoch konnte ich in solchen Sammelpunkten keine Persönlichkeiten und Erinnerungen finden. Diese werden wohl zum Arkanen Netzwerk selbst. Die Theorie beschränkt sich ganz auf Fähigkeiten, Eigenschaften und Gefühle, all unsere Instinkte sozusagen.“ Wieder unterhalten sich die Maginar im Publikum über das gerade Gelernte.

„Doch das soll es erst mal gewesen sein, den ausführlichen Bericht gibt es in verschiedenen Städten im Norden. Fragt einfach im Archiv nach meinen Forschungen“, verabschiedet sich die Seele Salmin von den Zuhörern und zieht sich kleiner werdend in ihr Riaberan zurück.

„Wenn Euch die Geschichte gefallen hat, liebe Maganar und Magonar, lassen Sie uns doch bitte den einen oder anderen Luxon da. Diese sehen wir gerne als Wertschätzung für unsere Arbeit und die Bereitwilligkeit der Seelen, ihre Geschichten zu erzählen.“

Als sich dann das Publikum auflöst und sich weiter über das eben Gehörte unterhält, geben sie einige Luxon her. Es ist nicht viel, doch das Abendbrot ist gesichert.

Am Ende, als die Löser allein mit dem Bürgermeister in der Unlebenwacht sind, sieht man Hadien seine Begeisterung an und er spricht die Brüder voller Entzückung an.

„Das ist beeindruckend, nicht nur habt Ihr diesen ganzen Maginar ermöglicht, sich von ihren Liebsten zu verabschieden, Ihr habt ihre Trauer auch noch in Wissen und Hoffnung verwandelt. Das ist erstaunlich für zwei Tage Arbeit. Ich fühle mich fast schuldig, aber würdet Ihr bitte noch die verbliebenden Unlebenden lösen? Dann kommt Ihr zu mir, ich gebe Euch Euren restlichen Lohn und spendiere Euch im Gasthaus so viel, wie Ihr saufen könnt.“ Die Zwillinge verziehen keine große Miene, sie schmunzeln nur über die ganze Begeisterung und das Lob.

„Gut, dann kümmern wir uns um die verbliebenen Unlebenden und wenn wir fertig sind, kommen wir gleich zu Euch“, geben die Löser zurück und wenden sich dann ihrer Arbeit zu.

„Sehr wohl, ich will Euch nicht weiter von der Arbeit abhalten, wir sehen uns dann, wenn Ihr fertig seid.“

Bürgermeister Hadien verlässt die Unlebenwacht mit nachdenklichem Gesichtsausdruck. Wie es scheint, hat auch er über etwas nachzudenken, was er hier über das Arkane Netzwerk gelernt hat.

Die weiteren Lösungen laufen ohne Zwischenfälle ab. Die Seelen erwachen eine nach der anderen aus ihren Körpern. Keine der Seelen ist begeistert von ihrer Situation, doch sie akzeptieren es. Ausnahmslos alle Seelen wollen gleich in das Arkane Netzwerk übergehen, sie haben keine Angelegenheiten mehr mit den Lebenden zu klären. Die Brüder freut es, da es ihnen keine extra Arbeit macht, doch sie müssen es den Seelen zumindest anbieten.

So ist die Arbeit kurz nach Sonnenuntergang erledigt. Die Brüder räumen die Riaberane auf und kehren die Unlebenwacht aus. Dann sind sie bereit für den Feierabend. Sie verlassen die Unlebenwacht in Richtung des Amtshauses des Bürgermeisters.

Beim Amtshaus angekommen, werden sie gleich von Rogu und dem Bürgermeister empfangen. Zu viert machen sie sich auf zum Gasthaus, in dem die Brüder auch schon zweimal übernachtet haben. Dort angekommen wird wieder herzlich gegrüßt, besonders Bürgermeister Hadien möchte jeden Gast und den Wirt einzeln begrüßen und die Hand schütteln. Rogu kennt dieses Verhalten vom Bürgermeister und wählt mit den Zwillingen währenddessen einen Tisch für alle vier aus. Nachdem er ausnahmslos jedem die Hand geschüttelt hat, gesellt sich Hadien zu den Zwillingen und Rogu. Zusammen essen und trinken sie und erzählen sich Geschichten und Anekdoten bis spät in die Nacht hinein. Ordentlich angeheitert wanken Hadien und Rogu nach Hause, während die Brüder wieder ihre üblichen Zimmer zum Schlafen bekommen und sich erschöpft in die Betten fallen lassen.

Ein Käfig aus Zorn

***

Der nächste Morgen fängt für die Zwillingsbrüder noch später an als sonst. Dank des Katers schlafen die beiden bis zur Mittagszeit. Die hochstehende Sonne zwingt sie förmlich aus dem Bett und nach dem langen Schlaf sind auch die Kopfschmerzen durch den gestrigen Alkoholgenuss fast verflogen. Im Schankraum angekommen, bestellen sich die Brüder gleich Wasser für den trockenen Mund und, da es sowieso Mittag ist, auch gleich Mittagessen dazu.

Danach führt ihr Weg sie wieder zum Amtshaus des Bürgermeisters. Sowohl Rogu als auch der Bürgermeister hatten leider nicht die Möglichkeit, nach der durchzechten Nacht auszuschlafen. Sie mussten schon früh raus und sind deshalb langsamer in ihrer Arbeit als sonst. Rogu lässt die Brüder zum Bürgermeister durch und Hadien selbst sitzt an seinem Schreibtisch und bearbeitet seine Schriftrollen.

„Grüße, werte Löser, ich hoffe, Euch geht es besser als dem guten Rogu und mir. So eine lange Nacht hatten wir schon länger nicht mehr. Wir sind das wohl nicht mehr gewohnt“, flüstert er fast schon, da ihm wohl der Kater zu schaffen macht.

„Ja, wir haben den Vorteil, uns unsere Arbeitszeiten selbst einzuteilen. Jedenfalls wollten wir sagen, dass wir heute noch in der Stadt bleiben. Normalerweise würden wir weiterziehen, da wir in der Regel nicht viel Geld auf einmal verdienen. Doch da Ihr uns vielleicht noch braucht für den unglückseligen Fall von Unleben, bleiben wir, wie wir es am ersten Tag ausgemacht haben.“ Bürgermeister Hadien ist erleichtert über die Bereitschaft der Löser, noch etwas zu bleiben.

„So ist es, wir wollen es nicht hoffen, doch ein Fall von Unleben kann immer eintreffen. Falls das geschieht und Ihr eine oder mehrere Lösungen durchführen müsst, bekommt Ihr die üblichen 25 Luxon pro Lösung. Wenn nichts geschieht, bekommt Ihr für Eure Bereitschaft 15 Luxon pro Tag“, wiederholt der Bürgermeister die Vereinbarung noch mal.

„Wir werden uns dann das Zornesfeld im Südosten ansehen. Warum wurde es bisher nicht entkräftet, wenn Ihr doch ein Lichtmago seid und Ihr dies vorher schon mit Eurem ehemaligen Löser gemacht habt?“ Auf die Frage lehnt sich Bürgermeister Hadien in seinen Stuhl zurück und seufzt schwer.

„Die Sache ist die, ich habe es versucht. Dieses Zornesfeld ist ungewöhnlich stark. Mir ist es nicht möglich, nahe genug heranzukommen, um es zu entkräften. Alle anderen Lichtmagi, die bisher hier waren, haben sich auch daran versucht, doch keiner hat es geschafft. Ich hatte gehofft, es kommt irgendwann ein Licht- oder eine Art Gefühlsmagi, der erfahren genug ist, um dieses Zornesfeld zu entkräften. Doch bis jetzt hatte ich kein Glück.“ Der Gesichtsausdruck des Bürgermeisters bleibt bei der Erklärung düster und ernst.

„Was Ihr erzählt, macht uns noch neugieriger darauf. Wir sind zwar keine Lichtmagi und können dieses Zornesfeld wahrscheinlich nicht entkräften, doch wir haben Salmin dabei, vielleicht kann sie herausfinden, ob das Zornesfeld besondere Umstände verbirgt.“ Nachdem Erwin das sagte, wird Hadien nachdenklich.

„Hmm, so habe ich das noch nie gesehen. Schon viele Magi wurden vom Zorn dieses Felds verschlungen und fanden das Unleben. Bisher haben sich nur Lichtmagi dorthin begeben, um das Zornesfeld zu entkräften. Vielleicht gibt es uns Aufschluss über das Feld, wenn sich Löser und Seelen das einmal ansehen.“ Hadien überlegt und schaut in Gedanken aus dem Fenster in die Ferne, dann wendet er sich wieder den Zwillingen zu.

„Doch seid vorsichtig. Wie ich schon sagte, diesem Zornesfeld sind schon viele erlegen. Geht man zu nahe ran oder bleibt zu lange in der Nähe, gibt es kein Zurück aus dem Zorn.“

Die Brüder nicken bestätigend und verlassen das Büro und das Amtshaus in Richtung Südosten.

Sobald die beiden die Stadt verlassen, werden sie vorsichtiger. Sie sind lange genug herumgereist, um zu wissen, wie schnell außerhalb von Ortschaften Tiere aus dem Nichts auftauchen können. Die Karte mit den Markierungen des Lichtmago Hadien führt sie in einen Wald.

Bevor die beiden den Wald betreten, suchen sie nach einem Pfad, der in den Wald hineinführt. Wenn Orte regelmäßig besucht werden, sind immer Wege vorhanden, um den sichersten Pfad zu markieren.

In diesen Wald ist allerdings schon lange niemand mehr gegangen. Es ist nicht mal die Spur eines Pfades in den Wald zu sehen. So suchen sich die Brüder eine geeignete Stelle, an der die Bäume nicht so nahe beieinander stehen, um den Wald zu betreten. Edwin benutzt seine Erdmagie, um die Pflanzen vor sich in Wellenbewegungen links und rechts auf die Seiten zu verschieben. So schafft Edwin kurzerhand selbst einen Pfad in den Wald hinein und Erwin folgt Schritt für Schritt hinterher. Auf diese Weise könne sie allerdings nur Gräser und kleinere Blumen aus dem Weg bekommen. Bäume, Sträucher und dergleichen müssen sie immer noch umgehen. So schlängelt sich der Weg der Zwillinge durch den Wald, immer auf der Hut vor der Natur um sie herum.

Je näher sie ihrem Ziel kommen, desto mehr spüren sie den Zorn, der üblicherweise von einem Zornesfeld abgegeben wird. Die Brüder fühlen immer größere Aggressivität in sich aufsteigen und ihre Sicht verschwimmt etwas. Der Zorn ist schwer zu ertragen, als sie endlich etwas sehen können. Die Zwillinge müssen erstmal eine Weile die Augen schließen und gleichmäßig durchatmen, damit sie sich dort etwas länger aufhalten können.

Sie sehen vor sich seltsam geformte Holzstacheln wie Bäume ohne Äste und Blätter, die wie spitze Finger aus dem Boden ragen und alle im Kreis zu einen Mittelpunkt gekrümmt sind. Solche Pflanzen haben die beiden noch nie gesehen. Um nicht den ganzen Weg umsonst gegangen zu sein, beschließen sie, die Seele Salmin um Rat zu fragen, um wenigstens ein wenig über dieses Zornesfeld herauszufinden. So wird Salmin kurzerhand beschworen. Jedoch verwendet Erwin anfangs nur wenig magische Kraft, damit sich die Seele nur langsam manifestieren kann. Anfangs wundert sich die Seele, warum sie ihr Riaberan nur so langsam verlassen kann. Doch nachdem sie halbwegs draußen ist, wird es ihr klar. Das Zornesfeld beeinflusst sogar die Seelen der Unlebenden. Salmin spürt den Zorn, der sie einnehmen will, doch der Abstand zum Zornesfeld ist groß genug, um noch bei Verstand zu bleiben.

„Das ist das seltsamste Gefühlsfeld, das ich jemals gesehen habe. Hast du eine Ahnung, wie das zustande gekommen ist?“, fragt Erwin die Seele, während diese in Richtung der Quelle des Zornesfeldes blickt.

„Ja, ich denke, ich habe den Ansatz einer Ahnung für diesen seltsamen Anblick. Ich spüre einen leichten Puls von dem Zornesfeld ausgehen. Seht Ihr den geisterhaften Nebel, der meine Form umgibt? Der wird in pulsierenden Abständen von dem Zornesfeld weggedrückt. Das habe ich schon mal gespürt, wenn sich zwei Ströme des Arkanen Netzwerkes gekreuzt haben und zwar in gegensätzlicher Richtung. Es verhält sich so, als ob zwei Wildscheine regelmäßig aufeinanderprallen. Doch es hat noch mehr mit dem Zornesfeld auf sich. Seht Ihr diese fingerartigen Bäume, die dort wachsen? Das sind eigentlich normale Bäume, aber ihnen wird Kraft entzogen. Sie wachsen nicht sehr hoch und nehmen seltsame Formen an, wenn sie von einem starken Strom des Arkanen Netzwerkes durchzogen werden UND ein Unlebender in der Nähe liegt. Diese sehen nicht wie Bäume aus, wahrscheinlich liegt es an dem Zornesfeld, dass sie so geformt sind“, berichtet die Seele den Lösern.

„Dann ist das Zornesfeld nur so stark und weitreichend, weil mindestens zwei besondere Umstände zusammengekommen sind? Würde es helfen, wenn wir die Umstände einen nach dem anderen angehen?“, schlägt Erwin vor, nachdem er sich Salmins Bericht angehört und etwas nachgedacht hat, was in der Nähe eines Zornesfeldes gar nicht so einfach ist.

„Ich denke, das ist die einzige Möglichkeit, dieses Zornesfeld zu entfernen. Nun ja, außer Ihr habt einen so mächtigen Lichtmagi, der aus dieser Entfernung eine Gefühlsquelle zwischen zwei Strömen entkräften kann. Glaubt mir, dafür ist große magische Kraft nötig. Wenn Ihr den Unlebenden in der Nähe lösen könntet, würde das gleich um ein Vielfaches leichter werden.“

Salmin klingt dabei sehr enthusiastisch.

„Dann wissen wir, was zu tun ist, danke.“ Mit Stolz zieht sich die Seele in ihr Riaberan zurück.

Edwin benutzt wieder seine Erdmagie und lässt eine Erdwelle in Richtung des Zornesfeldes gleiten, um zu fühlen, wo sich der Körper das Unlebenden befindet. Leicht zu finden ist der Körper nicht, der Unlebende ist halb in der Erde versunken und von Wurzeln und Ranken umschlossen, als wäre er Teil der Natur. Nachdem die beiden nun wissen, wo sich der Körper befindet, ist es jetzt an Erwin, ihn zu lösen. Er streckt den linken Arm aus und seine Seelenhand kommt aus seiner physischen Hand herausgefahren. Nun spürt Erwin auch die impulsartigen Stöße vom Zornesfeld, die seine geisterhafte Hand immer wieder zurückstoßen. Wie eine Schlange windet sich die Seelenhand nach vorne Richtung Zentrum des Zornesfeldes. Wegen des Gegenwindes ist es für Erwin sehr viel schwerer, zum Unlebenden zu kommen. Immer wieder wird von den Impulsen etwas Nebel der geisterhaften Hand weggedrückt. Doch die Hand kann nicht einfach irgendetwas greifen und sich ausruhen, da das nächste Seelenhafte in der Nähe erst der Unlebende im Zentrum der Impulswelle ist. Es braucht eine ganze Weile und kostet viel Konzentration von Erwin, sich des Zornes zu erwehren und die Seelenhand zum Unlebenden zu bewegen. Die Anstrengung und Konzentration schwächen Erwin gegenüber dem pulsierenden Zorn.

„Wo ist dieser vermaledeite Körper! Versteckt er sich absichtlich?!“, brüllt Erwin frustriert. Ihm läuft der Schweiß von der Stirn, da er keine Pause machen kann und sich der geistige Stress auch körperlich bemerkbar macht. Er bekommt Kopfschmerzen, seine Muskeln verkrampfen sich und die Glieder fangen an, weh zu tun. So hat das Zornesfeld leichtes Spiel mit ihm und er zwingt sich immer weiter Richtung Zentrum des Zornesfeldes mit seiner Seelenhand.

„Ich finde dich schon noch und dann reiße ich dich heraus! Du wirst schon sehen!“, brüllt er wieder und nach weiteren Strapazen kommt die Hand am Körper an. Die geisterhafte Hand von Erwin kann sich dann an der schlafenden Seele im Körper des Unlebenden festhalten und wird nicht mehr so leicht vom Impuls zurückgeworfen. So kann Erwin ein wenig durchatmen und entspannen, bis er sich wieder soweit konzentrieren kann, um die Seele aus dem Körper zu ziehen.

Das entpuppt sich auch nicht direkt als leichte Aufgabe. Erwin zieht, zerrt und hebelt mit der Geisterhand an der Seele im Körper, um sie von diesem zu lösen. Als die Seele nicht gleich aus dem Körper herauskommt und Erwin sich auf die Lösung konzentriert, zerrt das Zornesfeld wieder an seinen Nerven. Er wird ungeduldig und hastig und fängt an, ruckartig an der Seele zu ziehen.

„Komm jetzt heraus! Oder gefällt es dir hier etwa so gut?! Heute nehme ich dich mit!“, brüllt er wieder und braucht alle Konzentration und Erfahrung, die er als Löser hat, um Erfolg zu haben, aber der Zorn lässt ihn von Moment zu Moment der Seele gegenüber rücksichtloser werden. Schließlich löst sich die Seele mit einem Ruck aus dem Körper heraus. Im ersten Augenblick schwebt die Seele unkontrolliert umher und gleitet auch durch den roten Orb, der das Zentrum des Zornesfeldes darstellt. Das können die Brüder von ihrer Position nicht sehen, denn die Hand geht durch die fingerartigen Bäume. Der Seelensammler hält die Seele an der Schulter fest in seiner geisterhaften Hand, als er diese zurück zu sich zieht. Es sieht aus, als würde ein Seil zurück auf die Winde gezogen werden, bis die Seele direkt vor ihm schwebt, immer noch in seinem Griff. Etwas ist im ersten Moment seltsam mit der geisterhaften Gestalt, doch die Brüder wollen nicht noch mehr Zeit in der Nähe dieses Zornesfeldes verbringen. Die Seele wird kurzerhand in ein Riaberan gepackt. Dann gehen die Zwillinge denselben Weg zurück, den sie gekommen sind, bis sie wieder vor dem Wald stehen und sich zurück zum Weg orientieren. Erst als sie wieder auf Kies stehen, legen sie sich rücklings auf den Boden, schließen die Augen und lassen die zornerfüllten Gedanken weichen.

Sie verdrängen den Zorn mit angenehmen Gedanken mit Erinnerungen an fröhliche Abende, Feiern mit Freunden und Spaß auf Festen. Erst als ihre Herzen sich wieder beruhigt haben, stehen sie auf und gehen den Weg in die Stadt Oradi zurück.

Der Himmel ist orange und die Sonne geht gerade unter, als sie zurück in der Stadt sind. Die Brüder wollen gleich zum Bürgermeister Hadien, um ihm von ihrem Erlebnis zu berichten. Am Amtshaus angekommen, kommt ihnen der Bürgermeister auch schon entgegen.

„Verzeiht, werte Löser, doch ich muss noch dringend zu einer Besichtigung. Geht bitte zu Rogu, er wird Euch die Luxon für den Tag geben“, gibt er den beiden kurz angebunden zu verstehen und geht dann weiter. Die Zwillinge gehen zur Tür und Rogu lässt sie hinein. Er händigt ihnen die 15 Luxon für den Tag auf Bereitschaft aus und bittet sie, den Bürgermeister morgen noch mal aufzusuchen.

Den Brüdern soll das ganz recht sein, doch haben sie den restlichen Tag nichts mehr zu tun. So haben sie noch viel Zeit, mit der sie nicht viel anzufangen wissen. Üblicherweise sind sie immer beschäftigt und unterwegs. Anstatt jetzt nichts mehr zu tun, beschließen die beiden, sich der Seele anzunehmen, die sie im Wald mitgenommen haben. Die Zwillinge kennen in der Stadt nur einen Ort, an dem sie allein und ungestört sind. So machen sie sich gleich auf zur Unlebenwacht.

In der leeren Unlebenwacht angekommen, ist es inzwischen dunkel geworden. So erschafft Edwin eine Flamme in seiner Handfläche. Seine Hand verbrennt nicht, da das Feuer den Brennstoff aus der magischen Kraft bezieht, die er aus seiner Handfläche ausströmen lässt. Nachdem die Brüder nun Licht haben, beschwört Erwin die Seele aus dem Wald aus ihren Riaberan. Diese Seele kommt nicht in dampfendem, geisterhaftem Nebel aus dem Gefäß, sondern schlängelt sich heraus und wird immer größer. Nun sehen die Zwillinge auch, was ihnen schon anfangs im Wald seltsam vorgekommen ist. Diese Seele ist im Gegensatz zu anderen Seelen vollkommen, nicht nur eine Büste. Es ist alles da, Kopf, Torso, Arme und Beine. Das Geschlecht der Seele ist wie bei allen anderen nicht zu ermitteln, da Seelen keine Haare und keine Geschlechtsteile haben. Erwin versucht, mit der geisterhaften Gestalt vor ihm zu reden.

„Sei gegrüßt, wie ist dein Name?“ Erwin fragt laut und deutlich, doch die geisterhafte Gestalt sieht nur auf ihn herab.

„Verstehst du mich? Kannst du sprechen?“, fragt er weiter, doch es kommt keine Reaktion. Die Seele schwebt und beobachtet die beiden einfach nur. Die Zwillinge kratzen sich an den Köpfen und wissen nicht recht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Bisher konnten sie mit jeder Seele, die sie lösen konnten, auch sprechen.

Während die Brüder noch überlegen, wie sie sich verständigen sollen, bemerken sie, wie sich die Seele im Raum umsieht und sich selbst auf die Hände schaut.

„Bist du dir deiner Existenz bewusst? Jetzt bist du eine Seele, du bist sehr lange Zeit ein Unlebender inmitten eines Zornesfeldes gewesen“, sagt Erwin, als er merkt, dass sich die Seele ihres Zustandes möglicherweise gar nicht bewusst ist.

„Dieses … Gefühl … ist seltsam … ich erinnere mich … an nichts. Ich fühle … etwas … doch ich … kann nicht sagen … was es ist“, antwortet die Seele plötzlich. Leider wissen die beiden Löser mit der Aussage nichts anzufangen. Doch sind sie froh, sich mit der Seele verständigen zu können.

„Du warst vermutlich eine sehr lange Zeit in diesem Wald und unter einem Zornesfeld, das die ganze Zeit pulsiert hat. Das würde an niemandem spurlos vorübergehen, es könnte deinen Verstand beeinflusst haben. Deine Erscheinung und dein Verhalten sind untypisch, hast du eine Erklärung dafür? Du kannst dich vielleicht nicht an alles erinnern, doch vielleicht an einzelne Dinge?“, fragt der Seelensammler hektisch nach, der, da er nun ein Gespräch mit der Seele hat, auch Antworten erwartet.

„Mir … fällt es schwer, … meine Gedanken … zu ordnen. Doch … ich verstehe …, dass es sich … um besondere Umstände … handeln muss“, bekommt er nur schwerfällig zurück. Seine Neugier ist zwar nicht befriedigt, aber dennoch stimmt ihn der allgemeine Fortschritt zufrieden.

„Gut lassen wir uns Zeit, ruh dich noch etwas aus und sammle deine Gedanken. Vielleicht finden wir jemanden, der dir helfen kann“, schlägt Erwin vor und nachdem die Seele genickt hat, beendet der Löser die Beschwörung. Die Seele wird kleiner und verschwindet im Riaberan.

Die beiden Brüder atmen tief durch. Sie hatten selten so ein mulmiges Gefühl bei einer Beschwörung wie in dem Fall. Die Löser hatten schon einige ungewöhnliche Erlebnisse auf ihren Reisen, doch so viele seltsame Vorkommnisse überfordern selbst die beiden erfahrenen Brüder.

Mit mehr Fragen als Antworten verlassen die Löser die Unlebenwacht. Da es zwar dunkel, aber nicht allzu spät ist, beschließen die Brüder, wieder in das Heiler- und Pflegehaus zu gehen. Dort lassen sie sich waschen und ihre Kleidung reinigen. Als sie fertig sind, sind sogar die Erlebnisse nahe des Zornesfeldes eine ferne Erinnerung. Ihre letzte Station für den Tag ist wie die Tage davor das Gasthaus und ihre üblichen Zimmer. Der Wirt gibt den beiden zu verstehen, dass er diese schon dauerhaft für sie bereithält. Denn seit ihrem ersten Abend hier war ihm klar, dass die Brüder samt ihrer Lösungsarbeit hier gebraucht werden. Geschmeichelt, doch erschöpft gehen die beiden wieder auf ihre Zimmer und kriechen in ihre Betten.

Durchdringendes Licht

***

Wie die Tage zuvor beginnt der Tag für die Brüder im Laufe des Vormittags. Die Straßen sind bereits belebt und die Sonne ist auf einem guten Weg in Richtung ihres Höchststands. Noch frisch vom Bad am Vorabend und gut gelaunt kommen die beiden Brüder in die Schankstube und frühstücken. Nach dem Essen und der Bezahlung der Zimmer verlassen die beiden das Gasthaus. Wieder führt ihr Weg sie zum Amtshaus des Bürgermeisters. Rogu begrüßt sie an der Tür und bringt sie auch gleich zum Bürgermeister, wo sie wieder freudig empfangen werden.

„Ah, ich habe Euch schon erwartet. Verzeiht, dass wir gestern nicht mehr reden konnten, werte Löser. Es gab ein seltsames Vorkommnis außerhalb der Stadt und ich musste mir das eiligst ansehen. Doch zu Eurem Unterfangen, Ihr wolltet ja zum Zornesfeld. Habt Ihr dort etwas ausrichten können?“, berichtet und fragt der Bürgermeister ungestüm, bevor die beiden Löser überhaupt zurückgrüßen können.

„Nun, ja, tatsächlich konnten wir etwas ausrichten. Wie wir dachten, konnte uns die Seele Salmin bei der Aufklärung der Umstände helfen. Dieses Zornesfeld war so stark, weil mehrere Ursachen zusammengekommen sind. Erstens war die Quelle dieses Feldes direkt in zwei Arkanen Strömen, die sich gekreuzt haben, und gleichzeitig war ein Unlebender direkt darunter“, berichten die Löser, woraufhin der Lichtmago Hadien aufgeregt aus seinem Stuhl springt und mehr hören will.

„Das ist ja unglaublich! Was habt Ihr dann gemacht?“ Seine Stimme überschlägt sich bei der Frage.

„Natürlich das, was wir am besten können. Wir haben eine Lösung an dem Unlebenden durchgeführt. Es war weitaus schwerer als normalerweise, doch sie war erfolgreich. Ihr könntet nun versuchen, zum Zornesfeld zu gehen und dieses zu entkräften.“ Die beiden grinsen selbstsicher, als sie ihm antworten.

„Fabelhaft, wenn Ihr denkt, dass das Zornesfeld nun einfacher zu entkräften ist, dann werde ich es bei nächster Gelegenheit versuchen. Ah ja, und wie geht es der Seele, die Ihr aus dem Zornesfeld befreien konntet?“ Bürgermeister Hadien wirkt zufrieden, fast schon euphorisch.

„Nun, die Seele. Wir haben sie erst wieder in der Unlebenwacht beschworen. Diese Seele ist sehr speziell … sehr widerstandsfähig, doch leider auch verwirrt und ohne Erinnerungen. Vielleicht wollt Ihr sie als Lichtmagi mal durchleuchten? Vielleicht fällt Euch etwas an ihr auf.“

Den Lösern fällt momentan nichts Besseres ein, als sich an einen Lichtmagi zu wenden.

„Gut, das kann nicht schaden. Dann will ich mir die Seele ansehen.“ Erwin holt das passende Riaberan hervorholt und beschwört die Seele darin.

Die unbekannte Seele steigt wieder rauchlos aus ihrem Gefäß, indem diese immer größer wird.

„Oh. Nun, ich bin kein Löser und bekomme nicht allzu viele Seelen zu Gesicht. Jedoch kenne dieses Phänomen selbst ich. So sehen Seelen aus, die mit einem Gefühlsfeld in Kontakt gekommen sind. Das passiert, wenn ein Elementarist eine Seele löst, diese nicht beruhigt werden kann und ein Gefühlsfeld erzeugt. Sie werden unempfindlich dem Arkanen Netzwerk gegenüber, so hat es mir unser früherer Elementarist erklärt. Dann musste ich üblicherweise antreten, um das Gefühlsfeld und den Einfluss auf die Seele darauf zu entkräften.“ Die Brüder sind sichtlich erleichtert, zu erfahren, was es mit der aus ihrer Sicht fremdartigen Erscheinung auf sich hat.

„Seltsam, dass bei uns noch nie so ein Fall aufgetreten ist. Doch abgesehen davon ist diese Seele nicht sehr gesprächig und erinnert sich kaum an das vorherige Leben. Ist das immer so?“

Die Löser wollen sich weiter informieren, da sie keine Erfahrung mit einer solchen Situation haben und nicht mit dieser umzugehen wissen.

„Nein, das absolut nicht. Für gewöhnlich benehmen sich die Seelen dem Gefühlsfeld entsprechend. Sie baden in Selbstmitleid bei Verzweiflung, geben anderen die Schuld bei Hochmut oder toben vor Wut bei Zorn. Nur um kurze Beispiele zu nennen. Seltsam hieran ist aber, dass das Gefühlsfeld fehlt. Die Seele ist schon länger vom Einfluss des Zornesfeldes befreit und wird trotzdem nicht vom Arkanen Netzwerk beeinflusst.“

Die Löser hören aufmerksam zu und versuchen, eine Erklärung in den Ausführungen des Lichtmagi zu finden. Leider können sie nicht für alles eine befriedigende Begründung finden.

„Ich könnte versuchen, die Seele zu durchblicken. Vielleicht finde ich den Grund für die Widerstandskraft dem Arkanen Netzwerk gegenüber.“

Die Löser stimmen zu und treten einen Schritt zurück. Der Lichtmagi wendet sich zur Seele, nimmt einen tiefen Atemzug und schließt die Augen. Einen Moment später öffnet er beim langsamen Ausatmen die Augen wieder. Nun leuchten diese gelb wie zwei kleine Sonnen. Mit seinen leuchtenden Augen schaut der Lichtmagi an der Seele vor ihm hinauf. Auf der Seele bilden sich zwei gelbe Flecken an den Stellen ab, die Hadien gerade ansieht.

„Ich sehe rein gar nichts. Als würde ich in einen leeren Raum hineinblicken.“ Dann schaut Hadien direkt vor sich, schreit auf und schließt die Augen.

„Aaarg! Das war hell! Ich habe mich gerade selbst geblendet!“

Die Brüder gehen besorgt zu Hadien und halten ihn, damit er nicht sein Gleichgewicht verliert und stürzt. Der Lichtmagi braucht einige Sekunden, öffnet die Augen, reibt sie sich noch mal und öffnet sie noch mal.

„Es geht schon wieder. Wie es scheint, konnte ich die Seele nicht mit meinem Blick durchdringen. Die Oberfläche der Seele hat meinen Blick die ganze Zeit reflektiert.“

Lichtmagi Hadien wirkt nun wieder ruhig nach der versehentlichen Selbstblendung.

„Das ist mir wiederum noch nie passiert. Nun zumindest, dass ich mich selbst geblendet habe. Dass körperlose Seelen lichtbrechende Eigenschaften entwickeln können, wusste ich. Das ist bisher ein oder zwei Mal passiert. Diese Seelen waren aber sehr willensstark.“

Die beiden Löser sehen fasziniert von der Erklärung zu der schwebenden Seele vor ihnen.

„Wer bist du?“, fragt Erwin noch mal die ausdruckslose, auf ihn herabblickende Gestalt vor ihm, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten.

„Ich bin Reavaer, ich beobachte und bin hier fertig.“ Nach der unverhofften Antwort zieht sich die Seele wieder in ihr Riaberan zurück und lässt die verdutzten Löser und den Lichtmagi zurück.

„Warum …? Wie …? WAAS?!“, ruft Erwin, erstaunt wegen der plötzlichen Bereitschaft der Seele, sich mitzuteilen. Er will die Seele gleich wieder beschwören und legt seine drei Finger an das Gefäß. Doch die Seele kommt nicht heraus.

„Wie ist das möglich? Die Seele kommt nicht auf meine Anweisung heraus. Sie hat einen so starken Willen, dass sie sich meiner Magie widersetzen kann! Unfassbar!“

Erwin atmet panisch und ist dabei, die Fassung zu verlieren. Dann tritt Lichtmagi Hadien neben ihn und setzt wieder seinen durchdringenden Blick ein.

„Beruhigt Euch, werter Seelensammler. So viele Fragen auf einmal sind nicht gut für den Geist.“

Sein Blick lässt ihn die Gedanken erkennen, die in Erwin umherschwirren und auf die er keine Antwort hat. Die Augen des Lichtmagi leuchten auf den Kopf von Erwin und hinterlassen zwei leuchtende Flecken auf diesem. Durch diese Flecken kann Hadien die Gedanken von Erwin sehen, die ihm in diesem Moment durch den Kopf gehen, und diese sind kein schöner Anblick. Die Gedanken rasen hindurch und sie sind sehr deutlich. Das hat zur Folge, dass der Körper von Erwin verspannt und verkrampft. Nun benutzt Lichtmagi Hadien zusätzlich zu seinem durchdringenden Blick auch seine Entkräftigungsmagie und starrt direkt in die Gedanken von Erwin. Die Bilder hören langsam auf zu rasen, wechseln immer langsamer und werden blasser. Folglich entspannt sich auch der Körper des Lösers. Erwin nimmt schließlich einen tiefen Atemzug und ist dann wieder tiefenentspannt. Daraufhin hört Hadien auch auf, seine Lichtmagie an Erwin zu benutzen.

„Habt Dank, Bürgermeister, dieser panische Zustand war nicht sehr angenehm. Ich wollte zwar unbedingt eine Antwort, doch diese Art, zu denken, hätte mir keine gebracht.“

Erwin bedankt sich ehrlich bei dem Lichtmagi und auch Edwin atmet auf, denn er hätte nicht gewusst, was er tun sollte. Er hatte seinen Bruder vorher noch nie so fassungslos gesehen, nicht mal in der Nähe von Gefühlsfeldern.

„Diese Seele hat Euch wirklich Angst gemacht, nicht wahr? Als Ihr keine Antworten finden konntet, haben sich Eure Gedanken nur darum gedreht, wie Ihr dieser entfliehen oder sie loswerden könnt.

Hadien sieht die Angst im Gesicht des Seelensammler noch immer.

„Da habt Ihr wohl recht. Edwin und ich sind schon unser halbes Leben auf Reisen und wir sind auf fast alle Gefahren vorbereitet, die uns auf unseren Wegen begegnen könnten. Doch so eine Seele und so ein Verhalten derselben habe ich noch nie erlebt und war auch dementsprechend nicht vorbereitet. Glücklicherweise hat mir die Seele keine Probleme gemacht, bevor ich das alles über sie wusste. Sonst wäre ich wohl verzweifelt.“ Erwin bekommt eine Gänsehaut, als er dem Lichtmagi Hadien seine Sorgen erklärt.

„Eure Reaktion war wohl etwas heftig, aber nachvollziehbar. Doch hattet Ihr auch Glück, dass Ihr einen Lichtmagi in der Nähe hattet, der Eure Gefühle entkräften konnte. Anderenfalls hätte Euch Eure Angst verschlingen können. Und ein Angstfeld mitten im Amtshaus wäre sehr unangenehm.“

Hadien muss selbst über seinen stark untertriebenen Kommentar grinsen.

„Jawohl, da hatten wir wohl alle noch mal Glück.“

Die drei Magonar im Raum lachen lauthals über die Erleichterung, dass alles gut ausgegangen ist.

„Doch im Ernst, wegen der Seele können wir momentan nichts machen. Dann lassen wir ihr ihren Willen und warten, bis sie sich bei uns meldet“, beschließt Erwin dann an die beiden anderen gewandt.

„Lasst uns vorerst das Thema wechseln. Ihr wart gestern so kurz angebunden, als wir zurück in die Stadt kamen. Was war denn so dringend?“ Edwin erhebt das Wort und wendet sich fragend an den Bürgermeister.

„Ah richtig, ich dachte mir schon, dass Ihr wissen wollt, was los war. Die Sache ist nur, dass der Grund, warum ich dort so dringend dorthin musste, nicht so spektakulär war, wie es sich anfangs angehört hat.“

Der Bürgermeister wird kurz still und muss überlegen.

„Ein Jäger hatte mir vor zwei Tagen berichtet, dass er bei einem Streifzug von einem Stier überrascht wurde. Der Stier hat angegriffen und der Jäger hat sich auch verteidigt, konnte den Stier aber nicht besiegen. So flüchtete er, doch nach einem verheerenden Angriff des Stieres gegen eine Steinwand sah der Jäger, dass eine Art Höhleneingang freigelegt wurde. Von diesem Höhleneingang hat er mir gleich berichtet, als er zurück war. Nur war ich bis gestern so beschäftigt, dass ich keine Zeit hatte, mir das anzusehen. Als ich dann dort war, stellte ich fest, dass es zwar ein Eingang ist, doch dieser ist wegen des Angriffs des Stieres oder auch vorher schon nach einigen Schritten komplett verschüttet. Also habe ich nicht weiter nachgesehen.“ Hadien erzählt ausführlich und wild gestikulierend, als würde er eine Abenteuergeschichte vor Publikum vortragen.

„Dann könnten wir uns das auch wieder ansehen. Mit Elementarmagie könnte ich den Gang freilegen und wir schauen, was im Inneren der Höhle ist. Wir haben gestern schon eine schwierige Aufgabe bewältigen können. Es sei denn, unsere Lösungsfähigkeiten werden in der Stadt benötigt. Das geht natürlich vor.“ Edwin klingt voller Tatendrang.

„Ihr beiden seid wahrlich Glücksbringer. Nicht nur, dass wir keine Fälle von Unleben in der Stadt hatten, seitdem Ihr hier seid, auch hattet Ihr Erfolg beim Zornesfeld. Ich habe fast das Gefühl, Euch würde alles gelingen, was Ihr anfangt.“ Hadien lobt die beiden Löser begeistert. Seine Bewunderung und seine Dankbarkeit für die Zwillingsbrüder sind deutlich raus zu hören.

„Und ich werde mich währenddessen um das Zornesfeld kümmern. Doch bevor wir uns aufteilen, lasst mich die Stelle des Höhleneingangs markieren“, fügt Hadien noch hinzu und hinterlässt wieder einen leuchtenden Punkt auf der Karte der Brüder. Da alle nun ihre Aufgaben haben, verabschieden sie sich.

Die Zwillinge verlassen das Amtshaus des Bürgermeisters. Die beiden wollen keine Zeit verlieren, sie sind voller Tatendrang und motiviert vom gestrigen Erfolg und von der Ansprache des Bürgermeisters.

Noch einen Blick auf die Karte werfend stellen sie fest, dass die Höhle sich in einer ganz anderen Richtung befindet als das Zornesfeld gestern. So zerschlägt sich ihre Theorie, dass diese Ereignisse irgendwie miteinander zu tun haben könnten.

Am Stadttor angekommen, planen die Brüder den Weg zu ihrem Ziel. Zwischen der Stadt und dem Höhleneingang liegen mehrere Wälder. Für den Jäger, der den Höhleneingang entdeckt hat, wäre das eine kurze Reise. Doch die beiden haben es nicht eilig, ihr Motto ist: Wer Zeit hat, reist entspannter.

Die Zwillinge beschließen, die Wälder und somit die Gefahren zu umgehen. Deshalb wird es für sie wohl ein halber Tagesmarsch werden, nur um dorthin zu kommen.

Keine Ruine, doch auch kein Zuhause

***

Am späten Nachmittag kommen die Brüder an der Steinwand an. Schnell haben sie den besagten Höhleneingang gefunden. Dieser sieht künstlich geschaffen aus. Der Eingang ist symmetrisch und oben abgerundet. Es sieht nicht wie eine Mine für Rialit-Erz aus, sondern wie ein Torbogen. Als sie hineingehen, sind auch die Wände alle glatt. Es sieht aus wie ein Tunnel, der durch den Berg führen soll. Doch man kommt nicht weit, da der Gang, wie der Bürgermeister berichtet hat, eingestürzt ist.

„Tja, der Gang ist dicht. Der Jäger und der Bürgermeister haben nicht übertrieben. Eine Schande, der Eingang ist so schön und gleichmäßig bearbeitet, die Wände sind alle glatt und dann so ein dicker Geröllhaufen mitten auf dem Weg. Jemand hat sich Mühe gegeben, diesen Tunnel zu bauen, und dann wird dieser verschüttet.“ Edwin analysiert die Handwerksarbeit an dem Eingang und den Wänden und seufzt missmutig wegen der Verwüstung.

„Die Wände sehen aus wie aus einem Schnitt. Jemandem ist diese Höhle sehr wichtig, kann es sein, dass jemand darin wohnt? Ist es vielleicht möglich, dass der Zugang absichtlich verschlossen ist?“, wirft Erwin ein.

„Hmm … Wohnen vielleicht nicht, denn es gäbe einfachere Arten, die Höhle zu verschließen. Doch vielleicht hat der Besitzer diese zurückgelassen. Irgendwann ist der Eingangsbereich dann eingestürzt. Vermutlich war der Angriff des Stieres der letzte Ruck, der die Decke zum endgültigen Einsturz brachte. Wie dem auch sei, die Frage ist jetzt, wie wir das Geröll wegbekommen“, äußert sich Edwin dann, als er die Decke sowie den äußeren Bereich nach den Spuren des Stieres untersucht.

„Wenn wir die Brocken nicht gerade mit den Händen einzeln wegtragen, dann kann ich dir kaum helfen.“ Erwin klingt dabei etwas kleinlaut und hofft, dass Edwin einen besseren Vorschlag für ihr Vorgehen hat.

„Das wäre schon eine Möglichkeit, den Gang frei zu bekommen. Aber ich denke, es wird auch leichter gehen. Beispielsweise könnten wir uns ein Tier suchen, das wir herlocken und gegen das Geröll rennen lassen. Das wäre allerdings auch sehr umständlich. In jedem Fall brauchen wir etwas, das Steine bewegen kann. Der Boden ist wie die Wände aus massivem Felsen, also ist bis auf Luft kein Element, das ich kontrollieren könnte, in direkten Kontakt mit den Brocken. Hmm Luft …“

Edwin denkt laut nach und starrt dabei die Felsen vor sich an.

„Das Einzige, was mir einfallen würde, wäre, wenn ich Luft so sehr zusammenpresse, bis genug Wumms zusammenkommt, um die Felsen weg zu sprengen. Das könnte aber den ganzen Tag dauern. Ich bin nicht spezialisiert auf Luft, ich kann sie gut kontrollieren, aber nicht in großen Mengen und auch nicht, wenn sie sich sonderlich wehrt. Doch ich denke, das ist das beste Vorgehen. Die Steine müssen Schicht für Schicht in Richtung Ausgang weg. Wenn die Steine mit einem Mal zur Hälfte nach innen fliegen, könnten sie etwas darin beschädigen.“

Edwin argumentiert mit sich selbst hin und her, bis sein Bruder ihm die Entscheidung abnimmt.

„Ja, das klingt wirklich nach einem Plan. Es müssen auch nicht alle Steine weg. Nur so viele, bis wir hineinkönnen“, argumentiert Erwin und beide werden sich einig.

Daraufhin legt Edwin los. Er faltet die Hände wieder vor sich mit angewinkelten Fingern, setzt seinen Mund zwischen beiden Daumen an und atmet sehr tief und langsam mit dem Mund zwischen den Daumen ein. Ein Teil der Luft bleibt zwischen seinen Händen, er fängt sie mit einer magischen Hülle ein. Dann atmet er wieder aus und fängt die Luft, die wieder aus der Lunge kommt, ebenfalls in seinen Händen. Der Luftdruck will die Hände auseinander drücken, doch Edwin presst sie in ein enges Gefängnis. Das Ganze wiederholt er ein zweites Mal, doch danach kann er nicht noch mehr Luft sammeln. Er öffnet seine Hände und darin befindet sich die komprimierte Luft in einer faustgroßen Kugel. Die Luft darin ist so zusammengepresst, dass man es in der Kugel sogar blitzen sieht.

Nach der Anstrengung muss Edwin wieder etwas durchatmen. Er geht zum Geröll und drückt die Kugel durch die Spalten der Steine, bis diese hinter der zweiten Reihe von Steinen verschwindet. Die Brüder gehen in einigen Abstand zum Höhleneingang in Deckung. Edwin schnippt mit dem Finger, die magische Haut der Kugel verschwindet und die darin enthaltene Luft entfaltet sich schlagartig. Das erzeugt eine starke Druckwelle, die einige dicke Brocken vom Steinhaufen aus der Höhle schleudert.

Vorsichtig schauen die Zwillinge in den Höhleneingang, nachdem sich der Staub gelegt hat. Die Druckwelle hat einige haltende Steine herausgeschleudert, woraufhin die oberste Schicht nach unten abgerutscht ist. Der Geröllberg ist jetzt nur halb so hoch. Es wäre möglich, den Steinberg nun zu überklettern, doch es wäre sehr unsicher und anstrengend. Edwin wiederholt den Pump-Vorgang und schafft wieder eine Kugel mit komprimierter Luft. Diese versenkt er wieder unter zwei Schichten Steinen und geht mit seinem Bruder in Deckung. Mit einem Fingerschnippen wird erneut eine Druckwelle losgelassen, die wieder eine Menge Steine aus dem Höhleneingang befördert. Als die Brüder nachsehen, ist der Gang passierbar, doch es liegen überall noch einzelne Brocken herum. Diese will Edwin auch noch wegräumen, bevor die beiden die Höhle betreten. Dazu richtet er seine offene Hand auf den Boden. Seine Hand fängt an, bräunlich zu schimmern. Edwin hebt seine Hand dann auf Kopfhöhe und die Erde neben ihm steigt auf zu einem Hügel. Der Erdhaufen neben Edwin reicht soweit hinauf, wie er die Hand hochhält. Er streckt abrupt den Arm nach vorne aus und der Erdhaufen bewegt sich in einer Welle in die Richtung, in die Edwins Hand zeigt. Die Erdwelle fährt in die Höhle über die einzeln verteilten Steine und Steinsplitter und legt sich auf den ganzen Eingangsbereich. Edwin zieht seinen Arm zurück, die Erde in der Höhle reagiert und fährt am Boden wieder aus der Höhle. Dabei verschlingt sie alle Brocken und Splitter und nimmt sie mit aus der Höhle. Die Erde aus der Höhle sowie die gesamten Steine darin gleiten zurück in den Boden. Schließlich bleibt keine Spur mehr von der Erde und im Gang liegen nur noch vereinzelte Steinbrocken, welche die Erde nicht mitreißen konnte.

Die Zwillinge betreten den nun freigelegten Gang. Sie achten auf die Decke. Da diese bereits einmal eingestürzt ist, ist sie sehr unregelmäßig und instabil.

„Wenn die Decke wieder einstürzt, während wir hier drin sind, haben wir ein Problem. Lass mich das Ganze stabilisieren, bevor wir hineingehen, es läuft uns ja nicht davon“, schlägt Edwin vor, woraufhin Erwin ihm nur zunickt und wieder hinausgeht, um nicht im Weg zu stehen.

Edwin nimmt einen faustgroßen Stein vom Boden und hält ihn in der linken Hand. Er legt dann noch seine rechte Hand auf den Stein und wirkt feurige Hitzemagie auf den Stein von oben und unten. Die Handflächen glühen rot und übertragen die Hitze auf den Stein. Nach einer Weile fängt der Stein selbst an zu glühen und wird dann weich und formbar. Edwin spürt die Hitze nicht, da seine eigene Magie seinen natürlichen Magieschutz nicht durchdringen kann. Edwin verteilt den formbaren Stein wie ein Teigstück in beiden Händen. Nun hält Edwin in jeder Hand einen Klumpen weichen, glühenden Gesteins und wirft beide fast gleichzeitig nach oben in den instabilen Bereich, der früher die Decke war. Noch bevor die Klumpen eine Gelegenheit haben, sich abzukühlen, konzentriert sich Edwin auf die Hitze über ihm. Er schafft aus der Ferne eine Verbindung mit den heißen Punkten an der Decke und lässt mehr magische Kraft dorthin fließen. Die heißen Punkte werden noch heißer und breiten sich über den ganzen Deckenbereich aus. Das Gestein glüht, tropft aber nicht hinunter. Stattdessen verschmilzt das Gestein, Risse werden geschlossen und alles wird geglättet. Als eine gewisse Gleichmäßigkeit in der Decke erreicht ist, hört Edwin auf, magische Kraft zu übertragen, und die Decke fängt an, sich abzukühlen. „So gut wie neu“, ruft Edwin hinaus, um seinem Bruder zu signalisieren, dass er fertig ist. Erwin betritt den immer noch heißen Gang, denn auch wenn die Steine nicht mehr glühend leuchten, strahlen sie sehr viel Hitze ab. Doch auch Erwin macht es nichts aus, sein Magieschutz ist mindestens genauso gut wie der seines Bruders.

„Sieht gut aus, das wird halten“, bemerkt Erwin nur kurz und nachdem die Höhle nun gesichert ist, steigt in beiden wieder die Neugier darauf, was sich denn nun in der Höhle befinden könnte.

Die Zwillinge gehen weiter. Bis auf den Eingang vorher ist der Weg frei und unbeschädigt. Noch bevor es ganz dunkel wird, sehen die Brüder auch schon einen Schimmer am Ende des Tunnels. Sie betreten einen großen, runden Raum, die solide Steindecke ist wie eine Kuppel abgerundet. Man erkennt die Form des Raumes sehr leicht, denn an der Decke der Kuppel wird pausenlos ein grüner Schimmer projiziert. Es sieht so aus, als ob sich bewegendes grünes Wasser angestrahlt und das Licht dann auf die Wände reflektiert wird. Die Quelle des Schimmers an der Decke ist schnell ausgemacht: ein etwa kürbisgroßer, kugelrunder Orb, eingefasst in einer Schale auf einer hüfthohen Säule. Die Oberfläche des Orbs ist glatt, doch unter der Oberfläche bewegt es sich wellen- und wirbelartig und darunter leuchtet der Kern weiß durch die grünen Wellen und Wirbel.

„So etwas habe ich noch nie gesehen. Es sieht ein wenig so aus wie die Quelle eines Gefühlsfeldes. Doch naja, das Gefühlsfeld fehlt.“

Erwin äußert seine Gedanken zu dem merkwürdigen Artefakt, das sie gerade entdeckt haben.

„Es sieht wichtig aus. Wie es präsentiert ist und wie fein die Säule gearbeitet ist, auf der es liegt.“

Edwin bewundert die präzise handwerkliche Arbeit in dem Raum.

„Nun ja, die Frage ist: Was macht das Ding? Auf den ersten Blick hat es keinen Einfluss auf die Umgebung. Das Merkwürdigste ist jedoch, dass es präsentiert ist wie ein Schatz, als ob es mitgenommen werden will. Doch es könnte auch eine Falle sein.“

Erwin denkt laut hin und her, betrachtet die leuchtende Kugel aus mehreren Richtungen.

„Wie dem auch sei, entscheidend ist jetzt, was wir tun. Sollen wir selbst herausfinden, was es damit auf sich hat? Oder sollen wir uns vielleicht Hilfe holen? Möglicherweise einen Lichtmagi?“, fährt Erwin fort, während Edwin immer noch grübelnd ein paar Schritte von dem Orb entfernt steht.

„Das Teil ist mir nicht geheuer, wir sollten es anfangs aus der Entfernung studieren“, schlägt Edwin vor. Erwin nickt und geht zurück an die Seite seines Bruders. Typisch für Maginar testen sie unbekannte Objekte instinktiv mit ihrer Magie. Edwin streckt seinen rechten Arm aus und hält seine Handfläche dem Orb entgegen. Er konzentriert seine magische Kraft auf die Kugel und versucht, die Kontrolle über alle vier Elemente auf selbiger zu erlangen.

„Nichts. Es sind keine Elemente in der Kugel, die ich kontrollieren kann. Dann sehen wir mal, wie es von außen auf Elemente reagiert“, berichtet Edwin über seinen Versuch und setzt auch schon zum nächsten Versuch an, mehr über das Artefakt heraus zu finden.

Diesmal hält Edwin seine Handfläche nach oben und über seiner Hand bildet sich ein Luftwirbel. Der Luftwirbel wird immer länger, bis er so lang ist wie sein Unterarm. Edwin wendet seine Handfläche wieder Richtung Orb, die eine Seite des Luftwirbels bleibt in Verbindung zu seiner Hand. Das obere Ende windet sich dann wie ein Wurm zum Orb. In dem Moment, als der Wirbelwind auf die Kugel trifft, destabilisiert sich der Wirbel und löst sich in alle Richtungen auf. Verdattert steht Edwin mit einem ungläubigen Gesichtsausdruck da.

„Ähh, was ist gerade passiert? Alles ging gut, bis ich kurz davor war. Dann konnte ich die Luft nicht mehr unter Kontrolle halten. So etwas ist mir mit dieser geringen Menge an Luft noch nie passiert.“

Edwin möchte sich fast schon dafür rechtfertigen, was passiert ist.

„Das ist etwas beängstigend, doch lass es uns weiter probieren“, fügt Edwin noch hinzu und will die anderen Elemente auch noch an dem Orb ausprobieren. Da es in der Höhle nichts anderes als Stein und Luft gibt, muss er hinauslaufen. Er kommt mit einem durch Magie in Form gehaltenen Klumpen Erde in der einen Hand und einem faustgroßen Wasserball in der anderen Hand zurück.

Die beiden halten einigen Abstand zu der leuchtenden Kugel, da sie nicht wissen, wie diese auf die verschiedenen Elemente reagieren wird. Als erstes wirft Edwin vorsichtig den Wasserball auf den Orb. Der Wasserball fliegt frontal auf den Orb zu und es sieht so aus, als ob dieser die Oberfläche des Orbs erreichen würde. In dem Moment, als der Wasserball auf der Oberfläche aufschlagen würde, wird er jedoch weggestoßen. Doch anstatt in alle Richtungen weg zu spritzen, zerstreut sich das Wasser zu vielen kleinen und großen Seifenblasen. Der Raum ist plötzlich voll mit Seifenblasen, die keine Seife enthalten und auch gleichmäßig in der Luft schweben. Die Brüder tippen einige von ihnen an, doch zerplatzen sie nicht, sie schweben einfach weg. Diese Reaktion auf das Wasser überrascht die Brüder, gibt jedoch keinen Aufschluss darauf, was es mit dem Orb auf sich hat.

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