Kitabı oku: «TANAR VON PELLUCIDAR»

Yazı tipi:

EDGAR RICE BURROUGHS

Tanar von Pellucidar

Dritter Band der PELLUCIDAR-Serie

Roman

Apex-Verlag

Impressum

Copyright 1929 © by Edgar Rice Burroughs.

Der Roman Tanar Of Pellucidar ist gemeinfrei.

Copyright dieser Ausgabe © by Apex-Verlag.

Übersetzung: Chris Bucher (OT: Tanar Of Pellucidar).

Lektorat: Dr. Birgit Rehberg.

Cover: Roy Krenkel/Christian Dörge/Apex-Graphixx.

Satz: Apex-Verlag.

Verlag: Apex-Verlag, Winthirstraße 11, 80639 München.

Verlags-Homepage: www.apex-verlag.de

E-Mail: webmaster@apex-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Das Buch

Der Autor

TANAR VON PELLUCIDAR

Prolog

Einführung

Kapitel 1: Stellara

Kapitel 2: Unglück

Kapitel 3: Amiocap

Kapitel 4: Letari

Kapitel 5: Der Tandor-Jäger

Kapitel 6: Die Insel der Liebe

Kapitel 7: »Korsaren!«

Kapitel 8: Mow

Kapitel 9: Liebe und Verrat

Kapitel 10: Verfolgung

Kapitel 11: Gura

Kapitel 12: »Ich hasse dich!«

Kapitel 13: Gefangene

Kapitel 14: Zwei Sonnen

Kapitel 15 : Wahnsinn

Kapitel 16: Die Dunkelheit dahinter

Kapitel 17: Runter ans Meer

Kapitel 18: Abschluss

Das Buch


Abner Perry schätzt, dass fünfzehn Jahre vergangen sind, seit er und David Innes Pellucidar entdeckt haben. Diese Schätzung ist allerdings ungenau, da David Innes etwas herausgefunden hat, das die Zeit in der Innenwelt außer Kraft setzt.

Abner Perry hat am inneren Greenwich und in der Hauptstadt des Reiches von Pellucidar Radiosender eingerichtet, um wichtige Meldungen schneller verbreiten zu können. Die Mahar-Reptilien und ihre Gorilla-ähnlichen Sagoths werden von einer fremden, wilden Rasse attackiert und sind aus den Grenzen ihres Reiches vertrieben worden. Auch das Königreich Thoria im Land der furchtbaren Schatten wird angegriffen. Beide Rassen erbitten Davids Hilfe, und er schickt Tanar aus, den Sohn von Ghak, um den Abzug der Invasoren zu verlangen. Mit zehntausend Kriegern, welche mit modernen Schusswaffen ausgerüstet wurden, folgt David Innes: Er will den Thorianern bei ihrem Kampf gegen die dunkelhäutigen, bärtigen Wilden beistehen...

Der Roman Tanar von Pellucidar erschien erstmals von März bis August 1929 als sechsteilige Fortsetzungs-Geschichte im The-Blue-Book-Magazin.

Der Apex-Verlag veröffentlicht Tanar von Pellucidar in der neuen deutschen Übersetzung von Chris Bucher.

Der Autor


Edgar Rice Burroughs - * 01. September 1875, † 19. März 1950.

Edgar Rice Burroughs war ein US-amerikanischer Schriftsteller, der bekannt wurde als Erzähler diverser Abenteuergeschichten, die sich vor allem dem frühen Fantasy- und Science-Fiction-Genre zuordnen lassen. Die bekanntesten von ihm eingeführten - und in der Folge von anderen in zahlreichen Filmen und Comics etablierten - Heldencharaktere sind Tarzan, John Carter, Carson Napier.

Der Sohn des Fabrikanten und Bürgerkriegsveteranen Major George Tyler Burroughs (1833–1913) und der Lehrerin Mary Evaline Zieger (1840–1920) verlebte nach dem Besuch mehrerer Privatschulen den Großteil seiner Jugend auf der Ranch seiner Brüder in Idaho.

Nach seinem Abschluss auf der Michigan Military Academy im Jahr 1895 trat Burroughs in die 7. US-Kavallerie ein. Als ein Armeearzt bei ihm einen Herzfehler diagnostizierte und er deshalb nicht Offizier werden konnte, verließ Burroughs die Armee vorzeitig im Jahr 1897 und arbeitete bis 1899 wieder auf der Ranch seines Bruders. Danach ging er zurück nach Chicago und arbeitete in der Firma seines Vaters.

Am 1. Januar 1900 heiratete Burroughs seine Jugendliebe Emma Centennia Hulbert. Das Paar bekam drei Kinder: Joan Burroughs Pierce (1908–1972), Hulbert Burroughs (1909–1991) und John Coleman Burroughs (1913–1979). Da die tägliche Routine in der Fabrik seines Vaters Burroughs nicht zufriedenstellte, verließ das Ehepaar 1904 Chicago, um abermals in Idaho zu leben. Mit seinen Brüdern, die inzwischen ihre Ranch aufgegeben hatten, versuchte er sich erfolglos als Goldgräber. Kurze Zeit später arbeitete er als Eisenbahnpolizist in Salt Lake City. Auch diesen Job gab Burroughs auf und zog mit seiner Frau wieder zurück nach Chicago, wo er eine Reihe Jobs annahm, unter anderem als Vertreter. 1911 investierte er sein letztes Geld in einer Handelsagentur für Bleistiftanspitzer und scheiterte.

Burroughs, der zu dieser Zeit an schweren Depressionen litt und, nach einigen seiner Biographen, an Selbstmord dachte, kam auf die Idee, eine Geschichte für ein Magazin zu schreiben, in dem er zuvor Anzeigen für seine Bleistiftanspitzer geschaltet hatte. Seine erste Erzählung Dejah Thoris, Princess of Mars (unter dem Pseudonym Normal Bean für das All-Story-Magazin von Thomas Metcalf geschrieben) wurde zwischen Februar und Juli 1912 als Fortsetzung veröffentlicht.

Metcalf hatte sein Pseudonym in Norman Bean geändert, und auch der Titel seiner Geschichte wurde zu Under the Moon of Mars abgewandelt. Auf Burroughs Beschwerde bezüglich der Änderungen, lenkte Metcalf ein und bot an, Burroughs nächste Geschichte unter seinem richtigen Namen zu drucken. Eine weitere Beschwerde Burroughs betraf den Zusatz For all Rights auf seinem Honorarscheck. Nach längerem Briefwechsel erreichte er, dass die 400 Dollar nur für den Erstabdruck galten.

Burroughs zweite Geschichte, The Outlaw of Torn, wurde jedoch von All-Story abgelehnt. Der große Erfolg kam mit Burroughs drittem Anlauf, Tarzan of the Apes.

Die Geschichte von Tarzan wurde ebenfalls 1912 von All-Story veröffentlicht. Burroughs schrieb in der Folgezeit immer wieder neue Tarzan-Geschichten und konnte sich - kaum zehn Jahre nach der Veröffentlichung von Tarzan of the Apes - ein riesiges Stück Land in der Nähe von Los Angeles kaufen. Selbst nach Burroughs Tod im Jahr 1950 erschienen weitere Tarzan-Geschichten. Das Landstück bei Los Angeles ist heute die Gemeinde Tarzana.

In den frühen 1930er Jahren wurde sein schriftstellerischer Erfolg allerdings immer mehr von privaten Problemen überschattet. 1934 ließ er sich scheiden und heiratete ein Jahr später Florence Dearholt. Doch schon 1942 wurde auch diese Ehe geschieden. Nach der Bombardierung von Pearl Harbor begab sich Burroughs 1941 als Kriegsreporter nach Hawaii. Nach dem Krieg kehrte er nach Kalifornien zurück, wo er, nach vielen gesundheitlichen Problemen, 1950 einem Herzanfall erlag.

In Burroughs Werk vermischen sich Science Fiction und Fantasy. Er etablierte Geschichten vor einem planetarischen Hintergrund in der Science Fiction. Dabei war Burroughs bewusst, dass seine Literatur bei den Kritikern nicht ankam. Er machte auch nie ein Hehl daraus, dass er schrieb, um Geld zu verdienen.

Die Helden seiner Romane und Erzählungen haben keine Alltagsprobleme. Bei den Charakterzeichnungen schwach, sprudeln Burroughs Geschichten über vor Ideen und Action. Die Helden seiner Romane haben verschiedene Merkmale gemeinsam, beispielsweise das Geheimnis um ihre Herkunft. Entweder haben die Helden nie eine Kindheit erlebt, oder können sich nicht daran erinnern, oder aber sie sind wie Tarzan und The Cave Girl Waisen. Ein weiteres Merkmal von Burroughs Geschichten ist der, wie Brian W. Aldiss es nennt, ausgeprägte sexuelle Dimorphismus. Das jeweils dominante Geschlecht ist hässlich.

Obwohl es in den Romanen und Geschichten Burroughs von schönen, nackten Frauen nur so wimmelt, werden sexuelle Beziehungen weder angedeutet noch erwähnt. Burroughs Welt scheint eine präpubertäre zu sein. Doch ist die Jungfräulichkeit immer in Gefahr (vgl. Aldiss). Fast schon zwanghaft mutet an, dass es in den Geschichten Burroughs, die zwischen 1911 und 1915 geschrieben wurden, nicht weniger als 76 Mal zu Vergewaltigungsdrohungen kommt, die natürlich alle abgewendet werden können. Zu den Bedrohern der weiblichen Unschuld gehören verschiedene Marsianer, Sultane, Höhlenmenschen, japanische Kopfjäger und Affen.

E. F. Bleiler schreibt über Burroughs, seine Texte seien „Fantasien von Erotik und Macht.“

Der Apex-Verlag veröffentlicht Burroughs' Venus-Romane (in der deutschen Übersetzung von Thomas Schlück), Neu-Übersetzungen des Tarzan- und des John Carter-Zyklus sowie als deutsche Erstveröffentlichung die Pellucidar-Serie.

TANAR VON PELLUCIDAR

Prolog

Jason Gridley ist ein Funk-Narr. Wäre er das nicht, wäre diese Geschichte nie geschrieben worden. Jason ist dreiundzwanzig und unverschämt gutaussehend – zu gutaussehend, um ein Narr irgendeiner Art zu sein. Tatsächlich wirkt er überhaupt nicht wie ein Narr, sondern wie ein normaler, gesunder, junger Amerikaner, der nebst Funk auch noch viel über andere Dinge weiß – beispielsweise über die Luftfahrt, Golf, Tennis und Polo.

Aber dies ist nicht Jasons Geschichte – er ist nur ein Zwischenfall – ein wichtiger Zwischenfall in meinem Leben, der diese Geschichte möglich gemacht hat, und so werden wir Jason nach ein paar weiteren Worten der Erklärung seinen Röhren und Wellen und Verstärkern überlassen, über die er alles weiß und ich nichts.

Jason ist ein Waisenkind mit einem Vermögen und kam, nachdem er seinen Abschluss in Stanford gemacht hatte, in den Süden und kaufte ein paar Hektar Land in Tarzana, wo ich ihn dann kennenlernte.

Während er baute, verwandelte er mein Büro zu seinem Hauptquartier und war oft in meinem Arbeitszimmer zugange. Im Gegenzug war ich später oft in seinem neuen Labor zu Besuch – ein ziemlich großer Raum im hinteren Teil seines Hauses, ein ruhiger, erholsamer Raum in einem ruhigen, erholsamen Haus vom Typ einer spanisch-amerikanischen Farm – oder wir gingen zusammen in den kühlen Morgenstunden in den Santa Monica Mountains reiten.

Jason experimentiert mit irgendeiner neuen Funk-Technik herum, über die ich besser schweigen sollte, wenn mir mein Ruf etwas wert ist, weil ich nämlich überhaupt nichts davon verstehe – und wohl auch nie werde.

Vielleicht bin ich zu alt, vielleicht bin ich zu dumm, vielleicht bin ich einfach nicht interessiert – ich ziehe es vor, meine abgrundtiefe und anhaltende Unwissenheit über alles, was mit Funk zu tun hat, dem letzten Zustand zuzuschreiben, dem der Interesselosigkeit, weil das meinen Stolz bewahrt.

Ich weiß jedoch, weil Jason mir das erzählt hat, dass die Idee, mit der er hantiert, eine völlig neue und ungeahnte – nun, nennen wir sie Welle – betrifft.

Er sagt, dass ihn die statischen Störungen auf seine Idee gebracht haben, und er auf der Suche nach einem Gerät, das diese beseitigen kann, im Äther eine Unterströmung entdeckt hat, die nach keinen bisher bekannten wissenschaftlichen Gesetzen funktioniert.

In seinem Haus in Tarzana hat er eine Station errichtet und ein paar Meilen entfernt, auf der Rückseite meiner Ranch, eine weitere. Zwischen diesen Stationen sprechen wir miteinander durch ein seltsames, ätherisches Gerät, das alle anderen Wellen und alle anderen Stationen zu durchdringen scheint, unerwartet und völlig harmlos – so harmlos, dass es nicht die geringste Auswirkung auf Jasons reguläre Maschine hat, die im selben Raum steht und über dieselbe Antenne empfängt.

Aber das ist für niemanden außer Jason sehr interessant, um zum Anfang der erstaunlichen Erzählung der Abenteuer von Tanar von Pellucidar zu kommen.

Jason und ich saßen eines Abends in seinem "Labor" und diskutierten wie so oft über unzählige Themen und kamen, wie für Jason üblich, auf die Gridley-Welle zurück, wie wir sie genannt hatten.

Die meiste Zeit über behielt Jason seine Kopfhörer an, was die Konversation erheblich erschwerte. Aber das störte mich weit weniger als die meisten Gespräche, die man sich im Leben sonst anhören muss. Ich mag lange Stille und meine eigenen Gedanken.

Plötzlich nahm Jason die Kopfhörer ab. »Nicht zu fassen!«, rief er aus.

»Was?«, fragte ich

»Ich bekomme wieder dasselbe Zeug rein«, sagte er. »Ich höre Stimmen, ganz schwach, aber unverkennbar menschlich. Sie sprechen eine völlig unbekannte Sprache. Es ist zum Verrücktwerden.«

»Mars vielleicht«, schlug ich vor, »oder Venus.«

Er zog die Brauen zusammen und lächelte dann plötzlich sein schelmisches Lächeln. »Oder Pellucidar.« Ich zuckte mit den Schultern.

»Wissen Sie, Admiral«, sagte er (er nennt mich Admiral wegen der Segelmütze, die ich am Strand zu tragen pflege), »dass ich als Kind jedes Wort Ihrer verrückten Geschichten über den Mars und Pellucidar geglaubt habe. Die innere Welt im Erdkern war für mich so real wie die High Sierras, das San Joaquin Valley oder die Golden Gate, und ich hatte das Gefühl, dass ich die Zwillingsstädte von Helium besser kannte als Los Angeles. Ich sah überhaupt nichts Unwahrscheinliches an dieser Reise von David Innes und dem alten Perry durch die Erdkruste nach Pellucidar. Ja, Sir, das war mein Evangelium, als ich ein Kind war.«

»Und jetzt sind Sie dreiundzwanzig und wissen, dass es nicht wahr sein kann«, sagte ich grinsend.

»Wollen Sie mir etwa sagen, dass es wahr ist?«, fragte er lachend.

»Ich habe noch nie jemandem gesagt, dass es wahr ist«, antwortete ich. »Ich lasse die Leute denken, was sie wollen, aber ich behalte mir das Recht vor, das gleiche zu tun.«

»Sie wissen doch ganz genau, dass es unmöglich ist, dass dieser eiserne Maulwurf von Perry fünfhundert Meilen durch die Erdkruste gedrungen ist, Sie wissen, dass es keine Welt im Innern gibt, die von seltsamen Reptilien und Steinzeitmenschen bevölkert ist, Sie wissen, dass es keinen Kaiser von Pellucidar gibt.« Jason wurde langsam aufgeregt, aber sein Sinn für Humor kam uns zu Hilfe und er begann zu lachen.

»Ich möchte aber glauben, dass es die schöne Dian gibt«, sagte ich.

»Ja«, stimmte er zu, »aber es tut mir leid, dass Sie Hooja den Schlauen, getötet haben. Er war ein klasse Schurke.«

»Es gibt noch viele Schurken«, erinnerte ich ihn.

»Sie helfen den Mädchen, ihr Figürchen und ihren Schulmädchen-Teint zu behalten«, sagte er.

»Wie?«, fragte ich.

»Durch die Übung, die sie bekommen, wenn sie verfolgt werden.«

»Sie machen sich über mich lustig«, warf ich ihm vor, »aber bedenken Sie bitte, dass ich nur ein einfacher Erzähler bin. Wenn Jungfrauen fliehen und Schurken sie verfolgen, muss ich das wahrheitsgemäß beschreiben.«

»Quatsch!«, rief er im reinsten amerikanischen Universitätsenglisch aus.

Jason setzte seine Kopfhörer wieder auf und ich wandte mich wieder der Lektüre eines uralten Lügners zu, der aus der Leichtgläubigkeit der Buchleser ein Vermögen hätte machen müssen, es aber anscheinend nicht tat. So saßen wir eine Zeit lang.

Plötzlich nahm Jason seine Kopfhörer ab und wandte sich mir zu. »Ich habe Musik gehört«, sagte er, »seltsame, unheimliche Musik. Und dann hörte ich plötzlich laute Rufe, dann etwas, das wie Schläge klang, Schreie und das Geräusch von Schüssen.«

»Wie Sie wissen, hat Perry da unten in Pellucidar mit Schießpulver experimentiert«, erinnerte ich Jason mit einem Grinsen; aber er blieb ernst und antwortete trocken:

»Sie wissen natürlich«, sagte er, »dass es tatsächlich seit vielen Jahren eine Theorie über eine Welt im Innern gibt.

»Ja«, antwortete ich, »ich habe Werke gelesen, die eine solche Theorie darlegen und verteidigen.«

»Sie geht von polaren Öffnungen aus, die ins Innere der Erde führen«, sagte Jason.

»Und sie wird durch viele scheinbar unwiderlegbare wissenschaftliche Fakten untermauert«, erinnerte ich ihn, »wie ein offenes Polarmeer, wärmeres Wasser ganz im Norden, tropische Vegetation, die aus den Polarregionen nach Süden treibt, das Nordlicht, der Magnetpol, die hartnäckigen Geschichten der Eskimos, dass sie von einer Rasse abstammen, die aus einem warmen Land weit im Norden kam.«

»Ich würde gerne einen Versuch bei einer der polaren Öffnungen wagen«, sinnierte Jason, während er die Kopfhörer wieder aufsetzte.

Erneut herrschte eine lange Stille, die schliesslich durch einen lauten Ausruf von Jason gebrochen wurde. Er schob mir einen zusätzlichen Kopfhörer hin.

»Hören Sie!«, rief er.

Als ich die Kopfhörer zurechtrückte, hörte ich etwas, das wir noch nie auf der Gridley-Welle empfangen hatten – Morsecode! Kein Wunder, dass Jason Gridley aufgeregt war, denn es gab auf der Erde keine andere Station außer seiner eigenen, die auf die Gridley-Welle abgestimmt war.

Morsecode! Was hatte das zu bedeuten? Ich war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, die Kopfhörer abzunehmen und mit Jason über diese erstaunliche Sache zu diskutieren, und dem Wunsch, sie anzubehalten und zuzuhören.

Ich bin nicht das, was man einen Morse-Experten nennen könnte, aber ich hatte keine Schwierigkeiten, das einfache Signal aus zwei Buchstaben zu verstehen, die in Dreiergruppen wiederholt wurden, mit einer Pause nach jeder Gruppe: »D.I., D.I., D.I.«, Pause; »D.I., D.I., D.I.«, Pause.

Ich blickte zu Jason auf. Seine Augen, erfüllt von irritierter Verwunderung, trafen meine, als wollte er fragen, was das zu bedeuten hatte.

Die Signale hörten auf und Jason berührte seine eigene Sende-Taste um seine Initialen »J.G., J.G., J.G.« in der gleichen Gruppierung zu senden, in der wir das D.I.-Signal empfangen hatten. Fast augenblicklich wurde er unterbrochen – man konnte die Aufregung des Absenders spüren.

»D.I., D.I., D.I., Pellucidar«, ratterte gegen unsere Trommelfelle wie Maschinengewehrfeuer. Jason und ich saßen in stummem Erstaunen da und starrten uns gegenseitig an.

»Es ist ein Scherz!«, rief ich aus, und Jason, der meine Lippen las, schüttelte den Kopf.

»Wie kann es ein Scherz sein?«, fragte er. »Es gibt keine andere Station auf der Erde, die in der Lage wäre, über die Gridley-Welle zu senden oder zu empfangen, also ist ein Schwindel ausgeschlossen.«

Unser geheimnisvoller Sender war wieder auf Sendung: »Wenn Sie das hören, wiederholen Sie mein Signal«, sendete er zurück und meldete sich mit »D.I., D.I., D.I.« ab.

»Das wäre dann David Innes«, überlegte Jason.

»Kaiser von Pellucidar«, fügte ich hinzu.

Jason schickte die Nachricht: »D.I., D.I., D.I.«, gefolgt von: »Welche Station ist das?« und »Wer sendet?«

»Hier ist das Kaiserliche Observatorium in Greenwich, Pellucidar; Abner Perry sendet. Wer sind Sie?«

»Hier ist das private Experimentallabor von Jason Gridley, Tarzana, Kalifornien; Gridley sendet«, antwortete Jason.

»Ich möchte mit Edgar Rice Burroughs in Verbindung treten. Kennen Sie ihn?«

»Er sitzt hier und hört mit«, gab Jason zurück.

»Gott sei gedankt, wenn das wahr ist. Aber woher soll ich wissen, dass es wahr ist?«, fragte Perry.

Hastig kritzelte ich eine Notiz für Jason: »Fragen Sie ihn, ob er sich an den Brand in seiner ersten Schießpulverfabrik erinnert und daran, dass das Gebäude zerstört worden wäre, hätten sie nicht sein eigenes Schiesspulver auf das Feuer geschaufelt, um es zu löschen?«

Jason grinste, als er die Notiz las und schickte sie ab.

»Es war unhöflich von David, das zu erzählen«, kam als Antwort zurück, »aber jetzt weiß ich, dass Burroughs tatsächlich dort ist, denn nur er konnte von diesem Vorfall wissen. Ich habe eine lange Nachricht für ihn. Sind Sie bereit?«

»Ja«, antwortete Jason.

»Dann bleiben Sie dran.«

Und dies ist die Botschaft, die Abner Perry aus den Eingeweiden der Erde schickte; aus dem Reich von Pellucidar.

Einführung

Es müssen etwa fünfzehn Jahre vergangen sein, seit David Innes und ich die innere Oberfläche der Erdkruste durchbrachen und im wilden Pellucidar auftauchten, aber wenn eine stationäre Sonne ewig am Himmel hängt und es keinen Mond und keine Sterne gibt, ist die Zeit unbedeutend, und so mag es vor hundert Jahren gewesen sein oder vor einem. Wer weiß das schon?

Natürlich haben wir, seit David auf die Erde zurückgekehrt ist und viele der Annehmlichkeiten der Zivilisation mitgebracht hat, die Möglichkeit, die Zeit zu messen, aber die Menschen hier mochten das nicht. Sie fanden, dass es ihnen Einschränkungen und Begrenzungen auferlegte, die sie nie zuvor gespürt hatten, und sie begannen die Zeit zu hassen und zu ignorieren, bis David in der Güte seines Herzens einen Erlass verabschiedete, der die Zeitmessung in Pellucidar wieder abschaffte.

Es schien mir ein Rückschritt zu sein, aber ich habe mich damit abgefunden und bin vielleicht sogar glücklicher, denn schließlich ist die Zeit ein harter Herr, wie ihr von der äußeren Welt, die ihr Sklaven der Sonne seid, zugeben müsstet, wenn ihr über diese Sache nachdenken würdet.

Hier in Pellucidar essen wir, wenn wir hungrig sind, wir schlafen, wenn wir müde sind, wir gehen auf Reisen, wenn wir aufbrechen und wir kommen am Ziel an, wenn wir ankommen. Wir sind auch nicht alt, weil wir nicht wissen, dass die Erde seit unserer Geburt siebzigmal die Sonne umkreist hat.

Vielleicht bin ich schon fünfzehn Jahre hier, aber was macht das schon. Als ich hierher kam, wußte ich nichts über Funk – meine Forschungen und Studien gingen in andere Richtungen – aber als David aus der äußeren Welt zurückkam, brachte er viele wissenschaftliche Werke mit, aus denen ich alles lernte, was ich heute über das Funken weiß, was mir erlaubte, zwei erfolgreiche Stationen zu errichten: eine hier in Greenwich und eine in der Hauptstadt des Imperiums von Pellucidar.

Aber so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nie etwas aus der äußeren Welt empfangen, und nach einer Weile gab ich den Versuch auf, weil ich überzeugt war, dass die Erdkruste für Funkwellen undurchlässig war.

Tatsächlich benutzten wir unsere Sender nur selten, denn schließlich beginnt Pellucidar gerade erst aus der Steinzeit aufzusteigen, und im Leben der Steinzeit scheint es keinen grossen Bedarf für Funk zu geben.

Aber manchmal spielte ich damit herum und bei mehreren Gelegenheiten glaubte ich, Stimmen und andere Geräusche zu hören, die nicht von Pellucidar stammten. Sie waren zu schwach, um mehr als vage Andeutungen von faszinierenden Möglichkeiten zu sein, aber dennoch deuteten sie auf etwas höchst Verlockendes hin und so machte ich mich daran, Änderungen und Anpassungen vorzunehmen, bis diese wunderbare Sache, die sich eben ereignete, möglich gemacht wurde.

Und meine Freude darüber, mit Ihnen zu sprechen, wird nur noch von meiner Erleichterung übertroffen, Sie um Hilfe bitten zu können. David ist in Schwierigkeiten. Er ist ein Gefangener im Norden, oder was er und ich Norden nennen, denn die Pellucidarier kennen keine Himmelsrichtungen.

Ich habe jedoch von ihm gehört. Er hat mir eine Nachricht geschickt, in welcher er eine verblüffende Theorie vorschlägt, wie man Hilfe von der Erdoberfläche holen könnte, wenn man – aber lassen Sie mich Ihnen zuerst die ganze Geschichte erzählen, welches Unglück David Innes widerfuhr und wie es dazu kam, dann werden Sie eher urteilen können, ob es möglich ist, David von der äußeren Kruste aus Hilfe zu schicken.

Das Ganze geht auf unsere Siege über die Mahar zurück, die einst dominierende Rasse von Pellucidar. Als wir mit unseren gut organisierten Armeen, ausgerüstet mit Gewehren und anderen Waffen, die den Mahars und den Sagoths, ihren gorillaähnlichen Söldnern, unbekannt waren, einen Sieg gegen diese Reptilienmonster davontrugen und ihre schleimigen Horden aus den Grenzen des Imperiums vertrieben, nahm die menschliche Rasse der inneren Welt zum ersten Mal in ihrer Geschichte ihren rechtmäßigen Platz in der Schöpfung ein.

Aber unsere Siege legten den Grundstein für die Katastrophe, die uns schliesslich überrollt hatte.

Eine Zeit lang gab es keine Mahar mehr in den Königreichen, die das Imperium von Pellucidar bilden; aber bald hörten wir hier und da von ihnen – kleine Gruppen, die an den Ufern des Meeres oder der Seen lebten, weit weg von den Städten und Dörfern der Menschen.

Sie bereiteten uns keine Schwierigkeiten – ihre alte Macht war unwiederbringlich zerfallen; ihre Sagoths zählten nun zu den Heeren des Imperiums; die Mahars konnten uns nicht mehr schaden und dennoch wollten wir sie nicht unter uns haben. Sie ernähren sich von Menschenfleisch und wir hatten keine Gewissheit, dass einsame Jäger vor ihrem unersättlichen Appetit sicher sein würden.

Wir wollten, dass sie verschwinden, weswegen David eine Streitmacht mit dem Befehl losschickte, mit ihnen zu verhandeln und sie zu überreden, das Königreich friedlich zu verlassen, anstatt einen weiteren Krieg zu riskieren, der ihre totale Ausrottung bedeuten könnte.

Sagoths begleiteten die Expedition, denn von allen Kreaturen Pellucidars können nur sie sich in der Sprache der Mahars – dem sechsten Sinn und der vierten Dimension – unterhalten.

Die Geschichte, die die Expedition zurückbrachte, war ziemlich bedauernswert und weckte Davids Sympathien, wie es Geschichten von Verfolgung und Unglück immer tun.

Nachdem die Mahars aus dem Königreich vertrieben worden waren, hatten sie einen Zufluchtsort gesucht, wo sie in Frieden leben konnten. Sie versicherten uns, dass sie das Unvermeidliche akzeptiert hätten und nicht daran dächten, ihre Kriegsführung gegen die menschliche Rasse wieder aufzunehmen oder in irgendeiner Weise zu versuchen, ihre verlorene Vorherrschaft zurückzugewinnen.

Weit weg an den Ufern eines mächtigen Ozeans, wo es keine Anzeichen von Menschen gab, ließen sie sich in Frieden nieder, aber ihr Frieden war nicht von langer Dauer.

Ein großes Schiff kam und erinnerte die Mahars an die ersten Schiffe, die sie je gesehen hatten – die Schiffe, die David und ich gebaut hatten – die ersten Schiffe, soweit wir wussten, die jemals auf den ruhigen Meeren von Pellucidar gesegelt waren.

Natürlich war es für uns eine Überraschung zu erfahren, dass es in der Welt im Innern eine Rasse gab, die so weit fortgeschritten war, dass sie Schiffe bauen konnte, aber bei dieser einen Überraschung blieb es nicht. Die Mahars versicherten uns, dass diese Menschen Feuerwaffen besaßen und dass sie aufgrund ihrer Schiffe und ihrer Bewaffnung genauso furchterregend waren wie wir, aber um ein Vielfaches grausamer. Sie töteten aus reiner Freude am Gemetzel.

Nachdem das erste Schiff weggesegelt war, dachten die Mahars, sie könnten weiter in Frieden leben, aber dieser Traum war nur von kurzer Dauer, denn bald kehrte das Schiff zurück und mit ihm viele andere, bemannt mit Tausenden von blutrünstigen Feinden, gegen deren Waffen die großen Reptilien sich kaum verteidigen konnten.

Auf der Flucht vor den Menschen verließen die Mahar ihre neue Heimat und zogen sich ein Stück zurück in Richtung des Imperiums, doch ihre Feinde verfolgten und jagten sie weiter und als sie sie eingeholt hatten, waren die Mahar erneut gezwungen, sich vor der Grausamkeit ihrer andauernden Angriffe zurückzuziehen.

Schließlich suchten sie innerhalb der Grenzen des Imperiums Zuflucht, und kaum war Davids Expedition zu ihnen mit diesem Bericht zurückgekehrt, erhielten wir den definitiven Beweis für die Richtigkeit ihrer Erzählung durch Nachrichten von unserer nördlichsten Grenze, die von einer Invasion durch eine seltsame, wilde Rasse weißer Männer berichteten.

Die Nachricht von Goork, dem König von Thuria, dessen weit entfernte Grenze sich über das Land des Schrecklichen Schattens hinaus erstreckt, klang verzweifelt.

Einige seiner Jäger waren von den Eindringlingen überrascht und bis auf eine Handvoll getötet oder gefangen genommen worden.

Er hatte daraufhin Krieger gegen sie ausgesandt, aber auch diese erlitten ein ähnliches Schicksal, da sie zahlenmäßig weit unterlegen waren, und so schickte er einen Läufer zu David, flehend, er möge ihm mit Truppen zu Hilfe zu eilen.

Kaum war der erste Bote angekommen, kam ein weiterer mit der Nachricht von der Einnahme und Plünderung der königlichen Hauptstadt von Thuria. Ihm folgte ein dritter, dieser aber kam vom Befehlshaber der Angreifer selbst und verlangte, dass David einen Tribut entrichten soll, oder sein Land würde zerstört und die Gefangenen getötet werden.

Als Antwort entsandte David Tanar, den Sohn von Ghak, um die Freilassung aller Gefangenen und den Abzug der Angreifer zu fordern.

Sofort wurden Läufer in die nächstgelegenen Königreiche des Imperiums geschickt und noch bevor Tanar das Land des Grossen Schattens erreicht hatte, marschierten zehntausend Krieger denselben Weg entlang, um die Forderungen des Kaisers durchzusetzen und den wilden Feind aus Pellucidar zu vertreiben.

Als David sich dem Land des Grossen Schattens näherte, das unter dem geheimnisvollen Trabanten von Pellucidar liegt, war in der horizontlosen Ferne eine große Rauchsäule zu sehen.

Es war nicht nötig, die unermüdlichen Krieger zu größerer Geschwindigkeit anzuspornen, denn alle ahnten, dass die Eindringlinge ein weiteres Dorf eingenommen und in Brand gesteckt hatten.

Und dann kamen die Flüchtlinge – nur Frauen und Kinder – und hinter ihnen eine spärliche Reihe von Kriegern, die sich bemühten, dunkelhäutige, bärtige Fremde zurückzuhalten, die mit seltsamen Waffen ausgerüstet waren, die antiken Arkebusen mit glockenförmigen Mündungen ähnelten – riesige, unhandliche Dinger, die Rauch und Flammen und Steine und Metallstücke spuckten.

Dass die um ein Zehnfaches unterlegenen Pellucidarier ihre wilden Feinde überhaupt zurückhalten konnten, lag an den moderneren Feuerwaffen, deren Herstellung und Handhabung David und ich ihnen beigebracht hatten.

Rund die Hälfte der Krieger von Thuria waren damit bewaffnet, und damit alles, was sie vor der absoluten Niederlage und vielleicht sogar der totalen Vernichtung bewahrte.

Laut waren die Jubelschreie, als die ersten Flüchtlinge die Verstärkung entdeckten und erkannten, wer ihnen da zur Hilfe geeilt war.

Goork und sein Volk hatten in ihrer Loyalität gegenüber dem Imperium geschwankt, wie auch einige andere weit entfernte Königreiche, aber ich glaube, dass diese praktische Demonstration der Föderation ihre Zweifel für immer beseitigte und die Menschen im Land des Grossen Schattens mit ihrem König zu den loyalsten Untertanen machte, die David besaß.

Die Wirkung, die das Erscheinen von zehntausend gut bewaffneten Kriegern auf den Feind hatte, war eindeutig. Sie hielten inne und als wir vorrückten, zogen sie sich zurück, aber selbst im Rückzug lieferten sie uns einen harten Kampf.

David erfuhr von Goork, dass Tanar als Geisel festgehalten wurde, und obwohl er mehrere Versuche unternahm, um mit dem Feind zu verhandeln und einige Gefangene, die uns in die Hände gefallen waren, gegen Tanar und andere Pellucidarier auszutauschen, gelang ihm das nicht.

Unsere Streitkräfte trieben die Invasoren weit über die Grenzen des Imperiums hinaus bis zu den Ufern eines fernen Meeres, wo es ihnen schließlich mit Mühe und unter dem Verlust vieler Männer gelang, ihre dezimierten Truppen in Schiffe unterzubringen, die in ihrer Bauweise so archaisch waren wie ihre antiken Arkebusen.

Diese Schiffe ragten an Bug und Steven übertrieben hoch auf, die Hecks waren mehrstöckig aufgebaut oder beherbergten Decks, die übereinander lagen. Oberhalb der Wasserlinie gab es überall viele Schnitzereien in scheinbar komplizierten Mustern und jedes Schiff trug an seinem Bug eine Galionsfigur, die, wie der Mittelsteven des Schiffes, in knalligen Farben bemalt war – meistens die überlebensgroße Figur einer nackten Frau oder einer Meerjungfrau.

Die Männer selbst waren ebenso bizarr und farbenfroh, trugen bunte Tücher um den Kopf, breite Schärpen in leuchtenden Farben und riesige Stiefel mit flatternden Oberteilen – zumindest diejenigen, die nicht halb nackt und barfuß waren.

Neben ihren Arkebusen trugen sie in ihren Gürteln riesige Pistolen und Messer und an ihren Hüften hingen Entermesser. Alles in allem waren sie mit ihren buschigen Schnurrbärten und erbarmungslosen Gesichtern ein grimmig aussehender und zugleich bunter Haufen.

Von einigen der Gefangenen, die er während der Kämpfe an der Küste gemacht hatte, erfuhr David, dass Tanar noch am Leben war und dass der Anführer der Invasoren beschlossen hatte, ihn mit nach Hause zu nehmen, in der Hoffnung, dass er von Tanar die Geheimnisse unserer überlegenen Waffen und unseres Schießpulvers lernen könnte, denn trotz meiner ersten Misserfolge hatte ich schließlich – nicht ohne Stolz – ein Schießpulver erschaffen, das nicht nur bannte, sondern auch mit einer solchen Kraft zündete, dass es ganz zufriedenstellend war. Ich bin jetzt dabei, ein geräusch- und rauchloses Pulver zu perfektionieren, obwohl ich der Ehrlichkeit halber zugeben muss, dass meine ersten Experimente nicht ganz das waren, was ich mir erhofft hatte, denn die erste Charge hat mir bei einer Explosion fast die Trommelfelle zertrümmert und meine Augen so sehr mit Rauch gefüllt, dass ich dachte, ich sei geblendet worden.

Als David die feindlichen Schiffe mit Tanar wegsegeln sah, war er krank vor Kummer, denn Tanar war immer ein besonderer Liebling des Regenten und seiner gnädigen Kaiserin Dian der Schönen gewesen. Er war wie ein Sohn für die beiden.

Wir hatten keine Schiffe auf diesem Meer und darum konnte David mit seiner Armee nicht hinterhersegeln, aber er konnte auch nicht den Sohn seines besten Freundes einem wilden Feind überlassen, bevor er alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel zur Rettung ausgeschöpft hatte.

Zusätzlich zu den Gefangenen, die ihm in die Hände gefallen waren, hatte David eines der kleinen Boote erbeutet, die der Feind für die Einschiffung seiner Truppen benutzt hatte, und das brachte David auf den verrückten Plan, auf den er sich einließ.

Das Boot war etwa sechzehn Fuß lang und war sowohl mit Rudern als auch mit einem Segel ausgestattet. Es war breit und machte den Eindruck, stabil und seetüchtig zu sein, obwohl es erbärmlich klein schien, um den Gefahren eines unbekannten Meeres zu begegnen, das wohl wie alle Gewässer von Pellucidar, mit riesigen Ungeheuern bevölkert war, die ein wildes Temperament und großen Appetit hatten.

Am Ufer stehend, den immer kleiner werdenden Umrissen der abfahrenden Schiffe nachblickend, traf David seine Entscheidung. Um ihn herum standen die Kapitäne und die Könige der Vereinten Königreiche von Pellucidar und hinter ihnen zehntausend Krieger, die sich auf ihre Waffen stützten. Auf der einen Seite blickten die schwer bewachten Gefangenen mürrisch ihren abreisenden Kameraden nach, mit einer Hoffnungslosigkeit und Neid in den Augen, die man bloss erraten konnte.

David wandte sich an seine Leute. »Diese Schiffe haben Tanar, den Sohn von Ghak, und vielleicht noch eine ganze Reihe weiterer junger Männer von Pellucidar weggetragen. Es ist nicht zu erwarten, dass der Feind unsere Kameraden jemals zu uns zurückbringen wird, aber es ist leicht vorstellbar, welche Behandlung sie in den Händen dieser wilden, blutrünstigen Rasse erfahren werden. Wir dürfen sie nicht aufgeben, solange uns noch ein einziger Weg der Verfolgung offen steht. Hier ist dieser Weg.« Er winkte mit der Hand über den weiten Ozean. »Und hier ist das Mittel, ihn zu überqueren.« Er zeigte auf das kleine Boot.

»Es würde kaum zwanzig Mann tragen«, rief einer, der neben dem Kaiser stand.

»Es muss nur drei tragen«, erwiderte David, »denn wir segeln nicht in den Krieg, sondern zu einer Rettung und sei es nur, um die Festung des Feindes ausfindig zu machen, damit wir mit einer ausreichenden Streitmacht zurückkehren können, um sie zu überwältigen. Ich werde gehen«, schloss der Kaiser. »Wer wird mich begleiten?«

Sofort hob jeder Mann, in Hörweite – außer den Gefangenen natürlich – seine Waffe über den Kopf und drängte sich vor, um seine Dienste anzubieten. David lächelte.

»Das habe ich befürchtet«, sagte er, »aber ich kann euch nicht alle mitnehmen. Ich werde nur einen brauchen, und das wird Ja von Anoroc sein, der beste Seemann von Pellucidar.«

Ein großer Jubel erhob sich, denn Ja, der König von Anoroc, der auch der oberste Offizier der Marine von Pellucidar ist, ist im ganzen Reich sehr beliebt, und obwohl alle enttäuscht waren, nicht ausgewählt worden zu sein, wussten sie doch die Weisheit von Davids Auswahl zu schätzen.

»Aber zwei sind eine zu geringe Zahl, um auf Erfolg zu hoffen«, argumentierte Ghak, »und ich als Vater von Tanar sollte dich begleiten dürfen.«

»Mehr Leute in diesem kleinen Boot zusammenzudrängen, würde uns nichts nützen«, erwiderte David, »warum also ein einziges zusätzliches Leben riskieren? Wenn zwanzig die unbekannten Gefahren, die vor uns liegen, überstehen können, so können zwei dasselbe tun, während wir mit weniger Männern einen weit größeren Vorrat an Nahrung und Wasser mit uns tragen können, um dem unbekannten Meer, dem wir gegenüberstehen, und den Zeiten der Ruhe und der langen Suche zu trotzen.«

»Aber zwei sind zu wenig, um das Boot zu bemannen«, wandte ein anderer ein, »und Ghak hat recht – der Vater von Tanar sollte unter seinen Rettern sein.«

»Ghak wird vom Imperium gebraucht«, antwortete David. »Er muss bis zu meiner Rückkehr hier bleiben, um die Armeen für die Kaiserin zu befehligen, aber es wird einen Dritten geben, der mit uns an Bord gehen wird.«

»Wer?«, fragte Ghak.

»Einer der Gefangenen«, antwortete David. »Für seine Freiheit werden wir leicht einen finden, der uns in das Land des Feindes führen kann.«

Das war wirklich nicht schwer, denn jeder Gefangene meldete sich freiwillig, als ihnen der Vorschlag unterbreitet wurde.

David wählte einen jungen Burschen, der sagte, sein Name sei Fitt, und der ein offeneres und ehrlicheres Gesicht hatte als alle seine Gefährten.

Und dann ging es an die Versorgung des Bootes. Beutel wurden mit frischem Wasser und grosse Mengen von Mais, getrocknetem Fisch und Dörrfleisch sowie Gemüse und Früchte gefüllt und im Boot verstaut, bis es den Anschien hatte aus allen Nähten zu platzen. Für drei Männer auf der Erdoberfläche, wo die Zeit noch eine Bedeutung hatte, hätten diese Vorräte für ein ganzes Jahr gereicht

Der Gefangene Fitt, der David und Ja begleiten sollte, versicherte David, dass ein Viertel der Vorräte ausreichen würde, weil es entlang der Route Punkte gäbe, an denen sie ihre Wasservorräte auffüllen konnten und wo es reichlich Wild sowie einheimische Früchte, Nüsse und Gemüse gab, aber David verringerte die Vorräte um kein einziges Gramm.

Als die drei im Begriff waren abzulegen, sprach David ein letztes Wort mit Ghak.

»Du hast die Größe und die Bewaffnung der feindlichen Schiffe gesehen, Ghak«, sagte er. »Meine letzte Anweisung an dich ist, sofort eine Flotte zu bauen, die es mit diesen großen Schiffen des Gegners aufnehmen kann, und während diese Flotte gebaut wird – und sie muss an den Ufern dieses Meeres gebaut werden – schicke Expeditionen aus, um nach einem Wasserweg von diesem Ozean zu unserem eigenen zu suchen. Wenn du ihn findest, können unsere eigenen Schiffe und die Werft von Anoroc dazu genutzt werden, um den Bau der großen Flotte zu beschleunigen. Wenn du fünfzig Schiffe fertiggestellt und bemannt hast und wir bis dahin noch nicht zurückgekehrt sind, brich zu unserer Rettung auf. Töte diese Gefangenen nicht, sondern verwahre sie sicher, denn nur sie können euch in ihr Land führen.«

Und dann bestiegen David I., Kaiser von Pellucidar, und Ja, König von Anoroc, mit dem Gefangenen Fitt das winzige Boot. Freundliche Hände schoben sie hinaus auf die öligen Wogen des pellucidarischen Meeres; zehntausend Kehlen jubelten ihnen zu und zehntausend Augenpaare sahen ihnen nach, bis sie im Nebel der sich wölbenden, horizontlosen Ferne dieser pellucidarischen Meereslandschaft verschwunden waren.

David war zu einem vergeblichen, aber glorreichen Abenteuer aufgebrochen, und in der fernen Hauptstadt des Kaiserreichs würde Dian die Schöne weinen.

Kapitel 1: Stellara

Das große Schiff zitterte unter dem Rückstoß der Kanonen; dem Rasseln der Musketen. Das Donnern der Kanonen an Bord ihrer Schwesterschiffe und das Donnern ihrer eigenen waren ohrenbetäubend. Unter Deck roch die Luft nach verbranntem Pulver.

Tanar von Pellucidar, der mit anderen Gefangenen unten angekettet war, hörte diese Geräusche und roch den Rauch. Er hörte das Rasseln der Ankerkette; er spürte das Zerren des Mastes, an dem seine Fesseln befestigt waren, und die schaukelnden Bewegungen des Rumpfes sagten ihm, dass das Schiff unterwegs war.

Bald hörten die Schüsse auf, und das regelmäßige Auf und Ab des Schiffes verriet, dass es auf Kurs war. In der Dunkelheit des Laderaums konnte Tanar nichts sehen. Manchmal sprachen die Gefangenen miteinander, aber ihre Gedanken waren nicht fröhlich, und so schwiegen sie die meiste Zeit und warteten. Aber auf was?

Sie wurden sehr hungrig und sehr durstig. Daran erkannten sie, dass sie schon lange unterwegs waren. Sie wussten nichts von der Zeit. Sie wussten nur, dass sie hungrig und durstig waren und dass das Schiff weit draussen auf dem Meer sein musste – einem unbekannten Meer, mit Kurs auf einen unbekannten Hafen.

Bald wurde eine Luke hochgezogen und Männer brachten Essen und Wasser – schlechtes, matschiges Essen und Wasser, das schlecht roch und noch schlechter schmeckte; aber es war Wasser, und sie konnten damit ihren Durst stillen.

Einer der Männer sagte: «Wo ist der, der Tanar genannt wird?»

»Ich bin Tanar«, antwortete der Sohn von Ghak.

»Du wirst an Deck verlangt«, sagte der Mann und öffnete mit einem grossen Schlüssel das massive, handgeschmiedete Schloss, mit dem Tanar an den Mast gekettet war. »Folge mir!«

Das helle Licht von Pellucidars ewigem Tag blendete den Sarier, als er aus dem dunklen Loch, in dem er eingesperrt gewesen war, an Deck kletterte, und es dauerte eine ganze Minute, bis seine Augen das Licht ertragen konnten, aber sein Bewacher drängte ihn grob weiter und Tanar stolperte bereits die lange Treppe hinauf, die zum hohen Deck am Steven des Schiffes führte, als sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten.

Als er das oberste Deck erklomm, sah er die Häuptlinge der Korsar-Horde versammelt, und bei ihnen waren zwei Frauen. Die eine wirkte alt und unglücklich, die andere war jung und schön, aber für beide hatte Tanar keine Augen – er interessierte sich nur für die feindlichen Männer, denn diese konnte er bekämpfen, diese konnte er töten, was das einzige Interesse war, das ein Feind für Tanar, den Sarier, haben konnte, und da er so war, wie er war, konnte Tanar nicht gegen Frauen kämpfen, nicht einmal gegen feindliche Frauen; aber er konnte sie ignorieren, und das tat er.

Er wurde zu einem riesigen Kerl geführt, dessen buschiger Schnurrbart fast sein Gesicht verbarg – ein großer, brutaler Kerl mit einem scharlachroten Schal, der um seinen Kopf gebunden war. Bis auf eine bestickte, ärmellose Jacke, die vorne offen war, war der Mann oberhalb der Taille nackt, um die eine weitere bunte Schärpe gewickelt war, in die zwei Pistolen und viele lange Messer gesteckt waren, während an seiner Hüfte ein Entermesser baumelte, dessen Griff reich mit Einlagen aus Perlen und Halbedelsteinen verziert war.

Der Cid, Häuptling der Korsaren war ein mächtiger Mann – ein stämmiger, stürmischer, tyrannischer Mann, dessen Position unter den rauen und streitsüchtigen Korsaren nur von solchen wie ihm gehalten werden konnte.

Um ihn herum, auf dem hohen Deck seines Schiffes, befand sich eine Schar kräftiger Raufbolde von ähnlicher Erscheinung, während weiter unten, im Bauch des Schiffes, eine Schar kleinerer Halsabschneider, gewöhnliche Matrosen, den Gefahren und Anforderungen eines anstrengenden Feldzuges entkommen waren und sich nach ihren verschiedenen Launen entspannten.

Die meisten von ihnen waren harte Kerle, nackt bis auf die kurzen Hosen und die unvermeidlichen bunten Schärpen und Kopfbedeckungen - eine unschöne, aber malerische Gesellschaft.

An der Seite des Cid stand ein jüngerer Mann, der ein so abscheuliches Antlitz hatte, wie es noch keine Sonne je gesehen hatte, denn quer über das Gesicht, das selbst die Liebe einer Mutter herausgefordert hätte, verlief eine abstoßende Narbe von oberhalb des linken Auges bis unterhalb des rechten Mundwinkels, die die Nase mit einer tiefen, roten Spalte teilte. Das linke Auge war lidlos und trüb und starrte ständig nach oben und außen, während die Oberlippe an der rechten Seite in einem höhnischen Grinsen ständig nach oben gezogen war, das einen einzelnen hauerähnlichen Zahn entblößte. Nein, Bohar der Blutige war keine Schönheit.

Vor diese beiden, dem Cid und dem Blutigen, wurde Tanar grob geschleift.

»Sie nennen dich Tanar?«, brüllte der Cid.

Tanar nickte.

»Und du bist der Sohn eines Königs!« Er lachte laut. »Mit einer einzigen Schiffsbesatzung könnte ich das ganze Königreich deines Vaters vernichten und einen Sklaven aus ihm machen, so wie ich es mit seinem Sohn getan habe.«

»Du hattest viele Schiffsbesatzungen«, erwiderte Tanar, »aber ich habe keine von ihnen gesehen, die das Königreich von Sari zerstört hätte. Das Heer, das sie zurück in den Ozean jagte, wurde von meinem Vater befehligt, unter dem Kaiser.«

Der Cid runzelte die Stirn. »Ich habe Männer für weniger als das über die Planke gehen lassen«, knurrte er.

»Ich weiß nicht, was du meinst«, sagte Tanar.

»Das wirst du«, bellte der Cid; »und dann, beim Bart des Meeresgottes, wirst du eine höfliche Zunge bewahren. He!«, rief er einem seiner Offiziere zu, »lass einen Gefangenen holen und über die Planke gehen. Wir werden diesem Königssohn zeigen, wer der Cid ist und dass er sich jetzt unter echten Männern befindet.«

»Warum einen anderen holen?«, fragte Bohar der Blutige. »Dieser Bursche kann gehen und seine Lektion gleich lernen.«

»Aber er könnte nicht davon profitieren«, antwortete der Cid.

»Seit wann verhätschelt ist der Cid seine Feinde?«, fragte Bohar spöttisch.

Wortlos drehte sich der Cid um und versetzte Bohar einen üblen Schlag gegen das Kinn, und als der Mann zu Boden ging, riss der Häuptling eine große Pistole aus seiner Schärpe und stellte sich über ihn, die Mündung auf Bohars Kopf gerichtet.

»Vielleicht wird das dein schiefes Gesicht geraderücken oder dir etwas Hirn in deinen Dickschädel hämmern«, brüllte der Cid.

Bohar lag auf dem Rücken und starrte zu seinem Anführer hoch.

»Wer ist dein Herr?«, fragte der Cid.

»Du«, knurrte Bohar.

»Dann steh auf und bleib schön höflich«, befahl der Cid.

Als Bohar aufstand, wandte er Tanar einen finsteren Blick zu. Es war, als hätte sein gutes Auge den ganzen Hass, die Wut und das Gift im bösen Herzen des Mannes gesammelt und auf den Sarier konzentriert, den indirekten Grund für seine Demütigung, und von diesem Moment an wusste Tanar, dass Bohar der Blutige ihn mit einer persönlichen Abscheu hasste, die sich von jeder natürlichen Antipathie unterschied, die er für einen Fremden und einen Feind hätte empfinden können.

Auf dem Unterdeck waren Männer eifrig dabei, eine lange Planke über die Steuerbordreling zu legen und das innere Ende mit dicken Leinen an den Klampen zu befestigen.

Aus einer geöffneten Luke zogen andere einen gefesselten Gefangenen aus dem Königreich Thuria, der in den frühen Kämpfen im Land des Grossen Schattens gefangen genommen worden war.

Der primitive Krieger hielt seinen Kopf hoch und zeigte keine Angst vor seinen rauen Entführern. Tanar, der vom Oberdeck auf ihn herabblickte, war stolz auf diesen Mitstreiter des Imperiums. Auch der Cid sah zu.

»Dieser Stamm muss gezähmt werden«, sagte er.

Die jüngere der beiden Frauen, die beide an den Rand des Decks getreten waren und auf die Szene auf dem unteren Deck herabblickten, wandte sich an den Cid.

»Sie scheinen tapfere Männer zu sein; jeder einzelne«, sagte sie. »Es ist schade, einen von ihnen unnötig zu töten.«

»Schnauze! Mädchen«, rief der Cid aus. »Was weißt du schon von solchen Dingen? Aus dir spricht das Blut deiner Mutter. Bei den Bärten der Götter, ich wünschte, du hättest mehr vom Blut deines Vaters in deinen Adern.«

»Es ist tapferes Blut, das Blut meiner Mutter«, antwortete das Mädchen, »denn es fürchtet sich nicht, sich selbst zu sein. Das Blut meines Vaters wagt es nicht, sein Gutes vor den Augen der Menschen zu offenbaren, weil es den Spott fürchtet. Es brüstet sich mit seinem Mut, um seine Feigheit zu verbergen.«

Der Cid sprach eine Drohung aus: »Du nutzt unsere Beziehung aus, Stellara«, sagte er, »aber vergiss nicht, dass es eine Grenze gibt, die auch du nicht überschreiten darfst, denn der Cid duldet keine Beleidigungen.«

Das Mädchen lachte. »Spar dir dieses Gerede für diejenigen, die dich fürchten«, sagte sie.

Während dieses Gesprächs hatte Tanar, der in der Nähe stand, die Gelegenheit, das Mädchen genauer zu beobachten und wurde durch die Art ihrer Bemerkungen und den ruhigen Mut ihres Auftretens noch dazu ermutigt. Zum ersten Mal bemerkte er ihr Haar, das im warmen Sonnenlicht wie Gold schimmerte, und da die Frauen in seiner Heimat fast alle dunkelhaarig waren, beeindruckte ihn die Farbe ihres Haares. Er fand es entzückend, und als er ihre Gesichtszüge genauer betrachtete, stellte er fest, dass auch sie schön waren, mit einer sonnigen, goldenen Lieblichkeit, die ihre Güte und ihren Charakter zu reflektieren schien. Sie hatte eine gewisse weibliche Sanftheit an sich, die den stämmigen, selbstsicheren, primitiven Frauen seiner eigenen Rasse manchmal fehlte. Es war jedoch keineswegs eine Schwäche, wie ihre furchtlose Haltung gegenüber dem Cid bewies und dem Mut, der aus ihren tapferen Augen strahlte. Intelligente Augen waren es – tapfer, intelligent und schön.

Aber da hörte Tanars Interesse auf, und der Gedanke, dass diese Frau zu dem ungehobelten Rüpel gehörte, der mit eiserner Hand über die bärtigen Kerle der großen Flotte herrschte, stieß ihn ab, denn der Hinweis des Cid auf ihre Beziehung ließ dem Sarier keinen Zweifel daran, dass die Frau seine Gefährtin war.

Und nun richtete sich die Aufmerksamkeit aller auf die Akteure der Tragödie unten ihnen. Männer hatten die Handgelenke des Gefangenen hinter seinem Rücken zusammengebunden und eine Augenbinde über seine Augen gelegt.

»Schau nach unten, Königssohn«, sagte der Cid zu Tanar, »und du wirst wissen, was es heißt, über die Planke zu gehen.«

»Ich beobachte«, sagte Tanar, »und ich sehe, dass es viele deiner Leute braucht, um einen der meinen dazu zu bringen, diese Sache zu tun, was auch immer sie sein mag.«

Das Mädchen lachte, aber der Cid starrte noch grimmiger, während Bohar Tanar einen giftigen Blick zuwarf.

Jetzt säumten Männer mit gezückten Messern und scharfen Speeren die Planke auf beiden Seiten der Reling, und andere hoben den Gefangenen auf das innere Ende des Bretts, so dass er der anderen Seite der Planke gegenüberstand, die weit über das Meer hinausragte, wo große Ungeheuer der Tiefe mit riesigen Rücken durch die Wellen pflügten, während sie den Kurs des Schiffes begleiteten – riesige Saurier, die auf der Erdoberfläche längst ausgestorben waren.

Sie trieben den wehrlosen Mann mit Messern und Speeren unter lauten Flüchen, vulgären Scherzen und heiserem Gelächter über die schmale Planke vorwärts.

Aufrecht und stolz marschierte der Thurianer furchtlos in sein Verderben. Er klagte nicht, und als er das äußere Ende der Planke erreichte und sein Fuß keinen neuen Platz mehr fand, stieß er keinen Schrei aus. Nur einen Augenblick lang zog er seinen Fuß zurück und zögerte, dann sprang er lautlos weit hinaus und stürzte sich mit dem Kopf voran ins Meer.

Tanar wandte seinen Blick ab, und wie es der Zufall wollte, wandte er ihn in Richtung des Mädchens. Zu seiner Überraschung sah er, dass auch sie sich geweigert hatte, diesen letzten Moment mit anzuschauen, und in ihrem Gesicht, das ihm zugewandt war, sah er einen Ausdruck des Leidens.

Konnte es sein, dass diese Frau aus der brutalen Meute des Cid Mitleid und Kummer für einen leidenden Feind empfand?

Tanar bezweifelte es. Wahrscheinlicher war, dass etwas, das sie an diesem Tag gegessen hatte, ihr nicht gut bekommen war.

»Jetzt«, rief der Cid, »hast du einen Mann über die Planke gehen sehen und weißt, was ich mit dir machen kann, wenn ich will.«

Tanar zuckte mit den Schultern. »Ich hoffe, dass mir mein Schicksal ebenso gleichgültig ist wie das meines Kameraden«, sagte er, »denn du hast sicher wenig Spaß an ihm gehabt.«

»Wenn ich dich an Bohar ausliefere, werden wir Spaß haben«, antwortete der Cid. »Er hat Mittel, einen langweiligen Tag aufregend zu gestalten, die weit über die zahme Übung auf der Planke hinausgehen.«

Das Mädchen wandte sich wütend an den Cid. »Hör auf damit!«, rief sie. »Du hast mir versprochen, keine Gefangenen zu quälen, solange ich bei der Flotte bin.«

»Wenn er tut, was ich sage, werde ich es nicht tun«, sagte der Cid, »aber wenn er sich nicht benimmt, werde ich ihn Bohar dem Blutigen übergeben. Vergiss nicht, dass ich der Häuptling von Korsar bin und dass auch du bestraft werden kannst, wenn du dich einmischst.«

Wieder lachte das Mädchen. »Die anderen magst du vielleicht erschrecken, Häuptling von Korsar«, sagte sie, »aber nicht mich.«

»Wenn sie mein wäre«, murmelte Bohar drohend, aber das Mädchen unterbrach ihn.

»Bin ich nicht und werde ich auch nie sein«, sagte sie.

»Sei dir da nicht zu sicher«, knurrte der Cid. »Ich kann dich verschenken, wem ich will; lass die Sache ruhen.« Er wandte sich an den sarischen Gefangenen. »Wie ist dein Name, Königssohn?«, fragte er.

»Tanar.«

»Hör gut zu, Tanar«, sagte der Cid eindrucksvoll. »Unsere Gefangenen leben nicht länger, als sie uns von Nutzen sind. Einige von euch werden wir behalten, um sie dem Volk von Korsar vorzuführen, danach habe ich keine Verwendung mehr für sie, aber du kannst dir dein Leben und vielleicht auch die Freiheit erkaufen.«

»Wie?«, fragte Tanar.

»Eure Leute waren mit viel besseren Waffen ausgerüstet als unsere«, erklärte der Cid, »euer Pulver war stärker und zuverlässiger. Die Hälfte der Zeit zündet unseres nicht beim ersten Versuch.«

»Das muss peinlich sein«, bemerkte Tanar.

»Es ist tödlich«, sagte der Cid.

»Aber was hat das mit mir zu tun?«, fragte der Gefangene.

»Wenn du uns lehrst, wie man bessere Waffen und solches Pulver herstellt, wie es dein Volk hat, wirst du verschont und bekommst deine Freiheit.«

Tanar gab keine Antwort – er dachte nach – er dachte an die Überlegenheit, die ihre besseren Waffen seinem Volk gaben – er dachte an das Schicksal, das ihm und diesen armen Teufeln in dem dunklen, fauligen Loch unter Deck bevorstand.

»Nun?«, fragte der Cid.

»Wirst du auch die anderen verschonen?«, fragte er.

»Warum sollte ich?«

»Ich werde ihre Hilfe brauchen«, sagte Tanar. »Ich weiß nicht alles, was zur Herstellung der Waffen und des Pulvers nötig ist.«

Tatsächlich wusste er nichts über die Herstellung von beidem, aber er sah hier eine Chance, seine Mitgefangenen zu retten oder zumindest ihre Vernichtung zu verzögern und Zeit zu gewinnen, um einen Weg zur Flucht zu finden, und dafür zögerte er auch nicht, den Cid zu belügen, denn wird im Krieg nicht immer unfair gekämpft?

»Nun gut«, sagte der Korsar-Häuptling, »wenn ihr mir keine Schwierigkeiten macht, werdet ihr alle leben – vorausgesetzt, ihr lehrt uns, wie man Waffen und Pulver herstellt wie ihr es benutzt.«

»Wir können in dem dreckigen Loch, in dem wir eingepfercht sind, nicht leben«, erwiderte der Sarier, »und wir können auch nicht ohne Essen leben. Bald werden wir alle krank und sterben. Wir sind Menschen der freien Luft – wir können nicht halb verhungert in dunklen, mit Ungeziefer gefüllten Löchern eingepfercht sein und leben.«

»Du wirst nicht in das Loch zurückgeschickt«, sagte der Cid. »Es besteht keine Gefahr, dass du entkommst.«

»Und die anderen?«, fragte Tanar.

»Die bleiben, wo sie sind!«

»Sie werden alle sterben; und ohne sie kann ich kein Pulver herstellen«, erinnerte Tanar ihn.

Der Cid runzelte die Stirn. »Du würdest mein Schiff von Feinden überrennen lassen«, knurrte er.

»Sie sind unbewaffnet.«

»Dann würden sie sicherlich getötet werden«, sagte der Cid. »Niemand würde in dieser Meute lange überleben, wenn er nicht bewaffnet wäre«, und er winkte mit der Hand verächtlich in Richtung der halbnackten Menge unter Deck.

»Dann lass die Luken offen und gib ihnen frische Luft und mehr und besseres Essen.«

»Von mir aus«, sagte der Cid. »Bohar, lass die vorderen Luken entfernen, stelle dort eine Wache mit dem Befehl auf, jeden Gefangenen zu töten, der versucht, an Deck zu kommen, und jeden von unseren Männern, der versucht, unter Deck zu gehen; sieh auch zu, dass die Gefangenen die gleichen Rationen bekommen wie unsere eigenen Männer.«

Mit einem Gefühl der Erleichterung, das fast an Glück grenzte, sah Tanar, wie Bohar abzog, um die Befehle des Cid auszuführen, denn er wusste sehr wohl, dass seine Leute die beklemmende und ungewohnte Enge und das abscheuliche Essen nicht lange überleben konnten, mit denen sie bestraft wurden, seit sie an Bord des Korsar-Schiffes gebracht worden waren.

Der Cid ging in seine Kabine, und Tanar, der sich selbst überlassen war, ging zum Vorschiff und stützte sich auf die Reling, um in die dunstige, aufsteigende Ferne zu blicken, wo das Land der Sarier, sein Land, jenseits des Dunstes lag.

Weit achtern hob und senkte sich ein kleines Boot mit den großen, langen Wogen. Wilden Bestien der Tiefe und Stürmen ausgesetzt, trieb es im Kielwasser der großen Flotte – ein zerbrechliches und winziges Ding, zusammengehalten durch den starken Willen dreier Männer.

Aber das konnte Tanar nicht sehen, denn der Nebel verbarg es. Es hätte ihn gefreut zu wissen, dass sein Kaiser sein Leben riskierte, um ihn zu retten.

Während er starrte und träumte, wurde er sich einer Präsenz in seiner Nähe bewusst, er drehte sich aber nicht um, denn mit wem auf dem Schiff, der Zugang zum Oberdeck haben könnte, hätte er sprechen wollen?

Plötzlich hörte er eine Stimme an seinem Ellbogen, eine tiefe, goldene Stimme, die ihn dazu brachte, sich ihrem Besitzer zuzuwenden. Es war das Mädchen.

»Du schaust zurück zu deinem eigenen Land?«, fragte sie.

»Ja.«

»Du wirst es nie wiedersehen«, sagte sie mit einem Hauch von Traurigkeit in der Stimme, als würde sie seine Gefühle verstehen.

»Vielleicht nicht, aber warum sollte dich das kümmern? Ich bin ein Feind.«

»Ich weiß nicht, warum mich das interessieren sollte«, antwortete das Mädchen. "Wie heißt du?«

»Tanar.«

»Ist das alles?«

»Man nennt mich Tanar der Flinke.«

»Warum?«

»Weil in ganz Sari keiner schneller ist als ich.«

»Sari – ist das der Name deines Landes?«

»Ja.«

»Wie ist es dort?«

»Es ist ein Hochplateau zwischen den Bergen. Es ist ein sehr schönes Land, mit reißenden Flüssen und großen Bäumen. Es ist voll von Wild. Wir jagen dort den großen Ryth und den Tarag für Fleisch und zum Wettkampf und es gibt unzählige kleinere Tiere, die uns Nahrung und Kleidung geben.«

»Habt ihr keine Feinde? Ihr seid kein kriegerisches Volk wie die Korsaren.«

»Wir haben die kriegerischen Korsaren besiegt«, erinnerte er sie.

»Davon würde ich nicht zu oft sprechen«, sagte sie. »Korsaren haben ein hitziges Temperament und sie lieben es, zu töten.«

»Warum tötest du mich dann nicht?«, fragte er. »Du hast ein Messer und eine Pistole in deiner Schärpe, wie die anderen auch.«

Das Mädchen lächelte nur.

»Vielleicht bist du keine Korsarin«, sagte er. »Vielleicht wurdest du wie ich geschnappt und bist eine Gefangene.«

»Ich bin keine Gefangene«, antwortete sie.

»Aber du bist keine Korsarin«, beharrte er.

»Frag den Cid – er wird dich für deine Unverschämtheit zweifellos abstechen; aber warum denkst du, dass ich keine Korsarin bin?«

»Du bist zu schön und zu elegant«, antwortete er. »Du hast Sympathie gezeigt, und das ist ein Gefühl, das weit über deren geistige Fähigkeit hinausgeht. Sie sind –«

»Pass auf, Feind; vielleicht bin ich ein Korsarin!«

»Glaube ich nicht«, sagte Tanar.

»Dann behalte deinen Glauben für dich, Gefangener«, erwiderte das Mädchen in einem hochmütigen Ton.

»Was soll das?«, fragte eine raue Stimme hinter Tanar.

»Was hat diese Kreatur zu dir gesagt, Stellara?« Tanar drehte sich zu Bohar dem Blutigen um.

»Ich habe angezweifelt, dass sie der gleichen Rasse angehört wie du«, schnauzte Tanar, bevor das Mädchen antworten konnte. »Es ist unvorstellbar, dass eine so schöne Frau mit dem Blut von Korsar befleckt sein kann.«

Bohar, das Gesicht rot vor Wut, legte eine Hand auf eines seiner Messer und schritt wütend auf den Sarier zu. »Es bedeutet den Tod, die Tochter des Cid zu beleidigen«, schrie er, riss das Messer aus seiner Schärpe und stiess das Messer nach Tanar.

Der leichtfüssige Sarier, seit Kindheit an im defensiven wie offensiven Umgang mit scharfen Waffen geübt, trat schnell zur Seite und dann ebenso schnell wieder zurück, und erneut wälzte sich Bohar der Blutige nach einem gut platzierten Schlag auf dem Deck.

Bohar schäumte geradezu vor Wut, als er seine schwere Pistole aus seiner bunten Schärpe riss und von dort, wo er auf dem Deck lag, auf Tanars Brust zielte und abdrückte. Im selben Augenblick sprang das Mädchen vor, als wolle es die Ermordung des Gefangenen verhindern.

Es geschah alles so schnell, dass Tanar die Abfolge der Ereignisse kaum mitbekam, aber was er wusste, war, dass das Pulver nicht zündete, und dann lachte er.

»Du solltest besser warten, bis ich dir beigebracht habe, wie man Pulver herstellt, das brennt, bevor du versuchst, mich zu ermorden, Bohar«, sagte er.

Der Blutige rappelte sich auf und Tanar stand bereit, um den erwarteten Angriff abzuwehren, aber das Mädchen trat mit einer gebieterischen Geste zwischen sie.

»Genug davon!«, rief sie. »Es ist der Wunsch des Cid, dass dieser Mann lebt. Willst du, dass der Cid erfährt, dass du versucht hast, ihn zu erschießen, Bohar?«

Der Blutige starrte Tanar einige Sekunden lang an, dann drehte er sich um und schritt wortlos davon.

»Es scheint, dass Bohar mich nicht mag«, sagte Tanar und lächelte.

»Er mag fast niemanden«, sagte Stellara, »aber dich hasst er – jetzt.«

»Weil ich ihn niedergeschlagen habe, nehme ich an. Ich kann es ihm nicht verübeln.«

»Das ist nicht der wahre Grund«, sagte das Mädchen.

»Was ist es dann?«

Sie zögerte, dann lachte sie. »Er ist eifersüchtig. Bohar will mich als seine Gefährtin.«

»Aber warum sollte er dann auf mich eifersüchtig sein?«

Stellara sah Tanar von oben bis unten an, dann lachte sie wieder. »Ich weiß es nicht«, sagte sie. »Neben unseren riesigen Korsaren bist du bloss ein halber Mann – mit deinem bartlosen Gesicht und deiner schmalen Taille. Es bräuchte zwei von dir, um einen von ihnen zu machen.«

Für Tanar bemerkte eine leichte Verachtung in ihrer Stimme und das pikierte ihn, aber warum, wusste er nicht, und das ärgerte ihn gleich mit. Was war sie anderes als die wilde Tochter eines wilden, rüpelhaften Korsaren?

Als er zum ersten Mal von Bohars Lippen erfahren hatte, dass sie die Tochter und nicht die Gefährtin des Cid war, hatte er eine unerklärliche Erleichterung verspürt, halb unbewusst und ohne überhaupt zu versuchen, seine Reaktion zu verstehen.

Vielleicht war es die Schönheit des Mädchens, die eine solche Beziehung mit dem Cid abstoßend erscheinen ließ, vielleicht war es ihre geringere Rücksichtslosigkeit, die im Gegensatz zur Brutalität von Bohar und dem Cid als überragende Sanftheit erschien, aber jetzt schien sie zu einer raffinierten Grausamkeit fähig zu sein, die er schließlich in der einen oder anderen Form bei der Tochter des Häuptlings der Korsaren erwartet hätte.

Wie man es eben so macht, wenn man pikiert ist, neckte Tanar sie, in der Hoffnung, sie damit zu ärgern. »Bohar kennt dich besser als ich«, sagte er; »vielleicht weiß er, dass er Grund zur Eifersucht hat.«

»Vielleicht«, erwiderte sie rätselhaft, »aber niemand wird es je erfahren, denn Bohar wird dich töten – ich kenne ihn gut genug, um das zu wissen.«

Kapitel 2: Unglück

Auf den zeitlosen Meeren von Pellucidar kann eine Reise eine Stunde oder ein Jahr dauern – das hängt nicht von ihrer Dauer ab, sondern von den wichtigen Ereignissen, die ihren Verlauf kennzeichnen.

Die Korsar-Flotte durchpflügte die unruhige See entlang des aufwärts gekrümmten Erdinnern. Günstige Winde trugen die Schiffe vorwärts. Die Mittagssonne stand unaufhörlich im Zenit. Die Menschen aßen, wenn sie hungrig waren, schliefen, wenn sie müde waren, oder schliefen für Zeiten, in denen ihnen der Schlaf verweigert werden könnte, denn die Menschen von Pellucidar scheinen mit einer Fähigkeit ausgestattet zu sein, die es ihnen erlaubt, den Schlaf sozusagen zu speichern, für Zeiten, in denen an Schlaf nicht zu denken war, etwa die anstrengenderen Perioden der Jagd und des Krieges, in denen es keine Gelegenheit für Schlaf gibt. Ähnlich essen sie mit unglaublicher Unregelmäßigkeit.

Tanar hatte seit seiner Begegnung mit Bohar, den er seither bei verschiedenen Gelegenheiten gesehen hatte, ohne dass es zu einer tatsächlichen Begegnung gekommen war, mehrere Male geschlafen und gegessen. Der Blutige schien seine Zeit abzuwarten.

Stellara hatte sich mit der alten Frau, von der Tanar annahm, dass es ihre Mutter war, in ihrer Kabine aufgehalten. Er fragte sich, ob Stellara einst wie ihre Mutter oder der Cid aussehen würde, wenn sie älter war, und ihm schauderte bei dem Gedanken an beide Möglichkeiten.

Während er so vor sich hin sinnierte, wurde Tanars Aufmerksamkeit von den Bewegungen der Männer auf dem Unterdeck abgelenkt. Er sah, wie sie über den Bug nach oben blickten, und als er mit seinem Blick der Richtung ihrer Augen folgte, sah er das seltene Phänomen einer Wolke am strahlenden Himmel.

Ungefähr zur gleichen Zeit muss jemand den Cid benachrichtigt haben, denn er kam aus seiner Kajüte und schaute lange und forschend zum Himmel hinauf.

Mit lauter Stimme brüllte der Cid Befehle, und seine wilde Mannschaft kletterte wie Affen auf ihre Posten, schwärmte nach oben oder stand an Deck bereit, um seine Befehle auszuführen.

Die großen Segel wurden herabgelassen und die kleineren gerefft, und in der ganzen Flotte, die über die Oberfläche des glänzenden Meeres verstreut war, folgte man dem Beispiel des Kommandanten.

Die Wolke nahm an Größe zu und kam schnell näher. Es war nicht mehr die kleine weiße Wolke, die zuerst ihre Aufmerksamkeit erregt hatte, sondern eine große, wulstige, bedrohliche, schwarze Masse, die finster über dem Ozean hing und ihn dort, wo der Schatten lag, in ein düsteres Grau verwandelte.

Der Wind, der sanft geweht hatte, ebbte urplötzlich ab. Das Schiff verlor an Fahrt und trieb im Meer. Die Stille, die folgte, legte einen Bann des Schreckens über die Schiffsbesatzung.

Tanar beobachtete sie und bemerkte ihre Veränderung. Wenn diese rauen Seefahrer vor der Bedrohung durch die große Wolke zurückschreckten, musste die Gefahr tatsächlich groß sein.

Die Sarier waren ein Bergvolk. Tanar wusste wenig über das Meer, aber wenn er auf Pellucidar etwas fürchtete, dann war es das Meer. Der Anblick dieser wilden Korsar-Matrosen, die sich vor Angst krümmten, war daher alles andere als beruhigend.

Jemand war an die Reling gekommen und stellte sich an seine Seite.

»Wenn das vorbei ist«, sagte eine Stimme, »wird es weniger Schiffe in der Flotte von Korsar geben und weniger Männer, die nach Hause zu ihren Frauen gehen.«

Er drehte sich um und sah Stellara, die zur Wolke hinaufblickte.

»Du scheinst aber keine Angst zu haben«, sagte er.

»Du auch nicht«, antwortete das Mädchen. »Wir scheinen die einzigen Menschen an Bord zu sein, die keine Angst haben.«

»Sieh dir die Gefangenen an«, sagte er zu ihr. »Sie zeigen keine Angst.«

»Warum?«, fragte sie.

»Sie sind Pellucidarer«, antwortete er stolz.

»Wir sind alle von Pellucidar«, erinnerte sie ihn.

»Ich beziehe mich auf das Imperium«, sagte er.

»Warum hast du keine Angst?«, fragte sie. »Bist du so viel mutiger als die Korsaren?« Es lag kein Sarkasmus in ihrer Stimme.

»Ich habe sehr viel Angst«, antwortete Tanar. »Ich gehöre zu einem Bergvolk – wir wissen wenig über das Meer und seine Wege.«

»Aber du zeigst keine Angst«, beharrte Stellara.

»Das ist das Ergebnis von Vererbung und Training«, antwortete er.

»Die Korsaren zeigen ihre Angst«, überlegte sie. Sie sprach wie eine, die von anderem Blut war. »Sie rühmen sich ihrer Tapferkeit«, fuhr sie fort, als redete sie zu sich selbst, »aber wenn der Himmel sich verdunkelt, zeigen sie Furcht.« In ihrer Stimme lag ein Hauch Verachtung. »Schau!«, rief sie. »Es kommt!«

Die Wolke kam jetzt auf sie zu, und unter ihr tobte das Meer. Nebelfetzen wirbelten und drehten sich an den Rändern der großen Wolkenmasse. Gischt wirbelte und brach über den wütenden Wellen. Und dann traf der Sturm auf das Schiff und brach es fast zum Kentern.

Was nun folgte, war für einen Bergmenschen, der das Meer nicht gewohnt war, entsetzlich: das Chaos der Wellen, die über das sich wälzende Schiff brachen, das peitschende Wasser; der kreischende Wind; die schäumende, blendende Gischt; die entsetzte und eingeschüchterte Mannschaft, die alle Bedrohlichkeit verloren hatte.

Taumelnd, torkelnd, sich an die Reling klammernd, kam Bohar der Blutige an Tanar vorbei, der sich mit einem Arm an eine Stütze klammerte und mit dem anderen Stellara festhielt, die ohne das schnelle Eingreifen des Sariers auf das Deck geschleudert worden wäre.

Das Gesicht von Bohar war eine aschfahle Maske, von der sich die rote Wunde seiner hässlichen Narbe in erschreckendem Kontrast abhob. Er schaute zu Tanar und Stellara, aber er ging an ihnen vorbei und murmelte vor sich hin.

Hinter ihnen war der Cid, der Befehle brüllte, die niemand hören konnte. Bohar machte sich auf den Weg zu ihm. Über dem Sturm hörte Tanar den Blutigen, der seinen Anführer anschrie.

»Rettet mich! Rettet mich!«, schrie er. »Die Boote – lasst die Boote runter! Das Schiff ist verloren.«

Es war selbst für einen Landbewohner offensichtlich, dass kein kleines Boot in einer solchen See bestehen konnte, selbst wenn eines hätte herabgelassen werden können. Der Cid beachtete seinen Leutnant nicht, sondern blieb, wo er war, und brüllte Befehle.

Eine mächtige Welle erhob sich plötzlich über den Bug; hing dort für einen Augenblick und brach dann auf das untere Deck – Tonnen von erdrückender, erbarmungsloser, gefühlloser See – donnerte auf die zusammengekauerten, schreienden Seeleute. Nichts als der hohe Bug und das hohe Achterschiff ragten aus den wütenden Wellen heraus – einen kurzen Moment lang ächzte das große Schiff und zitterte, kämpfte um sein Leben.

»Es ist das Ende!«, schrie Stellara.

Bohar schrie wie eine dumme Bestie im Angesicht des Todes. Der Cid kniete auf dem Deck, das Gesicht in seinen Armen vergraben. Tanar stand da und sah zu, fasziniert von der furchterregenden Macht der Elemente. Er sah, wie der Mensch wegen einer Windböe zu mickriger Bedeutungslosigkeit schrumpfte, und sein Gesicht verzog sich zu einem langsamen Lächeln.

Die Welle zog sich zurück und das Schiff taumelte ächzend nach oben. Das Lächeln verließ Tanars Lippen, als seine Augen auf das Unterdeck blickten. Es war jetzt fast leer. Ein paar durchnässte Gestalten lagen zusammengekauert in den Speigatten; ein Dutzend Männer, die sich hier und da festklammerten, gaben ein Lebenszeichen von sich. Die anderen, alle außer denen, die sich unter Deck in Sicherheit gebracht hatten, waren verschwunden.

Das Mädchen klammerte sich fest an den Mann. »Ich hätte nicht gedacht, dass wir das überleben würden«, sagte sie.

»Ich auch nicht«, sagte Tanar.

»Aber du hattest keine Angst«, sagte sie. »Du scheinst der Einzige zu sein, der keine Angst hatte.«

»Was hat Bohars Schreien genützt?«, fragte er. »Hat es ihn gerettet?«

»Du hattest also Angst, aber du hast sie versteckt?«

Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht«, sagte er. »Ich weiß nicht, was du mit Angst meinst. Ich wollte nicht sterben, wenn du darauf hinaus willst.«

»Da kommt noch eine!«, rief Stellara schaudernd und drückte sich näher an ihn.

Tanars Arm schlang sich um die schlanke Gestalt des Mädchens. Es war eine unbewusste Geste des Beschützerinstinkts des Mannes.

»Hab keine Angst«, sagte er.

»Ich habe keine – jetzt nicht mehr«, antwortete sie.

In dem Augenblick, als die mächtige Welle das Schiff verschlang, schlug der wütende Orkan plötzlich mit neuer Wut zu – und die Masten, deren Segel schon auf ein Minimum gerefft waren, gerade noch genug, um den Bug des Schiffes gegen den Sturm zu halten, zerbarsten wie trockene Knochen und krachten in einem Gewirr von Tauwerk auf Deck. Die Gallionsfigur des Schiffes brach weg und das Schiff wirbelte im Sog des großen Meeres umher – ein hoffnungsloses Wrack.

Über das Heulen des Windes erhob sich Bohars Geschrei. »Die Boote! Die Boote!«, wiederholte er wie ein dressierter Papagei, der vor Angst verrückt geworden ist.

Als wäre er für den Moment gesättigt und von seinen eigenen Anstrengungen erschöpft, legte sich der Sturm, der Wind erstarb, aber das aufgepeitschte Wasser stieg und fiel, und zog das große Schiff mit sich. Am Fusse jedes wässrigen Tals schien es, als würde es von der graugrünen Klippe verschlungen werden, die über ihm zusammenstürzte, die unausweichliche Zerstörung mit sich bringend.

Bohar, immer noch schreiend, kletterte auf das Unterdeck. Er fand Männer im Freien, die wie durch ein Wunder noch lebten, und andere, die unter Deck in Angst und Schrecken erstarrt waren. Durch Flüche und Schläge und mit seiner geladenen Pistole drohend, brachte er die vor Angst zitternde Meute, ein Boot bereit zu machen.

Es waren zwanzig von ihnen, und ihre Götter oder Teufel müssen mit ihnen treu gewesen sein, denn sie ließen ein Boot hinunter und entkamen dem taumelnden Wrack sicher und ohne einen Mann zu verlieren.

Der Cid hatte Bohars Vorhaben beobachtet, und versuchte, die scheinbar selbstmörderische Tat zu verhindern, indem er ihm vom Oberdeck her Befehle zubrüllte, aber sie hatten keine Wirkung, worauf der Cid auf das Unterdeck hinabstieg, um seinen Befehlen Nachdruck zu verleihen, aber er war zu spät gekommen.

Nun stand er da und starrte ungläubig auf das kleine Boot, das in scheinbarer Sicherheit über das weite Meer schipperte, während das zerstörte Schiff, das unter den abgeknickten Masten langsam auseinanderbrach, dem Untergang geweiht schien.

Aus allen Ecken und Verstecken, kam der Rest der Schiffsbesatzung gekrochen, und als sie Bohars Boot und die scheinbare Sicherheit der Besatzung sahen, riefen sie nach einer Flucht mit den anderen Booten. Nachdem sich der Gedanke in ihren Köpfen festgesetzt hatte, brach eine wahnsinnige Panik aus, und die Halbstarken begannen um Plätze in den verbleibenden Booten zu kämpfen.

»Komm!«, rief Stellara. »Wir müssen uns beeilen, sonst fahren sie ohne uns.« Sie begann, sich in Richtung Niedergang zu bewegen, aber Tanar hielt sie zurück.

»Sieh sie dir an«, sagte er. »Wir sind sicherer, wenn wir uns dem Meer und dem Sturm ausliefern.«

Stellara wich vom Niedergang zurück. Sie sah Männer, die sich gegenseitig abstachen – die Hinteren murksten die Vorderen ab. Männer zerrten andere aus den Booten und töteten sie an Deck oder wurden selbst getötet. Sie sah, wie der Cid einem Matrosen in den Rücken schoss und dessen Platz im ersten Boot einnahm, das herabgelassen wurde. Sie sah Männer, die von der Reling sprangen, in dem verrückten Versuch, dieses Boot zu erreichen, und dabei ins Meer stürzten oder hineingeworfen wurden, wenn es ihnen gelang, das schaukelnde Boot zu entern.

Sie sah, wie die anderen Boote herabgelassen wurden und die Männer zwischen ihnen und der Bordwand zerquetscht wurden – sie sah, in welche Verzweiflung die Angeber und Grobiane vor lauter Angst getrieben wurden, als die verbleibenden Matrosen, die keinen Platz im letzten Boot ergattern konnten, absichtlich ins Meer sprangen und ertranken.

Tanar und Stellara standen auf dem hohen Vorschiff des sinkenden Wracks und beobachteten die verzweifelten Bemühungen der Ruderer in den überfüllten kleinen Booten. Sie sahen, wie ein Boot ein anderes rammte und beide untergingen. Sie sahen, wie die ertrinkenden Männer ums Überleben kämpften. Als der Sturm zurückkehrte, hörten sie ihre heiseren Flüche und ihre Schreie über das Tosen des Meeres und das Heulen des Windes hinweg, als fürchteten sie, so seiner Wut entkommen zu können.

»Wir sind allein«, sagte Stellara. »Sie sind alle weg.«

»Lass sie gehen«, antwortete Tanar. »Ich würde nicht mit ihnen tauschen wollen.«

»Aber es gibt keine Hoffnung für uns«, sagte das Mädchen.

»Ja, für sie gibt es keine mehr«, antwortete der Sarier, »aber wenigstens sind wir nicht in ein kleines Boot voller Halsabschneider gepfercht.«

»Du hast mehr Angst vor den Männern als vor dem Meer«, sagte sie.

»Um deinetwillen, ja«, antwortete er.

»Warum solltest du dich um mich fürchten?«, fragte sie. »Bin ich nicht auch dein Feind?«

Er blickte sie voller Überraschung an. »Das stimmt«, sagte er, »aber irgendwie hatte ich es vergessen – du wirkst aber nicht wie ein Feind, nicht so wie die anderen. Du scheinst nicht einmal wie einer von ihnen zu sein.«

Tanar klammerte sich an die Reling und stützte das Mädchen auf dem schwankenden Deck, seine Lippen bewegten sich nahe an Stellaras Ohr, als er versuchte, sich über den Sturm hinweg mit ihr zu sprechen. Er vernahm einen schwachen und zarten Duft, der für immer ein Teil seiner Erinnerung an Stellara bleiben sollte.

Eine Woge schlug gegen das schwankende Schiff und warf Tanar nach vorne, so dass seine Wange die Wange des Mädchens berührte und als sie den Kopf drehte, streiften seine Lippen die ihren. Beiden war klar, dass es ein Versehen war, aber der Effekt war nicht weniger überraschend. Tanar spürte zum ersten Mal den Körper der Frau an seinem und das Bewusstsein dieser Berührung muss sich in seinen Augen widergespiegelt haben, denn Stellara wich zurück, ein Schimmer der Furcht in ihrem Blick.

Tanar sah die Angst in den Augen eines Feindes, aber es bereitete ihm kein Vergnügen. Er versuchte sich vorzustellen, was einer Frau seines Stammes widerfahren wäre, wäre sie den Korsaren in die Hände gefallen, aber auch dieser Gedanke befriedigte ihn nicht – und hätte es, wäre das einem Eingeständnis gleich gekommen, dass er aus dem gleichen unedlen Holz geschnitzt war wie die Männer von Korsar.

Welche Gedanken Stellara und Tanar auch plagten, verlor in dem Augenblick an Bedeutung, als eine weitere gewaltige Welle, die gigantischste, die das geschundene Schiff bisher heimgesucht hatte, ihre unzähligen Tonnen auf das bebende Deck schleuderte.

Für Tanar schien es in der Tat so, als müsse dies das Ende bedeuten, denn es war unvorstellbar, dass sich der unbeherrschbare Schiffsrumpf wieder aus dem Wasserschwall erheben könnte, der ihn fast bis zum obersten Deck des hoch aufragenden Vorschiffs überspülte, wo sich die beiden gegen den reißenden Wind und das furchtbare Schaukeln des Wracks festhielten.

Doch während die Wellen weiter über das Deck brachen, kämpfte sich das Schiff langsam und träge zurück an die Oberfläche, wie ein erschöpfter und ertrinkender Schwimmer, der sich schwach nach oben kämpft, um einen letzten Atemzug zu bekommen, der bestenfalls die Agonie des Todes verlängern würde.

Als das Hauptdeck langsam aus dem zurückweichenden Wasser auftauchte, bemerkte Tanar voller Schrecken, dass die vordere Luke eingedrückt worden war. Dass das Schiff eine beträchtliche Menge Wasser aufgenommen haben musste und dass jede nachfolgende Welle, die über sie hereinbrach, die Menge noch vergrössern würde, berührte den Sarier weniger als das Wissen um die Tatsache, dass unter dieser Luke seine Mitgefangenen eingesperrt waren.

Durch die finstere Bedrohung seiner fast aussichtslosen Lage hindurch schimmerte ein einziger heller Hoffnungsschimmer, dass, sollte das Schiff den Sturm überstehen, eine Anzahl seiner pellucidarischen Kameraden an Bord sein würde und dass sie gemeinsam die Mittel finden würden, ein notdürftiges Segel zu bauen und sich den Weg zurück zum Festland zu bahnen, von dem aus sie entführt wurden; aber angesichts der klaffenden Luke und der fast sicheren Schlussfolgerung, die daraus gezogen werden musste, wurde ihm klar, dass es in der Tat ein Wunder wäre, wenn außer Stellara und ihm noch jemand an Bord des Wracks am Leben wäre.

Das Mädchen blickte auf die Verwüstung hinunter und wandte nun ihr Gesicht dem seinen zu.

»Sie müssen alle ertrunken sein«, sagte sie, »und es waren deine Leute. Es tut mir leid.«

»Vielleicht hätten sie es dem vorgezogen, was sie in Korsar erwartet hätte«, sagte er.

»Und sie wurden nur ein wenig früher erlöst, als wir es werden«, fuhr sie fort. »Bemerkst du, wie tief das Schiff jetzt liegt und wie träge es ist? Der Laderaum muss halb mit Wasser gefüllt sein – eine weitere solche Welle wie die letzte wird es endgültig versenken.«

Eine Zeit lang standen sie schweigend da, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Der Schiffsrumpf wälzte sich im Wellental, und einen Moment lang schien es, als könnte er nicht rechtzeitig beidrehen, um das Unheil der nächsten bedrohlichen Welle abzuwenden, doch er taumelte wie trunken und hielt dem nahenden Wasser seine hohe Seite entgegen.

»Ich glaube, der Sturm hat sich verzogen«, sagte Tanar.

»Der Wind ist abgeflaut, und die Wellen sind nicht mehr so groß wie die, die Vorschiff geflutet hat«, sagte Stellara hoffnungsvoll.

Die Mittagssonne brach hinter der schwarzen Wolke hervor, die sie verhüllt hatte, und das Meer erstrahlte in blauer und silberner Schönheit. Der Sturm hatte sich gelegt. Die Wellen flauten ab. Das Wrack lag tief im Wasser, war aber vorübergehend von der Bedrohung einer unmittelbaren Katastrophe befreit.

Tanar stieg den Niedergang zum Unterdeck hinunter und näherte sich der vorderen Luke. Ein einziger Blick nach unten offenbarte nur das, was er voraussehen konnte – schwimmende Leichen, die im Wellengang hin und her wogten. Alle unter Deck waren tot. Mit einem Seufzer wandte er sich ab und kehrte auf das Oberdeck zurück.

Das Mädchen fragte nicht nach, denn sie konnte in seinem Blick lesen, was geschehen war.

»Du und ich sind die einzigen Überlebenden an Bord«, sagte er.

Sie holte mit einer Hand zu einer großen Geste aus, die das Meer um sie herum einbezog. »Wir sind zweifellos die einzigen Überlebenden der gesamten Flotte«, sagte sie. »Ich sehe weder ein anderes Schiff noch eines der kleinen Boote.«

Tanar blickte in alle Richtungen. »Ich auch nicht«, sagte er; »aber vielleicht sind einige von ihnen entkommen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Das bezweifle ich.«

»Ihr habt einen schweren Verlust erlitten«, sagte der Sarier mitfühlend. »Neben so vielen deiner Leute hast du auch deinen Vater und deine Mutter verloren.«

Stellara wandte sich ihm schnell zu. »Sie waren nicht mein Volk«, sagte sie.

»Was?«, rief Tanar aus. »Sie waren nicht dein Volk? Aber dein Vater, der Cid, war der Anführer der Korsaren.«

»Er war nicht mein Vater«, antwortete das Mädchen.

»Und die Frau war nicht deine Mutter?«

»Mögen die Götter es verhüten!«, rief sie aus.

»Aber der Cid! Er hat dich wie eine Tochter behandelt.«

»Er dachte, ich sei seine Tochter, aber ich bin es nicht.«

»Ich verstehe nicht«, sagte Tanar; »und doch bin ich froh, dass du es nicht bist. Ich konnte nicht verstehen, wie du, die du so anders bist als sie, eine Korsarin sein konntest.«

»Meine Mutter war eine Eingeborene der Insel Amiocap, und dort hat der Cid sie auf einem Raubzug nach Frauen geschnappt. Sie erzählte mir viele Male davon, bevor sie starb.

Ihr Gefährte war auf einer großen Jagd nach Tandors und sie sah ihn nie wieder. Als ich geboren wurde, dachte der Cid, ich sei seine Tochter, aber meine Mutter wusste es besser, denn ich trug auf meiner linken Schulter ein kleines, rotes Muttermal, das identisch mit dem auf der linken Schulter des Mannes war, dem sie gestohlen worden war – meinem Vater.

Meine Mutter erzählte dem Cid nie die Wahrheit, aus Angst, er würde mich töten, weil es bei den Korsaren Brauch ist, die Kinder ihrer Gefangenen zu töten, wenn nicht ein Korsar der Vater ist.«

»Und die Frau, die mit euch an Bord war, war nicht deine Mutter?«

»Nein, sie war die Gefährtin des Cid, aber nicht meine Mutter, die ist tot.«

Tanar spürte eine deutliche Erleichterung, dass Stellara keine Korsarin war, aber warum das so war, wusste er nicht, versuchte aber auch nicht, seine Gefühle zu analysieren.

»Ich bin froh«, sagte er wieder.

»Aber warum?«, fragte sie.

»Jetzt müssen wir keine Feinde mehr sein«, antwortete er.

»Waren wir das vorher?«

Er zögerte, dann lachte er. »Ich war nicht dein Feind«, sagte er, »aber du hast mich daran erinnert, dass du meiner bist.«

»Ich habe mir ein Leben lang angewöhnt, mich für eine Korsarin zu halten«, erklärte Stellara, »aber ich wusste, dass ich es nicht bin. Ich empfand keine Feindschaft gegen dich.«

»Was immer wir gewesen sein mögen, wir müssen jetzt zwangsläufig Freunde sein«, sagte er ihr.

»Das hängt von dir ab«, erwiderte sie.

Kapitel 3: Amiocap

Das blaue Wasser des großen Meeres, das als Korsar Az bekannt ist, umspült die Ufer einer grünen Insel, die weit vom Festland entfernt ist – eine lange, schmale Insel mit grünen Hügeln und Hochebenen, deren Küstenlinie von Buchten und winzigen Sandbänken durchzogen ist – Amiocap, eine Insel voller Geheimnisse und Romantik.

Aus der Ferne und bei Dunst sieht sie eher wie zwei Inseln aus als wie eine, so niedrig und schmal ist sie an einer Stelle, wo die Buchten auf beiden Seiten zusammenkommen und das Meer sie beinahe trennt.

So sah die Insel für die beiden Überlebenden an Deck der Korsar aus, die hilflos mit der trägen Strömung des Ozeans und den Launen des Windes trieb.

Zeit ist für die Menschen auf Pellucidar nicht einmal ein Wort, darum hatte Tanar keinen Gedanken daran verschwendet. Sie hatten oft gegessen, aber da es immer noch reichlich Proviant gab, selbst für eine ganze Mannschaft, machte er sich darüber keine Sorgen, hingegen beunruhigte ihn den Wasservorrat, denn der Inhalt vieler Fässer, die er aufgebrochen hatte, war ungenießbar gewesen.

Sie hatten viel geschlafen, was Pellucidarer tun, wenn es nichts anderes zu erledigen gibt, und so Energie für mögliche zukünftige Perioden langwieriger Anstrengung zu speichern.

Für wie lange sie geschlafen haben, vermag niemand in der zeitlosen Gegenwart von Pellucidar zu sagen. Stellara trat zuerst aus der Kabine, die sie neben der des Cid bezogen hatte, und kam an Deck. Sie schaute sich nach Tanar um, aber da sie ihn nicht sah, ließ sie ihren Blick über die sich nach oben wölbende Wasserfläche schweifen, die in allen Richtungen mit dem blauen Kuppelgewölbe des strahlenden Himmels verschmolz, in dessen exakter Mitte die große Mittagssonne hing.

Doch plötzlich wurde ihr Blick von etwas neben dem unendlichen Wasser und der unbewegten Sonne angezogen. Sie stieß einen überraschten und freudigen Schrei aus, drehte sich um und lief über das Deck in Richtung der Kajüte, in der Tanar schlief.

»Tanar! Tanar!«, rief sie und hämmerte gegen die getäfelte Tür. »Land, Tanar, Land!«

Die Tür schwang auf und der Sarier trat auf das Deck hinaus zu Stellara, die über die Steuerbordreling des treibenden Wracks zeigte.

In der Nähe erhoben sich die grünen Hügel einer langen Küstenlinie, die sich in beide Richtungen über viele Meilen hinweg erstreckte, aber ob es das Festland oder bloss eine Insel war, konnten sie nicht erkennen.

»Land!«, hauchte Tanar. »Wie schön es aussieht!«

»Das hübsche Grün des Dickichts verbirgt oft schreckliche Bestien und wilde Menschen«, erinnerte ihn Stellara.

»Aber das sind die Gefahren, die ich kenne – es sind die unbekannten Gefahren des Meeres, die ich nicht mag. Ich bin nicht vom Meer.«

»Hasst du das Meer?«

»Nein«, antwortete er, »ich hasse es nicht; ich verstehe es nur nicht – das ist alles. Aber es gibt etwas, das ich verstehe«, sagte er und er deutete zur Küste.

Da war etwas in Tanars Ton, das Stellara veranlasste, schnell in die Richtung zu schauen, die er andeutete.

»Männer!«, rief sie aus.

»Krieger«, sagte Tanar.

»Es müssen zwanzig von ihnen in diesem Kanu sein«, sagte sie.

»Und da kommt ein weiteres Kanu gleich dahinter.«

Aus der Mündung einer schmalen Bucht paddelten die Kanus hinaus auf das offene Meer.

»Schau!«, rief Stellara. »Da kommen noch viele mehr.«

Eines nach dem anderen bewegten sich die rund zwanzig Kanus in einer langen Kolonne auf das ruhige Wasser hinaus, und als sie sich dem Schiff näherten, sahen die Überlebenden, dass jedes mit fast nackten Kriegern besetzt war. Kurze, schwere Speere, mit Knochenspitzen, ragten bedrohlich in die Höhe; steinerne Messer ragten aus jedem Lendenschurz heraus und steinerne Beile baumelten an jeder Hüfte.

Als sich die Flottille näherte, ging Tanar in eine Kabine und kehrte mit zwei der schweren Pistolen zurück, die ein fliehender Korsar zurückgelassen hatte, als das Schiff aufgegeben worden war.

»Glaubst du, dass du damit vierhundert Krieger zurückschlagen kannst?«, fragte das Mädchen.

Tanar zuckte mit den Schultern. »Wenn sie noch nie den Klang einer Feuerwaffe gehört haben, genügen vielleicht ein paar Schüsse, um sie zu verscheuchen, und sei es nur für eine Weile«, erklärte er, »und wenn wir nicht ans Ufer gehen, wird uns die Strömung rechtzeitig von ihnen wegtragen.«

»Aber angenommen, sie lassen sich nicht so leicht abschrecken?«, fragte sie.

»Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als mit den schäbigen Waffen und dem minderwertigen Pulver der Korsaren mein Bestes zu geben«, sagte er mit der bewussten Überlegenheit eines Mannes, der mit seinem Volk erst vor kurzem der Steinzeit entstiegen war, und immer noch instinktiv eine Pistole an der Mündung ergriff und sie in plötzlichen Notfällen als Kriegskeule benutzte.

»Vielleicht sind sie uns freundlich gesinnt«, schlug Stellara vor.

Tanar lachte. »Dann sind sie nicht von Pellucidar«, sagte er, »sondern von einem wundersamen Land, das von denen bewohnt wird, die Perry Engel nennt.«

»Wer ist Perry?«, fragte sie. »Ich habe noch nie von ihm gehört.«

»Er ist ein Verrückter, der sagt, dass Pellucidar das Innere eines hohlen Steins ist, der so rund ist wie die seltsame Kugel, die über dem Land des Grossen Schattens hängt, und dass es auf der Außenseite Meere und Berge und Ebenen und unzählige Menschen und ein großes Land gibt, aus dem er kommt.«

»Er muss ziemlich verrückt sein«, sagte das Mädchen.

»Aber er und David, unser Kaiser, haben uns viele Vorteile gebracht, die vorher in Pellucidar unbekannt waren und jetzt können wir in einer einzigen Schlacht mehr Krieger töten, als früher in einem ganzen Krieg. Perry nennt dies Zivilisation und es ist wirklich eine tolle Sache.«

»Vielleicht kommt er aus der gefrorenen Welt, aus der die Vorfahren der Korsaren stammen«, schlug das Mädchen vor. »Man sagt, dass das Land außerhalb von Pellucidar liegt.«

»Der Feind ist da«, sagte Tanar. »Soll ich auf den großen Kerl schießen, der im Bug des ersten Kanus steht?« Tanar hob eine der schweren Pistolen und wollte zielen, aber das Mädchen legte ihm eine Hand auf den Arm.

»Warte«, flehte sie. »Sie könnten freundlich sein. Schieß nur, wenn du musst – ich hasse das ständige Morden.«

»Ich glaube dir langsam, dass du keine Korsarin bist«, sagte er und senkte die Mündung seiner Waffe.

Da kam ein Ruf vom führenden Kanu. »Wir sind auf euch vorbereitet, Korsaren«, rief der große Krieger, der am Bug stand. »Ihr seid wenige an der Zahl. Wir sind viele. Euer großes Kanu ist ein nutzloses Wrack; unsere sind mit je zwanzig Kriegern bemannt. Ihr seid hilflos. Wir sind stark. Dieses Mal werden nicht wir gefangen genommen, sondern ihr, wenn ihr versucht, an Land zu gehen.

Aber wir sind nicht wie ihr, Korsaren. Wir wollen weder töten noch gefangen nehmen. Geht weg, und wir werden euch nichts tun.«

»Wir können nicht weggehen«, antwortete Tanar. »Unser Schiff ist nutzlos. Wir sind nur zu zweit, und unsere Nahrung und unser Wasser sind fast aufgebraucht. Lasst uns an Land gehen und bleiben, bis wir uns auf die Rückkehr in unsere Heimat vorbereiten können.«

Der Krieger drehte sich um und unterhielt sich mit den anderen in seinem Kanu. Dann wandte er sich wieder an Tanar.

»Nein«, sagte er; »mein Volk wird nicht zulassen, dass Korsaren unter uns kommen. Sie trauen euch nicht. Wenn ihr nicht weggeht, nehmen wir euch gefangen, und euer Schicksal liegt in den Händen des Rates der Häuptlinge.«

»Aber wir sind keine Korsaren«, erklärte Tanar.

Der Krieger lachte. »Ihr lügt«, sagte er. »Glaubt Ihr, dass wir die Schiffe der Korsaren nicht kennen?«

»Dies ist ein Korsar-Schiff«, antwortete Tanar; »aber wir sind keine Korsaren. Wir waren Gefangene, und als sie ihr Schiff in einem großen Sturm aufgegeben haben, ließen sie uns an Bord zurück.«

Die Krieger berieten sich wieder und dieses Mal paddelten die anderen Kanus längsseits heran und schlossen sich der Diskussion an.

»Wer seid ihr denn?«, fragte der Sprecher.

»Ich bin Tanar von Pellucidar. Mein Vater ist König von Sari.«

»Wir sind alle von Pellucidar«, antwortete der Krieger; »aber wir haben noch nie von einem Land namens Sari gehört. Und die Frau – ist sie deine Geliebte?«

»Nein!«, rief Stellara hochmütig. »Ich bin nicht seine Geliebte.«

»Wer bist du dann? Kommst du auch aus Sari?«

»Ich bin keine Sarierin. Mein Vater und meine Mutter waren von Amiocap.«

Wieder unterhielten sich die Krieger untereinander, einige schienen einen Vorschlag zu bevorzugen, andere einen anderen.

»Kennst du den Namen dieses Landes?«, fragte der Anführer der Krieger schließlich Stellara.

»Nein«, antwortete sie.

»Genau diese Frage wollten wir dir gerade stellen«, sagte Tanar.

»Und die Frau ist aus Amiocap?«, fragte der Krieger.

»In meinen Adern fließt kein anderes Blut«, sagte Stellara stolz.

»Dann ist es seltsam, dass du dein eigenes Land und dein eigenes Volk nicht erkennst«, rief der Krieger. »Dies ist die Insel Amiocap!«

Stellara stieß einen leisen Schrei der Freude aus. »Amiocap!«, hauchte sie leise, wie zu sich selbst. Der Schrei war wie eine Liebkosung, aber die Krieger in den Kanus waren zu weit weg, um sie zu hören. Sie dachten, sie sei still und verlegen, weil sie ihre Täuschung durchschaut hatten.

»Geht weg!«, riefen sie wieder.

»Ihr werdet mich nicht aus dem Land meiner Eltern wegschicken!«, rief Stellara erstaunt.

»Du hast uns belogen«, antwortete der große Krieger. »Ihr seid nicht von Amiocap. Du kennst uns nicht, und wir kennen dich nicht.«

»Hört zu!«, rief Tanar. »Ich war ein Gefangener an Bord dieses Schiffes, und da ich kein Korsar bin, hat mir das Mädchen ihre Geschichte erzählt, lange bevor wir dieses Land sichteten. Sie konnte nicht wissen, dass wir in der Nähe eurer Insel waren. Ich weiß nicht, ob sie überhaupt wusste, wo sie liegt, aber trotzdem glaube ich, dass ihre Geschichte wahr ist.

Sie hat nie gesagt, dass sie von Amiocap stammt, aber dass ihre Eltern es taten. Sie hat die Insel noch nie gesehen. Ihre Mutter wurde von den Korsaren geraubt, bevor sie geboren wurde.«

Wieder sprachen die Krieger einen Moment lang leise miteinander, dann wandte sich der Sprecher erneut an Stellara. »Wie war der Name deiner Mutter?«, fragte er. »Wer war dein Vater?«

»Meine Mutter wurde Allara genannt«, antwortete das Mädchen. »Ich habe meinen Vater nie gesehen, aber meine Mutter sagte, dass er ein Häuptling und ein großer Tandor-Jäger war, der Fedol hieß.«

Auf Befehl des großen Kriegers am Bug des führenden Kanus paddelten die anderen langsam näher an das treibende Wrack heran, und als sie sich dem Rumpf des Schiffes näherten, stiegen Tanar und Stellara auf das Hauptdeck hinab, das jetzt fast überflutet war, so tief war das Wasser in den Laderaum gedrungen. Als das Kanu längsseits am Rumpf trieb, legten die Krieger, mit wenigen Ausnahmen, ihre Paddel hin und standen mit ihren spitzen Knochen-Speeren bereit.

Jetzt standen die beiden auf dem Schiffsdeck und der große Krieger im Kanu war fast auf Augenhöhe. Er war ein Mann mit glattem Gesicht, fein geformten Zügen und klaren, grauen Augen, die von Intelligenz und Mut zeugten. Er starrte Stellara aufmerksam an, als würde er ihre Seele nach Beweisen für die Richtigkeit oder Falschheit ihrer Aussagen durchsuchen. Plötzlich sprach er.

»Du könntest ihre Tochter sein«, sagte er, »die Ähnlichkeit ist offensichtlich.«

»Du kanntest meine Mutter?« rief Stellara aus.

»Ich bin Vulhan. Hat sie je über mich gesprochen?«

»Der Bruder meiner Mutter!« rief Stellara voller Ergriffenheit, aber der Amiocap-Krieger zeigte keine Regung. »Mein Vater, wo ist er? Ist er am Leben?«

»Das ist die grosse Frage«, sagte Vulhan, ernst. »Wer ist dein Vater? Deine Mutter wurde von einem Korsaren gestohlen. Wenn der Korsar dein Vater ist, bist du auch eine Korsarin.«

»Aber der Korsar ist nicht mein Vater. Bringt mich zu meinem eigenen Vater – obwohl er mich nie gesehen hat, wird er mich erkennen und ich ihn.«

»Es gibt nichts zu befürchten«, sagte ein Krieger, der dicht neben Vulhan stand. »Wenn das Mädchen eine Korsarin ist, wissen wir, was zu tun ist.«

»Wenn du die Brut des Korsaren ist, der Allara gestohlen hat, werden Vulhan und Fedol wissen, wie sie mit dir umzugehen haben«, sagte Vulhan barsch.

»Ich habe keine Angst«, sagte Stellara.

»Und dieser andere«, sagte Vulhan und nickte in Richtung Tanar. »Was ist mit ihm?«

»Er war ein Kriegsgefangener, den die Korsaren nach Korsar zurückbringen wollten. Er soll mitkommen. Sein Volk ist kein Seevolk. Er könnte allein auf dem Meer nicht überleben.«

»Bist du sicher, dass er kein Korsar ist?«, fragte Vulhan.

»Sieh ihn dir an!«, rief das Mädchen aus. »Die Männer von Amiocap müssten Korsaren von weitem her kennen. Sieht dieser hier etwa wie ein Korsar aus?«

Vulhan musste zugeben, dass er es nicht tat. »Nun gut«, sagte er, »er kann mit uns kommen, aber was auch immer dein Schicksal sein mag, er muss es teilen.«

»Gerne«, sagte Tanar.

Die beiden verließen das Deck des Wracks, als ihnen Plätze im Kanu freigemacht wurden, und als das kleine Boot schnell in Richtung Ufer gepaddelt wurde, empfand keiner von ihnen Trauer über den Abschied von dem treibenden Schiffskörper, der so lange ihr Zuhause gewesen war. Das letzte, was sie vom Schiff sahen, als sie in die Bucht einfuhren, aus der sie die Kanus zuerst hatten auftauchen sehen, war, dass es langsam mit der Meeresströmung parallel zum grünen Ufer von Amiocap trieb.

Am oberen Ende der Bucht wurden die Kanus an Land gezogen und unter das dichte Blattwerk der üppigen Vegetation geschleppt. Hier wurden sie mit der Unterseite nach oben gedreht und liegen gelassen, bis sie wieder gebraucht werden sollten.

Die Krieger von Amiocap führten ihre beiden Gefangenen in den Dschungel, der fast bis zum Ufer wuchs. Zuerst gab es keine Spur eines Weges und die Krieger bahnten sich ihren Weg durch die üppige Vegetation, die glücklicherweise frei von Dornen und Sträuchern war, aber bald kamen sie auf einen kleinen Pfad, der in einen breiten, gut ausgetretenen Weg mündete, auf dem sich die Gruppe schweigend bewegte.

Während des Marsches hatte Tanar Gelegenheit, die Männer von Amiocap genauer zu studieren, und er sah, dass sie fast ausnahmslos wohlgestaltet waren, mit runden, fließenden Muskeln, die eine Kombination aus Beweglichkeit und Stärke vermuten ließ. Ihre Gesichtszüge waren regelmäßig, und es gab keinen unter ihnen, den man als hässlich hätte bezeichnen konnte. Im Großen und Ganzen war ihr Ausdruck eher offen als verschlagen und eher freundlich als grausam; dennoch ließen die Narben auf den Körpern vieler von ihnen und ihre gut abgenutzten und effizient aussehenden, wenn auch rohen Waffen vermuten, dass sie kühne Jäger und wilde Krieger sein konnten. Es lag eine ausgeprägte Würde in ihrer Haltung und ihrem Auftreten, die Tanar gefiel, ebenso wie ihre Schweigsamkeit, denn die Sarier selbst sind nicht für unnützes Gerede zu haben.

Stellara, die an seiner Seite ging, schien ungewöhnlich glücklich zu sein, und auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck von Zufriedenheit, den der Sarier dort noch nie gesehen hatte. Sie hatte ihn ebenso beobachtet wie die Amoziter, und nun sprach sie ihn flüsternd an.

»Was hältst du von meinem Volk?«, fragte sie voller Stolz. »Sind sie nicht wunderbar?«

»Sie sind ein stolzes Volk«, antwortete er, »und ich hoffe für dich, dass sie dir glauben werden, dass du eine von ihnen bist.«

»Es ist alles so, wie ich es mir schon so oft erträumt habe«, sagte das Mädchen mit einem glücklichen Seufzer. »Ich habe immer gewusst, dass ich eines Tages nach Amiocap kommen, und dass es genauso sein würde, wie meine Mutter es mir immer erzählt hat – die großen Bäume, die riesigen Farne, die prächtig blühenden Reben und Büsche. Hier gibt es weniger wilde Tiere als in anderen Teilen Pellucidars, und die Menschen führen selten Krieg untereinander, so dass sie größtenteils in Frieden und Zufriedenheit leben, unterbrochen nur von den Überfällen der Korsaren oder einem gelegentlichen Überfall der großen Tandors auf ihre Felder und Dörfer. Weißt du, was Tandors sind, Tanar? Gibt es sie in deinem Land?«

Tanar nickte. »Ich habe von ihnen in Amoz gehört«, sagte er, »aber in Sari sind sie selten.«

»Es gibt Tausende von ihnen auf der Insel Amiocap«, sagte das Mädchen, »und meine Leute sind die größten Tandor-Jäger in Pellucidar.«

Sie gingen schweigend weiter, und Tanar begann sich zu fragen, wie sich die Amoziter ihnen gegenüber verhalten würden, und ob sie ihm, falls sie freundlich gesinnt waren, bei der Rückkehr auf das ferne Festland, wo Sari lag, helfen könnten. Diesem primitiven Bergbewohner erschien schon der Gedanke hoffnungslos, jemals in sein Heimatland zurückzukehren, denn das Meer erfüllte ihn mit Furcht, und er hatte auch keine Vorstellung davon, wie er seine wilde Oberfläche überqueren oder irgendein Boot steuern sollte, das ihm vielleicht einmal zur Verfügung stehen würde. Aber der Heimkehrinstinkt der Pellucidarer ist so stark, dass es keinen Zweifel daran gab, dass er einen Weg nach Sari suchen würde, solange er lebte.

Er war froh, dass er sich keine Sorgen um Stellara machen musste, denn wenn es stimmte, dass sie nun unter ihresgleichen war, konnte sie auf Amiocap bleiben und es würde keine Verantwortung auf ihm lasten, sie nach Korsar bringen zu müssen; aber wenn sie sie nicht akzeptierten – das war durchaus möglich; dann müsste Tanar nach einer Möglichkeit suchen, um von einer von Feinden bevölkerten Insel zu fliehen, mit Stellara an seiner Seite.

Aber dieser Gedankengang wurde durch einen plötzlichen Ausruf von Stellara unterbrochen. »Schau!« rief sie. »Hier ist ein Dorf; vielleicht ist es sogar das Dorf meiner Mutter.«

»Was hast du gesagt?«, erkundigte sich ein Krieger in ihrer Nähe.

»Ich sagte, dass dies vielleicht das Dorf ist, in dem meine Mutter lebte, bevor sie von den Korsaren entführt wurde.«

»Und du sagst, dass Allara deine Mutter war?«, erkundigte sich der Krieger.

»Ja.«

»Dies war in der Tat das Dorf, in dem Allara lebte«, sagte der Krieger; »aber hoffe nicht, Mädchen, dass du als eine von ihnen aufgenommen wirst, denn wenn dein Vater nicht auch von Amiocap war, bist du keine Amoziterin. Es wird schwer sein, jemanden zu überzeugen, dass du nicht die Tochter eines Korsar-Vaters bist, und als solche bist du eine Korsarin und keine Amoziterin.«

»Aber wie könnt ihr wissen, dass mein Vater ein Korsar war?«, fragte Stellara.

»Wir müssen es nicht wissen«, antwortete der Krieger, »es geht nur darum, was wir glauben, aber das ist eine Frage, die Zural, der Häuptling des Dorfes Lar, klären muss.«

»Lar«, wiederholte Stellara. »Das ist das Dorf meiner Mutter! Ich habe sie schon oft davon sprechen hören. Das muss also Lar sein.«

»Das ist es«, antwortete der Krieger, »und gleich wirst du Zural sehen.«

Das Dorf Lar bestand aus vielleicht hundert strohgedeckten Hütten, von denen jede in zwei oder mehr Räume unterteilt war, wovon einer immer ein offenes Wohnzimmer ohne Wände war, in dessen Mitte sich eine steinerne Feuerstelle befand. Die anderen Räume waren in der Regel dicht ummauert und fensterlos, um den Amozitern die nötige Dunkelheit zu bieten, wenn sie schlafen wollten.

Die gesamte Lichtung war von dem bemerkenswertesten Zaun umgeben, den Tanar je gesehen hatte. Die Pfosten waren nicht in den Boden eingelassen, sondern hingen an einem schweren Faserseil, das von Baum zu Baum verlief, wobei die unteren Enden der Pfosten über einen Meter über dem Boden hingen. Durch die Pfosten waren in Abständen von einem halben Meter Löcher gebohrt worden, in die beidseitig angespitzte Hartholzpfähle eingesetzt wurden. Diese über einen Meter langen Pfähle ragten parallel zum Boden in alle Richtungen aus den Pfosten heraus. Die Pfosten waren in einem solchen Abstand voneinander aufgehängt, dass zwischen den Spitzen der Pfähle jeweils zwei bis vier Fuß Abstand lagen. Als Schutz gegen einen angreifenden Feind schienen sie Tanar nutzlos, denn beim Betreten des Dorfes war die Gruppe durch die Zwischenräume den Pfosten gegangen, ohne durch die Barriere behindert zu werden.

Aber Vermutungen über den Zweck dieser seltsamen Barriere wurden von anderen, interessanteren Ereignissen aus seinen Gedanken verdrängt, denn kaum hatten sie das Dorf betreten, wurden sie von einer Horde von Männern, Frauen und Kindern umringt.

»Wer sind die?«, fragten einige.

»Sie behaupten, dass sie Freunde sind«, antwortete Vulhan, »aber wir glauben, dass sie von Korsar stammen.«

»Korsaren!«, riefen die Dorfbewohner.

»Ich bin kein Korsar«, rief Stellara wütend. »Ich bin die Tochter von Allara, Schwester von Vulhan.«

»Soll sie das Zural erzählen. Es ist seine Aufgabe, zuzuhören, nicht unsere«, rief einer. »Zural wird wissen, was er mit Korsaren zu tun hat. Haben sie nicht seine Tochter geraubt und seinen Sohn getötet?«

»Ja, bringt sie zu Zural«, rief ein anderer.

»Wir sind auf dem Weg zu ihm«, antwortete Vulhan.

Die Dorfbewohner machten den Kriegern und ihren Gefangenen Platz, und als Tanar und Stellara durch die so gebildete Gasse gingen, wurden sie mit wütenden Blicken bedacht und hasserfüllten Ausdrücken überhäuft, aber es wurde ihnen keine Gewalt angetan. Schliesslich wurden sie zu einer großen Hütte in der Nähe des Dorfzentrums geführt.

Wie die anderen Behausungen des Dorfes Lar stand auch das Häuptlingshaus einen Fuß über dem Boden. Das strohgedeckte Dach des großen, offenen Wohnzimmers, in das sie geführt wurden, wurde von riesigen Elfenbeinstoßzähnen der gigantischen Tandors getragen. Der Boden, der aus einfachen Kacheln zu bestehen schien, war fast vollständig mit den Häuten wilder Tiere bedeckt. Im Raum standen mehrere niedrige hölzerne Hocker, einer davon war etwas höher und besass beinahe die Würde eines Stuhls.

Auf diesem größeren Schemel saß ein Mann mit strengem Gesicht, der sie genau und schweigend musterte, als sie vor ihm stehen blieben. Mehrere Sekunden lang sprach niemand, und dann wandte sich der Mann auf dem Stuhl an Vulhan.

»Wer ist das«, fragte er, »und was machen sie im Dorf Lar?«

»Wir haben sie von einem Korsar-Schiff geholt, das hilflos mit der Meeresströmung trieb«, sagte Vulhan, »und wir haben sie zu Zural, dem Häuptling des Dorfes Lar, gebracht, damit er ihre Geschichte hören und beurteilen kann, ob sie die Freunde sind, die sie zu sein behaupten, oder die Korsar-Feinde, für die wir sie halten. Diese hier«, Vulhan zeigte auf Stellara, »sagt, sie sei die Tochter von Allara.«

»Ich bin die Tochter von Allara«, sagte Stellara.

»Und wer war dein Vater?«, fragte Zural.

»Der Name meines Vaters ist Fedol«, antwortete Stellara.

»Woher weißt du das?«, fragte Zural.

»Meine Mutter hat es mir gesagt.«

»Wo wurdest du geboren?«, fragte Zural.

»In der Korsar-Stadt Allaban«, antwortete Stellara.

»Dann bist du eine Korsarin«, stellte Zural mit Bestimmtheit fest. »Und dieser hier, was hat er zu seiner Verteidigung zu sagen?«, fragte Zural und deutete mit einem Nicken auf Tanar.

»Er behauptet, dass er ein Gefangener der Korsaren war und dass er aus einem fernen Königreich namens Sari stammt.«

»Ich habe noch nie von einem solchen Königreich gehört«, sagte Zural. »Gibt es hier einen Krieger, der jemals davon gehört hat?«, verlangte er zu wissen. »Wenn ja, soll er zu Gunsten des Gefangenen sprechen.« Aber die Amoziter schüttelten nur den Kopf, denn es gab keinen, der jemals vom Königreich Sari gehört hatte. »Es ist ganz klar«, fuhr Zural fort, »dass sie Feinde sind und dass sie durch eine List versuchen, unser Vertrauen zu gewinnen. Wenn auch nur ein Tropfen amozitischen Blutes in einem von ihnen ist, so tut uns dieser Tropfen leid. Bringt sie weg, Vulhan. Bewache sie, bis wir entscheiden, wie sie getötet werden sollen.«

»Meine Mutter sagte mir, die Amoziter seien ein gerechtes und gütiges Volk«, sagte Stellara; »aber es ist weder gerecht noch gütig, diesen Mann zu töten, der kein Feind ist, nur weil Ihr noch nie von dem Land gehört hast, aus dem er kommt. Ich sage dir, dass er kein Korsar ist. Ich war auf einem der Schiffe der Flotte, als die Gefangenen an Bord gebracht wurden. Ich habe den Cid und Bohar den Blutigen gehört, als sie diesen Mann verhörten, und ich weiß, dass er kein Korsar ist und aus einem Königreich namens Sari stammt. Sie haben sein Wort nicht angezweifelt, also warum solltest du das tun? Wenn ihr ein gerechtes und freundliches Volk seid, wie könnt ihr mich umbringen wollen, ohne mir Gelegenheit zu geben, mit Fedol, meinem Vater, zu sprechen. Er wird mir glauben; er wird wissen, dass ich seine Tochter bin.

»Die Götter missbilligen es, wenn wir Feinde in unserem Dorf beherbergen«, antwortete Zural. »Es würde Unglück bringen, wie alle Amoziter wissen. Wilde Bestien würden unsere Jäger töten und die Tandors würden unsere Felder zertrampeln und unsere Dörfer zerstören. Aber am schlimmsten wäre es, wenn die Korsaren kämen um euch zu retten. Was Fedol angeht, niemand weiss, wo er ist. Er ist nicht aus diesem Dorf, und die Leute in seinem eigenen Dorf haben schon oft geschlafen und gegessen, seit sie Fedol zuletzt gesehen haben. Sie haben oft geschlafen und gegessen, seit Fedol zu seiner letzten Tandorjagd aufgebrochen ist. Vielleicht haben die Tandors den Mord an ihren Artgenossen gerächt, oder Fedol ist in die Fänge des Begrabenen Volkes geraten. Das alles wissen wir nicht, aber wir wissen, dass Fedol wegging, um Tandors zu jagen, und nie zurückgekehrt ist. Nimm sie mit, Vulhan, und wir werden einen Rat der Häuptlinge abhalten, wo entschieden wird, was mit ihnen geschehen soll.«

»Du bist ein grausamer und böser Mann, Zural«, schrie Stellara, »und nicht besser als die Korsaren selbst.«

»Es ist sinnlos, Stellara«, sagte Tanar und legte eine Hand auf den Arm des Mädchens. »Lass uns ruhig mit Vulhan gehen«, und dann flüsterte er leise: »Mach sie nicht wütend, denn es gibt noch Hoffnung für uns im Rat der Häuptlinge, wenn wir sie nicht verärgern.« Und so wurden Stellara und Tanar ohne ein weiteres Wort aus dem Haus von Zural, dem Häuptling, geführt, umgeben von einem Dutzend strammer Krieger.

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