Kitabı oku: «TARZAN, DER UNBESIEGBARE»
EDGAR RICE BURROUGHS
Tarzan, der Unbesiegbare
Elfter Band des TARZAN-Zyklus
Roman
Apex-Verlag
Impressum
Copyright 1922 © by Edgar Rice Burroughs.
Der Roman Tarzan The Invincible ist gemeinfrei.
Copyright dieser Ausgabe © by Apex-Verlag.
Übersetzung: Helmut H. Lundberg.
(OT: Tarzan The Invincible).
Lektorat: Mina Dörge.
Cover: N. N./Christian Dörge/Apex-Graphixx.
Satz: Apex-Verlag.
Verlag: Apex-Verlag, Winthirstraße 11, 80639 München.
Verlags-Homepage: www.apex-verlag.de
E-Mail: webmaster@apex-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Der Autor
TARZAN, DER UNBESIEGBARE
Erstes Kapitel: Der kleine Nkima
Zweites Kapitel: Der Hindu
Drittes Kapitel: Unheimliches Spiel
Viertes Kapitel: In der Löwengrube
Fünftes Kapitel: Vor den Mauern von Opar
Sechstes Kapitel: Verrat
Siebtes Kapitel: Vergebliche Suche
Achtes Kapitel: Der Verrat des Abu Batn
Neuntes Kapitel: In der Todeszelle von Opar
Zehntes Kapitel: Rettung in letzter Minute
Elftes Kapitel: Im Dschungel verirrt
Zwölftes Kapitel: Auf gefährlichem Weg
Dreizehntes Kapitel: Der Löwenmensch
Vierzehntes Kapitel: Abgeschossen
Fünfzehntes Kapitel: Tantor greift ein
Sechzehntes Kapitel: Rufe aus dem Dschungel
Siebzehntes Kapitel: Späte Rache
Das Buch

La befindet sich in Schwierigkeiten: Die Hohepriesterin des Flammengottes in der antiken Stadt Opar, des vergessenen Vorpostens von Atlantis, wurde von ihrem Volk verraten und in den von der Ewigkeit verwunschenen Verliesen eingesperrt, bis Tarzan kommt, um sie zu retten. La liebt Tarzan noch immer. Nun liegt La, zusammen mit einer fremden Frau von der Rasse Tarzans, gefesselt im Zelt eines arabischen Sklavenhändlers und fürchtet sich vor dem ihr bestimmten Schicksal. Inzwischen verfolgt Tarzan eine Schar fremder Männer, die in sein Land eingedrungen sind, angeführt von einem Wahnsinnigen, der einen gemeinen Umsturz im Sinne hat...
Der Roman Tarzan, der Unbesiegbare erschien erstmals ab Oktober 1930 (unter dem Titel Tarzan, Guard Of The Jungle) im Blue-Book-Magazin. Eine erste Buchveröffentlichung folgte 1931.
Der Apex-Verlag veröffentlicht Tarzan, der Unbesiegbare in der deutschen Übersetzung von Helmut H. Lundberg.
Der Autor

Edgar Rice Burroughs - * 01. September 1875, † 19. März 1950.
Edgar Rice Burroughs war ein US-amerikanischer Schriftsteller, der bekannt wurde als Erzähler diverser Abenteuergeschichten, die sich vor allem dem frühen Fantasy- und Science-Fiction-Genre zuordnen lassen. Die bekanntesten von ihm eingeführten - und in der Folge von anderen in zahlreichen Filmen und Comics etablierten - Heldencharaktere sind Tarzan, John Carter, Carson Napier.
Der Sohn des Fabrikanten und Bürgerkriegsveteranen Major George Tyler Burroughs (1833–1913) und der Lehrerin Mary Evaline Zieger (1840–1920) verlebte nach dem Besuch mehrerer Privatschulen den Großteil seiner Jugend auf der Ranch seiner Brüder in Idaho.
Nach seinem Abschluss auf der Michigan Military Academy im Jahr 1895 trat Burroughs in die 7. US-Kavallerie ein. Als ein Armeearzt bei ihm einen Herzfehler diagnostizierte und er deshalb nicht Offizier werden konnte, verließ Burroughs die Armee vorzeitig im Jahr 1897 und arbeitete bis 1899 wieder auf der Ranch seines Bruders. Danach ging er zurück nach Chicago und arbeitete in der Firma seines Vaters.
Am 1. Januar 1900 heiratete Burroughs seine Jugendliebe Emma Centennia Hulbert. Das Paar bekam drei Kinder: Joan Burroughs Pierce (1908–1972), Hulbert Burroughs (1909–1991) und John Coleman Burroughs (1913–1979). Da die tägliche Routine in der Fabrik seines Vaters Burroughs nicht zufriedenstellte, verließ das Ehepaar 1904 Chicago, um abermals in Idaho zu leben. Mit seinen Brüdern, die inzwischen ihre Ranch aufgegeben hatten, versuchte er sich erfolglos als Goldgräber. Kurze Zeit später arbeitete er als Eisenbahnpolizist in Salt Lake City. Auch diesen Job gab Burroughs auf und zog mit seiner Frau wieder zurück nach Chicago, wo er eine Reihe Jobs annahm, unter anderem als Vertreter. 1911 investierte er sein letztes Geld in einer Handelsagentur für Bleistiftanspitzer und scheiterte.
Burroughs, der zu dieser Zeit an schweren Depressionen litt und, nach einigen seiner Biographen, an Selbstmord dachte, kam auf die Idee, eine Geschichte für ein Magazin zu schreiben, in dem er zuvor Anzeigen für seine Bleistiftanspitzer geschaltet hatte. Seine erste Erzählung Dejah Thoris, Princess of Mars (unter dem Pseudonym Normal Bean für das All-Story-Magazin von Thomas Metcalf geschrieben) wurde zwischen Februar und Juli 1912 als Fortsetzung veröffentlicht.
Metcalf hatte sein Pseudonym in Norman Bean geändert, und auch der Titel seiner Geschichte wurde zu Under the Moon of Mars abgewandelt. Auf Burroughs Beschwerde bezüglich der Änderungen, lenkte Metcalf ein und bot an, Burroughs nächste Geschichte unter seinem richtigen Namen zu drucken. Eine weitere Beschwerde Burroughs betraf den Zusatz For all Rights auf seinem Honorarscheck. Nach längerem Briefwechsel erreichte er, dass die 400 Dollar nur für den Erstabdruck galten.
Burroughs zweite Geschichte, The Outlaw of Torn, wurde jedoch von All-Story abgelehnt. Der große Erfolg kam mit Burroughs drittem Anlauf, Tarzan of the Apes.
Die Geschichte von Tarzan wurde ebenfalls 1912 von All-Story veröffentlicht. Burroughs schrieb in der Folgezeit immer wieder neue Tarzan-Geschichten und konnte sich - kaum zehn Jahre nach der Veröffentlichung von Tarzan of the Apes - ein riesiges Stück Land in der Nähe von Los Angeles kaufen. Selbst nach Burroughs Tod im Jahr 1950 erschienen weitere Tarzan-Geschichten. Das Landstück bei Los Angeles ist heute die Gemeinde Tarzana.
In den frühen 1930er Jahren wurde sein schriftstellerischer Erfolg allerdings immer mehr von privaten Problemen überschattet. 1934 ließ er sich scheiden und heiratete ein Jahr später Florence Dearholt. Doch schon 1942 wurde auch diese Ehe geschieden. Nach der Bombardierung von Pearl Harbor begab sich Burroughs 1941 als Kriegsreporter nach Hawaii. Nach dem Krieg kehrte er nach Kalifornien zurück, wo er, nach vielen gesundheitlichen Problemen, 1950 einem Herzanfall erlag.
In Burroughs Werk vermischen sich Science Fiction und Fantasy. Er etablierte Geschichten vor einem planetarischen Hintergrund in der Science Fiction. Dabei war Burroughs bewusst, dass seine Literatur bei den Kritikern nicht ankam. Er machte auch nie ein Hehl daraus, dass er schrieb, um Geld zu verdienen.
Die Helden seiner Romane und Erzählungen haben keine Alltagsprobleme. Bei den Charakterzeichnungen schwach, sprudeln Burroughs Geschichten über vor Ideen und Action. Die Helden seiner Romane haben verschiedene Merkmale gemeinsam, beispielsweise das Geheimnis um ihre Herkunft. Entweder haben die Helden nie eine Kindheit erlebt, oder können sich nicht daran erinnern, oder aber sie sind wie Tarzan und The Cave Girl Waisen. Ein weiteres Merkmal von Burroughs Geschichten ist der, wie Brian W. Aldiss es nennt, ausgeprägte sexuelle Dimorphismus. Das jeweils dominante Geschlecht ist hässlich.
Obwohl es in den Romanen und Geschichten Burroughs von schönen, nackten Frauen nur so wimmelt, werden sexuelle Beziehungen weder angedeutet noch erwähnt. Burroughs Welt scheint eine präpubertäre zu sein. Doch ist die Jungfräulichkeit immer in Gefahr (vgl. Aldiss). Fast schon zwanghaft mutet an, dass es in den Geschichten Burroughs, die zwischen 1911 und 1915 geschrieben wurden, nicht weniger als 76 Mal zu Vergewaltigungsdrohungen kommt, die natürlich alle abgewendet werden können. Zu den Bedrohern der weiblichen Unschuld gehören verschiedene Marsianer, Sultane, Höhlenmenschen, japanische Kopfjäger und Affen.
E. F. Bleiler schreibt über Burroughs, seine Texte seien „Fantasien von Erotik und Macht.“
Der Apex-Verlag veröffentlicht Burroughs' Venus-Romane (in der deutschen Übersetzung von Thomas Schlück), Neu-Übersetzungen des Tarzan- und des John Carter-Zyklus sowie als deutsche Erstveröffentlichung die Pellucidar-Serie.
TARZAN, DER UNBESIEGBARE
Erstes Kapitel: Der kleine Nkima
Ich bin kein Historiker. Man darf mich auch nicht zu den Chronisten zählen, die einfach Tatsachen berichten. Überdies bin ich der festen Ansicht, dass ein Romanschriftsteller gewisse Dinge nicht in seinen Büchern berühren sollte. Dazu rechne ich vor allem Politik und Religion. Dennoch glaube ich nicht, gegen das berufliche Ethos zu verstoßen, wenn ich hin und wieder den Stoff zu einem Roman einem dieser Gebiete entnehme. Dabei kommt es nur darauf an, den Leser in der Illusion zu belassen, dass er einen Roman liest.
Wenn die Geschichte, die ich zu erzählen mich anschicke, in die Zeitungen zwei bestimmter ausländischer Mächte geraten wäre, hätte sie vielleicht einen weiteren und noch schrecklicheren Weltkrieg heraufbeschworen. Darüber wollen wir uns jedoch jetzt keine Gedanken machen. Mich interessiert bei dieser ganzen Affäre nur die Tatsache, dass sich gut darüber schreiben lässt und vor allem, dass Tarzan, der Affenmensch, darin eine wesentliche Rolle spielt.
Ich möchte meine Leser nicht mit trockenen, politischen Fragen langweilen. Versuchen Sie nicht, die Namen zu enträtseln, hinter denen sich die Mitwirkenden dieser Erzählung verbergen.
Nehmen Sie den Roman einfach hin als eine neue Tarzan-Geschichte, die jedem Leser, und das hoffe ich zuversichtlich, Unterhaltung und Entspannung bringen wird. Wenn dabei der eine oder andere etwas nachzudenken beginnt – umso besser.
Sicherlich gibt es nur wenige unter meinen Lesern, die jene kleine Nachricht gelesen haben, die vor einiger Zeit unauffällig durch verschiedene Zeitungen ging. Und wer die wenigen Zeilen etwa gelesen hat, muss sie inzwischen längst vergessen haben. Die Nachricht besagte, dass einem Gerücht zufolge schnelle Truppen eines aufständischen Stammes an der Nordostküste von Afrika in eine fremde Kolonie eingedrungen seien. Hinter dieser kurzen Zeitungsnotiz verbirgt sich ein Gespinst von Verrat, Intrige, Abenteuer und Liebe – eine Geschichte von Lumpen und Narren, tapferen Männern und schönen Frauen, eine Geschichte der wilden Tiere des Urwaldes und des Dschungels.
Kurz vor dem besagten Zwischenfall an der Nordostküste Afrikas trug sich landeinwärts ein anderes Ereignis zu. Wenn schon nur sehr wenige Leute von jener Zeitungsnotiz Kenntnis nahmen, so gibt es gewiss überhaupt keinen Menschen, der sich jenes anderen Ereignisses entsinnen könnte: es waren nämlich keine Menschen dabei. Man wird es kaum für möglich halten, dass zwischen jenem Vorfall im Inneren des Landes und dem Vorgang an der Grenze auch nur die geringste Verbindung bestehen könnte. Man wird auch nicht glauben, dass ein Zusammenhang zwischen einem unbedeutenden Abenteuer im Urwald und den internationalen Spannungen oder dem Schicksal der Nationen besteht. Die ganze Sache begann nämlich damit, dass ein ganz kleines Äffchen vor Schreck winselnd und wimmernd durch die Bäume flüchtete. Es war der kleine Nkima. Hinter ihm her jagte ein großer, grober Affe – der viel größer war als der kleine Nkima.
Es war ein Glück für den Frieden Europas und der Welt, dass der Verfolger keineswegs so schnell war, wie man es bei seiner Wut hätte annehmen können. Daher vermochte Nkima ihm zu entkommen. Aber noch lange nachdem der große Affe die Verfolgung aufgegeben hatte, jagte der kleine Nkima durch die Baumwipfel weiter. Dabei schrie er in höchsten Tönen. Angst und Flucht machten einen großen Teil seines Lebens aus, das er im Dschungel vor sich hatte.
Schließlich landete Nkima auf einem schwankenden Ast. Vielleicht blieb er dort vor Erschöpfung hängen. Wahrscheinlicher aber war es, dass er eine Raupe oder ein Vogelnest entdeckt hatte und bei diesem Anblick sofort Angst, Schrecken und Flucht vergaß. Jedenfalls saß das Äffchen schimpfend und schnatternd hoch oben im Wipfel eines Urwaldriesen.
Der kleine Nkima hatte den Eindruck, dass er in eine schreckliche Welt hineingeboren war. Die meiste Zeit brachte er damit zu, auf sie zu schimpfen und in dieser Hinsicht wirkte er beinahe menschlich. Für ihn sah es so aus, als wäre die ganze Erde mit schrecklich großen und wilden Wesen bevölkert, die alle Appetit auf sein Fleisch hatten. Im Urwald lebten Numa, der Löwe, und Sheeta, der Panther, und Histah, die Schlange – ein Dreigestirn, das für ein Äffchen wie Nkima auch zwischen den höchsten Baumwipfeln und dem Dschungelboden kein sicheres Plätzchen ließ. Außerdem gab es noch die großen und die mittleren Affen, die Paviane und die zahllosen anderen Affenarten, die Gott alle größer erschaffen hatte als ihn, den kleinen Nkima. Und wie sie auch hießen, alle schienen eine unerklärliche Wut auf ihn zu haben.
Man denke nur an den rohen Burschen, der ihn gerade durch die Bäume gejagt hatte. Dabei hatte Nkima gar nichts weiter getan als einen Stock auf die Nase des Großen geworfen, während der gerade in einer Astgabel lag und schlief. Und nur wegen dieses kleinen Scherzes hatte dieser Nkima in unverkennbar mörderischer Absicht gejagt. Es besteht kein Zweifel, dass der große Bursche mit Nkima kurzen Prozess gemacht haben würde, hätte er ihn erwischt. Nkima schien es noch nicht aufgegangen zu sein, dass ebenso wie auffällige Schönheit auch der übertriebene Sinn für Humor zu unglücklichen Komplikationen führen kann.
Traurig und müde dachte das Äffchen Nkima über die Ungerechtigkeiten dieses Lebens nach. Es gab aber noch einen anderen, viel wichtigeren Grund für die tiefe Trauer, die sein kleines Herz bedrückte. Vor vielen, vielen Monden war sein geliebter Herr und Meister fortgegangen. Nkima hatte daheim bleiben müssen. Gewiss. Nkima war in einem hübschen, bequemen Hause zurückgeblieben, wo freundliche Leute ihn fütterten. Aber er vermisste trotzdem den großen Tarmangani, dessen nackte, bronzene Schulter für ihn immer ein sicherer Zufluchtsort war, von wo aus er der bösen Welt die beleidigendsten Wahrheiten sagen durfte. Von Sehnsucht getrieben hatte Nkima sich kühn den Gefahren des Urwaldes entgegengestellt und suchte seit vielen Tagen im Dschungel nach seinem geliebten Tarzan.
Da man Herzen nicht nach Zentimetern, sondern nach dem Grad von Liebe und Treue, den sie erreichen, zu messen pflegt, war Nkimas Herz sehr groß. Es war so groß, dass ein Durchschnittsmensch sein eigenes Herz und sich selbst dahinter hätte verstecken können. Seit langer Zeit flammte ein bohrender Schmerz in der Brust des Äffchens. Seine Sehnsucht nach Tarzan wuchs ins Ungemessene. Zum Glück lässt sich ein Manuäffchen wie Nkima leicht von seinem großen Kummer ablenken. Ein Schmetterling oder eine fette Raupe können ganz plötzlich seine Aufmerksamkeit erwecken und ihn aus tiefstem Nachsinnen auffahren lassen. Und das war gut so. Denn sonst hätte sich Nkima gewiss zu Tode gegrämt.
Das Äffchen saß noch immer auf dem wippenden Ast und starrte, in traurige Gedanken verloren, in die grüne Hölle des Dschungels hinab. Plötzlich jedoch trug ihm der schwache Wind eine Witterung zu, die nicht zu den alltäglichen Dschungelgerüchen gehörte, die Nkima als ungefährlich vertraut waren. Sofort war er hellwach und spannte alle seine Sinne an. Seine scharfen Ohren vernahmen ein Geräusch, das nicht in den Alltag des Dschungels passte. Es war ein Misston. Und wer bringt schon Misstöne in den Dschungel oder dorthin, wo er gerade auftaucht? Nur der Mensch. Es waren Menschenstimmen, die Nkima aus seinem Nachsinnen geweckt hatten.
Ganz leise glitt der kleine Affe durch die Zweige und näherte sich der Gegend, aus der die Stimmen drangen. Schließlich wurde die Menschenwitterung immer stärker und brachte dem kleinen Jäger den letzten und sichersten Beweis, wen er vor sich hatte.
Man hat vielleicht schon einmal einen Hund beobachtet, der seinen Herrn auf große Entfernung gerade noch erkennt. Aber niemals ist ein Hund allein durch den Anblick davon überzeugt, seinen Herrn vor sich zu haben. Er muss immer hinlaufen und sich mit der Nase davon überzeugen, wen er vor sich hat.
Genau so war es mit Nkima. Seine Ohren hatten ihm die Nähe der Menschen verraten. Nun sagte ihm seine untrügliche Nase, dass die Menschen nicht mehr weit weg waren. Er betrachtete die zweibeinigen Wesen übrigens nicht als Menschen, sondern als große Affen. Es gab Gomangani, das waren große, schwarze Affen – nämlich Neger. Seine Nase verriet ihm, dass er Neger vor sich hatte und Tarmangani. Für Nkima waren dies große, weiße Affen, eine Einschätzung, über die ein Europäer sich gewiss nicht freuen würde.
Mit bebenden Nasenflügeln durchforschte Nkima die ihm von einem schwachen Wind zugetragene Witterung nach dem einen feinen Duft, den er liebte. Er suchte Tarzan. Aber sein großer Herr und Meister war nicht dabei. Das wusste das Äffchen schon, noch ehe es die Fremden erblickte.
Schließlich fand Nkima einen weit vorspringenden Ast, von dem aus er auf ein ziemlich großes und gut ausgestattetes Lager hinabblicken konnte. Dieses Lager war offensichtlich als fester Stützpunkt ausgebaut worden und für längere Benutzung eingerichtet. Es war keineswegs ein Camp, das nur für eine Nacht aufgeschlagen war. Man erblickte die Zelte der weißen Männer und die typischen Rundzelte der Araber. Das Lager war mit fast militärischer Ordnung angelegt. Hinter den Zeltreihen erhoben sich die Schutzhütten der Neger, die aus dem gerade vorhandenen Material des Busches und des Dschungels nur leicht und sorglos aufgeschlagen waren.
Mehrere Beduinen in weißen Burnussen saßen vor einem offenen Araberzelt und tranken ihren unvermeidlichen Kaffee. Im Schatten eines hohen Baumes saßen vier weiße Männer bei einem Kartenspiel. Auf einem Platz zwischen den Schutzhütten hatte sich eine Gruppe hochgewachsener Gallakrieger beim Minkalaspiel zusammengefunden. Außer diesen gab es noch Neger von verschiedenen anderen Stämmen im Lager. Nkima erkannte Männer von der Ostküste und aus Zentralafrika, und sogar vereinzelte Eingeborene von der Westküste.
Einen erfahrenen Afrikaforscher hätte diese seltsame Ansammlung verschiedener Rassen und Farben gewiss verwundert. Die Schwarzen waren so zahlreich, dass man sie keineswegs nur für Träger halten konnte. Die ganze Lagerausrüstung hätte für den einzelnen Neger kaum den Bruchteil einer normalen Trägerlast ausgemacht. Selbst wenn man einen größeren Teil der Neger zu den Askari zählen wollte, die keine Traglasten schleppen, sondern nur ihre Gewehre und die Munition tragen, wären es immer noch zu viele Schwarze gewesen.
Außerdem gab es in diesem Lager viel mehr Gewehre, als man zum Schutz einer größeren Jagdgruppe benötigt haben würde. Bei näherem Zusehen stellte man fest, dass es tatsächlich für jeden Mann ein Gewehr gab. Diese vielen Einzelheiten machten indessen auf Nkima keinen sonderlichen Eindruck. Was sein kleines Affengemüt mit Bestürzung erfüllte war die Tatsache, auf eine so große Anzahl fremder Tarmangani und Gomangani zu stoßen, mitten im Lande seines Herrn und Meisters. Und da für Nkima alle Fremden zugleich Feinde waren, war er verwirrt und ängstlich zugleich. Jetzt wünschte er sich noch sehnlicher, schnellstens Tarzans Spur ausfindig zu machen, um ihm zu erzählen, was in seinem Lande vorging.
Ein dunkelbrauner Ostinder mit hohem Turban saß auf untergeschlagenen Beinen am Erdboden vor einem Zelt. Offensichtlich war er in tiefes Nachsinnen versunken. Seine schwarzen, blitzenden Augen verrieten jedoch, dass er keineswegs tief innerlichen Gedanken nachhing. Vielmehr richtete sich seine ganze Aufmerksamkeit auf ein Zelt, das in einiger Entfernung von dem seinen stand. Aus diesem Zelt tauchte schließlich eine Frau auf. Raghunath Jafar, der Inder, erhob sich und schritt auf sie zu. Mit öligem Lächeln redete er sie an. Sein Lächeln wurde jedoch nicht erwidert. Er erhielt eine höfliche und unverbindliche Antwort. Dabei blieb jedoch die Frau nicht stehen, sondern ging zu den vier kartenspielenden Männern hinüber.
Die Kartenspieler blickten auf, als sie zu ihnen trat. Alle vier schauten plötzlich irgendwie vergnügter drein. Da jedoch die Menschen Masken tragen, lässt sich niemals mit Gewissheit sagen, ob die Gesichtszüge plötzliche Gedanken und Empfindungen widerspiegeln. Offensichtlich erfreute sich jedoch diese Frau einer allgemeinen Beliebtheit.
»Hallo, Zora!«, rief ein großer Mann mit angenehmen Gesichtszügen. »Hast du ein kleines Nickerchen gemacht?«
»Ja, Kamerad«, erwiderte die so Angesprochene. »Ich habe es aber satt, mir die Zeit mit Nickerchen zu vertreiben. Diese Untätigkeit zehrt langsam an meinen Nerven.«
»Mir geht es genauso«, warf einer der anderen Weißen ein.
»Wie lange willst du noch auf den Amerikaner warten, Kamerad Zveri?«, fragte Raghunath Jafar.
Der große Mann zuckte mit der Schulter. »Ich brauche ihn«, erwiderte er. »Wir könnten natürlich auch ohne ihn unser Vorhaben durchführen. Es macht aber gewiss auf die ganze Welt einen viel stärkeren Eindruck, wenn ein reicher Amerikaner aus den obersten Kreisen des Landes in unsere Angelegenheit verwickelt wird. Mir scheint es so, als könnte sich das Warten lohnen.«
»Bist du bei diesem Gringo absolut sicher, Zveri?«, warf ein dunkelhäutiger, junger Mexikaner ein, der offensichtlich der Anführer dieser Expedition war.
»Ich habe ihn in New York kennengelernt und ihn später in San Francisco wiedergetroffen«, gab Zveri zurück. »Man hat ihn sehr genau geprüft und danach dringend für unsere Zwecke empfohlen.«
»Mir erscheinen diese Burschen immer verdächtig, die alles, was sie besitzen, ihrer Geldgier verdanken«, erklärte Romero.
»Es liegt ihnen im Blut – im Herzen hassen sie uns arme Leute genauso wie wir sie hassen. Bei diesem Mann ist es etwas anderes, Miguel«, entgegnete Zveri. »Er ist so sehr für unsere Sache gewonnen worden, dass er seinen eigenen Vater hintergehen würde, um uns zu nützen, im Übrigen tut er es bereits.« Über die Lippen Zora Drinovs huschte ein leichtes, höhnisches Lächeln, das von den anderen nicht bemerkt wurde. Über diese Beschreibung des letzten Mitgliedes der Expedition, das noch nicht beim Treffpunkt angelangt war, konnte sie innerlich nur spotten. Miguel Romero, der Mexikaner, war noch nicht ganz überzeugt. »Ich kann mit Gringos nichts anfangen, mögen sie herkommen wo sie wollen«, sagte er.
Zveri hob abermals die breiten Schultern. »Unsere persönlichen Abneigungen haben nichts zu sagen«, verwies er den anderen. »Für uns geht es darum, unsere Interessen in aller Welt durchzusetzen. Wenn Colt ankommt, müssen wir ihn als einen der unseren behandeln. Außerdem dürfen wir niemals vergessen, dass wir ohne die Amerikaner und ihr dreckiges Geld nichts erreichen können, so sehr wir auch das Land und alle seine Leute verachten.«
»Ihr Wohlstand wächst aus dem Blut und dem Schweiß der Unterdrückten«, knurrte Romero.
»Das stimmt«, warf Raghunath Jafar ein. »Wie spaßig, dass gerade dieser Wohlstand benutzt wird, um die gleichen Länder zu unterwühlen und zum Einsturz zu bringen, sodass die Unterdrückten schließlich doch noch zu dem Ihren kommen.«
»Genau dieser Ansicht bin ich auch«, sagte Zveri. »Gerade amerikanisches Gold verwende ich am liebsten zur Förderung unserer guten Sache – und danach englisches Gold.«
»Was kann uns der Reichtum dieses einzelnen Amerikaners schon nützen?«, wollte Zora wissen. »Und mag er noch so reich sein – es ist ein Nichts, verglichen mit dem, was wir brauchen, um unser Ziel zu erreichen. Was bedeutet sein Verrat gegenüber dem, den andere vor ihm der Welt gegenüber begangen haben? So genommen ist der Mann winzig wie ein Tropfen in einem Eimer.«
»Du sprichst so, als täte dir diese Tatsache leid«, sagte eine ruhige Stimme über ihre Schulter.
Die Frau fuhr geschwind herum. »Oh, bist du das, Scheik Abu Batn?«, fragte sie, als sie den dunkelhäutigen Araber erkannte, der von seinem Zelt herübergekommen war.
»Und was sollten wir tun?«, warf Zveri gutgelaunt ein.
»Wir könnten den Versuch unternehmen, uns das Gold von Opar anzueignen«, schlug sie vor. »Wenn Kitembo recht behält, müsste man dort genügend Gold finden, um mindestens ein Dutzend solcher Unternehmungen zu finanzieren, wie du sie jetzt planst.«
»Ich habe mir ganz ähnliche Gedanken gemacht«, meinte Raghunath Jafar.
Zveri blickte finster vor sich hin. »Vielleicht wäre es besser, wenn einer von euch die Führung der Expedition übernähme«, meinte er barsch. »Ich weiß jedoch, was ich tue, und brauche meine Pläne mit niemandem durchzusprechen. Wenn ich es für richtig halte, Anordnungen zu treffen, werdet ihr es rechtzeitig erfahren. Kitembo hat seine Anweisungen bereits erhalten. Inzwischen sind die Vorbereitungen getroffen worden, um eine Expedition von mehreren Tagen nach Opar zu unternehmen. Die übrigen Mitglieder der Gruppe sind an diesen Vorgängen genauso interessiert und jeder von uns trägt das gleiche Risiko, Zveri, schnappte Romero ein. Wir müssen zusammenarbeiten – aber nicht als Herr und Sklaven.«
»Du wirst bald merken, wer hier der Herr ist«, höhnte Zveri in hässlichem Tonfall.
»Oh ja«, gab Romero im gleichen Ton zurück.
Zveri sprang auf und riss einen Revolver aus der Tasche. Er richtete die Waffe auf Romero. Sofort sprang Zora dazwischen und schlug ihm den Arm hoch.
»Bist du verrückt, Zveri?!«, schrie sie.
»Misch dich nicht ein, Zora. Das ist meine Angelegenheit. Ich will den Fall sofort erledigen. Ich bin hier der Chef und werde keine Verräter in meinem Lager dulden. Tritt beiseite.«
»Nein!«, sagte sie vehement. »Miguel hat ebenso unrecht gehandelt wie du. Wenn es jetzt zum Blutvergießen kommt – unser eigenes Blut! –, haben wir keine Möglichkeit mehr, unseren Auftrag erfolgreich durchzuführen. Ein Zusammenstoß zwischen euch beiden würde Furcht und Argwohn gebären. Die Schwarzen hätten keine Achtung mehr vor uns. Sie würden bald bemerken, dass wir untereinander uneinig sind. Außerdem ist Miguel nicht bewaffnet. Wenn du auf ihn schießt, kommt die Tat einem feigen Mord gleich. Damit ziehst du dir nur die Verachtung aller anständigen Mitglieder dieser Expedition zu.«
Sie hatte schnell und eindringlich in ihrer Muttersprache auf den Mann eingeredet. Diese Sprache verstanden nur Zveri und Zora selbst. Die anderen Mitglieder der Gruppe verstanden sie nicht. Danach wendete sich Zora wieder zu Miguel um und sprach auf Englisch mit ihm.
»Du hast nicht recht gehandelt, Miguel«, meinte sie begütigend. »Jede größere Gruppe muss einen verantwortlichen Kopf haben. Kamerad Zveri ist auserwählt worden, die Verantwortung zu übernehmen. Er bedauert gewiss, dass er sich vom Zorn hinreißen ließ. Sage ihm, dass du deine Worte bereust. Darin werdet ihr euch die Hände schütteln und die Angelegenheit vergessen.«
Romero zögerte einen Augenblick. Dann streckte er Zveri die Hand hin.
»Ich bedaure es«, sagte er.
Der andere ergriff die ihm dargebotene Hand und verbeugte sich steif.
»Wir wollen es vergessen, Kamerad«, sagte er. Der Missmut aber blieb auf seinem Gesicht. Und auch die Miene des Mexikaners hellte sich nicht auf.
Hoch oben in den Bäumen gähnte der kleine Nkima und schwang sich mit Hilfe des Schwanzes zu einem anderen Zweig hinüber. Seine Neugier war befriedigt. Er wusste alles über diese Feinde, was ihn betraf. Er brauchte sich nicht länger um sie zu kümmern. Indessen war ihm klar, dass sein Herr und Meister schnellstens von der Gegenwart dieser Menschen erfahren musste. Der Gedanke daran erinnerte das Äffchen an seinen Kummer und seine große Sehnsucht nach Tarzan. Mit neuem Entschluss machte sich Nkima auf den Weg, um ihn zu suchen. Für den Augenblick war ihm diese Absicht wie eine Lebensaufgabe. Das bedeutete indessen nicht, dass vielleicht in einer halben Stunde nicht schon irgendein kleines Vorkommnis seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen und ihn von der ursprünglichen Aufgabe wieder ablenken konnte.
Der Nachmittag ging zu Ende. In der Ferne brüllte ein Löwe. Ein Schauer rann Nkima über den Rücken. In Wirklichkeit fürchtete er sich kaum. Denn er wusste genau, dass ihn hier oben in den Baumwipfeln kein Löwe erreichen konnte.
Ein junger Mann, der gleich hinter den ersten Jägern an der Spitze einer Safari marschierte, hob den Kopf und lauschte.
»Der Löwe kann nicht weit entfernt sein, Tony«, meinte er.
»Nein, Herr, er ist verdammt nahe«, erwiderte der Philippino.
»Du wirst es dir abgewöhnen müssen, mich immer mit Herr anzureden, bevor wir die anderen treffen, Tony«, ermahnte ihn der junge Mann.
Der Philippino grinste. »Geht in Ordnung, Kamerad«, versicherte er. »Ich habe mich so sehr daran gewöhnt, jeden Mann mit Herr anzureden, dass mir die Umstellung schwerfällt.«
»Ich fürchte, dann bist du kein besonders guter Verfechter unserer Sache, Tony.«
»Oh, das bin ich gewiss«, versicherte der Philippino pathetisch. »Wozu wäre ich sonst hier? Glauben Sie vielleicht, ich bin gerne in dieses gottverdammte Land voller Löwen, Ameisen, Schlangen, Mücken und Moskitos gekommen?«
Hoch oben in den Bäumen kreuzte ein kleiner Affe den Weg der Safari. Das Tierchen verhielt einen Augenblick und schaute auf die Menschen herab. Dann nahm es seinen Weg in der entgegengesetzten Richtung auf.
Eine halbe Stunde später brüllte der Löwe abermals. Dieses Mal dröhnte seine donnernde Stimme so nahe und so unerwartet durch den stillen Dschungel, dass der kleine Nkima beinahe aus dem Baum gefallen wäre, durch den er gerade kletterte.
Ein riesiger Löwe mit prächtiger Mähne trat auf die kleine Lichtung, direkt unter den Baum, in dem der zitternde Nkima hing. Noch einmal ließ er seine machtvolle Stimme ertönen, dass die Erde unter seinem drohenden Ruf zu erzittern schien. Nkima schaute auf den Löwen hinunter und hörte plötzlich mit Schimpfen auf. Stattdessen hüpfte er aufgeregt auf seinem Ast herum, schnatterte und schnitt allerlei Grimassen. Numa, der Löwe, schaute zu ihm hinauf. Und dann geschah etwas Seltsames. Das Äffchen hörte auf zu schnattern und ließ einen leisen, ganz bestimmten Laut hören. Die Augen des Löwen, die bis dahin verächtlich dreingeblickt hatten, nahmen einen neuen und beinahe sanften Ausdruck an. Er machte einen krummen Buckel und rieb sich gemächlich an dem Stamm des Baumes. Dabei schnurrte er leise wie eine zärtliche Katze. Inzwischen hastete der kleine Nkima von Ast zu Ast immer tiefer herab. Mit einem letzten, raschen Sprung landete er auf dem Rücken des Königs der Tiere und klammerte sich an dessen dicker Mähne fest.
Zweites Kapitel: Der Hindu
Beim Anbruch des nächsten Tages wurde es in dem Lager der Verschwörer sehr lebendig. Jetzt hatten die Beduinen keine Zeit für ihren Kaffee. Die weißen Männer legten ihre Karten beiseite und die Gallakrieger frönten nicht mehr ihrem Minkala.
Zveri saß hinter einem Klapptisch und teilte seine Leute ein. Zora und Raghunath Jafar halfen ihm, Patronen an die Männer auszugeben, die sich in einer langen Schlange an dem Tisch vorbeischoben. Miguel Romero und die beiden übrigen Weißen beaufsichtigten die Verteilung der Lasten unter die Träger. Der wilde, schwarze Kitembo schoss unter seinen Leuten hin und her. Hier scheuchte er Müßiggänger von dem verspäteten Frühstück auf und dort ließ er die bereits mit Munition versehenen Neger in Gruppen antreten. Abu Batn, der Scheik, saß in einiger Entfernung inmitten seiner sonnenverbrannten Krieger. Die Beduinen waren zu jeder Minute des Tages aufbruchbereit und beobachteten mit einiger Verachtung die langwierigen und aufgeregten Vorbereitungen ihrer Begleiter.
»Wie viele Leute wirst du zur Bewachung des Lagers zurücklassen?«, fragte Zora.
»Du bleibst mit Kamerad Jafar zurück. Ihr tragt die Verantwortung während meiner Abwesenheit«, erwiderte Zveri. »Eure persönlichen Diener und zehn Askaris bleiben als Lagerwache bei euch.«
»Das genügt bei weitem«, gab Zora zurück. »Hier droht uns keine Gefahr.«
»Nein«, stimmte Zveri zu, »jetzt nicht. Aber wenn dieser Tarzan hier wäre, könnte die Lage leicht gefährlich werden. Ich habe mit allen Mitteln versucht, seinen Aufenthalt festzustellen und herausgefunden, dass er nicht hier ist. Danach erst habe ich mich dazu entschlossen, unser Ausgangslager in diese Gegend zu legen. Ich bin darüber informiert worden, dass er für lange Zeit fortgegangen ist. Er beteiligte sich an einer verrückten Luftschiffexpedition, von der man nie wieder etwas gehört hat. Man darf mit Sicherheit annehmen, dass er nicht zurückkommt.«
Nachdem der letzte Neger seine Patronen empfangen hatte, versammelte Kitembo seine Stammesmitglieder in einiger Entfernung von den übrigen Teilnehmern der Expedition. Dort hielt er seinen Leuten mit gesenkter Stimme eine Rede. Sie gehörten zum Stamme der Basembo und Kitembo, ihr Häuptling, redete mit ihnen im heimatlichen Dialekt.
Kitembo hasste alle Weißen. Die Fremden hatten das Land besetzt, das seinem Volke seit undenklichen Zeiten Heimat gewesen war. Und da Kitembo, der erbliche Häuptling des Stammes, sich der Fremdherrschaft widersetzte, hatten die Weißen ihn aus seinem Amte entfernt. Zurzeit leitete ein unterwürfiger Kriecher die Geschicke seines Stammes, der den fremden Herrschern genehm war.
Für Häuptling Kitembo waren alle Weißen Teufel. Er war wild und grausam und hatte einen verräterischen Charakter. In der Zusammenarbeit mit Zveri sah er nur eine günstige Gelegenheit, sich an den Weißen zu rächen. Nur deshalb hatte er eine größere Anzahl Krieger um sich versammelt, um mit ihnen an diesem Unternehmen teilzunehmen, das nach Zveris Versprechungen die Fremden für immer aus dem Lande treiben sollte. Dann sollte Kitembo zu noch größerer Macht und zu noch weiterem Einfluss gelangen, als ein Basembohäuptling es jemals zuvor erreicht hatte.
Es fiel Kitembo allerdings nicht immer leicht, seine Männer bei der Stange zu halten. Seit der Besetzung seines Landes durch die Weißen waren seine Macht und sein Einfluss erheblich gesunken. Das führte soweit, dass verschiedene Krieger, die in früheren Zeiten gehorsam wie Sklaven waren, nun seine Autorität anzuzweifeln wagten. Solange die Expedition nichts weiter als kurze Märsche, ruhige Lager und genügend Verpflegung mit sich brachte, waren Widersprüchlichkeiten nicht vorgekommen. Die Schwarzen von der Westküste, die weniger kriegerisch waren als die Basembos, und andere Neger hatten als Träger die härteste Arbeit leisten müssen. Nun aber, da, wie es schien, die ersten Kämpfe bevorstanden, wollten einige von Basembos Männern durchaus wissen, wofür sie in den Kampf ziehen und was für sie dabei herauskommen sollte. Keiner von ihnen hatte besondere Lust, seine Haut zu Markte zu tragen, nur damit der weiße Zveri oder der schwarze Kitembo dadurch zu Ruhm, Ansehen und Reichtum kam.
Um diese unzufriedenen Zweifler zu beruhigen, hielt Kitembo jetzt seinen Kriegern eine Rede. Er versprach ihnen reiche Beute, wenn sie gehorsam blieben und drohte für eine etwaige Meuterei schreckliche Strafen an. Zveri und die anderen weißen Mitglieder der Gruppe wären erstaunt gewesen, hätten sie den Basembodialekt verstanden und gehört, was der Häuptling seinen Kriegern als Belohnung und Beute versprach. Mehr noch als durch diese Versprechungen wurden die schwarzen Krieger durch Angst und Furcht vor den Grausamkeiten des Häuptlings in Zucht gehalten.
Unter den übrigen schwarzen Teilnehmern an der Expedition befanden sich Männer aus verschiedenen Stämmen, die wegen ihrer Verbrechen ausgestoßen worden waren. Darüber hinaus gab es eine beträchtliche Anzahl von Trägem, die man auf dem normalen Wege angeworben hatte, um an einer nach außen hin als wissenschaftlich getarnten Expedition teilzunehmen. Für Abu Batn und seine Krieger gab es zwei Gründe, Zveri wenigstens vorübergehend die Treue zu halten. Wie immer waren die Beduinen auf Beute aus. Außerdem aber veranlasste sie ihr Hass gegen alle Weißen, bei diesem Unternehmen dabei zu sein. Der fremde Einfluss in ihrer Heimat und in den umliegenden Ländern, die sie als ihre angestammte Domäne betrachteten, hatte sie zu Zveris Gefolgsleuten gemacht.
Von den Weißen, die Zveri begleiteten, hätte man annehmen sollen, dass sie nur von edlen, wahrhaft menschlichen Beweggründen dazu angetrieben worden seien. Jedoch muss festgehalten werden, dass ihr Anführer öfter von den Möglichkeiten, sich persönlichen Reichtum und Macht zu erringen sprach, als von den Rechten der Unterdrückten oder der Brüderlichkeit unter allen Menschen.
Es war also eine recht lose zusammengewürfelte, dennoch nicht gerade schwache Expedition, die sich an diesem lieblichen Morgen aufmachte, um die Schatzkammern von Opar zu erobern.
Zora Drinov schaute den abmarschierenden Männern nach. Ihre schönen, klaren Augen ruhten auf der Gestalt Peter Zveris, bis er ihrem Blick entschwand. Die Kolonne zog ein Stück am Flussufer hinauf und verschwand im finsteren Dschungel.
Stand hier eine Frau, die mit ängstlichem Zagen den Geliebten unbekannten Abenteuern entgegenziehen sah, oder...
»Vielleicht kehrt er nie mehr zurück«, sagte eine ölige Stimme dicht hinter Zoras Rücken.
Sie fuhr herum und sah sich den halbgeschlossenen Augen Raghunath Jafars gegenüber.
»Er wird zurückkehren, Kamerad«, sagte sie bestimmt. »Peter Zveri kehrt immer zu mir zurück.«
»Du scheinst seiner sehr sicher zu sein«, meinte der Mann hinterlistig.
»Ganz sicher«, erwiderte Zora. Sie ging zu ihrem Zelt.
»Warte«, sagte Jafar.
Sie blieb stehen und drehte sich abermals um. »Was willst du von mir?«, fragte sie.
»Ich will dich«, gab er zurück. »Was hast du von diesem linkischen Kerl, Zora? Was versteht er schon von Liebe und Schönheit? Ich weiß dich richtig einzuschätzen, schöne Blume des Morgens. Mit mir zusammen würdest du die höchsten Freuden der vollkommenen Liebe erleben, denn ich bin ein Meister des Liebeskultes. Ein Tier wie Zveri würde dich nur entehren.«
Zora unterdrückte das Gefühl des Ekels und Abscheus. Sie wollte den Mann nicht merken lassen, was sie dachte. Denn die Expedition konnte viele Tage unterwegs sein. Während dieser Zeit war sie praktisch allein mit Jafar im Lager zusammen. Die wenigen Schwarzen kümmerten sich wahrscheinlich überhaupt nicht um die Beziehungen einer weißen Frau zu einem fremden Manne. Dennoch war Zora entschlossen, den Annäherungsversuchen des Inders ein für alle Mal ein Ende zu bereiten.
»Du spielst mit dem Tod, Jafar«, sagte sie ruhig. »Ich bin nicht hier, um mich in Liebesgeschichten einzulassen. Wenn Zveri erfährt, was du mit mir vorhast, wird er dich auf der Stelle töten. Erlaube dir nie wieder, mit mir so wie eben zu sprechen.«
»Es wird nicht mehr nötig sein«, erwiderte der Hindu hintergründig. Seine halbverschlossenen Augen wichen nicht von Zora Drinov. Eine Minute lang standen sie so voreinander. Zora Drinov fühlte eine seltsame Schwäche in ihren Gliedern und vermochte sich kaum noch aufrecht zu halten. Sie kämpfte gegen diese Schwäche an. Ihre ganze Willenskraft warf sie dem Manne entgegen. Plötzlich vermochte sie ihren Blick von seinem Blick loszureißen. Sie hatte gesiegt. Der Sieg aber ließ sie ihre eigene Schwäche erkennen. Sie zitterte wie nach einem schweren Kampf. Schnell drehte sie sich um und lief zu ihrem Zelt hinüber. Sie wagte es nicht zurückzuschauen, um nicht noch einmal der seltsamen Kraft dieser beiden unergründlichen Augen ausgesetzt zu sein. Raghunath Jafar schaute ihr nach. Weil Zora sich nicht umdrehte, sah sie nicht das ölige Lächeln der Zufriedenheit, das um die lüsternen Lippen des Hindu spielte. Sie hörte auch nicht wie er flüsternd wiederholte: »Es wird nicht mehr nötig sein!«
Langsam schob sich die Expedition auf dem Pfad entlang, der zu dem Fuß eines steilen Bergabsturzes, der unteren Grenze eines trockenen Hochplateaus, führte. Jenseits dieser Hochebene befinden sich die uralten Ruinen von Opar.
Weit im Westen suchte um die gleiche Zeit Wayne Colt den Weg zum Hauptlager der Verschwörer. Südlich davon ritt ein kleiner Affe auf dem Rücken eines großen Löwen. Von diesem sicheren Platz aus rief das Äffchen mit schriller Stimme allen Dschungelbewohnern die ärgsten Beleidigungen zu. Lautlos, aber von der gleichen Verachtung für alles andere Getier erfüllt wie das Äffchen auf seinem Rücken, schritt der mächtige Löwe hochmütig gegen den Wind den Pfad entlang. Er war sich seiner Macht bewusst und wusste, wie sehr ihn alle anderen fürchteten. In der Nähe des Pfades graste eine Antilopenherde. Das Leittier fing die scharfe Witterung der Riesenkatze auf. Die Tiere begannen nervös durcheinander zu laufen. Als der Löwe jedoch in Sicht kam, ging die Herde nur einige Schritte beiseite und machte ihm Platz. Noch während der Löwe zu sehen war, begannen die Antilopen wieder zu grasen. Numa, der Löwe, war satt und die Antilopen wussten, dass man Numa nicht zu fürchten brauchte, wenn er einen wohlgefüllten Magen hat. So wissen die Tiere der Wildnis viele Dinge, die dem Menschen mit seinen abgestumpften Sinnen verborgen bleiben. Auch andere Tiere, die sich in weiterer Entfernung befanden, fingen die Witterung des Löwen auf. Auch sie begannen sich nervös zu bewegen. Jedoch war ihre Furcht weitaus geringer als der erste Schrecken, der die Antilopen befallen hatte. Diese anderen Tiere waren die Riesenaffen vom Stamme des To-yat, dessen mächtige Bullen sich selbst vor Numa durchaus nicht zu fürchten brauchten. Für die Weiber mit den kleinen Balus lag jedoch Grund zu Besorgnis vor.
Als das Raubtier immer näherkam, wurden die Mangani unruhiger und reizbarer. To-yat, der König des Stammes, schlug sich wild auf die Brust und entblößte die riesigen Fangzähne. Ga-yat reckte die mächtigen Schultern und begab sich an den äußersten Rand der Lichtung, wo er der nahenden Gefahr am nächsten war. Zu-tho stampfte wütend auf seinen schwieligen Füßen einher. Die Affenweiber riefen ihre Balus herbei. Viele von ihnen brachten sich auf den unteren Ästen mächtiger Bäume in Sicherheit. Andere von ihnen hielten sich in der Nähe von Baumstämmen zu sofortiger Flucht bereit.
Bei diesem Stand der Entwicklung fiel plötzlich ein fast nackter, weißer Mann aus dem dichten Laubwerk eines Baumes und stand inmitten der Riesenaffen. Die Tiere waren so nervös und wütend, dass sie mit Gebrüll das verhasste Menschenwesen anfallen wollten. Der Affenkönig stürmte an der Spitze der ganzen Herde herbei.
»To-yat hat ein sehr schlechtes Gedächtnis«, sagte der Mann in der Sprache der Mangani, der Riesenaffen. Einen Augenblick zögerte der Anführer. Vielleicht war er überrascht, die Laute seines Stammes von den Lippen eines Menschenwesens zu hören.
»Ich bin To-yat!«, knurrte er. »Ich töte!«
»Ich bin Tarzan«, erwiderte der Mann. »Ich bin ein mächtiger Jäger und starker Kämpfer. Ich komme in Frieden.«
»Ich töte! Ich töte!«, schrie To-yat. Und die anderen riesigen Bullen schoben sich mit entblößten Fangzähnen drohend näher heran.
»Zu-tho! Ga-yat!«, schrie der Mann. »Ich bin es, Tarzan, der Affenmensch.«
Aber die Bullen waren nervös und erschrocken zu gleicher Zeit. Die Witterung des Löwen stand stark in ihren Nüstern. Hinzu kam der Schreck über Tarzans plötzliches Auftauchen. Die Riesenaffen waren einer Panik nahe.
»Töten! Töten!«, schrien sie durcheinander. Dennoch griffen sie nicht sofort an. Vielmehr kamen sie langsam näher heran. Dabei steigerten sie sich gegenseitig in eine wilde Wut hinein, die plötzlich in einen Blutrausch ausbrechen konnte, den kein lebendes Wesen überstehen würde. Gewiss wären dann selbst von Tarzan nicht mehr als ein paar blutige Fetzen übriggeblieben.
Der schrille Schrei von den Lippen einer großen, dicht behaarten Affenmutter mit einem winzigen Balu auf dem Rücken übertönte das Gebrüll der Bullen.
»Numa!«, schrillte sie und brachte sich mit mächtigen Sätzen im Geäst des nächsten Baumes in Sicherheit. Sofort suchten auch die übrigen Affenweiber mit den Kindern ihr Heil in der Flucht. Sie verschwanden in den Bäumen so schnell sie konnten. Die Affenbullen richteten ihre Aufmerksamkeit auf die neue Drohung und vergaßen den Menschen. Der Anblick, der sich ihnen bot, brachte sie noch mehr durcheinander. Ein mächtiger, gelber Löwe kam direkt auf sie zu. Seine runden, gelbgrünen Augen flammten vor Wildheit. Auf dem Rücken des Löwen aber hockte ein kleiner Affe, der den riesigen Bullen wüste Beschimpfungen entgegenschrie. Dieser Anblick war zu viel für die Affen vom Stamme des To-yat. Der Anführer wendete sich als erster zur Flucht. Mit einem Brüllen, dessen wilder Ton ihm wenigstens einen Teil seiner Selbstachtung erhalten sollte, sprang er den nächsten Baumstamm hinauf. Sofort folgten ihm die anderen und flohen. Der weiße Riese stand dem wütenden Löwen allein gegenüber.
Der König der Tiere näherte sich dem Menschen mit sprühenden Augen. Er senkte den Kopf und drückte sich flach an den Boden. Der Schweif war ausgestreckt und peitschte die Zweige des Gebüsches. Da sprach der Mann ein einziges Wort. Er flüsterte fast. Seine Stimme war nicht weiter als über einige Meter zu hören. Dennoch hob der Löwe sofort den Kopf. Der schreckliche Glanz in seinen Augen verschwand. Im gleichen Augenblick stieß der kleine Affe einen schrillen Schrei des Wiedererkennens und der Freude aus. Er sprang über Numas Kopf und war mit drei lächerlichen Sätzen auf der Schulter des Mannes angelangt. Die dünnen Arme klammerten sich um den bronzenen Hals.
»Lieber kleiner Nkima!«, flüsterte Tarzan. Die weiche Wange des Äffchens presste sich gegen sein Gesicht.
Der Löwe schritt majestätisch näher heran. Er beschnüffelte die nackten Beine des Mannes, rieb den Kopf an seiner Hüfte und ließ sich zu seinen Füßen nieder.
»Jad-bal-ja!«, begrüßte ihn der Affenmensch.
Von ihrer sicheren Zuflucht in den Bäumen herab beobachtete To-yat mit seinem Stamm die Szene. Angst und Wut der Riesenaffen ließen nach.
»Es ist Tarzan«, sagte Zu-tho.
»Ja, es ist Tarzan«, fiel Ga-yat ein.
To-yat knurrte. Er mochte Tarzan nicht leiden. Er fürchtete den Affenmenschen. Angesichts dieses neuen Beweises für die seltsamen Kräfte des großen Tarmangani wuchs seine Furcht noch mehr.
Eine Weile lauschte Tarzan dem raschen Schnattern des kleinen Nkima. Das Äffchen erzählte ihm von den fremden Tarmangani und den vielen Gomangani, den schwarzen Kriegern, die in das Land eingedrungen waren, das dem Herrn des Dschungels gehörte.
Die Riesenaffen bewegten sich rastlos in den Ästen hin und her. Sie wollten gerne herabklettern. Aber sie fürchteten Numa. Die großen Bullen waren zu schwer, um durch die Äste von Baum zu Baum zu klettern, wie es die kleineren Affenarten zu tun pflegen. Die Riesenaffen vermochten ihren Standort nicht zu ändern, solange Numa in der Nähe war.
»Geht fort!«, rief To-yat, der Affenkönig. »Geht fort und lasst die Mangani in Frieden.«
»Wir gehen gleich«, erwiderte der Affenmensch. »Ihr braucht euch indessen vor Tarzan und dem Goldlöwen nicht zu fürchten. Wir sind eure Freunde. Ich habe Jad-bal-ja gesagt, dass er euch nichts zuleide tun darf. Ihr könnt ruhig herunterkommen.«
»Wir bleiben in unseren Bäumen bis ihr fort seid«, sagte To-yat. »Der Löwe könnte sich vergessen.«
»Du hast Angst«, sagte Tarzan verächtlich. »Zu-tho oder Ga-yat würden keine Furcht zeigen.«
»Zu-tho fürchtet sich vor überhaupt nichts«, brüstete sich der große Bulle.
Ohne ein Wort kletterte Ga-yat kühn von seinem Baum herunter, der ihm Zuflucht geboten hatte. Er war von seiner eigenen Kühnheit nicht besonders begeistert und zögerte sogar ein wenig. Trotzdem näherte er sich Tarzan und Jad-bal-ja, dem Goldlöwen. Seine Stammesbrüder erwarteten, dass der Löwe im nächsten Augenblick angreifen und den Kühnen in Stücke reißen werde. Der Goldlöwe lag zu Füßen Tarzans und beobachtete jede Bewegung des rauhaarigen Affenbullen. Der Herr des Dschungels beobachtete seinerseits Numa. Niemand wusste besser als er, dass ein Löwe immer ein Löwe bleibt, mag er noch so sehr an Gehorsam gegenüber seinem Herrn gewöhnt werden. Während all der Jahre ihrer Freundschaft, seit Ja-bal-ja ein kleiner fleckiger Fellball gewesen war, hatte Tarzan niemals Grund gehabt, an seiner Treue zu zweifeln. Aber es hatte auch schon Zeiten gegeben, da es für ihn schwierig und sogar gefährlich war, die wilden, ererbten Instinkte der riesigen Bestie zu unterdrücken.
Ga-yat kam näher heran. Der kleine Nkima schimpfte und schnatterte von der Schulter seines Herrn herab, wo er sich in Sicherheit wusste. Der Löwe blinzelte träge und schaute schließlich in eine andere Richtung. Die Gefahr, wenn es überhaupt eine gegeben hatte, war vorüber. Nur in dem starren, aufmerksamen Blick eines Löwen liegt wirkliche Gefahr.
Tarzan ging dem Affenbullen entgegen und legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter.
»Das ist Ga-yat«, sagte er zu Jad-bal-ja, einer von Tarzans Freunden. »Du darfst ihn nicht angreifen.«
Er bediente sich bei diesen Worten keiner menschlichen Sprache. Vielleicht konnte man diese Lautfolge überhaupt nicht als eine richtige Sprache bezeichnen. Aber der Löwe, der Riesenaffe und auch der kleine Manu verstanden ihn.
»Sage dem Mangani, dass Tarzan auch der Freund des kleinen Nkima ist«, schrillte die Stimme des Äffchens. »Sage ihm, dass er den kleinen Nkima nicht töten darf.«
»Es ist so, wie Nkima sagt«, versicherte der Affenmensch.
»Tarzans Freunde sind auch Ga-yats Freunde«, erwiderte der Riesenaffe.
»Das ist gut«, sagte Tarzan. »Nun wollen wir gehen. Richte To-yat und den anderen Stammesbrüdern aus, was wir gesagt haben. Erzähle ihnen auch, dass sich fremde Menschen in Tarzans Land aufhalten. Die Riesenaffen mögen die Fremden bewachen. Aber sorgt dafür, dass ihr nicht gesehen werdet. Denn vielleicht sind es böse Menschen, die Donnerstöcke bei sich tragen. Damit können sie den Tod über eine große Entfernung schicken. Er kommt mit Rauch und Feuer und einem lauten Knall. Tarzan geht jetzt fort, um nachzusehen, was diese Leute in seinem Land wollen.«
Zora Drinov war Jafar nach dem Abmarsch der Expedition geflissentlich ausgewichen. Sie hatte kaum ihr Zelt verlassen. Als Entschuldigung gab sie an, dass sie Kopfschmerzen habe. Der Hindu hatte keinen Versuch gemacht, bei ihr einzudringen. So verging der erste Tag. Am Morgen des zweiten Tages holte Jafar den Anführer seiner Askaris herbei, die im Lager als Wache zurückgeblieben waren und für das nötige Frischfleisch sorgen sollten.
»Heute ist ein günstiger Tag für die Jagd«, sagte Raghunath Jafar. »Die Vorzeichen sind günstig. Geh deshalb mit deinen Männern in den Wald. Nimm alle Askaris mit. Ihr braucht nicht vor Sonnenuntergang zurückzukehren. Wenn du meinen Befehl ausführst, werde ich dir ein Geschenk machen. Außerdem dürft ihr euch von eurer Beute so viel Fleisch nehmen, wie ihr essen wollt. Hast du verstanden?«
»Ja, Bwana«, erwiderte der Schwarze.
»Du nimmst auch den Diener der Frau mit. Er wird heute nicht benötigt. Mein Diener wird dableiben, und für uns kochen.«
»Vielleicht will er nicht mitgehen«, wendete der Neger ein.
»Ihr seid viele Askaris, und er ist allein. Aber sorge dafür, dass die Frau nichts davon erfährt.«
»Was für ein Geschenk erhalte ich?«, wollte der Anführer der Askari wissen.
»Du bekommst ein Stück Tuch und Patronen«, erwiderte Jafar.
»Und dann will ich noch das krumme Schwert haben, das du immer bei dir trägst, wenn wir uns auf dem Marsch befinden«, forderte der Schwarze.
»Nein«, sagte Jafar mit Bestimmtheit.
»Ich glaube, es ist heute kein günstiger Tag für eine Jagd«, sagte der Neger und wandte sich ab.
»Zwei Stücke Tuch und fünfzig Patronen«, schlug Jafar vor.
»Und den krummen Säbel«, beharrte der Neger.
Nach langem Hin und Her einigte man sich auf diesen Handel.
Der Anführer versammelte seine Askari und befahl ihnen, alles für die Jagd vorzubereiten. Der braune Bwana habe es angeordnet. Er erwähnte indessen nichts von den versprochenen Geschenken. Als die Kolonne fertig war schickte er einen Mann fort, um den Diener der weißen Frau herbeizuholen.
»Du gehst mit uns auf die Jagd«, sagte er zu dem Jungen.
»Wer hat das angeordnet?«, wollte Wamala wissen.
»Der braune Bwana will es so«, erwiderte Kahiya, der Askariführer.
Wamala lachte. »Ich nehme nur von meiner Herrin Befehle entgegen – nicht von dem braunen Bwana.« Kahiya sprang vorwärts und schlug dem Jungen die flache Hand über den Mund. Zwei seiner Männer packten Wamala und hielten ihn fest.
»Du gehorchst dem Befehl Kahiyas«, sagte der Anführer. Die Spitzen scharfer Jagdspeere wurden dem zitternden Jungen in die Haut gedrückt.
»Wirst du nun mit uns auf die Jagd gehen?«, fuhr Kahiya fort.
»Ich gehe mit«, erwiderte Wamala. Es war nur ein Scherz.
Während Zveri seine Expedition nach Opar führte, drängte Wayne Colt seine Männer und trieb sie zu größerer Eile an. Er war ungeduldig und wollte so schnell wie möglich das Lager erreichen.
Die Teilnehmer an dieser Verschwörung hatten Afrika an verschiedenen Stellen betreten, um nicht durch ihre große Anzahl Aufmerksamkeit zu erregen. Diesem Plan entsprechend war Colt an der Westküste an Land gegangen. Von hier aus war er landeinwärts gefahren, soweit die Bahnstrecke reichte. Von dort aus musste er sich auf einen langen und mühseligen Fußmarsch machen. Nun, da er sein Ziel fast in Sicht wusste, hatte er es eilig, diesen Teil seines Abenteuers schnell hinter sich zu bekommen. Außerdem war er recht neugierig auf die anderen Teilnehmer an diesem gefährlichen Unternehmen. Er kannte nur Peter Zveri, aber keinen von den anderen. Der junge Amerikaner war sich durchaus darüber im Klaren, welches Risiko er auf sich nahm, als er seine Beteiligung an diesem gefährlichen Unternehmen zusagte. Er wusste, dass der Frieden der Welt auf dem Spiel stand und dass es darum ging, einen großen Teil des nordöstlichen Afrikas der Kontrolle fremder, tyrannischer Mächte zu entziehen. Es ging darum, die großen und besonders kriegerischen Stämme gegen ihre Beherrscher aufzuwiegeln. Das Unternehmen wurde umso gefährlicher, als man sich auf besetztem Territorium bewegte. Die Besatzungsmacht war hier durchaus spürbar und stand keineswegs nur auf dem Papier.
Colt war jung und begeisterungsfähig, aber nur durch bestimmte Einflüsse zu diesem Unternehmen gebracht. Wegen der Gefährlichkeit des Unternehmens machte er sich keine großen Gedanken. Er freute sich auf das Abenteuer und erwartete gierig spannende Erlebnisse. Auf der langen Reise von der Küste ins Innere des Landes hatte er keinen ebenbürtigen oder auch nur unterhaltsamen Begleiter gehabt. Der kindliche Geist des jungen Tony vermochte sich nicht über verworrene Reden zu erheben, die sich alle um die Unabhängigkeit seiner Heimat drehten. Allenfalls malte er sich hin und wieder aus, welche schönen Sachen er sich kaufen wollte, sobald er seinen Anteil an den Reichtümern der Unterdrücker erhielt. Auf welchem Wege die Verteilung der für seine Begriffe unermesslichen Reichtümer jener Blutsauger, wie er sagte, vor sich gehen sollte, war ihm gänzlich unklar.
Trotz Tonys Beschränktheit mochte Colt den jungen Mann recht gern leiden. Vor die Wahl gestellt, den Philippino oder Zveri ständig um sich zu haben, hätte er sich bedenkenlos für Tony entschieden. Seine kurze Bekanntschaft mit Zveri in New York und in San Francisco hatte ihn davon überzeugt, dass dieser keine der Eigenschaften besaß, die man bei einem annehmbaren Mitspieler voraussetzt. Es war auch nicht anzunehmen, dass man im Hauptlager der Verschwörer auf Menschen stoßen würde, die seiner eigenen Geisteshaltung besser entsprachen.
Müde und abgespannt dahinschreitend nahm Colt die ihm inzwischen vertraut gewordenen Bilder und Geräusche des Dschungels kaum wahr. Die Urwaldlandschaft hatte längst ihren Reiz für ihn eingebüßt. Selbst wenn er aufmerksamer gewesen wäre, hätte er mit seinen ungeübten Ohren kaum auf das Geschnatter eines kleinen Affen geachtet, der anscheinend in einiger Entfernung hinter ihm durch die Bäume hüpfte. Die Gegenwart eines Äffchens machte keinerlei Eindruck auf den Amerikaner. Das wäre allerdings anders gewesen, wenn er gewusst hätte, dass dieser kleine Affe auf der Schulter eines bronzenen Apollo ritt, der geräuschlos von Baum zu Baum schwingend der Safari folgte. Tarzan, der unerwartet die Spur dieses weißen Mannes gekreuzt hatte, erriet sogleich, dass der Fremde wahrscheinlich auf dem Wege zum Hauptlager war, das der Herr des Dschungels suchte. Deswegen verfolgte der Affenmensch Wayne Colt mit der Ausdauer und Geduld eines wilden Dschungeltieres. Der kleine Nkima auf seiner Schulter beschimpfte seinen Herrn und Meister, weil er nicht sofort den Tarmangani und seine Leute umbringen wollte. Der kleine Nkima war nämlich schrecklich blutdürstig, sofern nicht er, sondern ein anderer das Blutvergießen zu besorgen hatte. Während also Colt ungeduldig seine Männer antrieb und während Tarzan ihn verfolgte, näherte sich Raghunath Jafar dem Zelt Zora Drinovs. Die Frau saß auf einem niedrigen Feldbett und las in einem Buch. Als der Schatten des Mannes über sie fiel, schaute sie auf.
Der Hindu lächelte sein öliges, nichts Gutes verheißendes Lächeln.
»Ich wollte mich erkundigen, ob deine Kopfschmerzen nachgelassen haben«, sagte er.
»Danke, nein«, erwiderte die Frau kalt. »Vielleicht lassen sie nach, wenn man mich nicht in meiner Ruhe stört.« Jafar nahm von dieser Zurechtweisung keine Kenntnis. Vielmehr trat er ins Zelt ein und ließ sich auf einem Feldstuhl nieder.
»Es ist so einsam hier«, sagte er, »seitdem die anderen fortgegangen sind. Findest du nicht auch?«
»Nein«, erklärte Zora. »Ich bin ganz zufrieden, wenn ich allein sein kann und ausruhen darf.«
»Deine Kopfschmerzen sind sehr plötzlich gekommen«, meinte Jafar. »Vor kurzer Zeit machtest du noch einen recht munteren und gesunden Eindruck.«
Die Frau gab ihm keine Antwort. Sie wunderte sich, was wohl mit Wamala, ihrem Diener, geschehen sein mochte. Sie hatte ihm ausdrücklich aufgetragen, niemanden das Zelt betreten zu lassen. Vielleicht vermochte Raghunath Gedanken zu lesen. »Man sagt den Ostindern oft nach, dass sie über geheime Kräfte verfügen, wenngleich der Beweis dafür noch nicht erbracht worden ist. Wie dem auch sein mag, seine nächsten Worte ließen an diese Möglichkeit denken. Wamala ist mit den Askaris auf Jagd gegangen«, erklärte er.
»Das habe ich ihm nicht erlaubt«, fuhr Zora auf.
»Ich habe mir die Freiheit genommen, ihn fortzuschicken«, sagte Jafar.
»Du hattest kein Recht, das zu tun«, meinte die Frau ärgerlich. Sie saß steil aufgereckt auf der Ecke des Feldbettes. »Ich finde, du nimmst dir allerhand heraus, Kamerad Jafar.«
»Einen Augenblick, meine Liebe«, meinte der Hindu beruhigend. »Wir wollen nicht streiten. Wie du weißt, liebe ich dich. Und von Liebe kann man nicht reden, wenn viele andere Menschen dabei sind. Vielleicht bin ich zu weit gegangen. Aber was ich tat geschah nur, um endlich eine Möglichkeit zu finden, mich in Ruhe mit dir auszusprechen. Außerdem, wie du weißt, ist in der Liebe und im Krieg alles erlaubt.«
»Dann wollen wir unser Zusammensein als Krieg bezeichnen«, sagte die Frau frostig. »Denn von Liebe kann gewiss keine Rede sein, weder auf deiner noch auf meiner Seite. Es gibt ein anderes Wort, um deine Gefühle zu beschreiben, Kamerad Jafar. Was meine Gefühle anbelangt, so sind sie dir gegenüber nicht gerade freundlich nach allem, was du dir erlaubt hast. Ich könnte dich nicht leiden, selbst wenn du der einzige Mann in der ganzen Welt wärest. Wenn Zveri zurückkehrt, das verspreche ich dir, wirst du die Rechnung zu bezahlen haben.«
»Lange bevor Zveri zurückkehrt wirst du von mir gelernt haben, was Liebe ist«, rief der Hindu leidenschaftlich. Er sprang auf und näherte sich der Frau. Sie fuhr gleichfalls hoch und schaute sich rasch nach einer Waffe um, mit der sie sich verteidigen konnte. Ihr Patronengürtel mit dem Revolver hing über der Lehne des Stuhles, auf dem Jafar gesessen hatte. Ihr Gewehr lag an der anderen Seite des Bettes.
»Du bist gänzlich unbewaffnet«, stellte der Hindu fest. »Ich habe bereits darauf geachtet, als ich ins Zelt trat. Es wird dir auch nichts nützen, wenn du etwa um Hilfe schreist. Niemand ist im Lager außer dir und mir. Mein Diener wird nicht herkommen, ehe ich ihn rufe. Er weiß, dass ich ihn niederschlage, wenn er nicht gehorcht.«
»Du bist eine Bestie!«, zischte die Frau.
»Warum willst du nicht vernünftig sein, Zora?«, fuhr Jafar ungerührt fort. Es kann dir nicht viel ausmachen, ein wenig nett zu mir zu sein. Die ganze Angelegenheit wird dadurch für uns beide leichter. Zveri braucht nichts davon zu erfahren. Wenn wir einmal in die Zivilisation zurückkehren und du dann immer noch der Meinung bist, dass du nicht bei mir bleiben magst, werde ich keinen Versuch machen, dich zu halten. Aber ich bin sicher, dass ich dich lehren kann, mich zu lieben. Wir werden sehr glücklich miteinander sein.«
»Hinaus!«, befahl die Frau. In ihrer Stimme schwang weder Furcht noch Hysterie. Sie sprach ganz ruhig, selbstbewusst und beherrscht. Für jeden Mann, den die Leidenschaft nicht ganz blind gemacht hatte, wäre dies ein bedeutungsvoller Umstand gewesen. Zoras Haltung verriet, dass sie entschlossen war, sich unter Einsatz ihres Lebens zu verteidigen. Aber Raghunath Jafar sah nur die Frau seiner Träume in ihr. Mit einem raschen Sprung war er bei ihr und packte zu.
Zora Drinov war jung, kräftig und gewandt. Dennoch hatte sie gegen den stämmigen Hindu nicht viel anzubringen, unter dessen Fettpolstern sich erhebliche Körperkraft verbarg. Sie versuchte sich loszureißen und aus dem Zelt zu entkommen. Der Mann hielt sie mit Bärenkräften fest und zog sie zurück. In wilder Wut fuhr Zora herum und schlug ihn mehrfach ins Gesicht. Er aber zog sie nur umso fester in seine Umarmung und trug sie zum Feldbett.
Drittes Kapitel: Unheimliches Spiel
Wayne Colts Führer, der einige Schritte vor dem Amerikaner einher marschierte, blieb plötzlich stehen und schaute mit breitem Lächeln zurück.
»Dort ist das Lager, Bwana!«, sagte er triumphierend und deutete mit ausgestrecktem Arm voraus.
»Dem Himmel sei Dank!«, rief Colt mit einem Seufzer der Erleichterung.
»Das Lager ist aber verlassen, stellte der Führer fest. Es sieht ganz so aus, nicht wahr?«, stimmte Colt zu. »Wir wollen es uns näher ansehen.«
Von seinen Männern gefolgt betrat er das Lager und ging die Zeltgasse entlang. Seine übermüdeten Träger setzten ihre Lasten ab. Auch die Askaris warfen sich der Länge nach in den Schatten der Bäume. Inzwischen begann Colt, von Tony gefolgt, eine Untersuchung des Lagers.
Dem jungen Amerikaner fiel sofort auf, dass eines der Zelte unter heftigen Stößen erzitterte.
»Da drüben geht etwas vor«, sagte er zu Tony und schritt schnell auf den Zelteingang zu.
Der Anblick, der sich ihm bot, ließ ihn einen erstaunten Ruf ausstoßen. Ein Mann und eine Frau wälzten sich auf dem Boden herum. Der Mann war dabei, die nackte Kehle seines Opfers zuzudrücken, während die Frau ihm mit nachlassenden Kräften ins Gesicht schlug. Jafar war so mit seinem bösen Vorhaben beschäftigt, dass er Colts Gegenwart nicht eher wahrnahm bis er eine schwere Hand auf seiner Schulter spürte und heftig beiseite gestoßen wurde.
Von wilder Wut gepackt sprang er auf und schlug nach dem Amerikaner. Dabei fing er selbst einen Hieb ein, der ihn zurücktaumeln ließ. Abermals griff er an und wiederum fuhr ihm eine schwere Faust ins Gesicht. Dieses Mal ging er zu Boden. Als der braune Mann sich mühselig erhob packte ihn Colt, drehte ihn herum und stieß ihn durch den Zelteingang hinaus. Er beschleunigte den unfreiwilligen Abschied mit einem gut gezielten Tritt.
»Wenn er hier noch einmal eindringen will, Tony, schießt du ihn nieder«, befahl Colt dem Philippino. Dann sprang er der Frau bei, um ihr auf die Füße zu helfen. Er musste sie halb tragen und ließ sie schließlich auf dem Feldbett nieder. In einem Eimer entdeckte er Wasser. Er genetzte ihre Stirn, ihre Kehle und ihre Handgelenke damit.
Im Freien erblickte Raghunath Jafar die Träger und die Askari im Schatten der Bäume. Er erblickte außerdem Antonio Mori, der ihn stirnrunzelnd fixierte und mit einem Revolver bedrohte. Mit einem wütenden Fluch drehte der Hindu um und verschwand in seinem eigenen Zelt. Sein Gesicht war vor Wut verzerrt. Mordgedanken glühten in seinem Herzen.
Endlich schlug Zora Drinov die Augen auf und schaute in das besorgte Gesicht von Wayne Colt, der sich über sie beugte.
Im dichten Blattwerk eines Baumes hoch über dem Lager überblickte Tarzan, der Affenmensch, die Szene unter sich. Eine einzige, geflüsterte Silbe hatte Nkimas Geschwätz verstummen lassen. Auch Tarzan hatte die wilde Bewegung hinter der Zeltwand erblickt, die Colts Aufmerksamkeit angezogen hatte. Er sah, dass der Hindu offensichtlich gewaltsam entfernt wurde und beobachtete die drohende Haltung des jungen Philippinos, der Jafar davon zurückhielt, abermals das Zelt zu betreten. Diese Dinge interessierten den Affenmenschen allerdings nur wenig. Die Streitereien und ein Krach dieser Leute unter sich gingen ihn nichts an. Er wollte nur herausfinden, warum sie hier waren und was sie in seinem Lande zu suchen hatten. Um das herauszubekommen, hatte er zwei Pläne entworfen. Zunächst wollte er das Lager und seine Bewohner beobachten, bis sich aus ihrem Verhalten der Zweck ihres Hierseins erraten ließ. Die andere Möglichkeit bestand darin, den Anführer der Expedition ausfindig zu machen und dann das Lager zu betreten, um von ihm direkt Auskunft zu verlangen. Von dieser zweiten Möglichkeit wollte Tarzan jedoch nur Gebrauch machen, nachdem er sich zunächst durch eigene Beobachtungen einen kleinen Vorteil verschafft hatte. Er wusste nicht, was in jenem Zelt vor sich ging. Er kümmerte sich auch nicht weiter darum.
Mehrere Sekunden lang schaute Zora Drinov aufmerksam zu dem Mann hinauf.
»Du musst der amerikanische Kamerad sein«, stellte sie schließlich fest.
»Ich bin Wayne Colt«, erwiderte er. »Aus der Tatsache, dass du erraten hast, wer ich bin, darf ich wohl entnehmen, dass ich mich im Lager des Kameraden Zveri befinde.«
Sie nickte. »Du bist gerade im richtigen Augenblick aufgetaucht, Kamerad«, sagte sie.
»Dem Himmel sei Dank dafür«, meinte er.
»Es gibt keinen Himmel«, erinnerte sie ihn.
Colt errötete. »Wir werden die Schatten der Herkunft und der Gewohnheit nicht los«, erklärte er.
Zora Drinov lächelte. »Das ist freilich wahr«, sagte sie, »aber es ist unsere Sache, mit einer großen Anzahl solcher Gewohnheiten aufzuräumen. Nicht nur in unserem Interesse, sondern um die Welt zu bessern.«
Seit die Frau zu sich gekommen war, hatte Colt mehrfach abschätzende Blicke über sie hingleiten lassen. Ihm war nicht bekannt gewesen, dass er in Zveris Lager eine weiße Frau antreffen würde. Und selbst wenn er das gewusst hätte, wäre ihm nie in den Sinn gekommen, eine Frau wie diese zu erwarten. Vielleicht hätte er sich vorgestellt, eine halb vermännlichte Agitatorin vorzufinden, der man wohl Zutrauen konnte, sich mit einer wilden Bande von Männern in das Herz Afrikas zu wagen; eine raue und ungepflegte Frau von mittlerem Alter und bäuerlichem Aussehen. Zora Drinov jedoch, die von ihrem herrlichen, welligen Haar bis zu den schmalen Fesseln alles andere darstellte als eine stämmige Bauernmagd, ganz abgesehen davon, dass sie keineswegs ungepflegt wirkte, bot einen Anblick, den man hier nicht erwartet hätte. Sie wirkte sauber und frisch. Außerdem war sie jung und hübsch. »Kamerad Zveri ist zurzeit nicht im Lager?«, fragte Colt.
»Nein, er hat sich auf eine kurze Expeditionsfahrt begeben«, erläuterte Zora.
»Also gibt es hier niemanden, der uns miteinander bekannt machen würde? lächelte der Amerikaner.«
»Oh, Verzeihung«, sagte sie. «Ich bin Zora Drinov.«
»Ich hatte eine so erfreuliche Überraschung keineswegs erwartet«, sagte Colt. »Ich glaubte, hier nur uninteressante Männer wie mich selbst vorzufinden. Wer war übrigens der Kerl, den ich hinausgefeuert habe?«
»Das war Raghunath Jafar, ein Hindu«, meinte die Frau.
»Gehört er etwa zu unserer Gruppe?«, fragte Colt.
»Ja, erwiderte sie. »Aber nicht mehr lange – Peter Zveri wird dafür sorgen, dass er seinen Lohn erhält.«
»Das heißt?«
»Ich will damit sagen, dass Peter ihn töten wird.«
Colt zuckte mit den Schultern. »Das hat er wirklich verdient«, stellte er fest. »Vielleicht hätte ich es gleich selbst tun sollen.«
»Nein«, sagte die Frau, »wir wollen es Peter überlassen. Hat man dich ganz allein ohne Schutz im Lager zurückgelassen?«, wunderte sich Colt.
»Nein, Peter ließ meinen Diener und zehn Askaris hier. Jafar hat es irgendwie fertigbekommen, sie alle aus dem Lager zu entfernen.«
»Von nun an befindest du dich in Sicherheit«, sagte Colt. »Ich werde mich um dich kümmern, bis Kamerad Zveri zurückkehrt. Vielleicht darf ich jetzt zunächst dafür sorgen, dass mein eigenes Lager aufgeschlagen wird. Inzwischen schicke ich zwei meiner Askaris, die vor deinem Zelt Wache halten sollen.«
»Das ist sehr freundlich von dir«, sagte sie. »Ich halte es aber jetzt nicht mehr für notwendig.«
»Ich werde es trotzdem tun«, sagte er. »Auch ich würde mich dann sicherer fühlen.«
»Sobald das Lager aufgeschlagen ist, möchte ich dich zum Essen einladen«, sagte sie. »Oh, ich habe ganz vergessen, dass Jafar meinen Diener fortgeschickt hat, fuhr sie fort. »Nun habe ich niemanden, der für mich kocht.«
»Dann nimmst du vielleicht eine Einladung an, mit mir zu essen«, sagte der Mann. »Mein Diener ist ein ziemlich guter Koch.«
»Mit Vergnügen, Kamerad Colt«, stimmte sie zu.
Der Amerikaner verließ das Zelt. Zora Drinov lag noch eine Weile mit halbgeschlossenen Augen auf dem Feldbett. Wie anders war dieser Mann. Sie hatte einen ganz anderen Typ erwartet. Wenn sie sich sein Gesicht und seinen Augenausdruck vorstellte, fiel es ihr schwer, in ihm einen Verräter zu sehen, der seine Leute und sein Land hinterging.
Colt hatte Zoras Zelt verlassen und ging zu seinen Leuten hinüber, um die notwendigen Anordnungen zu treffen. Raghunath Jafar beobachtete ihn aus dem Inneren seines Zeltes. Ein bösartiges Stirnrunzeln verzerrte die Züge des Hindu. In seinen Augen lag Hass. Von seinem Beobachtungsposten aus sah Tarzan, dass der junge Amerikaner seinen Leuten Anweisungen erteilte. Die Persönlichkeit dieses jungen Fremden machte auf. Tarzan einen günstigen Eindruck. Er gefiel ihm so gut wie ihm ein Fremder nur gefallen konnte. Tief in seinem Inneren fühlte der Affenmensch jedoch noch immer den Argwohn des wilden Tieres gegenüber allen Fremden und vor allem gegenüber fremden Weißen. Während er den Mann beobachtete, entging ihm nichts, was in der Umgebung geschah. Deshalb sah er auch sogleich, wie Raghunath Jafar mit einem Gewehr in der Hand aus seinem Zelt auftauchte. Nur Tarzan und der kleine Nkima bemerkten diesen Vorgang. Und Tarzan erriet sogleich, dass der Inder etwas Böses vorhatte.
Raghunath Jafar verließ auf kürzestem Wege das Lager und verschwand im Dschungel. Leise von Ast zu Ast schwingend verfolgte ihn Tarzan. Jafar schlug einen Halbkreis um das Lager, wobei er sich hinter den Dschungelbüschen verbarg. Schließlich blieb er stehen. Von seinem Platz aus war das ganze Lager gut zu übersehen. Er selbst jedoch war hinter dichtem Blattwerk verborgen.
Colt bewachte die Schwarzen, die sein Gepäck auspackten und das Zelt aufstellten. Seine Leute beeilten sich, die ihnen durch den Vormann zugewiesenen Arbeiten auszuführen. Alle waren müde und sprachen miteinander kaum ein Wort. Die Arbeit ging in ungewöhnlicher Stille vor sich, die man sonst nicht kennt, wenn Neger in größerer Anzahl zusammen sind. Diese seltsame Stille wurde plötzlich von einem erstickten Schrei und dem Knall einer Büchse zerrissen. Die beiden Geräusche folgten einander so rasch, dass man kaum entscheiden konnte, ob der Schrei oder der Knall zuerst hörbar wurde. Eine Kugel zischte an Colts Kopf vorbei und riss einem Neger, der nahe bei ihm stand, ein Stück des Ohrläppchens fort. Die friedliche Tätigkeit im Lager wurde von einem wilden Durcheinander abgelöst. Zunächst wusste man nicht, aus welcher Richtung der Schuss und der Schrei gekommen waren. Colt sah schließlich das kleine Rauchwölkchen des Abschusses, das sich dicht am Rande des Lagers aus den Büschen erhob.
»Dort drüben ist es«, sagte er und lief auf den Punkt zu.
Der Vormann der Askari hielt ihn auf. »Geh nicht dorthin, Bwana«, rief er. »Vielleicht hat sich ein Feind verborgen. Wir wollen unsere Gewehre in den Dschungel abfeuern.«
»Nein«, bestimmte Colt, »wir wollen zuerst nachforschen, mit wem wir es zu tun haben. Du nimmst einige deiner Männer und schlägst einen Bogen nach rechts. Ich komme mit dem Rest der Gruppe von der linken Seite. Wir arbeiten uns langsam von zwei Seiten durch den Dschungel vor, bis wir einander treffen.«
»Jawohl, Bwana«, willigte der Vormann ein. Er rief seine Leute zusammen und erteilte die notwendigen Befehle. Kein Geräusch im Busch verkündete, dass ein verborgener Feind etwa zu fliehen suchte. Es war überhaupt nichts zu hören, was auf die Anwesenheit eines lebenden Wesens schließen ließ. In absoluter Stille schlichen die beiden Gruppen von Männern durch den Dschungel. Niemand hatte etwas Verdächtiges bemerkt, als man sich schließlich traf. Die Männer waren in langer Linie zu einem Halbkreis auseinandergezogen, dessen Bogen eine Strecke weit in den Dschungel ragte. Auf Colts Zuruf hin bewegte sich die vielfach gewundene Linie auf das Lager zu.
Der Amerikaner erblickte als erster den Körper Raghunaths Jafars, der direkt am Rande des Lagers hinter einem Busch lag. In der rechten Hand hielt er noch das Gewehr. Aus seinem Herzen ragte der Schaft eines starken Pfeiles heraus.
Die Neger umstanden schweigend die Leiche und schauten einander fragend an. Ihre Blicke gingen zurück in den Dschungel und hinauf in das Geäst der Bäume. Einer von ihnen untersuchte den Pfeil. »Dieser Pfeil sieht ganz anders aus als die Pfeile der Stämme, die ich kenne«, stellte er fest. »Ich glaube, dieser Pfeil ist überhaupt nicht von Menschenhand gemacht.«
Sofort bemächtigte sich abergläubische Furcht aller Negerherzen.
»Der Schuss galt unserem Bwana«, sagte einer der Krieger. »Deswegen muss der Dämon, der diesen Pfeil abschoss, ein Freund unseres Bwana sein. Wir brauchen uns also nicht zu fürchten.«
Diese Erklärung beruhigte die Schwarzen einigermaßen, aber sie befriedigte Wayne Colt keineswegs. Er dachte immer noch über den Vorfall nach, während man zum Lager zurückkehrte. Zuvor hatte er noch angeordnet, dass der Hindu an Ort und Stelle beerdigt wurde.
Zora Drinov stand am Eingang ihres Zeltes. Als sie Colt erblickte, kam sie ihm entgegen.
»Was hat es gegeben?«, fragte sie. »Was ist geschehen?«
»Kamerad Zveri wird Raghunath Jafar nicht zu töten brauchen«, erklärte Colt.
»Warum?«, fragte die Frau.
»Weil Raghunath Jafar bereits tot ist.«
Der Amerikaner erklärte Zora in kurzen Worten, was sich zugetragen hatte.
»Wer mag nur den Pfeil abgeschossen haben?«, wunderte sie sich.
»Ich habe nicht die leiseste Ahnung«, musste er eingestehen. »Der ganze Vorfall ist außerordentlich geheimnisvoll. Er bedeutet jedoch, dass das Lager beobachtet wurde. Wir werden sehr vorsichtig sein müssen und dürfen uns keineswegs allein und einzeln in den Dschungel wagen. Meine Leute glauben, dass der Pfeil abgeschossen wurde, um mich vor der Kugel eines Meuchelmörders zu bewahren. Es erscheint mir durchaus wahrscheinlich, dass Jafar die Absicht hatte, mich zu töten. Es ist jedoch denkbar, dass ich nun an seiner Stelle tot im Busch läge, wäre zufällig ich allein in den Dschungel gegangen. Habt ihr schon Zusammenstöße mit Eingeborenen erlebt, seit sich das Lager hier befindet oder sind andere unangenehme Vorkommnisse mit den Wilden zu verzeichnen gewesen?«
»Seit wir dieses Lager bezogen haben sind wir überhaupt keinem Eingeborenen begegnet«, erklärte Zora. »Wir haben oft darüber gesprochen, dass dieser ganze Landstrich wahrscheinlich völlig verlassen ist, obwohl viel jagdbares Wild hier lebt.«
»Vielleicht ist der heutige Vorfall eine Erklärung für die Tatsache, dass dieses Land unbewohnt oder jedenfalls ziemlich unbewohnt ist«, überlegte Colt. »Vielleicht sind wir, ohne es zu wissen, in das Jagdgebiet eines außergewöhnlich wilden Stammes eingedrungen. Es ist durchaus denkbar, dass dieser Pfeilschuss einen Willkommensgruß darstellte, mit dem man uns sagen will, wir seien hier höchst ungern gesehene Gäste.«
»Du sagtest, einer deiner Leute ist verwundet worden?«, meinte Zora.
»Nichts von Bedeutung«, erklärte Colt. »Er hat nur ein Teil seines Ohres eingebüßt.«
»Stand der Mann nahe bei dir?«
»Er war genau hinter mir«, erwiderte Colt.
»Dann halte ich es für absolut erwiesen, dass Jafar dich zu töten beabsichtigte«, sagte Zora.
»Das wäre möglich«, erwiderte Colt. »Jedenfalls ist es ihm nicht geglückt. Er hat nicht einmal meinen Appetit zu töten vermocht. Wenn es mir gelingt, meinen zu Tode erschrockenen und aufgeregten Diener zu beruhigen, werden wir bald unser Essen fertig haben.«
Aus einiger Entfernung beobachteten Tarzan und Nkima die Beerdigung des Hindu Raghunath Jafar. Kurz darauf kehrte Kahiya mit seinen Askari und Zoras Diener Wamala zurück, die Jafar auf die Jagd geschickt hatte.
»Wo sind alle die anderen Tarmangani und Gomangani, die du in diesem Lager gesehen haben willst?«, wollte Tarzan von Nkima wissen.
»Sie haben ihre Donnerstöcke genommen und sind fortgegangen«, erklärte der kleine Manu. »Sie sind sicherlich auf der Jagd nach Nkima.«
Tarzan, der Affenmensch, ließ ein seltenes Lächeln sehen.
»Wir werden ihre Spur verfolgen müssen, um herauszufinden, was sie vorhaben, Nkima«, sagte er.
»Aber es wird im Dschungel bald finster sein«, gab Nkima zu bedenken. »Dann ist Sabor unterwegs und Sheeta und Numa und Hista. Sie alle sind auf der Suche nach dem kleinen Nkima, um ihn zu fressen.«
Die Dunkelheit war bereits hereingebrochen als Colts Diener ankündigte, dass das Essen fertig sei. Inzwischen hatte Tarzan einen neuen Plan gemacht und war in die Bäume oberhalb des Lagers zurückgekehrt. Er war davon überzeugt, dass mit dieser Expedition etwas nicht stimmte, und dass diese Menschen, deren Hauptlager er entdeckt hatte, etwas Gefährliches im Schilde führten. Aus der Größe des Lagers ließ sich unschwer herleiten, dass es für viele Menschen gedacht war. Er musste sich Gewissheit darüber verschaffen, wohin der Rest der Gruppe gegangen war und welchem Zweck das Unternehmen diente. Sein Gefühl verriet ihm, dass das ganze Vorhaben sicherlich zwischen den beiden einzigen Weißen in diesem Lager besprochen würde. Deshalb suchte er sich einen günstigen Platz in einem Baum, von wo aus er hören konnte, was unten besprochen wurde. So geschah es, dass Tarzan, der Affenmensch, sich im dichten Blattwerk eines großen Baumes gerade über Zora Drinov und Wayne Colt verbarg, als diese sich zum Abendessen niedersetzten.
»Du hast heute sehr Schweres erleben müssen«, meinte Colt. »Dennoch machst du nicht den Eindruck, als hätte dich dieses Erlebnis besonders beeindruckt. Ich habe bisher angenommen, dass eine Frau nach einem solchen Vorfall einem Nervenzusammenbruch nahe sein müsste.«
»Ich habe schon so Schreckliches in meinem Leben erfahren, Kamerad Colt, dass ich überhaupt keine Nerven mehr habe«, erwiderte die Frau.
»Das glaube ich dir«, sagte Colt. »Sicherlich ist es dir in deinem Heimatland nicht immer gut gegangen.«
»Die schlimmsten Jahre erlebte ich als ganz kleines Mädchen«, erklärte sie. »Aber ich erinnere mich jeder Einzelheit noch ganz deutlich.«
Colt schaute sie aufmerksam an. »Deiner Erscheinung nach«, versuchte er zu raten, »bist du sicherlich aus gutem Hause.«
»Mein Vater war ein einfacher Arbeiter. Er starb in der Verbannung, weil er sich gegen die damalige Regierung stellte. Seitdem habe ich gelernt, alles zu hassen, was Tyrannei ist. Als man mir anbot, mit Kamerad Zveri dieses Unternehmen durchzuführen, erblickte ich darin eine Möglichkeit, einen Teil der Rache zu nehmen, die ich im Andenken an meinen Vater zu vollbringen habe. Und zu gleicher Zeit gedenke ich, dabei etwas für ein besseres Leben in der ganzen Welt zu tun.«
»Als ich Zveri zum letzten Male jenseits des großen Teichs begegnete«, meinte Colt, »hatte er offensichtlich noch keinerlei Pläne für ein Unternehmen wie dieses gefasst. Er hat eine Expedition dieser Art mir gegenüber niemals erwähnt. Als ich seine Aufforderung erhielt, mich ihm hier anzuschließen, teilte er mir gleichfalls keine weiteren Einzelheiten mit. Ich tappe einigermaßen im Dunkeln und habe keine Ahnung, worum es jetzt eigentlich geht.«
»Gehorsam ist eine Zierde des guten Soldaten«, erinnerte ihn die Frau.
»Ja, das weiß ich wohl«, stimmte Colt ihr bei.
»Aber auch der einfachste Soldat kann seine Aufgabe besser erfüllen, wenn er weiß, welchem Ziele sein Einsatz dient. Der allgemeine Plan ist natürlich unter uns kein Geheimnis«, erklärte Zora. »Ich begehe gewiss keinen Vertrauensbruch, wenn ich dich darin einweihe. Unser gegenwärtiges Unternehmen gehört zu einem umfassenden Plan, mit dessen Hilfe die bestehenden Staaten in Krieg und Revolutionen verwickelt werden sollen. So verhindern wir, dass sie sich gegen uns vereinigen. Unsere Sendboten haben seit langer Zeit daran gearbeitet, überall Unruhe zu stiften. Dadurch wird die Aufmerksamkeit vieler Regierungen von ihren eigenen Angelegenheiten abgelenkt. Vor allem aber binden wir dadurch erhebliche, bewaffnete Kräfte. Das Ganze ist Kamerad Zveris lange gehegter Lieblingsplan«, sagte die Frau. »Natürlich kenne ich nicht alle Einzelheiten seiner Organisation und seiner Geldquellen. Ich weiß indessen, dass er für den Anfang über genügend Mittel verfügt. Außerdem ist mir bekannt, dass er sich gerade deswegen auf die Errichtung des Hauptlagers in dieser Gegend versteift hat, weil er hier in der Nähe das notwendige Gold zu finden hofft, um die weitreichenden Unternehmungen zu finanzieren, die für den endgültigen Erfolg unbedingt nötig sind.«
»Ich fürchte, dann wird die ganze Sache von vorneherein fehlschlagen«, meinte Colt. »Zveri kann ganz bestimmt in diesem wilden Lande nicht genügend Reichtümer finden, um sein riesiges Programm durchzuführen.«
»Kamerad Zveri ist vom Gegenteil überzeugt«, ereiferte sich Zora. »Gerade jetzt ist er mit seiner Expedition auf dem Wege, die Goldschätze zu heben, die es in dieser Gegend geben soll.«
Über ihnen lag in der Finsternis die regungslose Gestalt des Affenmenschen auf einem dicken Ast ausgestreckt. Seine scharfen Ohren hörten jedes Wort, das zwischen Zora und Colt gewechselt wurde. Auf seinem bronzenen Rücken hatte sich der kleine Nkima zusammengerollt, Das Äffchen schlief und hatte keine Ahnung davon, dass wenige Meter von ihm entfernt Worte gesprochen wurden, die geeignet waren, an den Grundsätzen der Welt und ihren Regierungen zu rütteln.
»Ist es ein Geheimnis oder darf ich erfahren, wo Kamerad Zveri so große Goldmengen zu finden hofft?«, fuhr Colt fort.
»Er ist unterwegs zu den berühmten Schatzkammern von Opar«, erklärte die Frau. »Du hast sicherlich schon davon gehört.«
»Ja, antwortete Colt, »aber ich habe nicht geglaubt, dass es diesen sagenhaften Schatz in Wirklichkeit geben könnte. Überall in der Welt erzählt man sich Legenden von riesigen Schätzen aus alter Zeit.«
»Bei den Schätzen von Opar handelt es sich nicht um eine Legende«, erwiderte Zora bestimmt.
Tarzan zeigte mit keiner Bewegung, ob die überraschende Enthüllung, die er mit anhörte, ihn sonderlich interessierte oder nicht. Er lag unbeweglich und lauschte.
Einige Zeit saß Colt still und nachdenklich da. Offensichtlich überlegte er die unwahrscheinlichen Möglichkeiten des Planes, der ihm gerade erklärt worden war. Seiner Ansicht nach konnte er nur von einem Halbverrückten entworfen worden sein. Er glaubte nicht, dass auch nur ein Bruchteil davon in die Tat umgesetzt werden konnte. Ihm wurde mit erschreckender Deutlichkeit klar, dass alle Mitglieder der Expedition auf verlorenem Posten standen. Es gab kein Entkommen, wenn die Kolonialmächte erst einmal auf die Tätigkeit dieser Gruppe aufmerksam wurden. Zunächst dachte er aber nicht an sein eigenes Schicksal, sondern an die Sicherheit der Frau neben sich.
»Das gegenwärtige Unternehmen birgt gewiss große Gefahren«, sagte Colt vorsichtig. »Mir scheint, dass es in erster Linie eine Männerangelegenheit ist. Deshalb erscheint es mir unverständlich, warum man dir erlaubt hat, die Gefahren und Unbequemlichkeiten auf dich zu nehmen, die sich mit der Durchführung eines so gewagten Planes immer verknüpfen.«
»Das Leben einer Frau ist nicht mehr wert als das eines Mannes«, erklärte sie. »Meine Mithilfe war nötig. Es gibt immer eine große Menge wichtiger und vertraulicher Schreibarbeiten, die Kamerad Zveri nicht irgendjemanden anvertrauen kann. Dazu bedarf er einer Sekretärin, auf die er sich verlassen muss. Ich genieße sein volles Vertrauen. Außerdem bin ich eine vollständig ausgebildete Stenotypistin. Diese Gründe allein könnten schon zur Genüge erklären, warum ich hier bin. Darüber hinaus gibt es noch einen sehr gewichtigen Grund, nämlich die Tatsache, dass ich auf meinen eigenen Wunsch mit Kamerad Zveri zusammen bin.»
Colt erkannte, dass sich hinter den einfachen Worten der Frau eine Romanze verbarg. Für sein amerikanisches Denken jedoch wäre eine Liebesbeziehung zwischen Zveri und Zora Drinov erst recht ein Grund gewesen, die Frau nicht in diese wilde Gegend zu führen. Er konnte sich jedenfalls nicht vorstellen, dass ein Mann die Frau, die er liebte, solchen Gefahren aussetzte.
Über ihnen bewegte sich Tarzan, der Affenmensch, mit äußerster Vorsicht. Zunächst griff er über seine Schulter und hob den kleinen Nkima von seinem Rücken. Das Äffchen hätte am liebsten laut losgeschimpft. Aber auf Tarzans leis geflüsterte Warnung hin blieb Nkima ganz still. Der Affenmensch kannte verschiedene Arten mit seinen Feinden fertig zu werden. Er hatte viel gelernt und weitgehende Erfahrungen gesammelt, schon lange bevor er wusste, dass er nicht zu den Affen gehörte. Längst ehe er den ersten weißen Mann zu sehen bekam, hatte er sich zum Herrn gemacht über die Gomangani, die schwarzen Bewohner des Urwaldes und des Dschungels. Er hatte gelernt, dass man schon einen entscheidenden Schritt zu dem endgültigen Sieg getan hat, wenn es gelingt, zunächst die Kampfmoral des Feindes zu untergraben. Er wusste nun, dass diese Leute nicht nur zu Unrecht in sein Besitztum eingedrungen waren und deswegen seine persönlichen Feinde sein mussten. Er hatte auch gehört, dass durch diese Verschwörer der Frieden der Welt und insbesondere Afrikas bedroht war, das er als seine Wahlheimat schätzte. Auch die übrige zivilisierte Welt war in höchster Gefahr, mit der Tarzan zum mindesten keinen Streit hatte. Es ist freilich wahr, dass er für die Zivilisation nur Verachtung empfand. Aber noch größer war seine Verachtung für alle Menschen, die sich in die Rechte ihrer Mitmenschen eindrängten, mochte es sich dabei um die natürliche Ordnung des Dschungels oder eines Staates handeln.
Tarzan verließ den Baum, in dem er sich versteckt gehalten hatte. Die beiden unter ihm vernahmen davon genau so wenig wie von seinem Kommen. Colt bemühte sich immer noch, den Geheimnissen der Liebe auf die Spur zu kommen. Er kannte Zveri und es erschien ihm unfassbar, dass eine Frau von der Art einer Zora Drinov sich an einen solchen Menschen gebunden fühlte. Natürlich, im Grunde genommen ging ihn die Sache nichts an. Dennoch wollte etwas in dem ganzen Bild nicht stimmen. Wenn Zora Drinov wirklich die Geliebte Zveris war, sank sie in seiner Achtung ein ganzes Stück. Diese Tatsache enttäuschte ihn. Aber Colt ließ sich nicht gerne enttäuschen, schon gar nicht von Menschen, zu denen er sich hingezogen fühlte.
»Du hast Kamerad Zveri in Amerika kennengelernt, nicht wahr?«, unterbrach Zora seine Gedanken.
»Ja», erwiderte Colt kurz.
»Was hältst du von ihm?«, fuhr sie fort.
»Er hat einen sehr starken Charakter«, gab Colt zurück. Ich halte ihn durchaus für einen Mann, der bis zum Ende durchführt, was er sich einmal vorgenommen hat. Sicherlich hätte man den Oberbefehl dieser Expedition in keine besseren Hände legen können.« Wenn die Frau etwa darauf ausgegangen war, Colt durch diese plötzliche Frage zu einer Bemerkung zu veranlassen, ob er Zveri schätzte oder verachtete, musste sie sich enttäuscht sehen. Sie war jedoch zu schlau, das Thema weiter zu verfolgen. Zora musste bald erkennen, dass sie es mit einem Mann zu tun hatte, der sich nur das entlocken ließ, was er freiwillig zu erzählen gedachte. Andererseits erkannte sie bald, dass Colt sehr leicht andere zum Reden veranlassen könne. Er gehörte zu jenem Menschentyp, dem man gern Vertrauen entgegenbringt. Seine Sprache und seine Haltung verrieten eine bestechende Sauberkeit des Charakters. Man hätte ihm einen Vertrauensbruch niemals zugetraut. Zora musste sich eingestehen, dass ihr dieser aufrechte, junge Amerikaner recht gut gefiel. Je näher sie ihn kennenlernte, desto schwerer wollte es ihr werden, in ihm einen Verräter an seiner Familie, an seinen Freunden und seinem Vaterland zu erblicken. Sie wusste jedoch, dass schon mancher ehrenwerte Mann für seine Überzeugung alles geopfert hatte. Vielleicht gehörte dieser Amerikaner zu ihnen. Jedenfalls hoffte sie im Stillen, die richtige Erklärung für seine Haltung gefunden zu haben.
Ihr Gespräch drehte sich um verschiedene Dinge – um ihr Leben, ihre Erfahrungen in den Heimatstaaten – und ging schließlich auf die Ereignisse über, die ihren Weg seit der Ankunft in Afrika bestimmt hatten. Endlich war man wieder bei den Vorkommnissen dieses Tages angelangt. Als das Gespräch sich um diesen Funkt drehte kehrte Tarzan, der Affenmensch, in den Baum über Zora und Colt zurück. Aber dieses Mal kam er nicht allein.
»Ich bin gespannt, ob wir jemals herausfinden, wer Jafar getötet hat«, meinte der Amerikaner.
Das Schweigen stand eine Weile unter dem Baum. Der Mann und die Frau überlegten, wie sich das Geheimnis wohl lösen ließe.
»Die Angelegenheit wird noch geheimnisvoller dadurch«, fuhr Colt fort, »dass keiner von unseren Askaris in der Lage war, den Typ des tödlichen Pfeiles zu bestimmen. Das mag indessen nicht viel zu bedeuten haben. Keiner unserer Leute stammt aus dieser Gegend.«
»Der Vorfall hat unsere Männer reichlich nervös gemacht«, warf Zora ein. »Ich hoffe zuversichtlich, dass sich etwas Ähnliches in absehbarer Zeit nicht wiederholt. Meiner Ansicht nach genügen geringe Aufregungen, um die Neger in eine wahre Panik zu stürzen. Die meisten Askaris sind tapfere Krieger, wenn es sich um Gefahren handelt, die sie kennen. Sobald aber etwas geschieht, das sie sich nicht erklären können und deshalb für übernatürlich halten, stürzen sie in wilder Flucht davon.«
»Mir scheint, sie fühlen sich schon bedeutend sicherer, seit der Hindu beerdigt worden ist«, sagte Colt. »Mein Diener gab mir allerdings zu verstehen, dass viele Neger an ein Weiterleben nach dem Tode glauben. Sie halten es für möglich, dass Menschen, die eines gewaltsamen Todes gestorben sind, auferstehen und wiedererscheinen.«
»Das ist wirklich kaum anzunehmen«, gab die Frau lachend zurück.
Sie hatte die Worte kaum ausgesprochen als es plötzlich über ihnen in den Zweigen rauschte. Ein schwerer Körper brach durch die Äste herab und krachte auf den Tisch zwischen ihnen. Das leichte Möbelstück brach unter dem Gewicht des Aufschlages zusammen.
Colt und Zora sprangen auf. Der Mann riss den Revolver aus der Tasche. Die Frau trat mit unterdrücktem Aufschrei einen Schritt zurück. Colt fühlte, wie ihm die Haare auf dem Kopf zu Berge standen. Eine Gänsehaut lief ihm über Arme und Rücken. Denn zwischen ihnen lag die Leiche Raghunath Jafars. Die toten Augen starrten aus halbgeschlossenen Lidern in die Nacht empor.
Viertes Kapitel: In der Löwengrube
Nkima war wütend. Man hatte ihn aus dem tiefsten Schlaf geweckt, was an und für sich schon schlimm genug war. Nun aber machte sich sein Herr und Meister noch auf einen seltsamen Weg durch die Dunkelheit. In Nkimas leises Schimpfen mischten sich Seufzer der Furcht, denn in jedem Schatten glaubte er Sheeta, den Panther, zu sehen, der auf ihn lauerte. Und jeder gewundene Ast im dunklen Wald erinnerte ihn an Hista, die Schlange. Solange sich Tarzan in der Nachbarschaft des Lagers aufhielt, fühlte sich Nkima einigermaßen sicher. Als sein Herr mit der Leiche des toten Inders in den Baum zurückkletterte, glaubte der kleine Manu, dass man dort den Rest der Nacht zubringen werde. Stattdessen verschwand der Affenmensch sofort aus der Umgebung des Lagers und schwang sich mit großer Schnelligkeit durch den dunklen Urwald von Ast zu Ast. Der kleine Nkima sah jede Hoffnung auf ruhigen und sicheren Schlaf für die letzten Nachtstunden schwinden.
Zveri und seine Begleiter hatten sich langsam auf einem vielfach gewundenen Dschungelpfad vorwärtsbewegt. Tarzan hingegen strebte in fast schnurgerader Luftlinie dem gleichen Ziele zu. Das hatte zur Folge, dass Tarzan und Nkima die hohe Klippe bereits hinter sich gebracht hatten, die das letzte und größte Hindernis vor dem Tal von Opar bildete, lange bevor Zveri ankam. Der Affenmensch und sein winziger Begleiter durchquerten das einsame Hochtal, an dessen jenseitigem Rande sich die riesigen Mauern und die verfallenen Türme der alten Stadt erhoben. Im hellen Licht der afrikanischen Sonne funkelten Kuppeln und Türme in rotem und goldenem Licht. Abermals, wie schon einmal vor vielen Jahren, fühlte sich der Affenmensch beim Anblick dieses großartigen Panoramas verschollener Geheimnisse seltsam angeführt.
Aus dieser großen Entfernung betrachtet, wirkte die Stadt keineswegs verfallen und zerstört. Wiederum sah Tarzan vor seinem geistigen Auge das Bild einer Stadt von hervorragender Schönheit, deren Straßen und Tempel von vielen Menschen belebt waren. Noch einmal spielte er in Gedanken mit der Möglichkeit, das Geheimnis dieser Stadt zu lösen. Vor langer, langer Zeit musste ein reiches und mächtiges Volk diese Wohnstätte entworfen und erbaut haben als fast unvergängliches Monument einer untergegangenen Kultur. Man konnte sich leicht vorstellen, dass Opar ein Überbleibsel jener großartigen Periode war, die einstens auf dem großen Kontinent von Atlantis blühte, und deren letzte, Kolonie dem langsamen Tod und dem Niedergang überlassen blieb, nachdem die Wogen des Ozeans ein Weltreich zerstört hatten.
Die jetzt noch übrig gebliebenen, wenigen Einwohner der verfallenen Stadt hatten seltsame Riten und Zeremonien, die aus einer uralten Religion stammen mussten. Deshalb erschien es nicht ausgeschlossen, dass sie direkte Nachfahren der so machtvollen Erbauer dieser Stadt waren. Eine andere Erklärung für das Vorhandensein einer weißhäutigen Bevölkerung in diesem fernen und unzugänglichen Teil der afrikanischen Wildnis ließ sich schwerlich finden.
Unter der Einwohnerschaft von Opar schienen besondere Gesetze der Vererbung wirksam zu sein, die es in keinem anderen Teil der bewohnten Welt gab. Denn es ist eine seltsame Tatsache, dass die Männer von Opar den weiblichen Bewohnern der Stadt gänzlich unähnlich sehen. Die Männer sind klein, stämmig, vollkommen behaart und wirken in ihrer äußeren Erscheinung mehr wie Affen. Die Frauen hingegen sind schlank, zeigen eine weiche Haut und sind im Durchschnitt recht schön. Gewisse äußere Merkmale und auch bestimmte Anzeichen in der geistigen Haltung der Männer hatten in Tarzan den Verdacht aufkeimen lassen, dass vor langer Zeit die Kolonisten, entweder freiwillig oder unter einem Zwange handelnd, sich mit den Riesenaffen in jener Gegend vermischt hatten. Tarzan kannte auch die seltsamen religiösen Vorstellungen dieses Volkes, das noch das Menschenopfer kannte. Bei der Knappheit menschlichen Materials für solche Opferzwecke erschien es ihm nur wahrscheinlich, dass man immer jene Männer oder Frauen der Gottheit zum Opfer darbrachte, die in irgendeiner Weise ihrem Aussehen nach von dem herkömmlichen Bilde abwichen. Der Erfolg dieser Maßnahme war, dass sich in einer Art von natürlicher Auslese die überwältigende Mehrheit der Männer zu dem jetzigen, abscheulichen Aussehen entwickelte, während die Frauen normal, ja sogar schön aussahen.
Mit solchen Gedanken beschäftigt, durchquerte der Affenmensch das verlassene Tal von Opar, das sich im schimmernden, hellen Sonnenlicht vor ihm erstreckte. Nur an wenigen Stellen gab es ein paar knorrige, im Wachstum gehemmte Bäume. Vor ihm, etwas weiter rechts, lag der kleine, felsige Hügel, auf dem sich, wie er wusste, der äußere Zugang zu den Schatzkammern von Opar befand. Im Augenblick interessierten ihn die verborgenen Schätze der Stadt jedoch keineswegs. Ihm kam es nur darauf an, die Hohepriesterin La vor der Annäherung der Expedition zu warnen, so dass man sich rechtzeitig zur Verteidigung bereit machen konnte.
Seit Tarzans erstem Besuch in Opar waren viele Jahre vergangen. Damals war es ihm gelungen, die Hohepriesterin La wieder in ihr Amt einzusetzen, nachdem er die Streitkräfte des Hohepriesters Cady besiegt hatte. Der verräterische Priester hatte sein Leben eingebüßt, als er in die Fänge von Jad-bal-ja, dem Goldlöwen, geriet. Seit jener Zeit glaubte er sich der Freundschaft aller Einwohner von Opar sicher. Seit Jahren wusste er, dass La im Geheimen mehr als freundschaftliche Gefühle für ihn hegte, während ihre wilden und abscheulichen Feinde ihn von jeher gehasst und gefürchtet hatten. Also näherte sich Tarzan der Stadt Opar jetzt ohne jede besondere Vorsicht, so wie jemand auf das Haus eines guten Freundes zugeht. Er hatte keinerlei Anlass daran zu zweifeln, dass man ihn mit großer Freude und Freundschaft empfangen werde.
Nkima jedoch fühlte sich nicht ganz so sicher. Die düsteren Ruinen erschreckten ihn. Er schnatterte und bat, dass sein Herr und Meister umkehren möge. Es hatte keinen Zweck. Schließlich wurde seine Angst so groß, dass sie die Gefühle der Liebe und der Treue zu seinem Herrn überschattete. Als Tarzan sich der äußeren Ringmauer näherte, die sich hoch über ihnen erhob, sprang er von seines Meisters Schulter und hüpfte von den Ruinen fort, die ihm Angst und Schrecken ein jagten. Tief in seinem kleinen Herzen fühlte er eine unüberwindliche Scheu vor fremden und ihm unbekannten Plätzen. Nicht einmal sein Vertrauen zu Tarzan konnte ihn dazu bewegen, mit in die Stadt hineinzugehen. Nkimas scharfen Augen war der felsige Hügel nicht entgangen, an dem man vor einiger Zeit vorübergekommen war. Dorthin flüchtete er sich jetzt, weil er glaubte, dass er dort in Ruhe und Sicherheit die Rückkehr seines Herrn aus Opar abwarten könne. Unterdessen hatte Tarzan den schmalen Spalt in der breiten Mauer erreicht, der den einzigen Zugang zur Stadt darstellte. Wie damals, vor vielen Jahren, fühlte er auch jetzt, dass er von unsichtbaren Augen beobachtet wurde. Er erwartete in jedem Augenblick einen Ausruf freudigen Erstaunens zu hören. Die Wächter mussten ihn bald erkennen.
Ohne zu zögern, jedoch auch ohne besondere Eile betrat Tarzan den engen Zugang und erklomm eine Stiege steinerner Stufen, die zu dem gewundenen Gang in der dicken Außenmauer führte. Der schmale Zwischenhof, an dessen Rand sich der innere Wall erhob, lag still und menschenleer vor ihm. Nichts rührte sich, als er abermals einen schmalen Durchgang passierte, der in diese zweite Mauer eingelassen war. Dahinter tat sich eine breite Straße vor ihm auf, an deren Ende sich die verfallenen Ruinen des großen Tempels von Opar erhoben.
Von tödlicher Stille und Einsamkeit umgeben, betrat er das Portal. Es war mit einem Vorbau aus starken Säulen versehen, von deren oberem Teil merkwürdige Vogelskulpturen auf ihn herabstarrten. Seit unzählbaren Menschenaltern blickten die steinernen Vögel auf die Stadt herab, die von längst vermoderten Händen in den harten Granit der Monolithen gemeißelt wurden. Quer durch den Tempel gehend strebte Tarzan dem Platz im Stadtinneren zu, auf dem sich der Alltag der Menschen von Opar abzuspielen pflegte. Tarzan verursachte auf dem ganzen Wege kein Geräusch. Ein gewöhnlicher Mensch würde seine Ankunft vielleicht durch einen Ausruf oder ein lautes Grußwort angekündigt haben. Aber Tarzan war in vielerlei Hinsicht weniger Mensch als Tier. Wie ein solches ging er still seiner Wege und verschwendet keinen Atemzug an nutzloses Rufen. Er hatte sich keine Mühe gegeben, Opar heimlich zu betreten. Er wusste auch, dass er nicht unbeobachtet geblieben war. Warum man ihn noch nicht begrüßt hatte, war ihm unklar. Er konnte sich diesen Umstand nur so erklären, dass man inzwischen einen Boten zu La, der Hohepriesterin, geschickt habe, um ihr seine Ankunft zu melden.
Der Affenmensch schritt den Hauptgang entlang, wobei er mit kurzem Blick die goldenen Tafeln streifte, die mit uralten und nicht mehr zu entziffernden Hieroglyphen bedeckt waren. Dann kam er durch den Saal der sieben goldenen Säulen ehe er über den mit Goldplatten bedeckten Fußboden eines anschließenden Saales ging. Auch hier war alles still und leer. Jedoch schien ihm so, als bewege sich etwas auf den Galerien, die sich in Stockwerkhöhe um diesen Saal zogen. Schließlich stand er vor einer schweren Tür. Er war sicher, hinter ihr entweder Priester oder Priesterinnen zu finden, die in diesem riesigen Tempel den Dienst des Flammengottes versahen. Ohne Furcht stieß er die Tür auf und überschritt die Schwelle. Im gleichen Augenblick sauste eine knotige Keule nieder und traf ihn auf den Hinterkopf. Bewusstlos stürzte er zu Boden. Gleich darauf war er von einer Gruppe stämmiger, kurzbeiniger Männer umgeben. Ihre verfilzten Bärte reichten ihnen tief bis auf die haarigen Brüste. Sie bewegten sich schwerfällig auf kurzen, krummen Beinen. Während sie ihrem Opfer Handgelenke und Fußknöchel fesselten unterhielten sie sich in leisen, knurrenden Tönen tief aus der Kehle. Sie hoben Tarzan auf und trugen ihn durch viele Gänge und verfallene Säle zu einem großen Raum, mit steinernem Fußboden. Dort saß eine junge Frau auf einem großen Thron, der sich auf einem mehrere Fuß hohen Podium erhob.
Neben dieser Priesterin stand ein kleiner, stämmiger Mann. Seine Arme und Beine waren mit goldenen Bändern geschmückt. Um seinen Hals hingen viele Ketten. Vor dem Thron hatten sich viele Menschen, Männer und Frauen, versammelt. Das waren die Priester und Priesterinnen des Flammengottes von Opar. Die Männer, die Tarzan niedergeschlagen hatten, schleppten ihr Opfer vor den Thron und legten es dort auf den Fußboden nieder. Fast im gleichen Augenblick gewann der Affenmensch sein Bewusstsein zurück. Er öffnete die Augen und schaute sich um.
»Ist er das?«, wollte die Frau auf dem Thron wissen. Einer der Männer, die Tarzan herbeigeschleppt hatten, sah, dass er wieder zu Bewusstsein gekommen war. Er hob ihn mit Hilfe einiger anderer Männer auf und stellte ihn auf die Füße.
»Er ist es, Oah«, rief der Mann neben ihr aus.
Der Ausdruck eines unnennbaren Hasses verzerrte das Gesicht der Frau. »Der Flammengott meint es gut mit seiner Hohepriesterin«, sagte sie. »Ich habe gebetet, dass dieser Tag kommen möge, genauso wie ich für jenen anderen Tag betete, der mir gleichfalls beschert worden ist.«
Tarzans Blicke gingen schnell zwischen der Frau und dem Manne hin und her.
»Was hat das alles zu bedeuten, Dooth?«, fragte er. »Wo ist La? Wo ist eure Hohepriesterin?«
Die Frau sprang wütend von ihrem Thron auf. »Wisse, du Mann aus der fremden Welt, dass ich die Hohepriesterin bin. Ich, Oah, bin jetzt die Hohepriesterin des Flammengottes.«
Der Affenmensch hatte keinen Blick für sie. »Wo ist La?«, wollte er abermals von Dooth wissen.
Oah steigerte sich in eine wilde Wut hinein. »Sie ist tot!«, schrie sie. Dabei trat sie an die Kante des Thronpodestes, so, als wolle sie sich auf Tarzan hinabstürzen. In ihrer Hand funkelte das mit Juwelen besetzte Opfermesser im Licht der Sonne, das durch ein großes Loch in der Decke hereinfiel, wo sich im Laufe der vielen Jahre viele Dachziegel gelöst hatten.
»Sie ist tot!«, wiederholte sie. »Sie ist genauso tot wie du es sein wirst, wenn wir demnächst dem Flammengott dein lebenswarmes Blut zum Opfer bringen. La war schwach. Sie liebte dich und betrog deswegen ihren Gott, dem du schon damals zum Opfer dargebracht werden solltest. Aber Oah ist stark – stark in ihrem Hass, den sie in ihrer Brust bewahrt hat, seit Tarzan und La sie vom Thron von Opar vertrieben haben. Bringt ihn hinaus!«, rief sie plötzlich den Männern zu. »Ich will ihn nicht sehen bevor ich befehle, dass er auf den Opferaltar gelegt werde.«
Die Männer zerschnitten Tarzans Fußfesseln, damit er gehen konnte. Obwohl man ihm die Handgelenke roh hinten den Rücken gebunden hatte, fürchteten sich offenbar alle sehr vor ihm. Sie warfen ihm Schlingen über den Kopf um den Hals und befestigten Seile an seinen Armen und Beinen, um ihn zu führen wie einen gefangenen Löwen. Sie brachten Tarzan hinunter in die Dunkelheit der ihm bereits bekannten Verliese von Opar. Einige Männer trugen Fackeln bei sich. Als man schließlich die Zelle erreicht hatte, in der Tarzan eingesperrt werden sollte, zögerten die Männer lange Zeit ehe sie es wagten, ihm die Handfesseln zu lösen. Zuvor aber banden sie ihm die Füße wieder fest zusammen, so dass sie genügend Zeit fanden, aus dem Raum zu fliehen und von außen einen Riegel vorzuschieben ehe er ihnen folgen konnte. So sehr hatte sich Kraft und Tapferkeit des Affenmenschen der Erinnerung dieser verkommenen Priester von Opar eingeprägt.
Tarzan befand sich nicht zum ersten Mal in den unterirdischen Verliesen von Opar. Schon einmal war ihm die Flucht von hier geglückt. Deswegen machte er sich sogleich daran, seine gegenwärtige Zelle auf eine etwaige Fluchtmöglichkeit zu untersuchen. Er konnte sich vorstellen, dass Oah nicht lange zögern und ihre Drohungen wahr machen würde. Allzu lange hatte sie sich nach dem Augenblick gesehnt, ihm das Opfermesser ins Herz stoßen zu können. Nachdem der Affenmensch schnell die Fesseln von seinen Knöcheln gelöst hatte, tastete er sich sorgsam von Stein zu Stein an den Wänden entlang. Bald hatte er die ganze Zelle genau untersucht. Darauf machte er sich an eine ebenfalls sehr genaue Untersuchung des Fußbodens. Er entdeckte, dass er sich in einer rechteckigen Kammer befand, die ungefähr zehn Fuß lang und acht Fuß breit war. Wenn er sich auf die Zehenspitzen erhob, vermochte er gerade noch die Decke zu erreichen. Die einzige Öffnung war die Tür, durch die er hereingekommen war. In dieser Tür befand sich ein eingeschnittenes Luftloch, das mit eisernen Stäben gesichert war. Diese einzige Quelle frischer Luft führte jedoch auf einen dunklen Korridor hinaus und ließ kein Licht herein. Tarzan prüfte auch die Türangeln, fand aber bald heraus, dass sie selbst für seine riesige Kraft zu fest sein würden. Eine leise Bewegung draußen im finsteren Korridor verriet ihm, dass dort einer der Priester Wache hielt. Mit dieser Entdeckung schwanden alle Hoffnungen auf eine heimliche Flucht.
Drei Tage und drei Nächte hindurch lösten sich die Wachen vor seiner Tür in regelmäßigen Abständen ab. Am Morgen des vierten Tages jedoch entdeckte Tarzan, dass der Gang vor seiner Zelle leer war. Nun richtete er wieder alle seine Gedanken auf eine baldige Flucht.
Als der Affenmensch gefangen und von seinen Besiegern entwaffnet wurde, hatte man das unter dem Schwanzteil des Leopardenfelles, das seinen Lendenschurz bildete, verborgene Messer übersehen. In ihrer Aufregung hatten die dummen, halb tierischen Priester von Opar eine genaue Durchsuchung ihres Opfers unterlassen. Diesen glücklichen Umstand begrüßte Tarzan in doppelter Hinsicht. Aus begreiflichen Gründen hing er sehr an dem Jagdmesser seines längst verstorbenen Vaters. Mithilfe dieses Messers hatte er seinen Weg begonnen, der ihn vor langer Zeit zum Herr aller Tiere des Dschungels machte. Mehr durch Zufall, als mit bestimmter Absicht hatte er einst dieses Messer in das Herz Bolganis, der Gorilla, gestoßen. In seiner jetzigen Lage stellte die Waffe eine Gottesgabe dar, mit deren Hilfe er sich nicht nur verteidigen konnte. Sie sollte ihm bei seinem beabsichtigten Ausbruch hervorragende Dienste leisten.
Vor vielen Jahren war Tarzan, der Affenmensch, schon einmal aus den Gefängniszellen von Opar entkommen. Seit damals kannte er die Bauart der massiven Wände. Granitene Blöcke verschiedener Größe, in vollendeter Weise mit primitiven Werkzeugen behauen, waren so zusammengefügt, dass sie ohne Mörtel hielten. Jene Wand, durch die er damals geflohen war, hatte fünfzehn Fuß im Durchmesser gehabt. Zu seinem Glück hatte man ihn damals in eine Zelle gesperrt, die einen geheimen Ausgang besaß. Dieser Geheimgang war den jetzigen Einwohnern von Opar offensichtlich nicht bekannt gewesen. Der Zugang zu diesem Fluchtweg war von außen nur mit einer lose aufgerichteten Schicht von Steinen verschlossen, die der Affenmensch ohne große Anstrengung beseitigen konnte.
Natürlich untersuchte er seine jetzige Zelle zu allererst darauf, ob sie nicht in einen ähnlichen Geheimgang mündete. Dieses Mal hatte er jedoch keinen Erfolg. Nicht ein einziger Stein ließ sich von seinem Platz bewegen. Das riesige Gewicht der Tempelwände, als deren Grundmauern sie dienten, hielt sie fest auf ihrem Platz. Angesichts dieser Sachlage wendete er nun seine ganze Aufmerksamkeit der Tür zu.
Er wusste von früher her, dass es in Opar nur wenige verschließbare Räume gab. Die heruntergekommenen Einwohner der Stadt waren entweder nicht mehr klug genug oder zu faul, alte Schlösser zu reparieren und neue zu konstruieren. Die Schlösser, die er noch von früher her kannte, waren plump und roh zusammengefügt. Man brauchte riesige Schlüssel, um sie zu schließen. Seiner Ansicht nach stammten diese Schlösser aus den Tagen des Königreiches von Atlantis. Meistens bediente man sich jedoch schwerer Riegel, um Türen zu verschließen. Aus dem Verhalten seiner Wächter schloss er, dass seine Tür mit einem Riegel oder Querbalken verwahrt sein musste.
Den Weg zur Tür ertastend, untersuchte Tarzan die kleine Luftöffnung. Sie befand sich etwa in Schulterhöhe. Das Loch war viereckig und maß etwa einen Viertelmeter in Höhe und Breite. Vier starke Eisenstäbe waren quer darüber in einigem Abstand voneinander angebracht. Die Gitterstäbe lagen zu dicht beisammen, als dass er seine Hand hätte dazwischen hinaus stecken können. Diese Tatsache entmutigte den Affenmenschen jedoch keineswegs. Vielleicht gab es eine andere Möglichkeit.
Seine stählernen Finger packten den untersten Eisenstab in der Mitte. Mit der linken Hand klammerte er sich an dem obersten Gitterstab fest. Ein Knie stemmte er gegen die Tür und beugte dann langsam den rechten Ellenbogen. Wie flüssiger Stahl rollten die Muskeln seines Unterarmes und der Schulter unter der glatten Haut. Langsam bog sich der Stab nach innen auf ihn zu. Der Affenmensch lächelte als er abermals zupackte. Jetzt setzte er sein ganzes Gewicht und seine mächtige Körperkraft ein. Der Stab bog sich zu einem großen U und löste sich aus seinem Halt. Tarzan versuchte den Arm durch die Öffnung zu stecken. Sie war aber immer noch zu eng. Einen Augenblick später hatte er einen zweiten Gitterstab herausgerissen. Nun konnte er seinen Arm in voller Länge durch das Loch hinausstrecken. Mit den Fingern tastete er nach dem Riegel oder dem Querholz, das ihn gefangen hielt.
Wenn er den Arm so weit wie möglich hinausstreckte, erreichte er mit den Fingerspitzen gerade die obere Kante eines mächtigen Balkens, der aus drei Zoll dickem Holz bestand. Wie stark der Riegel in der Breite war, konnte er nicht herausfinden. Auch war nicht festzustellen, ob der Riegel hoch- oder zurückgeschoben werden musste. Die Lage war qualvoll. Nun hatte er die Freiheit beinahe erreicht und blieb dennoch gefangen. Es war zum Verrücktwerden.
Da erinnerte sich Tarzan seines Messers. Er zog den Arm zurück und nahm die Waffe aus der Scheide. Dann streckte er den Arm abermals hinaus und drückte die Spitze der Klinge in den hölzernen Riegel. Zuerst versuchte er mithilfe des Messers den Balken anzuheben. Die Spitze glitt jedoch aus dem Holz heraus. Danach probierte er, ob sich der Riegel waagerecht zurückschieben ließ. Das glückte ihm. Wenn er auch bei jedem Versuch den Riegel nur um wenige Zentimeter bewegen konnte, so war er dennoch schon ganz zufrieden. Er wusste jetzt, dass er mit Ausdauer und Geduld sein Ziel erreichen würde. Ganz langsam bewegte sich der Riegel in seinen Lagern. Immer wieder setzte Tarzan das Messer an und zog das Holz Stück für Stück zurück. Er arbeitete methodisch und sorgsam. Tarzan ließ sich durch nervöse Hast nicht zu überstürzter Eile verleiten, obwohl er keine Ahnung hatte, wann ein wilder Kriegerpriester von Opar kam, nach dem Gefangenen zu sehen. Schließlich wurden seine Bemühungen belohnt. Die Tür ließ sich aufstoßen. Rasch trat Tarzan in den dunklen Gang hinaus und schloss die Tür hinter sich. Er schob den Riegel zu. Da er keinen anderen Ausweg wusste wendete er sich in dem Gang in die Richtung, aus der man ihn hereingeführt hatte. In weiter Ferne schien die Dunkelheit in schwache Dämmerung überzugehen. Dorthin schlich er. Allmählich wurde es heller. Er sah nun, dass der Korridor etwa zehn Fuß hoch war. In unregelmäßigen Abständen erkannte er Türen, die alle geschlossen und mit Riegeln oder Balken versehen waren.
Etwa hundert Schritte von seiner Zelle entfernt, stieß Tarzan auf einen Quergang. Hier blieb er einen Augenblick stehen, um seine Umgebung mit bebenden Nasenflügeln, scharfen Augen und wachsamen Ohren zu prüfen. In keiner Richtung war Licht zu erblicken. Jedoch vernahmen seine Ohren leise Geräusche, woraus er erkannte, dass irgendwo hinter den Türen in den Gängen Leben sein musste. Seine empfindliche Nase unterschied eine Vielzahl von Gerüchen. Da war der süße Duft von Weihrauch. Es roch nach Menschen und dazwischen war die scharfe Ausdünstung von Raubtieren. Schließlich machte sich Tarzan in der ursprünglich eingeschlagenen Richtung weiter auf den Weg, weil nur dort weit vorn ein Lichtschein zu erkennen war.
Er war nur wenige Schritte gegangen als seine scharfen Ohren ihm die Annäherung von Menschen verrieten. Er durfte es nicht wagen, hier entdeckt zu werden. Langsam kehrte er zu dem Quergang zurück, wo er hoffte, sich verbergen zu können, bis die Gefahr vorüber war. Die Menschen waren ihm indessen viel näher als er geglaubt hatte. Es vergingen nur wenige Sekunden bis ein halbes Dutzend Priester von Opar aus einem Seitengang weiter vorn auftauchten. Sie erblickten ihn sofort und blieben stehen. Mit scharfen Augen suchten sie das Dämmerlicht zu durchdringen. »Es ist der Affenmensch«, rief einer aus. »Er ist entkommen!«
Sie machten Miene, mit knotigen Keulen und gebogenen Messern auf ihn einzudringen.
Sie wagten sich jedoch nur zögernd an ihn heran. Zu tief saß ihnen die Angst vor Tarzans riesiger Kraft in den Herzen. Trotzdem rückten sie näher. Tarzan wich zurück. Er wusste, dass er trotz all seiner Kraft und nur mit dem Messer ausgerüstet gegen die Knüppel dieser sechs halbwilden Menschen nicht viel auszurichten hatte. Inzwischen überlegte er schnell, wohin er fliehen könnte. Schon erreichte er den Quergang, an dem er kurz vorher gestanden hatte. Hastig bog er um die Ecke. Er wusste, dass seine Feinde sich jetzt mit äußerster Vorsicht weiter wagen würden. Sie mussten annehmen, dass er ihnen einen Hinterhalt legen würde. Das tat er indessen nicht. Er drehte sich um und rannte schnell den Gang hinunter. Auf seiner Flucht kam er an mehreren Türen vorüber. Er überlegte, dass seine Fluchtmöglichkeiten mit jeder Minute stiegen, um die er seine Entdeckung hinausziehen konnte. Schließlich blieb er vor einer Tür stehen, die mit einem riesigen, hölzernen Riegel verschlossen war. Schnell riss er den Riegel empor, stieß die Tür auf und verschwand in dem dunklen Raum. Es war die höchste Zeit. Der Anführer der Priesterhorde tauchte gerade an der Kreuzung der beiden Korridore auf.
Im gleichen Augenblick, als Tarzan die finstere Zelle betrat wusste er, dass er einen schrecklichen Fehler begangen hatte. Starker Raubtiergeruch nach Numa, dem Löwen, stieg ihm in die Nase. Die Stille der Zelle wurde von einem wilden Brüllen unterbrochen. Im dunklen Hintergrund des Raumes sah er zwei gelbgrüne Flammen aufleuchten. Mit hasserfülltem Grollen griff der Löwe an.
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