Kitabı oku: «ZURÜCK IN DIE STEINZEIT»

Yazı tipi:

EDGAR RICE BURROUGHS

Zurück in die Steinzeit

Fünfter Band der PELLUCIDAR-Serie

Roman

Apex-Verlag

Impressum

Copyright 1937 © by Edgar Rice Burroughs.

Der Roman Back To The Stone Age ist gemeinfrei.

Copyright dieser Ausgabe 2021 © by Apex-Verlag.

Übersetzung: Chris Bucher (OT: Back To The Stone Age).

Lektorat: Dr. Birgit Rehberg.

Cover: N. N./Christian Dörge/Apex-Graphixx.

Satz: Apex-Verlag.

Verlag: Apex-Verlag, Winthirstraße 11, 80639 München.

Verlags-Homepage: www.apex-verlag.de

E-Mail: webmaster@apex-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten.

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Das Buch

Der Autor

ZURÜCK IN DIE STEINZEIT

Kapitel 1: Lebender Tod

Kapitel 2: Die Grube des Grauens

Kapitel 3: Die einzige Hoffnung

Kapitel 4: Skruf von Basti

Kapitel 5: In die Sklaverei

Kapitel 6: La-ja

Kapitel 7: Flucht der Sklaven

Kapitel 8: Der Wald des Todes

Kapitel 9: Die Leichenhöhle

Kapitel 10: Die Gorbusse

Kapitel 11: Für die Schlachtung gemästet

Kapitel 12: Mammut-Männer

Kapitel 13: Gefangen

Kapitel 14: »Er muss sterben!«

Kapitel 15: Der Bräutigam

Kapitel 16: Der Alte Weiße

Kapitel 17: Die kleine Schlucht

Kapitel 18: Bisonmänner

Kapitel 19: Kru

Kapitel 20: Die tobende Herde

Kapitel 21: Verlassen

Kapitel 22: Gaz

Das Buch


Das Abenteuer in Pellucidar geht weiter!

Leutnant Wilhelm von Horst ist ein Gestrandeter in einer wilden Welt voller Urzeitmenschen und Dinosaurier. Auf der Suche nach dem Rest seiner Expedition wird er von Flugsauriern verschleppt, muss sich aus den Fängen eines unheimlichen Kannibalen-Stamms befreien und trifft schließlich auf die widerspenstige La-ja, die ihm zeigt, dass selbst in der brutalen Welt der Steinzeit Liebe gedeihen kann...

Zurück in die Steinzeit (erstmals im Jahr 1937 als 6teilige Serie im Argosy-Weekly-Magazin veröffentlicht) ist der fünfte Roman der Pellucidar-Serie.

Der Apex-Verlag veröffentlicht Zurück in die Steinzeit als deutsche Erstveröffentlichung in der Übersetzung von Chris Bucher.

Der Autor


Edgar Rice Burroughs - * 01. September 1875, † 19. März 1950.

Edgar Rice Burroughs war ein US-amerikanischer Schriftsteller, der bekannt wurde als Erzähler diverser Abenteuergeschichten, die sich vor allem dem frühen Fantasy- und Science-Fiction-Genre zuordnen lassen. Die bekanntesten von ihm eingeführten - und in der Folge von anderen in zahlreichen Filmen und Comics etablierten - Heldencharaktere sind Tarzan, John Carter, Carson Napier.

Der Sohn des Fabrikanten und Bürgerkriegsveteranen Major George Tyler Burroughs (1833–1913) und der Lehrerin Mary Evaline Zieger (1840–1920) verlebte nach dem Besuch mehrerer Privatschulen den Großteil seiner Jugend auf der Ranch seiner Brüder in Idaho.

Nach seinem Abschluss auf der Michigan Military Academy im Jahr 1895 trat Burroughs in die 7. US-Kavallerie ein. Als ein Armeearzt bei ihm einen Herzfehler diagnostizierte und er deshalb nicht Offizier werden konnte, verließ Burroughs die Armee vorzeitig im Jahr 1897 und arbeitete bis 1899 wieder auf der Ranch seines Bruders. Danach ging er zurück nach Chicago und arbeitete in der Firma seines Vaters.

Am 1. Januar 1900 heiratete Burroughs seine Jugendliebe Emma Centennia Hulbert. Das Paar bekam drei Kinder: Joan Burroughs Pierce (1908–1972), Hulbert Burroughs (1909–1991) und John Coleman Burroughs (1913–1979). Da die tägliche Routine in der Fabrik seines Vaters Burroughs nicht zufriedenstellte, verließ das Ehepaar 1904 Chicago, um abermals in Idaho zu leben. Mit seinen Brüdern, die inzwischen ihre Ranch aufgegeben hatten, versuchte er sich erfolglos als Goldgräber. Kurze Zeit später arbeitete er als Eisenbahnpolizist in Salt Lake City. Auch diesen Job gab Burroughs auf und zog mit seiner Frau wieder zurück nach Chicago, wo er eine Reihe Jobs annahm, unter anderem als Vertreter. 1911 investierte er sein letztes Geld in einer Handelsagentur für Bleistiftanspitzer und scheiterte.

Burroughs, der zu dieser Zeit an schweren Depressionen litt und, nach einigen seiner Biographen, an Selbstmord dachte, kam auf die Idee, eine Geschichte für ein Magazin zu schreiben, in dem er zuvor Anzeigen für seine Bleistiftanspitzer geschaltet hatte. Seine erste Erzählung Dejah Thoris, Princess of Mars (unter dem Pseudonym Normal Bean für das All-Story-Magazin von Thomas Metcalf geschrieben) wurde zwischen Februar und Juli 1912 als Fortsetzung veröffentlicht.

Metcalf hatte sein Pseudonym in Norman Bean geändert, und auch der Titel seiner Geschichte wurde zu Under the Moon of Mars abgewandelt. Auf Burroughs Beschwerde bezüglich der Änderungen, lenkte Metcalf ein und bot an, Burroughs nächste Geschichte unter seinem richtigen Namen zu drucken. Eine weitere Beschwerde Burroughs betraf den Zusatz For all Rights auf seinem Honorarscheck. Nach längerem Briefwechsel erreichte er, dass die 400 Dollar nur für den Erstabdruck galten.

Burroughs zweite Geschichte, The Outlaw of Torn, wurde jedoch von All-Story abgelehnt. Der große Erfolg kam mit Burroughs drittem Anlauf, Tarzan of the Apes.

Die Geschichte von Tarzan wurde ebenfalls 1912 von All-Story veröffentlicht. Burroughs schrieb in der Folgezeit immer wieder neue Tarzan-Geschichten und konnte sich - kaum zehn Jahre nach der Veröffentlichung von Tarzan of the Apes - ein riesiges Stück Land in der Nähe von Los Angeles kaufen. Selbst nach Burroughs Tod im Jahr 1950 erschienen weitere Tarzan-Geschichten. Das Landstück bei Los Angeles ist heute die Gemeinde Tarzana.

In den frühen 1930er Jahren wurde sein schriftstellerischer Erfolg allerdings immer mehr von privaten Problemen überschattet. 1934 ließ er sich scheiden und heiratete ein Jahr später Florence Dearholt. Doch schon 1942 wurde auch diese Ehe geschieden. Nach der Bombardierung von Pearl Harbor begab sich Burroughs 1941 als Kriegsreporter nach Hawaii. Nach dem Krieg kehrte er nach Kalifornien zurück, wo er, nach vielen gesundheitlichen Problemen, 1950 einem Herzanfall erlag.

In Burroughs Werk vermischen sich Science Fiction und Fantasy. Er etablierte Geschichten vor einem planetarischen Hintergrund in der Science Fiction. Dabei war Burroughs bewusst, dass seine Literatur bei den Kritikern nicht ankam. Er machte auch nie ein Hehl daraus, dass er schrieb, um Geld zu verdienen.

Die Helden seiner Romane und Erzählungen haben keine Alltagsprobleme. Bei den Charakterzeichnungen schwach, sprudeln Burroughs Geschichten über vor Ideen und Action. Die Helden seiner Romane haben verschiedene Merkmale gemeinsam, beispielsweise das Geheimnis um ihre Herkunft. Entweder haben die Helden nie eine Kindheit erlebt, oder können sich nicht daran erinnern, oder aber sie sind wie Tarzan und The Cave Girl Waisen. Ein weiteres Merkmal von Burroughs Geschichten ist der, wie Brian W. Aldiss es nennt, ausgeprägte sexuelle Dimorphismus. Das jeweils dominante Geschlecht ist hässlich.

Obwohl es in den Romanen und Geschichten Burroughs von schönen, nackten Frauen nur so wimmelt, werden sexuelle Beziehungen weder angedeutet noch erwähnt. Burroughs Welt scheint eine präpubertäre zu sein. Doch ist die Jungfräulichkeit immer in Gefahr (vgl. Aldiss). Fast schon zwanghaft mutet an, dass es in den Geschichten Burroughs, die zwischen 1911 und 1915 geschrieben wurden, nicht weniger als 76 Mal zu Vergewaltigungsdrohungen kommt, die natürlich alle abgewendet werden können. Zu den Bedrohern der weiblichen Unschuld gehören verschiedene Marsianer, Sultane, Höhlenmenschen, japanische Kopfjäger und Affen.

E. F. Bleiler schreibt über Burroughs, seine Texte seien „Fantasien von Erotik und Macht.“

Der Apex-Verlag veröffentlicht Burroughs' Venus-Romane (in der deutschen Übersetzung von Thomas Schlück), Neu-Übersetzungen des Tarzan- und des John Carter-Zyklus sowie als deutsche Erstveröffentlichung die Pellucidar-Serie.

ZURÜCK IN DIE STEINZEIT

Kapitel 1: Lebender Tod

Die ewige Mittagssonne von Pellucidar leuchtete auf eine Szene herab, wie sie die äußere Erdkruste seit zahllosen vergangenen Zeitaltern nicht mehr gesehen haben mag. Eine Szene, wie sie heute nur noch die Welt im inneren Erdkern hervorbringen kann.

Hunderte von Säbelzahntigern trieben zahllose pflanzenfressende Tiere auf die Lichtung eines riesigen Waldes und mittendrin standen zwei weiße Männer und eine Handvoll schwarzer Krieger aus dem fernen Afrika.

Die Männer waren in einem riesigen Luftschiff mit anderen ihrer Art durch die Nordpolaröffnung am Scheitelpunkt der Welt gekommen, auf dringendes Geheiß von Jason Gridley, aber das ist eine Geschichte, die schon einmal erzählt wurde.

Dies ist die Geschichte von dem, der dabei verloren ging.

»Es scheint nicht möglich«, rief Gridley aus, »dass fünfhundert Meilen unter unseren Füßen Automobile durch überfüllte Straßen rasen, die von riesigen Gebäuden gesäumt sind. Dass dort der Telegraf, das Telefon und das Radio so alltäglich sind, dass sie keine Bemerkung mehr wert sind, dass zahllose Tausende ihr ganzes Leben dort verbringen, ohne jemals eine Waffe zur Selbstverteidigung benutzen zu müssen. Gleichzeitig stehen wir hier im selben Augenblick einem Säbelzahntiger gegenüber – und zwar in einer Umgebung, die es auf der äußeren Kruste vielleicht seit einer Million Jahren nicht mehr gibt.«

»Seht sie euch an!«, rief von Horst. »Sieh nur, wie viele sie schon auf diese Lichtung getrieben haben – und es kommen noch mehr!«

Es kamen große ochsenartige Kreaturen mit zotteligem Fell und weit ausladenden Hörnern. Es kamen auch Rothirsche und Faultiere von gigantischer Größe. Und Mastodons und Mammuts und ein riesiges, vierbeiniges Wesen, das einem Elefanten ähnelte und doch kein Elefant zu sein schien. Sein großer Kopf war vier Fuß lang und drei Fuß breit. Es hatte einen kurzen, kräftigen Rüssel und von seinem Unterkiefer bogen sich mächtige Stoßzähne nach unten und gegen den Körper hin ab. Bis zu den Schultern stand es mindestens zehn Fuß über dem Boden, und in der Länge muss es volle zwanzig Fuß gemessen haben. Was es jedoch von einem Elefanten unterschied, waren die kleinen, schweineartigen Ohren.

Die beiden weißen Männer vergaßen bei diesem erstaunlichen Anblick vor ihnen für einen Moment die Tiger hinter sich, blieben stehen und betrachteten staunend die riesige Ansammlung von Kreaturen auf der Lichtung. Doch bald wurde ihnen klar, dass sie, wenn sie mit dem Leben davonkommen wollten, die Sicherheit der Bäume erreichen mussten, bevor sie entweder von den Säbelzahntigern heruntergezerrt oder von den verängstigten Pflanzenfressern zu Tode getrampelt wurden, die sich bereits auf der Suche nach einem Fluchtweg umsahen.

»Vor uns wäre ein guter Fluchtweg, Bwana«, sagte Muviro, der schwarze Häuptling der Waziri.

»Wir müssen fliehen«, sagte Gridley. »Die Biester kommen jetzt alle in unsere Richtung. Verpasst ihnen eine Salve und dann ab in die Bäume. Wenn sie angreifen, ist jeder auf sich allein gestellt.«

Die Salve hielt sie für einen Augenblick zurück; aber als sie die großen Katzen hinter sich sahen, drehten sie sich noch einmal in Richtung der Männer um.

»Da kommen sie!«, rief von Horst. Dann rannten die Männer los und versuchten, die Bäume zu erreichen, die ihre einzige Zuflucht bedeutete.

Gridley wurde von einem riesigen Faultier umgeworfen. Er stand gerade noch im richtigen Moment auf, um einem anstürmenden Mastodon aus dem Weg zu springen. Er erreichte in letzter Sekunde einen Baum und kletterte hoch, als auch schon der grösste Teil der fliehenden Herde unter ihm vorbeidonnerte. Gridley sah sich nach seinen Gefährten um, konnte aber keinen entdecken. Kein Lebewesen, erst recht nicht so ein mickriges wie der Mensch, konnte in der Masse von springenden, stürzenden und verängstigten Bestien überleben.

Einige seiner Kameraden, da war er sich sicher, hätten den rettenden Wald mit Sicherheit erreichen können; aber er fürchtete um von Horst, der ein ganzes Stück hinter den Waziri gewesen war.

Aber Leutnant Wilhelm von Horst war entkommen. Tatsächlich war es ihm gelungen, ein kleines Stück in den Wald hineinzulaufen, ohne auf die rettenden Äste der Bäume zu klettern. Er hatte sich rechts von den flüchtenden Tieren abgesetzt, die, nachdem sie in den Wald gestürzt kamen, nach links ausscherten. Noch in der Ferne konnte er sie hören, trompetend, grunzend und brüllend.

Vollkommen erschöpft setzte er sich unter einen Baum, um wieder zu Atem zu kommen und sich zu erholen. Müde war er geworden, also schloss er für einen Moment die Augen. Die Sonne stand direkt über ihm. Das tat sie auch noch, als er die Augen wieder öffnete. Er wusste, dass er kurz eingenickt war, wusste jedoch nicht, für wie lange. Aber wer konnte das in einer Welt, in der die Sonne ewig am Zenit hängt und Zeit keinerlei Bedeutung hatte, schon sagen?

Der Wald war seltsam still geworden. Weder hörte er das Trompeten und Quieken der Pflanzenfresser noch das Knurren und Fauchen der Raubkatzen. Er rief laut, um die Aufmerksamkeit seiner Freunde zu erregen, aber es kam keine Antwort zurück.

Schließlich machte er sich auf die Suche nach ihnen und nahm einen Weg, den er für den direkten Weg zurück zum Hauptlager hielt, wo das Luftschiff vertäut war und von dem er wusste, dass sie ihn sicher gegangen waren. Aber anstatt nach Norden zu gehen, wie er es hätte tun sollen, ging er nach Westen.

Vielleicht war es auch gut so, denn in diesem Moment hörte er Stimmen. Er blieb stehen und lauschte. Männer kamen auf ihn zu. Er hörte sie deutlich, aber er konnte ihre Sprache nicht erkennen. Sie könnten freundlich sein, aber in dieser wilden Welt bezweifelte er das. Er verließ den Pfad, dem er gefolgt war, und versteckte sich hinter einem Busch, und einen Moment später kamen die Männer, die er gehört hatte, in Sicht. Es waren Muviro und seine Krieger. Sie sprachen den Dialekt ihres eigenen afrikanischen Stammes. Als er sie erblickte, trat von Horst auf den Pfad. Sie waren so froh, ihn zu sehen, wie er im Gegenzug froh darüber war, sie zu sehen. Wenn sie jetzt noch Gridley finden würden, wären sie alle wieder glücklich vereint – aber sie fanden ihn nicht, obwohl sie lange Zeit suchten.

Muviro kannte den Weg, den sie zurück zum Lager nehmen mussten, genau so wenig wie von Horst, was ihn und seine Krieger sehr betrübte. Schließlich kam es nicht oft vor, dass sich die Waziri in irgendeinem Wald verirrten.

Als sie ihre Aufzeichnungen verglichen, schien es offensichtlich, dass jeder, nachdem sie sich getrennt hatten, einen großen Kreis in entgegengesetzte Richtungen gemacht hatte. Nur so konnten sie sich erklären, warum sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden, denn jeder bestand darauf, dass er zu keiner Zeit seine Schritte zurückverfolgt hatte.

Die Waziri hatten nicht geschlafen und waren dementsprechend sehr müde. Von Horst hingegen hatte geschlafen und war ausgeruht. Als sie schließlich eine Höhle fanden, die ihnen allen Schutz bot, gingen die Waziri hinein, wo es dunkel war, und schliefen, während von Horst am Höhleneingang auf dem Boden saß, Wache hielt und sich Gedanken über die Zukunft machte.

Während er dort ruhig saß, huschte ein großes Wildschwein vorbei. Er wusste, dass sie früher oder später Fleisch brauchen würden, also erhob er sich und pirschte sich an das Tier heran. Es verschwand hinter einer Wegbiegung im Gebüsch. Obwohl er dachte, ihm dicht auf den Fersen zu sein, bekam er es nicht wieder zu Gesicht. Bald hatte er sich in dem dichten Flickwerk aus sich kreuzenden Wildpfaden verirrt, und machte sich schließlich auf den Rückweg zur Höhle. Von Horst war eine beträchtliche Strecke gelaufen, als ihm bewusst wurde, dass er sich tatsächlich verlaufen hatte. Mit lauter Stimme rief er nach Muviro, bekam aber keine Antwort. Schließlich blieb er stehen, sah sich um und versuchte herauszufinden, in welcher Richtung die Höhle lag. Instinktiv sah er zur Sonne hoch, als ob sie ihm helfen konnte. Aber wie sollte sie ihm den Weg weisen, wenn sie immer nur im Zenit stand? Fluchend machte er sich wieder auf den Weg. Mehr konnte er nicht tun.

Eine gefühlte Ewigkeit lief er weiter, aber es war immer noch Mittag. Er sah oft zur Sonne hoch, rein mechanisch, und schließlich begann er die leuchtende Kugel zu hassen, weil sie ihm keinen Hinweis auf die verstrichene Zeit gab und stattdessen mit ihrer Reglosigkeit zu verhöhnen schien.

Der Wald und der Dschungel wimmelten vor Leben. Früchte, Blumen und Nüsse wuchsen in Hülle und Fülle. Er würde nie wieder hungern müssen – sobald er herausfand, welche von ihnen essbar waren und welche nicht. Er war sehr hungrig und noch viel durstiger und gerade das bereitete ihm grosse Sorgen.

Er hatte eine Pistole und reichlich Munition. In diesem üppigen Wildland konnte er sich immer mit Fleisch versorgen, aber er musste Wasser haben. Also ging er weiter. Mittlerweile suchte er eher nach einer Wasserquelle als nach seinen Begleitern oder dem Lager. Vor lauter Durst wurde er müde und schläfrig. Er schoss ein großes Nagetier und trank sein Blut; dann machte er ein Feuer und brätelte den Kadaver.

Während die Oberfläche stellenweise verkohlt war, war das Fleisch darunter kaum durch. Leutnant Wilhelm von Horst war ein Mann, der sich ausgezeichnetes Essen gewöhnt war. Essen, das richtig zubereitet und serviert wurde, aber er riss an dem Kadaver seiner widerwärtigen Beute wie ein ausgehungerter Wolf und dachte, dass keine Mahlzeit jemals köstlicher geschmeckt hatte.

Er wusste nicht, wie viel Zeit seit seiner letzten Mahlzeit verstrichen war. Jetzt schlief er wieder, diesmal aber auf einem Baum, nachdem er durch das Laub des Dschungels einen Blick auf eine große Bestie erhascht hatte. Eine Bestie mit riesigen Reißzähnen und glühenden Augen.

Als er wieder erwachte, wusste er nicht, wie lange er geschlafen hatte. Aber die Tatsache, dass er völlig ausgeruht war, ließ vermuten, dass es eine lange Zeit gewesen war.

Er fühlte, dass es in einer Welt, in der Zeit nicht existierte, durchaus möglich war, dass ein Mann einen Tag oder eine ganze Woche schlafen konnte. Wie sollte man es auch feststellen können? Der Gedanke machte ihn neugierig. Er begann sich zu fragen, wie viel Zeit verstrichen war, seit er das Luftschiff verlassen hatte.

Nur die Tatsache, dass er seinen Durst nicht gestillt hatte, seit er von seinen Kameraden getrennt worden war, ließ darauf schließen, dass es nicht mehr als ein oder zwei Tage gewesen sein konnten.

Wasser. Er lechzte förmlich danach. Sein Geist war besessen davon, also machte er sich auf die Suche danach. Er musste Wasser haben! Wenn er nicht bald welches finden würde, musste er sterben – sterben, allein in diesem schrecklichen Wald. Seine letzte Ruhestätte würde für immer unbekannt bleiben.

Von Horst war ein sozialer Gesell und als solcher war ihm dieser Gedanke zuwider. Er hatte keine Angst vor dem Tod, aber dies schien ein völlig sinnloses Ende zu sein – ausserdem war er zu jung, noch in seinen Zwanzigern.

Er folgte einem Wildpfad, von denen es in dem verworrenen Wald unzählige gab. Einer von ihnen musste zu Wasser führen, aber welcher? Er hatte sich für den einen entschieden, der breiter und deutlicher war als die anderen. Hier waren viele Tiere vorbeigekommen, und das schon seit einiger Zeit, so ausgetreten, wie der Pfad war. Von Horst schloss daraus, dass mehr Tiere einer Spur folgen würde, die zum Wasser führten, als irgendeiner anderen. Und er hatte recht.

Als er zu einem kleinen Fluss kam, stieß er einen Freudenschrei aus, rannte hin und warf sich beim Ufer auf die Knie und steckte den Kopf ins Wasser. Er trank in großen Schlucken. Zwar bestand die Möglichkeit, dass ihm das Wasser nicht bekommen könnte, aber das schien nicht der Fall zu sein. Es war ein sauberes Flüsschen, das zwischen Felsblöcken über einen kiesigen Grund floss. Ein Juwel von einem Gewässer, das die erfrischende Kühle und die Schönheit der Berge, aus denen es entsprang, in die Niederungen trug.

Von Horst vergrub sein Gesicht im Wasser, er ließ es über seine nackten Arme laufen, er schöpfte es mit seinen Händen und goss es über den Kopf. Noch nie zuvor war ihm Wasser wie ein Luxus vorgekommen. Seine Sorgen schwanden. Jetzt würde alles gut werden – er hatte Wasser! Jetzt war er in Sicherheit!

Er blickte auf. Am gegenüberliegenden Ufer des Flüsschens hockte eine Kreatur, wie sie in keinem Buch zu finden ist und deren Knochen in keinem Museum ausgestellt sind. Sie glich einem gigantischen geflügelten Känguru mit dem Kopf eines Reptils, ähnlich einem Pterodaktylus mit ihren langen, stark gezahnten Kiefern. Das Wesen beobachtete von Horst aufmerksam, seine kalten, reptilienartigen, lidlosen Augen starrten ihn ausdruckslos an. Es lag etwas furchtbar Bedrohliches in seinem starren Blick. Der Mann begann sich langsam zu erheben und plötzlich erwachte das abscheuliche Ding plötzlich aus seiner Starre. Mit einem zischenden Schrei überwand es den kleinen Fluss in einem einzigen gewaltigen Satz.

Von Horst drehte sich um und begann zu rennen. Gleichzeitig zerrte er an der Pistole in seinem Halfter, aber bevor er sie ziehen konnte, stürzte sich das Ding auf ihn und riss ihn zu Boden. Dann hob es ihn mit seinen klauenartigen Händen auf, hielt ihn hoch und betrachtete ihn. Aufrecht auf seinem breiten Schwanz sitzend, ragte es fünfzehn Fuß in die Höhe, und aus nächster Nähe schienen seine Kiefer fast groß genug zu sein, um das mickrige Menschen-Ding, das ehrfürchtig auf sie starrte, mit einem Biss zu verschlingen. Von Horst dachte, dass sein Ende nun gekommen war. Er war hilflos in dem mächtigen Griff dieser mächtigen Krallen, seine Pistolenhand an seine Seite geklemmt. Die Kreatur schien sich an ihm zu weiden und darüber zu nachzudenken, wo sie zubeissen sollte. Zumindest schien es von Horst so.

An der Stelle, wo der Bach den Pfad kreuzte, gab es eine Öffnung im Blätterdach, durch welche die ewige Mittagssonne ihre hellen Strahlen auf das plätschernde Wasser, die grüne Wiese, die monströse Kreatur und ihren relativ mickrigen Gefangenen warf. Das Reptil, wenn es denn eines war, wandte seine kalten Augen nach oben zur Öffnung; dann sprang es hoch in die Luft, breitete dabei seine Flügel aus und flatterte nach oben.

Von Horst war kalt vor Sorge. Er erinnerte sich an Geschichten, die er von einem großen Vogel der äußeren Welt gelesen hatte, der seine Beute in die Höhe trug und sie dann tötete, indem er sie zu Boden fallen ließ. Er fragte sich, ob dies sein Schicksal sein würde, und er dankte seinem Schöpfer, dass es so wenige geben würde, die um ihn trauern würden – keine Frau und keine Kinder, die ohne Beschützer und Versorger zurückbleiben würden, keine Geliebte, die seinen Verlust betrauern und sich nach dem Geliebten sehnen würde, der niemals zurückkehren würde.

Sie befanden sich jetzt über dem Wald. Die seltsame, horizontlose Landschaft dehnte sich in alle Richtungen aus und verblasste allmählich im Nichts. Jenseits des Waldes, in der Flugrichtung der Kreatur, lag offenes Land, sanfte Hügel und Berge. Von Horst konnte Flüsse und Seen sehen und in weiter, dunstiger Ferne etwas, das ein großes Gewässer zu sein schien – ein Binnenmeer vielleicht oder ein riesiger, unerforschter Ozean; aber in welche Richtung er auch blicken mochte, für ihn war alles unbekanntes Neuland.

Das Betrachten der Landschaft war für ihn nicht von lebenswichtigem Interesse, dann aber kam der Moment, in dem dieses Interesse plötzlich ausgelöscht wurde. Denn das Ding, welches ihn durch die Lüfte trug, löste eine Klaue von ihm. Von Horst dachte, dass es ihn fallen lassen würde, dass sein Ende nun gekommen war. Er flüsterte ein kleines Gebet. Das Wesen hob ihn ein paar Meter hoch und ließ ihn dann in eine dunkle, müffelnde Tasche sinken, die es mit der anderen Pfote offen hielt. Als es ihn losließ, befand sich von Horst in völliger Dunkelheit. Einen Augenblick lang konnte er sich seine Lage nicht erklären, dann dämmerte ihm, dass er sich in der Bauchtasche eines Beuteltiers befand. Es war heiß und stickig. Er dachte, er würde mit dem überwältigenden Gestank dieses Reptils in der Nase ersticken. Als er es nicht mehr aushalten konnte, drückte er sich nach oben, bis sein Kopf aus der Öffnung des Beutels ragte.

Die Kreatur flog inzwischen horizontal, und die Sicht des Mannes war auf das beschränkt, was fast direkt unter ihm lag. Sie befanden sich immer noch über dem Wald. Das Laub, das wie gebauschte Smaragdwolken dalag, sah weich und einladend aus. Von Horst fragte sich, warum er lebend weggetragen wurde und wohin die Reise noch führen würde. Wohl zweifellos zu einem Nest oder einer Höhle, um als Nahrung zu dienen, vielleicht für eine Brut abscheulicher Jungtiere. Er tastete nach seiner Pistole. Wie leicht wäre es, in diesen heißen, pulsierenden Körper zu schießen, aber was würde es ihm nützen? Es würde den fast sicheren Tod bedeuten – möglicherweise einen langsamen Tod. Denn wenn er nicht sofort getötet würde, dann spätestens wegen tödlichen Verletzungen. Er verwarf den Gedanken.

Die Kreatur flog mit überraschender Geschwindigkeit, wenn man ihre Größe bedenkt. Der Wald verschwand aus dem Blickfeld, und sie flogen über eine bewaldete Ebene, auf der der Mann unzählige Tiere grasen oder ruhen sah. Es gab große Rothirsche, Faultiere, riesige primitive Rinder mit zotteligem Fell. In der Nähe von Bambusbüscheln, die einen Fluss säumten, war eine Herde Mammuts. Es gab auch andere Tiere, die von Horst nicht einordnen konnte. Bald flogen sie über niedrige Hügel, ließen die Ebene hinter sich und flogen dann über ein raues, vulkanisches Land mit kahlen, schwarzen, kegelförmigen Hügeln. Zwischen den Kegeln und auf einem Teil ihrer Flanken wucherte das unvermeidliche tropische Grün von Pellucidar. Nur dort, wo keine Wurzel Fuß fassen konnte, gab es kein Gestrüpp. Eine Besonderheit dieser Kegel erregte von Horsts Aufmerksamkeit: Viele von ihnen hatten eine Öffnung in der Spitze, die ihnen das Aussehen von erloschenen Miniaturvulkanen gab. Ihre Größe reichte von hundert Fuß bis zu mehreren hundert Fuß Höhe. Während er sie betrachtete, begann sein Entführer, direkt über einem der größeren Kegel zu kreisen. Dann stürzte er schnell direkt in den gähnenden Krater und landete auf dem Boden im Lichtkegel der Sonne, die ständig im Zenit stand.

Als die Kreatur ihn aus dem Beutel zog, konnte von Horst zunächst wenig vom Inneren des Kraters sehen; aber als sich seine Augen schnell an die umliegende Düsternis gewöhnten, sah er, dass er von den Leichen zahlreicher Tiere und Menschen umgeben war. Die Überreste waren in einem großen Kreis um ihn herum platziert worden, die Köpfe nach aussen gelegt. Der Kreis war nicht ganz geschlossen, es gab eine einzige Lücke von mehreren Fuß. Zwischen den Köpfen der Leichen und der Wand des Kegels war eine Menge elfenbeinfarbener Kugeln von etwa zwei Fuß Durchmesser gestapelt.

Diese Dinge beobachtete von Horst mit einem kurzen Blick, dann wurde er schon wieder in die Luft getragen. Die Kreatur hob ihn an, mit dem Gesicht nach außen, bis er auf Augenhöhe mit der Bestie war. Dann fühlte der Mann einen scharfen, widerlichen Schmerz im Nacken an der Basis des Gehirns. Es gab nur einen Augenblick des Schmerzes und eine kurzzeitige Übelkeit, dann wurde plötzlich alles taub. Es war, als ob er vom Hals abwärts aufgehört hätte zu existieren. Von Horst spürte, wie er langsam zur Wand des Kegels getragen und auf dem Boden abgesetzt wurde. Noch konnte er seinen Kopf bewegen und drehte ihn zur Seite, wo er gerade noch sah, wie die Kreatur, die ihn hierhergebracht hatte, in die Luft sprang, die Flügel ausbreitete und finster kreischend durch die Krateröffnung davonflatterte.

Kapitel 2: Die Grube des Grauens

Als von Horst dort in der düsteren Höhle des Todes lag und über seine Situation nachdachte, wünschte er sich, er wäre gestorben, als er die Gelegenheit und die Kraft zum Selbstmord noch hatte. Jetzt war er hilflos. Das Entsetzen über seine Situation wuchs in ihm, bis er fürchtete, verrückt zu werden. Er versuchte, eine Hand zu bewegen, aber es war, als hätte er gar keine Hände mehr. Weder konnte er seine Hände, noch sonst einen Teil seines Körpers fühlen – abgesehen von seinem Kopf. Und so fühlte er sich auch, wie ein losgelöster Kopf, der im Dreck lag. Zwar noch bei Bewusstsein, aber völlig hilflos. Er schaute zur Seite und stellte fest, dass er am Ende der kreisrunden Reihe von Leichen war, am Rande der Lücke. Auf der anderen Seite der Lücke lag der Körper eines Mannes. Von Horst drehte den Kopf auf die andere Seite und sah dicht neben ihm den Körper eines anderen Mannes.

Dann wurde seine Aufmerksamkeit durch ein Knacken und Hämmern auf der gegenüberliegenden Seite erregt. Erneut drehte er den Kopf, damit er sehen konnte, was in dieser Halle der Toten lebte. Seine Augen wurden von einer der elfenbeinfarbenen Kugeln angezogen, die unmittelbar hinter dem Körper auf der anderen Seite des Spalts lag. Die Kugel wackelte hin und her. Die Geräusche schienen aus ihrem Inneren zu kommen und wurden zunehmend lauter, eindringlicher. Die Kugel wippte und rollte hin und her, dann erschien ein Riss in ihr, ein zackiges Loch wurde in ihre Oberfläche gerissen, und ein Kopf ragte heraus. Es war eine Miniaturversion des hässlichen Schädels jener Kreatur, die ihn hierhergebracht hatte. Nun war das Rätsel der Kugeln gelöst – es waren die Eier des großen Beuteltiers. Was aber hatte es mit den zahlreichen Körpern auf sich?

Fasziniert beobachtete von Horst, wie sich das schreckliche kleine Wesen aus seinem Ei befreite. Endlich draussen, rollte es sich auf dem Boden des Kraters aus, wo es einige Zeit träge lag, als ob es sich von seinen Strapazen ausruhen wollte. Dann begann es, seine Gliedmaßen zu bewegen und probierte sie vorsichtig aus. Es erhob sich auf seine vier Füße, setzte sich aufrecht auf seinen Schwanz und breitete seine Flügel aus. Erst flatterte es nur schwach damit, dann aber für einen kurzen Augenblick mit kräftigen Schlägen. Schließlich stürzte es sich auf die abgebrochenen Stücke der Eierschale und verschlang sie. Danach wandte es sich, ohne zu zögern, dem Körper des Mannes auf der anderen Seite der Lücke zu. Als es sich ihm näherte, sah von Horst zu seinem Entsetzen, wie sich der Kopf des Mannes der Kreatur zuwandte und dieser die Augen vor Schreck weit aufriss. Mit einem zischenden Brüllen stürzte sich das widerliche kleine Wesen auf den Körper, und gleichzeitig brach ein durchdringender Schreckensschrei über die Lippen des Mannes, den von Horst schon für tot gehalten hatte. Der entsetzte Blick und die verzerrten Gesichtsmuskeln spiegelten die wahnsinnigen Anstrengungen des Gehirns wider, die gelähmten Nervenzentren bewegen zu können, sie zu zwingen, dem Fluchtinstinkt zu folgen. Der Mann war dermassen bemüht, die unsichtbaren Fesseln zu sprengen, dass es den Eindruck machte, es müsse ihm gelingen. Aber gegen die vollständige Lähmung war er machtlos.

Der abscheuliche Vogel stürzte sich auf den Körper und begann ihn zu verschlingen; und obwohl das Opfer wohl keinen Schmerz empfinden konnte, hallten seine Schreie und sein Stöhnen noch immer in dem hohlen Krater des Grauens wider, bis schließlich die anderen Kreaturen, die zweifellos ein ähnliches Schicksal erwarteten, ihre Stimmen in einer blutigen Kakophonie des Schreckens erhoben. Jetzt erkannte von Horst zum ersten Mal, dass all diese Kreaturen lebendig waren, gelähmt wie er selbst. Er schloss die Augen, um den grausigen Anblick auszublenden, aber seine Ohren konnte er nicht vor dem abscheulichen, seelenverachtenden Lärm verschließen.

Er drehte den Kopf von dem fressenden Reptil weg zu dem Mann, der rechts von ihm lag, und öffnete die Augen. Er sah, dass der Mann nicht in den furchtbaren Chor eingestimmt hatte und ihn mit ruhigem, abschätzigem Blick betrachtete. Es war ein junger Mann mit einem Schopf kohlschwarzer Haare, feinen Augen und regelmäßigen Zügen. Seine Ausstrahlung war von Stärke und ruhiger Würde geprägt, die von Horst beeindruckte. Beeindruckt war er auch deshalb, weil der Mann nicht der Hysterie erlegen war, die die anderen Insassen der Kammer ergriffen hatte. Der junge Leutnant lächelte ihn an und nickte. Einen Augenblick lang überzog ein schwacher Ausdruck der Überraschung die Miene des anderen, dann lächelte auch er. Dann sprach er von Horst in einer Sprache an, die der Europäer nicht verstand.

»Es tut mir leid«, sagte von Horst, »aber ich kann dich nicht verstehen.« Dann war es an dem anderen, verständnislos den Kopf zu schütteln.

Keiner von beiden konnte die Sprache des anderen verstehen; aber sie hatten einander angelächelt, und dadurch ein gemeinsames Band in ihrer Erwartung eines gemeinsamen Schicksals geknüpft. Von Horst fühlte, dass er nicht mehr allein war und so etwas wie einen Verbündeten gefunden hatte. Dieser flüchtige Kontakt machte im Angesicht dieser ausweglosen Situation einen beträchtlichen Unterschied. Im Vergleich zu dem, was er vorher empfunden hatte, war er fast zufrieden.

Als er das nächste Mal in die Richtung des frisch geschlüpften Reptils blickte, war der Körper seines Opfers vollständig verschlungen. Es war nicht einmal mehr ein Knochen übrig. Vollgefressen und mit aufgeblähtem Bauch kroch das Ding in den runden Fleck aus strahlendem Sonnenlicht unterhalb der Krateröffnung, rollte sich zusammen und schlief ein.

Die Opfer waren in Schweigen verfallen und lagen wieder wie tot. Die Zeit verging; aber wie viel Zeit, konnte von Horst nicht einmal erahnen. Er verspürte weder Hunger noch Durst, was er auf seine Lähmung zurückführte. Gelegentlich schlief er sogar ein. Einmal wurde er durch Flügelschlagen geweckt und blickte auf, um den üblen Vogel aus dem Nest des Grauens, in dem er geschlüpft war, durch die Krateröffnung fliegen zu sehen.

Nach einer Weile kam das erwachsene Tier mit einem weiteren Opfer, einer Antilope. Nun sah von Horst, wie er und die anderen Unglücksraben gelähmt worden waren. Die Antilope mit seinem großen Maul auf gleicher Höhe haltend, durchbohrte das Reptil mit der nadelscharfen Spitze seiner Zunge den Hals an der Basis des Gehirns, dann setzte es die hilflose Kreatur zu von Horsts Linken ab.

In dieser zeitlosen Leere des lebendigen Todes konnte man keine Regelmäßigkeit der wiederkehrenden Ereignisse feststellen. Jungtiere schlüpften aus ihren Schalen, fraßen sie, verschlangen ihre Beute (immer am äußersten Rand der Lücke zu von Horsts Linken), schliefen im Sonnenlicht und flogen davon, offenbar, um nie wiederzukehren. Die erwachsenen Tiere kamen mit neuen Opfern, lähmten sie, legten sie an den Rand der Lücke, die von Horst am nächsten war, und flogen wieder davon. Von Horst kam der Lücke von links her immer näher und damit auch sein unausweichlicher Untergang.

Er und der Mann zu seiner Rechten tauschten gelegentlich ein Lächeln aus, und manchmal sprach jeder in seiner eigenen Sprache. Allein der Klang ihrer Stimmen, die Gedanken ausdrückten, welche der andere nicht verstehen konnte, war freundlich und tröstlich. Von Horst wünschte sich, dass sie sich unterhalten könnten. Was hätte das die trostlose Einsamkeit erleichtert! Derselbe Gedanke muss dem anderen auch oft durch den Kopf gegangen sein, und er war es, der zuerst versuchte, ihn auszudrücken und die Sprachbarriere zu überwinden, die sie vom ungetrübten Ausmass ihrer aus der Not geborenen Kameradschaft trennte. Einmal, als von Horst die Augen zu ihm wandte, sagte er: »Dangar«, und versuchte, sich zu erkennen zu geben, indem er die Augen zu sich selbst beugte und das Kinn zur Brust neigte. Er wiederholte dies mehrere Male.

Endlich glaubte von Horst zu begreifen, was er meinte. »Dangar?«, fragte er.

Der Mann lächelte und nickte und sprach ein Wort, das in seiner Sprache offensichtlich eine Bejahung war. Dann sprach von Horst seinen eigenen Namen mehrmals aus und deutete auf sich selbst, so wie es Dangar getan hatte. Das war der Anfang. Danach wurde es ein Spiel von intensivem und gegenseitigem Interesse. Sie taten nichts anderes, und keiner schien der Übung überdrüssig zu werden. Gelegentlich wurden sie müde, aber anstatt zu schlafen, wartete jeder, bis der andere schlafen wollte. Auf diese Weise konnten sie beide ihre wachen Stunden mit der neuen und faszinierenden Beschäftigung verbringen, zu lernen, wie man Gedanken in einer fremden Sprache austauscht.

Dangar lehrte von Horst seine Sprache, und da dieser bereits vier oder fünf Sprachen der äußeren Oberfläche beherrschte, fiel es ihm leicht, auch diese zu erlernen, obwohl sie keine Ähnlichkeit mit einer Sprache besass, die er von der Oberfläche her kannte.

Unter normalen Umständen wäre die Prozedur langsam oder scheinbar hoffnungslos gewesen, aber mit dem Anreiz der Kameradschaft und der Abwesenheit von Ablenkung – sieht man einmal davon ab, dass hin und wieder ein Jungtier schlüpfte und sich vollfrass – machten sie mit erstaunlicher Schnelligkeit Fortschritte. Zumindest kam es von Horst so vor, denn in dieser zeitlosen Welt konnten während seiner Gefangenschaft schon Wochen, Monate oder sogar Jahre äußerer irdischer Zeit vergangen sein.

Endlich war der Zeitpunkt gekommen, an dem er und Dangar ein Gespräch mit relativer Leichtigkeit und Geläufigkeit führen konnten, aber je besser sie miteinander sprechen konnten, desto näher kroch die schicksalhafte Lücke ihres Untergangs im Kreis der lebenden Toten. Dangar würde zuerst gehen, dann von Horst.

Letzterer fürchtete das erste Ereignis noch mehr als das zweite, denn ohne Dangar wäre er wieder allein und hätte nichts, womit er seine Zeit oder seinen Geist beschäftigen könnte, außer dem unausweichlichen Schicksal, das ihn erwartete, während er auf das Knacken der Eierschale wartete, das den Tod in seiner schrecklichsten Form auf ihn loslassen würde.

Am Ende waren nur noch drei Opfer zwischen Dangar und der Lücke. Es würde jetzt nicht mehr lange dauern.

»Es tut mir leid, dich bald verlassen zu müssen«, sagte der Pellucidarer.

»Ich werde nicht lange allein sein«, erinnerte ihn von Horst.

»Das stimmt wohl. Nun, es ist besser zu sterben, als hier zu bleiben, weit weg vom eigenen Land. Ich wünschte, wir hätten leben können, dann hätte ich dir nämlich meine Heimat Sari zeigen können. Es ist ein wunderschönes Land mit Hügeln und Bäumen und fruchtbaren Tälern. Es gibt dort jede Menge Wild, und nicht weit entfernt ist der große Lural Az. Ich habe dort auf der Insel Anoroc gelebt, wo Ja König ist. Du würdest Sari mögen. Die Mädchen da sind sehr schön. Es gibt dort eines, das auf mich wartet. Aber wie es scheint, werde ich wohl nie zu ihr zurückkehren. Sie wird traurig sein, aber...« Dangar verstummte einen Augenblick. Dann seufzte er und fuhr fort: »Sie wird darüber hinwegkommen, und ein anderer wird sie zu seiner Frau nehmen.«

»Ich würde gerne nach Sari gehen«, sagte von Horst. Plötzlich weiteten sich seine Augen vor Überraschung. »Dangar! Dangar!«, rief er aus.

»Was ist los?«, fragte der Pellucidarer. »Was ist passiert?«

»Ich kann meine Finger spüren! Ich kann sie bewegen!«, rief von Horst. »Und meine Zehen auch.«

»Das kann doch nicht sein, Von«, rief Dangar ungläubig aus.

»Doch, das kann es. Das ist es! Nur ein bisschen, aber ich kann sie bewegen.«

»Wie kann das sein? Ich kann unterhalb meines Halses immer noch nichts spüren.«

»Die Wirkung des Giftes muss langsam nachlassen. Vielleicht wird die Lähmung ganz nachlassen.«

Dangar schüttelte den Kopf. »Seit ich hier bin, habe ich noch nie erlebt, dass bei einem Opfer die Lähmung nachlässt, nachdem es von einem Trodon mit seiner Giftzunge gestochen wurde. Aber was, wenn es tatsächlich passiert? Wird dir das etwas nützen?«

»Ich denke, das wird es«, antwortete von Horst langsam. »Ich habe während meiner Gefangenschaft viel Zeit gehabt, um mir Szenarien vorzustellen, in denen ich von dieser Lähmung befreit würde. Ich habe mir längst mögliche Pläne zurechtgelegt.»

»Es liegen nur drei Körper zwischen dir und dem Tod«, erinnerte ihn Dangar.

»Ja, das weiß ich. Alles hängt davon ab, wie schnell ich mich wieder vollständig bewegen kann.«

»Ich wünsche dir Glück, Von, auch wenn ich wohl nicht mehr erleben werde, ob du es schaffst oder nicht. Zwischen mir und dem sicheren Tod liegen nur zwei Körper. Die Lücke kommt immer näher.«

Von diesem Moment an konzentrierte sich von Horst mit all seinen Kräften auf die Überwindung der Lähmung. Er spürte, wie die Lebensglut allmählich in seine Glieder kroch, wenn auch nur langsam. Zwar konnte er seine Extremitäten bewegen, allerdings nur wenig.

Ein weiterer Trodon schlüpfte, so dass nur noch einer zwischen Dangar und dem Tod lag – und nach Dangar würde er an der Reihe sein. Als die schreckliche Kreatur, die im Sonnenlicht schlief, erwachte und durch die Krater-Öffnung davonflog, gelang es von Horst, seine Hände zu bewegen und seine Handgelenke zu beugen. Auch seine Füße waren jetzt frei; aber ach, wie langsam, wie schrecklich langsam kehrten seine Kräfte zurück. Konnte das Schicksal so grausam sein, diese große Hoffnung aufrechtzuerhalten und sie ihm dann im Augenblick der Verwirklichung zu entreißen? Kalter Schweiß trat auf seine Stirn, als er seine Chancen abwog – und die standen furchtbar gegen ihn.

Wenn er doch nur irgendwie die Zeit messen könnte! Dann könnte er nämlich die Intervalle des Schlüpfens der Eier herausfinden und so eine ungefähre Vorstellung von der Zeit gewinnen, die ihm noch blieb. Er war sich ziemlich sicher, dass die Jungtiere in einigermaßen regelmäßigen Abständen schlüpften, obwohl er es nicht genau wissen konnte. Er trug eine Uhr am Handgelenk, aber die war längst stehen geblieben. Aber selbst wenn, er hätte sie nicht zu Rate ziehen können, da er den Arm nicht heben konnte.

Langsam zog sich die Lähmung bis zu seinen Knien und Ellbogen zurück. Er konnte diese nun beugen, und darunter fühlten sich seine Gliedmaßen völlig normal an. Von Horst wusste, dass er, wenn ihm genügend Zeit blieb, irgendwann wieder alle Muskeln voll beherrschen würde.

Als er sich anstrengte, die unsichtbaren Fesseln zu durchbrechen, die ihn festhielten, zerbrach ein weiteres Ei, und kurz darauf lag Dangar ohne eine weitere Kreatur zu seiner Rechten – er würde der Nächste sein.

»Und nach dir, Dangar, komme ich. Ich glaube, ich werde vorher frei sein, aber ich wollte dich unbedingt retten.«

»Danke, mein Freund«, antwortete der Pellucidarer, »aber ich habe mich mit dem Tod abgefunden. Ich ziehe ihn dem Dasein vor, das ich jetzt friste – ein Kopf, der auf einem toten Körper sitzt.«

»So müsstest du nicht lange leben, da bin ich mir sicher«, sagte von Horst. »Meine eigene Erfahrung hat mich gelehrt, dass die Wirkung des Giftes irgendwann nachlassen muss. Normalerweise reicht es aus, um das Opfer lange über die Zeit hinaus gelähmt zu halten, in der es als Nahrung für die Jungtiere dient. Wenn ich mich nur befreien könnte, könnte ich dich sicher retten.«

»Lass uns von anderen Dingen reden«, sagte Dangar. »Ich möchte kein lebender Toter sein, und jetzt noch Hoffnungen zu hegen, lebend hier rauszukommen macht das unvermeidliche Ende nur noch bitterer.«

»Wie du willst«, sagte von Horst achselzuckend, »aber du kannst mich nicht davon abhalten, darüber nachzudenken – oder es gar zu versuchen.«

Und so sprachen sie von Sari und dem Land Amoz, aus dem Dian die Schöne gekommen war, und dem Land des Grossen Schattens und den unfreundlichen Inseln im Sojar Az. Von Horst spürte, dass es Dangar gefiel, diese für ihn angenehmen Orte in Erinnerung zu rufen, doch als der Sarier die wilden Tiere und Menschen beschrieb, die dort anzutreffen waren, spürte von Horst, dass sie als entspannende Aufenthaltsorte viel zu wünschen übrig ließen.

Während sie redeten, entdeckte von Horst, dass er seine Schultern und seine Hüften bewegen konnte. Ein angenehmes Lebensgefühl durchströmte seinen ganzen Körper. Er wollte Dangar gerade davon berichten, als das verhängnisvolle Geräusch einer zerbrechenden Eierschale an die Ohren der beiden Männer drang.

»Auf Wiedersehen, mein Freund«, sagte Dangar. »Wir von Pellucidar machen uns nur wenige Freunde außerhalb unserer eigenen Stämme. Alle anderen Menschen sind Feinde, die man töten oder töten lassen kann. Ich bin froh, dich Freund nennen zu dürfen. Schau, das Ende naht!«

Das frisch geschlüpfte Trodon hatte bereits seine eigene Schale verschlungen und beäugte nun Dangar. In einem Moment würde es sich auf ihn stürzen. Von Horst kämpfte darum, sich zu erheben, aber etwas schien ihn noch zurückzuhalten. Dann stürzte sich das Reptil mit klaffenden Kiefern auf seine Beute.

Kapitel 3: Die einzige Hoffnung

Noch einmal versuchte von Horst, sich aufzurichten. Noch einmal sank er erschöpft zurück. Der Schweiß klebte in kalten Perlen an seinen ganzen Körper. Er wollte fluchen und schreien, aber er blieb stumm. Schweigsam war auch Dangar. Er schrie nicht wie die anderen, als der Tod über sie hereinbrach. Das Biest kroch jetzt auf ihn zu – kam näher und näher. Von Horst stemmte sich auf den linken Ellbogen, dann sank er zurück, aber dabei versuchte er, nach der Waffe an seiner Hüfte zu greifen – der Waffe, die er schon vorher vergeblich versucht hatte zu erreichen. Diesmal gelang es ihm. Seine Finger schlossen sich um den Griff. Er zog die Pistole aus dem Holster. Wieder stemmte er sich teilweise auf einen Ellbogen. Der Trodon war fast über Dangar, als von Horst feuerte. Das Vieh stieß einen durchdringenden Schrei aus, sprang hoch in die Luft, flatterte einen Augenblick lang vergeblich mit den Flügeln und fiel dann schwer auf den Boden der Grube – tot.

Dangar sah von Horst erstaunt und dankbar an. »Das warst du«, sagte er. »Ich bin dir dankbar, aber was wird es uns nützen? Wie sollen wir jemals aus dieser Grube entkommen? Selbst wenn es einen Weg gäbe, könnte ich ihn nicht benutzen – ich, der ich nicht einmal einen Finger bewegen kann.«

»Das bleibt abzuwarten«, antwortete von Horst. »Wenn die Lähmung bei dir nachlassen wird, werden wir einen Weg finden. Du hast nicht erwartet, diesem Trodon zu entkommen, und doch bist du lebendig und der Trodon tot. Woher willst du also wissen, was möglich ist und was nicht?«

»Du hast recht«, antwortete Dangar. »Ich werde nie wieder an dir zweifeln.«

»Jetzt sollten wir versuchen, Zeit zu gewinnen«, rief von Horst. Dann hob er Dangar auf, trug ihn über den Spalt und legte ihn neben das letzte Opfer, das der erwachsene Trodon hereingebracht hatte. Als er sich neben ihn legte, bemerkte er: »Das nächste, das schlüpft, wird keinen von uns erwischen, denn es wird auf die andere Seite des Spalts gehen.«

»Aber was ist mit dem alten Vieh, wenn es das nächste Opfer bringt?«, fragte Dangar. »Wird es nicht bemerken, dass sich unsere Positionen verändert haben? Und dann ist da noch der Kadaver seines Jungtiers. Was meinst du, was es damit machen wird?«

»Ich bezweifle, dass der Trodon uns überhaupt bemerken wird«, antwortete von Horst, »aber wenn er es tut, werde ich darauf vorbereitet sein. Ich habe noch meine Pistole und reichlich Munition. Und was das tote Küken angeht, so werde ich es sofort entsorgen. Ich denke, wir können es sogar gebrauchen.«

Dann erhob er sich und schleppte den Kadaver zu einer Seite der Grube, wo er ihn hinter mehreren Eiern versteckte. Dann untersuchte er ihn genau und tastete seine Haut ab. Offenbar zufrieden, zog er sein Jagdmesser und machte sich an die Arbeit, die Haut vom Kadaver abzuziehen.

Er arbeitete zügig, aber sorgfältig. Er richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf diese Aufgabe gerichtet, so dass es erschrak, als das durch den Kratermund einfallende Sonnenlicht kurzzeitig unterbrochen wurde.

Als er aufblickte, sah er, dass der Trodon mit einem weiteren Opfer zurückkam. Sofort legte er sich am Rande der Grube hinter einigen Eiern, die er arrangiert hatte, auf den Boden, zog seine Pistole und wartete.

Nebst seinem Haarschopf und en Augen ragte nur noch etwas über eines der Eier empor – die kalte, schwarze Mündung seiner Waffe. Von Horst beobachtete, wie das ahnungslose Reptil sein Opfer neben Dangar ablegte. Wie er erwartet hatte, schenkte die Kreatur dem Pellucidarer keine Beachtung. Einen Moment später war das geflügelte Biest auf der Suche nach der nächsten Beute bereits wieder durch die Öffnung verschwunden.

Ohne weitere Unterbrechung beendete von Horst die Häutung des Jungtieres, dann schleppte er den Körper zu der Stelle, wo Dangar zuvor gelegen hatte.

Der Sarier lachte. »Eine clevere Art, den Kadaver zu entsorgen«, sagte er, »wenn es funktioniert.«

»Ich denke, das wird es«, antwortete von Horst. »Diese hirnlosen kleinen Teufelchen lassen sich vom Instinkt leiten. Sie gehen für ihre erste Mahlzeit immer an dieselbe Stelle, und ich wette, dass sie alles fressen, was sie dort finden.«

»Aber was machst du jetzt mit der Haut?«

»Wart's ab. Das ist der wichtigste Teil meines Fluchtplans. Ich gebe zu, dass es ein ziemlich hirnrissiger Plan ist, aber es ist der einzige, von dem ich denke, dass er eine gewisse Chance auf Erfolg hat. So, jetzt muss ich zurück und mich wieder damit beschäftigen.« Von Horst ging wieder an die Arbeit und zog die Haut in einem durchgehenden Stück ab. Es dauerte eine ganze Weile, aber als er damit fertig war, musste er nur noch die die Haut zu einem langen Band schneiden und die Innenseite abschaben. Gerade als von Horst die Länge des Riemens mit seinen Fingern abmass, begann ein weiterer Trodon zu schlüpfen.

»Sechsundsechzig, siebenundsechzig, achtundsechzig«, zählte von Horst, während er dem Küken dabei zusah, wie es die Schale seines Eies verschlang.

»Das sind über 100 Meter. Das sollte mehr als genug sein.«

Nachdem es das Ei verschlungen hatte, näherte sich das Trodon-Küken dem gehäuteten Kadaver seines Bruders. Sowohl von Horst als auch Dangar beobachteten gespannt, wie sich das Reptil ohne einen Augenblick zu zögern auf den Leichnam stürzte und ihn verschlang.

Nachdem es weggeflogen war, ging von Horst hinüber und legte sich neben Dangar. »Du hattest recht«, gab dieser zu, »es kannte den Unterschied nicht.«

»Ich glaube, sie sind auf der Skala der Intelligenz so niedrig, dass sie sich fast ausschließlich vom Instinkt leiten lassen, sogar die Erwachsenen. Deshalb hat der Alte auch nicht bemerkt, dass ich fehlte und dass du an einem anderen Ort lagst. Wenn ich Recht behalte, hat mein Plan eine größere Chance auf Erfolg. Fühlst du dich mittlerweile irgendwie anders, Dangar? Spürst du, wie das Leben in deine Glieder zurückkehrt?«

Der Sarier schüttelte den Kopf. »Nein«, antwortete er niedergeschlagen. »Ich fürchte, das wird nie mehr geschehen. Ich kann aber nicht verstehen, warum das bei dir geklappt hat. Kannst du dir das erklären?«

»Nein, kann ich leider auch nicht. Ich habe aber eine Theorie. Wie du siehst, sind alle Opfer des Trodon dünnhäutig. Das könnte darauf hindeuten, dass die Nadelspitze seiner Zunge, mit der das Gift injiziert wird, entweder nur dünne Haut durchstossen oder nur in eine geringe Tiefe eindringen kann. Während ich das frisch geschlüpfte Junge gehäutet habe, habe ich meine Lederjacke ausgezogen. Als ich sie untersuchte, entdeckte ich, dass die spitze Zunge des Trodon auf der Rückseite es Kragens durch zwei Schichten Leder und Leinenfutter gedrungen ist, bevor sie in mein Fleisch eindringen konnte. Schau, siehst du den runden, grünen Fleck, der die Einstichstelle umgibt? Vielleicht ist etwas vom Gift im Stoff versickert oder vielleicht war der Stich nicht tief genug, um seine volle Wirkung zu entfalten. Sei's drum. Ich bin mehr und mehr davon überzeugt, dass man sich früher oder später von der Lähmung erholen wird, egal wie viel Gift einer abbekommen hat. Du hast zweifellos eine größere Dosis erhalten als ich, dafür bist du aber auch schon länger hier. Es kann also nicht mehr lange dauern, bis auch du die ersten Zeichen der Genesung bemerken wirst.«

»Ich beginne langsam wieder Hoffnung zu haben«, antwortete Dangar.

»Wir müssen bald etwas unternehmen«, sagte der andere. »Jetzt, wo die Lähmung nachgelassen hat und mein Körper wieder normal funktioniert, fange ich an, Hunger und Durst zu verspüren. Ich werde meinen Plan bei der ersten Gelegenheit in die Tat umsetzen müssen, bevor ich zu schwach werde, um ihn auszuführen.«

»Ja«, sagte Dangar. »Klettere nach draussen, wenn du kannst. Denke nicht an mich.«

»Ich werde dich mitnehmen.«

»Aber das wird unmöglich sein – selbst wenn du selbst aus diesem Loch herauskommen kannst, was ich übrigens noch bezweifle.«

»Trotzdem werde ich dich mitnehmen. Alleine gehe ich nämlich nicht.«

»Nein«, widersprach Dangar. »Das wäre töricht. Ich werde es nicht zulassen.«

»Wie willst du es denn verhindern?«, lachte von Horst. »Überlasse ruhig alles mir. Der Plan kann immer noch schiefgehen, aber ich werde trotzdem sofort damit beginnen, ihn in die Tat umzusetzen.«

Er überquerte die Grube und holte seinen langen Riemen aus Reptilienhaut hinter den Eiern hervor, wo er ihn versteckt hatte. Dann knüpfte er an einem Ende eine Schlinge. Diese legte er nahe bei der Stelle aus, wo der ausgewachsene Trodon sein nächstes Opfer ablegen würde. Sorgfältig führte er den Riemen zu dem Versteck hinter den Eiern, ließ dort etwas Band zurück und brachte dann den Rest zu einem Punkt unterhalb der Krateröffnung, der knapp außerhalb des Lichtkegels war. Hier wickelte er das meiste von dem, was vom Lederband übrig geblieben war, ordentlich auf. Er ging dabei sehr gewissenhaft vor. Das verbleibende lose Ende trug er zu seinem Versteck, setzte sich dann bequem hin und wartete.

Wie lange er wartete, wusste er natürlich nicht, aber es schien eine gefühlte Ewigkeit zu sein. Hunger und Durst bedrängten ihn ebenso, wie Zweifel und Ängste über die Erfolgsaussichten seines Plans. Er war müde, riss sich aber zusammen, um nicht einzuschlafen. Denn jetzt wegzudämmern konnte sich als tödlich erweisen. Trotzdem muss er kurz eingenickt sein.

Denn er erwachte mit einem Schreck und sah, wie der große Trodon im Sonnenlicht hockte und sein lähmendes Gift in den Hals eines neuen Opfers injizierte. Von Horst fühlte sich plötzlich sehr schwach. Das war viel zu knapp. Wenn er nur noch einen Moment länger geschlafen hätte, wäre es vielleicht zu spät gewesen, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Er bezweifelte, dass er weiter durchhalten konnte, bis das Reptil ein nächstes Mal kommen würde. Sein Leben – und das von Dangar – hingen nun einzig und allein von ihm ab. Und er hatte nur einen Versuch. Schnell brachte er seine Nervosität unter Kontrolle. Kühl und gefasst zog er seine Pistole aus dem Holster und griff erneut nach dem Riemen.

Der Trodon durchquerte die Grube und trug das gelähmte Opfer zu seinem Platz im tödlichen Kreis. Dabei trat das Biest mit einem Fuß in die offene Schlinge. Von Horst schickte eine laufende Welle des Lederriemens über den Boden, welche die Schlinge am Bein der Kreatur über den Knöchel anhob, dann zog er mit einem schnellen Ruck am Lederband. Die Schlinge zog sich ein wenig zu. War das genug? Würde sie halten? Wie er erwartet hatte, schenkte die Kreatur dem Riemen keine Beachtung, schien sie nicht einmal zu spüren. Dessen war sich von Horst ganz sicher. Das Nervensystem der Kreatur war wohl so wenig ausgeprägt, dass es wohl nur einen schweren Schlag gegen das Bein gespürt hätte.

Nachdem es das Opfer abgesetzt hatte, drehte sich das Reptil zur Mitte der Grube, sprang in die Luft und flatterte in die Höhe. Von Horst hielt den Atem an. Würde sich die Schlinge lösen? Gott bewahre. Sie hielt. Von Horst sprang auf und rannte auf die Mitte der Grube zu, seine Pistole geladen und entsichert in der Hand. Als der Trodon durch den Kraterschlund aufstieg und über die Kante flog, gab der Mann drei Schüsse in schneller Folge ab.

Er brauchte die entsetzlichen Schreie der verwundeten Kreatur nicht, um zu wissen, dass er gut gezielt hatte. Denn er sah, wie das große Reptil durch die Luft trudelte und jenseits des Kraterrandes stürzte. Von Horst griff nach dem Ende des Riemens, hängte mit seinem Gewicht daran und wartete.

Noch bestand die Gefahr, dass der Körper der Kreatur den Steilhang des Kraters ungebremst hinunterpurzeln konnte und ihm das Lederband aus den Händen reissen würde. Also wickelte er das Band so schnell er konnte um die Hüfte und band es fest. Eher würde er sterben, als das Band und damit seinen einzigen Ausweg aus dieser Grube, zu verlieren. Einen Moment lang wickelte sich der Gurt schnell von der Spule ab – dann hörte sie auf. Entweder war der Körper des Trodon zur Ruhe gekommen oder die Schlinge war vom Hinterbein gerutscht. Was nun?

Von Horst zog ängstlich am Riemen. Bald straffte er sich und da wusste er, dass er noch an der Kreatur befestigt war. Ein vager Zweifel überkam ihn, ob der Trodon wirklich tot war oder nicht. Er wusste, wie hartnäckig solche Kreaturen sein konnten. Und wenn sie nun nicht tot war? Was für schreckliche Möglichkeiten ein solches Ereignis mit sich bringen könnte!

Der Mann zerrte noch einmal am Lederriemen. Er gab nicht nach. Dann schwang er mit seinem ganzen Gewicht an ihm. Es blieb, wie es war. Immer noch am losen Ende festhaltend, überquerte er die Grube zu Dangar, der ihn mit großen, erstaunten Augen anstarrte.

»Du hättest ein Sarier werden sollen«, sagte Dangar voller Bewunderung.

Von Horst lächelte. »Ach hör' schon auf«, sagte er. »Jetzt zu dir.« Er bückte sich und hob den Pellucidarer vom Boden auf und trug ihn in die Mitte der Grube, direkt unter die Krateröffnung. Dann band er das lose Ende des Riemens um seinen Körper unter den Armen fest.

»Was hast du vor?«, fragte Dangar.

»Ich bin gerade dabei, die Hohlwelt für dünnhäutige Tiere ein wenig sicherer zu machen«, antwortete von Horst.

Er ging zur Seite der Grube und begann, die Eier mit dem Griff seiner Pistole zu zerschlagen. Zwei der Eier näherten sich dem Ende der Brutzeit und wackelten bereits. In ihrem Innern regten sich bereits zwei recht lebendige Jungtiere. Von Horst tötete sie beide und kehrte dann zu Dangar zurück.

»Ich hasse es, diese anderen armen Teufel hier zu lassen«, sagte er und gestikulierte in Richtung der unglücklichen Opfer, »aber es gibt keinen anderen Weg. Ich kann sie nicht alle rausholen.«

»Du kannst noch froh sein, wenn du rauskommst«, entgegnete Dangar.

Von Horst grinste. »Wir werden beide Glück haben«, antwortete er, »aber heute ist unser Glückstag.« In der Sprache der inneren Welt, in der es weder Tag noch Nacht gibt, gab es folglich kein Wort für Tag. Also ersetzte von Horst es durch ein fremdsprachiges Wort der äußeren Welt. »Hab Geduld, dann bist auch du bald draußen.«

Er griff nach dem Lederriemen und zog sich Hand für Hand hoch. Dangar lag auf dem Rücken und beobachtete ihn mit bewunderndem Blick. Es war ein langer, gefährlicher Aufstieg, aber schließlich erreichte von Horst die Mündung des Kraters. Als er sich über den Kraterrand rollte und den Hang hinunterblickte, sah er den Kadaver des Trodon auf einem kleinen Felsvorsprung unter ihm liegen. Die Kreatur war ganz offensichtlich tot und das war auch schon alles, was von Horst an dem Biest wissen wollte. Er wandte sich sofort seiner nächsten Aufgabe zu, nämlich Dangar aus dem Krater zu befreien.

Von Horst war ein kräftiger Mann, stiess nun aber schnell an die Grenzen seiner Ausdauer. Vermutlich lag das an der langen Lähmung, die sein Körper durchmachen musste. Hinzu kam der unsichere Stand, den der steile Abhang des Kraters bot. Dennoch verlor er keinen Augenblick die Hoffnung auf den Erfolg; und obwohl es eine langwierige Arbeit war, wurde er schließlich dafür belohnt, als er die gelähmte Gestalt des Pellucidarers auf dem Gipfel des Hügels neben sich liegen sah.

Zu gerne hätte er sich jetzt kurz ausgeruht, aber seine Erfahrung mit der Welt von Pellucidar hatte ihn gelehrt, dass ein exponierter Ort wie dieser Hügel kein guter Ort war, um zu verweilen. Er musste, mit Dangar im Schlepptau, den Hang hinabgehen und zwischen den Bäumen und einem Wasserlauf, die er von hier aus sehen konnte, nach einem Versteck suchen.

Der Hang war sehr steil, aber zum Glück war er durch gelegentliche Vorsprünge unterbrochen, die zumindest ein Bisschen Halt boten. Da es keine andere Möglichkeit zum Abstieg gab, hob von Horst Dangar über eine seiner breiten Schultern und begann den gefährlichen Weg nach unten. Schlitternd und stolpernd bahnte er sich langsam den Weg den steilen Abhang hinunter, ständig auf der Hut nach möglichen Gefahren. Gelegentlich stürzte er, schaffte es aber immer, sich zu fangen, bevor er in die Tiefe stürzte.

Er war ziemlich erschöpft, als er schließlich in den Schatten einer Baumgruppe taumelte, die neben dem kleinen Bach wuchs, den er vom Gipfel des Hügels aus gesehen hatte. Er legte Dangar auf einer Grasfläche ab und löschte seinen Durst mit dem klaren Wasser des Baches. Es war das zweite Mal, dass er getrunken hatte, seit er den Landeplatz des Luftschiffs O-220 verlassen hatte. Wie viel Zeit inzwischen verstrichen war, konnte er aber nicht einmal erraten. Es könnten Tage gewesen sein, vielleicht Wochen oder sogar Monate. Doch für den grössten Teil dieser Zeit hatte das eigentümliche Gift des Trodon ihn nicht nur gelähmt, sondern auch die Feuchtigkeit in seinem Körper bewahrt und ihn so immer frisch und fit für die ungeborenen Kükens gehalten, von denen er verschlungen werden sollte.

Erfrischt und gestärkt stand er auf und sah sich um. Er musste einen Ort finden, an dem er ein mehr oder weniger dauerhaftes Lager errichten konnte, denn er konnte Dangar unmöglich weitertragen. Er fühlte sich ziemlich hilflos, praktisch allein in dieser unbekannten Welt. In welche Richtung sollte er bloß gehen? Gab es überhaupt den Funken einer Hoffnung die O-220 und damit seine Freunde je wieder zu finden? Besonders in einem Land, in dem es keine Himmelsrichtungen gab? Selbst wenn es sie geben würde, von Horst hatte keine Ahnung, wohin er gehen musste, weil er die Orientierung seit der Entführung durch den Trodon komplett verloren hatte.

Sobald die Wirkung des Giftes nachgelassen hatte und Dangar von den Fesseln der Lähmung befreit war, würde er nicht nur einen aktiven Freund und Gefährten haben, sondern auch einen, der ihn in ein Land führen konnte, in dem er sich eines freundlichen Empfangs sicher sein konnte und eine Gelegenheit, sich einen Platz in dieser wilden Welt zu schaffen, in der er, wie er zu glauben geneigt war, den Rest seines Lebens verbringen musste. Es war bei weitem nicht nur diese Überlegung, die ihn veranlasste, bei dem Volk von Sari zu bleiben, sondern vielmehr ein Gefühl der Loyalität und Freundschaft.

Als er sich sorgfältig in der näheren Umgebung umsah, kam er zum Schluss, dass dieser Ort für ein Lager genauso geeignet war, wie jeder andere. Es gab frisches Wasser, und er hatte gesehen, dass es in der Umgebung reichlich Wild gab. An einigen der Bäume wuchsen Früchte und Nüsse, und auf seine Frage, ob sie essbar seien, versicherte ihm Dangar, dass sie sicher seien.

»Wirst du hierbleiben?«, fragte der Sarier.

»Ja, bis du dich von der Wirkung des Giftes erholt hast.«

»Vielleicht werde ich nie wieder gesund. Was dann?« Von Horst zuckte mit den Schultern.

»Dann werde ich noch eine ganze Weile hier sein«, lachte er.

»Das könnte ich nicht einmal von einem Bruder erwarten«, wandte Dangar ein. »Du musst dich auf die Suche nach deinem eigenen Volk machen.«

»Ich konnte sie nicht finden. Aber selbst, wenn ich könnte, würde ich dich nicht allein und hilflos hierlassen.«

»Das müsstest du aber.«

»Warum denn?«, sagte von Horst.

»Du müsstest mich natürlich töten – als ein Akt der Barmherzigkeit.«

»Vergiss es«, schnauzte von Horst. Allein der Gedanke ekelte ihn an.

»Keiner von uns beiden darf es vergessen«, beharrte Dangar. »Wenn ich nicht nach den nächsten Schlaf-Pausen wieder gesund bin, musst du mich umbringen.« Er benutzte das einzige Maß der Zeit, das er kannte – Schlaf. Wie viel Zeit zwischen den diesen Ruhepausen verging oder wie lange jeder Schlaf dauerte, konnte er nicht sagen.

»Das sind Gedanken für die Zukunft«, antwortete von Horst kurz. »Im Moment interessiert mich nur die Frage des Lageraufbaus. Hast du irgendwelche Vorschläge?«

»Die größte Sicherheit bieten Höhlen in Felswänden«, antwortete Dangar. »Löcher im Boden sind oft die nächstbeste Lösung. Danach eine Plattform oder ein Unterschlupf, der zwischen den Ästen eines Baumes gebaut ist.«

»Hier gibt es keine Klippen«, sagte von Horst, »und ich sehe auch keine Löcher im Boden, aber es gibt Bäume.«

»Dann solltest du besser anfangen zu bauen«, riet der Pellucidarer, »denn es gibt viele Fleischfresser in Pellucidar. Und die sind immer hungrig.«

Mit Vorschlägen und Ratschlägen von Dangar baute von Horst eine Plattform in einem der größeren Bäume, wobei er bambusähnliches Schilf benutzte, das am Rande des Baches wuchs. Dieses schnitt er mit seinem Jagdmesser zurecht und befestigte es mit einem langen, robusten Gras, das Dangar in Büscheln am Fuß des Hügels hatte wachsen sehen.

Von Horst baute auf Dangars Idee hin noch Wände und ein Dach als weiteren Schutz gegen die kleineren Raubtiere, Raubvögel und fliegenden Reptilien.

Von Horst hatte keine Vorstellung davon, wie lange er brauchte, um den Unterschlupf fertigzustellen, denn es gab viel zu tun und die Zeit verfolg schnell.

Hin und wieder aß er Nüsse und Früchte und trank mehrmals, aber er verspürte kein Verlangen nach Schlaf, bis der Unterschlupf fast fertig war.

Er trug Dangar mit grosser Mühe die klapprige Leiter hinauf, die er gebaut hatte, damit sie die primitive Behausung betreten konnten. Mehrmals stürzte er fast ab, schließlich waren die beiden aber oben angekommen und von Horst legte Dangar auf den Boden der kleinen Hütte. Gleich darauf legte er sich hin und schlief augenblicklich ein.

Kapitel 4: Skruf von Basti

Als von Horst erwachte, hatte er einen Bärenhunger. Er stemmte sich auf einen Ellbogen und blickte Dangar an, der breit grinste. »Du hast einen langen Schlaf gehabt«, sagte er, »aber du hast ihn gebraucht.«

»Wie lange denn?«, fragte von Horst.

»Ich habe zweimal geschlafen, während du einmal geschlafen hast«, antwortete Dangar, »und jetzt bin ich wieder müde.«

»Und ich habe Hunger«, sagte von Horst, »Heißhunger. Aber ich habe genug von Nüssen und Früchten. Ich brauche Fleisch.«

»Flussabwärts wirst du viel Wild finden«, sagte Dangar. »Ich habe ein kleines Tal nicht weit unterhalb von hier bemerkt, während du mich den Hügel hinuntergetragen hast. Dort gab es viele Tiere.«

Von Horst erhob sich auf die Beine. »Ich gehe erjage eines.«

»Sei vorsichtig«, mahnte der Pellucidarer. »Du bist ein Fremder in dieser Welt. Du weisst nicht, welche Tiere gefährlich sind. Es gibt einige, die ganz harmlos aussehen, es aber nicht sind. Der Rothirsch und der Thag werden sich auf dich stürzen, dich mit dem Geweih aufgabeln oder dich zu Tode trampeln – und das, obwohl sie kein Fleisch fressen. Achte auch auf die Böcke und Bullen aller Arten und auf die Weibchen, wenn sie Junge haben. Behalte zudem immer den Himmel im Blick, denn plötzlich könnte dich ein Vogel oder eine Flugechse angreifen. Gehe wenn möglich immer im Schutz der Bäume, wo du von oben geschützt bist oder in die Äste klettern kannst, wenn dich etwas vom Boden aus angreift.

»Wenigstens bin ich vor einer Gefahr sicher«, kommentierte von Horst.

»Welche wäre das?«, fragte Dangar.

»In Pellucidar werde ich bestimmt nicht an Langeweile sterben.«

»Ich weiß nicht, was du meinst. Ich weiß nicht, was Langeweile ist.«

»Kein Pellucidarer könnte das jemals«, lachte von Horst, als er die Hütte verließ und hinunterkletterte.

Wie Dangar es vorgeschlagen hatte, folgte er dem Bach hinunter in Richtung des Tals, das der Sarier bemerkt hatte, wobei er darauf achtete, so nah wie möglich an den Bäumen zu bleiben und immer auf der Hut vor den Raubtieren, Vögeln und Reptilien zu sein, die immer wieder Jagd auf kleinere Kreaturen machen.

Er war noch nicht weit gegangen, als er in Sichtweite des oberen Endes des Tals kam und einen prächtigen Antilopenbock sah, der alleine stand, fast, als würde er Wache halten. Die Entfernung war zu groß, um einen Schuss mit der Pistole zu riskieren. Darum schlich sich von Horst näher heran und nutzte die Deckung, die ihm die hohen Grasbüschel, das bambusartige Schilf und die Bäume boten. Vorsichtig tastete er sich immer näher an seine Beute heran, um sicher zu sein, dass er sie mit dem ersten Schuss zu Fall bringen konnte. Er hatte noch einen vollen Patronengürtel, wusste jedoch, dass er diesen Vorrat nicht wieder auffüllen konnte, sollte er zu Neige gehen – jede einzelne Patrone musste treffen.

Seine ganze Aufmerksamkeit richtete sich auf den Bock und vernachlässigte dafür für einen Moment, nach Gefahren Ausschau zu halten. Langsam schlich er weiter, bis er einen Punkt hinter einigen hohen Gräsern erreichte, die nur wenige Schritte von dem immer noch ahnungslosen Tier entfernt wuchsen. Er hob seine Pistole, um vorsichtig zu zielen, und als er dies tat, zog ein Schatten über ihm vorbei. Es war nur ein flüchtiger Schatten, aber im gleißenden Licht der pellucidarischen Sonne schien er Substanz zu haben. Es war fast so, als ob eine Hand auf seine Schulter gelegt worden wäre. Er blickte auf, und als er dies tat, sah er ein abscheuliches Ding, das wie ein Geschoss aus dem Himmel scheinbar direkt auf ihn zustürzte – ein mächtiges Reptil, das er unbewusst als Pteranodon aus der Kreidezeit erkannte. Mit einem dröhnenden Zischen, wie aus dem Auspuff einer Dampflokomotive, stürzte das Ding mit unglaublicher Geschwindigkeit herab. Mechanisch hob von Horst seine Pistole, obwohl er wusste, dass nichts außer einem Wunder diese schreckliche Zerstörungsmaschine aufhalten oder abwehren konnte, bevor sie ihr Ziel erreichte. Dann sah er, dass nicht er ihr Ziel war. Es war der Bock. Die Antilope stand einen Moment lang wie gelähmt vor Schreck, dann sprang sie weg – aber es war bereits zu spät. Der Pteranodon stürzte sich auf sie, packte sie mit seinen mächtigen Krallen und erhob sich wieder in die Luft.

Von Horst atmete erleichtert auf, als er sich den Schweiß von der Stirn wischte. »Was für eine Welt!«, murmelte er und fragte sich, wie der Mensch inmitten einer solch wilden Umgebung überlebt hatte.

Weiter unten im kleinen Tal sah er nun viele Tiere grasen. Es gab Rehe und Antilopen und die großen, zotteligen Büffel, die auf der äußeren Kruste schon längst ausgestorben waren. Unter ihnen bewegten sich auch kleine, pferdeähnliche Kreaturen, nicht größer als ein Foxterrier, die dem Hyracotherium aus dem Eozän ähnelten, einem frühen Vorfahren des Pferdes. Alles in allem war hier ein erstaunliches Durcheinander von Vögeln, Säugetieren und Reptilien aus verschiedenen Epochen der Evolution des Lebens auf der äußeren Kruste zu sehen.

Der plötzliche Angriff des Pteranodons erschreckte die anderen Tiere in der unmittelbaren Umgebung, worauf sie galoppierten schnaubend, quiekend und röhrend hinab ins Tal stürmten. Von Horst musste mit ansehen, wie sich so manch gute Mahlzeit aus dem Staub machte. Wenn er unbedingt Fleisch haben wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als ihnen zu folgen, also machte er sich auf den Weg hinter ihnen her, wobei er sich dicht an den Saum der Bäume entlang des Baches hielt, der sich an einer Seite des Tales entlangschlängelte.

Unglücklicherweise alarmierte die Panik der fliehenden Tiere alle weiteren weiter unten im Tal, worauf diese sich der Stampede anschlossen. Innert kurzer Zeit waren sie alle außer Sichtweite. Von Horst sah einige Schafe in eine Schlucht zwischen zwei Hügelausläufern fliehen und beschloss, ihnen zu folgen.

Als er den Canyon betrat, sah er, dass dieser schnell enger wurde und offensichtlich durch die Erosion des Wassers entstanden war, welches zerbrochene Lavafelsen eines früheren Stroms freigelegt hatte. Zwischen den riesigen Felsbrocken, die ringsherum in einem grossen Durcheinander verstreut lagen, verlief ein schmaler Pfad. Die Schafe waren schnell und hatten bereits einen beträchtlichen Vorsprung. Darum machte von Horst keine Anstalten, ihnen unbemerkt folgen zu wollen und hetzte ihnen in schnellen Schritten zwischen den Felsen hinterher.

Endlich kam er an eine Stelle, wo der Pfad in einen breiteren Teil der Schlucht mündete, wo er, als er ihn betreten wollte, deutlich das Geräusch laufender Füße vernahm, die aus dem oberen Teil der Schlucht, auf ihn zukamen.

Aus der gleichen Richtung vernahm er gleich darauf auch eine beunruhigende Reihe von Geknurre und Gebrülle.

Er hatte bereits genug von Pellucidar und seiner blutrünstigen Fauna gesehen, um davon auszugehen, dass praktisch alles, was hier lebte, als potenzielle Bedrohung angesehen werden konnte. Er sprang schnell hinter einen großen Lavabrocken und wartete.

Kaum hatte er sich versteckt, kam ein Mann vom oberen Ende der Schlucht angerannt. Dieser Neuankömmling, so schien es von Horst, war so flink wie ein Reh. Und es war gut für ihn, dass er so flink war, denn hinter ihm kam der Urheber des wilden Knurrens und Brüllens, das von Horst gehört hatte – ein großes, hundeartiges Tier, wild wie ein Leopard. So behände der Mann auch war, das Tier holte ihn ein, und es war für von Horst klar, dass es seine Beute erwischen und zu Boden reißen würde, noch bevor er die offene Fläche überquert hatte.

Der Bursche war nur mit einem primitiven Steinmesser bewaffnet, das er jetzt in einer Hand hielt, als sei er entschlossen, um sein Leben zu kämpfen, wenn er seinen Verfolger nicht mehr abschütteln konnte. Aber wie von Horst, musste er ebenso erkannt haben, wie nutzlos seine Waffe gegen das mächtige Tier sein würde, das auf ihn zustürmte.

Für von Horst war es keine Frage, was er als nächstes tun sollte. Er konnte nicht einfach tatenlos zusehen, wie ein Mensch von den grausamen Reißzähnen eines Hyaenodons in Stücke gerissen wurde, und so trat er hinter dem Felsen, der ihn sowohl vor dem Mann als auch vor dem Tier verbarg, hervor, damit er einen ungehinderten Schuss auf die Kreatur abgeben konnte. Er hob seine Pistole, zielte sorgfältig und feuerte. Es war kein Glückstreffer. Es war ein perfekt platzierter Schuss. Die Kugel bohrte sich geradewegs durch die linke Brust des Tieres und vergrub sich in ihrem Herzen. Mit einem Schmerzens- und Wutgeheul sprang das Raubtier vorwärts, fast bis zu von Horst, dann sackte es tot zu seinen Füßen zusammen.

Der Mann, den es verfolgt hatte, blieb erschöpft stehen. Mit weit aufgerissenen Augen und zitternd stand er da und starrte von Horst verwundert und erstaunt an. Als dieser sich zu ihm umdrehte, wich er zurück und umklammerte sein Messer noch fester.

»Geh weg!«, knurrte er. »Ich töte!« Er sprach dieselbe Sprache, die Dangar von Horst gelehrt hatte, die, wie er erklärt hatte, die gemeinsame Sprache aller Pellucidarer war.

»Du tötest was?«, fragte von Horst.

»Na dich.«

»Warum solltest du mich töten wollen?«

»Damit ich nicht von dir getötet werde.«

»Warum sollte ich das tun?«, fragte von Horst. »Ich habe dir gerade das Leben gerettet. Wenn ich gewollt hätte, dass du stirbst, hätte ich dich einfach dieser Bestie überlassen.«

Der Mann kratzte sich am Kopf.

»Da hast du wohl Recht«, gab er nach einigem Nachdenken zu. »Aber verstehen tue ich es nicht. Ich gehöre nicht zu deinem Stamm. Deshalb gibt es keinen Grund, warum du mich nicht töten solltest. Ich habe noch nie einen Mann wie dich gesehen. Alle anderen Fremden, die ich getroffen habe, haben sofort versucht, mich umzubringen. Außerdem bedeckst du deinen Körper mit eigenartigen Fellen. Du musst wohl aus einem fernen Land kommen.«

»Das tue ich«, versicherte ihm von Horst, »aber die Frage ist nun, ob wir Freunde oder Feinde sind.« Wieder fuhr sich der Mann nachdenklich mit den Fingern durch seinen schwarzen Haarschopf. »Das ist jetzt sehr eigenartig«, sagte er. »Ich habe noch nie von so etwas gehört. Warum sollten wir Freunde sein?«

»Warum sollten wir Feinde sein?«, fragte von Horst verblüfft. »Keiner von uns beiden hat dem anderen je etwas zuleide getan. Ich stamme aus einem sehr fernen Land, ein Fremder in deinem. Würdest du in mein Land kommen, würde man dich gut behandeln. Keiner würde dich töten wollen. Man würde dir eine Unterkunft und Essen geben. Die Menschen würden dir gegenüber freundlich sein, einfach weil sie von Natur aus freundlich sind und nicht, weil du ihnen von irgendeinem Nutzen sein könntest. Es wäre doch viel praktischer, wenn wir hier Freunde wären, denn wir sind von gefährlichen Bestien umgeben. Und zwei Männer können sich besser schützen als einer.

»Wenn du aber mein Feind sein willst, so liegt das an dir. Ich kann meinen Weg gehen und du deinen. Wenn du versuchen willst, mich zu töten, ist auch das deine Sache, aber vergiss nicht, wie leicht ich diese Bestie hier getötet habe. Genauso leicht könnte ich dich töten.«

»Deine Worte sind wahre Worte«, sagte der Mann. »Wir werden Freunde sein. Ich bin Skruf. Wer bist du?«

In seinen Gesprächen mit Dangar war von Horst aufgefallen, dass kein Pellucidarer mehr als einen Namen hatte – abgesehen von gelegentlichen Zunamen wie der Haarige, der Schlitzohrige, der Killer oder ähnliches. Und da Dangar ihn gewöhnlich Von nannte, hat er diesen Namen zu akzeptieren begonnen. So war dies der Name, den er Skruf nun angab.

»Was machst du hier?«, fragte der Mann. »Das ist ein schlechtes Land, wegen der Trodons.«

»Ich habe diesen Ort nicht gesucht«, antwortete von Horst. »Ich wurde von einem Trodon hierher gebracht.«

Der andere beäugte ihn skeptisch. »Du wärst jetzt tot, wenn dich wirklich ein Trodon geschnappt hätte.«

»Einer tat es und nahm mich mit in sein Nest, um seine Jungen zu füttern. Ich und ein anderer Mann entkamen.«

»Wo ist er?«

»Unten am Fluss in unserem Lager. Ich war auf der Jagd, als ich dich traf. Ich bin ein paar Schafen durch die Schlucht gefolgt. Was hast du hier gemacht?«

»Ich war auf der Flucht vor den Mammutmenschen«, antwortete Skruf. »Einige von ihnen haben mich gefangen genommen. Sie wollten mich zurück in ihr Land bringen, um einen Sklaven aus mir zu machen, aber ich konnte ihnen entkommen. Sie verfolgten mich, aber als ich diese Schlucht erreichte, war ich in Sicherheit. Die Schlucht ist an vielen Stellen zu eng für Mammuts.«

»Was hast du jetzt vor?«

»Ich warte wohl so lange, bis sie die Verfolgung aufgegeben haben und werde dann in mein Land zurückkehren.«

Von Horst schlug vor, dass Skruf zu seinem Lager kommen und dort warten sollte. Danach konnten sie zu dritt so weit gehen, wie ihr Weg in dieselbe Richtung führte. Zuerst aber wolle er etwas Wild erlegen. Skruf bot an, ihm dabei zu helfen, und mit dessen Kenntnissen über die Schlucht dauerte es nicht lange, bis sie die Schafe gefunden und von Horst einen jungen Bock erlegt hatte. Skruf war sehr beeindruckt und nicht wenig erschrocken über den Knall der Pistole und die, für ihn, wundersamen Ergebnisse, die von Horst damit erzielte.

Nachdem sie den Bock gehäutet und das Gewicht des Kadavers zwischen ihnen aufgeteilt hatten, machten sie sich auf den Weg zum Lager, das sie ohne ernsthafte Zwischenfälle erreichten. Einmal griff ein Hirschbulle sie an, aber sie kletterten auf Bäume und warteten, bis er weg war, und ein anderes Mal kreuzte ein Säbelzahntiger ihren Weg; aber sein Bauch war bereits voll, und er zog unbeeindruckt weiter. So bahnten sie sich durch die primitive Wildheit von Pellucidar ihren Weg zum Lager.

Dangar war erfreut, dass von Horst sicher zurückgekehrt war, denn er kannte die vielen Gefahren, die einem Jäger in dieser wilden Welt drohten. Er war jedoch sehr überrascht, als er Skruf sah. Als ihm die Umstände erklärt wurden, stimmte er zu, den anderen ebenfalls als Freund zu akzeptieren, obwohl diese Beziehung zu einem Fremden seinem Kodex ebenso fremd war wie dem von Skruf.

Skruf kam aus einem Land namens Basti, das in der gleichen Richtung wie Sari lag, wenn auch viel näher, also wurde beschlossen, dass sie gemeinsam in Skrufs Land reisen würden, sobald Dangar sich erholt hatte.

Von Horst konnte nicht begreifen, woher diese Männer wussten, in welcher Richtung ihre Länder lagen, da es keine Möglichkeit gab, die Himmelsrichtungen zu bestimmen, noch konnten sie ihm das Phänomen erklären. Sie zeigten lediglich auf ihre jeweiligen Länder, und die lagen offenbar in derselben Richtung. Wie weit sie von zu Hause entfernt waren, wussten aber beide nicht, sie nahmen jedoch an, dass Sari sehr viel weiter entfernt lag als Basti. Was von Horst zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war, dass jeder von ihnen, wie alle anderen Bewohner von Pellucidar, einen gut entwickelten Heimkehrinstinkt besaß, der mit dem der meisten Vögel identisch war und der sich besonders bei Brieftauben zeigt.

Als der Schlaf kam und ging und weitere Jagdausflüge notwendig wurden, um ihre Vorräte aufzufüllen, wurde Skruf immer ungeduldiger. Er war bestrebt, baldmöglichst in sein eigenes Land zurückzukehren, erkannte aber die größere Sicherheit, die eine Reise zu dritt mit sich brachte. Vor allem im Anbetracht von von Horsts Wunderwaffe, die auf beträchtliche Entfernung so leicht tötete. Er fragte Dangar oft nach, ob sich sein Zustand verändert hatte, und war auch nicht verlegen, seine Enttäuschung offen zu zeigen, wenn der Sarier zugab, dass er unterhalb seines Halses immer noch kein Gefühl hatte.

Bei einer Gelegenheit, als von Horst und Skruf weiter als gewöhnlich auf die Jagd gegangen waren, sprach der letztere seinen Wunsch an, in sein Land zurückzukehren. Und der Mann der äußeren Erdoberfläche erfuhr zum ersten Mal, warum Skruf so ungeduldig war.

»Ich habe meine Gefährtin gewählt«, erklärte Skruf, »aber sie verlangte den Kopf eines Tarag, um zu beweisen, dass ich ein mutiger Mann und ein großer Jäger bin. Während ich den Tarag jagte, nahmen mich die Mammutmenschen gefangen. Das Mädchen hat viele Male geschlafen, seit ich weggegangen bin. Wenn ich nicht bald zurückkehre, bringt vielleicht ein anderer Krieger den Kopf eines Tarags und legt ihn vor den Eingang ihrer Höhle. Dann muss ich, wenn ich zurückkehre, eine andere finden, die mit mir zusammen sein will.«

»Es spricht nichts dagegen, dass du in dein eigenes Land zurückkehren kannst, wann immer du es für richtig haltest«, versicherte ihm von Horst.

»Könntest du einen Tarag mit dem kleinen Ding töten, das so ein lautes Geräusch macht?«, erkundigte sich Skruf.

»Vielleicht.« Von Horst war sich dessen nicht so sicher. Zumindest nicht, ob er einen mächtigen Säbelzahntiger schnell genug erschiessen konnte, bevor er durch die gewaltigen Reisszähne und scharfen Krallen in Stücke gerissen werden würde.

»Der Weg, den wir heute gekommen sind«, bemerkte Skruf zögernd, »führt in die Richtung meines Landes. Lass uns weitergehen.«

»Und Dangar verlassen?«, fragte von Horst.

Skruf zuckte mit den Schultern. »Er wird sich nie wieder erholen. Wir können nicht ewig bei ihm bleiben. Wenn du mit mir kommst, kannst du leicht einen Tarag mit dem Ding, das du Pistole nennst, töten. Dann werde ich ihn vor den Eingang der Höhle des Mädchens legen, und sie wird denken, dass ich ihn getötet habe. Im Gegenzug werde ich dafür sorgen, dass der Stamm dich akzeptiert. Sie werden dich nicht töten. Du darfst bei uns leben und ein Bastier sein. Du kannst dir auch eine Gefährtin nehmen, und eines kann ich dir sagen: Es gibt viele schöne Mädchen in Basti.«

»Danke«, antwortete von Horst; »aber ich werde bei Dangar bleiben. Es wird nicht mehr lange dauern, bis er sich erholt. Ich bin sicher, dass die Wirkung des Giftes bald verschwinden wird, so wie das bei mir der Fall war. Bei ihm wirkt das Gift nur deswegen viel länger, weil er eine viel größere Dosis erhalten hat als ich.«

»Wenn er stirbt, kommst du dann mit mir?«, fragte Skruf.

Von Horst gefiel der Ausdruck in den Augen des Mannes nicht, als er diese Frage stellte. Er hatte Skruf nie so kameradschaftlich erlebt wie Dangar. Seine Art war weniger offen und ehrlich. Jetzt wurde er langsam misstrauisch gegenüber seinen Absichten und seiner Ehrlichkeit, obwohl ihm klar war, dass er nichts Konkretes hatte, worauf er ein solches Urteil stützen konnte und dem Mann damit vielleicht sogar Unrecht tat. Dennoch formulierte er seine Antwort auf Skrufs Frage so, dass er auf der sicheren Seite war und keinen Wert auf Dangars Leben legte. »Wenn er lebt«, sagte er, »werden wir beide mit dir gehen, sobald er sich erholt.« Dann wandte er sich wieder dem Lager zu.

Die Zeit verging. Wie viel, konnte von Horst nicht einmal erraten. Er hatte einmal versucht, sie zu messen, indem er seine Uhr aufgezogen hielt und die verstrichenen Tage auf einem eingekerbten Stock abzählte, aber an einem Ort wo es immer Mittag ist, ist es nicht immer leicht, daran zu denken, eine Uhr aufzuziehen oder zu konsultieren. Oft war sie abgelaufen und dann wusste er natürlich nie, wie lange sie schon stehengeblieben war. Ebenfalls konnte er nie genau bestimmen, wie lange er schlief. So wurde er bald entmutigt; oder besser gesagt, er verlor das Interesse. Welchen Unterschied machte die Dauer der Zeit überhaupt? Hatten die Bewohner von Pellucidar nicht offensichtlich genauso zufrieden ohne sie existiert, wie sie es mit ihr getan hätten? Zweifellos waren sie sogar zufriedener gewesen. Als er sich an seine Welt der äußeren Oberfläche erinnerte, wurde ihm klar, dass die Zeit ein harter Lehrmeister war, der ihn durch das Leben gepeitscht hatte, ein veritabler Sklave der Uhren, des unerbittlichen Tickens der Zeiger.

Skruf äußerte immer wieder seine Ungeduld, weg von seiner Heimat zu sein, und Dangar drängte sie, ihn hier zurückzulassen, wenn sie ihn schon nicht töten wollten. Und so schliefen, aßen oder jagten die beiden Männer durch den zeitlosen Mittag des ewigen pellucidarischen Tages – aber ob es für Stunden oder für Jahre war, würden sie nie erfahren.

Er versuchte, sich an diese ungewöhnlichen Umstände zu gewöhnen, die in dieser inneren Welt so völlig anders waren, als alles, was er von der Erdoberfläche kannte. Es fiel ihm schwer, diese fremdartige Umgebung so zu akzeptieren, wie Skruf und Dangar das taten, weil sie nie etwas anders gekannt haben.

Und dann wurde er plötzlich durch die aufgeregten Schreie von Dangar aus einem tiefen Schlaf geweckt. »Ich kann mich bewegen!«, rief der Sarier aus. »Seht! Ich kann meine Finger bewegen.«

Die Lähmung bildete sich schnell zurück, und als Dangar unsicher auf die Beine kam, erlebten die drei Männer ein Hochgefühl, wie es Männer, die gerade ihre Begnadigung erhalten hatten. Für von Horst war es der Anbruch eines neuen Tages, aber Dangar und Skruf wussten nichts von Anbrüchen. Dennoch waren sie genauso glücklich.

»Und jetzt«, rief Skruf, »brechen wir nach Basti auf. Kommt mit mir, und ihr sollt wie meine Brüder behandelt werden. Die Menschen werden euch willkommen heißen, und ihr werdet für immer in Basti leben.«

Kapitel 5: In die Sklaverei

Der Weg, den Skruf aus dem Land der schwarzen Krater in das Land von Basti nahm, war verworren und umständlich, denn er folgte den Windungen von Flüssen, an deren Ufern die Bäume und Gestrüppe wuchsen, die in dieser Welt Deckung für ständig lauernde Bedrohungen bot. Und manchmal führte er durch nicht minder gefährliche düstere Wälder oder enge, felsige Schluchten. Gelegentlich waren beträchtliche Abstecher vom direkten Weg nötig, wenn sie schlafen mussten, denn dann galt es, Verstecke zu finden, in denen die drei einigermaßen sicher vor Angriffen waren. Von Horst war während der ersten Etappen der langen Reise so verwirrt und verwirrt, dass er nicht die geringste Vorstellung von der allgemeinen Richtung hatte, in die sie reisten, und oft zweifelte er an Skrufs Fähigkeit, den Weg zurück in sein eigenes Land zu finden; aber weder der Bastian noch Dangar schienen die geringsten Bedenken zu hegen.

Wild war reichlich vorhanden - meist viel zu reichlich und zu bedrohlich -, und von Horst hatte keine Schwierigkeiten, sie gut zu versorgen; aber der ständige Abfluss seines Munitionsvorrats machte ihn für die Zukunft besorgt, und er beschloss, eine Möglichkeit zu finden, seine kostbaren Patronen aufzubewahren, um sie für den Ernstfall zu haben, wenn seine Pistole für ihn eine Frage von Leben und Tod bedeuten könnte.

Seine Gefährten befanden sich kulturell noch in der Steinzeit und kannten keine fortschrittlicheren Waffen als Keulen, Steinmesser und Steinspeere; nachdem sie also die wundersame Leichtigkeit und vergleichsweise Sicherheit gesehen hatten, mit der von Horst selbst große Tiere mit seiner seltsamen Waffe zu Fall brachte, waren sie alle dafür, ihn das Töten erledigen zu lassen.

Von Horst hatte immer noch Zweifel an Skrufs Loyalität und wollte nicht, dass die anderen beiden wussten, wie harmlos seine Schusswaffe sein würde, wenn erst einmal der Munitionsvorrat erschöpft war. Sie selbst waren zu unwissend, um diese Schlüsse überhaupt ziehen zu können. Von Horst bestand unter möglichst plausiblen Ausreden darauf, wenn immer möglich mit den anderen Waffen zu jagen.

Skruf war mit einem Messer und einem Speer bewaffnet gewesen, als sie zu ihrer Reise aufgebrochen waren. Da sie überall die nötigen Materialien fanden, konnten sie schnell neue herstellen und bald hatte Dangar ähnliche Waffen für sich selbst angefertigt. Mit seiner Hilfe gelang es von Horst schließlich, einen Speer herzustellen, und kurz darauf begann er, einen Bogen und Pfeile zu fertigen. Lange bevor sie damit fertig waren, bestand er darauf, dass sie ihr Wild mit diesen primitiven Waffen erlegen müssten, da die Schüsse der Pistole die Aufmerksamkeit der Feinde auf sie lenken würde. Da sie durch ein Land zogen, in dem sie, wie Skruf versicherte, auf Jagdgruppen und Hinterhalte feindlicher Stämme treffen könnten, wussten sowohl er als auch Dangar die Weisheit von Horsts Vorschlag zu schätzen. Also legten sich die drei jeweils mit steinbeschlagenen Speeren auf die Lauer nach ihrer Beute.

Die Leichtigkeit, mit der sich von Horst an das primitive Leben seiner Höhlenmenschen-Gefährten anpasste, überraschte selbst ihn. Wie viel Zeit vergangen war, seit er die äußere Oberfläche verlassen hatte, wusste er nicht, aber er war überzeugt, dass nicht mehr als ein paar Monate vergangen sein konnten, und doch hatte er in dieser Zeit praktisch den gesamten Deckmantel der Zivilisation abgestreift, der Generationen gebraucht hatte, um sich zu entwickeln, und war vielleicht hunderttausend Jahre zurückgerutscht, bis er auf einer gemeinsamen Basis mit den Menschen der vergangenen Steinzeit stand. Er jagte, wie sie jagten, aß, wie sie aßen, und ertappte sich oft dabei, dass er in den Begriffen der Steinzeit dachte.

Allmählich war seine zivilisierte Kleidung der Oberfläche den hiesigen Gepflogenheiten gewichen, die einer längst toten Ära entstammten. Seine Stiefel waren als erstes verschwunden. Sie waren durch Sandalen aus Mammutleder ersetzt worden. Nach und nach war seine alte Kleidung zerrissen und auseinandergefallen. Als sie schließlich seine Blöße nicht mehr bedeckte, sah er sich gezwungen, sie ganz abzustreifen und einen Lendenschurz zu tragen, wie das seine Weggefährten taten. Nun war er in der Tat – abgesehen von dem Patronengürtel, dem Jagdmesser und der Pistole – ein wahrer Mann des Pleistozäns.

Mit der Fertigstellung seines Bogens und einer Menge Pfeile fühlte er, dass er einen definitiven Schritt nach vorne gemacht hatte. Der Gedanke amüsierte ihn. Vielleicht war er jetzt zehn- oder zwanzigtausend Jahre weiter als seine Mitmenschen. Das sollte aber nicht lange so bleiben, denn kaum hatte er mit seiner neuen Waffe geübt, wollten sowohl Dangar als auch Skruf solche Waffen besitzen. Sie freuten sich darüber wie Kinder über ein neues Spielzeug und lernten schnell, damit umzugehen. Besonders Dangar zeigte eine große Begabung damit. Doch die Pistole faszinierte sie immer noch. Skruf drängte von Horst ständig, ihm zu erlauben, sie wenigstens einmal abfeuern zu dürfen, aber der Europäer wollte ihn sie nicht einmal anfassen lassen.

»Niemand außer mir kann sie sicher benutzen«, erklärte er. »Sie könnte dich leicht töten, wenn du sie in die Hand nehmen würdest.«

»Ich habe keine Angst «, antwortete Skruf. »Ich habe gesehen, wie du sie benutzt hast. Ich könnte dasselbe tun. Lass es mich dir zeigen.«

Aber von Horst blieb hartnäckig und beschloss, sein Wissen über den Gebrauch von Schusswaffen für sich zu behalten, eine Entscheidung, die weise war, wie sich später noch herausstellen sollte.

Aber der beste Beweis für Skruf, dass die Waffe für jeden außer von Horst gefährlich sein würde, lieferte er gleich selbst.

Während der ganzen Reise erwähnte Skruf immer wieder seinen Wunsch, den Kopf eines Tarags mit nach Hause zu nehmen, damit er das Herz seiner Geliebten gewinnen könne. Er schlug ständig vor, dass von Horst eine der großen Bestien für ihn erschießen sollte, bis sowohl von Horst als auch Dangar klar wurde, dass der Bursche Angst davor hatte, selbst einen zu töten. Von Horst hatte aber nicht die Absicht, das Schicksal herauszufordern, indem er eine Begegnung mit diesem wilden Ungeheuer suchte, einer Kreatur von solch enormer Grösse, Stärke und schrecklicher Wildheit, dass sie dafür bekannt ist, im Alleingang einen Mastodon-Bullen töten zu können.

Bisher waren sie noch keinem der Ungeheuer begegnet und von Horst hoffte, dass das auch so bleiben würde. Leider war das Gesetz des Zufalls aber nicht auf seiner Seite.

Niemand könnte von Horst vorwerfen, dass er nicht gewillt sein würde, sich mit den primitiven Waffen, die er trug, gegen dieses Ungeheuer aus einer längst vergangenen Zeit zu stellen. Doch könnte selbst seine Pistole kaum mehr ausrichten, als eine solche Kreatur zu erzürnen. Sollte er es schaffen, mit irgendeiner Waffe das Herz zu erreichen, würde das Tier zwar sterben, aber wahrscheinlich nicht schnell genug, bevor das Biest ihn zerfleischen und mit in den Tod reissen würde. Nichtsdestotrotz blieb natürlich immer eine kleine Chance, eine dieser Bestien zu bezwingen.

Dann geschah es, und zwar so plötzlich und unerwartet, dass es keine Gelegenheit zur Vorbereitung gab. Die drei Männer liefen hintereinander einen Waldweg entlang. Von Horst führte sie an, gefolgt von Skruf. Plötzlich, ohne Vorwarnung, sprang ein Tarag aus dem Unterholz direkt in ihren Weg, keine drei Schritte von von Horst entfernt. Für die Augen des Europäers schien der Tiger so groß wie ein Büffel zu sein, und vielleicht war er das auch. Auf jeden Fall war es eine monströse Kreatur mit weit aufgerissenen Kiefern und flammenden Augen.

Kaum war das Biest vor den drei Männern gelandet, setzte es bereits zum Sprung auf von Horst an. Skruf drehte sich um und rannte davon, wobei er Dangar bei seiner panischen Flucht von den Füssen riss.

Von Horst hatte nicht einmal Zeit, seine Pistole zu ziehen, so schnell war das Ding über ihn hergefallen. Er trug aber seinen Speer in der rechten Hand – mit der Spitze nach vorne. Er wusste nicht, ob das, was er tat, eine rein mechanische Reaktion war oder ob er es ganz bewusst tat. Von Horst ging in die Knie, legte den Speer auf den Boden und zielte mit der Spitze auf die Kehle des Tieres – und im selben Augenblick spießte sich der Tarag selbst auf. Von Horst blieb standhaft, der Schaft des Speers hielt trotz der Kraft und Größe des Tieres stand und so sehr es auch wollte, es konnte den Mann nicht mit seinen Krallen erreichen.

Es schrie und brüllte und schlug wild um sich, riss an dem Speer in einer tobenden Mischung aus Schmerz und Wut. Von Horst erwartete nun jeden Moment, dass der Schaft brechen und das Tier sich auf ihn stürzen würde. Da rannte Dangar heran und stieß dem Tarag seinen Speer in die Seite – nicht einmal, sondern zweimal, dreimal versank die scharfe Steinspitze in Herz und Lunge des großen Tigers, bis dieser mit einem letzten Schrei leblos zu Boden sank. Und als alles vorbei war, stieg Skruf von einem Baum herab, in dem er Zuflucht gefunden hatte, und stürzte sich mit seinem groben Messer auf den Kadaver. Er beachtete weder von Horst noch Dangar, als er auf den Kopf einhackte, bis er ihn schließlich abgetrennt hatte. Dann flocht er einen Korb aus langen Gräsern und schnallte sich die Trophäe auf den Rücken. All das tat er, ohne die Männer zu beachten oder ihnen dafür zu danken, dass sie ihm die Trophäe, mit der er eine Gefährtin zu gewinnen hoffte, ermöglicht hatten.

Sowohl von Horst als auch Dangar waren angewidert von ihm, aber vielleicht war der Europäer mehr amüsiert als verärgert, der Rest des Marsches wurde jedoch schweigend zurückgelegt, und keiner von ihnen erwähnte das Thema jemals wieder, obwohl der Gestank des verrottenden Kopfes immer unerträglicher wurde, je weiter sie auf dem Weg ins Land der Bastier kamen.

Die drei Männer hatten sich kurz nach der Begegnung mit dem Tarag in einer verlassenen Höhle hoch oben in einer Felswand versteckt, um zu schlafen. Plötzlich wurden von Horst und Dangar durch einen Schuss geweckt. Als sie aufsprangen, sahen sie, wie Skruf auf den Boden der Höhle stürzte und die Pistole weit von sich schleuderte.

Von Horst eilte an die Seite des Mannes, wo er sich krümmte und stöhnte, aber eine kurze Untersuchung bewies dem Europäer, dass der Mann mehr verängstigt als verletzt war. Sein Gesicht war mit schwarzem Puder bedeckt, und auf einer Wange befand sich eine blutende Wunde, wo die Kugel sie gestreift hatte. Ansonsten war nur das Nervenkostüm des Mannes beschädigt worden, und zwar hatte er einen Schock erlitten, von dem es sich nicht so schnell erholen würde. Von Horst wandte sich ab und hob seine Pistole auf. Er steckte sie in sein Holster und legte sich wieder hin, um zu weiterzuschlafen. »Das nächste Mal wird sie dich umbringen, Skruf«, sagte er. Das war alles. Er war zuversichtlich, dass der Mann seine Lektion gelernt hatte. Nach dem Vorfall in der Höhle war Skruf eine Zeit lang wortkarg und mürrisch, und von Horst bemerkte mehrmals, dass der Mann ihn mit einem hässlichen Ausdruck auf seinem finsteren Gesicht anstarrte. Diese Stimmung ging schließlich wieder vorbei – oder er unterdrückte sie geschickt, denn als sie sich Basti näherten, wurde Skruf fast fröhlich.

»Wir werden bald da sein«, verkündete er nach einem langen Schlaf. »Ihr werdet einen Stamm feiner Leute treffen, und von dem Empfang überrascht sein, den ihr bekommen werdet. Basti ist ein schönes Land. Ihr werdet es nie wieder verlassen wollen.«

Sie verließen das Flachland und den Fluss, dem sie gefolgt waren und betraten sanfte Hügel, hinter denen sich Berge von beeindruckender Höhe erhoben.

Schließlich führte Skruf sie in eine enge Schlucht zwischen Kreidefelsen. Es war eine gewundene Schlucht, in der sie nur eine kurze Strecke vor oder hinter sich sehen konnten. Weiter oben entsprang ein kleiner Bach mit klarem Wasser und spiegelte im Sonnenlicht auf seinem Weg hinunter zu einem geheimnisvollen, fernen Meer. Sich im Wind wogende Gräser wuchsen in Klippennähe. Auch entlang des Flusses, wo das Wasser Erde mit sich gerissen hatte, wuchsen blühende Sträucher und ein paar verkümmerte Bäume.

Skruf führte die Gruppe an. Er schien ziemlich aufgeregt zu sein und wiederholte immer wieder, dass sie fast das Dorf der Basiter erreicht hätten. »Bei der nächsten Kurve«, sagte er, »wird uns der Wachposten sehen und Alarm schlagen.«

Die Prophezeiung erwies sich als richtig, denn als sie um eine scharfe Ecke der Klippe zu ihrer Linken bogen, dröhnte eine Stimme von oben mit einer Warnung, die die Schlucht rauf und runter hallte. »Da kommt jemand«, rief sie aus, und dann zu den Neuankömmlingen darunter: »Halt! Oder ich töte euch. Wer seid ihr, die ihr in das Land der Bastier kommt?«

Von Horst blickte auf und sah einen Mann auf einem Vorsprung stehen, der aus der Wand des Kreidegesteins geschnitten war. Neben ihm befanden sich einige große Felsbrocken, die er mit Leichtigkeit auf jeden darunter befindlichen Menschen stossen konnte.

Skruf sah zu dem Mann auf und antwortete: »Wir sind Freunde. Ich bin Skruf.«

»Dich kenne ich«, sagte der Ausguck, »aber die anderen kenne ich nicht. Wer sind sie?«

»Ich bringe sie zu Frug, dem Häuptling«, antwortete Skruf. »Einer ist Dangar, der aus einem Land kommt, das er Sari nennt. Der andere kommt aus einem anderen, sehr weit entfernten Land.«

»Seid ihr mehr als drei?«, fragte die Wache.

»Nein«, antwortete Skruf; »wir sind nur drei.«

»Bring sie zu Frug, dem Häuptling«, wies der Wachposten an.

Die drei gingen weiter die Schlucht entlang und kamen schließlich zu einem großen, kreisrunden Talkessel, in dessen Wänden von Horst viele Höhlen sah. Vor jeder Höhle befand sich ein Sims, und diese waren mit Leitern miteinander verbunden. Auf den Vorsprüngen vor den Höhleneingängen standen Gruppen von Frauen und Kindern, die fragend hinunterstarrten und offenbar durch den Ruf des Wachpostens gewarnt worden waren. Eine Reihe von Kriegern stand oberhalb der Höhlen an der Klippe des Talkessels. Auch sie schienen die Gruppe erwartet zu haben und waren bereit, sie zu empfangen, egal, ob sie als Freund oder Feind kamen.

»Ich bin Skruf«, rief der Mann. »Ich möchte Frug sehen. Ihr alle kennt Skruf.«

»Skruf ist schon seit vielen Nächten weg«, antwortete einer. »Wir dachten, er sei tot und würde nicht mehr kommen.«

»Aber ich bin Skruf«, beharrte er weiter.

»Dann kommt nach vorne, aber werft zuerst eure Waffen weg.«

Sie taten, wie ihnen geheißen, aber Skruf, der an der Spitze stand, bemerkte nicht, dass von Horst seine Pistole behielt. Die drei Männer traten vor, und als sie dies taten, traten die Krieger von Basti vor und umzingelten sie.

»Ja, das ist Skruf«, bemerkten mehrere, als sie näher kamen, in ihrem Tonfall lag aber keine Herzlichkeit, nicht die geringste Spur von Freundschaft. Bald standen sie vor einem riesigen, haarigen Mann. Er trug eine Halskette, die aus Krallen von Bären und Tigern gefertigt. Das war Frug.

»Du bist Skruf«, verkündete er. »Ich sehe, dass du Skruf bist, aber wer sind die?«

»Es sind Gefangene«, antwortete Skruf, »die ich zurückgebracht habe, um Sklaven für Basti zu sein. Ich habe auch den Kopf eines Tarag mitgebracht, den ich getötet habe. Ich werde ihn vor die Höhle der Frau legen, die ich haben will. Jetzt bin ich ein großer Krieger.«

Von Horst und Dangar sahen Skruf erstaunt an.

»Du hast uns belogen, Skruf«, sagte der Sarier. »Wir haben dir vertraut. Du hast gesagt, dass deine Leute unsere Freunde sein würden.«

»Wir sind nicht die Freunde unserer Feinde«, knurrte Frug, »und alle Menschen, die keine Bastier sind, sind unsere Feinde.«

»Wir sind keine Feinde«, sagte von Horst. »Wir haben viele Nächte zusammen mit Skruf als Freunde gejagt und geschlafen. Sind alle Männer von Basti Lügner und Betrüger?«

»Skruf ist ein Lügner und Betrüger«, sagte Frug, »aber ich habe dir nicht versprochen, dass ich dein Freund sein werde. Und mein Wort gilt, denn ich bin hier der Anführer. Skruf spricht nicht für Frug.«

»Lass uns in mein Land gehen«, sagte Dangar. »Du hast keinen Streit mit mir oder meinem Volk.«

Frug lachte. »Ich streite nicht mit Sklaven«, sagte er. »Entweder arbeiten sie für mich, oder ich bringe sie um. Los, bringt sie weg und setzt sie an die Arbeit«, befahl er, an seine umstehenden Krieger gewandt.

Sofort schlossen mehrere Bastier zu ihnen auf und ergriffen sie. Von Horst sah, dass Widerstand zwecklos war. Vielleicht hätte er mehrere von ihnen töten können, bevor das Magazin seiner Pistole leer war, aber letztlich würden sie ihn ziemlich sicher überwältigen, oder – was viel wahrscheinlicher war – ein halbes Dutzend Speere durch seinen Körper jagen. Selbst wenn sie das nicht taten und er vorübergehend entkam, müsste der Wachposten in der Schlucht unten nur ein paar Felsbrocken von seinem Vorsprung stürzen, um ihn ebenso effektiv zu erledigen.

»Ich schätze, wir haben es geschafft«, bemerkte er zu Dangar.

»Ja«, antwortete der Sarier. »Ich verstehe jetzt, was Skruf meinte, als er sagte, dass wir von dem Empfang, den wir bekamen, überrascht sein würden und dass wir Basti nie verlassen würden.«

Die Wachen drängten sie an den Fuß der Klippe und trieben sie über Leitern zum höchsten Felsvorsprung. Hier arbeiteten einige Männer und Frauen mit groben Steinwerkzeugen und hackten und schabten an der Kreidefelswand, um einen neuen Felsvorsprung und zusätzliche Höhlen auszuheben. Dies waren die Sklaven. Ein Basti-Krieger hockte im Schatten des Eingangs zu einer neuen Höhle, die gerade ausgehoben wurde, und trieb die Arbeiter voran. Diejenigen, die Dangar und von Horst zu dem Felsvorsprung gebracht hatten, übergaben sie diesem Mann.

»War es Skruf, der diese Männer gefangen genommen hat?«, fragte der Wächter. »Von hier aus sah es nach ihm aus, aber ich glaube nicht, dass ein Feigling wie er zu sowas fähig wäre.«

»Er hat sie ausgetrickst«, erklärte der andere. »Er sagte ihnen, sie würden hier als Freunde empfangen und gut behandelt werden. Er hat auch den Kopf eines Tarags mitgebracht, den er am Höhleneingang des Sklavenmädchens La-ja aufstellen will. Frug hat ihm erlaubt, sie zu haben, wenn er den Kopf eines Tarags zurückbringt. Frug dachte, das sei ein guter Witz, weil er genauso gut hätte Nein sagen können.«

»Männer von Basti paaren sich nicht mit Sklaven«, sagte der Wächter.

»Doch, haben sie auch schon«, erinnerte ihn der andere. »Frug hat sein Wort gegeben, und er wird es halten – nur müsste ich erst sehen, wie Skruf einen Tarag tötet, bevor ich ihm glauben würde.«

»Er hat ihn nicht getötet«, sagte Dangar.

Die beiden Männer sahen ihn erstaunt an. »Woher weisst du das?«, fragte der Wachmann.

»Weil ich dabei war«, antwortete Dangar, »als dieser Mann den Tarag tötete. Er hat ihn mit einem Speer erlegt, während Skruf auf einen Baum geklettert ist. Nachdem das Biest tot war, kam er herunter und schlug ihm den Kopf ab.«

»Das klingt schon eher nach Skruf«, sagte der Krieger, der sie zum Felsvorsprung begleitet hatte. Dann richteten die beiden ihre Aufmerksamkeit auf von Horst.

»Du hast also einen Tarag mit einem Speer getötet?«, fragte einer und zeigte eine Andeutung von Respekt.

Von Horst schüttelte den Kopf. »Dangar und ich haben ihn zusammen getötet«, erklärte er. »Eigentlich war er es, der ihn getötet hat.«

Dann erzählte Dangar ihnen, wie von Horst dem Untier allein gegenüberstand und es mit seinem Speer aufgespießt hatte. Während er das Ereignis schilderte, nahm der Respekt der Wachen für von Horst immer mehr zu.

»Ich hoffe, ich werde das Glück haben, dein Herz zu bekommen«, sagte der Wächter. Dann fand er Werkzeuge für sie und ließ sie mit den anderen Sklaven arbeiten.

»Was er wohl gemeint hat, als er sagte, er hoffe, mein Herz zu bekommen?«, fragte von Horst, nachdem der Wächter sie verlassen hatte.

»Es gibt Menschen, die andere Menschen essen«, antwortete Dangar. »Ich habe von ihnen gehört.«

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
302 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783754176153
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar