Kitabı oku: «Das Geheimnis der gelben Narzissen»
Das Geheimnis der gelben Narzissen
Edgar Wallace
Inhaltsverzeichnis
Buch
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Buch
Eine Reihe von Morden und immer ein anderer Verdächtiger. War es die junge, schöne Odette Rider? Und wie passen die gelben Narzissen in das Ganze? Eine schwierige Aufgabe für den Detektiv Tarling und seinen chinesischen Freund Ling Chu.
Kapitel 1
»Ich fürchte, ich verstehe Sie nicht recht, Mr. Lyne«, sagte Odette Rider und sah den jungen Mann düster an, der an dem Schreibtisch lehnte. Ihre zarte Haut war mit Rot übergossen, und in den Tiefen ihrer versonnenen grauen Augen blitzte ein Blick auf, der jeden anderen gewarnt hätte. Aber Mr. Lyne war so von sich selbst, von dem Eindruck seiner Persönlichkeit und von seiner Begabung überzeugt, daß er glaubte, alle Menschen müßten sich seinen Wünschen fügen.
Er schaute nicht in ihr Gesicht. Seine Blicke glitten über ihre herrliche Gestalt und bewunderten ihre tadellose aufrechte Haltung, den schöngeformten Kopf und die zarten feinen Hände.
Er strich sich das lange schwarze Haar aus der Stirn und lächelte. Er gefiel sich darin, zu glauben, daß seine Züge seine geistigen Fähigkeiten verrieten und daß man seine etwas bleiche Gesichtsfarbe vielem Nachdenken zuschreiben müßte.
Er hatte sein Büro in das Halbgeschoß einbauen lassen, und die großen Fenster waren so eingesetzt worden, daß er jederzeit die wichtigste Abteilung seines Geschäftes mit einem Blick kontrollieren konnte.
Ab und zu wandte sich sein Kopf zu seinem Zimmer, und er wußte, daß sich die Aufmerksamkeit all dieser Mädchen auf die kleine Szene konzentrierte, die man vom Erdgeschoß aus gut beobachten konnte.
Auch Odette war sich dieser Tatsache wohl bewußt, und je länger sie bleiben mußte, desto unglücklicher und unbehaglicher fühlte sie sich. Sie machte eine kleine Wendung, als ob sie gehen wollte, aber er hielt sie zurück.
»Sie scheinen mich wirklich nicht richtig verstanden zu haben, Odette«, sagte er mit seiner weichen und melodischen Stimme.
»Haben Sie mein kleines Buch gelesen?« fragte er plötzlich.
»Ja, ich habe - Verschiedenes darin gelesen«, erwiderte sie, und ihre Wangen färbten sich noch röter.
Er lachte.
»Sie finden es sicher sehr interessant, daß ein Mann in meiner Stellung sich damit abgibt, Gedichte zu schreiben. Aber Sie können sich ja denken, daß das meiste geschrieben wurde, bevor ich die Leitung dieses Geschäftes übernahm - bevor ich Kaufmann wurde!«
Sie antwortete nicht, und er sah sie erwartungsvoll an.
»Was halten Sie denn von den Gedichten?« fragte er nach einer kurzen Pause.
Ihre Lippen zitterten, aber wieder verstand er dieses Zeichen falsch.
»Ich halte sie für entsetzlich«, sagte sie leise, »ich finde kein anderes Wort dafür!«
Er runzelte die Stirn.
»Was Sie doch für ein mittelmäßiges und schlechtes Urteil haben, Miss Rider«, entgegnete er ärgerlich. »Diese Verse werden von den besten Kritikern des Landes mit den schönsten Gedichten der alten Hellenen verglichen.«
Sie wollte sprechen, aber sie beherrschte sich und preßte die Lippen zusammen.
Thornton Lyne zuckte die Schultern und ging in dem mit größtem Luxus ausgestatteten Büro auf und ab.
»Natürlich, die große Masse beurteilt Poesie wie Gemüse«, sagte er nach einer Weile. »Sie müssen sich noch etwas Bildung aneignen, besonders in Literatur. Es wird noch eine Zeit kommen, in der Sie mir dankbar sind, daß ich Ihnen eine Gelegenheit gab, schöne Gedanken in
schöner Sprache kennenzulernen.«
Sie schaute ihn an.
»Kann ich jetzt gehen, Mr. Lyne?«
»Noch nicht«, erwiderte er kühl. »Sie sagten vorhin, daß Sie mich nicht verstehen könnten. Ich möchte es Ihnen noch einmal etwas deutlicher sagen. Sie sind, wie Sie auch wohl selbst wissen, ein sehr schönes Mädchen. Später werden Sie, wie das in Ihrem Stande so üblich ist, einen Mann mit Durchschnittsverstand und ohne große Bildung heiraten, und Sie werden an seiner Seite ein Leben führen, das in vieler Beziehung dem einer Sklavin ähnelt. Das ist das Schicksal aller Frauen des Mittelstandes, wie Ihnen bekannt sein wird. Wollen Sie auch dieses Los teilen, nur weil irgendein Mann mit schwarzem Rock und weißem Kragen gewisse Worte zu Ihnen spricht, Worte, die weder Bedeutung noch Schicksalsbestimmung für intelligente Menschen haben? Ich würde Ihnen niemals zumuten, eine solche närrische Zeremonie durchzumachen, aber ich würde alles daransetzen, Sie glücklich zu machen.«
Er ging auf sie zu und legte eine Hand auf ihre Schulter. Sie zuckte zurück, und er lachte.
»Was sagen Sie nun dazu?«
Sie wandte sich plötzlich um, ihre Augen blitzten, aber sie hatte ihre Stimme in der Gewalt.
»Ich bin zufällig eines jener törichten jungen Mädchen aus der Vorstadt, die den Worten bei der Trauung, von denen Sie eben so verächtlich sprachen, großen Wert beilegen. Allerdings bin ich auch großzügig genug, um zu wissen, daß die bloße Trauungszeremonie die Menschen weder glücklicher noch unglücklicher macht. Aber ob es sich nun um Ehe oder irgendeine andere Form von Beziehungen handelt, unter allen Umständen soll der Mann,
dem meine Liebe gehört, ein ganzer Mann sein.«
Er sah sie gereizt an.
»Was wollen Sie damit sagen?« Seine Stimme war nicht mehr so weich und einschmeichelnd wie vorher.
Odette kämpfte mit den Tränen, aber sie beherrschte sich noch einmal.
»Mir ist ein so haltloser Mensch zuwider, der entsetzliche Gedanken und Gefühle in nichtssagende Verse bringt. Ich wiederhole Ihnen noch einmal, daß ich nur einen Mann lieben kann.«
Sein Gesicht zuckte.
»Wissen Sie auch, zu wem Sie sprechen?« fragte er mit erhobener Stimme.
Ihr Atem ging schnell.
»Ich sprach zu Thornton Lyne, dem Eigentümer der Firma Lyne, dem Chef Odette Riders, die jede Woche drei Pfund Gehalt von ihm erhält.«
Er war wütend und konnte vor Aufregung kaum sprechen.
»Hüten Sie sich«, rief er.
»Ich spreche zu einem Menschen, dessen ganzes Leben einen Vorwurf für einen wirklichen Mann bedeuten würde!« Sie sprach jetzt schnell und hemmungslos. »Sie sind ein Mensch, der unaufrichtig ist und ein luxuriöses Leben führt, weil sein Vater ein großer Geschäftsmann war, der das Geld mit vollen Händen ausgibt, das bessere Männer durch harte Arbeit für ihn erworben haben. Ich lasse mich nicht von Ihnen einschüchtern«, rief sie zornig, als er auf sie zutrat. »Ich werde meine Stellung aufgeben, und zwar noch heute.«
Thornton Lyne war durch ihre Verachtung aufs tiefste verletzt und gedemütigt. Plötzlich kam ihr das auch zum Bewußtsein, sie bedauerte ihre heftigen Worte und wollte sie bis zu einem gewissen Grade wiedergutmachen.
»Es tut mir leid, daß ich so hart war«, sagte sie freundlich, »aber Sie haben mich herausgefordert, Mr. Lyne.«
Er konnte nicht sprechen und wies nur schweigend mit dem Kopf zur Tür.
Odette Rider verließ das Zimmer, und Mr. Lyne trat an eins der großen Fenster. Er sah ihr nach, wie sie mit gesenktem Blick langsam durch die Reihe des Personals schritt und an der anderen Seite die drei Stufen hinaufstieg, die zu dem Büro der Hauptkasse führten.
»Dafür sollst du noch büßen!« zischte er zwischen den Zähnen hervor.
Er war über alle Maßen beleidigt und gekränkt. Er war der Sohn eines reichen Mannes, der stets behütet und beschützt wurde und nichts von dem harten Kampf ums Dasein erfuhr. Er war nicht in einer öffentlichen Schule unterrichtet worden, wobei er ja mehr mit der Umwelt und anderen Menschen zusammengekommen wäre, sondern er hatte Privatschulen besucht, in denen nur die Söhne der Reichsten aufgenommen wurden. Stets hatte er nur Schmeichler und Leute um sich gehabt, die von seinem Reichtum profitieren wollten. Niemals waren er und seine Handlungen der scharfen Kritik gerechter Lehrer und Erzieher ausgesetzt worden. Nur eine minderwertige Presse hatte seine literarischen Erzeugnisse über alle Maßen gelobt und dementsprechend Nutzen daraus gezogen.
Er biß sich auf die Lippen, ging zu seinem Schreibtisch und klingelte. Gleich darauf trat seine Sekretärin ein, die er vorher fortgeschickt hatte.
»Ist Mr. Tarling gekommen?«
»Ja, Mr. Lyne, er wartet schon seit einer Viertelstunde im Sitzungszimmer.«
Er nickte.
»Danke schön.«
»Soll ich ihn rufen?«
»Nein, ich werde selbst zu ihm gehen«, entgegnete Lyne.
Er nahm eine Zigarette aus seinem goldenen Etui und steckte sie an. Seine Nerven waren durch die letzte Unterredung etwas angegriffen, und seine Hand zitterte, aber der Sturm in seinem Innern legte sich allmählich, denn es kam ihm ein Gedanke. Tarling? Welch eine glänzende Möglichkeit, dieser Mann, dem ein Ruf von Genialität und unheimlicher Klugheit vorausging! Dieses plötzliche Zusammentreffen war einfach großartig.
Mit schnellen Schritten eilte er den Gang entlang, der sein Privatbüro mit dem Sitzungszimmer verband, und trat mit ausgestreckten Händen in den großen Raum.
Der Mann, den er so liebenswürdig begrüßte, konnte ebensogut siebenundzwanzig als auch siebenunddreißig sein. Er war groß, schlank und eher geschmeidig als stark. Sein Gesicht hatte eine dunkelbraune Farbe, und seine blauen Augen, mit denen er Lyne ansah, waren fest und undurchdringlich. Das war der erste Eindruck, den Lyne von ihm hatte.
Tarling drückte Lyne die Hand und war unangenehm berührt, denn sie war so weich wie eine Frauenhand. Nach der Begrüßung entdeckte Lyne noch einen dritten in dem Raum. Er war unter Mittelgröße und saß im Schatten eines Wandpfeilers. Auch er erhob sich und verneigte sich kurz.
»Haben Sie einen Chinesen mitgebracht?« fragte Lyne und betrachtete den Mann neugierig. »Ach, beinahe hätte ich ja vergessen, daß Sie gerade aus China kommen. Aber bitte, nehmen Sie Platz.«
Auch Lyne zog sich einen Stuhl heran und hielt Tarling sein Zigarettenetui hin.
»Den Auftrag, den ich Ihnen geben möchte, will ich später mit Ihnen besprechen«, sagte Lyne. »Ich muß Ihnen offen gestehen, daß ich durch die Zeitungsartikel, die ich über Sie las, sehr von Ihnen eingenommen bin. Sie haben doch neulich die Juwelen der Herzogin von Henley wieder aufgefunden? Auch habe ich schon früher viel von Ihnen gehört, als ich in China war. Soviel ich weiß, sind Sie nicht bei Scotland Yard angestellt?«
»Nein, ich war wohl einer der höheren Polizeibeamten in Schanghai und hatte auch bei meiner Rückkehr nach England die Absicht, bei der hiesigen Polizeidirektion einzutreten. Aber es ereignete sich allerhand, was mich veranlaßte, meine eigene Detektivagentur aufzumachen. Ich hätte in Scotland Yard nicht so viel freie Hand gehabt, wie ich es brauche!«
»In ganz China erzählte man sich damals von den Heldentaten Jack Oliver Tarlings. Die Chinesen nannten Sie ›Lieh Jen‹ den Menschenjäger.«
Lyne beurteilte alle Leute von seinem eigenen Standpunkt aus und sah in dem Mann, der ihm gegenübersaß, schon ein brauchbares Werkzeug und aller Wahrscheinlichkeit nach einen wertvollen Bundesgenossen.
Die Geheimpolizei in Schanghai hatte nach allem, was man von ihr hörte, ihre eigenen Methoden und machte sich keine großen Gewissensbisse darüber, ob ihre Handlungsweise auch genau mit dem Buchstaben des Gesetzes übereinstimmte. Ja, man wollte sogar wissen, daß der Menschenjäger seine Gefangenen gefoltert hatte, wenn er hierdurch Geständnisse erzwingen konnte, um größeren und schwereren Verbrechen auf die Spur zu kommen. Lyne kannte nicht alle Legenden über den Menschenjäger, auch konnte er bei den Geschichten, die über den berühmten Detektiv erzählt wurden, nicht das Wahre vom Falschen unterscheiden.
»Ich weiß wohl, warum Sie nach mir geschickt haben«, meinte Tarling. Er sprach langsam und überlegt. »Sie haben mir in Ihrem Brief die Aufgabe ja schon in großen Umrissen angedeutet. Sie verdächtigen einen Ihrer Leute, der seit Jahren die Firma durch große Unterschlagungen geschädigt hat. Es handelt sich um einen gewissen Mr. Milburgh, Ihren Hauptgeschäftsführer.«
»Ich möchte, daß Sie diese ganze Geschichte erst einmal vergessen, Mr. Tarling«, sagte Lyne leise. »Ich werde Ihnen Milburgh jetzt vorstellen, er kann uns wahrscheinlich bei meinem Plan sehr gut helfen. Ich will nicht behaupten, daß er ein ehrlicher Mensch ist, auch nicht, daß mein Verdacht gegen ihn unbegründet ist, aber im Augenblick beschäftigt mich viel Wichtigeres, und ich wäre Ihnen zu Dank verbunden, wenn Sie die ganze Sache mit Milburgh vorläufig hintenanstellen. Ich werde ihn jetzt holen lassen.«
Er ging zu einem langen Tisch, nahm den Telefonhörer ab und sprach zu der Vermittlung:
»Bestellen Sie Mr. Milburgh, daß er zu mir in das Sitzungszimmer kommen soll.«
Dann ging er zu seinem Besucher zurück.
»Die Sache mit Milburgh kann warten. Ich weiß noch nicht genau, ob ich noch einmal darauf zurückkommen werde. Haben Sie überhaupt schon mit Ihren Nachforschungen begonnen? Wenn das der Fall sein sollte, so sagen Sie mir bitte das Hauptsächlichste, bevor Milburgh kommt.«
Tarling nahm eine kleine weiße Karte aus seiner Tasche und warf einen Blick darauf.
»Welches Gehalt bekommt Milburgh bei Ihnen?«
»Neunhundert Pfund im Jahr«, erwiderte Lyne.
»Er gibt aber etwa fünftausend aus«, entgegnete Tarling. »Wenn ich meine Nachforschungen fortsetze, wird sich diese Summe vielleicht noch vergrößern. Er hat ein Haus oberhalb des Stroms, gibt große Gesellschaften -«
Lyne winkte ungeduldig mit der Hand ab.
»Wir wollen das doch lieber bis später lassen. Ich habe im Augenblick, wie ich schon sagte, eine viel größere Aufgabe für Sie. Milburgh mag ein Dieb sein -«
»Haben Sie nach mir verlangt, Mr. Lyne?«
Lyne wandte sich schnell um. Die Tür hatte sich geräuschlos geöffnet. Auf der Schwelle stand ein Mann, der heuchlerisch lächelte und sich dauernd die Hände rieb, als ob er sie mit unsichtbarer Seife wüsche.
Kapitel 2
»Gestatten Sie - Mr. Milburgh«, stellte Lyne etwas verlegen vor. Wenn Milburgh die letzten Worte seines Chefs gehört hatte, verriet er doch in keiner seiner Bewegungen etwas davon. Er lächelte nicht nur oberflächlich, sondern man sah vollkommene Zufriedenheit in seinen wenig ausdrucksvollen Zügen. Tarling schaute ihn schnell an und zog seine eigenen Schlüsse. Der Mann war ein geborener Lakai, hatte ein plumpes Gesicht, einen kahlen Kopf und nach vorn gebeugte Schultern, als ob er in jedem Augenblick bereit sei, eine Verbeugung zu machen und demütig Rede und Antwort zu stehen.
»Schließen Sie die Tür, Milburgh, und nehmen Sie Platz. Dies ist Mr. Tarling - ein Detektiv.«
»Sehr interessant, Mr. Lyne.«
Milburgh verneigte sich ehrerbietig vor Tarling. Der Detektiv beobachtete ihn genau, aber Mr. Milburgh errötete weder, noch wurde er blaß, auch seine Gesichtsmuskeln zuckten nicht. Tarling nahm keins der Anzeichen wahr, durch die sich ihm gegenüber Verbrecher schon so oft verraten hatten. »Ein gefährlicher Mensch«, dachte er.
Er warf einen Blick zu Ling Chu hinüber, um zu erkennen, welchen Eindruck Milburgh auf ihn gemacht hatte. Jeder andere Beobachter hätte nichts Besonderes an dem Gesichtsausdruck und der Haltung des Chinesen entdecken können. Aber Tarling sah, daß seine Lippen fast unmerklich zuckten und seine Nasenflügel sich ein wenig hoben. Das waren untrügliche Anzeichen dafür, daß Ling Chu ein Verbrechen witterte.
»Mr. Tarling ist Detektiv«, wiederholte Lyne. »Ich hörte sehr viel von ihm, als ich in China war. -Sie wissen doch, daß ich mich auf meiner Weltreise drei Monate in diesem Land aufhielt?« fragte er Tarling, der nur kurz nickte.
»Ja, ich weiß es, Sie wohnten im Bund-Hotel und verkehrten damals viel in dem Eingeborenenviertel. Sie machten auch eine unangenehme Erfahrung, als Sie einmal Opium rauchten.« Lyne wurde rot, dann lachte er. »Sie wissen ja viel mehr von mir als ich von Ihnen, Tarling!«
Man konnte an seinem Ton hören, daß ihm die letzte Bemerkung unangenehm gewesen war. Er wandte sich wieder an seinen Angestellten.
»Ich habe allen Grund zu der Annahme, daß in meinem Geschäft Gelder entwendet werden, und zwar von einem Angestellten in der Hauptkasse.«
»Das ist ganz unmöglich!« rief Mr. Milburgh entsetzt. »Ganz unmöglich! Wer sollte das getan haben? Aber ich bewundere Ihren Scharfsinn, Mr. Lyne, daß Sie das herausgefunden haben. Ich habe ja schon immer gesagt, daß Sie alles genau beobachten, selbst das, was wir alten Geschäftsleute übersehen, selbst wenn es sich vor unseren Augen abspielt!«
Mr. Lyne lächelte geschmeichelt.
»Es wird Sie interessieren, Mr. Tarling, daß ich hierin selbst einige Kenntnisse, ja ich möchte sogar sagen, daß ich Beziehungen zur Verbrecherwelt habe. Sie wissen vielleicht, daß ich so einen unglücklichen Menschen in gewisser Weise betreue. Ich habe in den letzten vier Jahren alles mögliche versucht, um ihn zu bessern. In einigen Tagen kommt er wieder einmal aus dem Gefängnis. Ich habe diese ganze Mühe auf mich genommen«, sagte er bescheiden, »weil ich fühle, daß es die Pflicht gerade der Leute ist, die sich in glücklicher Vermögenslage befinden, anderen zu helfen, die nicht dieselben günstigen Bedingungen in dem harten Kampf ums Dasein haben.«
Auf Tarling machten diese Worte keinen Eindruck.
»Wissen Sie, wer Sie dauernd bestohlen hat?« fragte er kurz.
»Ich habe allen Grund anzunehmen, daß es ein junges Mädchen ist. Ich war gezwungen, sie heute ohne Kündigung zu entlassen, und ich möchte Sie bitten, sie zu überwachen.«
Der Detektiv nickte.
»Das ist eine verhältnismäßig einfache Sache.« Ein schwaches Lächeln huschte über seine Züge. »Haben Sie denn in Ihrem großen Geschäft nicht einen Privatdetektiv angestellt, der sich dieser Sache widmen könnte? Ich kümmere mich wirklich nicht um so kleine Diebstähle. Als ich hierherkam, dachte ich, daß es sich um eine größere Aufgabe handelte.« Er sprach nicht weiter, da es unmöglich war, in Gegenwart Milburghs mehr zu sagen.
»Ihnen mag die Sache klein erscheinen, aber mir ist sie sehr wichtig«, entgegnete Mr. Lyne ernst. »Hier ist ein Mädchen, das in hohem Ansehen bei allen Mitangestellten steht und infolgedessen einen großen Einfluß auf deren moralische Ansichten hat. Sie hat wahrscheinlich dauernd die Bücher gefälscht und die Firma um Geld betrogen und hat dabei immer Wohlwollen und Achtung von allen Seiten genossen. Offenbar ist sie noch viel gefährlicher als irgendein anderer armer Verbrecher, der einer augenblicklichen Versuchung erliegt. Meiner Meinung nach wäre es nötig, mit ihr einmal ein Exempel zu statuieren, aber ich muß Ihnen offen gestehen, Mr. Tarling, daß ich nicht genügend Beweise in der Hand habe, um sie zu überführen. Sonst hätte ich mich nicht an Sie gewandt.«
»Ach, ich soll erst das Material zusammenstellen?« fragte Mr. Tarling neugierig.
»Wer ist denn die Dame, um die es sich handelt?« fragte Milburgh.
»Miss Rider«, antwortete Mr. Lyne düster.
»Miss Rider!« Milburgh machte ein äußerst erstauntes Gesicht.
»Miss Rider -ach nein, das ist doch ganz unmöglich!«
»Warum soll das unmöglich sein?« fragte Lyne scharf.
»Na ja, verzeihen Sie -ich meinte nur«, stammelte der Geschäftsführer. »Das sieht ihr doch gar nicht ähnlich. Sie ist solch ein nettes Mädchen.«
Thornton Lyne sah ihn argwöhnisch von der Seite an.
»Haben Sie irgendeinen besonderen Grund, Miss Rider in Schutz zu nehmen?« fragte er kühl.
»Nein, Mr. Lyne, ganz und gar nicht. Ich bitte Sie, nichts dergleichen anzunehmen«, sagte Mr. Milburgh etwas aufgeregt, »es kommt mir nur so -ungewöhnlich vor.«
»Alles ist ungewöhnlich, was sich nicht mit dem gewohnten Lauf der Dinge vereinigen läßt«, fuhr ihn Lyne an. »Es wäre zum Beispiel nicht sehr merkwürdig, wenn Sie des Diebstahls angeklagt würden, Milburgh. Wäre es nicht sonderbar, wenn wir entdeckten, daß Sie im Jahr fünftausend Pfund ausgeben, während Ihr Gehalt nur neunhundert Pfund beträgt?«
Nur eine Sekunde lang verlor Milburgh seine Selbstbeherrschung. Die Hand, mit der er sich über die Stirn fuhr, zitterte. Tarling, der ununterbrochen sein Gesicht beobachtete, sah, welche große Anstrengungen er machte, um seine Haltung nicht zu verlieren.
»Ja, Mr. Lyne, das wäre allerdings sehr merkwürdig«, sagte Milburgh jetzt mit fester Stimme.
Lyne redete sich immer mehr in Wut, und wenn seine scharfen Worte auch an Milburgh gerichtet waren, meinte er in Gedanken doch das stolze, hochfahrende Mädchen mit den zornigen Augen, das ihn in seinem eigenen Büro so verächtlich behandelt hatte.
»Es wäre doch merkwürdig, wenn Sie zu Gefängnis verurteilt würden, weil ich entdeckt hätte, daß Sie die Firma seit Jahren betrügen«, fuhr er erregt fort. »Ich bin überzeugt, daß alle Angestellten dasselbe sagen würden wie Sie -›sehr merkwürdig‹!«
»Das möchte ich auch sagen«, erklärte Milburgh mit seinem alten gewohnten Lächeln. »Das würde merkwürdig klingen und merkwürdig sein, und niemand wäre mehr überrascht als das unglückliche Opfer.« Dann lachte er aus vollem Halse.
»Vielleicht auch nicht«, sagte Lyne kühl. »Ich möchte hier nur kurz in Ihrer Gegenwart ein paar Worte wiederholen, bitte, passen Sie genau auf. Sie haben sich schon seit einem Monat bei mir darüber beklagt« - Lyne betonte jedes Wort -, »daß kleine Beträge in der Kasse fehlten.«
Es war äußerst kühn, das zu behaupten, es war in gewisser Weise waghalsig. Der Erfolg seines schnell entworfenen Planes hing nicht nur von Milburghs Schuld, sondern ebenso von Milburghs Neigung ab, seine Schuld auch einzugestehen. Wenn sein Geschäftsführer nichts gegen die falsche Behauptung sagte, gab er damit seine eigenen Verfehlungen zu. Tarling, dem die Unterhaltung zuerst unverständlich war, begann jetzt dunkel zu ahnen, worauf Lyne hinauswollte.
»Ich hab' mich bei Ihnen beklagt, daß im letzten Monat Geldbeträge gefehlt haben?« fragte Milburgh erstaunt.
Er lächelte nicht mehr, und sein Gesicht sah plötzlich verstört aus -er war in die Enge getrieben.
»Ja, das sagte ich eben«, entgegnete Lyne und beobachtete ihn.
»Entspricht das nicht den Tatsachen?«
Nach einer langen Pause nickte Milburgh.
»Ja, das stimmt«, erwiderte er schwach.
»Und Sie haben mir doch auch mitgeteilt, daß Sie Miss Rider in Verdacht haben, diese Unterschlagungen zu begehen?«
Wieder trat eine Pause ein, und wieder nickte Milburgh.
»Hören Sie es?« fragte Lyne triumphierend.
»Ja«, entgegnete Tarling gelassen. »Was soll ich denn aber bei dieser Sache tun? Das geht doch nur die Polizei an?«
Lyne zog die Augenbrauen zusammen.
»Wir müssen die Anzeige erst vorbereiten. Ich werde Ihnen alle Einzelheiten in die Hand geben: die Adresse der jungen Dame und alle Daten über ihre Person. Dann wird es Ihre Sache sein, uns solche Informationen zu verschaffen, daß wir den Fall Scotland Yard übergeben können.«
»Ich verstehe«, sagte Tarling und lächelte.
Aber dann schüttelte er den Kopf. »Ich kann mich mit dieser Sache nicht befassen, Mr. Lyne.«
»Warum nicht?« fragte Lyne erstaunt.
»Weil ich mich mit derartigen Aufgaben nicht abgebe. Als Sie mir schrieben, hatte ich das Gefühl, daß ich durch Sie einen der größten Fälle erhielte, der jemals in meine Hände kam. Man sieht, wie der erste Eindruck manchmal täuschen kann.« Er griff zu seinem Hut.
»Was wollen Sie damit sagen? Sie geben damit einen wertvollen Kunden auf!«
»Ich weiß nicht, wie wertvoll Sie sind, aber augenblicklich sieht die Sache nicht sehr ermutigend aus. Ich möchte mich nicht mit diesem Fall beschäftigen, Mr. Lyne.«
»Sie glauben, die Sache ist nicht bedeutend genug für Sie?« fragte Lyne unangenehm berührt. »Ich bin bereit, Ihnen fünfhundert Pfund für Ihre Bemühungen zu zahlen -«
»Selbst wenn Sie mir fünftausend -ja fünfzigtausend zahlen, würde ich es doch ablehnen, mit dieser Sache etwas zu tun zu haben«, entgegnete Tarling. Seine Worte klangen entschieden und nachdrücklich.
»Dann darf ich vielleicht fragen, warum Sie sich nicht damit befassen wollen? Sind Sie mit dem Mädchen bekannt?« fragte er unnötig laut.
»Ich habe die junge Dame niemals gesehen und werde sie auch wahrscheinlich niemals sehen. Ich möchte nur feststellen, daß ich nicht mit solchen künstlich aufgebauten Anklagen belästigt sein will.«
»Künstlich aufgebaute Anklagen?«
»Ich glaube, Sie wissen ganz gut, was ich meine, aber ich will es Ihnen noch deutlicher und verständlicher sagen. Aus irgendeinem Grund haben Sie gegen eine Ihrer Angestellten einen Widerwillen. Ich kann Ihren Charakter aus Ihrem Gesicht erkennen, Mr. Lyne. Die Weichheit Ihres runden Kinns und Ihr Mund zeigen mir, daß Sie sich gerade kein Gewissen daraus machen, wie Sie die Damen behandeln, die bei Ihnen tätig sind. Ich weiß es nicht -aber ich vermute, daß Sie von einem anständigen Mädchen einen gehörigen Korb bekommen haben, worüber Sie sich furchtbar geärgert haben, und in Ihrer Rachsucht greifen Sie eine vollständig haltlose Anklage gegen dieses Mädchen aus der Luft. Mr. Milburgh« - er wandte sich an den Geschäftsführer, aus dessen Gesicht das Lächeln wieder verschwand - »hat seine eigenen Gründe, Ihren gemeinen Wünschen entgegenzukommen. Er ist Ihr Angestellter, und außerdem tut die versteckte Drohung ihre Wirkung, daß Sie ihn ins Gefängnis bringen wollen, wenn er sich weigert, mit Ihnen zu gehen.«
Thornton Lynes Gesicht war von Wut entstellt. »Ich werde dafür Sorge tragen, daß Ihr niederträchtiges Verhalten allgemein bekannt wird! Sie haben mich hier in der schimpflichsten Weise beschuldigt, und ich werde Sie wegen Verleumdung verklagen. Die Sache liegt doch so, daß Sie sich der Aufgabe, die ich Ihnen gegeben habe, nicht gewachsen fühlen und nun einen Grund suchen, sie abzulehnen!«
Tarling biß das Ende eine Zigarre ab, die er aus seiner Tasche nahm.
»Mein Ruf ist zu gut, als daß ich mich mit so schmutzigen Dingen befassen könnte. Ich möchte nicht gern beleidigend werden, und ich gebe nicht gern gute Verdienstmöglichkeiten aus der Hand, aber ich will mein Geld nicht durch Gemeinheiten verdienen, Mr. Lyne. Und wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, dann lassen Sie diesen unsinnigen Racheplan fallen, den nur Ihre verletzte Eitelkeit wachgerufen hat. Nebenbei bemerkt ist das die ungeschickteste Art, eine Anklage zu erheben. Gehen Sie hin und bitten Sie die junge Dame um Entschuldigung, die Sie auf das gröbste beleidigt haben, wie ich vermute.«
Er winkte seinem chinesischen Begleiter und verließ langsam den Raum. Lyne beobachtete ihn zitternd vor Zorn. Er war sich seiner Ohnmacht bewußt, aber als die Tür schon halb geschlossen war, sprang er mit einem unterdrückten Schrei auf, riß sie wieder auf und stürzte auf den Detektiv zu.
Tarling griff ihn mit beiden Händen, hob ihn hoch, trug ihn in den Raum zurück und setzte ihn auf seinen Stuhl. Dann sah er ihn gutmütig von oben herab an.
»Mr. Lyne«, sagte er ein wenig sarkastisch. »Sie geben selbst den Verbrechern ein übles Beispiel. Es ist gut, daß Ihr verbrecherischer Freund noch im Gefängnis sitzt!« Ohne ein weiteres Wort verließ er das Zimmer.
Kapitel 3
Zwei Tage später saß Thornton Lyne in seinem großen Auto, das an der Seite des Fußgängersteiges in der Nähe von Wandsworth-Common hielt, und schaute nach dem Tor des Gefängnisses.
Er war Dichter und Schauspieler, eine merkwürdige Mischung für einen Geschäftsmann seines Charakters.
Thornton Lyne war Junggeselle. Er hatte ein Examen auf der Universität gemacht und einen großen wissenschaftlichen Preis erhalten. Er war auch Autor und Herausgeber eines dünnen Gedichtbandes. Die Güte seiner Verse war gerade nicht bedeutend, aber das Buch war zweifellos mit wunderbar schönen Initialen gedruckt und in altertümlicher Art gebunden. Er war Kaufmann, und das war ihm in mancher Beziehung nicht unangenehm. Denn sein Beruf erlaubte ihm, ein luxuriöses Leben zu führen. Er besaß mehrere Autos, einen Landsitz und ein Haus in der Stadt. Die Möblierung und Ausstattung der beiden Wohnungen hatten Summen verschlungen, mit denen er eine große Anzahl kleiner Geschäfte hätte kaufen können.
Joseph Emanuel Lyne hatte die Firma gegründet und das Geschäft in die Höhe gebracht. Er hatte ein Verkaufssystem ausgearbeitet, nach dem jeder Kunde sofort bedient wurde, wenn er den Laden betrat. Diese Methode beruhte auf dem alten Grundsatz, stets genügende Reserven in Bereitschaft zu halten.
Thornton Lyne erhielt die Führung des Geschäftes in dem Augenblick, in dem das Erscheinen seines schmalen Bandes ihn in die Reihe der berühmten Unverstandenen erhob. Bei seinen Gedichten verwendete er eine ungewöhnliche Interpunktion, umgekehrte Kommata, Ausrufungszeichen und Fragezeichen, um seinen Zorn und seine Verachtung gegenüber der Menschheit auszudrücken. Wenngleich der Band auch nur dünn war, gekauft wurde er doch nicht, aber er verschaffte ihm genügend Ansehen bei den Männern und Frauen, die wie er Gedichte und Bücher schrieben, die nicht gelesen wurden.
Nichts in der Welt war diesem berühmten unverstandenen Menschen sicherer, als daß sich höchste Vornehmheit in Verachtung äußerte. Unter anderen Umständen hätte sich Thornton Lyne noch zu weiteren Stufen des Unverstandenseins hinaufarbeiten können - auf eine solche Höhe, wo man erhaben ist über Ehe, Seife, reine Hemden und frische Luft. Nur die Tatsache, daß sein Vater plötzlich starb, war daran schuld, daß er diesen Grad der Vollkommenheit nicht erreichte.
Zuerst hätte er beinahe die ganze Firma verkauft, um sich in eine einsame Villa nach Florenz oder Capri zurückzuziehen. Aber dann lockte ihn das Widerspruchsvolle, ja man möchte sagen, der Humor seiner Lage. Ein gelehrter Mann, ein vornehmer Herr, ein mißverstandener Dichter sollte sich in ein Kaufmannsbüro setzen. Und zum Erstaunen aller Leute nahm er die Arbeit seines Vaters auf, das heißt, er unterschrieb Schecks und profitierte von den Einnahmen. Die eigentliche Leitung der Firma überließ er den Männern, denen der alte Lyne schon vertraut hatte.
Thornton verfaßte einen Aufruf an seine dreitausend Angestellten, den er auf antikem Büttenpapier mit wunderschönen Initialen und breiten Rändern drucken ließ. Er zitierte Seneca, Aristoteles, Marc Aurel und fügte auch einige Verse aus der Ilias ein. Dieser Aufruf wurde durch längere und bessere Kritiken von den Zeitungen begutachtet als sein Buch.
Er hatte nun ein neues Interesse am Leben gewonnen er kam sich selbst sehr interessant vor, denn seine vielen begeisterten Freunde schlugen die Hände über dem Kopf zusammen und fragten erstaunt und verwundert: »Wie können Sie - ein Mann von solcher Begabung, von solchem Charakter . . .!« Das Leben wäre auch weiter für ihn so interessant und schön geblieben, wenn alle Leute, die ihm begegneten, ihn in seiner Gottähnlichkeit gelassen hätten. Aber es gab zum mindesten zwei Menschen, auf die Lynes schöner Charakter und seine Millionen nicht den geringsten Eindruck machten.
In seiner Limousine war es schön warm, denn sie war elektrisch geheizt. Es war ein rauher Aprilmorgen, und draußen war es empfindlich kalt. Die kleine Schar zitternder Frauen, die in einer respektvollen Entfernung vor der Gefängnistür standen, zogen ihre Tücher und Schals dichter um sich, weil einzelne Schneeflocken niederfielen. Bald war die ganze Gegend von einer leichten weißen Decke überzogen, und die ersten Frühlingsblumen schauten in ihrer weißen Umrahmung recht kläglich aus.
Die Gefängnisuhr schlug acht. Eine kleine Tür öffnete sich, und ein Mann trat heraus. Er hatte Jacke und Kragen zugeknöpft und die Mütze tief ins Gesicht gezogen. Lyne ließ die Zeitung sinken, in der er bis jetzt gelesen hatte, öffnete die Wagentür, sprang hinaus und eilte direkt auf den entlassenen Gefangenen zu.
»Nun, Sam«, sagte er liebenswürdig. »Sie haben mich diesmal wohl nicht erwartet?«
Der Mann stand plötzlich still, als ob er vom Blitz getroffen sei, und starrte auf die Gestalt in dem kostbaren Pelz.
»Ach, Mr. Lyne«, erwiderte er mit gebrochener Stimme. »Sie sind es!« Er konnte nicht weitersprechen, die Tränen liefen ihm über die Backen, und er ergriff die ausgestreckte Hand mit seinen beiden Händen.
»Sie haben doch nicht etwa gedacht, daß ich Sie im Stich lasse, Sam!« Lyne war ganz begeistert von seiner eigenen vornehmen Gesinnung.
»Ich dachte, Sie hätten mich jetzt aufgegeben, Mr. Lyne«, entgegnete Sam Stay heiser. »Sie sind wirklich ein edler Herr und haben einen anständigen Charakter. Ich muß mich vor mir selber schämen!«
»Unsinn, Sam, nicht doch! Kommen Sie schnell in meinen Wagen, mein Junge, setzen Sie sich hierher. Jetzt denken die Leute, Sie sind ein Millionär.«
Der Mann schluckte, grinste verständnislos und stieg ein. Mit einem Seufzer sank er in die weichen Polster, die mit kostbarem, braunem Saffianleder bezogen waren.
»Mein Gott, wenn man denkt, daß es Leute wie Sie in der Welt gibt, dann kann man wirklich noch an Engel und Wunder glauben!«
»Reden Sie doch nicht so dummes Zeug, Sam. Sie kommen jetzt zu mir in meine Wohnung, essen sich einmal tüchtig satt, und dann werde ich Ihnen helfen, wieder etwas Neues anzufangen.«
»Ich will jetzt auch wirklich ein ordentliches Leben führen«, sagte Sam mit einem unterdrückten Schluchzen.
Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß gesagt werden, daß sich Mr. Lyne im Grunde sehr wenig darum kümmerte, ob Sam einen ordentlichen Lebenswandel führte oder nicht. Vielleicht wäre er sogar entsetzt gewesen, wenn Sam ein ordentlicher Mensch geworden wäre. Er hielt sich Sam ungefähr so, wie andere Leute sich seltenes Geflügel oder schöne Hunde halten, und war auf ihn nicht weniger stolz als andere Menschen auf ihre Briefmarken oder ihr chinesisches Porzellan. Sam gehörte zu dem Luxus, den er sich gestatten und mit dem er renommieren konnte. In seinem Klub erzählte er gern von seiner Bekanntschaft mit diesem Verbrecher -Sam war ein bekannter und berüchtigter Geldschrankknacker. Seine Anhänglichkeit war ein ungewöhnlicher Nervenkitzel für Lyne.
Die Verehrung, die dieser Verbrecher Lyne entgegen brachte, war wirklich ungewöhnlich. Sam hätte ohne zu zögern sein Leben für diesen Mann mit dem blassen Gesicht und dem leichtfertigen Mund gegeben. Er hätte sich für seinen Wohltäter in Stücke reißen lassen, wenn er ihm dadurch irgendwie hätte nützen können, denn für ihn war Lyne ein vom Himmel herabgestiegener Gott. Zweimal war Sam zu kurzen Gefängnisstrafen verurteilt worden, und einmal hatte er auch länger gesessen, und jedesmal hatte Thornton ihn mit nach Hause genommen, großartig bewirtet und ihm eine Menge sehr überflüssige Ratschläge gegeben; dann hatte er ihn mit einem Anfangsgehalt von zehn Pfund wieder auf die Mitwelt losgelassen. Diese Summe genügte Sam gerade, um einen neuen Satz von Einbrecherwerkzeugen zu kaufen.
Aber nie zuvor hatte Sam solche Dankbarkeit gezeigt, und nie vorher hatte Thornton Lyne sich so um ihn bemüht. Zunächst war ein heißes Bad vorgesehen, dann folgte ein warmes, luxuriöses Frühstück. Sam erhielt einen neuen Anzug, und in seiner Brusttasche steckten diesmal nicht nur zwei, sondern vier Fünfpfundnoten.
Nach dem Frühstück hielt Lyne seine übliche Ansprache.
»Ach, Mr. Lyne, das ist alles ganz schön und gut, aber für mich paßt es nicht!« sagte Sam offen und schüttelte den Kopf. »Ich habe alles versucht, um ein ehrliches Leben zu führen, aber es kommt mir immer etwas dazwischen. Als ich das letztemal herauskam, wurde ich doch Chauffeur und fuhr drei Monate lang ein Mietauto. Dann bekam so ein verdammter Detektiv von Scotland Yard heraus, daß ich keinen Führerschein hatte, und da war es mit dem ordentlichen Leben wieder aus. Es hat keinen Zweck, mir eine Stelle in Ihrem Geschäft zu geben, das würde doch nicht lange dauern. Ich bin nun einmal ein Leben in der frischen Luft gewöhnt und muß mein eigener Herr sein. Ich gehöre nun schon einmal zu den.«
»Zu den Abenteurern«, sagte Lyne und lachte leise. »Ja, da haben Sie recht, Sam. Und ich kann Ihnen diesmal eine etwas abenteuerlichere Aufgabe geben, die so recht nach Ihrem Herzen sein wird.«
Dann erzählte er ihm die Geschichte von der gemeinen Undankbarkeit des Mädchens, dem er geholfen, die er direkt vom Hungertod gerettet und die ihn in der niederträchtigsten Art und Weise betrogen hatte. Thornton Lyne war ein Dichter, aber er war ebenso auch ein Lügner. Er konnte genauso leicht die Unwahrheit wie die Wahrheit sagen. Als er nun von der Bosheit Odette Riders sprach, hörte Sam aufgeregt zu und kniff die Augenlider zusammen. Für eine solche Kreatur war keine Strafe zu schwer, sie verdiente nicht das geringste Mitgefühl.
Thornton Lyne hielt einen Augenblick in seiner Erzählung inne, um zu sehen, welchen Eindruck seine Worte auf Sam gemacht hatten.
»Sagen Sie mir doch nur«, flüsterte Sam mit zitternder Stimme, »wie man mit dieser Kanaille abrechnen kann und ich gehe durch die Hölle, um Sie an dieser Person zu rächen!«
»Das höre ich gerne«, erwiderte Lyne und goß aus einer hohen Flasche einen kräftigen Schluck ein. Es war Sams Lieblingsschnaps. »Nun kann ich Ihnen ja auch sagen, wie ich mir die Sache gedacht habe.«
Sie saßen noch ein paar Stunden zusammen und planten furchtbare Rache an Odette Rider, die Thornton Lynes Eitelkeit so schwer gekränkt und deren aufrechte Haltung den Haß dieses lasterhaften Mannes entflammt hatte.
Kapitel 4
Am Abend desselben Tages, an dem Sam Stay aus dem Gefängnis entlassen wurde, lag Jack Tarling auf seinem harten Bett ausgestreckt. Er hatte eine Zigarette zwischen den Lippen, las ein Buch über chinesische Philosophie und war mit sich und der Welt zufrieden.
Er hatte einen aufregenden Tag hinter sich, denn er hatte den Auftrag erhalten, eine große Unterschlagung bei einer Bank aufzuklären. Diese Sache hätte eigentlich seine ganze Zeit in Anspruch genommen, wenn er nicht noch eine kleine private Nebenbeschäftigung gehabt hätte. Sie brachte ihm zwar nicht das mindeste ein, aber seine Neugierde und sein Interesse waren nun einmal geweckt.
Er legte das Buch flach auf seine Brust, als er hörte, wie sein Assistent leise die Tür öffnete. Ling Chu trat lautlos ein und setzte ein Tablett auf den niederen Tisch neben dem Bett. Tarling sah, daß der Chinese ein blau-seidenes Gewand trug.
»Du willst also heute abend nicht mehr ausgehen, Ling Chu?«
»Nein, Lieh Jen.«
Sie sprachen in der weichen, melodiösen Mundart von Schantung miteinander.
»Warst du bei dem Mann mit dem schlauen Gesicht?« Als Antwort nahm der Chinese einen Briefumschlag aus seiner inneren Tasche und reichte ihn Tarling, der die Adresse las.
»Dort lebt die junge Dame? Miss Odette Rider. 27, Carrymore Mansions, Edgware Road.«
»Es ist ein Haus, in dem viele Leute wohnen«, sagte Ling Chu. »Ich bin selbst in deinem Auftrag dorthin gegangen und sah, wie die Leute ein und aus gingen, ohne Unterlaß, und niemals habe ich dieselben Menschen zweimal gesehen.«
»Was hat denn aber der Mann mit dem schlauen Gesicht zu meinem Brief gesagt?«
»Herr, er schwieg. Er las ihn immer wieder und machte dann ein Gesicht wie dieses.« Ling Chu ahmte Mr. Milburghs Lächeln nach. »Und dann schrieb er das auf, was du hier siehst.«
Tarling starrte einen Augenblick ins Leere, stützte sich dann auf seinen Ellenbogen und nahm die Teetasse, die Ling Chu gebracht hatte.
»Hast du etwas Neues über den Mann mit dem weichen weißen Gesicht erfahren, Ling? Hast du auch ihn aufgesucht?«
»Jawohl, Herr, ich sah ihn«, antwortete der Chinese ernst. »Er ist ein Mann ohne Himmel.«
Tarling nickte. Denn die Chinesen brauchten das Wort »Himmel« für »Gott«, und er wußte, daß Ling Chu scharf beobachtet hatte und damit sagen wollte, daß Thornton Lyne keine geistigen Fähigkeiten besaß. Er trank den Tee und erhob sich.
»Ling, diese Stadt und dieses Land sind sehr öde und traurig, und ich glaube nicht, daß ich lange hier wohnen werde.«
»Will der Herr wieder nach Schanghai zurückgehen?« fragte der Chinese, ohne auch nur im mindesten über diese Mitteilung erstaunt zu sein.
»Ja, ich denke. Jedenfalls ist dieses Pflaster zu langweilig. Diese paar elenden Fälle von kleinen Gelddiebstählen und Eheaffären - ich mag nichts mehr davon hören.«
»Die sind nur kleine Dinge«, sagte Ling Chu mit philosophischer Ruhe. »Aber der Meister -«, er meinte den großen Philosophen Konfuzius -»hat gesagt, daß alles Große aus kleinen Dingen kommt. Und vielleicht will ein kleiner Mann einem großen den Kopf abschneiden, und dann wird man dich rufen, um den Mörder zu fangen.« Tarling lachte.
»Du bist ein großer Optimist, Ling. Ich glaube nicht, daß man hier meine Hilfe bei der Entdeckung eines Mörders wünscht. In England werden Privatdetektive dazu nicht zugezogen.« Ling schüttelte den Kopf.
»Aber mein Herr muß Mörder fangen, oder er wird nicht mehr länger Lieh Jen, der Jäger der Menschen, sein.«
»Du bist blutdürstig«, sagte Tarling plötzlich auf englisch, das Ling nur sehr schlecht verstand, obgleich er lange in hervorragenden Missionsschulen unterrichtet worden war. »Ich werde jetzt ausgehen«, fuhr Tarling wieder auf chinesisch fort, »und werde die kleine Frau besuchen, die das Weißgesicht begehrt.«
»Darf ich dich begleiten, Herr?« fragte Ling. Tarling zögerte.
»Ja, du kannst mitkommen, aber du mußt hinter mir bleiben und darfst dich nicht sehen lassen.«
Carrymore Mansions ist ein großer Häuserblock, der zwischen zwei vornehmen und noch größeren Gebäuden in der Edgware Road eingeschlossen liegt. Das Erdgeschoß ist an Ladeninhaber vermietet. Wahrscheinlich verbilligen sich dadurch die Mieten der Wohnungen. Trotzdem vermutete Tarling, daß die Mieten doch ziemlich hoch sein müßten, besonders für ein Ladenmädchen, wenn sie nicht etwa bei ihrer Familie wohnte. Aber als er den Portier fragte, erhielt er die Aufklärung. Sie hatte eine kleinere Wohnung im Zwischengeschoß, wo die Räume niedriger waren, und zahlte infolgedessen keine große Miete.
Er stand bald vor einer polierten Mahagonitür und überlegte sich, welche Entschuldigung er vorbringen könnte, daß er eine junge Dame so spät am Abend noch aufsuchte. Daß er ihr eine Erklärung geben mußte, sah er an ihrem Blick, als sie ihm die Tür öffnete.
»Ja, ich bin Miss Rider«, sagte sie.
»Kann ich Sie einige Minuten sprechen?«
»Es tut mir leid, ich bin allein in der Wohnung und kann Sie nicht hereinbitten.«
Das war ein schlechter Anfang.
»Ist es nicht möglich, daß Sie ein wenig mit mir ausgehen?« fragte er besorgt.
Trotz der merkwürdigen Situation mußte sie lächeln. »Es ist mir ebenso unmöglich, mit jemand auszugehen, den ich früher nie gesehen habe.«
»Ich sehe die Schwierigkeiten ein. Hier ist meine Karte. Ich fürchte, daß ich hier in England nicht genügend bekannt bin -Sie werden meinen Namen nicht kennen.« Sie nahm die Karte und las.
»Privatdetektiv?« fragte sie erschrocken. »Wer hat Sie zu mir geschickt? Doch nicht etwa Mr. -«
»Nein, nicht Mr. Lyne.«
Sie zögerte einen Augenblick, dann öffnete sie die Tür etwas weiter.
»Bitte, treten Sie näher -wir können ja hier im Vorraum sprechen. Ich habe Sie doch eben richtig verstanden. Mr. Lyne hat Sie nicht zu mir geschickt?«
»Mr. Lyne wünschte allerdings vorher, daß ich Sie aufsuchen sollte, und ich mißbrauche sein Vertrauen in gewisser Weise. Aber ich glaube nicht, daß er auf meine Verschwiegenheit rechnen darf. Ich weiß eigentlich nicht, warum ich hierhergekommen bin und Sie störe, aber ich möchte Ihnen raten, auf Ihrer Hut zu sein.«
»Wovor?«
»Sie müssen sich vor den Ränken eines Herrn in acht nehmen, den Sie -«, er zögerte einen Augenblick. »Beleidigt haben«, ergänzte sie.
»Ich weiß ja nicht, was Sie ihm gesagt haben«, meinte er lächelnd, »aber ich nehme an, daß Sie Mr. Lyne aus dem einen oder anderen Grund verletzt haben und daß er sich jetzt an Ihnen rächen will. Ich will Sie nicht fragen, was vorgefallen ist, denn ich verstehe, daß Sie es mir nicht sagen möchten. Aber ich muß Ihnen mitteilen, daß Mr. Lyne wahrscheinlich eine Anklage gegen Sie vorbereitet, daß er irgend etwas erfindet, um Sie wegen Diebstahls anzuzeigen.«
»Diebstahl?« rief sie entrüstet. »Er will mich anzeigen? Aber es ist doch unmöglich, daß er so schlecht ist.«
»Oh, es ist gar nicht so unmöglich, daß jemand außerordentlich schlecht ist«, erwiderte Tarling. Sein Gesicht war undurchdringlich, wenn auch ein leichtes Lächeln in seinen Augen lag. »Jedenfalls weiß ich es und habe es mit eigenen Ohren gehört, daß er Mr. Milburgh dazu veranlaßte, einige Aussagen darüber zu machen, daß Gelddiebstähle bei der Hauptgeschäftskasse vorgekommen seien.«
»Das ist doch ganz unmöglich«, sagte sie entsetzt. »Mr. Milburgh würde das nie sagen, das ist ausgeschlossen!«
»Mr. Milburgh wollte es ursprünglich auch nicht tun, das will ich gerne zugeben.« Er erzählte ihr kurz von den Vorgängen im Konferenzzimmer der Firma Lyne, er verschwieg aber alle Verdachtsgründe gegen Mr. Milburgh selbst.
»Sie sehen also«, schloß er, »daß Sie sehr auf Ihrer Hut sein müssen. Ich möchte Ihnen sogar raten, sich mit einem Rechtsanwalt in Verbindung zu setzen und ihm die ganze Sache zu übergeben. Gegen Mr. Lyne selbst brauchen Sie nicht vorzugehen, aber es würde Ihre Lage sehr stärken, wenn Sie die ganze Sache schon einer öffentlich bekannten Persönlichkeit auseinandergesetzt hätten.«
»Ich bin Ihnen zu größtem Dank verpflichtet, Mr. Tarling«, sagte sie warm und schaute ihn an. Dabei war ihr Lächeln so süß, so beredt und so hilflos, daß Tarling sonderbar ergriffen war.
»Und wenn Sie keinen Anwalt nehmen wollen, dann können Sie sich auf mich verlassen. Ich werde Ihnen immer helfen, wenn Sie irgendwie in Gefahr oder Unannehmlichkeiten kommen.«
»Sie wissen nicht, wie dankbar ich Ihnen bin, Mr. Tarling. Und ich habe Sie so wenig liebenswürdig empfangen!«
»Sie wären, wenn ich so sagen darf, recht leichtsinnig gewesen, wenn Sie mich anders behandelt hätten.«
Sie reichte ihm beide Hände, er schloß sie in die seinen und sah Tränen in ihren Augen. Aber dann nahm sie sich zusammen und führte ihn in das kleine Wohnzimmer.
»Ich habe meine Stelle verloren, aber ich habe schon wieder mehrere neue Angebote. Eins davon werde ich annehmen. Aber den Rest dieser Woche will ich noch für mich haben.«
Tarling brachte sie durch einen Wink zum Schweigen. Er hatte ein unendlich feines Gehör.
»Erwarten Sie irgendeinen Besuch?« fragte er leise.
»Nein«, antwortete sie erstaunt.
»Wohnt außer Ihnen noch jemand in diesen Räumen?«
»Meine Aufwartefrau schläft hier, sie ist aber heute abend ausgegangen.«
»Hat sie einen Schlüssel?«
Odette schüttelte den Kopf.
Tarling erhob sich, und sie wunderte sich, wie schnell und gewandt der große Mann sich bewegen konnte. Lautlos eilte er zur Tür, drehte schnell den Handgriff und riß die Tür auf. Draußen stand ein Mann auf der Matte und sprang zurück, als Tarling so unerwartet im Eingang erschien. Der Fremde sah auffallend schlecht aus und trug einen neuen Anzug, der anscheinend nicht nach Maß gearbeitet war. Sein Gesicht hatte jene gelbe Farbe, die man häufig bei entlassenen Sträflingen findet.
»Verzeihung«, stammelte er. »Ist dies nicht Nr. 8?« Tarling packte ihn im nächsten Augenblick am Kragen und zog ihn in die Wohnung herein.
»Was wollen Sie eigentlich hier? Was haben Sie denn da in der Hand?«
Bei diesen Worten entwand Tarling ihm einen Gegenstand. Es war kein Schlüssel, sondern ein flaches Instrument.
Mit einem Ruck hatte Tarling dem fremden Mann den Rock ausgezogen, trat einige Schritte zurück und deckte mit seinem Rücken die Tür. Geschwind und mit äußerster Geschicklichkeit durchsuchte er das Kleidungsstück. Aus zwei Taschen zog er mindestens ein Dutzend juwelenbesetzte Ringe hervor, an denen die Auszeichnung der Firma Lyne auf einem kleinen Etikett angebracht war.
»So?« fragte Tarling sarkastisch. »Das sind wohl Geschenke von Mr. Lyne an Miss Rider, weil er sie so gern hat?« Der Mann war sprachlos vor Wut.
»Das ist ein ganz dummer Trick!« Tarling schüttelte traurig den Kopf. »Gehen Sie zu Ihrem Auftraggeber zurück, nämlich zu Mr. Thornton Lyne, und sagen Sie ihm, daß ich mich schäme, daß ein so intelligenter Mann so niederträchtige und obendrein noch so plumpe Methoden anwendet.«
Er öffnete die Tür wieder und stieß Sam Stay in das dunkle Treppenhaus hinaus.
Odette haue erschreckt alles beobachtet und sah Tarling nun fragend an.
»Was hat das alles zu bedeuten? Ich fürchte mich so was wollte denn der Mann hier?«
»Sie brauchen sich vor ihm und auch sonst vor niemand zu fürchten. Es tut mir leid, daß Sie sich Sorgen gemacht haben.«
Es gelang ihm auch, sie zu beruhigen, und als bald darauf die Aufwartefrau zurückkam, verabschiedete er sich.
»Also denken Sie daran - Sie haben meine Telefonnummer, und Sie können mich anrufen, wenn Sie irgendwie in Verlegenheit sind, besonders«, setzte er nachdrücklich hinzu, »wenn Sie morgen irgendwelche Unannehmlichkeiten haben sollten.«
Aber am nächsten Tag ereignete sich nichts Ungewöhnliches. Trotzdem rief sie ihn nachmittags um drei Uhr an.
»Ich wollte Ihnen noch sagen, daß ich aufs Land fahre«, erklärte sie. »Ich bin gestern abend zu sehr erschrocken.«
»Lassen Sie es mich bitte wissen, wenn Sie wieder zurückkommen«, erwiderte Tarling, dem es schwer geworden war, sie aus seinen Gedanken zu verbannen. »Ich werde morgen einmal zu Lyne gehen und ein Wörtchen mit ihm reden. Nebenbei bemerkt ist der Mensch, der gestern nacht an Ihrer Wohnungstür war, ein Schützling von Mr. Lyne, er ist ihm mit Leib und Seele ergeben. Den Kerl müssen wir gut im Auge behalten. Die Sache gibt meinem Leben neuen Reiz!« Er hörte, wie sie leise lachte.
»Muß ich erst ermordet werden, damit ein Detektiv seine Freude hat?« fragte sie vergnügt, und auch er lächelte.
»Auf alle Fälle werde ich Lyne morgen aufsuchen«, sagte er.
Aber die Unterredung, die Jack Tarling plante, sollte niemals stattfinden.
Am nächsten Morgen ging ein Arbeiter frühzeitig durch den Hydepark, um schneller zu seiner Arbeitsstelle zu kommen. Auf seinem Weg sah er an der Seite eines Fahrweges einen Mann im Gras liegen. Er war angekleidet, nur fehlten Rock und Weste. Ein seidenes Dame nnachthemd war um seine Brust gewunden. Es war ganz mit Blut befleckt. Die Hände des Mannes waren über der Brust gefaltet, und ein Strauß gelber Narzissen lag zwischen seinen Händen.
Um elf Uhr morgens brachten die Zeitungen ausführliche Berichte, daß die Leiche, die im Hydepark gefunden wurde, identifiziert war. Es war niemand anders als Thornton Lyne, und der tödliche Schuß war mitten durch das Herz gegangen.
Kapitel 5
»Die Londoner Polizeibehörden stehen einem sonderbaren Mord gegenüber, den so merkwürdige Nebenumstände begleiten, daß es nicht übertrieben wäre, dieses Verbrechen als das Geheimnis dieses Jahrhunderts zu bezeichnen. Eine bekannte Erscheinung der Londoner Gesellschaft, Mr. Thornton Lyne, der Chef eines großen Warenhauses, ein nicht unbedeutender Dichter, ein Millionär, der wegen seiner menschenfreundlichen Bestrebungen allgemein bekannt ist, wurde heute in den frühen Morgenstunden in einer Lage aufgefunden, die nicht den geringsten Zweifel darüber läßt, daß er ermordet wurde.
Heute morgen um halb sechs kam Thomas Savage, ein Maurer, auf seinem Weg durch den Hydepark und sah eine Gestalt in der Nähe des Fahrweges liegen. Er eilte hin und entdeckte, daß der Mann schon mehrere Stunden tot sein mußte. Der Tote hatte weder Rock noch Weste an, aber um seine Brust war ein seidenes Kleidungsstück geschlungen, offenbar um die stark blutende Wunde in der linken Seite zu stillen. Die Hände waren auf der Brust gekreuzt.
Am merkwürdigsten ist aber, daß der Mörder die Le iche in dieser besonderen Stellung hingelegt haben muß. Auf der Brust des Toten fand sich auch noch ein Strauß gelber Narzissen. Die Polizei war bald zur Stelle, und nachdem die nötigen Feststellungen gemacht waren, wurde die Leiche entfernt. Die Beamten sind der Ansicht, daß der Mord nicht im Hydepark begangen wurde, sondern daß der Unglückliche an einem anderen Ort getötet und in seinem eigenen Auto in den Park gebracht wurde, denn sein Wagen stand verlassen etwa hundert Meter von dem Fundort. Wie wir hörten, ist die Polizei auf einer sehr wichtigen Spur, und eine Verhaftung steht unmittelbar bevor.«
Mr. J. O. Tarling, früher Mitglied der Geheimpolizei in Schanghai, las diesen kurzen Bericht und wurde sehr nachdenklich.
Lyne war ermordet worden! Es war ein ungewöhnlicher Zufall, daß er gerade vor einigen Tagen mit diesem jungen Mann in Berührung gekommen war.
Tarling selbst wußte eigentlich nichts von Lynes Privatleben. Er vermutete nur nach dem, was er von dessen kurzem Aufenthalt in Schanghai erfahren hatte, daß manche seiner Erlebnisse dunkel waren. Er erinnerte sich jetzt schwach an eine Skandalgeschichte, die mit Lynes Namen verknüpft war, und suchte sich nun wieder alle Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen. Er legte die Zeitung nieder. Es tat ihm in diesem Augenblick leid, daß er nicht Beamter von Scotland Yard war. Das wäre ein wunderbarer Fall für ihn gewesen. Hier war ein Geheimnis, für das sich die Öffentlichkeit in hohem Maße interessieren würde und das aufzuklären sich sicher lohnte!
Seine Gedanken wanderten zu Odette Rider. Was würde sie dazu sagen? Gewiß würden sie Entsetzen und Schrecken über diese Untat packen. Es war ihm sehr peinlich, als er daran dachte, daß man sie, wenn auch nur indirekt und entfernt, mit dieser öffentlichen Skandalgeschichte in Verbindung bringen könnte. Wahrscheinlich würden die Zeitungen ihren Namen erwähnen und die Tatsache berichten, daß sie mit dem Toten einen Streit gehabt hatte.
»Ganz unmöglich«, sagte er halblaut vor sich hin. Er ging schnell zur Tür und rief Ling Chu.
Der Chinese kam sofort schweigend herein.
»Höre, der Mann mit dem weißen Gesicht ist tot.«
Ling Chu sah seinen Herrn ruhig an.
»Alle Menschen sterben einmal!« sagte er mit gelassener Stimme. »Dieser Mann starb schnell, das ist besser als langsam sterben.«
»Woher weißt du, daß er schnell gestorben ist?«
»Man spricht über diese Dinge«, sagte Ling Chu, ohne zu zögern.
»Aber die Leute sprechen hier nicht chinesisch«, erwiderte Tarling, »und du sprichst doch nicht englisch.«
»Ich spreche doch ein wenig, Herr«, entgegnete Ling Chu, »und ich habe gehört, wie sich die Leute auf der Straße darüber unterhielten.«
»Ling Chu«, sagte Tarling nach einer Pause, »dieser Mann kam nach Schanghai, während wir dort waren, und damals gab es einen großen Skandal. Einmal wurde er doch aus Wing Fus Teehaus hinausgeworfen, wo er Opium geraucht hatte. Es gab eine Aufregung seinetwegen erinnerst du dich daran?«
Der Chinese sah ihm gerade in die Augen.
»Ich habe es vergessen«, antwortete er. »Dieser Mann war ein schlechter Mensch. Ich freue mich, daß er tot ist!«
»Hm!« sagte Tarling und entließ Ling Chu mit einem kurzen Nicken.
Dieser Chinese war der schlaueste aller seiner Spürhunde. Wenn er erst einmal auf eine Fährte gesetzt war, folgte er unweigerlich jedem Verbrecher. Dabei war er einer der anhänglichsten undtreuesten von Tarlings Dienern. Aber noch niemals hatte der Detektiv Ling Chus Gedanken so weit ergründet, daß er den Schleier hätte lüften können, mit dem die Eingeborenen ihre eigenen Gefühle und Gedanken verhüllen. Selbst einheimische Verbrecher waren erstaunt über Ling Chus Fähigkeiten, und mancher Mann war sich auf seinem Weg zum Schafott nicht klar darüber, wie es Ling Chu gelunge n war, sein Verbrechen aufzudecken.
Tarling ging zum Tisch zurück und nahm die Zeitung auf, aber kaum hatte er wieder zu lesen begonnen, als das Telefon läutete. Er nahm den Hörer ab und erkannte zu seinem Erstaunen die Stimme Cresswells, des Polizeioberinspektors, auf dessen Rat hin er nach England gekommen war.
»Würden Sie so liebenswürdig sein und mich gleich in der Direktion aufsuchen? Ich möchte mit Ihnen über die Ermordung Lynes sprechen.«
»Ich bin in einigen Minuten bei Ihnen«, erwiderte Tarling.
Als er kurz darauf nach Scotland Yard kam, wurde er sofort in das Büro Cresswells geführt. Der weißhaarige Herr erhob sich und ging ihm mit einem befriedigten Lächeln entgegen.
»Ich werde Sie mit der Aufklärung der Sache betrauen lassen, Tarling«, sagte er. »Es sind verschiedene Begleitumstände mit diesem Mord verbunden, die unsere hiesige Polizei nicht versteht, und es ist ja schließlich nicht ungewöhnlich, daß Scotland Yard auswärtige Hilfe zu Rate zieht, besonders wenn es sich um ein Verbrechen wie das vorliegende handelt. Die Tatsachen sind Ihnen ja bekannt.« Er öffnete eine dünne Aktenmappe.
»Hier sind alle dienstlichen Berichte, Sie können sie durchlesen. Thornton Lyne war, um es gelinde auszudrücken, etwas exzentrisch veranlagt. Er hatte manche unliebsame Bekanntschaften, darunter auch einen ausgesprochenen Verbrecher, einen Sträfling, der erst vor einigen Tagen aus dem Gefängnis entlassen wurde.«
»Das ist ja merkwürdig«, erwiderte Tarling und zog die Augenbrauen hoch. »Was hatte er mit diesem Mann zu tun?«
Cresswell zuckte die Schultern.
»Meiner Ansicht nach wollte er nur mit ihm renommieren. Er hatte es gern, wenn man über diesen außergewöhnlichen Fall sprach. Es gab ihm ein besonderes Ansehen bei seinen Freunden.«
»Wer ist dieser Sträfling?«
»Sam Stay, ein Dieb und Einbrecher, ein viel gefährlicherer Bursche, als die Polizeibehörde im allgemeinen annimmt.«
»Glauben Sie denn, daß er -«, begann Tarling.
»Wir können ihn sicher ruhig von der Liste der Leute streichen, die im Verdacht stehen, diesen Mord begangen zu haben. Sam Stay hat zwar wenig Eigenschaften, durch die er sich zu seinem Vorteil vor anderen auszeichnet, aber zweifellos war er Lyne sehr ergeben. Als der Detektiv, der die ersten Erkundigungen einzog, nach Lambeth ging, ihn zu verhören, fand er ihn der Länge nach auf seinem Bett liegen, neben sich eine Zeitung, mit dem Bericht über den Mord. Er war ganz außer sich vor Schmerz und drohte mit wilden Flüchen, daß er den Täter fassen würde. Lyne war in seinen Augen mehr als ein gewöhnlicher Mensch, und ich kann mir vorstellen, daß die einzige edle Regung in seinem Leben die Zuneigung zu diesem Mann war, der ihn gut behandelt hatte. Es mag dahingestellt sein, ob das die richtige und empfehlenswerte Art der Fürsorge für andere Menschen ist. Ich will Ihnen nun ein paar Tatsache n erzählen.« Cresswell lehnte sich in seinen Stuhl zurück »Sie wissen doch, daß um Lynes Brust ein seidenes Nachthemd geschlungen war?« Tarling nickte.
»Aber darunter fanden sich noch zwei zusammengebauschte Taschentücher, die offenbar das Blut stillen sollten. Der Größe nach waren es Damentaschentücher. Wir müssen also annehmen, daß eine Frau in die Sache verwickelt ist.« Tarling nickte nachdenklich.
»Nun noch eine andere merkwürdige Tatsache, die glücklicherweise der Aufmerksamkeit derer entgangen ist, die die Leiche zuerst fanden und den Zeitungsberichterstattern die ersten Nachrichten übermittelten. Lyne trug, obgleich er vollkommen bekleidet war, ein Paar dicke Filzpantoffeln. Wir haben festgestellt, daß er sie sich gestern abend aus seinem Geschäft kommen ließ. Einer seiner Angestellten mußte sie ihm bringen. Lynes Schuhe wurden in seinem Auto gefunden, das in einiger Entfernung vom Fundort stand. -Viertens möchte ich Ihnen mitteilen -und das ist auch der Grund, warum ich Sie zu der Aufklärung des Falles zugezogen habe -, daß Rock und Weste ebenfalls in blutbeflecktem Zustand in seinem Wagen entdeckt wurden. In der rechten Westentasche fand man dies.« Cresswell hatte die letzten Worte langsam und nachdrücklich gesprochen und nahm jetzt aus seiner Schublade ein kleines quadratisches rotes Papier und überreichte es dem Detektiv.
Tarling nahm es in die Hand und starrte darauf. In dicken schwarzen Strichen standen vier chinesische Schriftzeichen darauf. ›tzu chao fan nao‹ -›Er hat es sich selbst zuzuschreiben. ‹
Kapitel 6
Die beiden sahen sich schweigend an.
»Nun?« fragte Cresswell schließlich.
Tarling schüttelte verwundert den Kopf.
»Das ist sonderbar.« Er schaute wieder auf das kleine Papier, das er in der Hand hielt.
»Sie verstehen jetzt, warum ich Sie zugezogen habe. Wenn die Sache irgendwie mit China zu tun hat, so weiß niemand besser Bescheid damit als Sie. Ich habe mir die Schrift übersetzen lassen. Sie heißt: Er hat es sich selbst zuzuschreiben.«
»Aber Sie haben vielleicht etwas übersehen. Wenn Sie das Papier genauer betrachten, werden Sie erkennen, daß es nicht beschrieben, sondern bedruckt ist.«
Er reichte das kleine Blatt zurück, und Cresswell besichtigte es eingehend.
»Sie haben recht«, sagte er erstaunt, »das habe ich ganz übersehen. Haben Sie denn früher schon solche Papiere in der Hand gehabt?«
»Vor einigen Jahren, als wir eine Unmenge von Verbrechen in Schanghai hatten. Die meisten wurden von einer Bande ausgeführt, die unter der Führung eines bekannten Verbrechers stand. Ich konnte ihn abfassen, und er wurde auf Grund meiner Angaben hingerichtet. Die Verbrecherbande führte den Namen ›die freudigen Herzen‹. Sie wissen vielleicht, daß die chinesischen Räuberbanden meistens phantastische Namen führen. Sie hatten die Angewohnheit, auf dem Schauplatz ihrer Tätigkeit stets ihr Zeichen, ich möchte fast sagen ihre Visitenkarte, zurückzulassen. Es waren ebensolche roten Papiere wie dieses. Nur waren die Buchstaben mit der Hand geschrieben. Diese Papierzettel wurden als Kuriositäten gekauft, und manche Leute haben hohe Preise dafür bezahlt, bis ein unternehmender Chinese sie schließlich drucken ließ, so daß man sie, ebenso wie Ansichtskarten, in jedem Papierladen in Schanghai kaufen konnte. Ich habe selbst seinerzeit einige davon erstanden.«
»Ich verstehe«, sagte Cresswell. »Das ist auch ein solches Papier?«
»Ja, aber wie es hierhergekommen ist, mag der Himmel wissen. Es ist jedenfalls eine ganz bedeutsame Entdeckung.«
Cresswell ging zu einem Schrank, schloß ihn auf und nahm einen kleinen Koffer heraus, den er auf den Tisch setzte und öffnete.
»Nun sehen Sie sich dies noch an, Tarling.«
Er zeigte ihm ein blutbeflecktes Kleidungsstück. Tarling sah sofort, daß es ein Nachthemd war. Er nahm es in die Hand und betrachtete es sorgfältig. Das weißseidene Gewand trug mit Ausnahme zweier kleiner Vergißmeinnichtzweige keinerlei Spitzen oder Verzierungen.
»Es war, wie Sie wissen, um seine Brust geschlungen. Hier sind auch die beiden Taschentücher.« Er deutete auf zwei kleine Tücher, die so mit Blut befleckt waren, daß man sie kaum als solche erkennen konnte.
Tarling hob das dünne Gewand auf und nahm es näher zum Fenster.
»Hat man die Zeichen einer Waschanstalt darin gefunden?«
»Nein.«
»Auch nicht an den Taschentüchern?«
»Nein.«
»Die Stücke gehören also einer jungen Dame, die allein lebt«, sagte Tarling. »Sie besitzt zwar keine großen Geldmittel, aber sie hat einen guten Geschmack und liebt Wäsche von besonderer Qualität, jedoch nicht übertrieben luxuriös.«
»Woher wissen Sie denn das alles?« fragte der Polizeibeamte erstaunt.
Tarling lachte.
»Aus der Tatsache, daß keinerlei Zeichen von Waschanstalten vorhanden sind, kann man schließen, daß sie ihre seidene Wäsche zu Hause behandelt, vermutlich auch ihre Taschentücher. Hieraus geht für mich hervor, daß sie mit den Glücksgütern dieser Welt nicht sehr gesegnet ist. Da sie aber seidene Nachthemden und Taschentücher aus feinstem Leinen besitzt, haben wir es vermutlich mit einer Dame zu tun, die guten Geschmack und Sinn für Qualität hat. Haben Sie noch andere Entdeckungen gemacht, aus denen man Schlußfolgerungen ziehen könnte?«
»Wir haben nur herausgebracht, daß Mr. Lyne ein ernstes Zerwürfnis mit einer Angestellten, einer Miss Odette Rider, hatte -«
Tarling holte tief Atem. Er mußte über sich selbst lächeln, daß er sich so sehr für diese Dame interessierte, die er nicht länger als eine Viertelstunde gesprochen hatte und die ihm noch vor einer Woche vollständig unbekannt war. Aber irgendwie hatte das Mädchen doch einen tieferen Eindruck auf ihn gemacht, als er zugab. Dieser Mann, dessen Lebenszweck es war, Verbrecher und Verbrechen aufzuspüren, hatte wenig Zeit gefunden, sich mit Frauen zu beschäftigen. Aber Odette Rider hatte ihm sofort gefallen.
»Zufällig weiß ich auch von diesem Streit, ich kenne sogar seine Ursache.« Tarling erzählte dem Beamten kurz, unter welchen Umständen er Thornton Lyne vor einigen Tagen gesehen hatte. »Was haben Sie gegen sie?«
Er gab sich den Anschein einer Gleichgültigkeit, die er in keiner Weise fühlte.
»Ich habe nichts Bestimmtes gegen sie«, erwiderte Cresswell. »Sie wird nur von Sam Stay schwer belastet. Und wenn er sie auch nicht direkt des Mordes beschuldigt, deutete er doch an, daß sie in gewisser Weise dafür verantwortlich zu machen wäre. Aber er hat nichts Genaueres angegeben. Zuerst war ich sehr überrascht, daß er überhaupt etwas von dem Mädchen wußte, aber ich möchte jetzt fast annehmen, daß Thornton Lyne diesen Mann ins Vertrauen zog.«
»Was halten Sie denn von Sam Stay selbst?« fragte Tarling. »Kann er denn nachweisen, wo er sich letzte Nacht und heute morgen aufgehalten hat?«.
»Er hat ausgesagt, daß er Mr. Lyne um neun Uhr in seiner Wohnung aufsuchte und daß ihm dieser in Gegenwart seines Hausmeisters fünf Pfund gab. Dann hat er die Wohnung verlassen und ist zu seinem eigenen Quartier in Lambeth gegangen, wo er sich sehr bald zu Bett legte. Alle unsere Nachforschungen haben bisher seine Aussagen bestätigt. Wir haben Lynes Hausmeister verhört, und dessen Angaben stimmen mit Stays überein. Stay ging fünf Minuten nach neun von Lynes Wohnung fort, und genau eine halbe Stunde später verließ Lyne selbst das Haus. Er fuhr allein in seinem kleinen Zweisitzer und sagte dem Hausmeister, daß er zum Klub fahren wollte.« »Wie war er denn gekleidet?«
»Ja, das ist sehr wichtig. Bis neun Uhr war er im Gesellschaftsanzug. Nachdem Stay gegangen war, zog er sich plötzlich den Anzug an, in dem man ihn tot auffand. Daraus lassen sich recht interessante Schlüsse ziehen.« Tarling kniff die Lippen ein.
»Man sollte eigentlich nicht meinen, daß er seinen Smoking gegen einen Straßenanzug tauschte, wenn er die Absicht hatte, in den Klub zu gehen.«
Kurz darauf verließ Tarling das Polizeipräsidium. Alle diese Nachrichten hatten ihn etwas verwirrt. Sein erster Gang war zur Edgware Road, wo Odette Rider wohnte. Er traf sie nicht zu Hause an, und der Portier erzählte ihm, daß sie schon seit dem Nachmittag des vorigen Tages nicht mehr zu Hause gewesen sei. Sie hatte ihm den Auftrag gegeben, ihre Briefe nach Hertford nachzusenden und hatte ihm ihre dortige Adresse gegeben. ›Hillington Grove, Hertford.‹
Tarling war beunruhigt. Es war eigentlich kein Grund dazu vorhanden, wie er sich selbst sagte, aber er konnte sich doch davon nicht freimachen. Obendrein war er auch ein wenig befriedigt. Er fühlte, daß er das junge Mädchen nach einer kurzen Aussprache sofort von dem Verdacht hätte befreien können, in den sie durch die Umstände gekommen war. Sie war also nicht zu Hause. Daß sie gerade an dem Abend verschwunden war, an dem Lyne ermordet wurde, genügte, wie er sehr wohl wußte, um die Polizei auf ihre Spur zu hetzen.
»Können Sie mir vielleicht sagen, ob Miss Rider Verwandte oder Freunde in Hertford hat?« fragte er den Portier. »Jawohl, Sir, ihre Mutter wohnt dort.«
Tarling wollte schon gehen, als der Mann noch eine Bemerkung machte, die ihm wieder den Mord mit all seinen grausigen Einzelheiten zum Bewußtsein brachte und ihn aufs neue heftig beunruhigte.
»Ich bin froh, daß Miss Rider vorige Nacht nicht zu Hause war - die Nachbarn haben sich sehr beklagt.«
»Worüber denn?« fragte Tarling, aber der Mann zögerte mit der Antwort.
»Sind Sie ein Freund der jungen Dame?«
Tarling nickte.
»Daraus sieht man wieder einmal«, sagte der Portier vertraulich zu ihm, »wie oft Leute wegen irgendwelcher Sachen beschuldigt werden, mit denen sie gar nichts zu tun haben. Der Mieter in der anliegenden Wohnung ist ein wenig wunderlich. Er ist Musiker und beinahe taub. Wenn das nicht so wäre, hätte er nicht behauptet, daß er ihretwegen mitten in der Nacht aufwachte. Aller Wahrscheinlichkeit nach war draußen auf der Straße Lärm.«
»Was will er denn gehört haben?« fragte Tarling schnell, aber der Portier lachte.
»Denken Sie, einen Schuß! Außerdem einen Schrei wie von einer Frau - davon wachte er auf. Man könnte me inen, er hätte das alles nur geträumt, aber ein anderer Herr, der auch im Zwischengeschoß wohnt, hat dieselben Wahrnehmungen gemacht. Und das merkwürdigste ist, daß beide der Meinung sind, daß die Geräusche aus der Wohnung von Miss Rider kamen.«
»Um welche Zeit war denn das?«
»Die Leute behaupten, daß es ungefähr um Mitternacht war, aber das ist doch unmöglich, denn Miss Rider war ja gar nicht zu Hause und ihre Wohnung ist unbenutzt.«
Tarling mußte über diese bestürzende neue Nachricht nachdenken, als er mit der Eisenbahn nach Hertford fuhr. Er war fest entschlossen, Odette zu warnen. Zwar war er sich darüber klar, daß es nicht seine Pflicht war, jemand noch besonders zu warnen, der eines Verbrechens verdächtigt wurde. Sein Verhalten war ungewöhnlich und widersprach jeder Gewohnheit, aber das kümmerte ihn wenig.
Er hatte seine Fahrkarte gelöst und ging gerade über den Bahnsteig, als er einen Bekannten aus dem Zug, der eben eingefahren war, eilen sah. Offenbar hatte der Betreffende ihn schon vorher erkannt, denn er wandte sich plötzlich zur Seite und wäre im Gedränge verschwunden, wenn ihn nicht der Detektiv zur rechten Zeit eingeholt hätte.
»Hallo, Mr. Milburgh, Sie sind es doch, wenn ich nicht irre?« Der Geschäftsführer wandte sich um, rieb sich die Hände und lächelte wie gewöhnlich.
»Das ist ja Mr. Tarling, der Detektiv. Eine schreckliche Katastrophe! Wie furchtbar für alle, die davon betroffen werden.«
»Das traurige Ereignis hat sicher das ganze Warenhaus in Aufruhr gebracht.«
»Ach ja«, sagte Milburgh mit gebrochener Stimme. »Wir halten das Geschäft heute geschlossen. Es ist entsetzlich -es ist der grauenhafteste Vorfall, auf den ich mich besinnen kann. Hat man denn schon irgendeinen Verdacht, wer der Täter sein könnte?« Tarling schüttelte den Kopf.
»Es ist eine ganz geheimnisvolle Sache, Mr. Milburgh. Hat Lyne eigentlich für den Fall seines Todes bestimmt, wer dann die Geschäfte führen sollte?«
Milburgh zögerte und schien nur ungern zu antworten. »Ich führe die Geschäfte natürlich«, sagte er dann, »genau wie damals, als Mr. Lyne seine Weltreise machte. Ich habe auch schon von Mr. Lynes Rechtsanwälten eine Vollmacht erhalten, die Geschäfte weiterzuführen, bis das Gericht einen Treuhänder ernennt.«
Tarling sah ihn scharf an.
»Welchen Einfluß hat denn Lynes Tod auf Ihre persönlichen Verhältnisse?« fragte er schroff. »Verbessert oder verschlechtert sich dadurch Ihre Stellung?«
»Leider verbessert sie sich, denn ich habe größere Machtvollkommenheit und natürlich auch größere Pflichten. Ich wünschte, ich wäre nie in diese Lage gekommen, Mr. Tarling.«
»Ich bin davon überzeugt«, erwiderte der Detektiv und erinnerte sich an Lynes Zweifel an der Ehrlichkeit dieses Mannes.
Nach ein paar allgemeinen Bemerkungen verabschiedeten sie sich.
Auf der Fahrt nach Hertford mußte Tarling dauernd über diesen Mann nachdenken. Milburgh war in mancher Beziehung zweifelhaft, und es fehlten ihm gewisse Eigenschaften, die ein ehrlicher Geschäftsmann unter allen Umständen besitzen muß.
In Hertford stieg Tarling in ein Auto und nannte dem Chauffeur seine Adresse.
»Hillington Grove? Das sind über zwei Meilen«, meinte der Fahrer. »Sie wollen sicher zu Mrs. Rider?«
Tarling nickte.
»Sind Sie nicht mit der jungen Dame gekommen, die auch zu Besuch erwartet wird? «
»Nein«, antwortete Tarling erstaunt.
»Mir ist nämlich gesagt worden, ich sollte am Bahnhof nach ihr Umschau halten«, erklärte der Chauffeur.
Noch eine weitere Überraschung erwartete den Detektiv. Er hatte sich Hillington Grove trotz des großartigen Namens als ein kleines Häuschen vorgestellt und war sehr erstaunt, als der Chauffeur in ein großes, hohes Parktor einbog, einen breiten langen Fahrweg entlangfuhr und dann auf einem mit Schotter bestreuten Platz vor einem großen schönen Gebäude hielt. Er hatte nicht vermuten können, daß die Eltern einer Angestellten der Firma Lyne so vornehm wohnten. Sein Erstaunen wuchs noch mehr, als die Haustür von einem livrierten Diener geöffnet wurde.
Tarling wurde in ein Wohnzimmer geführt, das geschmackvoll und künstlerisch ausgestattet war. Er war fest davon überzeugt, daß ein Irrtum vorliegen müßte, und dachte sich eben eine Entschuldigung aus, als sich die Tür öffnete und eine Dame eintrat.
Sie mochte Ende der Dreißig sein, aber sie war noch sehr schön und hatte das Auftreten einer Dame der Gesellschaft. Sie war äußerst liebenswürdig zu Tarling, aber er glaubte doch, eine gewisse Ängstlichkeit in ihrem Gesichtsausdruck wahrzunehmen.
»Ich fürchte, mir ist ein Irrtum unterlaufen«, begann er. »Ich wollte nämlich Miss Odette Rider sprechen -«
Zu seinem größten Erstaunen nickte die Dame. »Sie ist meine Tochter. Haben Sie irgendwelche Nachrichten von ihr? Ich bin sehr besorgt um sie.«
»Sie sind besorgt um sie?« fragte Tarling schnell. »Ist irgend etwas geschehen? Ist sie denn nicht hier?«
»Nein, sie ist nicht hier, sie ist nicht gekommen.«
»Aber war sie denn vorher nicht hier? Ist sie nicht schon gestern abend hier angekommen?«
Mrs. Rider schüttelte den Kopf.
»Nein, sie war nicht hier. Sie hatte mir versprochen, einige Tage bei mir zu verbringen, aber gestern abend erhielt ich ein Telegramm -warten Sie einen Augenblick, ich will es Ihnen gleich holen.«
Sie blieb nur kurze Zeit fort und kam mit einem braungelben Formular zurück, das sie dem Detektiv übergab. Er las:
Ich habe meinen Besuch aufgegeben, schreibe nicht an meine Wohnung. Ich werde dir Nachricht zukommen lassen, sobald ich meinen Bestimmungsort erreicht habe. Odette.
Das Telegramm war auf der Hauptpost in London aufgegeben und trug den Aufgabestempel von neun Uhr abends -also drei Stunden früher, als nach allgemeiner Ansicht der Mord begangen wurde.
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