Kitabı oku: «DER ENGEL DES SCHRECKENS»
EDGAR WALLACE
DER ENGEL
DES SCHRECKENS
Roman
Apex-Verlag
Impressum
Copyright dieser Ausgabe © 2021 by Apex-Verlag.
Der Roman The Angel Of Terror von Edgar Wallace ist gemeinfrei.
Übersetzung: Friedrich Pütsch, bearbeitet von Christian Dörge (OT: The Angel Of Terror).
Lektorat: Dr. Birgit Rehberg.
Cover: Christian Dörge/Apex-Graphixx.
Satz: Apex-Verlag.
Verlag: Apex-Verlag, Winthirstraße 11, 80639 München.
Verlags-Homepage: www.apex-verlag.de
E-Mail: webmaster@apex-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Das Buch
Der Autor
DER ENGEL DES SCHRECKENS
ERSTER TEIL
ZWEITER TEIL
DRITTER TEIL
Das Buch

Wenn Jim Meredith bis zu seinem 30. Geburtstag nicht verheiratet ist, gehen die Meredith-Millionen an Jims geldgierige Cousine. In letzter Minute wird Jims Hochzeit mit der Journalistin Lydia Beale arrangiert. Kaum hat Jim die Zeremonie jedoch hinter sich, da wird er von Unbekannten erschossen. Seiner jungen Witwe droht ein ähnliches Schicksal...
Der Roman Der Engel des Schreckens von Edgar Wallace, der als einer der erfolgreichsten Kriminal-Schriftsteller aller Zeiten gilt, erschien erstmals im Jahr 1922; eine deutsche Erstveröffentlichung folgte 1931.
Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
Der Autor

Edgar Wallace.
(* 1. April 1875, † 10. Februar 1932).
Richard Horatio Edgar Wallace war ein englischer Schriftsteller, Drehbuchautor, Regisseur, Journalist und Dramatiker. Er gehört zu den erfolgreichsten und populärsten englischsprachigen Kriminalschriftstellern.
Wallace wurde in Greenwich bei London als unehelicher Sohn des Schauspielerpaares Mary Jane „Polly“ Richards und Richard Horatio Edgar geboren und unmittelbar nach seiner Geburt von dem Londoner Fischhändler-Ehepaar Freeman adoptiert. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und brach im Alter von 12 Jahren die Schule ab. Nach diversen Jobs ging er als 18-Jähriger zur Armee und arbeitete sich im Zweiten Burenkrieg in Südafrika bis zum Kriegsberichterstatter hoch.
Nach seiner Rückkehr nach London arbeitete er als Journalist und Sonderberichterstatter. 1901, noch in Südafrika, heiratete er Ivy Maude Caldecott (1880?–1926), Tochter eines Missionars. Mit ihr hatte er vier Kinder. 1918 wurde die Ehe geschieden. 1921 heiratete er seine Sekretärin Ethel Violet King (1896–1933), Tochter des Bankiers Friedrich König, mit der er eine Tochter hatte.
1905 erschien im Eigenverlag sein erster Kriminalroman Die vier Gerechten (The Four Just Men), der zwar ein Publikumserfolg war, aber für Wallace ein finanzielles Desaster bedeutete. Er hatte jedem, der die Lösung des Buches erraten würde, einen Preis in Höhe von 500 Pfund versprochen, für damalige Zeiten eine ungeheure Summe: Zu viele Menschen errieten das Ende des Romans, und er war damit finanziell am Ende. Nur dem Eingreifen von Lord Harmworth von der Daily Mail war es zu verdanken, dass Wallace diese Pleite überstand. Bekannt wurde er vor allem durch seine journalistische Arbeit und seine Afrikaromane, deren erster 1911 unter dem Titel Sanders vom Strom (Sanders Of The River) erschien.
Wallaces berühmtester Krimi war Der Hexer (The Ringer), der als Theaterstück am 1. Mai 1926 uraufgeführt wurde und ein riesiger Erfolg war. In Deutschland fand die Erstaufführung 1927 am Deutschen Theater in Berlin unter der Regie von Max Reinhardt statt. Für die erste Verfilmung seines Romans The Squeaker (dt. Der Zinker, 1930) schrieb er nicht nur das Drehbuch, sondern führte auch selbst Regie.
Darüber hinaus verfasste er zahlreiche Kurzgeschichten, Essays, Gedichte und Theaterstücke. Ebenfalls begann er noch mit der Abfassung des Drehbuches für den später mit Fay Wray in der weiblichen Hauptrolle gedrehten Filmklassiker King Kong und die weiße Frau (King Kong, 1932), doch er verstarb in Beverly Hills, Hollywood/Kalifornien an den Folgen einer Lungenentzündung vor dessen Vollendung. Seine Frau Violet überlebte ihren Mann um nur 14 Monate, sie starb im Alter von 37 Jahren im April 1933.
In der Nähe der Fleet Street erinnert am „Ludgate Circus“ eine Gedenktafel an Edgar Wallace mit dem Text: Er lernte Reichtum und Armut kennen – er verkehrte mit Königen und doch blieb er sich selbst treu. Seine Talente widmete er der Literatur, doch sein Herz gehörte der Fleet Street.
Sein Sohn Bryan Edgar Wallace (Death Packs At Suitcase, 1961, dt. Der Tod packt seinen Koffer) und seine Tochter Penelope Wallace (Kensington Gore, 1985, dt. Eine feine Adresse, 1987) waren ebenfalls Kriminalschriftsteller.
Die Romane von Edgar Wallace wurden in vierundvierzig Sprachen übersetzt. Auch gab es nach dem 1959 gedrehten deutschen Spielfilm Der Frosch mit der Maske in den 1960er- und 1970er-Jahren einen regelrechten Edgar-Wallace-Boom in Deutschland mit 38 Wallace-Verfilmungen. Viele dieser Filme wurden mit dem Spruch „Hallo, hier spricht Edgar Wallace!“ eingeleitet. In den Filmen stellte Klaus Kinski oft den Verbrecher oder einen Verdächtigen dar. Zu weiteren Stammschauspielern der deutschen Serie gehörten auch Karin Dor, Eddi Arent, Joachim Fuchsberger, Siegfried Schürenberg und Heinz Drache. Auch in Großbritannien entstanden in dieser Zeit viele Romanverfilmungen, die jedoch in Deutschland kaum bekannt sind.
Der Apex-Verlag widmet Edgar Wallace eine umfangreiche Werk-Ausgabe.
DER ENGEL DES SCHRECKENS
ERSTER TEIL
Erstes Kapitel
Im Gerichtssaal herrschte völlige Stille. Die Geschworenen waren zurückgekehrt, und der Richter warf dem hochgewachsenen Angeklagten einen schnellen Blick zu. Dann legte er Akten und Papiere auf die linke Seite seines Tisches, ergriff einen Federhalter und schrieb einige Worte auf ein vor ihm liegendes Formular.
Eine atemlose Pause - jetzt nahm er die Kappe aus schwarzer Seide und setzte sie auf seine weiße Perücke.
»James Meredith, nach langer, sorgfältiger Untersuchung sind Sie des schwersten Verbrechens, des vorsätzlichen Mordes, für schuldig befunden worden. Ich stimme mit dem Urteil der Geschworenen völlig überein. Nach der Zeugenaussage der bedauernswerten Dame, mit der Sie verlobt waren, einer Aussage, die Sie hartnäckig als unwahr hinzustellen versuchten, besteht nicht der geringste Zweifel, dass Sie Ferdinand Bulford aus Eifersucht erschossen haben. Die Aussage Miss Briggerlands, Sie hätten den jungen Mann bedroht und sie selbst in einem Zustand maßloser Erregung verlassen, war nicht zu erschüttern. Ein unglücklicher Zufall wollte es, dass Sie mit Mr. Bulford vor der Tür Ihrer Verlobten zusammentrafen. In Ihrer wahnsinnigen Eifersucht schossen Sie ihn nieder.
Sie selbst haben behauptet, Ihr Besuch bei Miss Briggerland habe nur stattgefunden, um Ihre Verlobung mit der jungen Dame zu lösen. Sie haben weiterhin behauptet, diese Unterredung sei in jeder Beziehung ruhig verlaufen. Sie haben damit sagen wollen, Miss Briggerland habe bewusst einen Meineid geleistet, bewusst Ihre Verurteilung zum Tode herbeiführen wollen - eine ungeheuerliche Behauptung, die Sie durch die Verwandtschaft zwischen Ihnen und Miss Briggerland zu erklären versuchen: Miss Briggerland ist Ihre Cousine und würde durch Ihren Tod in den Besitz eines bedeutenden Vermögens gelangen! Diese abscheulichen Verdächtigungen Ihrer Braut reihen sich würdig an das schwere Verbrechen an, dessen Sie für schuldig befunden wurde, und ich muss sagen, dass ich selten in einen solchen Abgrund von Ehrlosigkeit und Niedertracht geblickt habe. Niemand, der das junge Mädchen auf der Zeugenbank gesehen hat, eine mitleiderregende und in ihrem Kummer so überzeugende Erscheinung, wird auch nur einen Augenblick Ihren phantastischen Erzählungen Glauben schenken.
Wer sollte Ferdinand Bulford denn getötet haben? Einen Mann, der in der ganzen Welt auch nicht einen Feind besaß? Alle Ihre Behauptungen geben keine Erklärung für den Tod dieses Mannes.
Ich habe Ihnen jetzt die Strafe zu verkünden, mit der das Gesetz Ihre Untat sühnt. Das von den Geschworenen vorgeschlagene Gnadengesuch wird der zuständigen Stelle zugeleitet werden...«
Dann verkündete er das Todesurteil, und der hochgewachsene Mann auf der Anklagebank lauschte, ohne dass sich ein Muskel seines Gesichtes bewegte.
Der Mord in der Berkley Street hatte seinen Abschluss gefunden, und als wenige Tage später mitgeteilt wurde, dass die Todesstrafe in lebenslängliches Zuchthaus umgewandelt worden war, gab es Zeitungen und Menschen, die von unangebrachter Milde sprachen. Würde James Meredith nicht vielleicht doch dem Henker überliefert worden sein, fragten sie, wenn er nicht der reiche, mächtige Mann, sondern nur ein armer Teufel gewesen wäre?
»Das ist also das Ende«, sagte Jack Glover, als er in Begleitung des hervorragenden Anwaltes, der seinen Freund verteidigt hatte, den Gerichtshof verließ. »Die kleine Dame hat gewonnen.«
Der Anwalt blickte ihn lächelnd von der Seite an.
»Seien Sie mal ehrlich, Glover. Glauben Sie denn wirklich, das arme Ding könnte so gemein lügen, wenn es um das Leben des Mannes geht, den sie liebt?«
»Liebt?«, wiederholte Jack Glover spöttisch.
»Ich glaube, Sie sind voreingenommen.« Der Rechtsanwalt schüttelte den Kopf. »Ich persönlich halte Meredith für nicht normal und glaube, dass die angebliche Unterredung mit dem jungen Mädchen nur in seiner Einbildung stattgefunden hat. Jean Briggerland hat einen sehr tiefen Eindruck auf mich gemacht. Sie ist - aber sehen Sie, da kommt sie ja gerade!«
Sie hatten das Portal des Justizpalastes erreicht. Ein großer Wagen stand am Bürgersteig, und einer der Gerichtsdiener öffnete einem jungen Mädchen in tiefem Schwarz den Schlag. Einen kurzen Augenblick sah man ein blasses, trauriges Gesicht von auffallender Schönheit, dann setzte sich das Auto in Bewegung.
Der Anwalt atmete tief auf.
»Wahnsinnig!«, sagte er heiser. »Der Mann muss wahnsinnig sein. Wenn ich jemals Unschuld und Reinheit in dem Gesicht einer Frau gesehen habe, dann in diesem hier.«
»Sie sind zu viel in der Sonne gewesen, Sir John – Sie fangen an, elegisch zu werden«, erwiderte Jack Glover grob, und der Anwalt hustete entrüstet.
Jack Glover hatte eine eigene Art, seinen Freunden Liebenswürdigkeiten zu sagen, selbst wenn diese Freunde zwanzig Jahre älter waren und allen Anspruch auf respektvolle Behandlung hatten.
»Wissen Sie, Glover«, sagte Sir John beleidigt, »manchmal sind Sie wirklich unmöglich.«
Aber Jack Glover war schon seiner Wege gegangen, die Hände in den Taschen und den Hut in den Nacken geschoben.
Der grauhaarige Mitinhaber der Firma Rennett, Glover & Simpson - einen Simpson gab es schon seit zehn Jahren nicht mehr - war im Begriff, das Büro zu verlassen, setzte sich aber wieder, als sein jüngerer Teilhaber erschien.
»Ich habe das Resultat schon durchs Telefon erfahren«, begann er. »Ellbery sagt, Berufung werde unmöglich sein. Das Gnadengesuch wird ja höchstwahrscheinlich bewilligt werden - es ist ja doch schließlich eine crime passionelle -, und wegen mörderischer Eifersucht wird man noch nicht gehängt. Die Aussage des Mädels hat ihm den Rest gegeben?«
Jack nickte.
»Und sie sah aus wie ein Engel - frisch aus dem Eisschrank«, rief er verzweifelt. »Ellbery hat ja alles Mögliche getan, um sie in Widersprüche zu verwickeln, aber der alte Narr ist ja auch schon in sie verliebt - als ich ihn verließ, schwärmte er von ihrer reinen Seele und ihren anderen, himmlischen Eigenschaften.«
»Sie hat eben gewonnen«, sagte Mr. Rennett. Aber Glover fuhr wütend auf.
»Noch nicht. Ehe nicht Jim Meredith tot oder...«
»Oder...«, wiederholte der alte Herr bedeutungsvoll. »Von dem Oder wollen wir lieber nicht sprechen, Jack. Er bekommt so sicher lebenslänglich, wie zwei mal zwei vier ist. Aber ich würde, weiß Gott, viel tun, um Jimmy zu helfen - ich würde sogar Geschäft und Ansehen aufs Spiel setzen!«
Jack Glover sah ihn verblüfft an.
»Großartig!«, sagte er bewundernd. »Ich hätte gar nicht gedacht, dass Sie so viel für Jimmy übrighaben.«
Mr. Rennett stand auf und zog sich die Handschuhe an. Das Erstaunen, das er hervorgerufen hatte, schien ihm nicht sehr angenehm zu sein.
»Sein Vater war mein erster Klient«, es klang beinahe entschuldigend. »Einer der besten Menschen, die je gelebt haben. Hatte erst spät geheiratet. Man kann ruhig sagen, dass der alte Meredith unsere Firma gerettet hat. Sehen Sie, Simpson und ich waren beinahe erledigt, als Meredith uns seine Vertretung übertrug. Das war dann der Wendepunkt. Ihr Vater, Jack, konnte wieder und immer wieder vom alten Meredith erzählen. Ich wundere mich eigentlich, dass er darüber nie zu Ihnen gesprochen hat.«
»Ich glaube, ich kann mich noch daran erinnern«, sagte Jack nachdenklich. »Und Sie würden wirklich alles tun, um Jimmy zu helfen?«
»Alles!«, sagte der alte Rennett kurz.
Jack Glover pfiff laut und unmelodisch vor sich hin.
»Ich sehe ihn morgen. Haben Sie übrigens gelesen, Rennett, dass kürzlich ein Mann aus dem Gefängnis in ein Privatkrankenhaus entlassen wurde, um sich einer kleinen Operation zu unterziehen? Im Parlament ist sogar deswegen interpelliert worden. Ist das eigentlich gebräuchlich?«
»Das lässt sich natürlich machen«, antwortete der alte Herr. »Warum?«
»Halten Sie es für möglich, dass wir Jim Meredith in einigen Monaten in ein Krankenhaus bringen können zu einer - sagen wir: Blinddarmoperation?«
»Leidet er denn an Blinddarmentzündung?«, fragte Rennett überrascht.
»Weiß ich nicht - aber er kann doch so tun«, versetzte Jack ruhig.
Rennett blickte unter seinen buschigen Augenbrauen hervor auf den jungen Mann.
»Ach so - Sie dachten an das Oder?«
Jack nickte.
»Es lässt sich machen - wenn er am Leben ist«, sagte nach kurzem Schweigen Rennett.
»Er wird leben«, prophezeite sein Teilhaber. »Aber die Hauptsache - wo soll ich das Mädel finden?«
Zweites Kapitel
Lydia Beale nahm die Papiere auf, die ihren Schreibtisch bedeckten, ballte sie zusammen und warf sie in das Kaminfeuer.
Es klopfte, und sie wandte sich lächelnd ihrer rundlichen Wirtin zu, die auf einem Tablett eine große Tasse Tee, zwei dicke Scheiben Brot, Butter und Marmelade hereinbrachte.
»Fertig, Miss Beale?« frage die Wirtin besorgt.
»Für heute, ja.« Das junge Mädchen stand auf und reckte die steifgewordenen Glieder.
Sie war beinahe einen Kopf größer als Mrs. Morgan. Die tiefblauen Augen und das feine, geistvolle Gesicht kamen von ihren keltischen Vorfahren, aber auch die Grazie ihrer Bewegungen und die schlanken, weißen Hände ließen die gute Rasse erkennen, der sie entstammte.
»Ich möchte es so gern mal sehen, wenn ich darf, Miss Lydia«, sagte Mrs. Morgan und wischte ihre Hände an der Schürze ab.
Lydia zog eine der Schubladen des Schreibtischs auf und nahm einen großen Bogen Papier heraus. Es war eine Bleistiftzeichnung. Bewundernd betrachtete Mrs. Morgan das Bild eines maskierten Mannes, der eine Horde Angreifer mit seiner Pistole im Schach hält.
»Das ist in der Tat wunderschön, Miss«, sagte sie begeistert. »Ob so was heute noch verkommt?«
Das junge Mädchen lachte und schloss die Zeichnung weg.
»Nur in den Geschichten, die ich illustrieren muss, Mrs. Morgan«, sagte sie trocken. »Heutzutage sehen die Räuber meistens aus wie Gerichtsbeamte und kommen mit Klagen und Zahlungsbefehlen. Aber die Zeichnung war tatsächlich eine Erholung für mich. Endlich einmal keine Modezeichnung, wie sonst immer. Wissen Sie, ich werde beinahe schon krank, wenn ich nur ein Damenmodengeschäft sehe.«
Mrs. Morgan schüttelte mitleidig den Kopf, und Lydia wechselte das Thema.
»Ist jemand hier gewesen?«
»Nur der junge Mann von Spadd & Newton«, erwiderte die dicke Frau seufzend. »Ich habe gesagt, Sie wären nicht da, aber ich kann so schlecht lügen.«
Das junge Mädchen stöhnte.
»Ob ich jemals mit all den Schulden zu Ende komme?«, fragte sie verzweifelt. »Ich habe genug Klagen und Zahlungsbefehle und Rechnungen, um das ganze Haus damit zu tapezieren, Mrs. Morgan.«
Vor drei Jahren war Lydias Vater gestorben, der wie ihr bester Freund gewesen war. Sie wusste, er war verschuldet, hatte aber keine Ahnung, wie groß seine Verpflichtungen waren. Einer der Gläubiger hatte sie am Tag nach der Beerdigung aufgesucht und anzügliche Bemerkungen über die Annehmlichkeiten eines Todes gemacht, der die Schulden George Beales mit einem Schlage wegwischte. Und diese rohe Bemerkung hatte genügt, um das junge Mädchen zu einem Schritt zu veranlassen, der ebenso töricht wie großmütig war. Sie hatte allen Gläubigern geschrieben, dass sie selbstverständlich für die Schulden ihres Vaters einstehen werde.
Das keltische Blut in ihr hatte sie getrieben, sich eine Last aufzubürden, die sie kaum tragen konnte, aber niemals hatte sie ihre vorschnelle Handlung bereut.
Einige Gläubiger hatten die schwierige Lage des jungen Mädchens erkannt und ließen sie in Ruhe, aber andere...
Als Mitarbeiterin der Moderedaktion des Daily Megaphone bezog Lydia ein ziemlich gutes Einkommen, aber sie hätte ein Ministergehalt haben müssen, um alle die Forderungen zu befriedigen, die einen Monat später an sie herantraten.
»Gehen Sie heute Abend aus, Miss?«
Lydia fuhr aus ihren unangenehmen Träumen auf.
»Ja, ich muss ein paar Zeichnungen von Carfews neuen Kostümen machen. Ich bin gegen zwölf zurück.«
Mrs. Morgan war schon in der Tür, als sie sich noch einmal umdrehte.
»Passen Sie auf, Miss Lydia. Eines schönen Tages werden Sie aus allen Sorgen heraus sein. Sie werden sehen, dass ich recht behalte. Ich wette, Sie heiraten einen sehr reichen jungen Mann.«
»Die Wette würden Sie verlieren, Mrs. Morgan«, antwortete Lydia. »Reiche junge Herren und arme junge Mädchen heiraten einander nur in den Geschichten, für die ich die Zeichnungen machen muss. Sollte ich wirklich einmal heiraten, dann vielleicht einen armen Menschen, der bald unheilbar krank wird und den ich dann bis an sein Ende pflegen muss. Und dann hasse ich ihn sicher so sehr, dass ich mit ihm nicht glücklich sein kann, aber er wird mir doch so leidtun, dass ich nicht weglaufen kann.«
Als Zeichen ihrer Missbilligung schnaufte Mrs. Morgan hörbar.
»Übrigens möchte ich auch gar nicht verheiratet sein«, fuhr Lydia lächelnd fort. »Erst muss ich mal alle meine Rechnungen bezahlen, und bis das soweit ist, bin ich eine alte, grauhaarige Frau mit einer Schute auf dem Kopf.«
Lydia hatte ihren Tee getrunken und stand - ziemlich spärlich bekleidet - in der Mitte des Zimmers, als Mrs. Morgan zurückkam.
»Ich habe das ganz vergessen, Miss. Ein Herr und eine Dame haben nach Ihnen gefragt.«
»Ein Herr und eine Dame? Wer denn?«
»Ich weiß nicht, Miss. Ich hatte mich gerade ein bisschen hingelegt, und das Mädchen hat geöffnet. Ich hatte ihr doch eingebläut, jedem Menschen zu sagen, Sie seien nicht zu Hause!«
»Haben sie keinen Namen genannt?«
»Nein, Miss. Sie haben nur gefragt, ob Miss Beale hier wohne und zu sprechen sei.«
»Hm«, Lydia zog die Brauen zusammen. »Ich möchte wissen, wieviel ich denen wieder schuldig bin.«
Sie dachte nicht weiter daran, bis sie auf dem Weg ins Theater in der Redaktion anrief und von dem Schriftleiter ihrer Abteilung erfuhr, dass nach ihr gefragt worden sei.
»Alte Freunde von Ihnen, wie es scheint. Ich war nicht da, und Brand sagte ihnen, Sie seien heute Abend im Erving-Theater. Wahrscheinlich werden Sie sie dort finden.«
»Aber wer war es denn?«, fragte sie.
»Keine blasse Ahnung«, war die Antwort.
Im Theater sah sie keinen Bekannten, wie neugierig sie auch um sich blickte. In den Pausen wurde sie auch von niemand angesprochen.
In der Reihe vor ihr, etwas nach rechts, saßen zwei Personen, die Lydia genau beobachteten, als sie hereinkam. Der Mann war Mitte Fünfzig, kahlköpfig und sehr dunkel - sein Gesicht hatte beinahe Kupferfarbe, obwohl er sicherlich Europäer war. Blaue Augen blickten wohlwollend durch starke Brillengläser, aber das Blau war so hell, dass der Kontrast zum Rot des glattrasierten Gesichtes es beinahe weiß erscheinen ließ.
Das junge Mädchen an seiner Seite war - auch für die kritischen Augen Lydias - von auffallender Schönheit. Ihr volles Haar schimmerte wie gesponnenes Gold. Es war nicht gefärbt, wie Lydia sofort feststellte. Ihre Gesichtszüge waren von seltener Ebenmäßigkeit. Die junge Zeichnerin glaubte niemals so wundervoll geschwungene Lippen gesehen zu haben. Auf der ganzen Erscheinung lag eine solche Frische und natürliche Unschuld, dass Lydias Herz sich sogleich der schönen Unbekannten zuwandte und sie den Vorgängen auf der Bühne kaum folgen konnte. Das junge Mädchen schien übrigens ein ähnliches Interesse für sie selbst zu empfinden, denn Lydia überraschte sie, wie sie sich zweimal nach ihr umwandte. Wer konnte sie wohl sein? Sie war mit erlesenem Geschmack gekleidet und trug eine kostbare Platinkette mit Smaragden.
Es bedurfte einer wirklichen Anstrengung, um Lydias Gedanken zur Bühne zurück und an ihre Arbeit zu bringen. Mit wenigen, geschickten Strichen skizzierte sie die Kostüme und vergaß im Augenblick die bezaubernde Fremde.
Nach Schluss der Vorstellung betrat sie das Vestibül und zog den abgetragenen Mantel dichter über ihre zarten Schultern. Die Nacht war rau, und ein scharfer Westwind trieb die dicken, weißen Schneeflocken bis in die große Halle. Die glücklicheren Theaterbesucher schritten über die schmutzige Straße und stiegen in die wartenden Wagen; dann fuhren die Taxis in endloser Reihe vor - ein Türenzuschlagen, ein Stimmendurcheinander, bis sich die Menge schließlich zerstreut hatte.
»Taxi, Miss?«
Lydia schüttelte den Kopf. Der Bus war gut genug für Sie, aber schon zwei waren vollbesetzt an ihr vorbeigefahren, und sie begann ungeduldig zu werden. Jetzt fuhr ein besonders elegantes Taxi an den Bürgersteig heran.
Der Chauffeur beugte sich aus dem Wagen und rief: »Ist Miss Beale hier?«
Das junge Mädchen fuhr überrascht zusammen und ging auf den Wagen zu.
»Ich bin Miss Beale.«
»Ich komme von Ihrem Verlag.«
Der Leiter des Megaphone hatte sich schon verschiedene Extravaganzen geleistet. Er hatte über ihre Zeichnungen Ansichten zum besten gegeben, bei deren Erinnerung sie heute noch schauderte. Mitten in der Nacht hatte er sie wecken lassen, um sie als Zeichnerin auf einen Maskenball zu beordern. Aber noch niemals hatte er sich so aufmerksam gezeigt, ihr ein Taxi zu schicken. Trotzdem überlegte sie nicht lange, sondern stieg ein.
Die Scheiben waren mit halbgeschmolzenem Schnee bedeckt, der schon seit Stunden fiel. Undeutlich sah sie die Straßenlichter an sich vorbeihuschen - der Wagen musste sehr schnell fahren. Sie rieb mit ihrem Handschuh die Scheibe, versuchte hinauszublicken und wollte das Fenster herunterlassen. Es ließ sich nicht bewegen. Jetzt sprang sie auf und klopfte zornig an die vordere Scheibe, um die Aufmerksamkeit des Chauffeurs auf sich zu lenken. Sie hatte sich nicht geirrt, als sie glaubte, über eine Brücke zu fahren, aber - zur Fleet Street kam man über keine Brücke.
Wenn der Chauffeur auch ihr Klopfen hörte, so beachtete er es doch nicht. Wütend klopfte sie von neuem gegen die Scheibe, sie war nicht ängstlich, aber über alle Maßen empört. Und auf einmal kam die Angst. Sie kam, als sie den Wagenschlag zu öffnen versuchte und feststellte, dass er von der Außenseite verschlossen war. Sie steckte ein Streichholz an und sah, dass die Fensterrahmen festgeschraubt waren - das Loch, in dem die Schraube saß, war frisch und der Schraubenkopf neu und glänzend.
Lydia hatte keinen Schirm - sie nahm nie einen ins Theater mit - und als Waffe nichts anderes als einen Füllfederhalter. Vielleicht ließ sich das Fenster mit dem Fuß zertrümmern. Als sie sich aber zurücklehnte, fand sie, dass das nicht so einfach war, wie sie glaubte. Sie gab ihr Vorhaben auf. Und jetzt wich auf einmal die sinnlose Furcht von ihr, sie wurde kühl und ruhig. Eine Entführung? Das war ja lächerlich. Aber was sollte das alles bedeuten? Der Chauffeur hatte ihren Namen genannt. Vielleicht wollte der Schriftleiter sie in seiner Wohnung sprechen, die irgendwo im Süden Londons war, wie sie sich erinnerte. Das würde ja alles erklären. Und doch sagte ihr eine innere Stimme, dass etwas Ungewöhnliches vor sich ging, dass ihr eine unangenehme Erfahrung bevorstand. Sie versuchte gegen diesen Gedanken anzukämpfen, aber er ließ sich nicht verdrängen.
Von neuem rüttelte sie an der Türklinke, dann fiel ihr ein leichter Lichtschein auf, der in den Wagen drang, und sie blickte durch das kleine hintere Fenster. Nur wenige Meter hinter dem Taxi sah sie zwei Scheinwerfer. Ein großer Wagen folgte, dessen Umrisse sie beim Schein einer Straßenlampe sehen konnte.
Sie mussten sich auf einer der Straßen nach den Vororten befinden. Auf der linken Seite sah sie Bäume vorbeifliegen, dann einen langen, grauen Zaun. Jetzt schoss der große Wagen an ihnen vorbei, und bald sah sie verzweifelt sein Schlusslicht in der Dunkelheit verschwinden. Bevor sie sich aber klarwerden konnte, was eigentlich vorging, hatte er gestoppt und sich quer über den Weg gestellt. Das Taxi musste plötzlich halten, und sie flog gegen die vordere Scheibe. Undeutlich bemerkte sie zwei Gestalten, hörte sprechen, und dann wurde die Tür aufgerissen.
»Wollen Sie bitte aussteigen, Miss Beale«, sagte eine angenehme Stimme; sie gehorchte mit schwankenden Knien. Zwei Männer standen an der Seite des Taxichauffeurs. Der eine trug einen langen Regenmantel, der bis ans Kinn zugeknöpft war.
»Sie können zu Ihren Freunden zurückkehren und ihnen erzählen, dass sich Miss Beale in guter Hut befindet«, sagte er zu dem Fahrer. »Und dann können Sie Ihrem Schutzpatron ein oder zwei Kerzen spenden, als Dank, dass Sie selbst noch am Leben sind.«
»Ich habe wirklich keine Ahnung, was Sie eigentlich wollen«, erwiderte der Mann verdrossen. »Ich soll die Dame hier zu ihrem Büro bringen.«
»Seit wann wird denn das Daily Megaphone in diesem schönen Vorort gedruckt?«, fragte der andere höflich.
Dann wandte er sich dem jungen Mädchen zu und zog den Hut.
»Kommen Sie bitte, Miss Beale. Ich kann Ihnen eine angenehmere Fahrt versprechen, wenn ich auch keine Garantie übernehmen kann, dass ihr Abschluss weniger überraschend sein wird.«
Drittes Kapitel
Der Mann, der die Wagentür aufgerissen hatte, stand schon in vorgerücktem Alter und war untersetzt. Freundlich ergriff er den Arm des jungen Mädchens, und ohne ein weiteres Wort folgte sie ihm zum vorderen Wagen.
»Fein, Rennett!«, sagte der Mann im Regenmantel. »Alle Achtung, die Leute sind gerissen.«
»Niedertracht hat mir noch nie Bewunderung eingeflößt«, erwiderte der andere ablehnend, und der junge Mann, der Lydia gegenübersaß, lachte laut auf.
»Sie sollten das von einem objektiven Standpunkt aus betrachten, alter Freund. Ich kann mir nicht helfen, ich muss die Leute bewundern. Ich gebe zu, dass ich einen Schreck bekam, als mir klar wurde, dass Miss Beale das Taxi nicht gerufen, sondern dass man es ihr so bequem vor die Tür gestellt hatte, aber - ich kann die Leute nur bewundern.«
»Was soll das alles bedeuten?«, fragte das junge Mädchen verständnislos. »Ich bin vollkommen verwirrt - wo fahren wir jetzt hin? Zum Büro?«
»Ich fürchte, Sie werden heute Nacht nicht mehr in Ihr Büro kommen«, versetzte der junge Mann ruhig, »und es ist mir gleichfalls unmöglich, Ihnen zu erklären, warum Sie eigentlich entführt wurden.«
»Entführt?«, wiederholte das junge Mädchen ungläubig. »Wollen Sie damit sagen, dass der Mann...«
»Er fuhr mit Ihnen nach außerhalb und würde Sie wahrscheinlich an irgendeinem einsamen, gottverlassenen Platz abgesetzt haben. Ich glaube kaum, dass er etwas gegen Sie selbst im Schilde führte - die Leute laufen kein unnötiges Risiko, es kam ihnen vielmehr in erster Linie darauf an, Sie, Miss Beale, für diese Nacht aus dem Weg zu schaffen. Wie die eigentlich darauf gekommen sind, dass unsere Wahl gerade auf Sie gefallen ist, begreife ich nicht. Was sagen Sie dazu, Rennett?«
»Ihre Wahl ist auf mich gefallen?«, wiederholte das junge Mädchen verblüfft. »Wirklich, meine Herren, glauben Sie nicht auch, dass ich berechtigt bin, eine Erklärung zu verlangen? Wenn es Ihnen recht ist, wäre es mir lieber, Sie brächten mich zu meinem Büro. Ich muss nämlich an meine Stellung denken«, fügte sie bitter hinzu.
»Sechs Pfund zehn Schilling pro Woche, und dann noch ein paar Extra-Pfund für Illustrationen«, sagte der Mann im Regenmantel. »Glauben Sie mir, Miss Beale, bei dem Gehalt werden Sie niemals Ihre Schulden bezahlen, und wenn Sie hundert Jahre alt werden.«
Sie starrte ihn sprachlos an.
»Sie scheinen meine Privatangelegenheiten recht genau zu kennen«, sagte sie kühl.
»Genauer, als Sie denken.«
Sie glaubte, ihn in der Dunkelheit lächeln zu sehen, aber seine Stimme klang so freundlich und um Entschuldigung bittend, dass sie sich nicht beleidigt fühlen konnte.
»Im letzten Jahr lagen neununddreißig vollstreckbare Urteile gegen Sie vor, und in dem davor siebenundzwanzig. Sie leben von genau dreißig Schilling pro Woche, und der Rest geht an die Gläubiger Ihres Vaters.«
»Sie sind - Sie sind...«, begann sie hitzig.
»Bitte, Miss Beale, bleiben Sie ruhig. Darf ich mich übrigens vorstellen? Mein Name ist Glover - Jack Glover in Firma Rennett, Glover & Simpson. Der Herr an Ihrer Seite ist Mr. Charles Rennett, der Seniorteilhaber der Firma. Wir sind, wenn ich so sagen darf, eine ganz bekannte Anwaltsfirma, aber wie lange das nun noch der Fall sein wird, das hängt einzig und allein von Ihnen ab.«
»Von mir?« Das junge Mädchen war ehrlich überrascht. »Offen gestanden habe ich eigentlich nicht besonders viel für Rechtsanwälte übrig, und...«
»Kann ich sehr gut begreifen«, murmelte Mr. Glover.
»Selbstverständlich liegt mir nicht daran, Sie mit Ihren Kompagnons auseinanderzubringen.«
»Die Angelegenheit ist doch bedeutend ernster«, warf Mr. Rennett, der an ihrer Seite saß, ein. »Die Sache verhält sich folgendermaßen. Wir handeln, ich sage Ihnen das ohne weiteres, in jeder Beziehung wider Recht und Gesetz. Berichten Sie Einzelheiten über das, was wir vorhaben, der Polizei, so bedeutet das sicheren Ruin für uns. Sie werden jetzt schon sehen, dass das ganze Abenteuer für uns, wenigstens in diesem Augenblick, bedeutend wichtiger ist als für Sie. So, da wären wir!«, schnitt er weitere Fragen des jungen Mädchens ab.
Der Wagen bog in eine schmale Auffahrt ein, fuhr durch eine lange Allee hoher Bäume und hielt dann vor dem Portal eines großen Hauses, das sich im gleichen Augenblick öffnete.
Rennett war ihr beim Aussteigen behilflich und führte sie in eine große, getäfelte Diele.
»Bitte hier entlang. Darf ich vorausgehen?«
Er öffnete eine Tür, und sie fand sich in einem großen, wundervoll ausgestatteten Salon, den zwei prachtvolle silberne Kronleuchter erhellten.
Zu ihrer Erleichterung kam ihr eine ältere Dame entgegen.
»Meine Frau, Miss Beale«, sagte Rennett. »Muss ich hinzufügen, dass Sie sich in meinem Haus befinden?«
»Ihr habt also die junge Dame wirklich gefunden«, sagte Mrs. Rennett freundlich lächelnd. »Und was sagt nun Miss Beale zu eurem Vorschlag?«
In diesem Augenblick kam der junge Glover herein. Er hatte seinen Mantel abgelegt und erwies sich als typisches Beispiel der sportlichen englischen Jugend. Aber er sah gut aus, wie Lydia mit weiblicher Inkonsequenz bemerkte, und in seinen Augen lag ein Ausdruck, der Vertrauen einflößte. Er nickte lächelnd zu Mrs. Rennett hinüber und wandte sich dann an Lydia.
»Ich weiß nicht, Miss Beale, ob ich Ihnen die nötigen Aufklärungen zu geben habe oder ob mein Kollege es vorzieht, mir diese Unannehmlichkeit zu ersparen.«
»Ich nicht - auf keinen Fall«, rief der ältere Mann hastig. »Ich halte es für das beste«, wandte er sich seiner Frau zu, »wir lassen Jack Glover mit der jungen Dame allein; er kann dann in Ruhe mit ihr sprechen.«
»Ja, aber habt ihr denn Miss Beale noch gar nichts gesagt?«, fragte Mrs. Rennett überrascht, und Lydia musste unwillkürlich lachen, obwohl sie nicht dazu aufgelegt war.
Die möglichen Unannehmlichkeiten im Büro, diese abenteuerliche Entführung und jetzt noch dies neue Geheimnis, das alles zusammen genügte, um auch die ruhigsten Nerven aufzuwühlen.
Glover wartete, bis sich die Tür hinter den beiden geschlossen hatte. Er stand eine Zeitlang vor dem Feuer, biss sich unruhig auf die Lippen und blickte überlegend auf den Teppich.
»Ich weiß wirklich nicht, wie ich beginnen soll, Miss Beale«, sagte er. »Und jetzt, da ich Ihre Bekanntschaft gemacht habe, rührt sich mein Gewissen doppelt und dreifach. Das Beste ist, ich fange von vorne an. Sie haben doch von dem Bulford-Mord gehört?«
Das junge Mädchen starrte ihn an. »Bulford-Mord?«, wiederholte sie ungläubig, und er nickte. »Ja, natürlich, den Fall kennt doch jeder.«
»Dann habe ich es, Gott sei Dank, nicht nötig, Ihnen die einzelnen Umstände auseinanderzusetzen«, sagte Jack Glover.
»Ich weiß nur«, unterbrach das junge Mädchen, »dass Mr. Bulford von einem Mr. Meredith erschossen wurde, der eifersüchtig auf Bulford war, und dass Mr. Meredith sich seiner Braut gegenüber abscheulich benommen hat.«
»Ganz richtig«, nickte Glover, in dessen Augen es belustigt aufflackerte. »Mit anderen Worten - Meredith wehrte sich energisch gegen die Behauptung, eifersüchtig gewesen zu sein, und schwor, dass er die Verlobung mit Miss Briggerland bereits aufgehoben und nicht die geringste Ahnung von den Beziehungen zwischen Bulford und Miss Briggerland gehabt habe.«
»Das sagte er ja nur, um sein Leben zu retten«, entgegnete Lydia ruhig. »Miss Briggerland hat doch beschworen, dass eine derartige Entlobung nie stattgefunden hat.«
Glover nickte.
»Was Sie aber nicht wissen, Miss Beale«, begann er mit tiefem Ernst, »ist folgendes: Jean Briggerland ist die Cousine Merediths und wird, falls sich nicht ganz bestimmte Dinge ereignen, ungefähr sechshunderttausend Pfund von Meredith erben. Ich muss Ihnen gleich sagen, dass Meredith einer meiner besten Freunde ist. Man hat ihn zu lebenslänglichem Zuchthaus begnadigt, aber deshalb bleibt er doch mein Freund. So genau, wie ich weiß, dass Sie mir hier gegenübersitzen, so genau weiß ich im Übrigen, dass Meredith den armen Bulford nicht getötet hat. Meiner Meinung nach war alles eine abgekartete Geschichte, um den Tod oder die Gefängnisstrafe meines Freundes herbeizuführen - und Mr. Rennett denkt wie ich. Es ist Tatsache, dass Meredith mit dem Mädchen verlobt war, er erfuhr aber verschiedene Dinge über sie und ihren Vater, die nicht zu ihren Gunsten sprachen. So schön sie ist, wirklich geliebt hat er sie nie - er ist, ich kann das ruhig sagen, eingefangen worden. Als er sah, wie sich die Dinge zuspitzten, ging er an jenem Abend zu ihr, um die Verlobung aufzuheben.«
Lydia hatte einigermaßen verdutzt diese ausführliche Erzählung angehört.
»Ich sehe aber immer noch nicht ein, was das alles mit mir zu tun hat.«
»Kann ich mir denken«, nickte Glover, »ich werde Ihnen jetzt aber einen anderen Teil dieser Geschichte erzählen, einen Teil, der der großen Masse unbekannt geblieben ist. Merediths Vater war ein etwas exzentrischer alter Herr, der viel von dem Sprichwort Jung gefreit... und so weiter hielt. Sein Testament enthielt die Bestimmung, dass sein ganzes Vermögen an seine Schwester oder deren Erben gehen solle, falls Meredith nicht bis zu seinem dreißigsten Geburtstag verheiratet wäre. Seine Schwester war die schon seit längerer Zeit verstorbene Mrs. Briggerland. Ihre Erben sind ihr Mann und ihre Tochter - Miss Briggerland.«
Er schwieg, und das junge Mädchen blickte nachdenklich ins Kaminfeuer.
»Wie alt ist Mr. Meredith?«
»Morgen, Montag, wird er dreißig«, erwiderte Glover ruhig, »und er müsste sich bis dahin verheiraten.«
»Im Gefängnis?«
Er schüttelte den Kopf.
»Wäre das möglich gewesen, so hätten wir schon die nötigen Schritte unternommen, aber der Justizminister hat eine dahingehende Anfrage unberücksichtigt gelassen und sich geweigert, die Erlaubnis zu einer derartigen Trauung zu geben. Ich muss seinen Gründen übrigens zum Teil beipflichten - vergessen Sie nicht: Meredith verschwindet für zwanzig Jahre hinter Gefängnismauern.«
»Ja - aber dann...«, begann Lydia.
»Lassen Sie mich Ihnen die Sachlage etwas verständlicher machen«, sagte Glover mit dem ihm eigenen kleinen Lächeln. »Glauben Sie mir, Miss Beale, unser Plan erscheint mir jetzt, wo ich vor Ihnen stehe, längst nicht mehr so gut wie vorher. Gesetzt den Fall...«, er sprach kühl, beinahe geschäftsmäßig, »es wäre uns möglich, James Meredith morgen früh hierherzubringen... würden Sie ihn heiraten?«
»Ich?«, fuhr Lydia hoch. »Einen Mann heiraten, den ich nie gesehen habe, und noch dazu einen Mörder?«
»Meredith ist kein Mörder«, versetzte er ruhig.
»Aber das ist... das ist unmöglich«, rief sie. »Warum denn gerade ich?«
Er schwieg einen Augenblick.
»Als wir uns zu diesem Plan entschlossen hatten, suchten wir jemand, dem eine solche Heirat Vorteil bringen würde. Rennett kam auf den Gedanken, die Akten der Londoner Gerichtshöfe zu durchstöbern, um auf diese Weise ein junges Mädchen zu finden, das in großen Geldnöten wäre. Es gibt kein sichereres Mittel, finanzielle Schwierigkeiten aufzudecken, als die Terminregister und Akten der Gerichtshöfe zu studieren. Wir fanden vier junge Damen, aber nur eine kam für unseren Zweck in Frage - und diese eine waren Sie. Bitte, hören Sie mir noch einen Augenblick zu«, bat er, als sie widersprechen wollte. »Wir haben genaue Erkundigungen über Sie eingezogen, leider zu genaue, denn die Briggerlands rochen Lunte und sitzen uns schon seit einer Woche auf der Fährte. Wir wissen, dass Sie nicht verlobt sind, dass Sie die für Sie große Schuldenlast Ihres Vaters auf sich genommen haben und dass Sie weder Verwandte noch Freunde besitzen - von den Kollegen in Ihrem Büro abgesehen. Hier ist der Vorschlag, den wir Ihnen machen, und glauben Sie mir bitte, Miss Beale, ich komme mir recht erbärmlich vor, dass gerade ich es sein muss, der Ihnen dieses Angebot macht: Sie erhalten bis an Ihr Lebensende eine jährliche Rente von fünftausend Pfund, außerdem sofort die Summe von zwanzigtausend Pfund und die feste Zusicherung, dass Sie vom Augenblick der Heirat an niemals - ich sage noch einmal: niemals - von Ihrem Gatten belästigt werden.«
Lydia hörte dies alles wie in einem Traum - es war zu unwahrscheinlich. Gleich würde sie aufwachen und Mrs. Morgan mit einer Tasse Tee und einem Teller ihrer unverdaulichen Kuchen neben ihrem Bett stehen sehen. So etwas gibt es doch gar nicht, sagte sie sich, und doch - da stand ein junger Mann, mit dem Rücken zum Feuer, der ihr im alltäglichen Ton einen Vorschlag machte, der in das Reich der Romantik - und einer recht unwahrscheinlichen dazu - gehörte.
»In meinem Kopf wirbelt alles durcheinander«, sagte sie schließlich. »Das muss doch erst überlegt werden, und wenn Mr. Meredith im Gefängnis ist...«
»Mr. Meredith ist nicht mehr im Gefängnis«, unterbrach sie Glover. »Vor zwei Tagen wurde er in ein Krankenhaus eingeliefert, um sich dort einer leichten Operation zu unterziehen und - er ist jetzt hier im Haus.«
Sie konnte ihn nur mit offenem Mund anstarren, und Jack fuhr fort: »Die Briggerlands wissen, dass er entflohen ist; sie nahmen wahrscheinlich an, dass er hier sei, denn wir hatten die Polizei heute Nachmittag hier, die das ganze Grundstück sorgfältig durchsuchte. Scotland Yard weiß natürlich, dass Rennen und ich die juristischen Berater Merediths waren, aber wir waren auf den Besuch der hohen Obrigkeit vorbereitet. Wie es möglich war, dass er nicht entdeckt wurde, gehört ja nicht hierher. Und nun, Miss Beale, wie ist Ihre Antwort? Entscheiden Sie sich bitte möglichst rasch!«
»Ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll«, versetzte Lydia hilflos. »Ich muss träumen, und wenn ich genug Mut hätte, um mich tüchtig zu kneifen, würde ich aufwachen. Und doch möchte ich gar nicht aufwachen. Die ganze Sache ist so verlockend phantastisch, so unmöglich.«
Er lächelte.
»Kann ich Mr. Meredith sehen?«
»Nicht vor morgen früh. Ich möchte noch hinzufügen, dass alle Vorbereitungen für eine Trauung getroffen sind. Die Erlaubnis zu einer Eiltrauung ist in unseren Händen, und morgen früh acht Uhr - nebenbei bemerkt, sind Trauungen vor acht und nach drei Uhr in England nicht gültig - wird ein Pastor hier sein, um die Zeremonie vorzunehmen.«
Ein langes Schweigen folgte. Lydia hatte die Ellbogen auf die Knie und den Kopf in die Hände gestützt. Glover blickte ernst und mitleidig auf sie hinunter und verwünschte sich selbst, dass er es sein musste, der diesem jungen Mädchen einen so unerhörten Plan vorzuschlagen hatte. Endlich sah sie auf.
»Ich nehme an«, sagte sie leise, »aber - in der Zahl der Urteile gegen mich haben Sie sich geirrt. In den letzten zwei Jahren waren es dreiundsiebzig - und ich möchte keinen Anwalt mehr hören und sehen.«
»Ich danke Ihnen«, war Jack Glovers höfliche Antwort.
Viertes Kapitel
Die ganze Nacht hindurch saß Lydia in dem kleinen Schlafzimmer, das ihr Mrs. Rennett zur Verfügung gestellt hatte, und dachte - grübelte - überlegte. Vergeblich hatte sie versucht zu schlafen und war dann im Zimmer auf und ab gelaufen, vom Fenster zur Tür, von der Tür zum Fenster. Ihre Gedanken hatten sich noch nie ernsthaft mit einer Heirat befasst, und eine solche wie die ihr vorgeschlagene würde keine besonderen Schrecken für sie gehabt haben, wenn das Vorspiel dazu weniger aufregend gewesen wäre. Die Aussicht, nur dem Namen nach Frau zu sein, der Gedanke, dass ihr Gatte die nächsten zwanzig Jahre im Kerker verleben würde, beunruhigte sie jedoch nicht. Warum - wusste sie nicht, aber sie glaubte Jack Glover, dass Meredith unschuldig sei.
Sie fragte sich, was Mrs. Morgan wohl sagen werde und welche Erklärung sie im Büro geben könne. Die Arbeit dort war ihr nicht sehr ans Herz gewachsen, sie würde sie mit Vergnügen aufgeben und sich ernsthaft dem Kunststudium widmen. Fünftausend Pfund im Jahr! Sie könnte in Italien leben, bei den berühmtesten Malern studieren, ein eigenes Auto haben - die Möglichkeiten waren ja beinahe unbeschränkt. Aber was waren die Nachteile?
Sie zuckte die Achseln, als sie sich diese Frage zum hundertsten Male vorlegte. Ja, welche Nachteile könnte es da geben? Eine andere Heirat war allerdings ausgeschlossen, aber sie wollte ja gar nicht heiraten. Sie gehörte nicht zu denen, die sich leicht verlieben, war viel zu unabhängig und nüchtern dazu, kannte die Männer und ihre Schwächen nur zu gut.
»Der liebe Gott hat mich zur alten Jungfer bestimmt«, sagte sie halblaut.
Um sieben Uhr morgens - welch ein trüber und trauriger Morgen, dachte Lydia, als sie zum Fenster hinausblickte - brachte ihr Mrs. Rennett eine Tasse Tee.
»Ich glaube, Sie haben überhaupt nicht geschlafen, arme Kleine«, sagte die alte Dame mit einem Blick auf das unberührte Bett. »Ich kann Ihnen das nachfühlen.«
Sie legte ihre Hand auf den Arm des jungen Mädchens und drückte ihn mitleidig.
»Es ist nicht leicht für Sie und für uns auch nicht.« Sie lächelte ein wenig. »Ich befürchte, wir alle werden die größten Unannehmlichkeiten haben.«
Den gleichen Gedanken hatte auch Lydia, als ihr die düstere Schilderung Glovers einfiel.
»Wird es nicht sehr ernsthafte Folgen für Sie haben, wenn die Polizei herausbekommt, dass Sie bei einer Flucht mitgeholfen haben?«
»Flucht, mein liebes Kind?« Mrs. Rennetts Gesicht war eine Maske. »Ich habe nichts von einer Flucht gehört. Wir wissen nur, dass der arme Mr. Meredith in Erwartung der Erlaubnis des Justizministers alle nötigen Vorbereitungen für eine Trauung in unserem Haus getroffen hat. Wie Mr. Meredith hierhergekommen ist, entzieht sich vollkommen unserer Kenntnis«, sagte die diplomatische alte Dame, und Lydia musste unwillkürlich lachen.
Langsam beendete sie ihre Toilette, und Punkt acht klopfte Mrs. Rennett zum zweiten Mal an die Tür.
»Man wartet auf Sie«, sagte sie leise mit zitternden Lippen; ihr Gesicht war sehr bleich.
Aber Lydia war jetzt die Ruhe selbst; ihr Entschluss war gefasst.
Im Salon warteten vier Herren; zwei waren ihr bekannt: Glover und Rennett. Den dritten erkannte Lydia an seiner geistlichen Kleidung. Ihre ganze Aufmerksamkeit richtete sich jetzt auf den vierten, einen hochgewachsenen Mann, unrasiert, mit kurzgeschnittenem Haar, Gesicht und Körper so abgemagert, dass sein Anzug an ihm zu hängen schien. Ihre erste Empfindung war Widerwillen, Abscheu, aber dann kam ein tiefes Mitleid über sie - James Meredith schien schwer krank zu sein. Er wandte sich ihr zu, als sie hereinkam, blickte sie forschend an und kam ihr mit ausgestreckter Hand entgegen.
»Miss Beale? Es tut mir leid, unter derartig peinlichen Verhältnissen Ihre Bekanntschaft zu machen. Glover hat Ihnen die Sachlage auseinandergesetzt?«
Sie nickte.
Seine tiefliegenden Augen hielten sie wie in einem magnetischen Bann.
»Die Einzelheiten und Bedingungen sind Ihnen klar? Glover hat Ihnen mitgeteilt, warum diese Heirat stattfinden muss? Glauben Sie mir bitte«, fügte er leiser hinzu, »ich bin Ihnen unendlich dankbar, dass Sie auf meine Wünsche eingegangen sind.«
Ohne ein weiteres Wort an sie wandte er sich dem Geistlichen zu.
»Wir können beginnen«, sagte er einfach.
Die Zeremonie erschien dem jungen Mädchen so unwahrscheinlich, dass ihr deren Bedeutung nicht einmal zum Bewusstsein kam, als sich ein Ring - er war viel zu groß, denn Glover hatte ihn nach Gutdünken gewählt - über ihren Finger schob. Sie kniete nieder, um den feierlichen Segen zu empfangen. Dann stand sie mühsam auf und blickte ihren Gatten mit starren Augen an.
»Ich glaube... ich werde ohnmächtig?«
Jack Glover fing sie gerade noch auf und trug sie zum Sofa. Als sie wieder zu sich kam, hatte sie die verworrene Idee, dass jemand versucht habe, sie zu hypnotisieren; sie öffnete die Augen und blickte in das ernste Gesicht Merediths, der sich über sie beugte.
»Fühlen Sie sich jetzt besser?«, fragte er ängstlich. »Ich befürchte, die letzten vierundzwanzig Stunden waren zu aufregend für Sie, und geschlafen haben Sie ja auch nicht, wie Mrs. Rennett uns erzählte. - Auf jeden Fall werden Sie heute Nacht sicherlich besser schlafen als ich«, fügte er lächelnd hinzu. Dann wandte er sich an Rennett, der unruhig seinen Bart strich und ihn ernsthaft und ängstlich beobachtete. »Mr. Rennett, in Gegenwart der hier anwesenden Zeugen muss ich Ihnen mitteilen, dass ich aus dem Krankenhaus entflohen bin, in dem ich durch die Milde des Justizministers Aufnahme gefunden hatte. Als ich Ihnen mitteilte, dass ich gleichfalls die Erlaubnis erhalten hätte, heute Morgen hierherzukommen, um mich in Ihrem Hause trauen zu lassen, sprach ich die Unwahrheit.«
»Ich bedaure, das hören zu müssen«, erwiderte Rennett höflich. »Es ist selbstverständlich meine Pflicht, Mr. Meredith, Sie der Polizei zu übergeben.«
Das gehörte alles zum Spiel. Lydia beobachtete mit gespanntem Interesse den Vorgang; sie wusste, jedes Wort, jede Handlung war sorgfältig überlegt, um Rennett und Glover die Anklage der Beihilfe zu ersparen.
Rennett hatte kaum zu Ende gesprochen, als laut und ungestüm an die Haustür geklopft wurde. Jack Glover eilte in die Halle, um zu öffnen. Es war nicht die Polizei, die er erwartet hatte. Eine junge Dame, bis zu den Augen in einen Pelzmantel gehüllt, stand vor ihm. Sie stieß Jack beiseite, flog durch die Halle und betrat den Salon.
Lydia stand zitternd neben Mrs. Rennett, als die unerwartete Besucherin hereinkam und langsam die Knöpfe ihres Pelzes öffnete. Überrascht fuhr Lydia zusammen. Es war das schöne junge Mädchen, das sie am letzten Abend im Theater gesehen hatte.
»Was verschafft uns das Vergnügen?«, fragte Glovers Stimme spöttisch.
»Ich verlange meinen Verlobten - Meredith«, sagte sie kurz.
Glover lachte leise.
»Verlangt haben Sie ihn schon seit recht langer Zeit, Miss Briggerland - das kann ich begreifen. Sie kommen leider etwas zu spät.«
Ihre Augen blickten auf den Geistlichen.
»Zu spät?«, sagte sie langsam. »Er ist also schon verheiratet?«
Sie biss sich auf die Lippen und nickte, dann blickte sie Lydia an. Ihre blauen Augen waren ausdruckslos.
Meredith war verschwunden. Verzweifelt blickte Lydia um sich. War er der Polizei entgangen, um sich selbst zu stellen? Plötzlich fiel ein Schuss. Der Knall musste aus dem Garten kommen.
Glover rannte hastig durch die große Halle zur Tür. Es schneite, kein Mensch war zu sehen. Er lief den Weg hinunter, der parallel mit dem Haus lief, dann um die Ecke ging und in vielen Windungen durch das dichte Gehölz zu einem kleinen Schuppen führte. Plötzlich blieb Jack entsetzt stehen. Dicht vor ihm lag ein Mann mit ausgestreckten Armen in einer Blutlache, seine Hand umklammerte eine Pistole.
Mit einem unterdrückten Aufschrei beugte sich Jack über den Liegenden.
Es war James Meredith - tot!
Fünftes Kapitel
Jack Glover hörte Schritte und sah einen Mann auf sich zukommen, der den Detektiv deutlich erkennen ließ. Er wandte sich ab und sah schweigend auf den Leichnam zu seinen Füßen, als der Mann neben ihn trat.
»Wer ist das?«, fragte der Beamte scharf.
»James Meredith«, antwortete Jack einfach.
»Tot?«, rief der andere. »Hat er Selbstmord begangen?«
Jack antwortete nicht und beobachtete den Inspektor, der eine kurze und schnelle Untersuchung der Leiche vornahm. Die Kugel war durch die linke Schläfe eingedrungen, die Pulverspuren waren deutlich auf dem stillen Gesicht zu sehen.
»Sehr unangenehme Sache, Mr. Glover«, begann der Beamte ernst. »Können Sie eine Erklärung für die Anwesenheit des Mannes hier geben?«
»Er kam hierher, um sich zu verheiraten. Das überrascht Sie, wie es scheint, aber es verhält sich tatsächlich so. Er ist vor noch nicht zehn Minuten getraut worden. Wenn Sie mit mir ins Haus kommen wollen, werde ich Ihnen alles Nähere erklären können.«
Der Detektiv zögerte, aber in diesem Augenblick erschien einer seiner Kollegen am Schauplatz, und Jack führte ihn durch einen Nebeneingang in Mr. Rennetts Arbeitszimmer.
Der Anwalt schien sie dort erwartet zu haben; er war allein.
»Wenn ich mich nicht irre, sind Sie Inspektor Colhead von Scotland Yard«, sagte Glover.
»Ganz richtig«, nickte der Beamte. »Aber, unter uns gesagt, Mr. Glover, würde ich an Ihrer Stelle keine Aussagen machen, die Sie nicht später öffentlich wiederholen können.«
Mit einem leisen Lächeln erkannte Jack die Bedeutung dieser Warnung und begann, die Vorgänge zu beschreiben.
»Ich kann Ihnen nur sagen«, war seine Antwort auf eine weiterte Frage, »dass Mr. Meredith heute Morgen um drei Viertel acht das Haus betreten und sich Mr. Rennett zur Verfügung gestellt hat. Um acht Uhr, wie Sie selbst wissen, teilte Mr. Rennett Scotland Yard telefonisch mit, dass sich Mr. Meredith in seinem Hause befinde. In der Zwischenzeit ließ er sich trauen.«
»War denn gerade ein Pfarrer da?«, fragte ihn der Beamte sarkastisch.
»Ja, ein Pfarrer war gerade da«, erwiderte Jack ruhig, »weil ich es veranlasst hatte. Ich wusste, Mr. Meredith würde hierherkommen, falls dies im Bereich der Möglichkeit läge, und kannte seinen Wunsch zu heiraten. Die Gründe wird Ihnen mein Kompagnon auseinandersetzen.«
»Haben Sie ihm bei der Flucht geholfen? - Eine derartige Frage sollte ich eigentlich nicht stellen«, sagte der Detektiv lächelnd.
Jack schüttelte den Kopf.
»Ich kann Ihnen in völliger Aufrichtigkeit die Antwort geben, dass ich damit ebenso wenig zu tun hatte wie der Justizminister, als er Meredith die Erlaubnis gab, ein Krankenhaus aufzusuchen.«
Bald darauf ging der Beamte zum Schuppen im Garten zurück, und die beiden Herren waren allein.
»Nun«, sagte Rennett mit schwankender Stimme. »Was ist eigentlich passiert?«
»Er ist tot!«
»Selbstmord?«
Jack sah ihn bedeutungsvoll an.
»Hat damals Bulford Selbstmord begangen?«
»Und wo steckt der - Engel?«
»Mit Mrs. Rennett und Miss Beale im Salon.«
»Mrs. Meredith«, verbesserte Jack ruhig.
»Das bedeutet natürlich noch mehr Schwierigkeiten«, sagte Rennett, »aber ich glaube, wir werden uns so einigermaßen herauswickeln können, wenn auch die Geschichte recht schwarz aussieht.«
Sie fanden die drei Damen im Salon. Lydia, sehr blass, kam ihnen entgegen.
»Was ist vorgefallen?« Sie glaubte die Antwort in seinem Gesicht zu lesen. »Er ist doch nicht tot?«, fragte sie stockend.
Jack nickte, aber seine Augen lagen die ganze Zeit auf dem anderen jungen Mädchen. Die Winkel ihrer wundervollen Lippen hatten sich schmerzvoll gesenkt, und in ihren Augen lag ein Ausdruck von tiefem Kummer, der ihm den Atem raubte.
»Hat er sich erschossen?«, fragte sie leise.
Jack sah sie kühl an.
»Das einzige, was ich genau weiß, Miss Briggerland«, Lydia fuhr bei dem grausamen Ton seiner Stimme zusammen, »ist, dass - Sie ihn nicht erschossen haben.«
»Wie können Sie es wagen?«, fuhr Jean Briggerland auf. Die leichte Röte auf ihren Wagen war das einzige Zeichen ihrer Erregung.
»Wagen? - Ich kann noch mehr wagen«, erwiderte Jack kurz. »Sie fragten mich, ob es sich um Selbstmord handelt, und ich antworte Ihnen, dass dies nicht der Fall ist - es ist Mord! James Meredith wurde tot aufgefunden, seine rechte Hand umklammerte eine Pistole. Die Kugel drang in die linke Schläfe ein, und wenn Sie mir erklären können, wie irgendein Mann, der eine Schusswaffe in normaler Weise hält, dies fertigbringen kann, will ich Ihrer Selbstmordtheorie beipflichten.«
Ein langes, tödliches Schweigen.
»Und außerdem«, fuhr Jack mit einem leichten Achselzucken fort, »hatte der arme Meredith keine Pistole.«
Jean Briggerland stand mit gesenkten Augen und zusammengepressten Lippen da. Dann blickte sie auf.
»Ich kann Ihre Gefühle begreifen, Mr. Glover«, sagte sie sanft. »Kann sehr gut verstehen, dass Sie mich hassen müssen, wenn Sie so schreckliche Dinge von mir glauben.«
Ihre Lippen zitterten, ihre Stimme klang heiser vor tiefem Kummer. »Ich habe James Meredith geliebt«, sagte sie leise, »und er liebte mich.«
»Er liebte Sie so sehr, dass er eine andere heiratete.« Jacks Stimme klang eisig. Lydia war empört.
»Mr. Glover«, begann sie vorwurfsvoll, »halten Sie es für angebracht, derartige Dinge zu sagen, wenn der arme Mr. Meredith dort draußen liegt - tot?«
Langsam drehte sich Jack ihr zu, und in seinen Augen lag eine Härte, die sie für unmöglich gehalten hätte.
»Miss Briggerland hat Ihnen soeben mitgeteilt, dass ich sie hasse«, sagte er bedächtig, »sie hat die reine Wahrheit gesprochen: Ich hasse sie derartig - Sie können das gar nicht verstehen, Mrs. Meredith.« Er legte besonderen Nachdruck auf die letzten beiden Worte, und Lydia zuckte zusammen. »Und eines Tages, falls die... hm... Umstände mich verschonen...«
»...Umstände... verschonen«, warf Jean Briggerland ein. »Ich verstehe Sie nicht, Mr. Glover - was wollen Sie damit sagen?«
Glover lachte, aber es war kein angenehmes Lachen.
»Vielleicht doch«, versetzte er kurz. »Und was den armen Jim betrifft, der Sie - so sehr liebte... nun, das werden Sie ja selbst am besten wissen. Ich bemühe mich, Ihnen gegenüber möglichst höflich zu sein und nicht zu sehr meine Befriedigung sehen zu lassen, dass Sie zu spät kamen, um diese Heirat zu verhindern! Soll ich Ihnen sagen, warum Sie zu spät kamen?« Seine Augen blitzten auf. »Weil ich mit dem Geistlichen von St. Peter heute Morgen neun Uhr vereinbart hatte. Ich wusste genau, Sie und Ihre kleine Armee von Spionen würden dies herausfinden und Sorge tragen, vor diesem Zeitpunkt hier zu sein. Aber ich, Miss Briggerland, wandte mich an einen guten Freund in Oxford, und heute Morgen, Punkt acht Uhr, war er an Ort und Stelle; er war nämlich schon gestern Abend hier eingetroffen.«
Sie sah ihn schweigend an, ohne etwas von der Entrüstung merken zu lassen, die nach Lydias Meinung sehr berechtigt gewesen wäre.
»Ich hatte nicht den Wunsch, diese Heirat zu verhindern«, sagte das junge Mädchen leise. »Wenn Jim es vorzog, sich in dieser Weise mit jemand zu verheiraten, der ihn nicht kannte, so kann ich nichts anderes tun, als seine Wahl anerkennen. Es tut mir so sehr leid, Mrs. Meredith, dass diese Tragödie in Ihr Leben kommen musste. Darf ich Ihnen ein größeres Glück wünschen als das, das Sie bisher fanden?«
Gerührt von der unverkennbaren Aufrichtigkeit und zu gleicher Zeit durch Glovers Rauheit etwas verletzt, ergriff Lydia die warme, kleine Hand, die sich ihr entgegenstreckte. Sie war froh, einen mitfühlenden Menschen gefunden zu haben.
»Auch mir tut es leid«, sagte sie mit schwankender Stimme. »Vielleicht mehr, als Sie ahnen.«
Jean Briggerland senkte die Augen, und wieder zuckten ihre Lippen. Dann wandte sie sich ab, zog den Mantel um sich und verließ ohne ein weiteres Wort den Salon.
Es war schon Mittag, als Rennetts Wagen Mrs. Lydia Meredith vor der Tür ihrer Wohnung absetzte.
Mrs. Morgan hatte die Sorge um ihre junge Mieterin beinahe von Sinnen gebracht, und sie vergoss Freudentränen, als sie Lydia vor sich sah.
»Oh, Miss, Sie können sich ja nicht denken, was ich mir für
Sorgen gemacht habe«, stieß sie hervor, »und vom Büro hat man geschickt, wo Sie stecken. Ich dachte schon, Sie wären überfahren worden, und das Daily Megaphone hat in allen Krankenhäusern angefragt und...«
»Ich glaube, ich bin wirklich überfahren worden«, sagte Lydia erschöpft. »Mein armer Verstand hat unter den Rädern von wenigstens einem Dutzend Bussen gelegen, und meine Seele musste hundert Zusammenstöße durchmachen.«
Mrs. Morgan starrte sie verständnislos an. Der Sinn für Vergleiche ging ihr ab.
»Es ist alles in Ordnung, Mrs. Morgan«, rief Lydia über ihre Schulter zurück, als sie die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufging. »Ich meinte das nur so - ich habe ein paar recht aufregende Stunden hinter mir und - was ich noch sagen wollte, ich heiße Meredith.«
Mrs. Morgan fiel auf einen Stuhl in der kleinen Halle.
»Meredith?«, sagte sie ungläubig. »Aber ich kannte Ihren Vater und...«
»Ich habe mich verheiratet, das ist alles«, sagte Lydia bitter. »Sie haben mir erst gestern erzählt, dass ich eine sehr romantische Heirat haben würde, aber in Ihren wildesten Träumen würden Sie sich niemals die tolle, verzweifelte Heirat vorstellen können, die ich heute eingegangen bin. Ich lege mich jetzt hin.« Sie blieb auf dem Treppenabsatz stehen und sah auf die behäbige Frau, die sprachlos zu ihr hinaufstarrte. »Wenn jemand nach mir fragt, ich bin nicht zu Hause. Aber halt - dem »Megaphone« können Sie mitteilen, dass ich sehr spät nach Hause gekommen und zu Bett gegangen bin. Ich würde morgen ins Büro kommen und alles erklären.«
»Aber Miss«, stammelte die Frau, »Ihr Mann...«
»Mein Mann ist tot«, versetzte das junge Mädchen ruhig. Sie fühlte, ihre Worte klangen herzlos, aber sie konnte beim besten Willen nicht Kummer zeigen, wenn sie keinen fühlte. »Und wenn der Mensch von dem Rechtsanwalt wiederkommt, sagen Sie ihm bitte, dass ich morgen früh zwanzigtausend Pfund in meinen Händen habe.« Mit diesen Worten schloss sie die Tür hinter sich und ließ die arme Mrs. Morgan sprachlos auf ihrem Stuhl in der Diele sitzen.
Sechstes Kapitel
Die polizeiliche Durchsuchung des Hauses und Gartens von Dulwich Grange, Mr. Rennetts Besitzung, nahm den ganzen Vormittag in Anspruch. Weder Mr. Rennetts noch Jacks Unterstützung wurde verlangt oder angeboten.
Kurz vor dem Lunch kam Inspektor Colhead zu ihnen in das Arbeitszimmer.
»Wir haben Ihr Grundstück genau durchsucht, und ich glaube, wir wissen jetzt, wo sich Meredith verborgen hielt.«
»Wirklich?«, fragte Mr. Rennett höflich.
»In der Hütte da hinten im Garten bewahren Sie, wie ich annehme, gewöhnlich Geräte und Werkzeuge auf. Jetzt ist sie ja leer, aber einer meiner Leute entdeckte, dass sich der ganze Boden aufheben lässt. Er bewegt sich in Scharnieren und wird durch Gegengewichte geöffnet und geschlossen.«
Mr. Rennett nickte.
»Das stimmt - jetzt erinnere ich mich«, sagte er kühl. »Der frühere Besitzer hatte dort seinen Wein untergebracht. Im Hause haben wir ja keine Keller, wie Sie wissen. Ich trinke keinen Wein und hatte niemals Gelegenheit, den Keller zu benutzen.«
»Und dort hat er sich versteckt. Wir fanden Decken und Kissen. Es muss ganz sicher ein Weinkeller gewesen sein, denn ein Luftschacht führt nach oben in die Büsche. Wir hätten das Versteck nie gefunden, wenn nicht einer meiner Leute gefühlt hätte, wie sich eine Ecke des Bodens unter seinen Füßen bewegte.«
Ein kurzes Schweigen.
»Noch etwas«, sagte der Detektiv langsam. »Ich komme nach und nach zu der Überzeugung, dass Meredith nicht Selbstmord begangen hat. Wir fanden ganz frische Fußspuren, die an der Rückseite des Schuppens entlangliefen.«
»Großer oder kleiner Fuß?«, fragte Jack hastig.
»Ein ziemlich großer Fuß«, versetzte der Detektiv. »Ein Schuh mit Gummiabsätzen. Wir konnten die Spuren bis zu einem Gitter am Ende des Grundstückes verfolgen, und das Gitter ist erst kürzlich geöffnet worden - wahrscheinlich von Mr. Meredith, als er hierherkam. Ein sehr merkwürdiger Fall, Mr. Rennett.«
»Und was für eine Pistole ist es?«
»Die ist auch neu«, antwortete Colhead. »Belgische Marke, und wie ich annehme, ist es ausgeschlossen, den Käufer aufzuspüren. Man kann ja die belgischen Feuerwaffen in jedem Laden, in jeder Stadt, in Ostende und Brüssel kaufen, und ich glaube, die Verkäufer sind nicht einmal angewiesen, die Nummern aufzuschreiben.«
»Es ist also dieselbe Art Waffe wie die, mit der Bulford getötet wurde«, sagte Jack ruhig.
Colhead zog die Brauen in die Höhe.
»Ganz richtig, aber wurde nicht nachgewiesen, dass es Mr. Merediths eigene Waffe war?«
Jack schüttelte den Kopf.
»Das einzige, was nachgewiesen wurde, war, dass er jemanden auf der Straße liegen sah und die Pistole aufgehoben hatte, die neben dem Toten lag. Der Schuss fiel, als Meredith die Tür von Mr. Briggerlands Haus öffnete. Dann sah er den Mann auf der Straße liegen und hob die Waffe auf. In dieser Stellung befand er sich, als Miss Briggerland, deren Aussage Meredith so schwer belastete, aus der Tür trat und ihn erblickte.«
Der Detektiv nickte.
»Ich hatte mit dem Fall nichts zu tun, erinnere mich aber, die Waffe gesehen zu haben, die mit der Pistole von heute Morgen tatsächlich völlig übereinstimmt. Ich werde mal mit dem Chef sprechen und Sie wissen lassen, wie er über die ganze Sache denkt. Sie werden natürlich bei der Leichenschau als Zeuge zu erscheinen haben.«
Als er gegangen war, blickten sich die beiden an.
»Na, Rennett, was denken Sie? Werden wir in die Tinte geraten, oder können wir uns mit einem kleinen Meineid retten?«
»Zu einem Meineid, wenigstens zu einem ernsthaften, liegt kaum Veranlassung vor«, erwiderte der andere bedächtig. »Da fällt mir übrigens ein - wo steckte denn Briggerland in der Nacht, als Bulford ermordet wurde?«
»Als sich Miss Briggerland von ihrem Schrecken erholt hatte, ging sich nach oben und weckte ihren Vater, der trotz der frühen Stunde schon im Bett lag und fest schlief. Als die Polizei auf der Bildfläche erschien, oder vielmehr, als der Detektiv, dem die Angelegenheit übergeben wurde, ankam - und seit dem Zeitpunkt des Mordes musste schon eine beträchtliche Anzahl Minuten verstrichen sein -, fand man Mr. Briggerland in einem malerischen Schlafrock und einem nicht weniger malerischen Pyjama.«
»Und sicher furchtbar entsetzt?«, sagte Rennett trocken.
Jack schwieg eine Zeitlang.
»Wissen Sie, Rennett, dass ich mir um das junge Mädchen viel mehr Sorgen mache als um die Folgen, die die Sache für uns haben kann?«
»Von welchem jungen Mädchen sprechen Sie denn?«
»Von Mrs. Meredith. Solange der arme Jim noch lebte, war sie verhältnismäßig sicher. Aber sind Sie sich schon darüber klargeworden, dass die Vorteile, die für uns ins Gewicht fielen, nämlich, dass sie keinerlei Verwandte hatte, die bedauernswerte junge Dame heute in recht schwere Gefahr bringen?«
»Das hatte ich vergessen«, versetzte Rennett nachdenklich. »Und das Testament, das Meredith heute Morgen aufsetzte, bevor er sich verheiratete, macht die Sache noch viel schwieriger.«
Jack pfiff.
»Ein Testament?«, wiederholte er überrascht.
Sein Kompagnon nickte.
»Sie erinnern sich doch, dass wir hier eine halbe Stunde zusammen gesessen haben. Er bestand darauf, ein Testament zu machen. Zeugen waren meine Frau und Bolton.«
»Und wem hat er sein Geld vermacht?«
»Alles, ohne Ausnahme, seiner Frau. Der arme Kerl war so versessen darauf, dass nicht ein Penny in die Hände der Briggerlands käme. Lieber wollte er sein ganzes Vermögen einem Mädchen anvertrauen, das er noch nie gesehen hatte.«
Jack blickte sehr ernsthaft.
»Und die Briggerlands sind die nächsten Erben! Haben Sie sich klargemacht, was das bedeutet? - Das wird verteufelt gefährlich!«
Mr. Rennett nickte.
»Das habe ich mir auch schon gesagt.«
Jack ließ sich in einen Sessel fallen, und sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Der Ältere störte seinen Gedankengang nicht. Plötzlich heiterte sich Jacks Gesicht auf.
»Jaggs!«, sagte er leise.
»Jaggs?«, wiederholte der andere verblüfft.
»Jaggs«, nickte Jack. »Der ist der richtige Mann. Wir müssen uns auf den Standpunkt unserer gerissenen Gegner stellen, und Jaggs ist der geeignetste Mann für so etwas.«
Mr. Rennert blickte ihn verständnislos an.
»Glauben Sie, dass Jaggs uns auch von unseren Unannehmlichkeiten befreien könnte?«, fragte er ironisch.
»Auch das bekommt er fertig«, antwortete Jack.
»Dann lassen Sie ihn möglichst bald kommen. Ich habe so eine Ahnung, als ob ihm eine recht lebhafte Zeit bevorstünde.«
Siebtes Kapitel
Kurz nach neun Uhr betrat Jean Briggerland ihr Haus in der Berkeley Street. Sie klingelte nicht, sondern öffnete selbst mit ihrem Schlüssel und ging direkt in das Speisezimmer, wo sie ihren Vater mit einer Zeitung vor sich beim Frühstück fand.
Es war der dunkelhäutige Mann, den Lydia im Theater gesehen hatte. Er blickte über seine goldene Brille hinweg, als Jean hereinkam.
»Du warst schon zeitig unterwegs!«
Sie antwortete nicht, legte bedächtig ihren Pelzmantel über eine Stuhllehne, nahm das kleine Hütchen ab und warf es auf den Tisch. Dann setzte sie sich, stützte das Kinn in die Hand und sah nachdenklich ihren Vater an.
»Nun, Kleine?« Mr. Briggerland strahlte sie durch die Brillengläser an. »Der arme Meredith hat also Selbstmord verübt?«
Sie antwortete nicht, aber ihre Augen blickten unbeweglich auf das Gesicht ihres Vaters.
»Sehr bedauerlich, äußerst bedauerlich«, Mr. Briggerland schüttelte traurig den Kopf.
»Wie hat sich die Sache eigentlich abgespielt?«, fragte sie plötzlich.
Mr. Briggerland zog die Schultern hoch.
»Ich weiß nichts, kann ja auch nur vermuten. Vielleicht floh er bei deinem Anblick in sein Versteck, das in der Nacht von Leuten, die sich dafür... hm... interessieren, gefunden worden war, und beging dort diese übereilte, folgenschwere Tat. Ich hatte irgendwie die feste Überzeugung, dass er zum Schuppen laufen würde.«
»Und wartetest dort auf ihn?«
Er lächelte.
»Ein ganz einwandfreier Selbstmord, meine Liebe.«
»So? - Schuss in die linke Schläfe, und die Pistole hielt er in der rechten Hand!«
Mr. Briggerland erschrak.
»Verdammt! Wer hat das bemerkt?«
»Der nette junge Rechtsanwalt - Glover heißt er.«
»Hat die Polizei es auch gesehen?«
»Das kann man wohl annehmen, denn er hat sie darauf aufmerksam gemacht.«
Mr. Briggerland nahm die Brille ab und putzte sorgfältig die Gläser.
»Es ging alles so schnell - ich musste doch durch die Gartentür laufen, um noch rechtzeitig mit der Polizei an der Vordertür zu sein. Aber sie hatten den Schuss gehört und waren schon in das Haus eingedrungen. Das lässt sich nun nicht ändern, und niemand weiß, dass ich überhaupt im Garten war. Dass ich mit dem Ergreifen eines entflohenen Sträflings etwas zu tun hatte, kommt ja sowieso nicht in die Zeitungen.«
»Aber über den Selbstmord wird geschrieben werden«, sagte Jean. »Nein, ich kann auch nicht annehmen, dass die Polizei den Namen des Mannes erwähnen wird, der ihr mitteilte, dass James Meredith in Dulwich Grange sein werde.«
Mr. Briggerland lehnte sich in den Stuhl zurück und sah finster drein.
»Man kann doch auch nicht an alles denken«, brummte er.
Dann stand er auf, ging zur Tür, verschloss sie und nahm aus einem Fach seines Schreibtisches eine kleine Pistole. Er überzeugte sich sorgfältig, dass sie keine Patrone enthielt, stellte sich vor den Spiegel und versuchte, die Mündung mit der rechten Hand auf die linke Schläfe zu setzen. Als er fand, dass dies unmöglich war, brummte er ärgerlich vor sich hin. Dann legte er den Daumen auf den Abzug, während der Kolben sich gegen die Handfläche stützte. Hier hatte er mehr Erfolg.
»So geht’s«, sagte er zufrieden. »Es kann auf diese Weise ausgeführt worden sein.«
Jean schauderte nicht vor dem Schauspiel zurück, das ihr Vater darbot. Den Kopf in die Hand gestützt, beobachtete sie jede seiner Bewegungen mit größtem Interesse. Wie sie ihm zusah und zuhörte, hätte er ihr ebenso gut einen neuen Rückschlag beim Tennis erklären können.
Mr. Briggerland setzte sich wieder an den Tisch und strich sich bedächtig ein Brötchen.
»Alle Welt geht dies Jahr nach Cannes«, begann er, »aber ich denke, wir bleiben bei Monte Carlo. Wir können dort auch ganz ruhig leben, namentlich, wenn wir eine Villa in den Bergen, nicht zu dicht bei der Bahnlinie, finden können. Ich habe Mordon schon gestern gesagt, dass er mit dem neuen Wagen vorausfahren und uns in Boulogne erwarten soll. Mordon ist von dem Wagen ganz begeistert. Eine nette telefonische Verbindung mit dem Fahrer, elektrische Heizung und...«
»Meredith war verheiratet!«
Wenn sie eine Bombe auf ihn geworfen hätte, würde das kaum einen so ungeheuren Eindruck gemacht haben wie diese drei Worte. Er starrte sie an und stieß sich vom Tisch zurück.
»Verheiratet?« Seine Stimme überschlug sich.
Sie nickte.
»Das ist eine Lüge«, brüllte er, »eine verdammte Lüge.« All seine süßliche Zuvorkommenheit war verschwunden, sein Gesicht verzerrte sich vor Wut und färbte sich noch dunkler. »Verheiratet - du verlogene kleine Bestie! Er konnte nicht verheiratet sein! Es war ja kaum acht Uhr vorbei, und der Geistliche wurde um neun erwartet. Ich drehe dir den Hals um, wenn du versuchst, mir einen Schreck einzujagen. Ich hab’ dir das schon mal gesagt...«
Er tobte und brüllte wie ein Besessener. Jean hörte schweigend und unbewegt zu.
»Er wurde Punkt acht von einem Geistlichen getraut, den sie aus Oxford hatten kommen lassen und der die Nacht im Hause zugebracht hat«, unterbrach sie ihn mit größter Ruhe. »Es hat gar keinen Wert, dich in eine solche Aufregung hineinzusteigern. Ich habe den Pfarrer gesehen und auch die junge Frau gesprochen.«
Jetzt wandelte sich der Rasende in einen jammernden, erbärmlichen Greis. Seine Augen standen voller Tränen, sein Kinn zitterte, und die fleischigen Hände auf dem weißen Tischtuch flogen wie im Fieber.
»Was sollen wir denn nun machen?«, jammerte er. »Mein Gott, Jean, was soll aus uns werden?«
Sie stand auf, ging zu dem Buffet an der Wand, goss ein Weinglas halb voll Whisky und brachte es ihm - alles, ohne ein Wort zu sagen. Sie war an diese Anfälle gewöhnt und auch an ihren Abschluss. Jean war weder gekränkt noch überrascht oder abgestoßen. Dieses blasse, zarte Wesen war stärker als er. Sie glich einem großen Chirurgen, dem Mitleid, wenigstens im Operationszimmer, fremd ist.
»Du wirst deine Reise nach Monte Carlo aufgeben müssen«, sagte sie, als er begierig den Whisky schlürfte.
»Wir haben jetzt alles verloren«, stammelte er. »Alles!«
»Das junge Mädchen, oder vielmehr die junge Frau, hat nicht einen Verwandten«, sagte Jean bedeutungsvoll. »Ihre nächsten Erben sind - wir!«
Er setzte das Glas nieder, blickte sie scharf an und war sofort wieder der freundliche, zuvorkommende ältere Herr.
»Kleine«, rief er begeistert, »du bist wirklich ein Wunder. Es tut mir leid, dass ich mich so kindisch betragen habe. Was schlägst du also vor?«
»Schließ erst mal die Tür auf. Ich möchte das Mädchen rufen.«
Während er zur Tür ging, drückte sie auf den Klingelknopf, und bald erschien eine ältere Frau, die Jean Kammerzofen-Dienste leistete.
»Suchen Sie mir bitte den kleinen Smaragdring, die Perlenkette und die Brillantnadel heraus und packen Sie alles mit Watte in eine kleine Schachtel.«
»Ja, Madame«, sagte die Frau und ging hinaus.
»Was willst du denn machen, Jean?«, fragte ihr Vater.
»Ich will die Schmucksachen an Mrs. Meredith schicken«, erwiderte das junge Mädchen kühl. »Geschenke, die ich von ihrem Gatten erhalten hatte. Nach dem tragischen Ende meines Traumes fühle ich, dass ich den Anblick dieser Schmuckstücke nicht länger ertragen kann.«
»Aber du hast doch die Sachen gar nicht von ihm. Meredith schenkte dir doch nur die Kette. Warum gutes Geld wegwerfen?«
»Ich weiß ganz genau, dass die Schmucksachen nicht von ihm stammen, und habe gar nicht die Absicht, gutes Geld wegzuwerfen«, sagte sie geduldig. »Erstens wird Mrs. Meredith alles wieder zurücksenden, und dann werde ich Gelegenheit haben, ein paar - freundliche Worte über Jack Glover zu äußern... und darauf warte ich nur.«
Bald darauf ging sie in ihren hübschen, kleinen Salon im ersten Stock und schrieb einen Brief.
Liebe Mrs. Meredith!
Ich sende Ihnen die wenigen Kleinigkeiten, die ich in glücklicheren Tagen von James erhalten habe. Es ist alles, was ich von ihm habe, und Sie als Frau werden verstehen, wieviel die Schmuckstücke für mich bedeuten, wenn auch ihr Besitz viele schmerzliche Erinnerungen in mir wachrief. Ich wünschte, ich könnte mich von den Erinnerungen ebenso schnell frei machen wie von den Andenken, die ich Ihnen übersende (ich habe die Empfindung, dass sie nicht mehr mein, sondern Ihr Eigentum sind), aber ich wünschte noch mehr, dass ich die Veranlassung, die Mr. Glover zu meinem bitteren Feind gemacht hat, ungeschehen machen könnte.
Wenn ich daran zurückdenke, sehe ich ein, dass auch ich schuld hatte, aber ich bin überzeugt, Sie werden mir Ihr Mitgefühl nicht versagen, wenn Ihnen die Wahrheit bekannt ist. Ich war ein junges Ding, sehr unerfahren - namentlich in dem Verkehr mit Herren - und habe den Aufmerksamkeiten, die mir Mr. Glover erwies, vielleicht zu viel Bedeutung beigelegt und sie zu scharf zurückgewiesen. Damals hielt ich es noch für unverzeihlich, wenn ein junger Mann, der sich als James’ besten Freund ausgab, dessen Braut mit Liebesanträgen verfolgte. Heute weiß ich, dass so etwas sehr häufig vorkommt und dass unsere modernen jungen Mädchen nichts dabei finden. Aber ein Mann wird schwerlich einer Frau vergeben, die ihm seine närrische Torheit vorgehalten hat - das ist der eine unverzeihliche Fehler, den sich ein junges Mädchen nie zuschulden kommen lassen darf. Aus diesem Grund kränkte mich Mr. Glovers Feindschaft nicht so sehr, wie Sie vielleicht annehmen könnten.
Glauben Sie mir, bitte, dass ich in diesen schweren Tagen mit Ihnen fühle. Ich möchte Ihnen noch einmal sagen, dass ich von ganzem Herzen eine glückliche Zukunft für Sie erhoffe.
Ihre Jean Briggerland
Sie steckte den Brief in einen Umschlag, schrieb die Adresse und nahm sich dann ein Buch aus einem reichlich gefüllten Bücherregal.
Als ihr Vater eine Stunde später hereinkam, saß sie vor dem Kaminfeuer und las eifrig. Er blickte über ihre Schulter und brummte unwillig, als er den Titel des Buches zu Gesicht bekam.
»Ich begreife nicht, wie du dich mit solchen Büchern abgeben kannst.«
Es war der zweite Band des bekannten Werkes Berühmte Verbrecher. Jean blickte lächelnd auf.
»Das begreifst du nicht? Und die Erklärung liegt doch auf der Hand. Es ist eines der - lehrreichsten Werke meiner Sammlung.«
»Lebensläufe ganz gemeiner Verbrecher«, knurrte er. »Ihre ekelhaften letzten Worte, wie sie hingerichtet wurden - puh!«
Sie blickte lächelnd auf das Buch in ihrem Schoß. Der weiße Rand der Seiten war mit Anmerkungen in ihrer Handschrift bedeckt.
»Ganz hervorragende Denkaufgaben«, sagte sie. »Jeden einzelnen Fall habe ich durchstudiert und danebengeschrieben, wie der Verbrecher Entdeckung oder Verhaftung hätte vermeiden können. Aber die Leute waren ja alle so phantasielos und so erschreckend dumm. Die Polizei jener Zeit brauchte sich wirklich nichts darauf einzubilden, so dumme Verbrecher gefasst zu haben. Und mit unseren modernen Verbrechern ist es genau dasselbe...«
Von einem anderen Regal nahm sie zwei starke Bände herunter, die Zeitungsausschnitte enthielten.
»Gott, wie dumm - jeder von ihnen«, wiederholte sie, als sie die Seiten überflog.
»Auch die Klugen werden manchmal gefasst«, bemerkte Briggerland düster.
»Niemals.« Jean klappte das Buch energisch zu. »In England, Frankreich, Amerika, beinahe in jedem zivilisierten Lande laufen heutzutage Mörder herum; Mörder, denen der größte Respekt erwiesen wird; Mörder, deren Verbrechen der Polizei unbekannt geblieben sind. Aber nun hör mal zu!« Sie schlug das Buch wieder auf. »Hier ist der Fall Rell; der Mann brachte einen unbequemen Gläubiger mit Rattengift um. Die ganze Stadt wusste, dass er Rattengift gekauft hatte, jedermann wusste, dass er verschuldet war. Welche Chance hatte Rell, unbestraft zu bleiben? Und hier Jewelville - er tötete seine Frau, vergräbt sie im Keller und lenkt die Aufmerksamkeit auf sich, indem er ausreißt. So unglaublich dumm! Was haben wir hier? - Gordon, der seine
Schwägerin umbringt - sie war hoch versichert; am helllichten Tage kauft er Gift, und dann findet man noch das Fläschchen in seiner Tasche. Solche Leute verdienen doch nichts anderes, als gehängt zu werden.«
»Wenn du doch, um Himmels willen, nur nicht vom Hängen reden wolltest«, sagte Briggerland kläglich. »Du bist unmenschlich - wirklich, Jean, du bist...«
»...ein Engel«, lachte sie, »und ich kann es dir beweisen. Ich habe genug Zeitungsausschnitte, die das behaupten! Der Daily Recorder brachte eine ganze Spalte über mich, mein Äußeres, mein Auftreten als Zeugin - bei der Verhandlung gegen James Meredith, weißt du!«
Er sah den Brief auf dem Schreibtisch liegen und nahm ihn auf.
»Du hast also doch an die Dame geschrieben! Schickst du ihr die Schmucksachen?«
Sie nickte.
»Du hast doch wohl keine Dummheiten vor?«, fragte er argwöhnisch.
»Mein lieber Vater.« Jean zog die Worte in die Länge. »Nach der Vorlesung, die ich dir über die mangelnde Intelligenz des Durchschnittsverbrechers gehalten habe, glaubst du da wirklich, dass ich mir irgendeine - Dummheit zuschulden kommen lasse?«
Achtes Kapitel
»Und was gedenken Sie nun anzufangen, Mrs. Meredith?«, fragte Jack Glover.
Er hatte den größten Teil des Vormittags mit der neuen Erbin verhandelt, und Lydia hatte sprachlos zugehört, als er ihr eine lange Liste von Aktien, Grundstücken, Mietverträgen, Bankabrechnungen und ähnlichen Dingen vorlas, deren Besitzerin sie jetzt geworden war.
»Was ich anfangen werde?« Lydia schüttelte unschlüssig den Kopf. »Ich weiß es nicht, habe nicht die geringste Ahnung, Mr. Glover. Mein Kopf kann das nicht fassen. Soll mir wirklich alles gehören, was Sie da vorgelesen haben?«
»Noch nicht ganz.« Jack lächelte. »Aber es gehört Ihnen schon so weit, dass wir allein auf das Testament hin bereit sind, Ihnen jede nur gewünschte Summe zur Verfügung zu stellen. Das Testament muss erst anerkannt und bestätigt werden. Sind aber diese gesetzlichen Formalitäten erfüllt und die sehr hohen Erbschaftssteuern bezahlt, können Sie über Ihr Vermögen ganz nach Gutdünken verfügen - könnten das übrigens jetzt schon«, fügte er hinzu.
»Auf jeden Fall ist ein weiterer Aufenthalt hier in der Brinksome Street für Sie gänzlich ausgeschlossen, und ich habe mir gestattet, eine möblierte Wohnung für Sie zu mieten. Einer unserer Klienten ist nach dem Kontinent verzogen und hat mir die Weitervermietung seiner Wohnung übertragen. Die Miete ist sehr niedrig, ungefähr zwanzig Pfund pro Woche.«
»Zwanzig Pfund«, stammelte das junge Mädchen entsetzt, »um Gottes willen, das kann ich ja niemals...«
Aber dann wurde ihr klar, dass sie konnte.
Zwanzig Pfund in der Woche bedeuteten schließlich gar nichts für sie. Dieser kleine Vorfall brachte ihr mehr als alles andere den Umfang ihres Vermögens zum Bewusstsein.
»Ich glaube auch, ich muss hier ausziehen. Mrs. Morgan will das Haus aufgeben und hat mich schon gefragt, was ich für Absichten habe. Ich glaube, sie würde ganz gern als Haushälterin zu mir kommen.«
»Das passt ja ausgezeichnet«, nickte Jack. »Ein Kammermädchen brauchen Sie auch, und dann müssen Sie natürlich für die Nacht Jaggs in Ihrer Wohnung haben.«
»Jaggs? Wer ist denn das?«
»Jaggs«, wiederholte Jack Glover feierlich, »Jaggs ist - Sehen Sie, Miss... ich bitte um Verzeihung, Mrs. Meredith... sehen Sie, ich mache mir große Sorgen um Ihre Sicherheit und hätte gerne, dass Sie in der Nacht einen Wächter in Ihrer Wohnung haben, auf den Sie sich verlassen können. Sie halten mich für eine überängstliche alte Frau«, fügte er hinzu, als er Lydia lächeln sah, »und meine Besorgnisse für grundlos, aber nach Ihren eigenen Erfahren in der letzten Woche werden Sie mir wohl zugeben, dass auch in London alles möglich ist.«
»Aber ich bitte Sie, Mr. Glover - Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich mich in Gefahr befinde? Ja, vor wem, vor was denn?«
»Vor einer ganzen Menge Menschen«, sagte er diplomatisch.
»Vielleicht vor der armen Miss Briggerland?«, sagte sie herausfordernd, und ihre Augen zogen sich zusammen.
»Die arme Miss Briggerland«, antwortete er bedächtig. »Sie ist sicher viel ärmer, als sie erwartete.«
»Unsinn«, rief das junge Mädchen gereizt. »Mein lieber Mr. Glover, warum verfolgen Sie eigentlich das arme Ding mit Ihrer Rache? Glauben Sie wirklich, ihr gegenüber fair zu handeln? Seien Sie ehrlich, Mr. Glover - spricht da nicht Ihrerseits verwundete Eitelkeit mit?«
Er starrte sie verblüfft an.
»Verwundete Eitelkeit? Sie meinen, ich wäre gekränkt, beleidigt?«
Sie nickte.
»Und warum sollte ich denn gekränkt oder beleidigt sein?« frage er langsam.
»Das müssen Sie selbst am besten wissen!«
Jetzt ging ihm langsam ein Licht auf.
»Habe ich vielleicht Miss Briggerland - unglücklich geliebt?«
»Das müssen Sie wissen«, wiederholte sie.
»Allmächtiger!«, rief er und brach dann in schallendes Gelächter aus, das gar nicht aufhören wollte.
»Ich nehme an, ich habe sie mit meinen Anträgen verfolgt, und sie war entrüstet, dass ich meinen Freund so hintergehen konnte, und dann gab sie mir den Laufpass - und darum bin ich so wütend auf sie?«
»Sie haben ein vorzügliches Gedächtnis«, sagte Lydia spitz.
»Mein Gedächtnis ist leider nicht so gut wie Miss Briggerlands Erfindungsgabe«, sagte Jack. »Fällt Ihnen denn nicht auf, Mrs. Meredith, dass ich heute gar nicht hier sein könnte, wenn es wirklich so gewesen wäre, wie Sie annehmen?«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Ich meine«, erwiderte Jack Glover eindringlich, »dass ich es in diesem Fall gewesen wäre, den man durch eine telefonische Mitteilung aus dem Club gelockt und veranlasst hätte, vor Miss Briggerlands Tür in der Berkeley Street zu warten - ich, und nicht Bulford. Ich wäre es gewesen, den Miss Briggerlands Vater vom Fenster des Salons aus niedergeschossen hätte.«
Lydia blickte ihn sprachlos an.
»Wie können Sie eine so unerhörte Verdächtigung aussprechen!«, rief sie empört. »Wollen Sie vielleicht behaupten, dass das junge Mädchen Beihilfe bei einem Mord geleistet hat?«
»Ich behaupte nicht nur, dass sie Beihilfe geleistet hat, sondern ich setze auch mein Leben zum Pfand, dass sie es war, die den ganzen Plan entworfen hat.«
»Aber die Pistole wurde doch neben Bulfords Leiche gefunden«, rief sie triumphierend. »Das können Sie doch nicht abstreiten.«
Jack nickte.
»Die Entfernung von Bulfords Leichnam zum Salonfenster betrug genau neun Fuß. Es war möglich, die Waffe so zu werfen, dass sie in seine Nähe fiel. Auf Anweisung Miss Briggerlands wartete Bulford vor der Tür. Wir haben den Telefonanruf in Bulfords Club feststellen können - er kam aus Briggerlands Haus in der Berkeley Street, und der Clubangestellte kann beschwören, eine Frauenstimme erkannt zu haben. Das haben wir leider erst nach der Verhandlung herausgefunden. Der arme Meredith befand sich in Briggerlands Diele, als der Schuss fiel - das Signal zum Feuern wurde in dem Augenblick gegeben, als Meredith die Hand auf die Türklinke legte. Er hörte den Schuss, stürzte hinaus und sah den Mann auf der Straße liegen. Ob er die Pistole aufnahm oder nicht, weiß ich nicht. Jean Briggerland sagte unter Eid aus, Meredith habe sie in der Hand gehalten, aber Miss Briggerland ist eine ganz hoffnungslose Lügnerin.«
»Ich glaube, Sie wissen selbst nicht, was Sie da sagen«, versetzte Lydia leise. »Das ist ja eine furchtbare Anklage, die Sie da aussprechen - und gegen ein junges Mädchen, dessen Gesicht allein Ihre unsinnigen Behauptungen Lügen straft.«
»Ihr Gesicht ist ja ihr Haupttrumpf«, sagte Jack bissig, nahm sich aber sofort bedauernd zusammen. »Verzeihen Sie bitte, wenn ich ausfallend wurde, aber schon allein die Erwähnung des Namens Jean Briggerland bringt mich in Aufruhr. Aber Jaggs? - Sie werden doch meine Bitte erfüllen?«
»Was ist er denn?«
»Ein alter, pensionierter Soldat. Ein merkwürdiger Kerl, aber trotz seines Alters sehr kräftig.«
»Ach so, alt ist er?«, fragte sie mit einer gewissen Erleichterung.
»Alt und in gewisser Beziehung arbeitsunfähig. Er kann seinen rechten Arm nicht gebrauchen und ist auf einem Fuß nicht ganz sicher. Die Folgen einer Kriegsverletzung.«
Lydia musste lachen.
»Kein besonders anziehender Schutzengel«, fuhr Jack fort. »Er ist ein alter, aber jedenfalls sauberer Vogel, obwohl ich zugeben muss, dass er nicht so aussieht, Ihnen und Ihrem Personal wird er überhaupt nicht lästig fallen. Geben Sie ihm irgendein Zimmer, wo er sich aufhalten kann, und wenn er dann noch ein Stück Brot und Käse und ein Glas Bier bekommt, ist er zufrieden. Sie werden ihn kaum zu Gesicht bekommen.«
Lydia hörte belustigt zu. Dass Jack Glover sich einbildete, sie habe einen Wächter nötig, war ja lächerlich, aber wenn er wirklich so viel Wert darauf legte, war der harmlose alte Jaggs jedem anderen vorzuziehen.
»Wann soll er denn kommen?«
»Jeden Abend gegen zehn Uhr, und er zieht morgens um sieben wieder ab. Wenn Sie es nicht wünschen, werden Sie ihn überhaupt nicht sehen.«
»Wie haben Sie ihn denn kennengelernt?«
»Ich kenne jeden Menschen«, antwortete der junge Mann großartig. »Vergessen Sie nicht, dass ich Anwalt bin und manchmal mit sehr merkwürdigen Leuten zusammenkomme.«
Er suchte die Papiere zusammen und legte sie in eine Mappe.
»Was haben Sie heute vor, wenn ich fragen darf?«
Seine selbstübernommene Vormundschaft missfiel ihr etwas, aber sie durfte ja nicht vergessen, was sie ihm zu verdanken hatte.
In unerklärlicher Weise hatte er es fertiggebracht, dass ihr Name im Meredith-Prozess nicht erwähnt wurde, dass sie nicht einmal als Zeugin bei der Leichenschau vorgeladen wurde. Ebenso war es ihm möglich gewesen, seinen Kompagnon und sich reinzuwaschen, und wenn der Ehrenrat der Rechtsanwälte eine Untersuchung eingeleitet hatte - davon war aber Lydia nichts bekannt -, so war es doch mehr als wahrscheinlich, dass keine nennenswerten Folgen für Rennett, Glover & Simpson entstehen würden.
»Heute Nachmittag bin ich bei Mrs. Cole-Mortimer zum Tee.«
»Mrs. Cole-Mortimer?«, sagte er schnell. »Woher kennen Sie denn die Dame?«
»Wirklich, Mr. Glover, Sie sind un... gezogen«, sagte sie, musste aber trotz ihrer Verstimmung lächeln. »Zwei oder drei Tage nach jenem tragischen Morgen machte sie mir einen Besuch. Sie kannte ja Mr. Meredith sehr gut und war eine langjährige Freundin der Familie.«
»In Wahrheit war sie mit Meredith kaum wohlvertraut«, sagte Jack eisig, »und sie war ganz bestimmt keine Freundin der Familie. Dagegen ist sie sehr gut mit Miss Jean Briggerland bekannt.«
»Jean Briggerland!«, rief Lydia außer sich. »Müssen Sie denn immer an sie denken! Wissen Sie, ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ein so bekannter und angesehener Anwalt so voller Vorurteile sein könnte. Ich weiß genau, dass sie sehr gut mit Mr. Meredith bekannt war. Sie brachte mir sogar eine Fotografie von ihm mit - eine Aufnahme aus Eton.«
»Geliefert von Jean Briggerland«, versetzte Jack ungerührt. »Und wenn sie ein Paar Babysöckchen von ihm mitgebracht hätte, wären Ihnen wohl vor Rührung die Tränen in die Augen gekommen?«
»Sie sind abscheulich«, rief sie, »und ich habe noch viel zu tun.«
Jack wandte sich an der Tür noch einmal um.
»Vergessen Sie nicht, dass Sie schon von morgen ab nach Cavendish Mansions umziehen können. Ich werde Ihnen die Schlüssel schicken, und am Abend Ihres Einzugs wird der alte Jaggs frisch und vergnügt seinen Posten beziehen. Er spricht nicht viel und...«
»Ich glaube kaum, dass ich dem armen Menschen je die Möglichkeit dazu geben werde«, sagte sie schnippisch.
Neuntes Kapitel
Mrs. Cole-Mortimer besaß ein kleines Haus. Sie gab große Gesellschaften, aber niemand wusste, aus welchen Mitteln diese Oberst-Witwe ihren Aufwand bestritt. Ihr Haushalt war kostspielig, das ließ sich nicht leugnen. Sie hielt sich ein Auto, gab in der Saison große Diners und Tanzabende und verschwand aus London, sobald es korrekt war, nicht mehr in der Hauptstadt gesehen zu werden.
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