Kitabı oku: «John Flack»
Edgar Wallace
John Flack
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
Impressum
Einleitung
Ehrlich gesagt ist es ungehörig, wenn nicht sogar gesetzwidrig, daß die wenigen Personen, die das traurige Vorrecht besitzen, im Irrengefängnis von Broadmoor aus- und eingehen zu können, auf irgendeinen auffallenden Insassen besonders aufmerksam gemacht werden. Es war dann meistens jemand, der sehr berüchtigt gewesen war, oder dessen Verbrechen das allgemeine Interesse in höchster Spannung gehalten hatten, bis Gerichtsärzte und Gerichtshof ihn nach diesem Platze ohne Hoffnung verbannten.
Aber häufig wurde auf John Flack hingewiesen, wie er über den Gefängnishof schlich, die Hände auf dem Rücken, das Kinn auf die Brust gesenkt, ein langer, dürrer, alter Mann in seinem schlechtsitzenden Anzug aus grauem Stoff, der mit niemand sprach, und an den niemand das Wort richtete.
»Das ist John Flack ... Der Flack; der gerissenste Verbrecher der Welt ... »Klaps-John Flack« ... Neun Morde ...
Gefangene, die wegen Totschlags in Broadmoor gehalten wurden, waren in ihren seltenen, klaren Augenblicken stolz auf den alten John. Die Beamten, die ihn für die Nacht einschlossen und während seines Schlafes beobachteten, hatten wenig zu seinen Ungunsten zu sagen. Niemals gab er Veranlassung zu irgendeiner Störung, und in all den sechs Jahren seiner Gefangenschaft hatte er nicht einmal einen jener Tobsuchtsanfälle gehabt, die so oft einen armen, unbeteiligten Teufel ins Hospital und den rasenden Übeltäter in eine Gummizelle bringen.
Die meiste Zeit verbrachte er mit Schreiben und Lesen, er war eine Art Genie mit der Feder und schrieb mit außerordentlicher Geschwindigkeit. Hunderte von kleinen Schulheften hatte er mit seiner großen Abhandlung über »Verbrechen« ausgefüllt. Der Gefängnisdirektor ließ ihm seinen Willen, erlaubte ihm, seine Hefte zu behalten, in der Erwartung, diese in gegebener Zeit seinem bereits sehr interessanten Museum einverleiben zu können.
Einmal gab ihm der alte Jack – es war ein außerordentliches Zugeständnis – eines seiner Hefte zu lesen, und der Direktor las und schnappte nach Luft. Der Titel lautete: »Wie raube ich ein Bankgewölbe aus, wenn nur zwei Wächter Dienst haben.« Der Direktor, ein ehemaliger Militär, las und las, hielt zeitweise inne und kratzte sich verblüfft hinter den Ohren; dies Schriftstück in der sauberen, deutlichen Handschrift John Flacks erinnerte ihn lebhaft an einen Divisionsbefehl zum Angriff. Keine Kleinigkeit war zu unbedeutend, um unerwähnt zu bleiben, jede Möglichkeit war vorausgesehen. Es war nicht nur die Zusammensetzung des Betäubungsmittels angegeben, das gebraucht werden sollte, um »den Außenwächter unschädlich zu machen«, es war sogar eine weitere Fußnote beigefügt, die hier wörtlich angeführt werden mag:
»Sollte das Betäubungsmittel nicht zu erhalten sein, rate ich, einen Vorstadtdoktor aufzusuchen und ihm folgende Krankheitserscheinungen anzugeben... Der Arzt wird dann das gewünschte Betäubungsmittel in verdünntem Zustande verschreiben. Man verschaffe sich sechs Flaschen von dieser Medizin und wende dann folgende Methode an, um das gewünschte Betäubungsmittel auszuscheiden ...«
»Haben Sie viel von dieser Sorte geschrieben, Flack?« fragte der Beamte erstaunt.
»Wie das?« John Flack zuckte seine mageren Schultern. »Das mache ich zu meinem Vergnügen, bloß um mein Gedächtnis zu üben. Ich habe schon dreiundsechzig Bücher über das gleiche Thema geschrieben, und da gibt es keine Verbesserung mehr. Während der ganzen sechs Jahre, die ich nun hier bin, habe ich auch nicht eine einzige Verbesserung meines alten Systems austüfteln können.«
Scherzte er? War das ein Produkt eines kranken Gehirns? Der Direktor, wie sehr er auch an seine Pfleglinge und deren Eigenarten gewöhnt war, konnte sich keine sichere Meinung bilden.
»Wollen Sie vielleicht sagen, Sie haben ein Lexikon über Verbrechen geschrieben?« fragte er ungläubig. »Wo ist es denn?«
Statt jeder Antwort verzogen sich Flacks schmale Lippen zu einem höhnischen Lächeln.
Dreiundsechzig handgeschriebene Bände stellten das Lebenswerk John Flacks dar. Es war die einzige Leistung, auf die er selbst stolz war.
Als bei einer anderen Gelegenheit der Direktor wieder auf seine außergewöhnlichen schriftstellerischen Arbeiten anspielte, sagte er:
»Ich habe ein großes Vermögen in die Hände irgendeines geschickten Mannes gelegt – vorausgesetzt natürlich,« fügte er nachdenklich hinzu, »daß er ein resoluter Kerl ist, und daß die Bücher bald in seine Hände kommen – in diesen Tagen wissenschaftlicher Entdeckungen ist, was heute neu ist, morgen ja schon überholt.«
Der Direktor hatte seine Zweifel an dem Vorhandensein dieser gefährlichen Bücher, mußte aber kurze Zeit nach dieser Unterhaltung seine Ansicht berichtigen. Scotland Yard, wo man selten, wenn überhaupt jemals, Phantomen nachjagt, sandte Oberinspektor Simpson, einen Mann ohne jede Phantasie, der diesem Umstande auch seine Beförderung verdankte. Seine Unterredung mit »Klaps-John Flack« war sehr kurz.
»Es handelt sich um deine Bücher, Jack,« sagte er, »es wäre bedauerlich, wenn sie in falsche Hände fallen würden. Ravini sagt, du hast fast hundert Bücher irgendwo versteckt.«
»Ravini?« Der alte John Flack fletschte die Zähne. »Hören Sie mal, Simpson! Sie glauben doch nicht etwa, daß Sie mich mein ganzes Leben lang an diesem verwünschten Platze festhalten können? Ja? ... Dann können Sie sich aber verdammt irren. In irgendeiner Nacht verschwinde ich stillschweigend – Sie können das dem Direktor erzählen, wenn Sie wollen – und dann werde ich mal mit Ravini unter vier Augen sprechen.«
Seine Stimme wurde laut und kreischend, und das alte wahnwitzige Flackern, das Simpson schon früher an ihm gekannt hatte, erschien wieder in seinen Augen. »Haben Sie jemals wache Träume, Simpson?... Ich habe drei. Ich habe eine neue Methode ausgefunden, um mit einer Million verschwinden zu können. Das ist Nummer eins, ist aber nicht so wichtig. Kummer zwei hat mit Reeder zu tun. Meinetwegen können Sie I. G. alles wiedererzählen. Ich träume davon, daß ich ihn mal treffe – allein – in einer netten, dunklen, nebligen Nacht, wenn die Schutzleute nicht sagen können, ans welcher Richtung die Schreie kommen. Und mein dritter Traum ist Ravini. George Ravini hat eine Chance, und die ist, er stirbt, bevor ich hier rauskomme.«
»Du bist verrückt,« entfuhr es Simpson.
»Darum bin ich ja hier,« erwiderte John Flack wahrheitsgemäß.
Diese Unterhaltung und die mit dem Direktor waren die beiden längsten, die er im Laufe der sechs Jahre in Broadmoor gehabt hatte. Wenn er nicht schrieb, schlenderte er durch die Gefängnisanlagen, das Kinn auf der Brust, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Manchmal kam er an einen bestimmten Platz in der Nähe der hohen Umfassungsmauer, und man munkelte, – obwohl das sehr unwahrscheinlich erscheint – daß er Briefe hinüberwarf. Wahrscheinlicher ist es, daß er einen Boten gefunden hatte, der seine zahlreichen, chiffrierten Briefe nach der Außenwelt beförderte und kurze Antworten zurückbrachte. Er war sehr gut Freund mit dem Aufsichtsbeamten seiner Abteilung, und eines Tages wurde dieser mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Das Tor der Abteilung stand weit offen, und John Flack war in die Welt zurückgekehrt, um seine »wachen Träume« zu verwirklichen.
1. Kapitel
Zwei peinliche Gedanken beschäftigten Margaret Belman, während der Süd-Expreß sie dem Knotenpunkt Selford und der kleinen Nebenbahn, die von dort nach Siltbury kroch, entgegenführte. Der erste Gedanke hatte natürlich mit den durchgreifenden Änderungen zu tun, die sie vorhatte, und mit der Wirkung, die diese bereits auf Mr. J. G. Reeder, einen so gütigen Menschen in mittleren Jahren, gehabt hatten.
Als sie ihm mitgeteilt hatte, daß sie eine Stellung auf dem Lande suchte, hätte er doch wenigstens ein kleines Zeichen von Bedauern sehen lassen können: eine gewisse Verdrossenheit wäre auf jeden Fall angemessen gewesen. Statt dessen hatte ihn aber diese Mitteilung sichtlich erfreut.
»Ich befürchte, ich werde nicht oft nach der Stadt kommen können,« hatte sie gesagt.
»Das freut mich aber wirklich,« hatte Mr. Reeder erwidert und noch irgend etwas Nichtssagendes über den Wert zeitweiliger Luftveränderung und den Vorzug, der Natur näher zu kommen, hinzugefügt. Er war tatsächlich viel heiterer geworden als in der letzten vergangenen Woche, und das war ziemlich kränkend.
Margaret Belmans hübsches Gesicht verzog sich, als sie an ihre Enttäuschung und ihren Ärger dachte. Alle Gedanken, ihre Bewerbung vielleicht doch noch aufzugeben, waren wie fortgeblasen. Sie bildete sich auch nicht einen Augenblick ein, daß ein Sekretärposten mit sechshundert Pfund pro Jahr ihr so ohne weiteres in den Schoß fallen würde. Für einen solchen Posten war sie ja völlig ungeeignet, hatte keinerlei Erfahrung im Hotelfach, und ihre Aussichten, angenommen zu werden, waren äußerst gering.
Und der Italiener, der so oft versucht hatte, ihre Bekanntschaft zu machen, war ja nur eine jener täglichen Unannehmlichkeiten, mit denen ein junges Mädchen, das für seinen Lebensunterhalt arbeiten muß, so vertraut ist, daß sie unter gewöhnlichen Umständen keinen zweiten Gedanken an ihn verschwendet haben würde.
Heute Morgen war er ihr aber bis nach dem Bahnhof gefolgt und hatte sicher gehört, wie sie ihrer Begleiterin sagte, sie würde mit dem 6 Uhr 15 Zug zurückkommen. Ein Schutzmann würde ja kurzen Prozeß mit ihm machen – wenn sie sich den Unannehmlichkeiten eines öffentlichen Skandals aussetzen wollte. Aber jedes noch so vernünftige Mädchen schreckt vor einer derartigen, peinlichen Szene zurück, und sie mußte eben diese Angelegenheit auf eigene Faust erledigen. Das war keine angenehme Aussicht, und dies alles genügte, ihr einen sonst vielleicht netten und interessanten Nachmittag zu verderben. Und Mr. Reeder –
Margaret Belman runzelte die Stirn. Sie war dreiundzwanzig Jahre alt, befand sich also in einem Alter, in dem jüngere Männer manchmal recht langweilig erscheinen. Andrerseits sind aber Männer in der Nähe der Fünfzig auch nicht besonders anziehend, und Mr. Reeders Bartkoteletten, die ihm das Aussehen eines schottischen Kellermeisters gaben, konnte sie schon gar nicht leiden. Er war ja zweifellos ein lieber Mensch –
In diesem Augenblick lief der Zug in die Station ein, und sie befand sich schon auf dem überraschend kleinen Bahnhof in Siltbury, ehe sie sich noch im Klaren war, ob sie in Mr. Reeder verliebt war, oder sich nur über ihn geärgert hatte.
Der Kutscher der Bahnhofsdroschke hielt sein unglücklich in die Welt blickendes Pferd vor dem schmalen Torweg an und zeigte mit der Peitsche.
»Das ist der bequemste Weg für Sie, Miß! Mr. Davers Bureau ist am Ende des Weges.«
Er war ein schlauer, alter Mann, der schon so manche Bewerberin um den Sekretärsposten nach Larmes Keep gefahren hatte, und er vermutete, daß diese hier, die niedlichste von allen, nicht als Gast kam. Erstens brachte sie kein Gepäck mit, und außerdem war der Fahrkartenkontrolleur hinter ihr hergelaufen, um ihr die versehentlich abgegebene Rückfahrkarte zurückzugeben.
»Soll ich nicht lieber auf Sie warten, Miß –?«
»Ach ja, bitte,« sagte Margaret Belman hastig, als sie aus dem altersschwachen Vehikel stieg.
»Sind Sie bestellt?«
Der Kutscher war eine stadtbekannte Persönlichkeit und beanspruchte als solche gewisse Vorrechte.
»Ich frage bloß, weil 'ne Masse junger Frauensleute nach Larmes Keep gekommen sind, ohne bestellt gewesen zu sein, und Mr. Daver wollte sie nicht empfangen. Die haben bloß die Anzeige rausgeschnitten und sind hergekommen. Aber in der Anzeige steht ›Schriftliche Bewerbungen‹. Ich glaube, ich habe so ein Dutzend junger Frauensleute hierhergefahren, die nicht bestellt waren. Ich sage Ihnen das nur zu Ihrem eigenen Besten.«
Das junge Mädchen lächelte.
»Sie hätten ihnen das sagen sollen, bevor sie vom Bahnhof wegfuhren,« sagte sie gutgelaunt, »und hätten ihnen so die Kosten für die Droschke ersparen können. Ja, ich bin bestellt.«
Von ihrem Standpunkt am Tor hatte sie einen guten Ausblick auf Larmes Keep. Es hatte keinerlei Ähnlichkeit mit einem Hotel und noch weniger mit einer besseren Pension, die es doch sein sollte. Der Teil des Hauses, der ursprünglich das Verließ gewesen war, war deutlich zu erkennen, obgleich die steilen, grauen Mauern hinter Efeu versteckt waren, der auch einen Teil des in späterer Zeit angebauten Gebäudes bedeckte.
Sie sah über eine glatte, grüne Grasfläche, auf der einige Rohrstühle und Tische standen, zu einem Rosengarten hinüber, der jetzt noch im Spätherbst ein einziges Leuchten von Farben war. Dahinter befand sich ein Kranz von Fichten, der bis an den Rand der Klippen zu reichen schien. Sie sah ein Stückchen graublauer See und den leichten Rauchschleier eines Dampfers, der für sie unsichtbar war. Ein sanfter Wind trug den Duft der Blumen zu ihr, den sie entzückt einatmete.
»Ist es nicht wundervoll?« sie atmete tief.
Der Kutscher meinte, es wäre »nicht schlecht« und zeigte wieder mit seiner Peitsche.
»Es ist das kleine viereckige Haus dort – erst vor ein paar Jahren angebaut. Mr. Daver ist mehr Schriftsteller als Pensionsinhaber.«
Sie öffnete das eichene Tor und ging den Weg hinauf nach dem Allerheiligsten des schriftstellernden Pensionsbesitzers. Das unebene Pflaster wurde auf beiden Seiten von dichten Blumenbeeten eingefaßt. Es war, als ob sie durch den Garten eines kleinen Landhäuschens ging.
Der Anbau hatte ein hohes Fenster und eine schmale, grüne Tür. Augenscheinlich war sie gesehen worden, denn die Tür öffnete sich, als sie ihre Hand nach dem Messing-Klingelzug ausstreckte.
Es war sicher Mr. Daver selbst. Ein großer, magerer Mann in den Fünfzig, mit einem gelben, koboldartigen Gesicht und einem Lächeln, das allen Sinn für Humor, dessen sie fähig war, wach rief. Sie hätte am liebsten laut aufgelacht. Die lange Oberlippe hing über die untere hinweg, und trotzdem das Gesicht schmal und faltig war, sah er aus wie einer jener wunderlichen und komischen Glücksgötzen. Die runden, braunen Glotzaugen, die gerunzelte Stirn, ein Haarschopf, der aufrecht auf dem Wirbel seines Kopfes stand, verstärkten noch sein koboldartiges Aussehen.
»Miß Belman?« fragte er mit einer gewissen Hast.
Er lispelte etwas und hatte eine Art, seine Hände zu verschränken, als ob er die größte Besorgnis hätte, daß sein Wesen mißfallen könnte.
»Kommen Sie, bitte, in meine Höhle,« sagte er und legte auf das letzte Wort einen solchen Nachdruck, daß sie beinahe gelacht hätte.
Die »Höhle« war ein sehr bequem eingerichtetes Studierzimmer, dessen eine Wand hinter Büchern verschwand. Er schloß die Tür hinter ihr und schob ihr mit einem leisen, nervösen Lachen einen Stuhl hin.
»Ich freue mich, daß Sie gekommen sind. Hatten Sie eine angenehme Reise? Aber sicherlich, nicht wahr? Und London? – heiß und schwül – leider, kann ich mir denken. Wollen Sie nicht eine Tasse Tee trinken? – Aber natürlich!«
Er stieß Fragen und Antworten so schnell heraus, daß sie keine Möglichkeit hatte, eine Antwort zu geben, und er hatte das Telephon ergriffen und schon Tee bestellt, ehe sie noch irgendeinen Wunsch geäußert hatte.
»Sie sind jung – sehr jung,« er schüttelte traurig seinen Kopf. »Vierundzwanzig – nicht wahr? Können Sie Schreibmaschine schreiben? Was für eine lächerliche Frage!«
»Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Mr. Daver, mich zu empfangen,« sagte sie, »und ich kann auch keinen Augenblick annehmen, daß ich Ihren Ansprüchen genügen werde. Ich habe gar keine Erfahrung im Hotelwesen und nach dem Gehalt, das Sie aussetzen, muß ich annehmen ...«
»Immer ruhig,« sagte Mr. Daver und schüttelte feierlich seinen Kopf. »Gerade das brauche ich. Arbeit gibt es sehr wenig, aber auch das ist mir zu viel. Meine Privatarbeiten« – er deutete mit der Hand auf ein Stehpult, das mit Papieren bedeckt war – »nehmen mich außerordentlich in Anspruch. Ich brauche eine Dame, die die Bücher führt – meine Interessen wahrnimmt. Jemand, dem ich trauen kann. Ich verlasse mich auf Gesichter. Sie auch? – Ich glaube, ja. Und auf die Handschrift? – Sie doch auch! ... Drei Monate lang habe ich annonciert. Mit fünfunddreißig Bewerberinnen habe ich sprechen müssen! – Einfach unmöglich – und ihre Stimmen – schrecklich! Ich beurteile Menschen nach ihrer Stimme – Sie sicherlich auch. Als Sie am vergangenen Montag telephonierten, sagte ich mir gleich: Die Stimme!«
Er hatte seine Finger so fest ineinander verflochten, daß die Knöchel ganz weiß waren, und diesmal konnte sie das Lachen nicht verbeißen.
»Aber Mr. Daver, ich weiß ja gar nichts von dem Hotelfach. Ich glaube ja sicher, daß ich es lernen könnte, – und ich möchte die Stellung natürlich schrecklich gern haben. Das Gehalt ist ja furchtbar anständig.«
»Furchtbar anständig,« wiederholte er brummend, »wie merkwürdig die beiden Worte nebeneinander klingen! – Meine Haushälterin. Sehr freundlich von Ihnen, Mrs. Burton, daß Sie den Tee bringen.«
Die Tür hatte sich geöffnet, und eine Frau mit einem silbernen Teebrett kam herein. Sie war sehr adrett in schwarz gekleidet. Ihre matten Augen blickten kaum nach Margaret hin, als sie demütig wartete, während Mr. Davor sprach.
»Mrs. Burton – Diese junge Dame ist die neue Sekretärin unserer Gesellschaft. Sie muß das beste Zimmer im Hause haben – das blaue Zimmer. Aber – warten Sie mal!« er biß sich besorgt auf die Lippen – »vielleicht lieben Sie Blau gar nicht?«
Margaret lachte.
»Mir ist jede Farbe recht,« sagte sie, »aber ich habe mich doch noch gar nicht entschieden –«
»Gehen Sie, bitte, mit Mrs. Burton mit. Sehen Sie sich das Haus an – Ihr Bureau – Ihr Zimmer. – Mrs. Burton!«
Er wies auf die Tür, und ehe das junge Mädchen wußte, was sie eigentlich tat, war sie schon der Haushälterin durch die Tür gefolgt. Ein schmaler Gang verband Mr. Davers Privatbureau mit dem Hause, und Margaret wurde in einen großen, hohen Raum geführt, der die ganze Breite des Hauses einnahm.
»Der Bankettsaal,« erklärte Mrs. Burton mit dünner Stimme, die durch ihre Eintönigkeit auffiel, »wird jetzt als Gesellschaftszimmer benutzt. Wir haben nur drei Pensionäre. Mr. Daver ist sehr eigen. Im Winter haben wir 'ne Masse Gäste.«
»Drei Gäste ... Das ist nicht sehr rentabel.«
Mrs. Burton schnüffelte.
»Mr. Daver will ja gar nicht, daß sich das bezahlt macht. Ihm liegt hauptsächlich an der Gesellschaft. Er hat ja doch nur darum aus Larmes Keep eine Pension gemacht, weil es ihm Vergnügen macht, Leute kommen und gehen zu sehen, ohne daß er gezwungen ist, mit ihnen zu sprechen. Es ist eben sein Steckenpferd!«
»Ein teures Steckenpferd,« sagte Margaret, und Mrs. Burton schnüffelte wieder.
Auf der anderen Seite der großen Halle lag ein kleiner und viel gemütlicherer Salon mit großen, hohen Flügelfenstern, die auf den Rasenplatz hinausgingen. Außen, vor dem Fenster, saßen drei Personen beim Tee. Eine von ihnen war ein ältlicher Geistlicher mit einem strengen, harten Gesicht. Er aß Toast (geröstetes Brot), las ein klerikales Blatt und hatte anscheinend seine Nachbarn vergessen. Die zweite war ein junges Mädchen, ungefähr in Margarets Alter, mit einem sehr blassen Gesicht, aber trotz ihrer Blässe von außerordentlicher Schönheit. Ein Paar große, dunkle Augen betrachteten einen Augenblick den Neuankömmling und kehrten dann zu ihrem Gegenüber, einem militärisch aussehenden Mann in den Fünfzig, zurück.
Mrs. Burton wartete, bis sie die breite Treppe nach dem Oberstock hinaufgingen, ehe sie die drei Personen vorstellte.
»Der Geistliche ist ein Dekan aus Südafrika, die junge Dame ist Miß Olga Crewe und der andere Herr ist Oberst Hothling – alle sind Pensionäre. Hier ist Ihr Zimmer, Miß.«
Es war in der Tat das Juwel eines Zimmers; die Art Zimmer, wie Margaret es sich immer erträumt halte. Es war in auserlesenem Geschmack möbliert und hatte, wie alle anderen Zimmer in Larmes Keep, einen eigenen Baderaum. Die Wände waren bis zu halber Höhe getäfelt, die Decke von schweren Balken getragen. Sie vermutete, daß sich unterhalb des Parkettfußbodens der ursprüngliche Steinboden befand.
Margaret blickte um sich herum und seufzte. Es würde sehr schwer werden, diese Stellung abzulehnen, und warum sie überhaupt daran denken sollte, den Posten nicht anzunehmen, konnte sie um alles in der Welt nicht verstehen.
»Es ist ein wundervolles Zimmer,« sagte sie, und Mrs. Burton blickte gleichgültig im Zimmer umher.
»Es ist sehr alt,« sagte sie. »Ich kann alte Häuser nicht leiden. Früher habe ich in Brixton gewohnt ...«
Sie hielt plötzlich inne, schnüffelte in mißbilligender Weise und klapperte mit den Schlüsseln, die sie in der Hand hielt.
»Es gefällt Ihnen doch?«
»Gefallen? Sie meinen, ich nehme die Stellung an? Ich weiß noch nicht.«
Mrs. Burton blickte wieder im Zimmer umher. Das junge Mädchen hatte den Eindruck, als wollte sie versuchen, irgend etwas zum Lobe von Larmes Keep zu sagen – irgend etwas, das sie bestimmen sollte, die Stellung anzunehmen. Schließlich sagte sie:
»Die Kost ist gut,« und Margaret lächelte.
Als sie durch die Halle zurückkam, sah sie die drei Personen, die sie schon beim Tee gesehen hatte. Der Oberst ging allein, der Geistliche und das blasse Mädchen schlenderten über den Rasenplatz und sprachen miteinander. Mr. Daver saß an seinem Pult, hatte die Stirn auf die Hand gestützt und kaute an seinem Federhalter, als Mrs. Burton die Tür hinter ihnen beiden schloß.
»Das Zimmer gefällt Ihnen? ... Selbstverständlich. Sie treten an – wann? ... Ich denke, Montag in acht Tagen. Eine wirkliche Erlösung! Haben Sie mit Mrs. Burton gesprochen?« Er drohte schelmisch mit dem Finger. »Aha! Jetzt begreifen Sie. Es ist einfach unmöglich. Kann ich es ihr überlassen, eine Herzogin zu empfangen, oder einen Fürsten zu verabschieden? Kann ich es ihr überlassen, die kleinen Streitigkeiten zu schlichten, die natürlich zwischen Gästen vorkommen? Sie haben ganz Recht ... das kann ich nicht. Ich muß eine Dame hier haben ... ich muß, ich muß.«
Er nickte nachdrücklich, seine verschmitzten, braunen Augen waren auf die ihrigen geheftet, und die überhängende Oberlippe verzog sich zu einem entzückten Grinsen.
»Meine Arbeit leidet, wie Sie sehen; ständig herausgerissen zu werden, um Unwichtigkeiten, wie zum Beispiel Aufspannen eines Tennisnetzes zu erledigen – einfach unerträglich!«
»Sie schreiben wohl sehr viel?« gelang es ihr einzuwerfen. Sie hatte das Gefühl, daß sie ihre Entscheidung bis zum allerletzten Augenblick hinausschieben müßte.
»Sehr viel. Kriminalistik. Ah, das interessiert Sie wohl? Ich arbeite an einer Enzyklopädie des Verbrechens,« sagte er nachdrücklich, beinahe dramatisch.
»Des Verbrechens?«
Er nickte.
Das ist eine meiner Liebhabereien. Ich bin ein reicher Mann und kann mir Liebhabereien gestatten. Das Haus hier ist auch eine davon. Ich verliere jährlich ungefähr viertausend Pfund daran, aber das macht mir nichts aus. Ich suche und wähle mir meine Gäste aus. Wenn mich einer langweilt, sage ich ihm, daß er gehen muß – daß sein Zimmer anderweitig vergeben ist. Könnte ich das mit meinen Freunden oder Bekannten so machen? ... Sicherlich nicht. – Die Leute interessieren mich, füllen mein Haus, leisten mir Gesellschaft und amüsieren mich. Wann treten Sie an?«
Sie zögerte.
»Ich denke ...«
»Montag in acht Tagen. Ausgezeichnet!« Er schüttelte ihr kräftig die Hand. »Sie brauchen sich hier nicht einsam zu fühlen. Wenn meine Gäste Ihnen langweilig werden, laden Sie Ihre eigenen Freunde ein. Sie können als Gäste meines Hauses kommen. Also bis Montag!«
Sie ging den Gartenweg zu dem wartenden Droschkenkutscher hinunter, verwirrt und unentschlossener denn je.
»Haben Sie die Stelle erhalten, Miß?« fragte der freundliche Kutscher.
»Ich glaube, ja,« entgegnete Margaret.
Sie warf einen Blick nach Larmes Keep zurück. Die Rasenplätze waren verlassen, aber dicht in ihrer Nähe sah sie die Figur einer Frau auftauchen, nur für einen kurzen Augenblick, und dann verschwand diese hinter einem Gürtel von Lorbeerbäumen, der parallel mit der Umfassungsmauer des Grundstücks lief. Augenscheinlich führte ein wenig betretener Fußweg durch die Büsche, und Mrs. Burton hatte dies Versteck aufgesucht. Sie hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und stolperte blindlings vorwärts, und zu seinem Erstaunen hörte das junge Mädchen, wie sie schluchzte.
»Das ist die Haushälterin – sie ist etwas übergeschnappt,« sagte der Kutscher gelassen.
2. Kapitel
George Ravini war kein häßlicher Mann. Seiner eigenen Meinung nach, die natürlich voreingenommen war, war er mit seinem kurzgelockten, braunen Haar, seinen schönen napoleonischen Gesichtszügen, seiner schlanken Gestalt und guten Haltung außerordentlich anziehend. Und wenn zu seinen natürlichen Vorzügen noch der beste Anzug, den Savile Row liefern konnte, der fleckenloseste aller grauen Hüte, der Malakka-Stockdegen, auf dem eine seiner weißbehandschuhten Hände wie auf dem Griff eines Rapiers ruhte, die glänzendsten aller Lackschuhe und die feinsten grauen Seidensocken hinzukamen, dann war das Bild prächtig eingerahmt und verschönert. Aber der schönste Schmuck von allem waren George Ravinis Glücksringe. Er war abergläubisch und hatte eine große Vorliebe für Amulette. Den kleinen Finger seiner rechten Hand schmückten drei goldene Ringe, und jeder Ring trug drei große Diamanten. Ravinis Glücksringe waren in Saffron Hill sprichwörtlich geworden.
Gewöhnlich trug er das halb amüsierte, halb gelangweilte Lächeln eines Mannes zur Schau, für den das Leben keine Geheimnisse mehr barg, und dem es auch nichts Neues mehr bringen konnte. Und dies Lächeln war auch zum Teil gerechtfertigt, denn George wußte so ziemlich alles, was in London vorging, oder was sich möglicherweise ereignen konnte. In einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung in Saffron Hill hatte er das Licht der Welt erblickt, hatte den engen Horizont, der seine Kindheit umgab, erweitert und sich herausgearbeitet. Aus dem Arme-Leute-Kind, das sein Lager mit dem dressierten Affen seines Vaters teilen mußte, war ein eleganter Kavalier geworden, Inhaber einer vornehmen Wohnung in Half Moon Street, nicht nur Inhaber der Wohnung, sondern auch Besitzer des Blocks, in dem diese sich befand. Sein Guthaben in der Continentalbank war sehr zufriedenstellend; er besaß Hypotheken, die ihm mehr, als er nötig hatte, einbrachten; ein noch größeres Einkommen gewährten ihm die beiden Nachtklubs und Spielhäuser, die unter seiner Leitung standen, ganz abgesehen von den Nebenverdiensten, die ihm von einem Dutzend der verschiedensten Quellen zuflossen. Ravinis Wort war Gesetz von Leyton bis Clerkenwell, seinen Befehlen wurde im Fitzroy Square unbedingt Folge geleistet, und kein andrer Bandenführer in London hätte sich erlauben dürfen, sein Haupt ohne Georges Einwilligung zu erheben. Er würde Gefahr laufen, eines Tages schön bandagiert im »Saal der Unglücksfälle« im Middlesex-Hospital aufzuwachen.
Er wartete geduldig in der großen Halle des Waterloo Bahnhofes, sah von Zeit zu Zeit nach seiner goldenen Armbanduhr und betrachtete mit wohlwollenden und gönnerhaften Blicken den Strom des Lebens, der durch die Bahnhofssperren flutete.
Die Bahnuhr zeigte auf ein Viertel nach sechs; er blickte noch einmal auf seine Uhr und musterte dann die Menge, die von dem Bahnsteig 7 herabkam. Nach einigen Minuten Suchens sah er das junge Mädchen, rückte an seiner Krawatte, setzte seinen Hut ein wenig schief und schlenderte ihr langsam entgegen.
Margaret war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um an den eleganten, jungen Mann zu denken, der schon so oft versucht hatte, – und zwar unter dem alten Vorwand, »sie müßten sich früher schon mal getroffen haben« – mit ihr in ein Gespräch zu kommen. In der Aufregung über ihren Besuch in Larmes Keep hatte sie tatsächlich die Existenz dieses zudringlichen Anbeters oder die Möglichkeit, daß dieser bei ihrer Rückkehr von ihrer Reise auf sie warten könne, völlig vergessen.
Ravini blieb stehen und wartete, bis sie herankam, wobei er ihr beifällig entgegenlächelte. Er liebte schlanke Mädchen von ihrer Art: Mädel, die sich ziemlich einfach kleideten, schöne Strümpfe und unauffällige kleine Hüte trugen. Er lüftete seinen Hut; die Glückssteine blitzten wunderbar.
»Oh!« sagte Margaret Belman und blieb ebenfalls stehen.
»Guten Abend, Miß Belman,« sagte George und ließ lächelnd seine weißen Zähne sehen. »Glücklicher Zufall, Ihnen wieder zu begegnen.«
Als sie an ihm vorbeiging, fiel er in gleichen Schritt mit ihr.
»Ich wünschte, ich hätte mein Auto hier; ich hätte Sie nach Hause fahren können,« begann er zu plaudern. »Ich habe einen neuen zwanziger Rolls – wirklich ein netter, kleiner Wagen. Ich brauche ihn nur wenig – ziehe es vor, von der Half Moon Street zu laufen.«
»Gehen Sie jetzt nach der Half Moon Street?« fragte sie schnell.
Aber George war ein Mann von Erfahrung.
»Ihr Weg ist auch der meine.«
Sie blieb stehen.
»Wie heißen Sie?« fragte sie.
»Smith – Anderton Smith,« antwortete er ohne Zögern. »Warum wollen Sie das wissen?«
»Ich möchte es dem nächsten Schutzmann erzählen, dem wir begegnen,« sagte sie, und Mr. Ravini, dem solche Drohungen nicht unbekannt waren, lächelte.
»Machen Sie sich nicht lächerlich, kleines Mädel,« sagte er. »Ich tue nichts Böses, und Sie wollen doch Ihren Namen auch nicht in den Zeitungen sehen. Außerdem würde ich einfach sagen, Sie hätten mich aufgefordert, mitzukommen, und wir wären alte, gute Freunde.«
Sie sah ihn fest an.
»Ich werde vielleicht sehr bald einen Freund treffen, der sich nur sehr schwer davon überzeugen lassen wird,« sagte sie. »Bitte, lassen Sie mich in Ruhe.«
George aber erklärte, daß er das Vergnügen ihrer Gegenwart vorzöge.
»Was für eine törichte, junge Dame Sie doch sind!« begann er. »Ich erweise Ihnen doch weiter nichts, als die gewöhnlichen Aufmerksamkeiten – –«
Eine Hand packte seinen Arm und drehte ihn langsam herum – und das am hellichten Tage auf dem Waterloo Bahnhof, vor den Augen von mindestens zweien seiner Kumpane. Mr. Ravinis Augen blitzten drohend.
Und doch schien sein Angreifer ein höchst harmloser Mann zu sein. Er war schlank und sah ziemlich melancholisch in die Welt. Er trug einen Gehrock, der fest über der Brust zugeknöpft war, und einen hohen, harten Filzhut mit flachem Deckel. Auf seiner etwas starken Nase saß – ein wenig schief – ein einfacher Stahlklemmer. Ein Paar strohfarbener Koteletten zierten seine Wangen, und an seinem Arm hing ein lose zusammengerollter Regenschirm. Diesen Einzelheiten schenkte aber George keine besondere Aufmerksamkeit, er kannte sie zur Genüge, denn Mr. I. G. Reeder, Detektiv der Staatsanwaltschaft, war ihm sehr gut bekannt ... die Kampflust verschwand aus seinen Augen.
»Aaaach, Mr. Reeder!« sagte er mit einer Herzlichkeit, die beinahe aufrichtig klang. »Das ist aber eine angenehme Überraschung. Darf ich Ihnen Miß Belman vorstellen – wir wollten gerade zusammen nach –«
»Aber doch nicht nach dem Flotsam Club zum Tee?« murmelte Mr. Reeder mit schmerzlichem Tonfall, »Und auch nicht nach Harrabys Restaurant? Sagen Sie bloß das nicht, Georgio! Du liebe Güte! Das hätte aber interessant werden können!«
Er strahlte den finster blickenden Italiener an.
»Im Flotsam Club hätten Sie der jungen Dame zeigen können, wo Ihre Freunde erst vorgestern den jungen Lord Fallon um dreitausend Pfund erleichtert haben – wie man mir erzählt hat. Und bei Harraby hätten Sie ihr das interessante, kleine Zimmer zeigen können, wo die Polizei immer durch eine Hintertür hineinkommen kann, wenn Sie es für vorteilhaft halten, einen Ihrer Freunde zu verraten. Sie hat wirklich was versäumt!« George Ravinis Lächeln stand mit seiner plötzlichen Blässe nicht im Einklang.
»Hören Sie mal. Mr. Reeder –«
»Tut mir leid, Georgio« Mr. Reeder schüttelte traurig seinen Kopf. »Meine Zeit ist kostbar. Ich kann Ihnen gerade noch eine Minute opfern, um Ihnen mitzuteilen, daß Miß Belman eine ganz besonders gute Freundin von mir ist. Sollte sich ihr Erlebnis von heute wiederholen – wer weiß, was da alles passieren könnte; wie Ihnen bekannt sein dürfte, bin ich ein boshafter Mensch.« Er sah den Italiener nachdenklich an. »Ich möchte wissen, ob es wirklich Bosheit ist, die mich hindert, Ihnen eine sehr interessante Enthüllung zu machen, die mir auf der Zunge liegt. Das menschliche Gemüt ist ein eigenartiges und kompliziertes Ding, Mr. Ravini. Na ja, ich muß weiter. Grüßen Sie Ihre Zunftgenossen, und wenn Sie merken, daß einer der Herren von Scotland Yard Ihnen nachgeht, seien Sie ihm nicht weiter böse. Er tut ja nur seine Pflicht. Und vergessen Sie nicht meine – na ja – Warnung betreffs dieser jungen Dame.«
»Ich habe nichts zu dieser Dame gesagt, was ein Herr nicht sagen dürfte.«
Mr. Reeder schielte Ravini an.
»Sollten Sie das getan haben, können Sie darauf rechnen, daß Sie mich heute Abend wiedersehen – und dann werde ich wohl nicht allein kommen. In dem Fall,« – sein Ton wurde ganz vertraulich – »würde ich genug kräftige Leute mitbringen, die Ihnen die Schlüssel zu Ihrem Schließfach im Fetter Lane Stahlkammer-Depot abnehmen werden.«
Mehr sagte er nicht, aber Ravini taumelte bei dieser Drohung. Ehe er sich wieder gefaßt hatte, waren Mr. I. G. Reeder und sein Schützling in der Menge verschwunden.
3. Kapitel
»Ein interessanter Mann,« sagte Mr. Reeder, als ihr Wagen über die Westminster Brücke fuhr. »Er ist wirklich der interessanteste Mensch, den ich im Augenblick kenne. Das Schicksal wollte es, daß ich in dieser Weise auf ihn stoßen mußte. Ich möchte aber, er würde keine Diamantringe tragen.«
Er sah seine Begleiterin verstohlen an.
»Nun, hat Ihnen ... hm ... das Haus gefallen?«
»Es ist wunderschön dort,« sagte sie ohne große Begeisterung, »aber es ist ziemlich weit weg von London.«
Er sah auf einmal niedergeschlagen aus.
»Haben Sie die Stellung nicht angenommen?« fragte er besorgt.
Sie wandte sich halb zu ihm und sah ihn fest an.
»Mr. Reeder, ich glaube wirklich, Sie sehen mich lieber gehen als kommen!«
Zu ihrer Überraschung bekam Mr. Reeder einen ganz roten Kopf.
»Wie ... hm ... natürlich möchte ich das ... nicht, meine ich selbstverständlich. Aber es scheint doch eine sehr gute Stellung zu sein, auch wenn es nur vorübergehend sein sollte.« Er blinzelte sie an. »Ich werde Sie vermissen, wirklich, ich werde Sie sehr vermissen, Miß – hm – Margaret. Wir sind so gute« – er verschluckte etwas – »Freunde geworden, aber das ... eine gewisse Angelegenheit bedrückt mich – ich meine, ich bin ziemlich beunruhigt.«
Er sah von einem Fenster nach dem anderen, als ob er einen Lauscher auf dem Trittbrett des Wagens vermutete, und sagte dann mit gedämpfter Stimme:
»Ich habe niemals mit Ihnen, meine liebe ... hm ... Miß Margaret, über die unangenehmen Einzelheiten meines Berufes gesprochen; da gibt es nun, oder vielmehr, da gab es mal einen Herrn mit Namen Flack – F-l-a-c-k,« buchstabierte er. »Erinnern Sie sich nicht?« fragte er eindringlich, und als sie den Kopf schüttelte: »Ich hoffte, Sie würden sich des Namens erinnern. Man liest ja so viel über solche Sachen in der Zeitung. Aber vor fünf Jahren waren Sie ja noch ein Kind –«
»Sehr schmeichelhaft,« lächelte sie, »aber vor fünf Jahren war ich schon eine erwachsene junge Dame von achtzehn Jahren.«
»Tatsächlich?« fragte Mr. Reeder leise. »Das wundert mich aber! Nun ... Mr. Flack war eine jener Personen, von denen man so häufig in den Sensationsromanen liest, deren Verfasser die Möglichkeiten und Tatsachen des menschlichen Lebens wenig berücksichtigen. Ein Meister des Verbrechens, der Gründer einer ... hm ... Gesellschaft, oder, wie der gewöhnliche Mann sagen würde, einer Verbrecherbande.«
Er seufzte und schloß die Augen. Einen Augenblick dachte sie, daß er für den gottlosen Sünder betete.
»Ein glänzender Verbrecher – es ist schrecklich, es einzugestehen, aber ich habe wirklich eine widerwillige Bewunderung für ihn. Sie sehen, ich bin selbst ein wenig verbrecherisch veranlagt, wie ich Ihnen ja schon oft gesagt habe. Aber er war wahnsinnig.«
»Alle Verbrecher sind wahnsinnig; Sie haben mir das ja so oft erklärt,« sagte sie etwas schroff, denn es gefiel ihr gar nicht, daß die Unterhaltung von ihren eigenen Angelegenheiten abschweifte.
»Aber er war wirklich wahnsinnig,« sagte Mr. Reeder sehr ernst und tippte bezeichnend an seine Stirn. »Gerade sein Wahnsinn war seine Rettung. Er führte die tollsten Dinge aus, aber mit der Schlauheit des Wahnsinnigen. Er schoß mit kaltem Blute zwei Polizisten nieder – mitten am Tage in einer der belebtesten Straßen der City und entkam. Wir haben ihn schließlich gefaßt ... natürlich. Solche Leute werden bei uns immer gefaßt. Ich ... hm ... half dabei. Aus dem Grunde dachte ich an unseren Freund Georgio; denn es war Mr. Ravini, der ihn an uns für zweitausend Pfund verriet. Ich vermittelte das Geschäft, Mr. Ravini ist ja selbst ein Verbrecher und ...«
Sie starrte ihn mit offenem Munde an.
»Der Italiener? Das ist doch nicht möglich!«
Mr. Reeder nickte.
»Mr. Ravini stand mit der Bande von Flack in Verbindung und erfuhr zufällig, wo der alte John Flack sich aufhielt. Wir faßten den alten John, während er schlief ...« Mr. Reeder seufzte wieder. »Er äußerte sich sehr bitter über mich. Leute, die verhaftet werden, übertreiben sehr häufig die Fehler der ... hm ... derjenigen, die sie verhaften.«
»Ist er vor Gericht gekommen?« fragte sie.
»Er kam wegen Mordes vor Gericht,« sagte Mr. Reeder. »Aber natürlich ... er war ja wahnsinnig. Schuldig, aber geistesgestört lautete das Urteil, und er wurde nach dem Irrengefängnis von Broadmoor geschickt.«
Er suchte gedankenlos in seinen Taschen, brachte ein zerdrücktes Päckchen Zigaretten hervor, nahm eine heraus und bat um die Erlaubnis, rauchen zu dürfen. Sie betrachtete den Glimmstengel, der traurig von seiner Unterlippe herabhing. Seine Augen starrten düster durch das Fenster auf das Grün des Parks, durch den sie fuhren, und er schien gänzlich in die Betrachtung der Natur versunken zu sein.
»Was hat aber das alles mit mir, mit meiner neuen Stellung zu tun?«
Mr. Reeder wandte sich ihr zu.
»Mr. Flack war ein sehr rachsüchtiger Mensch,« sagte er. »Ein wirklich ausgezeichneter Mann – es tut mir leid, das zugeben zu müssen. Und nun hat er begreiflicherweise etwas gegen mich ... und wie er nun einmal ist, wird er sehr bald herausgefunden haben, daß ich ... hm ..., daß ... hm ... Sie mir ziemlich nahe stehen, Miß – Margaret.«
Jetzt ging ihr ein Licht auf, ihre ganze Haltung ihm gegenüber änderte sich, und sie packte seinen Arm.
»Jetzt verstehe ich – Sie wollen mich aus London weghaben, falls sich irgend etwas ereignet. Aber was kann sich denn ereignen? Er ist doch in Broadmoor, nicht wahr?«
Mr. Reeder kratzte sich am Kinn und betrachtete interessiert das Droschkendach.
»Vor einer Woche ist er dort ausgebrochen. Ich glaube, er wird in diesem Augenblick in London sein.«
Margaret Belman rang nach Atem.
»Dieser Italiener ... Ravini meine ich ... weiß er das?«
»Er weiß es noch nicht,« sagte Mr. Reeder vorsichtig, »aber ich glaube, er wird es sehr bald erfahren – ja, er wird es bald erfahren.«
Eine Woche später – Margaret Belman war voll böser Ahnungen abgereist, um ihre neue Stellung anzutreten – – waren Reeders sämtliche Zweifel betreffs John Flacks Aufenthalt verschwunden.
***
Zwischen Margaret Belman und Mr. Reeder war eine leichte Verstimmung entstanden, und zwar beim Lunch am Tage ihrer Abreise von London. Im Scherz fing es an – obwohl Mr. Reeder nichts weniger als zum scherzen aufgelegt war, – und zwar mit einem kleinen Vorschlag, den sie machte. Mr. Reeder widersprach. Woher sie jemals den Mut nahm, ihm zu sagen, daß er altmodisch wäre, wußte Margaret nicht – aber sie tat es.
»Natürlich könnten Sie sich Ihren Bart abnehmen lassen,« sagte sie spöttisch, »Sie würden zehn Jahre jünger aussehen.«
»Ich glaube nicht, meine liebe ... Miß ... hm ... Margaret, daß ich zehn Jahre jünger aussehen würde,« sagte Mr. Reeder.
Eine gewisse Spannung war geblieben, und sie fuhr in etwas unbehaglicher Stimmung nach Siltbury. Trotzdem sprach ihr Herz mehr für ihn, als sie sich klar machte, daß sein Wunsch, sie von London fortzubekommen, nur von der Sorge um ihre eigene Sicherheit diktiert worden war. Erst als sie sich ihrem Bestimmungsorte näherte, kam es ihr zum Bewußtsein, daß auch er sich in großer Gefahr befand. Sie mußte ihm gleich schreiben und ihm erzählen, wie leid ihr der Zwischenfall tat. Sie überlegte, wer diese Flacks wohl sein könnten, der Name war ihr bekannt, obwohl sie in der Zeit, wo diese Bande von sich reden machte, wenig oder gar nicht darauf geachtet hatte.
Mr. Daver – er sah mehr als jemals einem Kobold ähnlich – hatte bei ihrer Ankunft eine kurze Unterredung mit ihr. Er brachte sie selbst nach ihrem Bureau und erklärte ihr kurz, was sie zu tun hatte. Das war weder schwer noch verwickelt, und mit Erleichterung sah sie, daß sie praktisch nicht das Geringste mit der Leitung von Larmes Keep zu tun hatte. Diese lag in den bewährten Händen von Mrs. Burton.
Das Hotelpersonal war in zwei kleinen Häuschen, ungefähr eine Viertelmeile vom Hause entfernt, untergebracht, und nur Mrs. Burton wohnte im Hauptgebäude.
»Da bleiben wir mehr unter uns,« sagte Mr. Daver, »Dienstboten sind eine scheußliche Plage. Sie geben mir doch Recht? ... Das dachte ich auch! ... Falls man sie in der Nacht braucht, kann man beide Häuser anrufen, und Grainger, der Portier, hat einen Schlüssel für das Außentor. Das ist doch eine ausgezeichnete Einrichtung, die sicher Ihren Beifall findet? ... Natürlich stimmen Sie mir bei.«
Die Unterhaltung mit Mr. Daver war ein wenig einseitig. Er beantwortete alle seine Fragen selbst.
Er wollte gerade das Bureau verlassen, als ihr sein großes Werk einfiel.
»Mr. Daver, wissen Sie vielleicht etwas über die Flacks?«
Er runzelte die Stirn.
»Flachs? ... Warten Sie mal; was meinen Sie mit Flachs?«
Sie buchstabierte den Namen.
»Ein Freund von mir erzählte mir neulich davon,« sagte sie. »Ich dachte, Ihnen würde der Name bekannt sein. Das ist eine Verbrecherbande ...«
»Flack! ... Aber sicher kenne ich den Namen! ... Du meine Güte, wie interessant! Sie sind also auch Kriminalogist? John Flack, George Flack, Augustus Flack ...« – er sprach rasend schnell, als er die Namen an seinen langen, vom Tabak gelb gefärbten Fingern abzählte. »John Flack ist im Irrengefängnis, seine beiden Brüder entwischten nach Argentinien. Schreckliche Kerle, schreckliche, ganz schreckliche Kerle! Was für eine wundervolle Organisation ist doch unsere Polizei. Und Scotland Yard erst! ... Einfach großartig! ... Sie stimmen mir doch bei? ... Aber zweifellos ... Flack!« Er runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. »Ich dachte, diese Gesellschaft mit ein paar kurzen Paragraphen abzutun, aber mein Material ist leider noch nicht vollständig. Kennen Sie sie denn?«
Sie schüttelte lächelnd den Kopf.
»Nein, ich habe nicht den Vorzug.«
»Fürchterliche Geschöpfe,« fuhr Mr. Daver fort. »Erstaunliche Kreaturen! Wer ist denn Ihr Freund, Miß Belman?... Ich würde mich freuen, ihn kennenzulernen. Er könnte mir vielleicht mehr über diese Leute erzählen.«
Margaret hörte diese Worte mit Bestürzung an.
»O nein. Es ist sehr unwahrscheinlich, daß Sie ihn treffen werden,« sagte sie hastig, »und ich glaube auch nicht, daß er darüber sprechen würde, falls Sie ihm begegnen würden – es war vielleicht falsch von mir, ihn überhaupt zu erwähnen.«
Diese Unterhaltung mußte Mr. Daver sehr beschäftigt haben, denn am Abend, als sie ihr Bureau verließ, um nach ihrem Zimmer zu gehen – sie war sehr müde – klopfte er an ihre Tür, öffnete diese auf ihre Aufforderung hin und blieb auf der Schwelle stehen.
»Ich habe die Berichte über die Flacks noch einmal durchgelesen,« sagte er, »und es ist überraschend, wie wenig Material über sie vorhanden ist. Ich habe einen Zeitungsausschnitt mit dem Bericht, daß John Flack tot ist. Das war der Mann, der nach Broadmoor geschickt wurde. Ist er eigentlich tot?«
»Ich könnte es Ihnen wirklich nicht sagen,« sagte sie, nicht ganz der Wahrheit gemäß. »Er wurde mir gegenüber nur gelegentlich erwähnt.«
Mr. Daver kratzte sich am Kinn.
»Ich dachte, man hätte möglicherweise Ihnen ein paar Einzelheiten erzählt, die Ihnen ... als Laie ... sozusagen ...« er kicherte ... »unwichtig erschienen, die aber für mich –«
Er zögerte erwartungsvoll.
»Das ist alles, was ich weiß, Mr. Daver,« sagte Margaret.
Sie schlief fest in dieser Nacht; das entfernte Rauschen der Wogen, die den langen Strand der Siltbury Bucht heraufrollten, sang sie in traumlosen Schlummer.
Ihre Arbeit begann erst nach dem Frühstück, das sie in ihrem Bureau einnahm, und bestand hauptsächlich im Kontrollieren der Rechnungen. Anscheinend hatte aber Mrs. Burton bis jetzt diesen Teil der Verwaltung unter sich gehabt, so daß wahrscheinlich erst am Monatsende, wenn Schecks ausgestellt werden mußten, ihre Arbeit schwerer werden würde. Ihre Arbeitszeit war hauptsächlich mit Korrespondenz ausgefüllt. Einigen hundertvierzig Bewerberinnen um ihren Posten mußte geantwortet werden, hierzu kam noch eine Anzahl Briefe von Leuten, die in der Pension wohnen wollten. Alle diese Briefe mußten Mr. Daver vorgelegt werden, und es war auffallend, wie wählerisch Mr. Daver war. Hier ein Beispiel:
»Se. Ehrwürden John Quinten? Nein, nein. Wir haben schon einen Pastor im Hause. Das genügt. Schreiben Sie ihm, es täte uns sehr leid, aber es wäre alles besetzt. Mrs. Bragley möchte ihre Tochter hierher bringen? Auf keinen Fall! Ich will nicht durch Kindergeschrei gestört werden. Sie geben mir doch Recht? ... Ich sehe, Sie denken auch so. Wer ist diese Frau? ... ›Zur Nachkur hierher kommen?‹ Das heißt, sie ist krank ... Ich kann aus Larmes Keep kein Sanatorium machen. Sie können all den Leuten schreiben, daß bis nach Weihnachten alles besetzt ist. Nach Weihnachten können sie kommen – ich verreise dann.«
Die Abende gehörten ihr. Sie konnte, wenn sie wollte, nach Siltbury gehen, das mit Stolz zwei Kinos und eine Pierrot-Gesellschaft aufwies, und Mr. Daver stellte ihr das Hotelauto für diesen Zweck zur Verfügung. Sie zog es aber vor, durch das Gelände zu wandern. Das Besitztum war viel größer, als sie angenommen hatte. Auf der Südseite des Hauses dehnte es sich eine halbe Meile weit aus. Die Grenze nach Osten bildeten die Klippen, an denen entlang eine Mauer aus Feldsteinen in Brusthöhe aufgeführt war. Und das aus sehr gutem Grunde, denn die Klippen fielen hier senkrecht zweihundert Fuß auf die unterliegenden Felsen ab. An einer Stelle hatte ein kleiner Erdrutsch stattgefunden, hatte den Wall mit fortgerissen, und man hatte die Lücke durch einen provisorischen Holzzaun abgeschlossen. Der Versuch war gemacht worden, einen Neun-Loch-Golfplatz einzurichten, aber anscheinend war Mr. Daver dieser Sache überdrüssig geworden, denn das Gelände stand kniehoch unter wogendem Gras. An der Südwestecke des Hauses, ungefähr hundert Yards entfernt, befand sich ein dichtes Rhododendrongebüsch, und das durchforschte sie, als sie einem kleinen gewundenen Pfade folgte, der sie bis in die Mitte des Gehölzes führte. Ganz unerwartet kam sie auf einen alten Ziehbrunnen. Das Mauerwerk lag in Trümmern; der Brunnenschacht war mit Brettern zugedeckt. An dem vom Wetter mitgenommenen Schutzdach über der Winde hing eine kleine hölzerne Tafel – augenscheinlich als Aufklärung für die Besucher:
»Dieser Brunnen wurde von 935 bis 1794 benutzt. Er wurde von den gegenwärtigen Besitzern des Grundstücks im Mai 1914 aufgefüllt. Für diesen Zweck sind einhundertundfünfunddreißig Wagenladungen Sand und Steine gebraucht worden.«
Für Margaret war es ein angenehmer Zeitvertreib, an diesem alten Brunnen zu stehen, und sich die Hörigen und barfüßigen Bauern vorzustellen, die Jahrhunderte hindurch an der Stelle gestanden hatten, wo sie sich jetzt befand. Als sie aus dem Gebüsch heraustrat, stieß sie auf Olga Crewe, das Mädchen mit dem blassen Gesicht.
Margaret hatte weder mit dem Pastor noch mit dem Obersten gesprochen; sie hatte diese weder gemieden, noch diese sie. Olga Crewe hatte sie nicht mehr gesehen, und sie würde ihr auch jetzt aus dem Wege gegangen sein, wenn das junge Mädchen nicht zu ihr herübergekommen wäre.
»Sie sind die neue Sekretärin, nicht wahr?«
Ihre Stimme war sehr musikalisch, lockend. »Süßlich« war Margaretes erste Empfindung.
»Ja, ich bin Miß Belman.«
Das junge Mädchen nickte.
»Meinen Namen kennen Sie ja, wie ich annehme? Werden Sie es hier nicht schrecklich langweilig finden?«
»Ich glaube nicht,« lächelte Margaret. »Es ist ein wunderschönes Stückchen Erde.« Olga Crewes Augen überflogen die Landschaft mit kritischem Blick.
»Ja, das ist es sicher. Sehr schön ... Aber man wird im Laufe der Jahre auch der Schönheit überdrüssig.«
Margaret horchte erstaunt auf.
»Sind Sie schon so lange hier?«
»Eigentlich bin ich hier schon seit meiner Kinderzeit. Ich dachte, Joe hätte Ihnen das schon erzählt; er ist ein unverbesserlicher, alter Schwätzer.«
»Joe?« Sie stand vor einem Rätsel.
»Der Droschkenkutscher. Er sammelt alle Innigkeiten und verbreitet sie auch weiter.«
Sie blickte auf Larmes Keep und runzelte die Stirn.
»Wissen Sie, wie man früher dies Haus zu bezeichnen pflegte, Miß Belman? ... Das Haus der Tränen – Le Château des Larmes.«
»Warum?«
Olga Crewe zuckte ihre hübschen Schultern.
»Ich nehme an, so eine Art Überlieferung, die bis in die Tage des Baron Augernvert, der das Haus baute, zurückreicht. Die Einheimischen haben den eigentlichen Namen in Larmes Keep – das Verließ der Tränen – umgewandelt. Sie müßten sich mal die unterirdischen Gefängnisse ansehen.«
»Gibt es denn welche?« fragte Margaret überrascht.
»Wenn Sie die Verließe gesehen hätten, die schweren Ketten und die Ringe in den Mauern, die Spuren der bloßen Füße auf den abgewetzten Fliesen, dann könnten Sie erraten, wie der Name entstanden ist.«
Margaret starrte auf das Verließ zurück. Die Sonne versank hinter seinen Mauern, und dieser hohe, massive Steinhaufen, der sich scharf gegen das rote Licht der sinkenden Sonne abzeichnete, gewährte einen düsteren, unheilvollen Anblick.
»Direkt unheimlich,« sagte sie und schauderte. Olga Crewe lachte.
»Haben Sie schon die Klippen gesehen?« fragte sie, und führte sie den Weg zurück bis zu dem langen Brustwall. Dort standen sie eine Viertelstunde und blickten, die Arme auf die Brüstung gestützt, in die Dämmerung unter sich.
»Sie sollten sich gelegentlich jemand nehmen und sich um das Kliff herumrudern lassen. Es ist wie durchlöchert von Höhlen,« sagte sie. »Eine, direkt am Rande der See, geht bis unter das Verließ. Wenn die Flut außergewöhnlich hoch steigt, steht sie unter Wasser. Ich wundere mich eigentlich, daß Daver kein Buch darüber schreibt.«
In ihrer Stimme lag ein ganz feiner Ton von Hohn, der aber Margaret nicht entging.
»Da muß der Eingang sein,« sagte sie, und zeigte auf einen Wirbel im Wasser, der bis an das Kliff zu laufen schien.
Olga nickte.
»Bei Hochwasser würden Sie das nicht bemerken,« antwortete sie. Dann drehte sie sich plötzlich um und fragte, ob Margaret schon den Badeplatz gesehen hatte.
Dieser war ein langes Viereck, von hohen Buchsbaumhecken geschützt und gänzlich mit blauen Kacheln ausgelegt; eine verführerische Einladung zum Bade.
»Außer mir benutzt es niemand. Daver würde schon bei dem Gedanken hineinzuspringen, tot umfallen.«
Jedesmal, wenn sie Mr. Daver erwähnte, drückte ihr Ton kaum verhüllte Verachtung aus. Sie war aber auch nicht barmherziger, wenn sie die anderen Gaste erwähnte. Als sie sich dem Hause näherten, bemerkte Olga ganz unvermittelt:
»Wenn ich Sie wäre, würde ich Mr. Daver nicht zu viel erzählen. Überlassen Sie ihm das Reden.«
»Was meinen Sie damit?« fragte Margaret gelassen; aber in diesem Augenblick ließ Olga sie ohne jedes weitere Wort stehen und ging auf den Oberst zu, der, eine Zigarre im Munde, ihnen entgegensah. Das Haus der Tränen!
Margaret dachte an diesen Namen, als sie sich am Abend entkleidete und trotz all ihrer Selbstbeherrschung überlief sie ein leiser Schauder.
4. Kapitel
Der Polizist, der an der Bennet Street Ecke Hyde Lane stand, hatte sein Reich für sich allein. Es war gegen drei Uhr an einem trüben Frühlingsmorgen; kein Lüftchen wehte, und es war unangenehm schwül. Irgendwo im Süden Londons entlud sich ein Gewitter; man hörte den Donner in unregelmäßigen Zwischenräumen grollen. Gute und Böse in Mayfair schliefen – mit Ausnahme von Mr. I. G. Reeder, dem Hüter des Gesetzes und dem Schrecken der Verbrecher. Der Schutzmann Dyer sah das gelbe Licht hinter dem Schiebefenster und lächelte wohlwollend.
Die Nacht war so still, daß er bei dem Geräusch eines Schlüssels in einem Türschloß über seine Schulter blickte, weil er glaubte, es käme von dem Hause direkt hinter ihm. Aber diese Tür blieb verschlossen. Dagegen sah er aber eine Frauengestalt auf der obersten Stufe des Treppenabsatzes fünf Häuser weiter weg erscheinen. Sie war spärlich bekleidet.
»Schutzmann!«
Die Stimme klang leise, gebildet und sehr dringlich. Er ging schneller auf sie zu, als man dies im allgemeinen von Polizisten gewöhnt ist.
»Irgend etwas nicht in Ordnung, Miß?«
Ihr Gesicht, er war erfahren genug in diesen Dingen, war »zurechtgemacht«; die Wangen waren stark geschminkt und die Lippen für jemand, der sich fürchtete, – überraschend rot. Er nahm an, daß sie unter normalen Verhältnissen hübsch war, konnte sich aber über ihr Alter kein Urteil bilden. Sie trug einen langen, schwarzen Schlafrock, der bis zum Kinn hinauf geschlossen war. Außerdem bemerkte er, daß die Hand, die sich am Treppengeländer festhielt, im Lichte der Straßenlampen funkelte.
»Ich weiß nicht... genau. Ich bin allein im Haus, und mir war, als... hätte ich etwas gehört.«
Drei Worte in einem Atem. Augenscheinlich war sie in großer Angst.
»Haben Sie keine Dienstboten im Hause?«
Der Schutzmann war überrascht und ein wenig unruhig.
»Nein. Ich bin erst gegen Mitternacht von Paris zurückgekommen – wir haben das Haus möbliert gemietet – und ich befürchte, die Dienstboten haben sich im Datum meiner Rückkehr geirrt. Ich bin Mrs. Granville Fornese.«
Er entsann sich dunkel dieses Namens, er mußte ihn irgendwann schon mal gehört haben – er klang vornehm, wie der Name einer hochstehenden Persönlichkeit. Und Bennet Street war eine Gegend wo »solche« Leute wohnten.
Der Polizist starrte forschend in den dunklen Vorraum.
»Wenn Sie Licht machen wollten, Madam, will ich mal nachsehen.«
Sie schüttelte den Kopf; er fühlte beinahe, wie sie zitterte.
»Das Licht ist nicht in Ordnung... und das hat mich ja so entsetzt. Als ich um ein Uhr zu Bett ging, funktionierte die Beleuchtung noch. Irgend etwas weckte mich auf... ich weiß nicht, was es war... ich schalte die Lampe auf meinem Nachttisch ein... und sie brennt nicht. Ich hatte in meiner Handtasche eine kleine Taschenlampe... die fand ich glücklicherweise und machte Licht.«
Sie hielt inne und zeigte ihre Zähne in einem gezwungenen Lächeln. Dyer sah, wie ihre dunklen Augen ins Leere starrten.
»Ich sah... ich weiß nicht, was es war... einen schwarzen Schatten, wie wenn jemand an der Wand entlang kroch. Auf einmal war er verschwunden... Und die Tür von meinem Zimmer stand weit offen... Und ich hatte sie doch zugemacht und abgeschlossen, als ich zu Bett ging.«
Der Schutzmann öffnete die Tür ganz weit und ließ den Schein seiner Lampe in den Gang fallen. An der Wand stand ein kleines Tischchen und auf diesem ein Tischtelephon. Er trat in die Halle und nahm den Hörer auf. Der Apparat funktionierte nicht.
»Ist das...«
Er hielt plötzlich inne und lauschte.
Irgendwo über sich hörte er ein schwaches aber anhaltendes Geräusch – das Knacken einer lockeren Diele. Mrs. Fornese stand immer noch in der offenen Tür, und er ging zu ihr zurück.
»Haben Sie einen Schlüssel für die Haustür?« fragte er, aber sie schüttelte ihren Kopf.
Er fühlte an der Innenseite des Schlosses, fand die Riegelsicherung und schob diese hoch.
»Ich muß von irgendwo anders telephonieren. Es ist besser, Sie ...«
Was war das Beste für sie? ... Er war ein einfacher Schutzmann und stand einer heiklen Situation gegenüber.
»Können Sie nicht einstweilen woanders hingehen ... zu Bekannten?«
»Nein,« sagte sie entschieden und fügte dann hinzu: »Wohnt denn nicht Mr. Reeder gegenüber? Irgendwer hat mir erzählt ...«
Im Hause auf der anderen Seite der Straße brannte Licht. Mr. Dyer sah unsicher nach dem erleuchteten Fenster. Es war allgemein bekannt, daß dort die elegante Wohnung eines Mannes war, der im Rang über dem Polizeioberst stand. Bennet Street Nr. 7 war vor kurzem in einzelne Wohnungen aufgeteilt worden, und in eine von ihnen war Mr. Reeder aus seiner Wohnung in der Vorstadt gezogen. Warum er gerade in dieser vornehmen und eleganten Gegend gemietet hatte, wußte kein Mensch. Die Verbrecherwelt hielt ihn für fabelhaft reich; zweifellos lebte er in guten Verhältnissen.
Der Schutzmann zögerte, suchte dann in seinen Taschen das kleinste Geldstück des Königreiches, ging über die Straße und warf den halben Penny gegen das Fenster – die Dame war in der Türschwelle stehen geblieben. Eine Sekunde später öffnete sich das Fenster.
»Entschuldigen Sie, Mr. Reeder, könnte ich Sie mal einen Augenblick sprechen?«
Der Kopf und die Schultern des Mannes verschwanden, und in sehr kurzer Zeit erschien Mr. Reeder in der Tür. Er war so vollständig angezogen, daß man glauben konnte, er hätte diese Aufforderung erwartet. Der Gehrock war fest zugeknöpft, der Hut saß auf seinem Hinterkopf und auf seiner Nase balancierte der Kneifer, durch den er niemals blickte.
»Irgend etwas nicht in Ordnung, Schutzmann?« fragte er freundlich.
»Könnte ich mal Ihr Telephon benutzen?... Da drüben wohnt eine Dame – Mrs. Fornese... sie ist ganz allein... hat jemand im Hause gehört... ich auch...«
Er hörte einen kurzen Schrei... einen Krach und fuhr herum. Die Tür von Nr. 4 war geschlossen und Mrs. Fornese verschwunden.
In sechs Sprüngen war Mr. Reeder über die Straße und an der Tür. Er bückte sich, drückte die Klappe des Briefkastens zurück und lauschte. Kein Geräusch als das Ticken einer Uhr... ein schwacher, seufzender Ton.
»Hm!« Mr. Reeder kratzte nachdenklich seine lange Nase. »Hm... wollen Sie mir, bitte, diese ganzen... hm... Vorgänge noch einmal erzählen?«
Der Beamte wiederholte die Geschichte mehr zusammenhängend.
»Sie sperrten das Schloß, damit es nicht zuschnappen konnte? Sehr vernünftig!« Mr. Reeder runzelte die Stirn. Ohne ein weiteres Wort ging er über die Straße und verschwand in seiner Wohnung. An der Rückwand seines Schreibtisches war ein kleines Fach, das er aufschloß. Er nahm einen ledernen Werkzeugbehälter heraus, rollte ihn auf, suchte drei kleine merkwürdige Stahlinstrumente, die beinahe wie kleine Haken aussahen, heraus, setzte einen in den hölzernen Griff und ging zu dem Schutzmann zurück.
»Ich fürchte, das ist... ich will nicht sagen ›gesetzwidrig‹, denn ein Mann in meiner Stellung ist nicht imstande, eine gesetzwidrige Handlung zu begehen... wollen wir sagen ›ungebräuchlich‹?«
Während der ganzen Zeit, in der er in leiser und wie um Verzeihung heischender Weise sprach, arbeitete er an dem Schloß herum, indem er das Instrument bald in dieser, bald in jener Richtung drehte. Endlich faßte der Haken, mit einem kleinen »Schnapp« drehte sich das Schloß, und Mr. Reeder stieß die Tür auf.
Er nahm die elektrische Taschenlampe ans der Hand des Polizisten und ließ einen weiten Lichtkreis durch die Vorhalle schweifen. Nichts rührte sich. Er leuchtete nach der Treppe und lauschte, mit gesenktem Haupte. Er vernahm keinen Laut und ging geräuschlos weiter in die Halle hinein.
Der Gang führte an dem Fuß der Treppe vorbei und endigte an einer Tür, die wahrscheinlich zu den Dienstbotenräumen im Hause führte. Zum Erstaunen des Schutzmanns war es diese Tür, die Mr. Reeder zuerst untersuchte. Er drehte den Türknopf, aber die Tür öffnete sich nicht; dann beugte er sich nieder und schielte durch das Schlüsselloch.
»Es war jemand... oben,« begann der Schutzmann mit achtungsvollem Zögern.
»Es war jemand oben,« wiederholte Mr. Reeder abwesend. »Sie hörten eine Diele knacken, glaube ich.«
Er ging langsam nach dem Fuß der Treppe zurück und blickte hinauf. Dann leuchtete er mit seiner Lampe auf den Fußboden der Vorhalle.
»Keine Sägespäne,« sagte er zu sich selbst, »das kann es also nicht sein.«
»Soll ich nach oben gehen, Sir?« fragte Dyer und hatte seinen Fuß schon auf der untersten Treppenstufe, als Mr. Reeder ihn mit einer Kraft, die man in einem so müde aussehenden Manne nicht vermutete, zurückriß.
»Lieber nicht, mein Freund,« sagte er fest. »Wenn die Dame oben ist, muß sie unsere Stimmen gehört haben. Sie ist aber nicht oben.«
»Denken Sie, daß sie vielleicht in der Küche ist?« fragte der verdutzte Polizist.
Mr. Reeder schüttelte traurig den Kopf.
»Leider versäumen unsere modernen Frauen ihre Zeit nicht in der Küche!« sagte er, und stieß einen ungeduldigen, glucksenden Laut aus, ob als Protest gegen das Seltenwerden der häuslichen Tugenden der heutigen Frauen, oder ob das ›tschk'd‹ einen anderen Grund hatte, war schwer zu sagen. Er war von seinen Gedanken völlig in Anspruch genommen.
Er leuchtete wieder nach der Tür.
»Das dachte ich,« sagte er, und seine Stimme klang erleichtert. »Da stehen zwei Spazierstöcke in dem Garderobenständer. Wollen Sie mir mal einen geben, Schutzmann?«
Der Beamte gehorchte verwundert und brachte Mr. Reeder einen langen Stock aus Kirschbaumholz mit gebogener Krücke, den er im Lichte der Lampe untersuchte.
»Verstaubt und von dem früheren Bewohner zurückgelassen. Die Spitze anstelle einer Zwinge beweist, daß er in der Schweiz gekauft wurde. Wahrscheinlich haben Sie kein Interesse für Detektivgeschichten und haben niemals von dem Manne gelesen, dessen Methode ich hier nachmache?«
»Nein, Sir,« erwiderte Dyer, der nichts von alledem begriff.
Mr. Reeder untersuchte den Stock noch einmal.
»Es ist jammerschade, daß es keine Angelrute ist,« sagte er. »Bleiben Sie hier stehen und rühren Sie sich nicht.«
Dann kroch er langsam auf den Knien die Treppe hinauf und fuchtelte dabei mit seinem Stock in der lächerlichsten Art und Weise hin und her. Er hielt ihn mit ausgestrecktem Arm in die Höhe und schlug beim Hinaufkriechen gegen unsichtbare Hindernisse. Er kroch höher und höher, und sein Schattenbild zeichnete sich scharf gegen den Schein der Lampe in seinen Händen ab. Der Schutzmann Dyer sah ihm mit offenem Munde zu.
»Könnte ich denn nicht ...«
Weiter kam er nicht. Eine ohrenbetäubende Explosion erfolgte. Die Luft war plötzlich mit Rauch- und Staubwolken angefüllt; er hörte das Krachen von Holz, und der beißende Geruch von etwas Brennendem kam zu ihm. Verwirrt und unfähig, sich zu bewegen, starrte er Mr. Reeder an, der auf einer Stufe saß und kleine Holzsplitter von seinem Rock absuchte.
»Ich glaube, Sie können jetzt ohne jede Gefahr heraufkommen,« sagte Mr. Reeder sehr ruhig.
»Was ... was war das?« stotterte der Schutzmann.
Der geschworene Feind aller Verbrecher staubte zärtlich seinen Hut ab, was aber Dyer nicht sehen konnte.
»Sie können heraufkommen.«
Mr. Dyer lief die Treppe hinauf und folgte dem anderen über den breiten Treppenflur, bis dieser stehenblieb und im Scheine der Lampe einen merkwürdig aussehenden und allem Anschein nach selbstangefertigten Selbstschuß betrachtete, dessen Mündung so durch das Treppengeländer gerichtet war, daß sie die Treppe deckte, die er heraufgekommen war.
»Quer über die Stufen,« erklärte Mr. Reeder eingehend, »war ein schwarzer Faden gespannt, so daß jeder, der an den Faden rührte oder ihn zerriß, den Selbstschuß zum Entladen bringen mußte.«
»Aber ... aber ... die Dame ...?«
Mr. Reeder hüstelte.
»Ich glaube nicht, daß sie noch im Hause ist,« sagte er in immer gleichem, freundlichem Ton. »Ich nehme vielmehr an, daß sie durch die Hintertür entwischte. Da ist doch ein Wirtschaftseingang, nicht wahr? Sie tut mir eigentlich leid – dieser kleine Zwischenfall ereignete sich zu spät für die Morgenausgaben, und sie wird leider bis zu den ersten Sportberichten warten müssen, bevor sie erfährt, daß ich noch am Leben bin.«
Der Schutzmann atmete tief auf.
»Ich glaube, ich muß das erst mal zu Rapport bringen, Sir.«
»Das glaube ich auch,« seufzte Mr. Reeder. »Und rufen Sie, bitte, Inspektor Simpson an und sagen Sie ihm, er soll hierherkommen, ich möchte ihn gern sprechen.«
Der Beamte zauderte wiederum.
»Halten Sie es nicht für besser, daß wir erst das Haus durchsuchen? ... Vielleicht haben sie die Frau aus dem Wege geschafft.«
Mr. Reeder schüttelte den Kopf.
»Da ist nicht eine einzige Frau aus dem Wege geräumt worden,« sagte er entschieden. »Das Einzige, was wirklich beseitigt worden ist, ist eine der Lieblingstheorien Mr. Simpsons.«
»Aber, Mr. Reeder, warum ist denn diese Dame an die Tür gekommen ...?«
Mr. Reeder tätschelte ihn wohlwollend auf den Arm – wie eine Mutter ihr Kind tätschelt, das eine närrische Frage stellt.
»Die ... hm ... Dame hat eine halbe Stunde an der Tür gestanden,« antwortete er sanft, »eine geschlagene halbe Stunde, mein lieber Freund, und hoffte – wider alle Hoffnung, wie man sich vorstellen kann – daß sie meine Aufmerksamkeit auf sich lenken würde. Ich habe sie nämlich von einem Zimmer aus beobachtet, das ... hm ... nicht erleuchtet war. Ich habe mich nicht sehen lassen, weil ich den .. hm ... lebhaften Wunsch habe, noch eine Zeitlang am Leben zu bleiben.«
Mit diesen dunklen Worten verschwand Mr. Reeder in seinem Hause.
5. Kapitel
Mr. Reeder hatte es sich bequem gemacht, trug ein Paar merkwürdig bemalte Sammetpantoffeln, eine Zigarette hing zwischen seinen Lippen, und er setzte dem Detektiv-Inspektor, der ihn in aller Frühe aufgesucht hatte, seine Gründe für gewisse Schlußfolgerungen auseinander.
»Ich nehme auch nicht einen einzigen Augenblick an, daß mein Freund Ravini die Hand dabei im Spiele hat. Er arbeitet nicht so ... hm ... fein, außerdem hat er wenig oder gar keine Intelligenz. Sie werden finden, daß dieser Schlag schon seit Monaten geplant ist, obwohl er erst heute ausgeführt wurde. Bennet Street Nr. 307 gehört einem alten Herrn, der hauptsächlich in Italien lebt. Er hat das Haus schon seit Jahren möbliert vermietet; erst seit einem Monat sieht es leer.«
»Sie nehmen also an, daß die Leute, wer sie auch immer sein mögen, das Haus gemietet ...«
Mr. Reeder schüttelte den Kopf.
»Sogar das bezweifle ich. Höchstwahrscheinlich haben sie eine Erlaubnis, das Haus zu besichtigen, und sind auf irgendeine Weise den Verwalter losgeworden. Sie wußten, daß ich heute Nacht zu Haus sein würde, weil ich immer zu Haus bin ... hm ... wenigstens meistens, seit ...« Mr. Reeder hustete verlegen. »Eine gute Bekannte von mir hat kürzlich London verlassen, und ich gehe nicht gern allein aus.«
Und zu Simpsons Schauder flog ein rosiger Schein über Mr. Reeders nüchternes Gesicht.
»Vor einigen Wochen,« fuhr er fort mit einem kläglichen Versuche, unbefangen zu erscheinen, »aß ich gewöhnlich auswärts, ging in ein Konzert, oder sah mir eines jener wundervollen Melodramen an, für die ich eine besondere Vorliebe habe.«
»Wen haben Sie in Verdacht?« unterbrach Simpson, der nicht mitten in der Nacht aus dem Bett gerufen worden war, um die Vorzüge von Melodramen zu erörtern. »Die Gregorys oder die Donovans?« Er nannte zwei Banden, die ausgezeichnete Gründe hatten, mit Mr. Reeder und seinen Methoden unzufrieden zu sein.
Mr. Reeder schüttelte seinen Kopf.
»Keine von beiden. Ich glaube, oder vielmehr: ich bin ganz sicher, daß wir für diese Sache hier auf alte Geschichten zurückkommen müssen.«
Simpson riß die Augen auf.
»Sie meinen doch nicht Flack?« fragte er ungläubig. »Der hält sich versteckt ... So bald fängt der nicht wieder an.«
Mr. Reeder nickte.
»John Flack. Wer denn sonst könnte ein solches Unternehmen geplant haben? ... Diese künstlerische Vollendung! Und dann, Mr. Simpson« – er beugte sich zu ihm und tippte ihm auf die Brust – »seit Flack nach Broadmoor geschickt wurde, ist kein größerer Einbruch mehr in London vorgekommen. In einer Woche werden Sie den größten von allen erleben. Die Quintessenz aller Einbrüche. Sein wahnwitziges Hirn bereitet ihn jetzt vor.«
»Er ist erledigt,« sagte Simpson stirnrunzelnd.
Mr. Reeder lächelte schwach.
»Wir wollen abwarten. Die kleine Affäre von heute Nacht ist ein Probeschuß – ein reines Nichts. Aber ich bin ganz froh, daß ich in diesen Tagen nicht ... hm ... auswärts esse. Andrerseits ist aber unser guter Freund Georgio Ravini dafür bekannt, nur auswärts zu speisen – würde es Ihnen etwas ausmachen, das Polizeibureau in der Vine Street anzurufen, ob dort Rapporte über einige Unglücksfälle eingelaufen sind?«
Vine Street, wo man über die Lebensweise von so manchen Leuten genau unterrichtet war, teilte sofort mit, daß Mr. Georgio Ravini die Stadt verlassen hätte; man nahm an, er wäre in Paris.
»Du lieber Himmel,« sagte Mr. Reeder in seiner nachlässigen, gleichgültigen Weise. »Das ist aber vernünftig von Georgio, und es wäre noch viel vernünftiger, wenn er ganz dort bleiben würde.«
Mr. Simpson stand auf und schüttelte sich. Er war ein starker, beherzter Mann, der diese Angewohnheit hatte.
»Ich will nach dem Präsidium gehen und Rapport erstatten,« sagte er. »Vielleicht ist es doch nicht Flack gewesen. Er ist der Anführer von einer Bande und kann ohne seine Leute nichts machen. Und die sind ja in alle Welt zerstreut, die meisten von ihnen in Argentinien ...«
»Ha, Ha!« lachte Mr. Reeder, aber ohne jedes Anzeichen von Belustigung.
»Worüber lachen Sie denn, zum Teufel?«
Der andere entschuldigte sich sofort.
»Das war mehr ein ... hm ... wenn ich so sagen darf ... ein ... hm ... skeptisches Lachen. Argentinien! Gehen denn Verbrecher wirklich nach Argentinien ... ausgenommen natürlich in den wunderbaren Romanen, die man in der Eisenbahn liest? Eine Überlieferung, mein lieber Mr. Simpson, die bis zu jenen alten Zeiten zurückgeht, wo zwischen den beiden Ländern keine Auslieferungsverträge bestanden. In alle Welt zerstreut! ... Möglich ... Ich warte auf den Tag, wo ich sie alle unter einem Dach zusammen habe. Das wird ein sehr angenehmer Morgen für mich sein, Mr. Simpson, wenn ich durch die Galerie laufen und durch die kleinen Judasse Beobachtungsklappe in den Zellentüren der Gefängnisse. blicken kann und sehe, wie sie Postsäcke nähen – es gibt keine beruhigendere Beschäftigung als Näharbeit! – In der Zwischenzeit passen Sie aber ja auf Ihre Banken auf – der alte John Flack ist siebzig Jahre alt und hat keine Zeit mehr zu verlieren. Die nächste Zeit, bevor viele Tage vergangen sind, wird es erleben, wie in der City von London Geschichte gemacht wird. Ich möchte wissen, wo ich Mr. Ravini finden kann?«
***
Georgio Ravini gehörte nicht zu denen, deren Glückseligkeit von der guten Meinung abhing, die andere von ihm hatten.
Sonst würde er wohl sein ganzes Leben in jämmerlicher Trübsal verbracht haben. Und in bezug auf Mr. Reeder – er erörterte das Thema dieses interessanten Polizeibeamten bei einem Glas Wein und einer guten Zigarre in seiner Wohnung in der Half Moon Street. Es war ein in die Augen fallender, sogar etwas protzenhafter, kleiner Haushalt. Mr. Ravinis Motto war: Das Beste vom Besten – und davon so viel, wie irgendmöglich; sein Salon erinnerte an eine jener übermäßig verzierten französischen Standuhren – alles Gold und Emaille, wenn es nicht Seide oder Damast sein konnte. Er setzte Lew Steyne – eine Art »Leutnant« von ihm – seine Meinung über die Lage der Dinge auseinander.
»Wenn dieser alte Dingsda wirklich nur die Hälfte von dem wüßte, was er zu wissen vorgibt, würde ich den ersten Zug nach Bordighera nehmen,« sagte er. »Aber Mr. Reeder blufft. In gewisser Beziehung ist er sehr gerieben, aber das kann man beinahe von jedem Schnüffler sagen, dem man in den Weg läuft.«
»Du kannst ihn sicherlich was lehren,« erwiderte Lew schmeichlerisch, und Mr. Ravini lächelte selbstgefällig und strich seinen kecken Schnurrbart.
»Ich würde mich gar nicht wundern, wenn der alte Geck nach dem Mädel verrückt ist. Mai und Dezember – kannst du dir so was denken?!«
»Wie sieht sie eigentlich aus?« fragte Lew. »Ich habe sie niemals richtig gesehen.«
Mr. Ravini küßte verzückt seine Fingerspitzen.
»Mich kann er auf jeden Fall nicht ins Bockshorn jagen, Lew – du weißt, wie ich bin. Wenn ich was haben will, dann bin ich hinterher und bin so lange hinterher, bis ich es habe. Ich habe niemals ein Mädel gesehen wie sie. Ganz und gar Dame und so weiter, und was sie an solch altem Knacker finden kann ist mir 'n böhmisches Dorf.«
»Weiber sind komisch,« sagte Lew nachdenklich, »man sollte nicht glauben, daß 'n Schreibmaschinenmächen dir den Laufpaß gibt.«
»Laufpaß geben ist Quatsch,« sagte Mr. Ravini kurz, »ich bin ihr ganz einfach nicht vorgestellt worden, das ist die Geschichte. Aber das kommt noch. Wo ist das Haus?«
»In Siltbury,« sagte Lew.
Er holte ein Stück Papier aus der Westentasche, faltete es auseinander und las die mit Bleistift geschriebenen Worte. »Larmes Keep, Siltbury – an der Südbahn. Ich folgte ihr, als sie mit ihren Koffern von London abreiste. Der alte Reeder brachte sie nach der Bahn und sah so vergnügt aus wie eine gebadete Katze.«
»Eine Pension?« sagte Ravini überlegend, »komische Art von Stellung.«
»Sie ist Sekretärin,« berichtete Lew. (Er hatte das mindestens schon viermal erzählt, aber Mr. Ravini gehörte zu jenen neugierigen Menschen, die alles nicht oft genug hören können.)
»Das Haus ist allerhand,« sagte Lew. Nicht eine der gewöhnlichen Pensionen – nur für seine Leute. Zwanzig Guineen die Woche pro Zimmer, und du kannst froh sein, wenn du überhaupt reinkommst.«
Ravini kratzte sein Kinn und dachte darüber nach.
»Das ist hier ein freies Land,« sagte er, »wer kann mich hindern in – na, wie heißt das Ding – zu wohnen? Larmes Keep? In meinem ganzen Leben habe ich mich noch niemals mit ›Nein‹ von 'ner Frau zufrieden gegeben. Meistens meinen sie's ja überhaupt nicht so. Auf jeden Fall muß sie mir ein Zimmer geben, wenn ich genug Geld habe, um zu zahlen.«
»Und wenn sie an Reeder schreibt?« warf Lew ein.
»Laß sie schreiben!« Ravinis Ton klang herausfordernd, wie auch seine Meinung immer sein mochte. »Was kann er mir anhaben? Es ist doch kein Verbrechen, seine Miete in einer Pension zu bezahlen?«
»Versuchs doch mal bei ihr mit einem von deinen Glücksringen,« grinste Lew.
Ravini betrachtete sie mit Bewunderung.
»Ich kann sie nicht herunterkriegen,« sagte er, »und ich denke gar nicht daran, mich deswegen von meinem Glück zu trennen. Sie wird schon anbeißen, wenn sie mich erst näher kennt – mach dir man keine Sorge deswegen.«
Ein merkwürdiger Zufall wollte es, daß er am nächsten Morgen, als er aus der Half Moon Street kam, gerade den einzigen Mann in der ganzen Welt, den er nicht sehen wollte, treffen mußte. Glücklicherweise hatte Lew seinen Handkoffer nach der Bahn gebracht, und so verriet nichts in Ravinis Erscheinung, daß er sich auf die Reise nach einem galanten Abenteuer machte.
Mr. Reeders Blicke fielen auf die Brillantringe, die im Tageslicht funkelten. Sie schienen eine ganz besondere Anziehungskraft auf den Detektiv auszuüben.
»Hält das Glück noch immer an, Georgio?« fragte er, und Georgio lächelte selbstgefällig. »Und wohin führen Sie Ihre Schritte an diesem wunderbaren Septembermorgen? der Bank, um Ihre ruchlosen Gewinne in Sicherheit zu bringen? Oder um sich schnell ein Visum für Ihren Paß zu besorgen?«
»Ein bißchen spazierengehen,« sagte Ravini leichthin, »der Verdauung halber.« Und dann mit einer kleinen Dosis Bosheit: »Was ist denn eigentlich mit dem Spitzel passiert, den Sie mir hinterhergeschickt haben? Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen.«
Mr. Reeder sah an ihm vorbei anscheinend in weite Fernen.
»Er ist niemals weit weg von Ihnen gewesen, Georgio,« sagte er freundlich. »Letzte Nacht ist er Ihnen von Flotsam bis zu der merkwürdigen, kleinen Gesellschaft, an der Sie in Maida Vale teilnahmen, gefolgt, und von da bis nach Haus, um zwei Uhr fünfzehn.«
Georgio verlor ein wenig die Fassung.
»Sie wollen doch nicht sagen, daß er –« Er blickte um sich herum. Mit Ausnahme eines wohlwollend aussehenden Mannes, den man nach seinem Gehrock und Zylinder für einen Arzt halten konnte, war niemand zu sehen.
»Det is er doch nich?« sagte Ravini stirnrunzelnd.
»Das ist er doch nicht,« verbesserte Mr. Reeder. »Ihr Englisch ist noch nicht ganz perfekt.«
Ravini verließ London nicht unmittelbar darauf. Es war zwei Uhr, bis er seinen Verfolger abgeschüttelt hatte und fünf Minuten später saß er schon in dem Südexpreß. Derselbe alte Droschkenkutscher, der Margaret Belman nach Larmes Keep gebracht hatte, fuhr ihn den langen, gewundenen Hügelweg entlang, durch die breiten Tore bis zu dem Haupteingang des Hauses und setzte ihn dort ab. Ein älterer Portier in eleganter, gutsitzender Uniform kam heraus, um ihn in Empfang zu nehmen.
»Mr. –?«
»Ravini,« sagte er, »ich habe kein Zimmer bestellt.«
Der Portier schüttelte den Kopf.
»Ich fürchte, das wird nicht gehen,« sagte er. »Mr. Daver macht es sich zum Prinzip, keine Gäste aufzunehmen, die nicht ihre Zimmer im voraus bestellt haben. Ich werde mit der Sekretärin sprechen.«
Ravini folgte ihm in die geräumige Vorhalle und ließ sich auf einem der wundervollen Stühle nieder. Das hier war, er sah das sofort, ein Haus, das ganz und gar aus dem Nahmen der gewöhnlichen Pensionen herausfiel. Sogar für ein Hotel war es äußerst luxuriös eingerichtet. Andere Gäste waren nicht zu sehen. Endlich hörte er Tritte auf dem Steinfußboden und erhob sich, um den Augen Margaret Belmans zu begegnen. Wenn sie ihn auch unfreundlich anblickte, verriet sie doch durch kein Zeichen, daß sie ihn wiedererkannte. Er hätte der fremdeste Fremde sein können.
»Der Besitzer nimmt prinzipiell Gäste ohne vorhergegangene Korrespondenz nicht an,« sagte sie. »Unter diesen Umständen können wir Sie leider nicht aufnehmen.«
»Ich habe bereits an den Besitzer geschrieben,« sagte Ravini, der niemals um eine glatte Lüge verlegen war. »Lassen Sie sich zureden, junges Fräulein, seien Sie kein Spielverderber und sehen Sie mal zu, was Sie für mich machen können.«
Margaret zögerte. Am liebsten hätte sie dem Portier den Auftrag gegeben, den Handkoffer wieder in die wartende Droschke zu bringen, aber sie war ein Rad in dem Getriebe des Hauses und durfte ihren Vorurteilen nicht gestatten, ihre Pflichten zu beeinflussen.
»Wollen Sie, bitte, warten?« sagte sie und ging, um Mr. Daver zu suchen.
Dieser große Kriminalogist war in ein dickes Buch vertieft und blickte sie über seine Hornbrille hinweg fragend an.
»Ravini? Ein Ausländer? ... Natürlich ist das ein Ausländer. Ein Fremder in unseren Mauern, möchte man sagen. Es ist ganz ungewöhnlich, aber unter diesen Umständen – ja, ich denke, wir können es machen.«
»Er gehört nicht zu den Leuten, die Sie hier haben sollten, Mr. Daver,« sagte sie fest. »Ein Bekannter, der diese Klasse Leute kennt, hat mir erzählt, daß er zu einer Verbrechergesellschaft gehört.«
»Verbrechergesellschaft! Was für eine wunderbare Gelegenheit, diese aus allernächster Nähe kennenzulernen!« – Seine spaßhaften Augenbrauen sträubten sich – »Sie geben mir doch recht? ... Ich wußte ja, daß Sie mir recht geben! ... Lassen Sie ihn ruhig bleiben ... Wenn er mich langweilt, setze ich ihn vor die Tür.«
Margaret ging zurück, etwas enttäuscht, und kam sich, um die Wahrheit zu sagen, ein wenig dumm vor. Sie fand Ravini in der Halle; er fingerte an seinem Schnurrbart herum und schien etwas weniger selbstbewußt, als wie sie ihn verlassen hatte.
»Mr. Daver läßt sagen, Sie können hierbleiben. Ich werde Ihnen sofort die Haushälterin schicken,« sagte sie und machte sich auf die Suche nach Mrs. Burton, um diesem kummervollen Wesen die notwendigen Anweisungen zu geben.
Sie ärgerte sich über sich selber, daß sie Mr. Daver gegenüber nicht deutlicher gesprochen hatte. Sie hätte ihm sagen können, daß sie das Haus verlassen würde, wenn Ravini bleiben sollte. Sie hätte ihm sogar den Grund sagen können, warum sie nicht wünschte, daß der Italiener im Hause bliebe. Allerdings befand sie sich in der glücklichen Lage, daß sie nichts mit den Gästen zu tun hatte, falls diese nicht den Wunsch hatten, sie zu sprechen, und Ravini war zu schlau, um seinen augenblicklichen Vorteil auszunutzen.
An diesem Abend, als sie auf ihr Zimmer kam, setzte sie sich hin und schrieb einen langen Brief an Mr. Reeder, überlegte es sich aber besser und zerriß ihn wieder. Sie konnte sich doch nicht jedesmal, wenn irgend etwas nicht in Ordnung war, an Mr. Reeder wenden. Er hatte genug mit seinen eigenen Sorgen zu tun, wie sie einsah, und damit hatte sie recht. In dem gleichen Augenblick, als sie an ihn schrieb, untersuchte Mr. Reeder mit großem Interesse den Selbstschuß, der ihm Verderben hätte bringen sollen.
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