Kitabı oku: «Tatzeit Weihnachten»
Wenn Kinderaugen um die Wette leuchten, Frauen sich Orgien im Keksebacken hingeben und Männer plötzlich Bäume mit nach Hause bringen, dann kann das nur eines bedeuten: Weihnachten steht vor der Tür.
Die „stillste Zeit des Jahres“ inspirierte die Kriminalschriftstellerin Edith Kneifl zu 13 Kurzkrimis. Denn wenn es nach Lebkuchen duftet, allerorten Weihnachtslieder ertönen, Christkind, Weihnachtsmann und Rentier Hochsaison haben, rumort es im Untergrund nur umso heftiger und manchmal passieren schreckliche Dinge.
So erlebt manche Familie am Heiligen Abend die Hölle auf Erden, lichtet sich so manche Freundesschar durch mörderische Hand, rächt sich die eine oder andere gescheiterte Exixtenz ausgerechnet am Fest der Liebe für die erlittene Schmach.
Edith Kneifl
Tatzeit Weihnachten
13 schaurig-schöne Kriminalgeschichten zum Fest
FALTER VERLAG
© 2019 Falter Verlagsgesellschaft m.b.H.
1011 Wien, Marc-Aurel-Straße 9
T: +43/1/536 60-0, E: bv@falter.at, W: www.falter.at
Alle Rechte vorbehalten. Keine unerlaubte Vervielfältigung!
ISBN ePub: 978-3-85439-658-1
ISBN Kindle: 978-3-85439-651-2
ISBN Printausgabe: 978-3-85439-641-3
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2019
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Treffpunkt Pilgrambrücke
Felix
Reise nach Marrakesch
Lasst uns froh und munter sein
Vater gesucht
Leise rieselt der Schnee
Nachtschwärmer
Ihr Kinderlein kommet
Wiener Christkindl
Der Traummann
Alle Jahre wieder
Montevideo
Hotel Casablanca
Autorin
Die Handlung der folgenden Kurzgeschichten ist frei erfunden. Manche der Krimis sind von wahren Begebenheiten beeinflusst, trotzdem ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen rein zufällig.
Treffpunkt Pilgrambrücke
Don’t Bogart That Joint, My Friend
Isabella war trockene Alkoholikerin. Zeitweise. Wenn sie sich einrauchte, vergaß sie manchmal darauf, dass sie trocken war. Danach suchte sie meist ein Treffen der Anonymen Alkoholiker auf, gestand ihren Rückfall und hielt es, gestärkt durch die Gruppe, wieder einige Monate ohne den Teufel Alkohol aus. Das funktionierte nun schon seit einigen Jahren ganz gut.
Eigentlich hatte sie heuer Weihnachten ignorieren wollen. Diese gesetzlich verordneten Feiertage waren ein einziger Horror für verarmte, alleinstehende Menschen wie sie.
Der Gedanke, drei Tage zuhause vor dem Fernseher zu hocken, bis ihre Augen die Form von Quadraten angenommen hatten, erschien ihr nur wenig verlockend. Zum Glück hatte sie noch eine Wohnung und war nicht in der Gosse gelandet, wie ihr einst ein Psychiater prophezeit hatte.
Die ausbezahlte Eigentumswohnung in einem Gründerzeitbau auf der Linken Wienzeile, Nähe Pilgrambrücke, hatte sie von ihren Eltern geerbt. Die Betriebskosten der Altbauwohnung im dritten Stock ohne Lift hielten sich in Grenzen. Ihre Eltern hatten ein winziges Bad und eine Küche im riesigen Vorzimmer einbauen lassen. Heizen musste sie die beiden großen Zimmer allerdings nach wie vor mit Öl. Den elektrischen Strahler im Bad benützte sie nur, wenn es draußen Minusgrade hatte.
Ihre Mindestpension reichte nicht zum Überleben. Isabella war jedoch, trotz langjährigen Alkohol- und Drogenmissbrauchs, noch klar im Kopf und ziemlich erfindungsreich.
Als junge Frau war sie eine zumindest in Wien sehr bekannte Sängerin gewesen.
Als sie mit Anfang vierzig ihre Stimme verlor, verabschiedete sich auch der Gitarrist und Bandleader von ihr. Sie waren zwanzig Jahre lang miteinander liiert, aber nicht verheiratet gewesen. Heiraten galt damals als spießig und kleinbürgerlich, kam in den Kreisen, in denen sie verkehrte, nicht infrage. Nach ihrer Trennung machte er eine große Solokarriere, heiratete eine viel jüngere Frau und produzierte im zarten Alter von fünfzig noch ein Kind. Die übliche Geschichte, doch es war ihre Geschichte und sie tat bis heute weh.
Anfangs hatte sie sich mit jüngeren Männern getröstet und all die Tantiemen, die noch jahrelang von Schallplatten- und CD-Verkäufen eintrudelten, verkokst. Als sie eines Tages wegen Kokainbesitzes verhaftet worden war, hatte ihr ein Anwalt, ein früherer Fan, aus der Patsche geholfen. Sie war eine kurze Affäre mit ihm eingegangen. Obwohl sie beide miteinander um die Wetter soffen, hatte es mit einer Beziehung nicht so recht klappen wollen. Sie waren jedoch Freunde geblieben.
Heute rauchte Isabella nur mehr Haschisch und dealte ein bisschen damit, um sich den eigenen Konsum zu finanzieren. Ihre Pension reichte gerade für die Wohnungskosten und die Handygebühren. Alle Extras, wie Kleidung, Schuhe oder Luxusgüter wie Bücher und Kosmetika, beschaffte sie sich kostenlos.
Isabella war sehr schlank, fast dünn. Sie sparte vor allem beim Essen. Trotz vieler Falten sah man ihr die vierundsechzig Jahre nicht an. Sie hatte große braune Augen und langes graues Haar, das sie im Nacken zu einem straffen Knoten zusammenband, wenn sie bei ihren Diebeszügen einen seriösen Eindruck machen wollte. Bisher war sie nie erwischt worden, außer einmal beim Schwarzfahren von zwei Kontrolleuren in Zivil. Eine vorgeschürzte, mit akutem Gedächtnisverlust einhergehende Herzattacke hatte sie vor dem Schlimmsten bewahrt. Die Schwarzkappler hatten anstatt die Polizei einen Notarzt gerufen. Das Geld, das ihre Eltern für zwei Jahre Schauspielschule ausgegeben hatten, war also nicht völlig verschwendet gewesen.

Um nicht dem Weihnachtsblues zu verfallen, hatte Isabella ihre beiden einzigen Freunde eingeladen, den Heiligen Abend mit ihr zu verbringen. Brigit und Philip waren ihre »ambulante Familie«, ein Begriff, den die leider längst verstorbene großartige österreichische Schriftstellerin Elfriede Gerstl einst für ihre Freunde geprägt hatte.
Am späten Vormittag, als der Trubel am Naschmarkt am schlimmsten war, brach Isabella zu ihrer Einkaufstour auf. Sie kaufte und bezahlte brav die Zitronen, Paradeiser und ein Basilikumstöckl bei einem Obst- und Gemüsestand. Die Delikatessen in den sauteuren Läden ließ sie einfach in den tiefen Taschen ihres langen Wintermantels verschwinden. Sie wusste nicht genau, was sie eingesteckt hatte, da sie ihre Lesebrille zuhause vergessen hatte. Aber all die Gläser mit Gänseleber, Entenpastete, Wachteleiern oder Trüffeln sahen gleich appetitlich aus.
Alte Frauen sind unsichtbar. Auf dieses Klischee war Verlass. Keine der jungen, schicken Verkäuferinnen hatte ihr auch nur die geringste Beachtung geschenkt, als sie diese Köstlichkeiten mitgehen ließ.
Mehr Schwierigkeiten bereitete ihr die kostenlose Beschaffung von Lachs. Lachs musste leider sein, gehörte zu den Lieblingsfischen ihrer Freundin Birgit, genannt Brigit, nach Brigitte Bardot, der sie in Jugendjahren ein bisschen ähnlich gesehen hatte.
Sollte sie einfach ein großes Stück Lachs aus dem Bett von Eis zerren und in ihre Einkaufstasche werfen? Bei dem Gedanken musste sie lachen. All die gut gekleideten, reichen jungen Leute, die sich um den besten Fischstand am Naschmarkt drängelten, würden ganz schön blöd dreinschauen, dachte sie. Leider konnte sie nicht mehr schnell genug laufen, sonst hätte sie das glatt getan.
Sie wechselte zu einem anderen Fischstand. Hier tummelten sich die weniger Erfolgreichen, Bobos mit Kinderwägen, junge Schnösel mit Sektglas in der Hand und einige intelligenter aussehende Menschen, die halt auch ein Stückchen Fisch für den Heiligen Abend kaufen wollten.
Am Ende der langen Theke erblickte sie eingeschweißten Lachs, einen richtig großen Haufen Räucherlachs. Keiner schien sich dafür zu interessieren. Jeder wollte frischen Fisch. Wieder verjüngte ein Lächeln ihr Gesicht. Frischer Fisch in Wien? Aus dem Donaukanal vielleicht? Mein Gott, sind die Leute blöd! Und schon hatte sie sich eine 250-Gramm-Packung hygienisch verpackten norwegischen Räucherlachs geangelt und in ihrer Tasche verschwinden lassen. Keiner hatte sie gesehen, keiner hatte es bemerkt.
Beschwingt begab sie sich in eine eher ungustiöse Supermarkt-Filiale in der Nähe des Naschmarkts und ließ dort die restlichen Sachen wie Oberskren, Dillsenfsauce und Ersatzkaviar mitgehen, bezahlte nur das Klopapier und den Mozzarella im Sonderangebot.
Zur Feier des Tages nahm sie die U4, obwohl es nur eine Station bis zur Pilgrambrücke war. Doch die vielen Delikatessengläser, die Zitronen, Paradeiser, das Basilikumstöckl und der Lachs in ihrer Tasche hingen sich ordentlich an.
In der Pilgramgasse hatte einer der besten Bäcker Wiens eine Filiale. Zur Feier des Tages kaufte sie köstliches Brot zu Apothekerpreisen. Schließlich hatte sie bisher nicht viel ausgegeben.
Bei der Busstation vor der Bäckerei lungerten kaputte Typen herum. Sie kannte den einen oder anderen vom Sehen. Ihr Freund Philip hatte früher sein Anwaltsbüro im Hochparterre des Nachbarhauses. Heute wohnte er in seinem ehemaligen Büro. Nicht selten hatten Philip und sie sich nächtens in einem dieser schäbigen kleinen Läden mit Bier und Wein versorgt.
Ihr Freund war fünf Jahre älter als sie. Er bezeichnete sich selbst als Winkeladvokaten, seit er aus der Anwaltskammer ausgeschlossen worden war. Seit kurzem war Philip auf einem Auge fast blind.
Er sah dem berühmten Schauspieler Humphrey Bogart ein bisschen ähnlich, hatte ebenso kantige Gesichtszüge und ein ebenso schiefes Lächeln. Außerdem trug er fast immer einen Hut. Allerdings war er mindestens einen Kopf größer als die Schauspielerlegende.
Philip behauptete oft, er fühle sich hier im Fünften wie im New York der späten 1970er-Jahre. Nach Beendigung seines Studiums hatte er ein paar Monate in der Stadt, die niemals schläft, verbracht und war anscheinend in der damals noch schäbigen Lower East Side in solch abgefuckten Bars und Läden wie hier herumgehangen.
Sie überlegte, auf einen Kaffee bei ihm vorbeizuschauen und sich ein bisschen Geld von ihm zu borgen. Ein Blick auf ihre Uhr ließ sie von diesem Plan Abstand nehmen.
Jetzt auch noch mit dem schweren Brot bepackt, schlurfte sie wieder hinüber zur U-Bahn-Station Pilgramgasse.
Sie war pünktlich. Ihr junger Dealer verspätete sich. Während sie überlegte, wie sie ihn überreden könnte, ihr den Stoff auf Pump zu geben, schnorrte sie ein Junkie an. Sie gab ihm einen Euro. Mehr hatte sie nicht dabei. Der Typ spuckte vor ihr aus.
Plötzlich tauchte Caspar aus dem Untergrund auf. Der Junkie machte sich rasch aus dem Staub. Wahrscheinlich hatte er Schulden bei dem Dealer.
Caspar schüttelte ihr freundlich die Hand. »Frohe Weihnachten«, sagte er grinsend. Er war Katholik und nach einem der Heiligen Drei Könige genannt worden, hatte er ihr einmal erzählt.
Kurzerhand lud sie auch ihn für heute Abend ein. Er solle den Stoff sozusagen ins Haus liefern. Sie versprach, bis dahin das Geld aufzutreiben. Wie so oft, verließ sie sich auf ihre beiden Freunde. Obwohl Philip ziemlich heruntergekommen war, schien er für Alkohol und Shit immer genügend Geld zu haben. Und ihre Freundin Brigit bezog als ehemalige Lehrerin an einem Gymnasium sowieso eine gute Pension.
Ihr Dealer ließ sich auf diese ungewöhnliche Verabredung ein. Sie kannten einander schon seit drei Jahren. Bisher hatte Isabella immer gleich bezahlt. Als sie ihm ihre Adresse nannte, winkte er ab. Er schien zu wissen, wo sie wohnte.

Als Isabella ihre Einkäufe im Kühlschrank verstaute, klingelte das Handy.
Brigit – wer sonst?
Ihre Jugendfreundin war eine Nervensäge, eine Besserwisserin und Dauerrednerin. Oft rief sie sechs Mal am Tag an. Andererseits konnte sie auch sehr lieb sein. Sie half Isabella schon seit vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, immer wieder finanziell aus der Patsche.
Brigit wohnte nicht weit von ihr, hatte eine hübsche Gemeindebauwohnung mit Balkon im Einstein-Hof. Die ehemalige Frau Professor war immer noch vollbusig und blond. Acht Jahre lang hatte sie mit Isabella das Gymnasium in der Rahlgasse besucht, war ihre Banknachbarin gewesen. Nach der Matura hatte Brigit studiert und war dann Lehrerin an ihrem ehemaligen Gymnasium geworden, hatte Mathematik und Musik unterrichtet. Irgendwann hatte sie einen Lehrerkollegen geheiratet. Mittlerweile war sie schon ewig lange geschieden. Während ihrer Ehe hatten die beiden Schulfreundinnen keinen Kontakt miteinander gehabt. Erst als sich Brigit nach ihrer Scheidung in Bars herumtrieb, immer auf der Suche nach einem neuen Mann, hatten sie sich eines Nachts in einer Spelunke in der Nähe des Naschmarkts wiedergesehen und sich seither nicht mehr aus den Augen verloren.
Brigit war nicht kleinlich. Sie wusste, dass sie das Geld, das sie ihrer Freundin borgte, nie wiedersehen würde. Manchmal erbte Isabella auch schicke Sachen von ihr, obwohl Brigit etwas aus dem Leim gegangen war. Sie waren etwa gleich groß, aber Brigit war mindestens fünfzehn oder sogar zwanzig Kilo schwerer. Isabella sah in den Klamotten ihrer Freundin aus wie ein Kleiderständer, an dem alles flatternd herunterhing. Brigits Pullover waren Minikleider für sie.
Isabella rief ihre Freundin zurück. Schließlich musste sie Brigit heute bei Laune halten.
Nachdem sie sich zum hundertsten Mal angehört hatte, wie rücksichtslos und unverschämt Brigits neue Nachbarn waren – alle mit Migrationshintergrund natürlich –, wollte sie schon auflegen, doch nun begann ihre Freundin zu heulen. Sie halte das Alleinsein nicht mehr aus, sie komme mit dem Altwerden nicht zurecht, könne nicht schlafen, sie wolle so nicht mehr weitermachen, denke andauernd an Selbstmord …
Isabella hörte ihr nicht mehr zu, legte das Handy auf den Tisch, drückte auf die Lautsprechertaste und las inzwischen die Gratiszeitung, die sie sich von einem Ständer bei der U-Bahn-Station mitgenommen hatte. Von Lesen konnte eigentlich nicht die Rede sein. Es gab nur riesige Schlagzeilen und viele Bildchen: Kopftuchverbot für Kindergartenkinder, Einreiseverbot für Krieger aus dem wilden Kurdistan …
Inzwischen war es fast sechzehn Uhr. Isabella wagte es, den Wortschwall ihrer Freundin zu unterbrechen: »Ich würde gerne noch duschen und muss dann schön langsam mit den Vorbereitungen für heute Abend beginnen. Lass uns bitte später weiterreden.«
»Das ist wieder typisch für dich! Wenn ich verzweifelt bin, hast du nie Zeit für mich. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt zu dir kommen werde. Du und Philip, ihr raucht euch doch eh wieder nur ein. Und ich, was soll ich machen? Mich betrinken? Das ist keine Lösung …«
»Ich bitte dich, Brigit, beruhige dich. Du wirst sehen, wir werden einen wunderschönen Heiligen Abend miteinander verbringen. Ich habe ganz tolle Sachen eingekauft, Gänseleber, Kaviar und deinen geliebten Lachs.«
»Woher hast du das Geld?«
»Von Philip«, log Isabella.
»Hoffentlich wird er heute mal halbwegs nüchtern sein.«
»Das wird er. Seit kurzem trinkt er erst ab Sonnenuntergang.«
»Der ist schon eine Weile her.«
»Ach Brigit, jetzt zieh dich schön an und dann kommst du rüber, okay? Und vergiss nicht, den Sekt mitzubringen. Für Sekt hat meine Marie nicht mehr gereicht.«

Um achtzehn Uhr läutete es.
Nicht Brigit, nicht Philip, sondern Caspar stand vor der Tür.
Er kam zu früh. Hatte sie nicht neunzehn Uhr gesagt?
Caspar trug eine schwarze, mit weißem Pelz gefütterte Lederjacke zu seiner eleganten schwarzen Hose und seinem weißen Hemd. Er sah verdammt gut aus.
Mit breitem Grinsen deutete er eine kleine Verbeugung an.
Sie bat ihn herein.
Der Tisch war nur für drei Leute gedeckt.
Isabella bot ihm ein Glas Wein an. Er lehnte ab, wollte schnell zum Geschäft kommen.
»Du bist viel zu früh dran. Ich erwarte noch zwei Freunde. Sie bringen das Geld, verstehst du?«
Plötzlich blickte er sie weniger freundlich an. Sein misstrauischer Blick wanderte über die altmodischen Möbel in ihrer Wohnung.
»Du hast kein Geld!« Es klang mehr wie eine Feststellung als eine Frage.
»Ich bekomme gleich was, du musst nur ein bisschen warten.«
Schon seit Stunden sehnte sie sich nach einem Joint. Der ganze Scheißtag war mehr als anstrengend gewesen. Schön langsam wurde sie zu alt für diese Diebstouren. Das Telefonat mit der lebensüberdrüssigen und krankhaft schwatzsüchtigen Brigit hatte ihr dann noch den Rest gegeben.
»Dreh mir einen Joint, ich mache dir derweil einen Kaffee.«
»Aber den Joint zahlst du mir gleich.«
»Selbstverständlich. Wie viel?«
»Zehn Euro pro Gramm, wie immer. Und ich will den Zehner sofort, sonst lassen wir es bleiben.«
Isabella ging in die Küche, holte den letzten Zehner aus ihrer Zuckerdose und gab ihn Caspar.
»Mach schon«, sagte sie.
Er öffnete seinen Rucksack. Ihr Blick fiel auf unzählige Säckchen in den unterschiedlichsten Größen. Außer dem üblichen Afghanen, den sie meistens kaufte, schien er auch Crack, Koks und sogar Heroin dabeizuhaben. Was für eine Morgengabe!
Sie ging wieder in die Küche, stellte ihre große italienische Espressomaschine – ein Relikt aus guten alten Zeiten, als sie noch in Kaufhäusern klaute, bevor diese videoüberwacht wurden – auf den Gasherd.
In ihrer Wohnung war es saukalt. Philip hatte versprochen, Heizöl von der Tankstelle auf der Rechten Wienzeile mitzubringen. Seit der letzten immensen Preissteigerung hatte sie nur selten Heizöl vorrätig. Meistens lief sie im Winter in ihrer Wohnung in einem warmen, schwarzen Daunenmantel, den ihr Brigit geschenkt hatte, herum.
Als sie die Espressomaschine ins Wohnzimmer brachte, zitterten ihre Hände. Sie hatte das stählerne Gerät mit einem alten Topflappen angefasst. Trotzdem verbrannte sie sich fast die Finger.
Caspar saß, die Stöpsel seines iPhones in den Ohren, mit dem Rücken zu ihr auf dem durchgelegenen Sofa. Auf dem alten Couchtisch lag ein dicker Joint.
Isabella wollte danach greifen, doch plötzlich wurde ihr schwarz vor den Augen. Sie befürchtete umzukippen, klammerte sich an die Lehne des monströsen Fernsehsessels ihres längst verstorbenen Vaters.
»Verzeih, mir ist schwindlig«, murmelte sie.
»Wo bleiben deine reichen Freunde? Ich lasse mich von dir nicht für blöd verkaufen, ich werde gehen«, sagte Caspar und traf Anstalten aufzustehen.
Sie rastete aus. Anstatt dem jungen Afrikaner den Kaffee einzugießen, schlug sie ihm die volle Espressomaschine auf den Hinterkopf. Der brühend heiße Kaffee breitete sich über seine kurzen Haare aus, rann über sein Gesicht.
Ein Schrei, der Tote hätte wecken können, entkam seinem Mund. Sein Körper begann zu zucken. Er sank aufs Sofa.
In diesem Moment läutete es an der Haustür.
»Scheiße!« Isabella erstarrte. Das war bestimmt Brigit. Sie war immer überpünktlich.
Dauerte es ein paar Minuten oder nur Sekunden, bis sie den jungen Schwarzen an den Beinen packte und vom Sofa zerrte? Der Bezug hatte einige Kaffeeflecken und vor allem Blutflecken abbekommen, was aber nicht auffiel, weil er ohnehin total versaut war.
Sie schleppte den leblosen Körper in ihr Schlafzimmer, verstaute ihn unter dem Doppelbett.
Zum Glück war Caspar kein großer Mann. Trotzdem leuchteten seine silberfarbenen Sportschuhe unter dem Bett hervor. Rasch zog sie ihm die Schuhe aus und warf sie in ihren Kleiderschrank.
Penetrantes Läuten. Brigit war eine hartnäckige Person.
Bevor Isabella in die Küche eilte und den Türöffner betätigte, stieg sie auf ihr Bett, drehte die Birne von der Deckenlampe heraus und ließ sie ebenfalls unter dem Bett verschwinden.

Brigit brachte zwei Flaschen Sekt und zwei Flaschen Wein mit, einen weißen und einen roten. Sie wirkte schon leicht beschwipst. Wahrscheinlich hatte sie vorge-glüht.
Wie eine Irre redete Sie auf Isabella ein, sprach nur Unsinn, wiederholte sich permanent, drohte mehrmals, sich umzubringen.
Isabella war mit ihren Gedanken ganz woanders. Sie war eine Mörderin, hatte gerade einen jungen, feschen Afrikaner ins Jenseits befördert! Eine merkwürdige Starre ergriff ihren Körper. Unfähig, sich zu bewegen, starrte sie ihre festlich herausgeputzte Freundin, an der alles glänzte, selbst die hochhackigen Schuhe, entgeistert an.
Plötzlich fiel ihr Blick auf Caspars Rucksack, der halb offen am Sofa lehnte.
Rasch dirigierte sie Brigit in die Küche, bat sie, ihr bei der Vorbereitung des Essens zu helfen. Während Brigit ihr erklärte, wie man den Lachs und den falschen Kaviar am besten drapierte, lief sie zurück ins Wohnzimmer, schnappte sich Caspars Rucksack und zog den Reißverschluss zu. Sie wollte ihn gerade ins Schlafzimmer bugsieren, als ihre Freundin auf der Türschwelle erschien.
»Was ist das für ein Rucksack? Der sieht ja richtig schick aus. Lass mal sehen.«
»Finger weg! Das geht dich nichts an«, fauchte Isabella, warf den prallen Sack ins Schlafzimmer und schloss rasch wieder die Tür.
Sie hätte ihre Freundin besser kennen müssen, denn nun bestand Brigit darauf, sich den Rucksack genauer anzusehen.
Isabella stellte sich mit gespreizten Beinen vor die Tür, streckte ihre Arme aus. Sie kam sich dabei total lächerlich vor.
Brigit begann tatsächlich zu lachen, versuchte, sie beiseitezuschieben: »Sei nicht so kindisch, zeig her.«
Buchstäblich in letzter Sekunde fiel Isabella, trotz ihrer Panik, eine geniale Ausrede ein: »Da sind die Geschenke für euch drin«, sagte sie mit gequältem Lächeln.
Geschafft! Auch Brigit lächelte nun und setzte sich auf das Sofa, genau auf den Platz, an dem Caspar gesessen war.
Isabella wurde übel. Die Blut- und Kaffeeflecken waren frisch, würden sicher Spuren auf dem cremefarbenen Cocktailkleid ihrer Freundin hinterlassen.
Während Brigit eine der mitgebrachten Weinflaschen öffnete und sich ein Gläschen einschenkte, schnappte sich Isabella den Joint vom Couchtisch und ging in die Vorzimmerküche. Nach zwei tiefen Zügen, machte sie sich daran, den geklauten Räucherlachs aufzuschneiden. Selbst dem schwarzen Afghanen gelang es nicht, sie zu beruhigen. Ihre Nerven spielten nicht mehr mit. Ihre Hände zitterten so stark, dass sie sich in den linken Zeigefinger schnitt. Blut tropfte auf den Lachs. Sie unterdrückte einen Schrei, doch wie ein Echo ertönte ein Schrei aus ihrem Wohnzimmer.
»Igittigitt, was ist denn das? Mein Gott, das sieht ja aus wie Blut!«
Isabella stürzte ins Wohnzimmer.
Brigit stand neben dem Sofa, streckte ihr die blutverschmierten Hände entgegen.
»Verfluchte Scheiße«, schrie Isabella.
Verzweifelt suchte sie nach einer Erklärung für das frische Blut.
»Meine Katze ist gerade verreckt.«
»Seit wann hast du eine Katze?«
»Ich habe sie vor kurzem am Naschmarkt aufgelesen. Sie hinkte und tat mir so leid.«
»Du bist echt verrückt. Und was hast du mit dem Kadaver gemacht?«
»Hinunter in den Mistkübel gebracht.«
»Oder in diesen Rucksack gesteckt? Hier stinkt es.«
Brigit machte ein paar Schritte auf das Schlafzimmer zu.
Isabella versuchte sie zurückzuhalten, packte ihre Arme. Brigit war stärker als sie, schließlich besuchte sie zweimal in der Woche ein Fitnessstudio. Geschickt machte sie sich los und griff nach der Türklinke.
»Keinen Schritt weiter!« Isabellas Stimme war nahe am Kippen. »Du willst mir doch nicht den Heiligen Abend versauen.«
»Sehr witzig. Mein Kleid ist bereits total versaut. Du weißt, ich hasse es, wenn du mich belügst. Was ist in dem Rucksack? Woher hast du ihn?«
»Ich hab’s dir doch gesagt, Geschenke für dich und Josef. Sobald er da ist, werden wir essen und nachher machen wir die Bescherung.«
Überraschenderweise begnügte sich Brigit mit dieser Erklärung, ging ins Badezimmer und versuchte, die Flecken aus ihrem Kleid zu entfernen.
»Hast du noch das schwarze Etuikleid, das ich dir letztes Jahr geschenkt habe? Ich muss mich umziehen«, rief sie. »So kann ich deinem Herrn Anwalt nicht gegenübertreten.«
Isabella ging rasch ins Schlafzimmer, öffnete den Kleiderschrank. Die silberfarbenen Turnschuhe fielen heraus. Sie stopfte die monströsen Latschen wieder hinein. Fieberhaft suchte sie das Kleid. Im Dunkeln war es nicht so leicht zu finden, denn fast alle Klamotten in ihrem Schrank waren schwarz.
»Warum hast du kein Licht im Schlafzimmer?« Brigit stand plötzlich knapp hinter ihr.
»Die Birne ist kaputt.«
»Mein Gott, du bist wirklich eine Chaotin! Eine neue Glühbirne wirst du dir wohl noch leisten können.«
»Momentan habe ich andere Sorgen«, murmelte Isabella.
»Was sind denn das für tolle Turnschuhe? Die hast du sicher wieder irgendwo geklaut, oder?«
Die Straßenbeleuchtung und der Lichtschein aus dem Wohnzimmer reichten aus, um die silbern leuchtenden Schuhe unten im Schrank hervorblitzen zu sehen.
»Die sind für Josef, habe ich letztens in einem Outlet-Center mitgehen lassen. – Hier ist dein Kleid. Hoffentlich passt es dir noch.«
Obwohl Isabella am Rande eines Nervenzusammenbruchs stand, konnte sie sich diese boshafte Bemerkung nicht verkneifen.
Brigit ignorierte die Anspielung auf ihr Übergewicht, zog sich mit dem schwarzen Kleid ins Badezimmer zurück.
Als sie wieder ins Wohnzimmer kam, hatte Isabella das Sofa notdürftig gereinigt und eine alte Decke drübergelegt.
Brigit bevorzugte nun verständlicherweise den Vintage-Sessel aus den Fünfzigerjahren, den Isabella erst vor kurzem bei einem Altwarenhändler geklaut hatte, der leichtsinnigerweise einige seiner Möbel auf den Gehsteig gestellt hatte.
In dem schwarzen Cocktailkleid bekam Brigit kaum Luft. Ihr Anblick erinnerte Isabella an eine verbrannte Blutwurst. Sie versuchte, ein Kichern zu unterdrücken.
»Was findest du so lustig?«, fuhr Brigit sie an.
»Nichts, nichts, ich finde, du siehst in deinem Kleid sehr sexy aus, und habe mir gerade vorgestellt, wie Philip dich lüstern anstarren wird.«
»Du weißt, er ist nicht mein Typ«, beteuerte Brigit. Sie wirkte jedoch sogleich etwas entspannter.
Als Isabella den Lachs und die beiden Döschen mit Ersatzkaviar und das Baguette ins Wohnzimmer brachte, läutete es wieder.
»Philip!«
Isabella empfing ihren alten Freund mit einer stürmischen Umarmung. Noch nie war sie so froh gewesen, ihn zu sehen. Er würde Brigit auf andere Gedanken bringen und sie daran hindern, weiter herumzuschnüffeln.
Philip brachte außer dem Heizöl einen Plastikweihnachtsbaum von einem chinesischen Billig-Blumenladen und einen Strauß roter Rosen für sie mit.
Der Anwalt sah trotz seines Alters heute verdammt gut aus, hatte sich für den Heiligen Abend richtig was angetan, war rasiert, beim Friseur gewesen und hatte einen halbwegs passablen dunkelblauen Anzug an. Zu seinem altrosa Hemd trug er eine witzige Donald-Duck-Krawatte. Außerdem war er ausnahmsweise einmal nüchtern. Keine wässrigen Augen, keine unklare Artikulation …
Brigit machte sich sofort an ihn ran, tätschelte seine von Altersflecken übersäten Hände und redete auf ihn ein.
Isabella war überrascht, dass sie plötzlich so etwas wie Eifersucht verspürte.
Sie sehnte sich nach einem zweiten Joint und ging ins Schlafzimmer, während die beiden miteinander schäkerten.
Erschöpft ließ sie sich auf das Ehebett ihrer Eltern fallen, das jetzt ihr Bett war und unter dem sich ein toter Mann befand. Sie nahm ein Sackerl aus Caspars Rucksack, drehte sich noch einen Joint. Nach dem ersten Zug bereits fühlte sie sich ruhiger. Ihre Nervosität, ihre Schuldgefühle und ihre trüben Gedanken verflüchtigten sich mit jedem weiteren Zug. Wie in einem dichten Bühnennebel sah sie die Szene, in der sie Caspar erschlagen hatte, vor ihren Augen. Schemenhaft, ja beinahe unwirklich erschien ihr plötzlich alles. Es war nur ein böser Traum, dachte sie. Die Realität holte sie wieder ein, als sie ins Wohnzimmer zurückkehrte.
Philip blickte sie verzweifelt an, während Brigit seine Oberschenkel streichelte und ihm etwas ins Ohr flüsterte.
Isabella legte »Born to Be Wild« von den Steppenwolf auf und sang mit. Ihre Stimme war zwar nicht mehr die beste, aber für diesen Song reichte sie.
Philip schaute sie bewundernd an, machte sich von Brigit los, erhob sich und forderte Isabella auf, mit ihm zu tanzen.
Während sich die beiden in immer wilder werdenden Verrenkungen der Musik hingaben, saß Brigit in ihrem Blutwurst-Kleid mit übereinandergeschlagenen Beinen auf dem Vintage-Sessel, stopfte Lachs- und Kaviarbrötchen in sich hinein und schaute ihnen missmutig zu. Plötzlich sprang sie auf und ging ins Schlafzimmer.
Isabella hatte beim Tanzen die Augen geschlossen und bemerkte das Verschwinden ihrer Freundin zu spät.
»Was treibst du da?«, schrie sie, als Brigit ihnen den geöffneten Rucksack vor die Füße warf und sich die wertvollen Säckchen am abgetretenen Parkettboden ausbreiteten.
»Du rauschgiftsüchtiges Luder! Mir reicht’s! Ich werde jetzt die Polizei rufen. Du bist eine Gefahr für die ganze Menschheit. Verscherbelst Drogen an Schulkinder, nehme ich an …« Brigits Gesicht war hochrot angelaufen, ihre glasigen Augen funkelten wie die Sterne am weihnachtlichen Himmel.
Isabella und Philip starrten sie sprachlos an.
Isabella erholte sich als Erste von dem Schrecken. »Komm, beruhige dich. Das Zeug ist nur für mich bestimmt. Eigenbedarf, verstehst du?«
»Nein, ich verstehe nicht!«, schrie Brigit und griff nach ihrem Handy.
Die zweite Sektflasche, die Brigit mitgebracht hatte, stand ungeöffnet auf dem Couchtisch.
Lächelnd löste sich Isabella aus Philips Umarmung, griff nach der Flasche und schlug sie ihrer Freundin über den Schädel.
Entsetzt schaute Philip abwechselnd Isabella und Brigit an, der das prickelnde Gesöff übers Gesicht lief, als sie wie in Zeitlupe zu Boden sank.
Sektflaschen sind weniger effektvoll als Espressomaschinen, dachte Isabella beim Anblick ihrer stöhnenden Freundin, die jetzt zappelnd auf ihrem abgetretenen Parkettboden lag.
»Magst du einen Joint«, fragte sie Philip.
Langsam wich das Entsetzen aus seinen Augen. Ein Lächeln erschien auf seinen Lippen.
»Gerne«, sagte er. »Aber sollten wir nicht die Rettung rufen? Sie muss ins Krankenhaus.«
»Am Heiligen Abend? Da sind auch in den Spitälern alle besoffen. Sie wollte ohnehin nicht alt werden, hat andauernd davon geredet, sich umzubringen. Im Grunde habe ich ihr einen Gefallen getan. Lassen wir sie in Schönheit sterben. Obwohl, schön fand ich Brigit noch nie. Oder bist du anderer Meinung?«
Philip beantwortete diese alles entscheidende Frage in ihrem Sinne: »Sie war nie mein Typ, ist viel zu fett.«
»Anscheinend will sie aber noch nicht sterben. Sollen wir ihr eine Überdosis verpassen? Ich habe genügend Stoff …«
»Keine schlechte Idee! Sie bekommt den goldenen Schuss verpasst und dann werfen wir sie in den Wienfluss. Eine einsame alte Frau mehr, die Weihnachten nicht überlebt hat.«
Isabella liebte seinen Sarkasmus.
»Ich habe ihren Wohnungsschlüssel. Wir brauchen nichts zu riskieren, schleppen sie einfach zurück in ihre Wohnung, legen sie auf die Couch und schalten den Fernseher ein. Es wird Tage dauern, bis man sie findet. Ich befürchte, dass sie nicht viel Bargeld zuhause herumliegen hat, aber einige ihrer Antiquitäten oder ihren Schmuck könnten wir sicher verscherbeln.«
»Du bist unglaublich!« Philip nahm sie in die Arme und küsste sie.
Isabella machte sich von ihm los. »Hilf mir lieber, sie in den Sessel zu setzen, damit wir ihren Arm leichter abbinden können …«
»Okay, okay«, unterbrach Philip sie und fasste Brigit unter den Achseln.
»Verdammt, ist die schwer!«
Brigits rechte Hand traf seine Wange. Erschrocken ließ er sie wieder zu Boden gleiten.
»Mach schon, Philip! Ich will nicht, dass sie so lange leiden muss. Schließlich ist sie meine beste Freundin«, feuerte Isabella ihn an.
Er schaute ziemlich unsicher drein und rieb sich seine gerötete Wange.
Isabella blieb nichts anderes übrig, als selbst mitanzufassen. Zu zweit schafften sie es schließlich, die halbtote Brigit in den Vintage-Stuhl zu verfrachten.
»Übrigens werden wir beide demnächst richtig Kohle machen. Ich habe heute wertvolle Gaben von einem der Heiligen Drei Könige bekommen.« Sie deutete auf die Säckchen am Boden.
Philip war es nicht vergönnt, sich lange an dem Anblick all dieser Schätze zu erfreuen. Isabella reichte ihm sogleich ein Päckchen Heroin und warf einen Blick auf Brigit, die leise vor sich hin röchelte. Das enge schwarze Kleid war hochgerutscht, entblößte ihre dicken Schenkel. Ihre Arme hingen schlapp an den Sessellehnen herab.
»Bitte erledige du das, ich kann nicht mehr!«, seufzte Isabella. »Die Spritze und alles andere, was du benötigst, findest du in der untersten Schublade meines Küchenkastls.«
Während Philip ihre Freundin ins Jenseits beförderte, drehte sie sich einen dritten Joint.
Danach zeigte sie ihm den toten Schwarzen unter ihrem Bett.
»Leider müssen wir noch eine zweite Leiche entsorgen, aber das wird dir hoffentlich nichts ausmachen. Am besten wir bringen ihn auch in ihre Wohnung. Damit würden wir den Bullen die Arbeit erleichtern. Eine tödliche Auseinandersetzung zwischen einem Dealer und einer seiner Kundinnen … Die alte Kaffeemaschine und die Scherben von der zweiten Sektflasche müssen wir auch mitnehmen. Wir dürfen jetzt ja keinen Fehler machen«, nuschelte sie. Die Haschzigarette hing lässig in ihrem linken Mundwinkel.
»Don’t bogart that joint my friend«, sagte Philip und griff nach dem dicken Glimmstängel.
Felix
Das Fest der Liebe
»Rums!! – Da geht die Pfeife los
Mit Getöse, schrecklich groß.
Kaffeetopf und Wasserglas,
Tobakdose, Tintenfaß,
Ofen, Tisch und Sorgensitz –
Alles fliegt im Pulverblitz. –«
Wilhelm Busch
Mama ist eine frustrierte alternative Hausfrau, Papa ein arroganter oberflächlicher Werbefuzzi. Sie haben erst spät geheiratet. Mama war schon ziemlich alt, als sie mit mir schwanger wurde, und Felix war dann sowieso ein Unfall in der Menopause.
Meine Oma ist eine dumme, fette, alte Schachtel, mein Opa ein unverbesserlicher Hitlerjunge. Aber das größte Scheusal der Familie ist mein kleiner Bruder Felix. Nicht einmal die schlimmsten meiner Feinde sind auch nur halb so ekelhaft wie er.
Sie nennen mich Joe. Ich bin vor kurzem vierzehn geworden und vom Gesetz her gezwungen, noch ein paar Jährchen in diesem Irrenhaus auszuharren.
Vor einem Jahr sind wir in diese alte Bruchbude im Wienerwald gezogen. »Herrschaftsvilla im Grünen, absolute Ruhelage.« Das Dach war undicht, die Gasheizung defekt. Alle Leitungen und Installationen sind schrottreif. In der Küche behelfen wir uns mit einem »umweltfreundlichen« Kohleofen. Wohn- und Schlafzimmer werden mit weniger umweltfreundlichen elektrischen Radiatoren beheizt. Da es kein ordentliches Badezimmer gegeben hat, haben sie ein Badehäuschen im Garten errichten lassen. Später soll noch ein Pool dazukommen.
Papa findet dieses Chaos sehr romantisch. Er ist fast nie zu Hause. Normalerweise verlässt er uns um sieben Uhr morgens und kehrt erst knapp vor Mitternacht zurück. Gerade vor Weihnachten macht er jede Menge Überstunden, und abends muss er sich dann mit seinen Mitarbeiterinnen in den Bars der Innenstadt entspannen. Zumindest hat Mama das mal behauptet.
Ich vermisse unsere Stadtwohnung. Wir leben hier völlig isoliert. Manchmal komme ich mir wie in einem Gefängnis vor. Die Fenster im Erdgeschoß sind vergittert und das nächste Haus ist kilometerweit entfernt.
Seit wir im Grünen wohnen, hat Mama ihre Liebe zur Natur entdeckt. Sie ist eine sehr anpassungsfähige Frau. Vor allem passt sie sich den Launen meines Herrn Papa an. Vielleicht hat er sie auch deswegen geheiratet.
»Wir sollten endlich naturverbundener leben und unsere Ernährung umstellen …«, hatte Papa gemeint.
Von einem Tag auf den anderen begeisterte sich Mama für gesunde Küche und biologisch-dynamischen Gartenbau.
»Joe, du hast heute Morgen dein Glas frischgepressten Karottensaft schon wieder nicht getrunken!«
Dem Philodendron bekommt das Säftchen viel besser. Ich befürchte nur, dass demnächst süße kleine gelbe Rüben aus der Hydrokultur sprießen werden.
Aber verglichen damit, was sich seit vier Wochen bei uns abspielt, ist ihr Bio-Tick völlig harmlos. Seit Anfang Dezember ist der Teufel los. Nach den Aktivitäten meiner Mama kann man die Uhr richten. Exakt am Ersten begann ihre manische Phase.
Papa hat ihr vor einigen Jahren mit dem Computer einen Weihnachtsvorbereitungs-Fahrplan erstellt. Sie hält sich jedoch nie daran. Jedes Jahr macht sie einen neuen Plan und stößt ihn nach spätestens drei Tagen wieder um. Mit dem Weihnachtsputz ist sie noch immer nicht fertig, obwohl sie täglich mit dem Staubsauger treppauf, treppab rennt. Und die Geschenke wollte sie bereits in der ersten Adventwoche besorgen. Angeblich sind da die Geschäfte nicht so voll, die Verkäuferinnen freundlicher und die Sachen billiger als kurz vor den Feiertagen. Ich verrate kein großes Geheimnis, wenn ich jetzt, am Nachmittag des Heiligen Abend, ganz nüchtern feststelle, dass sie für Papa noch immer kein Geschenk gekauft hat. Ich habe gestern, als sie in ihrer Meditationsstunde war, die Schlafzimmerkästen inspiziert. Sie versteckt die Geschenke jedes Jahr in den Schränken im Schlafzimmer. Eingepackt hat sie auch noch nichts. Vielleicht gibt es heuer Geschenke ohne Verpackung? Die Mülltrennung funktioniert hier draußen ohnehin nicht.
Für mich hat sie einen rosa Skianzug erstanden. Ich hasse Rosa, und Skifahren hasse ich auch. Sport ist Mord! Werde wohl kurz vor dem Schulskikurs an einer schweren Grippe erkranken müssen.
Wozu mache ich mir jetzt schon Sorgen? Der Skikurs ist erst in der letzten Jännerwoche, und bis dahin werde ich hoffentlich alle Sorgen los sein.
Auf ihre Meditationsstunde will Mama selbst im vorweihnachtlichen Totalstress nicht verzichten. Die Feldenkrais-Seminare und die Jazzgymnastik oder den Öko-Kochkurs lässt sie schon mal sausen, aber ohne ihre Meditationsstunde würde sie garantiert zusammenbrechen. Papa macht hin und wieder blöde Bemerkungen über ihren hübschen, jungen Meditationstrainer. Er sollte besser den Mund halte, sonst erzähle ich der Mama, dass ich ihn am dritten Adventsonntag mit seiner Assistentin im Kino gesehen habe – händchenhaltend. Sie saßen nur drei Reihen vor mir. Wenn ich sagen würde, sie benahmen sich wie pubertierende Vierzehnjährige, so wäre das eine schwere Beleidigung meiner Altersgenossen.
Mein Herr Papa macht zu Hause keinen Handgriff. Sein Job in der Werbebranche nimmt ihn sehr mit. Nach seiner Alkoholfahne beim Frühstück zu schließen, torkelt er von einer Weihnachtsfeier zur anderen.
Mama erwartet, dass wenigstens wir ihr helfen.
Im ganzen Haus riecht es verdächtig nach Weihnachten. Die große Tanne im Wohnzimmer reicht fast bis an die Zimmerdecke. Ein schöner, gerade gewachsener Baum mit kräftigen Zweigen. Ich gieße heuer die Christbaumkerzen selbst. Natürlich sind die Kerzen aus echtem Bienenwachs.
Mama blockiert mit Vollkornkeksen und Sesamkipferln das Backrohr. Kein Mensch, außer vielleicht Allesfresser Felix, mag ihre staubtrockene Bäckerei. Oma wird sowieso wieder kiloweise Vanillekipferl und ordinäre Weihnachtskekse anschleppen – gebacken von ihrer Putzfrau. Oma bäckt längst nicht mehr selbst. Papa und Felix tragen alljährlich harte Kämpfe um Omas Putzfrauenkekse aus. Ich werde mich standhaft weigern, dieses köstliche Backwerk auch nur anzurühren. Essen ist nicht nur Omas Lieblingsbeschäftigung, sie versucht auch alle anderen zum Essen zu zwingen.
»Du musst ordentlich essen, Joe. Männer mögen keine Bohnenstangen.« Und ich mag keine Männer, Frauen übrigens auch nicht.
In letzter Zeit bin ich ziemlich in die Höhe geschossen. Auf Mama kann ich bereits hinunterschauen, und zu Papas Scheitel fehlen mir nur mehr wenige Zentimeter. Ich habe aber kaum zugenommen. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich mit meinem Äußeren halbwegs zufrieden. Opa kann ruhig seine Biafra-Kinder-Witze reißen.
Mein scheinheiliger kleiner Bruder hilft heuer bei den Weihnachtsvorbereitungen fleißig mit. Er frisst die warmen Kekse vom Blech, obwohl er ohnehin zu fett ist, und hält Mama auf Trab, indem er ständig ein und aus rennt. Der Regen hat unseren Garten in ein Schlammbad verwandelt. Sie kommt mit dem Aufwaschen im Haus nicht mehr nach. Außerdem sorgt er mit meinem alten Ghettoblaster für die passende besinnliche Vorweihnachtsstimmung. Zum Glück spielt er wenigstens meine CDs. Nichts gegen Justin Timberlake, aber Amy Winehouse und vor allem Die Ärzte höre ich lieber. Und wenn ihr Schnurzelchen Felix sie spielt, regt sich Mama nicht über diesen scheußlichen Krach auf. Sie steht nach wie vor auf die »99 Luftballons« von Nena. Igitt, igitt!
Ich sperre mich nach der Schule immer in Papas Hobbykeller ein, um vor meinem unausstehlichen Bruderherz sicher zu sein. Der Keller ist nicht beheizbar. Nicht, dass dies einen besonders großen Unterschied machen würde. Auch die Zimmertemperaturen liegen im Schnitt nicht über siebzehn Grad. Mama behauptet, in kühlen Räumen würde man einen kühlen Kopf behalten.
Ich wärme mich im Keller mit Red Bulls und Papas Zigaretten. Seit sich Mama für gesundes Leben entschieden hat, darf er nur mehr im Keller rauchen.
Ich bin für den Aufputz des Christbaums zuständig. Und zum ersten Mal macht mir dieser Job richtig Spaß. Ärgerte sich Mama letztes Jahr noch, weil ich bis zum Morgen des Heiligen Abends keinen Finger gerührt habe, so verliert sie heuer kein Wort darüber – natürlich auch kein Wort der Anerkennung –, wenn ich bis Mitternacht frierend im Hobbykeller hocke und meiner Kreativität freien Lauf lasse.
Anfangs kontrollierte sie, misstrauisch, wie sie nun einmal ist, ob ich mich tatsächlich mit dem Baumschmuck beschäftigte. Dann sprach ich ein ernstes Wort mit Papa. Er gab mir den Schlüssel für sein heiliges Reich und ersuchte die Mama auf seine charmante Art, mich bei der Arbeit nicht mehr zu stören.
»Lass Joe in Frieden. Sei froh, dass das Kind endlich mal etwas Sinnvolles macht.«
Obwohl mir auch Papas Geschwätz gehörig auf den Wecker geht, kann ich mit ihm doch besser als mit Mama. Eigentlich kann ich mit ihr überhaupt nicht. Zwischen uns liegen Welten. Obwohl sie »erst« Anfang fünfzig ist, scheint sie genauso alt zu sein wie ihre Eltern. Wahrscheinlich ist sie schon als alte Frau auf die Welt gekommen. Dabei sieht sie ganz normal aus, ich meine, wie eine Fünfzigjährige eben aussieht. In letzter Zeit kleidet sie sich jedoch ein bisschen komisch. Anscheinend holt sie, mit etwas Verspätung, die Hippiezeit nach. Früher, als Papa noch mit Zöpfchen, Schnurrbart und ausgeleiertem T-Shirt herumlief, sah sie eher aus wie seine Mutter. Seit er seine Liebe zu Designerklamotten, Kurzhaarfrisur und Dreitagebart entdeckt hat, trägt sie weite, lange Röcke und geblümte Blusen, färbt ihr ursprünglich dunkelbraunes Haar mit Henna rot und lässt sich alle drei Monate von einem Promi-Coiffeur im ersten Bezirk einen Afrolook verpassen. Angeblich hat sich der gute Karli gestern geweigert, ihr altmodisches Outfit aufzufrischen. Er ist eben sehr bedacht auf seinen guten Ruf. Mama kam mit dezenten graublonden Strähnen heim und war schwer deprimiert. Mich hat sie übrigens auch einmal zu diesem Karli geschickt. Einmal und nie wieder! Die Antipathie war gegenseitig. Seit ich selbst für mein Aussehen verantwortlich bin, trage ich mein Haar extrem kurz.
Ehrlich gesagt bin ich aber heute ebenso frustriert und nervös wie Mama. Ich werde es wohl bis neunzehn Uhr nicht mehr schaffen. Zwei ganze Stunden habe ich noch Zeit. Der Countdown läuft unerbittlich.
Seit Tagen versuche ich die Weihnachtskrippe zu präparieren. Gerade habe ich das rote Lämpchen, das eigentlich zum Lagerfeuer der Hirten gehört, unter der Krippe des Jesuskindes montiert. Es sah aus, als würden sie den kleinen Wunderknaben rösten. Zum Schieflachen, wenn die ganze Sache nicht so ernst wäre.
Für alles gibt es Bücher und Gebrauchsanweisungen. Nur ein Buch mit dem Titel »Wie entledige ich mich meiner Familie?« habe ich nicht gefunden.
Ich will später Chemie studieren. Madame Curie ist mein großes Vorbild. Aber wenn ich mich weiterhin so ungeschickt anstelle, werde ich wohl auch als frustrierte Hausfrau und Mutter enden.
Mama drohte nicht nur einmal, mich nach der Fünften aus dem Gymnasium zu nehmen und in ein Büro zu stecken. Meine schulischen Leistungen lassen zu wünschen übrig. Ich bin ins letzte Drittel abgerutscht, werde von den Lehrern genauso schlecht behandelt wie die Repetenten. Anscheinend habe ich den Schulwechsel nicht verkraftet. Eine Asphaltpflanze wie ich muss sich notgedrungen mit diesen zurückgebliebenen Provinzlern hier draußen im Wienerwald zu Tode langweilen. In meiner Klasse sitzen nur naive, dumme Gänschen, und mit den Buben kann ich erst recht nichts anfangen. Mir liegt eben dieser derbe, ländliche Typ nicht.
Ekel Felix knallt seine kleinen Fäuste gegen die Kellertür. Zum zwölften Mal am heutigen Nachmittag. Ich habe mitgezählt. Er schreit und heult vor Wut, aber ich lasse ihn nicht rein. Bestimmt sieht sein Gesicht wie ein knallroter, bis zum Platzen aufgeblasener Luftballon aus. Sein Kopf ist viel zu groß für seinen kleinen Körper. Manchmal nenne ich ihn »Zwerg Nase«, meistens mache ich mir jedoch nicht einmal die Mühe, ihn zu ärgern.
»Du sollst endlich den Christbaum fertigmachen, und ich darf dir helfen, hat die Mama gesagt.«
»Hilf lieber der Mama«, brülle ich zurück und hoffe, dass er mir ausnahmsweise einmal folgt.
Sie ist beim Kochen immer schrecklich nervös. Ihr geliebtes Mäuseschwänzchen wird ihr den letzten Nerv ziehen, wenn es ihr in der Küche Gesellschaft leistet.
Seit zwei Tagen hängt in unserer Küche eine erwürgte Pekingente. Mama hat sie massiert und mit der Fahrradpumpe aufgeblasen, damit die Haut schön knusprig wird. Dazu gibt es die unvermeidlichen Dinkellaibchen, Karotten- und Selleriesalat, Biokartoffeln aus unserem Garten und schmutzig-braunen Vollkornreis.
Zum Glück habe ich mich heute Vormittag, während sie auf der Mariahilfer Straße die letzten Einkäufe erledigte, mit zwei Big Macs gestärkt. Und sie natürlich nachher in einer Gasse ums Eck gleich wieder ausgekotzt.
Meine Frau Mama gibt mir höchstpersönlich die Ehre. »Wenn du nicht sofort raufkommst, setzt es was!« Den Befehlston hat sie von ihrem Vater. Er war, wie gesagt, bei der Hitlerjugend und schwärmt bis heute vom Führer.
Ich gebe mich geschlagen, verstecke das Dynamitstangerl in Papas Werkzeugkasten und verschiebe das Drama aufs nächste Jahr.
Deprimiert verlasse ich meinen geliebten Keller und schmücke den blöden Christbaum mit roten Kugeln und selbstgebastelten Engelchen.
Die Weihnachtskrippe stelle ich auf das kleine Tischchen an der Wand, um den hässlichen Gasanschluss zu verdecken.
Die zündenden Ideen kommen einem immer in letzter Sekunde.
Um Felix loszuwerden, gebe ich ihm den Kellerschlüssel und bitte ihn, die Strohsterne zu holen. Ich weiß, wie scharf er darauf ist, im Keller herumzuschnüffeln.
Der alte Gashahn hinter dem kleinen Beistelltisch im Wohnzimmer ist von Mamas Putzfimmel verschont geblieben. Er ist total verstaubt, und er klemmt. Ich nehme mir vom festlich gedeckten Esstisch eine weiße Stoffserviette und schaffe es schließlich, ihn aufzukriegen.
Mamas Schritte nähern sich. Rasch werfe ich die Serviette zurück auf den Tisch und kümmere mich wieder um die Krippe.
»Was hast du mit dem Gedeck angestellt!«
Sie haut mir die nicht mehr ganz so weiße Stoffserviette um die Ohren.
Zum Glück läutet es gerade an der Tür.
Die Oldies ‒ eine Stunde zu früh, wie immer.
Felix läuft ins Vorzimmer. »Omilein«, kreischt das abgebrühte kleine Luder.
Auch ich werde mit Küsschen links und Küsschen rechts begrüßt. Dann setzen sich die Alten in die beiden Lederfauteuils. Ich hoffe, sie werden den Rest des Abends mit ihren dicken Hintern darauf kleben bleiben.
Zum Glück sind Papas Eltern längst tot. Großeltern in zweifacher Ausführung – eine Horrorvorstellung!
Mama rennt hektisch zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her. Papa schenkt Champagner ein, echt französischen und garantiert aus biologischem Anbau. Felix macht sich an den Päckchen zu schaffen. Oma ermahnt ihn, sich brav hinzusetzen und die Geschenke in Frieden zu lassen.
Er scheint schwerhörig zu sein. Opa brüllt ihn an. Nicht gewöhnt an diesen Ton, erstarrt mein süßer kleiner Bruder zur Salzsäule. Er könnte einem fast leidtun.
Opa wird uns bestimmt auch heute wieder mit seinen Heldentaten aus den letzten Kriegstagen beglücken. Wir kennen seine Gräuelgeschichten bereits auswendig. Aber keiner wagt, ihn zu bremsen.
Papa war beim Zivildienst. Dieser »Wehrdienstverweigerer« und »Drückeberger« hat aber viel zu viel Schiss vor seinem lieben Schwiegervater. Schließlich ist er bis heute finanziell von ihm abhängig.
Meine Großeltern besaßen ein Möbelhaus in der Stadt. Unsere hässlichen Möbel verdanken wir ihnen. Wie fast alle reichen Leute, sind sie sehr geizig. Nur Mama und Felix verstehen es, ihnen hin und wieder etwas Kleingeld rauszulocken.
»Weihnachten ohne Schnee ist kein richtiges Weihnachten«, sagt die Oma, und dann muss ich mir zum hundertsten Mal anhören, wie romantisch und idyllisch dieses schönste Fest des Jahres in ihrer Kindheit, das heißt in der Nazizeit, war, obwohl sie damals fast nichts zum Essen hatten.
Meine Oma ist eine Dauerrednerin. Sie funktioniert wie ein Automat: Kaum wirft man eine Münze rein, schon beginnt sie mit aufgeregter Stimme und in ständig ansteigendem Tonfall zu reden. Meistens quatschen diese beiden senilen Idioten im Duett. Opa schwärmt vom Zweiten Weltkrieg, Oma redet vom Essen.
Alle außer Opa, der eingenickt ist, bemitleiden plötzlich Felix, der bei diesen fürchterlichen Regenfällen nicht draußen spielen kann.
»Der arme Bub, kein Wunder, dass er so wild ist …, den ganzen Tag im Haus eingesperrt …«, säuselt die Oma.
Keiner hat Mitleid mit mir. Obwohl ich die einzig wirklich Leidtragende bin. Denn wenn Felix fad ist, sekkiert er mich pausenlos. Ich darf ihn nicht schlagen. Offiziell werden wir beide ja ohne Prügel erzogen. Aber wenn keiner von den Alten in der Nähe ist, verpasse ich ihm schon manchmal eine. Natürlich läuft er dann gleich heulend zur Mama und ich bekomme die Schläge doppelt und dreifach zurück. Antiautoritäre Erziehung nennt Papa das.
Felix ist Mamas Goldstück, ihr Pimmelchen, ihr Leckermäulchen. Außerdem hält sie ihn für ein kleines Genie. Sie ließ ihn letzten September einschulen, obwohl er erst im Oktober sechs geworden ist. Altklug und vorlaut, lautete das sachliche und nüchterne Resümee seiner Lehrerin, nachdem sie ihn ein paar Monate genossen hatte. Seit dem Elternsprechtag überlegt Mama ernsthaft, ihn dem negativen Einfluss dieser »stumpfsinnigen Person« zu entziehen und in eine Waldorfschule zu stecken. »Wenn die Anthroposophen nur nicht so weit weg wären …« Mama zerrt ihn auch dauernd auf ihren Schoß und knutscht ihn ab, obwohl er ja längst kein Baby mehr ist. Ich finde ihr Getue zum Kotzen.
Ich bin Nobodys Darling und ehrlich gesagt auch froh darüber. Papa hasst mich, weil er wegen mir diese langweilige Ziege heiraten musste. Im Grunde interessiert er sich aber nicht für mich. Mama hasst mich, weil ich ein Mädchen bin und viel klüger als sie. Oma und Opa lieben nur sich selbst und ihr Geld.
Nachdem ich mit dem Aufputzen des Christbaums endlich fertig bin, lasse ich die heilige Familie allein und ziehe mich ins elterliche Bad im Gartenhäuschen zurück. Ich muss mir mit Felix Klo und Dusche im ersten Stock teilen. Da diese Dusche meistens nur eiskaltes Wasser ausspuckt, dürfen wir im Winter gnädigerweise das neue Bad unserer Eltern mitbenützen.
Ich lasse die Wanne volllaufen und streue drei Esslöffel von Mamas beruhigenden Lindenblüten ins heiße Wasser.
Zehn Minuten vor sieben Uhr klopft Papa an die Badezimmertür. Leider lässt sich die Tür nicht absperren. Ich habe mir ausgebeten, dass die liebe Familie nicht mehr einfach ins Bad reinplatzt, wenn ich drinnen bin. Mein psychologisch geschulter Herr Papa hält sich meistens auch daran. Aber Mama spioniert mir selbst im Bad nach, versucht, mich dabei zu ertappen, wie ich ihre Naturkosmetika ausprobiere. Sogar auf dem Klo lässt sie mich nicht in Ruhe. Schließlich muss sie ja kontrollieren, ob ich mir nach dem Essen nicht die Finger in den Hals stecke. Eine völlig überflüssige Maßnahme. Seit sie nahrhafte Vollkornkost kocht, habe ich mich zuhause nicht mehr freiwillig überfressen.
»Beeil dich gefälligst, um Punkt sieben beginnt die Bescherung!«
»Ich komme gleich, Papi.«
»Du kommst sofort, sonst mache ich dir Beine.«
Fünf Minuten später reißt Felix die Badezimmertür auf und schreit fast so laut wie sonst nur unser Opa: »Ätsch, wir werden ohne dich anfangen. Sie singen schon ,Oh Tannenbaum‘, und Papa zündet gleich die Kerzen am Baum an.«
»Hau ab!«
Er bleibt in der Tür stehen, starrt mich ungeniert an und stellt befriedigt fest: »Du hast ja noch gar keinen Busen.«
Ich werfe ihm den Schwamm ins Gesicht. Wütend knallt er die Badezimmertür hinter sich zu und stürzt sich auf mich. Ich zerre den kleinen Dickwanst zu mir in die Wanne und drücke seinen Kopf unter Wasser. Erst nachdem er genügend beruhigende Lindenblüten geschluckt hat, lasse ich ihn los. Prustend taucht das kleine Ungeheuer wieder auf.
»Rums!! – Da geht die Heizung los
Mit Getöse schrecklich groß.
Weihnachtsbaum und Federvieh,
Dinkellaibchen, Sellerie,
Krippe, Tisch, Champagnerflasche –
Alles liegt in Schutt und Asche. –«
Die Erschütterung, als das alte Haus samt dem von mir wunderschön geschmückten Christbaum in die Luft fliegt, erfasst auch das Badehäuschen. Die Wände beginnen zu zittern. Zum Glück stürzt es nicht ein. Felix brüllt jedoch wie am Spieß.
Ein hysterisches Kleinkind kann ich jetzt am allerwenigsten brauchen. Ich nehme das arme Waisenkind in die Arme und erkläre ihm, dass das Christkind gerade unsere lieben Eltern sowie Omi und Opi zu sich geholt hat und sie jetzt Engelchen seien. Als ich aus der Ferne das Geräusch von Sirenen höre, bringe ich meinem ekelhaften kleinen Bruder, der jetzt ganz vergnügt mit mir in der Wanne planscht, ein lustiges Gedichtlein bei:
»Advent, Advent, ein Lichtlein brennt,
bald brennen zwei, bald drei, dann vier,
und schon steht die Feuerwehr vor der Tür.«
Reise nach Marrakesch
Das Flüstern des Morgengrauens
Weihnachten im Maghreb. Das hatte sehr verlockend geklungen. Seit Stefan am postmodernen Flughafen von Marrakesch den Flieger verlassen hatte, hielt er es für keine so gute Idee mehr, die Feiertage in Marokko zu verbringen.
All das Tohuwabohu am Aeroport Marrakech-Menara, die lange Schlange vor der Passkontrolle und die Feilscherei mit den Taxifahrern, die horrende Preise für die kurze Fahrt in die Stadt verlangten, waren ihm zuwider. Er hasste es zu feilschen, schaffte es mit Müh und Not, einen der Fahrer auf zwanzig Euro herunterzuhandeln, obwohl sein Freund Michael gesagt hatte, das ein Taxi vom Flughafen in die Stadt höchstens zehn Euro kosten dürfe.
Stefan hatte sich von Michael dazu überreden lassen, die schlimmste Zeit des Jahres in Marokko zu verbringen. Sein Freund war Maler. Auf seine alten Tage hatte er sich als schwul geoutet. Er lebte nun mit einem jungen Marokkaner zusammen in Essaouira, einer Hafenstadt am Atlantik, in der Nähe von Diabat, wo Jimmy Hendrix einige Zeit verbracht hatte.
Michael liebte es, den großzügigen Gastgeber zu spielen. Bestimmt hatte er auch andere Leute eingeladen. Stefan war sich nicht sicher, ob er ihn besuchen würde. Seit er wusste, dass Michael schwul war, fühlte er sich in seiner Gesellschaft und vor allem in der Gesellschaft seiner neuen Freunde ein wenig unbehaglich.
Michaels Einladung, die ganze Zeit bei ihm in seinem Riad zu wohnen, hatte er abgelehnt. Michaels ständige Fröhlichkeit, sein »Don’t worry, be happy«-Getue ging ihm schwer auf den Keks. Allerdings hatte er versprochen, zu Silvester bei ihm vorbeizuschauen. Vorher wollte er das geheimnisvolle Marrakesch sehen und die Stimmen von Marrakesch hören.
Im Taxi gewann er einen ersten Eindruck von dieser Millionenstadt, über der eine dicke Smogwolke hing. Nichts als Lärm und fürchterlicher Gestank nach Abgasen, der ihm den Atem raubte. Alle Fenster des Taxis waren offen. Es zog wie in einem Vogelhaus. Seine Versuche, den Fahrer auf Französisch dazu zu bewegen, die Fenster wenigstens auf einer Seite zu schließen, waren vergeblich. Der Typ fuhr noch dazu wie ein Verrückter, überholte fast jeden Wagen, hupte permanent und überschritt sämtliche Geschwindigkeitsbeschränkungen.
Die Sonne schien, die Außentemperatur bewegte sich um die achtundzwanzig Grad, wie er einer digitalen Anzeige am Straßenrand entnahm. So wie viele Schriftsteller hasste er die Hitze. An heißen Tagen konnte man unmöglich schreiben.
Was für eine Schnapsidee, sich von seinem ehemaligen Jugendfreund dazu überreden zu lassen, heuer Weihnachten und Silvester in Marokko zu verbringen! Ein bisschen Morgenlandluft schnuppern würde ihn sofort von seiner Schreibhemmung befreien, hatte Michael gemeint. Und er hatte ihm geglaubt.
Die modernen Vororte, die erst vor kurzem aus dem Wüstenboden gestampft worden waren, interessierten ihn ebenso wenig wie das mondäne Viertel Hivernage mit den luxuriösen Villen, die man hinter den hohen Mauern oder begrünten Zäunen nur erahnen konnte. Die Rolling Stones hatten auf ihren Trips nach Marrakesch meist hier genächtigt, erklärte ihm sein Fahrer, während er mit achtzig Sachen einen schwarzen SUV schnitt. Der alte kleine Ford klapperte so laut, dass Stefan fürchtete, er werde jeden Moment in tausend Teile zerfallen.
Marrakesch, die Stadt mit ihren rosafarbenen Mauern aus gestampftem Lehm, den mit violetten Bougainvilleen bedeckten Häuserwänden und all den Orangenbäumen in den Vorgärten, konnte ihm gestohlen bleiben, das war ihm bereits nach der ersten halben Stunde in dieser Märchenstadt klar. Nicht einmal die verschneiten Gipfel des Hohen Atlas unter dem leuchtend blauen Himmel, die Michael so faszinierten, begeisterten ihn. Stefan war zwar ein leidenschaftlicher Berggeher, der die Einsamkeit in den österreichischen Alpen liebte, doch diese Postkartenidylle hier war ihm nicht geheuer. Das orientalische Tingeltangel, das er dann auf der kurzen Fahrt in die Medina mitbekam, erfreute vielleicht die kindliche Seele seines schwulen Freundes, aber einen gestandenen Mann und ernsthaften Autor wie ihn stieß es eher ab.
Das kleine Riad-Hotel, das ihm Michael empfohlen hatte, befand sich in einer düsteren, schmutzigen Gasse, unweit des Djemaa el Fna, der Grande Place, wie die Franzosen diesen riesigen Marktplatz nannten. Der Fahrer konnte nicht bis zum Haus vorfahren. Mehrere Gepäckträger mit ihren verdreckten Karren stürzten sich auf Stefan, als er aus dem Taxi stieg.
Da er keine Lust hatte, seinen schweren Koffer selber hinter sich herzuziehen, nahm er das billigste Angebot an, ohne den alten Mann weiter herunterzuhandeln.
Als sich herausstellte, dass es nur zehn Meter bis zu seinem Hotel waren, verfluchte er seine Kurzsichtigkeit oder, besser gesagt, seine Eitelkeit. Hätte er seine Brille aufgesetzt, würde er vielleicht das kleine Schild des Hotels gesehen haben. Wieder fünf Euro in den Wind gesetzt. Diese Reise begann ja bestens!
Anstatt des Doppelzimmers mit Terrasse und Ausblick, das er übers Internet gebucht hatte, bekam er ein winziges Zimmer im ersten Stock mit Blick auf die laute Gasse. Das Bad war so eng, dass er sich in der von Schimmel befallenen Dusche kaum würde umdrehen können, obwohl er nicht wirklich dick war. Sein Bauch war mittlerweile etwas angewachsen, was weniger an seinem Essverhalten als an seinem Alkoholgenuss lag, aber seine Gliedmaßen waren nach wie vor schlank und rank wie die eines Jünglings. Ihm war bewusst, dass er keineswegs mehr jugendlich wirkte. Wegen seiner Größe von einem Meter neunzig hatte er sich einen gebeugten Gang angewöhnt und einen kleinen Buckel zugelegt. Sein Haar war schütter und ergraut. Er trug es dennoch lang, trotz der kleinen Glatze am Hinterkopf. Stefan war gerade erst fünfzig geworden, fühlte sich momentan aber wie ein Achtzigjähriger.
Die besten Jahre waren vorbei, das war ihm schon seit langem klar. Einst galt er als Shootingstar der österreichischen Literaturszene. Seinen ersten Roman, »Gelber Dunst«, hatte er mit fünfunddreißig veröffentlicht, damit einige Literaturpreise eingeheimst und einen großen deutschen Verlag für sein zweites Buch an Land gezogen. Seine nächsten Romane hatten sich weniger gut verkauft als sein Erstlingswerk, aber anscheinend immer noch gut genug, denn der deutsche Verlag hatte ihm die Treue gehalten. Den letzten Vorschuss hatte er vor nunmehr sechs Jahren kassiert. Der Roman, für den er ihn bekommen hatte, war noch immer nicht fertig. Doch wenn man in Österreich einmal als Starautor galt, dann verblasste dieser Ruf nicht so rasch. Er zehrte nach wie vor von dem großen Erfolg seines Erstlings, der mittlerweile in zehn Sprachen übersetzt worden war, sogar ins Koreanische.
In den letzten Jahren hatte sich Stefan mit Übersetzungen aus dem Französischen über Wasser gehalten und ein paar Kurzgeschichten in Anthologien diverser österreichischer Schriftstellerverbände und -organisationen veröffentlicht. Außerdem hatte er immer wieder Stipendien und Förderpreise eingeheimst. Seit ein paar Jahren war Schluss damit. Autoren über fünfundvierzig galten nicht einmal im Land der Seligen mehr als förderungswürdig. Dennoch war er nach wie vor ein wichtiger Vertreter der österreichischen Literatur, zumindest bildete er sich das ein, obwohl er seit nunmehr sechs Jahren eine massive Schreibkrise hatte.
Voll bekleidet und mit den verstaubten Schuhen an den Füßen ließ er sich auf das überraschend bequeme Bett in seinem schäbigen Zimmer fallen und starrte eine Weile auf die rissige Decke.
Seine langjährige Lebensgefährtin hatte ihn vor einem Jahr verlassen. Obwohl die Trennung nicht der Grund für seine Schreibkrise war, er hatte bereits während der letzten Jahre ihrer Beziehung keine einzige Zeile mehr geschrieben, machte er Magdalena doch dafür verantwortlich. Auf einmal hatte sie mehr auf sich selbst schauen wollen, auf ihre eigene Karriere. Sie war zehn Jahre jünger als er und ebenfalls Autorin. Allerdings verdiente sie regelmäßig Geld mit einer blödsinnigen Kolumne in einer auflagenstarken Tageszeitung. Sie könne ihm nicht mehr länger dabei zusehen, wie er vor Mittag nicht aus dem Bett kam, nachmittags mit seinen Freunden im Kaffeehaus zu saufen begann und meistens erst spät nach Mitternacht heimkam, hatte sie ihm in ihrer letzten Nacht, in der sich, wie schon in vielen Nächten vorher, nichts abgespielt hatte, weil er keinen mehr hochbekam, an den Kopf geworfen. Damals hätte er sie am liebsten umgebracht, den Polster auf ihr Gesicht gedrückt und ihre Worte in den Daunen erstickt.
Sein Verlag hatte den letzten Vorschuss und damit auch ihn längst abgeschrieben. Falls er den Roman, an dem er nun seit sechs Jahren arbeitete, eines Tages fertigstellen würde, musste er sich einen neuen Verlag dafür suchen. Dieser Gedanke war ihm ein Gräuel. Bald würde er die Miete für seine Wohnung nicht mehr bezahlen können. Dank Magdalena war die Miete für seine Altbauwohnung im siebten Bezirk früher nie ein Problem gewesen.
Plötzlich erfasste ihn wieder eine Stinkwut auf diesen Trampel. Wer war sie denn schon? Eine kleine, immer fetter werdende Landpomeranze, die sich als berühmte Journalistin gerierte und vor kurzem sogar ein Buch mit ihren Alltagsglossen veröffentlicht hatte. Es war mit der Post gekommen. Er hatte es, ohne einen Blick hineinzuwerfen, in den Altpapiercontainer geschmissen.
Wie so oft befreite ihn die Wut von seiner depressiven Verstimmung. Er sprang auf und ging hinunter zum Portier, der sich als Youssef vorgestellt hatte. In seinem eleganten Französisch verlangte er das reservierte Zimmer mit Terrasse. Er erklärte dem alten zahnlückigen Rezeptionisten, dass er das Hotel augenblicklich verlassen würde, wenn er nicht sogleich das bestellte Doppelzimmer mit Terrasse bekäme.
Eine dicke schwarze Katze schlich um seine Beine. Stefan litt unter einer Katzenallergie. Angewidert verzog er das Gesicht.
Youssef versprach ihm schließlich, dass er ab morgen ein anderes Zimmer mit Terrassenzugang beziehen könne.
»Sind Sie nicht der berühmte Schriftsteller, der ›Gelber Dunst‹ geschrieben hat?«, vernahm er plötzlich eine schrille Frauenstimme in seinem Rücken.
Durchaus erfreut drehte er sich um.
Hinter ihm standen zwei mehr oder minder attraktive Frauen um die vierzig und strahlten ihn an wie einen Christbaum.
»Ich bin Daniela und das ist meine Freundin Nadine«, sagte die magersüchtige Blondine mit der schrillen Stimme. Sie war weniger hübsch als ihre dunkelhaarige Freundin, die ihn ein bisschen an Magdalena erinnerte, allerdings ein paar Kilo weniger auf den Hüften hatte als seine Ex.
»Wau, dass wir im selben Hotel wohnen, ist echt ein Wahnsinn! Das müssen wir feiern. Haben Sie heute Abend schon was vor?«
»Schreiben«, sagte Stefan und war selbst überrascht von seiner Schlagfertigkeit.
»Aber doch nicht am Heiligen Abend! Wir wollen auf den Djemaa el Fna gehen und dort in einer der Garküchen essen. Kommen Sie doch mit. Es wird sicher lustig.«
Allein das Wort »lustig« bereitete ihm körperliches Unbehagen.
Ein älteres Ehepaar, sie schwer übergewichtig und mit einem marokkanischen Kaftan bekleidet, er in Jeans und T-Shirt und sein weißes Haar zu einem Rossschwanz zusammengebunden, gaben ihren Zimmerschlüssel an der Rezeption ab. Sie hatten sein kurzes Gespräch mit den Österreicherinnen mitangehört.
»Wir gehen auch auf den Fna. Der Fischstand Nummer 14 ist fantastisch, solltet ihr auch versuchen«, sagte der Rossschwanz. Ein Deutscher, Rheinländer der Sprache nach.
Der Portier redete nun in seinem merkwürdigen Französisch auf das deutsche Pärchen ein.
Stefan verstand, dass die beiden sein gebuchtes Zimmer belegt hatten. Sogleich schoss ihm wieder die Zornesröte ins Gesicht. Bevor er sich einmischen konnte, sagte Youssef zu ihm, dass alles geklärt sei. Er, wie versprochen, sein Zimmer morgen beziehen könne.
Stefan hatte nicht mitbekommen, dass sich die Piefke mit dem Zimmertausch einverstanden erklärt hatten. Als er den bösen Blick bemerkte, den ihm die dicke Deutsche zuwarf, fühlte er sich irgendwie befriedigt. Sollten diese Alt-Hippies doch unter- oder übereinander in dem schmalen Bett liegen, er wollte ein großes Doppelbett und eine Terrasse mit Ausblick.
Das Thermometer in seinem Zimmer hatte dreiundzwanzig Grad angezeigt. Dennoch fror er erbärmlich. Er beschloss einen Hammam aufzusuchen und sich dort ein bisschen aufzuwärmen. Youssef empfahl ihm einen in der Nähe des Hotels.

Sein Körper glühte. Nur mit einer viel zu weiten ausgeborgten Badehose bekleidet lag er ausgestreckt auf dem harten, gekachelten heißen Tisch. Der Schweiß rann ihm übers Gesicht, verklebte seine Augen.
Er war nicht allein in dem Dampfbad. Gemurmel und leiser Singsang belästigten seine Ohren. Der Raum war schwach beleuchtet. Er nahm die Umrisse der Gestalten, die sich gerade einseifen oder mit heißem Wasser übergießen ließen oder ebenso ruhten wie er, kaum wahr. Dichte Dampfschwaden umgaben den russischen Luster, der von der Decke baumelte.
Ein Gefühl von Schwerelosigkeit erfasste ihn. Er spürte seinen Körper nicht mehr. Auch sein Kopf wurde leer. Alle seine Gedanken und Grübeleien lösten sich in der Hitze auf. Dieses Gefühl von Leere behagte ihm.
Sein Badediener, ein junger, gut gebauter Mann, riss ihn aus diesem angenehmen, tranceähnlichen Zustand, deutete, ihm zu folgen. Er brachte ihn ins Frigidarium, reichte ihm ein feuchtes Handtuch, sagte irgendetwas auf Arabisch zu ihm und wies auf das kleine Becken mit kaltem Wasser.
Stefan hatte kein Wort verstanden. Vor seinen Augen erschienen kurze, grelle Blitze. Das Kaltwasserbecken begann sich zu bewegen, kam langsam näher. Das Wasser schwappte über, eine riesige Welle erfasste ihn, schlug über ihm zusammen.
Als er auf dem kalten Fliesenboden wieder zu sich kam, sah er in die lächelnden schwarzen Augen des jungen Bademeisters. Der Bursche reichte ihm seine Hand, wollte ihm aufhelfen.
Stefan schlug seine Hand weg. »Mein Kreislauf hat wieder mal verrückt gespielt«, murmelte er und verließ fluchtartig den kleinen Raum, stürzte hinaus in den Flur. Er brauchte dringend einen Whisky. Das einzige Medikament, das in allen beschissenen Lebenslagen half. Aber woher den Whisky nehmen in diesem islamischen Land?
Ihm war nach wie vor so schwindlig, dass er es kaum schaffte, seine Hose im Stehen anzuziehen.
Völlig benommen torkelte er hinaus auf die düstere Gasse, die wahrscheinlich noch nie Sonnenlicht gesehen hatte.
Zwei Bettler lungerten unweit des Hammams herum, schnorrten ihn an. Er ignorierte sie, obwohl er gelesen hatte, dass die Bettler von Marrakesch bestens organisiert waren und sich die Gesichter der Leute, die ihnen etwas gaben, genau merkten und sie dann angeblich vor Taschendieben beschützten. Bestimmt war das eine Mär. Wahrscheinlich verrieten sie eher den Dieben, wenn jemand gut bei Kasse war.
Auf einer heruntergekommenen Einkaufsstraße, außerhalb eines Stadttores, entdeckte er eine Bar, in der Alkohol ausgeschenkt wurde.
Er ging hinein, setzte sich auf einen Hocker an der Theke und bestellte einen Jim Beam, den Whisky für den Tag. Abends trank er lieber Single Malt.
Bald geriet er wieder ins Grübeln. Fragte sich erneut, was er in diesem Drecksnest verloren hatte. Die Grübelei war fruchtlos wie immer. Er bestellte einen zweiten Whisky mit viel Eis. Bisher hatte er noch keinen Gedanken an seinen unfertigen Roman verschwendet. Er sog die Stimmen von Marrakesch ein, so wie einst Elias Canetti, aber im Gegensatz zu seinem weltberühmten Schriftstellerkollegen schienen sie ihn nicht zu inspirieren. Nach dem Besuch des Hammams fühlte er sich weder erfrischt noch voller Tatendrang.
Er döste an der Theke vor sich hin.
Das Gegröle junger skandinavischer Touristen, die sich zu ihm an die Theke gesellt hatten, vertrieb ihn schließlich aus dieser netten kleinen Bar.
Die Wirkung des Whiskys hielt nicht lange an. Sobald er in den Trubel auf dem Djemaa el Fna eingetaucht war, wurde er wieder hellwach.
Schlangenbeschwörer, Bauchtänzerinnen, Feuerschlucker, Akrobaten, Schuhputzer, Wahrsagerinnen, Schwarze, die bunte T-Shirts verkauften und ihm in leise beschwörendem Ton Haschisch anboten … Mit griesgrämiger Miene und den Händen in den Hosentaschen, das Geld fest umklammernd, streifte er über den großen Platz.
Die Sonne hatte sich noch nicht verabschiedet. Die blaue Stunde, in der dieser angeblich schönste Platz Afrikas in ein mysteriöses Farbenspiel getaucht werden würde, stand erst bevor.
Stefan schlenderte weiter, nahm eine breitere Straße hinein in den Souk. Er hatte nicht vor, etwas zu kaufen. Die Händler empfand er als äußerst lästig. Er blieb an keinem der farbenprächtigen Stände stehen, an denen nicht nur Textilien, Korb- und Lederwaren angeboten wurden, sondern auch alle Köstlichkeiten des Orients, sondern ging raschen Schrittes durch die immer enger werdenden Gassen. Der Weg durch den Souk führte nicht geradeaus, kreuzte sich mehrmals. Leicht verwirrt versuchte er sich einzuprägen, aus welcher Richtung er gekommen war. In die zum Teil mit Hölzern und Fetzen überdachten Gassen drang kein Sonnenstrahl. Bald hatte er die Orientierung verloren.
Junge, verwegen aussehende Burschen boten ihm an, ihn durch den Souk zu führen. Er reagierte fast zornig, verjagte sie mit abfälligem Gesichtsausdruck und eindeutigen Handbewegungen. Doch als er an einer Wegkreuzung umkehren und zurück zum großen Platz wollte, wurde ihm bewusst, dass er sich verirrt hatte. Sein Stadtplan half ihm nicht weiter, denn die Gassen im Souk hatten keine Namen. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich von einem der Schlepper zum großen Platz zurückbringen zu lassen. Der Bursche hieß Achmed und redete in schlechtem Französisch auf ihn ein. Er gab auch ein paar Brocken auf Deutsch von sich. Stefan verstand kaum ein Wort.
Als ihn Achmed zu einem Gewürzstand schleppte, fühlte er sich verpflichtet, dem Händler drei Gramm angeblich besten marokkanischen Safran um einen horrenden Preis abzukaufen. Wieder hatte er fast fünfzehn Euro in den Wind gesetzt. Den Safran würde er seiner alten Mutter mitbringen. Immerhin hatte sie ihm das Geld für diese Reise geborgt. Sie backte gerne, würde dieses kostbare Geschenk aber nicht zu schätzen wissen. Normaler Safran aus dem Supermarkt tat es für ihre bescheidenen Bedürfnisse sicher auch.
Stefan war in der schönen Steiermark aufgewachsen, in einfachen Verhältnissen. Er schämte sich für seine Herkunft, hatte sie verleugnet, machte früher in Interviews seinen Vater, einen Schichtarbeiter, zu einem Ingenieur und seine Mutter, die jahrelang als Putzfrau gearbeitet hatte, zur Hausfrau, die nicht hatte arbeiten gehen müssen. Seine Intelligenz und Kreativität schrieb er widerwillig dem kirchlichen Internat zu, in das ihn seine Eltern mit Hilfe des örtlichen Pfarrers gesteckt hatten, nachdem sie noch vier weitere Gschrappen produziert hatten. Mit seinen jüngeren Geschwistern pflegte er keinerlei Kontakt, genierte sich für sie ebenso wie für seine Eltern.
Er verdrängte die Gedanken an seine Familie und versuchte, während er neben Achmed durch die quirligen Gässchen der Medina stapfte, ihm auf Französisch klarzumachen, dass er sofort zurück auf die Grande Place müsse und keinerlei Einkäufe mehr tätigen wolle.
Der hübsche Bursche mit den großen dunklen Augen grinste ihn an, schlug ihm auf die Schulter und sagte: »Okay, okay.«
Stefan war überrascht, als Achmed ihn tatsächlich ohne weiteren Stopp zum Djemaa el Fna brachte.
Die Sonne verabschiedete sich gerade hinter dem Minarett der Koutoubia-Moschee.
Er gab Achmed zwanzig Dirham.
Der Junge zeigte ihm die fünf Finger seiner rechten Hand.
Stefan schüttelte den Kopf. Von diesem kleinen Gauner ließ er sich nicht über den Tisch ziehen. Wahrscheinlich hatte er das große Bündel Scheine in seiner Hosentasche gesehen, als er den weit überhöhten Preis für den Safran zahlte.
»Morgen wiedersehen?«, fragte Achmed lächelnd.
»Vielleicht«, sagte Stefan, ließ ihn stehen und ging direkt zum Café de France, in dem er mit den beiden Österreicherinnen aus seinem Riad verabredet war.
Daniela und Nadine erwarteten ihn bereits auf der Terrasse im ersten Stock. Sie hatten einen Tisch ganz vorne ergattert und fotografierten beide wie besessen den fantastischen Sonnenuntergang.
Der Himmel wechselte gerade seine Farbe von zartem Rosa in kräftiges Orange. Kurze Zeit später verfärbte er sich blutrot und tauchte schließlich den ganzen Platz in ein rauchiges Blau.
Die Österreicherinnen hatten nicht nur bunte Schals, Arganöl und Berberketten gekauft, sondern auch zwei winzige Schildkröten.
»Sind sie nicht niedlich? Wir haben noch keine Namen für die beiden. Wie findest du Scheherazade und Mohammed?«
»Wenn schon, dann Scheherazade und Schahryar. Aber das sind persische Namen«, klärte Stefan die ungebildeten Frauen auf.
»Möchtest du ihr Taufpate sein?«
»Es ist strengstens verboten, Schildkröten auszuführen, habt ihr das nicht in eurem Reiseführer gelesen?«
»Ach was, wir werden diese niedlichen Kleinen schon rausschmuggeln. Bei uns werdet ihr es gut haben, ihr Süßen«, sagte Daniela und küsste die Panzer der Baby-Schildkröten. Angewidert wandte Stefan sich ab.
Beide Frauen hatten sich ihre Hände bemalen lassen. Die schwarzen Ornamente sahen beinahe bedrohlich aus.
»Auf Nadines Hand steht angeblich, dass sie einen Mann sucht«, kicherte Daniela.
Er besah sich die Bemalung auf Nadines großer, grobknochiger Hand genauer und musste unwillkürlich an die schönen, zarten Händen der marokkanischen Frauen denken, die er bisher sehr wohl registriert hatte. Die Araberinnen gefielen ihm, sie waren nicht sehr groß, aber alle wohlgerundet, ohne fett zu sein, und trugen meist prächtige farbenfrohe Gewänder. Verglichen mit ihnen wirkten die vielen magersüchtigen und schlecht gekleideten Europäerinnen wie langweilige Kleiderpuppen.
In Marrakesch war er bisher nur wenigen Frauen mit Hidschab begegnet, diesem Kopftuch, das Haare, Ohren, Hals und Dekolleté bedeckt. Einen Tschador trugen fast nur Touristinnen aus arabischen Ländern. Und Frauen mit einem Nikab oder gar mit einer Burka hatte er kaum gesehen. Da hatte er in Österreich, trotz Burkaverbots, schon mehr zu Gesicht bekommen, vor allem im letzten Sommer, als er bei den Rauriser Literaturtagen eingeladen gewesen war und anschließend Zell am See besucht hatte.
Die meisten Marokkanerinnen waren unverschleiert, trugen nicht einmal ein Kopftuch, ließen ihre dunkelbraune Haarpracht über Schultern und Rücken fließen. Die jungen hatten meist auch schöne weiße Zähne, volle Lippen und elegante, etwas längere Nasen als momentan in Hollywood angesagt. Das Schönste an ihnen waren allerdings ihre großen dunklen Augen, die die Wonnen einer Nacht voller Leidenschaft versprachen. Er bewunderte auch ihre olivfarbene Haut, obwohl manche orientalischen Frauen auch überraschend weißhäutig waren, was ihre fast schwarzen Augen noch geheimnisvoller und verführerischer machte.
Die Österreicherinnen an seinem Tisch wirkten richtiggehend plump und derb neben all diesen nordafrikanischen Schönheiten, obwohl vor allem Daniela untergewichtig war. Aber sie waren beide großgewachsen und hatten einen schweren Knochenbau. Ihre Haare waren dünn und struppig vom vielen Färben, ihre Gesichter aufgedunsen und voller roter Flecken, die nicht nur von übertriebenem Alkoholkonsum stammten, sondern auch von der Hitze. Falls er ein Gefühl von Mitleid empfinden hätte können, wäre es jetzt angebracht gewesen. Doch er sezierte die beiden alleinstehenden Frauen mit seinem strengen Schriftstellerblick und kam zu dem Ergebnis, dass ihn keine der beiden reizte.
Seine Blicke schweiften wieder hinunter auf das bunte Treiben am Djemaa el Fna.
Die hell beleuchteten Obststände mit den exotischen Früchten, Datteln und Nüssen sahen sehr verlockend aus, machten aber wenig Geschäft.
Plötzlich erblickte er einen Burschen, der zur Terrasse des Café de France heraufsah und heftig winkte. Er erkannte Achmed nicht sogleich. Erst als er sich sicher war, dass es sich um seinen Scout handelte, winkte er zurück.
Der Junge stand neben einem Händler, dessen versilberte Laternen in vollem Kerzenlicht erstrahlten. Stefan gefielen diese filigranen Leuchten, die eine fast weihnachtliche Atmosphäre auf dem großen Platz verbreiteten.
»So eine Lampe werde ich mir kaufen, sie würde gut auf das Fensterbrett in meinem Schlafzimmers passen«, murmelte er.
»Du bist ja ein richtiger Romantiker«, sagte Nadine und schaute ihm tief in die Augen.
Ehe er noch widersprechen konnte, näherte sich Achmed dem Eingang des Cafés.
Stefan schwante Übles. Als der Junge ein paar Sekunden später an seinen Tisch kam und sich den beiden Frauen als Freund Stefans vorstellte, wusste er nicht, wie er reagieren sollte.
Daniela bot dem jungen Mann sogleich den vierten Sessel an.
Achmed blickte Stefan fragend an.
Ihm blieb nichts anderes übrig als zu nicken.
Achmed gab sich bescheiden, wollte nur einen thé à la menthe.
Stefan hielt ihm zugute, dass er weder den beiden Frauen noch ihm etwas anzudrehen versuchte, sondern Nadine nur um eine Zigarette anschnorrte.
Die beiden Frauen schienen sich zu freuen, einen Einheimischen kennenzulernen.
Als er sich, kaum hatte er den Tee ausgetrunken, artig verabschiedete, verabredeten die Österreicherinnen mit ihm, dass er sie morgen am ersten Weihnachtstag durch den unheimlichen Souk führen solle.
Stefan hatte die ganze Zeit geschwiegen, Achmed kein einziges Mal angesehen.
Als der große Platz völlig im Dunkeln lag und der weiße Rauch von den Garküchen in den blauschwarzen Himmel aufstieg, begab er sich mit den Frauen hinunter, um die Garküche Nr. 14 zu suchen.
Permanent wurden sie von Schleppern der anderen Garküchen angemacht. Bald war Stefan mit seiner Geduld am Ende.
Er verscheuchte die jungen Männer mit ihren Speisekarten und führte Daniela und Nadine zu dem von den Deutschen empfohlenen Fischstand. Und wer saß da und schlemmte? Die beiden Alt-Hippies.
»Frohe Weihnachten! Setzt euch zu uns«, sagte die dicke Deutsche und rückte ein bisschen näher an ihren Mann heran. »Ich heiße Ute und das ist mein Mann Detlef.«
Nadine setzte sich auf die hölzerne Bank neben die Deutschen, Stefan und Daniela nahmen gegenüber Platz.
Stefan entschied sich für Calamari. Bei diesen frittierten Gummiringerln konnte nicht viel schiefgehen. Salat oder andere Beilagen lehnte er ab. Daniela und Nadine nahmen die gemischte Fischplatte und Salat.
Sowohl die Calamari als auch die Fischstücke schwammen in Fett, schmeckten aber hervorragend. Stefan hatte sich dazu herabgelassen, ein Stückchen Fisch von Danielas Teller zu probieren.
Als Ute eine Flasche Sekt aus ihrem bestickten, sicher heute erst erstandenen Beutel zog und den Mann am Grill um Pappbecher bat, wollte er am liebsten aufstehen und gehen. Doch Daniela umklammerte mit ihren groben Fingern seinen linken Oberschenkel und strahlte ihn begeistert an.
»Wollen wir nicht den Heiligen Abend miteinander begießen«, fragte sie und erhob ihren Pappbecher.
Ihm blieb nichts anderes übrig, als mit seinen Fans und dem deutschen Pärchen anzustoßen.
Als Ute jedoch anfing »Stille Nacht, heilige Nacht« zu singen, würgte er ihren Singsang ab: »Wir befinden uns in einem islamischen Land, willst du diese Leute provozieren? In der Medina ist der Genuss von Alkohol außerdem verboten.«
Sie verstummte, schaute ihn unsicher an.
»Lasst uns heimgehen. Ihr könnt ja in unserem Riad weitertrinken, das hier ist sicher nicht der richtige Ort, um den Heiligen Abend zu feiern.«
Mit der angebrochenen Flasche Sekt und den Pappbechern in den Händen folgten ihm die Österreicherinnen und das deutsche Pärchen durch die dunklen Gassen zurück ins Hotel.
In den Hauseingängen hockten Obdachlose. Einige Stricher machten sich sowohl an die Frauen als auch an die beiden Männer ran.
Detlef schien sich prächtig zu amüsieren, begann mit einem der Burschen zu verhandeln.
Rasch zog Stefan den betrunkenen Deutschen weiter. »Bist du verrückt geworden? Die sind schnell mit dem Messer zur Hand, so schnell kannst du gar nicht schauen …«
Vor ihrem Hotel wartete Achmed auf sie. Offensichtlich hatte er sie verfolgt und sie irgendwann überholt. Mit einem betörenden Lächeln auf seinen vollen Lippen bot er ihnen einen Gute-Nacht-Cocktail an. Hasch oder Koks oder was auch immer sie begehrten.
»Verschwinde«, herrschte Stefan ihn an.
Achmed schaute ihm lange in die Augen, bevor er in der finsteren Gasse verschwand.
Stefan hatte keine Lust mehr, mit Daniela, Nadine und den Deutschen weiterzuzechen. Er zog sich in sein Zimmer zurück. Die lauten Stimmen seiner neuen Bekannten, die im begrünten Innenhof des Riads den Heiligen Abend feierten, ließen ihn nicht einschlafen. Bis in die frühen Morgenstunden wälzte er sich in seinem Bett.
Sein Zimmer war total überheizt. Er drehte die Heizung zurück. Kurz darauf begann er zu frieren, drehte den Thermostat wieder höher und schlief prompt ein.
Er träumte von Achmed, von seinem jungen festen Körper, seiner glatten olivfarbenen Haut, seinen mandelförmigen schwarzen Augen. Als sich Achmeds üppige, wohlgeformte Lippen seinem Schwanz näherten, schrak er auf, machte Licht an und ging ins Bad. Er konnte es nicht fassen, er hatte eine Erektion. Die erste seit vielen Monaten. Entsetzt starrte er auf sein Glied, drehte die Dusche auf und wollte sich einen runterholen. Doch sein Schwanz erschlaffte sogleich unter dem warmen Wasserstrahl.
Fluchend legte er sich wieder hin, konnte aber nicht mehr weiterschlafen.

Am ersten Weihnachtsfeiertag erschien Stefan als Erster beim Frühstück unten im Innenhof. Die morgendliche Frische tat ihm gut. Er wollte im Freien sitzen, nicht drinnen im dunklen Frühstücksraum.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.