Kitabı oku: «Cannabis in der Medizin»
Manfred Fankhauser und Daniela E. Eigenmann
CANNABIS IN DER MEDIZIN
Geschichte – Praxis – Perspektiven

E-Book-Ausgabe
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Verlag:
Nachtschatten Verlag AG
Kronengasse 11
4500 Solothurn
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Impressum
Manfred Fankhauser, Daniela E. Eigenmann
Cannabis in der Medizin
Geschichte – Praxis – Perspektiven
Nachtschatten Verlag AG
Kronengasse 11
CH-4500 Solothurn
www.nachtschatten.ch
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© 2020 Nachtschatten Verlag
© 2020 Manfred Fankhauser, Daniela E. Eigenmann
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Layout und Lektorat: Nina Seiler
Korrektorat: Jutta Berger
Umschlaggestaltung: Cécile Portmann
Druck: Druckerei & Verlag Steinmeier, Deiningen
Printed in Germany
ISBN: 978-3-03788-587-1
eISBN: 978-3-03788-604-5
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INHALT
Vorwort von Franjo Grotenhermen
Einführung
1. MEDIZINGESCHICHTE
Anfänge
Cannabis in der Antike
Byzanz und Orient
Die Legende von den Assassinen
Hanf im mittelalterlichen Europa
Hanf in den Kräuter- und Arzneibüchern des Mittelalters
Hanf – ein Berauschungsmittel?
Cannabis im europäischen Arzneischatz des 18. Jahrhunderts
Cannabis in der Schulmedizin des 19. Jahrhunderts
Indischer Hanf kommt nach Europa
Eine folgenreiche Studie
Ein besonderer Klub
Cannabis indica etabliert sich
Der Aufschwung hält an
1880 bis 1900: Der Höhepunkt
Cannabis als Arzneimittel im 20. Jahrhundert
1900 bis 1960
Eine Ära geht zu Ende
Die Renaissance
Literatur
2. BOTANIK
Einführung in die Botanik von Hanf
Botanische/taxonomische Klassifizierung
Chemische Klassifizierung
«Veraltete» taxonomische Klassifizierung
Hanfhenne und Hanfhahn
Literatur
3. CHEMIE
Kurze historische Einführung in die Chemie von Hanf
Inhaltsstoffe der Hanfpflanze
Cannabinoide (Phytocannabinoide)
Tetrahydrocannabinol (THC)
Cannabidiol (CBD)
Weitere wichtige Cannabinoide
Terpene
Literatur
4. DAS ENDOCANNABINOID-SYSTEM
Cannabinoid-Rezeptoren
Endocannabinoide
Funktionen des Endocannabinoid-Systems
Wirkmechanismus von THC und CBD
Literatur
5. CANNABIS IN DER MEDIZIN HEUTE
Indikationen für Cannabis
Einnahmeformen von Cannabis
Dosierungen
Kontraindikationen
Nebenwirkungen und Toxizität
Interaktionen (Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten)
Vielstoffgemische und Monosubstanzen
THC und CBD: natürliche Isolierung und künstliche Synthese
Literatur
6 CANNABIS-PRÄPARATE
Fertigarzneimittel
Rezepturarzneimittel (Magistralrezepturen)
Illegale Präparate
Cannabis in den Pharmakopöen (Arzneibüchern)
Literatur
7. DIE RECHTLICHE SITUATION
Gesetzeslage in der Schweiz
Gesetzeslage in Deutschland
Gesetzeslage in Österreich
Straßenverkehr und Auslandsreisen
8. DIE PRAXIS
Einblicke in die Praxis in der Schweiz
Generelle Entwicklung
Zahlen und Statistiken aus der Bahnhof Apotheke Langnau
Interpretation der Resultate
Erläuterungen und Beobachtungen zu den Indikationen
Altersstruktur der Cannabis-Patienten
Cannabispräparate bei Kindern und Jugendlichen
Cannabispräparate bei älteren Menschen
Finanzierung
Patientenberichte
Zusammenfassung und Perspektiven
Literatur
9. EXPERTENGESPRÄCHE
Raphael Mechoulam
Rudolf Brenneisen
Claude Vaney
Kirsten Müller-Vahl
Kurt Blaas
Eva Milz
Ethan B. Russo
Jürg Gertsch
Nachwort
Danksagung
Die Autoren
Nützliche Adressen
Bildquellen
VORWORT
Was ist dran am Ruf des häufig als Allheilmittel dargestellten Hanfes, der bei so vielen Erkrankungen helfen soll? Was ist mythische Zuschreibung, was Realität? Wie sieht die wissenschaftliche Datenlage aus? Welche Erfahrungen lassen sich aus der täglichen Arbeit mit Patienten gewinnen? Wie kann unter den rechtlichen Bedingungen in den deutschsprachigen Ländern eine Therapie mit Cannabis-Medikamenten praktisch durchgeführt werden?
Die Antworten der beiden Autoren erfolgen aus der Sicht historisch interessierter, engagierter Apotheker und Praktiker mit einer langjährigen Erfahrung. Die Arbeiten von Manfred Fankhauser schätze ich seit nahezu 25 Jahren, als er mir durch seine außerordentlich gelungene Doktorarbeit über die Geschichte von Haschisch als Medikament aufgefallen war. Mir gefiel schon damals die akribische Genauigkeit, mit der er das Thema durchdrungen hatte. Zu dieser Zeit gab es im deutschen Sprachraum kaum Ärzte und Apotheker, die sich überhaupt für das Thema interessierten, geschweige denn solche, die eine mehr als nur oberflächliche Kenntnis davon hatten. Fankhauser war einer dieser wenigen, die sich bereits zu dieser Zeit eine Expertise auf diesem Gebiet erarbeitet hatten. So war es auch kein Zufall, dass seine Apotheke im Jahr 2008 als erste in der Schweiz eine Bewilligung erhalten hatte, cannabishaltige Rezepturen herzustellen. Ich freue mich, dass er mit Daniela E. Eigenmann eine engagierte Kollegin an seiner Seite hat.
Unter den Fallberichten ragt vor allem einer heraus. Wir wissen, dass THC sehr gut vom Magen-Darm-Trakt aufgenommen wird. Danach gelangt es aber über die Pfortader in die Leber, wo es bereits bei der ersten Passage zu 90 Prozent oder mehr abgebaut wird, so dass nur ein sehr kleiner Teil zur Wirkung gelangt. Die Autoren stellen einen Patienten mit einer fortgeschrittenen Leberzirrhose vor, bei dem operativ eine Umgehung des Leberkreislaufes vorgenommen worden war. Durch diese Umleitung wird der größte Teil des Blutes aus dem Magen nicht durch die Leber geführt, sondern gelangt direkt in den Gesamtkreislauf. Das führte bei diesem Patienten dazu, dass auch mehr THC unmittelbar in den Gesamtkreislauf gelangte. Leider war das bei der Eindosierung nicht berücksichtigt worden, so dass nicht 10 Prozent, sondern 100 Prozent zur Wirkung gelangten. «Dies erklärt, warum bei diesem Patienten die tiefe THC-Dosis wie ein langandauernder Vollrausch wirkte. Glücklicherweise ist THC bekanntlich auch in hohen Dosen nicht lebensbedrohend, und so kam die betroffene Person schließlich ‹mit einem Schrecken› davon», heißt es über diesen Fall einer kuriosen Überdosierung.
Das Buch diskutiert auch kontroverse Themen, wie beispielsweise die Verwendung von THC bei Kindern. Einige im Buch vorgestellte Fallberichte demonstrieren eindrücklich, welch großen medizinischen Nutzen Cannabinoide auch bei Kindern haben können. Dies zeigen auch Erfahrungen deutscher Kinderärzte (GOTTSCHLING 2019). Die Autoren lassen zudem eine Schweizer Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin, Mercedes Ogal, zu Wort kommen. Sie beantwortet die Legitimation des Einsatzes auch bei Kindern wie folgt: «Ich selber würde THC nicht bei unter 4-jährigen Kindern einsetzen. Wenn sich bei einem über 4-jährigen Kind mit frühkindlichem Autismus aber trotz intensiver begleitender Maßnahmen nur ungenügende Fortschritte einstellen, würde ich einen Therapieversuch mit THC durchaus in Betracht ziehen.»
Nicht immer teile ich die Sicht der interviewten Experten, etwa wenn Professor Jürg Gertsch von der Universität Bern im Zusammenhang mit CBD darauf hinweist, dass «die Substanz bei hohen Dosen chronisch die Leber belasten könnte« und er es daher «durchaus sehr bedenklich» findet, CBD als Nahrungsergänzungsmittel «unter die Leute zu bringen». Die leberschädigende Wirkung war in Studien mit Mäusen an der Universität von Arkansas in den USA aufgefallen. Die Tiere hatten allerdings extrem hohe orale CBD-Dosen von 2560 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht erhalten (EWING et al. 2019). Kürzlich hat das australische Gesundheitsministerium auf der Basis einer wissenschaftlichen Analyse festgestellt, dass CBD beim Menschen in niedrigen Dosen von unter 60 Milligramm, also etwa einem Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht, «ein gutes Sicherheits- und Verträglichkeitsprofil aufweist» (THERAPEUTIC GOODS ADMINISTRATION 2020). Von solchen Dosen sprechen wir, wenn es um Nahrungsergänzungsmittel geht.
Auch für Cannabinoide gilt der an anderer Stelle des Buches zitierte Grundsatz des Paracelsus «Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Nur die Dosis macht, dass etwas kein Gift ist».
Mehr noch als bei THC besteht bei CBD gegenwärtig etwas, das ich an anderer Stelle als «das große Missverständnis» bezeichnet habe (GROTENHERMEN 2020). Wenn Cannabispatienten Aussagen von Wissenschaftlern über das therapeutische Potenzial von Cannabis lesen, schütteln sie häufig verständnislos den Kopf. Wenn Wissenschaftler, die sich mit Cannabis befassen, Aussagen von Patienten lesen, schütteln sie ebenfalls häufig verständnislos den Kopf.
Gegenwärtig scheint CBD eine ähnliche Geschichte zu durchleben wie die bei der Wiederentdeckung des medizinischen Nutzens von THC beziehungsweise THC-reichen Cannabisprodukten. Es waren Patienten, die in den siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts einzelne Ärzte und Wissenschaftler auf ihre therapeutischen Erfahrungen hinwiesen und motivierten, erste klinische Studien mit THC durchzuführen. Und heute sind die Patienten bei der Entdeckung des therapeutischen Potenzials von CBD wieder schneller als die Wissenschaftler. Das Missverständnis wird erst verschwinden, wenn die Forschung nachgeholt hat, was viele Patienten heute bereits erleben, und wenn Patienten akzeptieren, dass umfangreiche Forschung unser Verständnis und damit die Berechtigung der Therapie mit Cannabis-Produkten in der modernen Medizin vergrößert.
Unter diesem Aspekt betrachtet, liefert das Buch auch einen wohltuenden Beitrag zur Versöhnung von Patientenerfahrung und wissenschaftlicher Erkenntnis, wie es heute von einem guten Buch zum Thema erwartet werden darf. Ich kann es nur empfehlen und wünsche ihm eine große Verbreitung.
Steinheim, im Mai 2020
Dr. med. Franjo Grotenhermen
Literatur
Ewing LE, Skinner CM, Quick CM, Kennon-McGill S, McGill MR, Walker LA, ElSohly MA, Gurley BJ, Koturbash I. Hepatotoxicity of a Cannabidiol-Rich Cannabis Extract in the Mouse Model. Molecules. 2019;24(9).
Gottschling S. Cannabinoide bei Kindern. In: Müller-Vahl K, Grotenhermen F. (Hrsg.) Cannabis und Cannabinoide in der Medizin. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2019.
Grotenhermen F. Die Heilkraft von CBD und Cannabis: Wie wir mit Hanfprodukten unsere Gesundheit verbessern können. Hamburg: Rowohlt Verlag, im Druck.
Therapeutic Goods Administration. Safety of low dose cannabidiol. Woden, ACT, Australia: Australian Government. Department of Health, 2020.
EINFÜHRUNG
«Und sie tat in den Wein, von dem sie tranken, ein Mittel, Sorgen und Zorn zu stillen und alles Leid zu vergessen. Wer das Mittel genoss mitsamt dem Weine des Mischkrugs, dem rann keine Träne den Tag die Wange herunter, lägen ihm auch tot darnieder Vater und Mutter, selbst, wenn man vor ihm den lieben Sohn oder Bruder mit dem Schwert erschlüge vor seinen Augen» (HOMER 1938: 55).
Ob dieses in der Antike als Nepenthes bezeichnete Wundermittel tatsächlich etwas mit Hanf zu tun hatte, bleibt bis heute ein Geheimnis. Bereits in frühster Zeit wurde über die Zusammensetzung dieses Arzneimittels diskutiert; vielleicht war es bloß eine dichterische Erfindung. Gäbe es ein solches Pharmakon tatsächlich, dann käme dies einem Allheilmittel gleich, einer Panazee. Gerade in Zusammenhang mit Cannabis wird der Begriff Wundermittel oftmals verwendet – doch was davon ist Realität, was Fiktion? Das vorliegende Buch gibt einen Ein- und Überblick zu Hanf in der Medizin. Dabei liegt der Fokus auf der langjährigen praktischen Erfahrung mit diversen Cannabispräparaten unter besonderer Berücksichtigung der Schweiz.
Nach einer kurzen Einführung in die Kulturgeschichte des Hanfs wenden wir uns der Medizin zu. Einblicke in die Medizingeschichte beschreiben den Stellenwert des Arzneimittels Cannabis in der westlichen, abendländischen Tradition, im Wissen, dass in anderen Kulturen der Hanf bereits früher auch als Medikament eingesetzt wurde. Der Aufschwung des Indischen Hanfs in Europa ab Mitte des 19. Jahrhunderts und sein vorübergehendes Verschwinden in der Bedeutungslosigkeit Mitte des 20. Jahrhunderts werden ebenso dargestellt wie die Gründe für die Wiederentdeckung dieser einst hochgeschätzten Medizinalpflanze.
Die Kapitel zu Botanik und Chemie bilden den zurzeit gültigen Kenntnisstand zu diesen Themen ab. Die botanische korrekte Einordnung von Cannabis ist seit Jahrhunderten ein Thema und noch heute nicht abgeschlossen. Auch die Erforschung der chemischen Zusammensetzung der Hanfpflanze ist ein kontinuierlicher Prozess; noch immer werden neue Inhaltsstoffe entdeckt. Dabei spielen die hanfspezifischen Cannabinoide die wichtigste Rolle. Aber auch von anderen Inhaltsstoffen wie den Terpenen verspricht man sich therapeutisches Potenzial. Die beiden wichtigsten Cannabinoide, Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD), werden kurz porträtiert.
Der Schwerpunkt in diesem Buch ist den medizinischen Anwendungen von Cannabis gewidmet. Als Einstieg werden das hochkomplexe Endocannabinoid-System (ECS) und die dazugehörenden Cannabinoid-(CB)-Rezeptoren vorgestellt. Darauf folgt ein Überblick über die Bedeutung von Cannabis in der heutigen Medizin. Die wichtigsten Anwendungsgebiete von Cannabis werden besprochen. Für Patienten und Fachpersonen wichtige Fragen zu Dosierungen, möglichen Nebenwirkungen, Wechselwirkungen, Abhängigkeitspotenzial usw. werden beschrieben.
Der Praxisteil des Buches basiert auf dem langjährigen Erfahrungsschatz der Autoren mit dem Einsatz von Cannabinoiden bei Patienten. Nebst den aktuell verfügbaren Cannabismedikamenten werden insbesondere cannabinoidhaltige Individualrezepturen aus der Schweiz, aus Deutschland und Österreich eingehend besprochen. Statistiken und grafische Darstellungen zur Verschreibungspraxis in der Schweiz geben einen Einblick, wie für mehrere tausend Patienten eine entsprechende Cannabisrezeptur verordnet wurde. Zur Veranschaulichung werden Fälle aus der Praxis von Patienten vorgestellt. Auch Cannabis verschreibende Ärzte kommen zu Wort und nehmen zu einzelnen Fallberichten Stellung.
Anders als die meisten anderen Medikamente hat Cannabis bis heute eine bewegte Rechtsgeschichte. In Kapitel 7 wird auf die aktuelle gültige Rechtslage eingegangen. Sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland und Österreich unterstehen Hanfpräparate (mit wenigen Ausnahmen) dem Betäubungsmittelgesetz. Trotz international gültiger Grundlagen zeigen sich beträchtliche nationale Unterschiede. Schließlich werden die divergenten Ansätze zur Erstattungsfähigkeit von Cannabispräparaten erörtert.
Im Schlusskapitel kommen international bekannte und ausgewiesene Cannabisexperten sowie erfahrene Pioniere des Medizinalcannabis zu Wort und schildern die Fragen und Herausforderungen in der Cannabisforschung und der praktischen Arbeit mit Cannabinoiden.
Das Interesse für Cannabis und dessen Etablierung in der Medizin ist nichts anderes als die schon längst überfällige Wiederentdeckung eines altbekannten Arzneimittels, das sich erneut bewährt.
«Von vorherein war das Interesse, welches die ärztliche Welt dem Mittel [gemeint ist ein Cannabismedikament] entgegentrug, ein bedeutendes und die über dasselbe vorliegende Literatur ist ziemlich umfangreich.»
(E. MERCK, 1883)

Abb. 1: Die erste bekannte Abbildung von Cannabis.
Aus dem Codex vindobonensis (512 n.Chr.) des Dioskurides.
1. MEDIZINGESCHICHTE
Anfänge
Die Geschichte von Hanf ist noch nicht geschrieben. Ein Konglomerat aus Beweisen, Vermutungen und Interpretationen liefert ein Bild, das zurzeit für richtig gehalten wird, ein fragmentarisches Mosaik, bei dem Teile fehlen oder neue dazukommen. Der Nebel lichtet sich, doch verschwinden wird er nicht.
Es wird vermutet, dass Hanf eine der ältesten Kulturpflanzen überhaupt ist (RUSSO 2007: 1614-1648). Als relativ sicher gilt, dass die Heimat des Hanfes in Zentralasien zu suchen ist (SCHULTES, HOFMANN 1987: 93, 95). Die ältesten archäologischen Funde (Hanffasern, Schnüre) stammen aus China und zeugen davon, dass Hanffasern wohl bereits vor mehr als 8500 Jahren verwendet wurden: der Anbau von Hanf in China ist seit dem Neolithikum nahtlos belegt (RUSSO 2007: 1614-1648). In Europa wurden im deutschen Thüringen Hanfsamen gefunden, deren Alter man auf 7500 Jahre schätzt (RÄTSCH 1992: 27).
Cannabis in der Antike
Die Bedeutung von Cannabis bei den Griechen und den Römern ist unsicher. Der Gebrauch der Hanffaser wurde mehrfach belegt (HEHN 1887: 158: STEFANIS, BALLAS, MADIANOU 1975: 305). Gesicherte Hinweise, dass die Pflanze als Rauschmittel Verwendung fand, fehlen vollständig. Erste zögerliche Hinweise auf Hanf als Heilmittel stammen noch aus der Zeit vor Christi Geburt, fehlen aber beispielsweise im Corpus hippocraticum, also in der Schriftensammlung, die dem größten aller Ärzte, Hippokrates (460–370 v. Chr.), und seinen Schülern zugeschrieben wird (STEFANIS, BALLAS, MADIANOU 1975: 305).
In der vom griechischen Arzt Dioskurides (um 50 n. Chr.) verfassten Arzneimittellehre De materia medica libri quinque wird Hanf zum ersten Mal in einer abendländischen medizinischen Schrift erwähnt. Er schreibt:
«Gebauter Hanf. Der Hanf – einige nennen ihn Kannabion, andere Schoinostrophon, Asterion – ist eine Pflanze, welche im Leben sehr viel Verwendung findet zum Flechten der kräftigsten Stricke. Er hat denen der Esche ähnliche übelriechende Blätter, lange einfache Stengel und eine runde Frucht, welche, reichlich genossen, die Zeugung vernichtet. Grün zu Saft verarbeitet und eingeträufelt, ist sie ein gutes Mittel gegen Ohrenleiden» (DIOSKURIDES 1902: 359, DIOSKURIDES 1539: 210).
Neben Hippokrates gilt wohl Galen als der bedeutendste Arzt der Antike. Im 2. Jahrhundert nach Christus beschreibt er verschiedene medizinische Anwendungen von Cannabissamen. Interessant ist, dass Galen bereits die psychotrope Wirkung von Cannabis erwähnt. Er schreibt, dass Gästen zum Nachtisch kleine (Haschisch-)Kuchen angeboten wurden, welche die Lust am Trinken erhöhten, aber im Übermaß genossen auch betäubend wirken würden (LEWIN 1980: 150). Einige andere antike Autoren beschreiben verschiedene medizinische Wirkungen von Cannabis, allerdings werden oft die bekannten Indikationen übernommen. Obschon vereinzelt Hinweise auf die psychotrope Wirkung von Hanf zu finden sind, ist dessen Bedeutung als Rauschmittel marginal, im Gegensatz zu Opium.
Zusammengefasst: In der Antike wird Hanf als Faserlieferant sehr geschätzt. Die Samen werden, wenn auch eher selten, als Heilmittel verwendet. Das Cannabiskraut hingegen wird in der Medizin kaum verwendet, als Halluzinogen finden sich spärliche Hinweise.
Byzanz und Orient
Mit der Aufteilung des Römischen Weltreichs in West- und Ostrom im 4. Jahrhundert nach Christus und der Schließung der von Platon gegründeten Philosophenschule in Athen wurde das Ende der Antike definitiv eingeläutet.
Im oströmischen Reich konnte sich Byzanz (das spätere Konstantinopel und heutige Istanbul) als Zentrum behaupten: im Jahr 1453 wurde Konstantinopel von den Türken erobert und in Istanbul umbenannt. Damit ging die mehr als tausend Jahre währende Epoche des Byzantinischen Reichs zu Ende.
Der wohl bedeutendste byzantinische Arzt war Oribasius. Auch er erwähnt Hanf und empfiehlt die Samen gegen Blähungen, weist jedoch auch auf eine kopfschädigende Wirkung (Kopfschmerzen?) hin (ABEL 1980: 34). Grundsätzlich brachten Vertreter der byzantinischen Medizin wenig Neues: in Bezug auf Cannabis wurde vor allem auf das Wissen von Dioskurides und Galen zurückgegriffen.
In der arabischen Welt war die Bedeutung von Cannabis dagegen sehr groß. Anders als in der abendländischen Kultur wurde im Orient das Haschisch dem Opium vorgezogen («Haschisch» – ursprünglich war damit «dürres Kraut» gemeint – löste um 1000 n.Chr. Qanab, die arabische Bezeichnung für Cannabis, ab [STRINGARIS 1972: 1]; heute ist mit Haschisch das Drüsenharz der weiblichen Hanfpflanze gemeint). Auch als Rauschpflanze konnte sich Cannabis in der persisch-islamischen Kultur etablieren. In zahlreichen «Tausendundeine Nacht»-Märchen des 12. Jahrhunderts kommt Haschisch vor: beispielsweise wird in der kurzen Erzählung aus der 143. Nacht ein Haschischrausch beschrieben (REININGER 1955: 2370). Überhaupt ist in der morgenländischen Literatur Hanf allgegenwärtig. Stellvertretend sei auf eine Stelle aus einem orientalischen Volksroman verwiesen, zitiert nach Gelpke (GELPKE 1975: 62-64):
«Vom Haschisch wird der Peniskopf gleich dem Amboss: wie er auch sei – er wird zweimal so groß. Jeder Feueranbeter und Jude und Armenier wird sogleich aus Wohlbehagen ein Moslem, nachdem er Haschisch genoss.
Das Haschisch ist es, das dem Verstand Erleuchtung bringt: (doch) zum Esel wird, wer ihn wie Futter verschlingt. Das Elixier ist Genügsamkeit: Iß von ihm nur ein Korn, damit es goldgleich ganz das Sein deines Daseins durchdringt.
Durch das Essen vom Haschisch wird der Verstand nicht vermehrt, und nicht anders wird vom Nichtessen die Welt (und ihr Wert). Gegen Traurigkeit (hilft es), davon ein wenig zu essen: doch esse keiner sich voll, damit ihn nicht Frechheit versehrt.
Ein jeder, der dem Haschisch als Sklave verfällt, ist bald lebendig, bald ein Toter, vom Schlafe gefällt. (Während) das Essen von wenigem die Traurigkeit abwehrt, ist, wer zu viel isst, in Blödheit zerschellt.»
Auch in der arabischen Medizin konnte sich Hanf behaupten. Anders als bei den Griechen und Römern wurde nun die ganze Pflanze als Arznei eingesetzt. Bereits damals scheint der Hanf aus dem Morgenland wirksamer und potenter gewesen zu sein als der in Europa bekannte. Aus heutiger Sicht ist klar, dass er mehr wirksamkeitsbestimmendes Tetrahydrocannabinol (THC, vgl. Kapitel 2 und 3) enthielt als der in der westlichen Medizin eingesetzte. Auch der berühmteste aller arabischen Ärzte, Ibn Sina, genannt Avicenna, erwähnt in seinem im Jahr 1025 erstmals erschienenen Standardwerk Canon medicinae den Hanf (TSCHIRCH 1910: 602).
Anders als in der westlichen Welt existierten schon damals zeitgenössische Berichte arabischer Ärzte, die den Missbrauch von Cannabis beklagen (MOELLER 1951: 360). In Kairo beispielsweise wurde im Garten von Cafour ein Haschischpräparat namens Okda verkauft. Die Bewohner von Kairo seien durch diesen «Schauplatz aller nur erdenklichen Ausschweifungen und Scheußlichkeiten» angezogen worden (HENKEL 1864: 538), im Jahr 1253 ließ der Gouverneur von Kairo diesen Garten zerstören und alle Hanfpflanzen ausreißen (Abel 1980: 42). Trotzdem verbreitete sich der Gebrauch des Krauts offenbar weiter, bis schließlich der Sultan von Ägypten zu Beginn des 14. Jahrhunderts den Verkauf von Haschisch ganz verbieten ließ (FLÜCKIGER, HANBURY 1879: 547).
Die Legende von den Assassinen
Heftig umstritten ist die Bedeutung von Haschisch in Zusammenhang mit den Assassinen. Der Orden der Assassinen wurde in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts vom persischen Ismailiten Has(s)an (ibn) Sab(b)ah gegründet. Der Legende zufolge ließ Hasan die Mitglieder des Ordens einen Trank trinken, der sie berauschte und zu den schrecklichsten Taten trieb. Dieses Getränk – der Abt Arnold von Lübeck war der erste Europäer, der im 13. Jahrhundert darüber schrieb –, über dessen Zusammensetzung immer wieder spekuliert wurde, nannte man Haschischin. Die Bezeichnung «Assassinen» für die fanatischen Ordensanhänger wurde (wenn auch etymologisch umstritten) daraus abgeleitet (BEHR 1992: 97). Der französische Orientalist Silvestre de Sacy kam im Jahr 1818 in einem Aufsatz zum Schluss, dass das französische assassin (= Meuchelmörder) auf das arabisch-persische haschischia (= Haschisch-Leute) zurückgehe (GELPKE 1975: 100-101). Interessant ist, dass diese größtenteils widerlegte Legende bis heute als vermeintlicher Beweis herhalten muss, um die Gefährlichkeit von Cannabis zu illustrieren.
Bereits im frühen Mittelalter nahm man an, dass es sich beim Ordensgründer Hasan um den «Alten vom Berge» handle: dies gilt heute als widerlegt, ist damit doch das Oberhaupt der syrischen Assassinen, Raschid ad-Din Sinan*, gemeint.
Hanf im mittelalterlichen Europa
Hanf zu Beginn des Mittelalters
Wie bis anhin verwendete man im Europa des frühen Mittelalters fast ausschließlich entweder den Hanfsamen oder die Faser. Als Halluzinogen war Cannabis unbekannt: der einheimische Hanf hätte auch kaum Wirkung gezeigt. Im Gegensatz dazu hatten andere psychotrop wirkende Pflanzen wie Stechapfel, Alraune, Bilsenkraut oder Tollkirsche ihre Blütezeit in dieser Periode. Sie dienten fast ausschließlich der Magie und finsteren Machenschaften (SCHULTES, HOFMANN 1987: 26).
Es gibt allerdings vereinzelt Hinweise, dass Hanf oder Hanfsamen zusammen mit anderen schlaffördernden und/oder schmerzbetäubenden Pflanzen in Form von Räucherungen oder als Tolltränke verabreicht wurden (TSCHIRCH 1910: 454-455). Diese These könnte dadurch gestützt werden, dass die Inquisition im 12. Jahrhundert in Spanien und im 13. Jahrhundert in Frankreich verschiedene Naturheilmittel verbot, darunter auch Cannabis (HERER 1993: 126). Später, im 15. Jahrhundert, erreichte die Ächtung von Cannabis einen vorläufigen Höhepunkt, als Papst Innozenz VII. im Jahr 1484 die sogenannte Hexenbulle (Summis desiderantes affectibus) erließ. Darin verbot er Kräuterheilern die Verwendung von Cannabis, da Hanf ein unheiliges Sakrament der Satansmesse sei (FISCHER 1929: 126-128).
Bereits 300 Jahre früher geht die deutsche Äbtissin Hildegard von Bingen in ihrer um 1150 erschienenen Heilmittel- und Naturlehre Physica auf Cannabis ein:
«[De Hanff-Cannabus] Der Hanf ist warm. Er wächst, während die Luft weder sehr warm noch sehr kalt ist, und so ist auch seine Natur. Sein Same bringt Gesundheit und ist den gesunden Menschen eine heilsame Kost, im Magen leicht und nützlich, weil er den Schleim ein wenig aus dem Magen entfernt und leicht verdaut werden kann, die schlechten Säfte mindert und die guten stärkt. Wer Kopfweh und ein leeres Gehirn hat, dem erleichtert der Hanf, wenn er ihn isst, den Kopfschmerz. Den, der aber gesund ist und ein volles Gehirn im Kopfe hat, schädigt er nicht. Dem schwer Kranken verursacht er im Magen einigen Schmerz. Den, der nur mäßig krank ist, schädigt sein Genuss nicht. – Wer ein leeres Gehirn hat, dem verursacht der Genuss des Hanfes im Kopf einen Schmerz. Einen gesunden Kopf und ein volles Gehirn schädigt er nicht. Ein aus Hanf verfertigtes Tuch, auf Geschwüre und Wunden gelegt, tut gut, weil die Wärme in ihm temperiert ist» (REIER 1982: 204).
Hanf in den Kräuter- und Arzneibüchern des Mittelalters
Interessanterweise erschien 1484, im gleichen Jahr wie die Hexenbulle, das Kräuterbuch Herbarius Moguntinis (Mainzer Kräuterbuch), worin «hanff, haniff» aufgeführt ist. Der Verfasser des Werkes ist nicht bekannt: die in Mainz hergestellte Inkunabel gilt zusammen mit dem Herbarium des Pseudo-Apuleius als erstes gedrucktes bebildertes Kräuterbuch der Welt (FISCHER 1929: 74-79). Auch in den folgenden Werken, so in dem im Jahr 1485 gedruckten Kleinen (H)ortus sanitatis wie im Großen Hortus sanitatis (im Jahr 1491 gedruckt) fehlt Hanf nicht. Altbekannte Anwendungen wie die Behandlung von Wasser- und Gelbsucht werden übernommen (HORTUS SANITATIS 1485: FISCHER 1929: 79-94: HEILMANN 1966: 99).
Ähnliches findet sich in Werken des später berühmt gewordenen Paracelsus. Der Hanf(samen) ist Bestandteil in seinem «Arcanum compositum», das er als wichtiges Arzneimittel mit besonderer Heilkraft ansah (MARTIUS 1856: 138: SCHNEIDER 1985: 27).
Nur ganz sporadisch tauchen Berichte auf, dass Hanf auch berauschende Effekte habe. Allerdings bezogen sich solche Aussagen immer auf den Gebrauch von Cannabis oder Haschisch außerhalb Europas. So beschrieben in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts der deutsche Arzt Johannes Wier (Weyer) oder auch der berbischstämmige Geograf Leo Africanus die psychotropen Effekte von Hanf (ABEL 1980: 108, MARTIUS 1856: 138).
Abb. 2: Darstellung von Cannabis im Kräuterbuch von Leonard Fuchs
Abb. 3: Darstellung von Cannabis im Kräuterbuch des Tabernaemontanus
Ab 1500 entstanden als Folge der sich etablierenden Buchdruckerkunst epochenprägende Kräuterbücher. Man ging dazu über, die Pflanzen so naturgetreu wie möglich abzubilden. Bei den als Väter der Botanik bezeichneten Kräuterbuchautoren Otto Brunfels, Hieronymus Bock und Leonard Fuchs wird die Pflanze beschrieben und in kunstvollen Holzschnitten porträtiert.
Aber auch nachfolgende Kräuterbuchautoren wie Adam Lonicer, Jacobus Theodorus Tabernaemontanus oder Andreas Matthioli erläutern die medizinischen Anwendungen von Hanf. Letzterer schreibt:
«Den Weiber / so von wegen der auffstoßenden Mutter hinfallen / sol man angezündeten hanff für die Nasen halten / so stehen sie bald wiederumb auff»
(TSCHIRCH 1910: 849).
Bemerkenswert ist, dass in diesem Kräuterbuch der therapeutische Gebrauch von Hanfrauch zur Inhalation erwähnt wird, denn man verwendete in dieser Zeit fast ausschließlich die Samen oder das daraus gewonnene Öl, deren Nutzen man schon lange kannte. Im gleichen Kräuterbuch wird ein äußerlich angewandter Umschlag aus Hanfwurzel zur Behandlung von Gichtschmerzen erwähnt: auch dies war bis dahin unüblich.
Auch andere Gelehrte widmen sich der Hanfpflanze. So beschreibt der berühmte Zürcher Arzt Conrad Gessner in einem seiner Werke folgendes Hanfrezept gegen Haarausfall:
«Das Wasser von Hanffsaamen mit Knoblauchsafft gebrannt / eben auff die weise wie das Rosenwasser distilliert wird / ist ein zierd Wasser. Dann so man die glatten kaalen orth darmit bestreicht / so macht es daselbst haar wachsen» (GESSNER 1583).
Hanf – ein Berauschungsmittel?
Im Zuge der Eroberungen oder durch Reisende wurde auch in Europa bekannt, dass Hanf außerhalb Europas als Berauschungsmittel verwendet wurde. So beschreibt der portugiesische Arzt Garcia ab Horto bereits im 16. Jahrhundert den Gebrauch von Bangue (Cannabis) in Indien (GARCIA AB HORTO 1574: 219). Auch der deutsche Arzt Engelbert Kämpfer beschreibt Anfang des 18. Jahrhunderts den rekreativen Gebrauch von Cannabis im Orient (KÄMPFER 1712: 645). Andere Asien- und Orientforscher in dieser Zeit erwähnen den Gebrauch von Cannabis in fremden Kulturen ebenso. Wann genau Haschisch zum ersten Mal nach Europa kam, ist nicht ganz sicher. Eventuell könnte dies im Jahr 1690 geschehen sein, und zwar durch den englischen (Drogen-)Kaufmann John Jacob Berlu, der in seiner Übersicht über die die handelsüblichen Drogen (The Treasury of Drugs Unlock’d) auch das «betörende und schädliche» B(h)ang aufführt (BOUQUET 1912: 13): «Bang. Is an Herb which comes from Bantam in the East Indies, of an Infatuating quality and pernicious use».
Dass Hanf bereits in dieser Zeit auch in Europa als Berauschungsmittel verwendet wurde, ist nur ganz spärlich belegt. Es kommt dazu, dass der einheimische Hanf kaum den berauschenden Inhaltsstoff enthielt und der importierte «indische» Hanf als Medizin erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa richtig populär wurde. Interessant ist, dass das Hanfkraut bereits im 16. Jahrhundert in der europäischen Literatur Einzug hielt. So beschrieb der französische Arzt und Schriftsteller François Rabelais in seinem Werk Gargantua und Pantagruel eingehend ein Kraut namens Pantagruelion, welches insbesondere von älteren Autoren als Hanf identifiziert wurde (REGIS 1841: 1158–1163).
Cannabis im europäischen Arzneischatz des 18. Jahrhunderts
Das bis Mitte des 18. Jahrhunderts wohl populärste Arzneibuch im europäischen Raum war die Pharmacopoeia medico-chymica des Johann Schröder (TSCHIRCH 1910: 890). In der deutschen Ausgabe von 1709 mit dem Titel Vollständige und nutzreiche Apotheke oder medizin-chymischer Artzney-Schatz sind zahlreiche Cannabisrezepturen erwähnt. Einige Beispiele (SCHRÖDER 1709: 902):
«Die Bauern in Niederland geben Hanff Körner zerstoßen und ein Safft deraus gepresst den Patienten zu Anfang der Gelbsucht ein/und offt nicht ohne Nutzen sonderlich wenn sie aus bloßer Verstopfung und ohne Fieber entstehet. Er öffnet den Gang der Gallen und befördert durch den ganzen Leib bilis digestionem.»
«Wer flüssige Augen hat, der siede Hanff Körner in rothen Wein bis sie keimen hernach nehme man einen Schwam tunke den in die Brühe und binde den Schwamm alle Abend in den Nacken / zeucht die Flüsse hinweg.»
«Hanff-Emulsion aus dem Kern davon die Rinde abgemacht mit Rosen- Wasser bereitet und mit Baumwolle übergelegt vertreibet die MaserFlecken und Pocken-Narben / machet man aber mit Bier und Butter/Brühlein davon und trinket sie das morgens nüchtern so praeserviren sie den Kindern von Kinds-Blattern.»
In vielen zeitgenössischen Arzneibüchern wurde Hanf als Bestandteil von Rezepturen erwähnt. Meist waren es immer wieder die gleichen Beschwerden, die man mit Hanf(samen) behandelte. Eine typische Krankheit, die man unter anderem mit Hanfsamen bekämpfte, war die Geschlechtskrankheit Gonorrhoe (Tripper).
Auch der Schweizer Universalgelehrte Albrecht von Haller kannte den medizinischen Gebrauch von Hanf. Nebst den wohlbekannten Indikationen geht er in seinem 1776 erschienenen Werk Historia stirpium indigenarum Helvetiae auch auf die kulturhistorischen Hintergründe dieser Pflanze ein (HALLER 1768: 287-289).
Obgleich die nützlichen und therapeutischen Eigenschaften des einheimischen Hanfes geschätzt wurden, stand man dem bis dahin in der westlichen Medizin unbekannten indischen Hanf kritisch gegenüber. Den berauschenden Eigenschaften der fremdländischen Hanfpflanze und ihrer vermuteten Schädlichkeit wurde mit Vorsicht begegnet. Der Tübinger Medizinprofessor Johann Friedrich Gmelin hielt in seiner 1777 erschienen Allgemeinen Geschichte der Pflanzengifte fest:
«Auch der Saame, die Rinde, die Blätter, noch mehr der Saft, und die Spitzen der grünenden Pflanze haben etwas Betäubendes: sie sind das Brug, oder Bangue der Morgenländer, dass sie gemeiniglich mit etwas Honig anmachen, und es gebrauchen, wenn sie sich in eine angenehme Art von Trunkenheit und Benebelung des Verstandes versetzen wollen. Ob ich gleich nicht zweifle, dass ein langer Gebrauch solcher Mittel tödlich sein kann, so ist mir doch bisher kein Beispiel davon bekannt» (GMELIN 1777: 402).
Zusammengefasst: Auch im 18. Jahrhundert verwendete man von der Arzneipflanze Cannabis sativa fast ausschließlich, wie in der Volksmedizin üblich, die Samen in Form des Öls oder einer Emulsion. Die Heilpflanze Cannabis indica war bis zu diesem Zeitpunkt als Arzneimittel praktisch unbekannt. Es sollte bis Mitte des 19. Jahrhunderts dauern, bis sich der Indische Hanf in der europäischen Schulmedizin etablieren konnte.
Was ist Indischer Hanf?
Der wissenschaftliche Name Cannabis indica, Indischer Hanf, stammt von dem französischen Botaniker Jean Baptiste Lamarck (1744–1829), der ihn damit von dem in Europa angebauten Hanf Cannabis sativa unterschied. Er erwähnte «Chanvre des Indes – Cannabis indica» wahrscheinlich erstmals im Jahr 1783. Heute ist umstritten, ob es sich um eigene Arten (Spezies) oder um zwei Unterarten (Subspezies) derselben Art handelt (siehe Kapitel 2). Unabhängig von der Stammpflanze wird «Indischer Hanf» im Deutschen häufig als Synonym für Rausch- oder Drogenhanf verwendet, beispielsweise in der Homöopathie.
Cannabis in der Schulmedizin des 19. Jahrhunderts
Um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert begann man sich für die fremdländische Variante des einheimischen Hanfes zu interessieren – so auch der Begründer der klassischen Homöopathie, Samuel Hahnemann, der 1797 schrieb:
«Obgleich bisher bloß die Samen im Gebrauche gewesen sind, so scheinen doch andre Theile der Pflanze wirksamer zu sein und höhere Aufmerksamkeit zu verdienen» (HAHNEMANN 1797: 266).
Indischer Hanf kommt nach Europa
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es der Franzose Pierre Sonnerat, der nach einer Orientreise nicht nur vom Indischen Hanf berichtete, sondern auch Exemplare davon nach Frankreich brachte. Auch Napoleon Bonapartes Ägyptenfeldzug machte erneut auf Haschisch aufmerksam. Man begann sich – vorerst noch etwas zögerlich – für diese «neue» Pflanze zu interessieren. Im Jahre 1823 erschien im renommierten Hufeland-Journal ein Artikel über den Gebrauch des indischen Hanfextraktes:
«Das Extraktum (Foliorum?) Cannabis wurde in der Poliklinik in Berlin gegen Tussis convulsiva [Keuchhusten] in einem Falle mit schneller Hülfe gebraucht und dasselbe in Pulver mit Zucker zu 4 Gran täglich verordnet» (DIERBACH 1828: 420).
Die erste ausführliche Beschreibung zur Verwendbarkeit des Indischen Hanfs in Europa lieferte im Jahr 1930 der Apotheker und Botaniker Theodor Friedrich Ludwig Nees von Esenbeck, er schreibt:
«Mehrere Ärzte, auch Hahnemann, geben das weinige Extrakt gegen mancherlei Nervenbeschwerden, wo man sonst Opium oder Bilsenkraut anwendet» (NEES V. ESENBECK, EBERMAIER 1830: 338-339).
Trotzdem war die Bedeutung des Indischen Hanfs in der Arzneimitteltherapie noch marginal:
«Wichtiger ist der Gebrauch des Hanfsamens in Emulsionen oder Aufgüssen und Abkochungen, als eines beruhigenden, einhüllenden und reizmindernden Mittels bei Heiserkeit, Husten, Durchfall und besonders bei Krankheiten der Harnwerkzeuge, namentlich des Trippers» (NEES V. ESENBECK, EBERMAIER 1830: 338-33).
Dies sollte sich nun grundsätzlich ändern, denn aus Indien folgten neue Erkenntnisse.
Eine folgenreiche Studie
Im Jahr 1839 veröffentlichte der im indischen Kalkutta stationierte irische Arzt William B. O’Shaughnessy eine umfassende Studie über den Indischen Hanf. Seiner Arbeit mit dem Titel On the Preparations of the Indian Hemp, or Gunjah ist es hauptsächlich zu verdanken, dass sich der Indische Hanf in der Folge auch in der europäischen Schulmedizin etablieren konnte. O’Shaughnessy erläutert zuerst einige Tierversuche, bei denen er mit traditionellen indischen Hanfzubereitungen arbeitet.
Im Hauptteil seiner Arbeit geht der Autor auf seine vielfältigen Versuche am Menschen ein. Er verwendet verschiedene Hanfpräparate (zum Beispiel Tinktur und Pillen) mit teilweise großem Erfolg bei den folgenden Indikationen: Rheumatismus, Hydrophobia (Tollwut), Cholera, Tetanus (Starrkrampf), Konvulsionen (Krämpfe), Delirium tremens (Alkoholentzugssyndrom). Zu jeder Indikation liefert O’Shaughnessy mehrere Fallbeispiele und hält Beobachtungen fest. Bei den meisten genannten Indikationen waren Krämpfe ein zentrales Problem. Mit den Cannabispräparaten fand er gute Mittel, um seinen Patienten Linderung zu verschaffen oder sie sogar ganz von diesen Symptomen zu befreien. Er schrieb:
«Die vorliegenden Fälle geben zusammengefasst meine Erfahrungen mit Cannabis indica wieder und ich glaube, dass dieses Heilmittel ein Antikonvulsivum [=Entkrampfungsmittel] von größtem Wert ist» (O'SHAUGHNESSY 1838–40: 29).
Die westliche Schulmedizin reagierte prompt auf diese neuen Erkenntnisse aus Indien. Dies ist nicht erstaunlich, denn bis dahin hatte sie den noch nicht als Infektionskrankheiten erkannten Problemen wie Tollwut, Cholera oder Starrkrampf relativ hilflos gegenübergestanden. Aus den Ergebnissen von O’Shaughnessy schöpfte man große Hoffnungen. Der Startschuss zu einer vielversprechenden Karriere der Medizinalpflanze Cannabis indica war gefallen.

Abb. 4: Reprint der ersten Seite der Studie von W. B. O’Shaughnessy (Ausschnitt), 1839.
Die Franzosen waren die Ersten, die sich intensiv mit dieser indischen Variante des einheimischen Hanfes beschäftigten. Bereits im Jahr 1840 benutzte der in Ägypten ansässige französische Arzt Louis Aubert-Roche das Haschisch anscheinend erfolgreich gegen Pest: er gab an, in sieben von elf schweren Fällen die Betroffenen mit Cannabis geheilt zu haben. Gleichzeitig begann sein Landsmann und Freund, der später berühmt gewordene Psychiater Jacques Joseph Moreau de Tours, mit Haschisch zu experimentieren.
Moreau de Tours war schon bald davon überzeugt, dass in der Psychiatrie von allen bekannten Medikamenten der Indische Hanf das Mittel der Wahl sei. Sein 1845 veröffentlichtes Buch Du Hachisch et de l’aliénation mentale erregte damals großes Aufsehen und gilt heute als Ursprung der experimentellen Psychiatrie (WEBER 1971: 8).
Ein besonderer Klub
Nicht nur in medizinischen Gremien fanden die Ausführungen von Moreau de Tours Beachtung, sondern auch in Literaten- und Künstlerkreisen. So kam es, dass der Schriftsteller Théophile Gautier Haschischproben von Moreau de Tours erhielt und im Jahre 1843 unter dem Titel «Le Club des Hachichins» in der Pariser Zeitung La Presse einen Haschischrausch ausführlich beschrieb. Von nun an kam der von Gautier mitbegründete «Klub der Haschischesser» regelmäßig im Hôtel Pimodan (heute: Hôtel de Lazuzun) in Paris zusammen, und die Erfahrungen mit Hanf wurden zum Teil veröffentlicht (GRINSPOON 1994: 70-85).
Prominente Mitglieder des Klubs waren nebst Gautier die Schriftsteller Charles Baudelaire und Gérard de Nerval, die Maler Joseph Ferdinand Boissard de Boisdenier und Eugène Delacroix sowie der Karikaturist Honore Daumier. Auch der Schriftsteller Alexandre Dumas war Mitglied des Klubs und ließ seine Erfahrungen mit Cannabis in seinen bekannten Roman Der Graf von Monte Christo einfließen. Andere bekannte Zeitgenossen wie die Schriftsteller Honore de Balzac und Gustave Flaubert waren gelegentlich bei den Treffen anwesend, lehnten aber Selbstversuche mit Haschisch ab. Selbst der große Literat Victor Hugo soll Gast dieses exklusiven Klubs gewesen sein. Der Klub wurde 1849 wieder aufgelöst.
Cannabis indica etabliert sich
Die erfolgversprechenden Resultate der Pioniere O’Shaughnessy, Aubert-Roche und Moreau de Tours veranlassten viele Ärzte dazu, das neue Heilmittel in der Therapie einzusetzen. Vorerst waren es vor allem Ärzte der Kolonialmächte England und Frankreich, die sich für den therapeutischen Einsatz von Indisch-Hanf-Präparaten zu interessieren begannen. Die dazu nötigen Rohstoffe oder Präparate wurden in beachtlichen Mengen aus den Kolonien (vor allem aus Indien, zum Teil auch aus Ägypten und Algerien) nach Europa importiert (ROBERTSON 1847: 70-72).
Anfänglich übernahmen die Ärzte die von O’Shaughnessy bekannten Anwendungsgebiete, später wurde das Therapiefeld für Cannabispräparate wesentlich erweitert. Eine der Hauptindikationen blieb aber weiterhin der Starrkrampf. Damit befasste sich auch der bulgarische Arzt Basilius Béron, der sich in seiner 1852 erschienenen Dissertation Über den Starrkrampf und den indischen Hanf als wirksames Heilmittel gegen denselben intensiv diesem Thema widmete. Die Schlussfolgerung seiner Arbeit lautete:
«Ich war so glücklich, dass, nachdem wir fast alle bis jetzt bekannten antitetanischen Mitteln fruchtlos angewandt, nach der Anwendung des indischen Hanfes der mir zugetheilte Kranke vom Starrkrampf ganz geheilt wurde […] weswegen der indische Hanf dringend gegen den Starrkrampf zu empfehlen ist» (BERON 1852: 5, 48).
Zwei Jahre nach Béron veröffentlichte Franz von Kobylanski in Würzburg seine Doktorarbeit über Cannabis als Mittel gegen Wehenbeschwerden. Anders als der Engländer Alexander Christison, der sich ebenfalls mit dieser Thematik befasste, kam Kobylanski zum Schluss, dass der Indische Hanf kein sicheres Mittel zur Wehenverstärkung sei und das damals häufig eingesetzte Secale cornutum (Mutterkorn) nicht ersetzen könne (v. KOBYLANSKI 1852: 30). Im Jahr 1856 publizierte der deutsche Arzt Georg Martius seine umfassende Doktorarbeit (Pharmakognostisch-chemische Studien über den Hanf), welche große Beachtung fand. Er schreibt einleitend:
«Nachfolgende kleine Abhandlung ging zunächst aus dem Wunsche hervor, meinem Vater [einem bedeutenden Professor für Pharmakognosie und Pharmazie an der Universität Erlangen] eine Arbeit vorzulegen, deren Gegenstand den Bereich seiner Fachwissenschaft einschließt. Ich dachte hiebei an den Hanf, dessen Naturgeschichte noch manches Dunkle und Irrthümliche darbot, und der in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit der ärztlichen Welt in immer steigenderem Grade auf sich zog. In der Ausführung meines Vorhabens wurde ich bestärkt durch reichliches Material, welches sich mir ganz unverhofft darbot: eine wertvolle Sendung frischen Haschisch’s von Herrn Hofapotheker Steele in Bukarest» (MARTIUS 1855).
Abb. 5: Titelblatt der Dissertation von Basilius Béron, 1852.
Abb. 6: Titelblatt der Dissertation von Georg Martius, 1856.
In der allgemeinen Euphorie gab es auch kritische Stimmen, so vom Wiener Medizinprofessor Carl Damian Ritter von Schroff, der die Cannabispräparate nicht für unbedenklich hielt. In seinem Lehrbuch der Pharmakologie (1856) stellt er fest:
«…dass der indische Hanf und alle aus ihm bereiteten Präparate in Bezug auf den Grad und die Art der Wirkung nach Verschiedenheit der Individualität sowohl im gesunden als im krankhaften Zustande die größte Mannigfaltigkeit darbieten, dass sie daher zu den unsicheren Mitteln gehören und den Arzt jedenfalls mit großer Vorsicht sich derselben bedienen soll» (V. SCHROFF 1858: 112).
Seine Vorbehalte gegenüber Cannabis kamen daher, dass ein konkreter Vergiftungsfall mit dem Indisch-Hanf-Präparat «Birmingi» aufgetreten war. Von Schroff wies darauf hin, dass Cannabispräparate auf einen bestimmten Wirkstoffgehalt eingestellt und damit standardisiert werden müssten, um so derartige Überdosierungen vermeiden zu können.
Praktisch gleichzeitig veröffentlichte der deutsche Naturforscher und Schriftsteller Ernst Freiherr von Bibra sein Standardwerk Die narkotischen Genussmittel und der Mensch, in dem er dem Haschisch eine 30-seitige Abhandlung widmete: Nebst den Erfahrungen anderer beschreibt er ausführlich seinen Selbstversuch mit Haschisch, das er von Georg Martius aus Erlangen (vgl. oben) erhalten hatte. Sein abschließendes Urteil:
«Die neueren Versuche und Erfahrungen, welche man über die medicinische Wirkung der Hanfpflanze und ihrer Präparate gemacht hat, sind sehr zu ihrem Vortheile ausgefallen» (v. BIBRA 1855: 290).
In den folgenden Jahren erschienen viele Arbeiten über die medizinische Verwendung von Cannabis indica. Von Europa aus fand das vielversprechende Heilmittel seinen Weg in die Vereinigten Staaten von Amerika. Wie in Europa waren es auch in den USA zuerst Künstlerkreise, die dem Haschisch zu großer Popularität verhalfen.
Bekannt wurde der Schriftsteller Bayard Taylor, der bereits in den 1850er Jahren Artikel über eigene Haschischexperimente veröffentlichte. Davon beeindruckt, wagte es der junge Literat Fitz Hugh Ludlow, selbst Haschisch zu versuchen, und veröffentlichte 1857, vorerst anonym, sein autobiographisches Werk The Hasheesh Eater (BELL 1857: 33–55).
Angespornt von den Literaten wagte nun auch der in New Hampshire ansässige Arzt John Bell einen wissenschaftlichen Selbstversuch mit einer hohen Dosis «Tilden’s»-Cannabisextrakt. Obschon sich Bell einen veritablen Cannabisrausch einfing, war er beeindruckt von der Kraft dieses Mittels und überzeugt, dass dieses, richtig dosiert, therapeutisch wertvoll sei (BELL 1857). «Tilden’s Extract» war damals in den USA das populärste Cannabismedikament: so erstaunt es nicht, dass Ludlow in seinem Selbstversuch dieses Mittel verwendete, obschon es anscheinend noch potentere Präparate gab, zum Beispiel «Herring’s Alcohol Extract» (MC MEENS 1860: 123).
Im Jahr 1860 verfasste das Medizinische Komitee des Staates Ohio einen detaillierten Bericht über die Verwendung von Cannabispräparaten in den Vereinigten Staaten von Amerika. Dieser zeigte, dass Indischer Hanf auch in Amerika rege genutzt wurde. Die Indikationen übernahm man aus Europa: daneben wurde Haschisch auch bei Patienten mit Asthma und Bronchitis eingesetzt (MC MEENS 1860: 117–140).
Der Aufschwung hält an
Dass Amerika und die meisten europäischen Länder den Indischen Hanf in die offiziellen Arzneibücher (Pharmakopöen) aufgenommen hatten, verdeutlicht den Stellenwert, den man diesem Heilmittel mittlerweile einräumte.
Bereits in den ersten amtlichen Arzneibüchern des 16. und 17. Jahrhunderts waren Hanfmonographien zu finden. Da man wie erwähnt bis Mitte des 19. Jahrhunderts praktisch nur die Samen und das daraus gewonnene Öl verwendete, wurden nur diese in die Pharmakopöe aufgenommen. Durch das Aufkommen anderer pharmazeutischer Hanfzubereitungen wie Tinkturen und Extrakte gelangten diese, zusammen mit dem indischen Hanfkraut selbst, nach und nach ins Arzneibuch, während die Monographien «Fructus Cannabis» und «Oleum Cannabis» immer mehr verdrängt wurden. In den Jahren 1870 bis 1930 war Indischer Hanf in fast allen europäischen Arzneibüchern vertreten, meist in Form von zwei bis drei Monographien. Mit dem Verschwinden der Cannabispräparate um die Mitte des 20. Jahrhunderts (siehe weiter unten) wurden auch die entsprechenden Pharmakopöe-Präparate allmählich gestrichen.
Es waren weiterhin vor allem Franzosen, welche sich um die Erforschung von Cannabis verdient machten. In regelmäßigen Abständen verfassten Ärzte und Apotheker ihre Doktorarbeiten zum Thema Hanf. Aber auch in Deutschland wurde die Erforschung des Indischen Hanfs vorangetrieben. Eine umfangreiche, vielzitierte Arbeit aus dieser Zeit ist die des Arztes Bernhard Fronmüller aus Fürth. Dieser hatte sich schon seit längerer Zeit mit den Eigenschaften der Hanfpflanze beschäftigt. Die Cannabisversuche für seine Publikation Klinische Studien über die schlafmachende Wirkung der narkotischen Arzneimittel führte er mit exakt 1000 Probanden (552 Männern und 448 Frauen) durch. Die Versuchspatienten litten, bedingt durch unterschiedliche Krankheiten, an schweren Schlafstörungen. All diesen Patienten verabreichte er verschiedene Haschischpräparate (zum Beispiel das Extractum Cannabis ind. spirit. der Firma Merck) in verschiedenen Applikationsformen (Pulver, Pillen, Mixturen, Kuchen, Räucherungen, selten sogar Klistiere). Bei 53 Prozent der Fälle trat der Schlaf vollkommen ein, bei 21,5 Prozent teilweise und bei 25,5 Prozent war nur ein geringer oder gar kein Erfolg zu verzeichnen. Die Schlussfolgerung seiner Arbeit lautete:
Abb. 7: Titelseite der Studie von Bernhard Fronmüller
«Der indische Hanf ist unter den bekannten betäubenden Mitteln dasjenige, welches eine den natürlichen Schlaf am vollkommensten ersetzende Narkose erzeugt, ohne besondere Hemmung der Ausscheidungen [bezogen auf die verstopfende Wirkung des Opiums], ohne Hinterlassung schlimmer Nachwirkung, ohne folgende Paralysen [Lähmung, Erstarrung]» (FRONMÜLLER 1869: 69)
In der Folge befassten sich namhafte Arzneimittelfachleute und Pharmakognosten (Pflanzenheilkundler) mit dem Indischen Hanf. In einigen dieser Untersuchungen wurde die Unzuverlässigkeit der Haschischpräparate bemängelt. Diese Problematik der Standardisierung sollte die Cannabispräparate bis zu deren Verschwinden begleiten. Im Großen und Ganzen waren sich die Experten jedoch einig: Der Indische Hanf ist eine Bereicherung des Arzneimittelschatzes. Einer der wenigen, die auf die mögliche Gefahr bei einem Langzeitkonsum hinwiesen, war der Pharmakologe Rudolf Kobert. Er schrieb: «Der habituelle Genuss aller wirksamen Hanfpräparate depraviert [verdirbt] den Menschen und führt ihn ins Irrenhaus» (KOBERT 1897: 465).
1880 bis 1900: Der Höhepunkt
In fast allen europäischen Ländern und in Amerika hatte sich der Gebrauch von Haschischpräparaten mittlerweile etabliert. Nach wie vor waren es Wissenschaftler aus England, Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten, welche die Cannabisforschung konsequent vorantrieben: die auf dem Markt erhältlichen konfektionierten Präparate (die sogenannten Spezialitäten) stammten überwiegend aus diesen Ländern.
Es ist insbesondere das Verdienst der Firma E. Merck in Darmstadt, dass Cannabispräparate in Europa gegen Ende des 19. Jahrhunderts vermehrt verwendet wurden. Aber auch die Firma Burroughs, Wellcome & Co. in England stellte Cannabispräparate her. In den USA übernahmen die Firmen Squibb in New York, Parke-Davis & Co. in Detroit und später Eli Lilly & Co. in Indianapolis diese Aufgabe. Dank diesen (und einigen anderen) Unternehmen standen qualitativ hochwertige Rohstoffe und mehrere Fertigpräparate zur Verfügung.
Frankreich setzte seine fünfzigjährige Tradition fort: Weiterhin erhielten Ärzte und Apotheker ihre Doktorwürde aufgrund ihrer Arbeiten über Haschisch. Eine davon war die 1896 erschienene Dissertation Le chanvre indien des Arztes Hastings Burroughs, der seine Erkenntnisse wie folgt zusammenfasst: «In therapeutischen Dosen ist der indische Hanf ungefährlich und hätte es verdient, vermehrt benützt zu werden» (BURROUGHS 1896: 52).
In Deutschland schrieben zuerst die Doktoranden H.Zeitler (Über Cannabis indica, 1885) und M. Stark (Über die Anwendungsweise der neueren Cannabispräparate, 1887) ihre Promotionsarbeiten: im Jahr 1894 veröffentlichte der Apotheker Leib Lapin unter der Leitung der bekannten Pharmakologen Johann Georg Dragendorff und Rudolf Kobert (der dem Cannabis durchaus kritisch gegenüberstand) seine Dissertation Ein Beitrag zur Kenntnis der Cannabis indica. Im ersten Teil seiner Arbeit liefert er eine Übersicht über die dahin gebräuchlichen «Volks-, Fabrik- und officinellen Hanf-Präparate». Im zweiten Teil geht er auf die Pharmakologie des von ihm erstmals beschriebenen Cannabisderivats «Cannabindon» ein. Die Bemerkung im Vorwort seiner Untersuchung zeigt, mit welcher Unsicherheit man dem Indischen Hanf bezüglich Arzneimittelsicherheit nach wie vor begegnete:
«Wäre es so leicht die Haschischfrage zu lösen, so würde sie sicher schon einer der vielen früheren Untersucher gelöst haben: ich glaube, zur definitiven Lösung derselben einen Beitrag geliefert zu haben und dieser Glaube giebt mir den Muth, das Nachfolgende als Dissertation der Öffentlichkeit zu übergeben» (LAPIN 1894: 7).
Abb. 8: Handelsübliche Aufbewahrungsgefäße für Cannabispräparate um 1900.
Einen außerordentlich wichtigen wissenschaftlichen Beitrag zur Cannabisforschung im 19. Jahrhundert lieferte der Indian Hemp Report von 1894. In dieser Erhebung, die England in seiner Kolonie Indien durchführte (insgesamt wurden 1193 Personen mündlich oder schriftlich eingehend zum Thema Cannabis befragt), ging es hauptsächlich darum, die Gewinnung von Drogen aus Cannabis, den Handel damit und dessen Auswirkungen auf die Gesamtbevölkerung zu untersuchen. Zudem sollte abgeklärt werden, ob ein Verbot dieser Präparate sich rechtfertigen ließe. Zu diesem Zweck wurde eine Expertenkommission gegründet, deren Bericht eindrücklich den Stellenwert des Genuss- und Heilmittels Cannabis in Indien gegen Ende des 19. Jahrhunderts dokumentiert. Die Kommission kommt darin zum Schluss:
«Aufgrund der Auswirkungen der Hanfdrogen scheint es der Kommission nicht erforderlich, den Anbau von Hanf, die Herstellung von Hanfdrogen und deren Vertrieb zu verbieten» (LEONHARDT 1970: 186).
Kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich der Indische Hanf einen wichtigen Platz in der Materia medica der westlichen Medizin erobert. Die Gefahr einer missbräuchlichen Verwendung der Cannabispräparate war bis dahin praktisch inexistent. Der Würzburger Professor A.J. Kunkel hielt in seinem Handbuch der Toxikologie 1899 fest:
«Der chronische Missbrauch von Cannabis-Präparaten – Cannabismus – soll in Asien und Afrika sehr verbreitet sein. Er ist in Europa nicht beobachtet. Von indischen Ärzten werden dagegen häufig Fälle dieser Erkrankung berichtet» (KUNKEL 1899: 839)
Abb. 9: Cannabishaltiges Hustenpulver für Kaiserin Sis(s)i.
Zusammengefasst: Die Mehrheit begrüßte den Einsatz von Cannabis als Medikament. Einige wenige hielten es für wertlos oder sogar gefährlich. In Bezug auf die unsichere – manchmal zu starke, manchmal zu schwache – Wirkung der Hanfpräparate war man sich hingegen einig. Dieses Problem wurde erst viel später durch das Standardisieren der wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe (insbesondere von THC) gelöst.
Eine prominente Patientin, die ein cannabishaltiges Präparat erhielt, war die Kaiserin von Österreich, Elisabeth (berühmt als Sisi oder Sissi). Es ist bekannt, dass sie, vermutlich aufgrund der Belastung durch ihre Rolle, oft krank war und an verschiedensten Beschwerden litt, so auch unter starkem Husten. Die königliche Hofapotheke stellte eigens für sie – und später auch für ihre Tochter Marie Valerie – ein cannabishaltiges Hustenpulver her, das durch den bekannten Arzt Prof. Carl Braun verordnet wurde. Außergewöhnlich ist, dass Cannabis gegen Husten verschrieben wurde. Dies könnte damit zusammenhängen, dass eher die appetitstimulierende Wirkung des Hanfs gefragt war, denn die Kaiserin war für diese Zeit ausgesprochen schlank, und es wurde gemunkelt, dass sie unter Essstörungen leide: jedenfalls unterzog sich die Kaiserin in den letzten Lebensjahren immer wieder verschiedensten Diäten. Eine Hypothese lautet, dass ihr der Arzt, wie damals durchaus üblich, Cannabis, gegen Gonorrhoe (Tripper) verschrieb: allerdings war nie bekannt, dass auch ihr Ehemann unter dieser Geschlechtskrankheit litt. Das führte zu Spekulationen, da «Sissi« gerade in dieser Zeit Bekanntschaften zu anderen Männern pflegte (FELLNER, UNTERREINER 2208: 113-115).
Cannabis als Arzneimittel im 20. Jahrhundert
1900–1950
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschienen vermehrt chemisch orientierte Arbeiten über Cannabis. Man war bestrebt, das Geheimnis des «aktiven Prinzips» dieser Pflanze zu lüften. Weiter war die erwähnte Standardisierungsproblematik der Haschischpräparate Gegenstand vieler Publikationen. Ein ebenfalls nicht neues, aber immer wieder aufgenommenes Thema war die Untersuchung der Wirksamkeit von einheimischem Hanf. Überhaupt begann man nach dem ersten Weltkrieg Faserhanf wieder vermehrt zu untersuchen, weil Indischer Hanf in Europa praktisch nicht mehr erhältlich war.
Es hatte zwar immer Hinweise gegeben, die auf Vergiftungsfälle mit Haschisch aufmerksam machten. Die Gefahr von Abusus sah man jedoch nach wie vor als inexistent oder zumindest als gering an. In den ersten internationalen Vereinbarungen über die Betäubungsmittel, die kurz nach der Jahrhundertwende getroffen worden waren, war Cannabis noch kein Thema (vgl. Kapitel 7). Erst im Laufe der Zeit gab es vereinzelt Stimmen, die sich zur Frage eines eventuellen Missbrauchs äußerten. Noch 1937 hielt die American Medical Association fest:
«Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein Missbrauch von Cannabis als medizinische Substanz häufig stattfindet oder dass sein medizinischer Gebrauch zu der Entwicklung einer Cannabisabhängigkeit führen könnte. Cannabis wird gegenwärtig nur noch in geringem Ausmaß für medizinische Zwecke verwendet, es wäre aber von Wert, seinen Status als therapeutisch beizubehalten. Es besteht die Möglichkeit, dass durch eine Wiederaufnahme der Untersuchungen über die Wirkung von Cannabis möglicherweise andere Vorteile der Substanz entdeckt werden, als bei ihrem gegenwärtigen medizinischen Gebrauch zu sehen sind« (MIKURIYA 1982: 93).
Einen wichtigen Beitrag zur Diskussion über Abhängigkeit und Gefährlichkeit lieferte der US-amerikanische LaGuardia Report (Originaltitel: Mayor LaGuardias’s Comitee on Marihuana, New York: The Marihuana Problem in the City of New York. Sociological, medical, psychological and pharmacological studies) aus dem Jahr 1944. Aufgrund der in Amerika weit verbreiten Meinung, dass der Marihuana-Konsum in einigen Städten der Vereinigten Staaten ein bedrohliches Ausmaß angenommen habe, berief der damalige Bürgermeister von New York, Fiorello LaGuardia, eine Expertenkommission ein, um eine wissenschaftliche Untersuchung durchzuführen. Mediziner und Soziologen konnten jedoch nicht bestätigen, dass die allgemeinen Vorurteile gegenüber Marihuana berechtigt waren. Nach ungefähr vierjähriger Arbeit stellte die Expertengruppe zusammenfassend fest:
«Personen, die mehrere Jahre lang Haschisch geraucht haben, zeigten keine geistigen oder körperlichen Schäden, die der Droge zugeschrieben werden können» (LEONHARDT 1970: 26).
Obschon seit Beginn des 20. Jahrhunderts laufend neue industriell hergestellte Cannabismedikamente auf den Markt kamen, ging der Gebrauch der Hanfpräparate in einigen Ländern (zum Beispiel in England) bereits wieder zurück (zu den Gründen siehe weiter unten).
Die wissenschaftliche Erforschung des (Indischen) Hanfs hingegen wurde intensiv weitergeführt. Weiterhin waren es vor allem die Franzosen, die sich auf dem Gebiet der Hanfforschung hervortaten. Ein immer wiederkehrendes Thema war die Standardisierung der Hanfmedikamente: man war bemüht, diese sicherer zu machen. Auch in anderen Ländern Europas, beispielsweise Deutschland, blieb die pharmakologische Forschung mit Hanf nicht stehen. Renommierte deutsche Firmen wie Boeringer Ingelheim und insbesondere Merck in Darmstadt interessierten sich sehr für Cannabis. Merck wurde im Laufe der Zeit zum wichtigen Lieferanten für cannabishaltige Halbfabrikate wie Cannabinum tannicum (vgl. Abb. 10), aus welchem die Apotheken gebrauchsfertige Medikamente (zum Beispiel Pillen) herstellten. In der Schweiz nahmen die Basler Platzhirsche Hoffmann-La Roche und die Ciba (später Ciba-Geigy, heute Novartis) eine Pionierrolle ein. Interessant ist, dass sich die dritte große Basler Firma, Sandoz (heute Novartis), damals anscheinend nicht mit Hanf beschäftigte. Aufgrund ihrer damaligen Spezialisierung in Richtung Pflanzenalkaloide ließe sich dies zwar vermuten, aber es finden sich keine Hinweise darauf. Der Entdecker des LSD, Albert Hofmann, der seit 1929 bei Sandoz beschäftigt war, hatte zwar im Laufe der Zeit mit einigen psychotropen Substanzen nebst LSD experimentiert, nie aber mit Cannabis, wie er in einer persönlichen Mitteilung festhielt (briefliche Mitteilung von A. HOFMANN 1994).
Abb. 10: Inserat der Firma Merck, Darmstadt, um 1885.
Abb. 11: Sammlung Tschirch: Exponate von Cannabis indica und Cannabis sativa.
In der Schweiz war es neben Basel vor allem die Hauptstadt Bern, welche sich zur eigentlichen Hochburg der Haschischforschung entwickelte. Unter der Leitung des bekannten Pharmakologen Emil Bürgi erschienen in der Zeit von 1910 bis 1946 circa 30 Dissertationen zum Thema Cannabis. Bei einer Mehrzahl dieser Arbeiten wurde die Kombination eines Arzneistoffes mit Cannabis untersucht. Praktisch immer kamen die Autoren zu einem positiven Ergebnis in dem Sinne, dass eine Wirkungsverstärkung eintrat. Aufgrund dieser Ergebnisse kamen schließlich die hanfhaltigen Medikamente Indonal «Bürgi«, Indothein «Bürgi» und das Schlafmittel Satival auf den Markt.
Aus dieser Zeit stammt die vom bekannten Pharmakognosten und Pharmazieprofessor Alexander Tschirch aufgebaute Drogensammlung in Bern. Die mehrere tausend Exponate umfassende Sammlung enthält auch einige Exemplare von Cannabis beziehungsweise Haschisch (vgl. Abb. 11).
Eine Ära geht zu Ende
Nachdem Cannabispräparate um die Jahrhundertwende noch rege benutzt worden waren, verschwanden sie gegen Mitte des 20. Jahrhunderts vollständig. Die Gründe dafür finden sich nachfolgend.
Medizinische Entwicklung
Für alle Hauptanwendungsgebiete von Cannabispräparaten wurden noch vor Beginn des 20. Jahrhunderts neue spezifische Arzneimittel eingeführt. Zur Behandlung von Infektionskrankheiten wie Cholera oder Starrkrampf entwickelte man Impfstoffe, die nicht nur wie Cannabis die Symptomatik bekämpften, sondern sogar Schutz vor Infektionen boten. Andere bakterielle Erkrankungen wie die Gonorrhoe, die häufig mit Cannabis therapiert wurden, ließen sich etwas später durch das Aufkommen der Chemotherapeutika erfolgreich behandeln. Als Schlaf- und Beruhigungsmittel erhielt Cannabis indica Konkurrenz in Form chemischer Substanzen wie Chloralhydrat, Paraldehyd, Sulfonal, Barbituraten und Bromural. Auch als Analgetika wurden Cannabispräparate – im Gegensatz zu zahlreichen Opiatmedikamenten – bald von chemischen Mitteln verdrängt. Antipyrin und vor allem Aspirin (Acetylsalicylsäure) erlangten schon kurz nach ihrer Einführung große Bedeutung.
Standardisierungsproblematik
Mehrmals wurde darauf hingewiesen, dass die unterschiedliche Wirksamkeit der Haschischpräparate auffiel. Verschiedene Faktoren wie Provenienz, Alter, Lagerung oder die Verarbeitungsform der Droge waren dafür verantwortlich, dass das Arzneimittel entweder hochwirksam war oder unwirksam blieb. Anders als beispielsweise bei Alkaloid-Drogen wie dem Opium gelang die Isolierung und vollständige Strukturaufklärung des Hauptwirkstoffes THC erst Mitte des 20. Jahrhunderts: damit verbunden war vorgängig die Schwierigkeit der Standardisierung.
Wirtschaftliche Aspekte
Durch Einschränkungen in den Produktionsländern (vor allem in Indien) und bedingt durch die beiden Weltkriege wurde es immer schwieriger, hochwertigen Indischen Hanf nach Europa zu importieren. Auch für Cannabis galt das Gesetz von Angebot und Nachfrage, was bedeutete, dass die Preise sowohl der Rohprodukte als auch der Präparate massiv anstiegen. In der Konsequenz bedeutete dies: Cannabismedikamente wurden (zu) teuer.
Rechtliche Einschränkungen
Durch die immer restriktiveren internationalen und nationalen Gesetzgebungen wurde die Verwendung von Cannabispräparaten je länger je mehr eingeschränkt. Immer öfter wurden Haschischpräparate der Betäubungsmittelpflicht unterstellt, was ihre Anwendung in der Praxis massiv erschwerte, bis schließlich ein generelles Verbot die Verwendung verunmöglichte. Im Jahr 1958 war die medizinische Verwendung von Cannabis weltweit noch in 26 Ländern der UNO erlaubt.
1961 wurde dann das internationale Einheitsabkommen über die Betäubungsmittel (Single Convention on Narcotic Drugs) verabschiedet. Dieses Gesetz führte zu einem weltweiten Verbot von Cannabis auch für medizinische Zwecke, einzig die wissenschaftliche Erforschung von Cannabinoiden war noch erlaubt. Diese Ausnahmeregelung sollte sich noch als wertvoll erweisen, denn so konnte weiterhin mit Cannabis geforscht werden.
Die Renaissance
Bereits drei Jahre nach der Unterzeichnung des Einheitsabkommens über die Betäubungsmittel gelang es den israelischen Wissenschaftlern Yechiel Gaoni und Raphael Mechoulam, die chemische Struktur des Hauptcannabinoids Tetrahydrocannabinol (THC), aufzuklären. Bereits ein Jahr vorher war Mechoulam das Gleiche mit Cannabidiol (CBD) gelungen (vgl. Expertengespräch Seite 173).
In den folgenden drei Jahrzehnten kamen nur wenige neue Erkenntnisse über die medizinische Anwendung von Cannabis und Cannabinoiden ans Licht. Gleichzeitig wurde Hanf ab Mitte der 1960er Jahre zur ultimativen Droge der Hippie-Bewegung. Der rekreative Gebrauch von Cannabis («Kiffen») eroberte die Welt und war nicht mehr aufzuhalten. Für die Medizin bedeutete dies allerdings, dass von nun an der Pflanze Cannabis das Stigma einer Droge anhaftete, was dazu beitrug, dass man das medizinische Potenzial von Cannabis vernachlässigte.
Interessanterweise machten ausgerechnet die USA, die das weltweite Verbot maßgeblich mitgeprägt hatten, den Patienten Cannabis und Cannabinoide wieder zugänglich. In den 1980er Jahren wurde das Präparat Marinol® in 27 US-Bundesstaaten zugelassen. Das Medikament wurde zur Appetitstimulierung und zur Verhinderung von Übelkeit und Erbrechen eingesetzt. Marinol® enthält synthetisches THC: um das Image als «Drogensubstanz» zu umgehen, bezeichnete man das im Labor künstlich hergestellte THC als Dronabinol. In seltenen Fällen wurde Marinol® auch nach Europa exportiert und unter strengen Auflagen an einzelne Patienten abgegeben.
Ein Meilenstein in der Erforschung der Cannabinoide war die Entdeckung des Endocannabinoidsystems zu Beginn der 1990er Jahre (vgl. Kapitel 4). Nachdem man die beiden Cannabinoid-Rezeptoren CB1 und CB2 als Andockstellen für THC und die körpereigenen Endocannabinoide entdeckt hatte, wurde die Forschung zu Cannabis enorm intensiviert. Seither haben verschiedene Länder Anstrengungen unternommen, Cannabispräparate oder Cannabinoide (THC oder Dronabinol, CBD, Nabilon, Nabiximol usw.) verkehrsfähig zu machen, auch wenn dies je nach Land sehr unterschiedlich gehandhabt wird (siehe Kapitel 6). In den letzten Jahren konnte sich vor allem das Fertigarzneimittel Sativex® (Nabiximols: enthält Cannabisextrakt) nebst den Individualrezepturen (vor allem mit Dronabinol) etablieren.
Weltweit ist die Tendenz zu erkennen, die medizinische Verwendung von Cannabis zu liberalisieren, so auch beispielhaft in Deutschland, wo seit 2017 das Verschreiben von THC-haltigen Hanfblüten möglich ist (vgl. Kapitel 7). Große Hoffnungen werden zudem auf das medizinische Potenzial des nicht berauschenden CBD gesetzt, insbesondere auf dessen antiepileptische Wirkungen. Ein Schritt in diese Richtung war die Zulassung des CBD-haltigen Epilepsiemedikamentes Epidiolex® durch die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA im Juni 2018. Es ist davon auszugehen, dass in Kürze auch in Europa eine entsprechende Zulassung angestrebt wird.
«Es scheint sich abzuzeichnen, dass die Renaissance der Arzneipflanze Hanf nicht mehr aufzuhalten ist. Ob Hanf die großen Erwartungen erfüllen kann, wird die Zukunft zeigen. Bereits heute ist Cannabis für viele Patienten ein unverzichtbares Medikament geworden.»
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wikipedia.org/wiki/Raschid_ad-Din_Sinan
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2. BOTANIK
Einführung in die Botanik von Hanf
Die botanisch korrekte Einordnung von Cannabis sativa verursachte nicht nur in der Vergangenheit Schwierigkeiten. Bis in die heutige Zeit bleibt die botanische Klassifizierung umstritten. Erschwert wurde und wird die Systematisierung vor allem dadurch, dass die Hanfpflanze ausgesprochen variabel ist. Nebst der phänotypischen Variabilität ist es verblüffend, dass die einzige Art Cannabis sativa L. (nach botanischen Kriterien) sowohl Faserlieferant als auch Ausgangsprodukt für hochwirksames Haschisch sein soll.
Lange Zeit bestand die Pflanzenfamilie der Hanfgewächse (Cannabaceae) nur aus den beiden Gattungen Cannabis (Hanf) und Humulus (Hopfen). Die Gewächse wurden dabei zunächst der Ordnung der Urticales (Brennnesselartige) zugeordnet. Heutzutage gilt diese Taxonomie als teilweise überholt in dem Sinne, dass die Hanf-Familie um einige Gattungen reicher und damit deutlich angewachsen ist. Dabei haben die neu hinzugekommenen Pflanzen nicht zwingend etwas mit dem Hanf oder dem Hopfen gemein. Mit Hilfe genetischer Untersuchungen lassen sich immer wieder neue, teilweise erstaunliche botanisch nahe Verwandte des Hanfs aufspüren. Dennoch haben sich die beiden nachfolgend beschriebenen Systeme (botanische/taxonomische Klassifizierung und chemische Klassifizierung) bewährt, um den Hanf systematisch einzuteilen. Nebst diesen gibt es «veraltete» taxonomische Einteilungsmöglichkeiten (vgl. unten).
Botanische/taxonomische Klassifizierung
Nach wie vor halten die meisten Autoren diese Einteilung für die geeignetste. Allerdings ist auch dieses System im Fluss, das heißt, was heute als richtig angesehen wird, kann morgen bereits wieder überholt sein. Immer wieder zu diskutieren gibt, worum es sich beim sogenannten Indischen Hanf (vgl. Kap.1) handelt. Fakt ist, dass bis heute von Indischem Hanf beziehungsweise vom Indica-Typ (auch Drogentyp genannt) vor allem im Bereich des Freizeitkonsums die Rede ist. Auch geht man davon aus, dass dieser einen hohen Anteil an THC (vgl. Kapitel 3) aufweist. Dagegen gilt der Sativa-Typ (auch Fasertyp genannt) als THC-arm, dafür reicher an nicht berauschendem CBD (vgl. Kapitel 3). Allerdings, so schreiben auch Berger und Clarke:
«Trotz aller Uneinigkeit, was die taxonomische Klassifizierung von Cannabis angeht, handelt es sich bei der alten Annahme, dass Cannabis sativa ausschließlich Faserhanfpflanzen hervorbringe und Cannabis indica den psychoaktiven Hanf, um einen Irrtum» (BERGER & CLARKE 2020, 56).
Einige Autoren neigen dazu, die alte Systematik zu bevorzugen, in der nur der Hanf und der Hopfen als Hanfgewächse akzeptiert werden. Diverse Schriften geben mal dieses, mal jenes System an, je nach dem Zweck des entsprechenden Texts. Im Allgemeinen bevorzugen viele Forscher die alte taxonomische Aufstellung als sinnvolle Systematik (z.B. BERGER 2019).
Trotz der Vielfalt an Möglichkeiten halten auch aktuell anerkannte taxonomische Datenbanken wie «The Plant List» oder ITIS (Integrated Taxonomic Information System) untenstehende Einteilung von Small und Cronquist aus dem Jahr 1976 noch für zeitgemäß (NOVAK 2017). In zahlreichen aktuellen Abhandlungen wird jedoch der neuen vorgeschlagenen taxonomischen Einordnung der Vorzug gegeben (BERGER & CLARKE 2020).
Taxonomische Klassifizierung der Gattung Cannabis nach SMALL & CRONQUIST 1976

| Cannabis sativa LINNAE | subspec. sativa var. sativa SMALL & CRONQUIST |
| Cannabis sativa LINNAE | subspec. sativa var. spontanea VAVILOV |
| Cannabis sativa LINNAE | subspec. indica var. indica (LAMARCK) WEHMER |
| Cannabis sativa LINNAE | subspec. indica var. kafirstanica VAVILOV (SMALL/CRONQUIST) |
Chemische Klassifizierung
Mit der Verbesserung der chemischen Analytik und der Möglichkeiten der Genanalyse lässt sich Hanf auch nach Genpools einteilen. Bereits Mitte der 1970er Jahre wurden dadurch drei unterschiedliche Chemotypen unterschieden (FETTERMANN et al. 1971; Small & BECKSTEAD 1973). Andere Autoren postulieren vier unterschiedliche Chemotypen (BRENNEISEN 1986). Bei dieser Einteilungsmethode geht man, im Gegensatz zur oben erwähnten botanischen Einteilung, nach wie vor davon aus, dass Cannabis sativa bzw. indica eigene Arten sind; die davon abgeleiteten Unterarten werden als Biotypen bezeichnet.
Chemische Klassifizierung der Gattung Cannabis nach Genpools HILLIG 2005 / WOHLFAHRT 2012

| Biotyp | Verbreitung |
| Feral (Wild)a: überwiegend Chemotyp III | Europa, Klein- und Zentralasien |
| Hemp (1): überwiegend Chemotyp II | Wildpopulationen, v.a. Osteuropa |
| Hemp (2): überwiegend Chemotyp I | Süd- und Ostasien |
| NLD: überwiegend Chemotyp I | Südasien, Afrika, Lateinamerika |
| WLD: überwiegend Chemotyp I | Afghanistan, Pakistan |
| Feral (Wild)b: fast nur Chemotyp I | Wildpopulationen, Indien, Nepal |
| Chemotyp I: | THC > 0,3 % / CBD < 0,5 % Verhältnis THC : CBD >> 1 |
| Chemotyp II: | THC > 0,3 % / CBD > 0,5 % Verhältnis THC : CBD = 1 |
| Chemotyp III: | THC < 0,3 % / CBD > 0,5 % Verhältnis THC : CBD << 1 |
«Veraltete» taxonomische Klassifizierung
Wie eingangs erwähnt, ist die Geschichte der taxonomischen Gliederung von Hanf noch nicht abgeschlossen. Nachdem der schwedische Botaniker Carl von Linné im Jahr 1753 in seinen Werk Species plantarum die Pflanzensystematik revolutionierte, bekam die Gattung Cannabis endgültig die Artbezeichnung Sativa. Der französische Arzt und Botaniker Jean Baptiste Lamarck wiederum prägte im Jahr 1783 den neuen Artbegriff Indica, also Indischen Hanf (vgl. oben). Im Jahr 1924 postulierte zudem der russische Botaniker Dmitri E. Janischevsky eine weitere neue Art; er bezeichnete diese als Ruderalis (Ruderalhanf). Diese wurde alsbald von seinem russischen Kollegen Nikolai Vavilov nicht als eigene Art, sondern lediglich als eine Varietät angesehen; er bezeichnete diese als spontanea (Wildhanf). Im Jahr 1964 war es wiederum ein russischer Botaniker, Petr Mikhailovich Zhukovskii, der Vavilov widersprach und den Wildhanf wieder auf die Stufe des Ruderalhanfs stellte, ihn also als eigene Art ansah (BERGER & CLARKE 2020, NOVAK 2017).
«Veraltete» taxonomische Klassifizierung der Gattung Cannabis nach SCHULTES & HOFMANN 1987*

| Cannabis sativa LINNAE | spec. sativa LINNAE |
| Cannabis sativa LINNAE | spec. indica LAMARCK |
| Cannabis sativa LINNAE | spec. ruderalis JANISCHEVSKY |
Nicht unerwähnt bleiben sollen andere durchaus gebräuchliche Bezeichnungen wie Cannabis sativa var. vulgaris (Gewöhnlicher Hanf) oder Cannabis sativa var. gigantea (Riesenhanf). Die Liste ist keineswegs vollständig.
Wie es die beiden Schweizer Botaniker Lauber und Wagner treffend formulieren:
«Dem innigen Wunsch der Systematiker nach peinlicher Ordnung bei der Benennung der Pflanzen macht die Natur selbst in vielen Fällen einen Strich durch die Rechnung. Der uns so liebe Artbegriff und die genial einfache, von Linné eingeführte doppelte Namengebung mit Gattungs- und Artbezeichnung vermag die Vielfältigkeit der Natur oft nur modellhaft zu erfassen»
(LAUBER & WAGNER 1993).
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Verhältnis THC : CBD >> 1