Kitabı oku: «Die Wiedergutwerdung der Deutschen»
Eike Geisel
Die Wiedergutwerdung der Deutschen
Essays & Polemiken
Herausgegeben und mit einem Vorwort versehen von
Klaus Bittermann
FUEGO
– Über dieses Buch –
»Some of my best friends are German«, machte sich Eike Geisel gerne über das antisemitische Stereotyp lustig, demzufolge einige Juden zu den besten Freunden zählen. Eike Geisel war aber nicht nur ein unnachgiebiger Kritiker des deutsch-jüdischen Verbrüderungskitsches und der Entsorgung deutscher Vergangenheit, sondern machte als Historiker mit seinen Arbeiten u.a. über den jüdischen Kulturbund und das Berliner Scheunenviertel aufmerksam.
Dieser Band versammelt Geisels große essayistische Arbeiten wie über den Antisemitismus des »anderen Deutschland« und den Mythos vom Widerstand des 20. Juli.
»Die Deutschen haben sich nie als Bürger dieser Welt, sondern immer als Verdammte dieser Erde gesehen. Auch die Wiedervereinigung hat daran nichts geändert. Gab es vor dem Fall der Mauer 60 Millionen Opfer, so hat sich deren Zahl nun um 17 Millionen Insassen einer Einrichtung erhöht, die nicht nur der Kanzler schon vor 1989 als Konzentrationslager bezeichnet hatte.«
Eike Geisel
Some of my best friends are German
Vorwort
Der 1997 verstorbene Historiker und Journalist Eike Geisel gehörte zusammen mit Wolfgang Pohrt, Henryk M. Broder, Lothar Baier und Christian Schultz-Gerstein einer Generation von Kritikern an, die sich seit den siebziger Jahren radikal, scharfsinnig und originell mit dem ideologischen, politischen und kulturellen Zeitgeist auseinandersetzten, ohne einer institutionalisierten Opposition oder Gruppe anzugehören. Als Achtundsechziger hatte Geisel sein Denken wie viele andere an Adorno und Horkheimer geschult, im Unterschied zu vielen anderen aber auch an Hannah Arendts »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft« und an ihrem Eichmann-Buch. In einer Zeit, als die Literatur über den Nationalsozialismus noch sehr spärlich war, beschäftigte er sich u.a. mit H.G. Adlers Theresienstadt-Studie, las Eugen Kogons Standardwerk »Der SS-Staat« und Jean Améry, dessen rhetorische Vortragskunst er bewunderte.
Er promovierte über »Marx und die nationale Frage«, arbeitete zwischen 1973 und 1975 am Otto-Suhr-Institut, bevor er anschließend (von 1975 bis 1981) zusammen mit Wolfgang Pohrt als Dozent an der Pädagogischen Hochschule in Lüneburg lehrte (eine zeitlich befristete Anstellung, was sich im nachhinein als Glücksfall herausstellte), wo er u.a. Seminare über die Aktualität des Faschismus und über Marx abhielt. Damals lernte er die kommunistische Jüdin, Partisanenkämpferin und KZ-Überlebende Hanna Lévy-Hass kennen und überredete sie, ihre Tagebücher »Vielleicht war das alles erst der Anfang« im Rotbuch Verlag (1979) zu veröffentlichen, denen ein langes Gespräch mit der Autorin beigefügt war.
1981 erschien das von ihm herausgegebene Buch »Im Scheunenviertel«, ein Bildband mit einem großen Essay, Fotos, zeitgenössischen Texten und Dokumenten über die während der Kriegs- und Revolutionswirren nach Berlin geflüchteten Ostjuden, ein Buch, das zahlreiche Auflagen erlebte. Weil die DDR in den 35 Jahren nach Kriegsende wenig getan hatte, um diese verrufene Gegend zu sanieren (was dem Westen innerhalb weniger Jahre dann vollständig gelang), verwiesen alte Schriftzüge an der Wand, Einschusslöcher und Elendsbehausungen noch rudimentär auf das jüdische Leben, das da einmal auf engstem Raum stattgefunden hatte.
Zu dieser Zeit lernte er Henryk Broder kennen, der sich schon seit den siebziger Jahren mit dem Antisemitismus in der Linken auseinandersetzte und mit linker Prominenz und Zeitschriften wie Emma und Konkret im Clinch lag, u.a. deshalb, weil Ingrid Strobl Israel das Existenzrecht absprach und Alice Schwarzer einer Redakteurin Kontaktverbot zum »militanten Juden« Broder erteilte. Immerhin ein Vorfall, der zur Planung einer kleinen Anthologie über das Verhältnis der Linken zum Antisemitismus führte, die dann allerdings nicht zustande kam.
Mit Broder verband Geisel eine enge Freundschaft. Gemeinsam suchten sie in den USA und Israel Überlebende des Jüdischen Kulturbunds auf, sammelten Dokumente und drehten den Film »Es waren wirklich Sternstunden«, der 1988 ausgestrahlt wurde. Geisel erstellte das Konzept für eine dann 1992 an der Akademie der Künste gezeigten großen Ausstellung mit einem umfangreichen Katalog (»Geschlossene Vorstellung«). Zudem erschien im gleichen Jahr ein Buch von ihm und Broder zu diesem Thema mit dem Titel »Premiere und Pogrom«.
Broder beteiligte sich da allerdings nur noch sporadisch an der historischen Forschung, denn mit der am 2. August 1990 beginnenden Annektierung Kuweits durch Saddam Hussein und der Intervention der USA und ihrer Verbündeten am 16. Januar 1991 begann in Deutschland eine heftig geführte Debatte, in die beide leidenschaftlich involviert waren. In der Textsammlung »Liebesgrüße aus Bagdad. Die ›edlen Seelen‹ der Friedensbewegung und der Krieg am Golf« spotteten sie über die wieder von den Toten auferstandenen Pazifisten, die weiße Laken als Zeichen der Kapitulation aus dem Fenster hängten, und polemisierten gegen Leute wie Rudolf Augstein, Alice Schwarzer und Christian Ströbele, die dem vom Irak durch Raketenbeschuss bedrohten Israel eine gewisse Mitschuld am Krieg gaben. Sie mieteten eine große elektronische Werbetafel an der Ecke Joachimsthalerstraße und Kurfürstendamm gegenüber vom Café Kranzler, auf der dann zu lesen war: »An die deutsche Friedensbewegung: Vielen Dank für die moralische Nachrüstung. Ihr Saddam Hussein.«
Danach setzte die Debatte um die Stasi ein, die für Broder allerdings eine andere Bedeutung hatte als für Geisel. Er sah in der kollabierten DDR nicht so sehr den mit dem Nationalsozialismus vergleichbaren Unrechtsstaat, sondern eine kommode und lächerliche Diktatur, mit der sich die Bevölkerung arrangiert hatte, bis die Verlockungen des Westens in Form von Beate Uhse und Bananen und weniger von Freiheit sie überlaufen ließen. In der öffentlichen Diskussion über die Stasi erkannte er das Bedürfnis der Deutschen, die nicht stattgefundene Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nach 1945 nachzuholen, um sich ein gutes Gewissen zu machen. Die Outings von ehemaligen Stasimitarbeitern fand er nicht weniger erbärmlich als die »Schwerter-zu-Pflugscharen«-Pazifisten, die sich als Fundamentalopposition stilisierten, lächerlich. Empörend fand er die Jagd auf Ausländer im Osten, die schließlich im Pogrom in Lichtenhagen kulminierte, und über die Rechtsradikalen, die es zusammen mit dem Mob phasenweise schafften, »national befreite Zonen« einzurichten, in die sich keine Bürger anderer Staaten mehr trauten. Als er 1992 zu einem Vortrag in die Vereinigten Staaten reiste, schrieb er mir: »Es wird höchste Zeit, dass ich abhaue, ehe alle Brüder und Schwestern aus der Zone kommen. Die Wiedervereinigung sehe ich mir gerne aus 6.000 km Entfernung an.«
Der 1945 geborene Eike Geisel passte nicht in das Bild, das sich die Öffentlichkeit von den Achtundsechzigern machte, die zu Beginn der Neunziger angeblich überall in der Gesellschaft den Ton angaben. Eike Geisel hatte sich nicht auf den langen Marsch durch die Institutionen begeben, um eine Beamtenstelle mit Pensionsanspruch zu ergattern. Zwar hatte er gegen eine solche nichts einzuwenden, aber er besaß weder die Geduld noch die Zähigkeit, eine Karriere einzuschlagen, bei welcher der Erfolg durch Verbitterung erkauft wird. dass es andere taten, warf er ihnen nicht vor, er mochte sich bloß nicht damit abfinden, dass mit der Karriere der ehemaligen Genossen in der Bundesrepublik der freiwillige Verzicht auf Kritik an ihr einherging. Aus erklärter Feindschaft gegen den Staat wurde die Sorge um sein Ansehen in der Welt, mit dem Effekt, dass die Umstürzler von einst sich zum Objekt ihrer Fixierung nunmehr wie Kosmetikberater verhielten. Sie traten den Beweis für die These an, dass das Einverständnis mit dieser Gesellschaft nur um den Preis der eigenen vorzeitigen Verblödung möglich ist.
Die Intellektuellen verhielten sich schon vor der Wiedervereinigung als ihrem nationalen Erweckungserlebnis so, als wollten sie beweisen, dass Adorno dreißig Jahre nach seinem Befund noch aktuell war: »Der Glaube an die Nation«, hatte Adorno 1960 geschrieben, »ist mehr als jedes andere pathische Vorurteil die Meinung als Verhängnis; die Hypostasis dessen, wozu man nun einmal gehört, wo man nun einmal steht, als des Guten und Überlegenen schlechthin. Er bläht die abscheuliche Notstandsweisheit, dass wir alle im gleichen Boot sitzen, zur moralischen Maxime auf. Gesundes Nationalgefühl vom pathischen Nationalismus zu scheiden, ist so ideologisch wie der Glaube an die normale Meinung gegenüber der pathogenen; unaufhaltsam ist die Dynamik des angeblich gesunden Nationalgefühls zum überwertigen, weil die Unwahrheit in der Identifikation der Person mit dem irrationalen Zusammenhang von Natur und Gesellschaft wurzelt, in dem die Person zufällig sich findet.«
Zwar ließ sich gegen die Rauner des Nationalen und der Wiedervereinigung mit Polemik wenig ausrichten, aber es bereitete Eike Geisel dennoch großes Vergnügen, die als »Identitätssuche« veredelte Anbiederei bloßzustellen, um zu demonstrieren, wie überaus eifrig die Intellektuellen ihren eigenen Bankrott bewerkstelligten. Vor allem, wenn ihre unheilbare Liebe für den Befreiungskampf des palästinensischen und irakischen Volkes entflammte und sie sich als Nationalisten und Antisemiten entpuppten, befanden sie sich in einer Tradition, die ihrer Überzeugung nach schon lange vorüber war, derzufolge die Vergangenheit verarbeitet sei und die Deutschen aufgeklärt und liberal wie nie. Die Deutschen aber zeigten sich »resistent gegen jede Aufklärung über die eigene Vergangenheit«.
In den achtziger Jahren fing dann das Geschäft mit der Erinnerung zu boomen an, eine »unspezifische Erinnerungswut« (Clemens Nachtmann) setzte ein, aber die hatte nur wenig mit Einsicht zu tun. »Verordnete Aufklärung«, schrieb Eike Geisel, »ist so unsinnig wie die komplementäre Bereitschaft, an ihr wie durch massenhafte Verabredung organisiert teilzuhaben. Dass die Deutschen mit der nämlichen Betriebsamkeit, die sie einst beim Vernichten und dann beim Vergessen an den Tag gelegt hatten, sich nun an die eigene Vergangenheit machten, diesem Umstand haftet etwas Groteskes an. Erst in der beflissenen Erfassung der Nazizeit kommt Horkheimers Verdikt, er kenne kein verhärteteres Kollektiv in der ganzen Welt, zu seiner vollen Wahrheit. Gemünzt auf die geschäftige Verdrängung der Verbrechen, erfährt jenes Urteil gerade durch die treibende Kraft der deutschen Rückschau eine paradoxe Bestätigung. Denn in der eifrigen Materialsammlung und der sie begleitenden gefühligen Anschauung wurde aus der Besinnung auf den Nationalsozialismus eine neue Besinnlichkeit und der Verstand wurde vom Verständnis abgelöst [...] Gerade die offenherzige Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ging reibungslos konform mit wachsendem Ausländerhass und parteiübergreifendem Patriotismus, wohingegen wahrhafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einzig darin bestünde, den notorischen Zusammenhang zu kündigen.«
Mit dem Boom der Erinnerungskultur und den sich häufenden Jubiläen von Ereignissen, die Meilensteine auf dem Weg zur Vernichtung der Juden und mit deren Erforschung zahllose Wissenschaftler beschäftigt waren, wurde ein lukrativer Erwerbszweig hervorgerufen: das »Shoabusiness«. Eike Geisel stellte seine Beteiligung an diesem Geschäft, welcher man auch in aufklärender Absicht nicht entgeht, nie in Abrede, zeigte sich vielmehr amüsiert darüber. In einer Notiz vom 14. April 1988 schrieb er mir, ob ich nicht Lust hätte, etwas über Broder und ihn zu schreiben unter der Überschrift: »Die neue deutsch-jüdische Symbiose. Zwei Vernichtungsgewinnler.« Trotz dieses nicht sehr ernst gemeinten Vorschlags: Aus Deutschen wurden Experten, und die Experten meldeten eine Art Copyright auf die »Shoa« an – »Auschwitz bleibt deutsch« –, während andere Experten wiederum jedes kleinere Massaker schon mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik gleichsetzten.
Eike Geisels Kritik am deutsch-jüdischen Verständigungskitsch einerseits, der auf Tagungen evangelischer Akademien zelebriert wurde, und andererseits an der weitverbreiteten Auffassung, dass Auschwitz eigentlich eine »Besserungsanstalt« gewesen sei, aus der die Juden geläutert hätten hervorgehen müssen, was leider nicht der Fall war, weshalb die Deutschen glaubten, die Juden ihrer besonderen Fürsorge unterziehen zu müssen, Eike Geisels Kritik an diesen Haltungen hatte einen Ausgangspunkt. Und dieser bestand in seinem immerwährenden Umkreisen und Hinweisen auf das, was die Nazis den Juden angetan hatten, die durch die willkürliche Entrechtung und Erniedrigung in einen Zustand gebracht wurden, in dem sie bereits verwaltungstechnisch ausgelöscht waren, bevor sie dann in den Lagern auch physisch aus dem Leben geschafft wurden.
»Die vollendete Sinnlosigkeit« der Lager schließlich, wie Eike Geisel einmal eine Studie Hannah Arendts über die deutschen Konzentrationslager übersetzte, war eine weitere Besonderheit, die für Eike Geisel Voraussetzung war, um das nationalsozialistische System zu begreifen, die Überzeugung der Nazis, »es sei wichtiger, die Vernichtungsfabriken in Betrieb zu halten als den Krieg zu gewinnen« (Hannah Arendt). Dass dafür bis auf Ausnahmen keine Menschen vonnöten waren mit einem besonders ausgeprägtem Hang zum Sadismus, damit setzte er sich in seinem Film über Eichmann mit dem Titel »Erbschaft eines Angestellten« von 1990 auseinander, der sich in typisch deutscher Tradition auf den Befehlsnotstand berief, der ihn unter anderen Vorzeichen und in der Nachkriegszeit auch zu einem ausgezeichneten und leidenschaftlichen »Judenpfleger« gemacht hätte, wenn es von ihm verlangt worden wäre. Unabhängig davon, dass es sich bei Eichmanns Prozessaussagen um Schutzbehauptungen handelte und er in Wirklichkeit ein überzeugter, ja fanatischer Antisemit war, hätte er unter bundesrepublikanischen Bedingungen eine gegenteilige Bestimmung gefunden, und diese charakterliche Eigenschaft war es, die Eike Geisel in der deutschen Geschichte nachwirken sah.
Für die Vernichtung der Juden waren also lediglich eine funktionierende Bürokratie und ganz normale Menschen aus ganz normalen Familien nötig, die vielleicht die Auswüchse nicht gut hießen, aber dennoch bereit waren, ihren Teil an der Vernichtung der Juden beizutragen, und das war ebenfalls eine wesentliche Prämisse, die das Denken Eike Geisels prägte und die wichtig war in der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit, wie sie in Politik und Gesellschaft bis in die heutige Zeit hinein geführt wird und die Eike Geisel in der Regel als Versuch wertete, die Opfer mit haftbar zu machen für das, was ihnen angetan wurde. Insofern stand er jedem Versuch der Versöhnung skeptisch gegenüber, denn es war »etwas passiert, womit wir alle nicht mehr fertig werden«, wie Hannah Arendt einmal gesagt hat, etwas, das »nicht hätte geschehen dürfen«, weil sich ein Abgrund geöffnet hatte, der sich der Logik des Denkens entzog.
Trotz Bezugnahme auf das tagespolitische Geschehen wirken Eike Geisels immer auch als Invektiven ebenso wie als Interventionen gemeinten Artikel nie antiquiert. Davor bewahrt sie der sarkastische, manchmal auch ironische Ton, der schon Hannah Arendt in der Eichmann-Debatte vorgeworfen wurde. Ein Ton, der jedenfalls nie weihevoll, selbstgefällig oder bemüht wirkte. Ein Ton, der dazu führte, dass sich Rezensenten seiner Bücher nie besonders wohl fühlten. Empfindet ein Journalist im Neuen Deutschland die »Bösartigkeit des Autors« noch als »wohltuend«, fragt er sich vier Zeilen später, »wie weit Kritik an der israelischen Politik gehen darf, ohne dass er [Eike Geisel] sie als antisemitisch bewertet?« In diesem Punkt war die Presse sehr sensibel. Selbstverständlich war niemand in der aufgeklärten Linken antisemitisch, und wenn dennoch der Vorwurf erhoben wurde, konnte man sicher sein, dass man folgende Begründung zu hören bekam, derzufolge man gar kein Antisemit sein könne: »Einige meiner besten Freunde sind Juden«. Eike Geisel machte sich über dieses jeglicher Logik entbehrende Argument gerne mit dem Bonmot lustig: »Some of my best friends are German«.
Ausgewogene Artikel zu schreiben oder betuliche Vorträge zu halten, wäre Eike Geisel sinnlos erschienen, denn er wollte nicht das Für und Wider abwägen, sondern Reaktionen provozieren in dem Wissen, dass sich im Streit nachhaltiger Erkenntnisse gewinnen lassen und Differenzen klarer werden als in lauer Zustimmung. Seinen Aufsätzen wurde in der Regel »Kälte« und eine »bemerkenswerte Herzlosigkeit« attestiert. Die gleichen Vorwürfe hatte man auch Hannah Arendt gemacht.
Als er am 20. Februar 1991 von der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste Hamburg, dem Deutsch-Israelischen Arbeitskreis, der GAL, der Solidarischen Kirche und Konkret eingeladen wurde, an einer Diskussion zum Verhältnis der deutschen Friedensbewegung und Israel teilzunehmen, rief sein »unausgewogener, unfairer Beitrag« (wie er ihn selbst ankündigte) erhebliche Unruhe hervor. Eike Geisel sagte, dass Saddam Hussein zumindest in Deutschland »ein Kriegsziel bereits erreicht hatte. Der Karneval war ausgefallen, und ersatzweise bevölkerten lauter gutgesinnte Menschen die Straßen«. Er wurde als »Kaffeehaus-Zionist« beschimpft, ein Vorwurf, den er mit »Du hast leider nicht die Möglichkeit, den damit verbundenen Gedanken in die Tat umzusetzen. Das ist vorbei« konterte.
Als Konkret in der Ausgabe 8/93 einen umstrittenen Vortrag von Christoph Türcke, den dieser auf dem Konkret-Kongress am 12. Juni gehalten hatte, veröffentlichte, um, wie Konkret schrieb, »eine Versachlichung der andauernden Debatte zu ermöglichen«, da kommentierte Wolfgang Pohrt: »Mir ist der Unterschied zwischen Bewohnern verschiedener Erdteile herzlich egal. Wichtig ist mir, mich von einem wie Türcke zu unterscheiden. So wie der mag ich nicht sein. Und wenn er in konkret publiziert, tue ich es nicht.«
Und auch Eike Geisel, der gerade wieder aus den USA zurückkam, kündigte seine Mitarbeit bei Konkret auf: »Irgendwo bei Adorno steht, dass ein Grenzübertritt nach Deutschland so etwas wie der Wiedereintritt in die Barbarei sei. dass mich neulich bei der Rückkehr aus dem Ausland ein derartiges Gefühl beschlich, lag nicht daran, dass neue Nazis gerade eine Parade in Hessen abhielten, sondern daran, dass alte Linke publizistisch nach Fulda hinübergrüßten mit der Frage: ›Gibt es ein biologisches Substrat, das es gestattet, Menschenrassen in nichtdiskriminierender Absicht zu unterscheiden?‹ [Christoph Türcke] Noch vor Jahresfrist wollte man den Rechten nicht die Nation überlassen; jetzt ist man bei dem Wettstreit folgerichtig bei der Rasse angelangt. Der Skandal ist nicht Türckes Text, der in die ›Junge Freiheit‹ oder in den ›Spiegel‹ gehört; skandalös ist der Gestus, mit dem ›konkret‹ ihn als ›Türcke-Kontroverse‹ abdruckt. Skandalös vor allem aber ist Gremlizas Kommentar, der sich zu Türckes Melange aus Adorno und Gobineau, einer nun wirklich postmodernen Zuchtwahl, verhält wie der Sozialarbeiter zu den rassistischen Brandstiftern: wenig Verstand, viel Verständnis. Bei dieser Suche nach einer neuen Nürnberger Gesetzlichkeit möchte ich nicht mehr zu den Autoren von ›konkret‹ zählen.« Erst über ein Jahr später erschien wieder ein Artikel von Geisel in Konkret.
Die Redakteure, die er belieferte, waren von der »begnadeten Niedertracht seines gewitzten Stils« beeindruckt. Nur drucken wollte man sie in der bürgerlichen, aber auch linken Presse wie der taz in der Regel dann doch lieber nicht. Die bürgerlichen Medien wollten sich keinen Ärger einhandeln, Redakteure der taz bekamen »Bauchschmerzen« von seinen Artikeln. In Israel hingegen, wo einige Arbeiten Eike Geisels in der Tageszeitung Haaretz veröffentlicht wurden, gab es damals zwar nicht unbedingt eine bessere öffentliche Meinung, aber die Angst vor ihr und möglichen Abokündigungen hatte noch nicht dazu geführt, dass man sich ihr unterwarf und ihre Ressentiments teilte, indem man Verständnis für diese aufbrachte.
Trotz dieser unerfreulichen Auseinandersetzungen mit Redakteuren, die oft mühseliger waren, als die Artikel zu schreiben, landete Eike Geisel mit einem seiner letzten Texte einen Coup, der im Leben eines freien Autors nicht sehr häufig vorkommt. Eike Geisel hatte das Buch »Auge um Auge. Opfer des Holocaust als Täter« von John Sack, eine Übersetzung aus dem Amerikanischen, in der Frankfurter Rundschau (die taz hatte den Artikel abgelehnt) als »Antisemitische Rohkost« vorgestellt. In der Februarausgabe von Konkret erschien zur gleichen Zeit unter dem Titel »Die Protokolle der Rächer von Zion oder die neuen ›Opfer der Opfer‹« eine ausführliche Fassung.
Noch bevor das Buch ausgeliefert wurde, zog der Piper Verlag es am 9. Februar 1995 zurück. Dieser nunmehr publik gemachte Skandal wurde sogar in der New York Times und der Herald Tribune registriert. In der folgenden ausgedehnten Kontroverse waren die meisten Journalisten trotz der primitiven antisemitischen Töne John Sacks dem Überbringer der schlechten Nachricht nicht sehr freundlich gesonnen, weil viele von ihnen der dünnen These von der Angleichung der Opfer des Nationalsozialismus an die Täter eine gewisse Plausibilität abgewinnen konnten.
Tagesspiegel, Welt, taz, Spiegel, Süddeutsche Zeitung, ja sogar die Zeit, die den »Opfern der Opfer« nicht nur ein ganzes Dossier widmete, sondern auch einen Leserbrief John Sacks im redaktionellen Teil veröffentlichte, waren sich einig, dass ein tapferer und wegen seiner jüdischen Herkunft unverdächtiger Autor zwar etwas naiv, aber durchaus verdienstvoll das »Tabuthema Vertreibung« behandelt habe, dem man sich, wie es in der taz hieß, »unverkrampft« nähern wollte. Zu diesem Thema nämlich könne man sich »entweder überhaupt nicht, oder wenn, dann (nur) unter permanenter Hinzufügung, dass die Vertreibung letztendlich eine Folge des von Deutschen begangenen Weltkrieges, von Auschwitz und den deutschen Verbrechen sei« (taz), äußern. Der Mühe der »permanenten Hinzufügung« wollte man sich nicht mehr unterziehen, man wollte reden dürfen wie ein Vertriebenenfunktionär, und insofern hat Eike Geisel diesen Journalisten zu ihrem coming out verholfen.
Auf ein nicht mehr realisiertes Projekt verweist der Artikel »Das Ende der Schonzeit« über jüdische Rächer nach 1945, eine Art Exposé für ein Buch, das bei Rowohlt Berlin erscheinen sollte. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte zunächst Interesse an einem Vorabdruck gezeigt, dann aber doch lieber Abstand davon genommen. Ein anderes Vorhaben, das nicht mehr mit Hilfe des Autors zustande kam, war ein dritter Band seiner Aufsätze, der dann 1998 unter dem Titel »Der Triumph des guten Willens« als seine nachgelassenen Schriften veröffentlicht wurde.
Dieser dritte Essay-Band war nur einer der zahlreichen Pläne, die Eike Geisel immer gerne schmiedete und von denen er mit einer Begeisterung erzählte, die äußerst ansteckend war. Zuletzt bemühte er sich um einen Lehrauftrag in den Vereinigten Staaten, den er zum einen mit Archivforschungen für sein Buchprojekt über die jüdischen Rächer nutzen wollte, zum anderen hoffte er, mit der Ortsveränderung etwas Abstand von den immer unerträglicher und zäher werdenden Debatten in Deutschland zu gewinnen. Aber daraus wurde nichts mehr.
Es ist etwas einfach, darauf hinzuweisen, dass seinen Artikeln heute aufgrund des weltweit grassierenden Antisemitismus und der Toten in Paris wieder große Aktualität zukommt, aber es ist nicht zu leugnen, dass es tatsächlich so ist, auch wenn sich die gesellschaftlichen Verhältnisse seit 1995 erheblich verändert haben. Aber gerade in einer Zeit, in der selbst das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin im Nahostkonflikt einen nachvollziehbaren Grund für die »generalisierte Feindschaft gegenüber Jüdinnen und Juden« erkennt, wäre es spannend gewesen zu erfahren, wie Eike Geisel dagegen angeschrieben hätte, denn mit Sicherheit hätte ihm die Krankheit dieser Zeit keine Ruhe gelassen.
Im Sommer 1995 fiel Eike Geisel in ein Koma, aus dem er nicht wieder erwachte. Er starb am 6. August 1997. Am 1. Juni 2015 wäre er 70 Jahre alt geworden. Er liegt auf dem Friedhof Stubenrauchstraße in Berlin-Friedenau in unmittelbarer Nähe von Marlene Dietrich, die er bewunderte und die bis über ihren Tod hinaus in Deutschland als Verräterin galt. Ich glaube, das hätte ihm gefallen.
Klaus Bittermann

Eike Geisel, 1984 - Foto: Wolfgang Pohrt
Runder Tisch mit Eichmann
Über den kleinen Unterschied zwischen dem »anderen Deutschland« und der zivilisierten Welt
1984 wurde Joshua Sobols »Getto« in Deutschland zum ersten Mal aufgeführt. Seitdem wissen zumindest das deutsche Theaterpublikum oder die Leser des Spiegel, dass eine »Art Wahlverwandschaft zwischen Opfer und Henker« existiert hat. Erst 1994 wurde dieser Gedanke zu Ende gedacht. Erst in diesem Jahr wurde die logische Entsprechung zum moralisch zweifelhaften Opfer gefunden: der moralisch zweifelsfreie Täter. Und die Entdeckung des Jahres ist deshalb der »gute Nazi«. Vorher war diese Formel als Verdikt in Gebrauch. Bezeichnet wurde damit das besonders rührige Mitglied einer kriminellen Vereinigung. Seit Oskar Schindler – außen Nazi, innen gut – weiß man es besser. Und dieser Einzelfall hat Appetit auf mehr gemacht. Nach dem Deutschen, der gut sein konnte, weil er besser verdiente, sollten nun aus besonderem Anlass jene Deutschen gefeiert werden, die ein weiches Herz hatten, das unter einem Eisernen Kreuz schlug. Man steckte Schindler in eine Uniform und ließ ihn in Kompaniestärke zum 50. Jahrestag der Offiziersrevolte gegen Hitler als Repräsentanten des »anderen Deutschland« antreten.
Am 20. Juli 1994 wurde in Berlin an historischer Stätte ein ganz besonderer Staatsakt zelebriert. Der Bundeskanzler, immer auf symbolische Gesten erpicht, ob auf den Schlachtfeldern von Verdun oder auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg, hatte sich für die historische Feierstunde eine besonders reizvolle Zeremonie ausgedacht. Auf dem Hof des Gebäudes, wo vor 50 Jahren ein Füsilierkommando unter dem Befehl »Legt an!« einige der Verschwörer noch am Abend des missglückten Attentats auf Hitler erschoss, brachte das Wachbataillon der Bundeswehr bei der Gedenkfeier die Gewehre in Anschlag: »Präsentiert das Gewehr«. Ein uniformierter Musikzug blies einen preußischen Armeemarsch dazu.
Mit den jährlichen offiziellen Feiern zum 20. Juli war man bislang nicht besonders erfolgreich gewesen. Die Anteilnahme am Schicksal der militärischen Verschwörer war so gering, wie die Kenntnis antifaschistischer Widerstandsaktionen von Kommunisten oder Sozialdemokraten mangelhaft war. Generationen von Schülern der Bundesrepublik gähnten an diesem Tag, wenn ihre Geschichtslehrer den Versuch unternahmen, ihnen die Generäle und Offiziere des 20. Juli pädagogisch schmackhaft zu machen. Man sollte sie schätzen lernen als eine Art Rote-Kreuz-Truppe, als Vorläufer eines Kirchentagspräsidiums oder als frühe Kinkel-Initiative, weil es – wie dem Außenminister heute, wenn Türken in Deutschland angezündet werden – den Verschwörern schon damals hauptsächlich um das Ansehen des Staates im Ausland gegangen war. In einem für die Nazi-Wehrmacht gedachten Aufruf der Verschwörer hieß es 1944: »Wir müssen handeln, weil – und das wiegt am schwersten – in Eurem Rücken Verbrechen begangen wurden, die den Ehrenschild des deutschen Volkes beflecken und seinen in der Welt erworbenen guten Ruf besudeln.« Doch dass die Naziarmee keine Verbrecherbande, sondern ein Verein zur Veranstaltung von Abenteuerreisen gewesen war, das glaubte allenfalls noch die Bundeswehr. Selbst ein CDU-Minister gelangte trotz der jährlichen patriotischen Pflichtübung einmal zu der kurzlebigen Einsicht, dass Auschwitz nur so lange funktionierte, wie die Wehrmacht dafür die logistischen Hilfsdienste leistete.
Die Schüler begriffen nur, dass Aufstand in Deutschland eine ziemlich verschlafene Angelegenheit sein musste, wenn die endlosen Debatten und Denkschriften der Verschwörer ein »Aufstand des Gewissens« sein sollten. An diesem besonderen Tag wurde man als Jugendlicher regelmäßig mit Gewissenskonflikten von Leuten gelangweilt, die sich endlos damit abgequält hatten, ob sie Hochverrat üben, ihren Eid brechen oder Tyrannenmord begehen dürften. Sie hätten alle umstandslos geputscht, wenn der Führer es ihnen befohlen hätte. Aber leider lag kein Befehl dazu vor. Andererseits hatten sie keine sichtbaren Probleme damit gehabt, halb Europa in Schutt und Asche zu legen und Millionen von Menschen umbringen zu lassen. Sie hatten ein reines Gewissen, weil sie es nie benutzt hatten. Dass ausgewiesene Zerstörungs- und Vernichtungsexperten in genau dem Augenblick, als die Firma pleite ging und sie den Chef loswerden wollten, sich als absolute Dilettanten erwiesen, das konnte keinen nachhaltigen Eindruck bei jungen Leuten hinterlassen, die im Unterricht etwas über Julius Caesar, Ludwig XVI. oder den Zaren erfahren hatten. Sie mussten zu der Auffassung gelangen, dass die dramatische Hauptperson des Putschversuchs das Telefon war, denn die Protagonisten der Verschwörung kämpften hauptsächlich mit der Telefonanlage auf ihrer Büroetage im Oberkommando des Heeres. Ein Stockwerk tiefer war das Dritte Reich ungefährdet.
Mit vielen anderen, die die Erinnerung an den 20. Juli für einen nationalpädagogischen Auftrag halten, bedauert die Mitherausgeberin der Wochenzeitung Die Zeit, Gräfin Dönhoff, seit Jahren, »dass der 20. Juli 1944, der als moralisch-politische Tat weit herausragt aus der deutschen Geschichte, nie wirklich in das Bewusstsein eingegangen ist.« Mehr noch als heimische Gleichgültigkeit macht sie, die mit einigen der Verschwörer befreundet war und sich als Wahrerin des geistigen Erbes der Widerständler versteht, die westlichen Alliierten für das Desinteresse der Deutschen verantwortlich. Sie hat Engländern und Amerikanern bis heute nicht verziehen, dass diese die Militärs damals nicht als gleichberechtigtes Gegenüber, sondern als politische Bankrotteure betrachteten, weil die Offiziere von einem Großdeutschland, also vom Anschluss Österreichs und des Sudetenlands oder gar von der Rückgabe der Kolonien, träumten. »Im Ausland aber wurde die Existenz eines deutschen Widerstands von den Alliierten wider besseres Wissen geleugnet«, heißt es in ihrem Jubiläumsbuch »Um der Ehre willen«. Für ganz besonders ehrverletzend hält sie eine Erklärung Churchills, der im Sommer 1944 im Unterhaus gesagt hatte, bei den Vorgängen des 20. Juli 1944 handle es sich »um Ausrottungskämpfe unter den Würdenträgern des Dritten Reiches«. Mit Sicherheit irrte der britische Premier nicht darin, dass er von den Würdenträgern Deutschlands sprach. Am meisten freilich nimmt sie den Engländern noch heute übel, was schon die Verschwörergruppe 1944 mehr umgetrieben hatte als der organisierte Massenmord: »Vermutlich wollte Churchill nicht nur Hitler erledigen, sondern ein für allemal die Macht der Deutschen brechen.« Gräfin Dönhoff wird Trost bei dem Gedanken finden, dass wie zur Rache für jene vernünftige Absicht die Ehre der Verschwörer nun wiederhergestellt ist, indem deren Vorstellung von einem vereinten Europa unter deutscher Vorherrschaft endlich verwirklicht scheint.
Seit der Wiedervereinigung und seit insbesondere auch die ehemaligen Friedensfreunde heftig nach dem ersten Großeinsatz der Armee rufen, ist das Bedürfnis gewachsen, auch an dieser Front die Geschichte zu entsorgen. Jetzt kommen wieder die psychologischen Ladenhüter des deutschen Landsers zu Ehren, der sich, je weniger er es selbst glaubte, desto heftiger immer einreden musste, dass er anständig geblieben sei. »Das ist die einzige Lebensform, in der man noch mit einigem Anstand existieren kann«, kolportiert zustimmend Gräfin Dönhoff die Auskunft des Mitverschwörers Schulenburg, der, ehe er 1941 mit einigem Anstand seinem Kriegstagebuch anvertraute, der Überfall auf die Sowjetunion sei ein »Auftrag des Schicksals«, 1932 in die NSDAP eingetreten war.
Auch die Rechtsradikalen wollen bei dieser Generalüberholung nicht abseits stehen. Galten ihnen bislang die Verschwörer, die den Mut für das Attentat aufbrachten und mit dem Leben dafür bezahlten, alle samt und sonders als Verräter, so verleihen sie ihnen nun, im Einklang mit dem Bedürfnis nach einer gereinigten Nationalerinnerung posthum den Ehrentitel von »Reformnationalsozialisten«. Wolfgang Venohr, ehemals Chefredakteur des Fernsehkanals Stern TV, auf seine alten Tage vom jungen Hitler begeistert, erklärte angelegentlich seiner Rehabilitierungsschrift »Patrioten gegen Hitler«, warum der Widerstand eigentlich eine Notwehrmaßnahme war, mit welcher der Nationalsozialismus gerettet werden sollte. Über die in seinen Augen ehrenvollen Motive der Verschwörer, die nur Hitler vor Hitler schützen wollten, sagte Venohr: »Hitler hatte in ihren Augen sein eigenes Credo verraten, als er vom Nationalisten zum Imperialisten denaturierte. Die Grundidee des nationalen Sozialismus bekämpften die jungen Aktivisten des Widerstands mitnichten. [...] Man könnte sagen: Sie erstrebten einen nationalen deutschen Sozialismus mit menschlichem Antlitz.«
Wie auch immer begründet, würde die Publizistin Gräfin Dönhoff dagegen einwenden, »entscheidend war nur, ob der Betreffende für oder gegen Adolf Hitler war. Ob er dies als Monarchist, Sozialist oder aufgeklärter Konservativer war, das interessierte niemanden, jedenfalls nicht in der frühen Phase.« In der etwas späteren Phase wird man aber vielleicht nachfragen müssen, ob in diesem pluralistischen Panorama nicht eine Farbe fehlt. Wenn schon alle in einen Topf geworfen werden, dann sollte man den Antisemitismus als würzende Zutat nicht vergessen. Er hat dem Verschwörerkreis nämlich genau jenes Aroma verliehen, das Hannah Arendt 1963 in einem Brief an den Philosophen Karl Jaspers folgendermaßen beschrieben hat: »Was ich meine, ist, dass jeder, der politisch auftrat, auch wenn er dagegen war, auch wenn er im geheimen ein Attentat vorbereitete, in Wort und Tat von der Seuche angesteckt war. In diesem Sinn war die Demoralisation komplett.«
Die Verschwörer des 20. Juli dürfen Reaktionäre oder Reformer, Nazis, Parafaschisten oder Christen gewesen sein, aber von ihrem antijüdischen Einverständnis soll nicht die Rede sein. Selbst der renommierte Historiker Hans Mommsen widersteht in seinem immer wieder aufgelegten und überarbeiteten Essay über »Gesellschaftsbild und Verfassungspläne des deutschen Widerstands« erfolgreich der Versuchung, auch nur andeutungsweise diesen politischen Charakterzug der ganzen Verschwörung zu erwähnen. Einzig die akademische Garde, die der – einst jüdische – Ullstein-Verlag jüngst mit der Rettung der Nation durch den Sammelband »Für Deutschland« beauftragt hat, zeigt keine Scheu, die antisemitische Grundausstattung vieler Akteure des 20. Juli offenzulegen: »Dem Gedanken, die Juden aus ihrer teilweise beherrschenden Stellung im Zeitungs- und Theaterwesen zurückzudrängen, stimmten die Stauffenbergs zu.« Gelegentlich aber sind die Autoren selber ratlos angesichts der Weiterungen derartiger Kavaliersdelikte und »müssen zugeben, dass wir es nicht wissen«, warum General Carl-Heinrich von Stülpnagel ein Schreiben des Oberkommandos in Russland unterzeichnete, in welchem ein »vermehrter Kampf gegen das Judentum« gefordert wurde, oder dass er verlangte »bei Notwendigkeit raschen Zugriffs besonders [auf] die jüdischen Komsomolzen als Träger der Sabotage und Bandenbildung« zurückzugreifen.
Derlei darf das offizielle Gedenken nicht belasten, denn die Offiziere des 20. Juli sollen ein moralisches Bindeglied der neuen Großmacht zu ihrer eigenen Vergangenheit sein. Traditionsbewusst, allerdings etwas vorlaut, hat sich dabei das Wachbataillon der Bundeswehr neulich hervorgetan, als einige seiner Angehörigen zur Ausführung eines in ihrem Inneren schlummernden Tagesbefehls schritten und »Juden raus«! grölten. Zur Strafe dürfen diese Leute, die sonst bei Empfängen für ausländische Staatsoberhäupter strammstehen, nun ins Kino und »Schindlers Liste« ansehen.
Bei der Gedenkfeier zur 50jährigen Wiederkehr des Attentats könnten sie durchaus unter dieser Parole antreten, denn das »andere Deutschland«, das hier gefeiert werden soll, war, wie Hannah Arendt einmal schrieb, »noch durch einen Abgrund von der zivilisierten Welt getrennt«. Der traditionsstiftende Begriff vom »anderen Deutschland« gehört zu den zählebigsten Gründungsmythen der Bundesrepublik. Wie aus einem Jungbrunnen entstieg mit dieser contradictio in adjecto, kaum war es mit der kriminellen Volksgemeinschaft vorbei, ein runderneuertes Kollektiv, das ganz anders, vor allen Dingen anders deutsch, nämlich anständig gewesen war. Abgesehen vom völkischen Denkmuster, das mit dem Begriff vom »anderen Deutschland« tradiert wird; abgesehen von der Berufung auf die Anständigkeit, einen Charakterzug, auf den gerade die Nazis ihre Schlächter immer eingeschworen haben; abgesehen von der Tatsache, dass es Widerstandsaktionen von einzelnen Personen und isolierten Gruppen, nicht aber eine anderen Ländern vergleichbare Widerstandsbewegung gegeben hat; abgesehen von all diesen Momenten wird bei der Berufung auf das »andere Deutschland« dessen größte Schande sanktioniert: die im besten Fall absolute Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Juden.
Gleichgültigkeit in dieser Frage brauchen sich freilich die Verschwörer des 20. Juli bestimmt nicht vorwerfen zu lassen. Die Akteure hätten sich mit Eichmann durchaus an einem Runden Tisch zur Judenfrage zusammensetzen können, denn auch sie wollten eine Lösung der Judenfrage, eine »Dauerlösung«. Bei diesem Treffen hätten sie Eichmann dann versichert, sie »hätten die Rassengrundsätze des Nationalsozialismus an sich bejaht, hätten sie aber für überspitzt und übersteigert gehalten« (so ein Bruder des Attentäters beim Verhör durch die Gestapo). Diese Einschränkung allerdings hätte Eichmann weniger interessiert als die Durchführungsbestimmungen, die von der präsumtiven Regierung vorgesehen waren. Denn hier hätte er sich wieder auf vertrautem Terrain befunden. »Ich komme immer noch in die alte Tour«, wird er später in Jerusalem sagen, wo ihm vorgehalten wurde, er rede immer noch wie ein waschechter Nazi. Aber genau diese »alte Tour« war von den Verschwörern gefragt. Vertraut gewesen wäre Eichmann nicht nur der Ton der Gruppe (»dass das jüdische Volk einer anderen Rasse angehört, ist eine Binsen-Weisheit.«), sondern auch deren Vorstellung, die Juden in Kanada oder in Südamerika anzusiedeln. Das war nichts anderes als eine Reprise des »Madagaskar-Projekts«, mit dem sich Eichmann 1940 beschäftigt hatte, als er mit der Austreibung der Juden aus Deutschland und Österreich nicht mehr so richtig vorankam. Eichmann jagte, wie er später nicht ohne Stolz bekannte, die Juden aus Sympathie für den Zionismus aus dem Deutschen Reich. Von ähnlicher Zuneigung war die Absicht der Verschwörer durchdrungen, für den Fall, der Putsch gelänge, die Juden nach Übersee zu verfrachten, denn die Welt käme nicht eher zur Ruhe, so ihre Auffassung, bis nicht eine globale »Neuordnung der Stellung der Juden« erreicht sei. Als alte Bekannte hätte Eichmann auch die juristischen Maßnahmen zur Ausgrenzung von Juden im Innern begrüßen können. Eingedenk der von vielen Verschwörern geteilten Auffassung, dass – so ein Stauffenberg–Bruder im Verhör – »die Grundideen des Nationalsozialismus [...] in der Durchführung fast alle in ihr Gegenteil verkehrt worden« sind, besann man sich auf eine nationalsozialistische Grundidee: auf einen Passus des sogenannten 25-Punkte-Programms der frühen NSDAP, in dem einigen »Verdienstjuden«, wie sie später hießen, die Möglichkeit eingeräumt wurde, deutsche Staatsangehörige zu werden. Carl Goerdeler, dessen Handschrift alle diese 1941 formulierten und noch in der Todeszelle bekräftigten Verwaltungsbestimmungen tragen, brauchte nur bei sich selbst abzuschreiben: im Sommer 1934, damals noch Oberbürgermeister von Leipzig, hatte er sich in einer Denkschrift an Hitler für eine »Konsolidierung der deutschen Rassepolitik« eingesetzt. Er forderte Hitler auf, »eine echte Volksgemeinschaft herzustellen«, und hoffte, worauf auch die Naziführung spekulierte, nämlich auf das internationale Einverständnis der Antisemiten: eine gesetzliche Regelung der Judenfrage werde im Ausland »als Selbstschutz kaum beanstandet werden.« Diese Regelung, so riet er Hitler, müsse sich, »unter eiserner Disziplin und unter Vermeidung von Ausartungen und Kleinlichkeiten vollziehen.« Um Schlimmes, nämlich die unkontrollierten Übergriffe der SA, zu verhindern, hatte er damals für Schlimmeres plädiert: ein Sonderrecht für Juden, das die Nazis dann auch zügig verwirklichten. Diese einfühlsame Voraussicht auf die bürokratisch-legalistischen Bedürfnisse der Nazis ist kürzlich als »Versuch der Durchsetzung einer alternativen Politik« in den Titel einer wissenschaftlichen Untersuchung in Deutschland eingegangen.
Eichmann hätte den Verschwörern, die er natürlich alle für Lumpen hielt, aus eigener Erfahrung bestätigen können. Was die Gestapo im Verhörprotokoll mit Geringschätzung vermerkt hatte, nämlich dass sie in ihrer »Einstellung zur Rassenfrage [...] auch nicht über einen einzigen neuen fruchtbaren und konstruktiven Gedanken verfügten.« Neu war keiner der Gedanken, die der als Reichskanzler vorgesehene Goerdeler in einer Denkschrift (»Das Ziel«, 1942) für die Verschwörergruppe formuliert hatte. Neu und nun wirklich originell war freilich, dass die Verschwörer sich Maßnahmen zur Sonderbehandlung von Juden ausdachten, die schon sonder- behandelt, nämlich ermordet waren.
Nicht also die Tatsache ist der Skandal, dass der Sohn des Attentäters Stauffenberg damit drohte, die offizielle Gedenkstätte in Berlin wie den Staatsakt zu boykottieren, wenn dort, wie ihm Rechtsradikale soufflieren, die »Patrioten des 20. Juli mit Landesverrätern moralisch auf eine Stufe gestellt (werden)«, soll heißen, wenn dort auch antifaschistischer Widerstandskämpfer gedacht werden sollte. Er hat mit seinem Protest völlig recht. Denn die Kommunisten hätten, wäre der unwahrscheinliche Fall einer Revolution gegen die Nazis eingetreten, seinen Vater wie alle anderen Militärs zum Teufel gejagt – im besten Fall. Selbst Sozialdemokraten fanden damals noch angemessene Worte, die ihnen kurze Zeit später recht peinlich waren. In der New Yorker Emigrantenzeitung Aufbau schrieb Friedrich Stampfer wenige Wochen nach dem missglückten Attentat: »Nicht nur die Revolution, auch die Konterrevolution frisst ihre eigenen Kinder. Es ist immerhin ein Fortschritt, dass die Galgen schon stehen. Man wird sie noch brauchen.« Man brauchte sie bekanntlich nicht. In Deutschland war es nicht einmal nötig, »die wirklich Schuldigen vor dem Zorn der Leute zu schützen«, wie Hannah Arendt 1950 in einem Bericht über die Nachwirkungen der Naziherrschaft notierte. »Diesen Zorn gibt es nämlich heute gar nicht, und offensichtlich war er auch nie vorhanden.« Zu dieser Zeit hatten die Sozialdemokraten das Wirtschaftswunder noch vor, ein anderes Wunder aber bereits hinter sich, nämlich »das eine große Wunder, dass nach zwölf Jahren Diktatur noch so viele Menschen anständig geblieben sind«. Diese Zauberformel von 1946 stammt von Kurt Schumacher, dem ersten Nachkriegs-Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei.
Der Skandal in Deutschland heute besteht eher darin, dass niemand – keine jüdischen Gruppierungen, nicht die Reste der antifaschistischen Linken – auf dem Riß beharrt, der irreparabel durch die Geschichte geht. Auch die Gegner und Opfer von einst wollen heim ins Reich, wenigstens heim ins Reich der Erinnerung.
1994
No Business like Shoahbusiness
Hätten sie damals zu ihren Eltern gehalten, dann wären sie vielleicht heute auch irgendwo oben und nicht nur dazwischen. Mit großer Verspätung haben die Linken begriffen, dass die einzig erfolgreiche kriminelle Organisation die Familienbande ist. Die erfolgreiche Mutation der revolutionären Zellen zu Keimzellen des Staates fasste der SPD-Funktionär Glotz einmal in einem vernichtenden Lob zusammen, er sprach von der »zur Standhaftigkeit geläuterten Protestgeneration von 1968«. Trotz dieses Persilscheins benötigte der sozialdemokratische Parteivorstand noch fast zwei Jahre, um die selbst verschuldete Harmlosigkeit der ehemaligen Aufrührer zu honorieren.
Im Frühjahr 1988 traf die SPD mit der Aufhebung des »Unvereinbarkeitsbeschlusses« eine jener richtungsweisenden Entscheidungen, welche die Behauptung unterstreichen, die hundertjährige Geschichte der Sozialdemokratie sei die Geschichte des Aufstiegs von Karl Marx zu Hans-Jochen Vogel. Die Mitglieder des SDS, eines linksradikalen Vereins, den es schon seit 1970 nicht mehr gibt, dürfen diesem Beschluss zufolge also wieder der SPD beitreten. Genau so relevant wäre etwa eine Ankündigung des Finanzministeriums, die Krawattensteuer sei abgeschafft oder die Frustrationsabgabe für Verheiratete werde aufgehoben. Nicht einmal im Traum würde einer der geläuterten Revolutionäre auf den Gedanken kommen, den ehemaligen Verein wiederzubeleben, aber nach diesem Beschluss können sie doch besser schlafen. Denn wie der gläubige Katholik erst die Absolution braucht, um ohne Gewissensbisse zum Abendmahl zu treten, so wünschen die Genossen von einst, makellos dazustehen, wenn sie das Sakrament einer Planstelle empfangen.
Jahrzehnte, ehe sich so viele wieder familiär zusammenrotteten, legte der spätere Bundespräsident bereits jenen herzlichen Familiensinn an den Tag, den heute alle uneingeschränkt an ihm bewundern. Mit seiner Wahl hatte auch die deutsche Nachkriegsliteratur ihren ersten und einzigen politischen Erfolg vorzuweisen: Weizsäcker war die Antwort auf die Spätheimkehrerprosa Ende der siebziger Jahre, die Antwort auf ein von der sogenannten Väterliteratur formuliertes kollektives Bedürfnis. Deshalb kann man heute kaum mehr unterscheiden, ob der neueste Artikel Hochhuths vom Kanzler diktiert oder die letzte Kirchentagsrede des Bundespräsidenten von Walser verfasst wurde; deshalb gibt es heute keine Klassen mehr, sondern nur noch Väter, Söhne und Enkel.
Seinen Vater, bei dessen Verteidigung er im Nürnberger Prozess »aus tiefer Überzeugung« mithalf, würde Richard von Weizsäcker, wie er israelischen Journalisten erklärte, heute genauso unterstützen wie damals. Die vornehme Zurückhaltung des Bundespräsidenten, nicht die unmanierliche Wut, mit welcher der Stern-Redakteur Niklas Frank sich seines von den Alliierten gehängten Vaters annahm, wirkte stilbildend auf zahlreiche Bekenntnisse, die unter Titeln wie »Zweite Generation« oder »Kinder der Täter« zur neuen Betroffenheitsbelletristik zählen.
Alle diese Berichte illustrieren vornehmlich die Binsenweisheit, dass einer keine Nazieltern haben musste, um unter ihnen zu leiden – wie umgekehrt gilt, dass ein lieber fürsorglicher Familienvater die allerbesten Voraussetzungen mitbringt, auch ein guter Nazi zu werden. Die gestandenen und geständigen Mittvierziger, denen die eigenen Bälger mit unangenehmen Fragen nach dem gegenwärtigen Mitläufertum auf der Nase herumtanzen, entdecken nun, dass sie vor allen Dingen die lebenslänglichen Kinder ihrer Eltern sind. Nicht von ungefähr forderte deshalb eine Psychoanalytikerin, welche die Selbstdiagnose dieses Personenkreises als repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ansah, die sofortige Umwandlung der Bundesrepublik in eine geschlossene Anstalt. Ihren Kollegen, so war im Spiegel zu lesen, warf sie vor, es versäumt zu haben, der »massenhaften Traumatisierung der Deutschen ins Auge zu sehen«.
Doch wie unheilbar gesund und in Sehnsucht nach Wiedervereinigung von Urahne, Großmutter, Mutter und Kind sich verzehrend die angeblich traumatisierten erwachsenen Kleinen sind, geht aus den Aufzeichnungen einer Autorin über sich und andere »Kinder der Täter« hervor. Dörte von Westerhagen, die ihr Hobby, Familienarchäologie, in Therapiezirkeln und Interaktionsseminaren professionalisiert hat, schreibt: »In dem verzweifelten Bemühen, sich von negativen Elternbildern zu befreien und gleichzeitig doch noch zu bekommen, wonach man sich sehnte, Verständnis, Zugang zu guten Eltern, machten wir später den Eltern den Prozess, klagten sie in Wut und Hass an und wurden unsererseits zum Verfolger.« Weder sie selbst, noch eine der Personen, von denen sie berichtet, hat sich je an den Eltern vergriffen wegen deren Nazivergangenheit; es hat sich alles, abgesehen vom Vaterschänder Frank, zum Guten gewendet. Nur gelegentlich werden durchschnittliche Kinder von Rachegelüsten gepackt und begehen dort einen Mord, wo die meisten Kapitalverbrechen geschehen: zu Hause. Das gehört zu den Betriebskosten der familiären Sicherungsverwahrung. Zu diesen Kosten rechnet die Autorin auch die für den deutschen Hausgebrauch verschärfte Anwendung des fünften Gebots: »Es geht außerdem darum, die Liebe zu den Eltern, wie belastet sie immer waren, möglich zu machen (es) entsteht ansatzweise auch Dankbarkeit...«
Mittlerweile handelt es sich zumeist um posthume Familienfürsorge. Auch der Vater des Bundespräsidenten, der ehemalige Staatssekretär mit hohem SS-Rang, kommt nicht in die Lage, das vom Sohn erneuerte juristische Beistandsangebot anzunehmen. Erstens ist er tot, und zweitens interessieren sich, so wie die Dinge liegen, die deutschen Gerichte bestimmt nicht für ihn. Wahrscheinlich würde er als Widerstandskämpfer anerkannt und trotzdem eine Pension beziehen. Denn nach eigener Aussage war seine Mitgliedschaft in NSDAP und SS ein persönliches Opfer, um das Schlimmste zu verhindern, das er gerade durch seine Tätigkeit im Auswärtigen Amt damals anrichtete.
Auch der Bundespräsident will immer das Schlimmste verhindern. Er ist die personifizierte Begrenzung des Schadens, den alle um die Familienehre, will heißen um die Reputation der Bundesrepublik Besorgten, abwenden wollen und doch so zielsicher herbeiführen. Und am Ende kommt immer heraus, was angeblich keiner gewollt hat: zum Beispiel die neue Lust am historischen Schuldbekenntnis der Deutschen.
Horkheimer diagnostizierte 1960 das »kleinlaut und formell gewordene Schuldgetue«, welches nur die Funktion habe, sich »zum rechten Patriotismus wieder das gute Gewissen zu machen«. Nach den tapsigen Auftritten des Kanzlers in Israel, in Bitburg und Bergen-Belsen hat sich kleinlaute Verdrücktheit in die stolze und vollmundig selbst von Helmut Kohl verkündete Einmaligkeit der deutschen Verbrechen verwandelt. Vor der als Historikerstreit bekannt gewordenen Ausrede, der Massenmord sei eine Doublette gewesen, rangiert nun die Verteidigung des Urheberrechts, der Anspruch auf Originalität: Auschwitz bleibt deutsch. Als Verbrechen zwar, aber doch auch als unvergleichliche Spitzenleistung.
Mit dieser Erklärung hat sich der Kanzler die offizielle Eintrittskarte zur »Zentralen Gedenkveranstaltung« am 9. November 1988 in der Frankfurter Synagoge erworben. Nachdem er sich bislang nur blamiert und immer bloß der Bundespräsident gute Zensuren ausgestellt bekommen hat, möchte er sich nun öffentlich bestätigen lassen, dass einige seiner besten Juden die Freunde der Deutschen seien.
Der inoffizielle Passierschein, mit dem der Kanzler zur Feierveranstaltung der neuen deutsch-jüdischen Symbiose durchgelassen wird, sieht hingegen anders aus – nämlich wie ein Bankauszug des verstorbenen Zentralratsvorsitzenden der Juden. Im Feudalismus wurden die Hofjuden physisch bedroht, damit sie den Finanzhaushalt des bankrotten Fürsten in Ordnung brächten; die Hofjuden, die sich die Bundesrepublik hält, werden finanziell unter Druck gesetzt, damit sie den angegriffenen Seelenhaushalt der Gesellschaft ausgleichen. Ihr oberster Funktionär hatte nämlich etwas getan, wovon abgestuft die ganze Bevölkerung seit der Nazizeit profitiert, und war in die Rolle des Vernichtungsgewinnlers geschlüpft, was deshalb als besonders skandalös galt, weil es ihn, wenn die Deutschen noch genügend Zeit gehabt hätten, eigentlich gar nicht mehr hätte geben dürfen. Als Werner Nachmanns1 Unterschleif bekannt wurde, meldeten sich sofort besorgte Politiker und warnten davor, das Vergehen dieses Nachahmungstäters antisemitisch auszuschlachten. Damit waren sie bereits zum Symptom der Krankheit geworden, die sie verhindern wollten.
Und so kommt Kohl nach Frankfurt. Weil er will, was alle wollen, nämlich die ganze deutsche Geschichte, ist die Kritik verstummt. Die Kritiker haben sich in bekennende Historiker verwandelt. Mit der Konkursmasse aus einer neuerlichen Pleite, nämlich mit den Trümmerstücken des friedensbewegten Patriotismus, beteiligen sie sich fleißig am Wiederaufbau der Nationalgeschichte. Sie wollen auch nichts anderes als Deutschland, nur Deutschland anders. »Die deutsche Geschichte – dreigeteilt niemals!« ruft es aus dem Kanzleramt, und aus dem Westberliner Arbeitszimmer Peter Schneiders schallt es zurück: »Es muss endlich ein Ende haben mit dem gekrümmten Gang. Die deutsche Geschichte ist länger als zwölf Jahre ...«
Einige Jahrzehnte vor Auschwitz hatte sein Dichterkollege Börries Freiherr von Münchhausen, der in keinem Schullesebuch fehlt, eine stimmige poetische Metapher für die deutsche Traditionsbildung gefunden – die Lederhose: »Ja – Geschlechter kommen, Geschlechter gehen, / hirschlederne Reithosen bleiben bestehen.«
Mit der nationalen Wiedergutwerdung der Deutschen, die am 9. November 1988 in der Frankfurter Synagoge jüdisch abgesegnet wurde und die Verwandlung der Bundesrepublik in Deutschland abschließen soll, werden andererseits die Juden aus dem runderneuerten Kollektiv, vor dem sie schon heute mit bewaffneter Polizei geschützt werden müssen, ausgeschlossen. Manchmal explodiert schon heute ein Sprengsatz in einem Gemeindezentrum; aber abgesehen davon ist, wie Politiker immer wieder versichern, das Verhältnis von Deutschen und Juden ganz normal.
Als Antwort auf die Mutation von deutschen Linken in linke Deutsche haben sich jüdische Linke in linke Juden verwandelt. Zu welch vergleichbar komischen Resultaten diese Veränderung geführt hat, liest man gelegentlich in der taz, wenn ohne Arg über jüdisch-christliche Andachtsrituale von Linken berichtet wird, die sich vorzugsweise in evangelischen Akademien treffen, um sich nach dem gemeinsamen Kiddusch ans heitere Beruferaten »Was bin ich?« zu machen.
Diese Frage beantwortet in einer eigens zu diesem Zwecke gegründeten Zeitschrift namens Babylon Dan Diner mit einer Variation auf das seit der Friedensbewegung in Deutschland beliebte Rollenspiel, sich für das Opfer zu halten, indem er sich als Max Horkheimer verkleidet und darauf hofft, man werde ihn verwechseln: »Wir jüdischen Intellektuellen, die dem Märtyrertod unter Hitler entronnen sind, haben nur eine einzige Aufgabe«, zitiert er aus den »Notizen« als blicke er in einen Spiegel. Herausschaut aber das austauschbare Gesicht der A13-Kultur. Nicht dem Märtyrertod ist er entronnen, entkommen ist er der Frankfurter Szene, was ja auch eine glückliche Schicksalsfügung sein kann. Vor Jahren schrieb er im Westend über den Nahen Osten ein Buch mit dem Titel: »Keine Zukunft auf den Gräbern der Palästinenser«, was nicht persönlich gemeint war: heute ist er Professor in Tel Aviv.
In der Bundesrepublik sind zum Jubiläumsjahr der »Kristallnacht« alle fleißig am Graben, Recherchieren, Renovieren und Publizieren, um sich mit der wiedergefundenen Einzigartigkeit der deutschen Geschichte über die eigene Mittelmäßigkeit hinwegzutrösten. Ein halbes Jahrhundert nach der wirtschaftlichen Ausplünderung der Juden, die 1938 einen Höhepunkt erreicht hatte, sind die Vertriebenen und Ermordeten zum Material einer gemeinnützigen Wachstumsindustrie geworden: There is no business like Shoahbusiness.
Die »Wiederjudmachung Deutschlands«, wie die Allgegenwart jüdischer Themen in den Medien von jenen bezeichnet wird, die in regelmäßigen Abständen den Deutschen erklären, dass Auschwitz kein Sanatoriumsaufenthalt für sie war, ist inzwischen zu einem flächendeckenden Arbeitsbeschaffungsprogramm geworden. Keine Gemeinde ist mehr ohne Judenreferent, jeder Sender hat seinen Vernichtungsexperten – die Nazis hätten sich die Finger nach so viel Fachleuten geleckt. Durch deren vereinigte Anstrengung gibt es zwar in der Bundesrepublik nicht weniger Antisemiten, nur weniger Arbeitslose, aber es wird durch sie noch einmal bestätigt, was zur Erfahrung der letzten Jahrzehnte gehörte: dass Erinnerung in Deutschland die höchste Form des Vergessens darstellt. Ihr Modell ist, vom Ende des Hauptbeteiligten abgesehen, der Eichmann-Prozess.
Nach seiner Festnahme in Argentinien wurde Eichmann aufgefordert, eine Erklärung zu unterschreiben, er sei einverstanden, vor ein israelisches Gericht gestellt zu werden. Diese Erklärung unterzeichnete er erst, nachdem er deren Sprache seinem grammatikalisch verkorksten Amtsdeutsch anverwandelt und ihr eine kuriose Bitte hinzugefügt hatte: »Nachdem ich mich nicht an alle Einzelheiten mehr erinnere und auch manches verwechsle und durcheinanderbringe, bitte ich, mir dabei behilflich zu sein, durch Zurverfügungstellung, durch Unterlagen und Aussagen, die meinen Bemühungen, die Wahrheit zu suchen, behilflich zu sein.«
Monatelang, Tag für Tag, erst im Gefängnis, dann im Gericht, bemühten sich die Prozessbeteiligten um den Angeklagten wie Pädagogen, die einem begriffsstutzigen Kind eine Vorstellung von dem zu geben suchen, was es angestellt hat. Doch die Mühe war vergeblich, Eichmann las die von ihm unterzeichneten Anordnungen, die ihm vorgehalten wurden, mit derselben Beflissenheit durch, mit der er sie einst ausgefertigt hatte. Er hatte gewissermaßen seinen Arbeitsplatz aus der Berliner Kurfürstenstraße in den Glaskasten im Jerusalemer Landgericht verlegt.
Die Verlaufsform der deutschen Vergangenheitsbewältigung ähnelt auf frappante Weise jenem juristischen Schauspiel in Jerusalem. Wie der ewige Student saßen die Deutschen in einer Art Dauerrepetitorium und zeigten sich resistent gegen jede Aufklärung über die eigene Vergangenheit. Weil der Student nun im annähernd neunzigsten Semester sich befindet und immer noch bei jeder Prüfung durchfällt, werden anlässlich des Pogrom-Jubiläums wieder zahllose Sendungen, Veranstaltungen und Ausstellungen als Nachhilfeunterricht angeboten. Damit nun der Kandidat nicht sofort wieder alles vergißt und zwischenzeitlich – wie bei der Bundeswehr geschehen – nicht symbolisch ein paar Juden verbrennt, bietet das erste Fernsehprogramm im Anschluss daran einen Intensivkurs über die Endlösung an: einen Mehrteiler über die Massenvernichtung vom Nordkap bis zur Ägäis. Um die Lernmotivation des Studenten kümmert sich ein ganzes Rudel von bislang arbeitslosen Lehrern, die nun den neugeschaffenen Beruf des Betroffensheitsarbeiters ausüben nach der Devise: »Wenn Sie bisher Juden ausrotteten, dann müssen Sie jetzt Judenpfleger sein.«
Diese Neufassung der Sonderbehandlung war einer der letzten Befehle, den Eichmann von Himmler erhalten hatte und nur mangels Gelegenheit nicht ausführen konnte. Der Umschwung wäre dem erklärten Hobbyjudaisten nicht schwergefallen. Statt seiner bemühen sich nun andere darum, diese Direktive zu befolgen. Mit pädagogischem Eifer sind sie darum bemüht, den Glaskasten in ein historisches Terrarium, in einen Erlebnisraum umzugestalten. Wenn einer schon nichts begreift, dann soll er wenigstens was zum Anfassen haben. »Ihre Neugier auf sinnliche Erlebnisse ist offensichtlich; die Phantasie möchte sich an der Retrospektive beteiligen«, schrieb W.F. Schoeller in der Süddeutschen Zeitung voller Sympathie für die Restverwerter, die angesichts der freigelegten Fundamente des jüdischen Gettos in Frankfurt ins Schwärmen gerieten. Weil es dort aber nur viel Steine und wenig Tod gibt, ist die Ausbeute an sinnlichen Erlebnissen mager. Von Arnulf Baring, dem Peter Alexander der deutschen Historiker, kam ein ganzes Bündel von Vorschlägen, diesen Erlebnishunger zu stillen, darunter die Anregung, in die sinnliche Wahrnehmung der Vergangenheit auch ein Schnupperstudium mit »Zyklon B« einzubeziehen. Das neueste Stimulanz zur Beflügelung des Lerneifers ist jedoch, nachdem die »Geschichte von unten« an ihre natürlichen Grenzen, ans Grundwasser, gestoßen ist, die »Geschichte von innen«. So bezeichnen Menschen, die die Geschichte lieben, aber ihresgleichen offenkundig nicht respektieren, ein Projekt, in welchem sie Überlebende in ihre »Geschichtswerkstatt« locken, um Hand an sie zu legen. Die einst Verfolgten und Gequälten sollen dort, möglichst naturgetreu, ihr Opferschicksal rekonstruieren. In einem Versuchsprotokoll heißt es: »Der Zeitzeuge berichtet nicht nur mündlich, sondern er durchlebt gemeinsam mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern noch einmal den geschichtlichen Vorfall. Bei allen Beteiligten, nicht nur bei S. selbst, führte dies zu tiefen und eindringlichen emotionalen Reaktionen. ›Betroffenheit‹ wurde vom Schlagwort zur Realität.«
Zwei prominente Beutestücke, die den Jägern der verlorenen Einmaligkeit wieder in die Hände gefallen sind, liegen in Berlin: die ausgebuddelten Gestapo-Keller und die Wannsee-Villa, wo 1941 bei einem Arbeitsfrühstück die Richtlinien der Massenvernichtung beschlossen wurden.
Diese Villa soll, wie das Gruseltroja an der Mauer, als eine Art Spukschloss am Wannsee künftig das Pflichtprogramm von Klassenfahrten nach Berlin ergänzen. Und die Historiker, die die deutsche Selbstfindung in der Professoralform und im Feuilleton versanden ließen, sollen hier wieder zur aktuellen Eingreiftruppe werden. In einer Art Neuauflage der Wannseekonferenz, die den Neid alternativer Freilandhistoriker auf sich zöge, könnten dann jene seit der TV-Sendung »Holocaust« unvermeidlichen Expertenrunden stattfinden. In der Atmosphäre des neuen Bekenntnisses zur Einzigartigkeit würde dann gewiß die immer noch brennende Streitfrage nach der maximalen Kapazität der Verbrennungsöfen zufriedenstellend geklärt.
Damit ein solcher Ort jedoch richtig zum Übungsgelände für Identität und Nationalbewusstsein wird, dafür müssen dann die Kleinkünstler der Selbstwiedergutmachung sorgen – die Schriftsteller. Denn wo die Begriffe fehlen, da stellt sich eine Lesung ein. Und dafür, dass ihn vom Kanzler bis zum Regierenden Bürgermeister alle plagiieren, könnte sich Peter Schneider dann mit einer Lesung aus »Vati«2 revanchieren.
1988
Zweimal 9. November
Oder: Die Juden sind unser Glück
»Kinder, es lebe die Nachkriegszeit, denn bald wird sie wieder zur Vorkriegszeit.«
Song aus dem Film »Wir Wunderkinder«
Erinnert sich noch irgend jemand an den sogenannten Historikerstreit? An jene einschläfernde Debatte über die jüngere deutsche Geschichte, an jene bloß akademische Auseinandersetzung, die in Wirklichkeit längst entschieden war, ehe sie in der Professoralform nochmals verschied und aufwendig in Feuilletons und zwischen Buchdeckeln beerdigt wurde? Das Klagelied über »die Vergangenheit, die nicht vergehen will«, hat sich nach dem 9. November 1989 in einen Triumphgesang verwandelt, mit welchem der unbefleckte Wiedereintritt in die Weltgeschichte gefeiert wurde. Kaum war die Grenze innerhalb Berlins einen Spaltbreit geöffnet worden, da fielen im Bonner Parlament schon alle Schranken: die Fraktionen grölten die Nationalhymne. Das hatte es zum letzten Mal Anfang 1933 gegeben.
Berlin ist der Ort, an welchem die deutsche Nachkriegsgeschichte für alle sichtbar zu Ende geht. Mit der Öffnung der Mauer brach freilich nicht nur die Begrenzung eines von Deutschen erstmals für die eigene Bevölkerung errichteten Gettos zusammen, sondern mit jedem Stein, der aus der Mauer gehämmert wurde, fiel auch allen eine Zentnerlast vom Herzen: das letzte markante Erinnerungszeichen daran, dass die Deutschen den Zweiten Weltkrieg doch nicht gewonnen hatten, begann zu verschwinden. Die Teilung hatte dieses Land, wie man nun sehen konnte, nicht halbiert, sondern vor allem dessen Bereitschaft zur vorsätzlichen Amnesie verdoppelt. Und der Regierende Bürgermeister von Berlin brachte die mit Hämmern und Alkohol durchgeführte Selbstabsolution auf die von allen Politikern übernommene Formel, dass dieser Tag ein historisches Datum sei. Die total entsorgten Gemüter und ihre freiwillig gleichgeschaltete Presse mussten erst wieder vom Ausland daran erinnert werden, dass dieses Datum längst ein historisches war. Doch inzwischen lief das »glücklichste Volk der Erde« (Momper) schon in T-Shirts herum, auf denen zu lesen war: »9. November – ich war dabei«. Die Veteranen werden sich über diese generationsübergreifende Wiedervereinigung gefreut haben.
Das übermächtige kollektive Verlangen, den Prozess der nationalen Rehabilitierung der Deutschen als Deutsche endlich zum Abschluss zu bringen, kulminierte ein Jahr zuvor noch darin, dass 1988 Deutsche und Juden sich heftig versöhnten. Woran indes die damalige Zeremonie noch krankte, war nun behoben: nun fielen sich nur rein Deutsche in die Arme.
Aus dem von einer Mauer umgebenen Gefängnis ihrer eigenen Geschichte befreit, machten sich die Prolet-Arier auf, um sich mit der Drohung »Wir sind das Volk« mit ihren bislang von einer starken Währung, Schweizer Schokolade und amerikanischer Kultur im Zaum gehaltenen Brüdern und Schwestern in einer Abstammungsgemeinschaft zu vereinigen.
Die Wiedervereinigung mit der deutschen Geschichte ging dem nationalen Zusammenschluss voraus. Für die historische Versöhnung hatte man die Juden noch gebraucht. Mit der im November endgültig und unwiderruflich vollzogenen Verwandlung der beiden deutschen Staaten in die, wie sich rasch zeigen sollte, völkische Einheit Deutschland, waren hingegen die im letzten Jahr so ausgiebig gefeierten Juden als Seelentröster ganz entbehrlich geworden.
Aus der schon immer an Israel, dem beliebtesten Tummelplatz deutscher Selbstentlastung, gewonnenen Einsicht, es sei niemand besser als die Deutschen, machte der Herausgeber des Spiegel Rudolf Augstein einen aktuellen kategorischen Imperativ: »Warum ein geteiltes Berlin, wo doch für Jerusalem trotz aller ethnischen- und Annexionsprobleme gelten wird: Zweigeteilt? Niemals«, schrieb er am 6. November 1989, als käme er aus einer jenseitigen Redaktionskonferenz Axel Springers zurück, der dies fast wörtlich vor über zwanzig Jahren geschrieben hatte. Um jedoch Verwechslungen mit dem vergleichsweise gemäßigten Chauvinismus der Bild-Zeitung auszuschließen, fügte Augstein noch folgenden Satz hinzu: »Dies falsche Gewicht wird die junge Generation, weil das nämlich nichts mit Auschwitz zu tun hat, nicht mehr mittragen.« Mit anderen Worten: es sollte niemand etwas tun dürfen, was den Deutschen untersagt ist, schon gar nicht die Juden.
Andere Zeitungen ersparten sich den langen Umweg über Israel und wiesen mit je nach Klientel verschiedenen Andeutungen darauf hin, dass jener flüchtige Staatssekretär der DDR, der nicht so muffig und spießig gelebt hatte wie seine nun vom volksgemeinschaftlichen Sozialneid heimgesuchten Landsleute, dass jener Mann, der Devisen in die Schweiz geschafft hatte, Jude sei. Mit einem catch-word des stalinistischen Judenhasses rüstete die taz das Ressentiment ihrer antifaschistischen Leserschaft auf und teilte unter der Überschrift »Die Biografie eines Kosmopoliten« mit, dass auch ein Mitarbeiter des Devisenhändlers nun völkisch identifiziert worden war. »Wir sind das Volk« skandierten unterdessen diejenigen, die bloß gern wie die geschassten Funktionäre im schäbigen Neckermann-Luxus daheim wären. Und der DDR-Staatssekretär Schalk-Golodkowski wußte, als er sich absetzte, dass man besser die Koffer packt, wenn in Deutschland sich die Bevölkerung in das Volk verwandelt. Er wollte nicht jenen in die Hände fallen, die über Nacht aus Mitläufern zu einer nach Ermittlungskommandos gegliederten Volksgemeinschaft geworden waren.
Wie es zum Selbstbild der bundesrepublikanischen Gesellschaft gehört, die Deutschen seien das erste Opfer Hitlers und die Nachkriegsgesellschaft eine Vereinigung von Hinterbliebenen gewesen, so präsentierte sich die Bevölkerung der DDR vom untersten Volkspolizisten bis zum höchsten Parteifunktionär als allesamt von ein paar Schurken betrogene Idealisten. Und natürlich hatten alle von nichts gewusst. Mit diesen Auskünften war auch dem letzten Zweifler im Westen klar, nicht, dass hier jemand seine sofortige Entmündigung verlangte, sondern dass es sich bei dem Mob, der nun zur Parole »Deutschland einig Vaterland« überging, tatsächlich um die eigenen Brüder und Schwestern handeln musste. Und gerade dieser Nähe wegen werden sie sich, wenn die Familienfeier erst einmal vorüber ist, auch künftig nicht ausstehen können.
Einer mit ganz ausgeprägtem Familiensinn in diesen bewegten Tagen war der Schriftsteller Martin Walser. Seit er an der Teilung Deutschlands litt, genas seine Literatur zusehends. Und die völlige Wiederherstellung seiner Gesundheit vermeldete er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit einem schwärmerischen Lobgesang auf die Medizin: »Es gibt das Volk, das ist jetzt bewiesen.« Bewiesen war freilich nur, über welche Klarsicht die Nazis damals verfügten mit der Aufforderung: »Nun Volk steh auf und Sturm brich los!« Nun stand ein Begriff auf, und als die Sache losstürmte, wollten viele den Anschluss nicht verpassen. Auch die Grünen nicht. Ganz so, als sei dieser Begriff zwischenzeitlich nur eingemottet gewesen und habe etwas Staub angesetzt, holte ihn Joschka Fischer frischgebügelt aus der historischen Tiefendimension hervor: »Zum ersten Mal auch seit der blutigen Niederschlagung von 1848 hat der Begriff ›Volk‹ wieder einen guten, einen aufrechten Klang«, blochte er in der taz. Dieser »gute, aufrechte Klang« hallte wieder in den »Rote raus!«-Parolen der fundamentalistischen Montagsumzüge in Leipzig; er hallte wieder in den Schlägen, mit denen die vom Parteimitglied zum Volksgenossen aufgestiegenen Befehlsempfänger ihrer inneren Stimme nun Ausländer malträtierten; er hallte schließlich wieder im Geräusch umstürzender Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen – einer Morgengabe, auf welche noch keine deutsche Volksbewegung verzichten wollte.
Dabei hätten die Deutschen doch Grund genug, gerade den Juden für den erfolgreichen Abschluss ihrer nationalen Selbstfindung dankbar zu sein. Noch im letzten Jahr hatten sie sich in zahlreichen Ausstellungen, im Radio und im Fernsehen, in Geschichtswerkstätten und in neu gegründeten jüdischen Museen über die Toten hergemacht. Je heftiger sie sich mit jüdischen Toten beschäftigten, desto lebendiger wurden sie selbst. Je gründlicher sie erforschten, was jüdisch sei, desto fundamentaler erfuhren sie sich als Deutsche; kurz: am 9. November 1989 wurde ein kollektives Bedürfnis befriedigt, das der manischen Beschäftigung mit den Juden logisch von Anbeginn zugrunde lag. Seit alle wieder Deutsche sind, müsste es deshalb bei ihnen in unbefangener Umkehrung eines alten Grundsatzes nationaler Selbstvergewisserung heißen: »Die Juden sind unser Glück.« Denn was wäre ohne sie aus der Endlösung der deutschen Frage geworden?
1989
Biotop mit toten Juden
Jede Untat hat auch ihre guten Seiten. Der Dieb stiehlt, damit wir das Privateigentum verteidigen, der Mörder mordet, damit wir das Gewaltmonopol des Staates anerkennen. Jedes Laster verweist auf die Tugend: ohne Verbrechen also keine Moral. In den Zustand dieser prästabilierten Harmonie von Gut und Böse ist mittlerweile auch die jüngere deutsche Geschichte aufgestiegen, nachdem allgemein anerkannt ist, »dass Deutschland der Welt viel mehr geschenkt hat als Auschwitz je kaputtmachen könnte« (Schönhuber). Schließlich: ohne Hitler kein Staat Israel, ohne die Vertreibung keine Exilforschung und ohne die Vernichtung der Juden keine Woche der Brüderlichkeit.
Vor dem Hintergrund dieser neuen Ausgewogenheit, die von einem hauptamtlichen Geschichtsverwalter mit der ansprechenden Dienstbezeichnung »Leiter des Referats ›Gedenkstätten‹ in der Berliner Senatskanzlei« als »eine erwachsene Form nationaler Identitätssuche« bezeichnet wurde, ist der Enthusiasmus zu sehen, welchen gegenwärtig eine Ausstellung der Berliner Festspiele auslöst: ohne deutschen Lebensraum keine »Jüdischen Lebenswelten«. Die gigantische Ausstellung im Gropius-Bau wird flankiert von einer Reihe weiterer Ausstellungen in der Akademie der Künste, auf dem jüdischen Friedhof Weißensee und im Haus der Wannseekonferenz. Und wer alle dazugehörigen Führungen, Konzerte, Theater- und Filmveranstaltungen, Vorträge und Lesungen besucht, wird dann bis Ende April wahrscheinlich den Zustand geistiger Verwirrung erreicht haben, den der Berliner Kultursenator schon im Januar bei der Eröffnung einer Ausstellung an den Tag legte, als er sich nicht zu entscheiden wußte, ob die Nazis nun besiegt worden waren, abgetreten sind oder einfach »Tschüss« gesagt haben. Er entschied sich dann doch für: abgetreten.
Während des Historikerstreits hatte der Kanzler ein Machtwort gesprochen: die deutschen Verbrechen seien unvergleichlich und einzigartig. Sein feinsinniger Vorgesetzter Weizsäcker übernahm nun die Schirmherrschaft über die »Jüdischen Lebenswelten«, eine andere Spitzenleistung, nach der es ohne die vorausgegangene kein Bedürfnis gegeben hätte. Vor fünfzig Jahren hatten die Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten Millionen von Juden aus aller Herren Länder ordentlich eingesammelt und fürsorglich umgebracht. Zum Jubiläum wurde, wie es anerkennend in der linken Wochenzeitung Freitag hieß, der Versuch gemacht, was übrig geblieben war, »praktisch wieder einzusammeln«. Auf 4500 Quadratmetern sind fast 2500 Objekte von über 300 Leihgebern aus aller Welt zu sehen, eine Meisterleistung, auf die Festspielintendant Eckart besonders stolz ist: »... die bedeutendste Ausstellung von Handschriften, die es weltweit je gegeben hat«. Man gedenke mit dieser Ausstellung auch »des versuchten Völkermordes der deutschen Reichsregierung an den europäischen Juden«, fährt er im Geleitwort des Katalogs fort in der Gewissheit, dass versuchter Völkermord strafbar, aber eine derartige Bemerkung über den Dilettantismus der Nazis ungeahndet bleibt. Ohne die Todeslager keine »Jüdischen Lebenswelten«. Die Aufeinanderfolge gehorcht dem deutschen Grundsatz: erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Erst wurden die Juden bürokratisch vernichtet, jetzt werden sie gefühlig veredelt. Die niederen Instinkte, von denen die pflichteifrigen Normalvergaser bei ihrer Dienstausübung ja gar nicht getrieben wurden, kommen erst fünfzig Jahre später und als erhebende Gefühle zutage. Insofern sind die Deutschen erst nach Auschwitz zu Rassisten geworden, die ihren psychischen Haushalt mit der vergleichsweise ungefährlichen postmortalen Sonderbehandlung der Opfer regulieren.
Alle beteuern angesichts der kulturellen Materialschlacht, wie groß der Verlust durch die Austreibung und Ermordung der Juden sei. Doch diesen Verlust hat in den letzten fünfzig Jahren nicht nur niemand verspürt: es ist gar keiner. Denn in Wahrheit hat die Massenvernichtung bewiesen, erstens, dass man sie veranstalten kann, und zweitens, dass ein derartiges Verbrechen langfristig gut ausgeht und sich nicht nur in Exportquoten, sondern auch in Ausstellungen, also in Kultur auszahlt. Die Klage über den Verlust ist ohnehin nicht ernst gemeint. Es handelt sich dabei um eine weinerliche Selbstbezogenheit, nicht um Trauer über andere, sondern um Mitleid mit der eigenen Banalität, kurz: um die Behauptung, die Deutschen hätten sich mit ihren Verbrechen selbst etwas angetan. Indem sie sich nun vor Bildern und Porträts bekannter Persönlichkeiten versammeln, versichern sie sich in einer Art posthumer Familienzusammenführung, dass sie selbst den Verlust eines berühmten Onkels oder einer wohlhabenden Tante zu beklagen hätten.
Stärker noch als das Bedürfnis der Sieger, sich als Opfer einer kulturellen Selbstverstümmelung zu fühlen, ist indes ihr unersättliches Verlangen, die einst Ausgestoßenen sich auf jede nur denkbare Weise einzuverleiben, sei es durch die grassierende Vorliebe für jüdische Vornamen, die peinliche Überwachung israelischer Politik, den ununterbrochenen christlich-jüdischen Dialog, die Inbesitznahme jiddischer Folklore oder eben durch die »Jüdischen Lebenswelten«, der multikulturellen Version wie begrifflichen Zusammendrängung zweier deutscher Konzepte: von Lebensraum und Weltjudentum. Die Ausstellung im Gropius-Bau ist eine mitunter wegen Überfüllung geschlossene Wallfahrtsstätte, an der sich die Besucher in einer Atmosphäre von Betroffenheit und Lust über die Toten hermachen, um deren imaginierte Eigenschaften zu verzehren. Im Unterschied zur selbstlosen Niedertracht der Nazis gehorcht diese frivole Kommunion dem ganz eigennützigen Zweck jener »erwachsenen Form nationaler Identitätssuche«, deren heimliche Devise lautet: am jüdischen Wesen soll Deutschland genesen.
Überhaupt soll, nach so viel Jahren trübsinniger Vergangenheitsbewältigung, bei dieser Jubiläumsfeier alles fröhlicher werden: nicht mehr schämen, sondern schunkeln. Vor gut einem Jahrzehnt hieß es noch: »Das Opfer tröstet den Henker«; heute kann man anlässlich jiddischer Folklore-Abende und Klezmer-Musik vom Fortschritt der Entspannung lesen: »Wenn Max Epstein mit seinem ›Yidish Lidele‹ vor das Mikrofon tritt, hat er auch die hintersten Eckensteher im Saal schnell zum Mitsingen animiert.« Denn die Deutschen sind des trocknen Tons satt und wollen endlich zum geselligen Teil der Fortbildung übergehen. »Immer aber wird in diesem Prozess die sinnliche Anschauung besonders wichtig sein«, verspricht deshalb verführerisch das Programmheft der »Jüdischen Lebenswelten«, um allerdings einen Atemzug später darauf hinzuweisen, dass man doch besser zuhause bleibt: »Sinnliche Anschauung wiederum vollendet sich dann, wenn ganz bewusst die menschliche Begegnung stattfindet.«
Wie berechtigt diese Warnung ist, zeigt die Ankündigung eines Theaterstücks, dessen degoutantem Titel »Der Liebesgesang der Alphabete von Auschwitz« eine Erläuterung beigefügt ist: »Auschwitz steht als Symbol für die Sprachlosigkeit, zeigt die Gefahren auf, denen der Mensch unterliegt, wenn er sich ins Unbenennbare begibt. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit durch Vertreter der zweiten Generation erweitert die Wahrnehmungsperspektive in Richtung Gegenwart«. Veranstaltet wird diese bewusste menschliche Begegnung des dritten Grades von einem Verein mit dem programmatischen Namen »Kultur-Brauerei«.
»Einladende Erlebnisräume« werden im Gropius-Bau versprochen. Wer indes dort enttäuscht vor Glasvitrinen steht und die Animateure vermisst, kann sich in eine Veranstaltungsreihe an der Akademie der Künste einschreiben. Dort begleitet eine »Jugendtheaterwerkstatt Spandau« die Ausstellung über jüdisches Theater in der Nazizeit mit einem Workshop, bei dem es Geschichte zum Anfassen gibt. Noch vor einiger Zeit hatten Museumspädagogen gemeint, das Riechorgan sei für eine Versinnlichung der deutschen Geschichte entscheidend und hatten für das geplante Deutsche Historische Museum den Nachbau einer Vergasungsanlage mit echtem Zyklon-B-Geruch vorgeschlagen. Anstelle dieses eingeschränkten Schnupperstudiums setzen die Pädagogen der »Jugend-Theaterwerkstatt« auf ganzheitliche »spielerische Vor- und Nachbereitung des gemeinsamen Ausstellungsbesuchs«, auf »Warming up« und »körperliche Spiele«. Und sollte sich beim symbolischen Aufwärmen eines Juden oder beim pädagogischen kontrollierten Fausthieb an der Rampe einer der Schüler zu sehr in die Nazis einfühlen, dann hat er sich damit für eine Gruppentherapie bei Margarete Mitscherlich qualifiziert. Dort können, wie die Psychologin in Berlin vorschlug, Jugendliche den »Hitler in uns« anerkennen, indem sie um den toten Führer trauern. Diese Fähigkeit zu trauern sei die Voraussetzung für Toleranz und Völkerverständigung. Derart abstrus hat noch niemand in Deutschland zur Bildung einer kriminellen Vereinigung aufgefordert.
Wem Geschichte von innen nicht liegt, der kann Geschichte von unten kennenlernen. Der natürliche Ort, an dem Geschichte sozusagen von ganz unten betrachtet werden kann, ist der Friedhof, gegenwärtig vorzugsweise der jüdische Begräbnisplatz. Der größte liegt in Berlin-Weißensee. Zumeist verfallen und von Wildwuchs überwuchert, bietet er sich als reizvolles Erholungsgebiet für alle jene an, die auf dem beschwerlichen Weg der historischen Selbstfindung nicht nur über Leichen gehen wollen, sondern gleichzeitig ins Grüne. Der jüdische Friedhof ist für dieses Bedürfnis historischer und ökologischer Lebensraum zugleich, ein Biotop mit toten Juden, in welchem abwechselnd randaliert und restauriert wird in der Absicht, die drängende Frage: »Wer bin ich?« zu beantworten.
Während der Autor eines Fotobandes über die jüdischen Friedhöfe Berlins seine Recherchen von einem Geburtsfehler, einem »Grunddilemma«, wie er schrieb, beeinträchtigt sah, nämlich von dem Umstand, »als Nichtjude von außen eine hingemordete Kultur zu rekonstruieren«, demonstrierten vor einiger Zeit, im damals noch antifaschistischen Ostberlin, einige Jugendliche auf handgreifliche Weise, dass auch sie mit einem völkischen Restrisiko auf den Friedhof gekommen waren. Erst bei der Zerstörung von jüdischen Grabsteinen, so die Halbwüchsigen vor Gericht, hätten sie sich richtig als Deutsche gefühlt. »Primitive Rechtfertigungsversuche, wie man sie in einer Welt hört, die nicht die unsere ist«, schrieb damals der Gerichtsreporter der Ostberliner Wochenpost über die werktätigen Friedhofsbesucher seiner Stadt, in welcher die jüdischen Friedhöfe auch ohne randalierende Nachhilfe verrotteten.
Dass jüdische Friedhöfe gerade bei jenen Zeitgenossen, die sich für die besseren Deutschen halten, gegenwärtig so starke Beachtung finden und sich Fotos mit Gruften im Oktoberlicht bei Lesern oder Ausstellungsbesuchern so großer Beliebtheit erfreuen, hat wenig mit Juden zu tun. Wie jedes Erinnern heute, so ist auch die Verzückung, mit der die nekrophilen nichtjüdischen Mitbürger zurzeit scharenweise auf jüdischen Friedhöfen einfallen, nicht selbstlos. Der gefühlige Rundgang soll den vergangenen Schrecken mildern und den künftigen – nämlich die Drohung, so spurlos wie die meisten Juden zu verschwinden – bannen, indem der unerträgliche Gedanke an den Rauch aus den Schornsteinen durch die nostalgische Hinwendung zur pittoresken Endlagerstätte ersetzt wird.
Die euphorische Wiederentdeckung der jüdischen Totenwelt, die mit der Begeisterung für die »Jüdischen Lebenswelten« einhergeht, zeugt indes nur von der allen dämmernden Erkenntnis, dass es für ein Eingedenken, welches diese Bezeichnung verdiente, längst zu spät ist. Denn das vorsätzliche Vergessen der Ermordeten – ein Kalkül der Nazis, das erst nach deren militärischer Niederlage richtig aufging – hat auch schon die Überlebenden aufgesogen. Wie die Postsendung an einen unbekannt verzogenen Empfänger, so wurde die von der ganzen Gesellschaft nach 1945 einvernehmlich formulierte Botschaft, mit der die Ermordeten zu Nichts, zu Phantomen erklärt wurden, an den Absender retourniert: und mit einem Mal standen die Deutschen als betrogene Betrüger da, selber nur Überhang auf Abruf. Diese selbstproduzierte Nichtigkeit konnten sich die Zeitgenossen offenbar nur dadurch erklären, dass sie sich nun ihrerseits zu Opfern machten, wahlweise der Siegermächte, der Bombe, der Verseuchung oder Überfremdung. Selbst die deutsche Wiedervereinigung, die wie jede echte deutsche Volksbewegung die Verwüstung jüdischer Friedhöfe einschloss, hat nicht die von allen erhoffte Erlösung aus dieser Nichtigkeit gebracht, sondern nur Frustration und Katzenjammer.
Der Wunsch, die Verdrängten mögen nicht wiederkehren, liegt dem thanatologischen Enthusiasmus zugrunde, mit dem die Grabpfleger von heute an ein Werk gehen, das doch bloß ihre eigene Seele pflegen soll, aber sie kommen zu spät. Denn die Selbstangleichung der Lebenden an die Nichtswürdigkeit, die den Ermordeten in der Erinnerung zugedacht war, ist bereits vollzogen. Und weil es auch im Leben schon nicht mehr auf sie ankommt, ziehen deshalb immer mehr Menschen in Deutschland die Bestattung im anonymen Großgrab vor. Rund achtzig Prozent der Bevölkerung sterben ohnehin in Krankenhäusern, Alters- und Pflegeheimen, und deren kostengünstige Fortsetzung ist das Massengrab: einfach, billig und pflegeleicht.
Die individuelle Grabstätte auf einem jüdischen Friedhof hingegen ist nach jüdischer Tradition unaufhebbar. Dieser Umstand zieht nicht nur den heimlichen Neid all derer auf sich, an die sich schon zu Lebzeiten niemand erinnert, sondern regelmäßig auch die Zerstörungswut jener, denen jedes jüdische Grabmal ein Stein des Anstoßes ist, weil es auf die deutsche Barbarei hinweist. Insofern sind die Verwüstungen jüdischer Friedhöfe, wie Horkheimer und Adorno in der »Dialektik der Aufklärung« schrieben, keine Ausschreitung des Antisemitismus, sondern dieser selbst. Er hat seine Opfer überlebt, denen nicht vergeben wird, dass sie ermordet wurden. Und noch ehe im Golfkrieg eine irakische Rakete auf Israel niedergegangen war, konnte man sich von der deutschen Treffsicherheit auf jüdischen Friedhöfen überzeugen. Hätten die alternativen Freilandhistoriker vor Jahren den jüdischen Friedhof gleich zum Abenteuerspielplatz gemacht, anstatt sich gegenseitig mit Webtechniken, Mundarten und Volksliedern zu quälen, dann hätten sie vielleicht schon damals eine Antwort auf die auch nach der Wiedervereinigung noch unbeantwortete deutsche Hauptfrage erhalten, was denn Heimat sei. »Zu den lächerlichen Unwahrheiten, die die Juden über sich verbreiten lassen, gehört ja die Rede vom Wandervolk«, schrieb Arnold Zweig 1936 in der Weltbühne in einem Nachruf auf Tucholsky. »Ließe man sie einmal in Ruhe, sie gingen nicht mehr vom Fleck. Wo die Gräber ihrer Vorfahren sind, da spüren sie ihre Wurzeln.« Jahrzehnte, ehe Ernst Bloch mit dem einzigen Satz, den alle gelesen haben, dem Schlusssatz seines »Prinzip Hoffnung«, der deutschen Heimatbewegung zuraunen sollte, dass der Ort ihrer Sehnsucht allen in die Kindheit scheine, aber noch niemand dort gewesen sei, hatte Zweig, der von einem ähnlichen Verlangen umgetrieben wurde, unfreiwillig eine radikale Definition von Heimat formuliert: es gibt sie allein sechs Fuß unter der Erde.
So hat alles seine schlechte und seine gute Seite. Auch Auschwitz. Damals hieß es täglich im Stürmer: »Die Juden sind unser Unglück.« Selbst die älteren Ausstellungsbesucher und Friedhofstouristen sehen heute, dass man sie mit diesem Slogan fast um die halbe Wahrheit betrogen hätte: »Für mich ist es immer wieder erstaunlich«, erzählte ein 62jähriger Rentner der taz, »wie viele Geistesmenschen aus dem Judentum hervorgegangen sind. Ich sag’s mal auf berlinisch: Irgendwas muss an der Rasse doch dran sein ... dass die Juden immer wieder ein – zunächst mal – positiver Bazillus sind, der in der Kultur etwas bewegt.« Er traf damit genau jenen »positiven Kontrapunkt«, den der Festspielleiter »gegen die Bilder der Zerstörung und des Todes« mit der Ausstellung setzen wollte.
Bei einer Pressekonferenz wiesen die Veranstalter außerdem darauf hin, wie außerordentlich wichtig eine solche Ausstellung angesichts des wachsenden Rassismus sei. Und alle nickten, nur Woody Allen nicht, denn er war gar nicht dabei. Doch von ihm stammt der vernünftigste Kommentar zu den pädagogischen Absichten der »Jüdischen Lebenswelten«: »Ich bevorzuge Baseballschläger«.
1992
Die Banalität der Guten
Dienstjubiläum 1989
Wer als Angestellter eines Kaufhauses oder einer Sparkasse lange genug durchhält, wird für seine masochistische Standhaftigkeit mit einer Armbanduhr und einem Händedruck vom Chef belohnt. Bei der Ehrung langgedienter Filialleiter gibt es eine richtige Feierstunde mit Häppchen und Kulturprogramm. Der Aufsichtsrat erscheint, Lobreden auf den Jubilar werden gehalten, Präsentkörbe werden verteilt und man stößt auf das Wohl der Firma an.
Ähnlich aufregend war Anfang April 1989 die Feier für Heinz Galinski, der sein 40jähriges Amtsjubiläum als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlins beging. Der wie für einen bunten Nachmittag der Ortskrankenkasse dekorierte Saal füllte sich mit den zumeist angejahrten Betriebsangehörigen, mit den Experten für christlich-jüdische Versöhnung, den Vertretern deutsch-israelischer Kameradschaftspflege, den Fachleuten für dialogisches Denken, professionellen Philosemiten, mit ökumenischen Organisatoren, mit nichtjüdischen Elternpaaren, deren Sprösslinge die jüdische Schule besuchen, weil es dort angeblich intelligenter zugeht, mit spirituellen Gesinnungstätern, mit verkniffenen Konvertiten, protestantischen Freizeitjudaisten und nicht zuletzt mit Politikern; mit einem Wort: wie bei anderen vergleichbaren Anlässen waren die Juden von erbarmungsloser deutscher Gutwilligkeit aller Schattierungen umzingelt.
Mit Walter Momper an der Spitze war der neue Aufsichtsrat fast vollständig anwesend. Und nach den Querelen der vergangenen Tage strahlte dieses Gremium angesichts lebender Juden noch immer jene Harmonie aus, die sich bei der Besichtigung toter Juden zwischen ihnen eingestellt hatte.
Wie erinnerlich ging den Berliner Koalitionsverhandlungen zwischen SPD und Alternativer Liste 1989 ein gemeinsamer Rundgang durch die Ausstellung »Aus Nachbarn wurden Juden« voraus. Zwar wurden, wie man weiß, aus Nachbarn zumeist Antisemiten, aber derlei Spitzfindigkeiten trübten weder den Genuss des historischen Vitaminstoßes, mit dem die beiden Parteien ihre Annäherung begossen, noch hinderte sie dieser Umstand daran, die Umkehrbarkeit des Ausstellungstitels am lebenden Objekt zu demonstrieren: aus Juden seien Nachbarn geworden, war deshalb das mehrfach variierte Motto der Jubelfeier. Und für die 40jährige Anpassung an die Hausordnung wurde Galinski mit einer Vertrauensstellung belohnt. Den Worten des Regierenden Bürgermeisters zufolge übernimmt der Gemeindevorsitzende, nachdem er jahrelang im Außendienst für das internationale Ansehen der Firma BRD tätig gewesen war, nun eine Tätigkeit im Innendienst, eine Art moralische Hauswartsstelle: »Er trägt dazu bei, dass wir die Lehren aus der Geschichte ziehen.« So profan wollte es der Berliner Bischof Kruse nicht sagen. Er nobilitierte Galinski zum himmlischen Scherenschleifer, womit er allerdings nur die mentale Schurbedürftigkeit seiner eigenen evangelischen Herde hervorhob: »Die jüdische Gemeinde ist ein Segen Gottes, um das Gewissen zu schärfen.« Für diesen Dienst christlicher Nächstenliebe durch einen Juden, der gelegentlich die Täter daran erinnerte, dass sie welche waren, hätte der Bischof den Gemeindevorsitzenden, wie er sagte, am liebsten mit einem »Bruder Galinski« belohnt.
Vorbei ist die Zeit, so wurde bei dieser Veranstaltung deutlich, dass Galinski wie andere jüdische Funktionäre ihre Rolle als Hofjuden der nachfaschistischen Ära hauptsächlich damit ausfüllen sollten, für die Bonität der Firma auf dem Weltmarkt zu bürgen oder zu Hause die Henker zu trösten.
Die CDU-Politikerin Laurien stellte den im Namen ihrer Partei verlesenen Glückwunsch ausdrücklich »unter ein Motto des Talmud« und erinnerte dankbar an jene nun zu Ende gegangene Periode, in der die Opfer als verständnisvolle Therapeuten ihrer ehemaligen Peiniger aufgetreten waren: »Sie haben nicht auf Vergeltung, sondern auf Begegnung gesetzt.« Selten wurde der Tatbestand der unerlaubten Doppelbestrafung so präzise formuliert und so nachdrücklich gutgeheißen: nicht nur, war damit gesagt, haben die Juden auf Rache verzichtet, sondern sie haben diesen Verzicht außerdem noch teuer bezahlt mit einer Sache, deren Leitgedanke seinen Ausdruck im sprachlichen Schwellkörper »Begegnung« gefunden hat.
Galinsksi sei ein »unbequemer Mahner«, attestierten ihm alle Redner, als zahlten sie ihm nun, da sie ihn aufs Altenteil hinweglobten, mit einem Jagdschein die vielen Persilscheine der Vergangenheit heim. Gelegentlich nicht unbequem genug, fügte launig der Regierende Bürgermeister im Bewusstsein hinzu, dass er mit dieser Bitte nach einem Schuss Altersradikalität die Machtlosigkeit des mit den Gewissensverwaltung beauftragten Gemeinde-Vorsitzenden bekräftigte.
Auch die Gratulantin Heidemarie Bischoff-Pflanz von der Alternativen Liste, die Galinski staatstragendes Verhalten, nämlich »konstruktive Kritik«, kurz: ein guter Jude geworden zu sein, bescheinigte, sähe den Gemeindevorsitzenden gern der von ihrer Partei reklamierten neuen politischen Kultur gegenüber etwas aufgeschlossener. Was sie darunter verstand, sagte sie, zur Frau des Gemeindevorsitzenden gerichtet: »Kein Mann kann diese Kraft aufbringen ohne Hilfe seiner Frau.« Verglichen damit war das Angebot von Frau Laurien, die Jüdische Gemeinde häufiger mit der CDU-Frauenorganisation heimzusuchen, eine feministische Offerte.
Von allen Festrednern wurden Galinski jene deutschen Sekundärtugenden bescheinigt, deren Untergang die Republikaner aufhalten wollen, nämlich Arbeitsfleiß und Durchhaltevermögen. In der zweitausend Jahre alten Bibel, die für eine Weile als Zitatenquelle sinnstiftender Gemeinplätze diente, komme die Zahl vierzig, so einer der Gratulanten, genau 124 mal vor. Mindestens genau so oft war in der zweistündigen Jubelfeier vom »unermüdlichen Einsatz« Galinskis die Rede, so als wollten dem ehemaligen Zwangsarbeiter alle nachdrücklich bestätigen, er habe die ihm erteilte Lektion wirklich begriffen.
Aus Ostberlin, wo Galinski im November 1988 beim Pogrom-Festival den goldgelben »Stern der Völkerfreundschaft« angeheftet bekommen hatte, war der Staatssekretär für Kirchenfragen zum Gratulationsdéfilé angereist. Zwar machte dieser am Anfang »mit tiefer innerer Bewegung« darauf aufmerksam, dass der Absender seiner Grußadresse, der »oberste Repräsentant der Deutschen Demokratischen Republik, der Vorsitzende des Staatsrats und Generalsekretär der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands Erich Honecker« über einen längeren Titel verfügte als der Empfänger, doch nach dieser Einleitung war alles Trennende vergessen.
Beflügelt vom sprachlichen Wiedervereinigungsangebot des Berliner FDP-Vorsitzenden Rasch, der Galinskis langjährige Amtszeit neidvoll auf ein physiologisches Wunder, auf einen »lautstark erhobenen Finger« zurückgeführt hatte, kannte der DDR-Repräsentant keine Parteien mehr, nur noch Plattitüden. Der Massenmord wurde bei ihm zu »jenen schweren opferreichen Tagen damals, als die Sonne nicht mehr schien«. Und, dem FDP-Politiker in der Metaphernbildung nacheifernd, sah er im Wahlerfolg der Republikaner »die finstersten Triebe das Haupt erheben«, gegen welche die »Ehre des deutschen Namens in der Geschichte« verteidigt werden müsse. Wegen der vorausgegangenen Kinderdarbietung »Heut ist ein schöner Tag, dein Jubiläumstag« verlor der Staatssekretär dann auch noch die räumliche Orientierung und glaubte sich bei einem Fest der Jungen Pioniere. Er reimte als Schlusssatz: »Dieser unser Planet blüht und gedeiht, damit Frieden herrscht für alle Zeit. – Schalom.« Otto Schily hätte im Bundestag genau an dieser Stelle die Stimme vor Betroffenheit versagt.
In seinem Schlusswort nahm Galinski die neue Rolle des Referenten fürs Betriebsklima und den Hausfrieden emphatisch an. Das Wichtigste sei der »Konsens der Demokraten«: »Mir geht es immer um Gemeinsamkeiten.« Jetzt weiß man, was die viel beschworene deutsch-jüdische Symbiose meint: gemeinsam sind sie unausstehlich. Oder wie der bekannteste Stadtneurotiker Jerusalems, Gad Granach, einmal über Berlin sagte: ein Dach über die Mauer und man hat eine geschlossene Anstalt.
Heinzelmännchens Wachparade 1992
Wie den dienstfertigen Kölner Kobolden trauerte im Sommer 1992 die wohlmeinende Öffentlichkeit dem verstorbenen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde nach. Alle Nachrufer seufzten im Chor: »Ach wie war es doch vordem / mit Heinz Galinski so bequem«, und hofften, dass die Stelle des Mahnwächters nicht allzu lange vakant bliebe. »Es war seines Amtes, seine Verantwortung und Verpflichtung, anzuprangern, anzumahnen«, schrieb die Zeit über den toten Chef der jüdischen Firma »Mahnen & Warnen«.
Wer sollte nun die Drecksarbeit machen, fragte sich auch der Tagesspiegel. Und weil die Lebenden fest schliefen, sollte der Tote keine Ruhe haben. Galinski war kaum einen Monat unter der Erde, da buddelte ihn einer der Tagesspiegel-Redakteure wieder aus. »Manchmal bringen sich Tote dadurch in Erinnerung, dass das Fehlen ihrer Stimme auffällt«, hieß es salbungsvoll in der Zeitung, deren Fehlen niemandem auffiele, die sich in ihrer Schlafmützigkeit aber unverfroren in Erinnerung brachte mit der Aufforderung an die Juden, als öffentlicher Muntermacher zu fungieren: »Das Wachhalten der Erinnerung an die jüdische und deutsche Vergangenheit, die Anprangerung von Antisemitismus und Rechtsradikalismus – all das wird wie zuvor zu den Hauptaufgaben der jüdischen Gemeinschaft im Land der Täter und ihrer Nachkommen zählen.« Zu den öffentlichen Nebenaufgaben rechnete jener Redakteur, der sich am Grabe Galinskis zu schaffen machte, klärende Worte zu den Folgen neuer deutscher Außenpolitik, etwa zu den Lagern in Jugoslawien. Doch der Tote gab leider keine Antwort. »Niemand kann wissen, was Galinski dazu gesagt hätte«, sinnierte der um die Nachhilfe aus dem Jenseits gebrachte Leichenbeschauer. »Aber eines«, schloss er seine Besichtigung ab, »dürfte gewiss sein: Er hätte nicht geduldet, dass in Deutschland über diese Themen so erschreckend wenig diskutiert wird. Sein Schweigen ist unüberhörbar.« Aber offenkundig nicht laut genug, um solche Sätze zu übertönen.
Die Juden erinnern an die Pogrome, und die Deutschen veranstalten sie. Die Juden mahnen, und die Deutschen machen. Abgeschirmt in Reservaten, den Hochsicherheitsgettos der jüdischen Gemeinden, dürfen sie an Gedenktagen das deutsche Judenschutzgebiet verlassen, um als moralische Pausenclowns für das wohlige Gruseln, für die kleine Betroffenheit zwischendurch zu sorgen. Hätte er, wie die Grünen im November 1988 vergeblich gefordert hatten, im Bundestag gesprochen, wäre der Skandal ausgeblieben, den die Rede Jenningers auslöste. Galinski hätte verwirklicht, wovon Walter Jens immer nur träumen kann: nämlich Jude zu sein und eine Predigt zu halten. Er hätte gemahnt. Jenninger hingegen plauderte ganz unanständig aus, wie fasziniert bis heute die Deutschen von Hitler seien. Das war ein lichter Moment im deutschen Parlament und wurde ein schwarzer Tag für dessen vorlauten Präsidenten. Denn so genau wollte man nicht wissen, welche Elemente des Nationalsozialismus in der Demokratie fortwirkten.
Der Tod Galinskis bot Gelegenheit, die Arbeitsteilung zwischen Mahnern und Machern zu bekräftigen. Der Galinski schon zu Lebzeiten verliehene Titel »Ein Mahner«, mit dem nicht nur die Zeit ihren Nachruf überschrieb, war vor allem eine Auszeichnung, mit der die Ohnmacht der Erinnerung bekräftigt wurde. Die Mahnung, so heißt es im Bürgerlichen Gesetzbuch, ist eine an den Schuldner gerichtete Aufforderung zur Erfüllung seiner Verbindlichkeiten. Die Mahnung unterbricht aber nicht die Verjährung, heißt es ebenfalls dort. Gerade dieser tröstlichen Gewissheit wegen nistete das Ressentiment in der Galinski ausgesprochenen Anerkennung. Denn gleichzeitig war damit auch angedeutet, er gebärde sich als notorischer Gläubiger, als jemand, dessen moralische Hülle notdürftig das nackte materielle Interesse, nämlich den Zahlungsbefehl, verberge.
Dem heimlichen Groll gegen die Entschädigungszahlungen an Israel oder an jüdische Organisationen ähnlich, insinuierte die Galinski nachgerufene Auszeichnung, ein »unbeugsamer Mahner« gewesen zu sein, das Moment des Zwangs, der Erpressung. Die moralische Autorität Galinskis, die ohnehin nur in der Einbildung der Juden bestanden hatte, war damit als bloßes Mittel zum Zweck des Vernichtungsgewinns identifiziert. Wenn er also trotz der Verjährung seinen Schuldnern im Nacken saß, mahnte und auf der Vollstreckbarkeit der Titel beharrte, dann konnte er nicht recht bei Trost gewesen sein.
In der vorgeblich respektvollen Formel vom »hartnäckigen Mahner« schwang augenzwinkernd die etymologische Verwandtschaft von Mahnung und Manie mit, ein Zusammenhang, der im Gedanken vom Gläubigerkomplex wiederspiegelte, was in der gängigen Rede vom Schuldkomplex vorgebildet war: alles krankhafte Regungen. »Was Wunder auch! Er war in Auschwitz der einzige seiner Familie, der überlebte«, warb die Zeit um Nachsicht für Galinskis »harte Kanten« und seine »schneidende Stimme«, will sagen für die Marotten »dieses ständig Mahnenden, unverdrossen Warnenden«.
Gelegentlich auf Friedhöfen, insbesondere aber an Gedenkstätten für das vergangene Grauen, findet sich die Inschrift »Die Toten mahnen«. Doch abgesehen von der verlogenen Allgemeinheit dieser Behauptung, welche die Geschichte in ein wohnliches Massengrab für Mörder wie Ermordete verwandelt, sind Tote bloß tot. Sie können gar nichts mehr tun und niemandem etwas anhaben. Bei der gesellschaftlichen Hausaufgabenverteilung in Deutschland ist es der Beruf der Juden, es jenen Toten gleichzutun, zu mahnen. Sie sollen wissen, sie sind Tote auf Abruf. Sie haben nicht, sie sind überlebt.
Dass den Vernichtungslagern etwas Gutes abzugewinnen sei, diese nachkriegsdeutsche Kosten-Nutzenanalyse hat längst aufgehört, exklusives geistiges Eigentum alter und neuer Nazis zu sein. Wer immer betonte, man dürfe die »nationale Frage« nicht den Rechten überlassen, musste beim völkischen Mitbestimmungsbegehren notwendigerweise versuchen, den extremsten Ausdruck dieser nationalen Frage – Auschwitz – für sich auf erträgliche Weise zu reklamieren. Dabei gingen moralische Attitüde und politisches Kalkül jene Verbindung ein, die im neuen Bewährungshelferidiom mit der Standardformel »Gerade wir als Deutsche« ihrem rhetorischen Dauerausdruck fand. Mit dem regelmäßig an Israel wie an ausgewählte Überlebende gerichteten Ansinnen, die Juden nach Hitler hätten gefälligst die besseren Menschen zu sein, wurden die Konzentrationslager als Tötungsfabriken und Weiterbildungseinrichtungen ins alternative Geschichtsbild integriert.
Wie alles populär wird, was alternative Weltsicht in Umlauf bringt, weil deren Ideologen als Aufreißer des Massenbewusstseins und als Animateure des politischen Betriebs fungieren, so verbreitete sich auch der Gedanke von der pädagogischen Nützlichkeit der Konzentrationslager. Nicht immer wurde daraus ein Vorwurf an Uneinsichtige. Gelegentlich kam es zu einem Lob. Galinski etwa, so erfuhr man bei der Trauerfeier für den verstorbenen Gemeindevorsitzenden, war im Lager tatsächlich durch eine harte Schule, sozusagen durch die Vorschule der Demokratie gegangen, wie der Regierende Bürgermeister Diepgen zu sagen wußte: »Das Leid hat ihn nicht gebrochen, sondern ihm die Kraft gegeben, beim Aufbau einer neuen, demokratischen und freiheitlichen Ordnung mitzuwirken.«
Diese Sichtweise von Auschwitz als Fitnesscenter für künftige Demokraten war ein Plädoyer für die sofortige Deportation der gesamten deutschen Bevölkerung in Konzentrationslager. Ähnlich radikal musste ein Redakteur des Tagesspiegel gedacht haben, als er Galinskis oft wiederholte Äußerung – »Ich habe Auschwitz nicht überlebt, um zu bestimmten Vorkommnissen den Mund zu halten« – mit der Anmerkung zitierte, kein Satz des Verstorbenen sei so richtig gewesen wie dieser. Und wie um diese volkspädagogische Schlussfolgerung aus der Massenvernichtung zu beweisen, machte der Tagesspiegel wenige Tage nach dieser Erläuterung den Mund weit auf und trug zu jenen bestimmten Vorkommnissen bei, angesichts derer nicht den Mund zu halten man offenbar erst ein Konzentrationslager überlebt haben muss.
Anfang September lautete eine Meldung im Lokalteil der Zeitung: »Ein in Polen geborener 44jähriger Postangestellter ..., der seit 1977 in Berlin wohnt, wurde ... zu einer Geldbuße von 2100 DM verurteilt, weil er sich durch falsche Angaben die deutsche Volkszugehörigkeit erschleichen wollte.« Das war ein Schritt in die richtige Richtung, gemacht von Redakteuren, die nicht das Lager, sondern die Tarifrunde hinter sich haben und deshalb einer demokratiefordernden Erfahrung ermangeln, deren kulturellen Höhepunkt das Feuilleton der Zeitung schon im Frühjahr 1992 mit »Die Stunde der Gasöfen ist die Stunde der Dichtung« beschrieben hatte. Der Weg dorthin ist gepflastert mit trockenen Meldungen. Die Stunde des Pogroms ist unpoetisch, es ist die Stunde des Ariernachweises.
Heinz Galinski war der im kugelsicheren Terrarium gut gehütete Gewissenswurm der Deutschen; er war der meistgehasste Bürger dieser Republik, der Itzig der Nachkriegszeit. Noch im Tode benötigte er Polizeischutz. Sein Bekanntheitsgrad war ein zuverlässiger Indikator für die Bestimmung des Debilitätskoeffizienten der Bevölkerung. Wer nichts wußte, wußte, wer Galinski war; wer nichts zu sagen hatte, dem fiel zu Galinski etwas ein. Und selbst Kinder, deren Idole und Monster schrille Phantasiegeschöpfe der Filmindustrie sind, standen den Erwachsenen an Realitätstüchtigkeit nicht nach: ein Berliner Schüler, dem zu Bismarck allenfalls der gleichnamige Hering einfiel, überraschte seinen Geschichtslehrer einmal mit der präzisen zeitgeschichtlichen Auskunft, Galinski würde am liebsten alle Deutschen nach Israel deportieren und dort in ein KZ stecken.
Der weitverbreitete Hass auf Galinski freilich war nicht Ausdruck dumpfer Verdrängung der mörderischen Vergangenheit, sondern eine Leistung des wachen Bewusstseins: mit der jüngeren deutschen Geschichte sollte nicht einfach Schluss sein, sondern diese sollte, indem es gegen Galinski ging, erst richtig zu ihrem Abschluss gebracht und – vollendet werden. Dass er noch da war, ging nicht mit rechten Dingen zu. Etwas war schiefgelaufen. Auch das Lamento über »die Vergangenheit, die nicht vergehen will«, war in Wahrheit nur eine Äußerung mürrischer Ungeduld: die Überlebenden, an ihrer Spitze Galinski, sollten endlich von der Bildfläche verschwinden. Denn sie sind die Toten, die nicht sterben wollen. Sie sind die Gespenster der Vergangenheit in der deutschen Gegenwart; sie sind die Untoten der Lager; sie sind die Geister, die ausgetrieben werden müssen, wenn sie sich nicht an die jährliche Geisterstunde halten.
Der Rädelsführer dieser Spukgestalten ist verschwunden, und plötzlich vermissen ihn alle. »Seine Stimme ist erloschen ... Eine Stimme, die den Deutschen fehlen wird, allen Deutschen«, hieß es in der Zeit. Mit dieser Verlustmeldung war Heinz Galinski endlich zuhause, richtig eingebürgert und unwiderruflich gemeinschaftsfähig: als moralisches Heinzelmännchen.
1992
Countdown im Feuilleton
I.
So wenig die Deutschen den Juden Auschwitz verzeihen, so sehr tragen sie auch den ehemaligen Alliierten nach, dass damit 1945 Schluss war. Die Befreiung, die sie Amerikanern und Russen nicht vergeben und nun auch den Engländern übel nehmen, war ja auch nur eine für die Insassen von Lagern und Gefängnissen gewesen. Die anderen, die diese betrieben oder die Welt in Schutt und Asche legten, wurden militärisch besiegt; sie wurden gegen ihr Einverständnis und mit Gewalt allenfalls davon befreit, ihren Massenmord bis zur Selbstvernichtung fortzusetzen. Nur durch ihre Niederlage blieben sie am Leben.
Für diesen nachgerade sträflich kurzen Eingriff in ihr Selbstbestimmungsrecht rächen sich seitdem die Deutschen. Nicht einmal die Tatsache, dass sie ein halbes Jahrhundert später als Gewinner dastehen, dass sich das Verbrechen auf lange Sicht doch ausgezahlt hat, kann ihre Rachsucht besänftigen. Der Sieg über den Bolschewismus ist ihnen in den Schoß gefallen: der Gegner kapitulierte vor Devisen, nicht vor Divisionen. Das Land ist wiedervereinigt, und was ihm damals im Osten abgetrennt worden war, haben sich die Bundesbürger in doppeltem Umfang in Westeuropa zusammengekauft. Außerdem liegt Schlesien wie Ostpreußen jetzt nicht als Irredenta, sondern als Immobilie vor der Haustür. Die bis zur Wiederherstellung der vollen Souveränität als Besatzungsmacht ungelittenen Amerikaner räumen das Land, der Dollar geht in die Knie und das britische Pfund ist angeknackst. Doch all dies reicht nicht aus, die mühsam gezähmte Wut in Gelassenheit aufzulösen, jenen bösen Groll, der gerade immer dann besonders stark wird, wenn die ehemaligen Sieger schwach werden. Den Deutschen genügt es nicht, Modell für Europa zu stehen, sie wollen einen Platz an der Sonne. Sie wollen im Licht stehen und tappen immer nur wieder in dem Schatten herum, den sie selber werfen. Sie wollen über den Gewinn hinaus einen Extraprofit erzielen, der nicht aus der Kapital-, sondern aus der Geschichtsverwertung resultieren soll. Sie wollen das heilige Sakrament der Absolution.
Auf diesen ganz besonderen Surplus, der nicht bilanzierbar ist, verschwendete ein normaler Geschäftsmann keinen Gedanken. Aber deutsche Unternehmer, in der Geschichte der europäischen Bourgeoisie immer deren cleverste Abteilung, nämlich feige und erfolgreich zugleich, möchten mit der Mehrheit der Bevölkerung auf diesen Bonus zuallerletzt verzichten. Mit seiner Erklärung, dass angesichts der Wiedervereinigung wirtschaftliche Überlegungen hinter der Politik zurückzutreten hätten, sprach sich 1990 Mercedes-Chef Edzard Reuter freilich nicht für eine Unterordnung des Kapitals unter den Staat aus, er plädierte damit auch nicht für die Abdankung des Privateigentums, sondern er ratifizierte das Ende der »Berechenbarkeit der deutschen Politik«.
Mit dieser Formel hatte die Außenpolitik jahrelang versucht, Befürchtungen zu zerstreuen, die Deutschen seien weniger am Export von Waren interessiert als an der Ausfuhr von politischer Wertarbeit mit dem trade-mark »Modell Deutschland«. Wie nach innen, so bedeutet auch nach außen die Bereitschaft zur Unterordnung unter die Politik in Wahrheit bloß Kumpanei. Nach innen heißt diese Bereitschaft Solidarpakt, nach außen Deutschland, nach innen Gemeinschaftswerk, nach außen Nation. Da der historische Sieg nach Pleite schmeckt, sollen in erinnernder Vorausschau die Verwertungsinteressen in staatliche Regie übernommen werden, ohne dass jene angetastet würden. Die Massen, die sich nach innen zur Gefolgschaft formieren, gehen diesen Solidarpakt, die korporative Fortsetzung der beliebten Runden Tische, schon im Bewusstsein ein, dass sie sich nur an jenen Surplus halten können, nach dem es alle verlangt. Davon können sie sich zwar nichts kaufen, doch dafür fühlen sie sich als Deutsche. Und weil sie nichts davon haben, sollen es andere dann büßen. Nach innen geht es gegen die Ausländer, nach draußen gegen das Ausland.
II.
Der Zweite Weltkrieg ist nachträglich zu Lande gewonnen, hat aber nichts außer einer riesigen Immobilienmesse gebracht. Diese ist bewohnt mit zahlungsunfähigen Kunden, die man weder umstandslos in ein Heer von Arbeitssklaven verwandeln, noch einfach beseitigen, ja nicht einmal draußen halten kann. Um diesen Gewinn, dessen keiner der Landsleute so richtig froh wurde, wenigstens spirituell zu veredeln, machten sich nach den Historikern die Ingenieure fürs Höhere, die Feuilletonisten, ans Werk. Wenn nicht auf Erden, so sollte wenigstens über den Wolken das geschichtliche Glück der Deutschen grenzenlos sein: der Endsieg im Luftkrieg musste also noch errungen werden. Der Countdown für diesen Luftkampf begann im Frühjahr 1992 mit einer journalistischen Bastelstunde zur jüngeren deutschen Geschichte und endete im Herbst mit einem Fehlstart in Peenemünde. Glücklicherweise kam bei diesem Versuch, die V-2 im Unterschied zur nazistischen Propagandalüge nun wirklich zu einer Vergeltungswaffe fortzuentwickeln, niemand zu Schaden, außer jenen Bastlern, die ihn anderen zufügen wollten.
Ende Mai wurde in London ein Denkmal für den britischen Luftwaffengeneral Harris errichtet, und prompt saß, wie Tucholsky einmal die Reaktion seiner Landsleute auf politische Witze charakterisierte, halb Deutschland auf dem Sofa und nahm übel. Die Oberbürgermeister mehrerer im Zweiten Weltkrieg bombardierter Städte schrieben Protestbriefe nach England. Die notorischen Mahnwachen, die schon während des Golfkriegs mit der Parallele von Dresden und Bagdad Erfahrungen an der Entlastungsfront gesammelt hatten, nahmen ihren Ehrendienst an der Leidensfront der deutschen Geschichte wieder auf. Und schließlich trat sogar das Außenministerium auf den Plan. Genscher ließ die britische Regierung wissen: »Das Vorhaben ist geeignet, alte Wunden aufzureißen. Es könnte zu einem Rückschlag für die in deutsch-englischer Städtepartnerschaft geleistete Arbeit führen.«
Mit dieser Drohung machte das Land der Kaiser-Wilhelm-Plätze und Rommel-Kasernen ernst: ab sofort wurde zurückgedacht. Der Spiegel schrieb, Harris habe den »ersten vornuklearen Massenmord aus der Luft« organisiert; die Welt war sich mit ihren Lesern einig, der britische General sei ein »Architekt der Vernichtung« gewesen, und die Frankfurter Rundschau entdeckte an dem Weltkriegsgeneral der britischen Luftwaffe einen Charakterzug, den man nun wirklich keinem KZ-Kommandanten nachsagen konnte: »tatsächlich ein Schlächter« gewesen zu sein. Die FAZ, deren Mitherausgeber Reißmüller wegen des Bodenkriegs an der serbischen Ostfront unabkömmlich war, ließ den Redakteur Gillessen als Abfangjäger in den westlichen Luftraum aufsteigen. Von seinem Einsatz kehrte dieser mit dem Verdikt »Harrisbarbarei« und einer Ehrenrettung für die Nazi-Luftwaffe zurück. Diese habe im Gegensatz zur Royal Air Force nicht die Vorstellung geteilt, »ersatzweise oder direkt Krieg gegen die Zivilbevölkerung zu führen«. Guernica, Rotterdam, Coventry und Belgrad »resultierten aus Fehlern«, meldete er seinen diensthabenden Vorgesetzten, blieb aber die Auskunft darüber schuldig, ob die damals Verantwortlichen dieser bedauerlichen Pannen deshalb vor ein Kriegsgericht gestellt oder gerade deshalb ausgezeichnet wurden.
III.
Kein Luftkrieg kann erfolgreich geführt werden, wenn der Gegner nicht mit einer schlagkräftigen, am Boden stationierten Flugabwehr rechnen muss. In dieser Bodentruppe tat sich durch besonderen Einsatzeifer Günther Rühle vom Berliner Tagesspiegel hervor. Er ist nachgerade der verdiente Flakhelfer des deutschen Feuilletons. Rühle musste sich in diesem Kampf bewähren und für eine von der Öffentlichkeit fast vergessene Niederlage rehabilitieren, die er an einem anderen Frontabschnitt vor Jahren hatte einstecken müssen.
Mitte der 80er Jahre hatte er erfolgreich das Frankfurter Schauspiel in Verruf gebracht mit der Penetranz, mit der er als Theaterdirektor darauf bestand, ein Stück von Fassbinder gegen die Proteste vornehmlich von Juden aufzuführen. Noch als Feuilletonchef der FAZ hatte er dieses Stück für belanglos gehalten, als Theaterleiter dünkte es ihn dann genialisch. Die Absichten, die er mit der Aufführung verband, zitierte damals die New Times mit dem Ausspruch: »The no-hunting, season is over« – ein Wort Rühles, das man nur bei Strafe einer einstweiligen Verfügung korrekt in den deutschen Originalton rückübersetzen darf.
Fassbinders damals nicht aufgeführtes Stück »Der Müll, die Stadt und der Tod« markierte indes tatsächlich das damals von vielen geforderte »Ende der Schonzeit« für Juden in Deutschland. Es spielte seinerzeit die Rolle eines Katalysators, der die Theateraffäre zum kulturellen Wiederholungsprogramm von Bitburg machte. Der Theaterdirektor Rühle gab den Kanzler und hielt durch, und die Presse verbat sich jüdische Einmischungen. Damit erlebte Fassbinders wüste Hinterlassenschaft eine Aufführung ganz im Stil des Experimentiertheaters: die Hauptdarsteller saßen im Publikum und exemplifizierten die nur scheinbar paradoxe Einsicht, die Fassbinders Stück durchzieht, dass nämlich die Deutschen heute Antisemiten seien nicht trotz, sondern wegen Auschwitz.
Prompt wurde damals, wie etwa in der liberalen Frankfurter Rundschau, der nazistische Terminus vom »jüdischen Kapital« rehabilitiert; der Theaterkritiker der Zeitung sah das deutsche Theater von einer jüdischen Finanzverschwörung bedroht und sich ganz persönlich von den Juden erniedrigt. Die von allen beschworene Freiheit der Kunst entpuppte sich als die Pflicht, die deutsche Ehre zu verteidigen, und als hätte jemand die Parole ausgegeben: »Deutsche wehrt euch, hört nicht auf Juden!« beteiligte sich damals auch die Szene am Abwehrkampf gegen »jüdische Power« und gegen »organisierte jüdische Empörung«.
Rühle musste damals das Feld räumen. Beim Berliner Tagesspiegel ist er heute als Berater der Chefredaktion sein eigener Bewährungshelfer, und wie weiland an seinem Frankfurter Arbeitsplatz versucht er nun, die durch seine Mitarbeit schon demontierte Reputation des Blattes mit wöchentlichen Kolumnen im Feuilleton vollends zu ruinieren. »Das war nun wirklich eine deutsche Woche. Drinnen und draußen«, resümierte er Anfang Oktober. »Die Frage ›Was ist mit den Deutschen los?‹ beschäftigte manches Gehirn. Die seit zwei Jahren lauernde Angst vor dem neuen Deutschland schnürte sich wieder zum Paket; Verursacher von Ausländerfeindlichkeit, Aggressionen gegen jüdische Denkmale, D-Mark-Politik mit Lira- und Pfundsturz, ›V2‹-Jubiläum: das gab draußen Anlass genug, das Auge zu schärfen, die Stimme zu erheben, Schlagzeilen von Rom bis London zu erfinden, wie sie im zusammenrückenden Europa unerhört sein sollten.«
Doch seine deutsche Woche hatte neben geschnürten Angstpaketen »freilich auch sichtbare Festigkeiten« im Angebot: die »sachbeglänzte Zustimmung« zur Politik des Kanzlers. Derlei politische Kommentare wurden verfrüht mit dem Spott von Kollegen belegt, der Autor verabreiche damit seiner Zeitung die »letzte Rühlung«. Denn der Tagesspiegel hatte auch schon andere Anschläge des tapferen Schreiberleins überlebt, das oft mit einer Spalte gleich sieben Themen erledigt.
»Die Brandherde der Unvernunft sind auch in Europa nur schwer zu löschen«, sprang er einmal nach einigen Zeilen über die Hitzewelle, das Ozonloch und die Aktualität von Dinosauriern mitten in den jugoslawischen Bürgerkrieg: »Die Bilder der Verwüstung schrien weiter zum Himmel, die entsetzten, fliehenden Menschen verlängerten das uralte Bild von der Flucht als Daseinsverhängnis in die aufklärungsfähige Zeit« – womit er wieder im Einzugsgebiet des deutschen Feuilletons angekommen war: »Salzburg 1992: die gelebte Utopie neben dem Blutbad.« Derlei Sprünge von Abel bis Bebel werden in der Psycholinguistik neuerdings als »laterales Denken« bezeichnet. Früher nannte man das einfach wirres Gefasel. Von der »gelebten Utopie« in Salzburg bis zur gelebten Idiotie in einer Berliner Tageszeitung, so wußte man nun, war es nur ein kleiner Schritt.
»Diese Ehrung ist ein Faustschlag für Deutschland«, schrieb angelegentlich der Denkmalenthüllung in London ein empörter Tagesspiegel-Leser an seine Zeitung und forderte Revanche. Mit seiner Kolumne schlug Rühle zurück. Hier und jetzt konnte er an den nichtjüdischen Alliierten ausleben, was ihm an den nichtalliierten Juden seinerzeit versagt geblieben war. Damals musste er zurücktreten, nun trat er ersatzweise gegen die Briten zurück. Nach sieben mageren Jahren konnte er endlich das Ende der Schonkost verkünden: »Die Einweihung des Denkmals für den englischen Luftmarschall, genannt Bomber-Harris, hat in Deutschland doch mehr Emotionen hervorgerufen, als zu erwarten war. Die Wunden schmerzen auch noch nach zwei Generationen«, begann Rühle seinen Beitrag zum Denkmalsturm. Doch insgeheim schmerzte ihn nach zwei Generationen nicht diese Statue in London, sondern ein anderes und viel älteres Monument, ein bleibendes cineastisches Denkmal, das ein jüdischer Regisseur in Hollywood für die Deutschen errichtet hatte. Das Gangsternamen nachgebildete »Bomber-Harris«, wie er den Luftwaffengeneral beharrlich nannte, war Rühles auf England verschobene Rache an Lubitsch, in dessen »To be or not to be« ein Nazi sich vor Freude über die Auszeichnung »Konzentrationslager-Erhardt« gar nicht mehr einkriegen kann.
Rühle warf den Engländern nicht vor, wie sie sich an den militärischen Sieg über den Nationalsozialismus, sondern dass sie sich erinnerten: »Wer es nötig hat, noch Siege zu feiern, die ein halbes Jahrhundert zurückliegen und schon einer anderen Welt zugehören, offenbart einen stillgestandenen Geist.« Mit wachem Geist freilich rief er sich dadurch selbst »Stillgestanden!« zu und wurde dem brandenburgischen Sozialdemokraten Gustav Just, einer noch älteren Altlast, zum Verwechseln ähnlich. Dieser hatte mit der Auskunft, er habe in einem »anderen Leben« Juden umgebracht und diese Sache sei ein »alter Hut«, seiner Persönlichkeitsspaltung wie einem kollektiven Bedürfnis knappen Ausdruck verliehen.
Rühle indes war nicht so kurz angebunden. Die feuilletonistische Erscheinungsform der Schizophrenie ist die Geschichtsklitterung, und der Überflieger im Tiefflieger, der Historiker im Stammtischbruder formulierte deshalb so: »Nun steht der Bomber-Harris also da, in Erz gegossen, von der uralten Königinmutter gesegnet, und ist doch viel weniger das Denkmal für einen heldenhaften Mann als ein ständiges Mahnmal dafür, wie der Krieg entartet ist, dass er gentlemanlike nicht mehr zu führen war, dass das blinde Töten auch dieses gesittete Volk ergriff.« Damit war im unsittlichen Geschwätz des Historikerstreits die russisch-deutsch-englische Dreifaltigkeit der Schuld etabliert: die deutschen Verbrechen eine Doublette des asiatischen Originals, die britischen Bombardements eine Kopie der deutschen Vorlage. Und wenn Rühle die Engländer als die Massenmörder unter den Alliierten identifizierte, dann konnte es nicht mehr weit sein, nämlich nur bis zur nächsten Zeile, dass er die Angehörigen des anderen gesitteten Volkes, das im Unterschied zu den Häftlingen in Auschwitz ja unter Bombenangriffen zu leiden hatte, dass er die Deutschen als Opfer von Nachahmungstätern sah: »Und die Toten von Köln und Bremen und Berlin und Dresden und Würzburg und Hamburg und Königsberg können nun dem Denkmal noch immer entgegenschreien und auf den Erzgegossenen hin deuten: da steht er, der unsere Höllen entfachte. Ein Denkmal mutiert leicht zum Schandmal.«3
Da haben es die Lebenden leichter. Ein Pfund Unkraut-Ex oder eine Flasche Benzin reichen aus, um Denkmale zu beseitigen, die an die deutschen Verbrechen erinnern und also – wie die von Rühle als »jüdisches Denkmal« apostrophierte KZ-Baracke in Sachsenhausen – zu Schandmalen mutiert sind. Wohl auch wegen dieser Beseitigungswut gegenüber der Erinnerung machte der Londoner Evening Standard den begrüßenswerten Vorschlag, gleich hundert Harris-Statuen aufzustellen – in Deutschland. Sie sollten die Deutschen daran gemahnen, was passieren würde, »wenn sie zum sechsten Mal in zwei Jahrhunderten versuchen sollten, ihre finanzielle und wirtschaftliche Hegemonie über Europa auf einer anderen Ebene durchzusetzen.«
Über die rückwärtsgewandte Feierstunde in London trösteten Rühle dann erst einmal praktische Gesichtspunkte hinweg: »Wo die Zukunft nichts bringt, herrscht die Vergangenheit.« Denn das Pfund ist schwach, und die Zukunft gehört der D-Mark. Doch bei einem so irdischen Verdikt mochte der Flakhelfer des Feuilletons es nicht belassen, sein Sinnen und Trachten war berufsmäßig nach oben gerichtet:
»Stärken und Schwächen wechseln wie Tag und Nacht«, sinnierte er über den unaufhaltsamen Lauf der Welt. Und seinen Aufstieg von der Hölle durch die Welt zum Himmel beschloss er mit einem moralischen Fazit:
… die Fäuste, der Schlag. Als habe sich der Kreis geschlossen.« »Kurzschluss«, verbesserte der Tagesspiegel. »Der Kämpfer geht nun auf den Markt und lamentiert«, ereiferte sich Rühle am 13.8.92 unter der Überschrift »Heyms Klagen«. Sein Kommentar war die Klarstellung eines von Heym sträflich unterschlagenen Unterschieds, des Unterschieds von 1931 und 1992: »In der Heymschen Schilderung des bösen Kölner Vorfalls, der hier weder beschönigt noch entschuldigt werden darf, fehlt schon der Hinweis auf die eigene Provokation«, schrieb Rühle, der damit den 1931 selbstverständlichen Tatbestand der nazistischen Notwehr rehabilitierte. Damals war das Opfer schuldig. Heute gewährt Rühle mildernde Umstände: Heym ist nur Mittäter.
»Die Lehre aus der Sache ist: wer zur unrechten Stunde verklärt wird, verdunkelt die Welt.« In sie brachte Rühle Licht, indem er den Tommies heimleuchtete: »Das Denkmal in London wird manchem die Scham hochtreiben über das, was einmal möglich war – wie in unserem Land die Mahnmale von Dachau und Buchenwald. Die kurze Stunde des Triumphs schlägt schnell um in die Ewigkeit der Schuld.« Damit war den Engländern die Waffenbrüderschaft der SS angeboten – und Rühle zum Rächer der Vergangenheit geworden, indem er sie beerbte.
IV.
Doch alle Einwände, die das deutsche Feuilleton gegen die Royal Air Force abfeuerte, gingen daneben, und die Lage auf dem deutsch-britischen Kriegsschauplatz verschlechterte sich zusehends, als ein Namensvetter des Luftwaffengenerals sich einmischte.
Der britische Journalist Robert Harris, der sich in seinem Roman »Fatherland« die Frage gestellt hatte, wie Europa aussähe, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte, suchte einen Verleger in Deutschland. Fünfundzwanzig Verleger winkten ab, das Werk sei »frivol« und vor allem »deutschfeindlich«. Sofort eilte der deutsche Botschafter in London, der namensmäßig ebenfalls vom Luftkrieg gezeichnete Hermann Freiherr von Richthofen, in die Chefredaktion der Sunday Times und drohte, wie zuvor Genscher, die deutsch-englische Freundschaft werde belastet.
Den Kampf gegen Harris, der mit einer deutschen Übersetzung als Franktireur hinter den feindlichen Linien operieren wollte, übernahm dieses Mal der Spiegel. »Deutschfeindlich« sei die Stimmung, für die der Thriller geschrieben sei, die Werbung für das Buch habe einen deutlichen »deutschfeindlichen Anstrich«. Virtuos appelliere Harris »an die Ängste und Ressentiments des angelsächsischen Publikums«. Und was unter Ressentiment in Deutschland verstanden wird, erläuterte der Spiegel im gleichen Atemzug mit einem Zitat von Harris: »Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren beachtet ganz Europa ängstlich die Entscheidungen eines deutschen Kanzlers.« Deutschfeindlich ist, wer den Deutschen auf die Pfoten schaut, und wer sie einmal daran hinderte, weiter damit Millionen umzubringen, ein Massenmörder.4
Doch auch die Abwehr des Spiegel konnte nicht verhindern, dass der britische Autor schließlich mit einer Übersetzung bei einem deutschsprachigen Verlag, wenn auch in der neutralen Schweiz, landete. Der Luftkrieg schien zum zweiten Mal verloren. Jetzt konnte wieder nur noch die Wunderwaffe helfen. Ihr Einsatz war für den 3. Oktober, den »Tag der deutschen Einheit« geplant. Die Hoffnungen der schreibenden Flakhelfer ruhten nun allein auf der Industrie, wie umgekehrt sich die Industrie darauf verließ, dass beim ja nur symbolischen Abheben der Rakete eine symbolische Anschubfinanzierung für die deutschen Unternehmer herausspränge. Denn wie Arbeitnehmer in Deutschland nicht nur ihre Arbeitskraft, sondern immer auch ihre Seele mitverkaufen wollen, so wünschen deutsche Unternehmer, dass ihre Produkte nicht als bloße Waren, sondern als Güter, als Waren mit einem zusätzlichen moralischen Gebrauchswert auf den Markt kommen – made in Germany.
Die deutschen Raketenhersteller, wie die Gaslieferanten insbesondere nach dem Golfkrieg in den Geruch geraten, vorbildliche Geschäftsleute zu sein, wollten sich bei einer staatlich beschirmten Gedenkfeier zur 50jährigen Wiederkehr des ersten deutschen Raketenabschusses dieses moralischen Gütesiegels versichern: es werde eine Pionierleistung der Raumfahrt gewürdigt; man wolle »an die Geburtsstunde einer Technik erinnern, die heute noch die Basis für die bemannte wie unbemannte Raumfahrt« sei, erklärte ein momentan nicht auf Umsatz, sondern ein auf immateriellen Zusatzgewinn, auf Tradition, erpichter Manager der deutschen Raumfahrtindustrie.
Am 21. September 1992 schrieb der Spiegel über den Autor von »Fatherland«: »Harris pflegt das Image ... des unbeugsamen Kritikers, des rastlosen Mahners. ›Die Deutschen‹, davon ist der eloquente Jung-Autor nun fest überzeugt, ›wollen im Grunde nichts mehr über ihre dunkle Vergangenheit hören‹.« Wenige Tage später ging die neue Wunderwaffe schon vor dem geplanten Start zu Bruch. Wieder war alles so geheim gehalten worden, dass die ganze Welt über die Feierstunde Bescheid wußte, nur die Veranstalter wussten nichts. Schon gar nichts davon, dass Peenemünde wie dessen Zuliefererstätte nicht die »Wiege der Raumfahrt«, sondern ein Massengrab für Sklavenarbeiter gewesen war, von den Opfern der Raketen gar nicht zu reden.
Erst vom Ausland daran erinnert, sprach der Schirmherr der Gedenkfeier, ein CSU-Staatssekretär, der ansonsten mit kühlem Kopf eine »asylantenfreie Zone« in seinem Wahlkreis fordert, von »absurden hysterischen Reaktionen«, die zeigten, »wie notwendig es ist, Peenemünde einmal aufzuklären und uns mit dem Inhalt der tragischen Verwicklung zwischen einem verbrecherischen System Adolf Hitlers und der Forschung auseinanderzusetzen.« Diesen Satz musste die örtliche PDS als Tagesbefehl im Ohr gehabt haben, das gleichzeitig an den Lippen der Lokalpolitiker ruhte. Und von dort murmelte es beschwörend: Raumfahrtpark, Arbeitsplätze und Touristen. Weit entfernt davon, den ganzen Spuk zu verhindern, wollte die PDS alternativ daran teilhaben: mit einer Talkshow zur Geschichte von oben, bei der ein ehemaliger britischer Bomberpilot von seinen Einsätzen über Peenemünde erzählen sollte. Angesichts dieser klassenübergreifenden Vorsätzlichkeit, mit welcher das Raketenprojekt in die politische Pleite geführt wurde, erwärmte sich sogar die Süddeutsche Zeitung für die abgewickelte Volkspolizei. »Gäbe es Hammer und Zirkel noch«, trauerte sie der DDR nach, »dann wären Offizielle und Industrielle aus der Bundesrepublik nie auf den Gedanken gekommen, in Peenemünde etwas zu feiern.« Nun hatten allein Proteste des demokratischen Auslands die Feierstunde in eine vorverlegte und selbstverschuldete Blamage verwandelt. »Wir sollten vorsichtig sein mit solchen Veranstaltungen«, sagte deshalb Klaus Kinkel, der Kosmetikberater für deutsches Ansehen. Dann eilte er nach Sachsenhausen, wo eine andere Veranstaltung bereits erfolgreich stattgefunden hatte. Dort, wie an anderen Brennpunkten der neuen Republik, wurde bewiesen, dass man auf Raketen vorerst verzichten kann.
Das Ausland mit seiner »hysterischen Reaktion« muss auf eine gebührende Antwort noch warten, die einstweilen Ausländern erteilt wird. Im Inland braucht man keine Raketen, sondern Mollis, hier bedarf es keiner ferngesteuerten Waffen, sondern kurzentschlossener Nahkampfbürger. Hier ist nicht einmal eine Flugleitzentrale nötig, denn der kollektive Marschflugkörper zündet mit Selbstauslöser. Diesen technologischen Fortschritt hob der Außenminister bei seiner Stippvisite an der verbrannten KZ-Baracke hervor, indem er den demokratischen Charakter des Bündnisses von Elite und Mob betonte. Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers rehabilitierte er dessen Voraussetzungen: er sagte den Reportern ins Mikrophon, jetzt müssten die Politiker den »Wünschen des Mainstream« nachkommen.
Nur Günther Rühle, dessen heimliche Wünsche nicht zur Verübung gelangen konnten, schwieg beharrlich. Er muss sich damit trösten, dass in der Halle des Flughafens Tegel eine Erinnerungstafel für den V2-Konstrukteur Wernher von Braun hängt. Er muss aus lichten Höhen wieder auf den Boden der Tatsachen herab und die verbrannte Erde des Feuilletons bewässern, auf dass es dort vom Rhein bis zur Oder blühe: »Man muss sich gegenseitig als Teilhaber einer im Getrennten doch gemeinsamen Geschichte begreifen und Denken und Empfindung ohne Selbstgerechtigkeit wieder ineinander binden.«
1992
Der hilflose Antisemitismus
Anmerkungen zu seiner Hamburger Verübung
Alle Jahre wieder. Wie die unvermeidlichen Feiertage, wie Ostern und Weihnachten, so gehören seit vielen Jahren regelmäßig wiederkehrende Rituale auch zum linken Kalenderjahr. Ein besonders fester Termin darin ist die jährliche Verabredung zu einer rhetorischen Fragestunde mit dem Thema: Gibt es linken Antisemitismus? Diese Fragestunde hat inzwischen eine über zwei Jahrzehnte reichende Tradition aufzuweisen, doch die ewigen Studenten sind der Frage noch immer nicht auf den Grund gekommen. Die Referenten bei den jährlichen Hauptversammlungen linker Gewissenserforschung sind so seltsam alterslos, wie ihr Thema zeitlos ist. Das Publikum wechselt von Zeit zu Zeit, doch das Podium trifft sich immer wieder. Es wirkt in einer unendlichen Geschichte mit, deren identische Fortsetzungskapitel sich allein durch den Namen des Schauplatzes unterscheiden. Mal ist es die Heimvolkshochschule Göppingen, mal die Evangelische Akademie in Arnoldshain, dann die Universität einer Großstadt oder irgendein Sozialistisches Zentrum in irgendeiner nichtsozialistischen Kleinstadt.
In diesem Jahr tagte man in Hamburg. Dort wollten sich die linken Lehrer der alten Frage neu stellen. »Antisemitismus oder berechtigte Kritik an Israel?« lautete die schon sprachlich verunglückte Variation des Dauerthemas, mit der die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Ende Oktober 1992 in Hamburg zur jährlichen Selbsterkundung aufforderte. Zwar wären vor der eigenen Haustür genügend Anlässe vorhanden gewesen, sich mit Antisemitismus zu befassen, doch bevor man sich damit abgab, musste erst die linke Gretchenfrage beantwortet werden. Um den Ernst und die Wichtigkeit der ganzen Sache zu begreifen, stelle man sich vor, ein Verein alternativer Pharmakologen stellte seine Jahrestagung unter die Frage: »Grüner Schnupfen?«
Doch auch in Hamburg wollte man sich in der Tradition des linken Rituals nur wechselseitig versichern, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Dabei weiß jeder, dass es Linke gibt, die ihre Frau verprügeln oder ihre Kinder quälen, dass sie, wenn möglich, die Arbeitskraft anderer ausbeuten; dass Linke gelegentlich ihre Freunde an Geheimdienste verraten und sie manchmal sogar umbringen. Warum in aller Welt sollte es deshalb nicht auch linke Antisemiten geben?
Das Thema der Gewerkschaftsveranstaltung war aber nicht in diese schon hundertfach beantwortete Frage gekleidet. Es hieß »Antisemitismus oder berechtigte Kritik an Israel?« Schon die Formulierung verriet die Konfusion, oder vielmehr die verdrückte, verschämte Absicht. Denn logisch kann das Bindewort »oder«, das eine Alternative ankündigt, kein Fragezeichen nach sich ziehen. Standen die Lehrer also vor der Wahl, sich für Antisemitismus oder Kritik zu entscheiden?
Doch mit der Frage war auch schon die Antwort angedeutet. Das Beiwort »berechtigt« sollte, was sich für Kritik hielt, moralisch salvieren und gegen den Einwand, es gehe vielleicht antisemitisch dabei zu, unanfechtbar machen. Kritik freilich bedarf keiner Berechtigung. Wenn sie sich diese eigens bestätigt, hat sie sich bereits dementiert und in Gesinnung verwandelt. Kritik kann jeder an jedem und können alle an allem üben, selbstverständlich auch an Israel. Doch wie in zahllosen vorausgegangenen Diskussionen war es auch in Hamburg nicht Kritik, sondern der Oberton konformierender Empörung, der die Debatte um die rhetorische Frage bestimmte. So unbeholfen sich diese Gesinnung hinter dem verquasten Titel der Veranstaltung versteckte, so unverfroren und direkt kam sie in einer Forderung zum Ausdruck, welche von einer »Arbeitsgruppe Palästina im Friedensausschuss« formuliert worden war: »Nur wenn wir uns kritisch mit Israel auseinandersetzen, können wir glaubhaft im Unterricht latentem Antisemitismus entgegentreten.« Unabhängig von allem anderen Unfug dieses Satzes könnte man seiner Logik zufolge rassistischen Attacken gegen farbige Asylsuchende nur dann glaubhaft entgegentreten, wenn man vorher Südafrika oder noch besser die USA kritisiert hat. Was Leute, die derlei formulieren, glaubhaft bestimmt nicht können, das ist: begründungslos, einfach als Gattungswesen dem Rassismus entgegentreten. Ohne böse Juden kein gutes deutsches Gewissen. Unmittelbarer Anlass jener pädagogischen Behauptung wie der Gewerkschaftsveranstaltung war der Ärger, den ein längeres Interview der Hamburger Lehrerzeitung mit Ralph Giordano ausgelöst hatte. Die Lehrer lamentierten: »Giordano denunziert linke und pazifistische Kritiker Israels, ohne diese Personengruppe näher zu kennzeichnen.« Dieses Versäumnis Giordanos sei hier mit einer genauen Kennzeichnung dieser Personengruppe nachgeholt: es handelt sich beispielsweise um die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Hamburg.
Die innige Verbindung, die Ehrbarkeit und Ressentiment in der besonderen Empörung über Israels Politik längst eingegangen sind, demonstrierte hier Norman Paech, ein Hochschullehrer aus Hamburg. Er lehrt öffentliches Recht, Staats- und Völkerrecht und gelegentlich andere Menschen das Fürchten, indem er Hamburger Lehrern die rechtsradikale Propaganda von der Schuld der Juden am Antisemitismus in leicht entschärfter Form empfiehlt: für ihn sind Juden am Hass auf sie nur mitschuldig. Die Grünen waren vor einem Jahr noch etwas bescheidener, für sie trug Israel die Mitschuld daran, dass es mit irakischen Raketen beschossen wurde.
In der Hamburger Lehrerzeitung teilte Professor Paech seinen Kollegen in der GEW mit: »Israel muss sich allerdings in der Tat fragen, ob seine Palästina-Politik nicht einem latenten Antisemitismus in Deutschland Nahrung gibt – und dem können wir nicht entgegensteuern, indem wir schweigen.« Die Frage erübrigt sich: Schweigen worüber? Die demagogische Figur dieser Wendung hat Tradition. Es handelt sich bei ihr um eine besonders beliebte Formel antisemitischer Agitation, um die Formel vom »provozierten Antisemitismus«. Wer sich über historische Beispiele dieser Anschuldigung informieren möchte, sollte gelegentlich mal wieder in ein Buch schauen, das für kurze Zeit zur intellektuellen Grundausstattung der Linken gehört hat, in die von Adorno und anderen vorgelegte Studie über die autoritäre Persönlichkeit. Im Kapitel über Themen und Techniken des amerikanischen Agitators sind all jene Äußerungen versammelt, die sich trotz ihres historischen Alters nachgerade jugendfrisch ausnehmen. Und wie quicklebendig diese alte Formel von der Mitschuld der Juden an ihrer Verfolgung ist, zeigt die im Brustton pädagogischer Verantwortung für Israel vorgetragene Ermahnung von Norman Paech. Nicht vom Antisemitismus will er reden, sondern von dessen Zulieferern in Israel. Der Anwalt der Menschenrechte, als der er sich versteht, präsentiert sich gerade dadurch als ein Gegner des Judenhasses, dass er die Juden beschwört, die Anlässe dazu aus der Welt zu schaffen. Unter diesem Aspekt muss man auch die weiter unten beschriebenen pädagogischen Versuche sehen, die Lehrer in diesem Zusammenhang an ihren Schülern verüben.
Dass Norman Paech über die israelische Beihilfe zum deutschen Antisemitismus nicht schweigen kann, verdankt er, wie er in einem Zeitungsinterview sagte und in Hamburg wiederholte, einem ganz besonderen Zungenlöser: dem Pfingsterlebnis einer Israelreise.
Er war, wie er mitteilte, vor 25 Jahren »in der Aura der Kollektivschuld« nach Israel gefahren. Und dort war ihm zuteil geworden, worauf die Wallfahrer nach Lourdes immer nur vergeblich hoffen: Gesundheit. »Ich wurde erst dort auf die Lage der Araber aufmerksam«, berichtete er über das wundersame Mittel seiner dauerhaften Genesung. »Seit jener Zeit fühle ich mich in dieser Frage gefordert«, beschrieb er im salbungsvollen Jargon des Berufspolitikers die anhaltende moralische Wirkung dieser Entdeckung. Es war nicht Damaskus, wo es ja auch eine Lage der Araber gab, dass er vom Saulus zum Paulus geworden war, sondern Jerusalem. Dort hatte er sich vom Linken in einen Deutschen verwandelt, in einem moralischen Kurbad, das sich in der Folgezeit des Ansturms von Rekonvaleszenten aus der Bundesrepublik kaum erwehren konnte.
Von der »Aura der Kollektivschuld« erlöst, hatte er schon Mitte der 60er Jahre persönlich ein Ziel erreicht, dessen allgemeine Verwirklichung die Nationalzeitung noch immer einklagt. Die Leiden der Palästinenser vor Augen, konnte er aus dem Schatten Hitlers heraustreten. Nun war er frei für eine neue kollektive Aufgabe ganz eigener Art, nämlich für die des Bewährungshelfers. Und wie viele andere Absolventen des Bildungsurlaubs im Nahen Osten entdeckte er eine exklusive Fürsorgepflicht der Deutschen für Israel: »Ich vermag nicht«, begründete er dieses Ansinnen, »als Konsequenz aus den Verbrechen der Generation vor uns zu schweigen, wenn die Überlebenden, ihre Kinder und Enkel, Menschenrechte anderer verletzen.« Wenn israelische Polizisten prügeln, wenn israelische Soldaten Zivilisten erschießen, dann strapazieren diese Taten vor allem die deutsche Kollektivgeduld. Wolfgang Pohrt hat dieses Bewährungshelfersyndrom einmal treffend als sozialarbeiterische Ermächtigung der Deutschen beschrieben, ihre Opfer davon abzuhalten, rückfällig zu werden.
Über ein Vierteljahrhundert lang versucht Norman Paech nun schon geduldig, dieser Rückfallgefahr entgegenzutreten. »Er hat sich«, heißt es über ihn in der Zeitschrift Semit, »mehr als einmal öffentlich engagiert, wenn es darum ging, Recht und Menschenrechte zu verteidigen, oft genug konträr zur offiziellen politischen Meinung ... Im Februar dieses Jahres reiste Norman Paech mit einer Delegation durch die besetzten Gebiete Israels ... Das Ergebnis dieser Reise soll in Buchform veröffentlicht werden. Es weist überprüfbar nach, mit welchen Schachzügen Israel seine Politik den Palästinensern gegenüber durchsetzt.«
Das Buch lag bei der Veranstaltung der GEW noch nicht vor, aber es gab doch genügend publizierte und referierte Hinweise, welcher Geist darin herrscht. »Einige der Mitreisenden«, fasste Paech seine letzte Erkundungsreise zusammen, »hatten Israel bisher noch nicht besucht, sie fanden die Stimmung im ganzen Land so angespannt, so aggressiv, dass sie nicht den Wunsch hatten, ein zweites Mal dorthin zu fahren.« Derartiges käme ihnen zu ihrem eigenen Wohnort, den sie, um solche Stimmungen zu erfahren, gar nicht hätten verlassen müssen, bestimmt nicht über die Lippen.
Von ganz ähnlichen Heimatgefühlen durchdrungen war im Frühjahr 1991 die Israel-Delegation der Grünen, als sie aus der bösen Fremde wieder ins gemütliche Grauen zurückkehrte. Ihr Sprecher Ströbele protokollierte damals die Drecksarbeit, die er einen Ausländer verrichten ließ: »Auf dem Rückflug erklärte ein Mitglied der Delegation, er sei froh, nach Deutschland zurückzukehren. Er, der Ausländer ist und die deutschen Behörden wegen der Behandlung von Ausländern in der BRD heftig kritisiert hat, äußerte spontan seine Liebe zu Deutschland, als wir in Frankfurt den Flughafen betraten.«
Den imaginierten Schachzügen der israelischen Politik, will heißen, den undurchsichtigen Tricks, korrespondiert auf Seiten der Autoren, wie Paechs Erläuterungen zu seiner diesjährigen »fact-finding-mission« belegen, eine durchsichtige Plumpheit, eine von keinerlei intellektuellen Regungen ins Wanken gebrachte Geradheit. Der Eifer der Bewährungshelfer plustert sich geradezu aufklärerisch auf. Jetzt soll man endlich die ganze Wahrheit erfahren. Zwar kann man in israelischen Zeitungen und Zeitschriften detailliert über selbst noch das geringste Vergehen der Besatzungspolitik nachlesen; zwar ist die veröffentlichte Meinung in Israel oft so aggressiv, dass sich dagegen noch der kritischste und meist von israelischen Vorlagen abgekupferte Artikel einer deutschen Zeitung, wie Rohkost ausnimmt, von der Flachheit des politischen Journalismus in Deutschland und der Regierungssprechermentalität seiner Vertreter ganz zu schweigen; zwar ist jeder politische Vertuschungsversuch in Israel eine unwiderstehliche Aufforderung an alle Reporter, diesen aufzudecken; zwar gibt es dort, mit einem Wort, eine funktionierende Öffentlichkeit, doch der Gestus moralischer Aufgebrachtheit, mit dem Paech und seine gelehrigen Schüler in der GEW auf ihre Entdeckungen in Israel zeigen, suggeriert, dass sie die Wahrheit erst hier ans Licht brachten, weil es dort weder Demokratie noch Pressefreiheit gäbe. Dabei fischen sie nur im Trüben.
In der Hamburger Lehrerzeitung schreibt eine Vorbereitungsgruppe der GEW-Veranstaltung den Begriff Demokratie denunziatorisch in Anführungszeichen, wenn von Israel die Rede ist. Auf derlei Faxen kamen die pensionsberechtigten Demokratiekritiker hierzulande nicht, wo schon in Friedenszeiten der Ausnahmezustand erwogen wird, dessen es nachgerade gar nicht mehr bedarf. Und Professor Paech säße sicher schon im Knast und nicht auf einem Lehrstuhl, wenn er in Deutschland einmal für die Menschenrechte eintreten müsste in einer Situation, die auch nur annähernd dem Nahostkonflikt entspricht. Er moniert, Israel sei eine »Demokratie im Belagerungszustand«, eine »Militärdemokratie« und klagt über die Zensur im Lande. Wie lächerlich sich allerdings der deutsche Fackelträger der Informations- und Meinungsfreiheit mit seiner Anklage macht, entgeht am allermeisten ihm selbst: Ausführlich referiert er den Bericht eines im Militärgefängnis von Hebron misshandelten palästinensischen Studenten, um in einem Nachsatz kleinlaut hinzuzufügen: »Über seine Vorwürfe der Folter wurden in der israelischen Presse berichtet.«
Fazit seiner Reise in Sachen Menschenrechte war: »der biblische Anspruch Israels« sei der Kern des Nahostkonflikts, »und zwar nicht nur was die Feindschaft zwischen Israelis und Palästinensern, sondern auch was die Feindschaft zwischen Israelis und Arabern betrifft«. Offenbar kann, was Juden und Israel angeht, keine Auskunft zu dumm sein, um nicht von Deutschen geglaubt zu werden. Die Feindschaft zwischen einem Israeli und einem hungernden Fellachen in Oberägypten, einem lese- und schreibunkundigen Iraki in Basra, einer unterdrückten saudiarabischen Frau und einem bettelnden marokkanischen Kind – alles im biblischen Anspruch Israels begründet? Keinen Augenblick wird auch nur die Möglichkeit eingeräumt, dass es für die Feindschaft zwischen Israelis und Arabern sachliche Gründe, beispielsweise die Vernichtungsdrohung durch letztere, geben könnte.
Immer wenn Linke zum plumpen Antisemitismus greifen, kommt die Bildung ins Spiel, nämlich die Bibel, die sie den Juden auch nicht verzeihen. Sogar im Anschluss an die weiter oben zitierte Versicherung Paechs, er habe aus der Massenvernichtung die richtigen Lehren gezogen, er könne also nicht schweigen, »wenn die Überlebenden, ihre Kinder und Enkel, Menschenrechte anderer verletzen«, taucht plötzlich ein biblisches Motiv auf: der Fluch Gottes aus den Zehn Geboten. Paech unterstellt, es gäbe nach Auschwitz ein von Juden unter Berufung auf die Bibel erlassenes Kritikverbot für Deutsche und fragt: »Soll das auch für unsere Kinder und Enkel gelten?« Eigentlich wollte er ja Erpressung sagen, aber der unterschwellige Gedanke an den jüdischen Fluch verleiht der Frage erst den richtigen Kitzel.
Auf der Veranstaltung in Hamburg wurde die Kritik am Verständnis, welches die GEW dem Antisemitismus entgegenbringt, wild entrüstet zurückgewiesen. Ablehnung durch Anbiederung wollte man sich nicht nachsagen lassen, denn schließlich waren lauter gute Menschen hier versammelt. Die inkriminierten Zitate, insbesondere Professor Paechs Propagandalüge von der Mitschuld der Juden am Antisemitismus, seien aus dem Zusammenhang gerissen, lautete der Vorwurf an den Kritiker. Ein Zitat ist freilich, das lernt man offenbar bei diesen Lehrern nicht mehr, immer ein Ausriß aus einem Text. Der Schwachsinn eines bestimmten Satzes wird indes nicht dadurch aus der Welt geschafft, dass man sich auf die mildernden Umstände des Zusammenhangs beruft, in dem er steht. Und gerade die aus den Gewerkschaftsmaterialien zitierten Sätze sind in jeder Umgebung infam und rücken deshalb jeden Kontext, in dem sie stehen, in das trübe Licht des Antisemitismus.
Ein weiterer, auch bei der Hamburger Veranstaltung, beliebter Vorwurf, verfährt nach dem Motto: »Haltet den Dieb«. Wer die moralische Tarnung des linken Antisemitismus durchbricht, gilt als Aggressor, wer die davon ausgehende Bedrohung benennt, als bedrohlich, wer den Gestank moniert, als Stänkerer. Und man selber versteht sich als mutiger Tabubrecher, als ehrbarer Wahrer der Meinungsfreiheit, die von Kritikern mit dem Vorwurf des Antisemitismus erstickt zu werden droht. Mit demselben Gespür, mit dem Politiker das Asylrecht gegen dessen »Missbrauch durch Scheinasylanten« verteidigen, wirft man sich als Vorkämpfer für ein Grundrecht in die Bresche. Man will der von jüdischen Vorbehalten bedrohten Meinungsfreiheit eine Gasse bahnen.
Ströbele hatte vor Jahresfrist das angestaubte Bekenntnis zur Verteidigung der Meinungsfreiheit aus der Mottenkiste des antijüdischen Agitators hervorgeholt: »Ich sehe den Vorwurf des Antisemitismus als politisches Totschlagsargument missbraucht, um die harte Kritik an der israelischen Regierung zum Schweigen zu bringen.« Und in Hamburg plapperten Leute dies nach, denen man nichts Schlimmeres antun konnte, als sie zu zitieren.
Wie wollen die linken Lehrer nun »latentem Antisemitismus entgegentreten?« »Natürlich«, versichern sie in ihrer Gewerkschaftszeitung, »muss eine Beschäftigung mit dem Verhältnis von Deutschen und Juden vom Holocaust ausgehen.« Ja, natürlich – soll heißen: Logo, alles klar, versteht sich, ist ja gebongt, machen wir, muss sein. Doch dem flotten »natürlich« folgt auf dem Fuß ein einschränkendes »aber«: »Aber dass aus der Vernichtungspolitik der Nazis gegenüber den Juden abgeleitet wird, Ansprüche und Politik des Staates Israel bedingungslos zu akzeptieren, stößt bei Jugendlichen zunehmend auf Unverständnis.« Auf zunehmendes Verständnis hingegen stößt diese Haltung bei den Lehrern, die sie feststellen. Sie legen dabei jene apologetische Einfühlsamkeit an den Tag, wie man sie inzwischen zu Genüge von Politikern und Sozialarbeitern kennt, die sich zu den Schandtaten des Mobs geäußert haben. Doch abgesehen von der offenkundigen Lüge, die Politik Israels bedingungslos akzeptieren zu müssen, was niemand jemals gefordert hat, sind – wie im Fall der rücksichtsvoll betrachteten Brandstifter – die Schüler nur ein Vorwand zur Bestätigung und Rechtfertigung des eigenen Ressentiments. Es wird auf dem Umweg über die Schüler nur pädagogisch veredelt.
Eine Lehrerin erläuterte beispielhaft, wie sie einmal erfolgreich den latenten Antisemitismus ihrer Schüler bekämpft hatte: es gebe auch gute Juden, habe sie einem Schüler erklärt, der mit so latent antisemitischen Parolen wie »Juden raus« oder »Nieder mit Israel« aufgetreten sei, es gebe beispielsweise israelische Wehrdienstverweigerer. So eng wie seine deutschen Freunde wollte ein palästinensischer Diskussionsteilnehmer das nicht sehen; er erweiterte den Kreis der Juden, die keinen Anlass zum Antisemitismus böten, auf »demokratische Juden«. Ob auch der Rostocker Politiker Karlheinz Schmidt bei der GEW geschult wurde, weiß man nicht. Jedenfalls redete er beim Empfang für Bubis, als hätte er sich zwei Tage zuvor in Hamburg darauf vorbereitet. Denn mit der Frage, was der Zentralratsvorsitzende der Juden von den Auseinandersetzungen zwischen Israelis und Palästinensern halte, wollte er ganz unbefangen feststellen, ob er es mit einem guten oder einem bösen Juden zu tun habe.
Ein anderer Lehrer, der es mit »judenkritischen Äußerungen« – wie Antisemitismus neuerdings vom Spiegel genannt wird – zu tun hatte, wollte einem Schüler bei der Frage der Wiedergutmachung behilflich sein, natürlich in bester pädagogischer Absicht. Auf das dumpfe Geblöke des Schülers, die Deutschen hätten genug geblecht und gebüßt, reagierte er mit ganz besonderer Anteilnahme. Er wies den Schüler weder barsch zurecht, noch machte er den Versuch, ihn aufzuklären. Er hätte ihm beispielsweise erläutern können, wie teuer ihn, den Schüler, ein versehentlich verursachter Verkehrsunfall im schlimmsten Fall käme. Damit wäre der Lehrer automatisch beim besten Fall, nämlich bei der Tatsache, wie vergleichsweise billig die Deutschen mit dem von ihnen vorsätzlich verursachten Massenmord davongekommen seien. Nichts dergleichen. Der engagierte Lehrer echote bloß zurück: auch er hielte die Wiedergutmachung für einen Schwindel, mit diesen Zahlungen seien bloß die Nazis entlastet und die völkerrechtswidrige Politik Israels unterstützt worden.
So sieht es aus, wenn Gewerkschaftsangehörige dem Antisemitismus entgegentreten: sie geben dem Ressentiment Nachhilfeunterricht. Es scheint wieder das bekannte Bild auf, logisch widersprüchlich, aber psychologisch konsistent. Doch die Jugendlichen riechen den Braten. Sie wollen keine linke Verfeinerung des Vorurteils, sie wollen keinen differenzierenden Zuspruch zum Hass. Sie wollen irgendwann aufs Ganze. Begriffen haben sie nur, wie hilflos der linke Antisemitismus ist und dass ihnen ihre linken Lehrer einmal nicht im Weg stehen werden.
Vielleicht erinnert sich noch jemand an eine lange zurückliegende politische Diskussion, die geführt wurde, als es noch nicht um das duale System, sondern um die Frage von Herrschaft und Ausbeutung, nicht um Lebensqualität, sondern um die Frage von Reichtum und Armut ging. Damals entstand der Begriff vom »hilflosen Antifaschismus«, mit der jene Auffassungen von Geschichte und Gesellschaft in Deutschland qualifiziert wurden, über die Max Horkheimer ein vergessenes Urteil gesprochen hatte: »Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.«
Die Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte muss man als Aufstieg vom hilflosen Antifaschismus zum hilflosen Antisemitismus bezeichnen. Beiden Konzepten eignet dieselbe Beschränktheit; beide sind ein Gemisch aus Kritik und Apologie; beide changieren zwischen Anbiederung und Ablehnung. Dem eingeschränkten Erklärungshorizont des hilflosen Antifaschismus entspricht heute die begrenzte Reichweite des neuen Antisemitismus. Er findet zu seinem Ärger tatsächlich an Israel seine Grenze. Das macht die in Deutschland lebenden Juden nicht glücklicher, und sicherer bestimmt auch nicht, aber den Antisemitismus von links eben letztlich hilflos. Weit davon entfernt, einen untragbaren Zustand im Nahen Osten beenden zu helfen, befördert er nur, dass ein unerträglicher Zustand sich hierzulande verfestigt.
Der einzige Gewinn für die Protagonisten des hilflosen Antisemitismus besteht darin, dass sie sich selbst demontieren und den Beginn der selbst verschuldeten Überflüssigkeit einläuten. Und wenn in diesem Land tatsächlich das Bündnis von Mob und Elite obsiegen sollte, dann bestimmt nicht über eine Opposition, die Konzessionen ans antijüdische Ressentiment als aufklärerische Pädagogik anpreist.
Mit dem eingangs erwähnten Junktim: »Nur wenn wir uns kritisch mit Israel auseinandersetzen, können wir glaubhaft latentem Antisemitismus im Unterricht entgegentreten«, ist die GEW bereits die Krankheit geworden, als deren Arzt sie auftreten möchte. Dieser Satz ist nicht nur infam, sondern auch bodenlos dumm. Er ist infam angesichts gelynchter Ausländer, brennender Flüchtlingsheime und zertrümmerter Gedenkstätten. Er ist bodenlos dumm, denn niemand wird der Gewerkschaft diese Vorleistung auf einen völkischen Konsens gutschreiben. Das zumindest hätten die Gewerkschaftsmitglieder doch aus der deutschen Geschichte lernen können.
Der Antisemitismus war einmal die erste Frage gewesen, in der sich Linke vom Rest der deutschen Gesellschaft unterschieden hatten. Nun scheint der Antisemitismus zur letzten Antwort geworden zu sein, welche sie beim vollzogenen Wandel durch Annäherung noch geben können. Aus der radikalen Abwehr des Antisemitismus ist am Schluss eine schwächliche Hinwendung zu ihm geworden. Dass die Sozialdemokratie eine »Judenschutzpartei« gewesen sei, war eine Erfindung der nazistischen Propaganda. Dass Juden in Deutschland nicht auf die Linke, schon gar nicht auf die Hamburger GEW zählen können – das ist die Wahrheit heute.
Statt mit dem Nahen Osten sollte sich die Hamburger GEW besser mit dem ganz nahen Osten beschäftigen. Statt mit der israelischen Besatzung in Palästina sollte sie sich mit der deutschen Besessenheit auseinandersetzen, von der sie selbst ergriffen ist. Weltumspannende Moraloffensiven von Leuten, die dem Rassismus im eigenen Lande Konzessionen machen, sind pure Heuchelei. Und die für die Artikulation des eigenen Vorurteils bloß vorgeschobenen Kids, die heute schon alle schlauer sind als die Sozialarbeiter von gestern, wissen noch vor ihren Lehrern, dass deren Aufforderung »Menschenrechtsverletzungen müssen kritisiert werden, gleichgültig, wo sie stattfinden« (Paech) nur die Eingangsphrase zur Sonderbehandlung der Juden ist und als Aufreißer dafür dient, warum man sich ausgerechnet und besonders heftig mit Israel befassen muss.
Mit Israel hat das alles gar nichts zu tun, und deshalb blieben die Pädagogen auch besser am Ausgangsort ihrer Absichten. Hier könnte die GEW tun, was sie ein Jahr nach dem Golfkrieg per Zeitungsanzeige verkündete, nämlich »einseitig Partei ergreifen für den Frieden«. Beispielsweise könnte sie einen UNO-Blauhelm-Einsatz in der Bundesrepublik fordern. Natürlich ohne deutsche Beteiligung. Damit wäre dem friedensbewegten Protest neues Leben eingehaucht und auch der deutschen Polizei, der gegenwärtig einzigen organisierten Friedensbewegung, geholfen. Und geholfen wäre vor allem den Ausländern. Aber vielleicht hält der an Israel geschärfte Blick der GEW das, was in Rostock und andernorts passiert, für eine deutsche Intifada?
1993
Moralischer Antisemitismus
Zwei gute Deutsche und der Golf
I.
Er hat Israel noch nicht vernichtet und Palästina noch nicht befreit. Aber in Deutschland hat Saddam Hussein sein Kriegsziel bereits erreicht: der Karneval fällt aus, und dafür geht die Friedensbewegung um. Kein Rosenmontagszug, sondern Mahnwachen; kein Konfetti, sondern Schweineblut. Keine Besoffen-, sondern Betroffenheit. Und erneut zeigt sich, noch unerträglicher als wenn sie fröhlich sind, sind die Deutschen, wenn sie gut sind.
Der begrenzte Krieg im Nahen Osten hat in Deutschland ein grenzenloses Wunder vollbracht. Ostern fällt in die Winterzeit, denn die deutsche Friedensbewegung ist plötzlich von den Toten auferstanden. Noch beim Überfall des Irak auf Kuwait und bei den noch länger zurückliegenden Drohungen, Israel mit Massenvernichtungswaffen auszulöschen, moderte die Leiche friedlich vor sich hin.
Einer der Ersten, der sich am Grabe der Friedensbewegung zu schaffen machte, um der Verblichenen neuen Odem einzuhauchen, war der Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein. Wie man einen Erfrorenen mit Schnee einreibt, so behandelte er den Kadaver mit den Ursachen seines Zustandes: mit einem Elixier aus Nationalismus und ganz persönlicher Entrüstung. Und den Grund dieser anhaltenden Empörung teilte der schreibende Wiederholungssanitäter mit: Die Leiden des jungen Rudolf A., so erfuhren die Spiegel-Leser in der Ausgabe zur Wiedervereinigung Anfang Oktober 1990, waren die Leiden einer noch unerwiderten Liebe zu diesem Staat. Er habe, so teilte er im Brustton des patriotischen Veteranen mit, wegen dieser Liebesbeziehung in drei deutschen Gefängnissen gesessen. Doch mit der von ihm publizistisch begleiteten Verwandlung der deutschen Bevölkerung ins deutsche Volk wurde er reichlich für jenen frühen Liebes- und vergleichsweise komfortablen Freiheitsentzug entschädigt.
dass andere, beispielsweise die Juden, ihre unerwiderte Liebe zu Deutschland nicht nachträglich auch als Gewinn verbuchen wollen, nimmt er ihnen seitdem übel. Zwar hatte er sich schon vor jeder organisierten deutsch-jüdischen Verbrüderung auf höchst private Weise mit ihnen versöhnt, indem er sich das Pseudonym Jens Daniel zulegte, einen – worauf er jüngst seine Leser eigens hinwies – »nordisch-alttestamentarischen« Namen. Doch trotz dieser alttestamentarischen Namenssymbiose machte ihm ständig zu schaffen, was seiner Auskunft nach auch schon Göring beim Nürnberger Prozess Magenschmerzen bereitet hatte. Göring habe zu einem Mitangeklagten gesagt: »Wenn nur nicht dieses verdammte Auschwitz wäre! Ohne Auschwitz könnten wir uns richtig verteidigen. So ist uns jede Möglichkeit verbaut. Alle denken, wenn von uns die Rede ist, immer nur an Auschwitz und Treblinka«.
Gottseidank kam dann der Kalte Krieg: »Die Kluft zwischen Ost und West hat uns aus der schlimmen Isolierung der Gaskammern herausgeholfen«, atmete Augstein auf, als seien die Deutschen 1952 gerade noch rechtzeitig vor der Vernichtung bewahrt worden. Mit dem Ende der Nachkriegszeit, die Augstein als früher Sprecher der späteren Friedensbewegung immer als Periode nationaler Demütigung durch die Alliierten begriffen hat, war diese hilfreiche Kluft zwischen Ost und West mit einem Mal verschwunden. Und es drohte nun die vom Spiegel-Herausgeber des öfteren beschworene Gefahr, dass die Weltöffentlichkeit sich nicht von der deutschen Amnesie anstecken ließ. Es konnten also auch die Juden daran erinnern, dass das neue Deutschland, dessen »Stunde Null« Augstein jetzt proklamierte, immer noch das Land sei, zu dessen jüngerer Geschichte die Massenvernichtung gehöre.
Die Erinnerung daran hatte er ihnen schon Jahre zuvor nicht verziehen, als er die Reputation des Bundeskanzlers mit dem Hinweis verteidigte, es habe keinen moralischen Unterschied zwischen der schweigenden Mehrheit der Deutschen und der von diesen umgebrachten Juden gegeben. Wenn er also, um an ein Diktum Adornos zu erinnern, zähneknirschend zugab, dass Verbrechen begangen worden waren, dann sollte wenigstens das Opfer mitschuldig sein. Seine journalistischen Trompetensignale vor Ausbruch des Golfkriegs, die er in die noch tauben Ohren der dahingeschiedenen Friedensbewegung stieß, zeigen, dass der Spiegel – und nicht etwa die Bild-Zeitung – zum Meinungsführer des Volksempfindens bei der Vollreinigung der deutschen Geschichte geworden ist.
Wie indes der wirkliche Führer nur befehlen kann, was die Bevölkerung will, dass er befiehlt, so kann auch der Spiegel-Herausgeber nur verlautbaren, was er abgelauscht hat. Er ist nicht der Praeceptor der Nation, für den er sich gerne hält, wenn er seine Leser gelegentlich nicht mit Tagesmeinungen, sondern mit historischen Gesinnungsaufsätzen traktiert, in denen er alles zwischen Plato und Nato hervorkramt, um die deutsche Ehre zu verteidigen. Er ist nicht der zu Unrecht nicht anerkannte deutsche Großhistoriker der zweiten Jahrhunderthälfte, sondern bloß der Stichwortgeber seiner kollektiven Einflüsterungen. Er ist der Biedermann als Anstifter, das Sprachrohr des gesamtdeutschen Vorurteils. Er macht aus dem Stammtisch, wo es vom Himmel durch die Welt zur Hölle geht, eine für Aufsichts- wie Studienräte akzeptable Tafelrunde des völkischen Ressentiments. Während es in der Kneipe um einen Hocker am Tresen geht, verlangt es ihn nach einem deutschen Platz an der Sonne. Und wenn sich andere dazwischenstellen und einen Schatten darauf werfen, dann schreibt Augstein eine Kolumne.
Seine Artikel sind Verlautbarungen des ehrbaren Antisemitismus, der zwar die Juden nicht verbrennen, sich umgekehrt, wie Augstein kürzlich erklärte, aber auch von diesen »nicht die Erinnerung an die Rampe von Auschwitz für immer ins Gedächtnis brennen« lassen will. Die mit der »Stunde Null« neugewonnene Unschuld möchte er sich nicht von anmaßenden Juden rauben lassen, die besser daran getan hätten, das KZ als Fortbildungseinrichtung zu begreifen. Sie hätten doch, wie der Oberlehrer monierte, »in der eigenen Geschichte erfahren ..., wie man mit Minderheiten nicht umgehen sollte, und wohin der Mangel an Toleranz führt«. Jetzt müssen sie also nachsitzen, im Bunker und mit Gasmaske. »Man ist Antisemit, um Antisemit zu sein«, schrieb vor hundert Jahren der österreichische Autor Hermann Bahr. So selbstlos ist diese Leidenschaft heute nicht mehr. Und nach Augsteins rhetorischer Frage »Ist Israel noch zu retten?« muss man jene Wendung neu fassen: »Man ist Antisemit, um Deutscher zu sein«.
Noch fehlte indes jene zündende Parole, welche die von Augstein behandelte Leiche dazu bewegen konnte, als moralischer Herrenmensch ins wirkliche Leben zurückzukehren. Mit »Kein Blut für Öl« war sie gefunden, und als Antwort auf den Heiligen Krieg entstieg der Gruft die fundamentalistische Bewegung zum Heiligen Frieden. Lauter Gesinnungsträger wie ehedem, die trotz ihrer Jugendlichkeit den Altvorderen gleichen wie aus dem verhärmten Gesicht geschnitten; eine Art letztes Aufgebot der Friedensbewegung, die nun, indem sie Schüler und Kleinkinder mobilisiert, schließlich ihre pazifistische Werwolf-Truppe geschaffen hat. Mit ihrer durch weiße Armbinden vollzogenen Verwandlung von Schülerlotsen in Luftschutzwarte machen die Jugendlichen ihr Gefolgschaftsbedürfnis geltend und demonstrieren mit Schweigemärschen hauptsächlich, dass es keines Krieges hier mehr bedarf, um in Reih und Glied zu denken. Und wer die weißen Bettlaken aus den Fenstern hängen sieht, muss den Eindruck gewinnen, jetzt sei endlich erreicht, was die alte Friedensbewegung immer behauptet hatte, nämlich dass Deutschland ein besetztes Land sei, dessen Bewohner nun auf den Balkon treten mit der Mitteilung: Wir übergeben uns!
II.
Schuld am imaginierten Weltuntergang sind die USA, doch am Grund dieser Schuld liegt Israel – das ist die Botschaft der unbefangenen Apokalyptiker auf der Straße. Deshalb war auch, noch ehe eine einzige irakische Rakete auf Israel niedergegangen war, von der deutschen Treffsicherheit auf jüdischen Friedhöfen zu lesen.
Wenn Ekkehart Krippendorff, Politikprofessor in Berlin und gleichzeitig eine Art freier Mit- und Weiterdenker Augsteins, am 22. Januar 1991 in der taz schrieb: »Ohne Wenn und Aber für Israel«, dann war diese Überschrift nur die branchenübliche, das heißt, die aus dem deutsch-jüdischen Versöhnungsgeschäft herrührende Tarnformel für ihr genaues Gegenteil. Denn ohne Wenn und Aber ist man in Deutschland nur für die toten Juden.
Es handelte sich bei dem Text von Krippendorff, der gelegentlich wie und bei Augstein von der »Fremdbestimmung der Sieger« schwadronierte, um genau jenes Quantum moralischer Nachrüstung, dessen die neu erweckte Friedensbewegung noch ermangelte, um sich das rechte Gewissen zu einer besonderen Fortzeugung des Antisemitismus zu machen: zu einem Judenhass, der aus der Friedensliebe kommt – zu einem moralischen Antisemitismus. Im Namen des Friedens gegen Israel zu sein ist etwas Neues. Denn dieses Ressentiment hat alle praktischen und politischen Beweggründe abgestreift. Es handelt sich bei ihm nicht mehr um den wie Bebel sagte »Sozialismus der dummen Kerle«. Dieser neue Antisemitismus erwächst weder aus niedrigen Instinkten noch ist er Ausfluss ehrbarer politischer Absichten. Er ist die Moralität von Debilen.
Das antijüdische Ressentiment entspringt den reinsten menschlichen Bedürfnissen, es kommt aus der Friedenssehnsucht. Es ist daher absolut unschuldig, es ist so universell wie moralisch. Dieser moralische Antisemitismus beschließt die deutsche Wiedergutwerdung insofern, als sich durch ihn die Vollendung der Inhumanität ankündigt: die Banalität des Guten.
Vom Giftgas reden weder Augstein noch Krippendorff. Denn im Hause des Henkers redet man nicht vom Strick. Es könnte passieren, dass das neue Deutschland, dessen Beginn Krippendorff im Unterschied zu Augsteins »Stunde Null« einmal auf den 2. Juni 1967 vordatiert hat, in einem Atemzug mit Gas genannt wird. Hatte sich denn Dorothee Sölle bei Gildemeister Zutritt verschafft, um dort ihr Mutter Unser zu beten, oder ist Walter Jens, der Sitzheld von Mutlangen, etwa nach Eschborn gewandert, um sich philologisch über die Ausfuhrgenehmigungen herzumachen? Das damalige friedensbewegte Geschwätz über das auserwählte Volk der Bombe, über die besondere Bedrohung Deutschlands schloss das Schweigen über dessen besondere Bedrohlichkeit ein. Und weil er jahrelang besonders heftig geschwiegen hatte, hängte der DGB kurz nach Ausbruch des Krieges, noch fünf symbolische Minuten an.
Bei ersten Demonstrationen gegen den Golfkrieg kam das Wort Gas nicht vor, und erst recht nicht, wen es bedroht. Um so heftiger hingegen war die Forderung zu hören, dem Diktator bei der Ausführung seines von ihm angedrohten Massenverbrechens – nämlich Israel in ein Krematorium zu verwandeln – nicht in den Arm zu fallen. Die mit der Friedensforderung behauptete Anteilnahme am Schicksal der irakischen Bevölkerung ist indes nicht so selbstlos, wie sie sich gibt. Diese Sympathie verrät unmissverständlich, dass es sich bei ihr um einen vorausschauenden Rückblick handelt: am Irak soll nicht vollstreckt werden, was den Deutschen bereits widerfahren war. Mit dem beständigen Hinweis der Demonstranten, dass Deutschland aufgrund seiner eigenen Geschichte eine besondere und weltweite Verantwortung für den Frieden habe, soll vor allem eine deutsche Errungenschaft der jüngeren Geschichte vergessen gemacht werden: dass nämlich der einzige deutsche Beitrag zur Zivilisation im 20. Jahrhundert darin besteht, den Krieg als Mittel der Politik eben nicht abgeschafft, sondern im Gegenteil ihn als Sachwalter der Humanität überhaupt erst möglich gemacht zu haben.
Die Juden Israels gelten als quantité négligeable – bestenfalls, oder aber als die eigentlich Schuldigen, wie man es bei Krippendorff nachlesen kann. Er übersetzt die irakische Propaganda in die Sprache der deutschen Betroffenheit. Wenn Saddam Hussein tönt, was die Etikette Krippendorf verbietet, dass nämlich die Juden das Unglück der Araber seien, dann heißt das im Jargon der moralischen Nachrüstung des Antisemitismus: »Das ist der Sturm, zu dem die Politik des Staates Israel den Wind gesät hat. Man stelle sich vor, Israel würde sich noch heute bedingungslos aus den besetzten Gebieten zurückziehen ...«
Bedingungslos – das hätte er gern. Außerdem müsse die deutsche Friedensbewegung »unzweideutig darauf bestehen, dass die rigide, arrogante, ja ›rassistische‹ israelische Politik einen wesentlichen Anteil an der Popularität des brutalen Saddam Hussein« habe.
Ähnlich argumentierte vor einem halben Jahrhundert eine andere Bewegung, die unzweideutig darauf bestand, dass die rigiden jüdischen Kaufhausbesitzer einen wesentlichen Anteil an der Popularität des Führers hatten. Der hat ja bekanntlicherweise dann die Kaufhäuser abgeschafft und den Sozialismus eingeführt. Krippendorff setzt, wenn er die Politik Israels qualifiziert, das Adjektiv rassistisch in Anführungszeichen. Was will er damit sagen, wenn er dieses Wort mit Samthandschuhen anfasst, wo er es doch wörtlich meint? Bedauert er, dass die Nürnberger Gesetze nicht mehr gelten, denen zufolge nur Deutsche Rassisten sein durften? Will er den Leser darauf vorbereiten, dass, sollte er künftig einmal mit Anführungszeichen von der »jüdischen Verschwörung« schreiben, diese dann auch wirklich gemeint sei. Tatsächlich sind diese diakritischen Zeichen Signale der Kumpanei zwischen dem Autor und dem Publikum, sie sind Lidschläge eines einvernehmlichen Zwinkerns: wir wissen schon, was gemeint ist.
In einer 1987 im Spiegel erschienenen Eloge auf die Protestbewegung hatte sich Krippendorff an einer Diagnose versucht, die eher einer Selbstbezichtigung gleichkam: »Die deutsche Sprache, ein sichereres Indiz für veränderte Kultur als alle politische Analyse, ist nicht mehr dieselbe wie noch vor zwanzig oder gar hundert Jahren: Sie ist flexibel, schöpferisch, unbotmäßig, fantasievoll geworden.«
Vor allem flexibel, so legt sein antiisraelisches Pamphlet in der taz nahe, wenn es um Ursache und Wirkung, und phantasievoll, wenn es um die Wahrheit geht. Im triefigen Mitleidston schreibt er über den »ganz und gar friedlichen, passiven Widerstand der Palästinenser«, als hätten diese nicht schon genug an den Schlägen der Besatzungsmacht zu leiden, sondern auch noch einen Tritt der deutschen Friedensbewegung nötig, mit dem sie, die doch allen Grund haben, nicht mit weißen Armbinden, sondern mit Steinen in der Hand sich zu wehren, auf das Niveau ihrer deutschen Anwälte herabgedrückt werden sollen.
»Ein Deutscher ist ein Mensch«, notierte Adorno einmal, »der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.« Krippendorffs Bekenntnis ohne Wenn und Aber zu Israel nimmt sich aus wie das Plädoyer des Advokaten in der »Fledermaus«, der sich dem schlecht vertretenen Klienten gegenüber mit den Worten verteidigt: »Ich wollte Sie nicht beleidigen, sondern verteidigen«. Er hat sich, wie Augstein auch, nur über Kritik von außen geärgert, darüber, dass ein frecher Jude sich in der taz über die Dämlichkeit der Friedensbewegung auslassen durfte. Von einem, der nicht ihren Stallgeruch teilen will, lassen sich Krippendorff und die anderen, »die wir mittendrin stehen«, doch nicht den mühsam erworbenen moralischen Antisemitismus vermiesen. Und wie Augstein so fordert auch Krippendorff die Juden auf, sie sollten gefälligst die besseren Menschen sein.
Schon 1942 hätten sie diese Ermahnung missachtet, indem sie die Deportationen nicht mit einem Sitzstreik abgewendet hätten, schrieb Krippendorff in der taz zwei Tage, bevor er als Israelexperte debütierte: »Man stelle sich vor, die Kolonne der Hunderte und Tausende auf dem Weg zu den Güterbahnhöfen hätten sich schlicht hingesetzt – hätten Polizei, SA, Wehrmacht und SS es gewagt, im Angesicht aller deutschen Zuschauer diese Menschen zusammenzuschlagen und sie Körper für Körper, widerstandslos und doch mächtig, auf Lastwagen zu verfrachten?«
Ein einziges jüdisches Teach-In, und Goebbels hätte einpacken können; ein einziges jüdisches Sit-In, und die Deutschen hätten sich in eine Bürgerrechtsbewegung verwandelt. Doch offensichtlich fehlte den Juden die Zivilcourage, die sie gleichzeitig auch noch den Zuschauern ihres Elends beibringen sollten. Weshalb sie also nicht nur an ihrer eigenen Vernichtung schuld, sondern auch für den fehlenden Widerstand bei den Deutschen verantwortlich sind. Zwischen der Diagnose des selbstverschuldeten Massenmords und der Feststellung der »arrogant-heroischen Selbstmordpolitik des Staates Israel« besteht ein innerer Zusammenhang. Beides sind Wunschvorstellungen eines Judenreferenten von heute.
Die Extreme berühren sich, hieß es einmal. Angesichts des Ineinander von herrschender Meinung und Kritik an ihr, angesichts der Nähe von Augstein und Krippendorff muss es jedoch heißen: was sich berührt, wird extrem.
1991
Sein Name ist ein Ärgernis
Zur Kampagne des deutschen Feuilletons gegen Marcel Reich-Ranicki
Meine Damen und Herren,
wären die militärischen Verschwörer vom 20. Juli erfolgreich gewesen und nicht die Alliierten, dann würden wir uns weder heute Abend hier einfinden können, noch gäbe es den Anlass zu dieser Veranstaltung. Es gäbe keine Medienkampagne gegen den Literaturkritiker, und zwar deshalb nicht, weil es Marcel Reich-Ranicki nicht gäbe, jedenfalls nicht in Deutschland.
Die letzten Juden Europas, derer die Nazis damals noch habhaft werden konnten, wurden gerade in die Gaskammern gejagt, da verständigten sich die Verschwörer auf einen älteren Plan zur Lösung der Judenfrage. Denn auch sie wollten eine Judenfrage lösen. Die Juden sollten aus Europa nach Kanada oder Südamerika verfrachtet werden. Dieser Plan war in Eichmanns Schublade verschwunden, nachdem die Nazis sich entschlossen hatten, es sei besser, die Juden umzubringen, statt sie zu verjagen. Die Juden, oder was von ihnen übrig war, sollten weggeschafft werden, denn die Welt, so die Auffassung der Verschwörer, käme nicht eher zur Ruhe, bis nicht eine globale »Neuordnung der Stellung der Juden« erreicht sei. Auch deutsche Offiziere fänden dann endlich wieder den inneren Frieden, den die Ermordeten gestört hatten. Durch ihre Abschiebung nach Übersee hätten die Juden keine Gelegenheit mehr, Anlass der moralischen Kränkung der Soldatenehre zu sein. Wie sehr Juden in ihrer Eigenschaft als Kandidaten der Ermordung durch SS und Wehrmacht deutschen Offizieren zusetzten, welch unerträgliche Belastungen die Opfer den Tätern aufluden, ja wie geradezu die Täter sich opferten, wenn sie Tote herstellten – von dieser Selbstlosigkeit zeugt nicht nur jene berühmte Rede Himmlers, der 1944 davon gesprochen hatte, dass deutsche Soldaten trotz all dieser Zumutungen anständig geblieben seien. Von General Speidel, dessen Name für die Kontinuität von Wehrmacht und Bundeswehr steht, ist aus dem Jahr 1950 die Auskunft überliefert, dass in Wahrheit nicht die Opfer, sondern die Vollstrecker des Verbrechens gelitten hatten. Über den hingerichteten Mitverschwörer General Carl-Heinrich von Stülpnagel, der an der Ostfront einen »vermehrten Kampf gegen das Judentum« befohlen hatte, über Stülpnagels Einordnung und frühes Leid erklärte Speidel: »Bei seinem hohen ethischen Grundgefühl empfand er das Amoralische des Systems als ständiges seelisches Martyrium.« Damit diese Leidensgeschichte ein Ende hätte, sollten die Juden weg. Reich-Ranicki hätte keine Chance gehabt – ab nach Kanada oder Chile; selbst die Ausnahmebestimmungen, über welche die Verschwörer penibel nachgedacht hatten, hätten ihm damals nicht geholfen. Nur Juden, deren Familie schon über mehrere Generationen in Deutschland ansässig waren, sollten bleiben dürfen, oder jene, die sich um Deutschland verdient gemacht hatten. Aber Reich-Ranickis unheilbare Liebe zur deutschen Kultur hatte damals noch vornehmlich darin bestanden, dass er las und noch nicht publizierte, dass er also noch nicht zum »Verdienstjuden«, wie es bei den Nazis geheißen hatte, avanciert war. Genau unter der Berufung auf diese Anstrengung, Reich-Ranicki habe einen wichtigen Beitrag zur deutschen Kultur geleistet, verteidigten manche den Angegriffenen gegen die Infamien des deutschen Feuilletons.
Von Tucholsky, der andere Daten deutscher Traditionsfindung kommentierte, stammt die treffende Bemerkung: »Nie geraten die Deutschen so außer sich, wie wenn sie zu sich kommen wollen.« Heute wollen sie wieder. Es soll historisch zusammenwachsen, was wirklich zusammengehört, denn nach der geschichtlichen Vorlage ist auch das Modell der Identität gebildet, das nun vom Stapel laufen soll. Die negative Abgrenzung nach außen korrespondiert mit der positiven Bindung nach innen und dem Anschluss der Vergangenheit. Deren Dioskuren oder doppeltes Lottchen heißen Schindler und Stauffenberg, oder auf einen Nenner gebracht: »der gute Nazi«. Doch wie damals, als der identische Deutsche um sein seelisches Gleichgewicht gebracht wurde, so stören die Juden auch heute den Frieden, der mit der Geschichte gemacht werden soll. Ansonsten umworben und für die Imagepflege Deutschlands bei jeder sich bietenden offiziellen Gelegenheit ins Rampenlicht geschleift, sind die Juden anlässlich der Ausrufung des »anderen Deutschland« auf eigentümliche Weise abwesend. Sie jedenfalls haben nicht vergessen, dass dieses »andere Deutschland« noch, wie Hannah Arendt es einmal formuliert hat, »durch einen Abgrund von der zivilisierten Welt getrennt war«. Und diesen Abgrund nimmt man den Juden übel. Sie hätten ein Problem mit dem 20. Juli, beschwerte sich der Sohn des Hitler-Attentäters, als der Vorsitzende des Zentralrats der Juden vorsichtig auf diesen Abgrund hinwies. Stauffenberg junior kann Bubis freilich nicht verzeihen, dass die Mehrzahl der militärischen Verschwörer ganz ordinäre Antisemiten waren. Für den Umstand, dass darüber beim offiziellen Gedenken nicht die Rede sein soll, wird man seit einiger Zeit ausführlich entschädigt. Dem Schweigen über die Vorgeschichte, die Motive und Pläne der militärischen Verschwörer gegen Hitler entspricht die Geschwätzigkeit über die Opfer. Wenn der Bürger, schrieb Adorno einmal, schon zugibt, dass Verbrechen geschehen sind, dann will er auch, dass das Opfer mitschuldig ist. Der gegenwärtig zu neuem Leben erweckte anständige Deutsche bezieht gerade aus der Unanständigkeit der Ermordeten und Überlebenden seine politische Vitalität. Wie die Kirche den Teufel, so braucht der gute Deutsche den bösen Juden. Dieser Zusammenhang liegt der »Affäre« Reich-Ranicki zugrunde, die eine Affäre des deutschen Feuilletons ist.
Die antijüdische Begleitmusik, die in diesem Fall gespielt wird, ist nicht neu. Die Orchesterbesetzung hat gewechselt. Jahrelang war, um einen verwandten Fall zu erwähnen, Heinz Galinski, der verstorbene Vorsitzende der Berliner jüdischen Gemeinde, die Projektionsfigur für einen weitverbreiteten Antisemitismus von unten, einen Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz. Wer gar nichts wußte, wußte immer noch, wer Galinski war; wer nichts zu sagen hatte, dem fiel zu Galinski etwas ein. Er war der »Mahner«, wie es immer wieder hieß, der sich als notorischer Gläubiger gebärdete. Er war der Itzig der Nachkriegszeit, die mit seinem Tod und der Wiedervereinigung zu Ende ging. Der Hass auf ihn freilich war nicht Ausdruck dumpfer Verdrängung der mörderischen Geschichte, sondern eine Leistung des hellwachen Bewusstseins selbst noch der verblödetsten Landsleute: mit der jüngeren deutschen Geschichte sollte nicht einfach Schluss sein, sondern diese sollte, indem es gegen Galinski ging, erst richtig zu ihrem Abschluss gebracht werden. Dass er noch da war, ging nicht mit rechten Dingen zu. Etwas war damals schiefgelaufen. Er war sozusagen ein Toter, der nicht sterben wollte.
Im Fall Reich-Ranicki, dem man nicht den Titel eines »Mahners«, sondern den um nichts weniger Respekt wie Ranküne vereinigenden Titel eines »Richters«, eines »gnadenlosen Richters« verliehen hat, in seinem Fall verhält sich die Sache etwas anders. Der Mann wird nicht vom Publikum, sondern von Kollegen und Literaten gehaßt, die das Ressentiment erst ausbilden und formulieren müssen, damit es kollektiv wirksam wird. Erst wenn diejenigen, die Reich-Ranicki als Literaturkritiker verrissen oder, schlimmer, ignoriert hat, es geschafft haben werden, den Kritiker im jüdisch-kommunistischen Agenten verschwinden zu lassen, können sich alle, nicht nur die Handvoll bedeutungsloser Schriftsteller und Journalisten, als bedeutende Opfer eines Bösewichts fühlen. Die Kampagne gegen Reich-Ranicki, der in den Augen ihrer Protagonisten den dreifaltigen Vorwurf: Jude, Kommunist und Kollaborateur verkörpert, ist der patriotische Beitrag des klugen Kerls, oder anders gesagt: Antisemitismus von oben. Es ist in diesem Zusammenhang von ausgesuchter Ironie, dass ausgerechnet in seiner eigenen Zeitung, der FAZ, vor Jahren die Frage aufgeworfen wurde, die nun anhand seiner Person beantwortet wird. Damals fragte ein Autor angelegentlich der Theateraufführung »Getto« ganz ungeduldig: »Wann verlieren die Opfer ihre moralische Unschuld«? Und auch der Spiegel nahm damals von einer lieb gewonnenen Vorstellung Abschied, der zufolge die umgebrachten Juden alle Kammermusiker, Philanthropen und Nobelpreisträger gewesen waren, und sprach von der »Wahlverwandtschaft zwischen Henkern und Opfern.« Diese Wahlverwandtschaft im Fall Reich-Ranicki zu belegen, war das Privileg eines polnischen Journalisten, den die Herrenmenschen von der Zeit engagierten. Auch an der Verteilung der Drecksarbeit hat sich nichts geändert. Außerdem macht ihn die aktuelle Amalgamierung von Nazi und Stasi ohnehin mindestens zu einem halben Nazi, was in seinem Fall natürlich als besondere Anmaßung gilt.
Reich-Ranicki, so ist absehbar, wird zur phantastischen Wunschfigur des ideellen Gesamtantisemiten: Intellektueller, Jude, Kommunist, erst im Geheimdienst, dann Verräter, übt Macht aus, sinnt auf Rache. Ein Ärgernis ist er schon immer gewesen. Doch der Neid auf ihn und seinen Erfolg tritt nun, da Reich-Ranicki dazu dienen soll, den Blick auf die Vergangenheit frei zu machen, als antijüdisches Ressentiment auf. Durchtränkt von diesem war der Neid schon immer. Talent habe er, aber keinen Charakter, hieß es, weil er unterhaltsam ist. Und vorgeworfen wurde ihm von jenen, die sich, wie Walter Jens etwa, als Hüter des Geistes verstehen, er sei ein Agent der Warenwelt, das Literarische Quartett sei so etwas wie ein Verkaufsveranstaltung für Jacobs-Kaffee. So wird von jenen, die nichts als marktgängigen Edelkitsch und Aufklärung von der Stange zu bieten haben, dem im Unterschied zu ihnen brillanten Exponenten der literarischen Zirkulation vorgeworfen, den Tod der Literatur zu verursachen und deshalb für eine Tendenz verantwortlich zu sein, die Reich–Ranicki doch bloß vorgefunden hat. Am Exponenten des Kulturbetriebs wird die Verwandlung von Literatur in Ware beklagt, eine alte Klage der liberalen Ära, »deren Hass gegen den jüdischen Mittelsmann«, so Adorno, »am Ende das unsägliche Grauen bereitete.«
Der zentrale Satz, der in immer neuen Variationen in die Attacken gegen den Literaturkritiker einfloss, wurde gleich zu Beginn des Treibens verübt: In der Fernsehsendung von Tilman Jens im Mai 1994 mahnte eine garantiert doppel-arische Frau Krone–Schmalz: »dass der Richter von heute einst ein Gerichteter war, dürfen wir niemals vergessen.« Oder anders gesagt: das Warschauer Getto werden wir ihm niemals verzeihen. Immer daran denken, Juden verfolgen, weil sie selbst verfolgt wurden. Verfolgung macht das Opfer zum Verfolger. Der Angriff auf Reich-Ranicki ist sozusagen ein Akt der Notwehr. Es ist dies die Angst für ein unabgegoltenes Kapitel der deutschen Geschichte, eine Angst, die Heiner Müller, der geborene Sprecher des Unterbewusstseins in Deutschland, auf die Formel gebracht hat: »Die Atombombe ist die jüdische Rache für Auschwitz.«
Reich-Ranicki ist den Kommunismus losgeworden, nicht aber sein Judentum. Das hängt an ihm wie eine Zielscheibe, auf die sich seit Beginn der Affäre alle eingeschossen haben. Da wird selbst seine Tätigkeit im polnischen Geheimdienst eine bloße Funktion seines Judeseins und nicht als Ergebnis sachlicher Gründe gesehen. In der Aneinanderreihung: vom Getto über den Geheimdienst zum gnadenlosen Richter erscheint das klassische antijüdische Stereotyp: Verfolgtwerden als eine Vorbedingung der Macht.
Sollte irgendjemand freilich nicht gewusst haben, dass Reich-Ranicki Jude ist, dass Juden Opfer und Opfer dazu da sind, geopfert zu werden, dem verschaffte der Spiegel mit einer dem Stürmer nachgeäfften Titelbild Gewissheit, dass sein Unbehagen einem bösartigen Tier galt und demzufolge begründet war. Andererseits freilich war Reich-Ranicki manchen nicht jüdisch genug, und dann gaben sie ihm, wie viele Deutsche das tun, wenn sie auf Juden treffen, Nachhilfeunterricht im Jüdischsein.
Wolf Biermann, vor dessen Zudringlichkeit kein jüdischer Autor mehr sicher ist, ist das beste Beispiel für die Nachäfferei dessen, was als jüdisch gelten soll. Wie einst Eichmann, der beim Besuch eines Konzentrationslagers jüdische Häftlinge beschimpfte, weil sie keine jüdischen Witze erzählen konnten oder die hebräische Sprache nicht beherrschten, also keine richtigen Juden seien, so ging Biermann auf Reich-Ranicki los mit der Vorhaltung, er wisse nichts von jiddischen Dichtern aus dem Getto oder es ermangele ihm an Interesse für die moderne israelische Literatur.
»Wir wissen nicht, was Sie draußen gemacht haben, aber wir wissen genau, was wir drinnen gemacht haben« – mit diesem Satz haben die Gleichgeschalteten nach 1945 Emigranten als Verräter und Deserteure verhöhnt. Was Reich-Ranicki »draußen« gemacht haben könnte, ist trotz aller Enthüllungen über seine kommunistische Vergangenheit eine Frage geblieben, von welcher die verfolgende Unschuld des deutschen Feuilletons heftig gequält wird. In der Wochenzeitung Die Zeit las man die kleinlaute Zwischenbilanz des drängenden Wunsches, überlebende Juden den Deutschen gleichzumachen: »Über die ›vielen Erfolge‹ des Tschekisten Marcel Reich-Ranicki wissen wir praktisch nichts.« Diesem unbefriedigenden Zustand wurde abgeholfen mit einem Buch über Polen, das die kollektiven Ahnungen zur Gewissheit werden lässt. »Auge um Auge«, so lautet der Titel. Und im Untertitel wird versprochen: »Die nicht erzählte Geschichte der jüdischen Rache an den Deutschen im Jahr 1945«. Reich-Ranicki kommt in diesen Protokollen der Rächer von Zion zwar nicht vor, aber in diesem neuen antijüdischen Standardwerk spielt dieser geringfügige Umstand keine Rolle mehr.
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