Kitabı oku: «Die Jagd nach der Wahrheit: Die unendliche Geschichte der Weltforschung»
Eirik Newth
Die Jagd nach der Wahrheit
Die unendliche Geschichte der Welterforschung
Aus dem Norwegischen von
Gabriele Haefs
Saga
Das neugierige Tier
Niemand weiß, wann die Neugier auf der Erde aufgetaucht ist. Vielleicht gab es sie schon bei dem Geschöpf, von dem alle auf dem Land lebenden Tiere abstammen, einer Amphibie (einem Tier, das an Land und im Wasser leben kann), das vor fast 350 Millionen Jahren existiert hat. Diese Amphibie hatte ein winzig kleines Gehirn, und da Neugier vom Gehirn abhängt, empfand dieses Tier vermutlich nicht dieselbe Neugier wie wir. Trotzdem kann es durchaus ein prickelndes Gefühl verspürt haben, als es anfing, das feste Land zu erforschen, diese spannende Welt, in der hundert Millionen Jahre lang nur Pflanzen und Insekten gelebt hatten.
Die Neugier hat sich auf jeden Fall früh eingestellt, sie ist schließlich eine nützliche Eigenschaft. Ein neugieriges Tier erforscht seine Umgebung und hat größere Chancen, dort einen sichereren Wohnort, reichere Jagdgründe und einen Partner zu finden, um sich dann zu vermehren. Solche Entdeckungsreisen sind für kleine Tiere gefährlich, denn in der Natur wimmelt es von hungrigen Fleischfressern; aber die Vorteile der Neugier wiegen die Nachteile dennoch auf.
Jeder hat schon mal beobachtet, wie Katzen und Hunde ihre Schnauzen in alles stecken und wie sie jeden Winkel und jede Ecke im Haus, in dem sie wohnen, auskundschaften. Sie müssen einfach immer wieder auf Entdeckungsreisen gehen. Genauso ist das bei den Schimpansen, die enge Verwandte von uns Menschen sind. Wenn ein Schimpanse etwas Neues und Unbekanntes sieht, zum Beispiel ein Zelt, in dem ein Affenforscher sitzt, dann hat er zuerst Angst und bleibt in sicherer Entfernung. Aber nach einer Weile siegt die Neugier. Der Affe kann sich nicht beherrschen, er muss das Zelt berühren, muss daran riechen und nachsehen, ob es etwas Spannendes oder Essbares enthält.
Bei Menschen und Tieren sind die Kinder neugieriger als die Erwachsenen. Das liegt daran, dass wir durch Neugier das Leben am besten erlernen können. Wenn ein Schimpansenjunges lernen soll, allein zurechtzukommen, kann seine Mutter ihm nicht alles beibringen. Das Kleine muss so neugierig sein, dass es sich traut, auf Bäume zu klettern, alle möglichen Nahrungsmittel zu probieren und in Erfahrung zu bringen, um welche Tiere es lieber einen Bogen machen sollte.
Menschenkinder experimentieren wie Affen, gleichzeitig aber stellen sie auch immer wieder bohrende Fragen. Mit vier oder fünf Jahren beginnt das „Fragealter“. Sobald ein Erwachsener in der Nähe ist, werden die seltsamsten Fragen gestellt, zum Beispiel, warum das Telefon klingelt und was es vor dem Universum gegeben hat. Dieses Fragealter ist eine der wichtigsten Phasen im Leben. Durch Fragen und Antworten legen Kinder sich das Wissen zu, das sie brauchen, um als Erwachsene zurechtzukommen.
Es gibt noch einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen der Neugier von Affen und der von Menschen. Anders als die Schimpansen fügen wir Menschen gern Wissensbrocken zu einem Ganzen zusammen, ungefähr so wie bei einem Puzzlespiel. Wir möchten Zusammenhänge finden, begreifen, warum etwas passiert. Diesen seltsamen Drang verspüren wir vermutlich seit mindestens hunderttausend, vielleicht auch dreihunderttausend Jahren, so lange, wie wir unser großes Gehirn haben.
Manches lässt sich leicht erklären. Dass es ohne Wolken keinen Regen geben kann und dass im Sommer die Tage lang sind, konnten auch die Menschen der Urzeit ohne Probleme verstehen. Aber in der Natur gibt es auch viele schwer erklärbare Phänomene. Alltägliche Dinge wie Sonne und Sterne, Blitz und Donner – und neugeborene Kinder – waren große Rätsel. Die Menschen suchten Antworten auf ihre Fragen, aber ihnen fehlten die Hilfsmittel, die wir heute haben. Zum Beispiel ist es von großem Nutzen, schreiben zu können, wenn wir etwas Überraschendes beobachtet haben und uns dazu unsere Gedanken machen, aber die Schrift wurde erst vor 5500 Jahren erfunden. Vorher verflog alles Wissen, das nicht weitererzählt wurde.
Deshalb kann man auch gut verstehen, dass die Menschen glaubten, Gottheiten steckten hinter allem, was sie nicht erklären konnten. Eine Gottheit ist ein Wesen, das viel größere Macht über die Natur besitzt als die Menschen. Die Gottheiten waren oft unsichtbar, sie konnten aber auch Menschen- oder Tiergestalt annehmen. Sie konnten die Menschen bestrafen, sie konnten sie für gutes Benehmen belohnen. Es war wichtig, die Gottheiten milde zu stimmen, und die Menschen beteten sie an und brachten ihnen Opfer, um sich reiche Ernten, gutes Wetter und viele Kinder zu sichern.
Der Sternenhimmel war für Menschen, die an Götter glaubten, besonders wichtig. Während vieles von dem, was in der Natur geschieht, zufällig und unsicher wirkt, vermitteln uns die Sterne ein Gefühl von Sicherheit. Die Sterne wandern auf festen Bahnen über den Himmel, ihr Aussehen ändert sich nicht im Lauf eines Menschenlebens, sie gehen zu festen Zeiten auf und wieder unter. In alten Bauerngesellschaften fanden auch wichtige Ereignisse wie Saat, Ernte und die Geburt der Lämmer immer in derselben Jahreszeit statt.
Da immer dieselben Sterne zu sehen waren, wenn im Herbst das Getreide eingebracht wurde, glaubten die Menschen, die Sterne hätten das Reifen des Korns bewirkt. Die Sterne wurden zu Gottheiten, die das Leben der Menschen lenkten, und die Sterndeuterei wurde deshalb zu einem wichtigen Beruf. Als die Schrift erfunden worden war, wurden darum sehr bald Beobachtungen von Sternen und Planeten notiert. Viele Religionen gehen noch immer davon aus, dass Gott (oder die Gottheiten) oben im Himmel wohnen.
Der Glaube an Götter war für die Menschen von großer Bedeutung, und noch immer ist er vielen wichtig. Aber das Problem dabei ist, dass die Menschen sich dann oft mit den Erklärungen zufrieden geben, die sie in ihrer Religion finden.
Die alten Ägypter hielten zum Beispiel die Sonne für das Auge des Sonnengottes Ra. In Ägypten wurde nicht weiter über die Sonne geforscht, alle wussten schließlich, dass sie Ras Auge ist. Und da in der Bibel steht, Gott habe die Welt innerhalb von sechs Tagen erschaffen, fanden es viele Christen überflüssig, sich für die Entstehung der Erde und des Lebens auf unserem Planeten zu interessieren. Auf diese Weise haben Religionen die Neugier der Menschen stark eingeschränkt. Oft wurden Menschen, die nicht an die Götter glaubten, bestraft, und deshalb behielten sie ihre Gedanken lieber für sich.
So ist es auch kein Wunder, dass die Menschen mehrere hunderttausend Jahre auf der Erde gelebt hatten, ehe sie entdeckten, dass sie auch auf andere Weise denken konnten. Diese wichtige Entdeckung wurde vor gut 2500 Jahren in einem kleinen Land namens Griechenland gemacht.
Alles ist Wasser!
Wenn man etwas verstehen will, muss man mit einer Frage anfangen. Die Frage braucht nicht besonders gescheit zu sein. Vieles von dem, was wir heute wissen, haben wir gelernt, weil Menschen vor langer Zeit Fragen gestellt haben, die anderen dumm vorkamen. Das hat sich zahllose Male wiederholt, seitdem es auf der Erde neugierige Menschen gibt. Bei der Jagd nach der Wahrheit sind alle Fragen erlaubt, ob sie nun schwieriger sind („Was war vor dem Universum?“) oder einfacher („Warum haben die Marienkäfer Pünktchen?“).
Ab und zu müssen wir auch unsere Forschungen hinterfragen. Eine solche Frage ist: „Was ist Wahrheit?“
Das ist eine einfache Frage. Mit der Antwort sieht es da schon ganz anders aus. Die Forscher sagen gern, in der Natur sei Wahrheit das, was wir mit unseren Sinnen beobachten können, also das, was sich sehen, hören, fühlen, riechen und schmecken lässt. Wenn jemand ein rotes Auto sieht, sagt er die Wahrheit, indem er erklärt, es sei rot. Aber viele Menschen sind farbenblind und sehen keinen Unterschied zwischen Rot und Grün. Wenn also ein Farbenblinder ein rotes Auto als grün bezeichnet, lügt er deshalb trotzdem nicht. Für ihn ist es die Wahrheit, dass Rot und Grün dasselbe sind – für jemand anderen nicht.
Ähnlich geht es auch mit unseren anderen Sinnen: Gehör, Geruchssinn, Tastsinn der Haut. Alle Sinne funktionieren so, dass die Menschen die Wirklichkeit auf ihre eigene Weise erleben. Dieses Buch erzählt von vielen unterschiedlichen Ansichten, was die Wahrheit über die Natur ist, und es zeigt sich, dass es auf die Frage nach der Wahrheit keine abschließende Antwort gibt. Vielleicht werden wir niemals eine solche Antwort finden.
Das Problem mit Wahrheit oder Unwahrheit gilt auch für das, was hier steht. Die Geschichte der Jagd nach der Wahrheit handelt davon, was die Menschen gedacht haben. Es ist für uns schwer zu verstehen, was in den Köpfen unserer Bekannten vor sich geht. Selbst bei nächsten Angehörigen ist es schwierig. Wie schwer ist es da erst, die Gedanken von Leuten zu verstehen, die vor mehreren Jahrtausenden in einem fremden Land gelebt haben.
So ein Fall ist Thales, der als der erste Forscher gilt. Er wurde um das Jahr 625 v. Chr. in der griechischen Stadt Milet geboren. Er soll ein berühmter Kaufmann und Politiker und außerdem ein fähiger Astronom und Mathematiker gewesen sein. Er sagte für das Jahr 585 v. Chr. eine Sonnenfinsternis voraus, und er riet den Seeleuten, sich am Sternbild des Kleinen Bären zu orientieren, das immer nach Norden weist und das auf hoher See als eine Art „Himmelskompass“ dienen kann. Thales hat noch viele andere wichtige Entdeckungen gemacht und gilt als einer der klügsten Griechen aller Zeiten.
Ihm werden viel mehr großartige Leistungen zugeschrieben, als ein einzelner Mensch überhaupt erbringen kann. Alles jedoch, was wir über ihn wissen, ist erst lange nach seinem Tod aufgeschrieben worden. Die Forscher wissen in Bezug auf Thales nur eins ganz sicher: Er hat die Antwort auf die Frage „Woraus ist alles in der Natur gemacht?“ gesucht.
Jeder weiß heute, dass die Erde und alles, was es darauf gibt, aus Stein, Metall, Erde, Wasser und Luft besteht und Menschen und Tiere aus Fleisch, Fett und Knochen. Das wusste Thales natürlich auch. Was er wissen wollte, war, ob alles, was wir sehen, wirklich aus einem einzigen Stoff besteht, der sich auf unterschiedliche Weise verhält. Und Thales fand eine Antwort: Alles ist Wasser!
Thales glaubte, dass Menschen, Tiere, Pflanzen und alles, was es in der Natur sonst noch gibt, aus Wasser besteht und dass die Erde eine flache Scheibe ist, die in einem riesigen Meer schwimmt. Er glaubte außerdem, dass es vor langer Zeit nur Wasser gegeben hat, aus dem dann alles andere entstanden ist. Deshalb hat er das Wasser als „Urstoff“ bezeichnet.
Es ist schon seltsam, dass Thales sich für das fließende, durchsichtige Wasser entschieden hat, das so wenig Ähnlichkeit mit Gegenständen wie Steinen oder Bäumen hat. Aber die Stadt Milet, in der Thales lebte, liegt am Mittelmeer, in warmem, trockenem Klima. Die meisten Menschen ernährten sich von der Landwirtschaft und vom Fischfang, für sie war das Wasser deshalb lebenswichtig. Thales war auch viel gereist, und er wusste, dass die größten Reiche seiner Zeit, Babylon und Ägypten, an großen Strömen lagen. Ohne Wasser können die Menschen sich nirgendwo ansiedeln, und ohne Wasser stirbt jegliches Leben. Das war einer der Gründe, weshalb Thales das Wasser für einzigartig hielt.
Eine andere Besonderheit des Wassers ist, dass es in drei unterschiedlichen Formen auftritt. Diese Formen kann man in der Küche sehen. Aus dem Wasserhahn kommt Wasser in flüssiger Form. Im Kühlschrank ist es als Eis vorhanden, also in fester Form. Und wenn man einen Topf Wasser zum Kochen bringt, dann bilden sich graue Wolken aus Wasserdampf.
Alles, was wir in der Natur sehen, tritt entweder in fester Form, als Flüssigkeit oder als Gas auf. Thales kannte nur einen Stoff, den es in allen drei Formen gibt und der sich aus einer Form in eine andere verwandeln kann: Wasser. Deshalb hielt er auch so unterschiedliche Dinge wie Bäume und Milch und Wolken nur für unterschiedliche Erscheinungsformen von Wasser.
Thales hatte eine gute Frage gestellt, spätere Forscher erkannten seine Antwort jedoch als falsch. Und dennoch: Das Wichtige an Thales ist, dass er wie ein Forscher dachte. Er hatte begriffen, dass hinter vielen komplizierten Erscheinungen in der Natur eine einfache Ursache stecken kann. Thales hatte außerdem begriffen, dass Religion unsere Fragen nach der Natur nicht beantwortet. Die Antworten liegen in der Natur selbst. Wie wir sie finden, das ist unsere Sache.
Thales behielt seine Überlegungen nicht für sich: Er fing an zu unterrichten, und nach und nach hatte er viele Schüler. Diese Schüler stellten ihrerseits Fragen, und einige gelangten zu anderen Antworten als ihr Lehrer. Zum Beispiel glaubte sein Schüler Anaximenes, alles bestehe aus Luft. Solche Meinungsverschiedenheiten waren auch etwas Neues.
Eine Religion fordert in der Regel, dass alle einer Meinung sind. Wenn jemand ein Christ sein möchte, muss er allem zustimmen, was Jesus gesagt hat. Er muss auch hinnehmen, was in der Bibel steht, obwohl ihm manches davon seltsam oder falsch vorkommt.
Wenn jemand wie ein Forscher denken will, liegt der Fall anders. Dann muss er alle möglichen Fragen stellen und seine eigenen Antworten finden. Er darf nichts nur deshalb für die Wahrheit halten, weil irgendwer es behauptet hat.
Als Thales dieses neue Denken erfunden hatte, war damit auch ein neuer Beruf entwickelt: Philosoph. Dieses griechische Wort bezeichnet jemanden, der „das Wissen liebt“. Es ist die Aufgabe der Philosophen, die Natur und die Menschen zu studieren, zu diskutieren und Bücher zu schreiben.
Einige Jahrhunderte nach dem Tod des Thales hatten sich die Philosophen spezialisiert. Die einen interessierten sich für die Natur, sie wurden „Naturphilosophen“ oder „Wissenschaftler“ genannt. Anderen ging es mehr um die Frage, wie die Menschen denken und leben. Heutzutage nennt man nur noch diese Leute „Philosoph“. Wenn dieses Buch von der Jagd nach der Wahrheit handelt, sind hier nur die Naturphilosophen gemeint.
Es war kein Zufall, dass die ersten Philosophen aus Griechenland stammten. Die alten Griechen waren tüchtige Kaufleute, kühne Seefahrer und Entdecker. Zur Zeit des Thales hatten sie rund um das Mittelmeer Kolonien gegründet. Die Griechen beschlossen auch als Erste, dass das Volk entscheiden sollte, wer regiert. Noch immer wird ein solches System mit dem griechischen Wort für „Volksregierung“ als „Demokratie“ bezeichnet.
In Griechenland fanden neue Gedanken leichter Gehör als anderswo. Das galt nicht nur für Philosophen, sondern auch für Schriftsteller, Dichter und Bildhauer. Da unsere moderne Gesellschaft weiterhin von den Gedanken der alten Griechen beeinflusst ist, nennen wir Griechenland auch „die Wiege unserer Kultur“.
Alles ist Zahl!
Warum ist Mathematik so schwierig, und wozu müssen wir uns überhaupt mit ihr herumschlagen? Die Antwort auf die erste Frage ist einfach: Es haben so viele Menschen Schwierigkeiten mit Mathematik, weil unser Gehirn nicht zum Rechnen angelegt ist. Früher lebten die Menschen in einer Natur, in der Zahlen keine Rolle spielten und wo es darum ging, von einem Tag auf den andern zu überleben. Unser Körper hat sich seit damals nicht sehr verändert, und deshalb haben wir ein Gehirn, mit dem wir leichter im Dickicht einen Säbelzahntiger entdecken als zwei und zwei zusammenzählen können.
Dieser Mangel lässt sich leicht beweisen, zum Beispiel indem man die Augen schließt und versucht, sich fünf Gegenstände vorzustellen, Flaschen zum Beispiel, die auf einem Tisch stehen. Es gilt, fünf Flaschen deutlich vor sich zu sehen. Und dann soll das Gehirn noch eine weitere Flasche auf den Tisch stellen. Es fällt ungemein schwer, sie zu sehen. Beim Versuch, eine siebte Flasche hinzuzufügen, ist es fast unmöglich, alle Flaschen zu sehen, ohne sie der Reihe nach durchzuzählen. Nur sehr wenige Menschen können acht oder neun Flaschen gleichzeitig sehen.
So ist es auch kein Wunder, dass manche Völker Wörter für Zahlen nicht kennen. Sie haben nur ein Wort für „ein Ding“ und eins für „viele Dinge“, aber keines für „zwei“, „drei“ oder „vier“.
Und doch findet unsere Gesellschaft, wir sollten uns über Mathematikbüchern unser Höhlenmenschengehirn zermartern. Warum? Auf diese Frage gibt es zwei Antworten. Die eine wird gern von Lehrern und Eltern gepredigt, aber ich wiederhole sie trotzdem noch einmal: Wer im Leben zurechtkommen will, muss Ahnung von Zahlen haben.
Denken wir nur mal ans Geld. Um mit Geld umzugehen, muss man über Zahlen Bescheid wissen. Ein Taschenrechner ist gut und schön, aber man muss auch feststellen können, ob man vielleicht beim Zahlentippen die falschen Tasten gedrückt hat.
Es lohnt sich also, rechnen zu können. Und das war einer der Gründe, weswegen vor über 5000 Jahren die Mathematik erfunden worden ist, und zwar von den Sumerern, die im Gebiet zwischen den großen Strömen Euphrat und Tigris die ersten großen Städte bauten.
Die Sumerer stellten fest, dass das Leben in großen Städten ganz besondere Probleme mit sich bringt. Lebensmittel müssen zentral bevorratet, verwaltet und verteilt werden. Die Behörden müssen dafür sorgen, dass tausende von Menschen Steuern und Zollgebühren bezahlen. Sie sind für den Bau von Kanälen und Straßen, Häusern, Tempeln und Palästen zuständig. Zu allem sind wesentlich mehr Arbeiter und viel mehr Baumaterialien nötig, als auf dem Dorf je gebraucht worden waren. Gleichzeitig fingen viele Menschen an, vom Handel zu leben. Sie brauchten eine Übersicht über das, was sie kauften und verkauften.
Solche Probleme konnten gelöst werden, als die Sumerer das erste Zahlensystem erfunden und Regeln dafür aufgestellt hatten, wie Zahlen zusammengezählt und voneinander abgezogen, wie sie malgenommen und geteilt werden können. Wenn es zum Beispiel dreihundert Tage dauerte, einen Tempel zu bauen, und tausend Arbeiter pro Tag zwei Schalen Weizen brauchten, dann konnte ein sumerischer Bauherr schnell berechnen, dass er sechshunderttausend Schalen Weizen herbeischaffen musste. Er konnte mithilfe der Rechenkunst also gewissermaßen die Zukunft voraussagen.
Die Sumerer erkannten auch, dass die Bewegungen am Himmel etwas mit Zahlen zu tun hatten. Sie sahen natürlich, dass zur selben Jahreszeit, Jahr für Jahr, am Himmel dieselben Sterne zu sehen sind. Sie entdeckten auch, dass immer 365 Tage vergehen, bis die Sonne im Sommer den höchsten Punkt am Himmel erreicht. Und dass zwischen zwei Vollmonden immer 29 Tage vergehen. Das Seltsamste war jedoch, dass ein besonderer Sternentyp sich im Verhältnis zu den anderen Sternen bewegt. Diese „Wandersterne“, die wir heute Planeten nennen, taten das aber auf ebenfalls regelmäßigen Bahnen.
Der Himmel bietet natürlich immer einen spannenden Anblick, doch dass Sterne, Sonne und Mond offenbar auch Tage zählen, muss auf die Sumerer einen tiefen Eindruck gemacht haben. Jedenfalls fingen sie an, die Sterne regelmäßig zu beobachten. Die ersten Astronomen waren aller Wahrscheinlichkeit nach Sumerer.
Vor knapp viertausend Jahren eroberten die Babylonier das sumerische Reich. Sie übernahmen nicht nur das Land der Sumerer, sondern auch deren Schrift und Zahlenkenntnisse. Sie verbesserten die Mathematik und stellten unter anderem genaue Regeln auf, mit denen die Bewegungen von Sonne, Mond, Sternen und Planeten berechnet werden konnten. Diese mathematischen Regeln ermöglichten es auch, das zukünftige Aussehen des Himmels vorherzusagen.
Dieses Wissen muss auf die Menschen damals wie pure Zauberei gewirkt haben. Und das war auch der Sinn der Sache, denn die Babylonier glaubten, dass die Ereignisse am Sternenhimmel das Geschehen auf der Erde beeinflussten. Die babylonischen Astronomen waren im Grunde so etwas wie Priester, die versuchten, die Zukunft der Menschen zu berechnen. Diese alte Sternenreligion lebt bis heute unter dem Namen Astrologie weiter, eine Art Weissagung, die mithilfe der babylonischen Sternenmathematik getroffen wird.
Die Babylonier schrieben mit Holzstäbchen auf Tontafeln. Von diesen Tafeln sind mehrere hunderttausend erhalten, die meisten enthalten Listen über Warenbestände, Rechnungen und astronomische Tabellen. Das sagt uns, wie wichtig Rechnen (und Geld) im babylonischen Alltag gewesen sein muss.
In Babylon wurde auch die Geometrie erfunden, eine Form der Mathematik, die sich mit Figuren wie Dreiecken, Kreisen, Vierecken und mit Linien befasst. Das Wort „Geometrie“ bedeutet „Erdvermessung“. Die Nachbarn der Babylonier, die Ägypter, hatten ein besonderes Problem, an dem wir begreifen, wie die Geometrie angewandt werden konnte.
Die Ägypter waren (und sind) abhängig vom Nil, der jedes Jahr über seine Ufer steigt. Der Nil bringt fruchtbaren Schlamm mit sich, der auf den Feldern liegen bleibt, wenn sich das Wasser wieder zurückzieht. Das Problem war, dass der Nil auch Zäune und Steine mitreißen konnte, die die Grenzen eines Grundbesitzes anzeigten. Und dann brauchten die Bauern Hilfe von Menschen, die die Grenzen zwischen den Äckern neu vermessen konnten. Das war möglich mithilfe der Geometrie – der Erdvermessung.
Als die Griechen anfingen, sich für die Natur zu interessieren, war die Mathematik schon im ganzen Mittleren Osten verbreitet. Die Griechen bildeten sich gern ein, alles selber erfunden zu haben, und deshalb bezeichneten sie Thales als den ersten wirklichen Mathematiker.
Wir dagegen wissen, dass sich nur wenige griechische Philosophen mit den Babyloniern messen konnten. Einer von diesen wenigen war Pythagoras. Er wurde um 570 v. Chr. auf der Insel Samos geboren und war möglicherweise ein Schüler des Thales. Pythagoras ist vor allem durch zwei Entdeckungen berühmt geworden, von denen die eine nicht einmal von ihm stammt, nämlich der berühmte Satz des Pythagoras, der in der Geometrie wichtig ist.
Dieser Satz bezieht sich auf die Längen der Seiten eines Dreiecks. Er gilt für eine bestimmte Art von Dreieck, bei der zwei Seiten im rechten Winkel zusammentreffen. Einen rechten Winkel erhält man, wenn man einen Faden mit einem Lot nach unten hängen lässt. Der Winkel zwischen dem Faden und dem Boden ist ein rechter. Auch die Ecken dieser Buchseite sind rechte Winkel.
Bei einem Dreieck mit einem rechten Winkel kann man die Länge der längeren Seite berechnen, wenn man die der beiden kürzeren Seiten kennt. Am einfachsten lässt sich das in einer mathematischen Formel ausdrücken. Wenn die beiden kurzen Seiten a und b und die längere c genannt werden, dann lautet die Formel:
c × c = a × a + b × b.
Jeder Mensch kann nachprüfen, ob die Formel stimmt, indem er einfach die vorliegende Buchseite ausmisst. Dazu nimmt man eine Linie an, die aus der Ecke oben rechts in die Ecke unten links führt. Diese Linie teilt die Seite in zwei Dreiecke, von denen jedes einen rechten Winkel aufweist (eine Ecke der Seite). Jetzt kann man mit einem Lineal die Länge der Querlinie ausmessen. Und das Ergebnis mit sich selber malnehmen. Danach misst man Höhe und Breite der Buchseite aus. Diese beiden Zahlen mit sich selber malgenommen und dann addiert beweisen, dass die Länge der Querlinie mit sich selber multipliziert so groß ist wie die Summe von Höhe und Breite mit sich selber multipliziert.
Eigentlich hatten die Ägypter den Satz des Pythagoras entdeckt, als sie beim Pyramidenbau Dreiecke berechnen mussten. Später wurden mit diesem Satz die Höhe von Bergen und die Entfernung zu den Sternen berechnet (vgl. S.).
Die zweite Entdeckung dagegen stammt vermutlich wirklich von Pythagoras. Wenn die Saiten einer Harfe eine bestimmte Länge haben, dann werden die Töne jeder Saite klar und rein. Die Länge einer Saite lässt sich als Zahl schreiben, und Pythagoras glaubte, dass hinter dem schönen Klang Zahlen steckten. Deshalb stellte er für Musik mathematische Regeln auf.
Da Pythagoras in Babylon studiert hatte, wusste er auch, wie dort die Bewegungen von Sternen und Planeten berechnet wurden. Dass zwei dermaßen unterschiedliche Dinge wie die Musik und der Sternenhimmel mathematischen Regeln zu folgen schienen, brachte Pythagoras zu der Annahme, dass hinter allem in der Natur Zahlen stecken. Die Zahl war für ihn der „Urstoff“, so wie es für Thales das Wasser gewesen war.
Aber Pythagoras ging viel weiter als Thales. Er gründete eine neue Religion, in der die Zahlen Gottheiten waren. Diese Religion fand viele Anhänger. Solche „Pythagoräer“ gab es noch Jahrhunderte nach dem Tod des Meisters, und sie hielten ihren Glauben so geheim, dass jemand, der laut darüber sprach, zum Tode verurteilt werden konnte.
Obwohl uns die Vorstellungen des Pythagoras heute seltsam vorkommen, hat er doch etwas Wichtiges herausgefunden. Und jetzt kommen wir zu dem zweiten Grund, weshalb es wichtig ist, Mathematik zu lernen: Vieles von dem, was in der Natur geschieht, folgt tatsächlich mathematischen Gesetzen. Wenn auch nicht alles Zahl ist, so lässt sich doch fast alles mit Zahlen beschreiben. Es ist nicht leicht, die Ereignisse in der Natur zu verstehen, wenn man keine Ahnung von Mathematik hat.
Das wussten die griechischen Philosophen, und es war einer der Gründe, warum sie sich jahrhundertelang von der Mathematik faszinieren ließen. Zu Lebzeiten des Pythagoras war die Mathematik oft noch chaotisch und ungenau. Deshalb wurde eine neue Form von Mathematik mit festen Regeln zur Erforschung der Welt der Zahlen benötigt. Und diese Form wurde um das Jahr 300 v. Chr. entwickelt. Damals schrieb der Mathematiker Euklid sein Buch Die Elemente. Dieses Buch enthielt klare Vorschriften für die Anwendung der Geometrie und erklärte, wie mathematische Beweise geführt werden können.
Ein mathematischer Beweis soll zeigen, dass mathematische Regeln immer zutreffen. Zum Beispiel der Satz des Pythagoras. Woher sollen wir wissen, ob seine Aussage über Dreiecke immer zutrifft? Es wäre doch denkbar, dass für große Dreiecke andere Regeln gelten als für kleine. Mathematiker, die das Buch des Euklid gelesen hatten, konnten beweisen, dass der Satz des Pythagoras auf alle Dreiecke mit rechtem Winkel zutrifft, egal, wie groß sie sind.
Die Forschungen des Euklid waren so wichtig, dass seine Elemente bis in unsere Zeit als mathematisches Lehrbuch benutzt wurden.
Alles ist Atom!
Viele Philosophen glaubten nicht, dass die Natur aus Wasser oder aus Zahlen besteht. Da niemand beweisen konnte, wer Recht hatte, konnte jeder seine eigene Theorie aufstellen. Der Philosoph Empedokles, der um 490 v. Chr. geboren wurde, ging von vier Urstoffen aus: Feuer, Erde, Luft und Wasser. Diese Stoffe nannte er „Elemente“.
Der Philosoph Anaxagoras stimmte dem nicht zu. Er glaubte an eine unbegrenzte Menge von Elementen und meinte außerdem, der Mond bestehe aus Erde und die Sonne sei ein glühender Metallklumpen von der Größe der Halbinsel Peloponnes westlich von Athen. Diese beiden Himmelskörper waren für ihn also ein Teil der Welt der Natur, so wie Bäume und Steine. Die meisten Griechen hielten Sonne und Mond aber für mächtige Gottheiten, und viele Menschen waren über Anaxagoras empört. Er wurde ins Gefängnis gesteckt und am Ende aus seiner Heimatstadt Athen vertrieben.
Aber weder Empedokles noch Anaxagoras konnten erklären, woraus die Stoffe oder Elemente denn nun bestanden. Für sie waren die Elemente eine feste Masse. Und das stimmte ja mit dem überein, was wir im Alltag beobachten können. Wenn man einen Klecks Butter zwischen Zeigefinger und Daumen nimmt und dann zudrückt, bleibt die Butter trotzdem glatt. Man kann quetschen, so viel man will, die Butter wird sich nicht klumpig anfühlen. Das gilt auch für feste Stoffe. Wenn man ein Zuckerkorn zerstößt, erhält man ein feines Pulver aus kleineren Zuckerkörnern – Puderzucker. Wenn man ein winziges Puderzuckerkörnchen zerstoßen könnte, dann würde man noch winzigere Puderzuckerkörner erhalten.
Nichts weist darauf hin, dass die Stoffe in der Natur aus winzigen „Bausteinen“ zusammengesetzt sind. Aber irgendwo muss doch alles anfangen? Wenn wir uns vorstellen, dass ein Stoff, zum Beispiel Wasser, eine Art Einheitsbrei ist, bedeutet das dann nicht, dass sich das Wasser aus unendlich vielen kleinen Partikeln zusammensetzt?
Solche Fragen stellte sich der Philosoph Demokrit. Und er kam zu dem Schluss, dass es in der Natur „Bausteine“ geben muss. Er stellte sich eine Art winzigster Partikel vor, das Kleinste, was es in der Natur überhaupt gibt und was nicht mehr in kleinere Bestandteile zerlegt werden kann. Deshalb bezeichnete er diese Partikel mit dem griechischen Wort für „unteilbar“: Atom. Laut Demokrit schweben die Atompartikel durch den leeren Raum, und alle Veränderungen in der Natur werden durch Atomzusammenstöße hervorgerufen.
Die Atome sind zu klein, als dass man sie mit dem bloßen Auge sehen könnte, und sie sind von unterschiedlicher Form. Deshalb schließen sich manche Atome zu größeren Klumpen zusammen. Fester Stoff besteht aus solchen Atomzusammenballungen, und er löst sich auf, wenn sich die Atome voneinander entfernen. Atome können nicht verschwinden, sie können sich nur zu neuen Formen zusammenschließen.
Demokrit stellte sich vor, dass die Atome vor allem anderen existiert hatten und dass Sonne, Erde und alles andere in der Natur in einem gewaltigen Atomwirbel durch puren Zufall entstanden seien. Die Atome folgten ihren eigenen Gesetzen, und die Götter hatten auf sie keinen Einfluss. Deshalb waren die Götter für die Natur nicht von Bedeutung.
Diese Vorstellung erinnert an moderne Wissenschaft, und noch immer nennen wir die kleinsten „Bausteine“ in der Natur Atome. Aber zu Lebzeiten Demokrits ließ sich kaum jemand von seiner Vorstellung überzeugen. Viele Philosophen weigerten sich, etwas zu glauben, was sie nicht sehen konnten. Als viel überzeugender erschienen ihnen die Elemente des Empedokles, denn die bestanden aus Stoffen, die alle kannten.
Dass die Atome im leeren Raum treiben, mochten viele auch nicht glauben. Ein leerer Raum muss doch ein Nichts sein. Aber was ist denn überhaupt nichts? Und kann die Natur wirklich eine Mischung aus nichts und winzigen Partikeln sein? Solche Fragen waren ein wichtiger Grund, weshalb sich Demokrits Atomlehre niemals durchsetzen konnte. Aber sehr wichtig für den Misserfolg war auch, dass der am Ende bedeutendste Naturphilosoph von allen ihr seine Unterstützung verweigerte: Aristoteles.
Aristoteles
Aristoteles gehört zu den wenigen griechischen Philosophen, über die uns recht viel bekannt ist. Das liegt unter anderem daran, dass noch über zweitausend Seiten seiner Schriften erhalten sind. Deshalb wissen wir mit ziemlicher Sicherheit, dass er im Jahr 384 v. Chr. in der Stadt Stagira geboren wurde und dass sein Vater Leibarzt des Königs von Makedonien, einem Königreich in Nordgriechenland, war.
Was Aristoteles als junger Mann gedacht hat, wissen wir nicht, vielleicht weckte der Beruf seines Vaters bei ihm das Interesse an allem, was in der Natur wuchs, kroch und krabbelte. Als Sohn eines reichen Mannes konnte Aristoteles lernen, was er wollte, und deshalb begab er sich mit siebzehn Jahren nach Athen, der wichtigsten Stadt in Griechenland.
Dort gab es die Akademie, eine Art Philosophenschule. Die Akademie war im Jahr 387 v. Chr. von dem Philosophen Platon gegründet worden, der noch immer unterrichtete, als Aristoteles sein Studium aufnahm.
Platon interessierte sich nicht sonderlich für die Natur. Er hielt das, was wir sehen können, nicht für die wahre Wirklichkeit. Er glaubte, dass sich hinter allem in der Natur ein unsichtbarer Plan oder eine Idee dieses Gegenstandes versteckt, und nur diese Idee sei wirklich, nicht das Ding selber. Platon würde sagen, das Buch, das wir in Händen halten, ist nur ein Schatten des wirklichen Buches, einer weit über unsere Welt erhabenen Idee.
Nach Platons Vorstellung sollten sich die Philosophen auf die Ideen konzentrieren, und das war nur durch Denken möglich. Platon fand es sinnlos, die Natur zu studieren. Da sich die Mathematik oft mit Zahlen und Figuren beschäftigt, die nur in der Vorstellung der Menschen existieren, hielt Platon sie für die einzige Wissenschaft, die überhaupt der Mühe wert war.
Platons Gedanken waren nichts Neues. Sein großer Lehrmeister, Sokrates, hielt das Studium der Natur sogar für gleichbedeutend mit einer Geisteskrankheit. Es liegt auf der Hand, dass solche Vorstellungen Naturforscher nicht gerade weiterbringen. Trotzdem gelang Platon etwas, das für alle Forscher von großer Bedeutung war. Seine Gründung der Akademie erwies sich als gute Idee. Denn wenn sich Philosophen aus dem ganzen Land an einem Ort treffen, können sie voneinander lernen und mit anderen Philosophen diskutieren.
An der Akademie wurden mehr als achthundert Jahre lang Philosophen ausgebildet, und noch heute haben alle Forscher Schulen besucht, die Ähnlichkeit mit dieser Akademie haben. Heute heißen solche Schulen zwar Universitäten, aber die dort ausgebildeten Leute werden weiterhin als Akademiker bezeichnet.
Aristoteles freundete sich mit Platon an, aber er war nicht immer derselben Meinung wie sein Lehrer. Er glaubte zum Beispiel, dass das, was wir sehen, wirklich ist, nicht eine bloße Idee. Deshalb glaubte er auch, dass wir aus der Beobachtung der Natur sehr viel lernen können. Aristoteles war der erste griechische Philosoph, der ernsthafte Naturstudien betrieben hat.
Das war keine leichte Aufgabe, denn in der Natur geht es nicht gerade ordentlich zu. Steine, Wolken, Wasser, Tiere und Pflanzen, alles wuselt durcheinander, und nur wenig scheint auf einen Zusammenhang zwischen den verschiedenen Bestandteilen der Natur hinzuweisen.
Für unser Alltagsleben spielt das keine große Rolle. Das menschliche Gehirn hat sich dem Chaos in der Natur angepasst und löst das Problem dadurch, dass alles, was wir sehen, in Gruppen eingeteilt wird. Alles, was einen braunen Stamm und eine grüne Krone hat, landet in der Gruppe „Bäume“. Alles, was groß und weiß ist und sich am Himmel bewegt, gilt für uns als Wolke. Alles, was ein Fell, vier Beine und scharfe Zähne hat, wird von uns sehr schnell in die Gruppe „Raubtier“ einsortiert. Man braucht nicht über alles nachzudenken, was man sieht, sondern kann es in einer passenden Gruppe unterbringen. Dadurch kann man schneller denken, und das kann sich bezahlt machen, wenn man plötzlich einem Wesen mit Fell, vier Beinen und scharfen Zähnen gegenübersteht.
Aber man braucht nicht lange im Wald unterwegs gewesen zu sein, um zu erkennen, dass es verschiedene Bäume gibt. Manche haben runde Blätter, andere gezackte. Manche scheinen überhaupt keine Blätter zu haben, sondern spitze Nadeln. Ähnliche Beobachtungen lassen sich auch bei Blumen, Tieren und Steinen machen. Es gibt tausende und abertausende von verschiedenen Typen, ob wir es nun mit lebenden Wesen oder leblosen Gegenständen zu tun haben.
Das wusste auch Aristoteles, und im Lauf einiger Jahrzehnte studierte er über fünfhundert unterschiedliche Tier- und Pflanzenarten. Aristoteles interessierte sich für die Ähnlichkeiten der unterschiedlichen Arten, mit denen er sich beschäftigte. Tanne und Kiefer sind zwar unterschiedliche Baumarten, aber sie haben doch mehr Ähnlichkeit untereinander als beispielsweise Tanne und Birke. Aristoteles glaubte, dass Tier- und Pflanzenarten, die Ähnlichkeit miteinander haben, auf irgendeine Weise miteinander verwandt sind. Deshalb bezeichnete er auch Affen als eine Art Mittelding zwischen Menschen und anderen Säugetieren.
Besonders interessierte Aristoteles zunächst das Meer. Er beschäftigte sich ausgiebig mit Tintenfischen und Krustentieren. Er stellte auch fest, dass Delfine keine Fische sind, sondern Säugetiere, die Luft einatmen.
Viel Zeit verbrachte er damit, die Vermehrung von Tieren zu untersuchen. Wenn er ein Hühnerei in verschiedenen Stadien der Befruchtung öffnete, sah er, dass ein kleiner Punkt im Ei zu einem Embryo und dann zu einem Küken wurde. Aristoteles gilt als Begründer der Wissenschaft vom Leben – der Biologie – und der Wissenschaft der vorgeburtlichen Entwicklung von Tieren – der Embryologie.
Aristoteles stellte eine „Rangliste“ auf, in der Tiere und Pflanzen aufgeführt wurden. Ganz unten in dieser Rangliste standen die Pflanzen, die sich nur vermehren und wachsen können. Über ihnen stehen die Tiere, denn sie können sich außerdem noch bewegen. Ganz oben stehen die Menschen, die auch denken können. Von dieser Rangordnung sind bis heute die meisten Menschen überzeugt.
Aristoteles schrieb viele Bücher über seine Beobachtungen. Er beschreibt darin, wie Lebewesen aussehen, wie sie sich bewegen, was sie essen und wie sie sich vermehren. Kein anderer Philosoph hatte so viele Interessen wie Aristoteles. So schrieb er auch Bücher über Politik, Kunst, Moral und Astronomie.
Viele Griechen hatten damals bereits den Sternenhimmel studiert, aber Aristoteles hielt als Erster die Erde für eine Kugel – ein mutiger Gedanke in einer Zeit, in der die meisten Philosophen und überhaupt die meisten Menschen die Erde als flache Scheibe betrachteten. Dazu hatten sie schließlich allen Grund, da die Welt nun einmal nicht kugelförmig wirkt.
Beobachtungen bei einer Mondfinsternis hatten Aristoteles zu der Überzeugung kommen lassen, dass die Welt eine Kugel ist. Mondfinsternisse sind nur bei Vollmond möglich; sie beginnen damit, dass der Mond sich nach und nach orange verfärbt. Dann schiebt sich eine runde, dunkle Fläche vor den Mond. Diese Fläche verdeckt den Mond eine Zeit lang, dann verschwindet sie wieder.
Viele Menschen glaubten, die Götter färbten den Vollmond schwarz, um den Menschen Angst einzujagen. Aristoteles dagegen hielt die runde Fläche für den Schatten, den die Erde wirft, wenn sie von der Sonne beschienen wird. Der Schatten ist immer rund, und das ist nur möglich, wenn die Welt eine Kugel ist. Wenn die Welt eine Scheibe wäre, würde sie ab und zu schräg zur Sonne liegen. Und dann könnten wir bei einer Mondfinsternis nur einen dunklen dünnen Schattenstreifen sehen.
Aristoteles hatte noch ein weiteres Argument: Schiffe, die sich vom Land entfernen, scheinen hinter dem Horizont zu verschwinden. Zuerst verschwindet der Rumpf, dann das Segel und schließlich die Mastspitze. Das ist nur möglich, wenn die Welt kugelförmig ist, erklärte er. Die meisten Philosophen ließen sich davon überzeugen, und seither hielten die Akademiker die Welt für eine Kugel.
Aristoteles wandte dieselbe Technik an wie Thales von Milet. Er versuchte, ein Phänomen in der Natur durch Dinge zu erklären, die in der Natur vorkommen. Mondfinsternisse sind keine göttliche Mahnung, sie entstehen ganz einfach dadurch, dass eine Kugel einen Schatten wirft. Man kann selber sehen, wie Aristoteles sich das vorgestellt hat, wenn man den Schatten, den ein Tennisball an die Wand wirft, mit dem eines Tellers vergleicht. Wenn man den Teller in verschiedenen Positionen hält, sieht man, was ich meine.
Aber es reicht nicht, die Natur zu beobachten und eine Erklärung für das zu suchen, was wir sehen. Für dasselbe Phänomen gibt es oft mehrere Erklärungen, die ein Forscher auseinander halten muss. Aristoteles stellte eine Reihe von Regeln auf, wie Forscher vorgehen sollten. Solche Denkregeln werden „Logik“ genannt, und ein Großteil der Arbeit des Aristoteles handelt von Logik. Darüber schreibt er in einem Buch namens Organon (das bedeutet „Werkzeug“). Der Titel ist gut gewählt, denn Aristoteles hat den Forschern mit seinem Buch ein echtes Werkzeug an die Hand gegeben.
An dieser Stelle möchte ich mit einem für die Jagd nach der Wahrheit wichtigen Wort bekannt machen: Theorie. Das Wort kennt jeder. Manchmal hat es einen negativen Beiklang. Ein unpraktischer Mensch, der im Alltag nicht zurechtkommt, wird zum Beispiel oft als „Theoretiker“ bezeichnet. Und wenn wir sagen: „Ach, das ist ja nur eine Theorie“, dann bringen wir damit zum Ausdruck, dass eine Behauptung so vage ist, dass wir uns nicht weiter drum zu kümmern brauchen.
Aber die Forscher sehen das alles ganz anders. Wenn sie erklären wollen, was sie in der Natur sehen, dann brauchen sie dazu Theorien. Deshalb gehört es zur Aufgabe der Forscher, solche Theorien zu entwickeln. Wir können durchaus behaupten, die Jagd nach der Wahrheit sei eine Jagd nach neuen Theorien.
Zwischen einer Theorie und einer Idee besteht ein großer Unterschied. Wir alle können Ideen über das, was sich in der Natur abspielt, jederzeit aus dem Ärmel schütteln. Es ist kein Problem, eine andere Erklärung für Mondfinsternisse zu finden als die, die Aristoteles uns hinterlassen hat. Ich kann zum Beispiel sagen: „Eine Mondfinsternis findet statt, wenn eine große Vogelschar am Mond vorbeifliegt.“
Das ist eine lustige Idee, aber keine Theorie. Wenn andere Forscher meine Idee ernst nehmen sollen, muss ich Fragen beantworten können wie: „Warum bleiben die Vögel stumm, wenn sie am Mond vorbeifliegen? Warum fliegt die Vogelschar immer in Kreisformation, wenn sie sich über den Mond bewegt? Vogelscharen fliegen normalerweise dicht über unseren Köpfen. Wie ist es also möglich, dass die Menschen an verschiedenen Orten die dunkle Fläche vor dem Mond gleichzeitig sehen?“
Wenn meine Idee als Theorie durchgehen soll, muss ich all diese Fragen und noch viele weitere beantworten können. Und wenn meine Theorie eine Überlebenschance haben soll, muss ich andere Forscher überzeugen, dass meine Vogelschar-Idee eine bessere Erklärung für Mondfinsternisse bietet als die Theorie des Aristoteles.
Eine Theorie zu entwickeln lässt sich mit dem Bau eines Hauses vergleichen (und unter Forschern ist wirklich vom „Aufbau einer Theorie“ die Rede). Es ist eine mühselige Arbeit. Wie ein Maurer die Steine so aufeinander legen muss, dass ein solides Haus entsteht, so muss ein Forscher dafür sorgen, dass viele verschiedene Fragen eine Antwort finden. Und dabei hilft ihm die Logik des Aristoteles. Sie hilft Forschern, die Gedanken ihrer Theorie in die richtige Reihenfolge zu bringen und eventuelle Fehler und Mängel zu entdecken.
Oft heißt es, die Naturforschung habe mit Aristoteles eingesetzt. Aber sie hat auch mit ihm aufgehört – für nahezu achtzehnhundert Jahre. Denn Aristoteles war so bedeutend, dass viele spätere Philosophen nicht glauben mochten, dass er sich jemals geirrt haben könnte. Sie vergaßen ganz einfach, dass Aristoteles gesagt hat: „Wahrheit ist der Gedanke, der am ehesten mit der Natur übereinstimmt.“ Sie dachten stattdessen: „Wahrheit ist der Gedanke, der am ehesten mit Aristoteles übereinstimmt.“
Das führte dazu, dass sich tüchtige Philosophen, die anderer Ansicht waren als Aristoteles, mit ihren Ideen nicht durchsetzen konnten. Ein solcher Fall war Aristarchos von Samos, der um das Jahr 320 v. Chr. geboren wurde. Wie Aristoteles hatte er beobachtet, dass sich Sonne, Mond und Planeten über den Himmel bewegen. Aber er hatte dafür eine ganz andere Erklärung als der berühmte Aristoteles.
Aristoteles glaubte, die Erde stehe im Zentrum des Universums, während Sonne, Planeten und Sterne, an großen, durchsichtigen Kugeln befestigt, um sie kreisten. Diese Vorstellung lag durchaus nahe, denn der Himmel scheint sich wirklich um die Erde zu drehen. Die Sonne geht jeden Tag im Osten auf und im Westen unter, und das gilt auch für die Sterne und alle anderen Himmelskörper.
Aristarchos glaubte aber, dass sich die Sonne im Zentrum des Universums befindet und die Erde und die anderen Planeten sich um sie drehen. Der Himmel scheint sich von Osten nach Westen zu bewegen, weil sich die Erde in die Gegenrichtung dreht, von Westen nach Osten. Davon kann man sich selber ein Bild machen.
Man richte seinen Blick auf einen Gegenstand, zum Beispiel auf ein Bild an der Wand, und drehe den Kopf von rechts nach links. Das Bild scheint sich nach rechts zu bewegen. Man dreht seinen Kopf in eine Richtung, und das, was man sieht, wandert in die Gegenrichtung. Genauso ist es am Himmel, meinte Aristarchos. Die Erde dreht sich von Westen nach Osten, und der Himmel scheint in die Gegenrichtung zu rotieren.
Aristarchos versuchte auch, unsere Entfernung zu Sonne und Mond zu berechnen. Er kam zu dem Ergebnis, die Sonne sei zwanzigmal weiter von der Erde entfernt als der Mond. Diese Zahl ist etwa zwanzigmal zu klein, aber wenn man bedenkt, dass Aristarchos kein Fernrohr und keine modernen Instrumente hatte, war es doch eine beeindruckende Leistung.
Obwohl Aristarchos seine Ansicht mit ebenso guten Argumenten untermauern konnte wie Aristoteles, wissen wir doch fast nichts über ihn. Die Philosophen, die nach ihm kamen, haben seine Schriften nicht aufbewahrt. Er interessierte sie nicht weiter, weil er anderer Ansicht war als Aristoteles. Fast achtzehnhundert Jahre mussten vergehen, ehe seine Gedanken wieder auftauchten, diesmal an einem ganz anderen Ort in Europa.
Praktische Philosophen
Nach heutigen Maßstäben gemessen, führten die meisten Menschen im alten Griechenland ein beklagenswertes Leben. Nur wohlhabende Männer durften wählen, sich ausbilden lassen und zu Philosophen werden. Frauen und Sklaven wurden kaum höher geachtet als Tiere, und für alle armen Menschen spielte es vermutlich kaum eine Rolle, ob die Philosophen glaubten, dass alles aus Wasser oder aus Atomen bestand.
Heutzutage gehen wir davon aus, dass unsere Kenntnisse über die Natur auch praktische Anwendung finden sollen. Wenn ein Forscher eine neue Entdeckung macht, ist eine der ersten Fragen, die dann gestellt werden: Welchen Nutzen bringt uns dieses Wissen? In Griechenland dachte man nicht so. Viele Philosophen waren reiche Männer, die körperliche Arbeit verachteten. Sie kamen gar nicht auf die Idee, dass ein philosophischer Gedanke das Los der Bäuerinnen, die sich auf den Feldern abmühten, oder der Sklaven, die sich in den Bergwerken zu Tode schufteten, verbessern könnte.
Für Philosophen wie Aristoteles wird oft als Entschuldigung angeführt, so wie er hätten damals „alle“ gedacht. Das ist nicht ganz falsch. Wir können schließlich nicht erwarten, dass ein Reicher, der in einer Gesellschaft mit vielen Sklaven aufgewachsen ist, Sklaverei für ein Übel hält. Oder können wir es vielleicht doch? Ist es nicht die Aufgabe von Philosophen und Wissenschaftlern, neu zu denken? Das ist eine schwierige Frage, und ich erwähne sie hier, weil sie noch immer alle Forscher auf der ganzen Welt betrifft. Es wird sich zeigen, dass auch später solche Fragen immer wieder eine Rolle gespielt haben.
Außerdem war Griechenland wirklich in jeder Hinsicht die „Wiege unserer Kultur“. Viele der negativen Seiten unserer Gesellschaft haben unsere Vorfahren von den Griechen übernommen. Dass die Griechen keine Philosophinnen zulassen wollten, hat zum Beispiel dazu geführt, dass erst in unserer Zeit Frauen forschen dürfen. Noch heute gibt es viel mehr Wissenschaftler und Philosophen als Wissenschaftlerinnen und Philosophinnen.
Ein Ausnahmephilosoph, der sich für das Wohlergehen von einfachen Menschen interessierte, war Hippokrates. Er wurde im Jahr 460 v. Chr. auf der Insel Kos geboren, und er ist eine ebenso geheimnisvolle Gestalt wie Thales. Im Grunde wissen wir über Hippokrates nur eins sicher: Die alten Methoden, mit denen Kranke behandelt wurden, passten ihm nicht.
Jahrtausendelang hatten die Menschen Krankheiten für eine Strafe der Götter gehalten, und oft war der einzige „Arzt“ ein „Medizinmann“, der versuchte, die Götter gnädig zu stimmen. Die Krankheit Epilepsie zum Beispiel wurde als „göttliche Krankheit“ bezeichnet. Die Menschen glaubten, böse Geister oder Götter riefen die unerklärlichen Anfälle der Epileptiker hervor. Aber ein Schüler des Hippokrates schrieb über diese Krankheit: „Sicher hat sie, wie jede andere Krankheit, ihre ganz natürliche Ursache.“
Hippokrates und seine Schüler waren der Meinung, dass die Götter die Gesundheit der Menschen nicht beeinflussten. Eine Krankheit habe eine natürliche Erklärung und beruhe auf einer Art Ungleichgewicht im Körper. Das Gleichgewicht muss wiederhergestellt werden, und das können nur ausgebildete Ärzte. Hippokrates forderte die Medizinstudenten auf, ihre Patienten zu untersuchen und ihren Befund mit dem zu vergleichen, was sie gelernt hatten. Heutzutage nennen wir das „eine Diagnose stellen“. Der Patient muss den Ratschlägen des Arztes folgen, er muss Medizin nehmen, sich vernünftig ernähren und sich bewegen. Der Körper muss sich selber heilen, und dazu ist die Hilfe des Arztes vonnöten. Es kann durchaus besser sein, nichts zu unternehmen, als dem Patienten Medizin zu verabreichen.
Auf Kos richtete Hippokrates eines der ersten Krankenhäuser der Welt ein, wo Patienten auch operiert wurden (ohne Betäubung). Zwar wurde sehr viel von der Arbeit, durch die er berühmt wurde, von seinen Schülern geleistet, aber Hippokrates gilt trotzdem als der Begründer der medizinischen Wissenschaft. Noch heute müssen alle Ärzte den „hippokratischen Eid“ ablegen, mit dem sie schwören, für ihre Patienten ihr Bestes zu geben.
Auch Hippokrates und andere griechische Ärzte hatten Probleme mit der Religion. Damals wie heute fand man es wichtig, den Toten Respekt zu erweisen. Aber ein Leichnam konnte den Forschern verraten, wie ein Mensch von innen aussieht. Im Jahr 470 v. Chr. begann der Arzt Alkmäon, Leichen aufzuschneiden – wir nennen das heute „sezieren“ –, um die Eingeweide der Menschen zu studieren. Er stieß damit auf heftigen Widerstand, und in Griechenland wurde das Sezieren verboten.
So mussten die Ärzte die Position der inneren Organe oft mühsam erraten, indem sie den Bauch der Patienten abtasteten oder Tiere sezierten. Weil sie so wenig über den Körper wussten, glaubten viele griechische Philosophen, dass wir mit dem Herzen denken. In gewisser Weise hat ein Teil dieses Glaubens bis heute überlebt. Das Herz gilt als Symbol für die Liebe, und wir sprechen noch immer von „einem guten Herzen“, wenn sich jemand um andere kümmert.
Galenos, der sechshundert Jahre später als Hippokrates lebte, gilt als Begründer der Wissenschaft vom Aufbau des Körpers, der Anatomie. Galenos hat sein Wissen über den Körper zum großen Teil durch das Sezieren von Schweinen, Ziegen und Hunden erworben. Die Bücher des Galen – wie er später genannt wurde – wurden ein Jahrtausend lang von Ärzten benutzt, obwohl leicht zu sehen war, dass sie auch Fehler enthielten.
Die Ärzte waren übrigens auch nicht besser als die anderen griechischen Wissenschaftler und Philosophen. Nachdem Hippokrates die Heilkunst zu einem Bereich der Philosophie erhoben hatte, wurde Frauen das Heilen von Kranken verboten, obwohl jahrtausendelang Frauen heilende Kräuter und Techniken gekannt hatten, um Knochen zu schienen, Wunden zu behandeln und Fieber und Schmerzen zu lindern.
Die Ärztin Agnodike kämpfte gegen das neue Verbot, und sie konnte immerhin durchsetzen, dass Frauen als Hebammen bei Geburten helfen durften. Es dauerte aber noch über 2200 Jahre, bis Frauen ganz normal Medizin studieren konnten. Weil sie nicht Ärztin werden durften, wurden sie „weise Frauen“ und griffen zu ihrem alten Wissen über die Heilkunst. Noch im letzten Jahrhundert suchten Kranke die Hilfe von weisen Frauen.
Archimedes
Wenn wir von Erfindern reden, fallen uns viele Namen ein. Heutzutage gehören Thomas Edison (der Erfinder des Phonographen), die Brüder Wright (Motorflugzeug) und Marconi (Radioapparat) zu den berühmtesten. Sie alle verbindet, dass sie auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen ihrer Vorgänger aufbauten und nützliche Erfindungen machten. So ist es noch immer. Ohne Erfinder hätte die Wissenschaft für die meisten Menschen kaum eine Bedeutung.
Wir wissen aber inzwischen auch, wie die alten Griechen das sahen, und deshalb überrascht es uns nicht weiter, dass es bei ihnen nur wenige bedeutende Erfinder gab. Der Größte unter ihnen war Archimedes. Er lebte von 287 bis 212 v. Chr. und war gelernter Philosoph. Wie viele Philosophen faszinierten ihn Mathematik und Geometrie. Archimedes entwickelte Regeln, um die Oberfläche und das Volumen (den Inhalt) von Zylindern, Kugeln und anderen geometrischen Körpern zu berechnen.
Aber vor allem bekannt gemacht hat ihn das archimedische Prinzip, das uns erzählt, was passiert, wenn wir einen Gegenstand ins Wasser werfen. Dann versucht nämlich eine Kraft, ihn an die Oberfläche hochzudrücken. Diese Kraft wird „Auftrieb“ genannt. Man kann den Auftrieb messen, indem man berechnet, wie viel Wasser der Gegenstand verdrängt, wenn er im Wasser landet. Dazu muss man eine Schüssel bis zum Rand mit Wasser füllen und einen Stein hineinlegen. Das Wasser wird steigen und über den Schüsselrand fließen.
Wenn das übergelaufene Wasser dann in einer Schale aufgefangen und gewogen wird, hat man die Auftriebskraft gemessen. Die entspricht nämlich dem Gewicht des übergelaufenen Wassers.
Das archimedische Prinzip besagt, dass der Gegenstand, den wir ins Wasser legen, sinken wird, wenn er mehr wiegt als das übergelaufene Wasser. Sein Gewicht ist dann größer als der Auftrieb. Wenn der Gegenstand weniger wiegt als das übergelaufene Wasser, schwimmt er. Steine sind schwerer als der Auftrieb, deshalb sinken sie. Holzstücke sind leichter, deshalb schwimmen sie.
Dieses Gesetz erklärt auch, warum Schiffe trotz Metallrumpf nicht sinken: Das Schiff ist hohl, und deshalb wiegt es weniger als das Wasser, das vom Rumpf verdrängt wird.
Angeblich hat Archimedes dieses Prinzip entdeckt, als er sich in die Badewanne setzte und zusah, wie das Wasser überlief. Archimedes sprang auf, rief „Heureka!“ („Ich hab’s!“) und rannte splitternackt durch die Straßen seiner Heimatstadt Syrakus.
Es ist typisch für Archimedes, dass dieses Gesetz sich nutzbringend anwenden lässt. Die Sage berichtet, dass der König von Syrakus sich eine goldene Krone anfertigen ließ. Danach kamen ihm aber Zweifel, ob die Krone wirklich aus purem Gold war oder ob der Goldschmied auch noch andere Metalle verwendet haben könnte. Der König ließ Archimedes kommen und bat ihn, das Problem zu lösen.
Archimedes legte die Krone in eine mit Wasser gefüllte Schüssel und fing das überlaufende Wasser in einer Schale auf. Dann nahm er einen Goldklumpen, der so viel wog wie die Krone, legte ihn in die Schüssel und fing abermals das überlaufende Wasser auf. Danach wiederholte er dieses Experiment mit einem Klumpen aus mit anderen Metallen vermischtem Gold, der ebenfalls so viel wog wie die Krone.
Schließlich verglich Archimedes die drei Wassermengen. Es stellte sich heraus, dass bei der Krone und beim Mischklumpen genau gleich viel Wasser überlief. Beim Klumpen aus reinem Gold dagegen war die Wassermenge geringer. Damit stand für Archimedes fest, dass für die Krone auch andere Metalle verwendet worden waren.
Als Syrakus später von römischen Schiffen angegriffen wurde, soll Archimedes Kriegsmaschinen konstruiert haben, die es der Stadt ermöglichten, eine dreijährige Belagerung zu überdauern. Zu diesen Kriegsmaschinen gehörten angeblich auch das Katapult, das Steine über weite Entfernungen schleudern konnte, und große Spiegel, die die Sonnenstrahlen bündelten und auf die feindlichen Schiffe richten konnten, die daraufhin Feuer fingen. Doch das mit den Brennspiegeln war wahrscheinlich nur eine Idee von ihm, praktisch konnte man zu jener Zeit Spiegel für so große Entfernungen noch nicht bauen.
Die wichtigste Erfindung des Archimedes aber war die archimedische Schraube, eine einfache Pumpe, die mit den Füßen oder von Ochsen oder Pferden angetrieben werden kann. Ihre Herstellung ist billig und leicht, und deshalb benutzen die Bauern im Mittleren Osten noch heute archimedische Schrauben, um Wasser auf ihre Felder zu pumpen. Auch in modernen Maschinen, dem Mähdrescher zum Beispiel, gibt es archimedische Schrauben. Von allen Erfindungen der griechischen Philosophen war diese für die einfachen Leute wohl die wichtigste.
Ein anderer großer Erfinder war Heron von Alexandria, der im ersten Jahrhundert n. Chr. lebte. Heron erfand eine Art Dampfmaschine: eine Kugel, auf der aus jeder Seite ein geknicktes Rohr herausragte. In die drehbar aufgehängte Kugel wurde Dampf geleitet und sie rotierte, wenn der Dampf aus den Rohren strömte. Herons Dampfmaschine war zu schwach, um einen großen Gegenstand, zum Beispiel ein Fahrzeug, anzutreiben. Aber sie war eine Maschine – ein Ding, das sich ganz von selber drehte.
Warum hat damals niemand begriffen, wie nützlich eine solche Maschine sein konnte? Vielleicht lag es daran, dass die alten Griechen keine Dampfmaschinen brauchten. Sie hatten ja schon „Maschinen“ in Form von Sklaven. Herons Dampfmaschine wurde eine Zeit lang als lustiges Spielzeug betrachtet. Dann geriet sie in Vergessenheit. Erst nach über fünfzehnhundert Jahren wurde die Dampfmaschine zum zweiten Mal erfunden. Und dieses Mal veränderte sie die Weltgeschichte.
Die Bibliothek von Alexandria
Die Schrift ist eine seltsame Erfindung. Wenn wir diesen Satz lesen, dann scheint in unserem Kopf eine Stimme zu sprechen. Die Worte, die diese Stimme ausspricht, werden im Gehirn gelagert, jedenfalls für einige Zeit. Denn das allermeiste von dem, was wir lesen (und hören, sehen, schmecken, riechen und fühlen), vergessen wir bald wieder. Das muss auch so sein, sonst wäre unser Gehirn bald von Eindrücken und Wissen überfüllt.
Ein Buch ist eine Art erweitertes Gedächtnis, das Wissen unverändert über Jahrhunderte hinweg aufbewahrt. Nirgendwo können wir Gedanken besser lagern als in Büchern, und deshalb ist es kein Wunder, dass Philosophen und Forscher schon früh Bücher verfasst haben. Im Lauf der Zeit kam eine ziemliche Büchermenge zusammen. Tausende und abertausende von Büchern. Ein ganzes Meer von Wissen.
Wissen ist eine schöne Sache, aber zu viel des Guten wird zum Problem. Angenommen, ein Wissenschaftler hat eine gute Idee. Wie kann er sicher sein, dass vor ihm noch niemand diese Idee hatte? Das geht nur, wenn er sich in eine große Bibliothek begibt und die Bibliothekare um Hilfe bittet.
Das Wort Bibliothek ist griechisch und bedeutet „Buchlager“, und genau das ist eine Bibliothek. Dort werden viele Bücher aufbewahrt, und ohne Bibliothekar wären wir in ihr ganz und gar hilflos. Ein Bibliothekar ist wie der Steuermann auf einem Schiff: Er kann nicht alle Seekarten auswendig, aber er weiß, wie er den richtigen Kurs finden kann. Der Bibliothekar hilft, das Wissen zu finden, das wir brauchen.
Bibliotheken sind für die Gesellschaft so wichtig, dass es sie vermutlich schon in den ersten Großstädten gab. Die älteste uns bekannte Bibliothek ist eine viertausend Jahre alte Sammlung von Tontafeln, die aus der babylonischen Stadt Nippur stammt. Die Griechen hatten viele Bibliotheken. Die größte stand in Alexandria in Ägypten. Sie soll rund eine halbe Million Papyrusrollen enthalten haben – bis zu neun Meter lange Streifen eines papierähnlichen Stoffes, der aus Papyrusschilf vom Nil hergestellt wurde. Auf diesen Rollen wurde niedergeschrieben, was griechische Forscher, Philosophen und Künstler im Lauf der Jahrhunderte dachten.
Aus allen griechischen Städten und Kolonien kamen Philosophen und Forscher, um in diesen Rollen zu lesen. Viele blieben in Alexandria und machten so die Stadt zu einem wichtigen Forschungszentrum. Auch die Bibliothekare forschten. Einer der Leiter der Bibliothek, Eratosthenes, berechnete als Erster den Erdumfang. Mit einer einfachen Technik kam er zu einem fast richtigen Ergebnis.
Eratosthenes hatte gehört, dass die Sonne im Sommer genau über der Stadt Syene südlich von Alexandria stand. Mittags warfen Gebäude, Menschen oder Bäume dort keine Schatten. Eratosthenes wusste, dass das in Alexandria anders war. Die Sonne stand um diese Jahreszeit tiefer am Himmel, und alle Gegenstände hatten kurze Schatten.
Dass die Sonnenstrahlen zur selben Zeit auf Syene gerade auftrafen, während sie in Alexandria schräg fielen, brachte Eratosthenes zu der Überzeugung, dass es möglich sein müsse, die Erdkrümmung zu berechnen.
Eratosthenes stellte einen Mann an, der die Entfernung zwischen den beiden Städten messen musste, indem er auf dem Weg nach Syene seine Schritte zählte. Danach maß Eratosthenes aus, wie die Sonne über beiden Städten am Himmel stand. Als er die Entfernung zwischen den Städten mit dem Unterschied der Sonnenposition am Himmel verglich, kam er zu dem Ergebnis, dass der Erdumfang irgendwo zwischen 35 000 und 45 000 Kilometern liegen musste (die wirkliche Zahl beträgt 40 075 Kilometer). Das ist ein gutes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass Eratosthenes nur über sehr einfache Hilfsmittel verfügte.
Eratosthenes galt als klügster Mann seiner Zeit, und er wusste viel darüber, was griechische Entdecker, Kaufleute und Krieger auf ihren Reisen gesehen hatten. Deshalb konnte er eine Weltkarte zeichnen. Damals gab es mehrere Weltkarten, aber die des Eratosthenes war vermutlich die erste, auf der die Maßstäbe im Verhältnis zur Größe der Erde stimmten. Eratosthenes war einer der Forscher, die die Wissenschaft Geografie begründet haben. Dieses Wort ist Griechisch und bedeutet „die Erde zeichnen“, schließlich wird in der Geografie das Aussehen der Erde beschrieben.
Einige Jahrhunderte später versuchte ein anderer Wissenschaftler in Alexandria eine noch bessere Weltkarte zu zeichnen. Er hieß Ptolemäns und lebte ca. 100 bis 178 n. Chr. Ptolemäns wird oft als letzter großer griechischer Naturphilosoph bezeichnet. Vor allem sein Buch über Astronomie hat ihn berühmt gemacht.
Wie fast alle anderen Naturphilosophen seiner Zeit war Ptolemäus, wie er auch genannt wird, ein Anhänger des aristotelischen Bildes der Welt und des Universums. Aber er wusste auch, dass Aristoteles nicht alles hatte erklären können, was sich am Himmel abspielte. Sonne, Mond und Sterne waren kein Problem. Die bewegten sich, als seien sie an durchsichtigen Kugeln befestigt, die um die Sonne kreisten, genau wie Aristoteles es behauptet hatte.
Anders sah die Sache bei den fünf den Griechen bekannten Planeten aus: Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Normalerweise bewegen sie sich langsam von Osten nach Westen. Aber ab und zu ändern sich ihre Bewegungen, die Planeten machen kehrt und wandern einige Monate lang nach Osten. Dann machen sie abermals kehrt und bewegen sich wieder ganz normal von Osten nach Westen. Wie kann das möglich sein?
Die einfachste Erklärung war, dass die Planetenkugeln aus irgendeinem Grund bremsen und sich rückwärts drehen. Aber Ptolemäus war mit dieser Erklärung nicht zufrieden. Wie Aristoteles glaubte er, dass im Weltraum strenge Ordnung herrsche. Die Planetenkugeln hatten sich in sauberen Kreisen und immer in derselben Richtung und im selben Tempo zu bewegen.
Deshalb entwickelte er seine eigene Variante des aristotelischen Kugelsystems. Ptolemäus stellte sich vor, dass jede von diesen riesigen Planetenkugeln noch kleinere, ebenfalls rotierende Kugeln aufwies. Und die Planeten waren an diesen kleinen Kugeln befestigt. Vermutlich baute Ptolemäus ein mechanisches Modell seiner Himmelsmaschinerie. Und das „ptolemäische System“ zeigte eine Planetenbewegung, die ungefähr mit dem übereinstimmte, was am Himmel zu beobachten war.
Die Vorstellung, die Welt sei von an Kugeln befestigten Kugeln umgeben, die in hohem Tempo durch das Weltall wirbelten, wirkte auch damals schon reichlich sonderbar. Aber Ptolemäus hielt das nicht für ein großes Problem. Er lebte zu einer Zeit, in der nicht das als Wahrheit galt, was mit der Wirklichkeit übereinstimmte. Wahrheit war das, was mit den Gedanken des Aristoteles übereinstimmte.
Ptolemäus behandelt all diese Themen in seinem Buch „System der Mathematik“, das auf Griechisch Syntaxis mathematike hieß. Dieses Buch enthielt auch eine erweiterte Liste der hellsten Sterne am Himmel, die auf den Schriften des Astronomen Hipparchos beruhte. Die meisten Namen von Sternbildern, die wir noch heute verwenden, stammen aus der Syntaxis. Über vierzehnhundert Jahre lang war dieses Werk das wichtigste astronomische Lehrbuch.
Die Tatsache, dass Ptolemäus eigentlich seine Vorgänger nur noch ergänzte, war ein Hinweis darauf, dass die große Zeit der griechischen Philosophie ihrem Ende entgegenging. Ein Grund für diesen Niedergang war der Aufstieg Roms zur europäischen Großmacht. Die Römer waren praktisch denkende Leute, sie entwickelten einfache Maschinen und Geräte, und noch immer können wir ihre Bauwerke und Straßen bewundern. Die Römer entwickelten auch Gesetze und Regeln, die in unserem Rechtswesen bis heute zu finden sind, und wir verwenden weiterhin den römischen Kalender und die römischen Monatsnamen. Sogar die Buchstaben, wie sie hier stehen, haben die Römer als Erste verwendet.
Aber tieferes Denken und Forschen fanden die Römer nicht weiter interessant. Das überließen sie den Griechen. Für die Römer galt als Wahrheit über die Natur zumeist das, was die Griechen gedacht hatten, und nicht das, was sie selber sehen konnten. Die Römer hatten zum Beispiel gute Krankenhäuser, deren Ärzte gemerkt haben müssen, dass das, was griechische Wissenschaftler über die inneren Organe der Menschen geschrieben hatten, nicht immer mit ihren eigenen Erfahrungen übereinstimmte. Aber irgendwelche Konsequenzen haben sie offenbar nicht daraus gezogen.
Da die römischen Kaiser die Philosophie nicht verboten hatten, wurden während der ganzen Römerzeit an der Akademie und an ähnlichen Schulen weiterhin Wissenschaftler und Philosophen ausgebildet. Und so hätte die Philosophie vielleicht für einige Jahrhunderte auf Sparflamme weitermachen können, ehe sie einen neuen Aufschwung nahm. Vielleicht wäre ein neuer Aristoteles aufgetreten, um der Forschung frisches Leben einzuhauchen.
Stattdessen endete alles mit einer Katastrophe. Denn die große Bibliothek von Alexandria, in der es schon einmal beim Angriff Cäsars im Jahr 47 v. Chr. gebrannt hatte, ging endgültig in Flammen auf.
Da nur sehr wenige Kopien der leicht brennbaren Papyrusrollen existierten, ging durch diesen Brand sehr viel vom griechischen Wissen über Geschichte, Kunst und Kultur für immer verloren.
Wir wissen, dass vermutlich Brandstiftung im Spiel war, kennen aber die Brandstifter nicht. Wir wissen auch, wer zuletzt die Bibliothek geleitet hat: die Mathematikerin und Philosophin Hypatia nämlich, die so berühmt war, dass Studenten aus dem gesamten Römischen Reich nach Alexandria kamen, um von ihr unterrichtet zu werden.
Hypatia wurde im Jahr 370 n. Chr. geboren, ihr Vater war Mathematiker. Vermutlich versuchte sie, die mathematischen Regeln zu verbessern, die wir in Euklids Buch Die Elemente (vgl. S.) und in der Syntaxis mathematike des Ptolemäus finden.
Ihre Aufgabe war bestimmt nicht leicht, wir wissen ja schließlich, was die meisten griechischen Philosophen von philosophierenden Frauen hielten. Außerdem ließen sich damals in Alexandria viele zum christlichen Glauben bekehren. Ihnen galt die Philosophie als Symbol für das vermeintlich heidnische griechische Wissen. Hypatia war eine sehr wichtige Philosophin, und vermutlich aus diesem Grund wurde sie im Jahr 415 von den Christen ermordet. Dieser Mord hatte zur Folge, dass die restlichen Philosophen Alexandria verließen.
Bald darauf zerfiel auch das Römische Reich, und in Europa kam es zu einer endlosen Folge von Kriegen. Die christliche Kirche wurde derweil immer mächtiger. In Griechenland rieten die Priester den Menschen, sich auf die christlichen Tugenden zu konzentrieren und ihre Zeit nicht mit Grübeleien über den Ursprung aller Dinge zu vergeuden. Im Jahr 529 wurde die Athener Akademie geschlossen, was für die griechische Wissenschaft das Ende bedeutete.
Historiker, die erforschen, wie die Menschen zu verschiedenen Zeiten gelebt haben, teilen die Geschichte der Menschheit gern in Perioden ein. Die Glanzzeit der griechischen Philosophie wird als „klassische Periode“ oder „Antike“ bezeichnet, die achthundert Jahre nach dem Ende des Römischen Reiches heißen „Mittelalter“. Oft ist vom „finsteren Mittelalter“ die Rede, weil sich damals eine Art geistige Finsternis über Europa legte.
Viele Christen glaubten nun wieder, die Erde sei eine flache Scheibe. Krankenhäuser wurden geschlossen, weil die Priester erzählten, Kranke könnten geheilt werden, wenn sie zu Gott beteten. Freie Diskussionen wurden verboten, und eine neue Vorstellung von Wahrheit machte sich breit: Das einzig Wahre war das, was mit der Bibel übereinstimmte. Wer etwas anderes hören wollte, musste andere Erdteile aufsuchen.
Algebra und Alchimisten
Wir alle neigen dazu, uns für etwas Besseres zu halten als andere. Jungen halten sich für besser als Mädchen, Christen glauben, Muslimen überlegen zu sein, Weiße verachten Dunkelhäutige.
Das liegt zum Teil an unserer Erziehung. Aber Affenforscher haben nachgewiesen, dass Schimpansen ähnlich empfinden. Die Schimpansen leben in Gruppen, genau wie die Menschen. In der Regel fürchten sie sich und werden wütend, wenn ein fremder Schimpanse sich ihrer Gruppe nähert. Schlimmstenfalls bringen sie den Fremden um. Affen und Menschen sind eng miteinander verwandt. Dass wir dieselbe Angst empfinden, weist eigentlich darauf hin, dass sie Menschen und Affen angeboren ist.
Bei der Jagd nach der Wahrheit dürfen wir das nicht vergessen. Forscher sind nicht anders als andere Menschen, wenn es um Gefühle geht. Deshalb haben auch sie fremde Völker verachtet und nicht glauben wollen, dass auch die sich ihre Gedanken machten und die Natur erforschen konnten. In Europa war es üblich, Völker, die im Dschungel ein einfaches Leben führten, als „primitive Wilde“ zu bezeichnen. Erst seit einigen Jahrzehnten sehen wir das anders.
Nehmen wir zum Beispiel die Polynesier, die auf Inseln im Stillen Ozean leben. Dieses riesige Meer bedeckt die Hälfte unseres Planeten, und die Inseln, die die Polynesier bewohnen, sind im Vergleich dazu winzig klein. Im Stillen Ozean von einer Insel zur andern zu segeln ist ungefähr so, als würde ein Raumschiff in einem Sonnensystem von Planet zu Planet geschickt, in dem die Entfernungen riesig groß sind, weshalb man ganz genau steuern muss, um sein Ziel zu erreichen.
Die Polynesier hatten nur einfache Karten aus geflochtenem Stroh und Muscheln, aber sie wussten sehr viel über Sonne, Mond, Sterne, Meeresströmungen, Vögel, Wind und Wolken. Dieses Wissen hatten sie vermutlich teuer erkauft – mit Menschenleben. Das gilt für das meiste Wissen, das die Menschheit sich im Lauf der Zeit angeeignet hat. Damit wir wissen, dass eine Pflanze giftig ist, muss irgendwer diese Pflanze essen und krank werden.
Das erinnert an die Jagd nach der Wahrheit, wie die alten Griechen sie betrieben haben. Aber das bedeutet nicht, dass alle Völker ihre Philosophen hatten. Es gibt wichtige Unterschiede. Erinnern wir uns an Thales und das Wasser. Er interessierte sich nicht für Wasser, weil es nützlich ist oder weil er glaubte, die Götter würden sich über sein Interesse freuen. Thales versuchte, eine einfache Erklärung für das zu finden, was in der Natur vor sich geht.
Die Polynesier wussten sehr viel über die Bewegungen von Sternen und Planeten am Himmel. Aber wir wissen nicht, ob sie versucht haben zu erklären, warum der Himmel sich zu bewegen scheint. Und ob jemand die Frage gestellt hat: „Was sind Planeten und Sterne überhaupt?“ Aus Polynesien kennen wir keine dem Thales vergleichbare Gestalt, ebenso wenig wie unter den Wikingern und Samen in Nordeuropa, den Mongolen in Asien, den Massai in Afrika und den meisten anderen Völkern. Aber das kann natürlich auch daran liegen, dass wir nicht genug über die Geschichte dieser Völker wissen.
Der Wunsch, die Natur zu erforschen, ist so alt wie die Menschheit selber, aber nicht alle Menschen stellen Fragen so wie die Griechen. Uns sind nur zwei andere Regionen bekannt, in denen solches Denken vor unserer Zeit üblich war: China und das arabische Reich vor etwa tausend Jahren.
Ungefähr zu dem Zeitpunkt, als in Athen die Akademie geschlossen wurde, waren die meisten Araber arme Nomaden, die die Wüstengebiete der arabischen Halbinsel durchstreiften (die Gegend, in der das heutige Saudi-Arabien liegt). Kaum jemand außerhalb dieses Gebietes wusste damals etwas von der Existenz dieses Volkes.
Aber schon zweihundert Jahre später erstreckte sich das arabische Reich von Indien bis Spanien. Nur selten ist in der Geschichte der Menschheit ein Volk so rasch so mächtig geworden. Wie war das möglich?
Vor allem war dafür der Kaufmann Mohammed verantwortlich, der um 570 n. Chr. in der Stadt Mekka auf der arabischen Halbinsel geboren wurde. Mit vierzig Jahren gelangte Mohammed zu der Überzeugung, er sei ein Prophet – jemand, der einen besonders guten Kontakt zu Gott hat. Obwohl Mohammed anfangs auf großen Widerstand stieß, konnte er schließlich die Macht über seine Landsleute gewinnen, weil er ein glänzender Redner und Heerführer war.
Nach seinem Tod waren die Araber überzeugt, dass nur Mohammed die Wahrheit über Gott gesagt hatte. Und wie die Christen wollten die Mohammedaner, die auch Muslime oder Moslems genannt werden, andere Völker davon überzeugen, dass sie Recht hatten. Deshalb eroberten sie zunächst die Nachbarländer der arabischen Halbinsel. Das mächtige Römische Reich gab es nicht mehr, und die tüchtigen arabischen Heerführer konnten fast alle Gegner besiegen. In manchen Ländern bedeutete der Islam für Frauen, Arme und Sklaven ein besseres Leben. Deshalb ließen sich viele gern zu dieser neuen Religion bekehren.
Anfangs hatten die arabischen Herrscher nichts gegen Forschung und Philosophie. Die Araber waren ein neugieriges Volk, und nachdem sie so lange in öden Wüstengegenden gelebt hatten, interessierten sie sich für die Länder, die sie eroberten. Sie versuchten, von den besiegten Völkern zu lernen. Die Araber hatten große Achtung vor den griechischen Philosophen und bewahrten viele griechische Bücher auf, die sie bei ihren Kriegszügen erbeutet hatten.
In Bagdad wurde eine Kopie von Platons Akademie gegründet, das sogenannte „Haus der Weisheit“. Hier wurden die Schriften Platons, Aristoteles’ und anderer Philosophen von arabischen Forschern übersetzt, zum Beispiel um das Jahr 800 n. Chr. die Syntaxis des Ptolemäus. Auf Arabisch hieß dieses Buch „Almagest“, das bedeutet „das Größte“, und unter diesem Namen ist es noch immer bekannt. Der Almagest hat auch dafür gesorgt, dass viele Sterne arabische Namen haben. Wenn wir zum Beispiel in einer Winternacht zum rötlichen Stern Beteigeuze (ausgesprochen „Betelgös“) im Orion hochblicken, dann wissen wir jetzt, dass dieser Name aus dem Arabischen stammt und „Schulter des Riesen“ bedeutet.
Die Araber übersetzten auch die Bücher von Hippokrates und Galenos und bauten die damals besten Krankenhäuser der Welt. Das größte davon war das Mansur-Krankenhaus von Kairo in Ägypten, in dem es eigene Abteilungen für Kranke mit Fieber, Durchfall, Augenleiden und Verletzungen gab. Patienten, die aus dem Mansur-Krankenhaus entlassen wurden, erhielten fünf Goldstücke, damit sie überleben konnten, bis sie wieder arbeitsfähig waren. Auf diese Weise haben die Araber auch eine Art Krankenkasse eingeführt, was in Europa erst im 20. Jahrhundert passierte.
Ähnliches ließ sich in vielen weiteren Bereichen beobachten. Die Araber sammelten Wissen und wandten es nutzbringend an. Sie waren keine so fähigen Forscher wie die alten Griechen und hatten auch keinen Philosophen, der sich mit Aristoteles messen konnte. Aber zum Ausgleich griffen sie bereitwillig Erfindungen auf, die andere Völker gemacht hatten.
Die wichtigste Erfindung, die die Araber übernahmen, stammte nicht aus Griechenland, sondern aus Indien. Diese Erfindung wird noch immer in aller Welt genutzt, wir alle haben jeden Tag damit zu tun, ohne weiter über ihre Herkunft nachzudenken. Bei dieser Erfindung geht es um Zahlen. Die Inder hatten seit Jahrtausenden Zahlen verwendet. Wie die Sumerer (vgl. S. 16) bauten die Inder schon vor mehreren tausend Jahren große Städte, und das geht bekanntlich nicht ohne Zahlen und Mathematik. Aber in Indien gab es noch einen weiteren Grund, sich für Zahlen zu interessieren. Die indische Religion, der Hinduismus, operiert nämlich mit Zahlen – mit sehr großen Zahlen.
Wenn eine Religion uns erzählen will, wie alt die Welt ist, heißt es oft, die Welt sei vor einigen Jahrtausenden erschaffen worden. Die Bibel berichtet, die Welt sei etwas älter als viertausend Jahre. Aber der Hinduismus liebt höhere Zahlen: Dort heißt es, die Welt sei vor Jahrmilliarden entstanden. So große Zahlen wurden damals im Alltag der Menschen nicht gebraucht – erst im 20. Jahrhundert rechnen wir mit Milliardenbeträgen. Deshalb gab es anfangs keine Möglichkeiten, um solche Zahlen aufzuschreiben.
Die Griechen lösten dieses Problem, indem sie alle großen Zahlen als „Myriade“ bezeichneten, mit einem Wort also, das wir heute nur noch sehr selten benutzen und nur dann, wenn etwas in unbestimmt großer Anzahl vorhanden ist. Aber die Inder wollten sich damit nicht begnügen. Deshalb machten sie eine wichtige Erfindung: eigene Zeichen für die Zahlen nämlich.
Die Griechen benutzten für die verschiedenen Zahlen normale Buchstaben. Die römischen Zahlen, die in einigen Zusammenhängen noch heute verwendet werden, werden ebenfalls durch Buchstaben dargestellt. Bei den Römern ist der Buchstabe I dasselbe wie 1, V bedeutet 5, X ist 10, L ist 50, C ist 100 und M 1000. Man kann sich vorstellen, zu welchen Problemen das geführt hat. Zahlen und Wörter ähnelten einander, und wenn Zahlen und Wörter nebeneinander standen, konnte das einen Mathematiker ziemlich in Verwirrung stürzen. Ein weiteres Problem war, dass in der römischen Schreibweise sogar kleine Zahlen lang und kompliziert werden konnten. Die Zahl 337 zum Beispiel wird als römische Zahl so geschrieben: CCCXXXVII.
Wenn für Zahlen eigene Zeichen entwickelt werden sollen, ergibt sich das Problem, wo wir die Grenze ziehen wollen. Es gibt schließlich eine unendliche Menge von Zahlen. Wir können eine so große Zahl nennen, wie wir wollen, wir werden immer eine noch größere finden. Deshalb ist es unmöglich, für jede Zahl ein eigenes Zeichen zu entwickeln.
Die Inder fanden heraus, dass jede Zahl dargestellt werden kann, indem wir einfach zehn Zeichen immer neu miteinander kombinieren. Aber das geht nur, wenn die Stellung des Zeichens verrät, womit es malgenommen werden muss. Beim indischen Zahlensystem ist die Reihenfolge der Zahlen sehr wichtig.
Das ist nicht ganz leicht zu erklären, und ich will versuchen, es an einem Beispiel zu verdeutlichen. Schauen wir uns die Zahl 3764 an, deren Schreibweise mithilfe des indischen Zahlensystems entstanden ist. Der Platz am weitesten rechts im indischen Zahlensystem ist der Einerplatz. Dass bei der Zahl 3764 die 4 am weitesten rechts steht, bedeutet, dass ihr Wert gleich 4 mal 1 ist. Links neben dem Einerplatz kommt der Zehnerplatz. Wenn dort die 6 steht, bedeutet das eigentlich 6 mal 10. Jedes Mal, wenn wir einen Schritt weiter nach links gehen, erhält das Zahlensymbol, das dort steht, einen größeren Wert. Deshalb muss die Zahl links vom Zehnerplatz mit 100 malgenommen werden. Da dort eine 7 steht, ist der Wert dieser Zahl 7 mal 100. Die 3 ganz links steht auf dem Tausenderplatz. Das bedeutet, dass ihr Wert 3 mal 1000 beträgt. Alles zusammen ergibt 3000 + 700 + 60 + 4.
Wenn wir bei unserem Beispiel die 3 und die 7 vertauschen, erhalten wir die Zahl 7364, die fast doppelt so groß ist. Allein die Stellung der verschiedenen Zeichen bestimmt also die Größe der Zahl. Bei den römischen Zahlen ist das anders. Die Zahl 3764 wird dort so geschrieben: MMMDCCLXIV, die Zahl 7364 wird dagegen so dargestellt : MMMMMMMCCCLCIV. Daran sieht man, wie verwirrend die Mathematik im alten Rom gewesen ist.
Aber nicht alle Zahlen enthalten einen Einer, und was machen wir dann? Es ist vielleicht nicht leicht zu glauben, aber mit diesem Problem haben sich Mathematiker jahrhundertelang herumgequält. Auch dieses Problem konnten die Inder lösen. Sie dachten sich ein Zeichen aus, um anzuzeigen, dass dieser Platz in der Zahl leer war. Dieses Zeichen sieht so aus: 0. In der Zahl 450 bedeutet 0, dass es in dieser Zahl keine Einer gibt. In der Zahl 703 bedeutet 0, dass es keine Zehner gibt.
Ohne das Zeichen, das wir Null nennen, könnte das indische Zahlensystem nicht richtig funktionieren. Wir wissen nicht, wann diese geniale Idee aufgetaucht ist. Einer der ersten Mathematiker, die über die Null schrieben, war Brahmagupta, der im Jahr 598 n. Chr. in der Stadt Sind im heutigen Pakistan geboren wurde.
Ein Riesenvorteil liegt bei den indischen Zahlen darin, dass sich mit ihnen sehr viel leichter rechnen lässt. Wenn man zwei große indische Zahlen addieren will, braucht man nur die eine unter die andere zu schreiben und die Zahlen an den verschiedenen Plätzen zusammenzuzählen. Die Zehner werden zu den Zehnern dazugezählt, die Hunderter zu den Hundertern und so weiter.
Für Griechen und Römer dagegen war das viel schwerer. Auch für einfache Rechenarten wie Malnehmen und Teilen brauchten sie einen Rechenschieber, eine Art Zählgerät.
Den Arabern ging sehr schnell auf, dass sich mit den indischen Zahlen sehr viel leichter rechnen ließ als mit römischen oder griechischen. Der erste arabische Wissenschaftler, der begriff, wie wichtig das für die Wissenschaft war, war Al-Khwarizmi aus dem Iran. Er arbeitete in Bagdad im Haus der Weisheit, und er schrieb unter anderem Bücher darüber, wie sich mithilfe der Mathematik eine Erbschaft unter den Hinterbliebenen verteilen ließ. Er schrieb auch ein wichtiges Mathematikbuch namens Al-Gebr (das bedeutet: „Verbindung getrennter Teile“). Seither wird der Zweig der Mathematik, der sich mit Zahlen befasst (alles, was nicht Geometrie ist), als Algebra bezeichnet.
Auch Kaufleute machten sich die neuen Zahlen zu Nutze und halfen, dieses Wissen in der ganzen arabischen Welt zu verbreiten. Mit dem indischen Zahlensystem konnten die Kaufleute viel leichter kopfrechnen. Schnell rechnen zu können ist für Kaufleute in diesem Teil der Erde noch immer wichtig. Denn während wir Gegenstände kaufen, die mit Preisschildern versehen sind, diskutiert in vielen Ländern noch immer der Käufer mit dem Verkäufer über den Preis der Ware.
Obwohl es unserem Gehirn Probleme macht, große Zahlen zu erfassen, hat die indische Erfindung uns doch immerhin ein Gefühl für Zahlen gegeben. Automatisch wissen wir, welche Zahl größer ist, 1000 oder 228. Die Länge der Zahl verrät alles. Wie viel schwieriger war das für die Römer: Die Zahl CCXXVIII (228) ist kleiner als die Zahl M (1000), sieht aber viel größer aus.
Im 12. Jahrhundert begannen die Araber, mit europäischen Kaufleuten Handel zu treiben. In Europa wurden damals noch die römischen Zahlen benutzt. Die Europäer merkten wahrscheinlich schnell, wie viel besser die Araber rechnen konnten, aber sie durften die neue Technik nicht erlernen. Im christlichen Europa galten die Araber nämlich als Gehilfen des Teufels, deren Kundschaft angeblich aus der Hölle stammte. Erst im 16. Jahrhundert wurden die indischen Zahlen fast überall in Europa eingeführt.
Andere Erfindungen ließen sich nicht so leicht übergehen. Im 13. Jahrhundert lernten die Araber eine fantastische neue Erfindung aus China kennen: ein schwarzes, scharf riechendes Pulver.
Europäer und Araber führten immer neue Kriege gegeneinander, und auf dem Schlachtfeld lernten die Europäer die neue Erfindung kennen. Wenn Schießpulver angezündet wird, kommt es zu einer heftigen Explosion. Das lässt sich waffentechnisch nutzen. Wenn zum Beispiel Schießpulver in ein am einen Ende geschlossenes Rohr gepresst wird, dann jagt das Rohr in hohem Tempo durch die Luft, sobald wir das Pulver anzünden. Solche Raketen waren in China seit dem 10. Jahrhundert bekannt.
Wenn eine geringere Pulvermenge in einem an einem Ende geschlossenen Metallrohr untergebracht wird und wir eine Kugel darauflegen, dann saust die Kugel aus dem Rohr, sobald wir das Pulver anzünden. Die Kugeln aus solchen Kanonen waren viel gefährlicher als die Steine, die mit den von den Griechen verwendeten Katapulten geschleudert werden konnten.
Schießpulver war also für die Entwicklung neuer Waffen von ungeheurer Bedeutung, und es hat im Lauf der Zeit zahllosen Menschen das Leben gekostet. Deshalb ist es eine wirklich betrübliche Feststellung, dass der Erfinder des Schießpulvers vermutlich eine Medizin entwickeln wollte, die helfen sollte, das Leben der Menschen zu verlängern.
Wir wissen nicht, wer das Pulver erfunden hat, vermutlich war es ein chinesischer Alchimist. Als Alchimisten wurden Menschen bezeichnet, die alle möglichen Stoffe miteinander vermischten. Metalle wurden geschmolzen, Steine zerschlagen und in Wasser aufgelöst, Pflanzen und Bäume wurden zu Pulver verbrannt. Es gab fast überall auf der Welt Alchimisten, die tüchtigsten aber fanden sich in Arabien und China.
Die Alchimisten waren keine wirklichen Naturforscher, wie es die alten Griechen gewesen waren. Sie wollten zwar die Unterschiede zwischen den verschiedenen Stoffen in der Natur kennen lernen, aber es interessierte sie nicht weiter, warum diese Stoffe sich so sehr unterschieden. Die meisten Alchimisten wollten Reichtum erwerben. Sie hielten es für möglich, aus anderen Metallen Gold herzustellen. Diese Vorstellung hatten sie vermutlich von den Sumerern (vgl. S. 16) übernommen, die rund drei Jahrtausende v. Chr. durch das Vermischen der Metalle Kupfer und Zinn das neue Metall Bronze hergestellt hatten.
Da der Entdecker eines Verfahrens zur Herstellung von Gold der reichste Mensch der Welt werden würde, verbrachten manche Alchimisten ihr ganzes Leben mit dem Vermischen von Stoffen. Sie kamen niemals zu der Erkenntnis, dass es unmöglich ist, Gold durch das Einschmelzen und Vermischen von anderen Metallen herzustellen. Trotzdem war ihre Arbeit nicht ganz vergebens.
Die Alchimisten erfanden nämlich das Labor, einen Raum, der nur zum Forschen eingerichtet ist, und sie erfanden auch viele Instrumente, die in einem Labor verwendet werden. Glaskolben, Schmelzöfen und genaue Waagen wurden zuerst von Alchimisten benutzt. Außerdem entdeckten sie einige wichtige chemische Stoffe. Im 8. Jahrhundert n. Chr. versuchte der arabische Alchimist Jair ibn Hayyan, ein Lebenselixier herzustellen, eine Art Medizin, die gegen alle Krankheiten gleichzeitig wirksam sein sollte, ein sogenanntes Allheilmittel. Das gelang ihm nicht. Stattdessen entdeckte er die Essigsäure, den Grundbestandteil des Essigs.
Essigsäure ist ein ätzender, stinkender Stoff, der heutzutage in der Industrie viel verwendet wird. Alchimisten stellten auch den nützlichen Stoff Salmiak her, der unter anderem in Waschpulvern enthalten ist, und Alkohol, der nicht immer so nützlich ist.
Die chinesischen Alchimisten waren mehr am Lebensexilier interessiert als am Gold. Aber da auch sie nicht begriffen, was beim Vermischen von Stoffen passierte, war das genauso wenig von Erfolg gekrönt. Ihre Elixiere enthielten oft Giftstoffe wie Quecksilber und Arsen, und deshalb starben bisweilen Kranke, denen sie ihre „Lebensmedizin“ verabreicht hatten. Auch mehreren Kaisern von China wurde dieses Schicksal zuteil.
Aber auf dieselbe unvorsichtige Weise erfanden sie auch das Schießpulver. Irgendwann im 9. Jahrhundert vermischte ein chinesischer Alchimist aus Zufall Holzkohle, Schwefel und einen Stoff namens Salpeter und zündete die Mischung an. Wir wissen nicht, ob er das überlebt hat. Ein Buch aus dem Jahr 850 berichtet jedoch, dass Alchimisten sich Hände und Bart versengten, wenn sie mit dieser Mischung experimentierten, und dass schon mehrere Laboratorien abgebrannt waren.
Vermutlich stellten die Alchimisten fest, dass Schießpulver einen dichten Behälter sprengt, wenn es angezündet wird. In China war Feuerwerk sehr beliebt, und deshalb wurde Schießpulver in Papierrollen gefüllt, die mit großem Krach explodierten, wenn das Pulver angezündet wurde. Solche „Chinaböller“ sind noch immer überall auf der Welt beliebt, wenn es etwas zu feiern gibt. Die ersten Raketen wurden ebenfalls auf Festen zum Spaß abgeschossen, aber bald ging den Chinesen auf, dass das Pulver auch für Waffen verwendet werden kann. Bei einer großen Schlacht im Jahr 994 wurden erstmals Raketen benutzt. Bald darauf wurden in Fabriken hunderte von Kriegsraketen hergestellt.
Im 11. Jahrhundert verbreitete sich auch außerhalb von China das Wissen, wie Schießpulver hergestellt wird. Kaufleute brachten es ins arabische Reich und nach Europa. Der Kaiser von China erkannte sehr bald, wie gefährlich Schießpulver in den Händen der Feinde sein konnte. Deshalb verbot er im Jahr 1067 privaten Kaufleuten, die Bestandteile des Schießpulvers zu verkaufen. Aber der Kaiser kam zu spät. Schließlich war das Rezept zur Pulverherstellung wichtig, nicht die einzelnen Zutaten.
Eines der größten Probleme bei der Jagd nach der Wahrheit ist, dass wir nicht immer wissen, welche Folgen eine Erfindung nach sich ziehen kann. Es war kein purer Zufall, dass der Erfinder des Schießpulvers aus China stammte. Die Chinesen haben nämlich hunderte von wichtigen Entdeckungen und Erfindungen gemacht, die das Leben der meisten Menschen erleichterten. In China wurde zum Beispiel zum ersten Mal ein Eisenpflug benutzt, mit dem sich viel besser pflügen ließ als mit den alten Holzpflügen. Die Chinesen stellten auch als Erste fest, dass sich die Ernte vergrößert, wenn das Korn in Reihen gesät wird, und sie entwickelten das erste Gift, um schädliche Insekten zu töten.
Die Chinesen bohrten nach Öl, nutzten die Wasserkraft, stellten Kunststoffe her und benutzten schon tausend Jahre früher als die übrige Welt Papiergeld. Viele ihrer Erfindungen verwenden wir noch heute, zum Beispiel Landkarten, selbst leuchtende Farbe, Spielkarten, Streichhölzer, Schubkarren, mechanische Uhren, Spagetti, Regenschirme, das Schachspiel, Steigbügel, Bücher, Angelruten mit Kurbeln und das Steuerruder. Manches von dem wurde aber auch zwei- oder mehrmals an unterschiedlichen Orten und unabhängig voneinander erfunden.
In China fehlte zwar eine Einrichtung wie die Akademie in Athen, aber es gab dort dennoch viele tüchtige Forscher. Die Chinesen hatten schon lange vor den Griechen den Sternenhimmel studiert, und sie entdeckten unter anderem die Flecken auf der Sonne. Chinesische Mathematiker waren mindestens so tüchtig wie ihre indischen und arabischen Kollegen und erfanden ein Zahlensystem, das dem indischen ähnlich ist.
Chinesische Ärzte behandelten viele gefährliche Krankheiten und verfügten über verschiedene Impfstoffe (vgl. S 144ff).
Der chinesische Arzt Chang Chi, der um das Jahr 200 v. Chr. lebte, erkannte, dass manche Krankheiten durch falsche Ernährung entstehen. Er erklärte, wie solche Mangelerkrankungen geheilt werden konnten. Erst im 18. Jahrhundert verfügten auch europäische Ärzte über dieses Wissen.
Diese vielen Entdeckungen und Erfindungen trugen dazu bei, dass China zu einem der reichsten und mächtigsten Länder der Welt wurde. Die Araber fürchteten und achteten die Chinesen aus gutem Grund.
Aber seit damals hat sich einiges geändert. Sowohl in China wie auch in Arabien wurde für lange Zeit die Jagd nach der Wahrheit eingestellt. Wie in Europa nach der Römerzeit wurden auch dort irgendwann keine bedeutenden Entdeckungen und Erfindungen mehr gemacht.
Einer der Gründe, warum es in China dazu kommen konnte, kann das chinesische Denken sein. Der größte Philosoph der chinesischen Geschichte hieß K’ung-fu-tzu. Er lebte um das Jahre 500 v. Chr. und stellte Regeln auf, wie die Gesellschaft funktionieren und wie die Menschen miteinander umgehen sollen.
Konfuzius, wie wir ihn heute schreiben, war auf Gesetz und Ordnung erpicht. Die Menschen sollten die Gesetze befolgen und dem Kaiser und anderen mächtigen Personen gehorchen. Ehefrauen mussten ihren Männern gehorchen, die Jugend musste die älteren Leute respektieren. Ein Problem bei diesem Denken ist, dass es nicht mehr leicht ist, Fragen zu stellen.
Am Anfang meines Buches habe ich dazu aufgefordert, zu zweifeln und nicht einfach alles zu glauben. Solche Zweifel sind in gewisser Hinsicht das genaue Gegenteil der Lehre von Konfuzius. Er empfiehlt uns, denen zu glauben, die älter sind und über eine längere Ausbildung verfügen als wir. Dieses Denken bringt uns beim Forschen jedoch nicht weiter. Oft stellen nämlich junge Menschen mit ausgefallenen Ideen die richtigen Fragen, während ältere Forscher oft in ihrem gewohnten Denken verharren.
Im Lauf der Zeit wurde es in China immer schwieriger, Fragen zu stellen und neue Ideen Gehör finden zu lassen. Auf diese Weise ging es damals bergab mit den Chinesen – am Ende vergaßen sie sogar ihre eigenen Erfindungen. Als europäische Priester im 17. Jahrhundert den Chinesen ihre mechanischen Uhren zeigten, waren die Chinesen zutiefst beeindruckt. Sie wussten nicht mehr, dass sie einst selber vergleichbare Zeitmesser erfunden hatten.
Auf ähnliche Weise entwickelte sich die Lage im arabischen Reich. Obwohl arabische Wissenschaftler tüchtig waren, konnten sie nicht so viele Fragen stellen wie die griechischen Philosophen. Ihre Religion behauptete, die Antworten auf die wichtigsten Fragen zu kennen, weshalb sie sich nicht weiter damit befassen sollten. Deshalb wagten nur wenige Araber, dasselbe zu sagen wie Demokrit: dass Gott für die Natur und das Leben der Menschen keine Bedeutung habe.
Die arabische Gesellschaft hatte teilweise dieselben Probleme wie die griechische. Die Araber verboten ihren Frauen das Forschen, und sie hatten Sklaven, weshalb es nicht nötig war, arbeitssparende Erfindungen zu machen. Im Lauf der Zeit wurde die Religion immer strenger, und immer mehr Fragen wurden verboten. Die Entwicklung war in dieser Hinsicht dieselbe wie in Europa. Die Religion läutete ein Mittelalter ein, in dem als Wahrheit galt, was im Koran stand, dem heiligen Buch.
Die Jagd nach der Wahrheit erinnert an einen Staffellauf. Nicht jeder Läufer hat die ganze Zeit die Stafette in der Hand, aber sie ist immer unterwegs. Und um das Jahr 1300 gaben die Araber die Stafette wieder an die Europäer zurück.
Europa kommt wieder nach vorn
Als in Europa die Neugier auf die Natur wieder erwachte, geschah das zuerst innerhalb der Kirche, die die Verantwortung für alles Wissen und Denken trug. Wer im Mittelalter eine Ausbildung haben wollte, musste Priester, Mönch oder Nonne werden. Mönche und Nonnen lebten in besonderen Gebäuden, die „Kloster“ genannt werden. Dort sollten sie ihre Zeit vor allem mit Beten verbringen. Sie durften nicht heiraten und mussten strenge Regeln einhalten.
In Wirklichkeit war dieses Leben aber nicht immer so streng. Wer „Robin Hood“ gelesen hat, diese Geschichte eines englischen Helden aus dem Mittelalter, der erinnert sich vielleicht noch an Bruder Tuck, den fetten und faulen Mönch, der gern trank und sich prügelte. Sein Beispiel zeigt, dass sehr unterschiedliche Menschen ins Kloster gingen, nicht nur die frommen.
Zum Beispiel die Neugierigen. Vor tausend Jahren gab es in Europa kein Haus der Weisheit und keine Akademie mehr. Im Kloster dagegen war eine Art Ausbildung möglich, und dort gab es auch Bibliotheken. Im 11. Jahrhundert wurden dort neue Bücher in Gebrauch genommen, Bücher, die Aristoteles, Ptolemäus und andere griechische Philosophen geschrieben hatten.
Die Araber hatten die Werke der griechischen Philosophen aufbewahrt, und viele Bücher in den Klostern waren aus dem Arabischen übersetzt worden. Bücher zu übersetzen ist immer schon ein schwieriges Handwerk gewesen, manchmal kann es sogar lebensgefährlich sein. Im Mittelalter führten Araber und Europäer gegeneinander Krieg. Mönche mussten sich als Muslime verkleiden oder sogar die Religion wechseln, um sich die Bücher zu verschaffen. Ein solches Konvertieren wurde manchmal mit dem Tode bestraft.
Wenn die arabischen Bücher in den Klöstern eintrafen, wurden sie nicht ins Englische oder Italienische übersetzt, sondern ins Lateinische, die alte Sprache Roms. Das Latein hatte den Untergang des Römischen Reiches überlebt, weil die Kirche es benutzte. Die Bibel war schon längst ins Lateinische übersetzt worden, und Messen wurden auf Latein gelesen. Die Menschen sprachen Gebete in einer Sprache, die die meisten von ihnen nicht verstanden! Aber die Verwendung des Lateinischen hatte auch ihre Vorteile. Da alle Nonnen und Mönche Latein lesen konnten, hatte ein Mönch in Mainz ebenso großen Nutzen von einem Buch wie eine Nonne in Rom.
Wenn ein Buch fertig übersetzt war, dauerte es aber noch lange, bis alle, die ein Exemplar haben wollten, auch wirklich eins besaßen. Damals mussten alle Bücher mit der Hand Wort für Wort abgeschrieben werden. Das sogenannte Kopieren von Büchern wurde zu einem eigenen Beruf. Es ist klar, dass die Bücher deshalb von Fehlern nur so wimmelten, und wer damals Bücher las, konnte sich nicht darauf verlassen, dass zwei Kopien genau dieselben Wörter enthielten.
Bücher können gefährlich sein. Manche Mönche und Nonnen, die die griechischen Philosophen gelesen hatten, fingen an, auf neue Weise zu denken. Sie hatten gehört, dass die Wahrheit allein in der Bibel zu finden sei. Aber bei Aristoteles erfuhren sie, dass die Menschen die Wahrheit selber finden können, wenn sie die Natur studieren. Der bekannteste dieser Mönche war der Engländer Roger Bacon. Er gehörte zu Europas größten Aristoteles-Experten, und er wurde wegen seiner fantastischen Prophezeiungen über das Ende der Welt berühmt.
Um das Jahr 1250 schrieb Roger Bacon: „Es ist möglich, Wagen herzustellen, die sich ohne Pferde bewegen und die von einer wundersamen Kraft angetrieben werden. Es ist möglich, Flugmaschinen zu bauen, bei denen ein Mann, der mitten in der Maschine sitzt, die Flügel zum Schlagen bringen kann.“ Man kann sich denken, dass viele Bacon für verrückt hielten.
Aber was den Anführern der christlichen Kirche Angst machte, waren Roger Bacons Vorstellungen von Forschung. Er war nämlich nicht nur ein Anhänger des Aristoteles, er fand außerdem, der Grieche sei nicht weit genug gegangen! Es reiche nicht aus, die Natur zu studieren, um Wissen zu erwerben. Die Menschen müssten auch durch Experimente zu neuen Erkenntnissen gelangen, schrieb Roger Bacon. Bei einem Experiment wird aktiv etwas mit der Natur gemacht, sie wird beeinflusst, und wir erfahren dadurch, ob unsere Annahmen wirklich zutreffen.
Bei einem Experiment kann man zum Beispiel ein kleines Modell der Natur herstellen und versuchen, mit seiner Hilfe eine Aussage über die ganze Natur zu machen. Ich werde das genauer erklären. Wenn man in einem Ruderboot sitzt, fällt einem auf, dass die Ruder, die ins Wasser ragen, in der Mitte einen Knick zu haben scheinen. Es sieht so aus, als wären sie gleich unterhalb der Wasseroberfläche verbogen. Wenn man die Ursache genauer untersuchen will, ist es reichlich mühselig, dabei die ganze Zeit in einem Boot zu sitzen. Man kann aber auch eine Schüssel mit Wasser füllen und einen Bleistift hineinhalten. Dann sieht man, dass auch der Bleistift einen Knick hat.
Schüssel und Bleistift sind ein Modell des Wassers in einem See und der Ruder, die man hineinhält. Es ist leichter, mit dem Modell zu arbeiten, und das, was man dabei lernt, gilt auch für die wirkliche Natur. Das war ein neuer Gedanke, und Roger Bacon hielt ihn für sehr wichtig. Er meinte, dass Forscher durch Experimente mehr Wissen erwerben als durch Beobachtung. Und eines Tages wissen sie dann genug, um eine Maschine zu bauen, die fliegen kann.
Wir können leicht verstehen, dass die meisten von Bacons Kollegen seinen Gedanken tiefes Misstrauen entgegenbrachten. Und Bacon hielt sich auch nicht an seine eigenen Worte. Vermutlich hat er nur wenige Experimente selbst ausgeführt. Das mit der Schüssel und dem Bleistift hat er allerdings wohl tatsächlich selbst ausprobiert. Roger Bacon hat nämlich sehr viel darüber geschrieben, wie Licht sich durch Wasser fortpflanzt.
Ihm war klar, dass ein Stock im Wasser deshalb einen Knick zu haben scheint, weil die Lichtstrahlen beim Übertritt von der Luft ins Wasser ihre Richtung ändern. Dieser Vorgang wird Lichtbrechung genannt. Bacon wusste auch, dass wir sehen, weil unsere Augen Lichtstrahlen erkennen. Wir sehen einen Bleistift, weil er die Lichtstrahlen zu unseren Augen reflektiert. Wenn die Lichtstrahlen ihre Richtung ändern, wie das im Wasser der Fall ist, dann ändert sich auch das Aussehen des Bleistifts.
Bacon wusste auch, dass Lichtstrahlen ihre Richtung ändern, wenn sie Glas durchdringen. Er war nicht der Einzige, der diese Entdeckung machte. Im 13. Jahrhundert war bereits vielfach bekannt, dass Lichtstrahlen sich in verschiedene Richtungen lenken lassen, wenn Glas auf unterschiedliche Weise geschliffen wird. Wenn eine runde Glasscheibe so geschliffen wird, dass sie in der Mitte am dicksten und an den Rändern am dünnsten ist, dann werden die Lichtstrahlen, die durch diese Scheibe gehen, so gebeugt, dass sie sich an einem Punkt hinter der Scheibe treffen. Wenn Sonnenlicht durch die Scheibe geht, wird dieser Treffpunkt glühend heiß. Deshalb wurde er Brennpunkt genannt. Da die geschliffenen Glasscheiben ähnlich aussahen wie das Gemüse Linsen, erhielten sie dessen Namen.
Im Jahr 1280 entdeckte der Italiener Salvina degli Armati, dass Glaslinsen mehr können, als nur das Sonnenlicht zu konzentrieren. Wenn wir älter werden, haben wir oft Probleme damit, Dinge in unserer nächsten Nähe zu sehen. Dieses Phänomen wird „Weitsichtigkeit“ genannt. Schuld daran ist die Tatsache, dass die Augen im Alter ihre Form verändern. Wenn aber vor ein weitsichtiges Auge eine Linse gehalten wird, kann es wieder scharf sehen. Armati hielt vor beide Augen eine Linse, befestigte sie an einer Art Rahmen, der auf der Nase ruhte, und hatte die Brille erfunden.
Unscharfe Sicht ist und bleibt eines der häufigsten Probleme, mit denen wir Menschen uns herumschlagen. Wer eine Brille trägt, weiß, wie wichtig diese Erfindung war. Das älteste Bild eines Brillenträgers zeigt einen Mönch, und das ist kein Zufall. Mönche lasen sehr viel, und früher mussten sie damit aufhören, wenn die Weitsichtigkeit einsetzte. Aber die Brille ermöglichte es ihnen, ihre Arbeit bis ins hohe Alter fortzusetzen.
Die neue Erfindung war bald sehr beliebt bei allen, die sich eine Brille leisten konnten. Die Brillenmacher, die Optiker genannt wurden, öffneten in den großen Städten Europas ihre Läden. Aber die Optiker erkannten schnell, dass sie nicht bei allen Weitsichtigen die gleiche Linse verwenden konnten. Manche Leute brauchten dicke Linsen, andere dünne. Außerdem gab es viele Menschen mit Sehschwächen, denen die Optiker nicht helfen konnten. Nämlich die, die weiter entfernte Dinge nicht klar erkennen konnten, die Kurzsichtigen.
Wenn ich als Kurzsichtiger eine Brille für Weitsichtige aufsetze, sehe ich noch weniger. In ganz Europa versuchten Optiker, dieses Problem zu lösen. Aber erst im 16. Jahrhundert gelang es ihnen, Linsen herzustellen, die Kurzsichtigkeit ausglichen. Diese Linsen waren in der Mitte dünn und an den Rändern dick.
Weil immer neue Patienten zu den Optikern kamen, die unterschiedliche Brillentypen brauchten, mussten die Optiker experimentieren. Die Optiker mussten also das tun, wozu die Wissenschaftler so wenig Lust hatten.
Das galt nicht nur für die Optiker. Um das Jahr 1300 entwickelten sich die Verhältnisse in Europa ziemlich gut. Die Städte wurden größer, die Bevölkerungszahlen wuchsen, Wälder wurden gerodet, um neuen Boden urbar zu machen, und neue Erfindungen wurden in Gebrauch genommen. Zwei der wichtigsten Erfindungen waren das Wasserrad und die Windmühle. Beide waren seit Jahrhunderten bekannt, erst jetzt aber erwiesen sie sich wirklich als nützlich. Vielerorts fehlte es an Arbeitskräften. Ein Wasserrad, das in einer Schmiede an eine Säge oder einen Blasebalg angeschlossen wurde, konnte die Arbeit von mehreren Menschen oder Tieren verrichten. Eine Windmühle drehte sich ganz von allein, und der Müller brauchte sie nur noch in Stand zu halten und Getreide nachzufüllen.
Die Maschinen mussten so gut wie möglich funktionieren, und deshalb wurden sie immer wieder verbessert. Deshalb gab es um diese Zeit die ersten Ingenieure, Fachleute für Maschinen und Technik. Für diese Erfindungen bezahlten häufig reiche Kaufleute, die noch reicher werden konnten, wenn sie noch effektivere Maschinen besaßen. Im belgischen Flandern gab es riesige Hallen, in denen mithilfe von Maschinen aus Wolle und Leinen Tuche hergestellt wurden. Die Hallen hatten große Ähnlichkeit mit modernen Fabriken. In England und Deutschland konstruierten Ingenieure Pumpen, um Bergwerksgänge trocken zu halten.
Es ist deutlich zu sehen, wie stark sich die griechische Gesellschaft und das Europa des Mittelalters voneinander unterschieden. Es gab zwar im Mittelalter noch Menschen, die ihre Arbeitskraft anderen zur Verfügung stellen mussten, und für Frauen waren noch immer die meisten Ausbildungswege versperrt, aber es war doch sehr viel üblicher, Kenntnisse über die Natur praktisch anzuwenden. Wissen war nicht nur spannend – mit Wissen ließ sich auch Geld verdienen. Italienische Kaufleute, die in Nordafrika mit den Arabern Geschäfte machten, hatten erfahren, wie sehr indische Zahlen das Rechnen erleichtern. Diese Kaufleute gründeten Banken, die Geld verliehen. Auf diese Weise wurden die indischen Zahlen zur Geheimwaffe der größten Banken und der reichsten Familien in einigen norditalienischen Städten.
Um diese Zeit setzte sich auch die Erkenntnis durch, dass Klöster nicht die beste Ausbildungsstätte für junge Menschen waren, die in der Gesellschaft tätig sein sollten. Im 12. Jahrhundert wurden deshalb in Städten wie Oxford und Cambridge, Bologna und Paris Universitäten gegründet.
Anfangs waren die Universitäten eine Art Kopie von Platons Akademie. Sie waren Orte, an denen reiche junge Männer Philosophie, Mathematik, Alchimie, Astronomie und Theologie (die Lehre von der christlichen Religion) studieren konnten. Die Studenten wurden von Professoren unterrichtet, Fachleuten für die verschiedenen Wissensgebiete. Das Wort Professor stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „dem Publikum etwas sagen“, und genau das war anfangs die Aufgabe der Professoren. Sie forschten nur selten, viel lieber diskutierten sie miteinander. Und zwar oft über die unglaublichsten Themen.
Zum Beispiel zerbrachen sich die Theologen damals den Kopf über die Frage, ob die Seele eines Mannes nach seinem Tod sofort gen Himmel fährt oder ob sie bis zum Jüngsten Gericht warten muss. Sie überlegten auch, ob Frauen überhaupt eine Seele hätten, und sie versuchten zu berechnen, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz hätten. Die Diskussionen der Professoren waren oft entsetzlich kompliziert, und sie brachten lange, verwickelte Argumente vor.
Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wenn wir versuchen, einer Fernsehdiskussion zu folgen, dann stellen wir oftmals fest, dass die Teilnehmer lauter komplizierte Wörter verwenden, um etwas zu sagen, das sich auch viel einfacher sagen ließe. Komplizierte Argumente können sehr hilfreich sein, wenn wir versuchen, einer unangenehmen Frage auszuweichen. Aber sie erschweren auch das klare Denken. Und klares Denken ist bei der Jagd nach der Wahrheit unbedingt nötig.
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts versuchte ein englischer Mönch, daran etwas zu ändern. Er hieß Wilhelm von Ockham und studierte an der Universität Oxford Theologie. Dabei legte er sich so heftig mit seinen Professoren an, dass er von der Universität flog, ehe er seine Ausbildung beendet hatte. Für den Rest seines Lebens wanderte er von einem Kloster zum andern und schrieb Bücher, die großes Aufsehen erregten.
Wilhelm von Ockham war natürlich ein Christ, und viele seiner Schriften handeln von Gott. Aber er interessierte sich auch für die Logik, wie Aristoteles sie beschrieben hatte (vgl. S. 26). Er vertrat die Ansicht, die Menschen müssten ihre Vernunft gebrauchen und sich auf ihre Sinne verlassen, wenn sie verstehen wollen, was in der Welt passiert. Vor allem wollte er etwas gegen die komplizierten Diskussionen unternehmen, die in Klöstern und an Universitäten so beliebt waren. Deshalb stellte er eine Regel auf, um das Leben für Diskussionsteilnehmer und für Menschen, die verstehen wollen, was andere sagen, leichter zu machen.
Die Regel lautete ungefähr so: „Wenn man etwas beweisen will, dann beschränkt man sich auf die wirklich notwendigen Argumente.“ In der Wissenschaft ist ein Argument oft etwas, was ein Forscher beobachtet hat, es kann sich um eine mathematische Berechnung oder um das Ergebnis eines Experiments handeln. Oft können sehr unterschiedliche Dinge darauf hinweisen, dass der Forscher Recht hat. Und dann ist es wichtig, alles Überflüssige zu streichen, damit er und die Menschen, die seine Berichte lesen, nicht verwirrt werden.
Wichtig ist das, was ein Wissenschaftler sagen will, nicht, ob er es auf eine besonders ausgefeilte Weise sagt. Ockhams Regel ist noch immer eine große Hilfe bei der Jagd nach der Wahrheit. Studenten lernen sie an der Universität, Forscher wenden sie immer wieder an. Die Regel ist auch als „Ockhams Rasiermesser“ bekannt. Rasiermesser sind scharf, und Wilhelm von Ockham schnitt mit dieser Regel bei Diskussionen alles Überflüssige ab. Kein Wunder, dass er nicht sehr beliebt war!
Wilhelm von Ockham starb zwischen 1347 und 1350 im Alter von rund 65 Jahren in München. Es war kein Zufall, dass er gerade zu dieser Zeit starb, denn zu diesem Zeitpunkt erlagen in ganz Europa Millionen von Menschen einer Krankheit, die der „schwarze Tod“ oder die „Pest“ genannt wurde. Damals wusste niemand, wie diese Krankheit entstand. Die Menschen wussten nur, dass Kranke mit schwarzen Beulen am ganzen Leib und hohem Fieber fast immer zum Tode verurteilt waren. Ein Drittel der Bevölkerung Europas fiel dem schwarzen Tod zum Opfer, wie auch Millionen von Menschen in anderen Erdteilen. Der Pest war es egal, ob jemand arm oder reich war, und die damaligen Ärzte konnten nur zusehen, wie ihre Patienten starben. Auch Gebete, zu denen die Priester rieten, brachten keine Hilfe.
Man stelle sich vor, ein Drittel aller Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung stirbt innerhalb weniger Wochen. Einer von drei Menschen im Haus, wo wir wohnen, in der Straße, der Schule oder der Familie. Was wäre das für ein Gefühl, überlebt zu haben? Was spielte sich nach einer derart einschneidenden Katastrophe in den Köpfen der Menschen ab? Da es damals noch keine Meinungsumfragen oder Zeitungen gab, wissen wir nicht, wie die einfachen Menschen reagiert haben. Aber vielleicht haben damals viele ihren Glauben an Gott verloren.
Das kann jedenfalls eine Erklärung für die seltsame Entwicklung sein, die in Italien einsetzte, nachdem die Pest abgeklungen war. Man sollte eigentlich annehmen, dass eine solche Katastrophe die Gesellschaft vollständig zerstört. Zahllose Bauern und Arbeiter waren umgekommen, Kinder hatten ihre Eltern, Klöster und Universitäten viele ihrer fähigsten Gelehrten verloren. Nach einigen Jahrzehnten jedoch, als die Lage sich endlich wieder stabilisiert hatte, machte sich eine erstaunliche Veränderung bemerkbar.
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