Kitabı oku: «Die Praktikantin und 12 andere heiße Erzählungen»
Elena Lund, Katja Slonawski, Lisa Vild, Malin Edholm
Die Praktikantin und 12 andere heiße Erzählungen
Lust
Die Praktikantin und 12 andere heiße Erzählungen ÜbersetztGesa Füßle, Mareike Zoege Cover Bild: Shutterstock Copyright © 2019, 2019 Elena Lund, Katja Slonawski, Lisa Vild, Malin Edholm und LUST All rights reserved ISBN: 9788726248661
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von LUST gestattet.
Camgirl
Viele – besonders ihre Familie und nächsten Freunde – beschreiben Ella als smarte, seriöse und reife junge Frau. Sie möchte gern glauben, dass das stimmt und gibt niemandem Anlass, diese Attribute infrage zu stellen – außer sich selbst. Eine seriöse und reife Person hätte nämlich in weiser Voraussicht einen Job für die Sommerferien organisiert. Eine smarte Person würde sich nicht in Ellas Situation befinden. Als arbeitslose Studentin am Semesterende, die Hälfte vom Bafög noch auf dem Konto und den dräuenden Sommer über sich wie einen dichten, undurchdringlichen Schleier, braucht sie dringend Geld.
„Du kommst mit essen, oder? Wir müssen doch feiern!“ Josefin lächelt sie so breit an, dass die Schneidezähne zwischen den vollen Lippen hervorlugen. Es ist der letzte Tag des Sommersemesters und der Vorlesungssaal wird schnell von den nach draußen drängenden Studenten geräumt, die in den warmen Frühsommer strömen, erleichtert, endlich frei zu sein. Ella lässt sich Zeit damit, alle ihre über den Tisch verteilten Papiere und Stifte einzusammeln. Einerseits will sie nichts lieber, als mit Josefin und dem Rest der Clique Mittag zu essen. Oder Kaffee zu trinken. Oder in eine Bar zu gehen. Sie möchte mitgehen und nicht mehr an die nagende Angst denken müssen. Andererseits ist es genau das Gefühl, dass sie am Mitgehen hindert. Es ist so verdammt vermessen. Sie kann sich nichts davon leisten, weil sie nicht einmal die nächste Miete bezahlen kann.
„Nee, leider kann ich heute auch nicht“, antwortet sie.
„Aber du kannst in letzter Zeit ja nie“, klagt Josefin mit Schmollmund – aber mit einem Funkeln in den Augen. Trotzdem trifft es Ella, als sie das hört. Nein, sie kann nicht mehr mitgehen, wenn man dabei Geld ausgeben muss. Aber wie sagt man das, ohne die Fassade zum Einstürzen zu bringen?
„Ja, leider, ich habe …“, beginnt Ella, aber dann merkt sie, dass Josefin ihre Aufmerksamkeit bereits dem Rest der Clique zugewandt hat, „… was zu tun.“ Sie sieht, wie sie den Vorlesungssaal verlassen und bleibt allein zurück. Einige Sekunden vergehen und alles scheint ganz still zu sein. Das verstreute Lachen und die Stimmen werden leiser und auf einmal fühlt sie sich einsamer als je zuvor. Schnell rafft sie die mittlerweile zerknitterten Papiere in ihren militärgrünen Rucksack.
„Warte!“ Ella stößt die Tür weit auf und rennt die dunklen Marmortreppen hinunter. Ihre flachen Schuhe sind weit hörbar, wie sie die breite Wendeltreppe immer rundum herunterläuft. Am Fuß der Treppe drehen sich Josefin, Anna, Joel und Maria verwundert um, aber als sie sehen, dass es Ella ist, die angerannt kommt, lächeln sie sie warmherzig an. „Ich komme mit, die Wäsche kann warten.“
Als sie später an dem Abend nach Hause kommt, setzt sie sich in ihre enge Einzimmerwohnung und weint. Welle um Welle der niederschmetternden Angst schlägt über ihr zusammen, wenn sie an all das Geld denkt, das sie ausgegeben hat. Geld, das sie eigentlich nicht hat. Ihr Handy vibriert in ihrer Tasche. Erst, als es wieder aufhört, blickt sie auf den Bildschirm und sieht einen weiteren unbeantworteten Anruf von ihrer Mutter. Der dritte heute. Ihre Augen werden wieder feucht. Morgen muss sie anrufen und erzählen, dass sie keinen Job gefunden hat. Dass sie kein Gespartes mehr hat und sich ihre Wohnung nicht mehr leisten kann. Sie muss wieder zu Hause einziehen und sich bei ihren Eltern durchschnorren – sie wird die Versagerin der Familie sein.
Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit weicht der reinen Wut. Sie wirft sich auf das quietschende Bett und öffnet den Browser. Mit großen, wütenden Bewegungen tippt sie die Worte How to make money fast in die Suchmaschine. Eine Stunde lang liest sie sich durch diverse verschiedene Seiten und Artikel, aber keiner der Tipps hilft ihr, die Miete in der nächsten Zukunft bezahlen zu können. Sie klickt sich weiter und weiter durch die Suchergebnisse, findet aber nichts. Als sie gerade aufgeben, das Telefon nehmen und ihre Mutter anrufen will, sieht sie etwas am Rand der zuletzt besuchten Seite blinken. Es ist eine Anzeige, auf der eine hübsche junge Frau sich auszieht und streichelt, während die Worte „Buy a private show now“ über dem Bild blinken. Ella betrachtet die Anzeige mit gerunzelter Stirn. Dann hat sie einen Geistesblitz. Sie schließt alle Seiten und fängt von vorne an. Sie sucht nach How to camgirl und stößt sofort auf diverse Forumsthreads, in denen das Camgirl-Phänomen diskutiert wird. Schließlich findet sie bei Flashback einen Thread, in dem eine Frau darauf besteht, Tausende Kronen als Camgirl verdient zu haben. Der Thread ist lang und voller Trolle, aber Ella vertieft sich trotzdem in die Erzählung der Frau. Sie liest alle Abschnitte und saugt die Informationen nur so auf. Nach einer weiteren Stunde lässt sie ihren Blick aus dem Fenster über die lahme Studentenstadt schweifen, die noch leerer als sonst aussieht. Die meisten Kommilitonen sind bereits für die Semesterferien nach Hause gefahren. Einige arbeiten, andere wohnen zu Hause bei ihren Eltern und ruhen sich vor dem nächsten Semester aus. Die Stadt blickt zu ihr zurück und sie versucht sich vorzustellen, was sie in ihr sieht. Hoffnungslosigkeit? Gescheitertsein? Das sieht sie auf jeden Fall in sich selbst.
Sie blickt wieder runter und liest noch einmal die Ausführungen der Frau. Es hört sich so einfach an, wenn sie das erzählt. Es macht total Spaß! Ich kann kommen und gleichzeitig Geld dafür kriegen. Es ist, als ob man Nutzen und Genuss miteinander vereint. Und manchmal muss ich mich nicht mal ausziehen, viele wollen einfach jemanden zum Reden und bezahlen dafür. Auf gehts, Mädels! Ihr werdet es nicht bereuen. Ella starrt Löcher in die Luft und versucht sich zu erinnern, wann sie ihren letzten Orgasmus hatte. Sie weiß nicht einmal, ob sie jemals nah dran war, oder ob sie es je versucht hat. Onanie ist nichts für sie, sie findet das Thema unwichtig. Ihr Körper ist ein unerforschtes Feld und ginge es nach Ella, würde es so bleiben. Sie versucht sich vorzustellen, wie es wäre, sich vor fremden Menschen auszuziehen und erschaudert bei dem Gedanken. Sie denkt bei sich selbst und ihrem Körper einfach nicht, dass er sexy ist, oder dass man ihn gar als Genussobjekt benutzen kann.
Die Frau im Thread hat verschiedene Chatseiten verlinkt, bei denen sie aktiv war, und Ella führt die Maus zu einem der Links, hält dann aber inne. Erst stellt sie es sich als Spaß vor. Jedenfalls am Anfang. Dann wird ihr klar, dass sie eigentlich keine Wahl hat. Entweder kriecht sie mit eingezogenem Schwanz heim zu ihren Eltern oder sie beißt jetzt die Zähne zusammen. Alles, was sie tun muss, ist, ihr lahmes, altes MacBook zu starten, sich in den Chat einzuloggen und sich ein paarmal pro Woche Stück für Stück vor den ausgehungerten Augen auszuziehen. Irgendwann müssen die Klamotten ja ohnehin mal runter, und sie ist ja nun auch nicht gerade mehr Jungfrau. Der Gedanke bringt ihre Wange zum Glühen. Sie befeuchtet ihre Lippen und schluckt. Drei Monate ist es her, dass Victor nach sechs gemeinsamen Jahren Schluss gemacht hat. Er war bisher ihr erster und einziger Sexpartner. Sie war sich sicher gewesen, dass sie für immer zusammen bleiben würden. Der Gedanke hatte ihr Sicherheit gegeben und sie getröstet. Deswegen war es ein echter Schock gewesen, als er eines Abends verkündete, er habe jemand anderen getroffen. Sie hatte nach dem Grund gefragt und er hatte geantwortet, dass er sich nicht geliebt fühlte, dass er sich nicht sexy fühlte und dass er nicht befriedigt wäre. Er sagte, dass sie gar keinen Sex mehr haben wollte. Als sie vergeblich versuchte, gegenan zu argumentieren, schüttelte er den Kopf und antwortete: „Weißt du, wie lange es her ist, dass wir das letzte Mal miteinander geschlafen haben? Oder wie lange es her ist, dass du mich überhaupt angefasst hast? Das hier funktioniert nicht, Ella.“ Er hatte vollkommen Recht, es funktionierte nicht. Sie mochte Sex nicht einmal. Jedes Mal, wenn er sie in letzter Zeit berührt hatte oder sie nur hatte küssen wollen, hatte sie sich schnell losgemacht und Kopfschmerzen oder Müdigkeit vorgeschoben. Sex bedeutet ihr nichts – das macht man bei besonderen Anlässen und Geburtstagen, weil es von einem erwartet wird; es ist eine nervige Pflichtübung.
Sie schüttelt den Kopf, als ob sie damit das stechende Gefühl in Augen und Hals abschütteln könnte. Es wäre leichtverdientes Geld. Sie würde sich daran gewöhnen, und niemand müsste je erfahren, wie sie an der Suche nach einem Sommerjob gescheitert ist, oder wie ihr weniges Gespartes für wilde Studentenfeten und unzählige Kaffees in der Uni-Cafeteria draufgegangen ist. Sie würde innerhalb von einer Woche einen Monatslohn reinkriegen und ihre Eltern bräuchten keine Schecks oder beunruhigte SMS zu schicken. Sie ist eine einigermaßen erwachsene, starke und selbstständige Frau und sie will, dass alle sehen – oder jedenfalls glauben –, dass sie auf eigenen Beinen stehen kann. Deswegen beschließt sie, der Sache eine Chance zu geben. Sie klickt auf den Link und legt ein Profil an, während die Nacht hinter dem ungeputzten Fenster hereinbricht.
Das erste Mal ist gruselig. Es fühlt sich total falsch an; es ist falsch. Als sie sich am Morgen anzog, hatte sie keinen Gedanken daran verschwendet, dass die ganze Welt ihr zusehen würde, wenn sie sich am gleichen Abend wieder auszog. Sie hatte eine enge, schwarze Jeans an und ein zerschlissenes T-Shirt mit dem ein oder anderen Fettfleck von einem wenig nahrhaften Essen, das sie sich mal reingeschlungen hatte. Die Kleider schmiegen sich an ihren schlanken Körper und heben ihre breiten Hüften hervor. Ihre Brüste sind zu klein, als dass ein BH notwendig wäre, weswegen unterm T-Shirt zwei helle Brustwarzen durchscheinen, die ständig hart werden, wenn der Stoff an ihrer sommersprossigen Haut reibt.
Den Vormittag hatte sich in der Stadt auf der Jagd nach einer Maske verbracht, mit der sie ihr Gesicht bedecken könnte. Sie hatte gelesen, dass viele Mädchen ihre Gesichter bedeckten, um nicht wiedererkannt zu werden. Ella fand, dass es am allerwichtigsten wäre, ihre Identität geheim zu halten. In der kleinen Studentenstadt verbreiteten sich Gerüchte sehr schnell, und man stelle sich vor, wenn dieses Gerücht ihre Freunde oder Familie erreichen würde! Nach mehreren Stunden intensiver Suche fand sie eine schwarze Maske aus Hartpappe, die eine Katze darstellte. Die Maske bedeckt das halbe Gesicht, vom Scheitel bis zur Nase, mit Löchern für die Augen und Nasenlöcher. Ihre Lippen und das spitze Kinn liegen frei. So ist es perfekt. Der Mann an der Kasse lächelte ihr zu und fragte, ob sie auf eine Maskenparty ginge. Sie nickte eilig, und mit glühenden Wangen und gesenktem Blick verließ sie schnell das Geschäft.
Als sie am Abend ihren Computer hochfährt und die Jalousien herunter, tut sie das mit angehaltenem Atem. Tausende beunruhigende Gedanken gehen ihr durch den Kopf, aber sie macht sich klar, dass sie die Kontrolle hat. Jedenfalls möchte sie das glauben. Sie muss nur den Laptop starten, sich einloggen und die Live-Übertragung beginnen. Den Rest würde sie mit der Zeit herausfinden. Sie denkt daran, was sie vielleicht wird tun müssen, und ihr Magen krampft sich zusammen. Was ist, wenn sie das nicht hinbekommt? Dann hast du es wenigstens versucht, denkt sie leise für sich. Sie holt tief Luft und klickt auf den Knopf.
Sie sieht, wie immer mehr ihre Live-Webcam-Show angucken. Der Gedanke, dass da auf der anderen Seite jemand sitzt und genau sie anguckt, lässt sie unwillkürlich erschaudern. Sie hat ihren Laptop auf einen Stuhl am Fußende ihres Bettes gestellt. Sie selbst sitzt auf ihren Knien im Bett und sieht das Bild von sich selbst. Es ist die gleiche alte Ella, aber andererseits auch nicht. Die Kleider sind dieselben und der Körper ist derselbe, aber die langen, roten Haare, die sonst platt und unfrisiert herunterhängen, sind in einen strammen Pferdeschwanz frisiert. Das sommersprossige Gesicht wird von der schwarzen Katzenmaske verdeckt und ihr Mund formt ein nervöses Lächeln. Die Kommentare über ihren angeblich süßen, hübschen und sexy Körper kommen mit der gleichen Schnelligkeit rein wie die Aufforderungen. Ein Mann bittet sie, sich auf alle Viere zu stellen. Sie liest die Kommentare und sie hält die Luft an, während sie tut, worum man sie bittet. Etwas verlegen steht sie auf allen Vieren in ihrem Bett und dann macht der Computer pling und eine Gutschrift von 300 Kronen, die von BigGuy85 auf ihr Paypal-Konto eingehen, ploppt auf. Die Gutschrift wird gefolgt von der Mitteilung braves Mädchen im Chat. In wenigen Sekunden hat sie das Geld von zwei Stunden Arbeit verdient und vor ihrem inneren Auge sieht sie, wie sie am nächsten Tag mit ihren Freunden zum Mittagessen ausgehen kann. Das hier ist gar nicht so schlimm, denkt sie. Und nur, um es mal auszutesten, hebt sie die eine Hand und leckt die Oberseite, wie eine Katze, die sich gerade wäscht. Sie kichert etwas und denkt daran, wie albern das ist. Ich mag dein Lachen, Kätzchen schreibt jemand im Chat und sie erstarrt, als sie erkennt, dass sie sie sehen und hören können.
MmeDarkness schreibt Zieh deine enge Jeans aus, meine Freundin, die sieht unbequem aus. Ella nickt schweigend und knöpft die Jeans auf. Sie zieht sie langsam über ihren festen Hintern, und während sie das tut, fühlt es sich an, als ob die ganze Welt den Atem anhält. Sie fühlt sich jenseits der Realität. Es ist alles so neu, so fremd. Trotzdem merkt sie, dass sie eine Art Gier und Neugier verspürt. Mit jedem Pling vom Laptop, das eine neue Gutschrift ankündigt, wird sie entspannter. Sie kann das hier schaffen. Bisher ist es überhaupt nicht, wie sie es erwartet hatte. All die positiven Kommentare über ihren Körper bringen das sonst so niedrige Selbstwertgefühl zum Tanzen. Das nervöse Lächeln wird immer mehr zu einem großen, echten Lächeln.
Ella sitzt mit ihrer schwarzen Baumwollunterhose da und fragt sich, was sie als nächstes tun soll. Was ist der nächste Schritt? Sie denkt darüber nach, ob sie selbst die Initiative ergreifen oder auf eine Aufforderung warten soll. Sie kann es selbst kaum glauben, als sie sich sagen hört: „Für 500 Kronen ziehe ich mir auch das T-Shirt aus“. Nur Sekunden später übertragen eine Frau und zwei Männer jeweils 500 Kronen auf ihr Paypal-Konto. „Oha“, sagt Ella laut zu sich. Soll sie nun auch ihr Höschen ausziehen? Die Zahl der Zuschauer steigt weiter. Jemand schreibt Zieh jetzt das Hemd aus und streichel dich für mich. Ella zieht sich das T-Shirt über den Kopf und lässt es auf den Boden fallen, während sie ihre Katzenmaske zurechtrückt. Das Höschen behält sie an. Sie fühlt sich noch nicht bereit, es auszuziehen. Ihre helle, sommersprossige Haut zieht sich in dem kühlen Raum zusammen und ihre Brustwarzen werden hart. Ihre Hände zittern leicht, als sie sie um ihre kleinen, festen Brüste legt. Mit zarten Bewegungen beginnt sie sie zu massieren. In den Handflächen fühlt sie die Härte ihrer Brustwarzen und die Reibung macht etwas mit ihr. Sie fühlt tief da unten in sich drin etwas pulsieren. Sie hat sich noch nie vorher so angefasst.
Das Pling des Computers ertönt häufig mit der Info über mehr kleine Gutschriften, die erfolgen, weil ihre Hände die Brüste verlassen haben und nun über den Bauch wandern. Ihre Hände auf der Gänsehaut senden hitzige Schauerwellen, die von ihrem Geschlecht ausstrahlen. Ihr Atem wird abgehackter und gieriger. Das hier ist so falsch, denkt sie, während ihre Finger ihre Haut erforschen, so falsch, aber so schön. Einen Augenblick lang vergisst sie ganz, dass Hunderte Augen auf ihr ruhen. Alles, was auf der Welt noch übrig ist, ist das Geräusch ihres abgehackten, keuchenden Atems und das Gefühl der Finger, die auf dem Weg nach unten zu ihrem Höschen sind. Nur in der Dusche hat sie sich bisher da unten berührt, und auch dann nur, um sich einzuseifen und zu säubern. Das hier ist vollkommen anders. Durch das Höschen spürt sie, wie nass sie ist. Das ist eine andere Nässe als unter der Dusche, als vom Wasser. Eine Nässe, die sie mit ihrem ehemaligen Freund nie erlebt hat. Sie öffnet die Augen, sieht, dass sich der Chat mit diversen Kommentaren gefüllt hat, und beißt sich auf die Lippe, um ein Lächeln zu unterdrücken. Mit dem Zeigefinger knetet sie den nassen Baumwollstoff langsam vor und zurück. Das Höschen klebt an der Haut. DaddyDom schreibt Zieh dir sofort das Höschen aus und diesmal zögert Ella nicht mehr. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist sie richtig geil und diese neu entdeckte Lust, die jahrelang unterdrückt war, hat ihre Hemmungen aufgelöst. Vor Hunderten Augen spreizt sie ihre langen Beine und lässt alle zusehen, als sie ihren Körper Stück für Stück übernimmt.
Nach einer halben Stunde denkt sie matt, dass sie für diesen Abend Schluss machen sollte, als jemand anonym im Chat schreibt Ich will dich mit einem Dildo ficken sehen. Ella holt tief Luft. Was zum Teufel schreiben die Leute alles? Ihre Wangen werden heiß und zum ersten Mal an diesem Abend ist sie verlegen. Sie antwortet leise „Ich habe kein Sexspielzeug“. Trotz ihrer 26 Jahre fühlt sie sich unwillkürlich kindisch. Ist es merkwürdig, dass sie bis zum heutigen Tag nie sich selbst berührt hat? Eine kurze Weile kniete sie nur in ihrem alten Bett und fühlte sich verloren. Da macht der Computer wieder Pling. Ella sieht auf das kleine Bild ihres nackten Körpers und sieht das Pop-up: 4000 Kronen sind gerade von Anonym auf deinem Konto eingegangen, dicht gefolgt von der Nachricht Macht nichts, Kätzchen. Kauf bis morgen einen Dildo, einen Buttplug und einen Vibrator. Dann will ich sehen, wie du das genießt.
Am nächsten Morgen zieht sich Ella trotz der Frühsommerwärme die schwarze Jeans und einen großen Kapuzenpulli an. Sie will so viel wie möglich ihres Körpers verdecken, als ob sie etwas für den vorigen Abend gutmachen muss. Als ob sie die unsichtbaren Spuren ihrer eigenen Finger auf ihrer Haut und die Hunderten Augen, die jeder ihrer Bewegungen gefolgt sind, wegradieren müsste. Aber der Hauptgrund, warum sie so angezogen ist, als ob sie etwas verbergen möchte, ist genau der, dass sie die Tatsache verbergen möchte, dass sie nach einem Laden für Sexspielzeug sucht. Sollte sie auf einen Kommilitonen oder einen Freund der Familie treffen, möchte sie die Kapuze aufsetzen und unbemerkt vorbeigehen können, ohne Smalltalk machen oder darüber lügen zu müssen, was sie diesen Sommer macht.
Ella kann nicht verhindern, dass ihre Gedanken zum vorigen Abend zurückwandern, als sie durch die am Morgen noch verschlafene Stadt geht. Sie kann auch nicht verhindern, dass sie sich über sich selbst wundert. Als ihre Live-Show am Abend vorher vorbei war, hatte sie nämlich nicht einschlafen können. Aufgerührt von dem, was sie gerade erlebt hatte, war es, als sei ihr Körper aus einem langen Schlaf erwacht. Die kleinste Berührung ließ ihr Geschlecht warm pulsieren. Die raschelnde Decke rieb angenehm über die harten Brustwarzen und wie sie sich auch wandte und drehte, verschwand das Gefühl nicht. Sie dachte daran, wie viele ihren Körper gesehen hatten, wie viele auf der anderen Seite des Bildschirms gesessen und onaniert hatten, während die Blicke auf sie gerichtet waren. Ella lag da und atmete mit geöffneten Lippen. Während sie an ihr anonymes Publikum dachte, war ihre Hand in das warme, nasse Höschen gewandert. Dort ließ sie zwei Finger in das Nasse hinein und wieder hinaus gleiten. Mit der anderen Hand streichelte sie ihre steifen hellrosa Brustwarzen. Sie hatte die nassen Finger zu ihrer Klitoris hinaufgleiten lassen. Mit langsamen Bewegungen hatte sie sich selbst gestreichelt, bis sie beinah die Fassung verlor. Sie hatte ins Kissen gestöhnt, als sie die Klitoris schneller und härter rieb. Ihre Muschi war nach mehreren Stunden der Erregung geschwollen, und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Ella gespürt, wie sich in ihr etwas aufbaute. Sie hatte weiter gerieben, geknetet und gedrückt und als sie gerade spürte, dass sie nicht mehr konnte, hatte sie sich fallen lassen. Sie hatte ins Kissen geschrien und gespürt, wie die Beine zitterten. Der ganze Unterleib pulsierte warm und feucht gegen ihre Hand. Zum ersten Mal in ihrem Leben machte Ella sich einen Orgasmus, indem sie ihren eigenen Körper anfasste.
Die Stadt erwacht langsam zum Leben und es wird bereits warm. Ella überquert Straßen mit einer Nonchalance, die nur Studenten in einer kleinen Studentenstadt haben können, ohne richtig zu gucken, ob die Autos anhalten oder nicht. Der Spaziergang zu dem Geschäft dauert 20 Minuten. Vor 24 Stunden hatte Ella kaum Geld, um ihre Miete zu bezahlen, jetzt geht sie mit mehreren Tausend Kronen umher, um Sexspielzeug zu kaufen. Es fühlt sich unwirklich an, und auch wenn Ella das sich selbst gegenüber nicht zugeben will, fühlt es sich auch spannend an. Als sie angekommen ist, muss Ella noch eine Runde um den Block gehen, ehe sie sich hineintraut. Sofort tritt eine Mittvierzigerin auf sie zu.
„Wie kann ich dir helfen?“ Die Frau lächelt mit dem ganzen Gesicht und strahlt sowohl Wohlwollen als auch Selbstsicherheit aus. „Ich suche ein paar unterschiedliche Sachen …“, beginnt Ella und fingert nervös an den Schnüren der Kapuze herum, „… aber ich glaube, ich gucke erst mal nur.“ Die Frau nickt lächelnd und geht zurück hinter den Tresen, wo sie eine Art Öl aus großen Kartons wegpackt.
Der Laden ist ziemlich klein, das Sortiment aber riesig. Es gibt Sexspielzeug in allen Farben und Formen. Ella fühlt sich sehr unerfahren, als sie herauszufinden versucht, was die verschiedenen Dinge sind und wie man sie anwendet. Trotzdem fühlt sie, dass das prickelnde Gefühl vom Vorabend langsam zurückkommt, und mit ihm kommen die Gedanken: Was würde ihr anonymer Zuschauer schreiben, wenn sie sich den Dildo einführt? Wie viele würden einen Orgasmus bekommen, wenn sie sich im Rock vorbeugt und ihren runden Hintern zeigt, der mit diesem diamantenbesetzten Buttplug geschmückt ist? Ella geht herum und beißt sich auf die Lippe. Sie erkennt sich kaum wieder. Das prüde, asexuelle Mädchen von vorher ist wie weggeblasen und wurde durch eine Frau ersetzt, die Orgasmen bekommt, sich anderen Menschen zeigt – und die das mag. Denn Ella hat das wirklich gefallen; der Gedanke, dass jemand sah, wie geil sie war und selbst davon geil wurde. Und das war nicht alles. Sie konnte nicht verstehen, was sie all die Jahre verpasst hatte, ehe sie sich selbst berührte und ihren ersten Orgasmus bekam. Es war, als wäre sie sich selber näher gekommen, als ob sie sich selbst auf einer tieferen Ebene kennengelernt hatte und zu ihrer eigenen besten Freundin und Partnerin geworden wäre. Es juckt sie in den Fingern. Sie spürt den neugierigen Blick der Kassiererin in ihrem Rücken, als sie einen rosa Hasen nimmt. Dildo und Vibrator in einem. Kann die Kassiererin ihr ansehen, dass sie sich nur wenige Stunden zuvor online zur Schau gestellt hat? Ihre Wangen werden heiß und die Finger kleben an der Plastikverpackung. Sie geht zu den Buttplugs und wählt einen Plug aus glänzendem Metall mit einem Kunstdiamant am Ende. Die Verpackung liegt schwer in ihrer Hand und ihr Magen zieht sich zusammen, als sie sich die Schwere in sich selbst da hinten vorstellt. Der Gedanke verwirrt sie. Wer ist sie eigentlich?
Als sie am zweiten Abend infolge ihre Live-Show startet, tut sie das mit einer Haltung, die ihr am Abend vorher noch gefehlt hat. Heute hat sie mehr über ihre Kleiderwahl nachgedacht als am Tag zuvor. Sobald sie am Vormittag nach Hause gekommen war, hatte sie sich einen kurzen, schwarzen Rock und eine rote Bluse angezogen. Sie fühlt sich heute bedeutend wohler in ihren Klamotten. Ihr neugekauftes Sexspielzeug steht aufgereiht auf dem Nachttisch, zusammen mit einer Tube Gleitmittel, die ihr die Kassiererin mitgegeben hat „für schönere Hinternspiele“. Als Ella vom Laden gekommen war, war sie so erregt gewesen, dass sie ihren Häschen-Vibrator austesten musste. Sie hatte darüber nachgedacht, ihre Show dann schon zu starten, aber war mit sich übereingekommen, dass sie das Spielzeug für sich privat ausprobieren wollte, bevor es Zeit war, es anderen zu zeigen. Sie hatte es sich an diesem Tag viermal eingeführt. Unersättlich hatte sich weiter und weiter gemacht, bis sie so geschwollen war, dass die kleinste Berührung sie beinah vom Bett fegte. Als der Abend kam, war sie bereits angenehm müde im Körper und ihre Klitoris war noch immer geschwollen von all den Orgasmen, die das Häschen hervorgekitzelt hatte. Sie konnte nicht glauben, dass es einem Menschen möglich war, nur vom Denken so nass zu werden.
Der Erste, den sie trifft, als sie live geht, ist Anonym, der fragt Hast du gekauft, worum ich dich gebeten habe, Kätzchen? Ella lächelt breit hinter ihrer Katzenmaske. „Ja“, antwortete sie mit Nachdruck. Gut. Darf ich mal sehen? Ella wendet sich um und kriecht über das Bett. Sie ist sich sehr bewusst, dass Anonym und alle anderen, die ihre Show sehen, ihr unter den Rock gucken können. Darunter hat sie ein kleines, weißes Spitzenhöschen. Sie nimmt sich Zeit, als sie sich nach dem Dildo und dem kleinen, aber schweren Plug streckt. Währenddessen hört sie das bekannte Geräusch des Geldes, das ihr überwiesen wird. Plingend. Sie denkt an die amerikanischen Filme, wo die Stripperinnen von den Zuschauern das Trinkgeld in den Höschenbund gesteckt bekommen. Sie dreht sich wieder zum Bildschirm und kommt mit dem Spielzeug näher. „Hier sind sie“, sagt sie zu Anonym und allen anderen, die den Chat mit Komplimenten und Wünschen füllen. Der Plug sähe schön in deinem kleinen Hintern aus schreibt Anonym. Eine Gruppe weiterer Zuschauer stimmt ihm zu. Ella schluckt. Sie ist bereits unglaublich erregt, aber das hilft nicht gegen die Nervosität. Sie hat noch nie zuvor einen Buttplug angewendet, geschweige denn etwas anderes im Hintern gehabt. Während sie darüber nachdenkt, wie sie die Sache angehen soll, fängt sie im Sitzen an, ihr Höschen an ihren langen Beinen entlang auszuziehen. Langsam. Dann wendet sie sich zur Kamera. „Was bekomme ich dafür?“ Es dauert ein paar Sekunden, dann liest sie Zeig es, dann wirst du sehen. Unglaublich erregt von den Worten ihres anonymen Zuschauers legt sie den Dildo weg und dreht sich um.
Wieder hat sie ihren Hintern der eingebauten Laptopkamera zugewandt, aber diesmal sehr viel näher und ohne Höschen unter dem Rock. In dieser Stellung sehen die Zuschauer alles. Der Laptop plingt ohne Unterlass aber sie guckt nicht nach, weder, wie viel Geld sie verdient, noch, was sie über ihren Hintern und ihre Muschi schreiben. Mit der linken Hand drückt sie einen Klecks Gleitmittel auf ihren rechten Zeigefinger. Sie führt den Finger zu ihrem Anus und schmiert sich langsam mit der kalten, nassen Creme ein. Danach schmiert sie den Buttplug ein. Das kalte Metall verbrennt beinah ihre heißen Finger. Sie holt tief Luft und führt den Plug nach hinten. Sie setzt ihn auf ihren Anus und spürt den Widerstand. Die Kälte ist da hinten intensiver spürbar und lässt sie zusammenzucken. Sie stöhnt leise auf. Dann gibt sie etwas mehr Druck auf den Plug und spürt, wie ihr Anus sich langsam entspannt, wie ihr Körper nachgibt und den Plug freudig aufnimmt. Millimeter für Millimeter. Sie drückt stärker, aber winselt, als es stechend schmerzt, schnell gibt sie wieder nach. Langsam erhöht sie den Druck auf den Plug wieder. Abwechselnd drückt sie und gibt nach, bis sie spürt, dass der Plug von allein immer weiter hineingleitet. Die Bewegung erinnert sie daran, wie sie am Vorabend onaniert hat und ihre Finger in sich hinein und wieder hinaus gleiten ließ. Sie atmet schwer und spürt, wie ihr Körper sich öffnet, bereit, ihn entgegenzunehmen. Da holt Ella tief Luft und drückt, sodass der Plug ganz hineinfährt. Sie spürt, wie der breiteste Teil des Plugs gegen die enge Analöffnung drückt und wie er danach schmaler wird. Ihr Anus schließt sich eng um den Plug. Sie stöhnt laut in ihre enge Einzimmerwohnung. Das kalte Metall wird schnell warm und die Wärme breitet sich in ihrem ganzen Körper aus. Die Wogen werden stärker und die kleinste Bewegung führt dazu, dass sie sich verlieren will – sie spürt, wie sich alles in ihr aufbaut. Sie denkt daran, wie viele ihr in genau dieser Sekunde zusehen und unkontrolliert ziehen sich die Muskeln in ihrem Körper zusammen. Sie stöhnt bereits laut, als ihre Beine zu zittern beginnen, ihr ganzer Unterleib pulsiert warm. Sie beißt sich auf die Lippen und spürt, wie die Muskeln in ihrem Anus gegen den Plug drücken. Es fühlt sich fast an, als würde er herausfahren, deswegen legt sie ihre Finger gegen den Diamanten. Das Gefühl bringt sie dazu, vor Lust laut aufzuschreien und während sie mit ihrem Zeige- und Mittelfinger den Plug hält, kommt sie hart, das Gesicht in die weiche Überdecke gepresst und den Hintern in die Luft gestreckt. Unwillkürlich zuckt sie mit den Hüften, während der Orgasmus Welle um Welle über ihr hereinbricht.
Auf wackligen, zittrigen Beinen und Armen wendet sie sich kurz danach aufs Neue zum Laptop. Ihre Lippen sind geöffnet und sie atmet schwer. Auf der Innenseite ihres Schenkels spürt sie, wie es aus ihrer Muschi rinnt. Oh, wie hübsch du bist / Mmmh die Muschi würde ich gern lecken / Du machst mich so hart, Liebling. Der Chat ist mit Hunderten Mitteilungen gefüllt. Sie sieht mit ihren eisblauen Augen direkt in die Kamera. Mit heiserer Stimme keucht sie: „So, was kriege ich dafür?“. Das Plingen wird von einem Pop-up gefolgt. Ella reißt die Augen auf und holt tief Luft, als sie die Summe sieht. 5000 Kronen. Für den besten Orgasmus ihres Lebens.
Am Morgen darauf wird sie vom Klingeln ihres Handys geweckt. Ohne zu gucken, wer es ist, streckt sie sich nach dem Telefon und antwortet schläfrig mit „Hallo“.
„Hallo Ella, hier ist Mama. Wie geht’s?“, sagt ihre Mutter am anderen Ende. Ella setzt sich abrupt im Bett auf. „Ich habe dich doch nicht geweckt?“, fährt ihre Mutter fort.
„Nee, ich wollte gerade aufstehen. Ich muss bald zur Arbeit“, antwortet Ella.
„Oh, wie schön, dann hast du also einen Job gefunden. Papa und ich haben uns schon Sorgen um dich gemacht. Du weißt, dass wir dir immer helfen, wenn du etwas brauchst, oder?“, redet ihre Mutter weiter. „Was jobbst du?“
„Was mit häuslicher Pflege, aber Mama, ich muss jetzt aufstehen und mich fertig machen“, lügt Ella.
Sie beenden das Gespräch und Ella sinkt mit einem tiefen Seufzer zurück ins Bett. Sie wird ihren Eltern niemals die Wahrheit über diesen Sommer sagen können. Sie möchte sie keinesfalls enttäuschen. Hätte sie diesen Sommer keinen Job gefunden – was sie ja tatsächlich nicht hatte – hätten sie ihr mehr als gern geholfen, das wusste sie, aber sie wusste auch, dass ein kleines Stück von ihnen enttäuscht gewesen wäre. Genauso wären sie sehr enttäuscht, wenn sie ihnen erzählen würde, dass sie als Camgirl jobbte, um ihre Miete zu bezahlen. Das hätten sie nicht verstanden und auch nicht verstehen wollen. Allen geht es mit ihren Lügen besser, allen außer ihr selbst, aber wenn sie an das Geld dachte, das sie die letzten zwei Abende verdient hatte, verschwand der Gedanke und wurde durch einen anderen ersetzt: Heute wird sie Josefin kontaktieren und endlich einmal selbst mit einem Vorschlag kommen, was sie machen können.
Der Mai ist gerade in den Juni übergegangen und just heute ist es richtig hochsommerlich warm mit Temperaturen um die 25 Grad. Ella und Josefin haben den ganzen heißen Vor- und Nachmittag am Strand verbracht, und nun sitzen sie draußen in einer Bar und trinken Roséwein in der Abendsonne. Es ist noch immer warm draußen, aber ihnen ist noch kühl von ihrem Geplansche im salzigen Meer. Den ganzen Tag hat Ella darüber nachgedacht, ob sie Josefin von ihrem Sommerjob erzählen soll. Josefin ist sehr liberal und hat das meiste ausprobiert, sie redet offen mit Menschen über Sex, die sie gerade erst kennengelernt hat und wäre sicher die Letzte, die sie verurteilen würde. Ella hatte mehrere gute Chancen, als Josefin von ihren letzten Tinder-Sextreffen erzählt hat oder als sie von hoffnungslosen Dates erzählte, bei denen sie gelandet ist. Trotzdem gibt es etwas, das Ella vom Erzählen abhält. Auf eine gewisse Art mag sie ihr kleines Geheimnis. Sie fühlt sich noch immer wie eine Anfängerin und hat an sich selbst noch viel auszuprobieren und zu entdecken, und das möchte sie in Ruhe tun. Jedenfalls in Ruhe mit ihren Hunderten gesichtslosen Bewunderern. Wenn sie es Josefin oder einer anderen echten Person erzählt, befürchtet sie, dass der Zauber verschwindet. Also verabschiedet sich Ella von Josefin mit einer Umarmung, ohne an diesem Abend etwas erzählt zu haben. Sie verspricht, sich bald wieder zu melden.
Später am selben Abend, das dritte Mal, das Ella live geht, passiert etwas mit ihr. Sie lässt die Jalousien runter und startet die Show, als ob sie sich fertig fürs Bett macht und noch etwas auf Netflix sehen will, als ob das hier etwas ganz Normales wäre. Aber statt die Kommentare zu lesen und darauf zu warten, dass jemand ihr sagt, was sie tun soll, weiß sie genau, was sie tun will. Heute Abend ist ihr Abend.
Ella kniet im Bett, den sommersprossigen Rücken zum Laptop gewendet, der das Bild von ihr in Hunderte Haushalten in der ganzen Welt schickt. Ihre Haut ist leicht gerötet und fühlt sich nach den Stunden intensiven Sonnenbadens warm an. Ihre zehn kleinen Zehen schauen unter ihrem weißen Hintern hervor. Sie hat nichts an, aber über ihren Zehen blitzt etwas zwischen ihren Hinterbacken hervor. Ihr Buttplug sitzt wie ein hübsches Schmuckstück an seinem Platz. Plötzlich spreizt sie die Beine, noch immer kniend. Sie späht nach hinten um sich zu vergewissern, dass die Übertragung noch läuft. Dann lässt sie eine Hand zwischen ihre Beine gleiten. Sie führt den rechten Zeigefinger von der Klitoris zur Öffnung hinunter und wieder hinauf, sie fühlt jede kleine Falte und spürt, wie sich das anfühlt. Sie schließt die Augen und liest ihren eigenen Körper mit den Fingern, wie mit Blindenschrift. Die andere Hand sucht den Weg nach oben, und ihre Finger finden die steifen Brustwarzen. Sie kneift sich stark in die eine Brustwarze und seufzt zufrieden, als sie sie wieder loslässt. Stetig fühlt sie, wie ihr Anus abwechselnd den Plug umschließt und sich dann wieder entspannt, wie eine Art inneres Schlagwerk. Das Gefühl ist so schön, dass das allein sie in zwei Sekunden klitschnass gemacht hätte. Aber ihre Finger helfen ja nun auch mit. Sie lässt den feuchten Zeigefinger eine Weile ihre Klitoris umkreisen, bevor sie sich zwei Finger in die Muschi einführt. Sie presst sich gegen ihre Hand und stößt sich ihren Fingern entgegen, die tiefer in sie eindringen. Die ganze Zeit denkt sie an alle, die sehen, wie sie sich selbst befriedigt, die ihre Lust sehen und sie teilen. Der Gedanke, dabei beobachtet zu werden, macht sie noch geiler. Sie weiß nicht, wer sie sind, und sie wissen nicht, wer sie ist, aber sie haben mehr von ihr gesehen als je einer zuvor. Sie haben mehr von ihr gesehen als sie zu haben glaubte. Sie teilt etwas Besonderes mit diesen Männern und Frauen.
Ella reckt sich nach ihrem Dildo mit dem eingebauten Vibrator. Sie spreizt die Beine noch weiter und platziert den Dildo unter sich. Der Rücken ist weiter der Kamera zugewandt. Mit der einen Hand hält sie den Dildo still an seinem Platz, sodass sie mit ihren geschwollenen, nassen Schamlippen direkt über ihm schwebt. Der Sound des Laptops ist abgestellt, aber Ella ist sich sicher, dass er jetzt ohne Unterlass plingen würde, dass die Infos über Gutschriften und Trinkgelder sich abwechseln würden. Besonders jetzt, da sie sich langsam über den Dildo herabsenkt und ihn von ihrem Körper aufnehmen lässt. Ihr enges Loch legt sich stramm um den Dildo, und als sie ihn einführt, spürt sie, wie der Buttplug auf der anderen Seite der Haut, sich bewegt. Sie gleitet ganz herunter bis zur Wurzel des Dildos, die sie festhält. Einige Sekunden pausiert sie, um einige stöhnende Atemzüge herauszulassen, dann gleitet sie wieder nach oben. Es schmatzt nass, als der Dildo sie verlässt. Fäden von ihrem nassen Saft hängen zwischen dem rosa Dildo und ihrer Muschi. Sie leckt sich den Mund und gleitet wieder herunter, diesmal schneller. Härter. Sie spürt, wie der Dildo sie ganz ausfüllt, wie sie ihn aufnimmt und sich Stoßwellen in ihrem ganzen Körper ausbreiten. Sie reitet den Dildo schneller und schneller. Ihre Augen sind noch immer geschlossen. Im Kopf stellt sie sich vor, dass der Dildo der warme, harte Schwanz von jemandem ist und wie sie ihn in der Öffentlichkeit reitet. Sie keucht laut. Ihre beiden Öffnungen sind gefüllt und sie genießt das Gefühl. Sie schaltet den Vibrator an und zwei kleine Häschenohren kitzeln ihre Klitoris. Mit jedem Mal, das sie nach oben und wieder hinunter gleitet, spürt sie den Vibrator.
Ella spürt, dass sie sich dem Orgasmus nähert. Wie er sich aufbaut. Es beginnt ganz tief in ihr drin, ein warmes Gefühl, und breitet sich dann im ganzen Bauch und die Beine herab aus. Sie spannt sich an. Die Bauchmuskeln treten unter der Bauchdecke hervor. Die Wadenmuskeln werden sichtbar. Ihr Hals wird länger, als sie das Kinn reckt, fast als ob sie einen letzten, tiefen Atemzug nehmen wollte, bevor sie unter der Oberfläche verschwindet. Ihr Mund ist weit geöffnet und formt ein stummes O. Ihre Hüften kreisen und stoßen gegen den Dildo, der tief in ihr steckt, und der Vibrator kitzelt die exakt richtige Stelle. Sie zieht die Augenbrauen zusammen und sieht fast traurig aus. Und dann gibt sie auf. Sie hört auf gegenzusteuern. Der O-förmige Mund formt den langen Atemzug zu einem tiefen, dröhnenden Stöhnen, das genauso lange dauert wie das Einatmen. Ihre nasse Muschi pulsiert stark. Sie drückt sich hart gegen den vibrierenden Dildo. Mit jeder Woge der Lust, die ihren ganzen Körper durchströmt, stößt sie ihre Hüften heftig gegen ihn. Sie fühlt, wie der Buttplug herausgedrückt werden will, aber ihr Hintern ist zu eng, um ihn erfolgreich herauszustoßen. Das Stöhnen geht weiter und wird schließlich weniger. Sie zittert unkontrolliert von der stetigen Stimulierung des Vibrators und muss ihn sich beinah abschütteln. Sie fällt für einige Sekunden auf dem Bett zusammen und versteht zum ersten Mal in ihrem Leben, warum das „kleiner Tod“ genannt wird.
Nachdem sie ein paar Minuten lang wieder zu sich gekommen ist, wendet sie sich ihrem Laptop zu und sieht, wie das Geld hereinströmt. Sie liest die Kommentare und lächelt breit. DaddyDom, einer ihrer fleißigsten Zuschauer, schreibt und nun machst du das noch mal, diesmal richtig rum. Sie spürt, wie sich ihr Magen zusammenzieht, wie es kribbelt. Es rinnt ihr noch immer die Beine runter – sie ist so himmlisch nass. Sie muss nicht einmal nachdenken, bevor sie antwortet. „Okay“, sagt sie mit kindlicher Freude und fängt wieder von vorne an.
Am nächsten Abend hat sie frei. Sie stellt fest, dass sie ein paar Tage lang keine Show machen muss. Vielleicht eine ganze Woche nicht. Ella hat an nur drei Abenden genug verdient, um Miete und Essen zu bezahlen und um sich den ganzen Juni nicht um Geld kümmern zu müssen. Sie will gerade los und Josefin und den Rest der Clique an der Sportbar um die Ecke treffen, als sie zum Laptop schielt. Er steht noch immer auf dem Stuhl am Fußende des Bettes, mit dem Buttplug und dem Dildo daneben. Die Katzenmaske hat sie aufs Bett geworfen. Ella lächelt, als sie an den ersten Abend zurückdenkt. Wie sie vor Nervosität zitterte, wie sie nicht kommen konnte, bevor die Übertragung geschlossen war und wie sie sich am nächsten Morgen fast geschämt hat für das, was sie getan hat. Alles hatte sich so furchtbar falsch und verboten angefühlt. Die Uhr an der Wand zeigt 19:45. Sie hat noch eine Viertelstunde Zeit.
Als sich die Jalousien in den Sommerabend senken, drückt sie auf den Knopf und ihre Kleider fallen zu Boden. Stück für Stück für Stück. Sie entblößt sich selbst komplett, und obwohl das, was sie mit sich selbst und ihrem Körper macht, so falsch ist, hat sie nie erlebt, dass sich etwas richtiger angefühlt hat.
Das Gefühl von ihr
Der Wald zieht unbemerkt vorbei. Kleine Ortschaften. Wollige Schafe in einer stummen Landschaft. Wenn mir zu schwindlig davon wird, die nahen Dinge anzusehen, kann ich den Blick auf etwas weiter Entferntem weilen lassen. Ich denke, dass das wie im Leben ist: darauf zu fokussieren, was einem zu dem Zeitpunkt am meisten Kraft gibt. Ab und zu werden wir in einer gleichen Bewegung herumgeschüttelt; wir wenigen Passagiere, wir, die irgendwo hinwollen. Der Waggon quietscht und jemand blickt auf. Ich strecke meinen Hals, versuche, in dem knarrenden Sitz eine bessere Position zu finden. Sie sind wie dafür gemacht, dass man nicht einschlafen kann; wahrscheinlich gehört das so. Wenn ich Zug fahre, sehe ich immer aus dem Fenster, was dazu führt, dass mein Hals steif wird. Aber ich kann es nicht lassen. Der Regen, der über die Weiten fällt, ist heute dünn und leicht, wie ein langsamer Kuss. Ich kann den schweren Regen wartend in den Wolken liegen sehen. Er ist schon fast blauschwarz vor lauter Warten, dass er endlich raus kann, dass er über uns herfallen kann, die wir in dem wattierten Stahlriesen eingesperrt sind. Ich will in dem Regen baden, meine Kleider ausziehen und unter dem Himmel liegen, wenn er sich öffnet. Lass ihn kommen, lass ihn fallen. Der Waggon quietscht wieder in seinem engen Gleis und diesmal bin ich es, die aufblickt.
Mein Blick landet zufällig auf einer Frau, die rückwärts fährt und somit mir zugewandt auf der anderen Seite des Ganges sitzt. Sie liest eine Tageszeitung, so eine, die raschelt, und trinkt etwas aus einem Pappbecher. Ich betrachte eine Weile lang ihre Finger um den Pappbecher, ehe ich den Schnipsel des Teebeutels und die Schnur über dem Rand bemerke. Die Teesorte kann ich nicht erkennen, sie sitzt zu viele Reihen entfernt. Ihre Finger sehen verfroren aus. Sie trinkt in kleinen, vorsichtigen Schlucken, und ich stelle mir vor, dass sie den Tee hauptsächlich gekauft hat, um sich aufzuwärmen. Es zieht im Waggon, aber ich bin wie immer zu dick angezogen und habe damit somit kein Problem. Ich würde ihr gern meinen Schal anbieten, der zusammengeknüllt und unbenutzt auf dem Sitz neben mir liegt. Wäre das komisch? Ich stelle mir vor, wie sie auflacht und zugibt, dass sie etwas fiert. Sie würde mich fragen, ob ich mich setzen will, ob ich nichts dagegen habe, rückwärts zu fahren. Habe ich nicht. In meiner Vorstellung setze ich mich neben die Frau und sehe zu dem Platz, auf dem ich gerade selbst noch gesessen habe, wo mein echter Körper noch immer sitzt. Wie sieht er aus? Wie sehe ich aus? Ich stelle fest, dass ich etwas zu intensiv die Frau anstarre und sehe schnell wieder aus dem Fenster, aber sie scheint nichts bemerkt zu haben. Wir fahren in einen Tunnel und ein scharfer Wind geht durch den Waggon. Ich werfe heimlich einen Blick zu ihr hinüber, sehe aber nicht mehr als unscharfe Umrisse. Dann sind wir plötzlich wieder im Hellen und ihr Blick trifft meinen. Ich sehe sofort weg. Das hätte ich wissen müssen. Sie kann schließlich im Dunkeln keine Zeitung lesen. Es dauert etwas, bis ich wieder wage, zu ihr zu sehen, und dann tue ich es unauffällig. Diesmal sehe ich sie etwas genauer an. Sie scheint etwa in meinem Alter zu sein, könnte aber auch etwas älter sein. Ihre dunklen Haare sind gedreht und in eine sorgfältige Frisur geflochten, die altmodisch erscheint. Sie sind zur Seite gerutscht, wo sie sich an die Kopfstütze lehnt. Ein warmer, weicher Bollen Haar, der sich an ihren Hals und ihr Ohr drückt. Ich versuche, mir meine eigenen, wuscheligen, wie immer etwas widerspenstigen Haare vorzustellen. Wie die wohl von ihr aus aussehen?
Die Schaffnerin kommt in unseren Waggon und ich suche nach meiner Fahrkarte. Ich habe sie schon einmal vorgezeigt, aber ich finde, es ist gut, wenn man mitarbeitet. Ich weiß nicht mehr, wann die Frau zugestiegen ist, vielleicht in der letzten Station. Anscheinend war ich zu sehr damit beschäftigt, aus dem Fenster zu sehen, um sie zu bemerken. Ich zeige der Schaffnerin meine Fahrkarte, woraufhin sie weiter durch den Waggon geht. Sie bleibt bei der Frau stehen und sagt etwas, das sie zum Lachen bringt. Die Frau antwortet bejahend. Ich zucke zusammen. Kennen sie einander? Die Frau lächelt, als die Schaffnerin im nächsten Waggon verschwindet. Es ist ein stark ansteckendes Lächeln, und ich sehe wieder aus dem Fenster, um nicht zu zeigen, dass ich gelauscht habe. Ich lasse vergehen, was ich für mehrere lange Minuten halte. Wir gleiten in eine kleine Talsenke, die Zahl der Schafe steigt. Ich versuche sie zu zählen, und merke, dass ich eindöse. Eine Weile lang vergesse ich die Frau und ihre Zeitung. Als wir unten im Tal plötzlich anhalten, sehe ich zu ihr auf, aber sie sitzt da noch. Nichts in unserem Waggon rührt sich. Ich sehe nicht viel von den wenigen anderen Passagieren, nur einen Hut und einige Köpfe verschiedener Farben und Haarqualitäten. Auf dem kleinen Bahnsteig steht eine alte Frau und was ich für ihren Mann halte. Sie nehmen einen Jugendlichen in Empfang, der nicht älter als fünfzehn sein kann. Ich sehen sonst niemanden, der aus- oder einsteigt. Uns erwartet eine ruhige Fahrt durch die Berge. Ich bin die Strecke schon früher gefahren. Viele Tunnel liegen zwischen uns und der nächsten Haltestelle. Fast eine Stunde Tunnelsysteme und Aussichtsorte, Helligkeit und Dunkelheit. Das Tal war nur das kurze Abtauchen vor der Steigung. Die Frau und ich werden weiter im gleichen Waggon sitzen und die gleiche Luft atmen. Warum hat sie sich nicht woanders hingesetzt, sodass sie nicht rückwärtsfahren muss? Sieht sie, dass ich sie beobachte?
Der Zug rollt weiter, das gewaltige Monster, das die Landschaft durchteilt. Er startet langsam und rollt dann schneller, wie ein Tier, das sich nach mehreren Monaten in der Höhle streckt. Aber diesmal ist etwas anders. Ein Vibrieren in der Tiefe der Motoren, ein leises Surren in der Maschinerie, weich wie bei einer schnurrenden Katze. Ich weiß nicht, ob nur ich das bemerke. Es ist weniger ein Laut als ein Gefühl. Ich spüre es in den Zehen, ein Kribbeln, das durch alle Haare meines Körpers geht, sich an der Innenseite meiner Schenkel hochkitzelt, über das Steißbein und das Rückgrat hoch bis zu den Haarwurzeln. Ich erinnere mich an das Gefühl aus der Zeit, als ich zwölf war und auf dem Fahrrad über einen Schotterweg vor meinem Elternhaus fuhr. Der Schotter rief im Fahrrad ein Vibrieren hervor, durch den festen Sattel zu dem Weichen, Unentwickelten zwischen meinen Beinen. In dem Sommer bin ich viel auf dem Schotterweg geradelt, hin und zurück, und versuchte dabei so unauffällig wie möglich auszusehen. Im Sommer danach hatte es seine Faszination verloren, aber ich erinnere mich noch immer an das Gefühl des Genusses, dass sich bis in die Schenkel erstreckte. Ich löse meine Knie voneinander. Meine Beine waren auf der ganzen Fahrt übergeschlagen, jetzt habe ich mit Sicherheit rote Abdrücke unter der Kleidung. Die Beine aus der geschlossenen Position befreit, entspanne ich mich und rutsche etwas im Sitz hinunter. Ein leichtes, fast unhörbares Prasseln hat am Fenster eingesetzt. Vielleicht vernehme ich es nur aus dem Gedächtnis, als ich die Tropfen am Fenster runterlaufen sehe. Einer nach dem anderen, es regnet noch immer nur leicht. Ihre Farbe ist fantastisch, unglaublich. Ich fand schon immer, dass die Farbe von Regentropfen zu den magischen Wesen gehört: Engel und Einhörner. Und jetzt gerade mir und meinen Gedanken. Ein schwaches Licht scheint durch die kleinen Wasserbläschen und macht sie goldig, blau oder rosa. Das Surren ist bis zu meinem Schoß vorgedrungen, ich spüre, wie entspannt ich bin und überlege, wann ich das letzte Mal gemeinsam mit jemand anderem nackt war. Es war nach einem feuchtfröhlichen Abend in einer Bar, nichts Erinnernswertes. Ich spülte den Kater am nächsten Morgen mit einem Becher starken Kaffee an einer Tankstelle runter und nahm mir vor, so etwas nie wieder zu tun. Man sollte niemanden in einer Bar aufreißen, wo alle Beteiligten nicht ganz da sind und eine schlechtes Urteilsvermögen haben. So etwas sollte an deutlich sinnlicheren Orten geschehen. Spezielle Treffbereiche. Für Blicke und echten Kontakt. Im Zug. Ich sehe wieder zur Frau rüber. Sie macht sich Notizen in der Zeitung. Was schreibt sie? Ich berechne aus dem, wie weit sie mit der Lektüre gekommen ist, dass sie beim Kreuzworträtsel sein muss. Frage mich, ob sie eher über einem Wort brütet oder lieber Sudokus löst. Ich war immer schlecht in Kreuzworträtseln. Wenig Geduld, wenig Sprachgefühl. Aber es ist schön, anderen beim Lösen zuzusehen, wie ihre Augen sich konzentriert verengen, wie sie Buchstaben in verschiedene Richtungen zusammensetzen, um Wörter zu bilden. Wer das tut, hält den Schlüssel zu etwas Sensiblem und Intimem, der langsame Genuss des Jetzt, mit dem und gegen das Zeitungspapier. Das Kreuzworträtsel des Tages. Morgen das Kreuzworträtsel von Montag. Die Augen der Frau vergrößern sich, als sie den Kuli an ihre Lippen legt und darüber nachdenkt, ob sie sich mit ihrem letzten Eintrag in eine Ecke manövriert hat. Die Muskeln um ihre Augen bilden kleine Falten, schwer zu erkennende Rillen direkt unter den Augenbrauen. Ich sehe sie nicht, aber sehe sie trotzdem. Ich stelle mir vor, dass sie einen Platz weitergerückt ist, um mir Platz zu machen, und dass wir das Kreuzworträtsel zusammen lösen.
Mein Schal ruht auf ihren Schultern, auf ihm wiederum ruht ihre lose Frisur. Ich frage mich, ob sich eine Haarsträhne an dem Stoff verfangen wird. Ich würde es mir wünschen. Ich spüre ihre entfernte Wärme durch den Sitz, auf dem sie gerade noch gesessen hat, und sehe auf die Buchstaben, die sie in das Kreuzworträtsel geschmiert hat. Wörter wie Festung, Albtraum und Runde prangen auf dem dünnen, fast grauen Papier. Wörter, die ich nicht im täglichen Leben benutze, aber wer tut das schon? Wir suchen erfolgreich gemeinsam nach einem längeren Wort und dann nach einem kurzen Wort, von dem sie noch nie gehört hat. Ursus. Bär auf Lateinisch. ((geändert, weil es im Deutschen keinen Fachausdruck für die Vordertatze gibt.)) Ich weiß nicht, warum ich mich daran erinnere, vielleicht ist das ein Rest aus der Unterstufe. Die Frau lächelt, genauso, wie sie die Schaffnerin angelächelt hat. Sie scheint froh zu sein, dass wir es gemeinsam lösen. Das Gefühl in mir erwacht erneut. Sie fragt nach einem anderen Wort, das sie noch nicht lösen konnte. Wie sie wohl klingt? Spricht sie Dialekt?
Ich zucke zusammen, versunken in meinen Blick auf ihren dünnen Fingern, die wieder den Pappbecher umklammern. Er muss jetzt leer sein, oder kalt. Ihre Fingernägel sind kurz, die Fingerspitzen fast durchsichtig, von der Kälte unnatürlich verfärbt. Es wird schlimmer, wenn wir in die Berge hochkommen. Ich frage mich, warum sie so dünn angezogen ist. Ein dunkler Rock, eine dunkelblaue Bluse und dünne Schuhe. Ich selbst trage eine Hose, Stiefel und einen Strickpulli. Es ist Sommer und keineswegs besonders kalt draußen, aber es geschieht immer etwas mit der Temperatur in Fahrzeugen, besonders in Zügen und Flugzeugen. Die Klimaanlage ist auf besseres Wetter ausgelegt. Ich sollte ihr meinen Schal anbieten.
Die Frau zieht den Schal enger um sich. Ich frage sie, ob sie friert, kann ich aber nichts weiter anbieten. Sie gibt etwas peinlich berührt zu, dass sie so schnell zum Zug gehetzt ist, dass sie ihre Jacke im Taxi vergessen hat. Ich lache auf und sie stimmt ein. Nennt sich selbst Wirrkopf. Ich sage, dass das jedem passieren kann. Wir reden ein wenig, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Über die Berge draußen und wie das Wetter wird, wenn der Regen richtig einsetzt. Sie sagt, wenn der Himmel sich öffnet, wird er alle kleinen einzelnen Tropfen am Fenster fortwaschen, zusammen mit den magischen Farben. Ich konzentriere mich ganz auf ihre Stimme, die warm und gurrend ist. Ich weiß weder, was sie fragt, noch, was ich antworte. Manchmal weiß ich nicht einmal, wer von uns spricht. Es ist nicht so wichtig.
Ich werde aus meinen Tagträumen geweckt, weil die Tante, die Süßigkeiten und Kaffee verkauft, in unseren Waggon kommt. Die Frau kauft einen weiteren Becher Tee und eine Schachtel Minzbonbons. Ich kaufe einen Kaffee und ein belegtes Brötchen, das ich auf dem Tisch vor mir lege. Die Tante verschwindet wieder und der Waggon füllt sich mit dem Geräusch der Verpackungen, die geöffnet werden. Die Kaffeeoberfläche ist das Gegenteil der Regentropfen an der Außenseite der Fenster: Sie ist trüb und matt und hat einen komischen Farbverlauf, wie Chemikalien oder Benzin in einer schmutzigen Pfütze. Er schmeckt sauer und etwas scharf, als werde der Behälter, in dem er schwappend herumreist, lange nicht mehr sauber gemacht wurde. Der scharfe Geschmack piekt etwas in der Nase, aber ich trinke den ganzen Becher aus, ohne die dreieckige Einwegpackung mit Milch, die ich dazubekommen habe, anzurühren. Eine Weile lang habe ich meine Müdigkeit überwunden und habe Zeit, die tief hängenden Wolken zu betrachten. Lange dauert es nicht mehr, möchte ich zur Frau sagen aber sie sieht mich nicht an. Sie blickt auf ihr Kreuzworträtsel, das wir zusammen lösen sollten.
Als wir mit dem Kreuzworträtsel fertig sind, blättern wir etwas zerstreut in der Zeitung. Lesen gemeinsam einen längeren Artikel oder einen Bericht, den wir leise diskutieren. Ich sage etwas Originelles über die Rezension eines neuen Restaurants, die Frau lacht auf. Und legt eine Hand auf mein Knie. Sie ist klein und von innen kalt, aber künstlich von außen durch den neuen Tee aufgewärmt. Ihre Finger sind noch dünner, als ich vorher gedacht habe. Wie kleine, helle Spinnen. Eine hält den heißen Pappbecher, die andere liegt wie ein kühler Stein an meiner Kniescheibe. Ich warte darauf, dass sie sie dort wegnimmt, aber das tut sie nicht.
Wir fahren in die erste Dunkelheit. Der Zug hat mit dem Aufstieg begonnen, und der erste von zahlreichen Tunneln legt sich um uns. Die weiche Decke der Dunkelheit ist dicht und sanft, und lässt mich an die schweren Samtvorhänge in einem alten Theater denken. Aber Theatervorhänge sind immer rot. Der Samt, in dem wir uns gerade befinden, besteht aus einem dunklen Grün, oder vielleicht Blau – wie die Bluse, die den Torso der Frau schmückt. Natürlich kann ich die gerade nicht sehen, natürlich stelle ich mir das nur vor. Aber ich glaube zwei Beine zu sehen, die in meine Richtung leuchten, nackt im Tunnel. Das Licht der Notausgangsschilder fliegt vor dem Fenster vorbei und erhellt die Silhouette ihres Gesichts: ein halboffener Mund, der Hals gebeugt. So kommt sie mir auf einmal dekadent vor. Mit ihren Kleidern und ihrer Frisur und dem, was nach einem nur leicht geschminkten Gesicht aussieht, könnte sie in ein anderes Jahrzehnt passen, in eine andere Ära oder einen anderen Zusammenhang. Sie könnte in einer französischen Luxusboutique arbeiten, in der man Parfüms und Seidenschals kaufen kann. Ich frage mich, woran sie wohl denkt, da sie nicht lesen kann. Daran, wohin sie fährt oder wo sie herkommt?
In der Dunkelheit sitzen wir schweigend nebeneinander. Der Luftsog vom Zug im Tunnel verursacht einen sirrenden Durchzug, es dröhnt vor dem Fenster. Aber wir sitzen schweigend da. Ihre Hand auf meinem Knie. Ich schlucke. Wenn ich mich anstrenge, kann ich das Geräusch meiner klingenden Ohrringe in dem Geräusch der Luft hören, durch die wir uns drücken. Es quietscht im Waggon, und eine halbe Sekunde lang drückt die Frau ihre Fingerkuppen in meine Haut. Nicht stark, aber genug, dass ich es bemerken muss. Mich überkommt ein Schauer. Ich nehme erneut die Vibrationen im Zuginnern wahr. Den Kies. Die kleinen, flachen Steine, auf denen die Schienen liegen, über die wir nun fahren, zittern mit mir. Ich spüre die Steine, den Berg, seine gesamte Existenz, durch den dunklen, schmutzigen Stahl. Er erreicht meine Haut durch die Dunkelheit, wie ihre Hand mich durch den Stoff meiner Hose erreicht.
Das Licht erhellt den Waggon, dass es fast wehtut. Einige Sekunden bin ich geblendet und denke an alles, was ich über das Licht am Ende des Tunnels gehört habe. Einige Passagiere richten sich auf, genau wie ich von dem schnellen Stimmungswechsel gestört. Wir sind ein Stück weiter den Berg hochgekommen, aber bevor wir den Abstieg auf der anderen Seite angehen können, müssen wir noch ein Stück fahren. Von meinem Platz aus sehe ich über einen See, der so glatt und unberührt aussieht, als wäre ein Stück Himmel auf die Erde gefallen. Die weitere Steigung bedeutet, dass wir in die Regenwolke fahren müssen und ein Teil der Nässe und Dunkelheit werden. Ich frage mich, wie viele Schafe dort unterwegs sind, ob es regnet und wie schwer in dem Fall ihre Wolle wird. Ich würde gern einmal auf einem Bauernhof arbeiten, und wenn es nur dafür ist, das Regenwasser aus der öligen Schafswolle zu wringen und den Geruch zusammen mit dem Duft der Natur nach dem Regen zu riechen. Der Duft der Wetterniederkunft, von Äckern und Erde, die erwachen. Aber bisher scheint kein richtiger Regen über dem Tal zu fallen. Das Licht verschwindet wieder, und schon sehe ich das Tal nicht mehr. Die zweite Dunkelheit kommt mit einer deutlicheren Vorwarnung über uns. Ein paar Hundert Meter im Tunnel ist das Gleis von Lampen erhellt, wahrscheinlich wegen Bauarbeiten. Im Halbdunkel wage ich wieder, einen Blick auf die Frau zu werfen. Sie könnte noch lesen, das tut sie aber nicht. Sie lächelt über etwas, woran ich nicht teilhabe. Ich suche in ihrem Gesicht nach einem Zeichen, woran sie denkt. Sieht sie mich? Sieht sie auch sich selbst, ohne Kleidung in meinen Gedanken?
Ich habe mittlerweile angefangen, ihr Lächeln zu jagen, und es gibt mir immer einen kleinen Kick, wenn ich es hervorrufen kann. Sie hat einen kleinen Haken an mir befestigt und zieht ihn näher zu sich, und ich frage mich, ob nur ich das merke, oder ob sie es mit Absicht tut. Als die Lichter im Tunnel verschwinden, kann ich ihr Lächeln nicht mehr sehen, aber ich spüre es an meiner Wange. Ihr warmer Atem sucht sich seinen Weg durch die kühle Luft und legt sich wie eine Bestätigung über mein Gesicht, breitet sich wie ein Stromfeld aus. Sie beugt sich vor, ich spüre sie durch die Dunkelheit auf mich zukommen. Sie legt ihre Lippen am meinen Kiefer und macht einen kleinen Abdruck. Ich sitze ganz still, während ihre Lippen einen schmalen Weg aus kleinen, leichten Küssen zu meinem Ohr bauen. Die unglaubliche Sanftheit und die Langsamkeit ihrer Bewegungen hypnotisieren mich. Sie bewegt sich kontrolliert und durchdacht in der Dunkelheit und ich kann nur still dasitzen und warten. Sie saugt an meinem Ohrläppchen, lässt ihre Zunge darüber wandern, flüstert etwas, das ich nicht verstehe. Draußen surrt es im Tunnel, oder befindet sich der Tunnel vielleicht in mir drin? Ein kleiner Biss ins Ohrläppchen und etwas in mir wird gespannt und entspannt sich; ein Punkt tief in meiner Brust, der nach mehr verlangt. Sie lehnt sich von mir weg, ändert ihre Position im Sitz. Erst da bemerke ich die Hitze, die sich wie eine Decke über unsere Sitze gelegt hat. Der Rest des Zuges ist kalt und zugig, aber wir haben uns eine eigene Blase vibrierender warmer Feuchtigkeit geschaffen. Sie hängt über uns wie die Wolken über den Bergen, droht, sich zu öffnen. Ich erhasche ihren Blick in der Dunkelheit, das Weiß der Augen und die dunkle Iris darin. Die Pupillen sind nicht zu erkennen, aber trotzdem merke ich, dass sie mich mit ihrem Blick fixiert.
Ohne die Sache wirklich durchdacht zu haben, stehe ich aus meinem Sitz auf und gehe in ihre Richtung, an ihren Augen vorbei und weiter wie in Trance zur Toilette am Ende des Waggons. Als ich gerade die Tür schließe, höre ich, wie das Rauschen vom Zug ablässt und wir kommen wieder ans Licht. Ich stehe weiterhin in der dunklen, schmutzigen Zugtoilette, die Stirn an die wacklige Schiebetür gelehnt. Ich mache das Licht nicht an. Das Pulsieren des Zuges ist in mir drin und ich kann es nicht von meinem eigenen Herzschlag unterscheiden. Mein Ohrläppchen kitzelt noch etwas von ihrem Biss, den sie mir noch nicht gegeben hat, und ich führe meinen Finger dorthin. Denke an die Frau auf ihrem Platz, an die Person in der Bar letzten Winter, wie es sich anfühlte, angefasst zu werden. Ich drücke die Stirn härter an die Tür und schließe die Augen, öffne den obersten Knopf meiner Jeans und dann den Reißverschluss. Meine Finger sind warm, als ich sie einen nach dem anderen in mein Höschen führe, und ich stöhne auf, ehe ich mich daran hindern kann. Ich hoffe, dass man das im Waggoninneren nicht hört. Meistens, wenn ich auf der Arbeit auf der Toilette masturbiere, ist es reine Routine, ich spiele ein altbekanntes Stück wie einen Filmausschnitt im Kopf ab, oder etwas, was ich gelesen habe, und lass die Finger eine Weile ihre Routine ausführen. Jetzt bin ich feuchter als sonst, und es geht so schnell, dass ich staune. Das Gefühl überwältigt mich, und ich drücke den Daumen fester als sonst an die Klitoris, bis ich einen Krampf im Daumen bekomme und stattdessen meine ganze Spalte gegen meine Knöchel presse. Einer nach dem anderen, wie Perlen an der Schnur, gleiten sie über die Klitoris. Als ich komme, muss ich mich festhalten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Verschwitzt stehe ich da, noch immer fest mit der Tür verankert. Wie lange bin ich hier schon drin? Als ich die Hände gewaschen habe und zurück zu meinem Platz gehe, ist es wieder dunkel, genau wie als ich gegangen bin. Zuerst wage ich nicht, die Frau anzusehen, aus Angst, dass sie mich durchschaut. Aber nach einer Weile entspanne ich mich wieder in der Dunkelheit und schließlich suche ich ihr Gesicht im Dunkeln. Ich sehe ihre Konturen. Ich sehe sie. Und ich möchte, dass sie mich durchschaut.
Es ist wieder hell. Unsere Blicke treffen sich. Der Zug kommt wieder mit so einer Geschwindigkeit aus dem Tunnel, dass niemand so schnell reagieren kann. Sämtliche Seelen im Waggon erstarren da, wo sie gerade waren, ertappt bei dem, was sie im Dunkeln beschäftigte, und mein Blick fixiert den der Frau. Sie sieht zurück, sieht mich an, aber es ist kein unfreundlicher Blick. Ich kann ihn nur schwer deuten, und ich habe es meiner vorteilhaften Haut zu verdanken, dass ich nicht rot werde. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass sie in mich hineinsehen, meine Gedanken lesen, meinen Puls unter dem nun zu warmen Strickpulli spüren kann. Ich denke an die Schafe unten im Tal, die im Regen und untere ihrer nassen Wolle gefangen sind. Ich fühle mich im Griff des Wolfs gefangen, und unter dem Pulli bin ich feucht vom Schweiß, ich bin mir sicher, dass man das merkt. In den Augen der Frau blitzt etwas auf, ein cleverer Funke in dem so freundlichen Gesicht, und ich erschauere vor Wohlbefinden, mit einem vor Spannung trockenen Hals. Keine von uns muss den Augenkontakt unterbrechen, denn schon sind wir wieder im Tunnel. Irgendein Passagier, der lesen wollte, stößt einen mussmutigen Laut aus, aber ich bin erleichtert, wieder in das matte Schwarz gespült zu werden. Diesmal gibt es keine Lampen, die Gleisarbeiten beleuchten, nur kompakte Dunkelheit und rasselnde Zugräder. Ich spüre sie erneut im Körper.
In der dritten Dunkelheit zittere ich. Die Frau legt eine Hand an mein Gesicht. Sie ist noch immer kalt, aber nicht so kalt, wie ich erwartet habe. Vielleicht hat sie sich in unserem gemeinsamen Kraftfeld zwischen unseren Sitzen aufgewärmt. Ihre dünne Hand formt sich wie die linke Seite meines Kopfes, sinkt auf meinen Wangenknochen, unter den Kiefer, in die Augenhöhle unter den Augenbrauen. Die Berührung ist nicht empfindlich, aber auch nicht unempfindlich. Sie beugt sich näher, streicht mit ihrem Daumen über meine Unterlippe. Erst sanft, dann intensiver. Als ob sie mir Lippenstift aufträgt. Sie fährt damit fort, mir über die Oberlippe zu streichen und steckt dann den Daumen in meinen Mund. Ich bin so erstaunt, dass ich zubeiße. Sie ringt nach Atem, kommt aber noch näher zu mir, ihr Gesicht an meinem. Ich sauge an ihrem Daumen und beiße wieder zu, sanfter diesmal. Sie zieht ihn mir aus dem Mund und ersetzt ihn durch ihre Zunge. Sie hat nun ein Feuer in sich, das man auf die Entfernung nicht sehen konnte, einen Biss, der nicht zu ihrem restlichen Auftreten passt. Ihre Lippen öffnen meine, und der Kuss, den ich bekomme, ist intensiv. Normalerweise bin ich draufgängerischer in dieser Art von Situationen, aber sie ist mir immer einen Schritt voraus, denkt immer schon etwas weiter. Ich hinke hinterher. Sie greift nach meinem Strickpulli und zieht ihn mir über den Kopf, ohne, dass er in meinen Ohrringen hängenbleibt, und zieht mir ohne weitere Umschweife das Unterhemd herunter, das ich darunter trage. Ohne unterstützenden BH habe ich keinen Schutz, und mit einer Bewegung hat sie meine rechte Brust entblößt. Sie streichelt an ihr nach oben, über die Brustwarze, die sofort hart wird. Ich klappe die Armlehne, die wie eine Grenze zwischen unseren Körpern lag, nach oben, und ziehe die Frau näher zu mir. Ihr nackter Schenkel zwischen meinen bekleideten, mein einer zwischen ihren. Die Reibung macht mich wuschig, und ich ziehe sie noch näher zu mir. Mein Schal gleitet von ihren Schultern und auf den Boden. Sie macht Anstalten, ihn aufzuheben, aber ich halte sie ab. Ohne einen Laut von uns zu geben, reiben wir uns aneinander, ich kann die Haut ihres Schenkels durch zwei Lagen Stoff an meinem Unterleib spüren. Die Frau auf meinen Knien kratzt an meiner Brust und atmet konzentriert. Sie beugt sich über mich, um über die Sitze hinweg nicht gesehen zu werden, und ich umarme ihren Hals, feucht von der Anstrengung. Bei einer Gelegenheit erhebt sie sich und zieht ihr Höschen herunter, führt meine Faust zu ihrem Unterleib und reibt sich noch mehr. Als ich zwei Knöchel zu ihrer Klitoris führe, keucht sie laut auf, und ich bekomme Angst, dass jemand die Schaffnerin ruft. Aber im Waggon rührt sich nichts, das Rauschen des Tunnels erstickt unsere Geräusche, und die Frau gibt sich so hin, dass ich sie nicht unterbrechen will. In ihren Bewegungen gleitet sie ein paar Zentimeter von mir weg und ich finde einen härteren Punkt bei ihrem Knie, an den ich mich drücken kann. Ich merke, dass sie kurz vor dem Höhepunkt ist, ohne, dass sie einen Laut von sich geben muss. Ich werfe einen Blick in die Dunkelheit. Ein grünes Notausgangsschild fliegt so schnell vorbei, dass ich es kaum erkennen kann. Um uns herum der harte Zugkörper, der gegen den Bergkörper anfährt, ein pulsierendes Dröhnen, eine einzige brennende Kraft. Das Rauschen ist jetzt nahezu ohrenbetäubend, ich weiß nicht, ob es zu mir oder dem Berg gehört. Der Berg ist in mir drin, und ich bin in ihr drin, und als sie kommt, lege ich meine Hand um ihren Hals und drücke sie zu einem so innigen Kuss an mich, dass die Welt stehenbleibt. Eine Sekunde lang gibt es nur uns, in einem lautlosen Vakuum, und ich spüre ihre Muschi, die halb von meiner Faust umschlossen ist, ihre Zunge, die meine umschlingt, und ihre Atmung, die mitten im Atemzug gestoppt hat. Ihr Herz schlägt wie das des Hasen bei der Fuchsjagd, und meins ebenso. Sachte beruhigen wir uns wieder, sie gleitet von mir weg. Sinkt keuchend wieder in ihren Sitz. Knöpft langsam ihre Bluse zu und zieht sich ihr Höschen hoch. Streicht sich über die feuchte Stirn und steckt einige Haarsträhnen zurück in ihre vorher so perfekte Frisur. Ich beobachte sie, brauche meine entblößte Brust nicht zu verstecken. Ich bin kein Teil mehr vom Ganzen, nur Zuschauerin. Ich bin nicht wirklich da.
Mein Herz schlägt noch immer stark, als ich die Augen schließe. Es schlägt in den Schläfen, in den Fingerspitzen und zwischen den Beinen, aber nun ist mir der natürliche Kontakt zum Zug abhandengekommen. Das Fahrzeug, in dem ich unterwegs bin, fühlt sich vor allem wie ein mechanisches Bauwerk an, seine Seele ist fort. Der Strickpulli klebt zwischen meinen Schulterblättern und am Rücken fest. Wenn ich ihn jetzt auszöge, würde sie sehen, dass ich an sie gedacht habe. Oder es riechen. Irgendwie bin ich sicher, dass sie diese Art von Fähigkeit hat. Das Einzige, was ich tun kann, solange wir noch im Tunnel sind, ist, meine Augen zu schließen und mich wieder zurückzulehnen. Meine Atmung macht mich nicht leichter, eher fühlt es sich an, als ob ich die Luft hinaus- statt hereinpumpe. Nie habe ich mich so schwer gefühlt. So schwer auf dem Sitz. So schwer.
Ich glaube, ich schlafe. Es ist die Art von Halbschlaf, wo man weiß, dass man schläft, aber nicht zeigen kann, dass man das weiß. Ein Traumgefängnis. Es ist noch immer dunkel. Ich höre das Geräusch des Zuges nicht, nur ein Rauschen wie vom Wind über den Bergspitzen. Aber das kann nicht sein. Wir müssen auf dem Weg nach unten sein, der nächste Halt kann nicht weit sein und der ist weiter im Tal. Hinter dem Rauschen kann ich Schritte hören, weit weg, wie von Tausenden Füßen, die in die gleiche Richtung gehen. Ein kalter Ring hat sich auf meiner einen Stirnseite gebildet. Die Schritte werden lauter und jemand flüstert mit einer Stimme, die ich noch nie gehört habe: „Danke fürs Ausleihen.“ Ich versuche zu antworten, aber bevor ich es schaffe, bin ich wieder im Traumland.
Jemand klopft mir vorsichtig auf die Schulter und ich zucke zusammen. Merke, dass der kalte Fleck an meiner Stirn von dem Fenster herrührt, an das ich im Schlaf gerutscht bin. Die Schläfe fühlt sich gefroren an. Die Schaffnerin steht vor mir. Sagt, dass sie vorbeikam und mich wecken wollte, falls ich aussteigen muss, sodass ich meine Station nicht verpasse. Muss ich hier raus? Ich sehe durch das beschlagene Fenster. Draußen ist ein schmutziger Bahnsteig, vom Regen aufgelöst. Die Wolken wurden aufgeschnitten und der Himmel hat sich geöffnet, schwerer Regen prallt auf die Erde wie Tausend nasse Füße, rasender Elfentanz auf dem Flachdach des Zuges. Ich sehe zum Platz der Frau hinüber, aber er ist leer. Weder der Pappbecher, noch ihr Gepäck sind zu sehen. Ich werde ihre Silhouette niemals draußen im Regen erkennen, sie ist wie alles andere vom grauen Nass aufgelöst. Ich antworte der Schaffnerin, dass das hier nicht meine Haltestelle ist und danke ihr fürs Wecken. Die Schaffnerin nickt kurz und lässt mich in Ruhe. Zwei neue Passagiere haben hinter dem Sitz der Frau Platz genommen. Sie unterhalten sich fröhlich und teilen sich eine kleine Chipstüte. Der Zug fährt weiter und ich bereite mich darauf vor, an der nächsten Haltestelle auszusteigen, indem ich meine Sachen zusammensuche. Da entdecke ich den Schal auf dem Platz neben mir. Ich kann mich nicht erinnern, ihn zusammengelegt zu haben. Meistens gehe ich sorglos mit ihm um, stopfe ihn in meine Tasche oder lasse ihn zusammengeknüllt herumliegen, und ich dachte, das hätte ich auch diesmal gemacht. Aber nun ist der Schal sorgfältig zusammengelegt, mit einer Seite offen zum Betrachter – zu mir. Es macht einen einladenden Eindruck. Ich stelle mir vor, dass sie die Schals so in französischen Luxusboutiquen zusammenlegen, solche, in denen man auch Parfüm kaufen kann.
Der Fremde
Das Erste, das sie beim Aufwachen hört, ist das wohlbekannte, schlürfende Geräusch der Kaffeemaschine, und abgesehen davon: die unverständlichen leisen Radiostimmen. Während der ersten wachen Sekunden fällt es ihr schwer, die Geräusche zuzuordnen, es ist ungewohnt, zu ihnen aufzuwachen. Normalerweise ist sie die Erste, die aufsteht und Kaffee kocht und – wie sie es inzwischen so liebevoll nennen – die Dusche aufwärmt. Während sie ihre Morgenroutine durchführt, liegt ihr Mann noch einige Minuten im Bett, schön warm unter der Decke. Aber nicht heute. Sie fühlt mit der Hand nach dem leeren Platz rechts von sich. Die Decke ist aufgeschlagen und die Kuhle in der Matratze ist kühl in der Wohnungsluft. Nur ein paar flüchtige warme Fäden finden sich noch in den Baumwollfasern der Bettwäsche. Ich Dummchen, denkt sie, als ob sich die Kaffeemaschine von selbst anstellen würde. Natürlich ist er vor ihr aufgestanden. Sie ist noch etwas müde, obwohl das Aufstehen ihr morgens eigentlich leicht fällt. Normalerweise streckt sie sich sanft in der Dusche, aber vielleicht, weil sie heute das Doppelbett für sich alleine hat, streckt sie ihren ganzen Körper dort, wo sie gerade liegt. Von den Fingerspitzen bis zu den Zehen drückt sie sich in die Matratze, kneift die Schenkel zusammen und beschreibt mit den Händen langsam einen großen Kreis. Malt eine Sonne ins Laken. Gerade, als sie einen tiefen Seufzer ausstößt, knackt das Parkett in ihrer Nähe. Ihr Mann steht in der Türöffnung. Oder eher seine Silhouette. Einen kurzen Augenblick fragt sie sich, ob sie etwas vergessen hat. Hat sie Geburtstag? Hat er Geburtstag? Eine Reihe Begebenheiten gehen ihr durch den Kopf: Weihnachten, Flugzeug verpassen, Arztbesuch, aber nichts passt.
„Morgen“, sagt er mit seiner rauen Morgenstimme, und betritt das Zimmer. Er reicht ihr einen Becher dampfenden Kaffee. Schwarz, wie immer.
„Morgen“, antwortet sie.
Er setzt sich auf die Bettkante auf seiner Seite. Er sagt, dass es schon spät ist, aber dass er sie nicht wecken wollte. Aber sie wird etwas zu spät zur Arbeit kommen.
„Du bist doch nicht krank?“, fragt er, und sie schüttelt den Kopf, schlürft ein bisschen am Kaffee und verbrennt sich die Zunge.
Sie sitzen eine Weile da, besprechen, wann sie heute Abend nach Hause kommen und was sie kochen werden. Planen die Woche ein wenig. Er fragt wieder, ob sie krank ist, ob sie heute nicht mit ihm zu Hause bleiben will, er kann heute Nachmittag ein paar Stunden freinehmen und sie könnten einen langen Spaziergang machen. Sie lacht und sagt, dass ihrem neuen Chef das nicht gefallen würde, wirft die raschelnde Daunendecke von sich und zieht eine Nylonstrumpfhose und einen Bleistiftrock an. Dann steht er auf, nimmt ihren Becher und geht zurück in die Küche.
An einem Tag wie diesem, an einem ganz normalen Donnerstag im November, geht sie durch den feuchten Morgen mit schnellen Schritten ins Büro. Sie muss nicht pendeln: Das Büro ist fünfundzwanzig Minuten von ihrem Zuhause entfernt. Während sie über Pfützen und verrottende, nasse Laubhaufen steigt, denkt sie an den Blick ihres Mannes, als er auf der Bettkante saß. Die schwache Flamme, die in seinem Blick aufleuchtete, als sich die Strumpfhose eilig über ihren Waden, Hintern und Schenkel spannte. Wie ein Streichholz. Es ist schon lange her, dass sie echte Lust für ihn empfunden hat und es fällt ihr schwer, sich zu erinnern, wie es sie anfühlte. Natürlich machen sie es. Manchmal. Aber meistens ist es ohne Engagement von beiden Seiten, und fühlt sich mehr nach Pflichtübung als nach Lust an. Sie denkt nicht schlecht von ihm, sie fühlt nur nicht besonders viel. Und dadurch fühlt sie sich schlecht. Er macht ihr ein schlechtes Gewissen, besonders wenn er sie bittet, einen Tag lang krank zu sein. Nur einen Tag zu Hause, gemeinsam mit ihm.
Die Zeit im Büro verfliegt. Ihr neuer und zehn Jahr jüngerer Chef domptiert die kleine Arbeitsmannschaft von zwölf Personen, wie immer darauf bedacht, seine Fähigkeiten zu präsentieren. Sie macht ihren Job, weder besser, noch schlechter als die anderen. Sie hört Radio, quatscht ein bisschen mit einer Kollegin, trinkt Automatenkaffee und erledigt ihre Aufgaben. Zum Mittag isst sie zum dritten Mal diese Woche Wurst Stroganoff und sieht aus dem Fenster, wie der Regen dünn und jugendlich wie glitzerndes Konfetti herabfällt. Derselbe Regen fällt auf ihre Haare, als sie das Büro verlässt, als Letzte von allen, um die morgendliche Verspätung wieder gutzumachen. Sie nimmt wie immer den Weg durch den Park und erreicht die Gegend mit den alten Grafschaftshäusern. Fast jedes untere Stockwerk beherbergt ein Gewerbe: Frisörsalons und Cafés drängen sich an Solarien und Floristen. Einige Blocks von ihrem Wohnkomplex entfernt bemerkt sie ein neues Neonschild an der Ecke auf der anderen Straßenseite, Wand an Wand mit der Bäckerei, in der sie am Wochenende Brot kauft. Drei signalrote, blinkende Buchstaben breiten sich auf der Mauer aus: BAR. Sonst nichts. Sie späht durch den Regen nach mehr Details, aber die Bar, die Bar heißt, scheint geschlossen zu sein, und so setzt sie ihren Weg nach Hause fort. Als sie an ihre Tür kommt, ist sie durchnässt, aber die elektrisch erleuchtete Wohnung erscheint trotzdem kälter als der Regen. Sie stellt sich unter die Dusche, lehnt die Frage ab, ob sie Gesellschaft haben möchte, und lässt die warmen Tropfen dorthin, wo ihr vorher die kalten durch die Haare fuhren. Sie essen gemeinsam zu Abend, unterhalten sich ein wenig, und verbringen den Rest des Abends vor dem Fernseher. Sie sieht ihn über Teller, Esstisch und Schmuckkissen auf dem Sofa an. Denkt dabei: Wer bist du? Obwohl sie es genau weiß. Mit wem lebe ich zusammen? Als ob er, trotz ihrer fast fünfzehn gemeinsamen Jahre, ein Fremder für sie wäre. Als sie ins Bett gegangen sind, liegt sie noch lange wach und denkt an ihre Hochzeitsnacht. Hände in der Dunkelheit, Lippen an Lippen, ihre Nägel in seinem Nacken, seine Zunge in ihrer Spalte. Wie sie es genossen hat. Sie waren nach Italien auf Hochzeitsreise gefahren. Sie hatten vor, in der Toskana herumzufahren und Wein zu trinken, ins Museum zu gehen und Nudeln zu essen, aber alle Pläne wurden über den Haufen geworfen, um mehr Zeit im Bett verbringen zu können. Sie hatten die ganze Zeit und überall kichernd beieinander gesessen. So nah war sie nie einem Menschen gewesen; seelisch, physisch, menschlich. Wenn sie jetzt in ihrem gemeinsamen Bett liegt, hört sie seine tiefen, leicht schnarchenden Atemzüge neben sich. Ein Fremder in der Dunkelheit.
Der Freitag geht vorbei wie der Tag zuvor, die Grautöne liegen so dicht aneinander im Novemberdunkel, dass man einen Meisterdetektiv bräuchte, um sie voneinander zu unterscheiden. Sie beendet mit zwei Kolleginnen ein Projekt, an dem sie seit letztem Sommer gearbeitet haben, und sie stoßen mit alkoholfreiem Cidre an, den jemand dabei hatte. Während die anderen etwas eher gehen, um Kinder abzuholen und einzukaufen, bis der Freitagabend das Wochenende einläutet, bleibt sie noch da und bereitet sich auf die nächste Woche vor. Auch der Chef geht eher, und als er sich verabschiedet hat, ist sie allein. Sie hat es nicht eilig, nach Hause zu kommen, sondern lässt sich Zeit mit dem Kopieren der Unterlagen für die Auswertung des abgeschlossenen Projekts nächste Woche. Als sie an dem warmen Kopierer steht, der die neu bedruckten Formulare ausspuckt, als gäbe es kein Morgen, denkt sie an den alten Chef. Sie will sich daran erinnern, dass sie einmal Sex an genau diesem Kopierer hatten. Die Erinnerung ist etwas unscharf, es war zu Beginn ihrer Affäre, und wenn sie sich recht erinnert, war es eine besonders feuchtfröhliche Afterworkparty. Sie waren ein wenig hintereinander hergegangen und hatten durch wortlose Kommunikation beschlossen, am Büro vorbeizugehen. Es war Frühling, und die Luft hatte vor unentdeckten Gefühlen geschwirrt und geprickelt. Kleine Blicke hier und da, ein Handrücken an einer Hüfte, ein heimliches Lächeln, und dann plötzlich sein gewagter Griff um ihre Taille. Sie konnte noch immer nicht glauben, dass er das gewagt hatte, mitten auf offener Straße. Er war verheiratet mit zwei Kindern und hatte ihren Mann auf der letzten Firmenfeier getroffen. Keiner von ihnen hatte zuvor etwas Ähnliches getan. Aber da standen sie: Sie gegen die Mauer gedrückt mit seinem Schenkel zwischen ihren Beinen, seine Zunge in ihrem Mund. Seine Hand hatte sich ihren Rücken entlang nach oben gefühlt und er hatte sie flüsternd gebeten, mit ihm hoch ins Büro zu kommen. So waren sie beim Kopierer gelandet. Sie hatte den Kopierer seitdem häufig benutzt, aber heute erinnert sie sich an den Geruch der Druckerschwärze. Rein, fast wie frisch gewaschen. Und das Gefühl, als er in ihr kam. Das war das Verbotenste, das sie je getan hat. Sie lässt ihre Hände über die graubeige Oberfläche des Kopierers gleiten, über die Plastikfächer und die Knöpfe. Fragt sich, ob es noch Spuren gibt, einen Handabdruck oder etwas Körperflüssigkeit. Sie schließt die Augen und versucht sich zu erinnern, wie es sich angefühlt hat. Er hatte sie zum Kopierer geführt. Vielleicht hatte er sich das schon früher vorgestellt. Wenn sie eine Wahl gehabt hätte, hätte sie seinen Schreibtisch genommen, aber genau das war ja so erregend: dass sie nicht wählen durfte. Sie gab sich ganz ihm und seinen Fantasien hin. Ihrem Chef seit vier Jahren, der nie mehr als freundschaftliches Interesse gezeigt hatte. Der da jetzt stand und ihr ins Ohr flüsterte, dass er sie haben wollte, dass er an sie gedacht hatte, seit sie zusammen arbeiteten, dass er sie jetzt und hier haben wollte. Er hatte ihr die Bluse aufgeknöpft, ihren Rock hochgeschoben und seinen Hosenstall aufgeknöpft. Ihre nackten Schenkel wurden gegen das kalte Plastik gedrückt, als er sich mit seinem ganzen Körper zu ihr herüberlehnte. Jetzt, da sie am Kopierer stand, ewig später, wurde ihr der Atem schwer vom bloßen Gedanken, wie er in sie eindrang. Ihr Glücksgefühl darüber, wie er sie ausfüllte, wieder und wieder. Wie er gezittert hatte, als er gekommen war, die Angst danach, was hatten sie getan, und die Sehnsucht, es wieder zu tun. Sie packt die neu ausgedruckten Seiten in die entsprechenden Plastikhüllen und legt sie auf die Schreibtische der entsprechenden Kollegen, dann schickt sie eine Nachricht an ihren Mann und macht sich auf den Heimweg.
Die Dunkelheit in dieser Zeit des Jahres macht sie immer etwas verträumt. Es ist, als ob der Tag nie richtig ankommt, als ob sie den ganzen Tag vor sich hinträumt. Ihr Mann macht sich regelmäßig darüber lustig, dass sie mit dem Kopf in den Wolken ist, aber für sie selbst ist es eher wie ein Schlummer, als ob etwas auf sie wartet. Auf dem Heimweg trifft sie viele Fußgänger: ausstaffierte Paare auf dem Weg ins Restaurant, Mädchencliquen, die sich in die Nacht begeben. Sie will mitkommen, ihr Blick wird von den Ausschnitten und hohen Hacken angezogen, und sie schleicht an den Kneipenfenstern entlang, während sie nach Hause geht. Plötzlich befindet sie sich vor der Bar, die keinen richtigen Namen hat. Jetzt ist sie erleuchtet. Drinnen ist es fast leer. Ein Barmann in altmodischer Kellnerkleidung putzt ein Glas hinterm Tresen, zwei ältere Männer spielen weiter hinten im Lokal Billard, und eine junge, attraktive Frau sitzt mit einem Martiniglas da und folgt dem Barmann mit ihren Blicken. Das könnte sie selbst gewesen sein, vor vielen Jahren. Der Gedanke beschwingt sie, und sie geht ein paar Schritte auf die Tür zu, als ihr einfällt, dass sie ihrem Mann bereits Bescheid gesagt hat. Er wartet sicher auf sie. Sie ballt die Hände in den Taschen und setzt den Heimweg fort, beschließt aber, wiederzukommen. Eine Spannung breitet sich in ihrer Brust aus, ein schwacher Rausch, der sie an den Kopierer und die Frau mit dem Martiniglas denken lässt. Sie befeuchtet ihre Lippen und geht weiter. Sie möchte, dass jemand sie nimmt.
Am Montag ist sie vorbereitet. Sie macht sich hübsch, trägt Parfüm und Kajal auf. Sieht in den Spiegel und sieht dort jemand anderen, jemanden, der sie schon lange nicht mehr war. Wie lange ist es her, dass sie jemand mit Verlangen angesehen hat? Ist es das, was sie will – jemanden treffen, der ihr sagt, dass er sie haben will? Sie weiß es nicht. Sie redet sich ein, dass sie nur ein bisschen rauskommen muss, ein bisschen alleine sein. Ihrem Mann erzählt sie, dass sie mit Kolleginnen weggehen wird, und als er fragt, warum an einem Montag? zuckt sie mit den Schultern und weist auf das Projekt hin, dass sie in der vorigen Woche beendet haben. Ihren Kollegen, die anmerken, dass sie schick aussieht, erzählt sie, dass sie mit ihrem Mann weggehen wird. Sie nimmt ein Extrapaar Schuhe mit, Pumps, die sie in ihrer Arbeitstasche versteckt. Als der Arbeitstag vorbei ist, steigt sie in die Schuhe und geht schnellen Schrittes zu der Bar. Drinnen ist es hell erleuchtet, trotzdem bleibt sie draußen stehen. Fragt sich, was sie da eigentlich gerade macht, was sie eigentlich sucht. Aber sie möchte das Leben in sich spüren. Seit der alte Chef in eine andere Stadt gezogen ist und ihre Romanze vorbei war, von der sie beide gewusst hatten, dass sie eines Tages sterben würde, hat sie sich nur noch bei einigen flüchtigen Begebenheiten attraktiv gefühlt. Stark und gefährlich. Sie sehnt sich nach dem Gefühl – dem Gefühl, mit dem Feuer zu spielen. Es ist schon über ein Jahr her. Die Erotik zu Hause hat sie schon lange nicht mehr dahin geführt. Sie braucht etwas Neues. Etwas Fremdes.
Die Bar ist drinnen dunkel beleuchtet. Das Lokal ist klein und in altmodischem Stil mit dunklem Holz eingerichtet. Die Wand hinter dem Tresen ist mit Schnapsflaschen bedeckt, dahinter ist ein Spiegel. Wie in einem Western, denkt sie. Aus den Lautsprechern kommt leise Jazzmusik, und obwohl sie sie nicht kennt, hat sie das Gefühl, schon einmal hier gewesen zu sein. Sie geht zum Barmann. Er trägt Hemd, Fliege und Hosenträger, und säubert gerade ein Glas.
„Hat dieses Lokal neu eröffnet?“, fragt sie, als ob sie es nicht schon wüsste, und bekommt ein kurzes Nicken als Antwort. Es ist schwer zu erkennen, wie alt er ist. Er könnte jünger als sie sein, oder ein ganzes Stück älter. Er hat ledrige Haut und silbernes Haar, aber bewegt sich mit einer solchen Kraft und Genauigkeit, wenn er das Baumwollhandtuch am Gläserrand entlangzieht. Das Glas ist kristallklar. Er muss es stundenlang geputzt haben.
„Einen … Martini, bitte“, sagt sie und bekommt wieder ein kurzes Nicken als Antwort.
Sie setzt sich ans eine Ende des Tresens und sieht sich um. Es sind nur wenige Besucher da, inklusive der jungen Frau und dem Mann, die sich schweigend um den Billardtisch bewegen. Erst, als sie ihren Drink bekommt, bemerkt sie eine Silhouette, die am anderen Ende des Raumes sitzt, ein einzelner Mann im Anzug, der aus dem Fenster sieht. Sie sieht ihn durch den Raum an, studiert das sorgsam geknöpfte Hemd und den rauen Handrücken, der am Glas ruht. Das Glas beinhaltet eine bernsteingelbe Flüssigkeit, wahrscheinlich Whiskey. Meine Güte, bin ich peinlich, denkt sie, kann aber trotzdem nicht aufhören, rüberzusehen. Plötzlich wendet er sich zu ihr und sieht ihr direkt in die Augen. Sie blickt schnell weg und nippt an ihrem Drink, nimmt aber vor Nervosität einen zu großen Schluck und muss husten. Sie spürt, wie sich eine leichte Röte auf ihren Wangen ausbreitet und tut ihr Bestes, um sich nicht unter seinem Blick zu winden. Es dauert, bis sie wieder rüberzusehen wagt, und als sie es tut, sieht er wieder aus dem Fenster, diesmal aber mit einem Lächeln auf den Lippen.
Am Morgen danach wacht sie wieder zum Schlürfen der Kaffeemaschine auf. Diesmal bleibt sie in der Erwartung liegen, geweckt zu werden, aber ihr wird kein Kaffee gebracht. Schließlich muss sie aufstehen, um nicht zum zweiten Mal diesen Monat zu spät zu kommen. Sie fühlt sich etwas komisch, eine Mischung aus Übelkeit und heimlicher Freude. Ein Kribbeln macht sich in ihrem Bauch breit. Es strömt nach unten, runter zu den Schenkeln, und macht sie kirre. Sie zieht sich an und geht in die Küche, wo ihr Mann die Zeitung liest. Sie begrüßen sich und er fragt, wie es gestern war. Sie bedankt sich und sagt, dass es schön war. Dreht ihr Gesicht weg, damit er das verstohlene Lächeln in ihrem Gesicht nicht sieht, das neue Leuchten, das sich dort ausbreitet. Sie denkt nach. Zwei Drinks, drei? Vier waren es ja wohl nicht. Viel hat sie nicht gemacht. Die meiste Zeit saß sie da und betrachtete die anderen. Den Mann im Anzug. Wenn sie an ihn denkt, überkommt sie ein bekanntes Gefühl, das sie seit Jahren nicht gespürt hat. Es ist physisch und abstrakt gleichzeitig. Sie fühlt sich attraktiv. Obwohl sie nicht miteinander gesprochen haben, hat er ihr das Gefühl vermittelt. Sie hebt die Kaffeetasse, führt sie zum Mund und betrachtet ihren Mann. Über ihm liegt auch etwas. Ein Schimmer. Anscheinend verliebt sie sich gerade in einen fremden Menschen, und das führt dazu, dass sie alles in Rosa sieht. Eine ganz gewöhnliche, ungefährliche Verliebtheit. Sie wird nicht in die Bar zurückkehren, das ist nicht gut. Sie liebt ihren Mann, sie will ihm nichts Böses. Und der Mann im Anzug ist nur eine Fata Morgana ein Symbol für ihre Eheprobleme, das weiß sie.
„Wir können doch ein Date pro Woche haben?“, sagt ihr Mann plötzlich und sieht von der Zeitung hoch.
„Ein Date?“, antwortet sie, ohne ihre Verwunderung zu verbergen.
„Ja, ein Date. Das ist schon ewig her. Wir können essen gehen, oder ich kann zu Hause etwas kochen und ein bisschen Wein einkaufen.“
„Wir gehen aus“, sagt sie schnell, und sieht einen kurzen Moment lang die Enttäuschung an seinem Auge vorbeiziehen. Er arbeitet zu Hause, sie treffen sich nur zu Hause, zu Hause ist ihr Seelentod und das weiß er.
„Natürlich“, antwortet er, lächelt tapfer und blickt wieder in die Zeitung. Sie lässt ihren Blick ein paar Sekunden auf ihm ruhen, er sieht plötzlich wieder jung aus. Das macht der rosa Schein, denkt sie. Sie war einmal verliebt in ihn. Sie kann sich daran kaum noch erinnern, aber sie glaubt, dass es sich ungefähr so angefühlt hat.
Das Date findet in einem Restaurant statt, wie sie es wollte, und schon als sie ankommen, ist sie müde. Sie versucht, sich hübsch zu machen, aber es wird nicht so gut wie neulich, und als sie in den Spiegel blickt, sieht sie nur sich selbst. Die gleiche Person, die täglich zwischen Zuhause und Arbeit hin und her geht. Sie essen und unterhalten sich, zivilisiert wie immer. Er versucht, tiefergehende Fragen zu stellen, aber das zeigt nur noch deutlicher, wie wenig sie übereinander wissen, also reden sie über etwas anderes. Das Wetter, Politik, Kultur, Arbeit. Sie trinken Wein, und sie sieht ihn über ihr Weinglas an. Er ist nicht unattraktiv, ihr Mann. Er ist nur … jemand anderes. Vielleicht ist sie es, die sich verändert hat. Auf dem Heimweg streicht er ihr über den Hintern, und sie gibt ihm pflichtbewusst einen Kuss auf den Hals. An dem Abend versuchen sie es. Er erinnert sich an alles, was sie mag, und technisch gesehen ist es gut, aber sie ist nicht richtig bei der Sache, und sie merkt, dass er das bemerkt. Es ist für sie beide etwas ungewohnt, sie sind etwas schüchtern und entschuldigen sich ständig. Schließlich schlafen sie Seite an Seite ein, beide mittelmäßig zufrieden. Sie hatte sich selbst gelobt, nicht mehr zur Bar zu gehen, aber als der Freitag kommt, kann sie nicht anders. Die Pumps, die seit neulich in der Arbeitstasche geblieben sind – vielleicht als Erinnerung daran, wer sie eigentlich sein will – starren sie an, als sie die Tasche öffnet, um einen Bericht hineinzulegen, den sie übers Wochenende lesen muss. Sie sieht sich um und fragt die Kollegin neben ihr, ob sie ihr etwas Schminke leihen kann. Das kann sie – Rouge und Lippenstift.
„Gehst du aus?“, fragt die Kollegin.
Sie antwortet, dass sie mit ihrem Mann ausgehen wird, und die Kollegin macht einen Kommentar, dass ihr es ja in letzter Zeit ganz schön knallen lasst. Als sie das Büro verlässt, schickt sie ihrem Mann eine SMS, dass die Kollegin, die ihr die Schminke geliehen hat, sie eingeladen hat. Kurz danach kommt die Antwort: habt einen schönen Abend. Die Lüge ist zu weit gegangen, als dass sie jetzt nach Hause kann.
Genau wie neulich ist die Bar erleuchtet und es sind Menschen drin, mit einer Ausnahme: Der Mann im Anzug sitzt jetzt auf ihrem Platz. Sie weiß, dass es nicht ihr Platz ist, aber es gibt so viele Stühle und es sind so wenige Gäste da, dass er unmöglich aus Zufall genau den gewählt haben kann. Es macht sie nervös, dass er da sitzt, gleichzeitig turnt es sie an. Sie bleibt in der Tür stehen, überlegt, sich woanders hinzusetzen. Aber dann beschließt sie, ebenso forsch zu sein. Als sie sich ihm nähert, bemerkt sie, dass er nicht auf dem Platz sitzt, den sie für ihren Stuhl hielt, sondern einen daneben. Er spielt mit seinem Glas, dreht es, sodass die Eiswürfel darin herumfahren. Sie setzt sich, ohne ihn anzusehen, und ohne dass sie dem Barmann Bescheid gesagt hat, beginnt er, ihr einen Drink zu mixen. Sie spürt den Blick des Mannes auf sich, spürt, wie ihr Herz schneller schlägt, wie ihr schwindlig wird. Wie bin ich hierhergekommen, beginnt sie zu denken, aber er unterbricht sie:
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