Kitabı oku: «Flora Flitzebesen - Sammelband 2 in 1»

In dieser Reihe erschienen:

eISBN 978-3-649-66860-2

eISBN 978-3-649-66861-9

eISBN 978-3-649-67061-2

eISBN 978-3-649-62323-6

eISBN 978-3-649-63100-2
www.flora-flitzebesen.de
eISBN 978-3-649-63359-4
© 2019 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG,
Hafenweg 30, 48155 Münster
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise
Text: Eleni Livanios
Illustrationen: Eleni Livanios
Lektorat: Lea Daume
Satz: FSM Premedia GmbH & Co. KG, Münster
www.coppenrath.de
Das Buch erscheint unter der ISBN 978-3-649-63336-5.
Inhalt
Morgens in Hexenrosental
Das Besenwettfliegen
Mutproben
Im Efeuwald
Das Magische Tierhaus
Floras Wut auf Turdus
Der Geheimbund
Die Geheimmission
Lügen, nichts als Lügen
Nux und Borax sind verschwunden
Auf der Nebelburg
Irrlichter und Riesenkürbisse
Spaziergang mit Wasserdrachen
Der flauschig weiche Igel
Kringel ist verschwunden!
Prasselnder Hagel
Geburtstag bei Blitz und Donner
Salix Capreo, der Erfinder
Hochwasser und Eiszeit
Der Wetterhexe auf der Spur
Ranas Geheimnis
Der große Sturm
Eine schwierige Entscheidung
Bei den Wetterhexen
Suchaktion in Hexenrosental
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Morgens in Hexenrosental
Kater Kringel lag zusammengekuschelt am Ende des Bettes. Er schlief noch tief und fest, aber Flora wurde gerade wach. Sie gähnte lange, dann streckte sie sich und vergrub ihre nackten Zehen in Kringels flauschigem Fell. Wie wunderbar weich sich das anfühlte. So musste ein Morgen beginnen!
Kringel öffnete langsam die Augen, erhob sich und machte einen Katzenbuckel. Dann tapste er auf weichen Pfoten über die Bettdecke ganz nahe an Floras Gesicht heran. Vorsichtig stupste er sie mit der Nase an und rieb dann seinen kleinen Kopf an Floras Stirn. Kringel war ein richtiger Kuschelkater. Jeden Morgen musste er ganz ausgiebig gestreichelt und gekrault werden, sonst ließ er Flora erst gar nicht aufstehen.
Doch schließlich schob Flora den Kater zur Seite und warf schwungvoll die Decke zurück, sodass ihr Hexenhut, der über den Bettpfosten gestülpt war, sich ein paar Mal drehte. „Komm, Kringel, wir machen jetzt einen Spazierflug“, rief sie lachend.
Flora schlüpfte aus ihrem Nachthemd und zog sich in Windeseile ihre Hose und das Flickenkleid an. Dann schnappte sie sich ihre Stiefeletten und setzte den löchrigen Hexenhut auf. Flora liebte diesen Hut, auch wenn er schon sehr alt und schäbig war, aber niemals würde sie ihn gegen einen neuen eintauschen. Zum Schluss hängte sie sich den bunten Stoffbeutel quer über die Schultern und Kringel sprang mit einem Satz hinein.
„Es kann losgehen“, sagte Flora zu Kringel und griff nach ihrem Besen, der an der Wand lehnte. Der Kater ließ ein zufriedenes Miauen hören. Spazierflüge liebte er. Und welcher Kater hatte schon die Möglichkeit, die Welt von so hoch oben zu betrachten? Ja, von einem Baum aus vielleicht, aber das war schließlich nichts Besonderes. Bei Flora Floribunda mitfliegen zu dürfen, das war hingegen ein Erlebnis!
Von der Fensterbank war ein Krächzen zu hören. Zwei Raben hatten sich darauf niedergelassen. Es waren Nux und Borax, die frechen Raben, die auf dem Hausdach wohnten. „Wohin willst du denn schon so früh?“, fragte Nux neugierig.
„Kringel und ich machen eine Runde über die Stadt“, antwortete Flora. „Heute ist doch das große Besenwettfliegen, hast du denn da noch Zeit für einen Spazierflug?“, wunderte sich Borax. Nux und Borax waren wohl die neugierigsten Raben weit und breit, es gab nichts, in das sie nicht ihre gelben Schnäbel hineinsteckten.
„Ach, der Wettkampf geht doch erst am Mittag los“, antwortete Flora gelassen. Sie war inzwischen neben die Raben auf die Fensterbank gestiegen, schwang ein Bein über den Besenstiel und stieß sich kräftig mit den Füßen ab. Schwups, erhob sich der Besen in die Luft. „Wir sehen uns nachher!“, rief sie den beiden Vögeln zu.
Dann sauste sie auch schon davon. Zuerst drehte Flora eine kleine Runde über Omimis Garten. Die Wiese war getupft von herabgefallenem buntem Laub. Der Herbst war im Anmarsch. Flora flog höher und ließ den Besen über all die grasbewachsenen Hausdächer des Grasdachviertels fliegen. Es war noch früh am Morgen und ein Samstag, die meisten Hexenkinder schliefen noch.
„Kringel, aufgepasst“, sagte Flora. „Jetzt machen wir einen Flitzeflug, dass es nur so zischt.“
Die kleine Hexe beugte sich vor und schnalzte mit der Zunge. Sofort bäumte sich der Besen ein wenig auf und sauste los. Pfeilschnell schoss er durch die Luft. Flora lachte begeistert. Sie lehnte sich weit nach vorn, damit der Besen noch schneller wurde. Wie herrlich es war, wenn einem der Wind so um die Ohren pfiff. Flora liebte das. „Ich lass meinen Besen flitzen“, sang Flora lauthals.
„Spinnen kommen aus den Ritzen,
um zu sehen, wie ich zische
durch die Morgenluft, die frische!“
Dann kicherte Flora, denn ihr gefiel, was sie eben gedichtet hatte. Sie ließ den Besen nun langsamer fliegen und bald schwebte er ganz gemächlich dahin.
„Schau mal, Kringel“, rief Flora. „Da unten geht Omimi.“
Kringel stieß ein lautes Miauen aus, aber Omimi hörte ihn nicht. Eigentlich waren unter ihnen nur ein riesiger Hexenhut zu sehen und ein knallgelber Rock, der sich bei jedem Schritt unter der Krempe hervorbauschte. Aber Flora erkannte gelbe Rosen und nur Omimi schmückte ihren Hexenhut mit gelben Heckenrosen.
Omimi überquerte gerade mit langen Schritten den Marktplatz und steuerte geradewegs auf das Café Klatschmohn zu, das alle Bewohner der Stadt nur Klatschcafé nannten, weil man sich hier bei einer Tasse Kräutertee den neuesten Klatsch und Tratsch erzählte. An einem der Tischchen saßen drei alte Hexen beisammen und winkten Omimi eifrig zu sich.
Als Nächstes flog Flora über das Türmchenviertel hinweg, dann über das Windmühlenviertel und schließlich weiter über das Wasserviertel mit den vielen Wasserkanälen zwischen den Häuserzeilen. Dann lenkte sie ihren Besen zurück nach Hause zum Grasdachviertel.

Als Flora wieder über den Marktplatz flog, waren alle Tischchen des Klatschcafés leer. Omimi und ihre Freundinnen waren wohl schon nach Hause gegangen.
„Jetzt müssen wir uns beeilen, Kringel, gleich gibt’s Frühstück“, sagte Flora und ließ ihren Besen wieder etwas schneller fliegen.
Aus der Küche strömte der Duft von frischem Kräutertee und warmen Brötchen.
„Guten Morgen“, rief Flora fröhlich zur Haustür herein und landete ihren Besen direkt auf der Schwelle.
Omimi stellte gerade einen Korb mit frischen Hexenwecken auf den Tisch. „Wo warst du denn schon so früh?“, fragte sie.
„Draußen. Frische Luft tanken, um wach zu werden.“ Flora lehnte ihren Besen an die Wand und Kringel sprang auf den Tisch.
Genüsslich rekelte er sich zwischen Teetassen und Marmeladengläsern. Anemona Floribunda, Floras Mama, lachte. Sie streckte die Hand aus und streichelte Kringel, der gleich zu schnurren begann.

„Ich dachte, du schläfst heute mal aus, du musst doch gut ausgeruht sein für den Wettkampf heute Nachmittag“, sagte sie zu Flora.
„Ich bin ganz frisch und munter“, antwortete Flora vergnügt.
Omimi goss allen der Reihe nach Kräutertee in die Tassen.
„Hm, ich hab sogar richtig Lust aufs Frühstück“, verkündete Flora und schnappte sich einen Wecken.
Mama war überrascht. „Das ist ja ganz was Neues. Sonst bringst du doch morgens fast nie etwas runter.“
„Stellt euch vor, was ich im Klatschcafé gehört habe“, unterbrach Omimi sie. „Turdus Merula hat eine Entdeckung gemacht.“
Flora spitzte die Ohren. Turdus war in der ganzen Stadt bekannt, denn der Hexenrat hatte ihn damit beauftragt, sich um die magischen Tiere im Hexenrosenstädtchen zu kümmern.
„Was für eine Entdeckung?“, wollte auch Mama gleich wissen.
„Turdus hat herausgefunden, dass es magische Fledermäuse gibt. Er hat sie in irgendeiner Grotte gefunden und ganz viele von ihnen eingesammelt. Dabei hat er entdeckt, dass diese Fledermäuse wie Wärmelampen funktionieren. Turdus hängt nun überall solche Fledermäuse auf und will im Winter ganze Häuser mit ihnen beheizen.“ „Tolle Erfindung“, murmelte Mama und biss in einen Hexenwecken. „Und den Fledermäusen macht es nichts aus, irgendwo hängen zu müssen, um Wärme abzugeben?“, fragte Flora.
„Nein, ganz bestimmt nicht“, meinte Omimi. „Die hängen doch tagsüber ohnehin kopfüber an den Wänden und schlafen.“
Dann zog sie die Stirn in Falten. Kringel war nämlich gerade dabei, die Butter von Floras Brot zu lecken.
„Kringel!“, schimpfte Flora. „Wenn man dich mal einen Moment aus den Augen lässt …!“
Nach dem Frühstück hatte Flora jede Menge zu tun. Sie nahm ihren Flugbesen und ein schwarzes Döschen von der Küchenkommode und ging damit nach draußen. Ihren Besen legte sie über die Gartenbank und begann, den Stiel mit einer giftgrünen Salbe einzureiben. Kringel rollte sich im Gras zusammen und döste ein wenig.
Da ließen sich Nux und Borax auf der Lehne der Gartenbank nieder.
„Was machst du denn da?“, krächzte Borax.

Flora zuckte zusammen. „Nux, Borax, habt ihr mich erschreckt! Müsst ihr immer so lautlos anflattern?“
„Lautlos flattern ist unsere Spezialität“, sagte Borax stolz. „Nux und ich sind die einzigen Raben, die das können.“
„Was stinkt denn da so entsetzlich?“, fragte Nux.
„Das ist die Flugsalbe“, antwortete Flora. „Ich reibe damit meinen Besen ein. Flugsalbe lässt ihn schneller losflitzen.“
„Aber du fliegst doch auch so sehr schnell“, wandte Nux ein. „Was brauchst du da noch Salbe?“
„Alle Teilnehmer des großen Besenwettfliegens machen das so“, antwortete Flora. „Und es ist das erste Mal, dass ich mitfliegen darf. Da überlasse ich doch nichts dem Zufall, nicht wahr, Kringel?“ Flora beugte sich zu ihrem Kater hinunter, aber der öffnete nur müde ein Auge und schlief gleich wieder ein.
„Fauler Kater“, murmelte Flora. „Aber du wirst schon sehen. Heute wird ein aufregender Tag werden. Da wirst du die Augen aufreißen!“


Das Besenwettfliegen
Als Flora kurz vor Mittag zusammen mit ihrer Mama und Omimi auf der großen Wiese hinter dem Hexenrosenstädtchen ankam, hatten sich schon ganz viele Hexen und Hexer versammelt.
Mitten in dem Getümmel kam Hille, die kleine Helfe, angeflattert und ließ sich auf Floras Schulter nieder.
„Hille!“ Flora strahlte. „Danke, dass du den weiten Weg vom Birkenwald hierhergeflogen bist.“
„Das ist ja wohl ganz klar. Ich muss doch meiner besten Freundin zusehen, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben beim großen Wettfliegen mitmacht!“, sagte Hille. Die kleine Helfe hatte eine schmale Gestalt und hauchzarte durchsichtige Flügel auf dem Rücken. Ihre Stimme aber passte so gar nicht zu ihr. Sie klang immer ein bisschen heiser und ein wenig zu tief für ein so kleines zartes Wesen.
„O sind da viele Hexen“, sagte Hille.
Flora nickte und sah sich mit großen Augen um.
Da ertönte die Stimme von Punica Granata, der Oberhexe: „Liebe Bewohner des Hexenrosentals, ich begrüße euch ganz herzlich zum alljährlichen Besenwettfliegen! Teilnehmen dürfen alle Hexen und Hexer zwischen 8 und 888 Jahren.“
„Ich glaube, es geht bald los“, sagte Hille. „Ich fliege rauf zur Linde. Da sitzen auch Nux und Borax. Ich werde dir von dort aus zusehen.“ Flora nickte erneut. Inzwischen war sie so aufgeregt, dass sie kaum noch sprechen konnte.
Die Oberhexe fuhr fort: „Dieses Jahr haben wir uns etwas Besonderes einfallen lassen. Es geht nicht nur um Schnelligkeit, sondern auch um Geschicklichkeit …“
Flora hörte nur mit halbem Ohr zu. Das wusste sie doch schon alles von Mama und Omimi. Der erste Teil des Wettbewerbs würde ein Hindernisfliegen sein, und wenn man alle Hindernisse überwunden hatte, flog man, so schnell man nur konnte, über die weite Mohnblumenwiese. Wer danach als Erster durch das große Spinnennetz am Ende der Wiese flog, war der Sieger.
Flora beobachtete einen blonden Hexenjungen, der neben ihr am Start stand. Sie hatte ihn noch nie hier im Tal gesehen. Genau wie sie hatte er seinen Besen startbereit zwischen die Beine geklemmt. Er trug eine lange ärmellose Strickjacke, deren Taschen ganz ausgebeult waren. Darin befanden sich wohl unzählige Dinge und die Weste schien ziemlich schwer zu sein.

„Was hast du denn alles in deinen Taschen?“, fragte Flora neugierig. „Lauter brauchbares Zeug, mit dem man gut hexen kann“, sagte der Junge.
„Und das schleppst du alles immer mit dir herum?“, fragte Flora. „Immer!“, antwortete der Junge.
Flora legte den Kopf schief. „Die schwere Jacke wird dich beim Fliegen bremsen“, meinte sie.
Der Junge riss die Augen auf. „Du hast völlig recht, danke!“ Im nächsten Augenblick rief er: „Lilia, komm mal her!“
Ein kleines Hexenmädchen kam angerannt. Es hatte genauso zerzaustes blondes Haar und dunkle, lebhafte Augen wie der Junge und nahm ihm die schwere Strickjacke ab.
„Das war eine meiner fünf Schwestern“, erklärte der Junge. „Ich heiße übrigens Laurus Nobilis, ich bin neu hier im Hexenstädtchen. Meine Familie ist in den Sommerferien hierhergezogen.“
„Ich bin Flora Floribunda“, sagte Flora.
„Macht euch bereit, Teilnehmer!“, rief die Oberhexe nun. „In wenigen Augenblicken ertönt der Startpfiff!“
Floras Herz begann, ganz heftig zu schlagen. Sie umklammerte den Besenstiel und sah sich noch einmal um. Der blonde Junge lächelte ihr freundlich zu und sie lächelte zurück.
„Achtung, fertig … LOS!“ Ein Pfiff schrillte durch die Luft, Flora stieß sich kräftig mit den Füßen vom Boden ab und der Besen schoss empor.
Flora lehnte sich weit nach vorn und fühlte den Wind über ihren Rücken zischen. Vor ihr flogen ein paar Hexen, neben ihr ebenfalls, es war alles sehr eng und Flora musste gut aufpassen. Laurus war eine Zeit lang neben ihr, aber dann hatte sie ihn aus den Augen verloren. Nun kam das erste Hindernis: sieben Trauerweiden, die ganz dicht beieinanderstanden. Man musste so schnell wie möglich durch die hängenden Zweige hindurchfliegen. Das war gar nicht so einfach, denn die Weiden waren von der Oberhexe verzaubert worden und plötzlich begannen sich alle Baumkronen zu drehen wie Karussells. Die Weidenzweige rauschten im Kreis und strichen einem weich übers Gesicht. Man wurde ganz taumelig davon, und nicht wenige der Hexen wussten plötzlich nicht mehr, in welche Richtung sie fliegen sollten. Flora zog die Schultern hoch und kniff die Augen fest zusammen. Einfach geradeaus durch, sagte sie sich immer wieder. Schließlich hatte sie es geschafft. Sie spürte keine Weidenzweige mehr und öffnete die Augen.
Majoranus, der Sohn des Zeitungsmachers, flog jetzt vor ihr. „Das war lächerlich einfach“, rief er Flora großspurig zu. Flora schnalzte mit der Zunge und ihr Besen wurde schneller. Im Flitzeflug überholte sie Majoranus, doch der gab ebenfalls Gas und eine Weile waren beide Besen Stiel an Stiel. Dann fiel Majoranus ein bisschen zurück, blieb aber immer dicht hinter Flora.
Weiter ging’s den Fluss entlang über die Schafweiden bis zu den Donnerfelsen. Als Flora die Felsen erreicht hatte, tauchte ein Hexer mit langen unordentlichen Haaren neben ihr auf. Sein dunkelgrauer Umhang flatterte wie ein knatterndes Segel hinter ihm her. Flora wusste sofort, wer das war: Turdus Merula, der bekannte Leiter des Magischen Tierhauses!
Der Hexer flog immer dichter an Flora heran, sodass sie kaum noch Platz hatte. Links neben ihr ragte die steile Felswand auf! Fast hätte Flora den Stein mit ihrem Ellenbogen gerammt. Konnte Turdus denn nicht aufpassen? „Heee!“, rief sie empört aus. Aber Turdus schien sie nicht zu hören und auch nicht zu sehen. Sie musste ihn wohl oder übel an sich vorbeilassen. Nun flog er vor ihr und Flora ärgerte sich. Das war doch Absicht gewesen!
Aber ihr blieb nicht viel Zeit zum Grübeln, denn wenig später ragten spitze Felsen, hoch wie Türme, vor ihnen auf. Im Zickzack musste man zwischen ihnen hindurchfliegen. Flora legte sich ordentlich in die Kurven und rauschte so an allen Hindernissen vorbei. Nach der letzten Felsenspitze blickte sie einmal kurz über ihre Schulter. Hinter ihr war nun niemand mehr zu sehen. Nur ein Stück weiter vorn erkannte Flora Turdus.

Flora streichelte sanft über das Holz des Besenstiels. „Lieber, guter Besen, flieg, so schnell du kannst. Gib alles!“ Floras Besen zischte rasend schnell durch die Luft.
Beim letzten Hindernis lag sie mit dem Hexer fast gleichauf. Eine Grotte tat sich vor Flora auf. Sie steuerte ihren Besen direkt darauf zu, doch der bäumte sich plötzlich auf und wich zur Seite. „Jetzt komm schon“, rief Flora ungeduldig. Noch mal lenkte sie ihren Besen auf den Grotteneingang zu und diesmal flog er in die kohlschwarze Grotte hinein. Es war so dunkel. Flora konnte nicht die Hand vor den Augen sehen. Und es war laut. Von überall hörte man es tropfen und es hallte von den Höhlenwänden wider. Sie wusste, dass die Grotte sehr groß und breit war, und hatte daher keine Angst, an den Wänden anzustoßen. Trotzdem spürte sie ab und zu, wie etwas sie am Arm oder Kopf streifte. Waren das Fledermäuse oder die anderen Hexen, die an ihr vorbeiflogen? Flora biss die Zähne zusammen und endlich sah sie Licht. Sie war am anderen Ende der Grotte angekommen!
Vor ihr breitete sich die große Mohnblumenwiese aus. Ab hier kamen keine Hindernisse mehr, es ging nur noch um Schnelligkeit.
„Los, jetzt ganz schnell weiter bis zum Ziel“, rief Flora. Der Besen bäumte sich noch einmal leicht auf und flitzte dann los. Flora schaute ein letztes Mal über ihre Schulter. Sie konnte niemanden sehen. Auch vor ihr war keiner mehr.
Komisch, wo waren alle nur hin? O du liebe Kreuzspinne, was, wenn schon alle anderen längst im Ziel waren? Was wenn sie die Letzte werden würde? O nein, wie peinlich, das durfte einfach nicht sein! Flora schmiegte sich ganz eng an ihren Besenstiel und flitzte, so schnell sie nur konnte, auf das große Spinnennetz zu. Komisch, das Netz war noch ganz. Es war nicht zerrissen. Im selben Augenblick, als Flora durch das große glitzernde Spinnennetz flog, begriff sie, was das bedeutete. Und da jubelte auch schon die Menge los.
„Wir haben die Siegerin!“, rief Punica Granata, die Oberhexe. „Flora Floribunda hat es geschafft! Sie ist die schnellste Besenfliegerin des Jahres!“
Flora hatte ihren Besen zum Stehen gebracht. Sie zitterte am ganzen Körper. Jetzt erst bemerkte sie, wie sehr sie sich angestrengt hatte. Nach und nach sausten immer mehr Hexen ins Ziel und dann spürte Flora einen Kuss von ihrer Mama auf der linken Wange und einen Kuss von ihrer Omimi auf der rechten Wange. Und plötzlich wurde sie hochgehoben und ein paar Hexenjungen stemmten sie auf ausgestreckten Armen in die Luft.

Flora strahlte. Sie konnte es kaum glauben. Sie war Erste geworden – mit großem Abstand! Sie hatte gewonnen!
„Die Siegerehrung findet in wenigen Augenblicken unter den drei Birken statt“, verkündete die Oberhexe.
Alle, die beim Besenwettfliegen mitgemacht oder zugesehen hatten, versammelten sich unter den Bäumen.
„Wir gratulieren unserer Gewinnerin, Flora Floribunda, acht Jahre!“, ertönte die Stimme der Oberhexe. „Flora hat zum ersten Mal am Besenwettfliegen teilgenommen und gleich den ersten Platz gemacht!“ Es wurde heftig applaudiert und man hörte Freudenpfiffe und Floras Name wurde immer wieder gerufen. Die Menge jubelte vor Begeisterung. Flora wurde erneut hochgehoben und auf das Siegerpodest in der Mitte gestellt. Punica Granata trat an Flora heran und hängte ihr eine Medaille um und dann setzte sie ihr einen geflochtenen Kranz aus Lorbeerblättern auf den Kopf.
Flora konnte gar nicht aufhören zu grinsen. Sie sah sich um und entdeckte in der Menge die stolzen Gesichter von Mama und Omimi. Hille flatterte in der Luft neben ihnen und klatschte wie wild.
„Wir gratulieren Turdus Merula zum zweiten Platz“, ließ sich die Oberhexe vernehmen.
Turdus bestieg die Stufe links neben Flora. Er hatte einen kleinen dicken Drachen dabei. Dunkelgrau glänzend war der und seine Rückenschuppen schillerten in allen Farben. Der Drache tapste schwerfällig hinauf auf die gestapelten Kisten und stellte sich neben Turdus. Er wirkte wie ein Hund, der treu seinem Herrchen überallhin folgt. Turdus wandte sich Flora zu und streckte ihr die Hand entgegen. Flora nahm sie recht erstaunt und Turdus schüttelte ihre Hand sehr kräftig, es tat beinahe ein bisschen weh. Flora überlegte für einen Moment, ob sie Turdus wegen des unfairen Flugmanövers am Donnerfelsen zur Rede stellen sollte. Doch da trat schon die Oberhexe zu ihnen und hängte auch Turdus eine Medaille um. Flora schluckte ihren letzten Ärger über den Hexer hinunter. Schließlich war jetzt alles gut!
„Den dritten Platz hat Majoranus Maculatus belegt“, rief die Oberhexe. „Auch er ist acht Jahre alt und hat dieses Jahr zum ersten Mal teilgenommen. Wir gratulieren unseren drei ersten Plätzen ganz herzlich!“

Alle applaudierten kräftig und dann begann das Fest. Musik ertönte. Das Hexenorchester hatte Aufstellung genommen und auf Flöten, Harfen, Geigen und Trommeln wurde ein fröhliches Lied nach dem anderen gespielt.
„O, wie schön du glitzerst, Flora“, sagte Hille bewundernd. Flora sah an sich herunter. Die silbrigen Fäden des großen Spinnennetzes klebten an ihrer Kleidung und sie funkelten tatsächlich wunderschön.
Vinus, der Wirt, lud alle in seinen Biergarten, wo Tische und Bänke aufgestellt waren, und es gab herrliches Essen.
Flora plauderte und lachte mit den anderen Hexenkindern. Sie spielten Fangen zwischen den langen Holztischen. Laurus war dabei sowie Cosmea, ein Hexenmädchen aus Floras Klasse, und natürlich Hille. Nur schade, dass Malte, Floras bester Freund, nicht da war. Aber er machte noch Urlaub bei seinem Großvater am Meer.
Flora lief nun schon zum achten Mal, um sich ein Eis zu holen. Hoffentlich bemerkte Mama das nicht!
Aber Anemona stand neben dem großen Kupferkessel, in dem die Kräuterlimonade vor sich hin blubberte, und sprach mit Turdus. Sein dicker Drache hockte vor dem Kupferkessel und starrte diesen an. Turdus redete sehr viel und Mama schien ihm äußerst gern zuzuhören. Als Flora wenig später mit dem Eis zurückkam, waren Mama und Turdus nicht mehr zu sehen. Aber Turdus’ Drache hockte immer noch vor dem Kupferkessel.
„Was macht er da bloß?“, fragte Hille, die herangeflattert war.
„Keine Ahnung. Vielleicht gefällt ihm das Blubbern der Kräuterlimonade“, meinte Flora.
Später wurde getanzt. Hexentango! Turdus forderte Mama auf und Flora hörte die Leute tuscheln.
„Was für ein schönes Paar“, sagten manche. Oder: „Dieser Turdus Merula ist wirklich ein charmanter Mann.“
„Tsss, von wegen charmant! Abgedrängt hat er mich“, dachte Flora. Oder war es wirklich nur ein Versehen gewesen?
Als der Mond schon ganz hoch am Himmel stand, ging das Fest zu Ende. Alle suchten ihre Besen zusammen und machten sich schwebend auf den Nachhauseweg.
Nur Turdus Merula schien fieberhaft etwas zu suchen. „Wo ist denn nur Estragon?“, rief er aufgeregt.
„Wer ist Estragon?“, wollte Mama Anemona wissen.
„Na, mein Drache“, antwortete Turdus. „Er weicht sonst nie von meiner Seite. Ich weiß gar nicht, wo ich ihn zuletzt gesehen habe.“
„Hier ist er!“, rief Laurus. Er zeigte auf ein dunkles Häufchen, das vor dem Kupferkessel hockte. Im Fackelschein betrachtete der Drache sein Spiegelbild in dem glänzenden Kessel. So wie es aussah, hatte er in den letzten Stunden nichts anderes getan und sich nicht vom Fleck gerührt.
„Komm, Estragon. Wir fliegen jetzt nach Hause“, sagte Turdus. Der Drache aber rührte sich nicht, sondern legte nur den Kopf schief und betrachtete sich weiter. Er schien ganz verliebt in sein eigenes Spiegelbild zu sein.
Hille fing an zu kichern. Flora, Laurus und Cosmea fanden den Anblick des Drachen auch äußerst komisch.
„Hat man schon so einen selbstverliebten Drachen gesehen?“, grummelte Turdus verlegen. „Kannst du dich jetzt endlich mal vom Fleck bewegen?“
Flora spürte, dass Turdus immer ungeduldiger wurde, und als niemand hinsah, gab er Estragon einen leichten Tritt in die Seite. Dann fasste er den Drachen unter den Bauch und hievte ihn von dem Kupferkessel weg.


Mutproben
„Flora, aufwachen“, sang Mama fröhlich.
Flora stöhnte. Es war doch Sonntag. Warum sollte sie nicht noch länger schlafen? Sie drehte sich um und öffnete mühsam ein Auge.
Floras Mutter stand vor dem Bett und schwenkte den Hexenrosenboten in der Luft. Dann legte sie die Zeitung auf die Bettdecke. Kringel bohrte sofort seinen flauschigen Kopf unter das raschelnde Papier und versuchte darunterzukriechen. Er liebte es, Verstecken zu spielen.
„Kuckuck“, rief Flora und riss dann ungläubig die Augen auf. Da, auf der Titelseite, das war ja sie selbst, wie sie auf ihrem Flugbesen durch die Luft schoss. „Flora Flitzebesen!“, stand unter dem Foto in fetten Buchstaben. Was sollte denn das heißen?
„Lies, was da über meine Tochter steht!“, sagte Mama stolz. Flora las laut vor:
„Die achtjährige Flora Floribunda, Tochter der bekannten Heilerin Anemona Floribunda, nahm dieses Jahr zum ersten Mal am Besenwettfliegen teil. Ganz offensichtlich handelt es sich bei der kleinen Flora um ein ausgesprochenes Flugtalent. Noch nie in all den vergangenen Jahren hat das Hexenrosental einen derartig schnellen Besenflug gesehen. Mit viel Geschick und Mut lenkte Flora ihren Besen durch alle Hindernisse und flitzte dann entschlossen und weit vor allen anderen ins Ziel. Flora ist die schnellste Besenfliegerin aller Zeiten. Es wäre kein Wunder, wenn das Mädchen ab sofort nur noch Flora Flitzebesen genannt werden würde!“
Ein zufriedenes Lächeln breitete sich auf Floras Gesicht aus. „Flora Flitzebesen, das gefällt mir“, sagte sie. Ihre Mutter nickte lächelnd.
Beim Frühstück las Omimi in aller Ruhe den Artikel und tätschelte Flora stolz den Kopf. „Unsere kleine Besenflitzerin“, murmelte sie.
„Diese Weiden, die sich wie Karussells gedreht haben, die hatten es ganz schön in sich“, erzählte Flora. „Aber ich bin einfach schnurgerade durch die Zweige durchgeflogen.“
„Ja, ja“, bestätigte Omimi, „das kannst du dir überhaupt fürs Leben merken: immer den geraden Weg nehmen und sich niemals für andere verbiegen!“
Am nächsten Tag ging die Schule wieder los, und obwohl Flora ziemlich müde war, war es nach den langen Sommerferien ganz lustig, wieder hinzugehen.
Auf dem Schulhof sah sie sofort Malte. Er war braun gebrannt und rief schon von Weitem: „Gratuliere, Flora! Ich habe gehört, du bist die Siegerin vom Besenwettfliegen!“
„Danke“, sagte Flora. „Schade, dass du nicht dabei warst.“

Plötzlich ging ein Raunen über den ganzen Schulhof und alle Hexenkinder sahen wie gebannt zum großen Tor. Da kam jemand mit wild zerzaustem Haar und einer Strickjacke mit vollgestopften Taschen angeflogen. Aber er saß nicht auf seinem Besen, wie jeder es tat, nein, er flog stehend!
„Das ist Laurus Nobilis“, sagte Flora. „Ich habe ihn beim Wettfliegen kennengelernt. Er ist neu im Hexenrosenstädtchen.“
„Neu und wohl auch ein bisschen verrückt“, murmelte Malte. „Wer fliegt denn schon im Stehen?“
„Vielleicht ist ihm sitzen einfach zu langweilig?“, meinte Flora. „Also ich finde das richtig hexig!“
Laurus kam in die gleiche Klasse wie Flora und Malte.
In der großen Pause nach den ersten beiden Schulstunden setzte er sich gemeinsam mit Flora und Malte im Schulgarten unter den Pflaumenbaum.
Laurus wusste eine Menge nützlicher Zaubersprüche. Einer ging so:

„Früchte am Baum,
es wär’ mein Traum,
wenn ihr den Ast verlasst
und in meinen Mund passt.“
Laurus lag auf dem Rücken im Gras und hielt den Mund sperrangelweit auf. Tatsächlich fiel in diesem Moment eine Pflaume direkt in seinen Mund.
Flora legte den Kopf schief. „Das war Zufall“, sagte sie schließlich. „So komische Hexensprüche gibt es nicht. Den hast du gerade selbst erfunden, gib es zu!“
„Was heißt da Zufall?“, fragte Laurus kauend. „Das ist höchste Hexenkunst.“ Er spuckte den Kern quer über den ganzen Schulgarten. „Und das hier ist höchste Spuck-Kunst.“
Malte pflückte sich eine Pflaume vom Baum, aß sie, so schnell er konnte, und spuckte den Kern in hohem Bogen über das Schuldach. Das war auch nicht schlecht!

„Jetzt ich!“, rief Flora, schnappte sich auch eine Frucht und spuckte den Kern ungefähr zwei Meter weit … direkt vor Majoranus’ Füße! Er stand da und grinste, seine beiden Freunde Piper und Salvia, die ihm stets wie Schatten folgten, neben ihm.
„Na, im Weitspucken bist du jedenfalls schwach unterwegs“, stellte Majoranus fest.
Flora schnaubte verärgert.
„Und mit deinen Flugkünsten ist es auch nicht weit her“, fuhr er spöttisch fort.
„Was soll das denn heißen?“, fragte Malte und richtete sich auf.
„Das soll heißen, dass Flora Flitzebesen eigentlich Flora Schwindelbesen heißen sollte“, sagte Piper. „Das Ganze war doch ein riesiger Betrug! Niemals fliegt Flora wirklich so schnell. Sie hat alle reingelegt!“
Malte, Flora und Laurus wollten gerade ganz empört etwas erwidern, da waren Majoranus und seine beiden Freunde schon weitergegangen.
In jeder Pause rief Majoranus Flora nun irgendeine Dummheit nach. Einmal rief er: „Puuuh, hier stinkt es nach Flugsalbe! Sicher ist es Flora. Die verwendet ja kiloweise Flugsalbe, das weiß doch jeder.“
„Sag mal, geht’s dir noch gut?“, rief Flora zurück. „Jeder nimmt Flugsalbe beim Besenwettfliegen.“
„Ja schon, aber nicht kiloweise“, meldete sich nun Piper.
„So ein Schwachsinn, es macht überhaupt keinen Unterschied, ob man den Besenstiel mit viel oder wenig Flugsalbe einreibt“, konterte Laurus. „Ihr seid echt blöd, wenn ihr das glaubt!“
„Ich weiß nur eins“, schrie Majoranus wütend zurück. „Flora hat geschummelt! Ich wette, dass ihre Oma ihr irgendeine verzauberte Flugsalbe gegeben hat und sie nur deshalb so schnell war!“
Flora zupfte Majoranus am Ärmel. Laurus und Malte standen dicht hinter ihr. „Du glaubst also, dass ich nicht die schnellste Besenfliegerin im ganzen Hexenrosental bin, ja?“, fragte Flora wütend.
Salvia war hinzugetreten. „Ich habe einen Vorschlag“, sagte sie. „Flora und Majoranus machen heute Nachmittag noch mal ein Wettfliegen. Nur die beiden, ganz ohne Flugsalbe und dann werden wir sehen, wer schneller ist.“
Flora verdrehte die Augen. „Das ist ja lächerlich, aber bitte sehr, wenn ihr unbedingt wollt.“ Sie überlegte kurz. „Wir treffen uns um Punkt drei Uhr an der Südostecke des Efeuwaldes.“
„Was sollen wir denn ausgerechnet da?“, fragte Majoranus erstaunt. „Im Efeuwald spukt es. Niemand geht freiwillig dorthin.“
Flora grinste zufrieden. „Das sollte doch so einen tollen Flieger wie dich nicht stören! Jetzt ist es nicht nur ein Wettfliegen, sondern auch eine Mutprobe! Wir werden pfeilschnell durch den Efeuwald fliegen. So schnell, dass der Spuk uns gar nicht erwischen kann.“
Majoranus sah gar nicht begeistert aus. Aber Malte und Laurus pfiffen durch die Zähne und klopften Flora anerkennend auf die Schultern.
Majoranus, Piper und Salvia warteten schon an der Südostecke des Efeuwaldes, als Flora, Laurus und Malte eintrafen. Hille flatterte heran und ließ sich etwas atemlos auf Laurus’ Schulter nieder.
„Also“, sagte Malte. „Beim Startpfiff fliegen Flora und Majoranus einmal quer durch den Efeuwald. Ich habe zu Mittag zusammen mit Salvia an der Nordwestecke des Waldes ein rotes Tuch angebracht. Es hängt an einer Tanne ganz am Waldrand. Dieses Tuch schnappt sich derjenige, der als Erstes dort ankommt, nimmt es mit und fliegt über die Baumspitzen hinweg wieder zurück an den Start. Wer das Tuch in den Händen hält, ist der Sieger.“
„Nun lasst uns eine Kontrolle machen“, sagte Piper. „Keiner von euch beiden darf Flugsalbe verwendet haben.“

Piper schnupperte an Floras Besenstiel und Malte schnupperte an Majoranus’ Besen. „Sehr gut! Es riecht nicht nach Flugsalbe“, stellten beide fest.
Malte und Salvia flogen nun über die Baumspitzen hinweg zur Nordwestecke. Sie wollten beim roten Tuch warten, um sicherzugehen, dass es keine Schwindeleien gab.
„Was ist, wenn der Spuk Flora erwischt?“, jammerte Hille. Laurus pflückte sich die kleine Helfe von der Schulter und sah ihr fest in die Augen. „Flora Flitzebesen wird so schnell durch den Wald flitzen, dass dem Spuk die Augen rausfallen werden“, versuchte er, sie zu beruhigen.
„Verfaulte Krähenkralle, können wir jetzt endlich anfangen?“, maulte Majoranus.
„Macht euch bereit“, sagte Laurus.
Flora setzte sich auf ihren Besen, beugte sich vor und konzentrierte sich. Majoranus tat es ihr nach.
„Viel Glück, Flora“, rief Hille. Dann erschallte ein greller Pfiff von Laurus’ Lippen.
Flora und Majoranus schossen mit ihren Besen hoch in die Luft und zwischen den ersten Tannen hindurch.
Du liebe Kreuzspinne, war das gefährlich! Man musste sich rechtzeitig ducken oder sich zur Seite drehen, um den Ästen auszuweichen. Der Wald war ein einziges Gestrüpp aus Tannenzweigen und Efeu! Die dunkelgrünen Ranken wuchsen an den Bäumen hinauf und baumelten in langen Bändern von den Ästen. Mehrmals verfing sich Floras Haar darin.
„Himmelhageldonnerwetter, das tut weh!“, schrie Flora. Der Efeu zog und zerrte an ihr, und es kam ihr vor, als würden ihr die Äste nur so entgegensausen.
Aber sie dachte gar nicht daran, langsamer zu fliegen. Geschickt lenkte sie ihren Besen zwischen all den Bäumen hindurch. Einmal schnalzte ihr ein Tannenzweig über die Wange.
„Auuuuh!“
Aber nichts da! Weiter, immer weiter! Flog sie überhaupt noch in nordwestliche Richtung? Und wo war Majoranus? Sie sah und hörte nichts von ihm.
Endlich lichtete sich der Wald ein wenig. Es schien so, als hätte Flora gleich den Waldrand erreicht.
„Na, hoffentlich bin ich nicht ganz am verkehrten Ende des Waldes angekommen“, murmelte Flora. Sie begann, nach dem roten Tuch zu suchen, von dem Malte gesprochen hatte.
„Nichts als Äste und Efeu in diesem Wald!“, schimpfte Flora vor sich hin. Doch da! Da leuchtete etwas Rotes. Flora schoss direkt darauf zu. Ja, es war das Tuch! Sie schnappte es sich flink von dem Tannenzweig.
„Bravo, Flora!“, rief Malte, der einige Meter entfernt aufpasste. „Du hast es geschafft!“
Flora strahlte ihren Freund an und dann pfiff sie über die Tannenwipfel hinweg, zurück in Richtung Südosten, wo die anderen warteten. Nur wo war Majoranus?
Laurus und Hille johlten vor Freude. „Flora, du bist die Schnellste! Ich wusste es!“, rief Hille. Im nächsten Moment fing sie an zu kichern. „Wie siehst du denn aus?“
Flora sah an sich herab. Ihre Kleidung war aufgerissen und überall hingen Efeu und Tannennadeln. Sie nahm ihren Hut ab und begann, Efeuranken aus ihren Haaren zu ziehen. Auch um die Spitze ihres Huts hatte sich eine Ranke gewickelt, aber Flora hatte keine Zeit, sie herunterzuholen, denn in diesem Augenblick kamen Salvia und Malte zurück.

„Wo ist Majoranus?“, riefen alle zusammen.
„Das wissen wir auch nicht“, antworteten Malte und Salvia. „Wir hatten gehofft, er sei inzwischen hier aufgetaucht.“
„Nein, keine Spur von ihm“, sagte Laurus.
„Komisch“, überlegte Flora. „Hoffentlich ist ihm nichts passiert.“
Noch eine ganze Weile standen die Kinder da und warteten auf Majoranus. Laurus kramte in seinen ausgebeulten Jackentaschen und fand einen Bleistift. Dann zog er aus seinem rechten Stiefel seinen Zauberstab heraus und tippte damit auf den Bleistift:

„Liebes Schreibholz,
sei nicht stolz.
Werde ein Fernrohr
oder lande im Moor!“

Es war kaum zu glauben, aber der Bleistift verwandelte sich tatsächlich. Zuerst fiel die Mine heraus, dann veränderte sich das Holzröhrchen und nahm die Form eines Fernrohrs an.
„Das ist echt hexig!“, rief Flora begeistert.
„Das ist mit Abstand der schlechteste Zauberspruch, den ich je gehört habe“, sagte Malte. „Liebes Schreibholz, sei nicht stolz … also echt!“
„Der Spruch hat funktioniert, oder?“, antwortete Laurus ein wenig beleidigt. „Man muss kein Poet sein, um gute Zaubersprüche zu erfinden. Das sagt mein Vater immer. Hauptsache, sie funktionieren.“
„Lass mich mal durchschauen“, meldete sich nun Flora. Sie hob das Fernrohr an und suchte damit den Himmel über den Baumspitzen ab. Doch Majoranus war nirgendwo zu entdecken.
„Als wir vorhin über den Wald flogen, habe ich Hilferufe gehört“, sagte Salvia.
„Was? Das sagst du erst jetzt?“ Malte sah sie entgeistert an.
„Ich glaube, ich fliege noch mal los und suche ihn“, sagte Flora schließlich.
„Kommt ja gar nicht infrage“, rief Hille. „Was ist mit seinen treuen Freunden hier? Sollen die ihn doch suchen!“
Gerade in diesem Augenblick stolperte Majoranus aus dem Wald heraus. Er hatte eine große Beule am Kopf und seinen Besen hielt er in beiden Händen. Er war zerbrochen.
„So, jetzt ist es wenigstens eindeutig!“, rief ihm Malte entgegen. „Genau, jetzt ist es eindeutig!“, rief Majoranus zurück. „Im Efeuwald spukt es, dass einem das Grauen kommt!“
„Das meinte ich nicht“, sagte Malte. „Ich meinte, es ist jetzt eindeutig, dass Flora die beste Besenfliegerin ist!“
Majoranus winkte ab. „Ganz offensichtlich hat Flora Glück gehabt. Mich hat der Spuk nämlich voll erwischt. Es war schrecklich! Ich bin vom Besen gefallen und dann wurde ich von allen Seiten gekitzelt. Anschließend hat man mir die Augen zugehalten und mich mit Efeuranken gefesselt. Als ich die Augen wieder öffnete, war nichts und niemand zu sehen. Ich lag auf dem Waldboden und konnte mich nicht bewegen. Überall hörte ich es flüstern und zischeln. So was von unheimlich, sage ich euch! Habt ihr meine Hilferufe nicht gehört?“
Majoranus sah fix und fertig aus. Ohne sich noch einmal umzublicken, stiefelte er Richtung Hexenrosenstädtchen. An seiner Kleidung hingen überall zerrissene Efeuranken.
„Was ist jetzt?“, rief ihm Hille hinterher. „Gibst du nun zu, dass Flora Flitzebesen die beste Besenfliegerin ist?“
Majoranus antwortete nicht. Er wandte sich nicht einmal um. Seine beiden Freunde folgten ihm in gebührendem Abstand.

„Lass nur“, sagte Flora zu Hille. „Es ist doch jetzt gar nicht mehr wichtig.“
„Fliegen wir nach Hause“, sagte Laurus. Malte, Hille und Flora nickten. Es sah nach Regen aus. Nach diesem Abenteuer würde es jetzt richtig gemütlich sein, in Floras Zimmer zu sitzen, Tee zu trinken und Hexenquartett zu spielen.

Im Efeuwald
Mit dieser Efeuranke hatte es irgendetwas auf sich. Flora betrachtete ihren Hut. Sie hatte ihn so wie immer über den Bettpfosten gestülpt. Die Ranke aus dem Efeuwald war noch um die Hutspitze gewickelt. Aber irgendetwas stimmte damit nicht. Sie glitzerte im Licht und ab und zu flog feiner Silberstaub aus den herzförmigen Blättern.
„Das ist doch nicht normal“, murmelte Flora. „Glaubst du, die kann explodieren?“, fragte sie an Kringel gewandt. Kringel schnupperte interessiert an der Efeuranke.
„Na ja, explodieren wird sie wohl nicht“, überlegte Flora. „Aber ganz geheuer ist mir dieser Efeu wirklich nicht. Ich glaube, ich bringe ihn doch lieber zurück in den Wald.“
Also schnappte Flora sich ihren Besen und trat vor die Haustür. Kringel sprang im letzten Moment in den Beutel, bevor sich Flora in die Lüfte erhob.
Flora schwebte durch das Hexenrosenstädtchen und dann den Fluss entlang, bis sie den Efeuwald erreichte. Dort stieg sie von ihrem Besen ab und hängte die Efeuranke an eine Tanne, ganz am Rande des Waldes. Den Wald zu betreten, wagte Flora erst gar nicht.
Da hörte sie ein Knistern im Gebüsch und dann war plötzlich ein Wispern und ein Pfeifen zu hören. Hier spukte es eindeutig. Nichts wie weg hier!
„Hallo, Hexenmädchen-ädchen“, sagte da eine helle Stimme.
Flora sah sich verwundert um. Aus dem Gebüsch kamen ein paar kleine grüne Kobolde gekrochen. Kringel sprang aus dem Beutel, tapste nach kurzem Zögern näher und schnupperte an den Kobolden. „Du bist die Besenflitzerin-in“, sagten die Kobolde alle zusammen.
„Die was?“, fragte Flora. So wie die kleinen Wichte sprachen, hörte es sich ein bisschen an, als würde ein Echo aus dem Wald widerhallen. „Du bist gestern durch unseren Wald geflitzt-itzt. Auf dem Besenesen!“
„Stimmt“, sagte Flora. „Ich bin Flora Flitzebesen. Und ihr? Seid ihr Moosmännlein?“
„Siehst du hier irgendwo Moos-oos?“, fiepste eines der grünen Wesen.
„Das hier ist der Efeuwald-ald und nicht der Mooswald-ald. Wir sind Efeumännchen, auch Feuxe genannt-annt.“
„Ich habe noch nie von Feuxen gehört“, sagte Flora.
„Kannst du auch nicht-icht“, meldete sich ein anderer Feux. „Wir sind ja auch geheim-eim!“
Flora hob erstaunt die Augenbrauen.
„Es darf niemand von uns wissen-issen! Wir sind da, um im Efeuwald zu spuken-uken, damit niemand den Wald betritt-itt!“
„Warum denn?“, wollte Flora wissen. „Warum darf niemand den Efeuwald betreten?“
„Das wissen wir auch nicht so genau-au. Hedera Helix, die Fee des Efeuwaldes-aldes, hat uns das aufgetragen-agen. Wir müssen immerzu spuken-uken. Seit Ewigkeiten hat niemand mehr einen Fuß-uß in diesen Wald gesetzt-etzt. Wir dürften ja eigentlich gar nicht mit dir reden-eden.“
„Warum tut ihr es dann?“, fragte Flora.
„Na ja, Hexenmädchen-ädchen, weil wir dich um einen Gefallen bitten möchten-öchten“, sagte einer der Feuxe. „Vielleicht kannst du uns ja auf so einem Flitzeflug mitnehmen-ehmen? Das wäre ganz wundervoll-oll!“
Flora lachte erleichtert auf. Den Gefallen konnte sie den Kleinen gern tun. „Natürlich mache ich das“, antwortete sie.
Flora nahm alle neun Feuxe auf einmal in ihren Stoffbeutel. Kringel miaute ein wenig erstaunt. Das war doch eigentlich sein Platz und nun sollte er am Boden bleiben und zusehen? Das passte ihm gar nicht. Doch es blieb ihm nichts anderes übrig, denn nun machte Flora mit den Feuxen einen rasant schnellen Flitzeflug quer durch den Efeuwald.
Die Feuxe johlten vor Vergnügen. Sie kreischten und lachten so laut, dass alle Vögel im Wald aufflatterten und das Weite suchten.
„Das hat vielleicht Spaß gemacht-acht!“, keuchten die Efeumännchen atemlos, als Flora den Besen wieder nach unten steuerte.
Einer der Feuxe sprang als erster aus dem Beutel. Er stellte sich vor Flora hin und sah ihr fest in die Augen. „Wenn du versprichst-ichst, niemandem von uns zu erzählen-ählen, und ab jetzt öfter mit uns solche Flitzeflüge machst, dann verraten wir dir noch ein großes Geheimnis-is.“

„Ich verspreche es“, sagte Flora. „Das heißt … dürfte ich vielleicht meinen besten Freunden von euch erzählen? Sie sind wirklich schwer in Ordnung, ihr könnt ihnen vertrauen. Hille, Malte und Laurus heißen sie.“
Die Feuxe überlegten. „Also gut-ut“, sagten sie zögernd. „Aber nur die drei-ei. Sonst darfst du wirklich niemandem von uns erzählen-ählen.“ „Ich verspreche es hoch und hexig!“, sagte Flora und legte feierlich zwei Finger an ihren Hut. „Und ich verspreche außerdem, dass ich euch nun ganz oft auf Flitzeflüge mitnehme.“
Die Feuxe nickten alle sehr zufrieden. Sie setzten sich in Bewegung und bedeuteten Flora, ihnen zu folgen. Kringel trottete hinterher, immer noch ein wenig beleidigt.
„Komm, Hexenmädchen-ädchen, gleich sind wir beim Geheimnis-is!“ Im nächsten Augenblick standen sie auf einer Lichtung vor einem kleinen Hexenhäuschen, mitten im Wald. Es war über und über mit Efeu bewachsen. Leer und verlassen stand es da. Ein Fensterbalken hing schief in den Angeln, die Scheiben waren vor lauter Spinnweben fast nicht zu sehen. Flora ging mit den Feuxen einmal um das Häuschen herum. Hinten gab es einen kleinen Gemüsegarten.
„Es steht seit vielen Jahren leer-eer“, erklärten die Feuxe. „Wenn du willst, Hexenmädchen-ädchen, kannst du darin wohnen-ohnen.“
Flora riss erstaunt die Augen auf. „Äh … ich habe nicht vor, in den Efeuwald umzuziehen“, begann sie vorsichtig. Sie wollte die Feuxe nicht beleidigen. Darum dachte sie kurz nach. „Aber meine Freunde und ich, wir könnten dieses Häuschen wunderbar brauchen. Wir könnten es als geheimen Treffpunkt nutzen! Dürfen wir?“
„Ja, natürlich-ürlich“, erwiderten die Feuxe. „Ihr könnt kommen, wann ihr wollt-ollt. Dann sind wir nicht so allein im Wald-ald.“
„Warum wohnt denn ihr nicht in diesem Häuschen?“, fragte Flora.
Die Feuxe schüttelten alle miteinander den Kopf. „Wir brauchen über uns den freien Himmel-immel“, sagten sie. „Wir laufen den ganzen Tag im Wald-ald umher und nachts schlafen-afen wir in kleinen Hängematten in den Bäumen-äumen.“
„Ich sage euch, es ist ideal für uns“, erklärte Flora später ihren Freunden. Malte, Hille und Laurus saßen auf dem Flickenteppich in Floras Zimmer und hörten ihr gespannt zu. Um Floras Hut kringelte sich immer noch die Efeuranke. Die Feuxe hatten sie ihr zum Abschied wieder mitgegeben. Sie sei ein echter Glücksbringer, hatten sie noch behauptet.
Flora redete weiter: „Dort haben wir unsere Ruhe vor den Erwachsenen und auch Majoranus und seine Freunde können uns nicht auf die Nerven gehen.“
„Und es steht wirklich leer?“, fragte Hille.
Flora nickte. „Ja, seit vielen, vielen Jahren. Das haben die Feuxe zumindest behauptet.“
„Also, dass es im Efeuwald gar keinen richtigen Spuk gibt, sondern so komische grüne Kobolde, finde ich ja fast noch spannender als das Häuschen“, meinte Malte.
„Wann können wir uns die Feuxe und das Efeuhäuschen ansehen?“, wollte Laurus wissen.
Malte schaute aus dem Fenster. „Es dämmert bereits“, stellte er fest. „Jetzt ist es zu spät. Lasst uns morgen dorthin fliegen.“
„Ich muss sofort aufbrechen“, sagte Hille. Sie stand schon auf dem Fensterbrett, bereit zum Abflug.
„Komm gut nach Hause“, sagten Flora, Malte und Laurus.
„Danke“, rief Hille und flatterte los in die Abenddämmerung hinein. Am nächsten Tag schien es, als wolle die Schule kein Ende nehmen. Flora konnte sich kaum gedulden. Sie wollte endlich ihren Freunden das Efeuhäuschen zeigen.
In der letzten Stunde hatten sie Tierkunde. Frau Boswelia erzählte von den magischen Tieren, die überall im Hexenrosendorf kleine Aufgaben übernahmen. „Zum Beispiel die Grashüpfer im Grasdachviertel“, erklärte sie, „die übermitteln kleine Botschaften. Aber sie tragen keine Briefe aus, sondern flüstern dem Empfänger die Botschaft ins Ohr. Malte, wie ist das denn im Wasserviertel? Du lebst doch mit deiner Familie dort.“
Malte setzte sich sofort ganz aufrecht hin und begann, von den magischen Goldfischen zu erzählen. „Also, im Wasserviertel haben wir ja anstelle von Straßen Wasserkanäle. Wir schicken uns die Neuigkeiten per Flaschenpost und die magischen Goldfische schieben diese Flaschen an und steuern sie an die richtigen Adressen.“


„Und welche magischen Tiere kennt ihr noch?“, fragte Frau Boswelia. „Magische weiße Tauben, sie bringen die Post im Windmühlenviertel“, rief Cosmea einfach heraus, ohne aufzuzeigen.
„Im Türmchenviertel gibt es flammenrote Spechte“, warf Laurus dazwischen. „Sie fliegen hoch zu den Fenstern und klopfen mit ihren Schnäbeln an die Scheiben, bis man ihnen öffnet. In ihren Schnäbeln sind die Briefe eingeklemmt.“
Frau Boswelia nickte. „Im Hexenrosenstädtchen wimmelt es also nur so von magischen Tieren“, sagte sie.
„Auf unserem Hausdach wohnen zwei magische Raben“, rief Flora. „Sie heißen Nux und Borax, können sprechen und beobachten alles, was im Städtchen geschieht. Abends berichten sie mir dann davon.“ „Solche Raben hätte ich auch gern“, meinte Viola, ein Hexenmädchen in der ersten Reihe.
„Sie gehören mir doch nicht“, verbesserte Flora sie. „Sie leben nur zufällig auf unserem Hausdach.“
„Ich habe eine Überraschung für euch“, verkündete Frau Boswelia nun. „Wir werden bald einen Ausflug ins Magische Tierhaus machen. Dort könnt ihr noch viel mehr magische Tiere bewundern.“
„Jaaaa!“, jubelte die ganze Klasse. Ausflüge waren immer gut. Dann musste man wenigstens nicht still sitzen.
Am Nachmittag trafen Flora, Hille, Laurus und Malte sich an der Südostecke des Efeuwaldes. Kringel war natürlich auch mit dabei. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Eigentlich war es im Efeuwald wunderschön. Zwischen den Bäumen wuchs weiches Gras, Vögel zwitscherten fröhlich, und es gab jede Menge Brombeersträucher, von denen man naschen konnte. Als sie schließlich vor dem Efeuhäuschen standen, staunten Floras Freunde. „Das ist ja wunderbar!“, rief Hille begeistert. „Und das dürfen wir wirklich benutzen?“
„Ja, das dürft ihr-ihr!“, sagten ein paar Stimmen hinter ihnen. Da standen die neun Feuxe und schauten sie mit großen Augen an.
In der nächsten Zeit verbrachten Flora und ihre Freunde jeden Nachmittag im Efeuwald. Es war ein ganz perfektes Versteck – ihr großes Geheimnis. Die Kinder machten mit Begeisterung das Efeuhäuschen sauber. Sie entfernten alte Spinnweben, kehrten Staub zur Tür hinaus und putzten die Fensterscheiben. Die alten Möbel, die im Haus herumstanden, waren gut zu gebrauchen. Es gab eine kleine Küche und sogar Kochbücher standen in einem Regal.
Eines Nachmittags fischte Malte das dickste Kochbuch vom Regal und blätterte darin. „Ich koche euch heute eine heiße Beerensuppe“, verkündete er.

„Dürfen wir auch mitessen-essen?“, fragten die Feuxe. Sie standen vor dem Fenster und streckten neugierig ihre Köpfe hinein.
„Ja, wenn ihr die Beeren sammelt“, sagte Malte.
Die Feuxe machten mal wieder große Augen. „Geht nicht-icht“, sagte schließlich ein Feux. „Wir sind beschäftigt-äftigt.“
„Womit denn bitte?“, wollte Flora wissen.
Bisher hatte sie die Feuxe nur als kleine grüne Nichtsnutze erlebt. Während Flora und ihre Freunde das Efeuhäuschen sauber gemacht hatten, waren die Feuxe nur wie verrückt umhergesprungen. Nützlich hatten sie sich jedenfalls nicht gemacht.
„Also, was müsst ihr so Dringendes machen?“, fragte Flora.
„Wir müssen im Wald spuken-uken“, sagten die Feuxe schnell und weg waren sie.
Doch als der Duft von Maltes Beerensuppe durch den Wald zog, kamen die Feuxe plötzlich angewuselt.
Eins war klar. Für heute waren sie mit dem Spuken fertig – genau rechtzeitig.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.