Kitabı oku: «Bin Skorpion, Krebs unerwünscht», sayfa 2
Er hat mir einen Wirbel so verdreht, dass ich seit April Schmerzen habe. Nicht nur an der Stelle, sondern auch im Nacken, wo ich nie ein Problem hatte.
Darum war ich heuer bereits bei dem erwähnten MR-Institut, das sich übrigens, das möchte ich erwähnen, nie, nie gemeldet hat.
Auf mindestens vier, wenn nicht mehr Anrufe hin fand man es nicht der Mühe wert zurückzurufen. Ich will auch gar nicht wissen, ob das Band, das läuft, noch immer die verkehrten Öffnungszeiten erzählt.
In der Not lernt man auch dazu.
Ich möchte nicht dazulernen, ich möchte keine Not.
Darum auch der Kuraufenthalt. Mein Rücken und mein Nacken bereiten mir seit Monaten viel mehr Schmerzen als meine rechte Brust.
Sie war so wie immer. Ein wenig fester vielleicht an einer Stelle.
Ich werde in einem Monat fünfig Jahre. Der Wechsel.
Heute ist Freitag, ein Tag, nachdem man mir diese Botschaft übermittelt hat. Erst ein Tag danach. Ich kann es nicht fassen, die Zeit hat keine Bedeutung mehr.
Auf dem Weg zur Arbeit überlege ich noch immer, wie ich es sagen soll, ob ich es sagen soll, wem ich es sagen soll.
Gar niemanden möchte ich es sagen, ich möchte, dass es einfach nicht wahr ist, den gestrigen Tag ungeschehen machen.
Ganz schrecklich finde ich, dass alles normal ist. Der Weg zur Arbeit, der Frühverkehr, das Eintreffen im Kindergarten, die Gruppe.
Meine Arbeitskollegin sitzt bereits an einem Tisch mit ein paar Kindern. Ich grüße, lächle und möchte mich auflösen. Ich möchte jetzt schon weg und das, weil alles so normal, so wie immer ist.
Ich setze mich unter die erhöhte Puppenstube zu einem meiner Integrationskinder, die ich betreue.
Hier fühle ich mich wie in einem Versteck. Das Kind neben mir schüttet die weißen und roten Bohnen in die verschiedenen Gefäße, leert sie aus und füllt sie um.
Ich sitze daneben, lächle steif und lasse die kleinen Bohnen einfach zwischen meinen Fingern durchrieseln.
Wir sprechen nicht, das ist momentan gut, da ich krampfhaft überlege, wie ich es wem sagen soll.
Mein Integrationskind neben mir kann nicht sprechen.
Dann geht alles ganz schnell.
Ich stehe auf, gehe in die Gruppe der Leiterin und bitte sie, ins Büro zu kommen.
Ich setze mich auf den Sessel vor dem Schreibtisch, da ich mich schon wieder schwebend fühle. Sie kommt herein und meint gleich: Was ist denn?, da man mich so nicht kennt.
Ich erzähle ihr von meinem Tumor in meiner Brust. Sie kniet sich zu mir nieder, nimmt mich in den Arm, wir weinen. Ich, ich, ich. Ja, es dreht sich alles um mich, dabei wünsche ich mir diese zugeteilte Hauptrolle gar nicht.
Meiner Kollegin in der Gruppe muss ich es auch sagen und der Helferin in der Gruppe der Leiterin will ich es ebenfalls erzählen, da sich zwischen uns in der letzten Zeit eine so schöne Freundschaft entwickelt hat.
Wenige Minuten später wissen auch sie es. Ich löse das Gespräch auf, indem ich aufstehe und in die Gruppe gehe. Ich setze mich wieder zur Bohnenkiste, meine Kollegin setzt sich zum Tisch. Alles wie vorher.
Nach gefühlten zehn Minuten setze ich mich neben sie auf einen frei gewordenen kleinen Sessel.
Es kommt mir einfach so komisch vor, weil sie nichts sagt, tut, als ob nichts wäre.
Dann kommt es aus ihr heraus: Ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll.
Es ist okay für mich. Jeder reagiert anders. Auch sie hat Tränen in den Augen.
Danach erzählt sie mir von ihren Schwestern, ich weiß davon und dass es beiden wieder gut geht.
Da ich an diesem Arbeitstag den Anruf der Frauenärztin nicht überhören darf, habe ich mich heute für eine Jeans und einen olivfarbigen Kapuzensweater entschieden, da der vorne eine Art Eingriffstasche hat. Darin steckt mein Handy.
Es ist extrem selten, dass ich das Handy in der Arbeit mit mir trage, um einen Anruf nicht zu überhören, ich kann mich nicht erinnern, es je gemacht zu haben, aber heute ist Ausnahmezustand.
Dann das Telefon. Obwohl ich damit gerechnet habe, schreckt es mich gewaltig. Wo soll ich hin?
In der Gruppe ist es zu laut, im Personalraum ist kaum ein Empfang und im Gang befinden sich noch Eltern, die die Kinder bringen. Es muss schnell gehen und ich öffne die Terrassentür und gehe auf die überdachte Terrasse hinaus.
Es ist die Frauenärztin. Während des Gesprächs gehe ich in die Hocke, ich fühle mich immer so leicht, so schwebend.
Der Termin ist in fünf Tagen im hiesigen Krankenhaus. Ich weiß nicht, warum ich dann noch einmal nach dem Krankenhaus in Linz zu fragen begonnen habe. Im Unterbewusstsein kam es vor einigen Wochen bei einem Gespräch mit ganz anderem Zusammenhang vor und sie hat es auch gestern beim Gespräch erwähnt, als es um Erfahrungswerte bei Brustkrebs gegangen ist.
Sie ist nicht ungehalten, im Gegenteil. Sie erklärt mir sachlich, dass die großen Spitäler schon mehr Erfahrungswerte haben, da dort schon länger Brustgesundheitszentren eingerichtet sind. Im hiesigen Spital gibt es das Zentrum für Brustvorsorge erst ungefähr drei Jahre.
In diesem Augenblick weiß ich es, ich habe mich entschieden. Für mich zählen die Erfahrung, die Kompetenz und nicht die Entfernung und wie oft man mich besuchen würde.
Ich habe eine Entscheidung getroffen und sie um einen Termin in Linz gebeten. Es dauert nicht lange, bis das Handy in meiner Brusttasche wieder läutet und sie mir den neuen Termin nennt.
Einen Tag früher, also in vier Tagen.
Als ich den Gruppenraum wieder betrete, sind viele im Raum. Die Leiterin, die Helferin der vorderen Gruppe, meine Kollegin und unsere Helferin. Man hat mir Lavendeltee gemacht und mir ein Briochekipferl besorgt.
Obwohl ich diese so gerne mag, ist es mir fast nicht möglich, einen Bissen hinunterzuschlucken.
Ich weine natürlich wieder einmal, weil mir so schrecklich zumute ist und weil alle so betroffen sind. Erst als ich den Blick eines meiner Integrationskinder sehe, das am Nebentisch spielt, wird mir klar: Ich muss ganz schnell aufhören, mich von meinen Tränen leiten zu lassen.
Die Diagnose des kleinen Jungen lautet Autismus-Spektrum-Störung und ich sehe in seinem verstörten durchdringenden Blick, dass die Situation, mich weinen zu sehen, sehr irritierend für ihn ist.
Kurz entschlossen wische ich meine Tränen ab und erkläre ihm, dass ich heute traurig bin, jetzt aber wieder alles vorbei ist und streichele ihm über die Wange.
Die Ärztin will noch, dass ich die CD vom Institut hole und die Überweisung von ihr.
Kurz nach zehn Uhr verabschiede ich mich in der Arbeit und mache mich auf den Weg.
Am Montag will ich wiederkommen.
Im Röntgeninstitut muss ich kurz Platz nehmen, bis man mir meine Sachen fertigmacht.
Da sitze ich wieder, so wie gestern, nur ein paar Sessel weiter vorn.
Plötzlich setzt sich die Assistentin von gestern neben mich. Sie muss mich gesehen haben und vergessen hat sie mich nach den gestrigen Vorfällen wohl nicht.
Sie ist sehr persönlich in ihren Worten und meint auch noch einmal, wie unendlich leid ich ihr gestern getan habe. Danach sagt sie noch etwas sehr Nettes, ich kann mich an den Wortlaut nicht mehr erinnern, ich weiß nur, dass mir ein Lächeln übers Gesicht gehuscht ist und sie meint, sie wünsche sich, dass ich eines Tages wieder hier sitze und dieses Lächeln im Gesicht habe, wenn sie eine der Türen öffnet.
Bei solchen Worten von einer mir fast fremden Person drückt es mir wieder die Tränen in die Augen.
Danach fahre ich zur Frauenärztin. Die Überweisung liegt bereit und die Dame vom Empfang meint: Sie sind die Frau … Meine Mutter hatte auch BI5, sie musste operiert werden und jetzt geht es ihr seit vielen Jahren wieder gut.
In meiner Situation hört man dies im Hintergrund und speichert es vermutlich irgendwo ab. Auch die Ärztin kommt noch auf mich zu und wechselt ein paar Worte. Sehr sachlich, ohne große Versprechungen, Hoffnungen oder auch Ängste zu machen, was auch mehr als richtig ist.
Natürlich möchte ich von ihr ganz etwas anderes hören, ich habe auch gestern etwas ganz anderes hören wollen.
Man würde sich an jeden kleinen Funken Positives hängen. Jetzt braucht man eine klare Abklärung, danach kann man reagieren. Mein Verstand sagt irgendwie ja, mein Inneres schreit lautlos.
Mein dritter Weg führt mich in meinen Heimatort zum Hausarzt.
Ich brauche jemanden, der mir weiterhilft. Die OP meiner Mutter in drei Wochen und jetzt bin auch noch ich keine Hilfe mehr. Die ganze letzte Zeit habe ich organisiert, wie alles vonstatten gehen soll, wenn ich auf der Kur bin und meine Mutter im Krankenhaus ist. Das Szenario meine Mutter im Krankenhaus und ich gleichzeitig in einem anderen Krankenhaus habe ich nicht ahnen können.
Jetzt habe ich keine Ideen mehr, ich fühle mich unfähig zu denken.
Der Warteraum ist voll. Ich setze mich neben einen Mann in der Hoffnung, dass Männer weniger reden, und ich will bestimmt nicht reden.
Er hält sein Versprechen, ohne es zu wissen. Leider ist später eine Bekannte gekommen, die ich früher auch gerne mochte. Dinge ändern sich und sie erzählt mir von ihren Problemen.
Bereits seit zwei Wochen hat sie eine Erkältung. Schwer zu ertragen für mich in meiner Situation.
Ich halte es aus.
Als ich das Sprechzimmer meines Hausarztes betrete und ihm eine Kopie meiner Diagnose zeige, rollt er mit seinem Sessel etwas vom Schreibtisch weg, legt seine Hände verschränkt hinter seinen Hinterkopf und meint: Rechnen Sie mit einer Operation. Man kann heute schon so vieles auf diesem Gebiet machen. Seien Sie zuversichtlich.
Und meine Mutter?
Vielleicht kann man die Schulteroperation auch verschieben. Ich entgegne: Aber sie hat doch auch oft solche Schmerzen!
Er meint, ich weiß, aber Sie dürfen auf keinen Fall etwas verschieben. Seine Frage, ob ich in der Arbeit bin, bejahe ich.
Meinen Allgemeinzustand empfindet er vermutlich als am Limit, ich werde krankgeschrieben.
Zu Hause lasse ich mich wieder auf die Wohnzimmercouch fallen. Ich kann nicht mehr.
Mein Mann hat Dienst. Ich will es heute den Jungs sagen. Unsere Söhne sind vierundzwanzig und sechsundzwanzig.
Am Abend will ich mich mit ihnen zusammensetzen. Wir vier, die Urfamilie, wie ich sie oft nenne – und ich will ihnen von meiner Last erzählen.
Zuerst wähle ich die Handynummer unseres Großen. Ich weiß, er ist noch in der Arbeit, und ich versuche sehr ruhig und besonnen zu fragen, ob er heute am Abend zu Hause vorbeischauen könnte. Keine Tränen kommen mir in diesem Moment und auch meine Stimme ist für mich normal und kippt nicht. Ich kann sehr stark und besonnen sein, wenn ich es mir fest vornehme. Meistens, glaube ich jedenfalls.
Meine Sätze sind fertig gesprochen, als er mit angsterfüllter Stimme fragt: Mama, was ist denn los?
Ich erzähle es euch am Abend.
Mama, ich halte das nicht aus, ich komme nach Hause, jetzt.
Eine halbe Stunde später ist er bei mir. Eigentlich habe ich es meinen beiden Söhnen gleichzeitig erzählen wollen, auf einmal, vielleicht, weil es so schwer über meine Lippen kommt, nur einmal.
Jetzt nehme ich die Situation so, wie sie ist. Ich habe inzwischen meinen jüngeren Sohn angerufen und ihn gebeten, heute um neunzehn Uhr dreißig zu Hause zu sein, da ich ihm etwas erzählen muss.
Er ist ernst am Telefon und meint: Okay.
Da sitze ich nun mit meinem Großen am Küchentisch in unserer neuen Küche. Alles ist so schön, so gewohnt wie immer. Sogar die Sonne schickt ihr ganzes Licht in meine helle, neue, sonnendurchflutete Küche.

Wir Vier.
15 September 2017
Meine Worte an mein Kind aber sind so schwer, belastend, von Angst und Kummer erfüllt, dass ich mich schäme, ihm das antun zu müssen. Er, der gerade so glücklich die ersten Hochzeitsvorbereitungen für das nächste Jahr plant.
Nachdem ich fertig erzählt habe, sitzen wir stumm nebeneinander. Er hält meine Hände und weint.
Keine Ahnung wie lange, denn Zeit wird in solchen Situationen zeitlos. Irgendwann beginnt man dann wieder zu reden.
Wir hören auf einmal, wie die Haustür aufgesperrt wird. Es ist erst halb fünf. Auch mein jüngerer Sohn hat instinktiv gespürt, dass nicht alles so ist, wie es hätte sein sollen, und ist sofort nach der Arbeit nach Hause gekommen.
Auch ihn treffen meine Worte hart und auch seine Augen glänzen und spiegeln den Kummer wider, den ich ihnen nun aufgelastet habe.
Da sitze ich mit meinen zwei Jungs. An jeder Hand hält mich einer fest. Ich liebe sie aus ganzen Herzen, so innig, wie vielleicht nur wenige, sehr emotionale und besonders feinfühlige Menschen ihre Kinder lieben können.
Das zu schreiben, was ich unmittelbar erlebe, tut mir gut und weh zugleich. Es fällt mir so leicht, meine Gedanken in schwarze Buchstaben auf das Papier zu bringen. Das Wort „leicht“ zum Beispiel wirkt momentan wie ein Fremdkörper auf diesem Papier, denn leicht ist gar nichts.
Alles ist trostlos, zeitlos, aber nicht sinnlos. Sinnlos nicht, weil ich meine drei Männer habe, die ich so liebe. Aber alles ist so schwer. So schwer zu ertragen, so schwer zu verstehen.
Leicht ist eben für mich nur, das Erlebte in Worte zu bringen. Ich weine manchmal, wenn ich gewisse Dinge schildere, weil sie so nahe, so gerade erlebt sind. Ich weine, wenn ich mir später das Geschriebene durchlese und mich manche Zeilen ganz emotional treffen.
Aber es tut mir gut und manchmal mache ich einen Bogen um das gerade Erlebte und schreibe von Vergangenem. Dann spüre ich so viel Schönes in mir.
Für mich ist das Schreiben momentan ein Von-der-Seele-schreiben. Eine selbst verordnete Therapie, die Zeit vergehen zu lassen. Eine Angst-Bewältigung, wenn ich allein bin.
In der Hauptschule hatte ich in Deutsch einen Lehrer, der meine Aufsätze sehr gut fand. Meist fiel mir zu einem Schularbeiten-Thema so viel ein, dass ich gerade mit dem Schreiben fertig war, wenn es Zeit war, die Arbeit abzugeben. Zum Durchlesen fehlte mir meist die Zeit und so waren Rechtschreibfehler meine größte Schwäche.
Dieser Lehrer legte aber nicht den gesamten Schwerpunkt auf die Rechtschreibung, sondern für ihn war damals schon wichtig, dass es bei einer Deutsch-Schularbeit und bei Aufsätzen auf mehrere Komponenten ankommt und man die Kreativität eines Menschen nicht ihm Keim erdrücken darf.
Ich bin ihm sehr dankbar. Im Nachhinein vielleicht sogar noch mehr, als ich es damals verstanden habe. Danke, Herr L.
In der BAKIP, Bundeslehranstalt für Kindergartenpädagogik, so hieß die korrekte Bezeichnung damals, schaute es dann ganz anders aus. Dem Herrn Professor, den ich gleich in den ersten beiden Jahren bekam, war es egal, wie die Worte aneinandergereiht waren, Hauptsache keine grammatikalischen Fauxpas.
Ich musste mich schleunigst ändern, um meine guten Deutschnoten zu behalten. Ein Herr Professor behält natürlich seine Linie.
Im Nachhinein schrecklich, was man kreativen Menschen antut. Leider gibt es so viele von diesen Typen. Erst in den weiteren Klassen war mir wieder ein junger dynamischer Deutschprofessor vergönnt, aber da hatten meine Erfahrungen schon Spuren hinterlassen und ich hatte die Prioritäten verstanden, um gute Noten zu erzielen.
Weniger Gefühl, viel Sachlichkeit und eine korrekte Zeiteinteilung, um Rechtschreibfehler zu vermeiden.
Erst neunzehn Jahre später, ich habe gerade nachgeschaut, begann ich wieder mit dem Schreiben.
Es war im Jahr 2005 bei einem Urlaub in Schweden. Mein Mann und unsere damals noch jungen Buben, sie waren elf und dreizehn, fuhren mit dem Auto nach Schweden, da wir ihnen nicht nur den Süden, sondern auch einmal den Norden als Urlaubsland zeigen wollten.
Wir wohnten in einem kitschig kleinen Haus an einem See mit weißen und gelben Seerosen in der Gegend, in der auch Astrid Lindgren gelebt hatte.
Eine Ortschaft mit zwei Häusern und dann ewig weit nichts. Auch der See war für die Gegend ganz normal und nichts Besonderes. Für uns schon, denn nachdem wir das Wasser am ersten Tag aus unserem Holzboot entfernt hatten, drehten wir vier fast jeden Vormittag eine Runde.
Die Kinder genossen es, zu rudern und sich anzustrengen. Mein Mann genoss es, nicht rudern zu müssen und nur die Richtung manchmal leicht zu korrigieren, und ich genoss es, gerudert zu werden und meinen Blick über dieses Seerosenparadies gleiten zu lassen.
Der Reiseplaner in unserer Familie bin ich. Ich liebe es, Reisen individuell zusammenzustellen. Die Neugierde und die Vorfreude auf ein neues Land sind für mich so wichtig wie der Urlaub selbst.
Wenn wir am Abend, nach unseren Tagesausflügen, zurück in unsere Stuga kamen, so nennt man diese schwedischen Häuser, gab es ein sehr einfaches Programm. Zuerst kochen, saubermachen und danach abwechselnd etwas Gemeinschaftliches oder jeder beschäftigte sich selbst mit etwas. Ich begann, die vielen Erlebnisse und Eindrücke, die wir täglich hatten, aufzuschreiben.
Ich beschrieb die Landschaft, die unendliche Weite, die Schauplätze der Astrid-Lindgren-Filme, die wir erleben durften, und die gemütlichen Abende in unseren Häuschen.
Im Nachhinein und noch Jahre später ist es wunderschön, diese Zeilen zu lesen. Ich schreibe sie auch nicht zu Hause schön, nein, ich mag meine kritzelige Schrift, wenn ich kaum Zeit zum Schreiben finde, und sehe die Ruhe in den Zeilen, wenn ich entspannt und ohne jede Hast bin.
Ich habe dies dann öfter gemacht.
2012 zum Beispiel fuhr ich mit meinem Mann zu unserem zwanzigsten Hochzeitstag auf eine Nordfrieseninsel. Da ich mir nicht so lange frei nehmen konnte und wir Zeit sparen wollten, fuhren wir nicht mit dem Nachtreisezug in Richtung Hamburg und Nordseeküste, sondern wählten eine Verbindung, die uns schon beim Morgengrauen die Küste erreichen ließ. So waren wir mit der ersten Fähre um zehn Uhr bereits am Ziel.
Der Haken an der Sache war: Wir hatten eine Fahrzeit von vier Uhr nachmittags bis acht Uhr morgens.
Sechzehn Stunden mit ungefähr achtmal umsteigen. Schlafen war nicht drin, denn da hätte ich irgendwo das Umsteigen verpasst. Und der Reiseleiter bin, wie erwähnt, immer ich.
Also schrieb ich. Ich schrieb über die Menschen im Abteil, die vorbeiziehende Landschaft und auch darüber, wie die Züge zuerst voll besetzt und allmählich zu später Stunde menschenleer werden.
Wie die Nacht den Zug durch das schwarze Nichts brausen lässt, ein entgegenkommender Zug nur wie ein kurzer Lichtkegel erscheint und wie langsam und beruhigend schön ein neuer Tag erwacht.
Als mein Vater 2011 an Krebs gestorben ist, habe ich auch geschrieben. Ich wollte etwas Besonderes für ihn. Er war so ein braver, ruhiger Mensch. Ich fand damals Worte, die ich heute noch fast wortgleich wiedergeben könnte, weil sie so aus meinem Innersten kamen. Ich weiß noch, dass unser Pfarrer zu mir sagte, dass sie unendlich schön und ergreifend sind und er nicht glaubt, dass ich sie vor allen Menschen in der Kirche in meiner Situation und auf dem Lesepult neben dem Sarg vorlesen kann.
Wenn ich weiß, dass ich stark sein will, bin ich es auch.
Ich habe es getan, ich habe die Worte nicht vorgelesen, ich habe sie erzählt, die Geschichte über das Sterben, über die Angst zu sterben und den Weg hinauf in den Himmel. Über die Köpfe der Leute hinweg.
Die Leute in der Kirche haben anscheinend alle geweint, hat man mir später erzählt, und manche kamen auf mich zu und haben gemeint, so etwas würden sie sich auch einmal wünschen.
Sie waren aber nur für ihn, ein letztes Dankeschön für einen Menschen, der nie besonders aufgefallen ist und doch der beste Ehemann und Vater war, den man sich vorstellen kann.
Vermutlich kann ich berühren mit meinen Worten. Vermutlich würde ich auch mit den Worten, die ich jetzt schreibe, berühren, da wir so viele sind.
So viele, die wie ich die gleiche Angst haben und warten müssen, was die nächste Untersuchung ans Tageslicht bringt.
Es ist erst Samstag. Erst zwei Tage sind vergangen, seit das Wort tumorös mein Leben und das meiner Familie so jäh verändert hat.
Die Zeit ist einfach nicht mehr so wie vorher, sie kriecht, sie vergeht nicht, sie bleibt fast stehen. Heute wären wir mit Freunden in die Krumau gefahren. Wir haben abgesagt, mein Mann hat es gemacht, denn ich konnte es nicht, genauso wenig wie ich jetzt irgendwohin fahren könnte, obwohl ich es sonst, im normalen Leben, so gerne mache.
Unsere Freunde sind sehr betroffen gewesen und haben mir ausrichten lassen, ich soll hoffen, es gibt auch gutartige Tumore. Ich soll die Hoffnung nicht gleich aufgeben und sie würden fest an mich denken.
Danach fahren wir zu meiner Schwiegermutter. Sie wohnt im gleichen Ort und ich wollte es ihr sagen, bevor wir am Montag alle beisammensitzen. Unser Großer hat in zwei Tagen Geburtstag. Er hat natürlich alles absagen wollen, als er gestern diese Botschaft von mir bekommen hat, aber ich will komischerweise mit meiner Familie diesen Geburtstag feiern, vielleicht gar nicht unbedingt feiern, ich will einfach, dass wir beisammen sind.
Mein erster Gedanke ist eigentlich gewesen: Ich sage es meiner Schwiegermutter nicht, dann kann sie es nicht gleich wieder allen – damit meine ich meine zwei Schwägerinnen und Schwager – weitererzählen, was sie sonst gerne macht.
Es fühlt sich aber für mich trotzdem nicht richtig an.
Sie ist in all den Jahren eine brave Schwiegermutter gewesen und ich vergesse nicht, dass sie viel für mich gemacht hat. Ich für sie genauso. Gegenseitigkeit einfach.
Außerdem habe ich mir vorgenommen, ihr zu sagen, sie soll die für mich so schwere Nachricht einfach noch ein paar Tage für sich behalten.
Ich habe noch immer die Hoffnung, es niemandem sagen zu müssen, da alles gut ausgeht für mich. Wenn nicht, aber diesen Gedanken will ich nicht fertig denken, würde ich es auch meiner Verwandtschaft sagen, da ich sie erst vor einer Woche zu meiner 50er-Feier eingeladen habe.
Wir setzen uns bei ihr an den Wohnzimmertisch. Ich bekomme wieder weiche Knie, zittere beim Reden und weine, als ich es geschafft habe, die schweren Worte über meine Lippen zu bringen.
Sie wirkt betroffen und beginnt wenig später davon zu erzählen, dass sie sich eine neue Steppdecke gekauft hat.
Montag, 2. Oktober
Kurz bevor wir um 16:30 Uhr zu unserem Sohn und meiner Fast-Schwiegertochter fahren, läutet es an der Haustür. Ich erwarte niemanden, erkenne aber sofort das silberne Auto. Es ist die Helferin aus der anderen Gruppe im Kindergarten, die ich viele Seiten vorher bereits erwähnt habe. Sie ist mir in den letzten Monaten zu einer besonderen Freundin geworden und so möchte ich sie ab jetzt auch bezeichnen.
Ich öffne die Tür, heule, sie schlingt ihre Arme um mich und gibt mir einen Glücksbringer für morgen. Er soll mich beschützen. Sie war heuer mit ihrem Mann vier Wochen in Südamerika auf Urlaub und in Bolivien hat sie dieses Amulett von einer alten Frau mit den Worten „Luck, luck, luck“ bekommen.
Sie hat all ihre Wünsche für mich dazu gepackt und jetzt gehört es mir.
So schnell, wie sie gekommen ist, ist sie auch wieder weg, nur ich habe jetzt einen Glücksbringer in meiner rechten Hosentasche, der auf mich aufpassen soll.
Das Zusammensein am Abend bei unserem Sohn ist schön gewesen, ja, wirklich schön. Ich habe mit all meinen Lieben zusammengesessen.
Wir nehmen meine Mama auf der Fahrt mit und meine Schwiegermutter auch. Meine Schwiegermutter verliert kein Wort mehr über das, was ich ihr gestern unter Tränen erzählt habe.
Ich weiß, ich könnte so nicht reagieren. Es tut mir weh.
Heute vor sechsundzwanzig Jahren kam unser Großer auf die Welt. Um 10:55 Uhr. Einen Monat zu früh, 47 cm groß, 3005 g schwer, kerngesund und wunderbar.
Sechsundzwanzig Jahre später ist er 1,84 m groß, ein feiner Kerl, der seine Mama während dieses Abends oft ansieht und mich beim Abschied in die Arme schließt und mir ins Ohr flüstert: Das schaffen wir, Mami, das schaffen wir.
Auch meine Schwiegermutter wünscht mir beim Aussteigen für morgen noch alles Gute und wir sollen ihr Bescheid geben.
Erst als ich wieder zu Hause bin, merke ich, jetzt kommt wieder die Angst in mir hoch. Morgen muss ich nach Linz, morgen muss ich zur Stechbiopsie.
Dienstag, 3. Oktober
Es regnet in Strömen und der Verkehr nach Linz ist enorm. Wir verlassen uns auf unser Navi, das uns über Marchtrenk lotst, um den Stau zu umfahren. Die Zeit wird fast knapp aufgrund der Verkehrssituation. Mein Mann schafft alles ohne mich, ich bin ihm keine Hilfe.
Ich drehe sogar die Musik auf, was ich sonst nie mache, da ich die Ruhe mag, aber mir fallen die Worte meines jüngeren Sohnes ein, der schon oft zu mir gesagt hat: Wie kann man es nur so ruhig haben wollen, da fühlt man sich ja schon gestorben. Ich will mich nicht gestorben fühlen, darum drehe ich die Musik auf und ich weiß, meinem Mann tut die Ablenkung trotz Autofahrt auch gut. Ich würde alles für ihn tun, so sehr liebe ich ihn, auch nach so vielen Jahren noch.
Wir kommen auf einer uns unbekannten Straße nach Linz. Wir sind angespannt. Die Situation, die Zeit, der Verkehr.
Das Navi bringt uns ans Ziel, zur Parkgarage neben dem Krankenhaus. Wir eilen hinein zur Aufnahme und werden zum Röntgenbereich geschickt, um die CD überspielen zu lassen, die ich vom Röntgeninstitut zu Hause mitbekommen habe. Ich unterzeichne eine Vollmacht, damit die Infos der Untersuchungen auch an meine Frauenärztin und meinen Hausarzt übermittelt werden dürfen.
Dann nehmen wir in der Brustambulanz Platz.
Schwerelos, zeitlos.
Wir müssen länger warten, aber ein Schild auf der Tür bittet um Geduld, da oft mehr Zeit gebraucht wird, um die Patientinnen gut aufklären zu können. Das versteht man und akzeptiert es selbstverständlich.
Mein Blick bleibt während des Wartens immer auf einem Bild einer Selbsthilfegruppe hängen. Darauf sind Frauen zu sehen, die bestimmt alle bereits etwas älter sind als ich, mit rosefarbigen T-Shirts und einem unbeugsamen, selbstbewussten Lächeln.
Rosa, die Farbe von Brustkrebs. Rosa war für mich bis jetzt immer die Lieblingsfarbe der Mädchen im Kindergarten. Rosa, die Farbe hat für mich in dem Moment eine andere Bedeutung bekommen.
Die Assistentin, die mir circa eine halbe Stunde später, als mein Termin war, die Türe öffnet, bittet mich in den Raum.
Ich setze mich kurz. Der Arzt fragt mich ein paar Dinge wie, warum ich zur Frauenärztin gegangen bin, ob ich Schmerzen habe, ob es Krebsfälle in der Familie gibt und wann eben genau meine Tage das letzte Mal waren. Vermutlich sind es sogar noch einige Fragen mehr.
Danach muss ich meinen Oberkörper freimachen und mich auf dem Rücken auf die Untersuchungsliege legen.
Der Arzt setzt sich daneben, sieht sich meine rechte Brust im Ultraschallgerät an, desinfiziert dann eine Stelle seitlich und gibt mir eine örtliche Betäubung. Danach wird mir das Gerät für die Biopsie gezeigt. Irgendwie wie diese langen Feuerzeuge, die einen Abzug wie eine Pistole haben und eben vorne mit einer langen, dickeren Nadel darauf.
Man erklärt mir auch noch das Geräusch, um mich nicht zu erschrecken. Ein lauteres Schnalzen.
Das Ganze ist zum Aushalten. Für den Arzt ist es wichtig, dass die beiden Proben absinken, so seine Worte. Danach werde ich gesäubert und verbunden und darf mich anziehen.
Er will noch einmal wissen, wann ich genau das letzte Mal bei der Mammographie war. Vermutlich kann er es auch nicht glauben, dass es 2014 war und man rechts überhaupt nichts gesehen hatte und im März 2015 noch einmal, weil in der linken Brust damals kleine Zysten zu sehen waren und man noch einmal in einem kürzeren Abstand kontrollieren wollte.
Rechts war alles in Ordnung, damals.
In einer Woche soll ich wiederkommen und eine Nacht hierbleiben, da er eine PET-Untersuchung durchführen will.
Wir fahren nach Hause und bereits im Auto, neben meinem Mann, fühle ich mich wieder geborgen und beschützt.
Auf dem Nachhauseweg legen wir noch einen Stopp ein und essen zu Mittag. Mein Mann isst gerne zur Mittagszeit. Heute ist es schon viel später. Er hätte bestimmt nichts gesagt. Wir kennen uns auch ohne Worte. Es war mein Vorschlag. Auch ich habe Hunger. Manchmal wundere ich mich über mich selbst, wie man in meiner Situation überhaupt noch hungrig sein kann. Aber ich habe in den ersten zwei Tagen bereits unbewusst zwei Kilo abgenommen und es ist nicht mein Ziel, jetzt schon abzumagern, da ich ohnehin nicht dick bin.
Zu Hause lege ich mich wieder in meine Kummerecke, auf die Wohnzimmer-Couch. Ich glaube, ich habe tief und fest geschlafen, denn ich hatte auch die ganze letzte Nacht nicht geschlafen.
Mein Mann liegt neben mir. Unsere Hände berühren sich. Als die Tränen beim Aufwachen wieder ganz heftig werden, beruhigt und küsst er mich. Ich liebe ihn.
Die nächsten Tage sind meinen Gedanken entglitten.
Ich weiß, dass ich versucht habe, im Haus alles sauber zu machen, damit, was auch immer auf mich zukommt, mein Mann nicht so viel Arbeit bekommt.
Ich habe Staub gewischt, einige Blumenstöcke im Wintergarten weggeworfen, die mir nicht so wichtig sind. Habe die Handtücher im Bad gewaschen und die letzten Weintrauben von den Reben der Terrasse geschnitten, da mich das laute Krächzen und Streiten der Vögel genervt hat.
An den Tagen, an denen mein Mann dienstfrei hatte, haben wir die Plastikwannen in meiner Waschküche mit Zetteln bestückt. Darauf habe ich ihm die Waschanleitungen notiert.
Die ersten Waschmaschinen voll Wäsche hat er dann bereits selbst gewaschen. Immer hatte jeder von uns seine Aufgaben im Haushalt. Wir haben einander immer geholfen seit so vielen Jahren, aber es gibt Tätigkeiten, die ich mache und solche, die er erledigt.
In den zwanzig Jahren, die wir in unserem Haus leben, habe ich zum Beispiel noch nie die Eier im Kühlschrank aufgefüllt oder mich darum gekümmert, dass in jeder von unseren beiden Toiletten genügend WC-Papier ist.
Ich fahre auch seit zwanzig Jahren mit immer genügend Sprit im Auto, obwohl ich äußerst selten tanke. Wäsche waschen und kochen sind mein Part. Ich weiß trotzdem – wenn ich einmal nicht zu Hause wäre, er würde es können.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.