Kitabı oku: «Maika bleibt bei mir»
Elin Ørjasæter
Maika bleibt bei mir!
Aus dem Norwegischen
von Christel Hildebrandt
Saga
1.
Es war in einer Nacht Anfang Dezember. Ich konnte nicht schlafen.
»Wir müssen ausziehen«, sagte Papas Stimme im Wohnzimmer. Mama und er sprachen leise und ernst miteinander. Ich versuchte zu lauschen, bekam aber nur mit, dass wir nicht mehr in Skiferlia wohnen können und dass Mama weinte, weil sie der Meinung war, es wäre hier doch schon eng genug.
Eng genug? Sollten wir etwa in eine kleinere Wohnung ziehen? Mikkel schnarchte neben mir. Ich wollte endlich ein eigenes Zimmer.
Ich hörte, wie Papa herumlief, die Türen zumachte und abschloss, alles noch mal kontrollierte, wie immer. Von hier fortziehen?
Gegen fünf muss ich eingeschlafen sein, denn ich wachte von Evas Zeitungskarren auf. Eva trägt jeden Morgen die Zeitung aus, obwohl sie eigentlich noch nicht alt genug dafür ist. Wir sind beide gerade dreizehn geworden.
Ich stürzte in die Küche und lief auf den Balkon. Der Karren stand da. Da entdeckte ich etwas. Mai-Katrin saß oben auf dem Karren, lutschte am Daumen und schlief. Evas kleine Schwester.
Ich lief auf den Flur, zog mir die Jacke über und sprang die Treppen hinunter. Eva war herausgekommen und versuchte, den Karren in dem dichten Neuschnee zu wenden.
»Ich bin’s, Marianne«, rief ich, als sie mich entdeckte. »Warum hast du Mai-Katrin mitgenommen?«
»Ich will sie nicht allein zu Hause lassen.«
»Ach, Eva, du, wir müssen ausziehen!«
Eva sah mich an.
»Wenn du wegziehst, dann sterbe ich! Dann melde ich Mama der Fürsorge und dann gehen Mai-Katrin und ich ins Kinderheim!«
»Ja«, sagte ich, »aber ich ziehe nicht weg. Verdammter Scheiß, ich zieh hier nicht weg.«
Wir sahen uns an. Es war, als stünde das ungewohnte Schimpfwort zwischen uns und lachte uns aus, statt den Ernst der Lage zu unterstreichen, wie ich es gedacht hatte. Wer waren wir denn, dass wir uns einbildeten, irgendwas verhindern zu können?
Mai-Katrin begann im Schlaf zu weinen. Ich war barfuß und hatte eiskalte Zehen. Dennoch blieb ich stehen und sah, wie Eva mit dem Karren weiterstapfte, mit der nuckelnden Schwester und all den Zeitungen.
»Eva«, rief ich ihr halblaut nach, »ihr könnt hinterher zu uns hochkommen!«
Aber Eva antwortete nicht. Sie stapfte einfach weiter, in die Dunkelheit hinein, ohne sich umzudrehen. Mit Mai-Katrin.
Wie üblich erwachte ich vom Krach. Jeden Tag der gleiche Krach oder genauer gesagt der gleiche Schrei von Mons im Zimmer nebenan.
Ich habe zwei Brüder, Mons, acht Jahre alt, und Mikkel, fünf. Mikkel und ich teilen uns ein Zimmer, weil niemand es aushält, das Zimmer mit Mons zu teilen. Als Belohnung dafür, dass er so schwierig ist, bekommt er also ein eigenes Zimmer.
»Wer hat meinen Hockeyhelm?«, brüllte er und trat mit aller Kraft gegen die Schranktür. Padabum, padabum, padabum sagten die Regale im Schrank; sie fallen nämlich immer herunter, wenn sie stärkerer Belastung ausgesetzt sind. Nachher muss Mama aufräumen und Papa reparieren, während Mons glücklich und zufrieden Video guckt und überbackenen Käsetoast isst.
Ich schaute auf den Boden, wo ich die Matratze für Eva und Mai-Katrin hingelegt hatte. Die Matratze lag unberührt da.
»Hast du meinen Hockeyhelm?« Mons steckte wutentbrannt den Kopf durch die Tür.
»Was soll ich denn damit?«
»Ich habe deinen Hockeyhelm nicht«, versicherte Mikkel, der auch aufgewacht war.
»OOOOHHH, wir haben heute einen Kampf, ich muss ihn unbedingt finden«, jammerte es draußen vom Flur, »ich muss, ich muss, ich muss.«
Jetzt hörte ich, wie er mit Gummistiefeln und Schuhen um sich warf. Der Arme.
»Wo hattest du ihn denn zuletzt?«
Das war Mama, mit müder Stimme.
»Hast du ihn gestern vom Training mitgenommen?«
Es kam heraus, dass Mons sich nicht mehr dran erinnern konnte, ob er ihn am Tag zuvor mit nach Hause genommen hatte. Höchstwahrscheinlich lag er da draußen in einer Schneewehe, wenn ihn nicht schon jemand mitgenommen hatte.
Wir löschten das Licht und gingen alle zum Wohnzimmerfenster, um Mons zuzusehen, der im Eiltempo durch den Schnee stapfte, übers freie Feld, um zur Schlittschuhbahn zu laufen und dort seinen Helm zu suchen. Mamas zaghaften Protesten zum Trotz war er nur in Pyjama und Jeansjacke losgestürmt. Plötzlich bekam ich ganz zärtliche Gefühle für ihn, meinen Bruder, der immer unter Aufbietung der gleichen wütenden, sinnlosen Energie wie um sein Leben rennt. Ich wünschte ihm, dass er den Helm bald finden würde.
Mama machte Frühstück und Papa kam aus dem Bad. »Wir können keinen neuen Helm kaufen«, sagte er.
»Ich weiß«, sagte Mama.
Ich ahnte den Zusammenhang, fragte aber nicht. Hatten sie kein Geld? Papa hatte vor zwei Monaten seinen Job verloren. Mussten wir etwa wegen des Geldes ausziehen?
Ich hörte Mons auf dem Flur. »Sorry, Mama«, rief er, »aber wir müssen heute ins Einkaufszentrum und einen neuen Helm kaufen.«
»Nein«, sagte Mama.
»Nein? Willst du, dass ich mir den Kopf auf dem Eis aufschlage? Weißt du, wie es aussieht, wenn die Hirnmasse nach einem Treffer mit dem Schläger auf den Hinterkopf rausquillt?«
»Mons«, sagte Papa. »Wir haben kein Geld für einen neuen Helm. Du kannst heute dann eben nicht spielen. Wir können es uns einfach nicht leisten.«
Papa stand abrupt auf und ging wieder ins Bad, als könnte er seine eigenen Worte nicht mit anhören.
»Könnt ihr denn nicht zur Bank gehen?«, schlug Mikkel vor.
Ich wollte ihm gerade erklären, wie das mit der Bank zusammenhing, als Mons so laut zu schreien anfing, dass das gar keinen Sinn hatte. »Was heißt das, ich kann heute nicht spielen. Bist du wahnsinnig, oder was?«
Er sah sich verzweifelt um, offensichtlich auf der Suche nach etwas, das er zertrümmern oder an die Wand schmeißen konnte.
Da klingelte das Telefon.
Ein Telefon, das klingelt, bedeutet immer auch eine Hoffnung. Wie ein ungeöffneter Brief im Briefkasten. Vielleicht wollte ja jemand mich und Eva zu einem Fest einladen, vielleicht war es ein Lehrer, der mir die Hauptrolle im Schultheaterstück anbieten wollte, oder es war die Lottogesellschaft, die Papa erzählen wollte, dass er eine Million gewonnen hatte ... Und ab und zu denke ich, wenn das Telefon klingelt, dass es John ist, der aus Amerika anruft, um mich zu bitten, ihm behilflich zu sein. Behilflich, Eva und Mai-Katrin zu kidnappen. »Mary-ann«, würde er mit seiner dunklen Stimme, die so dunkel ist wie seine Haut, sagen, »Mary-ann, do you wanna follow them over to the States?« Aber John ruft nie an, niemand hat von ihm gehört, seit er vor einem Jahr von Evas und Mai-Katrins Mutter weggegangen ist.
Jetzt hoffte ich, es würde jemand sein, der den Helm gefunden hatte. Mikkel stürmte ans Telefon. Er kann sich nichts Aufregenderes vorstellen, als sich mit »Rud, guten Tag« wie ein Erwachsener zu melden.
»Rud, guten Tag«, war auch ganz richtig draußen vom Flur her zu hören. Aber dann blieb es still. Eine ganze Weile.
»Hä«, sagte Mikkel schließlich.
Wieder Stille.
Dann noch einmal. »Hä?«
Dann legte er den Hörer beiseite und kam zu uns.
»Der da«, sagte Mikkel, »...«
»Hä?«, fragte nun Mons.
»Hä?«, fragte auch ich.
»Der da«, begann Mikkel von neuem, »der da, der hat gesagt ...« Er stockte. »... ich komm runter«, murmelte er wie zu sich selbst.
»Urgroßvater!«, rief Mama und lief auf den Flur »Das muss Urgroßvater sein. Wie nett«, hörten wir sie in einem merkwürdigen, steifen Ton. »Ja, das wird bestimmt schön. Willst du lange bleiben?«
Mons, Mikkel und ich saßen mucksmäuschenstill und lauschten. Urgroßvater ist ziemlich verschroben und sitzt immer auf seinem Stuhl da oben im Bjortal, wo Papa aufgewachsen ist. Urgroßvater ist fast hundert Jahre alt und hat da, wo eigentlich die rechte Hand sein sollte, einen Haken, weil er die Hand in eine Holzsäge gekriegt hat, als er noch jung war, und er trägt immer Lodenhosen und Arbeitshemden, die aus dem letzten Jahrhundert stammen.
»Urgroßvater kommt«, sagte Mama, als sie wieder in die Küche kam. »Hans!« Sie hämmerte an die Badezimmertür. »Urgroßvater kommt morgen mit dem Zug.«
»Was?«, fragte Papa und steckte den Kopf heraus. »Kommt Urgroßvater hierher?«
»Das Schlimmste ist«, sagte Mama, »dass er nicht sagen wollte, wie lange er bleiben will.«
»Na hör mal«, meinte Papa und sah sie sauer an, »das tut man nicht, da, wo ich herkomme. Auf dem Land ist immer Platz für die Verwandten.«
»Platz!«, zischte Mama. »Wo soll er denn schlafen, bei Mons oder wo?«
»Vielleicht kann Urgroßvater uns ja mit Geld helfen!«, flüsterte ich Mons zu.
»Der!«, flüsterte Mons zurück. »Der isst doch selbst nur Wassergrütze und alten Speck, der hat doch garantiert kein Geld!«
Eine halbe Stunde später standen Mikkel und ich draußen im Hausflur und warteten auf Papa. In letzter Minute war uns eingefallen, dass ja heute das Luciafest im Kindergarten stattfand, und Papa rannte wieder hoch, um ein weißes Oberhemd und Weihnachtsglitter zu holen, das wir dem Jungen umhängen konnten. Ich freute mich schon. Lucia! Das bedeutete leckere Luciakekse, gemütliches Schummerlicht und kleine singende Kinder mit Kerzen in der Hand. Wenn Papa mich anschließend zur Schule fuhr, konnte ich es schaffen, alles mitzukriegen.
Papa, Mikkel und ich gingen über das dunkle Feld zum Kindergarten. Von dort leuchtete ein warmes, gemütliches Licht. Im Umkleideraum wimmelte es von Erwachsenen und Kindern, von nassen Handschuhen, Winterstiefeln und Schneeanzügen in buntem Haufen.
Da kam Eva mit Mai-Katrin herein. »Ist heute irgendwas Besonderes?«, fragte Eva, während sie sich im Umkleideraum umsah.
»Heute ist Luciatag!«
»Oh nein«, rief Eva, »und ich habe für Mai-Katrin kein weißes Zeug!«
Sie setzte sich auf die Umkleidebank und sah ganz verzweifelt aus. Eine der Erzieherinnen kam herbei. »Wir haben noch ein weißes Hemd«, sagte sie schnell, »Mai-Katrin kann es ausleihen.«
»Und von uns kannst du Glitzer kriegen«, fuhr ich fort. »Papa hat eine ganze Menge mitgenommen, stimmt’s, Papa?«
»Nein, nein, nein«, brüllte Mikkel, »das ist mein Glitzer. «
»Du kannst ihn doch mit Mai-Katrin teilen«, entgegnete Papa bestimmt. »Guck mal, Eva, da hast du ein bisschen Weihnachtsschmuck, um sie herzurichten.«
Eva zog ihre Schwester um. Sie sah ganz erschöpft aus, als schaffe sie es kaum, Mai-Katrin das Hemd überzuziehen und die Glitzerkette um den Bauch zu binden. Mai-Katrin stand ganz still, ohne eine Frage zu stellen oder über irgendwas zu nörgeln.
Dafür war Mikkel umso schlimmer. »Nein«, rief er wieder, »die Knöpfe gehören andersrum, nicht so. Nein!«
»Die Leute müssen ja glauben, dass wir Kinderquäler sind«, flüsterte ich Papa zu, »so wie der Junge sich aufführt!«
Dann setzten sich alle Erwachsenen und großen Geschwister an einen Tisch und bekamen Luciakekse, die Deckenlampe wurde ausgemacht und wir hörten von der Küche her den Gesang näher kommen.
»Dunkel senkt die Nacht sich nieder, in Ställen und in Stuben«, sangen die Kinder. »Die Sonne ist verschwunden, die Schatten, sie drohen. Doch in unserem dunklen Haus, da erscheint mit hellem Licht Santa Lucia, Santa Lucia!«
Sie standen alle in einer Reihe, Andreas und Pål und Kristina und all die anderen Freunde von Mikkel. Mikkel schwenkte seine Kerze und johlte unbekümmert mit.
Mai-Katrin sah aus wie ein Engel. Ihr schwarzes, gekraustes Haar verlor sich im Dunkel, ihre braune Haut glänzte golden im Flackern der Kerzen und sie stand ganz ruhig, ein wenig abseits von den anderen Kindern, und schaute ernsthaft ihre große Schwester an. Eva saß wie eine Statue da, ihr langes, dunkles Haar verbarg fast ganz ihr weißes Gesicht. Keine von beiden sang, sie sahen einander nur an, als wären sie mit einem starken, unsichtbaren Band miteinander verknüpft. Wie zwei Fremde saßen sie da, unbeweglich und stumm, wie zwei Ausgeschlossene hier in der warmen, gemütlichen und ein wenig chaotischen Stimmung im Kindergarten, wo die Eltern und Geschwister Kekse mümmelten, flüsterten und den kleinen, singenden Zug fotografierten.
»Jetzt singen wir das Lied noch einmal«, sagte einer der Erwachsenen.
Ich kaute auf meinem Keks herum. Ich konnte ihn nicht hinunterschlucken. Plötzlich wurde mir klar, wovon das Lied handelte.
Dunkel senkt die Nacht sich nieder, in Ställen und in Stuben.
Die Sonne ist verschwunden, die Schatten, sie drohen.
Doch in unserem dunklen Haus,
da erscheint mit hellem Licht
Santa Lucia, Santa Lucia.
»Was wird nur aus Eva, wenn wir wegziehen«, dachte ich. »Ich bin doch die Einzige, mit der sie über alles Mögliche reden kann. Wer kann den beiden nur helfen?«
Die Nacht ist dunkel und still, aber auf einmal herrscht
ein Sausen in allen leisen Räumen
wie ein Flügelbrausen.
Schau, in unserer Tür steht sie da,
weiß gekleidet mit Kerzen im Haar,
Santa Lucia, Santa Lucia.
2.
Papa fuhr Eva und mich in die Schule. In der ersten Stunde schrieben wir eine Mathearbeit, deshalb hatte ich viel Zeit, über alles nachzudenken. Ich dachte an Urgroßvater.
Urgroßvater ist Papas einziger Verwandter. Eigentlich ist er nicht mal ein richtiger Verwandter, sondern sein Pflegevater. Als Papa fünf Jahre alt war, starb seine Mutter und sein Vater hat sich kurz danach erschossen. Urgroßvater kümmerte sich seit dieser Zeit um Papa, als wäre er sein eigenes Kind.
Jeden Sommer fahren wir ins Bjortal, um ihn zu besuchen. Wir spielen im Stall und im Schuppen. Wir müssen uns mit einem Waschlappen in der Schüssel waschen, weil er keine Dusche hat, und aufs Plumpsklo gehen, wo es reichlich stinkt. Aber das Tollste in Bjortal ist Marius. Marius ist Urgroßvaters Schwein, jeden Sommer hat er ein neues. Wir dürfen ihm einen Namen geben und wir taufen es immer Marius. Und zum Mittagessen essen wir den Marius vom letzten Jahr, den Urgroßvater im Herbst geschlachtet und eingesalzen hat.
Urgroßvater nimmt uns gern auf den Schoß. Er riecht alt, wie Kleidung, die jahrelang im muffigen Keller gelegen hat. Dann sagt er ein oder zwei Kinderreime auf, die wir nicht verstehen, weil er so komisch redet, aber das macht nichts, denn Urgroßvater ist schon zufrieden, wenn er sie aufsagt.
Und jetzt wollte Urgroßvater herkommen! Es war total unmöglich, sich ihn an einem anderen Ort als in der grauen Küche in Bjortal vorzustellen. Wo sollten wir ihn hinsetzen, wenn sein Stuhl nicht da war?
Über all das dachte ich während der Mathearbeit nach. Eva und ich sind bei Mathearbeiten immer sehr schnell fertig, weil wir beide in Mathe so schlecht sind, aber wir dürfen nicht rausgehen, ehe alle fertig sind. Ich sah, wie ihr die Haare ins Gesicht fielen. Sie saß schräg vor mir. Dann schob sie ihren Zettel von sich und legte das Gesicht auf die Arme. Gleich würde sie sicher einschlafen, wie so oft.
»Eva«, sagte ich in der großen Pause, »warum bist du so traurig?«
Sie antwortete mit einer Gegenfrage: »Kann Mai-Katrin bei euch wohnen?«
»Mai-Katrin? Meinst du für immer?«
»Nein, nur für eine Weile ...«
»Ist Julie sehr krank?«, fragte ich. Julie ist Evas Mutter.
So nannten wir es: krank. Auch wenn Julie sagte, sie wäre auf dem Trip. Aber drogensüchtig zu sein oder Alkoholikerin ist doch wohl wie eine Art Krankheit. Julie war wohl beides zugleich, aber nur ab und zu. Mehrere Jahre lang war sie ganz gesund gewesen. In den Jahren, als John hier gewesen war.
»Roger schlägt Mai-Katrin«, sagte Eva.
Roger war Julies neuer Freund. Er wohnte jetzt seit einem Monat bei ihnen.
»Oh nein!«
»Doch, er schlägt sie und gestern hat er nach ihr getreten, sodass sie mit dem Kopf gegen die Wand geflogen ist und hinterher gespuckt hat. Deshalb habe ich sie zum Zeitungsaustragen mitgenommen. Aber ich schaffe es nicht immer. Bei ihr zu sein, meine ich.«
»Und Julie?«
»Ach ... Mama ... Die sitzt nur auf dem Sofa und ist so weggetreten, dass sie überhaupt nichts mitkriegt. Oder sie schläft. Wie sollte sie da auf Maika aufpassen können? Maika ist letzte Nacht gegen eins aufgewacht und hat geweint«, fuhr Eva fort, »und bevor ich irgendwas tun konnte, war Roger schon in unserem Zimmer, hat sie aus dem Bett gerissen und getreten. Da hat sie nicht mehr geweint. Erst wieder, als ich sie in mein Bett geholt habe. Da hat sie sich an mich geklammert und wieder angefangen zu weinen. Und dann hat sie gespuckt. Ich kann bald nicht mehr, Marianne! Maika weint dauernd und ich tröste sie wie eine Blöde, damit sie still ist und Roger nicht kommt. Ich versuche alles, um auf sie aufzupassen. Und trotzdem schaffe ich es nicht!«
»Was glaubst du denn, wie lange wird Roger bei euch bleiben?«
»Keine Ahnung. Eine Weile ...«
Plötzlich fiel mir Mikkels ewige Frage ein. »Marianne, wie lang ist eine Weile?« Darauf gab es keine Antwort.
Wir drehten mehrere Runden um die Schule, Eva und ich, und schmiedeten Pläne.
Mai-Katrin konnte in der Ecke zwischen dem Fenster und Mikkels und meinem Bett schlafen. Eva konnte sie jeden Morgen abholen, wenn sie in den Kindergarten sollte, und ich konnte Mikkel gleichzeitig hinbringen, das war ja praktisch. Dann konnte Eva abends mit Mai-Katrin kommen, wenn sie ins Bett gehen musste.
»Und du, Eva, hast du keine Angst vor diesem Roger?«
»Mich zu schlagen traut er sich nicht«, sagte Eva. »Er hasst mich, traut sich aber nicht zuzuhauen. Und irgendjemand muss doch auf Mama aufpassen. Was meinst du, ob deine Eltern das in Ordnung finden mit Maika?«
»Ja, natürlich«, sagte ich im Brustton der Überzeugung und graute mich bereits davor, es ihnen erzählen zu müssen.
»Mai-Katrin?«, sagte Mama. »Du meinst, die kleine Mai-Katrin soll bei uns wohnen?«
»Nur nachts«, erklärte ich. »Eva passt tagsüber auf sie auf, wenn sie nicht im Kindergarten ist.«
»Ist es nicht langsam an der Zeit, dass der Dame das Sorgerecht entzogen wird?«, fragte Mama sauer. Sie meinte Julie. »Das ist doch ein Fall für die Jugendfürsorge, nicht für die Nachbarn.«
»Eva ist keine Nachbarin, Mama, sie ist meine beste Freundin!«
»Und gerade deshalb sollten wir vielleicht etwas tun, um ihr zu helfen. Die Fürsorge anrufen und berichten, was da vor sich geht.«
»Und was meinst du, was dann passiert?«
»Dann kriegen die beiden sicher ein besseres Zuhause.«
»Mama, aber das, was du ein besseres Zuhause nennst, das ist ein anderes Zuhause, und dann müssen sie von hier fortziehen! Ist das vielleicht gerecht, dass Julie weiter in Skiferlia wohnen darf, während Eva und Mai-Katrin von allen, die sie kennen, wegziehen müssen? Außerdem, es ist ja nur so lange, bis dieser Roger wieder auszieht.«
Papa hatte dagesessen und seine Zeitung gelesen, aber jetzt sah ich, wie er zuhörte. Nun legte er die Zeitung hin.
»Wenn das Mädchen einen sicheren Platz zum Schlafen braucht«, sagte er, »dann lass sie verdammt noch mal hier schlafen.«
»Und Urgroßvater«, fast schrie Mama, »was meinst du, was er von uns denken wird? Und wie soll es hier werden, mit Urgroßvater auf dem Sofa und drei Leuten in Mariannes Zimmer, wer soll sich dann um alles kümmern?«
»Ich«, erwiderte Papa, »ich habe ja die Zeit, ein Pensionat zu führen.« Er sah ein wenig traurig aus, als er das sagte.
»Aber kannst du mir vielleicht sagen«, fuhr Mama fort, »kannst du mir sagen, warum um alles in der Welt Urgroßvater ausgerechnet jetzt herkommt?«
»Das«, antwortete Papa, »das möchte ich auch gern wissen.«
Urgroßvater kam am nächsten Tag. Papa holte ihn vom Bahnhof ab. Er musste aus unserem alten Lada regelrecht herausgeschält werden und dann stand er da, sagte »Ja, ja«, und dann sagte er gar nichts mehr.
Alle Kinder im ganzen Wohnblock liefen auf den Balkon und starrten hinunter. So ist es nun mal hier in Skiferlia; wenn was passiert, dann wissen alle davon, und alle wussten sofort, dass unser Urgroßvater kam und bei uns wohnen wollte. Und nun standen sie da, Andreas und Pål, Jo und Elin und Kristina und all die anderen, und glotzten stumm auf Urgroßvater hinunter, der langsam auf unseren Eingang zuging. Er hatte einen kleinen Rucksack, das war sein ganzes Gepäck.
»Ja, herzlich willkommen!«, sagte Mama in der Wohnungstür und sah aus, als gefiele ihr das ganz und gar nicht.
»Hier kannst du schlafen«, sagte Mikkel und zeigte begeistert aufs Sofa.
»Ja, ja«, sagte Urgroßvater.
»Hier kannst du schlafen«, sagte Eva vier Stunden später freundlich zu ihrer Schwester, die sich an sie klammerte.
»Buuääh!«, rief Mai-Katrin. »Eva nicht gehen! Eva nicht gehen!«
Mai-Katrin ist erst vier. Eva sagte mit Engelsgeduld: »Eva kommt morgen früh und bringt dich in den Kindergarten, du schläfst hier mit Mikkel und Marianne, du kennst doch Mikkel und Marianne, nicht wahr?«
»Nein, nein«, schrie Mai-Katrin, »Maika schlafen bei Eva!«
Und dabei hatten wir alles so schön geplant! Ich war so enttäuscht, dass Mai-Katrin so ein Theater machte, dass ich fast böse auf sie wurde.
»Guck mal, da ist auch dein Teddy«, versuchte ich es und hielt ihr den Teddybär vors Gesicht.
Aber Mai-Katrin wurde nur noch verzweifelter.
»Teddy und Maika schlafen bei Eva!«
Da stand Mama in der Tür. Sie schaute zu Mai-Katrin, die aus vollem Herzen weinte und sich an ihre Schwester klammerte. Maika hatte eine Beule auf der Stirn und an dem einen Auge einen großen, blauen Fleck.
Eva, die doch immer so erwachsen ist, sah plötzlich ganz verzweifelt aus, als könnte sie nicht ertragen, dass ihr schöner Plan nicht klappen würde.
»Eva«, sagte Mama, »ich denke, es wäre nett, wenn du heute Nacht auch hier schläfst.«
Ich war kurz davor, zu Mama zu stürmen und sie ganz fest zu drücken. Papa und ich holten Decken, Kissen und noch eine Matratze, und Eva lief, um ihren Pyjama zu holen.
Also schliefen wir mit vier Personen in meinem kleinen Zimmer. Und Mama lachte beim Frühstück und sagte: »Als ich heute Morgen zu euch reingekommen bin, roch es nach einem alten Hamster!«
Aber ich hörte, wie sie Papa im Badezimmer zuflüsterte: »Hans, wie sollen wir das nur schaffen, noch drei Leute mehr zu versorgen?«
Am nächsten Tag saßen wir alle um den Küchentisch und aßen zu Mittag, Mons und Mikkel, Eva und Mai-Katrin, ich, Mama, Papa und Urgroßvater.
»Ich hoffe, das Essen schmeckt dir«, sagte Mama.
Urgroßvater antwortete nicht.
»Ich habe gesagt«, versuchte Mama es ein wenig lauter, »dass ich hoffe ...«
Papa hob abwehrend die Hände.
»Ist schon in Ordnung, das Essen«, sagte Urgroßvater. »Wenn ich nur ’n bisschen Speck kriege, dann bin ich schon zufrieden.«
»Hurra!«, rief Mons, »jetzt gibt es endlich ordentliches Essen hier im Haus!«
Ich sagte gar nichts. Ich überlegte nur, dass das Einzige, was hier in der Stadt Urgroßvaters Speck ähnelte, der Frühstücksschinken war, und den bekamen wir nur sonntags, weil er so teuer war.
Mama stellte die Kartoffeln mit einem resignierten kleinen Knall auf den Tisch. Wir aßen in aller Stille. Plötzlich blickte Urgroßvater auf und sah Mai-Katrin an.
»Ist das deine?«, fragte er Papa. »Die sieht ja irgendwie ausländisch aus, oder?«
Eva und ich sahen einander an.
»Nein, das ist ein Nachbarsmädchen«, erklärte Papa, »und das ist die Schwester.«
Er deutete auf Eva.
»Das ist also auch nicht deine?«, fragte Urgroßvater. »Dann hast du also nur drei, oder?«
Eva und ich starben fast vor Lachen. Dass er sich nicht einmal daran erinnerte, wie viele Kinder Papa hatte!
»Was führt dich denn hierher?«, fragte Papa.
»Ach, so langsam verheddert sich alles für mich.«
»Verheddert?«, fragte Mons mit vollem Mund.
»Er meint, dass er sich nicht so gut fühlt«, erklärte Papa.
»Na ja, er ist doch auch sechsundneunzig«, meinte Mons. »In dem Alter verheddert es sich bestimmt für viele«, fügte er zu Urgroßvater gewandt hinzu. Manchmal gibt Mons wirklich sein Bestes.
»Hattest du denn eine schöne Reise?«, versuchte Mama ein Gespräch einzuleiten.
»Ach ja.«
»Ja?«
Mama sah etwas angespannt aus. Sie ist es gewohnt, dass die Leute erzählen, wenn man sie etwas fragt, und nicht nur »Ach ja« sagen und dann wieder den Mund halten.
»Hast du vielleicht nette Leute getroffen?«
»Ach ja.«
Stille.
»Hast du auch ’nen Kaffee gekriegt?«
Mama ließ nicht locker.
»Ja, ja, da war so ’ne Frau, die ist mit ’nem Wagen rumgefahren, weissnichwa.«
»Und bei ihr hast du dir einen Kaffee gekauft?«
»Na ja, wenn man das Kaffee nennen kann. Er war ganz dünn. Und reichlich teuer.«
»Weissnichwa«, sagte Mikkel fasziniert. »Ich gehe raus und spiele ein bisschen Weissnichwa, darf ich?«
»Ja«, sagte Mama matt.
Zwei Tage vor Heiligabend kommt immer der Lions Club und verkauft zwischen den Häuserblocks von Ski-ferlia Tannenbäume. Ich hatte schon Angst, dass wir uns in diesem Jahr keinen Weihnachtsbaum leisten könnten, aber Papa zog sich Jacke und Stiefel an und fragte, ob wir mitwollten. Urgroßvater wollte auch mit, er fand es lustig zuzugucken, wie man sich in der Stadt einen Tannenbaum besorgt.
Ich suchte den Baum aus. Es war einer der größten mit vielen dichten Zweigen unten und ganz oben ein paar niedlichen hellgrünen.
»Dreihundert Kronen«, sagte der Lions-Mann.
»Wie viel?«, fragte Urgroßvater.
»Dreihundert Kronen«, sagte Mons.
»Dreihundert? Was will er für dreihundert Kronen?«
»Er will nichts kaufen«, erklärte ich, »er will uns den Baum für dreihundert Kronen verkaufen.«
»Den Baum?«, fragte Urgroßvater.
»Ja«, bestätigte ich.
Urgroßvater stand unbeweglich da und sah aus, als dächte er angestrengt nach.
»Da wird kein Geschäft draus.«
»Aber die Kinder brauchen doch einen Tannenbaum«, protestierte Papa.
»Ja, aber nicht diesen da«, entgegnete Urgroßvater.
Wir gaben es auf und gingen ohne Weihnachtsbaum nach Hause.
Um sechs Uhr am nächsten Morgen wachte ich davon auf, dass Mons mit Stiefeln und Jacke im Flur lärmte.
»Willst du raus?«, fragte ich.
Er zog mich zum Küchenfenster. »Guck mal«, flüsterte er.
Da draußen stand Urgroßvater mit Pudelmütze und dicker Jacke. Er hatte eine Axt in der Hand.
»Wohin wollt ihr?«, fragte ich.
Aber Mons war schon halb die Treppe hinunter.
Als wir anderen am Frühstückstisch saßen, schleppten Mons und Urgroßvater einen großen, schneenassen Baum an.
»Wo habt ihr den denn gefällt?«, fragte Papa verblüfft.
»Hinter der Schule«, berichtete Mons begeistert. »Ich freue mich schon drauf, wenn ich meinen Kumpels den Baumstumpf zeigen kann. Wir dürfen da nicht mal einen Ast abreißen, der Rektor sagt immer, das ist ein geschütztes Waldgebiet!«
»Vielleicht zeigst du dann lieber nicht den Baumstumpf«, sagte Mama trocken.
»Du Idiot«, flüsterte ich wütend Mons zu, »du hast doch gewusst, dass das nicht erlaubt ist. Du hast Urgroßvater angeschmiert!«
»Urgroßvater hat gefragt, ob der Wald der Gemeinde gehört«, murmelte er. »Und ich habe nur Ja gesagt.«
»Der Gemeinde! Dann könnte ja jeder da Bäume fällen!«
»Ich kann schließlich nicht alles wissen«, erwiderte Mons aufbrausend. »Jetzt ist es jedenfalls zu spät.«
»Da müsste mehr geschlagen werden«, sagte Urgroßvater.
Glücklicherweise hatte er nicht gehört, was Mons und ich geflüstert hatten. »Die Bäume stehen da viel zu dicht.«
»Da hörst du’s«, flüsterte Mons triumphierend. »Urgroßvater hat davon garantiert mehr Ahnung als der Rektor, oder?«
3.
Heiligabend waren Eva und Mai-Katrin unten bei Julie, denn Eva wollte nicht, dass ihre Mutter ausgerechnet an diesem Abend traurig sein sollte. Wir anderen aßen Schweinerippen und kleine Würstchen. Aber so richtig konnten wir uns nicht entspannen, Papa hatte dauernd irgendwas auf dem Flur zu tun, um zu lauschen, zu hören, ob aus Julies Wohnung irgendwelcher Krach ertönte.
»Mir gefällt das nicht«, sagte er immer wieder, »mir gefällt das nicht, dass die Kinder da unten allein mit Julie und diesem Kinderprügler sind.«
Vor dem Essen lasen wir im Weihnachtsevangelium. Das hatten wir noch nie gemacht, aber ganz offensichtlich wollte Papa, dass Urgroßvater glauben sollte, das wäre bei uns eine alte Weihnachtstradition. »Und es war kein Raum für sie in der Herberge«, las Papa.
»Ist es nicht bald zu Ende?«, stöhnte Mons. »Können wir nicht bald anfangen zu essen?«
Danach packten wir unsere Weihnachtsgeschenke aus. Julie war am Vormittag mit einer Flasche Whisky für Mama und Papa da gewesen sowie einer Stange Zigaretten, die sie ihnen unbedingt aufdrängen wollte, obwohl doch beide nicht rauchten. Die lag jetzt auf dem Tisch und erinnerte an die beiden, die nicht bei uns waren.
Wir bekamen keine tollen Weihnachtsgeschenke. Von Mama und Papa gab es nur Skistiefel, so was Langweiliges, Skistiefel zu Weihnachten, die sie sowieso kaufen mussten. Aber ich sagte nichts. Mons dagegen war reichlich sauer. Er hatte einen Wollpullover und eine neue Federtasche bekommen. Von Urgroßvater bekamen wir jeder ein glänzendes Zehnkronenstück, es war wohl schon eine Weile her, dass er das letzte Mal in einem Geschäft gewesen war. Zum Schluss gab es da noch die Pakete von Jeanette, Mamas Schwester, die den Abend retteten. Ich bekam einen Kassettenrekorder von ihr, Mons einen unglaublich tollen Hockeyhelm und Mikkel ein Piratenschiff!
Tante Jeanette verschenkt immer so viel. Alle Kinder ihrer Familie schenken allen Kindern unserer Familie etwas, was für uns bedeutet, dass wir uns reichlich anstrengen müssen es ihnen gleich zu tun. Von meinen Cousinen Katharina und Madeleine bekam ich ein Tagebuch mit Schloss und einem Blumenstrauß drauf und einen schicken Pullover.
»Mein Gott«, sagte Mama, »das muss ja mehrere Tausender gekostet haben. Und ich habe ihnen nur so billige Sachen geschenkt! Von Mikkel nur Weihnachtsschmuck, den er im Kindergarten gebastelt hat!«
»Na, Jeanettes Kinder brauchen ja auch keine teuren Weihnachtsgeschenke«, sagte Papa, »die haben doch jetzt schon mehr als genug.«
Da kamen Eva und Mai-Katrin reingestolpert. Eva sah traurig aus, Mai-Katrin einfach nur müde. Wir legten die Kleinen schlafen und gingen wieder ins Wohnzimmer. Urgroßvater sortierte das Geschenkpapier, strich es glatt und legte es in einem ordentlichen Stapel zusammen. Dann löste er alle Knoten des benutzten Geschenkbands und wickelte es zu kleinen Knäueln zusammen. Zum Schluss machte er aus allen Grußkarten einen Stapel und gab ihn Papa.
»Wollen wir den Whisky aufmachen?«, fragte Mama fröhlich. »Wo wir alle so schön zusammensitzen und es uns gemütlich machen!«
Wir blieben noch lange auf, guckten ein wenig Fernsehen und versuchten, die Welt da draußen zu vergessen. Urgroßvater erzählte, wie Papa klein war und was er alles für Blödsinn machte. Einmal hatte er den Stall in Brand gesteckt. Ein anderes Mal, als er mit Urgroßvater auf einem anderen Hof half, die Kartoffeln zu ernten und in Tonnen zu lagern, nahm Papa alle leeren Tonnen und rollte sie die steilen Abhänge zum Fluss hinunter, sodass die Erwachsenen mehrere Stunden brauchten, sie wieder zu bergen und hinaufzubekommen.
»Warum bist du Papas Pflegevater geworden, nachdem seine Eltern gestorben waren?«, fragte ich. »Hast du ihn schon vorher gekannt?«
»Du kannst es ruhig erzählen«, sagte Papa.
»Es wollte ihn niemand anders haben«, sagte Urgroßvater.
»Warum denn nicht?«
»Na ja, sie wussten ja, wie unmöglich er war. Aber ich dachte, dass es bestimmt nicht schlecht wäre mit ein bisschen Gesellschaft, und da ich allein war, konnte er ja nicht so furchtbar viel Unheil anrichten.«
»Nicht nur deshalb wollte mich keiner«, ergänzte Papa leise, »auch weil ich meinen Vater fand, als er sich erschossen hat. Ich war mit meinem toten Vater mehrere Tage lang allein, weil er den Riegel von innen vorgeschoben hatte, bevor er sich erschoss, und ich schaffte es nicht, ihn aufzukriegen.«
»Hat er denn gar nicht an dich gedacht?«, fragte ich.
Mir erschien es undenkbar, dass jemand erst die Türen verschloss und sich dann umbrachte – allein mit einem kleinen Kind im Haus. Er hätte doch zumindest Papa erst zu Urgroßvater geben können, dann nach Hause gehen und sich erschießen können!
»Manche Menschen denken eben nicht so weit und schon gar nicht an andere«, sagte Papa. »Auch wenn sie Kinder haben. Aber alle im Bjortal glaubten, ein Kind, das mit einem Selbstmörder so lange allein gewesen war, das würde Unglück bringen.«
»Hast du das auch geglaubt, Urgroßvater?«
»Ach, ich weiß nicht«, sagte Urgroßvater. »Aber wenn dieser kleine Junge Unglück bringen sollte, dann war es im Gegenteil umso wichtiger, dass sich jemand um ihn kümmerte.«
Mama schenkte sich ein neues Glas ein und kuschelte sich gemütlich auf dem Sofa zurecht. »Ich habe euch so furchtbar lieb«, sagte sie, »ich habe euch alle, alle zusammen so schrecklich lieb.«
»Trink ruhig, meine Liebe«, sagte Papa und fuhr ihr durchs Haar, »das hast du weiß Gott verdient.«
Dunkel senkt die Nacht sich nieder, dachte ich. Doch in unserem dunklen Haus, da erscheint mit hellem Licht ... Wenn Urgroßvater Papa zu sich nehmen konnte, warum konnten wir dann nicht Eva und Mai-Katrin zu uns nehmen?
Zwischen den Tagen kam die alljährliche Einladung von Jeanette. Mamas ältere Schwester wohnt in einem großen, neuen Haus mit meinen beiden Cousinen und deren Vater, einem Rechtsanwalt. Wir mussten zweimal fahren, damit wir alle zusammen hinkamen.
»Ja, guten Tag auch«, sagte Jeanette, als Eva, Maika und ich mit der letzten Fuhre mit Papa ankamen. »Guten Tag, guten Tag und herzlich willkommen!«
Sie betrachtete prüfend Eva und Mai-Katrin. »Was habt ihr nur für einen amüsanten Urgroßvater. Hier entlang, die anderen sitzen schon im Wohnzimmer!«
Da saß auch wirklich Urgroßvater und sah ganz fremd aus. Vorher mussten wir aber erst durch eine riesige Eingangshalle und vorbei an all den Türen zu den Kinderzimmern, zur Kellerbar, zum Gästezimmer, Kraftraum und zur Sauna.
»Willst du mein Zimmer sehen?«, fragte Madeleine.
Ich nickte. Ich war seit dem letzten Weihnachtsfest nicht hier gewesen, obwohl sie nicht weit von uns entfernt wohnten. Madeleines Zimmer war seit damals neu eingerichtet worden. Es war hellbeige und rosa, mit weißen Bambusrohrmöbeln und einem hübschen kleinen Schreibtisch. Und Fernseher. »Den habe ich zu Weihnachten gekriegt«, sagte Madeleine. Ich konnte nicht anders. Ich wurde wütend. Madeleine hatte alles, was mir fehlte.
»Und wie lange willst du bei Hans und Ellen bleiben?«, fragte Jeanette Urgroßvater, als wir wieder reinkamen.
»Na, mal sehen«, antwortete Urgroßvater.
Jeanettes Mann führte seine neue Videokamera vor und Papa sah noch schlechter gelaunt aus als ich.
»Weißt du nicht mal, wie lange er bleiben will?«, flüsterte Jeanette Mama zu. Sie meinte Urgroßvater.
Mama zuckte mit den Schultern und sah bedrückt aus.
»Und diese anderen beiden«, flüsterte Jeanette, »diese Kinder, wer sind die eigentlich? Wie können das Schwestern sein, wo doch die eine Negerin ist und die andere weiß?«
»Maika ist keine Schwarze, sie ist Mulattin«, entgegnete Mama. »Die beiden haben unterschiedliche Väter.«
Dann gingen Jeanette und Mama hinaus in die Küche und ich wusste, dass Mama noch eine Woche lang schlechte Laune haben würde. Ich wusste, dass Jeanette eine Menge Fragen stellen würde; warum Mama so müde war, ob sie zu viel arbeite, wie es mit Mons in der Schule ging, wie sie gehört hatte, hätte er dort Probleme und so weiter. Das einzig Gute an den Besuchen bei Jeanette war, dass wir so viel Limonade und Kuchen bekamen, wie wir wollten, und außerdem hatten sie so viele witzige Videofilme.
»Diese alte Kuh«, sagte Mama, als wir wohlbehalten wieder zu Hause waren. »Sie hat mich gefragt, ob ich müde sei. Müde! Und das sie, die eine Putzfrau hat, obwohl sie den ganzen Tag zu Hause ist! Weißt du, was sie gesagt hat? Sie hat gesagt, dass sie sich nicht wieder einen Job suchen will, denn, ›wenn man Kinder in die Welt setzt‹«, ahmte Mama sie nach, »›dann bin ich der Meinung, dass man sich auch um sie kümmern muss‹. Immer schafft sie es, das zu sagen, was mich am meisten verletzt! Als wenn ich mich nicht um meine Kinder kümmern würde, auch wenn ich arbeite! Oh Mist, wenn wir jetzt in eine kleinere Wohnung ziehen müssen, dann merkt sie, wie schlecht es wirklich um uns steht!«
»Du hast den falschen Mann geheiratet«, sagte Papa leise.
Ich hielt mir die Ohren zu. Ich wollte sie nicht so reden hören. Santa Lucia, sang es in meinem Kopf. Doch in unserem dunklen Haus, da erscheint mit hellem Licht ...
»Ach, es ist doch zu schön wieder nach Hause zu kommen«, sagte Urgroßvater und legte sich aufs Sofa. Auf unser Sofa.
Es wurde ein merkwürdiger Winter. In der Wohnung hing der schwere Geruch von gebratenem Frühstücksspeck und es schien, als hätten Mama und Papa vollkommen resigniert, denn wir Kinder durften den Speck auch essen, jeden Tag. Urgroßvater schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer, und da er sich um acht Uhr abends hinlegte, saßen wir anderen in der Küche. Papa, ich, Eva und Mai-Katrin, Mikkel und Mons quetschten uns um den Küchentisch, spielten Spiele und aßen Butterbrote. Mama war selten zu Hause.
Mama ist Kellnerin im Grand Hotel in der Stadt und in diesem Winter machte sie viele Doppelschichten. Sie verschwand gegen zehn Uhr morgens und kam erst nach Mitternacht nach Hause. Nur am Frühstückstisch trafen wir sie. Manchmal war sie einfach nur müde und verzweifelt, aber an anderen Tagen lachte sie und meinte, die ganze Welt sei verrückt.
»Ich hab dich lieb, Mama«, sagte Mikkel und kletterte auf ihren Schoß, »auch wenn es sich langsam alles für dich verheddert!«
»Wie lange halten wir das noch durch, Hans?«, hörte ich sie eines Abends Papa fragen, als sie zu Hause war und glaubte, wir würden schon schlafen.
»Bis zum Frühling«, antwortete Papa. »Wenn ich bis dahin keinen Job gefunden habe, müssen wir verkaufen. Jetzt leben wir von dem Geld, das wir für ein neues Auto gespart haben.«
»Benutzen wir unsere Spargroschen«, sagte Mama verbittert, »um das alte Dorfgespenst mit scheißteurem Frühstücksspeck durchzufüttern, tagein, tagaus, Monat für Monat?«
»Ellen«, sagte Papa, »was du ein altes Gespenst nennst, das ist der Mensch, der sich um mich gekümmert hat, als meine Eltern tot waren. Er war immer gut zu mir. Und er kann ja nicht wissen, wie viel sein Essen in der Stadt kostet. Er ist es schließlich gewohnt, sein Schwein selbst zu schlachten!«
»Wir müssen uns einen Marius hier auf dem Balkon anschaffen«, sagte Mama und Papa lachte.
»Sie lachen«, dachte ich unter meiner Bettdecke, »dann kann es wohl doch nicht so schlecht um uns stehen.«
»Sie können mein Zeitungsgeld kriegen«, sagte Eva, als ich ihr erzählte, wie pleite meine Eltern offensichtlich waren. »Das sind fünfzehnhundert im Monat.«
Denn Eva und Mai-Katrin blieben bei uns wohnen. Und wir fanden eine gerechte Art, die Zimmer aufzuteilen. Da Urgroßvater so früh ins Bett ging, stellten wir Mikkels Bett ins Wohnzimmer und Mai-Katrins Matratze daneben. Dadurch hatten wir den Alten und die Kleinkinder an einer Stelle platziert, während wir anderen es ganz gemütlich in der Küche hatten. Eva schlief in meinem Zimmer.
Mikkel war furchtbar stolz auf Urgroßvater. Er lud Pål und Jo und Andreas ins Wohnzimmer ein, damit sie den Seeräuberhaken mit eigenen Augen sehen konnten.
»Wie hast du denn so ’ne Hand gekriegt?«, fragten die Freunde Urgroßvater mit weit aufgerissenen Augen. Sie trauten sich kaum, den Haken zu berühren.
»Den Haken hat er gekriegt, als er in der Karibik gesegelt ist und einen Schatz geraubt hat«, erklärte Mikkel zufrieden.
»Und wo ist der Schatz?«, fragte Pål.
»Den hat er vergraben«, sagte Mikkel.
»Warum redet er nicht?«, fragte Andreas.
»Fischers Fritze fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischers Fritze.«
»Oioioi«, sagten die Rotznasen.
Aber jeden Tag ging irgendwas kaputt. Eine Schranktür. Ein Käsehobel. Ein Handschuh verschwand. Alles fiel uns auf, weil wir kein Geld hatten Neues zu kaufen.
Es schien, als zerfiele die Welt um uns herum, während wir in der Küche saßen und uns nach besten Kräften amüsierten und wirklich spürten, wie gut es uns ging. Hier. In Skiferlia. Denn alles, was kaputtging, erinnerte uns daran, dass wir nur noch ein paar Monate hier wohnen würden. Die Strümpfe, die Löcher bekamen, der Pullover, den Mons verlor, der Türgriff, der abfiel. Alles, was kaputtging, erinnerte uns an das Geld, das auf Papas Konto auf der Bank allzu schnell davonfloss.
Es schien, als wäre die Welt draußen voller Gefahren, die uns in diesem merkwürdigen Winter auflauerten. Gefahren, die sich in uns hineinfraßen, um zu verhindern, dass wir weiterhin zusammen sein sollten.
4.
Eines Tages hing an Maikas Fach im Kindergarten ein Zettel. Eva und ich fanden ihn, als wir wie üblich Mikkel und Maika abholen wollten. »Für Mai-Katrin Skjeseths Erziehungsberechtigte« stand da drauf. »Das Jugendamt bittet um ein Gespräch über Mai-Katrin Skjeseths soziale Entwicklung und häusliche Situation. Wir schlagen Montag, den 27. März, um 8.00 Uhr vor, hier im Kindergarten.«
Und dabei hatten wir doch alles getan, damit sie nichts merkten! Eva war immer furchtbar genau mit Mai-Katrins Kleidung, achtete darauf, dass sie sauber war, die Strümpfe zusammenpassten und so. Niemand im Kindergarten sollte erfahren, dass Maika und Eva bei uns wohnten! »Für Mai-Katrin Skjeseths Erziehungsberechtigte«. Das konnte ja nur Julie bedeuten.
»Ich muss sagen, dass Mama krank ist«, überlegte Eva verzweifelt. »Aber wenn sie nun stattdessen zu Mama nach Hause gehen, um nachzugucken! Und wenn die Fürsorge kommt!«
Seit John fortgezogen war, stand das Wort wie ein drohendes Gespenst im Hintergrund: Fürsorge. Die ganze Zeit hatte Eva wie eine Verrückte zu verhindern versucht, dass jemand die Fürsorge wegen Mai-Katrin anrief. Ihre größte Angst war, dass jemand kommen und sie beide mitnehmen und vielleicht auch noch an verschiedene Orte bringen könnte! Und gleichzeitig hatte ich sie, wenn sie besonders verzweifelt war, sagen hören, dass sie selbst die Fürsorge anrufen wollte, wie als letzte Drohung oder auch als letztes Zeichen der Resignation.
»Du hast doch noch nie jemanden von der Fürsorge getroffen«, warf ich ein. »Vielleicht können sie euch ja helfen, ohne dass ihr ausziehen müsst.«
»Du hast leicht reden«, entgegnete Eva und sah mich mit einem derart finsteren Blick an, dass ich beschloss, so etwas nie wieder zu sagen. »Du hast leicht reden«, kam sie plötzlich in Fahrt, »du mit deiner superprächtigen Familie mit Mama, Papa, deinen Brüdern und auch noch dem Urgroßvater. Deine Eltern streiten sich ja nicht mal!«
»Dafür kann ich doch nichts«, sagte ich kraftlos. »Außerdem kommt es schon vor, dass Mama Bier trinkt, bei der Arbeit, glaub ich.«
»Ich wünschte, John wäre hier«, sagte Eva. »Dann könnte er zu dem Gespräch mit dem Jugendamt gehen. Die sind doch immer total begeistert, wenn ein Vater auftaucht.«
Ich war so überrascht, dass ich mich nicht traute, etwas darauf zu erwidern. Denn seit John weg war, hatte ihn keine von uns erwähnt. Maika hatte natürlich nach ihrem Papa gefragt, aber nach ein paar Wochen hatte sie damit aufgehört.
Es war, als hätte Eva ein Loch in einen Traum gerissen, einen großen, wunderbar eingekapselten Traum von dem, was gewesen war, was so schön war, dass wir nicht einmal darüber sprechen mochten. Solange wir nicht von John sprachen, war es, als wäre er immer noch hier, in uns. Jetzt hatte Eva ihn hervorgeholt und zu dem gemacht, was er war. Einer, der fort war. Einer, der vermisst wurde.
John. Mai-Katrins Papa. Evas Held. Julies Mitbewohner, solange es eben hielt. John war ein Schwarzer, aus den USA. Mai-Katrins braune Haut und ihre schwarzen Haare waren der einzige Beweis, dass er jemals hier gewesen war.
»Erinnerst du dich noch an die Angeltour?«, fragte Eva.
Wir gingen langsam vom Kindergarten nach Hause. Die Kleinen liefen ein Stück vor uns. Natürlich erinnerte ich mich an die Angeltour. Julie, die wie ein Teenager aussah, nur schicker, mit engen Jeans und toller Sonnenbrille, lächelnd, gesund und froh. John, der Maika trug, sie war damals noch klein und er war stark. Wir gingen flussaufwärts, bis an einen Grashügel, an dem der Fluss eine Biegung machte. Dort ließen wir uns nieder. Und John deutete auf die Fische in dem klaren Wasser und sagte: »I want that one, the biggest«, und wir lachten alle. Und dann warf er die Angel aus und fing ihn!
Es war nicht nur die Angeltour. Es gab Ausflüge zum Nüssepflücken, in die Blaubeeren, Badeausflüge, immer John mit Maika auf dem Rücken oder auf dem Arm, Julie hinterher in modischen Kleidern, mit dem Picknickkorb, und Eva und ich dazwischen herumtanzend. Oder wir waren im Café. John hatte den Arm um Julie gelegt, sie saß auf ihrem Stuhl wie eine Prinzessin, während Eva und ich Eis in uns hineinschaufelten und Maika mit den anderen Gästen flirtete. Das war damals, als Eva eine Familie hatte.
»Weißt du, was ich mir am meisten wünsche?«, fragte Eva.
»Nein«, antwortete ich, obwohl ich mir sicher war, dass ihr größter Wunsch war, dass John zurückkäme und Julie wieder so werden würde wie früher.
»Mein größter Wunsch ist, dass Mama einen neuen Mann findet«, sagte Eva, »damit sie mit dem Stoff aufhört.«
Ich antwortete nicht. Ich war mir ganz sicher, ihr größter Wunsch war, dass John zurückkam. Oder dass alles andere nur ein Traum war, aus dem sie einfach aufwachte und feststellte: John war gar nicht fortgegangen. Aber ich begriff, dass sie das nicht sagen wollte. Es klang schon fast falsch, dass sie ihn überhaupt erwähnt hatte.
Eva blieb stehen und las den Brief noch einmal.
»Ich gehe selbst dahin«, entschied sie, »und dann sage ich, Mama hat eine Lungenentzündung.«
Am selben Tag kam Julie zu uns hinauf. Mikkel öffnete ihr die Tür.
»Mama«, rief Mai-Katrin mit dünner Stimme, lief fort und versteckte sich.
Julie sah aus, als versuche sie mit aller Kraft ihr Gesicht zusammenzuhalten. Eins habe ich noch vergessen, über Julie zu erzählen. Sie ist sehr, sehr jung und fast unnatürlich schön, mit langen, dunklen Haaren und großen, dunkelblauen Augen. Sie sieht aus wie ein Mädchen aus einer Levis-Reklame, schick, unschuldig und gleichzeitig unglaublich elegant, ein Mädchen, von dem alle Jungen nur träumen, dass es sich hinter sie auf ihr Motorrad setzt und sie mit ihm dem Sonnenuntergang entgegenfahren können. Ich habe Eva oft darum beneidet, dass sie ihrer Mutter so ähnlich sieht.
»Hallo, Marianne«, sagte Julie übertrieben deutlich. Ihre Stimme dehnte sich wie ein langes, zähes Kaugummi.
»Eva, mein Kind«, sagte sie und ging zwei Schritte vor, als Eva erschien. »Eva, ich habe gedacht ...«
»Warum bist du hergekommen?«, fragte Eva.
Julie sah aus, als wollte sie jeden Moment anfangen zu weinen. Dann wurde sie plötzlich wütend. »Ist das vielleicht eine Art, seine Mutter zu empfangen, und ich bin immer noch eure Mutter oder hast du das etwa vergessen?«
Mai-Katrin weinte im Kinderzimmer.
»Dann geh zu ihr«, rief Eva, »geh hin und tröste die Kleine, wenn du schon hergekommen bist, begreifst du nicht, dass sie darauf wartet?«
Julie sah uns entschuldigend an und versuchte ein kleines Lachen. »Eva kann so phantastisch mit kleinen Kindern umgehen«, sagte sie zu Papa gewandt.
»Maika?«
Sie stolperte in den Flur.
»Darf man reinkommen, oh shit, meine Absätze, das sind solche, mit denen man den Fußboden kaputtmacht ... Maika, Mama kommt gleich«, fuhr sie ein wenig zu laut, zu freundlich und zu kreischend fort.
Papa brachte Julie mit Maika auf dem Arm ins Wohnzimmer und platzierte sie neben Urgroßvater auf dem Sofa.
»Ihr müsst ja glauben, dass ich eine furchtbar schlechte Mutter bin«, sagte Julie.
Ohne auf eine Antwort zu warten, breitete sie ihr Leben vor uns aus. Sie erzählte von der Zeit, als sie Kind und Jugendliche war, und gleichzeitig von heute, und es war alles furchtbar durcheinander und kaum zu verstehen. Dass sie bei Eltern aufgewachsen war, die sie nicht mochten, und dass sie mit vierzehn mit einem, der Frank hieß, zusammen war und der war drogensüchtig. Es schien, als merke sie gar nicht, dass wir alle stumm dasaßen und sie ja nach gar nichts gefragt hatten. Sie zog eine Zigarette heraus, dabei fielen drei auf den Boden, sie zerbrach die vierte, fluchte und zündete endlich eine an. Urgroßvater schaute wortlos auf die Zigaretten, die kaputtgingen. Eva saß steif wie eine Salzsäule da und starrte an die Wand.
Julie rauchte wie besessen, sog den Rauch intensiv ein, um dann plötzlich die Zigarette halb geraucht auszudrücken. Sie redete noch immer über diesen Frank aus ihrer Jugend. »Er hat mich dazu gezwungen, ... das kann ich hier nicht sagen, wenn die Kinder dabei sind. Aber du weißt schon ... er brauchte ja viel Geld und ich ...« Sie strich sich über den Körper in den engen Kleidern. »Ich konnte es ihm schließlich besorgen. Schockiere ich dich?« Sie lächelte Papa kokett an. »Dann fing ich mit Drücken an, ich auch, um es überhaupt auszuhalten. Ich habe es Roger schon so oft gesagt«, fuhr Julie fort, die offensichtlich in der Zeit gesprungen war. »Ich habe ihm gesagt, dass wir zur Ruhe kommen müssen, Roger und ich, aber Roger, er hat es reichlich schwer im Leben gehabt, er auch. Findest du, dass ich eine schlechte Mutter bin?«, fragte sie und beugte sich zu Papa vor. »Du siehst ja wie ein furchtbar solider und unerschütterlicher Typ aus.«
Sie bohrte sich mit ihren großen Augen in ihn und ich hatte fast das Gefühl, als wolle sie mit ihm flirten. Das war so eklig, dass ich mich gar nicht traute, Eva anzugucken. Und gleichzeitig musste ich immer daran denken, wie Julie es nur schaffte, nach Monaten mit Alkohol und Drogen wie ein Fotomodell auszusehen. Ihre Haut war etwas blasser als sonst und ihre Augen sahen ein wenig merkwürdig aus, aber immer noch war Julie hübsch. Und es gab keinen Zweifel daran, dass sie das wusste.
»Ich finde«, entgegnete Papa, »ich finde, du solltest lieber wieder zu dir runtergehen. Du kannst raufkommen und mit uns reden, wenn du Roger rausgeschmissen hast und nüchtern bist.«
Er packte Julie entschlossen am Arm und brachte sie zur Tür.
»Mama«, schrie Maika, während Eva sie zurückhielt. »Mama, geh nicht! Mama!«
Julie zögerte auf der Türschwelle.
»Verschwinde«, rief Eva mit dem verzweifelten Kind im Arm. »Hau ab, sieh nur, was du angerichtet hast!«
Maika heulte und schrie.
Dann schlug die Tür zu, Papa kam herein und kratzte sich am Kopf.
»Danke«, sagte Eva und sah ganz unglücklich aus. »Aber normalerweise ist sie nicht so. Ich meine, dass sie alles Mögliche erzählt. Sie ist krank. Das wird bestimmt besser, wenn ... wenn Roger auszieht.«
Urgroßvater saß wie eine Statue auf dem Sofa, aber ich konnte an seinen schmalen, blauen Augen sehen, dass er alles mitbekommen hatte.
»Hast du gemerkt«, fragte Papa verbittert, als wir beide später am Tag Kartoffeln schälten, »hast du gemerkt, dass sie nur von sich selbst geredet hat? Ihre Kinder wohnen seit mehr als einem Monat bei uns und sie hat nicht mal gefragt, wie es ihnen geht!«
»Das ändert sich, wenn sie einen Entzug oder so was macht«, sagte ich.
»Glaubst du?«, fragte Papa.
Ich wünschte, er hätte die letzten Worte nicht gesagt. Natürlich würde alles wieder gut, wenn Julie eine Entziehungskur machte.
Papa räumte auf, wusch die Wäsche, kochte das Essen und reparierte Sachen. Nach Julies Besuch nahm er Mai-Katrin genauso oft auf den Schoß wie Mikkel.
Urgroßvater setzte sich häufig ein Kind auf jedes Knie und wippte es und sang: »Hoppe, hoppe Reiter!« Oder er tat, als ob seine Hand eine Stallmaus wäre, die über ihre Bäuche lief, und dann johlten sie alle beide vor Vergnügen.
Papa hatte draußen auf dem Balkon eine Hobelbank stehen und hatte angefangen zu tischlern. Er sägte kleine, dünne Spanplatten in Quadrate. In die Wände, wo nach Mons’ Wutausbrüchen Löcher zurückgeblieben waren, sägte er viereckige Löcher. Er steckte die Holzstücke in die Löcher und spachtelte und malte, sodass überhaupt keine Stellen mehr zu sehen waren. Nachdem er damit fertig war, reparierte er die Schranktüren, die schief hingen. Und danach strich er das Elternschlafzimmer.
»Mensch, Papa ist ja emsig geworden«, stellte Mons fest.
Es konnte doch eigentlich nur einen Grund dafür geben, dass er so viel reparierte: weil Mama und er glaubten, dass wir in Skiferlia wohnen bleiben konnten!
Das dachte ich, oh ja. Bis zu dem Tag im März. Da klingelte es an der Tür und ein fremder Mann im Anzug stand draußen.
»Guten Tag, ich komme vom Makler Nilsen«, sagte er. »Stimmt es, dass Sie eine Schätzung wünschen?«
Es war ein Wohnungsmakler! Den hatten Mama und Papa bestellt, damit er ihnen helfen sollte, die Wohnung zu verkaufen! Nein, hätte ich am liebsten gerufen, nein, wir wollen ganz und gar keine Schätzung.
»Kommen Sie herein«, sagte Papa und nahm die Schürze ab.
Dann führte er den Makler herum. Der Makler fragte und fragte. Wann der Wohnblock gebaut worden war, welche Materialien er beim Renovieren benutzt hatte und wann die Sonne abends von dem Balkon verschwand. Dazwischen klopfte er gegen eine Wand oder drehte an einem Wasserhahn.
»Was ist das denn?«, fragte er und zog an einem frei hängenden Kabel. Am anderen Ende der Leitung fiel eine Wandlampe herunter, dass der Gips aus dem Loch in der Wand rieselte und die Glühbirne zerbrach.
»So was müssen Sie vor der Besichtigung in Ordnung bringen«, sagte der Makler nur.
Mikkel sah ihn mit großen Augen an. Er war es gewohnt, ausgeschimpft zu werden, wenn er Sachen herunterriss. Und da kam dieser fremde Mann einfach daher und machte was kaputt, ohne sich auch nur zu entschuldigen! Maika versteckte sich hinter Eva und Urgroßvater und schaute den Makler mit den kleinen, wasserblauen Augen kalt an. Der Makler blickte von seinen Notizen auf, als hätte er die Kälte im Zimmer bemerkt.
»Wo kommen denn alle diese Menschen her?«, fragte er und sah zu Urgroßvater auf dem Sofa und uns Kindern, die wir in einer Gruppe dastanden. Er zögerte ein wenig, bevor er »Menschen« sagte, als dächte er, »das Pack« wäre eigentlich passender.
»Die wohnen hier«, sagte Papa.
»Sorgen Sie dafür, dass sie aus dem Haus sind, wenn Sie zur Besichtigung einladen«, sagte der Makler.
»Kinder«, sagte Papa und versammelte uns im Wohnzimmer, nachdem der Makler gegangen war. »Ihr wisst, dass wir die Wohnung verkaufen und woanders hinziehen müssen. Wir schulden der Bank fast fünfhunderttausend Kronen, die wir nicht zurückzahlen können. Wir müssen die Wohnung verkaufen und uns eine kleinere suchen.«
»Auf die Bank kann man sich sowieso nicht verlassen«, war Urgroßvater aus seiner Ecke zu hören.
»Es tut mir wirklich Leid«, sagte Papa uns.
»Die wollten meine Groschen auch haben«, fuhr Urgroßvater fort, »aber darauf können sie warten, bis sie schwarz werden.«
»Schon möglich«, sagte Papa, »aber wir haben keine Groschen, wir haben nur Schulden.«
»Und was wird aus Mai-Katrin und mir?«, fragte Eva.
»Das wird zu eng, Eva, wenn wir in eine kleinere Wohnung ziehen«, sagte Papa und sah sie ernst an. »Ich fürchte, Maika und du, ihr müsst euch drum bemühen, in ein Kinderheim oder zu Pflegeeltern zu kommen. Mama und ich, wir können euch gern dabei helfen, mit der Jugendfürsorge zu sprechen, wenn du willst.«
»Ich verstehe ja, dass es so nicht weitergehen kann«, sagte Eva niedergeschmettert, »ihr wart ja alle wahnsinnig nett ...«
Mons und ich sagten nichts. Alles war so traurig.
»Die sind hinter mir her«, sagte Urgroßvater plötzlich von der Sofaecke her.
»Die Banken?«, fragte ich, ein wenig irritiert darüber, dass er über ganz was anderes sprach.
»Ja, ja, die auch. Aber die sind hinter mir her.«
»Hinter dir? Von wem redest du denn?«, fragte Mons hitzig.
»Die vom Hof.«
»Wer denn?«
»Er redet vom Sorihof«, erklärte Papa, »von dem Hof neben seinem im Bjortal. Was meinst du damit genau, Großvater?«
»Der Lars da, der treibt sich immer herum. Einmal ist er in meine Scheune gekommen. Er hat da herumgeschnüffelt und irgendwas gesucht. Die schleichen bei mir ums Haus.«
»Ist der Alte ganz verrückt geworden?«, fragte Mons resigniert. »Reicht es nicht mit unseren eigenen Problemen?«
»Halt den Mund, Mons!«, entgegnete Papa. »Warum sollten die Sorihof-Leute denn hinter dir her sein, Großvater?«
»Die Alte da, ich bin mir ganz sicher, dass sie es war, die eines Abends bei mir ins Kammerfenster geglotzt hat. Und dann tun sie alle ganz beschäftigt.«
»Warum sollten sie hinter dir her sein, Großvater?«
»Kapierst du nicht? Die glauben, dass ich einiges auf der hohen Kante habe!«
»Ja, aber das hast du doch wohl nicht im Haus, was?«
»Als wenn ich was zu verstecken hätte!«
»Aber so ganz arm bist du doch nicht, oder?«, fragte Papa.
»Nein, das stimmt, ganz arm bin ich nicht. Aber die können warten, bis sie schwarz werden. Meine Groschen finden sie nicht!«
»Nein, da hast du sicher Recht«, sagte Papa.
Kurz darauf ging ich zu Papa in die Küche, um ihm zu helfen, sodass wir allein waren.
»Was hat Urgroßvater gemeint«, fragte ich, »mit diesem ganzen Gerede von der Bank und dem Nachbarhof?«
»Er leidet wohl ein wenig unter Verfolgungswahn«, sagte Papa. »Schließlich ist er da oben im Bjortal immer allein. Und wenn er ein bisschen Geld versteckt haben sollte, dann hat er bestimmt Angst, dass ihm das jemand wegnehmen könnte. Und als jetzt ein fremder Mann hierher gekommen ist, an die Wände geklopft und an den Leitungen gezogen hat, da hat er sicher was durcheinander gekriegt.«
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