Kitabı oku: «Franz spricht»
Elisabeth
Hauer
Franz
spricht
Roman


IMPRESSUM
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ISBN 9783990400289

© 2012 by Styria premium
in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG
Wien · Graz · Klagenfurt
Bücher aus der Verlagsgruppe Styria gibt es in jeder Buchhandlung und im Online-Shop
Lektorat: Reinhard Deutsch
Cover- und Buchgestaltung: Bruno Wegscheider
Coverfoto: iStockphoto/spooh
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014
Alle Rechte vorbehalten
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Ich kannte das Haus...
Franz spricht
Elisabeth Hauer
Ich kannte das Haus. Ich kannte seine Bewohner. Aber ich wusste nicht, was dort geschehen war.
Ich wohnte am Land, schon seit meiner Geburt. In einem kleinen, stillen Ort, der keine Bedeutung hatte. Mein Vater war Lehrer, er musste jeden Morgen in die nahe gelegene Kreisstadt fahren, um am dortigen Gymnasium zu unterrichten. Meine Mutter war zu Hause. Das war damals so üblich. Heute ist alles ganz anders, aber ich bin ja schon ziemlich alt. Meine Mutter also war den ganzen Tag über bei uns. Bei meinem Bruder und mir. Mein Bruder, zwei Jahre jünger als ich, hieß Paul. Ich heiße Peter, man hat uns wahrscheinlich wegen der beiden Kalenderheiligen, deren Feiertag der 29. Juni ist, so genannt. Meine Eltern waren fromm, der sonntägliche Kirchgang war auch für uns Kinder Pflicht.
Es fällt mir schwer, meinen Bruder Paul, der bereits tot ist, zu beschreiben. Wir haben uns nie gut verstanden. Eine Fremdheit war zwischen uns, die wir zu keiner Zeit, auch nicht, als wir bereits erwachsen waren, überwinden konnten. Wahrscheinlich lag es daran, dass Paul weder meinem Vater noch meiner Mutter glich. Auch keinem anderen Familienmitglied. Ich bin überzeugt, dass er sich von mir in allen Eigenschaften unterschied. Das zeigte sich schon in unserem Äußeren. Er hatte dunkles, fast schwarzes Haar, ich ziemlich helles, das hell blieb, auch als ich erwachsen wurde. Paul war kräftig, er wuchs sehr rasch. Ich war von Geburt an schwächlich, ein Sorgenkind. Er gedeiht nicht richtig, sagte mein Vater oft. Erst mit siebzehn machte ich einen ziemlichen Wachstumsschub und erreichte eine mittlere Größe. Meine Kräfte waren gering. Deshalb arbeitete ich später oft in unserem kleinen Garten, was Paul stets ablehnte. Schon als Kind zog er sich gern in die Mansarde zurück, die wir gemeinsam bewohnten.
Dort spielte er, später las er und wollte durch mich nicht gestört werden.
Ich muß es zugeben. Als Kind war ich oft krank und quengelig. Ich war überzeugt, dass man mir mehr Anteilname zukommen lassen müsse als ihm. Dieser Ansicht war auch meine Mutter. Als er noch klein war, rächte sich Paul mit wildem Geschrei. Später zog er sich in die Mansarde zurück. Lang hing ich an der Kittelfalte meiner Mutter. Du verwöhnst ihn, das hat keinen Sinn, meinte mein Vater, wie soll er sich da besser entwickeln.
Heute kann ich meinen Vater verstehen.
Seltsam war, dass meine Mutter meinen Bruder Paul nie so richtig mochte. Gut, er war manchmal wild und ungehorsam. Aber ihr Tadel war heftiger, als es die Situation verlangte. Das erkannte ich bald. Mir gefiel meine Bevorzugung. Später, als Paul sich immer mehr zurückzog, erkannte ich, dass meine Mutter oft Unrecht hatte. Ich sagte es ihr, und sie begann zu weinen. Ich wollte dann nicht mehr darüber reden.
Unser Haus, nicht groß, aber ordentlich, stand am Ende einer schmalen, nur von Sand bedeckten Straße. Da war nicht viel los, Autos waren noch selten. Manchmal rasselte ein Leiterwagen vorbei oder ein anderes bäuerliches Fahrzeug. Ich spielte fast nie auf dieser Straße, Paul oft. Er hatte viele Freunde aus der Umgebung, meistens aus Arbeiterfamilien. Im nächsten Ort, einige Kilometer von unserem entfernt, gab es eine Fabrik, die Metallwaren verschiedener Art erzeugte. Dort gab es auch eine vom Fabrikbesitzer für die Arbeiter errichtete Siedlung, sie bestand aus kleinen Häusern, von denen eines am anderen klebte. Winzige Gärten erlaubten den Anbau von Gemüse. Die Familien, die dort wohnten, hatten oft Streit, ihre Kinder waren laut und unkompliziert.
Pauls bester Freund kam von dort. Er hieß Franz, und ich konnte ihn vom ersten Augenblick an nicht leiden, obwohl er anfänglich auch meine Freundschaft suchte. Aber bald erkannte er, dass da nichts zu machen war. Er ging mir aus dem Weg. Manchmal sah ich ihn mit Paul auf der sandigen Straße Fußball spielen. Ich ging dann rasch vorbei.
Dieses Schreiben macht mich müde. Aber ich habe mir fest vorgenommen aufzuzeichnen, was Miriam, meine Tochter, noch nicht erfahren hat. Ich glaube, es könnte sie interessieren. Oder sogar überraschen. Was weiß ich denn vom Interesse der nächsten und übernächsten Generation. Ich darf mir nichts vormachen. Müde bin ich auch, weil ich allein lebe. Seit vielen Jahren. Man gewöhnt sich zwar daran. Aber es gibt soviel zu tun, Kleinigkeiten, die ich einfach nicht mehr machen will. Ich muß aber gestehen, dass mir dieses Aufschreiben ferner Ereignisse eine gewisse Freude bereitet. Nicht nur, weil ich die Worte, mit denen ich sie berichte, selbst auswählen darf. Auch weil ich glaube, dass das, was ich zu berichten habe, wichtig ist. Damit kommt auch mir eine gewisse Bedeutung zu. Bin ich noch immer klug, habe ich noch immer was zu sagen. Eine zynische Frage, würden andere vielleicht denken. Ich werde es nicht erfahren. Jetzt sollte ich mir Tee machen. Tee. Das Säckchen von gestern kann ich noch einmal aufgießen.
Leider hat der Tee meinen Geist nicht richtig aufgeweckt. Aber ich habe ja Zeit. Viel Zeit. Ich werde eben morgen weiter schreiben. Wie spät. Achtzehn Uhr. Da hat mich meine Frau immer gefragt, ob sie das Abendessen richten soll. Ich habe stets Ja gesagt. Trotzdem hat sie diese Frage nie aufgegeben. Gewohnheit. Gewohnheit auch, wenn ich jetzt zum Fenster gehe, um einen Blick auf die Straße zu werfen. Kein Garten mehr da wie früher. Wäre auch zu anstrengend gewesen für uns beide im fortgeschrittenen Alter. Da ist diese kleine Wohnung schon besser. Überhaupt jetzt. Für mich allein. Ich darf nicht vergessen, mir heute noch zu notieren, was morgen getan werden muss. Vor allem, wie ich fortfahren soll mit der Aufzeichnung dieser so seltsamen Ereignisse. Ich müsste, ja, ich müsste mit der Beschreibung meines Bruders fortfahren, ich glaube, das wäre gut. Wie lang ist er schon tot. Ich weiß es nicht mehr genau. Ist nicht so wichtig.
Miriam hasste die Fahrt mit der U-Bahn, jeden Tag und jeden Tag. Nur am Wochenende nicht. Das Aufstehen um sieben Uhr früh, alles mitnehmen in der großen, schweren Handtasche, die sie nicht mehr täglich ausräumte, weil es ihr zu mühsam war. Die vielen Menschen im Waggon, die stickige Luft. Meistens hatte sie keinen Sitzplatz und musste sich an einen Haltegriff klammern, der schon von vielen verschwitzten Händen berührt worden war. Der Geruch. Der Geruch war das Ärgste. Sie versuchte dann, so lang es ging, die Luft anzuhalten, aber es half nicht wirklich. Auf der Straße dann war es nicht viel besser. Immerhin konnte sie sich rasch bewegen, das Gehen tat ihr gut. Stets war sie ein wenig zu früh im Büro. Sie setzte sich einige Minuten lang ruhig hin und versuchte den kommenden Tag anzunehmen.
An diesem Tag Besuch beim Vater, dachte sie. Nein, nicht heute. Sie würde es noch einmal verschieben.
Sie hatte ein Kind, ein kleines Mädchen, Klara, fünf Jahre alt. Es besuchte den Kindergarten, ganztägig. Abends holte sie es ab. Eine große Freude jedes Mal für beide.
Franz
spricht
Bin ihm immer aus dem Weg gegangen. Auch als Paul schon tot war. Immer aus dem Weg gegangen. Komisch. Als wir jung waren, lebte er in meiner Nähe. Jetzt, da wir alte Männer sind, wohnt er wieder in meiner Nähe. Habe ich nicht gewollt. Aber vorher nicht gewusst. Sonst wäre ich nicht hierher gezogen. Vom Land in die Stadt. Wo ich mich nicht wohl fühle. Ich möchte wieder aufs Land. Tag und Nacht will ich aufs Land. Das müssen Sie mir glauben. Schön, dass Sie heraufgekommen sind zu mir. Ihren Besuch habe ich gern. Wie geht es Ihnen? Hat das geklappt mit der Unterstützung? Noch immer nicht. Wird schon werden. Jetzt frag ich Sie.
Was hätte ich tun sollen, vorgestern, als er mir über den Weg gelaufen ist. Hätte ich hingehen und sagen sollen Servus Peter? Das hab ich nicht über mich gebracht. Und vielleicht hätte ich noch fragen sollen, wie es ihm geht. Unmöglich. Er hat mich nicht erkannt, glaub ich. Nein, er hat mich sicher nicht erkannt. Sie kennen ihn ja nicht, aber wenn Sie ihn kennen würden, würden Sie mich verstehen. Der verfolgt mich ein Leben lang. Ein Leben lang. Wissen Sie, was das heißt? Ich bereue jetzt die Scheidung von meiner Frau. Nicht so lustig hier, in dieser Wohnung. Und sie hat jetzt das Haus. Lang hat sie es schon, dieses Haus. Viele Jahre. Ein Haus auf dem Land. Wissen Sie, was das heißt, ein Haus auf dem Land? In der Gegend, wo ich hergekommen bin? Ein Traum ist das, ein Traum. Aber reden wir wieder von Ihnen. Wo gehen Sie spazieren? Soll ich jetzt woanders spazieren gehen? Dort, wo ich ihn bestimmt nicht mehr treffe? Ich überlege das ganz kühl. Ich war nämlich einmal ein Arbeiter, und der weiß immer, was er tut. Er muß es wissen. Sonst kommt er unter die Räder. So lang her ist das alles. Unglaublich lang her.
»
Wenn Miriam ihre Tochter gebadet hatte, versteckte sich Klara stets unter dem Badetuch und wollte es nicht hergeben. Das war ihr tägliches Spiel. Komm schon, sagte Miriam und trug sie ins Bett. Bleib noch bei mir sitzen, Mama, sagte Klara. Erzähl mir was. Miriam dachte nach. Welche Geschichte, fragte sie, such dir eine aus. Du suchst aus, sagte die Kleine. Nun musste sie sich konzentrieren. Das fiel ihr schwer nach dem langen Arbeitstag. Aber was sie dann erzählte, war Klara recht. Später setzte sie sich noch mit einem Buch ins Wohnzimmer. Aus dem Radio kam klassische Musik. Sie konnte sich nicht auf die Musik, nicht auf das Buch konzentrieren. Sie ging zum Schreibtisch, um ihre Ausgaben aufzuschreiben. Sie wusste, dass es nutzlos war, aber sie musste es tun. Das Telefon läutete. Eine Frau, die sie flüchtig kannte, die in ihrem Leben aber eine entscheidende Rolle gespielt hatte, überschüttete sie mit einem Schwall drohend klingender Worte.
Zwei, drei Minuten hörte sie zu, dann legte sie auf. Sie drehte das Radio ab und versuchte wieder zu lesen. Es gelang ihr nicht. Dann saß sie ganz still, die Finger ineinander verschränkt, sie wollte an nichts denken und wusste, es würde ihr nicht gelingen. Die Worte, die sie eben gehört hatte, hatten sich in ihrem Kopf festgesetzt. Sie sagte sich vor, sie könne sie nicht verstehen, obwohl sie sie längst verstanden hatte. Sie nahm diese Worte mit in die Nacht.
Jene Frau, der die Villa gehörte, war noch immer eine schöne Frau. Über vierzig Jahre alt, man sah es ihr nicht an. Sie hatte sehr jung geheiratet. Ihr Mann Paul war um einiges älter als sie, sie hatte ihn aber nicht aus Berechnung zum Mann genommen. Er hatte ihr gefallen, sein noch immer dunkles Haar, seine sportliche Figur hatten sie beeindruckt, seine Belesenheit, seine Bildung, die sich stets in seinen Gesprächen zeigten, hatten ihr imponiert. Fast war es eine Liebesheirat, auch von ihrer Seite. Sie wusste, als seine Frau würde sie ein anderes Leben führen können als bisher, sie würde sich viele Wünsche erfüllen können. In den ersten Monaten ihrer Ehe hatte sie sich ernstlich bemüht, ihm in jeder Hinsicht zu gefallen. Sie las die Bücher, die er für sie aussuchte, sie kleidete sich dezenter als früher, sie machte einen Kochkurs und bemühte sich, mit einer Hilfe das Haus in Ordnung zu halten. Das gefiel ihm. Er sagte ihr, dass er glücklich sei.
Er sagte ihr, dass er sich ein Kind wünsche. Das entsprach nicht ganz ihren Vorstellungen. Aber sollte es so kommen, dachte sie, würde sie es akzeptieren. So vergingen die ersten zwei Jahre. Der Kinderwunsch ihres Mannes schien nicht in Erfüllung zu gehen. Sie begann sich zu langweilen.
Eines Tages, nach dem Besuch bei Pauls Eltern, wollte sie noch einen Spaziergang machen. Der alte Gymnasialprofessor hatte sie mit seinen Sprüchen genervt, von seiner Frau wurde sie stets mit Misstrauen betrachtet. Nun wollte sie frische Luft, allein sein und nicht von ihrem Mann begleitet werden. Sie wusste, er würde sie verstehen.
Wie immer schlug sie den Weg zur Metallwarenfabrik ein, die immer noch arbeitete. Das weitläufige, unansehnliche Gebäude übte eine eigenartige Faszination auf sie aus. Bröckelnde Steine, weit aufgerissene Tore, der Blick in riesige verschmutzte Höfe, die voll von Gerümpel waren. Hier war sie schon oft gewesen, der Weg von der Villa bis hierher war nicht weit.
Diesmal war es bereits Abend. Der Weg, der zur Fabrik führte, war von Gras und Unkraut bewachsen. Nur selten fuhr noch ein Lastwagen dorthin. Das Gras dämpfte die Schritte, die Dämmerung begann, es war, als ginge sie in einen dichten Schatten hinein. Angst kam in ihr auf. Sie wollte umkehren und blieb stehen. Sie wollte weglaufen und machte keinen Schritt. Es war ihr heiß und kalt zugleich. Dann hörte sie, dass jemand näher kam. Sie erkannte die Umrisse eines Mannes.
Eva, sagte er, was machst du da. Ich bin es, Franz.
Heute Nacht schlief ich ziemlich schlecht. Jener Albtraum war wieder da, der mich schon oft gequält hat. Ich wollte eigentlich über Paul schreiben, versuchen, seinen Charakter nachzuzeichnen. Vielleicht ist es besser, ich schreibe meinen Traum nieder.
Eine Art von Befreiung. Auch in diesem Traum kam Paul vor.
Ich erinnere mich. Es war ein Sonntag. Wie gewohnt besuchten wir mit unseren Eltern die Messe. Damals waren Paul und ich noch in der Volksschule. Richtige Kinder also. Der Pfarrer war auch unser Religionslehrer. Ich hatte die Erstkommunion seit zwei Jahren hinter mir, Paul hatte erst vor kurzem das Sakrament empfangen. Wie üblich bekam ich jedes Mal nach der Beichte und dem anschließenden Bußgebet ein Heiligenbild. Maria, Josef, das Jesuskind oder irgendein Märtyrer, meist umgeben von Lilien und Myrthen, waren darauf abgebildet. Das Sammeln solcher Bilder hatte damals für uns Kinder noch einen gewissen Reiz. Wir zeigten sie einander, tauschten sie und rühmten uns ihrer Zahl. Klar, dass ich Paul meine Sammlung zeigte. Er schien nicht interessiert. Ich fragte ihn, ob er auch schon solche Bilder habe. Nein, antwortete er. Wieso, fragte ich. Der Herr Pfarrer hat mir keine gegeben, sagte er. Warum, fragte ich. Weil ich sie nicht haben wollte, sagte er.
Die Szene, wie Paul vor dem Pfarrer steht und die Bilder ablehnt, träumte ich heute Nacht.
Sie zeigte auch mich, wie ich zu meiner Mutter rannte und ihr von Pauls Verhalten erzählte. Der Traum ging allerdings nicht weiter und die Bilder der Strafe, die mein Vater Paul auferlegte, blieben mir erspart. Entschuldigung beim Pfarrer, drei Tage Hausarrest, zwei Wochen kein Spiel auf der Straße. So war es damals. Paul zeigte sich nicht geknickt. Ich war es umso mehr. Als ich dann schon zehn Mal Sei mir nicht bös gesagt hatte, gab ich auf. Ich weiß nicht, ob Paul mir verziehen hat. Wir redeten nicht mehr über diese Sache. Ich habe auch später kein Heiligenbild mehr bei ihm gesehen.
Handlungen, die ich nicht verstand, hat es noch oft bei Paul gegeben. Sehr oft.
Heute sollte meine Tochter kommen, sie rief aber an, dass sie keine Zeit habe. Es wird schon wahr sein, sie hat viel Arbeit im Büro und nachher das Kind. Den Grund für ihre Scheidung kenne ich bis heute nicht. Ich war nicht dafür, sie hatte wahrscheinlich ihre Gründe. Darüber hat sie nicht gesprochen. Was meinen Schwiegersohn betrifft, kann ich mir vorstellen, dass sie es nicht leicht mit ihm hatte. Auch wer der Vater des Kindes ist, weiß ich nicht. Jedenfalls ist sie nicht mehr mit ihm zusammen.
Ich liebe meine Tochter. Ich liebe sie sehr.
Auf der Autobahn war ein Personenwagen sehr rasch unterwegs, mit ungefähr hundertsechzig Stundenkilometern. Knapp vor der nächsten Raststätte kam das Auto ins Schleudern und überschlug sich. Der Fahrer, ein Mann von ungefähr fünfundvierzig Jahren, war sofort tot. Die Polizei fand in seinem Wagen weder persönliche Dokumente noch den Führerschein. Man stellte fest, dass der Wagen als gestohlen gemeldet worden war. Die Identifizierung des Lenkers erwies sich als schwierig.
In einem Modegeschäft der Innenstadt langweilte sich die junge Mitarbeiterin. Seit einer Stunde war keine Kundin mehr gekommen. Mit spröden Fingern rückte sie Stöße von Pullovern zurecht, drapierte ein teures Kleid, für das sich noch niemand interessiert hatte, über einen mit Seide bezogenen Stuhl. Dann stellte sie sich vor den großen Wandspiegel, um Frisur und Make-up zu korrigieren. Später sah sie zum Fenster der Auslage hinaus auf die Straße. Sie schien auf jemanden zu warten. Nach einer Weile ging sie zurück in den Personalraum des Geschäftes. Sie kochte Kaffee, den sie, noch sehr heiß, mit vorsichtigen, kleinen Schlucken trank.
Nach fast einer Woche meldete eine Tageszeitung, dass es sich bei jenem Mann, der bei dem Unfall auf der Autobahn mit einem gestohlenen Wagen ums Leben gekommen war, um den fünfzigjährigen Heinz K. gehandelt hatte. Der Diebstahl war vorerst rätselhaft, da Heinz K., ein vermögender Wirtschaftstreibender, selbst ein teures Auto besaß. Heinz K. war geschieden und hinterließ keine Familie. Der rechtmäßige Besitzer des total beschädigten Wagens würde Ansprüche an seine Versicherung stellen, die Polizei weiter ermitteln.
Die Angestellte des Modegeschäftes nahm eine Woche Urlaub. Da sie nach der abgelaufenen Zeit nicht wieder kam und weder über Festnetz noch Handy erreichbar war, nahm die Besitzerin des Modegeschäftes eine neue Kraft auf.
Franz
spricht
Gut, dass Sie da sind. Wissen Sie, was passiert ist? Sie wissen es natürlich nicht. Also.
Ich gehe einkaufen. Nicht viel. Brot, Eier, Milch. Und Bitterschokolade, mein einziger Luxus. Kennen Sie diese Bitterschokolade in der roten Hülle, in dieser Hülle mit Goldbuchstaben? Wirklich, der einzige Luxus, den ich mir leiste. Also zwei Tafeln nehme ich mit. Sie kennen diese Bitterschokolade wirklich nicht? Die hat es schon in meiner Jugend, in meiner Kindheit gegeben. Ich gehe also mit meiner Plastiktasche, die nehme ich immer, denn mit einem Korb, nein. Am Sonntag, aber nicht an jedem Sonntag, hat mir meine Mutter ein paar Groschen gegeben. Die habe ich dann gespart, und wenn ich genug für eine Bitterschokolade beisammen hatte, habe ich sie gekauft. Im kleinen Keller unseres Siedlungshauses habe ich mich versteckt und sie dort gegessen. Wäre anders nicht gegangen. Bei den vielen Geschwistern. Einmal habe ich die Schokolade aus lauter Gier schon auf dem Weg nach Hause ausgepackt. Da ist der Peter vorbeigegangen, der mich sonst nie angeschaut hat. Dieses eine Mal hat er hergeschaut zu mir. Die esse ich auch gern, hat er gesagt. Und hat mir die Schokolade, ganz langsam, ganz sanft, aus der Hand genommen. Und ich habe es mir einfach gefallen lassen. Was sagen Sie dazu. Sie finden keine Worte. Kann ich verstehen. Ich habe es dem Paul erzählt, der hat mir eine neue Schokolade gekauft. Das hat mich ein wenig getröstet. Aber heute, auf dem Weg nach Hause, mit der Bitterschokolade in der Plastiktasche, ist mir das wieder eingefallen. Ganz kurz bin ich stehen geblieben, um Atem zu holen. Und ich habe gedacht, wenn jetzt der Peter vorbeikommt, gehe ich zu ihm hin und erzähle ihm die Geschichte. Das würde ich tun. Aber er ist nicht gekommen. Haben Sie ihn in letzter Zeit gesehen? Ja, stimmt, Sie kennen ihn ja nicht.
»
Jenes Mädchen, welches nach einer Urlaubswoche nicht mehr im Modegeschäft erschienen war, hieß Dagmar und war eine Freundin des tödlich verunfallten Heinz K.
Schon seit längerer Zeit hatte sie beobachtet, dass Heinz K. sich verändert hatte. Er war einsilbig, jähzornig und ging nicht mehr auf sie ein. Gerade seine Eigenschaft, sich ihr gegenüber interessiert und voller Anteilnahme zu zeigen, vor allem aber sein nicht nur sexuelles Interesse an ihrer Person, hatten ihr imponiert. Sie fühlte sich durch ihn aufgewertet. Das war, nach einer Reihe von eindeutig auf ihren Körper ausgerichteten Beziehungen, für sie besonders wichtig. Nachdem sie während ihrer Urlaubswoche vergeblich auf ihn gewartet hatte, konnte sie sich kaum aus ihrer Enttäuschung lösen.
Heinz K. hatte ihr verboten, ihn in seiner Firma oder zu Hause anzurufen. Manchmal hatte er sie vom Geschäft abgeholt. Aber nur, wenn er wusste, dass die Chefin nicht da war. Zu ihren von Mal zu Mal vereinbarten Treffen in Dagmars Wohnung war er stets pünktlich erschienen.
Erst als die Zeitung von seinem Unfalltod berichtete, wusste Dagmar, was geschehen war. Der gestohlene Wagen ging ihr nicht aus dem Sinn. Dieser Diebstahl lag, wenn sie an Heinz K. dachte, für sie außerhalb jeder Möglichkeit. Als die echte Trauer um seinen Verlust sich endlich etwas gemildert hatte, fasste sie den Entschluss, mehr über diesen seltsamen Tod erfahren zu wollen.
Wie sie es anstellen sollte, wusste sie nicht.
Es war ein ruhiger Nachmittag. Im Garten waren die Sommerblumen verblüht, der kommende Herbst zeigte sich im Fallen erster Blätter. Die Luft war klar und angenehm.
Eva, die Frau aus der Villa, hatte Besuch. Nette, gebildete Leute aus der Hauptstadt, die hier, in diesem Ort, ihr zweites Domizil hatten. Sie kamen meistens am Wochenende und zu den Feiertagen. Im Winter ließen sie ihre Häuser versperrt. Eva war eine perfekte Hausfrau. Wenn sie eine Jause richtete, hatte sie für Frühjahr, Sommer und Herbst jeweils das passende Geschirr. Diesmal deckte sie den Tisch noch auf der Terrasse, mit Steingut, auf dem bunte Blätter und späte Früchte zu sehen waren. Sie war nun allein, ohne Hilfe. Aber stets war alles bei ihr in Ordnung, immer gab es Blumen in den Vasen. Das war der Wunsch ihres ersten Mannes, Paul, gewesen, ihr war es zur Gewohnheit geworden.
Die Gäste kamen, ein Arzt mit seiner Frau, ein bekannter Musiker, die Besitzerin eines Restaurants, ein Rechtsanwalt mit seiner Freundin. Bei Tee und englischem Kuchen war die Unterhaltung noch förmlich, später, als Eva Wein und Gebäck reichte, wurden die Gespräche gelöster, fast vertraulich. Aus einem fernen Garten hörte man leise Musik.
Eva ging kurz ins Haus. Wie immer blickte sie im Vorbeigehen rasch in den großen Spiegel, der im Wohnraum hing. Sie wollte es nicht sehen, aber sie sah, dass die Falten um ihren Mund stärker geworden waren, sich tiefer eingegraben hatten. Im Badezimmer nahm sie einen Hauch von Puder und schloss während des Auftragens die Augen. Dabei hörte sie die laute Stimme des Anwalts, der von einem schwierigen Prozess erzählte.
Einen Augenblick lang glaubte sie, nicht mehr zu ihren Gästen hinausgehen zu können. Dann gab sie sich einen Ruck und ging mit festen Schritten zurück auf die Terrasse.
Der Anwalt erzählte später, dass er den so seltsam ums Leben gekommenen Heinz K. gut gekannt hatte. Von seinem Tod hörte Eva, die selten Zeitung las, zum ersten Mal.
Es gibt noch einige Kindheitserinnerungen, die mit Paul zu tun haben. Manches habe ich vielleicht vergessen, aber manches steht klar vor mir. Zum Beispiel. Die Mutter, die mich ihm meistens vorgezogen hat. Eines Tages sollte ich ein Paket von der Post abholen. Eifrig machte ich mich auf den Weg. Auch Paul wäre gern zur Post gelaufen. Die Mutter meinte, ich hätte mich zuerst für diesen Dienst angetragen, sein Angebot komme zu spät. Außerdem sei er ja oft auf der Gasse zu finden. Ich glaubte zu wissen, warum Paul das wollte. Wegen der kleinen Münze, die mir die Mutter dann gab.
In unserer Mansarde gab es nur einen einzigen Schrank, jeder von uns hatte ein Abteil zum Hängen für die Kleider, jeder eine Lade für die Wäsche. Diese Lade eignete sich gut, um gewisse Dinge zu verstecken, die verboten waren. Ein Messer, eine Schleuder, ein Feuerzeug und Ähnliches. Mich reizte es immer, in Pauls Lade nachzusehen, was es dort gab. Meistens gab es nichts Neues. Als ich mit dem Paket zurückkam und die Münze, wie aufgetragen, in mein Sparschwein geworfen hatte, bemerkte ich Paul, der im Garten herumtrödelte. Ich öffnete seine Lade. Ungeordnet lag seine Wäsche da. Bei mir lag sie, wie die Mutter es wollte, zu kleinen Stößen geschlichtet. Ich wühlte mich durch, um vielleicht ein neues, verbotenes Spielzeug zu finden. Nein, nicht dass ich ihn verraten wollte. Wirklich, nur aus Neugierde. Aber da war nichts. Gar nichts. Nicht einmal die alten Sachen waren da. Das hielt ich nicht aus. Ich musste ihn fragen und lief in den Garten. Paul saß auf einer Bank, den Kopf zurückgeworfen und schlenkerte mit den Beinen. Das tat er oft, und ich fragte ihn jedes Mal, was er dabei denke. Alles Mögliche, sagte er dann ohne mich anzusehen. Ich fand es lächerlich.
Erst als ich vor ihm stand, sah er auf. Wo sind deine Sachen, fragte ich. Welche, fragte er zurück. Die, die wir nicht haben sollen, antwortete ich. Die habe ich verschenkt, sagte er. An wen, fragte ich verblüfft. Franz, sagte er, als sei es selbstverständlich. Warum, fragte ich. Er ist mein Freund, sagte Paul. Aber der hat doch von diesen Sachen mehr als du, meinte ich. Jetzt hat er noch mehr, sagte Paul. Ich verstand ihn nicht. Und die Münze? fragte ich noch. Hättest du sie auch verschenkt? Klar, sagte Paul. Wieder an Franz? fragte ich. An wen sonst, sagte er.
Dieser Franz, dachte ich. Er nützt ihn aus. Er nützt meinen Bruder aus.
Er hätte ja auch mir alle diese Dinge geben können.
Ich will mich aber nicht schlecht machen. Kinder sind meistens Egoisten. Paul war vielleicht keiner. Paul war als Kind und später als Erwachsener nicht berechenbar. Niemals. Und nicht nur für mich. Ich muß jetzt abschweifen. Meine Enkelin Klara hat mich angerufen. Diese zarte Stimme am Telefon zu hören ist eine schöne Sache. Sie macht den Tag heller. Opa, sagte sie, wann kommst du uns besuchen. Wenn deine Mutter Zeit hat, antwortete ich. Aber ich habe immer Zeit, sagte sie. Das weiß ich, sagte ich, aber ihr müsst beide Zeit haben.
Kurze Stille. Ja, sagte sie dann. Die Mama ruft dich an. Gut, sagte ich und dachte vielleicht. Vielleicht.
Unlängst habe ich in den Sachen meiner Frau herumgestöbert. Viel ist nicht mehr da. Das meiste habe ich verschenkt, manches weggeworfen. Aber einige Kleider, die für mich eine besonders schöne Erinnerung bedeuten, habe ich aufgehoben. Ein Frühjahrskostüm – Kostüme sind heute lächerlich, ich weiß, ist aber schade – einen Bademantel, ein Nachthemd aus Seide, das sie immer mitnahm, wenn wir auf Urlaub fuhren, einen weißen Strohhut mit schwarzem Band. Den trug sie zur Hochzeit unserer Tochter. Sie verwendete stets ein bestimmtes Parfum, L’air du temps. Manchmal bilde ich mir ein, diesen Duft noch zu spüren.
Heute habe ich noch keinen Spaziergang gemacht. Ich müsste einmal die Richtung wechseln. Woanders hingehen. Ich frage mich aber wozu. Es geht um die Bewegung, die ich machen soll. Der Arzt verlangt es, meine Vernunft verlangt es. Vielleicht sollte ich versuchen, meine Vernunft auszuschalten. Ob das noch möglich ist. Wäre einen Versuch wert, aber nicht heute.
Ich sehe schon, ich schweife ab. Es soll nur ein Bericht werden, den ich schreibe, er soll von meinem Leben und von den Menschen, die es begleiteten, handeln. Ich müsste weiter über Paul berichten, der eine wichtige, nein, eine bedeutende Rolle für mich spielte. Er hat mein Leben stark beeinflusst. Auch durch seine Frau.
Es brennen zu viele Lichter in meiner Wohnung. Das ist nicht nötig. Ich werde sie ausschalten. Nur meine Bettlampe nicht, die brauche ich zum Lesen. Ich bin noch an Vielem interessiert. Was das betrifft, bin ich nicht nachlässig.
Meine Frau hat mich geliebt. Ich weiß es, sie hat mich geliebt.
Miriam fiel es in letzter Zeit immer schwerer, die Fragen ihrer Tochter zu beantworten. Warum habe ich keinen Papa, fragte Klara immer öfter. Seit sie den Kindergarten besuchte, wusste sie, dass die meisten Kinder einen Papa hatten. Du hast ja auch einen, sagte sie zu Miriam, ich weiß es, das ist der Opa. Die erste Antwort, die sie Klara gab, hielt nicht lang. Er sei auf Reisen, auf Reisen in sehr ferne Länder, hatte sie erklärt.
Wann kommt er zurück, hatte Klara gefragt. Noch lang nicht, hatte sie gesagt. Vor einigen Tagen hatte Klara gemeint, lang sei nun eigentlich vorbei. Die Antwort, es würde noch eine Weile dauern, hatte nicht die gewünschte Wirkung. Sie erkannte es an Klaras Blick. So geht es nicht weiter, dachte sie, nein, so geht es nicht weiter.
Seit Miriam dieser Anruf erreicht hatte, an jenem Abend, den sie nicht aus ihrer Erinnerung streichen konnte, dachte sie wieder öfter an ihren geschiedenen Mann. Die Scheidung lag nun zehn Jahre zurück. Schon bald nachher glaubte sie, sie hätte sich von ihm gelöst. Ganz gelöst, das wollte sie. So schien es auch zu sein, als sie Klaras Vater kennen lernte.
Es war eine stürmische Liebe, deren Ende sie voraussah. Als es dann kam, schneller als sie gedacht hatte, brach sie fast zusammen. Sie war schwanger.
Und allein in einer kleinen, ungemütlichen Wohnung. Der Freund war weg. Nicht mehr erreichbar. Zuerst sagte sie zu ihrem Vater, das Kind sei von ihrem geschiedenen Mann. Der Versuch einer Wiedervereinigung. Er glaubte ihr nicht. Sie gab es dann auf. Immer öfter sagte sie zu ihm vieles, was nicht stimmte. Manchmal hatte sie den Verdacht, dass er mehr wusste, als sie dachte. Aber es war gut so. Für beide.
Ihre Ehe war in gegenseitigem Einverständnis gelöst worden. Auf Unterhaltszahlungen hatte sie verzichtet. Später tat es ihr leid. Als sie allein war, ging es. Als dann das Kind kam, konnten sie gerade durchkommen. Ihr Vater gab ihr monatlich einen kleinen Betrag mit der Auflage, dass sie aufschreiben sollte, wofür sie ihn ausgegeben hatte. Das schadete ihrer Beziehung. So nett er zu Klara war, so oft er ihr auch kleine Geschenke machte, dieses Verhalten konnte sie ihm nicht verzeihen.
Dass ihr Exmann tot war, hatte sie aus der Zeitung erfahren. Sie wusste, das Erbe würde ziemlich umfangreich sein. Fabrik, Immobilien, Geldwerte. Ich hätte damals anders handeln sollen, dachte sie.
Etwas hatte der Tod ihres Exmannes in ihr bewegt. Etwas, von dem sie noch nicht wusste, was es war. Vielleicht war es auch die Stimme dieser Frau am Telefon gewesen. Eine Stimme, kalt und überheblich.
Franz
spricht
Verstehen Sie, ich lebe gesund. Das ist nicht schwer für mich, denn schon in meiner Kindheit war es so. Gemüse aus dem Garten, selbst gebackenes Brot, viel Erdäpfel, wenig Fett, manchmal Obst, Fallobst, das ich selbst aufklaubte. Fleisch selten. Manchmal Wurst. Kennen Sie diese billige Wurst, stark geräuchert, allerdings mit viel Speck drin, die man mit einem Taschenmesser schneiden kann. Mein Vater hat sie manchmal zur Arbeit mitgenommen. Den letzten Zipf, wo kaum noch was drinnen war, haben wir Kinder gekriegt. Das war schon gut. Heute bekommt man diese Art Wurst kaum mehr. Aber ich weiß einen Marktstand, wo sie manchmal noch verkauft wird. Dort schau ich öfter vorbei. Aber sonst. Wie Sie sehen. Gesunde Nahrung. Also ich bin ja noch ziemlich tätig. Habe meine kleine Werkstatt unten im Kellerabteil. Wollen Sie die einmal besichtigen. Nichts Besonderes, aber vielleicht originell. Ich habe nämlich die verschiedensten Metallsägen, auch elektrische und einen Schweißapparat. Damit mache ich meine Arbeiten. Kleine Kunstwerke, wenn ich so sagen darf, alles aus Metall. Eine Burg habe ich bereits gebaut. Das Modell eines Autos. Mercedes. Und sonst Kleinigkeiten, Häuser, Ställe, Zäune, alles aus Metall. Man kann das, was man gelernt hat, eben nicht vergessen und macht es im Kleinen weiter. Was man später lernt, alles nichts. Auch wenn man dazu gezwungen wird, wie ich. Haben Sie den Peter wieder einmal gesehen. Ja, stimmt, Sie kennen ihn nicht, ich vergesse es immer wieder.
Die Abende sind lang, sehr lang. Dann kommen immer so dumme Gedanken. Krankwerden, niemanden haben, der einem hilft. Ja, so ist es halt. Kommen Sie doch einmal am Abend herauf. Wir könnten dann Kartenspielen. Schnapsen vielleicht.
»
Sie hatte ein kleines Auto, schon seit Jahren. Es war schlecht gepflegt, dafür nahm sie sich nie Zeit. Nun aber wusch Dagmar den Wagen, putzte ihn innen und außen. Es ging ihr um die Arbeit, nicht um das Ergebnis. Seit sie vom Tod des Heinz K. wusste, war sie voller Unruhe. Sie dachte unentwegt daran, wie sie mehr darüber erfahren könnte. In jenen Zeitschriften, die über die Society berichteten, war nichts über Heinz K. zu finden. Was seine Person betraf, hatte er sich stets bedeckt gehalten. Die Polizei gab keine Auskunft über die näheren Umstände seines Todes. Es sei ein Unfall gewesen, darüber habe man berichtet.
An das Modegeschäft, an die Arbeit, die sie dort zu machen hatte, dachte Dagmar kaum noch. Beides gehörte nicht mehr zu ihrem Leben. Heinz K. hatte ihr einmal gesagt, dass er geschieden sei. Als sie mehr darüber hatte wissen wollen, hatte er gemeint, das gehe sie nichts an. Sie hatte nicht gewagt, weiter danach zu fragen. Er konnte sehr abweisend werden, er sprach dann fast nichts mit ihr. Das wollte sie nicht. Vor allem das Gespräch mit ihm, das sich nicht nur um banale Dinge drehte, war ihr wichtig geworden.
Sie war es nicht gewohnt, dass man mit ihr über wichtige Vorfälle des täglichen Lebens sprach, dass man vergangene Ereignisse erwähnte und von Theateraufführungen berichtete. Nicht alles war für sie verständlich. Aber alles interessierte sie. Nun interessierte sie die Ursache seines Todes. Ihr Gefühl sagte ihr, sie würde dann mehr von ihm wissen. Sie glaubte nicht an einen Unfall.
An einem Abend in Dagmars Wohnung hatte er erwähnt, dass er das nächste Mal nicht kommen könne, da er das Konzert eines bekannten Pianisten besuchen wollte. Kann ich da mit, hatte sie schüchtern gefragt. Später, hatte er gesagt. Vielleicht später.
Er wollte ja nie mit ihr gesehen werden. Vielleicht hätte es sich einmal geändert, dachte sie. Später.
Nach einer Nacht ohne Schlaf brach sie auf. Sie wollte zuerst ihre Schwester besuchen, die in einer ländlichen Kleinstadt wohnte.
Am Tag nach jener Einladung begann es zu regnen. Eva hatte es vorausgesehen und für die kommende Woche einige Termine in der Stadt ausgemacht. Sie liebte das Leben auf dem Land, aber nicht bei schlechtem Wetter. Dann fühlte sie sich allein, dann wusste sie wenig mit sich anzufangen. Wenn sie an der Bibliothek vorbeiging, streiften ihre Blicke gelangweilt die Bücher. Nach Pauls Tod hatte sie das Lesen fast aufgegeben. Tageszeitungen, Zeitschriften nahm sie gern zur Hand, abends im Bett, nach dem Mittagessen. Für sich selbst kochte sie kaum. Sie lebte von Toast, fettarmer Suppe und magerem Fleisch. Diese Speisen herzurichten machte ihr keine Mühe. Trotzdem fühlte sie sich nachher müde, und sie verbrachte ein bis zwei Stunden auf ihrer Liege. Manchmal schlief sie ein, nachher bedauerte sie es, sie glaubte etwas versäumt zu haben, wusste aber, dass es nicht so war. Ihr Handy war immer griffbereit. Im Frühling, im Sommer bekam sie viele Anrufe. Im Herbst, im Winter, wurde es still bei ihr. Dann halfen nur mehr ausgedehnte Besuche in der Stadt.
Die Bemerkung des Anwalts, der am Vortag berichtet hatte, dass Heinz K., den er persönlich gekannt hatte, so seltsam ums Leben gekommen war, hatte sie tief getroffen.
Es war lang her, dass er sich von ihr getrennt hatte. Noch vor dem Schlafengehen holte sie ihren Kalender und sah nach, wann genau diese Trennung stattgefunden hatte. Wichtige Ereignisse, die ihre Person betrafen, zeichnete sie immer auf. Sie hatte sich richtig erinnert. Vor zwei Jahren, an einem einundzwanzigsten Februar, einem Freitag, war es gewesen. Da war er nach einem langen Arbeitstag in der Firma noch zu ihr gekommen. Eine weite Fahrt. Sie hatte ihn nicht erwartet. Sie trug einen Hausanzug, ein teures Modell, sie hatte sich vor dem Abendessen noch einmal zurechtgemacht. Das tat sie immer, auch wenn sie allein an ihrem Couchtisch saß. Ein Sandwich, ein Glas Wein, eine CD mit sanfter Musik. Den Fernseher hatte sie noch nicht eingeschaltet.
Sie hörte, dass die Tür geöffnet wurde. Sofort dachte sie an Heinz K., der einen Schlüssel hatte. Sie erkannte seinen Schritt, hörte, wie er seinen Mantel aufhängte, die Schuhe an der Matte abstreifte. Sie wartete. Als er hereinkam, erschrak sie. Er sah blass aus, er hatte sich irgendwie verändert, sie hatte ihn seit mehreren Wochen nicht gesehen. Ab und zu hatten sie telefoniert, kurze Gespräche, wie geht es dir, was gibt es Neues. Dabei hatte er ganz normal geklungen, wie immer. Jetzt aber war es anders. Der Besuch, den er nicht, wie sonst, angekündigt hatte. Wie er sich dann langsam auf sie zu bewegte. Wie er sie mit heiserer Stimme fragte, ob er nicht störe. Wie er sich dann in einen der Fauteuils warf und stumm sitzen blieb, als hätte er ihre Gegenwart vergessen. Sie versuchte, ihn wie immer freundlich zu begrüßen.
Schön, dass du kommst, sagte sie. Wenn ich dich auch nicht erwartet habe, ich freue mich.
Du freust dich also, fragte er. Es klang, als würde er ihr nicht glauben.
Sie schwieg und wartete, dass er weiter sprach. Manchmal gab es solche Momente bei ihm, wo sie nicht wusste, was ihn bewegte. Meistens riss er sich zusammen und begann mit ihr zu plaudern, sprach über Dinge, die sie gern hörte, gesellschaftliche Ereignisse, Geschäftsreisen in ferne Länder, Pläne, wieder einmal ein neues Auto zu kaufen, noch größer, noch stärker. Nun blieb er still. Sie ließ ihn, wartete, dachte kurz daran, dass es wichtig sei, immer so auszusehen, als käme ein angemeldeter Besuch. Sie wippte mit dem Pantoffel, der an ihren Zehenspitzen hing und versuchte die Angst, die langsam in ihr aufstieg, zu unterdrücken.
Mit Heinz K. war irgendwas geschehen. Nichts Gutes, dachte sie, nein, nichts Gutes. Sie spürte das Klopfen ihres Herzens und gleichzeitig einen seltsamen Druck auf ihrer Brust.
Mir gefällt mein Leben nicht mehr, sagte er nach Minuten der Stille. So ist das. Es gefällt mir nicht mehr.
Evas Leben war sehr bewegt gewesen. Die Höhen hatte sie genossen, die Tiefen nicht ernst genommen. Aus kurzer Trauer war nie Schmerz geworden.
Sie schaute ihn an und wusste nicht, was sie sagen sollte. Er stand auf und ging auf sie zu.
Hast du mich verstanden? Mein Leben gefällt mir nicht mehr. Sie schluckte und war ratlos. Irgendwie spürte sie, dass sie die richtige Antwort nicht finden würde.
Setz dich bitte, sagte sie. Ich bring dir was zu essen.
Er setzte sich und verbarg den Kopf in seinen Händen. Die CD, die sie vor seinem Kommen eingelegt hatte, spielte noch immer. Sie spielte nun ein melancholisches Lied, und Eva hatte das Gefühl, sie müsste abdrehen, diesem Lied ein Ende machen, aber sie ging in die Küche und richtete ein Sandwich mit Salami und Schinken, dem sie besondere Aufmerksamkeit schenkte. Als sie damit in den Wohnraum zurückkam, war er aufgestanden und dabei, seinen Mantel anzuziehen.
Was machst du, was willst du, fragte sie überrascht.
Heimfahren, sagte er.
Ich verstehe nicht, sagte sie.
Er ging auf sie zu und strich über ihre Wange, dabei sah er sie nicht an. Du hörst von mir, meinte er noch.
Seither hatte sie ihn nicht mehr gesehen. In der Woche nach diesem Abend hatte sie einen Brief erhalten, in dem er erklärte, er fände keine Liebe, kein Verständnis bei ihr, hätte es nie gefunden. Trotzdem. Die Zeit mir ihr sei schön gewesen.
Die Erinnerung an Heinz K. war Eva nicht angenehm. Es geschah selten, dass sie einen Fehler bei sich suchte. Nachdem er sie verlassen hatte, hatte sie es kurz getan, war aber zu keinem Ergebnis gekommen.
Die Nachricht von seinem plötzlichen Tod verwirrte sie, und sie begann wieder, sich Gedanken über Heinz K. zu machen.
Ich habe jetzt nicht jeden Tag geschrieben, weil ich über meine Tochter nachdenken musste. Es ist so: Ich habe drei Tageszeitungen abonniert, komme aber oft nicht dazu, alle drei am Tag ihres Erscheinens zu lesen. Die gelesene Zeitung lege ich beiseite, die nicht gelesenen Zeitungen lege ich auf einen kleinen Tisch neben meinem Lehnstuhl. Am nächsten, am übernächsten Tag nehme ich sie mir vor. Stets lese ich sie alle, nie lasse ich eine aus. Wäre ja schade um das Geld. Aus diesem Grund habe ich nicht gleich von Heinz’ Unfalltod erfahren, die Zeitung, in der davon berichtet wurde, war bereits drei Tage alt. Abends rief ich Miriam zu Hause an, im Büro wollte sie keine Anrufe haben. Sie nahm nicht ab. Auch am Handy nicht. Das wunderte mich, sie hatte ja das Kind, wo sollte sie sein. Endlich, nach zwei Tagen, konnte ich sie erreichen. Ich weiß schon davon, sagte sie sofort, du brauchst es mir nicht zu sagen.
Hat es dich bewegt, fragte ich. Ja und nein, antwortete sie. Also hat es dich schon bewegt, sagte ich. Papa, warum glaubst du immer, du könntest in mich hineinschauen, sagte sie, und ich spürte ihre Abwehr. Ich brauche dich also nicht zu trösten, meinte ich. Nein, sagte sie, wirklich nicht. Und sonst, fragte ich weiter, geht es dir gut. Ja, wie immer, erwiderte sie.
Dieses Wie immer gefiel mir nicht. Hat mir noch nie gefallen. Deshalb begann ich über sie nachzudenken. Aber was hilft das schon. Beim eigenen Kind.
Noch immer bin ich nicht dazugekommen, ausführlich über Paul zu schreiben. Ich habe mir überlegt, dass eine allgemeine Beschreibung seines Charakters nicht viel bringt. Besser ist, ihn durch seine Entwicklung, durch seine Handlungen lebendig werden zu lassen. An so vieles, was ihn betrifft, kann ich mich erinnern, vieles, was zwischen uns vorgefallen ist, steht klar vor mir. Meistens war ich der vom Unrecht Betroffene. Das macht mich vielleicht parteiisch. Aber ich kann alles nur aus meiner Sicht begreiflich machen.
Ich erinnere mich zum Beispiel eines Herbsttages, als ich, ein momentaner Einfall, mit Paul in einen Wald lief, der nicht weit von unserem Ort entfernt war. Vielleicht zwölf und zehn Jahre waren wir damals alt. Paul trieb sich oft mit einer Gruppe von Arbeiterkindern herum, jener Wald gehörte zu ihrem Revier, Franz war immer dabei.
Wir liefen voraus, die Gruppe sollte nachkommen. Warum ich damals mitgelaufen bin.
Aus Neugierde vielleicht. Ich wollte wissen, was sie dort machten. Der Wald war mir immer unheimlich gewesen, hohe alte Bäume, viel Gestrüpp, keine Wege. Paul ging voraus. Du musst leiser sein, sagte er zu mir, du erschreckst sonst die Tiere. Welche Tiere es dort gab, wollte ich wissen. Rehe und Hasen, antwortete er. Und Füchse. Und viele kleine Tiere. Und Vögel. Siehst du dort den Vogel auf dem Ast. Das ist eine Tannenmeise. Sie rührt sich nicht. Sei ganz still. Sie ist schwarz und weiß und hat einen roten Bauch. Jetzt fliegt sie weg. Hast du sie gesehen. Ich hatte sie nicht gesehen, aber ich sagte Ja. Merk sie dir, sagte Paul. Manchmal bin ich auch allein hier. Dann sind meine Schritte kaum zu hören, und ich sehe viele verschiedene Vögel. Zu Hause schlage ich dann im Lexikon nach, um zu wissen, zu welcher Art die Vögel gehören.
Ich fand das komisch. Paul mit zehn Jahren. Ich hatte noch nie ein Lexikon zur Hand genommen. Das änderte sich später, ich muss es hier einfügen. Aber damals. Bald kamen die anderen Buben. Mit ihnen Franz. Auf einer Lichtung begann ein wildes Indianerspiel. Selbstverständlich gehörte ich zu den Weißen und Franz band mich an den Marterpfahl. Er hatte leichtes Spiel mit mir, ich wehrte mich nicht, alles war mir fremd und unheimlich. Paul, der eifrig mitgetan hatte, band mich bald los. Das ist, glaub ich, nichts für dich, sagte er. Es war nichts für mich. Ich ging allein nach Hause. Die anderen tobten weiter. Wieso ist Paul so, und dann wieder ganz anders, dachte ich. Das dachte ich später noch oft.
Miriam. Für sie war Paul ein Spielkamerad, ein Lehrer, ein Freund. Mir, als Vater, ist es nie geglückt, Miriam so zum Lachen zu bringen, sie so fröhlich zu machen. Manchmal war ich fast eifersüchtig. Dass Paul selbst keine Kinder hatte, war ein Unglück. Aber kein Wunder, bei der Frau. Auch meine Frau hatte Paul sehr gern. Einmal sagte sie zu mir: Paul hätte dir was geben können. Was, fragte ich erstaunt. Ein Stück von seinem Herzen, sagte sie. Damals verstand ich sie nicht, ich war gekränkt.
Heute will ich Miriam noch anrufen. Es könnte ihr vielleicht gut tun, mit mir zu reden, Dinge, die sie nicht allein schafft, mit mir zu besprechen. Sie könnte mich ja besuchen und Klara mitbringen. Klara könnte vielleicht bei mir schlafen, ich würde sie morgen in den Kindergarten bringen.
Ich kann es mir nicht abgewöhnen, Dinge, die mich persönlich betreffen, in diesen Bericht einfließen zu lassen, statt nur über meine Beziehung zu Paul zu schreiben. Aber ich denke, es gibt ein Bild von mir, ein anderes, das Miriam, oder wer immer es lesen mag, noch nicht kennt. Das ist kein Fehler.
Ein einziges Mal hatte Heinz K. vor Dagmar jene Frau erwähnt, mit der er einige Jahre lang verbunden gewesen war. Es war ein Abend in Dagmars Wohnung, beide hatten mehr als die üblichen zwei Gläser Rotwein getrunken. Heinz K. war, entgegen seiner Art, sehr gesprächig gewesen, er hatte rasch die Themen gewechselt, die Dagmar interessierten, und war schließlich auf Eva zu sprechen gekommen. Er nannte nicht ihren Namen, schilderte aber die Villa, in der sie nun allein wohnte und erklärte, warum er sie verlassen hatte. Er sagte zu Dagmar – es war das einzige Mal –, dass er sehr froh sei, sie gefunden zu haben, er wisse nicht, wie es sonst mit ihm weitergegangen wäre. Dagmar hatte überrascht und voller Staunen zugehört. Sie überlegte lang, ob sie ihn beim nächsten Treffen noch einmal nach dieser Frau fragen sollte. Ihre Neugierde war groß, und sie fragte. Ein anderer Heinz K. als jener des vergangenen Abends zeigte sich ungehalten und abweisend und verlangte von Dagmar, sie möge, was er gesagt habe, vergessen, es sei nicht mehr von Bedeutung.
Dagmar bewegte immer mehr die Frage, ob Heinz K.s Zustand damals, als er jene Frau verlassen hatte, ähnlich gewesen war wie jetzt, als er mit einem gestohlenen Auto verunglückte.
Ihre Schwester hatte sie freundlich begrüßt. Sie fragte nicht sofort nach dem Grund von Dagmars Kommen, bemerkte aber, dass sie verändert war. Am dritten Tag erzählte Dagmar von sich aus die Geschichte. Ihre Schwester meinte, es würde schwierig sein, diese Frau zu finden. Aber wie Dagmar glaube, sei Heinz K. einmal verheiratet gewesen. Vielleicht könne sich Dagmar mit seiner Exfrau in Verbindung setzen. Die sei leichter zu finden. Sie wisse auf jeden Fall mehr über Heinz K.s Charakter, vielleicht kenne sie auch jene Frau aus der Villa. Dagmar verwarf sofort diese Möglichkeit. Aber immer öfter musste sie daran denken.
Es war die eigenartige Weise wie Heinz K. seine Hände hielt, die sie faszinierte. Wenn er saß, verschränkte er sie auf seinem Schoß – Miriam selbst tat es später auch –, dabei senkten und hoben sich immer wieder seine Finger. So saß er, noch nicht neunzehn Jahre alt, auf einer Bank im Park, im Garten eines einfachen Gasthauses, bei einem Rockkonzert. Saß ihm Miriam gegenüber, sah er sie unentwegt an, versenkte seine Blicke in ihrem Gesicht, redete kaum. Hast du was, fragte sie ihn oft, und er schüttelte den Kopf. Lass mich dich anschauen, sagte er dann, mehr brauch ich nicht. Sie freute sich über seine Worte, aber sie verstand ihn nicht ganz. Das geschah oft. Er konnte fröhlich sein, übertrieben fröhlich. Dann packte er sie, schwenkte sie wild herum, stellte sie auf den Boden, hob sie wieder auf, bis ihr schwindlig wurde. Gleich danach war er seltsam still, setzte sich irgendwo hin und blieb eine Weile stumm.
Eines Tages, es war Sommer und ziemlich heiß, gingen sie schwimmen. An einer ruhigen Stelle des Flusses, wo es keine gefährlichen Strömungen gab. Sie hatten sich vorgenommen, nachher am Ufer zu bleiben, im Gras zu liegen, die mitgebrachten Brote zu essen, Obstsaft zu trinken, die Zeit nicht wahrzunehmen. Nachdem sie aus dem Wasser gestiegen waren und der Ostwind über ihre feuchten Köper strich, nachdem sie soviel von ihrer Liebe genommen hatten, wie Miriam es erlaubte, sprang Heinz auf.
Ich geh noch einmal hinein, sagte er.
Warum jetzt, fragte Miriam. Wir wollten doch was essen.
Später, sagte er und war schon weg.
Sie ärgerte sich, suchte einen schattigen Platz für Brote und Getränke, setzte sich daneben hin, nahm einen kleinen Bissen und wieder einen, trank aus der Flasche mit kleinen Schlucken, und dachte dann, sie hätte auf ihn warten sollen. Die Zeit verging, er war nun schon viel länger weg, als sie angenommen hatte. Zorn gegen ihn stieg in ihr auf. Sie legte sich auf ihr Badetuch, schloss die Augen und schlief nach wenigen Minuten ein. Als sie erwachte, weil ihr kalt geworden war, war Heinz noch immer fort. Sie blickte um sich. Brote und Getränke waren unberührt. Heinz’ Kleider lagen noch da. In Panik sprang sie auf und lief zum Ufer. Kein Schwimmer war zu sehen, nur ein Ruderboot wurde langsam von der Strömung getragen. Miriam wollte mit lauten Rufen die Insassen auf sich aufmerksam machen, vielleicht hatten sie Heinz gesehen, aber ihre Rufe erreichten die Leute nicht. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Weinend packte sie alles, was ihr gehörte, in ihre Tasche, die Kleider von Heinz ließ sie liegen. Sie fuhr nach Hause, sie weinte noch in der Straßenbahn, alle Leute sahen sie an. Ihrer Mutter erzählte sie, was geschehen war. Du hättest sofort die Polizei rufen müssen, meinte sie.
Sie ging zum Telefon und rief an. Miriam stand zitternd neben ihr. Die Polizei versprach der Sache nachzugehen.
Fünf Minuten später kam der Anruf von Heinz. Er befinde sich in einer Telefonzelle in der Nähe des Flusses, er wolle wissen, warum Miriam nicht auf ihn gewartet habe. Die Mutter reichte Miriam den Hörer, aber sie konnte nicht sprechen. Nach einigen unfreundlichen Worten an Heinz bat die Mutter die Polizei, die Suche abzubrechen.
Später versuchte Heinz Miriam zu erklären, warum er sich verspätet hatte. Er habe, und er wisse nicht wieso, nach einigen wenigen Tempi das Gefühl gehabt, er müsse das Wasser sofort verlassen. Deshalb konnte er nicht zur Uferwiese, wo Miriam auf ihn wartete, zurückkehren. In seiner nassen Badehose sei er eine Weile sinnlos am Ufer entlanggelaufen, hin und her und hin und her, bis er sich erschöpft auf einen Baumstumpf niederließ. Er wisse nicht, was er sich dabei gedacht habe, es sei jene unerklärliche Angst in ihm gewesen, die er nicht abschütteln konnte, die nur ganz langsam nachließ, bis er sich endlich auf den Weg zurück machte, müde, erschöpft.
Miriam fragte, ob er ein solches Gefühl schon einmal gehabt hatte.
Er verneinte.
Damals war Miriam sechzehn Jahre alt.
Franz
spricht
Entschuldigung hab ich gesagt, als ich das Geschäft betreten habe. In der Auslage ist mir nämlich eine Krawatte ins Aug gestochen, rot mit weißen Punkten, ein schönes Rot, leuchtend. Nicht richtig auffallend, aber doch. Normaler Weise hab ich damals keine Krawatten gebraucht, ein zwei Mal höchstens, zu Weihnachten und vielleicht zu einer Hochzeit. Das Geschäft war nicht in unserem Ort, da bekommt man überhaupt keine Krawatten, sondern in der Hauptstadt, wohin es mich zufällig verschlagen hat.
Dummerweise hab ich mir den Preis in der Auslage nicht angeschaut. Als ich im Geschäft drinnen war, hab ich erst gesehen, was für ein Geschäft es ist. Fein. Nobel. Und teuer. Ich wollt gleich wieder hinaus. Sie müssen das verstehen. Wenn was nichts für mich ist, weiß ich das gleich. Ich hab also die Tür schon wieder in der Hand. Da ruft mich wer. Franz. Franz. Ich kenn doch die Stimme. Wer war’s. Paul natürlich. So ein Zufall. War mir nicht ganz recht, dass mich Paul so sieht, in dieser ländlichen Kleidung, und er so fein, in dunklem Anzug. Aber Paul sofort zu mir her, fast gesprungen ist er und hat mich umarmt. Ich hab mich sehr gefreut, aber gefreut hab ich mich auch, dass der Verkäufer das sieht, der mich schon beim Hereingehen verächtlich angeschaut hat.
Was machst du da, fragt Paul und ich: Nichts, ich wollte gerade wieder gehen. Du wolltest doch was kaufen, sag mir, was du kaufen wolltest. Nichts, ich wollte wieder gehen. Also, sagt Paul, ich mache dir jetzt ein kleines Geschenk, dann gehen wir was trinken. Ich wollte unbedingt mit Paul was trinken gehen, drum hab ich mich überwunden und auf die Krawatte gezeigt. Der Verkäufer hat sie unbedingt an mein Flanellhemd halten wollen, das war ein Theater. Wir waren dann lang in einer Weinstube. Paul hat mir viel erzählt. Ich habe nichts davon vergessen, das können Sie mir glauben. Zum Schluss hat er gesagt, dass er sich aus der Stadt zurückziehen will. Dass er sich ein Haus bauen will. In unserem Ort. Dort war ich dann oft. Dort hab ich auch seine Frau kennen gelernt.
Die Eva.
»
Nun war das Wetter feucht geworden, es regnete oft. Auch an trockenen Tagen war der Garten bereits unansehnlich, fast alle Blumen waren verblüht, die Zweige der Sträucher und Bäume zeigten sich kahl. Eva benutzte nur noch die gekiesten Wege. Wenn sie das Haus verlassen musste, um die Post zu holen oder dem Kaufmann zu öffnen, der die Lebensmittel zustellte, schlüpfte sie in alte, feste Schuhe. Alles, was mit Schmutz und Nässe zusammenhing, war ihr verhasst. Für den kommenden Tag hatte sie ein Treffen mit Freunden in der Stadt ausgemacht, sie freute sich darauf, die vergangene Woche hatte sie allein verbracht. Noch war es nicht schlimm gewesen, noch wusste sie sich zu beschäftigen. Schon oft hatte sie überlegt, eine kleine Wohnung in der Stadt zu nehmen, um dort den Winter zu verbringen. Aber sie hatte sich noch immer nicht dazu entschließen können. Vielleicht war es, um Franz nicht wieder zu begegnen. Das wollte sie sich nicht eingestehen.
Das Klavier stand in der Mitte des Wohnraumes. Es benötigte viel Platz, es war ein richtiger Flügel. Eva hatte es so gewollt. Man sollte sehen, dass hier, in diesem Haus, das sie stets Villa nannte, jemand war, der Klavierspielen konnte. Paul hatte ihr gern, sehr gern sogar, diesen Flügel geschenkt. Als sie ihm zum ersten Mal diese Idee unterbreitete, hatte er sie erstaunt angesehen, dann gefragt, ob sie wirklich Klavierspielen könne, er habe ja keine Ahnung gehabt. Ich kann, hatte Eva gesagt und gleich hinzugefügt: Ich konnte. Aber es wird nicht so schwer sein, wieder anzufangen.
Es war natürlich Unsinn, dass sie gleich mit Chopin-Etüden beginnen wollte, Etüde e-moll op. 25, nach der Paderewski-Ausgabe. Irgendwann, vor Jahren, hatte sie diese Etüde recht und schlecht gespielt, nach so langer Zeit wollten ihr ihre Finger nicht gehorchen. Das wird schon, hatte Paul gesagt, lass dir Zeit. Mit Chopin wurde sie allein nicht fertig. Sie wählte leichtere Stücke von anderen Komponisten, aber auch das ging nicht gut. Paul engagierte eine Klavierlehrerin. Immer wieder wurde Eva von zorniger Ungeduld erfasst. Endlich war es so weit, und sie spielte Paul die Etüde vor. Mit vielen Fehlern, aber sie kam bis zum Ende. Paul verhielt sich zuerst still. Ich bewundere deinen Willen, sagte er dann. Wenn du so weiter machst, wird aus dir noch eine Konzertpianistin. Sie wusste, dass er es nicht ehrlich meinte. Sie wusste, dass dieser Satz Kritik enthielt und die Überzeugung, sie sei für das Klavierspiel nicht begabt. Aber Paul hätte dieses Urteil niemals ausgesprochen.
Eva legte Chopins Etüden zur Seite. Sie spielte Unterhaltungsmusik, Operetten, Schlager und erntete von den Besuchern Applaus. Paul saß immer dabei, klatschte vor allen anderen und küsste sie dankbar vor dem Schlafengehen. Meine Frau gibt nie auf, sagte er mit einem Lächeln. Nein, deine Frau gibt nie auf, antwortete Eva. Nun stand der Flügel da, und seit Pauls Tod hatte sie nicht mehr gespielt. Alles Mögliche hatte sie versucht, um den Flügel auch ohne Noten zu beleben. Eine Schale aus Meißner Porzellan hatte sie hingestellt, Photographien von Freunden, von ihr selbst, nur keine von Paul. Große Vasen mit Blumen standen dort im Sommer, und ein kleiner, silberner Christbaum im Advent. Sie spielen? fragten oft ihre Besucher.
Nicht mehr, antwortete sie dann. Jedes Mal, wenn sie diese beiden Worte aussprach, hatte sie das Gefühl, etwas verloren zu haben, was sie eigentlich nicht bedauern sollte.
Sie überlegte in den Ort zu gehen, dorthin war es nicht weit. Die Villa lag etwas abseits, rundherum gab es keine Häuser. Aber hinter dem Garten war gleich der Wald, eine wilde Wiesenfläche, die nie gemäht wurde, breitete sich davor aus. Eva hasste diese Wiese. Im Sommer fürchtete sie sich vor Schlangen, vor Ungeziefer, vor den Bienen, die sich an den üppigen Blumen ernährten. Sie hatte Paul nie verstanden, der erklärte, er liebe diese Wiese, die irgendwie zu seinem Haus gehöre, er liebe den Wald, der sich so dunkel und stark an sie anschließe. Er sei überzeugt, dass Wiese und Wald sein Haus bewachen würden, sie seien wie ein Schutzwall für Eva und ihn. Er sagte das oft. Vor allem dann, wenn er verreisen musste und Eva allein zurückblieb. Die Haushaltshilfe, die bei ihnen wohnte war für Eva kein Trost. Die hatte selbst Angst. Sie wolle eine Alarmanlage, hatte Eva verlangt. Paul lehnte es ab, überraschenderweise.
Keiner aus dem Ort würde hier einbrechen. Und fremdes Gesindel, woher sollte es kommen. Es war unlogisch, was er sagte. Das wusste er, das wusste Eva. Aber er hielt an seinem Entschluss fest. Eva hatte dann in jedem Zimmer ein Telefon, später trug sie auch ihr Handy immer mit sich. Als sie wieder heiratete, verschwand ihre Angst.
Ihr neuer Mann war stark, er würde mit jedem Einbrecher fertig werden. Und er verreiste nie.
Als Eva dann endgültig allein war und entschlossen, es zu bleiben, kam die Alarmanlage ins Haus. Aber Evas Angst verlor sich nie.
Wie immer im Herbst strahlte der Ort eine Stille aus, die nicht erklärbar war. Die kleinen Geschäfte, es gab es nicht mehr viele, waren leer, im Supermarkt zeigten sich wenig Käufer. Eva trat ein ohne zu wissen, was sie kaufen sollte. Ratlos streifte sie durch die Gänge, begleitet von einem Geruch, der Essbares wie Ungenießbares in sich trug. Die Kassierin sah ihr nach und vergaß die Frau, deren Einkäufe sie gerade berechnete. Mit gespieltem Interesse betrachtete Eva den Inhalt von Etageren und Vitrinen, langsam ging sie daran vorbei, ihr Blick nahm das Sichtbare nicht auf. Frauen gingen vorüber, die sie vom Sehen kannte, deren Namen sie nicht wusste. Ihren Namen kannte man, man wusste, wo sie wohnte, man glaubte ihr Privatleben zu kennen, ihre Eigenschaften, ihre Vorlieben. Es war ihr klar, dass man ihr Verhaltensweisen zuschrieb, die nicht der Wahrheit entsprachen. Alles was sie tat, wurde mit Neugierde betrachtet, beredet und beurteilt. Als Paul noch lebte, hatte man ihr ein gewisses zweifelndes Wohlwollen entgegengebracht. Damit war es nach Pauls Tod vorbei. Ihre zweite Ehe, ihr Leben nachher allein in der Villa gaben Anlass zu vielen Spekulationen. Eva hatte sich entschlossen, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen. Die Einkäufe, die sie ab und zu im Ort machte, sollten es beweisen. Sie wusste, dass dann, wenn man sie sah, wieder Gespräche begannen, die von Paul handelten. Von seinem tadellosen Charakter, von seiner Menschlichkeit, von seinem sozialen Handeln. Er war eben von hier, aus diesem Ort. Einer von ihnen. Und dann diese Heirat.
Eine Frau streifte an sie an. Entschuldigung, sagte sie und stellte sich so, dass sie Eva ins Gesicht sah. Aber ja, sagte Eva und ging weiter. Die Frau ging hinter ihr her, sie spürte ihre Blicke im Rücken. Sie nahm dann ein Shampoo und einen Haarlack und ging damit zur Kassa. Nichts mehr sonst, fragte die Kassierin. Nichts mehr sonst, antwortete Eva. Als sie den Supermarkt verließ, suchten ihre Augen nach der nächsten Mülltonne, um sich von ihren Einkäufen zu befreien.
Ich werde in die Stadt ziehen, ich will in die Stadt ziehen, dachte Eva, als sie heimging. Schließlich habe ich Franz vergessen, total vergessen.
Dagmar konnte in der Hauptstadt, wo Heinz K. und sie selbst zu Hause waren, den Namen und den Wohnort seiner geschiedenen Frau nicht finden. Trotz mühsamer Nachforschung in den Unterlagen von Meldeamt und Standesamt blieb ihre Suche ergebnislos. Sie konnte nicht wissen, dass die geschiedene Frau von Heinz K. nach der Geburt ihrer Tochter, deren Vater nicht Heinz K. war, ihren Mädchennamen wieder angenommen hatte.
Wenn ich immer wieder über meinen Bruder Paul nachdenke, und das muss ich während meiner Aufzeichnungen, fällt mir vor allem jene Geschichte ein, in die Franz in unguter Weise verwickelt gewesen war. Mein Vater war, wie gesagt, Gymnasiallehrer in der nahe gelegenen Kreisstadt. Paul und ich saßen in jenen Parallelklassen, in denen mein Vater nicht unterrichtete. Es war schon schlimm genug, in derselben Schule wie Vater zu sein. Jede kleinste Unregelmäßigkeit von uns Brüdern wurde ihm berichtet. Aber Paul fiel in der Schule nicht auf, und ich wollte nicht auffallen. Mädchen gab es in unserer Schule nicht. Eine Haushaltsschule, in der auch Englisch unterrichtet wurde, war die einzige Möglichkeit für Mädchen aus der Kreisstadt. Aus unserem Ort waren es nur zwei. Eine war die Tochter des Volksschullehrers, die andere die Tochter des Betreibers der Fabrikskantine. Ich fand beide nicht interessant. Wenn ich zurückrechne, war Franz damals vierzehn Jahre alt, ja, ebenso alt wie Paul. In jenem Sommer sprachen die Leute wochenlang über Franz. Aber nicht in gutem Sinn.
Man muß sich vorstellen: Ein kleiner Ort, in dem jeder jeden kennt. Noch dazu ein Ort mit einer mit Fabrik und einer Arbeitersiedlung. In unserer Familie war es selbstverständlich, dass es keine Standesunterschiede gab. Stets predigte uns der Vater, dass wir nichts Besseres seien, dass wir eben nur andere Möglichkeiten hätten, uns fortzubilden. Paul sah es auch so. Ich, zwei Jahre älter, hatte meine Zweifel. Für mich waren die Menschen aus der Siedlung anders als wir. Von ihrer Art her. Von ihrer Lebensweise. Und von ihrer Moral. Das sollte sich an Franz bestätigen.
Wir hatten Ferien, der Sommer war heiß. Fast jeden Tag fuhren meine Klassenkollegen und ich mit den Rädern zu dem kleinen Teich, der nicht weit entfernt in einer von Gras bewachsenen Mulde lag. Meistens war Paul mit, und wo Paul war, war auch Franz. Wir Sechzehnjährige kümmerten uns nicht um die Jüngeren. Schon gar nicht um Franz, der seine Hauptschule mit Müh und Not abgeschlossen hatte und im Herbst als Lehrling in der Fabrik anfangen würde. Trotzdem erweckte Franz unser Interesse. Wir wollten es nicht zugeben, aber wir beneideten ihn um sein Äußeres. Keiner von uns war so kräftig gewachsen wie er. Keiner von uns hatte wie er jene Hautfarbe, die auch im Winter noch aussah, als käme er gerade aus dem Süden. Keiner von uns hatte so helle blaue Augen.
Und keiner von uns war so stark. Es war klar, dass Franz es jederzeit darauf anlegte, vor uns zu paradieren. Dann führte er imaginäre Boxkämpfe auf der Wiese aus, schlug Räder und zog sich mit kräftigen Klimmzügen hinauf in die Wipfel der Bäume oder sprang kopfüber ins Wasser. Nur wenn er sprang, schäumte das Wasser wie eine Fontäne auf. Wir konnten es noch so oft versuchen, es kräuselten sich nur die Wellen.
Paul bewunderte Franz, er konnte es nicht verbergen. Franz wusste es. Trotzdem machte Franz den Eindruck, als sei er Paul untertan.
Es war in diesem Sommer, als die Geschichte mit dem Mädchen geschah.
Das Mädchen, ihren Namen habe ich vergessen, war die Tochter des Kantinenwirtes der Fabrik. Dieser Mensch, der die Arbeiter, vor allem was ihren Getränkebedarf betraf, ausbeutete, strebte nach Höherem. Deshalb schickte er seine Tochter in die Kreisstadt zur Schule. Uns Gymnasiasten war bekannt, dass sie mehr die Kaffeehäuser als den Unterricht besuchte. Sie war von einer etwas gewöhnlichen Hübschheit, die sie bewusst auszuspielen verstand. Mir gefiel sie nicht. Ich hatte für Reize dieser Art nichts übrig.
In unserem Ort sah man sie mit verschiedenen Burschen herumflanieren. Wenn sie in der Kantine bediente, verschlangen sie die Arbeiter mit gierigen Blicken.
An einem der Sonntage in diesem heißen Sommer trieb sie sich in der Nähe des Teiches herum. Es sah aus, als wollte sie Blumen pflücken, immer wieder bückte sie sich, ihr Rock rutschte hoch und gab ihre Schenkel frei. Die meisten von uns sahen immer wieder zu ihr hin, sie blieb in einiger Entfernung. Ich teilte dieses Interesse nicht. Aber an dem erst vierzehnjährigen Franz bemerkte ich eine sonderbare Unruhe. Das Mädchen entfernte sich von uns, kam wieder näher, tat, als hätte es was verloren. Der Blumenstrauß in ihrer Hand wurde nicht größer. Franz hatte sich nach einigen Darbietungen seiner Stärke wieder zu uns gesetzt. Die Nähe des Mädchens erfüllte uns alle mit einer seltsamen Unsicherheit, die wir mit Lachen und lautem Reden zu verbergen suchten. Sie ist nicht mehr da, sagte plötzlich einer, der wieder zu ihr hinsehen wollte. Franz, sagte ein anderer aufgeregt, Franz ist auch nicht mehr da. Wir konnten es nicht glauben. Aber es stimmte. Franz war verschwunden. Mein Bruder Paul, vierzehn Jahre alt, stand ruhig auf und sagte: Ich geh sie suchen. Wir, auch ich, fielen über ihn her. Lass sie doch, du bist verrückt, wer weiß, wo sie sind, was willst du tun, riefen wir alle durcheinander. Aber Paul war schon unterwegs. Erst nach einer Weile kam er allein zurück. Wir bestürmten ihn mit Fragen, er sagte, sie seien im Gras gesessen und Franz hätte das Mädchen gestreichelt. Nicht mehr sei gewesen. Zu Hause meinte er dann zu mir: Franz ist naiv. Nie denkt er, dass sein Verhalten Folgen haben könnte. Das Mädchen hat ein böses Mundwerk. Kann sein, sie hätte Franz gern in Schwierigkeiten gebracht. Ich hab mit ihr gesprochen. Sie wird nichts sagen. Typisch Paul.
Sie sagte wirklich nichts. Aber alle anderen, die beim Teich waren, die zwar nichts gesehen hatten, aber deren Phantasie ausuferte, redeten im Ort darüber. Der Kantinenwirt wendete sich an Franz’ Vater, der seinen Sohn verdrosch. Unser Vater verbot Paul die weitere Freundschaft mit Franz. Es war sinnlos. Paul hätte sie nie aufgegeben.
Als ich Franz wieder begegnete, gab er vor, mich nicht zu sehen. Bald aber war er wieder wie sonst, fröhlich, unbekümmert und stark. Damals dachte ich, Paul würde auch weiterhin auf ihn aufpassen müssen. Das tat er auch. Nur hörte er damit früher auf, als er es wollte.
Wenn ich heute an den kleinen Teich denke, an die Wiese, an die Bäume, werde ich fast melancholisch. Das gab es nur damals, das gab es nur nahe unserm Ort. Trotz der Engstirnigkeit, die im Ort selbst herrschte, fanden wir in seiner Umgebung eine Freiheit, die es später nie wieder für mich geben sollte.
Ich gehe jetzt meine Blumen gießen. Die Azalee ist mir eingegangen, wahrscheinlich habe ich sie zu feucht gehalten. Zu gern und zu oft nehme ich meine kleine Gießkanne zur Hand. Aber dem Schiefblatt tut es gut, es gedeiht, ich hab es schon lang.
Vater, lass Heinz in Ruhe, er ist tot, sagte Miriam.
Trotzdem, du sollst dich nicht kränken, Kind.
Ich kränke mich nicht.
Doch, du kränkst dich, ich sehe es dir an.
Gut, ich kränke mich also. Wenn du es so willst.
Du verstehst mich nicht. Wieder einmal.
Hör bitte auf, mir was einzureden.
Ich will nur, dass du dich nicht kränkst. Er verdient es nicht.
Was er verdient oder nicht verdient, weiß ich wohl am besten.
Ich denke, er wollte seinem Leben ein Ende setzen.
Wahrscheinlich. Ja. Traurig genug.
Sein Leben war ihm nichts mehr wert, glaube ich.
Man kann in einen anderen Menschen nicht hinein schauen, Papa.
Er war unglücklich.
Schwermütig war er, mein Kind. Das war er schon in eurer Ehe.
Wie willst du das wissen?
Ich mach mir eben über alles Gedanken. Über alles, Miriam.
Mach es dir leichter. Denk nicht soviel nach. Vor allem nicht über das Leben anderer.
Meine Gedanken lass ich mir nicht verbieten. Von niemandem.
Schon gut. Ich mach uns jetzt Kaffee.
Warum hast du Klara nicht mitgebracht?
Sie ist noch im Kindergarten. Ich hab mir früher frei genommen. Aber nächstes Mal bringst du sie mit, bitte. Ich warte darauf.
Dagmar hatte es nicht leicht, wieder einen Job zu finden. Sie wollte in der Stadt bleiben, sie wollte sich gern wieder mit Mode beschäftigen. Da sie aber ihren letzten Arbeitsplatz ohne Angabe von Gründen verlassen hatte, fehlte ihr ein Zeugnis. Jedes Geschäft, jedes Unternehmen fragte danach. Ohne Zeugnis gab es keine Vertrauensgrundlage, und die Vorstellungsgespräche wurden nach kurzer Zeit beendet.
Sie belegte Kurse zur Umschulung, sie vergaß die Mode und bekam schließlich die Genehmigung, als Tagesmutter zu arbeiten. Vieles musste in ihrer kleinen Wohnung umgestellt werden, das wenigste war kindergerecht. Dagmar hatte sich entschieden, nur Volksschulkinder aufzunehmen. Vor größeren Kindern hatte sie Angst, sie glaubte, mit ihnen nicht fertig zu werden. Der Anfang war schwierig. Wenn die berufstätigen Mütter am frühen Morgen ihre Kinder brachten, bekam sie von ihnen die vielfältigsten Anweisungen. Anfangs versuchte sie, alle zu erfüllen. Das war unmöglich. Sie machte es sich leichter. Die Mütter, zuerst empört, begannen sie langsam zu verstehen. Weil die Kinder gern zu ihr kamen.
Noch immer hatte sie es nicht aufgegeben, nach der Ursache des seltsamen Todes von Heinz K. zu suchen. Aber sie musste sich eingestehen, dass sie kaum noch Anhaltspunkte finden würde. Die geschiedene Frau von Heinz K. war für sie nicht auffindbar. Bei der Polizei war nicht viel mehr zu erfahren. Der Besitzer des gestohlenen Autos hatte ausgesagt, Heinz K. nicht gekannt zu haben. Das hatte man ihr nach drängenden Fragen noch mitgeteilt. Damit konnte sie nichts anfangen.
Allmählich wurde aus Dagmar, die mit größter Disziplin auf ihr Äußeres geachtet hatte und stets modisch gekleidet war, eine noch immer hübsche junge Frau, die sich praktisch anzog, die Haare zu einem Pferdeschwanz band, am Abend die übrig gebliebenen Mahlzeiten der Kinder aus Sparsamkeitsgründen aß und so ein wenig rundlicher wurde. Von einigen Unzulänglichkeiten abgesehen war sie glücklich.
Eva hatte zwei angenehme Tage in der Stadt erlebt, dort Freunde getroffen, im gewohnten guten Hotel übernachtet. Sie war Franz nicht begegnet. Diese sinnlose Angst, die immer in ihr aufbrach, wenn sie die Stadt besuchte, war vorbei, sie fühlte sich erleichtert.
Eben wollte sie ihr Auto aus der Parkgarage holen, als eine jüngere Frau neben ihr beim Zahlautomaten stand. Die Blicke dieser Frau ließen sie nicht los, nervös sammelte Eva das Wechselgeld ein, die Frau sah sie weiter an, sie vergaß, ihre Zeitkarte in den Automaten zu stecken. Verärgert fragte Eva, ob sie ihr helfen könne. Nein, sagte die Frau, helfen nicht, aber Sie sollen mich in Ruhe lassen. Dann erledigte sie ihre Zahlung und ging. Verblüfft stand Eva da, sie versuchte, sich aus der Unruhe, die sie ergriffen hatte, zu lösen, es war ihr jetzt klar, dass sie diese Frau kannte, aber lang nicht gesehen hatte. Sie war ihr nur einmal begegnet, ein einziges Mal, Jahre waren seither vergangen. So sieht sie also jetzt aus, dachte Eva, damals war sie viel hübscher, aber auch nicht sehr hübsch, verständlich, dass Heinz sie verlassen hat. Wahrscheinlich geht es ihr nicht besonders gut, dachte Eva weiter, als sie in ihrem Auto saß, sehr tüchtig scheint sie nie gewesen zu sein, sie hat zwar, bevor Heinz mit seinem Unternehmen Glück hatte, gearbeitet, aber was war sie, ein paar Fremdsprachen hat sie gekonnt, sonst nichts. Es war gut, dass ich sie sofort nach Heinz’ Tod angerufen habe, um ihr klarzumachen, dass sie von ihm nichts erwarten dürfe, eine geschiedene Frau, die von einem anderen ein Kind hat. Ich bin überzeugt, dass Heinz mich in seinem Testament bedacht hat, schließlich habe ich mich stets um ihn gekümmert, ich glaube, er hat mich geliebt. Und wenn nicht, so hat er gewusst, dass er mir einiges zu verdanken hat.
Miriam. Ich habe diesen Namen nie gemocht, noch bevor ich sie kannte.
Als Eva in ihrem Haus ankam, stellte sie die Pakete mit den Einkäufen im Vorzimmer ab und sah sie nicht, wie sonst, genau an. Sie wusste, sie würde jetzt keine Freude an ihnen haben. Morgen, dachte sie, morgen will ich alles prüfen, probieren. Während sie im Badezimmer stand und sich fertig machte für die Nacht, versuchte sie, sich wieder von Miriams Bild zu lösen. Sie scheint es nicht leicht zu haben, dachte sie, irgendwie wirkt sie verbittert. Sie muß wieder arbeiten, ein Kind hat sie auch. Wenn das mich getroffen hätte, unvorstellbar. Aber was geht es mich an. Da lebe ich lieber allein und habe keine Sorgen, kann machen, was ich will. Als ich ihr damals begegnete, mit Heinz an ihrer Seite, wusste ich gleich, diesen Mann will ich haben, es wird ein leichtes Spiel werden mit dieser Frau. Sie hatte unruhige Augen und hielt Heinz am Ärmel seines Sakkos fest, als wollte sie ihn nicht loslassen. Er schien gehemmt, irgendwie verzweifelt, auch als er ziemlich viel getrunken hatte, wurde er nicht locker. Trotzdem oder gerade deswegen hat er mich angerufen, zwei Tage später.
Bevor Eva schlafen ging, massierte sie ihre Füße, sie waren kalt, sie blieben auch kalt, als sie schon im Bett lag. In der Nacht träumte sie nicht von Heinz K., auch nicht von Paul, sie träumte von Franz. Er stand vor ihr, jung und kräftig und war dabei, sie zu umarmen.
Mama, fragte Klara, warum sagst du nichts.
Ich sage nichts, fragte Miriam zurück, das habe ich gar nicht bemerkt.
Sag wieder was, forderte Klara.
Wie war es heute im Kindergarten, fragte Miriam. Weiß nicht, sagte Klara.
Sie richtete das Abendessen für sie beide, wie immer war es eine einfache Speise, die das Kind liebte, an die auch sie sich gewöhnt hatte. Sie saßen dann bei Tisch, Miriam blieb still, Klara hatte ihre Hausschuhe ausgezogen und spielte immer wieder mit ihrem linken Strumpf, den sie von den Zehen wegzog. Sie schien keinen Hunger zu haben.
Während sie ihre Mutter immer wieder forschend ansah, fragte sie: Kennst du die Geschichte von dem kleinen Buben, der oft von zu Hause weggelaufen ist. Er ist immer wieder zurückgekommen, aber einmal nicht mehr.
Ich kenne sie, antwortete Miriam, vielleicht hat es ihm zu Hause nicht mehr gefallen.
Doch, sagte Klara, er hat sich nämlich verirrt. Er hat nicht mehr zurück gefunden.
So wird es wahrscheinlich gewesen sein, sagte Miriam.
Du musst nicht warten auf mich, Peter, sagte meine Frau Christine, die damals noch ein junges Mädchen war, als sie wieder einmal zu spät kam. Ich stand an der Straßenecke, wo wir einander immer trafen und schaute mir die Augen nach ihr aus. Sie kam dann an, ohne schlechtes Gewissen, es war ihr klar, dass ich schon lang auf sie gewartet hatte. Den Vorwurf, den ich ihr machen wollte, sprach ich nicht aus. Ich war zu glücklich, sie zu sehen. Sie umarmte mich flüchtig, küsste meine Nasenspitze und fragte unternehmungslustig: Was machen wir? Stets war es das gleiche Spiel. Sie wollte Neues, Aufregendes erleben, und ich hatte kein Geld. Der Vorschlag, wieder einen Spaziergang zu machen, wurde mit heftigem Kopfschütteln von ihr abgelehnt. Auslagen ansehen, fragte ich weiter. Das sei sinnlos, meinte sie, sie könne sich nichts kaufen. Dann Museum, schlug ich vor und rechnete rasch nach, ob es meine finanziellen Möglichkeiten erlauben würden. Ihr Nein hatte ich erwartet.
Eine Weile standen wir ratlos an jener Ecke, jeder von uns beiden dachte nach, ihr Mund wurde schmäler, sie sah von mir weg und hin auf die Straße und sagte, ohne sich umzudrehen: Warum ist das so? Schon oft hatte ich ihr zu erklären versucht, dass es eben so sei bei Studenten, die ein Stipendium hatten, kaum einen Zuschuss von zu Hause bekamen und die Miete im Heim bezahlen mussten. Andere haben es besser, meinte sie dann. Such dir einen Sohn reicher Eltern, hätte ich gern geantwortet, aber ich meinte es nicht ernst und rettete mich in das stereotype: Später wird es besser, du wirst sehen.
Wir gingen schließlich in einen Park, es war ein schöner Park, mit vielen alten Bäumen und gepflegtem Rasen. Ich legte meine Hand auf ihre Hand, und langsam bemerkte ich, dass ihre Laune sich besserte. Leute kamen vorbei, sie betrachtete sie genau, sagte manchmal: Der ist ein Arzt, die ist eine Friseurin, der kann nur ein Geschäftsmann sein, und die, schau die, die arbeitet nichts, die ist ungebildet und eine dumme Gans. Ich hatte schon damals für solche Beurteilungen nichts übrig, schon gar nicht, wenn man einen Menschen damit diffamierte. Aber so war sie eben. Ganz anders als ich. Wahrscheinlich habe ich sie deshalb geliebt.
Sie hat ihr Studium nicht fertig gemacht. Schade. Vielleicht wäre sonst alles anders gewesen.
Jetzt habe ich mich wieder verirrt, bin auf meine Ehe zurückgekommen und wollte ja von meinem Bruder Paul sprechen. Aber irgendwie gehören sie alle zusammen, diese Schicksale, die ich nun als alter Mann vor mir sehe und zwar, wie ich hoffe, ziemlich klar, ohne persönliches Urteil. Bei manchen Personen wird es mir vielleicht nicht gelingen. Bei Paul denke ich, schon.
Ich möchte vorerst noch auf Franz zurückkommen. Er war, wie bereits berichtet, bei uns Schülern nicht angesehen. Außer seiner Stärke, ja, auch außer seinem Aussehen gab es nichts, worum wir ihn hätten beneiden sollen. Die Familie war arm, der Vater ein einfacher Arbeiter, der sich meistens nach der wöchentlichen Lohnauszahlung betrank.
Es gab viele Geschwister, wie viele, ich weiß es nicht mehr. Manchmal sah man Franz mit einem der Kleineren herumziehen, es schien ihm nichts auszumachen, er hielt es immer streng an der Hand und gab acht, dass ihm nichts passierte. In dieser Hinsicht war er sehr gutmütig. Franz’ Mutter war eine große, magere Frau mit einem schütteren Haarknoten, wir fürchteten uns ein wenig vor ihr. Wenn wir bei der Siedlung vorbeigingen, sagte sie immer was von verwöhnten Nichtstuern, die mit Lernen ihre Zeit vergeudeten. Als wir jünger waren, riefen wir manchmal Prolet, Prolet zu ihr hinüber, aber da durfte Franz nicht in der Nähe sein, er wäre gleich über uns hergefallen.
Paul nahm mich einmal zur Seite und erklärte, Franz sei was Besonderes, auch seine Familie sei was Besonderes, auch wir seien was Besonderes, es gebe keinen Unterschied. Ähnliches hatte ich von unserem Vater gehört, aber von ihm glaube ich, dass er es nicht ganz ehrlich meinte, während Paul von seiner Meinung überzeugt war.
Ich erinnere mich, es war Franz’ fünfzehnter Geburtstag, als Paul erklärte, er wolle ein Fest für ihn veranstalten. Es war Frühling, er meinte, unser Garten sei dafür der richtige Platz. Unsere Mutter dachte zuerst, er mache einen Scherz, als sie merkte, dass er es ernst meinte, konnte sie es nicht glauben. Sie lehnte es strikt ab, genauso wie mein Vater, den Paul nachher, schon hoffnungslos, fragte. Ich wusste von Anfang an, dass daraus nichts werden würde. Dann mache er das Fest eben woanders, sagte Paul. Wie ihm das gelingen sollte, sagte er nicht. Du kannst auch kommen, sagte er zu mir. Ich schwankte. Ich war neugierig, ja. Andererseits wollte ich den Eltern, die von diesem Plan nichts wissen sollten, nicht in den Rücken fallen. Ich weiß noch nicht, sagte ich zu Paul, vielleicht.
Heute denke ich, dass es gut war, dass ich dann doch zu diesem Fest kam. Es fand nahe dem Koksplatz der Fabrik statt. Der Koks war dort in riesigen Haufen gelagert, dahinter war ein freier Platz, ungepflegt, schmutzig, von schwarzem Staub bedeckt. Fast niemand ging dort vorbei. Es war Franz’ Idee, auf diesem Platz zu feiern. Wahrscheinlich hatte er Paul unter ständigen Blödeleien zu diesem Wahnsinn überredet. Paul hatte mir größte Geheimhaltung auferlegt. Dann begann er zu sammeln. Keine Ahnung, wie es ihm gelungen ist, Fruchtsäfte, Mineralwasser, Salzgebäck und Kekse aufzutreiben. Wahrscheinlich hatte er seine Sparkasse ausgeräumt und zusätzlich einiges in den Kaufläden erbettelt.
Der Tag war voller Wolken und ziemlich kühl. Ich kam erst später hin, das Fest war in vollem Gang, ich hatte nicht so viele Besucher erwartet. Keiner kam aus dem Gymnasium. Nur Arbeiterkinder, Fußballfreunde. Mit lauten Rufen wurde ich begrüßt, ich glaube, Paul war irgendwie froh, mich zu sehen. Alle saßen auf Säcken, auf irgendwelchen Holzteilen auf diesem schmutzigen Platz, sie tranken aus den Flaschen, stopften sich voll mit Gebäck, riefen einander Worte und Sätze zu, die ich kaum verstand und schienen dieses seltsame Fest richtig zu genießen. Franz saß sichtlich stolz in ihrer Mitte, man boxte ihn in den Rücken, hob ihn auf und schubste ihn mit lautem Geschrei von einem zum andern. Auf einem alten Brett saß Paul, still und glücklich. Wahrscheinlich wäre alles gut ausgegangen, hätte nicht Einer Alkohol gebracht und hätte es nicht zu regnen begonnen. Woher der mit dem Alkohol kam, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls war er älter als Franz und seine Freunde. In einer großen Plastikflasche befand sich ein undefinierbarer Fusel, den er unter großem Hallo herumreichte. Er bot mir davon an, ich lehnte sofort ab. Auch Paul wollte nicht trinken.
Du bist mein Freund, oder bist du es nicht, rief Franz, er stellte sich vor Paul hin, lachend, die Flasche schwenkend, fast war es wie eine Drohung. Paul, der wie ich noch nie Alkoholisches getrunken hatte, machte einen großen Schluck. Es schien ihn zu ekeln, er schob Franz weg, der ihm von neuem die Flasche reichen wollte. Franz ging, kam nach einer Weile wieder zurück, gespannt sahen alle zu Paul. Er drehte sich um, kehrte Franz den Rücken zu. Sofort herrschte Stille auf dem Platz. Franz stand da mit der Flasche, er schien weiter getrunken zu haben, er schwankte. Vielleicht ist er doch nicht dein Freund, rief Einer. Er glaubt, er ist wer besserer, rief ein Anderer. Er mag uns nicht. Er mag dich nicht, so riefen sie von allen Seiten. Wenn er wirklich dein Freund ist, soll er es beweisen. Paul rührte sich nicht. Franz, noch immer schwankend, legte ihm die Hand auf die Schulter. Paul drehte sich langsam um, hob die Flasche mit geschlossenen Augen an den Mund und trank. Der Zug war lang, der Zug war zuviel. Als ich Paul ansah, hatten seine Augen sich verändert.
Es begann bald zu regnen. Das Regenwasser vermischte sich mit dem Koksstaub zu schwärzlichem Brei. Die Burschen begannen sich diesen Brei in Gesicht und Haare zu schmieren, einige wälzten sich darin. Paul saß teilnahmslos da, Franz war verschwunden. Ich hatte Mühe, meinen Bruder hochzubringen, ich wollte mit ihm heimgehen, sofort. Ich schleppte ihn mehr als er ging, irgendwie kamen wir nach Hause, unbemerkt von den Eltern brachte ich ihn in die Mansarde. Wir hatten beide von der Koksschmiere was abgekriegt, mein Versuch, unsere Kleider zu waschen, hatte keinen Erfolg, die Flecken waren hartnäckig, nicht wegzubringen. Am nächsten Tag großes Theater mit den Eltern, Paul, der nach heftigem Erbrechen blass vor ihnen stand, sagte kein Wort. Ich versuchte das Geschehen zu verharmlosen. Unser Vater verbot Paul jeden weiteren Verkehr mit Franz, beide mussten wir an den nächsten Wochenenden zu Hause bleiben. Wenn ich mich richtig erinnere, bedankte sich Paul bei mir. Auf jeden Fall aber sagte er: Franz bleibt mein Freund, das verstehst du doch. Ich verstand es nicht, genauso wenig wie vieles andere, was Paul in seinem Leben noch tat.
In meinem Schlafzimmer schließt ein Fenster schlecht. Nachts, wenn ich aus meinem seichten Schlaf erwache, höre ich, wie der Wind durchzieht. Das ist unheimlich. Und nicht gut für meine Gesundheit. Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll, um das Fenster zu reparieren. Diese Frage geht mir ständig durch den Kopf und ich finde keine Antwort. Früher habe ich solche Probleme rasch gelöst. Jetzt werde ich damit nicht fertig. Ich werde meine Tochter fragen.
Ich weiß, dass Franz nun in dieser Stadt lebt. Aber ich will ihn nicht sehen. Nie mehr.
Franz
spricht
Lass die Katze nicht mehr herein, hat meine Mutter gesagt. Die Katze ist nur zum Mäusetöten da, die gehört nicht in die Küche. Wirf sie raus. Sofort. Die Katze war aber krank. Sonst wäre sie nicht in die Küche geschlichen. Ganz nah zum Herd hat sie sich gedrängt, gestreckt hat sie sich und den Kopf zwischen die Pfoten gelegt und dabei gezittert. Schmerzen hat sie gehabt, ich weiß es. In einem Haushalt wie unserem hat es nie Tiere gegeben. Weil wir einfach alles, was essbar war, für uns selbst gebraucht haben, bis zur letzten Brotrinde. Für Tiere gab es da kein Interesse und kein Verständnis. Haben Sie vielleicht auch ein Tier? Einen kleinen Hund vielleicht? Hätte ich immer gern gehabt. Später. Aber es wurde nichts draus. Also die Katze habe ich dann versteckt, im Schuppen. Aus Gras und Blättern habe ich ihr einen Platz gemacht, dort hat sie fast immer geschlafen. Das wenige Futter, das ich für sie zusammengekratzt habe, hat sie fast nie angeschaut. Ich hab mir schon gedacht, das wird schlecht ausgehen.
Aber ich glaube und ich bitte Sie, glauben Sie es mir auch, ich hab gemerkt, dass sie sich gefreut hat, wenn ich gekommen bin. Ich habe sie dann gestreichelt, ganz leicht, den mageren Rücken hinauf und hinunter. Da hat sie noch geschnurrt, ganz leise, aber geschnurrt. Eines Tages war es vorbei. Ich hab es gleich gewusst, so, wie sie dagelegen ist. Bis zum Abend hab ich gewartet. Als es dann finster war, bin ich in den Garten gegangen und hab sie begraben. Gleich beim Gemüsebeet, dort war die Erde locker.
Keine gute Idee. Am nächsten Tag hat meine Mutter gemerkt, dass was nicht in Ordnung ist, und abends hat mein Vater die Katze ausgegraben. Er hat sie auf den Kompost geschmissen und dort verbrannt. Die Strafe für mich war auch nicht schlecht. Aber die hat mir nichts gemacht. Ich hab mir dann gedacht, die Katze hat noch ein paar schöne Tage gehabt. Im Schuppen. Ich war noch ein Kind damals. Zehn Jahre alt vielleicht.
»
So wütend hatte Miriam ihren Vater selten gesehen. Zornig ging er im Zimmer umher, vom Fenster zur Tür und zurück, immer wieder. Die Mutter, scheinbar teilnahmslos in ihrem Lehnstuhl, mit einer Zeitung, in der sie nicht las. Ob sie zuhörte, ob sie nur auf die Schritte des Vaters hörte, wusste Miriam nicht. Sie selbst stand einfach nur da, mit dem Rücken an die Tischkante gelehnt, stumm geworden. Was wichtig war, hatte sie gesagt. Heinz würde sein Studium aufgeben.
Und wie stellst du dir euer Leben vor, fragte der Vater dann, wie werdet ihr leben, und wovon.
Vorläufig wie bisher. Wir haben alles berechnet, sagte Miriam, ich habe einen Job, auch ohne Studium, damit kommen wir aus. Bis Heinz was gefunden hat, irgendwas, bis er sich selbstständig machen kann.
Der Vater blieb stehen, drehte sich zu Miriam um. Selbstständig, sagte er, das soll wohl ein Witz sein. Ich werde es nicht erlauben, dass ihr heiratet. Unter diesen Umständen.
Ob du es erlaubst oder nicht, ist mir gleichgültig, sagte Miriam. Das ist nicht dein Ernst, sagte der Vater. Wenn du deine Situation nicht erkennst, dann überleg ich mir, ob ich dir den Geldbetrag geben soll, den ich anlässlich deiner Heirat vorgesehen hatte. Behalt ihn dir, sagte Miriam, ich habe nie damit gerechnet. Dieser Leichtsinn, sage der Vater, unglaublich. Heinz hatte schon eine Reihe von Prüfungen absolviert.
Was er weiß, nimmt ihm niemand weg, antwortete Miriam und drehte sich zu ihrer Mutter um. Was hast du, Mama? Du sagst ja nichts.
Was soll ich sagen? Was ich auch sage, es ändert nichts.
Miriam fuhr nach Hause. Sie hatte kein Auto, die Fahrt mit der Straßenbahn dauerte lang. Sie hatte auch keine Wohnung, nur ein Zimmer, das allerdings war groß. Es war Küche, Schlaf- und Wohnraum, dort wohnte auch Heinz. Seit langem schon. Die Heirat würde an ihrem Leben nichts ändern. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Heinz kaum Geld verdient, manchmal hatte er einen Ferienjob, manchmal half er irgendwo aus. Miriam hatte es nicht leicht mit ihm. Seine Stimmungen wechselten rasch. Oft war er fröhlich, fast übermütig, dann kam wieder eine Periode der Niedergeschlagenheit, der Traurigkeit.
Nicht immer wurde Miriam damit fertig. Dann trat eine Zeit des Schweigens zwischen ihnen ein, die oft so unvermutet endete, wie sie begonnen hatte. Aber nie hatte sie daran gedacht, sich von ihm zu trennen. Wenn er wegging, hatte sie oft Angst, er könnte nicht wieder kommen. Dass sie heiraten sollten, war seine Idee gewesen, plötzlich hatte er sie gehabt, war wie besessen davon. Wenn er es unbedingt will, dann soll es so sein, hatte Miriam gedacht. Dass er dann ruhiger, ausgeglichener werden könnte war ihre Hoffnung.
Die Hochzeit fand nur im Standesamt statt. Heinz hatte keine Eltern mehr. Von Miriams Familie kamen nur die nächsten Verwandten. Es war ein kleiner Kreis, der sich nach der Trauung in einem Restaurant zusammenfand. Miriam hoffte, die Stimmung würde gut sein, sie war es, denn Heinz war bester Laune. Ihr Vater bemühte sich, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. Ihre Mutter sah sehr hübsch aus, fast schön, sie war still wie immer.
Wo ist Onkel Paul, hatte Miriam noch vor dem Standesamt gefragt. Er ist verhindert, hatte der Vater gesagt, unerwartet verhindert. Das glaube ich nicht, hatte Miriam geantwortet.
Eva hatte die Angewohnheit, sich manchmal, wenn es noch warm war, auf die Stufen zu setzen, die vom Garten hinauf zu ihrem Haus führten. In diesem späten Herbst hatte sie es nicht mehr getan. Das Wetter war meistens kühl, manchmal feucht, oft ging der Wind. Eva achtete streng auf ihre Gesundheit, vor allem, weil sie allein lebte. Die Angst vor einer plötzlichen Krankheit, vor einem Sturz, einer Verletzung saß tief in ihr. Niemand würde da sein um ihr zu helfen, um rasch einen Arzt zu rufen. Telefon, Handy, E-Mail, vielleicht könnte sie keines dieser Hilfsmittel erreichen. Manchmal träumte sie nachts von einer solchen Situation, sie lag dann lang wach und versuchte diese Angst zu vertreiben. Sie sagte sich vor, sie sei eine starke Frau, starke Frauen würden mit fast jeder Situation fertig werden. Dass in dieser Überzeugung eine Lüge steckte, war ihr bewusst. Den Gedanken an einen Einbruch schob sie stets zur Seite. Das durfte einfach nicht passieren.
Der Tag war ungewöhnlich warm. Eva holte eine Decke und breitete sie auf die Stufen. Sie trug eine dicke Wolljacke, sie wandte sich der Sonne zu und schloss die Augen.
Noch roch der Herbst nicht nach Moder. Noch gab es diese eigenartige Stille, da man glaubt, den Fall jedes einzelnen Blattes zu hören. Die Tür zum Haus war offen. Ein später Vormittag.
In ihrer schläfrigen Hingabe an die Sonne fiel ihr das leise Quietschen des Gartentores nicht auf. Aber die Schritte hörte sie, leise, vorsichtig. Paul, sagte sie, noch immer ein wenig benommen. So war Paul stets gekommen, mit leisem Anschleichen, um sie zu überraschen, was ihm nie gelang, was er aber nicht aufgeben wollte. Plötzlich wurde ihr klar, Paul konnte es nicht sein. Mit einem Ruck stand sie auf, die Decke hinter ihr fiel zu Boden. Der hereinkam war ein älterer, als er näher kam ein alter Mann. Mit halb erhobenen Armen deutete er ihr, sie möge sich nicht fürchten. Sein Lächeln war schüchtern, wie eingefroren. Eva riss sich zusammen. Wer sind Sie, was wollen Sie, fragte sie. Du kennst mich nicht mehr, sagte er, fast habe ich es befürchtet. Nein, ihn hatte sie nicht erkannt. Aber seine Stimme war ihr vertraut. Noch immer. Was willst du, fragte sie voller Abwehr. Reden, nur mit dir reden, antwortete er. Darf ich dein Haus betreten?
Sie wusste, sie musste es ihm erlauben. Zu eng war ihre Beziehung gewesen, zuviel war geschehen, damals. Die Erinnerung daran hatte sie weggesteckt in den letzten Winkel ihres Denkens. Nie während ihrer beiden Ehen, nie auch während der Freundschaft mit Heinz K. hatte sie an diesen Mann gedacht. Nun war er da. Nach unendlich vielen Jahren. Komm, sagte sie und deutete auf die Tür. Er folgte ihr, langsam, den Kopf gesenkt.
Du hast Georges vergessen, sagte er, als sie im Haus waren. Ganz vergessen, nicht wahr?
Ja, antwortete Eva, ich habe dich vergessen.
Er sah sich um. Schön hast du es hier, sagte er. Eva gab keine Antwort.
Georges ging zum Flügel, schlug ein paar Tasten an. Du spielst, fragte er.
Nicht mehr, antwortete Eva. Setz dich, fuhr sie fort, und sag was du willst.
Georges suchte den bequemsten Stuhl und ließ sich seufzend hineinfallen. Einfach dich sehen, nach so langer Zeit, sagte er. Du lügst, erwiderte Eva. Woher hast du meine Adresse.
Zufällig erfahren, sagte Georges. Ja, solche Zufälle gibt es eben im Leben.
Gut, du willst es nicht sagen. Ist egal. Aber ich möchte jetzt rasch, ganz rasch wissen, was du von mir willst.
Georges rückte den schlechten Knoten seiner Krawatte zurecht, beugte sich leicht vor.
Eva, sagte er, du stehst in meiner Schuld.
Nein, sagte Eva. Keine Schuld mehr. Viel zu viel Zeit ist vergangen.
Du kannst mich erpressen, kannst Gründe suchen um mich zu bedrohen. Es wird dir nichts nützen.
Du hast dich nicht verändert, sagte Georges. Er stand auf, ging im Raum umher, sah alles an. Prüfend hing sein Blick an Kunstgegenständen, an Teppichen und Porzellan, verlor sich in den Kristallbehängen des Lusters. Ein tüchtiger Mann, sagte er und meinte Paul, der Letzte, dieser Heinz K. soll ja auch vermögend gewesen sein. Nur Einer, der brachte gar nichts mit und ging mit nichts wieder fort. Ich habe ihn übrigens getroffen. Zufällig. Er hat mir viel erzählt. Geht ihm übrigens nicht besonders gut. Könnte da nicht irgendwas schief gegangen sein?
Lüg nicht, sagte Eva. Du kennst ihn ja gar nicht.
Also gut, sagte Georges, ich will dir nichts vormachen. Ich kenne ihn nicht. Nicht persönlich. Aber seine Geschichte kenne ich.
Verschwinde Georges, verschwinde, sagte Eva, was willst du schon wissen. Da, da hast du, fuhr sie fort und gab ihm ein paar Geldscheine. Kauf dir dafür einen neuen Mantel. Früher warst du ziemlich elegant, jetzt schaust du aus wie ein Strotter. Du gehst jetzt, ich verlange es.
Georges sah sich noch einmal um, dann ging er langsam zur Tür. Die Geldscheine hielt er in einer Hand, mit der anderen winkte er zu Eva hin, gleichgültig, lässig.
Franz, dachte Eva, immer wieder Franz. Komm ich denn nie mehr von ihm los?
Nicht immer war der Sonntag für Dagmar frei. Manchmal kam auch an diesem Tag eine Mutter, das Kind an der Hand und bat, es bei ihr lassen zu dürfen. Ein Geschwister sei erkrankt, ihrer eigenen Mutter gehe es schlecht, sie selbst sei erschöpft. Mit dem Vater des Kindes müsse sie eine wichtige Sache erledigen, ihr Freund käme, den das Kind störe, der Maler sei da gewesen, sie müsse die Wohnung putzen. Die Erklärungen glichen einander oft, aber Dagmar fragte nicht, sie nahm das Kind in Empfang, meistens bis zum Nachmittag oder Abend. Diesmal war es Rudi, ein Bub von sechs Jahren, der schon seit einiger Zeit zu ihr kam, sie wusste, dass er sie gern hatte. Der Abschied von seiner Mutter fiel ihm nicht schwer. Was machen wir, fragte er Dagmar sofort, als er ihre Wohnung betrat. Lass mich nachdenken, sagte Dagmar, ich wusste ja nicht, das du kommst. Jetzt weißt du es, antwortete er, was machen wir? Denk du nach, sagte Dagmar, vielleicht fällt dir was ein, ich mach dir erst einmal ein Brot.
Rudi ging in das Zimmer, das den Tageskindern gehörte. Er probierte einiges Spielzug, aus, ließ es fallen und liegen, er nahm ein Spiel aus dem Kasten, machte den Deckel auf und nicht wieder zu, er stellte sich ans Fenster und entdeckte auf der Straße ein Auto, das ihn kurz interessierte. Weißt du schon was, rief er zu Dagmar in die Küche. Nein, du isst zuerst.
Rudi betrachtete kritisch den Belag des Brotes, aß es viel zu rasch, sagte zu Dagmar, was ist jetzt? Wir werden einen Ausflug machen, sagte sie, hast du feste Schuhe an?
Sie nahmen die Straßenbahn und dann den Bus, der sie hinausführte aus der Stadt. Es begann zu regnen, hörte aber bald wieder auf. Der Himmel blieb bewölkt, es ging ein starker Wind. Erst jetzt sah Dagmar Rudi genau an, für einen Ausflug war er nicht richtig angezogen, ein T-Shirt, ein dünner Pulli, vielleicht war es nicht genug. Sie wollte nicht mehr aussteigen. Wenn es wieder regnet, dachte sie, retten wir uns in ein Gasthaus, es wird schon gehen. Rudi sah zum Fenster hinaus, die Scheibe war beschlagen, er zeichnete mit den Fingern darauf ein Gesicht. Ist dir nicht kalt, fragte Dagmar. Rudi schüttelte heftig den Kopf.
Dort wo sie ausstiegen, war Dagmar schon einmal gewesen, aber damals war das Wetter schön. Der Weg den sie einschlugen, um zu einer Wiese zu kommen, war schmutzig, Rudi übersprang an Dagmars Hand breite Pfützen, das gefiel ihm. Als es wieder zu regnen begann, als sein Pulli feucht wurde, steckte er seinen Kopf unter Dagmars Arm. Ich will zurück, sagte er. Du hast recht, antwortete Dagmar. Komm, rasch, wir laufen. Das gefiel ihm wieder. Gleich bei der Bushaltestelle gab es ein Gasthaus, außer Atem kamen sie dort an. Sie handelten aus, was Rudi bestellen durfte. Er bekam, was er wollte. Dagmar sah ihm zu und vergaß fast ihr Essen. Als Rudi endlich fertig, lehnte er sich müde zurück.
Weißt du was, fragte er.
Sag es.
Weißt du was, keiner heißt mehr Rudi.
Und das macht dir was aus?
Schon. Ich will auch nicht mehr Rudi heißen.
Warum?
Weil keiner mehr so heißt.
Wie heißt denn dein Papa?
Rudi.
Und dein Opa?
Rudi.
Das ist doch schön.
Nein, nicht schön.
Warum?
Weil die schon alt sind. Keiner heißt mehr Rudi.
Das glaub ich nicht. Lass mich nachdenken, bitte. Ja, ich kenn auch jemanden, der so heißt.
Wie alt ist der?
So alt wie du. Genauso.
Und sein Papa und sein Opa?
Keine Ahnung, sagte Dagmar. Wahrscheinlich hat seinen Eltern dieser Name gefallen. Glaub ich nicht, sagte Rudi.
Nach dieser Diskussion blieb Rudi still und hatte keine Fragen mehr. Sie fuhren bald nach Hause, noch im Autobus schlief Rudi ein. In ihrer Wohnung legte ihn Dagmar auf die Couch, setzte sich neben ihn und begann zu lesen. Das Buch in ihrer Hand war schwer, Dagmar hatte wenig Hoffnung, damit fertig zu werden. Mehrmals schon hatte sie damit begonnen, weiter gelesen, nach einiger Zeit den Anfang wieder vergessen. Sie wollte nicht aufgeben. Sie wollte auch das Leben, das sie jetzt hatte, nicht aufgeben. Aber sie war damit nicht mehr so zufrieden wie früher. Wenn die Kinder sie gegen Abend verließen, wenn die Mütter mit ihrem Kind an der Hand weggingen und sie noch vom Stiegenhaus her ihre lebhaften Fragen und die raschen, eifrigen Antworten der Kinder hörte, kam ihr zu Bewusstsein, dass sie nun allein war und allein bleiben würde. Die Kinder sind toll und sie mögen mich, dachte Dagmar, aber sie gehören mir nicht.
Als Rudi abgeholt wurde, war er ausgeschlafen und munter. Von der Tür her winkte er Dagmar noch einmal lebhaft zu. Mama, sagte er, du musst auch mit mir so einen Ausflug machen. Wenn die Sonne scheint, du musst.
Nachts regnete es wieder. Nach Träumen, an die sie sich nicht erinnerte, wachte Dagmar immer wieder auf. Dann fiel ihr Heinz K. ein, den sie vergessen wollte und nicht vergessen konnte. Was soll das noch, was soll das noch, dachte sie, es gibt ihn nicht mehr. Auch mich gibt es nicht mehr, zumindest nicht so, wie ich war. Und wie ich heute bin, weiß ich nicht genau.
Morgen, an einem Tag voller Kinder, wird wieder alles anders sein, tröstete sie sich.
Ich werde Gemüse kochen, Gemüse ist wichtig.
Ich kann dich diese Woche nicht besuchen, Papa, sagte Miriam am Telefon. Klara ist krank.
Was fehlt ihr, hat sie sich verkühlt?
Ich weiß es nicht. Sie hat Fieber. Ich habe den Arzt angerufen.
Wann kommt er, hoffentlich bald.
Am Abend, vorher kann er nicht.
Wie hoch ist das Fieber?
Nicht so schlimm, siebenunddreissig vier.
Das steigt noch bis zum Abend.
Was soll ich machen, ich muß warten.
Ruf einen anderen Arzt an.
Sicher nicht, unser Arzt kennt Klara seit ihrer Geburt.
Du bleibst doch morgen zu Hause.
Unmöglich. Ich habe schon jemanden organisiert, der nach Klara sieht.
Wen?
Ist doch egal, du kennst sie nicht.
Bestell sie ab, ich werde kommen.
Das ist lieb von dir, aber ich kann nichts mehr ändern. Du willst nichts mehr ändern.
Hör auf, immer dieses Misstrauen, es ist eben so.
Also nicht. Ruf mich an, wenn der Arzt da war.
Ich ruf dich an.
Sicher?
Ja, ich ruf dich an.
Als Miriam nach Hause kam, fieberte Klara hoch. Die junge Frau, die sich manchmal, wenn Miriam es sich nicht anders einteilen konnte, um Klara kümmerte, war sichtlich froh, sich verabschieden zu können. Ich hoffe, der Arzt kommt bald, sagte sie. Klara schlief unruhig, ihre Stirn war heiß, immer wieder stieß sie die Decke weg. Mama, sagte sie, dann war sie still, dann wieder Mama. Miriam saß am Rand des Bettes und hielt Klaras Hand. Sie hatte alle Türen offen gelassen, um das Läuten des Arztes zu hören.
Er kam sehr spät. Nachdem er Klara untersucht hatte, verschrieb er fiebersenkende Zäpfchen mit der Auflage, jede Stunde die Temperatur zu messen. Er würde am nächsten Tag wiederkommen. Wenn das Fieber nicht sinke, müsse man Klara ins Krankenhaus bringen.
Miriam saß fast die ganze Nacht an Klaras Bett. Sehr spät fiel ihr ein, sie müsse ihren Vater anrufen. Sie bagatellisierte vor ihm Klaras Zustand, konnte ihn aber nicht überzeugen. Ruf mich nochmals an, verlangte er. Sie tat es nicht. Erst als sie immer wieder einnickte, ging sie zu Bett. Sie stellte den Wecker und sah von neuem zu Klara, deren Schlaf voll Unruhe war. Das Wort Krankenhaus hämmerte in ihrem Kopf. Kurz bevor sie erwachte, träumte sie von dem Mann, den sie in einem Krankenhaus getroffen hatte, der Klaras Vater war, den sie aus ihrem Leben gestrichen hatte.
Die ersten Monate nach der Trennung von Heinz waren die schlimmsten. Wenn sie vom Büro nach Hause kam in die leere Wohnung. Wenn sie überall noch Dinge von ihm fand, die er vergessen hatte oder einfach nicht hatte mitnehmen wollen. Wenn sie die Bücher ansah, die er ihr überlassen hatte, weil in seiner neuen kleinen Wohnung kein Platz für sie war. Und abends. Das leere Bett neben ihrem, flach, ohne Kissen und Decke, unbenützt wie für die Ewigkeit. Sie legte sich nieder und löschte gleich das Licht, sie sah in die Dunkelheit, gequält von der Frage nach ihrer Schuld. Sie glaubte sie zu finden und verwarf diese Gedanken wieder. In ihren Vorstellungen hielt sie Heinz Lieblosigkeit und Egozentrik vor und fand gleich darauf eine Entschuldigung, die ihr Gefühl ihr eingab. Warum hatten wir kein Kind, dachte sie.
An den Wochenenden wartete sie darauf, dass es regnen würde. Wenn es wirklich geschah, ging sie auf die Straße, ohne Schirm, ohne Mütze, ließ das Wasser über ihr Gesicht laufen und sammelte die Tropfen auf ihrer Zunge. Sie glaubte, sie könnte so ihre Liebe zu Heinz wegschwemmen, die immer noch da war, es wäre wie eine Reinigung von erlebtem Schmerz und sinnloser Reue. Sie ging durch die Stadt ohne Plan, ohne wirklich zu wissen, wo sie war. Wenn sie heimkam, setzte sie sich in die Küche, aß irgendwas, blieb auf dem harten Hocker sitzen, wie um sich zu bestrafen. Wenn ihr Vater sie besuchte und in ungeschickter Art zu trösten versuchte, sagte sie, es gehe ihr gut. Er war eben nichts für dich, sagte ihr Vater. Dann wurde sie wütend auf ihn und konnte kaum ihren Zorn unterdrücken.
Ich muß mich ablenken, dachte sie, diesen Entschluss muß ich fassen, Aber sie wusste nicht, wie.
Bleib nicht beim Ersten, hatte ihre Mutter gesagt. Der Erste ist immer der Falsche.
Wenn sie sich an die Ehe ihrer Eltern erinnerte, hatte ihre Mutter Recht gehabt.
Bald darauf kam ihre Mutter ins Krankenhaus, und Miriam durchlebte eine schwierige Zeit. Die Krankheit ihrer Mutter war schwer, sie wollte nicht kämpfen, man befürchtete das Schlimmste. Aber im Krankenhaus traf sie diesen Anderen, der ihre Verzweiflung bemerkte. Er sprach sie an, erklärte seine Schwester sei hier, sie sei operiert worden, es habe Komplikationen gegeben. Miriam brauchte Trost wie er. Auf dem kahlen Gang saßen sie auf harten Stühlen nebeneinander. Er erzählte von seiner Familie, die in Ordnung war und von seiner großen Zuneigung zu seiner Schwester. Er erzählte von seinem Beruf als Jurist in einer bekannten Kanzlei. Er sagte, er sei nicht verheiratet, finanziell gehe es ihm gut. Er bedauerte Miriam wegen der Krankheit der Mutter, deren Zimmer er einmal flüchtig betrat. Er war sympathisch, ruhig und teilnahmsvoll. Die Genesung der Mutter, die man eigentlich nicht mehr erwartet hatte, schritt fort, und Miriam bedauerte, bald nicht mehr ins Krankenhaus gehen zu können. Er bedauerte es auch.
Er gab ihr seine Karte, er hatte einen interessanten Namen. Die Affäre zwischen ihnen war leidenschaftlich, kurz und enttäuschend. Aber Klara war entstanden. Als Miriam es sicher wusste, war alles schon vorbei. Sie sah keine Veranlassung, ihn davon zu unterrichten. Klara sollte allein ihr gehören. Sie wollte ihn vergessen, was ihr auch weitgehend gelang. Nur manchmal kamen diese Träume, die sie nicht wollte.
Am nächsten Tag ging es Klara schon besser, nach einer Woche war sie gesund. Miriam ging wieder ins Büro, holte abends Klara vom Kindergarten ab. Die vielen Vorwürfe ihres Vaters, dessen Besuch sie nicht gewünscht hatte, berührten sie nicht. Klara sei ansteckend, hatte sie gesagt, sie könne es nicht verantworten, wenn er käme. Seine Anrufe blieben einige Zeit lang aus.
Franz
spricht
Es ist nicht Eitelkeit, was ich Ihnen jetzt sag, aber glauben Sie mir, die Frauen sind mir nachgelaufen. Richtig nachgelaufen. Das hab ich schon bemerkt, als ich noch ganz jung war. Die Mädchen damals in unserer Siedlung, die haben es mir ganz deutlich gezeigt.
Die Mädchen aus dem Ort waren ein wenig anders, mehr stolz vielleicht. Aber genauso neugierig. Genauso bereit. Ich will nicht übertreiben, ich hab es aber genau erkannt. Wissen Sie, ich war nie stolz auf mein Aussehen, das war auch nicht so aufregend, aber eben anders als das von den Gymnasiasten oder das von den primitiven Burschen aus der Siedlung. Ich hab mich ja nie für was Besseres gehalten. Ich war eben immer der Franz und dieser Franz war ziemlich okay. Es war auch nicht so, dass ich ganz früh angefangen hab mit den Mädchen, ich wollt erst alles wissen, wie das so ist und ob man vorsichtig sein muß, wenn eine gleich den Rock aufhebt. Und Frauen. Die haben mich zwar interessiert, aber doch, eine Scheu hab ich gehabt vor ihnen. Das hat sich später dann alles gegeben, aber so früh dran, wie Sie vielleicht glauben, war ich nicht. Da war der Peter, der Bruder vom Paul anders. Wohl zwei Jahre älter als ich, aber ganz schön drauf aus, mit einer was anzufangen. In der Kirche war er jeden Sonntag, ja. Aber kein Heiliger war er. Da hat es eine Geschichte gegeben, ich glaub er war damals siebzehn, mit einem Mädchen aus der Siedlung. Katharina, Kathi. Normalerweise ist er durch unsere Siedlung dahingerauscht, ohne sich umzuschauen. Aber die Kathi hat er angeschaut. War auch sehr hübsch. Ein wenig rundlich, aber hübsch. Später war sie richtig dick, aber da war sie schon verheiratet. Also auf jeden Fall hat er sich was mit ihr angefangen. Ich hab das bemerkt, weil ich sie einmal im Wald gesehen hab, wo der Peter ja normalerweise nie hingegangen ist. Unter einem Busch sind sie gesessen, mich haben sie nicht bemerkt, aber ich sie, sie waren ziemlich beschäftigt. Ich will ja nicht sagen, dass es das Äußerste war, aber schon nah dran. Ich mich davongeschlichen und gleich dem Paul erzählt. Der wollte es mir zuerst nicht glauben. Hat es aber dann doch geglaubt. Der Paul hat gewusst, dass ich ihn niemals anlüge. Er hat gemeint, er würde mit dem Peter reden. Lass ihn doch, hab ich gesagt, aber wie passt das zu ihm, die Kathi aus der Siedlung. Gar nicht, hat der Paul gesagt, aber nicht wegen der Kathi ihrer Herkunft, sondern weil er nur seinen Spaß haben will mit ihr. Du willst doch nicht, dass er bei ihr bleibt, habe ich gefragt. Nein, hat der Paul geantwortet, aber es ist nicht fair, ihr vielleicht was zu vorzumachen. Damals hab ich nicht gewusst, was fair heißt. Heute weiß ich es. Nein, Peter war nicht fair. Paul war es. Immer, glaub ich.
Interessant ist, dass sich die Kathi später umgebracht hat. Da war sie bereits eine ganze Weile verheiratet. Ein Kind hat sie auch gehabt.
Man hat viel darüber geredet. Damals hab ich noch in der Fabrik gearbeitet. Aber wie das schon ist. Irgendwann ist Gras über den Tod von der Kathi gewachsen. Der Mann hat wieder geheiratet.
Seltsam, was einem alles wieder einfällt. Ist doch ganz interessant, was ich Ihnen so erzähle. Oder nicht?
Morgen hab ich ein Date mit meinem Anwalt. Langsam fang ich auch schon an mir solche Worte anzugewöhnen. Früher hat man Termin gesagt. Wahrscheinlich auch ein Fremdwort. Aber egal. Die Sache ist fast aussichtslos. Nur, ich geb nicht so leicht auf. Irgendwas muss meine geschiedene Frau noch herausrücken. Schließlich hab ich in diesem Haus gearbeitet wie ein Fremdarbeiter. Dass die Bude heute noch so in Schuss ist, hat sie mir zu verdanken.
Entschuldigen Sie, manchmal bin ich halt leicht verbittert. Das vergeht aber. Sie kommen doch wieder zu mir? Bald. Ja?
»
Eine Bank, ein Tisch in einer gottverlassenen Gegend. Rundherum Bäume, deren Stämme kahl, deren Wipfel vom Wind zerzaust sind. Sträucher, ineinander gewachsen, die Zweige zum Boden geneigt. Es ist später Herbst. Irgendwann ist bereits Schnee gefallen, seine Reste liegen auf der schwarzen Erde. Wer kommt hierher. Wer findet überhaupt diesen Platz. Wer ist jemals auf dieser Bank gesessen, wer hat sein Brot auf diesen Tisch gelegt.
Eva dreht sich um. Nur die Skizze in ihrer Hand hat ihr den Weg gewiesen. Nun ist sie angekommen und ist allein. Ihre Schuhe sind nicht für diesen Boden geeignet, auf dem Schnee rutscht sie, auf der Erde sinkt sie ein. Warum bin ich hier, denkt sie, was soll ich hier machen. Ich hätte mich nicht auf diese Zusammenkunft einlassen sollen. Immer wieder schaut sie auf ihre Uhr. Er kommt zu spät. Um sich mit ihr zu treffen, darf niemand zu spät kommen, so hat sie es immer gehalten. Ich gehe jetzt, denkt sie, ich verlasse diesen Platz, der nur unheimlich ist, sonst nichts. Wie ist er überhaupt auf die Idee gekommen, mich hierher zu bitten. Ich hätte nicht einwilligen müssen, ich habe es mir anders vorgestellt. Wenn schon nicht romantisch, so doch bedeutungsvoll. Hier kann es niemandem gefallen. Niemandem.
Sie zieht ihre Handschuhe an, die sie vorsorglich mitgenommen hat. Dann zieht sie die Handschuhe wieder aus, weil sie aus ihrer Tasche Make-up, Spiegel und Kamm nehmen will. Sie versucht, ihr Aussehen in Ordnung zu bringen. Die Nase ist rot, die Wangen sind rot von der Kälte. Ihr Haar ist feucht geworden, hat seine Form verloren.
Sie kann nichts reparieren. Wütend wirft sie alles in die Tasche zurück. Sie verlässt den Platz, geht ein Stück vor, um auf die Straße zu sehen. Dort steht nur ihr eigenes Auto. Kein anderes Fahrzeug ist da. Eva bewegt sich langsam zur Straße hin. Sie will nach Hause. Noch zögert sie. Da kommt ein Wagen, sie kennt ihn. Nun beeilt sie sich, auf den verhassten Platz zurückzukommen. Der Fahrer steigt erst aus, als sie schon an dem schwarz verholzten Tisch lehnt, anmutig, erwartungsvoll.
Endlich, sagt sie als Heinz K. erscheint, endlich, ich habe so gewartet. Wie gefällt es dir hier, fragt Heinz, als er sie mit einem Handkuss begrüßt hat. Unheimlich gut, sagt Eva. Ich habe nichts anders erwartet, meint Heinz, es ist mein Lieblingsplatz. Das kann ich gut verstehen, antwortet Eva. Ich habe eine Decke mitgebracht, sagt Heinz, wir können uns auf die Bank setzten. Eva streift ihren Mantel so weit es geht hinunter und blickt Heinz verträumt an.
In einem Karton hat er Essen mitgebracht. Exquisite Brötchen. Auch eine Flasche Wein nimmt er aus seiner Tasche, zwei Gläser. Sogar an ein Papiertischtuch hat er gedacht, an Servietten. Eifrig macht er sich an die Arbeit, stellt alles auf. Sie sieht ihm verwundert zu. Dass ein Mann sich so verhält, hat sie noch nie erlebt. Fast ist sie gerührt. Während des Essens ist er heiter, er spricht viel und sieht sie immer wieder bewundernd an. Sie fühlt sich plötzlich wohl, sie ist froh, auf ihn gewartet zu haben. Immer wieder fragt er sie, ob es ihr hier auch gefällt, trotz des schon kühlen Wetters. Sie nickt, sie findet ihn überaus sympathisch, sie kennt ihn noch nicht lang. Bisher haben sie einander nur in Gesellschaft gesehen. Eine gute Stunde sitzen sie an diesem Tisch, fast alles essen sie auf, die Flasche wird leer. Fahren wir zu dir, fragt er endlich, fast schüchtern. Sie nickt, sie ist darauf vorbereitet. Er weiß, dass sie ein Haus hat, er weiß nicht, dass es so schön, so elegant, so geräumig ist. In ihrem Schlafzimmer steht nur mehr ein Bett. Es ist weich, gut und warm. Sie ist sehr schön. Nach ihren Ehemännern, von denen einer tot ist, der andere hier schon lang nicht mehr lebt, fragt er nicht. Als sie nachher im Wohnraum sitzen, fragt sie ihn nach seiner Frau. Er bleibt lang still. Ich weiß nicht, sagt er dann.
Von da an traf sich Eva oft mit Heinz K. Manchmal blieb er über Nacht.
Manchmal macht mir das Wetter zu schaffen. Dann spüre ich, wie der Rheumatismus wie in Wellen durch meinen Körper läuft. Ich habe ja meine Medikamente, manchmal aber erfasst mich ein solcher Widerstand gegen sie, dass ich am liebsten alle Schachteln und Fläschchen in den Mist werfen würde. Darf man ja nicht. Mach ich auch nicht. Das Altwerden hat eben gewaltige Schattenseiten.
Schon wieder verfalle ich in den Fehler, von mir zu reden.
Aber es muss ja manchmal raus, was mich bedrückt. Oft sind es nur Kleinigkeiten, mit denen ich nicht fertig werde. Die Reinigung der Wohnung zum Beispiel. Ein Mal in der Woche habe ich eine Hilfe. Eine Frau von ungefähr fünfzig Jahren, kommt aus Kroatien, spricht aber relativ gut Deutsch, sie ist schon lang hier. Sie ist fleißig, ich muß es zugeben. Die ganze Wohnung wird geputzt, die kleine Wäsche wird gewaschen, was trocken ist, wird gebügelt. Wenn noch Zeit bleibt, kocht sie eine Kleinigkeit für mich. So weit, so gut. Aber sie hat eine Eigenschaft, die mich wirklich stört. Alle Sachen, die im Wohnzimmer sind und deren Platz für mich fix ist, stehen dauernd woanders. Die Bücher, die ich gerade lese, die Hefte, Zeitungen, die Vasen ob leer oder mit Blumen, alles durcheinander. Es erfüllt mich mit Zorn, manchmal auch mit Wut. Oft mit Verzweiflung. Ich stelle dann alles wieder an seinen gewohnten Platz. Aber kaum ist sie da, beginnt das Spiel von Neuem. Einige Male habe ich sie freundlich darauf hingewiesen. Sie hat gelacht und gesagt Herr Doktor, ist egal wo steht, Sie finden alles.
Seither sage ich nichts mehr. Es gibt noch vieles, was mich stört. Schuhe putzen zum Beispiel. Ich habe es früher nie gemacht, eigentlich ist es Frauensache. Ich finde es ein wenig unwürdig, wenn ich auf diesem Schemel sitze, die Bürste in der einen, den Schuh in der anderen Hand. Früher war ich eben beruflich aktiv. Und hatte meinen Status. Jetzt bin ich Pensionist.
Um auf Paul zurück zu kommen. Wenn es um Kleinigkeiten ging, haben wir uns ganz gut verstanden. Wenn es um anderes ging, zum Beispiel um Zukunftspläne, die mich als den Älteren bereits bewegten, gab es wenig Harmonie. Ich war ehrgeizig, zugegeben. Schon zu Beginn der Oberstufe des Gymnasiums stellte sich mir die Frage, welchen Beruf ich später ergreifen sollte. Für mich sah ich nur eine verwaltende oder beratende Tätigkeit als Möglichkeit an, Kunst als Beruf konnte ich mir nicht vorstellen. Noch vor der Matura hatte ich mich für das Studium der Rechtswissenschaften entschieden, was vor allem den Beifall meines Vaters fand. Er war überzeugt, ich sei dafür geeignet. Nach Beendigung des Studiums stünden mir dann mehrere Varianten der Berufswahl offen. Ich glaube, er hoffte, Paul würde sich für den Lehrberuf entscheiden. Aber Paul dachte nicht daran, das wusste ich. Manchmal, wenn wir abends schon im Bett waren und nicht gleich einschlafen wollten, Paul las immer lang, ich beendete bald meine Lektüre, unterhielten wir uns über die Zukunft. Ich kann mir genau vorstellen, wie du einmal sein wirst, wie du privat und beruflich leben wirst, sagte Paul einmal zu mir. Sag es, verlangte ich. Du wirst in den Staatsdienst gehen, du wirst heiraten und ein Kind haben, sagte Paul. Ich war verblüfft. Nicht, dass ich mir meine Zukunft so vorgestellt hätte. Aber die Entschiedenheit, mit der mich Paul in solcher Weise charakterisierte, erschreckte mich. Vielleicht wird mein Leben ganz anders verlaufen, widersprach ich. Nein, sagte Paul, so wird es sein. Willst du wetten. Ich wollte nicht. Und was wird aus dir, fragte ich. Die Antwort kannte ich bereits. Keine Ahnung, sagte Paul und drehte sich zur Wand.
Was die äußeren Umstände meines Lebens betrifft, ist es bei mir wirklich so gekommen. Was die private Atmosphäre betrifft hat Paul sich wahrscheinlich in Vielem geirrt. Davon bin ich überzeugt. Was mich an Paul als wir ungefähr sechzehn und achtzehn waren am meisten störte, was seine ungebrochene Freundschaft zu Franz. Die Wochenenden verbrachten sie fast immer gemeinsam. Nur wenn uns unser Vater zu einem Familienausflug kommandierte, begleitete uns Paul mit hängendem Kopf. Es war nicht aufmüpfig, aber seltsam traurig, nichts interessierte ihn, keine schöne Landschaft, kein Einkehrgasthaus. Er trottete als Letzter hinter uns her, oft riss er ganz ab und wir mussten nach ihm rufen. Sein Verhalten ärgerte besonders unsere Mutter, die von Paul immer wieder behauptete, er könne sich nicht auf das Wesentliche konzentrieren. Damit brachte sie auch ihre Abneigung gegen Franz zum Ausdruck. Franz betrat selten unser Haus. Ich bin überzeugt, dass es ihm gleichgültig war, wie wir, außer Paul, über ihn dachten. Einmal kam er aber doch. Das war, als ich zum siebzehnten Geburtstag eine Eisenbahnanlage bekam. Schon lang hatte ich sie mir gewünscht, mein Vater meinte, es sollte kein Spielzeug sein, sondern ein Modell, das langsam erweitert würde. Ich nahm an, dass Paul dafür kein Interesse zeigen würde. Ich hatte mich geirrt. Paul bestaunte die noch bescheidene Anlage, er war begeistert und rief sofort: Die muß Franz sehen. Meine Eltern blickten einander verärgert an. Ich, in Geburtstagslaune und in Freude über das unerwartete Geschenk, überwand mich. Er soll kommen, sagte ich. Paul lief sofort weg, um Franz zu holen. Franz kam, freundlich lächelnd, als sei es selbstverständlich, unser Haus zu betreten. Seine ewigen Kniehosen schlotterten um seine braunen Beine, die Strümpfe hinuntergerollt auf die Schuhe, das ewige Haarbüschel in der Stirn, gaben ihm einen verwegenen Ausdruck. Er grüßte ordentlich, dann waren meine Eltern für ihn nicht mehr existent. Mit Paul und mir stand er vor der Anlage, bediente mit Selbstverständlichkeit den Trafo, fragte uns, welche Lok er nehmen dürfe, prüfte vorher sorgfältig das Fahrgestell und war Herr der Situation. Heute wundere ich mich, dass ich damals Franz so uneingeschränkt arbeiten ließ. Aber Paul und ich hatten ja von nichts eine Ahnung. Als die erste Lok fuhr, brüllten wir auf und veranstalteten einen Freudentanz.
Meine Eisenbahnanlage beschäftigte mich lang. Bis hinein in die Zeit meiner Ehe.
Langsam wurde sie größer und damit interessanter, ich sparte wie verrückt, um mir die eine oder andere Lokomotive oder einen Waggon kaufen zu können, die Umgebung der Fahrtstrecken weitete sich zu naturgetreuen Landschaften aus, winzige Figuren, unterschiedlichsten Berufen nachgebildet, belebten sie. Meine technischen Kenntnisse festigten sich. Manchmal aber, wenn mein Wissen nicht ausreichte, brauchte ich Franz. Ohne viel nachzudenken erkannte er Fehler, leitete Züge um und stellte Weichen neu ein. Nachher bedankte ich mich kühl bei ihm und wünschte heimlich, er möge nicht mehr wiederkommen.
Es war aber nicht zu vermeiden.
Wenn er mit seinen Arbeiten fertig war, rief er nach Paul. Der kam in das kleine Dachbodenabteil gestürmt, wo die Anlage stand. Wieder alles in Ordnung, was, sagte er zu mir und sah Franz bewundernd an. Der zuckte lässig die Schultern und ließ alle vorhandenen Züge in rascher, aber sicherer Fahrt über die Anlage sausen. Paul und ich standen dabei, stumm, fasziniert. Gibt es vielleicht eine Jause, fragte Franz nachher.
Wir gingen hinunter in die Küche, wo uns meine Mutter Saft und Brote richtete. Wie sie beides vor Franz hinstellte, das war einfach anders, als sie es bei Paul und mir tat. Es war ein rasches, fast zorniges Hinschieben zu dem Platz, wo er saß, während sie Paul und mir Glas und Teller mit sanften Handbewegungen zuwies. Manchmal dachte ich, Franz müsse es merken. Aber er aß und trank mit großem Appetit, es schien ihn nicht zu stören. War er fertig, stand er auf, bedankte sich bei meiner Mutter und verschwand. Mit spitzen Fingern legte sie seinen Teller in die Spüle.
Später gewöhnte ich mich an Franz’ Hilfe. Außerdem wurde auch ich ständig besser.
Und irgendwann brauchte ich Franz nicht mehr. Paul kam zuerst oft zu mir herauf und fragte, ob es vielleicht Probleme mit der Anlage gebe. Ich verneinte kühl. Als Paul erkannte, dass Franz’ Erscheinen überflüssig geworden war, kam auch er nicht mehr in das Dachbodenabteil.
Die Eisenbahnanlage gehörte nun mir allein. Aber was ist daraus geworden. Einige Kisten, die nun in dem mir zugewiesenen Keller stehen. Ihr Inhalt. Nicht mehr gebraucht. Verstaubt oder von der Feuchtigkeit beschädigt. Keinen Blick mag ich mehr hinein werfen. Wer interessiert sich heute noch für Modelleisenbahnen. Heute gibt es andere Möglichkeiten, die junge und auch ältere Menschen interessieren. High Tech und so. Nichts mehr für mich.
Womit Franz sich heute beschäftigen mag. Ich habe ihn seit Ewigkeiten nicht gesehen. Kann sein er lebt nicht mehr.
Miriam, ich habe da eine Idee. die ich dir gern verraten würde. Ja, bitte, wenn es nicht zu lang dauert.
Du weißt doch, ich hatte eine Eisenbahnanlage.
Ja. Ich kann mich noch an die Klagen meiner Mutter erinnern.
Bitte nichts davon. Aber vielleicht habe ich dazu einen guten Gedanken.
Schieß los.
Klara ist jetzt fünf. Und schon sehr vernünftig.
Ja?
Ich könnte ihr, natürlich nur, wenn es sie interessiert, eine kleine Anlage bauen.
Bitte Papa, sie ist ja kein Bub, hör auf.
Hör zu. Nur eine kleine. Eine hübsche Lok und zwei, drei Waggons. Ein paar Bäume, ein Tunnel.
Verzeih, ich glaube nicht, dass es Klara interessiert.
Ich könnte sie vielleicht in dein Wohnzimmer stellen, braucht ja nicht viel Platz.
Ausgeschlossen. So beengt, wie es bei uns ist.
Ich könnte auch bei mir …
Papa, hör auf. Manchmal hast du schon sonderbare Ideen.
Also nicht, meinst du.
Also nicht, meine ich.
Grüß bitte Klara vom Opa.
Mach ich.
Manchmal hatte Dagmar Zeiten, da wusste sie nichts mit sich anzufangen. Sie fühlte sich nicht wohl, sie glaubte sogar krank zu sein, irgendwas musste ihr fehlen. Dann lief sie in die Apotheke, versorgte sich mit Naturpräparaten, die nahm sie drei, vier Tage lang, dann fühlte sie sich wieder besser. Sie merkte es an dem Benehmen der Kinder, die wieder fröhlicher wurden und ihr nicht mehr verstört aus dem Weg gingen.
Wenn sie Zeit hatte, dachte sie darüber nach, was mit ihr los sein könnte. Sie dachte an Heinz K., seinen Tod hatte sie, wie sie überzeugt war, überwunden. Sie dachte an sein seltsames, unerklärliches Verhalten, an den gestohlenen Wagen, an sein gewolltes Sterben. Ich habe es verarbeitet, sagte sie sich, alles, was durch ihn geschehen ist, hat keinen Platz mehr in mir.
Als sie sich eines Tages wieder nicht gut fühlte, fasste sie den Entschluss, aufs Land zu fahren. Irgendwohin, wo es tiefe Wälder und weite Wiesen gab. Irgendwo übernachten, in einem bescheidenen Haus, einmal keine fordernden Kinderstimmen hören, ausschlafen, spazieren gehen, vielleicht abends ein ruhiges, unverfängliches Gespräch mit den Quartiergebern führen. Dagmar erklärte den Müttern, sie müsse weg, sie brauche einige Tage Erholung, ja, einige Tage nur. Die Mütter hatten Verständnis.
Dagmar packte die notwendigsten Sachen in eine große Tasche, setzte sich in ihr Auto und fuhr los.
Es war Herbst, eine ruhige Zeit. Die Straßenkarte lag neben ihr, sie sah sie nicht an.
Nur wenn sie irgendwo nicht weiter wüsste, wollte sie sie zu Hilfe nehmen. Sie schlug ein ruhiges Tempo ein und beschleunigte selten. Noch war das Laub von einem warmen Rot. An den Nadelbäumen erkannte man noch nicht die Zeichen des Herbstes. Die Luft war warm und frisch zugleich. Im Schatten blühten noch Zyklamen. Vielleicht will ich gar kein Ziel, dachte sie, vielleicht fahre ich nur um zu fahren. Wie sinnlos. Damit kann ich mein Leben nicht ausfüllen. Vielleicht fahre ich nur, um mich vollständig zu verirren. Was bringt das. Vielleicht fahre ich, um nicht mehr nach Hause zu kommen. Das wäre nicht gut. Ein Zuhause muss man haben. Ich dachte, ich hätte es.
Warum jetzt diese Unsicherheit, diese Flucht vor dem Alltäglichen. Irgendwas fehlt mir. Und ich weiß nicht, was. Vielleicht muß ich einen Menschen suchen, der sich für mich interessiert. Wo soll ich ihn finden. Vielleicht brauche ich nur neue Gedanken, eine Idee, die ich verfolgen kann. Vielleicht ist alles, was ich jetzt mache, ohne Sinn, diese Fahrt mit dem Auto, diese Fahrt im Herbst, diese Fahrt, von der ich nicht weiß, wohin sie mich bringt. Ich werde die nächste Abzweigung nehmen. Die nächste Abzweigung, ja. Egal wohin sie führt. Ich will es gar nicht wissen. Irgendwohin.
Sie bog ab und sah nicht auf das Schild, das den nächsten Ort anzeigte. Als sie ihn erreichte, sah sie nicht auf seinen Namen. Sie fuhr weiter und weiter. Die Landschaft veränderte sich, und sie wünschte, sie könnte sich mit ihr verändern. Die Zeit verging, plötzlich bemerkte sie, dass sie bald kein Benzin mehr haben würde. Ich will nicht stehen bleiben, dachte sie, warum muß ich machen, was ich nicht will.
Sie fuhr die nächste Tankstelle an und fragte den Tankwart, wo sie übernachten könne. Dort drüben sagt er und wies auf ein Gasthaus, das nicht aussah, als hätte es viele Gäste.
Ist es in Ordnung, fragte sie. Der Tankwart zuckte die Achseln. Das wollte ich nicht, dachte sie, ich wollte bei netten Leuten bleiben, bei Leuten, die ein einziges Zimmer vermieten, bei Leuten, mit denen ich reden kann.
Sie stieg aus, nahm ihre Tasche und betrat das Gasthaus. Der Schankraum war düster und leer. Aus der Küche kam ein Mann, der aussah, als wollte er keine Gäste. Sie fragte nach einem Zimmer. Er gab ihr den Schlüssel und verlangte sofortige Bezahlung. Das Zimmer hatte den Geruch von Einsamkeit und Leere. Dagmar legte ihre Tasche auf das Bett und wusste, sie würde die Decke nicht brauchen und in ihren Kleidern schlafen.
Eine Zeitlang saß sie auf dem einzigen Stuhl, sie bewegte sich nicht, alle Gedanken schaltete sie aus.
Warum bin ich nicht weitergefahren, fragte sie sich endlich. Sie wusste keine Antwort.
Am nächsten Tag war sie wieder zu Hause. Im Gasthaus hatte sie noch gefrühstückt, der Wirt war freundlich gewesen, freundlicher, als sie ihn vom Abend vorher in Erinnerung hatte. Wissen Sie, hatte er gesagt, Gasthäuser wie dieses sind nicht mehr gefragt. Zuwenig Komfort. Ich hoffe, Sie haben sich trotzdem wohl gefühlt. Ich habe was vergessen, sagte sie verlegen und lief noch einmal hinauf in das Zimmer. Dort zerknüllte sie die Bettwäsche, so, als hätte sie darin geschlafen.
Franz
spricht
Schauen Sie mich an. Ich bin zwar nicht mehr jung, aber, wie man so sagt, noch recht gut erhalten. Ich war nie ein Kraftlackel, wissen Sie, so einer, der mit seinen Muskeln herumprotzt. Aber Kraft hab ich trotzdem gehabt, nicht wenig. An Raufereien war ich nie beteiligt. Das liegt mir nicht. Aber zurechtgewiesen habe ich manchen, der geglaubt hat, er kann mir was antun. Aufgestellt hab ich mich vor ihm, einfach aufgestellt und hab ihn fixiert. Dann hat er bald seine Arme fallen lassen und seine Faust aufgemacht. So war das.
Ich hab auch geglaubt, wenn man einem Menschen gut zuredet, kann man bei ihm was erreichen. Das ist mir nicht immer geglückt. Aber versucht hab ich es und diesen Versuch nie aufgegeben. Zum Beispiel damals, als es Streik gegeben hat in unserer Fabrik. Wie alt war ich damals. Zweiundzwanzig vielleicht.
Es war so. Wir Arbeiter wollten mehr Lohn. Die Fabrik hat gute Gewinne gemacht, wir alle haben fleißig gearbeitet, richtig hingehaut, sozusagen, oft Überstunden, meistens ohne Lohnausgleich. Der Betriebsrat hat gemeint, so geht das nicht weiter, wir hätten Anspruch auf mehr Geld, zehn Prozent vielleicht, nicht übertrieben. Wir waren längst dieser Meinung, nur die gewerkschaftliche Unterstützung hat uns gefehlt. Wir haben sie bekommen. Ich war damals Vorarbeiter, die meisten Kollegen haben mir vertraut und mich zu ihrem Sprecher gewählt. Bei den Verhandlungen mit der Betriebsleitung sollte ich sie vertreten. Nicht einfach, das hab ich gewusst. Heute ist mir klar, dass da auch Eitelkeit von mir dabei war. Aber bitte. Mit zweiundzwanzig Jahren. Ich hab mich vorbereitet, mit guten Argumenten, alles besprochen mit den Kollegen, mit dem Betriebsrat. Der Chef war ja so weit in Ordnung. Zwar hat er zuviel geredet, von der Gleichheit aller Menschen und solche Sachen, mit denen ein Arbeiter nichts anfangen kann, aber in Ordnung. Natürlich hört sich die Freundschaft auf, wenn man Geld haben will. Es war ein harter Kampf, mit allen diesen Leuten, die auch was zu sagen hatten und den Chef unterstützten. Ich glaub, ich hab mich recht gut gehalten, mich bemüht, ordentlich zu reden, ich habe, wie es so schön heißt, Überzeugungsarbeit geleistet. Fast ist es zu einem positiven Abschluß gekommen. Fast.
Weil es nämlich einen Streikbrecher gegeben hat. Ein schon älterer Mensch, der nie besonders aufgefallen ist, der nie viel geredet hat, mit keinem von uns befreundet war.
Wir haben gewusst, er lebt allein, seine Frau war gestorben. Er hatte eines der kleinen Häuser in unserer Siedlung, manchmal hat man ihn im Garten arbeiten gesehen, im Wirthaus sah man ihn nie, auch nicht in der Kantine.
Ich wollte einfach nach der Arbeit zu ihm hingehen. Und ihm sagen, dass er mitmachen. soll. Ziemlich laut hab ich an seine Tür geklopft. Er war erschrocken, das hab ich gleich bemerkt. Kann ich reinkommen, hab ich gefragt. Ohne ein Wort zu sagen ist er mir in die Küche gefolgt. Die war ärmlich, aber ordentlich aufgeräumt. Ich hab mich hingesetzt und zu reden begonnen. Er ist vor mir gestanden, ganz still, ich weiß nicht, ob er mir überhaupt zugehört hat. Dann hat er mich zur Stiege geführt, mit dem Finger hinauf gezeigt. Er ist vorausgegangen. Ich bin ihm gefolgt.
Was ich dann gesehen hab, werd ich nie vergessen. In einer Kammer, vielleicht zwei mal zwei Meter, ist seine Tochter gelegen. Das Bett hat fast den ganzen Raum eingenommen. Sie ist drinnen gelegen, sie war wach, aber sie hat mich nicht gesehen.
Ich völlig überrascht, denn wir alle haben von dieser Tochter nichts gewusst, und ich sag Guten Tag. Das war natürlich blöd von mir, aber ich hab keine Ahnung gehabt was tun. Sie kann nicht sprechen hat der Vater gesagt, sie kann auch nichts hören, und sie weiß auch nichts, gar nichts.
Ich muß arbeiten, immer arbeiten, für sie arbeiten, immer, kein Streik, hat er gesagt, als wir wieder in der Küche waren. Mir ist dann nichts mehr eingefallen.
Meinen Arbeitskollegen hab ich es erzählt. Alle waren still, nur einer hat gesagt, wenn der Alte nicht will, muß man ihn zwingen, er würde schon wissen, wie man das macht.
Da hab ich zugeschlagen, richtig zugeschlagen, seine Nase hat geblutet und auch sonst war er ziemlich verändert. Die andern haben mich verstanden. Ich habe so was nie mehr getan, aber damals hat es sein müssen.
Gestreikt haben wir trotzdem. Viel hat es nicht gebracht. Von den zehn Prozent war keine Rede mehr.
»
Der Pfad war steil und ausgesetzt. Auf der einen Seite eine Felswand, hoch, ohne Ende. Auf der anderen Seite ein Abgrund, tief, ohne Ende. Miriam blieb stehen.
Heinz, ich kann nicht mehr.
Was heißt, ich kann nicht mehr, du musst weiter.
Nein, ich will zurück.
Das geht nicht.
Warum.
Wenn wir umdrehen, kommen wir in die Dunkelheit.
Und bis zum Gipfel.
Das geht. Wir erreichen die Hütte noch bei Tageslicht.
Wenn ich aber nicht mehr kann.
Reiß dich zusammen.
Ich will mich aber nicht zusammenreißen. Ich will zurück.
Er sagte nichts mehr, drehte sich um und ging wieder voraus. Sie folgte ihm, langsam, mit schleppenden Schritten. Sie zwang sich, nicht hinunterzuschauen, nur auf den Pfad zu blicken, auf dieses schmale Stück Weg, harte Erde von Steinen durchsetzt, immer gleich, niemals anders. Ab und zu strich sie mit ihren Händen über den Fels, er war rau, sie spürte dann Schmerz auf ihrer Haut. Gern hätte sie die Augen zugemacht, um nichts von dieser unheimlichen, bedrohlichen Umgebung zu sehen. Das durfte sie nicht, sie wusste es. Sie wusste auch, dass ihre Schritte noch langsamer werden würden. Weil sie so müde war, dass sie kaum noch die Füße heben konnte.
Warte, warte bitte, rief sie zu ihm nach vorn. Er blieb kurz stehen. Zwei, drei Sekunden lang, dann ging er weiter. Sie lehnte sich kurz an die Felswand. Als sie aufsah, war er ihrem Blick entschwunden. Sie begann zu schreien, er tauchte wieder auf.
Glaub ja nicht, du könntest dich jetzt ausruhen, sagte er.
Ich kann nicht mehr, wiederholte sie.
Irgendwann erreichten sie die Hütte. Sie taumelte, und er nahm sie in seine Arme.
Wenn ich gewusst hätte, dass es dich so anstrengt.
Du hast es gewusst.
Sie hatte Hunger und aß fast nichts, obwohl der Geruch von Suppe, Speck und Eiern sie quälte. Sie sah ihm zu, wie es ihm schmeckte, sie saß still an dem großen, hölzernen Tisch, zusammen mit vielen anderen, die diesen Berg bestiegen und bezwungen hatten, einen Berg mit prachtvoller Aussicht, die sich ihr am Morgen, beim Abstieg, wieder zeigen würde. Sie hatte Angst vor der Nacht. In einem Quartier mit vielen Schlafstätten, mit anderen Menschen, deren lauten Atem sie hören würde.
Als Miriam am Morgen erwachte, war Heinz nicht da. Sie fragte den Hüttenwirt. Ihr Mann sei schon abgestiegen, sagte er, allein. Er habe gemeint, sie könne sich einer größeren Gruppe erfahrener Alpinisten anschließen.
Sie hätte gern geweint, aber sie tat es nicht. Ein unglaublicher Zorn gegen ihren Mann brach in ihr auf. Sie wusste, sie konnte diesen Zorn nur loswerden, wenn sie ruhig und beherrscht den Abstieg antrat. Trotzdem erkannten die Leute, denen sie sich anschloss, dass es ihr nicht leicht fiel, dass sie den Blick vom Boden nicht hob, dass jeder Hinweis auf eine besonders schöne Aussicht und damit jedes Hinunterblicken eine Qual für sie bedeutete. Wolken zogen auf, das Wetter verschlechterte sich, es wurde kalt. Man müsse sich beeilen, sagte man, um das Tal schnell zu erreichen. Es könnte ein Gewitter kommen, das wäre nicht gut. Auch nicht ungefährlich bei schlechter Sicht. Miriam spürte das Klopfen ihres Herzens so stark, dass sie meinte, die Anderen müssten es hören. Die Gruppe beschleunigte das Tempo. Miriam stolperte, sie fing sich im letzten Moment, indem sie sich an einen Felsvorsprung klammerte. Sie verlor die Beherrschung. Darf ich mich an Ihrem Rucksack anhalten, bat sie ihren Vordermann. Er sagte ja, aber seine Schritte waren rascher als ihre, fast zog er sie mit sich, manchmal wurde sie langsamer, er merkte es und blieb stehen. Ist schon gut, sagte er, als sie sich entschuldigte.
Sie erreichten das Tal, das Wetter war vorbeigezogen. Hier unten war alles grün, üppige Wiesen, belaubte Bäume, freundliche Häuser in blühenden Gärten. Eine andere Welt. Miriam konnte es fast nicht glauben. Nur langsam verließen sie Bedrohung und Angst. Sie müsse öfter in die Berge gehen, meinte der Mann mit dem Rucksack.
Sie nickte, bedankte sich und wusste gleichzeitig, sie würde es nicht mehr tun.
Als sie ins Hotelzimmer zurückkam, schlief Heinz. Sie hätte ihn gern aufgeweckt, ihn gefragt, warum er sie allein zurückgelassen hatte, oben auf dem Berg. Aber sie tat es nicht. Sie setzte sich ans Fenster und sah hinaus in die Landschaft. Ihre Wut, ihr Zorn begannen schwächer zu werden, nur ihre Finger strichen unaufhörlich über das Holz des Tisches. Als Heinz erwachte, blieb sie stumm.
Bist du mir bös, fragte er. Sie schüttelte den Kopf. Weißt du, fuhr er fort, ich hatte plötzlich das Gefühl, ich müsste allein sein, ich könnte keinen Menschen mehr ertragen, auch nicht dich.
Du hast mich schon einmal so plötzlich verlassen, sagte Miriam.
Erinnerst du dich, damals am Fluss.
Ich weiß, sagte er. Es war nicht richtig von mir.
Und du wirst es wieder tun, fragte sie.
Er sah sie nicht an. Vielleicht, sagte er.
Damals waren sie zwei Jahre verheiratet.
Zu jener Zeit war es eben so. Die Zeit jetzt ist eben anders. Das wird jeder, der so alt ist wie ich, bestätigen. Es hat sich viel geändert, und man kann von mir nicht verlangen, dass ich alles für gut befinde. Ich habe meine Erfahrungen, ich habe meine Erkenntnisse.
Ich habe ein schon langes Leben gelebt und aus diesem Leben meine Schlüsse gezogen Das lasse ich mir nicht nehmen. Und ich lasse mich von Jüngeren nicht mundtot machen. Nur weil ich nicht mehr auf der Erfolgswelle schwimme, nicht mehr aktiv bin.
Das heißt ja nicht, dass ich mich nicht weiterbilde, ständig weiterbilde durch Lektüre, ja auch durch das Fernsehen, das mich zweifellos mit wichtigen Informationen versorgt. Ich bin verwitwet, das heißt ich bin allein, meine Tochter sehe ich selten, ebenso meine Enkelin. Darüber will ich mich auch nicht beklagen. Ich will damit nur sagen, dass ich mich stets bemühe, mein Leben zu meistern, was nicht immer einfach ist. Niemand sagt zu mir Guten Morgen, schau, was für ein schöner Tag. Niemand sagt zu mir Was machen wir heute, überleg es dir bitte. Wenn ich fortgehe, schaut niemand mir aus dem Fenster nach. Wenn ich heimkomme sagt niemand Gut, dass du wieder da bist.
Und bevor ich einschlafe, nimmt niemand meine Hand und sagt Träum was Schönes.
So ist das. Und manchmal schwierig. Dann ist es gut, ein Buch in die Hand zu nehmen, meistens eines, das ich schon kenne und jene Stellen zu lesen, die mich oft schon getröstet haben, Oder, auch das kann sein, eine Schallplatte aufzulegen – ich sage bewusst Schallplatte, denn sie hat einen besseren Klang als eine CD – und ein klassisches Konzert anzuhören. Dann schließe ich die Augen und die Musik strömt an mir vorbei. Manchmal kann es sogar passieren, dass ich glaube, meine Frau ist da, und ich höre das leise Rascheln ihres Taschentuches. Das ist aber selten, weil ich ein vernünftiger Mensch bin, der weiß, dass eine solche Illusion alles nur schwerer macht.
Eigentlich wollte ich auf was ganz Anderes hinaus. Nämlich auf meinen Bruder Paul, von dem dieser Bericht ja handeln soll. Das, was ich jetzt sagen will, hängt auch mit meiner Frau zusammen, die ich eben erwähnt habe.
Sie hat nicht fertig studiert, Literatur, ein Studium das nicht gerade künftigen Erfolg versprach, aber sie hat es interessiert. Einige Male wollte ich sie überreden, was anderes zu studieren, Jus vielleicht, wie ich. Aber da war nichts zu machen. Und daran, ich muss es ihm jetzt noch vorwerfen, war hauptsächlich mein Bruder Paul schuld. Lass sie doch, sagte er zu mir, sie soll Freude haben an dieser Wissenschaft, denn Wissenschaft ist Literatur genauso wie alle anderen Studienrichtungen. Sie hat eben eigene Interessen. Ich finde das gut. Es wird eure Ehe interessant machen.
Selbstverständlich hat er auch sie stark beeinflusst. Ich wusste, dass sie auf ihn hörte.
Ich wusste auch, dass sie einander manchmal trafen, ohne dass ich dabei war. Sicher sprachen sie dann über ihr Studium und ihren Wunsch, es nicht aufgeben zu wollen. Mehr war da nicht, da bin ich sicher. Paul hat mir auch jeden Mal von diesen Treffen erzählt und mich letzten Endes dazu gebracht, dass ich Christine sagte, mach was du willst, wir werden nicht mehr darüber reden. Sie war erleichtert und umarmte mich.
Hat Paul dich überzeugt, fragte sie.
Diese Frage machte mich wütend. Nein, sagte ich, ich habe selbst eingesehen, dass man dir deinen Willen lassen soll.
Sie hat mich dann ein paar Tage lang nicht sehen wollen. Heute weiß ich, dass ich mich damals schlecht ausdrückte. Dir deinen Willen lassen, das klingt gönnerhaft, herablassend. Ich war damals jung und sehr ehrgeizig. Ein Teamwork mit meiner Frau, zwei Anwälte in eigener Kanzlei, spezialisiert auf gewinnbringende Gebiete, Scheidungs- oder Steuerrecht, das schwebte mir damals vor. Aber ich habe auch ohne sie meinen Weg gemacht. Ministerialrat im Finanzministerium war auch keine schlechte Position.
Alle diese Diskussionen und Missverständnisse hätten nicht sein müssen. Als sich das Kind ankündigte und wir heirateten, gab sie das Studium auf. Sie sprach zwar davon es wieder fortzusetzen, wenn unsere Tochter in den Kindergarten gehe. Aber dazu hatte sie dann doch nicht den Mut, glaube ich. Zuviel vergessen, meinte sie, wenn ich sie dazu ermuntern wollte. Ich glaube, sie nahm mich nicht ernst. So verging die Zeit. Ich habe den Verdacht, dass auch meine Mutter sie davon abhielt.
Das Kind gehört zu dir, sagte sie, man gibt es nicht in fremde Hände.
In der ersten Zeit unserer Ehe, als unsere Tochter noch nicht geboren war, las sie mir viel vor, aus Büchern, die sie liebte, Goethe, Schnitzler, Rilke, auch aus moderner Literatur. Als Miriam dann da war, hatte sie kaum Zeit dazu, und ich warf mich voll in meine Karriere hinein. Heute denke ich manchmal an diese Abende. Nur meine Frau im Licht der Stehlampe, den Kopf gesenkt, in ihren Händen ein Buch. Ich, ein Stück von ihr entfernt, im Dunkel, ihrer Stimme lauschend. Schön war das.
Und was Paul betraf. Ich will mich nicht schon wieder verlaufen. Er hat eine tolle Matura hingelegt, mit Auszeichnung, ich kam nur gut durch. Er hat alle Chancen, sagte mein Vater voller Stolz. Die hatte er. Aber von allen diesen Chancen nutzte er keine, Orchideenstudien hat er betrieben, wie man heute sagt. Astronomie, Archäologie oder Sinologie, alles zuerst mit größtem Interesse, aber mit geringer Ausdauer. Ich weiß nicht, meinte er nach zwei, drei Semestern, es ist doch nicht das Wahre. Was willst du eigentlich, fragte ich ihn. Ein Studium und damit ein Wissen, was mich total ausfüllt, das meiner Person, meinen Ansprüchen an das Leben genügt. Er fand es nicht. Und hat auch aufgehört zu studieren.
Ich war verblüfft. Meiner Frau hast du zugeredet, ihr Studium fortzusetzen und du gibst es auf, fragte ich. Ich müsste alles studieren können, antwortete er. Einfach alles. Dann wäre ich vielleicht zufrieden.
Das fand ich völlig übertrieben. So hatte ich ihn nicht eingeschätzt.
Weißt du, erklärte er, ich brauche nur ein wenig Geld. Wenn ich das habe, kann ich mir, was mich interessiert, selber beibringen.
Er trat dann in das Büro eines Immobilienmaklers ein. Er blieb lang allein. Bis er durch einen Zufall Eva kennen lernte. Da war er schon ein reicher Mann.
Aber ich greife vor. Ich weiß, meine Art des Erzählens ist alles andere als linear.
Da war wieder seine Frau Miriam, die sich so fest, so unerbittlich in ihn eingehängt hatte, als wollte sie ihn niemals loslassen. Da war Heinz, der verunsichert um sich blickte. Der erst, als er Eva entdeckte, plötzlich ganz anders aussah. Voller Freude, voller Erwartung, noch unter einem Zwang stehend, aber schon im Bewusstsein, er würde sich davon befreien. Da war dieses Essen in großer Gesellschaft, mit Freunden und anderen Leuten, die einander weniger gut kannten. Da saß Miriam ein Stück entfernt von ihrem Mann, neben einem sympathischen älteren Herrn, der hartnäckig versuchte, mit ihr ein Gespräch zu beginnen. Sie aber gab, und Eva bemerkte es, nur flüchtige Antworten, sie sah ständig zu Heinz hinüber, der an der anderen Seite des Tisches saß.
Sein Gegenüber war Eva, es war das zweite Mal, dass sie einander sahen, wieder in Gesellschaft. Es war aber, als würden sie einander schon viel länger kennen. So wechselte das Gespräch, das sie mit ihren Nachbarn höflich führten, immer wieder zur anderen Seite des Tisches hinüber, zu dem, dem allein ihr Interesse galt. Das ging, bis Miriam plötzlich aufstand, noch während des Essens. Langsam ging sie zu Heinz, die Serviette noch in der Hand, flüsterte ihm was ins Ohr. Er sah auf, unwillig, fast zornig. Sie ging sofort wieder an ihren Platz, wandte sich ihrem Nachbarn zu, entschuldigte sich. Einige hatten Miriams Verhalten bemerkt und wischten in intensiven Gesprächen ihr Erstaunen weg.
Eva saß stolz, fasst triumphierend an ihrem Platz. Sie beugte sich wieder zu Heinz hin, er blieb einige Sekunden lang still und lachte dann überaus laut und von allen bemerkbar über ein paar Worte, die sie ihm zuflüsterte.
Seit diesem Abend wusste Eva, sie würde bekommen, was sie wollte. Sie wusste auch, sie würde vorsichtig, nicht drängend vorgehen, sie würde Geduld haben müssen. Vor allem würde sie nicht von Paul oder von Franz sprechen, sie war ja schon einige Zeit allein, allein in diesem großen Haus, in ihrer Villa. Allein auch mit ihren finanziellen Angelegenheiten, die sie mit Geschick bewältigte. Von diesem Alleinsein, nur davon, würde sie Heinz erzählen, er würde sie bewundern, denn er selbst war, wie sie wusste, in seinen Geschäften erfolgreich. Was sie verstand, wenn sie ihn ansah, wenn sie sein Verhalten studierte, das gleichzeitig rätselhaft und bestimmt war. Wie sie ihn behandeln musste, war ihr ziemlich klar, Sie wusste aber auch, sie durfte keinen Fehler machen. Sie fand die ganze Sache spannend und durchaus erprobenswert.
Heinz K. blieb noch ein Jahr bei seiner Frau, mit der er seit fünf Jahren verheiratet war.
Miriam kämpfte um ihn, aber sie kämpfte nicht gut. Sie versuchte, ihm alles recht zu machen und begehrte gleichzeitig gegen ihr eigenes Verhalten auf. Manchmal wurde sie von Heinz beobachtet, erstaunt, denn sie hatte sich verändert. Oder sie wurde von ihm nicht beachtet, weil er diese Veränderung erkannte. Und weil er wusste, dass sie durch ihn geschehen war. Das ging so eine Weile dahin. Bis Miriam die Scheidung einreichte. Er wollte sie zuerst nicht, gab aber dann nach. Eva, bei der er immer wieder ein paar Tage blieb, erklärte er, er werde eine eigene Wohnung nehmen. Er wolle von niemandem abhängig sein.
Sie hatte es sich anders vorgestellt, sagte aber, sie würde ihn verstehen.
Einige Zeit lang glaubte sie, ihn zu lieben. Sie erkannte aber bald, dass es nicht der Fall war, dass er letzten Endes nur ihrem Selbstgefühl gut tat. Das genügte ihr dann. Dass er mehr von ihr wollte, verdrängte sie.
Die ersten Monate waren sehr schön. Er sprach nicht von Miriam, sie sprach nicht von Paul und schon gar nicht von Franz. Heinz wusste nur, dass es beide in Evas Leben gegeben hatte. Der Garten rund um das Haus, der noch von Paul angelegt worden war, wurde Heinz’ große Liebe, er ließ alles wie es war, denn er wusste, er hatte kein Recht, es zu verändern. Paul war in Haus und Garten nur noch ein Schatten, der unvermutet kam und rasch verblich. Was Franz betraf, war es anders. Er schien keine Spuren hinterlassen zu haben. Er schien aus Evas Leben vollkommen verschwunden zu sein.
Irgendwann muß ich sie nach Franz fragen, dachte Heinz. Irgendwann. Vielleicht.
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