Kitabı oku: «Rittmeister Segendorf»

Yazı tipi:

Elisabeth Krickeberg
Rittmeister Segendorf

Roman

Saga

1. Kapitel.

Also er kommt!“ sagte der alte Baron von Segendorf, indem er einen soeben erhaltenen Brief mit einer Miene der Befriedigung, wie bei unverhofftem Gelingen eines schweren Werkes, aus der Hand legte.

Er sass mit seiner Enkelin Mite am Frühstückstisch. Das junge Mädchen blickte nur eben flüchtig von ihrer eigenen Korrespondenz auf und warf gleichmütig hin: „Nun, da kannst du dich ja freuen, Grosspapa!“

„Nein, da kann ich mich nicht freuen!“ rief der alte Herr mit einem Ton, der die zufriedene Miene Lügen strafte, „solch junger Schnüffel in die grosse Wirtschaft — lächerlich!“

„Aber Grosspapa, dann hättest du doch einen älteren, erfahreneren Beamten nehmen sollen —“

„Als ob ein ‚älterer, erfahrenerer‘ Inspektor sich auf so eine Klitsche und mitten ’rein in die Lotterwirtschaft hier setzen würde!“ — Der alte Herr regte sich immer mehr auf. Seine von Natur rote Gesichtsfarbe spielte ins Kupferne, der breite Mund unter dem weissen, ausrasierten Kaiserbart kniff sich grimmig zusammen, und die lichtblauen Augen gaben sich wenigstens alle Mühe, ihren gewöhnlichen Ausdruck einer wahrhaft kindlichen Gutmütigkeit unter einem erregten Funkeln zu verbergen. „Und für das Gehalt, das ich ihm bieten kann!“ fuhr er fort. „Nee, Kinning, auf den Leim geht bloss ein junger Dummbart, der noch mit der Zusicherung der unbedingten Selbständigkeit zu ködern ist. — Pah!“ — er schlug mit der Hand verächtlich durch die Luft — „der letzte Versuch! — Gelingt dem Neuen auch nicht, die Karre aus dem Dreck zu schieben, — na, dann ade Segendorf. Dann überlassen wir den Schwindel hier den Herren Gläubigern, Kinning, leben ein paar Jahr noch gut und machen dann auf ’ne anständige Art Schluss — du mit ’ner vernünftigen Heirat und ich mit ... na wie sich’s für ’nen alten Kerl geziemt.“

„Grosspapa,“ rief das junge Mädchen empört, „du weisst doch, dass ich es nicht leiden kann, wenn du so frivole Reden führst.“

„Nanu, wenn’s dir besser behagt, können wir ja auch mit unsern glänzenden Mitteln in Posemuckel oder Kuhschnappel unterkriechen. Zwei Stuben mit Hängeboden, Staubsaugeapparat und Müllschlucker ...“

Während er sprach, war eine ältliche Dame, gross, stattlich, zur Fülle neigend, von draussen ins Zimmer getreten und einen Augenblick lauschend an der Türe stehengeblieben. „Ach — so,“ fiel sie jetzt ein, „und mich hängen Sie dann in den Rauch!“

„Sie, beste Siebenstein? — warum nicht gar! Haben Sie nicht gehört, dass ich drei Gelasse vorgesehen habe? Nun, Mite erhält als Jüngste den Hängeboden. — Wer soll denn unsere Schlemmermahlzeiten herrichten? — doch nicht etwa das Gör da? Da wäre ich in vierzehn Tagen wahrscheinlich schon auf dem Kirchhof, wenn ich all das essen müsste, was Mite kocht.“

„Grosspapa, es ist schrecklich, dass du immer deine Possen treiben musst“, klagte seine Enkelin. Sie hatte jetzt ihre Postsachen zusammengelegt und ihr zartes, frisches Blondinengesichtchen in bitter ernste Falten gezogen. „Die Sache scheint doch wirklich nicht spasshaft zu sein. Steht es denn so schlecht — so beinahe hoffnungslos mit Segendorf?“

Der alte Herr fuhr mit seinen kurzen Fingern ein paarmal hastig durch die noch immer volle graue Haarmähne. Sein Gesicht war jetzt so grimmig zusammengezogen, dass er aussah wie ein Nussknacker. „Das weiss der Deibel, schlimm genug!“ stiess er hervor.

„Und da hoffst du, dass ein junger, unerfahrener Mensch die Karre ...“ sie schreckte davor zurück, den derben Ausdruck des Grossvaters zu wiederholen.

„Ich hoffe gar nischt, Kind! — ’s ist eben ein letzter Versuch.“

Frau von Siebenstein war an den Tisch neben Mite getreten und strich ihr beruhigend über das lichtblonde Haar, das, in zwei dicke Zöpfe geflochten und nach Backfischart als Kranz um den Kopf gelegt, einen Glorienschein von krausen goldigen Löckchen um ihre weisse Stirn wob. „Grossvater übertreibt wie gewöhnlich“, tröstete sie.

„Ist das wahr, Grosspapa?“ fragte Mite dringend.

„Du bist ein Kindskopf!“ schalt Herr von Segendorf mit einem kurzen, unfreien Auflachen. „Lass die Klitsche hier doch getrost zum Kuckuck gehen, wir brauchen sie nicht!“ Und er nahm plötzlich sehr eifrig die Zeitung auf und vertiefte sich hinein. Er hatte sich da mal wieder verplappert, und die Auseinandersetzung begann, ihm peinlich zu werden. Er war all sein Lebtag gern trüben Dingen aus dem Weg gegangen.

Mite atmete erleichtert auf. Sie liebte so wenig wie der Grossvater, düstern Gedanken nachzuhängen, des Lebens Ernst war ihr noch nicht nahegetreten.

Als ihre Eltern in China, wo ihr Vater als militärischer Erzieher gewirkt hatte, rasch nacheinander einem zehrenden Fieber zum Opfer gefallen waren, zählte sie erst fünf Jahre und befand sich auch bereits in der Obhut des Grossvaters und der Frau von Siebenstein, einer Freundin seiner verstorbenen Frau und nach deren Tod Vorsteherin seines Haushalts, und die beiden sorgten um die Wette dafür, dass ihr Goldkind nur ja kein rauher Luftzug treffe.

Damals lebte der Grossvater noch als aktiver Offizier im Westen des Reichs, und das Majoratsgut Segendorf, nicht weit von der russisch-polnischen Grenze, befand sich in den Händen seines älteren Bruders. Der war nun vor einigen Jahren kinderlos gestorben und das Stammgut in den Besitz von Mites Grossvater übergegangen. Die beiden, Jobst von Segendorf und Mite von Segendorf, waren überhaupt die letzten der Familie, und mit dem Geschlecht zugleich schien auch dessen einst so glänzender Wohlstand dahinzugehen.

Ein Hang zu fröhlichem Lebensgenuss hatte von jeher in dem Blut derer von Segendorf gelegen, aber die Ahnen waren von Beruf aus Landwirte gewesen, und tüchtige Landwirte, die etwas vor sich gebracht hatten. Das war im letzten Jahrhundert anders geworden, seitdem Alexander von Segendorf sich auf die Gelehrsamkeit geworfen und eine Künstlerin zur Frau genommen hatte. Die hatte mehr in Italien ihren Malstudien gelebt als daheim ihrer Wirtschaft, und ihr Mann war auf Forschungsreisen in der halben Welt „herumkutschiert“, wie Grossvater Jobst despektierlich meinte. Da war bei den Segendorfs nicht mehr aufgehäuft, sondern vermindert worden, rasend schnell vermindert, und der Sohn Alexanders, der nach seiner Mutter artete und ein Maler wurde, hatte das fortgesetzt. Er war der Grossvater des Jobst, und es hatte nicht viel genutzt, dass des Jobst Vater als echter Segendorf wieder mit Eifer die Landwirtschaft pflegte; seine beiden Söhne waren auch gewissermassen aus der Art geschlagen, der ältere, Wolfram, der Majoratserbe, war kränklich, lebte fast stets in Ägypten und starb unvermählt, der jüngere Jobst verbrauchte als Reiteroffizier viel Geld und hatte den Kuckuck Lust, sich um die Bewirtschaftung des Gutes zu bekümmern, zumal nachdem ihm der einzige Sohn, der es hätte erben sollen, so früh aus dem Leben gerissen war.

Die beiden Brüder standen nicht gut miteinander. Sie waren grundverschiedene Naturen, und es gab nur unerquickliche Stunden, wenn der schwächliche, empfindliche, durch seine Krankheit verbitterte Majoratsherr mit dem frischen, derbheiteren, immer fröhlichen und von ihm glühend beneideten Bruder zusammentraf. Und Jobst war allezeit darauf gefasst gewesen, dass der ältere eines Tages doch noch heiraten würde, ihm zum Trotz, um ihm und seinen Nachkommen das Erbe zu entziehen. Freilich, als er es dann doch erhielt, hatte er mit einem grimmigen Lachen gemeint, der Verstorbene hätte wohl gewusst, dass er ihm damit einen grösseren Possen spiele, als wenn er es einem eigenen Sohn hinterlassen hätte.

Die Wirtschaft war mit Schulden belastet, soweit das überhaupt bei einem Majorat möglich war, ja Waldbestände hatte man bereits gegen Gesetz und Recht niedergeschlagen und zu Geld gemacht.

Die auf die Wirtschaft eingetragenen Schulden wurden vermehrt durch eine Last persönlicher Verpflichtungen des Toten, der eben in dem Bewusstsein, für keinen geliebten Menschen sorgen zu müssen, nach Gefallen darauflosgelebt hatte, ohne sich um das Nachher zu kümmern. Diese persönlichen Verpflichtungen hätte sein Bruder Jobst allerdings nicht auf sich zu nehmen brauchen, wenn sein Ehrgefühl es zugelassen hätte, dass man einem Segendorf nachsagte, er sei als Lump aus der Welt gegangen.

So wurde die Gesamtschuldenlast dem Majorat aufgebürdet. Der Ertrag des Gutes war auf Jahre hinaus den Gläubigern verpfändet, und der Erbherr von Segendorf sah sich genötigt, seine eigenen Bedürfnisse und die Kosten für seinen Privathaushalt allein mit seiner Pension eines Generalmajors zu bestreiten. Dazu kam, dass er selber nichts von der Landwirtschaft verstand, ja als eingefleischter Soldat nicht einmal Sympathie für sie besass, und dass zu allem Unglück bei dem allgemein bekannten verrotteten Zustand der Wirtschaft auf Segendorf ein wirklich tüchtiger und erfahrener, älterer Beamter nach des alten Barons eigenem Ausspruch nicht daran dachte, sich in die verlotterte Wirtschaft zu setzen.

Der alte Herr hatte, sosehr er es auch mit seinem grimmen Spott zu verdecken strebte, seine schweren Kümmernisse. Jetzt, seitdem er, der Not gehorchend, den Abschied genommen hatte und wieder auf dem Stammgut seines Geschlechts lebte, war auch die alte Anhänglichkeit zur Heimat wiedererwacht, und während er es in bitterm Sarkasmus liebte, sich und seinen Angehörigen den völligen Bankerott des Geschlechts Segendorf und den Zwangsverkauf der „Klitsche“ auszumalen, blutete ihm sein Herz dabei, und eine glühende Scham über diesen schmählichen Untergang seiner einst so hoch angesehenen und so kernig tüchtigen Familie bohrte ihren Stachel in seine Seele.

Und dann war da das Kind, seine Enkelin. Was sollte aus ihr werden, wenn mit seinem Tod die zwar nicht glänzende, aber doch ausreichende Versorgung durch seine Pension aufhörte? Sie besass keinen Pfennig Vermögen, und so würde sie als die Erbin eines grossen Gutes einmal hungern müssen; denn wo würde sich einer verarmten und verkrachten Adeligen die Aussicht auf eine standesgemässe Heirat bieten?

Und während der alte Baron scheinbar eifrig die Zeitung studierte, wälzte er diese Gedanken unruhevoll in seinem Kopf umher.

Mite hatte nachdenklich die Stirn in ihre Hand gestützt. Der Grossvater führte in letzter Zeit oft diese seltsamen und eigentlich recht abscheulichen Reben. Tante Siebenstein bemühte sich zwar, sie als Übertreibungen hinzustellen, und der Grossvater liebte ja auch wirklich krasse und manchmal höchst derbe Äusserungen, aber es lag doch so ein eigen unfreier Ton in seiner Stimme, wenn er von dem „Segendorfer Elend“ redete. Sie war auch alt genug, um zu merken, dass die Segendorfer Verhältnisse wirklich nichts weniger als glänzend waren. Als Grosspapa noch aktiv war, hatten sie viel kostspieliger gelebt, und es war niemals vorgekommen, dass Tante Siebenstein gefunden hatte, ein echter Panamahut für Mite sei eigentlich ein törichter Luxus, da man doch so vorzügliche Nachahmungen für lächerlich billigen Preis haben könnte.

Prüfend liess das junge Mädchen ihre Blicke auf dem Grossvater ruhen. Er las ja gar nicht, starrte immer auf dieselbe Stelle der Zeitung, und die Tante Siebenstein strickte gar wie ein altes Spittelweib neue Fersen in einen Strumpf des Grossvaters.

„Grosspapa,“ sagte Mite plötzlich, „wenn der junge Mann nun aber wieder so untüchtig ist wie der vorige Inspektor, den du Knall und Fall hast entlassen müssen?“

„Ach, Unsinn!“ Die Antwort kam ein wenig ungeduldig. „Es wird doch nicht lauter dumme Tröpfe in der Welt geben.“

„Aber ein so junger Mann — —“

„Du tust ja, als ob er noch ein Schuljunge wäre; er hat doch immerhin schon bald seine dreissig Jahre.“

„Von wo stammt er eigentlich, und wie heisst er?“ warf Frau von Siebenstein ein.

„Er stammt von da irgendwoher aus Ostpreussen und hat so einen Gattungsnamen — Schmidt oder Schulze — ich weiss es wirklich im Augenblick nicht mehr, da liegt ja der Brief, lesen Sie doch selber.“

Er erhob sich, warf seiner Enkelin noch ein paar Scherzworte zu und ging hinaus. Die Ausfragerei behagte ihm nicht, denn so sehr er anfangs befriedigt gewesen war, durch die Zusage des „Neuen“ der lästigen Sucherei nach einem Ersatz für den davongejagten Inspektor enthoben zu sein, jetzt war er bereits geneigt, zu glauben, dass sie ihm nur frische Enttäuschungen und Ärgernisse bringen würde.

Mite nahm den Brief auf und las ihn. In Knappen Worten die Versicherung, dass der Schreiber mit den Bedingungen des Barons v. Segendorf einverstanden sei und bereits in einigen Tagen die neue Stellung antreten würde. Darunter der Name, nicht Schmidt und auch nicht Schulze, sondern Müller, Hans Georg Müller.

Mite zog das Näschen kraus. „Er ist gewiss schrecklich pöbelhaft und plump, Tante, sieh nur diese eckige Schrift. Er wird doch nicht wieder bei uns am Tisch essen?“

„Es wird nicht zu umgehen sein, Kind, da er doch unverheiratet ist.“

Mite seufzte. „Der andere hatte so schlechte Manieren und so grobe, braune Tatzen, und er putzte nicht einmal immer seine Nägel.“

„Nun, der Neue ist ja noch jung,“ tröstete die Tante, „der lässt sich wohl noch von uns zurechtstutzen.“

2. Kapitel.

Dann eines vormittags traf der neue Inspektor ein, ein grosser, schlanker Mann von festem Gliederbau mit einem energischen, etwas eckigen, hagern Gesicht und klugen, kühl kritisch blickenden Augen; das glatte braune Haar schlicht gescheitelt, der volle Schnurrbart kurz gehalten — auf den ersten, flüchtigen Blick der Typus eines intelligenten Landmannes. Seinem Äussern nach hätte man ihn zehn Jahre älter schätzen können, als er war.

„Kinder, vor dem können wir uns vorsehen,“ meinte Anton, der Kutscher, in der Gesindestube, „ich glaube, der lässt nicht mit sich spassen! Ehe er noch auf dem Bahnhof in den Wagen stieg, hatte er schon bei den paar Schritten, die ich bis zum Gepäckraum fuhr, weg, dass das Handpferd den rechten Hinterfuss schonte. Er hob ihn auf, ‚vernagelt‘, sagte er bloss und schüttelte den Kopf. Na, und über jeden Feldstreifen, an dem wir vorbeifuhren, liess er sich Rechenschaft geben. Das ist ein Neunmalkluger, passt auf!“

Hans Georg Müller stand inzwischen im Herrenzimmer vor dem alten Baron. Der hatte ihn freundlich mit Handschlag willkommen geheissen und die Bemerkung ausgesprochen, dass er auf ein gedeihliches Zusammenwirken mit ihm hoffe. Es war ganz konventionell geschehen, aber der andere war nicht willens, es so aufzufassen.

„Ich meinte, der Herr Baron habe mir die alleinige Verwaltung des Gutes übertragen, da kann von einem Zusammenwirken wohl nicht eigentlich die Rede sein“, sagte er ruhig.

„Nun ja — ja doch, natürlich!“ fiel der alte Herr etwas nervös ein, „aber es ist doch wohl selbstverständlich, dass bei wichtigen Fragen eine Verständigung zwischen uns stattfindet. Als Besitzer von Segendorf werde ich nicht unbedingt auszuschalten sein.“

„Dann bin ich unter falschen Voraussetzungen hierhergekommen, und ich glaube nicht, dass unsere Verbindung von langer Dauer sein wird. Ich habe aus dem Schreiben des Herrn Barons angenommen, dass das Majorat völlig für sich verwaltet werden sollte und der Herr Baron sich jedes Einspruchs in die Wirtschaftsführung enthalten wollte.“

„Sie sind sehr rasch, junger Herr!“ rief der Baron. „Es wird mir nicht einfallen, Ihnen bei Ihren wirtschaftlichen Anordnungen dreinzureden, wo es sich aber um vitale Interessen handelt, werden Sie mir wohl eine Stimme im Rat gestatten.“

„Es handelt sich, soviel ich verstanden habe, hier vor allen Dingen darum, Herr Baron, in kürzester Zeit aus einem vernachlässigten und heruntergewirtschafteten Betrieb ein wieder möglichst ertragfähiges Gut zu schaffen. Das ist keine leichte Aufgabe, und ich kann selbstverständlich vorläufig nicht wissen, ob es überhaupt möglich sein wird, sie zu lösen. In jedem Fall würde ich auch nicht einmal den versuch dazu machen, wenn mir nicht in dem, was meines Amtes ist, völlig freie Hand zugesichert wird. Dass ich die Grenzen meiner Befugnisse nicht überschreiten werde, darauf kann ich Ihnen mein Wort geben.“

Der Baron war ärgerlich, mehr als das, empört. Stand dieser junge Mann nicht vor ihm wie ein Gebieter, der seine Befehle erteilt? — Er war nicht gewöhnt, so mit sich reden zu lassen. Schon der ungeschminkte Hinweis auf die verrotteten Verhältnisse Segendorfs kränkte ihn tief. Und wie dieser Mensch sich aufs hohe Pferd setzte, als ob von seinem guten Willen allein das heil Segendorfs abhinge. — Hahaha! Der alte Herr hätte grimmig auflachen mögen. Man würde es ja erleben: in einigen Wochen, höchstens Monaten würde dieser selbstbewusste Herr sicher auch die Büchse ins Korn werfen, und man würde zufrieden sein können, wenn er Segendorf nicht noch ein bisschen mehr „heruntergewirtschaftet“ hätte. Aber einstweilen befand man sich in einer Zwangslage. Da musste man gute Miene zum bösen Spiel machen, so bitter schwer es einem wurde. So sagte er mit erzwungenem Gleichmut: „Ich habe Ihnen völlige Freiheit in dem, was Ihres Amtes ist, zugesichert, das genügt bei einem Segendorf.“

Hans Georg Müller verbeugte sich: „Ich möchte Ihnen den Vorschlag machen, Herr Baron, dass ich die Stellung zunächst auf Probe, für die Zeitdauer von sechs Monaten antrete.“

„Warum?“ fragte der alte Herr misstrauisch.

„Zuerst, weil ich die Verhältnisse hier schlimmer angetroffen habe, als ich fürchtete, und nicht weiss, ob meine Kraft ausreichen wird, mit den vorhandenen Mitteln das, was ich mir vorgenommen habe, auszuführen. Die Felder sind in miserabler Verfassung, ausgesogen bis zur letzten Möglichkeit, das Getreide steht, dass sich einem Landmann das Herz im Leibe umdreht; und auf dem Hof sieht es nicht besser aus, das hat mich ein Blick auf die Gebäude gelehrt. Es wird also harte Arbeit geben, und wenn ich mich vor dieser an sich nicht scheue, so liebe ich doch nicht, möglicherweise nutzlose Arbeit zu leisten. Und dann wird Ihnen vielleicht, oder wir können wohl getrost sagen, sicher,“ jetzt huschte das erstemal ein Lächeln über das Gesicht des Inspektors, „das neue Regiment nicht behagen, und Sie werden mich vielleicht gern, je eher desto lieber, wegschicken.“

„Ich fürchte, dass Sie in sechs Monaten Segendorf auch nicht umkrempeln können“, meinte der Baron sarkastisch.

„Nein, aber ich habe dann einen allgemeinen Überblick und kann beurteilen, ob mein Bleiben einen Zweck hat oder nicht. Ausserdem ist dann die Sommerarbeit vorüber, und Sie haben Musse, einen neuen Inspektor zu suchen.“

„Gut!“ sagte der alte Herr kühl; „die Sache wäre also abgemacht, und ich kann nur wünschen, dass Sie nicht bereuen, dem ‚verrotteten Segendorf‘ sechs Monate ihres Lebens geschenkt zu haben.“

Es klang hohnvoll und hätte den Inspektor beleidigen können; aber der schien den in den Worten enthaltenen Stachel nicht zu merken. Er verbeugte sich und ging.

„Wenn er so viel kann, wie er Selbstbewusstsein besitzt, wird es sehr gut für Segendorf sein“, erklärte der Baron seiner Enkelin und Frau von Siebenstein. „Er scheint reichlich anmassend, dieser Herr Müller. Nimm dich nur in acht, Kleine, dass du ihm nicht etwa in den Weg kommst und ihn in seiner freien Entschliessung behinderst.“

„Ich werde mich hüten, Grosspapa, ihm freiwillig in den Weg zu gehen“, meinte Mite beleidigt. „Ich habe ja gleich gesagt, er würde kein angenehmer Mensch sein“, triumphierte sie dann, und mit einem Seufzer fügte sie wie bekräftigend hinzu: „Und mit dem fortan zusammen leben zu müssen!“

Sie hatte sich umsonst gefürchtet, der Herr Inspektor sorgte selber dafür, dass kein Zusammenleben zustande kam. Gleich am ersten Tag, als man ihn zu Tisch rief, liess er bitten, dass er für seine Mahlzeiten allein sorgen dürfe, er könne sich nicht an bestimmte Essenszeit binden und möchte nicht stören.

„Er wird wohl selber empfinden, dass er nicht zu uns passt“, meinte Mite befriedigt; aber der alte Herr, der ein gemütliches Schwätzchen bei Tisch liebte, ärgerte sich. Das war doch fast eine Nichtachtung, und ausserdem, der Inspektor war mit freier Station angestellt, und wenn er für sein Essen allein sorgte, würde er eine entsprechende Vergütung dafür beanspruchen, eine unnütze Ausgabe.

„Ich möchte nur wissen, wie er sich allein beköstigen will,“ sagte Mite, „wer soll denn für ihn kochen? — Die Frau vom Vogt? ... Speckkartoffeln und Schlippermilch, puh!!“

Der alte Herr meinte geringschätzig: „Das soll nicht unsere Sorge sein.“

„Er wird wahrscheinlich im Krug essen“, sagte Frau von Siebenstein. „Die Wirtin ist eine propre Frau und kocht gut, wenn auch nicht gerade Delikatessen.“

„Na, an die wird der Herr Hans Georg Müller von zu Hause aus ja wohl auch nicht gewöhnt sein“, warf Mite mit gerümpftem Näschen hin. Bei ihr war es ausgemacht, dass der neue Inspektor ein Bauer war, und sie hatte ihn doch bisher nur gesehen und noch kein Wort mit ihm gewechselt. Denn als der Herr Müller pflichtschuldigst bald nach seinem Eintreffen den Damen des Hauses seine Aufwartung machen wollte, waren sie verhindert gewesen, ihn zu empfangen, und er schien der Ansicht, den Pflichten der Höflichkeit nun völlig genügt zu haben. Er machte keinen Versuch mehr, bei den Damen eingeführt zu werden.

Mite sah ihn dann und wann an den Fenstern des Schlosses vorübergehen, wenn er von den Wiesen kam, die sich an den Park anschlossen, und wo zurzeit geheut wurde. Der Wirtschaftshof lag seitwärts, und Mite, die vorher täglich die jungen Lämmer besucht hatte, empfand jetzt, seitdem der „Neue“ da war, eine eigene Scheu, ihn zu betreten. Vermied ihn doch sogar der Grosspapa, weil „er sich nicht dumm kommen lassen wollte“, wie er sich in seiner drastischen Art ausdrückte.

Ein paar Tage nach des Inspektors Ankunft traf sein Reitpferd ein. Der Baron, der es gesehen hatte, kam ganz aufgeregt ins Schloss: „Ein Tier! Donnerwetter! Wie ich es in meinen besten Zeiten als Offizier nicht im Stall gehabt habe! Reinste, edelste Rasse, ein Goldfuchs, einfach süperb — man muss sich seines Kleppers schämen. Wie kommt der Kerl zu solch einem prächtigen Pferd? Ein Reitpferd für zwanzigtausend Mark und ein jährliches Gehalt von kaum zweitausend Mark, wie reimt sich das zusammen?“

„Vielleicht ist er ein reicher Bauernsohn“, rief Frau von Siebenstein; aber der Baron winkte ab: die hätten doch keinen Sinn und Verstand für Rassepferde!

„Na, dann hat er es am Ende gestohlen oder in einer Wette gewonnen“, sagte Mite. Sie meinte es nicht im Ernst und wollte noch etwas Scherzhaftes hinzufügen, aber in diesem Augenblick trat plötzlich der, von dem sie sprachen, durch die offene Türe des Gartensaales auf die Terrasse hinaus, auf der die Herrschaften sich befanden. Mite erschrak, und auch der Baron blickte unangenehm überrascht und ein wenig unsicher. Wie leicht konnte der Inspektor gehört haben, was man von ihm sprach, es schickte sich auch nicht, so unangemeldet daherzukommen.

„Ich bitte um Verzeihung, Herr Baron, dass ich zu stören wage. Im ganzen Erdgeschoss habe ich keinen dienstbaren Geist gefunden, der mich hätte anmelden können, und ich möchte meinen Fuchs nicht gern noch länger der prallen Sonnenglut im Hofe aussetzen. Ich kann ihn nicht in dem Verschlag unterbringen, in dem das Pferd meines Vorgängers unter all den Pferden gestanden hat — das ist mir zu unsicher, und da erlaube ich mir die Anfrage, ob Sie gestatten, dass ich eine Ecke in dem kleinen Herrschaftsstall, in dem ja nur die beiden Reitpferde stehen, für ihn herrichten lasse.“

„Selbstverständlich!“ rief der Baron rasch; ihm, dem alten Reiteroffizier, wäre es eine Todsünde gewesen, ein so kostbares Tier Ackergäulen zuzugesellen. Seine Gedanken waren so von dem schönen Pferde eingenommen, dass er ganz vergass, den Inspektor seinen Damen vorzustellen, und statt dessen fragte: „Woher haben Sie den Gaul? — Ein Prachttier!“

„Direkt aus dem königlichen Gestüt in Trakehnen, Herr Baron“, sagte der Inspektor ruhig und höflich, aber so knapp und kühl, dass dem alten Herrn die Lust zu weitern Fragen verging, und danach wollte er sich ebenso ruhig kühl verabschieden; aber da fiel dem Baron seine Unterlassungssünde ein.

„Verzeihen Sie, dass ich versäumt habe, Sie bei meinen Damen einzuführen: Unser neuer Herr Wirtschaftsbeamter.“

Mite grüsste ihn würdevoll steif wie eine Matrone und wurde gleich darauf glühend rot, denn es war ihr gewesen, als ob ein spöttisches Zucken um den Mund des „Herrn Wirtschaftsbeamten“ gegangen wäre. Frau von Siebenstein fand es für nötig, ein paar Worte des Bedauerns darüber zu sagen, dass der Herr Inspektor nicht an ihren Mahlzeiten teilnehmen könne, sie hoffe, dass er nicht Schwierigkeiten mit seiner Beköstigung habe.

O nein, er danke, er habe es bei der Krugwirtin recht gut getroffen, schmackhafte Hausmannskost, „wie unsereiner es gewöhnt ist“, fügte er hinzu, und wieder ging das Zucken um seine Lippen.

„Weisst du, Grosspapa, ich glaube, der macht sich lustig über uns“, meinte Mite ganz aufgebracht, nachdem er gegangen war. „Er hat einen so maliziösen Zug im Gesicht.“

„Ach, warum nicht gar!“ verwies sie der Grossvater um so energischer, als er selber ein unbehagliches Gefühl bei der Erinnerung an des Inspektors überlegen kühle Art empfand. „Ich möchte wissen, wie er dazu käme.“

„Aber du selber hast doch öfters schon gesagt, dass Emporkömmlinge zur Überhebung neigen.“

„Na, er soll sich unterstehen!“

„Ich meine, die Hauptsache ist, dass er tüchtig in seinem Fach ist“, warf Frau von Siebenstein in ihrer überlegt ruhigen Art ein. „Ich kann nur sagen, für mich hat sein bestimmtes, sicheres Auftreten etwas Vertrauenerweckendes. “

„Bestimmtes, sicheres Auftreten — da haben Sie recht!“ grollte der Baron. „Der Vogt hat mir geklagt, er drehe die ganze Wirtschaft um, nichts von der alten Ordnung findet Gnade vor seinen Augen, und von den alten Leuten, wie es scheint, auch keiner. Den Hanschek und den Fritsche hat er bereits ’rausgeworfen.“

„Nun,“ meinte Frau von Siebenstein, „der Fritsche ist doch schon wiederholt beim Stehlen ertappt worden, und der Hanschek ist ein Windhund, um die ist’s am Ende nicht schade.“

„Aber es sind alte, auf Segendorfer Verhältnisse eingearbeitete Leute, — was mache ich mit lauter neuem Volk, wenn es dem Herrn Inspektor behagen sollte, in sechs Monaten zu gehen? Wenn er sich auch im weitesten Masse Selbständigkeit des Handelns gesichert hat, aus einfacher Höflichkeitspflicht sollte er mich bei solchen wichtigen Sachen um Rat fragen. Aber ich glaube bestimmt, er hat nur deshalb das Speisen mit uns ausgeschlagen, damit er etwaigen Fragen von mir aus dem Wege geht — man bekommt den Herrn ja kaum den ganzen Tag einmal flüchtig zu Gesicht.“

„Ich verstehe nicht, Grosspapa, wie du einem Untergebenen so viele Freiheiten gestatten kannst“, sagte Mite altklug. „Es ist doch sonst nicht deine Art, und du hast immer verstanden, deine Soldaten in Respekt zu halten, trotzdem dir deine Vorgesetzten gerade deine allzu grosse Nachsicht zum Vorwurf machten.“

Der alte Herr brummte etwas in den Bart, was wie „der Knüppel liegt beim Hunde“ klang, und setzte dann laut hinzu: „Na, in jedem Fall sind wir ja nicht zusammen verheiratet! Wenn es mir zu bunt wird, werde ich den Ablauf des Probehalbjahrs nicht abwarten — es ist nun ein Bankrottmachen.“

Baron von Segendorf war ernstlich verstimmt über das Benehmen des jungen Mannes. Gewiss, er liess es nicht an persönlicher Höflichkeit fehlen, und er überschritt seine Befugnisse nicht um Haaresbreite; denn sobald es galt, für den Privathaushalt des Schlosses Bestimmungen zu treffen, erklärte er sich für nicht zuständig und zog sich völlig zurück; aber der Baron würde denselben Takt besitzen, wenn der junge Herr aus purer Höflichkeit den alten in seine Bestrebungen einweihen wollte. Und dann, der Baron war eine gesellige, häusliches Behagen liebende Natur, er hatte aus dem Briefwechsel mit dem neuen Inspektor die Überzeugung gewonnen, dass er es mit einem gebildeten Mann zu tun habe, und sich gefreut auf ruhige Plauderstündchen und ein gemütliches Kartenspiel nach Feierabend. Und nun war er wieder auf sich allein angewiesen wie bei dem verflossenen Inspektor, der wirklich ein Bauer und ein unsympathischer Mensch gewesen war.

Hans Georg Müller war ein Gentleman, der alte Herr musste es sich widerwillig eingestehen, sein Benehmen war ebenso tadellos wie sein Reitpferd, seine Wäsche, seine Kleider, die pflege seines äusseren Menschen. Bei allen Strapazen blieb er in seiner Erscheinung doch stets der Kavalier. Und die Strapazen, denen er sich unterzog, waren nicht gering. Er war früh der erste auf und des Abends der letzte im Bett, — ja es machte den alten Herrn, der zuzeiten an Schlaflosigkeit litt, geradezu nervös, wenn er bis tief in die Nacht hinein Licht aus den Fenstern der Inspektorwohnung zu seinem Zimmer hinüberscheinen sah. Und er, der doch sonst die Diskretion des seinen Mannes besass, brachte es dann fertig, seinen Krimstecher zu holen und mit dessen Hilfe festzustellen, dass Hans Georg Müller noch über den dicken Wirtschaftsbüchern sass, die des alten Herrn Entsetzen waren.

Welch ein seltsamer Mensch war das! Was zum Kuckuck hatte ihn veranlasst, sich in die Last und Arbeit von Segendorf zu stecken? Was konnte dem Mann, der über so kostspieliges Rüstzeug eines weltmännischen Daseins verfügte wie dieser Müller, ein Monatsgehalt von zweihundert Mark bedeuten? Das bezahlte er für einen einzigen seiner Anzüge. Der Gutsherr selber konnte sich keinen besonderen Reitknecht halten, der Diener aus dem Schloss musste dessen Befugnisse mitbesorgen, der Herr Inspektor aber hatte seinen eigenen Diener mitgebracht und beköstigte ihn aus seiner Tasche.

Das ganze Verhältnis passte dem alten Herrn nicht, drückte ihn nieder, beschämte ihn. Aber wenn er den Inspektor dafür verantwortlich machen wollte, musste er sich mit seiner Ehrlichkeit eingestehen, dass er ihm unrecht tun würde. Er trat ihm immer höflich, ja bescheiden entgegen, wie es sich für den Untergebenen dem Herrn gegenüber schickte, nur wo es sich um sein Amt handelte, zog er mit ruhiger Bestimmtheit eine Grenze: Bis hierher und nicht weiter. Ich habe die Verantwortung übernommen, ich lasse mich nicht stören.

Und was seine vornehmen Gewohnheiten anbetraf: da war nicht das geringste Protzige in seinem Auftreten. Man merkte, der junge Mann war gewöhnt, in dieser Art zu leben, eine gewisse, solide Eleganz war ihm einfach zur zweiten Natur geworden. Zweifelhaft allein blieb einstweilen seine Tüchtigkeit in seinem Beruf, und über diese konnte der alte Herr nach so kurzer Zeit noch nicht urteilen, und wollte es nicht. Er war zu gewissenhaft dazu, dem Inspektor möglicherweise unrecht zu tun. Denn bisher hatte er eigentlich nichts als Klagen über ihn gehört: von den Dienstleuten, denen der alte Schlendrian besser behagt hatte als das neue, straffe Regiment; — von den Lieferanten, die abgelehnt worden waren, weil der Inspektor ihre Waren minderwertig fand; — vom Dorfschmied, der wegen des vernagelten Hufes des Kutschpferdes einen tüchtigen Rüffel erhalten hatte.

Überall hiess es: der will mit dem Kopf durch die Wand, na, er wird sich ja bald eine hübsche Beule gerannt und die Sache satt haben. Der hält nicht länger aus als die andern. Der Baron meinte dasselbe, und er wusste nicht, ob er es wünschen oder fürchten sollte, Persönlich hätte er gern den Herrn Hans Georg Müller ins Pfefferland gewünscht, aber wenn er an Segendorf dachte, da wollte trotz aller Mutlosigkeit doch immer wieder ein leiser Hoffnungsschimmer vor ihm aufleuchten. Tatkraft besass der Neue und guten Willen, wie es schien, auch; also abwarten!

3. Kapitel.

Der Baron war mit seinen Damen auf einem Spaziergang nach einem schönen Plätzchen im Segendorfer Buchenwald begriffen. Sie mussten einen zu beiden Seiten dicht mit Buschwerk bewachsenen Hohlweg entlang gehen, und da, an einer Biegung, sahen sie plötzlich eine Gruppe von Menschen vor sich, die lebhaft über einen Gegenstand sich unterhielten, der offenbar zwischen ihnen an der Erde lag. Die hohe Gestalt des Inspektors ragte zwischen den andern empor.

„Wahrscheinlich hat der Vogt wieder einen seiner epileptischen Anfälle,“ sagte der Baron, „vielleicht kehren die Damen lieber um.“

„Ach nein, Grosspapa, ich habe den Vogt schon öfters in diesem Zustand gesehen, und der arme Mann tut mir schrecklich leid. Wir können ihm doch vielleicht etwas nützen.“

„Es sind ja Menschen genug zu seiner Hilfe da — aber wie du willst.“ Der alte Herr trat zu der Gruppe, die Damen hielten sich etwas zurück. Der Vogt lag auf dem Boden lang ausgestreckt und rührte sich nicht. Seine Frau kniete neben ihm, rieb ihm die Schläfen und jammerte. „Nun ist er wieder drei Tage lang krank — o je, das Elend! — Ach Herr Baron, sehen Sie, da hat er wieder seine Krämpfe, und man hofft doch von einem Mal zum andern, dass es aufhören wird. — O Gott! o Gott!“

„Ist’s wieder ganz plötzlich gekommen?“ fragte der alte Herr teilnahmsvoll.

„Freilich, wie immer.“

„Na,“ meinte ein Knecht, „ein bisschen taumelig war er heut den ganzen Tag schon, ich dachte gleich, dass er wieder seinen Anfall kriegen würde.“

Der Inspektor hatte, ohne zu sprechen, dabeigestanden und nur den am Boden Liegenden scharf beobachtet. Jetzt fragte er: „Wie oft hat er diese Anfälle?“

„Na, so etwa alle sechs bis acht Wochen“, berichtete in ihrem weinerlichen Ton die Frau.

„Und dann ist er immer ein paar Tage krank und arbeitsunfähig?“

„Er ist nicht gerade krank, aber immer nicht recht bei sich.“

„Das will ich gern glauben, weil er dann immer betrunken ist“, meinte trocken der Inspektor. „Herr Baron, der Mann ist ein Quartalssäufer.“

„I so eine — — so eine Verleumdung! Glauben Sie ihm nicht, Herr Baron!“ keifte die Frau.

„Ruhig!“ befahl der Inspektor hart und streng. „Nehmt den Mann auf und bringt ihn in sein Bett, er ist sinnlos betrunken“, gebot er den dabeistehenden Knechten, und die taten, wie ihnen befohlen, mit heimlichem Grinsen. Sie hatten natürlich längst ebenfalls den Grund der Krankheit des Vogts geahnt, nur der alte Herr in seiner Gutmütigkeit liess sich ein X für ein U machen.

Der stand jetzt völlig verblüfft und sah seinen Inspektor misstrauisch zweifelnd an. „Irren Sie sich da auch nicht, Herr Müller?“

„Ich irre mich nicht, Herr Baron. Epilepsie tritt denn doch anders in die Erscheinung. Er ist ein Säufer und muss natürlich entlassen werden.“

„Er hat schon meinem Bruder lange Jahre gedient.“

„Ihr Herr Bruder ist, wie ich hörte, selten daheim gewesen und hat die Komödie nicht durchschauen können. Der Mann mag auch früher leistungsfähiger gewesen sein, jetzt aber sind seine Kräfte von seiner Leidenschaft zerrüttet, er ist flau in der Arbeit. Ich würde ihn sowieso in seiner Stellung nicht belassen haben. Wenn Sie es wünschen, schicken wir ihn als Scharwerker aufs Vorwerk, da kommt es nicht darauf an, wenn er alle sechs bis acht Wochen einmal drei Tage ausspannt.“

„Das ist Ihre Angelegenheit,“ sagte der Baron steif, „ich habe dabei keine Stimme.“

Er setzte mit den Damen den Spaziergang fort; aber kaum waren sie ausser Hörweite, als Mite ganz empört losbrach: „Aber Grosspapa, wer ist denn eigentlich der Herr hier auf Segendorf? Willst du denn wirklich unter allen Umständen den alten Mann von seinem Posten jagen, ihm eine solche Schande antun lassen?“

„Aber Kind, wenn er doch ein Säufer ist“, sagte der alte Herr kleinlaut.

„Ich glaub’s nicht — nimmermehr! Die andern haben ihn doch so lange Jahre schon vor Augen, und keiner hat etwas davon an ihm bemerkt, und dieser Herr Müller blickt ihn kaum an und will das feststellen können? Grosspapa, das ist ein Gewaltmensch! Sieh dir nur sein Gesicht an mit dem festen Kinn und dem harten Mund, der wird uns noch alle tyrannisieren, wenn du es ihm nicht beizeiten wehrst.“

„Du siehst ja Gespenster“, verwies sie der Baron scharf, da er sich selber unsicher und verlegen, ja beschämt fühlte. Er hatte nach dem vorigen Anfall des Vogts in seiner Gutmütigkeit noch eigenhändig nach einem Mittel gegen Epilepsie geschrieben, das marktschreierisch in der Zeitung angekündigt war, weil die Frau behauptet hatte, alle Ärzte ringsum schon vergebens aufgesucht zu haben, und durchaus nicht zu bewegen war, einen neuen Versuch zu machen. Natürlich, wenn ihr Mann ein Trinker war, musste sie die kritischen Augen eines Arztes fürchten. „Ich kann und werde ihm nicht befehlen, was er mit dem Vogt tun soll“, fügte er etwas ruhiger hinzu. „Das schlägt in sein Gebiet, und darein mische ich mich so wenig, wie er sich in meine Angelegenheiten mischt.“

„Er hat sicher recht, der Vogt ist wirklich ein Trinker“, fiel Frau von Siebenstein ein. „Mir ist selber schon der Verdacht aufgestiegen bei seinen sonderbaren Krampfzuständen, und soll man Milde ihm gegenüber walten lassen, nur weil der Mann schon so viele Jahre das Vertrauen seiner Herrschaft schmählich missbraucht hat?“

„Das ist doch merkwürdig, Tante Siebenstein, du hältst immer die Stange dieses Inspektors“, rief Mite beleidigt. „Er beträgt sich doch zu dir nicht verbindlicher als zu uns, woher kommt nur deine Vorliebe für ihn?“

Frau von Siebenstein lächelte: „Ich habe keine Vorliebe für ihn, ich sehe ihn nur nicht mit vorurteilsvollen Augen an, und die Art, wie er seine Pflicht tut, zwingt mir Achtung ab.“

„Oh, wenn er bezahlt wird, muss er doch dafür auch etwas leisten!“ meinte Mite, die als einziges, verwöhntes Kind zuzeiten etwas vorlaut war.

Der Grosspapa drohte ihr dann gewöhnlich gutmütig lachend, heute runzelte er die Stirn: „Schäme dich, Mite!“

Das hatte noch gefehlt, dass sie sich um diesen Inspektor ausschimpfen lassen musste! Ihr ganzes Inneres lehnte sich auf gegen diesen Mann mit seinen groben Bauernmanieren. Oh, sie würde ihm gewiss nie ein gutes Wort gönnen. Sie war gewöhnt, von den jungen Herren Huldigungen und Ritterdienste zu empfangen, die Offiziere in Grosspapas Regiment hatten gewetteifert, sich beliebt bei ihr zu machen, und dieser obskure Inspektor erlaubte sich, sie völlig zu übersehen? — Welch ein eingebildeter Kerl das sein musste!

Am andern Tag schon wieder eine neue Aufregung dieses Inspektors wegen. Der alte Löb Baruch kam mit grossem Geschrei zum alten Herrn Baron, um ihm zu klagen, dass der Herr von Müller ihm nicht die Ernte verkaufen wollte. Er hätte nun zehn Jahre lang zur Zufriedenheit des Herrn Barons die Ernte von Segendorf gekauft, und der alte Herr Baron habe ihm ja auch bereits halb und halb den Abschluss des Geschäfts auch für dieses Jahr versprochen, nun wollte der neue Herr Wirtschaftsbeamte, der nicht wissen konnte, was für ein Geschäftsfreund des Hauses er sei, eine Änderung einführen. Der Herr Baron würde das doch nun und nimmermehr leiden.

Dem alten Herrn wurde es stets schwer, eine Bitte abzuschlagen, obendrein ärgerte er sich über diese neue eigenmächtige Massnahme des Inspektors. Es war doch fast, als ob der grundsätzlich alles Alte ausrotten wollte! Aber er hatte ihm nun einmal sein Wort gegeben, ihn frei schalten zu lassen, so zuckte er die Schultern: „Ich kann Ihnen nicht helfen, Herr Baruch, das ist Sache des Herrn Müller.“

„Wie heisst! Sache des Herrn Müller? Wenn der Herr Baron befehlen, hat der Herr Müller zu gehorchen.“

Dem alten Herrn stieg das Blut zu Kopf. Ja, im Grunde sollte es so sein, er war der Herr, der andere der Untergebene, aber nun hatte er einmal in unbegreiflicher Schwäche das Heft aus der Hand gegeben. „Ich werde mit Herrn Müller reden“, versprach er.

„Wenn’s der Herr Baron einem alten Freunde zuliebe doch gleich tun wollten“, bettelte Löb. „Der Herr Inspektor ist ein sehr schneidiger Herr, sehr rasch und energisch, ein bisschen jung noch für seinen Posten, der schliesst in nächster Stunde vielleicht schon mit einem Konkurrenten ab.“

Da wusste sich der alte Herr nicht länger zu helfen, er liess den Inspektor zu sich bitten. Mite sass mit Frau von Siebenstein auf der Terrasse, die Türe nach dem Zimmer, in dem die Unterredung stattfand, war offen, und sie hörten jedes Wort.

Hans Georg Müller erschien sogleich. „Ich werde von der Ernte nicht eher etwas verkaufen, als bis ich einen Überblick habe, was die Wirtschaft davon selber verbrauchen wird“, erklärte er ruhig und bestimmt.

„Was für e Sach’!“ ereiferte sich Löb; „sie liegt in der Scheune und frisst Zinsen. Der verstorbene Herr Baron hat sie stets noch auf dem Halm zu Geld gemacht.“

„Und nachher zu teurem Preis das Getreide von Ihnen zurückkaufen müssen.“

„Wie heisst teurer Preis! — ich hab’s ihm gelassen zum billigsten Marktpreis.“

„Es hat gar keinen Zweck, darüber weiter zu verhandeln! Den Gutsbetrieb so weiter fortsetzen, wie es bisher geschehen ist, hiesse, den Bankrott erklären, und solange ich hier zu bestimmen habe, geschieht es nicht.“ Es klang eisern.

„Nu, neue Besen kehren gut! — halten zu Gnaden, Herr von Müller. Sie werden auch noch werden ruhiger. Ihr Herr Vorgänger ...“

„Bitte, lassen Sie den Herrn aus dem Spiel! Ich wünsche nicht, mit ihm in einem Atem genannt zu werden“, rief der Inspektor und, seine Stimme zu heller Entrüstung steigernd, fuhr er fort: „Sie haben Ihren Schnitt bei der Geschichte gemacht, alle beide.“

„Wie heisst Schnitt gemacht? Soll mich gleich der Blitz erschlagen ...“

„Herr Baruch,“ unterbrach ihn Müller schneidend, „ich habe die Segendorfer Wirtschaftsbücher der letzten zehn Jahre genau geprüft — soll ich Ihnen Ihren Profit vorrechnen? Ich glaube nicht, dass danach der Herr Baron noch wünschen wird, mit Ihnen weiter in Geschäftsverbindung zu bleiben.“

„Nu, ich hab’ verdient meine Perzente, selbstverständlich! Verdienen muss der Geschäftsmann, von Luft und Sonne kann auch der Löb Baruch nicht leben, und die Herren Barone von Segendorf sind auch viel zu noble Herren, als dass sie eine Gefälligkeit ohne Vergütung vom alten Löb annehmen würden.“

„Sie sollen verdienen, aber nicht wuchern!“ Das kam hart und heftig aus dem Munde des Inspektors. „Wir haben dieses Jahr eine schlechte Ernte, aber ich setze meinen Kopf zum Pfand, dass sie ein Drittel mehr Ertrag liefert, als von den anderen, nachweislich guten Erntejahren in den Büchern verzeichnet steht. Wo ist dies fehlende Drittel geblieben?“

Er herrschte den Händler an, dass der vor Schreck nicht gleich zu antworten vermochte. Da mischte sich der Baron ein. „Ich sehe, Herr Müller ist im Recht, wenn er das Geschäft mit Ihnen ablehnt. Die alten Geschichten noch weiter aufzurühren, ist unnütz, aber ich wünsche nicht, dass Sie sich ferner auf Gut Segendorf blicken lassen.“

Löb wollte sich dagegen wehren, bitten, jammern, aber des alten Herrn Zorn war einmal erregt. Er öffnete kurzerhand die Türe: „Bitte!“, und der Händler musste verschwinden.

Einen Augenblick herrschte Schweigen im Zimmer, dann sagte des Inspektors Stimme, wieder vollkommen beherrscht: „Es tut mir aufrichtig leid, Herr Baron, dass ich mit meiner Art der Verwaltung Ihres Gutes so oft Ihr Missfallen erregen muss. Sie bereuen vielleicht längst, mich angenommen zu haben. Das würde mir sonst genügen, mich freiwillig zurückzuziehen — wenn ich es jetzt und hier nicht tue, so geschieht es, weil ich einsehe, dass mein Weggang die schwerste Schädigung, vielleicht den Ruin des Gutes bedeuten würde, und — weil ich meine Ehre dareinsetze, das, was ich mir einmal vorgenommen habe, auch zu einem anständigen Ende zu führen.“

Die lauschende Mite konnte sich nicht helfen, sie musste ihrer Empörung über diesen anmassenden Menschen durch ein nervöses Auflachen Luft machen. „Hören Sie nur, Tante Siebenstein, sein Weggang würde den Ruin des Gutes bedeuten! Dieser Mensch platzt eines Tages noch vor Selbstüberhebung. Was wird Grossvater dazu sagen? Wenn er ihn doch nur einmal in seine Schranken weisen möchte.“

Der alte Herr räusperte sich: „Hm! — Meine persönliche Empfindung kommt hier nicht in Betracht, sondern nur das Geschäftliche, und da muss ich Ihnen antworten, Herr Müller, es ist nicht richtig, was Sie sagen, Ihre Verwaltungsart hat durchaus nicht mein Missfallen erregt, sondern mich lediglich befremdet, weil sie mir etwas zu radikal erscheint, und ich hegte die Befürchtung, dass Sie sich begnügen würden, einzureissen, um dann eines Tages zu gehen und mir das Wiederaufbauen zu überlassen. Da Sie mir aber jetzt gesagt haben, dass Sie Ihr Werk zu einem anständigen Ende führen werden, so glaube ich Ihnen unbedingt und bin beruhigt. Ich gestehe Ihnen auch unumwunden zu, dass ich meine, Sie sind auf dem rechten Weg, wie ja jetzt wieder die Angelegenheit mit dem betrügerischen Agenten bewiesen hat. Dass ich zunächst nicht besonders beglückt darüber sein kann, so viele Schäden in der alten Verwaltung aufgedeckt zu sehen, ist wohl verständlich, es birgt zu viele Beschämung für mich — was ich meinerseits aber nicht verstehe, ist: Wie kommen gerade Sie dazu, sich dieser Herkulesarbeit hier, na, sagen wir geradeheraus, dem Ausmisten eines solchen Augiasstalles zu widmen? Ich habe den Eindruck, als ob Sie das nicht nötig hätten.“

Mite ballte ihre kleine Faust. Das fehlte noch, um ihn vollends eingebildet zu Machen. „Ich verstehe Grosspapa nicht“, schalt sie in heller Empörung.

Einen Augenblick zögerte der Inspektor mit der Antwort, dann sagte er: „Nehmen Sie an, Herr Baron, es sei eine Art Kraftprobe für mich. Ich möchte mir selber einmal beweisen, was ich zu leisten imstande bin. Gut Segendorf wieder in die Höhe zu bringen, ist eine Art Examensarbeit für mich.“

„Nun, dann kann ich Ihnen nur vollen Erfolg wünschen — nicht um meines pekuniären Vorteils willen, aber es wäre eine Beschämung und Demütigung für mich, schliesslich vielleicht sehen zu müssen, dass Sie Ihre Kraft und Fähigkeiten nutzlos vergeudet haben.“

„Nutzlos für mich in keinem Fall, Herr Baron, ich lerne hier in dem halben Jahr mehr, als ich früher in einem geregelten und gesicherten Betrieb in zehn Jahren gelernt habe; aber hoffentlich auch nicht nutzlos für Sie. Heute kann ich noch keine Versprechungen machen.“

Mite warf sich ganz verzweifelt in ihren Stuhl zurück: „Grossvater hat all seinen Schneid eingebüsst, seitdem wir auf Segendorf sind! — Weisst du, Tante, was ich wünsche? — Der Herr Inspektor kommt mir einmal in den Weg, dann soll er sehen, dass ich mich nicht seiner angemassten Überlegenheit beuge.“

„Aber, Mite, siehst du denn wirklich nicht ein, was der Mann für uns leistet?“

„Das ist einfach seine Pflicht, Tante, nachdem er die Stellung bei uns angenommen hat. Er hat kein Recht, sich darauf so viel zugute zu tun. Grosspapa war doch wahrlich in einer höheren Stellung als er und hat seinen Vorgesetzten Subordination leisten müssen.“

„Ich glaube, Mite, du stehst im Begriff, eine grosse Unklugheit zu begehen“, sagte Frau von Siebenstein. „Aber es nützt nichts, ein Kind vor dem Feuer zu warnen, es muss sich erst einmal selber die Finger verbrannt haben, ehe es lernt, es zu scheuen.“

Mite warf das Köpfchen in den Nacken: „Vor dem Verbrennen fürchte ich mich gar nicht, und scheuen, den Herrn von Müller, wie Löb Baruch sagt — ich? — Tante, das glaubst du doch selber nicht.“

Frau von Siebenstein lächelte still vor sich hin, ohne zu antworten. Dumme, kleine Mite.

4. Kapitel.

Und der Tag kam bald, an dem sich Mite die Finger verbrannte, gründlich. Man befand sich in den Hundstagen mitten in der Ernte, und die Sonne schien mit einer so erbarmungslosen Glut auf die Erde hernieder, dass jeder, der nicht unbedingt hinaus musste, gern zwischen den kühlen Wänden des Hauses blieb. Mite hatte schon eine Woche lang den Grosspapa nicht auf seinen Ritten begleitet. Sie fürchtete die Hitze, und dann — Grosspapa ritt jetzt immer nach den Ernteschlägen, um die Leute bei der Arbeit zu beobachten.

Der Inspektor hatte eine Mähmaschine angeschafft, die tadellos arbeitete und eine grosse Ersparnis an Arbeitskräften bedeutete; die zog den Baron an. Ihn beschäftigten auch die sozialen Massnahmen seines Inspektors. Er war der einzige Gutsverwalter der ganzen Gegend, der die Leute von elf bis zwei Uhr in der grössten Tageshitze pausieren liess und dabei doch mehr schaffte als alle andern, weil die Leute frisch blieben bei der Arbeit. Er liess ihnen auch während des Tages abgekochtes Wasser mit Fruchtsaft vermischt reichen. Der Baron erzählte es beifällig im Familienkreise, ihn selber begann die Wirtschaft zu fesseln.

„Ja, wenn man sieht, wie es klappt und vorwärtsgeht, und einem nicht auf Schritt und Tritt tausenderlei Unannehmlichkeiten in den Weg kommen! Es ist eine Freude, zu sehen, wie willig die Leute ihrer schweren Arbeit obliegen. Müller mag persönlich sein, wie und was er will, in seinem Fach ist er ausgezeichnet, der geborene Organisator, und ich muss es mir als ganz besondern Glücksumstand anrechnen, dass ich ihn für Segendorf gewonnen habe.“

Mite rümpfte das Näschen, mochte er ihretwegen ein tüchtiger Wirtschaftsbeamter sein, als Mensch war er ein Plebejer, ein Bauer, mehr als das, ein Flaps. Als Tante Siebenstein vor einigen Tagen die Frau des Kutschers wie gewöhnlich zum Waschen der Wäsche im Schloss verlangte, hatte dieser Müller ihr sagen lassen, die Frau sei jetzt dringend nötig, den Ernteleuten die Beköstigung zu besorgen, die Herrschaft möchte die Wäsche vierzehn Tage aufschieben oder die Siebeln zum Waschen nehmen. Unerhört! — Die Siebeln war ein altes, klappriges Weib, und die Kutscherfrau hatte schon, solange sie auf Segendorf weilten, im Schloss Aushilfe geleistet. Aber die Tante Siebenstein mit ihrer unbegreiflichen Vorliebe für diesen Müller hatte sich natürlich stillschweigend gefügt und die Wäsche vierzehn Tage hinausgeschoben. Sie, Mite, war wirklich die einzige, die sich von dem anmassenden Wesen dieses Inspektors nicht einschüchtern liess.

Aber in ihren Ärger über den Inspektor mischte sich doch auch die Neugier. Einen Blick auf die neue Maschine und die so willig arbeitenden Leute mochte sie doch auch einmal werfen, natürlich nur ganz nebenbei, wie zufällig, und das konnte am besten geschehen, wenn sie den Grosspapa wieder einmal auf einem Ausritt begleitete. So beauftragte sie den Reitknecht, ihre Stute zu satteln.

Der sah sie einen Augenblick verdutzt an, dann berichtete er kleinlaut, dass das nicht möglich sei, denn die Stute sei noch nicht von der Milchlieferung aus der Stadt zurück.

„Was?“ fragte Mite, die nicht recht gehört zu haben meinte, „von der Milchlieferung, meine Sibylle?“

„Ja, wissen das gnädige Fräulein nicht, dass die Sibylle an Stelle des Joseph schon seit acht Tagen im Milchwagen geht?“

„Und der Joseph?“ stiess sie hervor.

„Der ist in die Mähmaschine gespannt.“

Siedendheiss stieg Mite der Zorn über diese unglaubliche Eigenmächtigkeit des Inspektors zu Kopf. Ihr Reitpferd zum Milchfahren erniedrigt! Sie wollte zum Grosspapa laufen, Klage führen, aber auf halbem Wege blieb sie stehen. Nein, das hatte keinen Zweck, der alte Herr würde bestimmt wieder irgendeine Entschuldigung für das Verhalten des Inspektors haben, Tante Siebenstein desgleichen, selber wollte sie mit diesem Herrn Müller abrechnen.

Er stand im Wirtschaftshof an einer der Scheunen, das Abladen eines Kornwagens beaufsichtigend, als Mite, bebend vor Erregung, schnurstracks auf ihn zugeeilt kam. „Herr Müller, ist das wahr, dass meine Sibylle den Milchwagen ziehen muss?“ sprudelte sie, ohne ihn auch nur gegrüsst zu haben, sogleich los.

Er blickte ihr ruhig ins Gesicht, mit einem kühlen Spott, der sie vollends ausser sich brachte.

„Ich kann’s nicht glauben,“ fuhr sie boshaft fort, „das würde eine Rücksichtslosigkeit und Eigenmächtigkeit von Ihnen bedeuten ...“

„Baronesse haben mit mir zu sprechen?“ unterbrach er sie höflich, aber bestimmt, mit einem Blick auf die in Hörweite arbeitenden Knechte. „Dort ist mein Kontor, bitte, mich dahin zu begleiten“, und er ging ohne weiteres voran, es ihr überlassend, ihm zu folgen. Sie tat es mit zusammengebissenen Zähnen, beschämt, wütend auf sich selber, dass sie sich so hatte gehen lassen.

Im Kontor angelangt, blieb er vor ihr stehen, er bot ihr nicht einmal einen Sitz. „Gnädiges Fräulein wünschen zu wissen, mit welchem Recht ich die Sibylle für den Milchwagen bestimmt habe?“

„Ja, sie ist mein Reitpferd.“

„Das stimmt nicht ganz. Gnädiges Fräulein haben die Sibylle als Reitpferd benutzt, sie ist aber nicht persönliches Eigentum der Baronesse, sondern gehört zu dem vorhandenen lebenden Inventar des Gutes, wie ich mich aus den Büchern überzeugt habe, sonst, gnädiges Fräulein können versichert sein, hätte ich nicht über sie bestimmt, so notwendig ich das Tier zur Aushilfe brauchte. Die Wirtschaft ist augenblicklich nicht in der Lage, neues Pferdematerial anzuschaffen, das vorhandene muss nach Möglichkeit ausgenutzt werden, zumal es sich nur um einige Erntewochen handelt, ausserdem hat das gnädige Fräulein schon seit längerer Zeit nicht daran gedacht, auszureiten. Das Tier stand müssig im Stall, und wenn es auch alt ist und nur noch leichte Arbeit verrichten kann, zum Faulenzen hat zurzeit selbst ein Pferd auf Segendorf nicht das Recht.“

Mite zuckte innerlich zusammen; sollte das ein Stich für sie sein? Und sie war auch ratlos, darauf liess sich schlechterdings nichts erwidern. Er hatte ja recht, das Pferd gehörte in die Wirtschaft, war nicht ihr Privateigentum; aber sie gab sich nicht gefangen.

„Nun, dann wäre es wenigstens ritterlich gewesen, wenn Sie mich vorher von Ihrem Entschluss benachrichtigt hätten“, warf sie ihm verächtlich ins Gesicht. Ihre Wangen brannten, die schönen Rehaugen blitzten vor Zorn und Ungeduld. Wie ein graziöses, reizendes Sprühteufelchen stand sie vor ihm, mutig, kampfbereit bis zum äussersten. Sie hatte nichts von der schmiegsamen, etwas farblosen Nachgiebigkeit und Weichheit gewisser zarter Blondinen, sie besass Rasse.

Über sein ernstes, strenges Gesicht ging ein Lächeln, nicht spöttisch und nicht geringschätzig, im Gegenteil ein Lächeln, das viel eher eine Anerkennung und Befriedigung barg, und das sie mehr beleidigte, als es der ärgste Hohn hätte tun können. Aber es war im nächsten Augenblick schon wieder verschwunden. „Konnten gnädiges Fräulein wirklich das Benehmen eines Ritters von dem ... Bauern erwarten?“ fragte er in seiner alten Ruhe und mit seinem alten Sarkasmus.

Mit einer zornigen Gebärde warf sie den Kopf auf: „Die Pflichten des Anstands kann auch ein Bauer erfüllen.“

„Ja, aber seine Ansichten über Anstand sind verschieden von denen der Baronesse Segendorf.“ Das klang wieder sehr boshaft. „Ich kann leider meine Massnahmen nicht rückgängig machen,“ fuhr er fort, „aber ich werde dem gnädigen Fräulein gern meinen Fuchs zur Verfügung stellen. Baronesse können ihn getrost reiten, er ist von feinerer Rasse als sein Herr und versteht sehr wohl, was er einer Dame schuldig ist; ausserdem ist er wirklich weder in einer Wette gewonnen noch gestohlen, sondern rechtlich erworbenes Eigentum. Baronesse brauchen sich nicht vor ihm zu scheuen.“

Sie bebte vor Empörung, um so mehr, als sie sich getroffen, im tiefsten Innern beschämt fühlte. Wie konnte er wagen, ihr das zu sagen, sie mit ihren eigenen Worten zu schlagen? Sie war tödlich beleidigt, aber er durfte um die Welt nicht sehen, wie sie sich kränkte. Alle ihre Kraft zusammennehmend, sagte sie von oben herab: „Ich danke, lieber würde ich zeitlebens auf das Reiten verzichten! — Ich werde auch Sibylle, da sie Gutseigentum ist, was mich nichts angeht, nicht mehr für meine Privatzwecke benutzen. Wenn auch die Segendorfs in Ihren Augen einem heruntergekommenen Geschlecht angehören — was sie sich schuldig sind, haben sie nicht vergessen.“

Mite war dann hinaus und in ihrem Zimmer im Schloss, ohne zu wissen, wie sie dahin gelangt war. Zorn und Scham hatten ihr alle Besinnung geraubt, und nun brach sie in ein wildes Schluchzen aus und weinte sich recht herzlich satt. Ach Gott! welch ein Jammer ist’s doch, wenn ein ehemals glänzendes Geschlecht durch widrige Schicksalsschläge so tief sinkt, dass es dem guten Willen und der Barmherzigkeit des ersten besten ungebildeten Menschen auf Gnade und Ungnade überantwortet ist.

Sie bemitleidete sich selber aus tiefster Seele. Wie abscheulich hatte dieser Mann aus niederm Stand sie behandelt! — Wie ein Schulmädchen hatte sie vor ihm stehen und sich schelten lassen müssen. Gewiss, es war nicht hübsch gewesen, dass sie damals die alberne Bemerkung über die Art, wie er in den Besitz des kostbaren Reitpferdes gelangt sein könnte, gemacht hatte; aber sie war doch nur ein kindischer, gedankenloser Scherz von ihr gewesen, und er, der unheimlich Kluge, konnte ihn auch unmöglich für ernst genommen haben, benutzte ihn aber trotzdem, um sie zu demütigen.

Ein echter Edelmann, ein Herr aus ihren Kreisen, würde das einer Dame gegenüber niemals getan haben. Damit und durch sein Lauschen hinter der Türe bewies er ja am besten, dass er wirklich ein Bauer war. Und einem solchen mussten sie sich beugen, der Grosspapa, der des Kaisers Rock in so hoher Stellung getragen hatte, ein Ritter und Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, und sie, die Enkelin des vornehmen Geschlechts derer von Segendorf, das seine Ahnen bis auf die Kreuzzüge zurückverfolgen konnte. Man wusste nicht einmal, ob die Mutter dieses unbekannten Herrn Müller nicht vielleicht eine Stallmagd gewesen war.

Als sie zu Tische erschien, hatte sie noch ganz verweinte Augen, und kaum erblickte sie den Grosspapa, als sie auf ihn zueilte: „Wusstest du, dass Sibylle den Milchwagen ziehen muss, Grosspapa?“

Der alte Herr war sichtlich verlegen, er sah die Erregung der Enkelin und die Tränenspuren an ihren Augen, und er hatte ein schlechtes Gewissen ihr gegenüber. Um einer Szene auszuweichen, hatte er die Geschichte mit der Sibylle vor ihr verschwiegen. Darum wäre er jetzt gern ausgewichen, aber da gab es keine Möglichkeit. Mite stand vor ihm und bohrte ihre Augen förmlich in die seinen. „Ja, ich wusste es“, bekannte er. „Herr Müller hat es mir natürlich gemeldet.“

„Das ist gar nicht natürlich bei diesem Müller. Dann hat er dir einmal eine ganz besondere Gnade erwiesen, als er es dir sagte.“

„Mite“, warnte Frau von Siebenstein, aber die fuhr unaufhaltsam fort: „Und du hast es gebilligt, Grosspapa, dass das arme Tier in seinen alten Tagen so gequält wird, nur damit dieser von zweifelhafter Herkunft stammende Müller mir einen Ärger antun kann?“

„Ach, Mite, du bist ja des Kuckucks“, rief der alte Herr aufgebracht, froh, eine Gelegenheit zum Poltern gefunden zu haben. „Es hat Müller selber leid getan, das Pferd in die Arbeit einstellen zu müssen, übrigens die leichteste, die man ihm geben konnte, er hat es mir ausgesprochen.“

„Dir — so — warum denn nicht mir selber, was anständiger gewesen wäre?“

„Wie käme er denn wohl dazu, dich anzureden? Ich dächte, du zeigtest ihm deutlich genug bei jedem Zusammentreffen deine Gedanken über ihn — und da wir einmal darüber sprechen: ich muss dich ernstlich darum ersuchen, dein Benehmen gegen Müller höflicher zu gestalten. Du hast nicht das geringste Recht, ihn mit Geringschätzung zu behandeln, im Gegenteil, wir sind ihm grossen Dank schuldig, und ich wünsche nicht, dass sich eine Segendorf der Pflicht der Dankbarkeit entzieht. Wir haben wahrlich in unserer jetzigen Lage kein Recht, uns auf unsern Stand etwas einzubilden, heruntergekommen, wie wir sind.“

Da schnellte Mite empor: „Grosspapa, wie kannst du dein Geschlecht so herabsetzen und beleidigen! — Haben wir nötig, uns zu schämen, wenn ein widriges Geschick uns verfolgt und Unglück über uns bringt?“

„Papperlapapp! das ist so eine Romanfloskel, die kannst du getrost aufstecken! — Nicht ein widriges Geschick, sondern die eigene Untüchtigkeit und Leichtfertigkeit haben das Geschlecht der Segendorf ins Unglück gebracht, damit du es endlich weisst. Die Vorfahren haben die liederliche Wirtschaft begonnen, und dein Grossonkel, mein Herr Bruder, hat sie vollendet. Er hat als grosser Herr in Ägypten gewissenlos auf Pump gelebt, und daheim haben Betrüger und unfähige Beamte geholfen, den Ruin zu beschleunigen. Ich bin auch kein Heiliger gewesen, habe manchen Groschen mehr ausgegeben, als ich unbedingt nötig gehabt hätte; aber was ich ausgegeben habe, war wenigstens mein Eigentum, und ich hätte nicht nötig gehabt, auf irgendeines Menschen Hilfe zu rechnen, wenn mir nicht diese unglückselige Erbschaft in den Schoss gefallen wäre. Nun stehe ich vor einer Schuldenlast, die mich erdrückt haben würde und dich dazu, wenn nicht dieser ‚von zweifelhafter Herkunft stammende Müller‘ uns im letzten Augenblick noch als Helfer in der Not erschienen wäre. Ob wir noch einmal im Leben auf einen grünen Zweig kommen, ist heute noch ungewiss, wir werden aber wenigstens keinen schimpflichen Bankrott machen müssen, so viel steht schon jetzt fest, und das danken wir allein diesem Müller. Nun magst du selber beurteilen, ob dein Benehmen ihm gegenüber anständig ist oder nicht.“

Noch nie hatte Mite eine so energische Zurechtweisung vom Grosspapa erhalten, sie war vollkommen sprachlos, eingeschüchtert und tödlich beschämt. Es war ihr höchster Stolz gewesen, aus dem erlauchten Geschlecht der Segendorfs zu stammen, ihre Vorfahren waren ihr Ritter sonder Furcht und Tadel, echte, vornehme Aristokraten gewesen, und wenn dem Grosspapa in letzter Zeit öfters einmal ein hartes Wort über den verstorbenen Bruder entschlüpft war, so hatte sie das auf Rechnung der zwischen beiden herrschenden Abneigung geschoben.

Und nun musste sie hören, dass dieser Grossonkel nichts weniger als ein Edelmann im wahren Sinn des Wortes, ja, eigentlich ein rechter Lump gewesen war — denn was ist ein Mensch, der Schulden macht, die er nicht bezahlen kann, anders als ein Betrüger —, und dass die stolzen Segendorfs nun darauf angewiesen waren, sich von einem bezahlten Untergebenen ihren guten Namen wiederherstellen zu lassen. Und sie hatte sich obenein diesem Untergebenen gegenüber, der ihre Schmach kannte und im Bewusstsein seiner Tüchtigkeit und Unentbehrlichkeit, natürlich voll Bauernhochmut, mitleidig nachsichtig auf sie herabblickte, die Blösse gegeben, die vornehme, beleidigte Dame herauszukehren.

Oh! nie würde sie dem Müller mehr ins Gesicht blicken können. Sie fühlte sich vor ihm bis in den Staub gedemütigt und beschämt, und um so mehr hasste und verabscheute sie ihn. Ganz verzweifelt war sie bei dem Gedanken, dass die Segendorfs ihm so grossen Dank schuldeten. „Du auch!“ — hatte ihr der Grosspapa zugerufen, und jetzt, da sie erst einmal ihre Harmlosigkeit abgestreift und angefangen hatte, zu denken und zu grübeln, sah sie ein, mit Recht.

Dass Grosspapa kein Vermögen besass, war ihr allerdings bekannt gewesen, in sorgenvollen Stunden hatte er es ihr immer wieder voll schmerzlicher Kümmernis gesagt, aber sie hatte sich keine Gedanken darüber gemacht. Dass Grosspapa sterben sollte, lag so ganz ausserhalb ihrer Vorstellung, schien so unmöglich, in jedem Fall brauchte sie einstweilen noch nicht darum zu sorgen; er würde noch lange leben. Er war ja so rüstig und das Grübeln über diese „Wenns“ so unbequem.

Jetzt wies sie den Gedanken nicht wieder von sich: Wenn Grosspapa sterben sollte! Das Gut verschuldet, verliedert! Man würde es ihr wahrscheinlich fortnehmen. Sie ohne einen Pfennig Vermögen, ohne etwas gelernt zu haben, womit sie sich ihr Brot verdienen konnte, was war da ihr Los? Man würde sie, den Sprössling altadeligen Geschlechts, mit Hilfe irgendeiner mildtätigen Stiftung der Stammesgenossen in einem Fräuleinstift unterbringen, und all ihre Lebtage würde sie gezwungen sein, von Almosen zu leben.

Das waren ihre Aussichten gewesen, bevor der neue Inspektor kam, dieser „von zweifelhafter Herkunft stammende Müller“ — und jetzt, da er kaum einige Wochen da war, blickte Grosspapa bereits mit Hoffnung in die Zukunft, zum mindesten würden sie nicht mit Schimpf und Schande vom Stammgut der Familie gejagt werden. Vielleicht erhielt ihr sogar die Tüchtigkeit des neuen Inspektors ihr dermaleinstiges Erbe, und wenn er auch für seine Arbeit bezahlt wurde, sie hätte blind sein müssen, wenn sie nicht trotz ihres Hasses gegen ihn hätte sehen sollen, dass er mehr tat, als seine Pflicht von ihm heischte, und dass er es in einer ganz andern, hingebungsvolleren und persönlicheren Art tat, als der erste beste andere bezahlte Untergebene. Gott im Himmel! wie sollte sie dem Mann das jemals danken! — einem Mann, den sie nicht einmal ansehen konnte, ohne dass ihr Inneres sich gegen ihn aufbäumte.

5. Kapitel.

Mite lag die ganze Nacht wach und grübelte in Pein und Ängsten, und am Morgen beim Frühstückstisch blickten Grosspapa und Tante Siebenstein erst sie und dann sich gegenseitig ganz erstaunt und erschreckt an: Was war mit dem Kind vorgegangen? Die Mite war blass, und tiefe Schatten lagen ihr unter den Augen, aber was die Hauptsache war, das Kindliche, sorglos Heitere, Weiche und dabei doch keck Selbstbewusste war aus ihrem Gesicht und Wesen gewichen und ein düsterer Ernst, eine ganz ungewohnte Entschlossenheit darübergebreitet. Das Backfischchen war über Nacht zu einem jungen Weib gereift.

Frau von Siebenstein war über die Massen erstaunt, als Mite nach dem Frühstück zu ihr in die Küche trat.

„Tante, du musst mich jetzt wirtschaften lehren, bitte! — Später, wenn mir Segendorf einmal zufallen sollte, werde ich doch nötig haben, selber Hand anzulegen, wie du es ja doch auch tust. Wir leben nicht in glänzenden Verhältnissen, und ich weiss jetzt auch, dass ich als Letzte eines herabgekommenen Geschlechts nicht das Recht habe, eine Ausnahmestellung zu beanspruchen. Ich schäme mich bitter, dass ich es bis jetzt getan habe, und ich würde es nicht länger ertragen, dass der fremde Mann für uns arbeitet, während ich mit Nichtigkeiten meine Zeit vergeude. Hilf mir, Tante, mich zu einem brauchbaren Menschen auszubilden. — Oh, warum habt ihr mich so lange in gedankenlosem Müssiggang leben lassen!“

Frau von Siebenstein legte ihren Arm um sie und presste ihr kummerschweres Köpfchen in heisser Zärtlichkeit an ihre Brust.

„Liebling, du warst unser Sonnenschein, und wir wollten dir das strahlende, ungetrübte Jugendglück so lange wie möglich erhalten. Du bist auch nicht müssig gewesen, hast ein hübsches Wissen aufgespeichert und allerhand schöne Künste getrieben, die keineswegs nutzlos sind, denn sie dienen dazu, Sonnenschein in das Grau des Alltags zu zaubern. Allerdings ist es jetzt Zeit, dass du dir zu den idealen Gütern auch praktische Tüchtigkeit erwirbst, und ich freue mich von Herzen, dass du das von selber eingesehen hast. Nun warte nur, Kleine, du sollst unter meiner Leitung eine so tüchtige Gutsherrin werden, wie weiland Frau von Bredow war, wenn du auch nicht gerade beim Waschfest der Mägde tätig Hand mit anlegen wirst.“

So begann Mite, unter Frau von Siebensteins Leitung zu wirtschaften, und sie tat es mit Ernst und Eifer. Der gesunde, tüchtige Kern, der ehemals das alte Geschlecht zu Ansehen und Wohlhabenheit gebracht hatte, das zielbewusste Wollen, das empfindliche Ehrgefühl und der Stolz auf die eigene Kraft steckte auch in ihr, und dazu etwas von des Grosspapas frisch-fröhlichem Ungestüm.

Frau von Siebenstein hatte bald zu wehren, dass Mite sich nicht übernahm. Sie scheute sich, nach dem Beispiel der Tante, vor keiner Arbeit im Haushalt. Früher war Frau von Siebenstein, um dem alten Herrn eine schmerzliche Erfahrung zu ersparen, oft heimlich zu den Mädchen zur Unterstützung geeilt, wenn die Arbeit bei den wenigen Hilfskräften, die man halten konnte, zu anstrengend für sie wurde.

Mite hatte davon natürlich keine Ahnung gehabt, höchstens überraschte sie die Tante einmal beim Kochen oder Ausbessern, und dann schalt sie über die gewöhnliche Arbeit, die doch das Mädchen besorgen könnte. Jetzt schämte sie sich ihrer gedankenlosen Untüchtigkeit und eiferte der Tante Beispiel nach. In aller Herrgottsfrühe erschien sie bereits in der Küche, putzte Gemüse, kochte und briet, half beim Bügeln, stäubte ab.

Frau von Siebenstein liess sie lächelnd gewähren. Diese Arbeiten würde die Baronesse Segendorf ja einmal nicht zu tun brauchen, aber wer mit Verstand und Umsicht befehlen will, muss selber verstehen und beurteilen können, was andere für ihn leisten sollen.

Grosspapa kratzte sich bedenklich hinter dem Ohr, wenn er die fieberische Geschäftigkeit der Enkelin sah. „Wie lange — und der Wildfang hat die Geschichte satt!“ meinte er; aber Frau von Siebenstein schüttelte zuversichtlich den Kopf: „Was sie sich einmal vornimmt, das führt sie auch durch, das kennen wir ja von der Mite. Sie wird allmählich in das richtige Tempo kommen und dann standhalten, verlassen Sie sich darauf.“

Mite zeigte dem Baron lachend ihre Finger: „Sieh, Grosspapa, wenn ich jetzt mit der Komtesse Wernigen vierhändig spielen sollte, würde sie sehr entrüstet sein und mich vielleicht als unmöglich fallen lassen — was meinst du? — und eine feine Seidenstickerei kann ich dir diesmal auch nicht zu Weihnachten machen, die Fäden bleiben einfach an der rauhen Haut sitzen.“

„Aber du brauchst doch nicht wie ein Dienstmädchen zu rackern“, schalt der Baron.

„Doch, Grosspapa!“ sagte sie mit würdevollem Ernst, „so lange, bis ich alles verstehe — du hast auch langsamen Schritt machen und Griffe klopfen müssen, ehe du Offizier wurdest, — und meinst du nicht, dass dieser — dass dieser Müller auch erst selber gelernt hat, den Pflug zu führen, ehe er verstand, Inspektor zu sein?“

Es war das erstemal, dass sie des Inspektors wieder erwähnte, aber Frau von Siebenstein merkte, dass er ihr immer gegenwärtig war. So ungezwungen sie sich mit der grossen Küchenschürze im Hause bewegte, sobald sie in Hof oder Park hinaustrat, band sie sie sorgsam ab. Sie konnte ja zufällig ihm begegnen, und er brauchte nicht zu wissen, dass sie arbeitete. Sie erwog, ob man nicht den Hühnerhof vom Wirtschaftshof in den Park verlegen könnte, und als Frau von Siebenstein verwundert sagte, dazu läge doch kein Grund vor, meinte sie:

„Ich möchte doch auch die Geflügelzucht lernen, Tante, und es wäre netter, wenn ich da nicht vor den Knechten herumlaufen müsste.“ In Wahrheit aber waren es nicht die Knechte, sondern der Inspektor, dem sie nicht begegnen wollte. Mit der Milchwirtschaft war es dasselbe. „Die gehört doch zu den Obliegenheiten der Gutsherrin, die muss ich später auch einmal verstehen, aber wie soll ich sie denn erlernen, bei der so streng getrennten Verwaltung von Gut und Schloss?“

„Liebstes Kind, es käme doch nur darauf an, dass wir uns mit Herrn Müller ins Einvernehmen setzten.“

„Nimmermehr, Tante! lieber gehe ich einmal ein halbes Jahr auf ein fremdes Gut und lerne da, was ich hier nicht lernen kann. Und Herr Müller wird ja doch auch nicht ewig bei uns sein, er wird ja doch sicher bald die Geschichte hier satt haben.“

„Das glaube ich allerdings auch“, meinte Frau von Siebenstein diplomatisch, und sie sah, wie sich Mite dabei verfärbte.

Es war Mite wochenlang gelungen, dem Inspektor auszuweichen. Sie waren sich seit der Auseinandersetzung wegen des Reitpferdes nicht mehr begegnet, trotzdem er jetzt öfters zum Grosspapa ins Schloss kam. Die beiden Herren hatten jetzt viel miteinander zu besprechen, es hatte sich allmählich ein sehr angenehmes Verhältnis zwischen ihnen entwickelt. Der alte Herr bewahrte streng seine Zurückhaltung in Angelegenheiten des Majorats, denn er sah ja, dass er sie bessern Händen nicht anvertrauen konnte. Er bewies dem Inspektor volles Vertrauen und gewann selber durch ihn mehr und mehr Gefallen an der Landwirtschaft; so gab Müller, der sich in seinem Werk durch unbefugte Einmischung nicht mehr bedroht sah und den ehrenwerten Sinn des alten Herrn hochschätzen lernte, seine Zurückhaltung auf und gewährte ihm freiwillig Einblick in seine Verwaltung.

Dabei konnte es nicht ausbleiben, dass dem Baron immer mehr die Augen geöffnet wurden über die schmachvoll liederliche und betrügerische Art, wie unter seinem Bruder gewirtschaftet worden war, und manchmal stieg darüber dem alten Herrn das gelegentlich noch recht jugendlich rasch pulsierende Blut zu Kopf, und er wetterte mit seinen kernigsten Flüchen gegen diese „gottverdammte Schweinewirtschaft“ los, ja Mite in ihrem Zimmer im ersten Stock hörte ihn wohl gar mit der Faust auf den Tisch schlagen.

Darauf sang er dann das Loblied dieses Müller, und Mite presste ergrimmt die Lippen zusammen und dachte ganz verzweifelt, dass es wohl am besten wäre, sie überliesse diesem Müller dereinst ganz und gar das wieder lebensfähig gewordene Segendorf. Denn eigentlich war es ja doch seine Schöpfung, und wie sollte sie ihm sonst wohl genügend danken? Und nur nicht ihm etwas schuldig bleiben.

Er verkehrte also jetzt mit dem Grosspapa, aber die Damen übersah er nach wie vor. Es fiel ihm gar nicht ein, noch irgendeinen förmlichen Höflichkeitsbesuch im Schloss zu machen, nicht einmal an Mites Geburtstag, der in diese Zeit fiel. Die Dienstboten wussten ihn natürlich, sie gratulierten ihr, die Mädchen im Schloss wanden Girlanden um die Türen und bekränzten ihren Platz am Tisch, und abends erhielt das männliche Gesinde Bier und Zigarren, das weibliche Kaffee und Kuchen, und auf der Tenne wurde getanzt.

Mite hatte schon lange vorher vor dem Tag gebangt und zuletzt sich in einem wahren Fieber unangenehmer Erwartung befunden. Wenn dieser Müller, wie es seine Pflicht war, kam, ihr zu gratulieren, natürlich ebenso widerwillig und gezwungen, wie sie ihn empfangen würde, — welch peinliche, mehr als das, ganz unerträgliche Lage das sein musste. Ob sie sich krank stellte — verreiste? Aber welchen Grund sollte sie Grosspapa dafür angeben, und die Enttäuschung durfte sie dem alten Herrn auch nicht bereiten, dass sein Liebling ihn gerade an diesem Tag allein liess.

Doch alle ihre Besorgnisse waren überflüssig, nicht sie brauchte zu verreisen, Herr Müller tat es. Der grösste Teil der Ernte war herein, und da die Leute doch an dem Geburtstag der Baronesse einen halben Feiertag hatten, konnte er just an diesem am besten abkommen, um dringende wirtschaftliche Angelegenheiten in der Stadt zu erledigen. Statt in Person gratulierte er in einem feierlichen Schreiben, korrekt und frostig, ganz pflichtgemäss, der Enkeltochter seines Herrn zum Geburtstag.

„Na, Mite,“ meinte der Grossvater lachend, „nun bist du wohl zufrieden, dass du deinem Todfeind nicht die Hand zu drücken brauchst.“

„Mein Todfeind?“ fragte Mite mit bitter verzogenen Lippen. „Ich denke, er ist mein Wohltäter, Grosspapa, da werde ich eines Tages ja wohl doch nicht umhin können, ihm die Hand zu reichen.“

„Das fürchte ich allerdings auch“, neckte der Baron, aber als er sah, wie ein Frösteln durch Mites Körper ging und ihr Gesicht alle Farbe verlor, schalt er halb belustigt, halb ärgerlich: „Du bist ein rechter Kindskopf! — Was du eigentlich gegen Müller hast, mag der Kuckuck wissen, aber du kannst beruhigt sein! Er hat Wichtigeres zu tun, als sich um die Launen eines kleinen Mädels zu kümmern, an dessen Existenz er sicherlich nur denkt, wenn er zufällig an sie erinnert wird.“

O ja, da hatte Grosspapa recht, er kümmerte sich nicht um das kleine Mädchen. Es war ihm unwichtiger und gleichgültiger als ein lebendes oder totes Einrichtungsstück der Wirtschaft; aber sie ärgerte sich nicht etwa darüber ... darüber gewiss nicht! Sie hatte es ja von Anbeginn an nicht anders gewünscht, der Bauer sollte ihr nicht erst zu nahe kommen.

Freilich hatte sie gemeint, dass sie diejenige sein wollte, deren Zurückhaltung ihm seinen Platz in gemessener Entfernung anweisen würde. Dass er ihr zuvorkommen, ihr gar nicht Gelegenheit geben könnte, Familiaritäten oder gar Aufdringlichkeiten von seiner Seite zurückzuweisen, ging allerdings gegen das Programm ... und ... ja, das musste sie sich schon eingestehen, es war ein wenig beschämend, sich so ganz als Nebensache behandelt zu sehen, Pah, von einem Mann, der, mochte er als Landwirt auch hervorragend tüchtig sein, als Mensch doch eben ohne feine Formen und gute Erziehung war!

Sie wollte nicht an ihn denken, und sie tat es doch unausgesetzt. Er war in ihr Leben getreten wie eine höhere Macht, die es fortan regierte. Alles, was sie tat oder liess, stand in Beziehung zu ihm. Sie lernte wirtschaften, um neben dem Tätigen und Klugen nicht müssig und unwissend zu sein; sie verzichtete auf ihren liebsten Sport, das Reiten, um nicht eine Gefälligkeit von ihm annehmen zu müssen; sie spielte nicht Klavier und sang nicht, weil er sie hören konnte; sie mied das Reich, in dem er Herrscher war, damit sie ihm nicht begegnete; ja sie zog sich vom Grosspapa mehr zurück, weil er entweder mit „diesem Müller“ zusammensteckte oder von ihm sprach, und sie lauschte bei jedem Zusammensein mit ihm doch, ob er nicht von diesem Müller reden würde.

Wenn sie sich einmal selber dabei ertappte, dass sie an den Inspektor dachte, entschuldigte sie sich: es ist, weil ich so einsam auf Segendorf lebe. Wenn ich mehr mit anderen Menschen in Berührung käme, würde ich ebensowenig von seinem Vorhandensein Kenntnis nehmen, wie er von dem meinen.

So vergingen Wochen, ohne dass sie einander begegneten, sie mieden sich eben beide. Gesehen hatte sie ihn allerdings täglich. Sie sah ihn immer, wenn er zu bestimmten Zeiten auf seinen regelmässigen Inspektionsgängen am Schloss vorüberkam, denn sie hatte dann merkwürdigerweise stets auch gerade in ihrem Zimmer zu tun, dessen Fenster nach dem Platz vor dem Schloss blickten, den er überschreiten musste. Gewöhnlich war er im Reitanzug, tadellos sauber, schneidig vom Scheitel bis zur Sohle, wie ein Offizier in Zivil, musste sie denken. Es war überraschend, dass ein Mann von seiner geringen gesellschaftlichen Bildung mit so selbstverständlicher Miene das Äussere eines Kavaliers zur Schau trug, und, was noch mehr war, dass es ihn kleidete.

Sie sah ihn dann und wann auch reiten, und da konnte sie sich nicht helfen, sie, die Sportverständige, war einfach entzückt! — Wie er das Pferd meisterte! — seine Haltung — sein Schneid! Sie musste sich eingestehen, dass nicht viele Offiziere in Grosspapas Regiment so vorzüglich zu Pferde gesessen hatten. Ach, und dies herrliche Tier! Wie gern hätte sie ihm einmal den feinen Hals geklopft und ein Stück Zucker gereicht.

Und er sah auch sie, wenn sie am Nachmittag mit der Tante Siebenstein, mit Handarbeiten beschäftigt, unter den Linden im Park sass. Nur eben eine kleine Öffnung in der den Park umgrenzenden Hecke erlaubte ihm vom Kornspeicher aus den Blick auf diesen Lieblingsplatz der Schlossherrschaft, aber es war ein malerischer Blick, wie ein Bild: von frischem Grün umrahmt der schöne Mädchenkopf mit dem süssen Gesicht und den nachdenklich blickenden Rehaugen unter dem leuchtenden Gold des herrlichen Haares — warum sollte er ihn meiden?

Andreas, der Stallknecht, meinte, der Inspektor ginge wahrscheinlich im Kornspeicher auf die Mäusejagd, denn sonst konnte er sich nicht erklären, was er da oben in den so bald nach der Ernte noch fast leeren Räumen täglich zu tun hatte.

Eines Tages klagte der Grosspapa darüber, dass Müller nie des Abends zu einer gemütlichen Karten- oder Schachpartie zu haben sei. Freilich, er würde nach dem anstrengenden Tagewerk tüchtig müde sein, aber ein kleines, nettes Spiel sei doch auch eine Erholung; doch er wüsste schon, er käme nur nicht, weil er glaubte, mit seiner Gegenwart die Damen zu stören. Denn natürlich hätte er gemerkt, mit welcher Missgunst man zu Anfang seiner Gegenwart entgegengesehen hätte.

Mite war so erschrocken, dass sie kein Wort der Erwiderung fand. Frau von Siebenstein kam ihr zu Hilfe. Der Grosspapa möge nur nicht vergessen, dass er selber der Ankunft des neuen Inspektors mit sehr gemischten Gefühlen gegenübergestanden und ihn keineswegs mit Freuden, sondern lediglich als ein notwendiges Übel mit gezwungener Höflichkeit begrüsst habe; aber wenn der Baron es wünsche, würde sie Herrn Müller eine förmliche Einladung zukommen lassen.

„Ja, Tante,“ fiel Mite, sich aufraffend, mit blitzenden Augen ein, „und du kannst ihm dann gleich versichern, dass er nicht zu fürchten braucht, meine Gegenwart ertragen zu müssen. Ich werde sehr gern dem ‚gemütlichen Zusammensein‘ fernbleiben.“

„Um ihm eine neue Beleidigung anzutun!“ rief ärgerlich der Baron. „Potz Wetter, Mädel! Ich bin mit einem ganzen Regiment handfester Kerle in bestem Frieden ausgekommen und soll mir jetzt im eigenen Hause von einem eigensinnigen Kindskopf Opposition machen lassen!“

„Schicke mich doch fort, Grosspapa! — Ach, ich will gern deinem Herrn Müller Platz machen, wenn er dir doch lieber ist als deine Enkelin.“

„Ruhe, Ruhe!“ sagte Frau von Siebenstein, ihren Arm begütigend um Mite legend, und sie schüttelte missbilligend und warnend ihren Kopf gegen den Baron. Wenn er ein friedliches Einvernehmen zwischen diesen beiden Menschen wünschte, konnte er es nicht verkehrter anfangen, als sie gewaltsam zusammenbringen zu wollen. Das würde sich alles mit der Zeit von selber machen, augenblicklich hatte der Inspektor ja wirklich tagsüber so viel Arbeit, dass er zufrieden sein würde, abends seine Ruhe ungestört geniessen zu können.

6. Kapitel.

Mite zürnte dem Grosspapa bitter. Es war doch fast, als ob er den fremden Menschen der eigenen Enkelin vorzöge. Und nun schämte sie sich nicht mehr vor dem Inspektor und fühlte sich nicht mehr bedrückt durch ihn. Wenn er ihr die Liebe des Grossvaters raubte, dann war all sein Verdienst wettgemacht. Der Trotz beherrschte sie nun ganz und gar. Jetzt würde sie ihm auch nicht mehr ausweichen, sondern mit erhobenem Kopf kalt, gleichgültig an ihm vorübergehen.

Und just am Nachmittag desselben Tages noch ereignete es sich, dass sie ihn traf.

Zu Mites Lehraufgabe gehörte es, dass sie sich um die kranken Gutsleute kümmerte, was bisher Tante Siebenstein allein getan hatte. Nun hatte das Stubenmädchen die Nachricht gebracht, dass die alte Siebeln sich schlecht befinde und zu Bett läge, und Mite machte sich sogleich auf, nach ihr zu sehen. Das Gesindehaus lag nur ein paar Schritte vom Wirtschaftshof entfernt; so ging Mite, wie sie da war, ohne Hut, das Körbchen mit Erfrischungen am Arm, über den Hof, den sie seit der Reitpferd-Angelegenheit nicht mehr betreten hatte. Ja, sie hatte nicht einmal die Schürze abgebunden — dieser Müller war jetzt Luft für sie.

Da, gerade als sie an der Türe des Gesindehauses angelangt war, trat er heraus. Er stutzte, als er sie sah, grüsste zögernd, wie überlegend, dann sah er ihr voll ins Gesicht und sagte entschlossen:

„Wie ich sehe, wollen Baronesse die kranke Siebeln besuchen — ich muss dringend davon abraten. Die Frau hat hohes Fieber, und ich habe den bestimmten Verdacht, dass es sich um eine Infektionskrankheit, wahrscheinlich wohl Typhus, handelt. Da liegt also die Gefahr der Ansteckung vor.“

Sie hatte es nicht verhindern können, dass sie bei seinem plötzlichen Erblicken glühend rot geworden war, aber sie nahm sich gewaltsam zusammen. „Ich fürchte mich nicht vor Ansteckung“, sagte sie kalt, mit einer hochmütig abweisenden Bewegung des Kopfes und wollte an ihm vorüber zur Türe.

Er aber versperrte ihr mit seiner vollen Breite den Eingang. „Ich bedaure, aber ich kann dem gnädigen Fräulein nicht gestatten, die Frau zu sehen.“

Da fuhr sie in flammender Erregung empor. „Sie ... können mir nicht gestatten —“

„Baronesse vergessen, dass das hier mein Bereich ist, in dem ich unumschränkter Herrscher bin.“ Er sagte es mit einem trüben Lächeln. „Gnädiges Fräulein können versichert sein, dass ich mir selber auf die Rolle, die ich spielen muss, nichts einbilde. Der Widerwille, dem ich bei dem gnädigen Fräulein bereits begegne, genügt mir vollkommen, und ich trage nicht Verlangen, ihn noch zu vermehren; aber das kann mich nicht dazu bewegen, meine Pflicht zu vernachlässigen, und die zwingt mich, Baronesse von dieser Schwelle zu weisen.“

Seine Pflicht, sagte er, also durchaus nicht etwa Besorgnis um sie, einer etwaigen Ansteckung wegen. Aber das war auch nicht einmal sein Pflichtgefühl, sondern lediglich der Wunsch, ihr wieder einmal seine Überlegenheit zu zeigen. Ihr Auge sprühte ihn an.

„Und meine Pflicht als Tochter der Gutsherrschaft ist es, mich um die kranken Untergebenen zu kümmern! Also Pflicht gegen Pflicht; es fragt sich nur, wer die seine mit dem grösseren Nachdruck behaupten wird. — Unzweifelhaft Sie, Sie sind ja der Herr, der Stärkere, da hat die Frau zu weichen.“

Ein eigentümliches, halb spöttisches, halb trauriges Lächeln spielte um seinen Mund, als er erwiderte:

„Allerdings, unzweifelhaft werde ich hier der Stärkere sein! — Was das gnädige Fräulein mir für Beweggründe unterlegen, darf mich nicht beirren, um so weniger, als ich mich des Einverständnisses des Herrn Barons sicher weiss. Ausserdem — es ist bereits alles für die Kranke geschehen, was geschehen konnte. Arzt und Krankenwagen sind bestellt, denn natürlich muss sie nach dem Krankenhaus geschafft werden, und was gnädiges Fräulein ihr da an Erfrischungen bringen möchten, dürfte und könnte sie vorläufig doch nicht geniessen. Baronesse können also über eine etwaige Pflichtversäumnis ganz beruhigt sein.“

Er hatte sie also wieder einmal geschlagen mit seiner kühl sichern, überlegenen Art, der gegenüber sie sich immer wie ein dummes Schulgör vorkam. Schon seine öde Art, sie nie direkt, sondern immer in der dritten Person anzureden, zehnmal in einem Satz „gnädiges Fräulein“ oder „Baronesse“ zu sagen, empörte sie. Er bewies ihr damit am deutlichsten seine Geringschätzung; denn wenn man über einen andern rechtschaffen ärgerlich ist, dann lässt man gern einmal die Etikette beiseite und redet als Mensch zum Menschen. Das Tun und Lassen der Baronesse Segendorf war ihm zu gleichgültig, um sich über sie zu erzürnen. Sie stand einen Augenblick ratlos, den Blick gesenkt, die Lippen fest aufeinandergepresst und die Stirn finster zusammengezogen.

Müller betrachtete sie schweigend, und dabei kam ein weicher Ausdruck in seine Züge, und sein Blick trübte sich.

„Ich weiss, dass gnädiges Fräulein mich für einen ungeschlachten Bauern halten, und mit Recht! — Ich stamme aus Bauernblut, aber ich bekenne es mit Stolz, denn es ist unverfälschtes, deutsches Blut, und mein Geschlecht ist so alt und so ehrenwert wie das der Freiherren von Segendorf. Wenn also, wie es scheint, untadelige Herkunft der Massstab für den Wert des Menschen in den Augen der Baronesse bildet, so braucht sich das gnädige Fräulein nicht bedrückt zu fühlen, einmal einem Bauern weichen zu müssen, da das Wörtchen ‚von‘ ja lediglich Zufallswert hat.“

Da hob sie den Kopf und sah ihn gross und furchtlos an:

„Es scheint doch nicht so, Herr Müller. Wenn das Wörtchen ‚von‘ ursprünglich auch eine Zufallserwerbung war, die ebensogut Ihre Vorfahren wie die meinen äusserlich erhöhen könnte, es hat daneben doch auch eine innere Bedeutung, die Mahnung und Pflicht zu verfeinerter Kultur. Sie wissen so gut wie ich, und sogar noch etwas länger als ich, dass einige meiner Vorfahren als Menschen schlimme Fehler gehabt haben, sie hätten aber sicher zu ritterlich empfunden, um eine Dame ihre Überlegenheit in dieser Art fühlen zu lassen und ihr durch einen Vergleich, der zu ihren Ungunsten ausfallen muss, die Röte der Scham ins Gesicht zu treiben. Grossvater sagt, wir sind Ihnen viel Dank schuldig, und ich müsste glücklich sein, dass mir Ihre aufopferungsvolle Tüchtigkeit mein dereinstiges Erbe erhält. Ich bin es nicht, ich kenne nichts Demütigenderes, als ein pekuniäres Geschenk aus fremden Händen annehmen zu müssen, und es wäre mir lieber, durch eigene Arbeit mir mein bescheidenes Brot erwerben zu dürfen, als zeitlebens gewissermassen von Almosen zu leben. Ich kann Ihnen also nicht so danken, wie ich es müsste,“ ihre Stimme wurde erregter, „ich kann’s um so weniger, als ich nicht besser als Grosspapa verstehe, warum Sie, gerade Sie, sich zu unserem Retter gemacht haben. Ein Mann wie Sie tut nichts ohne Grund, und welcher Grund könnte Sie dazu getrieben haben, das Ihnen gänzlich fremde Geschlecht der Segendorf vor einem schimpflichen Ruin zu bewahren, ohne dass Sie selber den geringsten Vorteil, ja eigentlich nichts weiter als Last und Mühe und womöglich zu allerletzt noch argen Undank dabei haben?“

„Also mit andern Worten, Sie wittern geheime egoistische Beweggründe hinter meinem Verhalten.“ Er sagte es kurz und hart, und jetzt redete er sie auch direkt an. „Eines Tages werde ich darauf antworten, nicht heute und nicht Ihnen. Eine Frau, die so unklug ist, aus verletzter Eitelkeit einem kleinlichen Zorn so viel Macht über sich selbst einzuräumen, dass sie sich nicht scheut, die ganze Zukunft ihrer Familie zu dessen Befriedigung aufs Spiel zu setzen, ist nicht reif genug, ernste Sachen ernsthaft mit ihr zu verhandeln. Nur so viel will ich Ihnen noch sagen, dass Sie mir gar keine grössere Beleidigung antun könnten, als wenn Sie je daran dächten, mir zu danken. Meine Hilfe leiste ich lediglich und nur ganz persönlich dem Herrn Baron, die Familie Segendorf geht mich nichts an, und ich werde ja doch für meine Arbeit bezahlt, so gut wie die Mägde und Knechte!“

Ein schneidender Hohn lag jetzt in seiner Stimme. War es nicht gerade, als ob dieser Mensch ihre Gedanken lesen könnte? Er lüftete seine Mütze, wandte sich, und ohne sich noch weiter um sie zu kümmern, ging er von dannen, hoch aufgerichtet, mit festen, energischen Schritten.

Nun war es gänzlich aus zwischen ihnen, und eine Versöhnung, ja nur ein gleichgültiges Nebeneinander für immer vorbei.

Mite lief umher „wie ein Kossäte, dem die Schoten verhagelt sind“, meinte der Grosspapa drastisch, aber im geheimen ruhten seine Augen mit Sorge auf ihr, wie die der Frau von Siebenstein. Das Mädel war blass und still, und sie hielt sich ganz für sich. Dabei lag auf ihrer Stirn ein finsterer Schatten, der ihre einst so sonnige Art sehr zum Nachteil veränderte.

Die Mite in ihrer taufrischen, strahlenden Blondheit war dazu geschaffen, Heiterkeit und Behaglichkeit um sich zu verbreiten, jetzt fröstelte es den Grosspapa in ihrer Nähe, und sie selber konnte nicht gedeihen in einer Umgebung, der es an Licht und Wärme fehlte.

War es denn wirklich möglich, dass der Inspektor Müller diese nachteilige Veränderung bei seinem Herzenskind hervorgerufen hatte? Hasste sie ihn so sehr, dass sie seelisch elend dabei wurde? Das war doch schier ein Unding, dazu lag doch kein einziger triftiger Grund vor — verletzte Mädcheneitelkeit pflegt sich doch sonst nicht so bitter tragisch zu äussern.

Er fragte Frau von Siebenstein, was sie davon halte. Die zuckte die Schultern. So etwas müsse man gehen lassen, wie es ginge, mit ungeschickten Fingern könnte man da viel Unheil anrichten, solch junges Mädchen habe eben manchmal seine Launen.

Launen! grollte der Baron, wenn ein alter Mensch Launen habe, so sei das allenfalls verzeihlich, aber ein junger, dem der Himmel noch voller Geigen hinge? Das wäre ja noch schöner! Und das glaube er auch nicht von seiner Mite. Er war ärgerlich, Frau von Siebenstein nahm das sehr leicht, möglicherweise war das Kind krank.

Dann kam ein Tag, da stieg dem alten Herrn doch auch einmal wieder ein Zorn gegen diesen Müller zu Kopf.

In der Umgegend war Manöver, die Einquartierung hatte sich jedoch nicht bis nach Segendorf hinziehen sollen, aber dann stellte sich plötzlich starker Regen ein, ein angesetztes Biwak konnte nicht stattfinden, und die Truppen bezogen Notquartiere. Auf Gut und Dorf Segendorf verteilte sich eine Schwadron Ulanen, ausserdem nahm der Regimentsstab auf Schloss Segendorf Unterkunft.

Müller war am Morgen, von diesem Überfall nichts ahnend, in Geschäften nach der Stadt geritten und noch nicht wieder daheim, als die Einquartierung einrückte.

Der Baron, hocherfreut über den unverhofften Besuch von Kameraden, bewillkommte eben den Oberst Grafen Bengerow auf der Rampe vor dem Schloss, als in höchster Eile Müller angaloppiert kam. Er hatte unterwegs von der Einquartierung gehört und ihr möglichst zuvorkommen wollen, um seine Anordnungen zu treffen.

„Donnerwetter, ein schönes Tier!“ rief der Oberst unwillkürlich, als der Inspektor von dem schweissgebadeten Goldfuchs sprang. „Was,“ unterbrach er sich erstaunt, „das ist ja Kamerad Müller, wie kommt der hierher?“

„Wer?“ fragte der Baron, „Kamerad Müller?“

„Freilich, Oberleutnant der Reserve in meinem Regiment, kennen Sie den Herrn nicht?“

„Ob ich ihn kenne! — Es ist mein Inspektor ... Kamerad Müller ... das muss ein Irrtum sein, Herr Graf.“

„Ich bin eher geneigt, es für einen Irrtum zu halten, dass dieser Herr Ihr Inspektor — Verzeihung; aber es scheint so unglaubhaft, sein Vater besitzt selber ausgedehnte Güter drüben in Ostpreussen ... schwer reich — ein Grossgrundbesitzer. Das Offizierskorps verkehrt viel draussen auf seinem Gut; ein jüngerer Sohn steht als Leutnant bei den Danziger Husaren, und seine Tochter ist mit Rittmeister Behrendahl verlobt, der mit seiner Schwadron drüben in Herbstwalde im Quartier liegt. Und Hans Georg ist Inspektor bei Ihnen?“

Der Baron starrte den Sprecher verständnislos an. „Das begreife, wer kann.“

„Ja, mein Gott, wissen Sie denn das alles nicht? — Übrigens wenn Sie es mir nicht glauben wollen, da sehen Sie, wie die jungen Offiziere ihn als Kameraden und Freund begrüssen!“

Der alte Herr schüttelte noch immer ratlos den Kopf. „Dann hat mich dieser Müller unverantwortlich hintergangen! — das heisst, verstehen Sie mich nicht falsch, Herr Graf,“ lenkte er schnell ein, als er den misstrauisch erstaunten Blick des Obersten auffing, „er hat mir nicht etwa Falsches vorgeflunkert! Dieser Mensch ist ein Ehrenmann im wahren Sinn des Wortes, aber er hat mir jeglichen Aufschluss über seine Herkunft vorenthalten. Ich weiss nicht einmal, dass er noch einen Vater besitzt. Als simpler Wirtschaftsbeamter ist er für ein bescheidenes Gehalt bei mir eingetreten, und er hält sich ganz in den Schranken eines solchen, erhebt nicht die geringsten Ansprüche auf standesgemässe Behandlung und arbeitet dazu für zwei. Was bedeutet das? Was bezweckt er damit?“

„Das kann ich freilich nicht wissen, Herr Baron; aber ich meine, sein Reitpferd allein verrät, dass er kein simpler Inspektor sein kann.“

„Gewiss, das hat auch mich in Erstaunen gesetzt; aber da sein Besitzer so gar kein Aufhebens von der eigenen Person machte und seine untergeordnete Stellung durchaus in der Ordnung zu finden schien, habe ich mich schliesslich mit dem Gedanken abgefunden, dass er der Sohn irgendeines wohlhabenden einfachen Mannes vom Lande, eines Bauern, Schneidemüllers oder dergleichen sei, und da er aus Ostpreussen stammt, möglicherweise Beziehungen zu Trakehnen habe, mit deren Hilfe er dies kostbare Tier zu einem erschwingbaren Preis erlangen konnte. Es ist immer etwas an diesem Müller gewesen, was mir rätselhaft war, jetzt ist mir der ganze Mensch ein Rätsel.“

„Nun, vielleicht reizt es ihn, sich selber einmal zu beweisen, dass er sich so gut sein Brot verdienen kann, wie irgendein anderer auf den Erwerb angewiesener junger Mann. In jedem Fall kann man Ihnen Glück wünschen zu der Erwerbung dieses Inspektors, sein Vater führt eine Musterwirtschaft, und der Sohn tritt in seine Fusstapfen.“

Der Baron brach das Gespräch ab, die ganze Sache war ihm peinlich. In welch missliche Lage hatte ihn das unbegreifliche Schweigen dieses Müller dem Obersten gegenüber gebracht, was musste der über sein Verhältnis zu seinem Inspektor denken, wenn er nicht einmal die einfachsten Tatsachen von dessen Herkunft kannte.

Gewiss, Müller hatte ihn nicht belogen, ihm „nichts vorgeflunkert“. Als Hans Georg Müller aus Schwentien war er bei ihm eingetreten, und es lag keine Verpflichtung für ihn vor, ihm zu offenbaren, dass er Reserveoffizier und selber Grossgrundbesitzer sei; aber aus Gründen der Höflichkeit und des Taktes hätte er es ihm nicht verschweigen dürfen, um ihm Beschämungen und unangenehme Überraschungen zu ersparen.

Dem alten Herrn stieg jetzt das Blut zu Kopf, wenn er daran dachte, dass er diesen Müller in dem einfachen Dorfkrug speisen liess, dass er ihm in der ersten Zeit sein Misstrauen und seine gesellschaftliche Überlegenheit deutlich gezeigt, ihm die Schranken seiner untergeordneten Stellung genau gewiesen hatte. Wie mochte der junge Mann aus reichem, angesehenen Hause sich im geheimen über den verarmten, anmassenden Adeligen lustig gemacht haben, und dann das Benehmen Mites Müller gegenüber, Bombenelement, man musste sich die Augen aus dem Kopfe schämen! Aber das Mädel sollte ihm dafür büssen, — und die Siebenstein auch, weil sie ihr „Goldkind“ nicht zur Räson gebracht hatte.

Er lief noch immer aufgeregt in seinem Zimmer auf und ab, als ihm der, an den er mit so viel Eifer und Unmut dachte, gemeldet wurde. „Sie kommen wohl, um sich an meiner Verlegenheit zu weiden, Herr Müller,“ empfing er ihn, „und zu hören, wie es sich ausnimmt, wenn ein alter Mann einen jungen um Verzeihung bitten muss.“

„Ich wüsste nicht, Herr Baron, aus welchen Gründen Sie mich um Verzeihung zu bitten hätten! Im Gegenteil, ich bin gekommen, um Ihnen meine Bitte um Verzeihung zu sagen.“

„Haben’s auch nötig, das weiss der Deibel; denn solche Heuchelei — nehmen Sie es mir nicht übel —“

Müller unterbrach ihn: „Ich weiss, was Sie meinen, Herr Baron, und ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass ich aus bestimmten Gründen zu diesem Versteckspielen gezwungen war und auch jetzt noch nicht in der Lage bin, Ihnen über das Warum Aufklärung zu geben. Aber was liegt denn auch Besonderes vor? Ich habe vielleicht nicht nötig, eine Stellung anzunehmen und zu arbeiten, wie ich es hier tue. Das erstere ist geschehen aus einer Veranlassung, die ich Ihnen eines Tages auseinandersetzen, und die Sie dann sicher auch verstehen und billigen werden, und das zweite geht einfach notgedrungen aus dem ersten hervor. Denn wenn ich eine Pflicht übernommen habe, so pflege ich sie auch stets nach besten Kräften zu erfüllen.“

„Gut, Sie mögen einen Grund haben, eine Stellung anzunehmen; welchen Grund aber könnte es geben, durch Verschweigen gerechtfertigter Ansprüche freiwillig auf die Verbesserung eines ‚Dienstverhältnisses‘, nennen wir es beim rechten Namen, zu verzichten?“

„Herr Baron, ich bin auf Segendorf lediglich Inspektor, nichts weiter, und nebenbei, wie ich hoffe, ein anständiger Mensch, ich wünsche keine bessere Behandlung, als diesen beiden zukommt; was darüber hinausliegt, würde mich nur in meiner Bewegungsfreiheit hindern —“

„Die Ihnen allerdings sehr hoch steht“, unterbrach ihn der Baron.

„Gewiss! Die mir unbedingt notwendig ist —“

„Na und nun — da das Geheimnis Ihrer Person nun einmal teilweise gelüftet ist?“

„Das beklage ich tief, Herr Baron, aber ich wüsste nicht, dass es irgendeine Änderung des Bestehenden herbeiführen könnte.“

„Sie wollen doch nicht sagen, dass unser Verhältnis weiter wie bisher bestehen soll, dass Sie der Packesel bleiben wollen, das Mädchen für alles hier auf Segendorf, der simple Inspektor, der denkbar bescheiden wohnt, im Dorfkrug speist, mit den Knechten des Morgens aufsteht, ja, der ärger schuftet als ein Knecht?“

„Ich will das nicht nur sagen, Herr Baron, ich stelle es geradezu als Bedingung für mein ferneres Bleiben. Ich habe Ihnen versichert, Herr Baron, dass ich ausführe, was ich mir einmal vorgenommen habe. Ich setze meine Ehre darein, den Betrieb auf Gut Segendorf in ein ruhiges, gesichertes Fahrwasser zu leiten; ist mir das gelungen, trete ich ab — nicht eher, und bis dahin bitte ich Sie, mich frei gewähren zu lassen, wie Sie es mir ja kontraktlich zugesichert haben.“

„Das ist ja eine ganz verkehrte Welt“, rief der alte Herr. „Sie bitten mich, Ihnen zu gestatten, sich für mich, einen Ihnen fremden Menschen, abzuplagen, Ihr Wissen, Ihre Kraft für ein Trinkgeld zu opfern und dabei unbehaglicher zu leben, als Sie es je gewöhnt waren, sich von einem kleinen törichten Mädel schlecht behandeln zu lassen ...“

Da hob Müller, Einhalt gebietend, seine Hand: „Das bitte ich noch besonders, Herr Baron, dass Sie dem gnädigen Fräulein keine Aufschlüsse über meine Person geben und ihm um meinetwillen auch nicht den geringsten Vorwurf machen. Ich bitte Sie, Herr Baron, mir das zu versichern, es gehört mit zu den Bedingungen, die ich für mein Bleiben stelle.“

„Ich kann mir denken, dass Sie sich den Kuckuck um die Mite kümmern, und ihr selber ist eine Beschämung als Strafe wohl zu gönnen; aber es beschämt mich mit, und das ist für den alten Segendorf eine neue Lage, die ihm nicht beneidenswert erscheint, mein junger Freund.“

„Der Baron von Segendorf hat wahrhaftig nicht nötig, sich beschämt zu fühlen. Ich hatte gehofft, mein Geheimnis bis zu dem Augenblick bewahren zu können, da ich meine Aufgabe für abgeschlossen betrachten darf, weil ich die Skrupel voraussah, die Sie, Herr Baron, empfinden würden über die an sich so einfache und verständliche Tatsache, dass ein junger Mann in einer nicht ganz leichten Aufgabe seine Kräfte zu bewähren und zu stählen sucht. Er hat Ihnen zum mindesten so viel zu danken wie Sie ihm, und ein Grund, sich bedrückt zu fühlen, liegt für keinen von beiden vor. Also ich wiederhole meine Bitte, Herr Baron, alles beim alten zu belassen, oder ich sehe mich gezwungen, zu gehen.“

„Sie setzen mir das Messer an die Kehle, denn Sie wissen ganz genau, dass Sie mir unentbehrlich sind und ich tun muss, was Sie wollen. Also es sei denn, wie Sie es wünschen, und seien Sie versichert, dass ich mir in meinem ganzen Leben noch nicht so edel und grossmütig vorgekommen bin, wie in diesem Augenblick, da ich einem Mann, den ich hochschätze, die Erlaubnis erteile, meinetwegen in unwürdigen Verhältnissen zu verharren“ — er lachte bitter spöttisch auf — „hätte nicht geglaubt, dass ich noch im Alter lernen sollte, die Augen niederzuschlagen. — Na ...“, er machte eine verächtliche Gebärde mit der Hand, „es kommt nun auf eins heraus, lassen wir es für heut ...! Sie werden doch nachher unser Gast sein beim Essen?“

„Ich wollte mir eben Ihre Erlaubnis erbitten, nach Herbstwalde hinüberzureiten, wo mein zukünftiger Schwager im Quartier liegt.“

„Sie sind Ihr freier Herr, mein Lieber, ich gebe Ihnen aber zu bedenken, dass bei der Anwesenheit Ihrer Kameraden auf Segendorf Ihr Fernbleiben vom Essen mich den Herren gegenüber nicht gerade in ein besseres Licht setzen wird, als ich bei ihnen wegen Ihres Verhältnisses in meinem Hause ohnehin bereits stehe.“

Einen Augenblick noch schwankte Müller, dann sagte er: „Ich nehme mit Dank an und werde erscheinen.“

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
310 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711463017
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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