Kitabı oku: «Mann und Frau und Reisehunger»

Yazı tipi:

MANN UND FRAU UND REISEHUNGER

KÜCHENGESCHICHTEN UND SCHICKSALSSCHLÄGE

AUF DER SEIDENSTRASSE.

Elke Klinger

Weltreiseblog

Elke Klinger


Mit 33 exotischen Rezepten,

41 QR-Codes mit Filmen und Fotos,

2 Karten der Reiseroute und

1 Espresso-Tipp.


Impressum

STEDE Verlag

ART-KON-TOR ChangeProzesse GmbH

Copyright © 2017 by STEDE Verlag, Jena

Gesetzt in der Adobe Garamond Pro und Luna

Fotos & Grafiken: Elke Klinger, Karsten Meyer

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-946769-11-8

www.reisehunger.edeundsten.de

www.weltreise.edeundsten.de

„Es ist nicht die Zeit, die dich ändert, es sind die Menschen, denen du in dieser Zeit begegnest.“

Lebensspruch

Gewidmet all denen, die wir unterwegs kennenlernen durften.

Andi Wang, Daniel, Annette, Günther, Peter, Jörg, Hannelore, Helmut, Uwe, Horst-Jürgen, Dirk, Martin, Marcel, Greta, Richard Shen, Isabell, Adrian, Dagmar, Achim, Petra, Rüdiger, Ines, Bert, Grace, Raj, Ramin, Zohreh, Sajad, Ali Reza, Hossein Dabag, Mostafa, Erfane, Afrouz, Ali, Saeedeh, Mohammad, Amir, King Hossein, Hossein Seyed Hashemi, Hojjat, Javad, Batul, Najme, Ali Naderi, Atefeh Husseini, Ava, Pouri, Monika, Javad, Atie, Mansure, Lida, Sarah, Amir, Ali, Sajad, Mohammad Amin, Hossein Agha, Hossein, Arman, Ijsa, Arezu, Said, Mitra, Saleh, Firouzi Shaharam, Saman, Nazanin, Ferdous, Mozaffar, Songül, Mohammad Saeidi, Dr. Ali Gahyour, Hassan, Haleh, Ehsan, Sasan, Mahnaz, Fatemeh, Afrouz, Maira, Mireslam, Maryam, Assunta, Davide, Francesca, Simona, Indira, Janathan, Bibinur Orazaliyev, Gulnara, Madina, Amirkhan, Alpamys, Amira, Nyssanbay, Nurian, Aigul, Yura, Marga, Zhanar, Baht, Roman, Irina, Agatha, Galina, Tousif, Vasyl, Dima, Yuliya, Murat, Igor, Sergey, Sascha, Victor, André, Tamara, Janil, Askar, Altenbeck, Gulbeira, Beksultan, Nursultan, Jackie Thao, Eljas, Tilek, Esengul, Eldos, Max, Little Monkey, Zaza, Bold, Zolo, Nancy, Lilian, Guido, Jamie, Joao, Alexander, Alexej, Tommy, Arina, Velerya, Slava, Ataeva Maya, Ataev Aydogdy, Veli, Özlem, Zeynep, Atil, Gaye, Songül, Alper, Ali, Cimen, Kyle, Wilson, Tyson, William, Brandon, Mannat, Anton, Markha, Osman, Shakhnoza, Saule, Bakhitjan, Laure, Dariya, Kanat, Zara, Ulubek, Gledi, Sergey Danilov, Zukhra, Julduz, Dariush, Svetlana

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Vorwort

Unser Projekt „Silk Route Cooking“.

DEUTSCHLAND

Entenbratenstart mit Schmorkrautmunition.

ITALIEN

Schwarzer Espresso am Rande der Po-Ebene.

Kopflos im Nebel Venedigs.

GRIECHENLAND

Athen, Athen, wir fahren nach Athen.

Ich. Olympiasiegerin?

TÜRKEI

Premierenfeier. Prost Ouzo.

Heiße Luft um die morbide Dame.

Großkopftag.

Harakiri in Hakkari.

IRAN

Ramins Schutzwall der Bücher.

Avas Nachtgesang.

Zu dir oder zu mir? Granatapfelromantik.

Kölner Wind in Isfahan.

Der gelbe Teppich des Ali Reza.

Hubble-bubble mit Zarathustra.

Don‘ t worry, Rafsanjan.

Mein Seufzer ist ein Amen.

TURKMENISTAN

Wozu sind Fußböden da?

KASACHSTAN

Zu Gast bei Riesen.

Gefaltete Träume.

Der Inder in Almaty.

In den eigenen Magen geschlüpft.

USBEKISTAN

Schwur in der Teigrolle.

Weiberwirtschaft. Ras, Dwa, Tri.

Ich. Auf der Hut.

Die usbekische Suppe spricht persisch.

KIRGISTAN

Viktors Welt.

Cool, der Issyk-Kul.

Melkschemel auf dreitausend Metern.

RUSSLAND

Alex und Alex.

MONGOLEI

Bierflaschenschwimmring ohne TÜV-Garantie.

Extratour mit Zaza.

CHINA

Leuchtschrift spricht Bände.

Es ist angerichtet

Weiterhin im STEDE Verlag erschienen

Bildteil

Vorwort

Ein Jahr lang reisen. Täglich ein Stück weiter von dem entfernen, was wir „zu Hause“ und „Heimat“ nennen. Aus dem Abstand heraus schärfer sehen. Zusammenhänge neu erkennen. Umsortieren, aufräumen, Platz schaffen, ausfegen und reinen Tisch machen. Nach fünfundzwanzig Jahren vollgestopftem Alltagsleben war es für uns an der Zeit zu sagen: Wir gehen mal Luft holen. In anderen Teilen der Welt saugten wir sie auf. Weggehen, um wiederzukommen. Das war die Idee. Gemeinsam losziehen. Wir drei, Ede und Sten und Leo, unser LKW. Leo ist orange, und groß und geräumig ist er auch, unser Haus, unsere Behausung, unsere Tür zur Welt und manchmal auch zu uns selbst. Halt machen, wo es uns in den Sinn kam oder wo Leo es wollte. Wenn nötig, mitten in der Wahnsinns-City Teheran. Wir haben kistenweise Vergangenheit zurückgelassen. Mit leeren Taschen loszuziehen, aus denen noch der Sand des Gewesenen rieselte, war nicht leicht. Doch ohne Raum kein Platz. Die Menschen, die wir auf Zeit zu Hause verabschiedeten, waren unsere Talis-Männer und -Frauen, wenn es drauf ankam. Und es kam darauf an, oft sogar. Unsere Phantasie ist viel zu beschränkt, als dass wir uns auch nur im Ansatz vorstellen können, was einem widerfährt, wenn man beginnt, einen Fuß vor die Tür zu setzen und dann noch einen und immer so weiter. Ein Pulsieren, wo immer der Wind uns hinfegte. Die Menschen sind gut, erfuhren wir wieder und wieder. Die Begegnungen haben uns gerührt, berührt und verändert. Viel Glauben ist uns begegnet. Er hat uns ehrfürchtiger werden lassen und zuversichtlich. Es gab in mir eine Zeit der Angst. Unterwegs wuchsen der Angst Flügel. Vom Fallen zum Fliegen zum Schweben. Reisen, um sich selbst zu begegnen. Wie doof und eben doch wahr.

Setz die Brille auf und tauche ein in die Suppen der Welt. Lass dir unsere Geschichten schmecken. Wir teilen sie gern, denn so schmecken sie noch besser.

Unser Projekt „Silk Route Cooking“.

Die Seidenstraße. Ein Wort, was uns seit Jahren Glanz in die Augen treibt. Es löst Bilder in uns aus und weckt mehr noch Gerüche. Wir sehen uns auf einsamen Pisten im Irgendwo. Länder erkundend. Landschaften erfahrend, wo noch kein Mensch war. Oder wenigstens nicht so viele. Also, die dort leben, die schon. Menschen. Sie sind der Puls, der Impuls für uns. Ihre Art, die Strümpfe ihres Lebens zu waschen, wollen wir sehen. Sie sind das Herzstück unserer Phantasie entlang der Seidenstraße, der Magnet, der uns zieht und treibt, ja antreibt. Ohne Menschen keine Kamele, die damals die Routen suchten und Wege fanden. Gebirge überwindend, Wüsten durchquerend. Ein hartes Leben damals. Ein Eigenwilliges mit Bestimmtheit noch heute. Ohne Menschen kein Bedürfnis nach Seide und Gewürzen. Nach Fortschritt und Erkenntnis. Menschen in ihrem Alltag zu treffen. Ihnen zu begegnen und ein Teil ihrer Tage zu sein. Auf Zeit. Das ist unser Projekt. Das ist, was uns duftend lockt. „Silk Route Cooking“. Mit den Menschen zu sein und dabei uns selbst begegnen. Kochen verbindet. Kochen und Essen öffnet Münder, selbst wenn die Worte fehlen. Kochen ist Liebe und Leidenschaft. Mal für eine Sturmnacht oder ein stürmisches Leben. Kochen ist leben, genauer, Kochen ist das Leben. An jedem Ort der Welt. Den Menschen bei ihrem natürlichsten Tun begegnen. Im Iran genauso wie in Kasachstan und China. Vom Wandel der Gerüche kosten entlang unseres Weges, der Seidenstraße. Wir nehmen sie rückwärts, ohne rückwärts zu gehen. Von Venedig, dem Ziel, aufbrechend nach Xi‘an, dem Anfang. Weil dem ein Zauber innewohnt. Die Suppen auslöffeln, die wir uns gemeinsam einbrocken. Was aufgeschlagen vor dir liegt, ist kein Kochbuch. Keine so-wird-es-gemacht einhundert prozentige Anleitung. Es geht mehr um Intuition, als um das genaue Gramm auf der Waage. Ich erzähle die Geschichten der Menschen, denen wir auf den Seitenstraßen der Seidenstraße begegnen. Einfach und still. Ich sammle auf, was ich finde. Sorgsam. Wie Schatzperlen. Kochen ist Kunst. Die Handgriffe so verschieden, die kleinen Tricks und Kniffe mitunter verblüffend. Wenn aus Granatapfelkernen Blüten entstehen, wenn Luftlöcher im Reis den Wasserdampf aufsteigen lassen, wenn Fleisch, über Nacht in Schwarztee eingelegt, am nächsten Tag butterweich dem Charme der Gabel erliegt. Die Welt rückt näher zusammen durch die modernen Medien und das Internet. Doch sie fällt im gleichen Maße auseinander, indem Individualitäten und altes Wissen verloren gehen im Einheitsbrei der urbanisierten, Markengelenkten Welt. Wir stehen an zugigen Freiluftöfen in 3.000 Metern Höhe, sitzen in gemütlich engen Küchen inmitten von verfallenen Großstädten, sehen zu, wenn ein Schaf nach dem Gebet von Hand geschlachtet wird und trinken tapfer von der so gesunden Stutenmilch. Wir sind, unserem Mut, den Zufällen, unserem Schicksal und vor allen den Menschen auf unserem Weg dankbar, mit wie viel Offenherzigkeit, Aufrichtigkeit und Vertrauen sie uns in ihre Häuser, in ihre Küchen, in ihre Töpfe, ihre Leben und mitunter verschwiegensten Geheimnissen Eintritt und Einblick gewähren. Ein anderthalb Meter großer Löffel aus Metall ist unser Begleiter. Niemand, der nicht seinen Namen darauf setzt. Quer durch Asien, durch die Wohnungen, Paläste, Häuser, Zelte, Jurten, den freien Himmel. Der Löffel als Staffelstab. Von einer Hand in die andere. Dieses Buch lädt dich ein, in die Leben der Menschen, denen wir begegneten, einzutauchen. Sie stehen für ihre Kulturen, für ihre Länder und für sich selbst. Sie sind Zeitzeugen und sprechen eine authentische Sprache. Nichts Eingeübtes und auf seine Wirkung Bedachtes. Das nackte, pure Leben. Die Rezepte sind das Sahnehäubchen. Wenn du Lust hast, nimm den Löffel auf, koste von den Geschichten, genieße den Geschmack der Weite und löffele, löffele, vom Lebenshunger nicht satt werdend. Es ist angerichtet.

DEUTSCHLAND


Entenbratenstart mit Schmorkrautmunition.

Punkt zwölf Uhr mittags am fünfundzwanzigsten Dezember. Ich ziehe die Jacke an, lege meinen Schal um den Hals, schlüpfe in die Winterstiefel, öffne die Tür, schließe sie sorgsam hinter mir. Nicht ohne meinen Blick noch einmal schweifen zu lassen. Darüber, was unsere Wohnung ist. Nur kurz, zu lange wäre gefährlich. Also, resolutes Tür Abschließen, Treppe runter, Fahrzeugtür auf und los. Wie los? Wohin? Zum Weihnachtsessen unserer Eltern? Das wäre es jetzt. Was würde ich darum geben. So ein Stück weit vertraute Normalität. Wie man das eben so macht am ersten Weihnachtsfeiertag in Deutschland. Einfach mal tun, was alle tun. Gibt es was dagegen einzuwenden? Normalsein hat was Anziehendes. Plötzlich. Besonders, wenn man selbst gerade vorhat, die Reise seines Lebens anzutreten. Und eben nicht gemütlich die Beine unter Papas Tisch steckt, um knusprigen Entenbraten mit Thüringer Klößen und ostpreußischem Schmorkraut zu verspeisen. Nein, das Restefrühstück muss reichen. Mal sehen, wann es an einer Tanke eine Bockwurst gibt. Die sind auch ganz lecker.

Mein Vater stammt aus Ostpreußen, aus der Nähe Königsbergs, dem kleinen Ort Goldbach. Die Flucht am Ende des Krieges führte ihn in Richtung des Hauptreichs, wie die Ostpreußen das heutige Deutschland damals nannten. Die Familie wurde aufgegriffen und geriet für knapp drei Jahre in russische Gefangenschaft. Die ließ die Zeit lang und unsäglich hart werden, bevor mein Vater als Vogelfreier ohne Papiere in Suhl eintraf. Viel konnten er und seine Familie nicht mitnehmen aus ihrer Heimat, aus Goldbach. Doch eines hatten sie im Gepäck. Ihre Art zu kochen. Von seiner Mutter, einer Köchin auf einem Rittergut, erlernte es mein Vater. So wie zu Hause, war sein Satz dazu. Und mehr gab es auch gar nicht zu sagen. Wenn man erahnt, welche Verzweiflung er durchlebte, als sein Vater in Gefangenschaft als Himmelfahrtskommando Munition aufsammeln musste, die Familie ausgeraubt wurde, vor dem Verhungern stand und später seine Schwester an den Folgen mehrfacher Vergewaltigungen starb. Ich weiß, dass ich die Erlebnisse meines Vaters nie wirklich nachempfinden werden kann. Doch ich habe Hochachtung und Ehrfurcht vor seinem Schicksal. Ich mag es, wenn er erzählt, von damals und wie alles war. In den weiten, lichten Wäldern Ostpreußens, in denen er als kleiner Junge Heidelbeeren sammelte und abends verbotener Weise auf einem Trakehner Pferd nach Hause ritt. Allein, ohne Sattel und Zaumzeug. Halt fand er, indem er seine Hände in die Mähne krallte und die nackten Füße fest an den Körper des Pferdes presste. Mein Spielzeug war für lange Zeit die getrocknete Luftröhre einer Gans, in der eine Holzkugel hin und her rollte, höre ich ihn immer wieder sagen. Wie es ist, als flüchtendes Kind im Pferdewagen beschossen zu werden, wage ich mir nicht vorzustellen. Viel weniger noch, zu sehen, wie die Mitfahrenden im Fuhrwerk vor und hinter einem tödlich getroffen werden. Und ihn selbst nur der Wahnsinnsschrei seines Vaters vom Wagen riss, auf den, Augenblicke später, der Tod bringende Hagel niederging. Momente, in denen Wunden entstehen, deren Narben niemals ganz verheilen. Ein Leben lang nicht. Ein einziges Foto aus den vergangenen Tagen kenne ich von meinem Vater. Ein kleiner Junge mit strohblonden Haaren, der auf einer großen Wiese steht. Das gerettet Foto seiner Kindheit in Ostpreußen. Das Bild meines Vaters aus seinen jungen Tagen für immer in meinem Kopf.

Zu gern sitze ich mit ihm zusammen. Beim Duft aus der Küche des nach seiner Art zubereiteten Schmorkrauts. Das ist für mich jedes Mal ein Blick in seine Vergangenheit. Es bringt mich seiner Kindheit näher. Und so habe ich mich nicht vertan, wenn das Buch über die Küchen der Seidenstraße mit der Geschichte meines Vaters beginnt. Denn meine Zuneigung zum Kochen wurde mir von meinem Vater überreicht. Nun mache ich mich selbst auf den Weg. Will sehen, wie man kocht und isst in den Seitenstraßen der Seidenstraße. Ich steige auf kein Pferd und bin auch nicht auf der Flucht. Doch mulmig ist mir zumute in unserer Minute der Abfahrt. Lange davon geträumt, viel darüber geredet, oft philosophiert und Situationen schon mal durchgespielt. Gepackt, organisiert, abgemeldet, sortiert und schlussendlich von allen verabschiedet. Geherzt, gedrückt, geweint, gelacht, gehofft, gewünscht. Und nun gegangen. Den Duft des Weihnachtsbratens in der Nase nur ahnend wird er Teil meiner Sehnsucht sein, bis ich heimkehre. Irgendwann.


ITALIEN


Schwarzer Espresso am Rande der Po-Ebene.

Glitzernd sind wir umfangen von den Eisblumen an unserer atemverhangenen Scheibe. Wo sind wir? Was suchen wir hier? Und wer sind all die anderen? Stimmen vor dem Leo, unserem MAN LKW, der umgebaut jetzt unser Jahresdomizil sein soll. Kinderstimmen, Frauenrufe, Männerbrummen. Alles durcheinander, aufgeregt. Es scheint um Wichtiges zu gehen. Meine schlafwarme Hand reibt ein Guckloch in die Scheibe. Was ich sehe, sind funkelnde Kinderstiefel mit weißen Strumpfhosenbeinen darin. Oben geht es weiter mit einem pinkfarbenen Spitzenrock und der Blusterjacke, abgesteppt und mit Fellbesatz. So chic die Mädchen, nicht weniger aufreizend die Frauen. Trotz klirrender Kälte wird Dekolleté gezeigt. Stöckelabsätze werden gekonnt im Schneematsch platziert. Ob die das so wollten, als sie stolz im Schaufenster des Schuhladens posierten? Wer weiß schon, wer was wann will und denkt und hofft? Selbst als Schuh. Die Männer eher schlicht. Dunkle, gut geschnittene Jacke zu sorgsam gebügelter Hose. Doch die Haare. Die Haare, die liegen 1A. Da hat der Friseur aber wieder mal richtig gezaubert. Das kann ich sehen und das lässt sich sehen. Und wir? Liegen verknautscht im Bett und sind damit beschäftigt, uns zu wundern. Wollen die tatsächlich alle am frühen Morgen schon zum Weihnachtsfest mit der italienischen Großfamilie aufbrechen? Ganz offensichtlich. Sie wollen. Wir beide brauchen nicht lang, um die Kleiderfolge des Tages abzustimmen. Das anziehen, was ich gestern Abend ausgezogen habe, ist die simple Anweisung meines müden Hirns. Zerknittert und gefaltet steigen wir aus dem Leo. Nichts mit Glitzer und Stöckel und gegelter Frisur. Wir riechen, was unser Begehren weckt: frisch gebrühten Espresso. Eine simple Raststätte irgendwo hinter dem Brenner auf der italienischen Seite. Der graue Schneematsch macht aus frisch schmuddelig und der verhangene Himmel aus Euphorie verhaltene Stille.

Doch der Duft fegt augenblicklich alle Zweifel dahin. Nie und niemals habe ich mich so gefreut, eine Tasse italienischen Espresso vor mir stehen zu haben. Der Geruch lässt mich lachen und zieht neuartige Falten in mein geschwollenes Gesicht. Soll er ruhig.


Kopflos im Nebel Venedigs.

Kochen? Hier? Nicht wir. Das machen andere für uns. Wir sind mal so was von noch überhaupt nicht in der Stimmung, auf Leute zuzugehen, um mit ihnen zu kochen. Kaum reden wir mit uns selbst. Geschweige denn, dass wir den Blick heben, um andere auf uns aufmerksam zu machen. Echt vertrackt, so eine Fahrt ins Ungewisse. Falls ich das bisher nicht gewusst haben sollte. Jetzt ist es mir klar. Schlagartig. Trotz Dezember-Nebel. Ganz schön diesig in der Waschküche Venedig. Die Hand vor Augen sehe ich nicht, als ich den rechten Fuß vor meinen linken setze. Vorsicht, Gondel, denke ich nur kurz und stehe direkt am Wasserrand. Glück gehabt, nicht reingefallen. Gutes Omen, sag ich stumm bei mir. Wie in Watte gepackt stehe ich da. Doch Mist, Watte ist nichts für den feuchten Nebel Venedigs. Futsch alle Opulenz und Würde. Wie ein pitschnasser Vogel in der Abenddämmerung sehe ich aus. Weiß nicht woher, weiß noch weniger wohin. Da ist die Küche Italiens das einzig Rettende für mich. Wer bitte hätte das gedacht? Dass ich mich einmal in die warme Kammer eines spärlich beleuchteten Restaurants flüchte, um mir einen Wein nach dem andern einzuhelfen? Vom Guten natürlich. Anders nicht. Der macht meine Gesichtszüge weicher und meine Gedanken gefälliger. Was wir essen? Oh, echt, ich weiß es nicht. Pasta? Pizza? Oder beides? Ich bekomme es weder mit, noch hat es den Klacks einer Bedeutung heute Abend für mich. Nur eins ist mir wichtig. Ich fühle mich gut aufgehoben in der Wohligkeit der Küchendüfte. Ganz so, als sei ich gemütlich zu Hause. Werde bekocht, verwöhnt, muss mich um nichts kümmern, kann Häufchen Unglück spielen, so lange ich will. Keiner fragt, keiner sagt etwas. Und wenn die Watte wieder trocken ist, dann geht es wieder los mit der Weiterfahrerei auf große Tour. Ob es Marco Polo eigentlich auch so ging, damals, als er sich auf den Weg machte? Vielleicht hat er es nur keinem erzählt und ich tue es nun nachträglich für ihn. Ist ja lang genug her und ein Zacken bricht mir nicht aus der Krone, wenn es darum geht, zuzugeben, dass das mit dem ganzen Reisevorhaben schon eine gewaltige Nummer ist. Und heute ist erst einmal Tag Eins von Unendlich.


GRIECHENLAND


Athen, Athen, wir fahren nach Athen.

Klirrende Kälte um mich herum. Meinen Fuß unter der Bettdecke hervorzuschieben, was für eine Überwindung. Licht fällt spärlich herein, hier in den hintersten Winkel eines Werkstatthofs. Zu freundlich der Mann gestern Abend, uns hier einen Stehplatz zu gönnen, zwischen den rostigen Ersatzteilen und halben Fahrzeugen, die auf ihre bessere Hälfte warten. Andernfalls hätten wir uns wohl für die Lufthaken-Variante entscheiden müssen. Denn Raum für unseren Leo, den gibt es hier einfach nicht. Athen, bist du nicht immer schweißig schwül, vom Smog der Abgase überzogen? Kollabieren die Reisenden hier nicht haufenweise in der Hitze deiner Häuserschluchten? Habe ich da irgendetwas verwechselt oder geht es gar um einen ganz anderen Ort? Die Kälte der Nacht hat meine Augen zu Bällen anschwellen lassen. Na, auch egal. Ziehe ich den Schal eben gleich übers ganze Gesicht. So muss ich mich nicht sehen und den anderen erspare ich mich auch gleich mit. Was da knackt, sind unsere Gelenke, die beim Gehen versuchen, in Form zu kommen. Doch die Temperaturen sind nicht wirklich abgestimmt auf die Art unserer Schmiermittel. Da lag offensichtlich ein Missverständnis vor, als ich die Fettung für Griechenland aus dem Regal zog. Okay, es ist, wie es ist. Und irgendwas ist immer. Trotz vereister Empfindungen funkelt etwas in mir, was nicht die Eiskristalle auf den Fahrzeugscheiben sind. Meine Vorfreude glitzert mich an. Ich bin in Athen, um die Akropolis zu sehen. Dieses Wort treibt mir Freudentränen in die Augen. Die ich sogleich als Eiszapfen abknicke und lutsche. Griechenland scheint mir das Land der großen Namen zu sein. Sparta, Olympia, Korinth und eben auch Athen mit seiner Akropolis. Geschichte pur. Als blättere ich in diesen Tagen in Europas dickem Geschichtsbuch. Sitze mittendrin, lese mich hier mal fest, bleibe mit meinem Blick an dem einen oder anderen Foto hängen. Und winde mich geschickt von Seite zu Seite. Obacht gebend, dabei nicht aus dem Buch herauszufallen. Heute nun also die Seite mit der Akropolis. Seit meiner Jugend bewegt mich der Gedanke, eines Tages den Berg zu erklimmen, auf dem das Bauwerk der lang verflossenen Zeit steht. In meinen Kindertagen sah ich Bilder eines Freundes der Familie, dem es trotz Zaun um die DDR gelungen war, eine Reise zu diesem unglaublichen Bauwerk anzutreten. Damals für mich unerreichbar, schürten die Erzählungen mein Feuer der Sehnsucht. Ich und die Akropolis. Wie so oft im Leben kommt alles anders als wir denken. So laufe ich nun also nicht in Lederriemen-Sandalen und wehenden dünnen Tüchern durch die Stadt. Doch ich bin hier und das ist gewaltig. Ein warmer Toast und heiße Schokolade schaffen es sogar, das Lächeln in meinem Gesicht zu installieren.

Und dann geht es los. Auf die Knie könnte ich fallen, wenn meine dicke Winterhose mich nicht daran hindern würde, jetzt, da die Sonne hinter den Schneewolken hervorgekrochen kommt. Stahlblau der Himmel. Blau meine Augen und glücklich. Vergessen die Kälte, die nächste nahende Wolke voller fetter Schneeflocken und weitere Sturmattacken verdrängt. Wir stehen im Schutz der Akropolis. Anhaben kann uns hier kaum etwas. Das Amphitheater am Fuße des Berges. Fußball könnte ich spielen, mit den unzählbar vielen schmuckbehauenen Steinen. Sie liegen im Gras, auf den Wegen, türmen sich zu kleinen Haufen, bilden Mäuerchen und Gassen. Was die wohl mal alles waren? Kapitelle, Treppenstufen, Hausfassaden oder Giebelenden. Ihre großen Momente scheinen vorbei, doch ihre Rätsel bleiben. Als schwatzten sie prahlend von den guten alten Zeiten liegen sie verschwörerisch aneinandergerückt.

Meter für Meter winden wir uns den Berg hinauf. Dem Eingangsportal zum Greifen nah. Meine Brust weitet sich, der kalte Atem fließt frei, mein Blick wird offener. Selbst die Augenschwellung zieht sich demütig zurück. Sie macht dem Staunen Platz, im Angesicht der goldgelb strahlenden Steine des Athena-Tempels. Nicht minder der Bann, in den mich der Nike-Tempel zieht. Fast möchte ich sagen, dass es kein besseres Wetter für uns an diesem Ort hätte geben können. Die Luft zum Schneiden klar. Das Sonnenlicht bricht sich an jedem noch so exakt abgestimmten Winkel, schenkt den versteinerten Frauenhüften schmeichelndes Licht und lässt die von empfindsamen Bildhauerhänden gemeißelten Gesichter in ihrem schönsten Profil erstrahlen.


Auf den ehemaligen Straßen wandeln wir umher, als trügen wir weiße weite Gewänder, philosophierend miteinander ins Gespräch vertieft. Ich glaube fast, einer von uns trüge einen Lorbeerkranz auf seinem Kopf. Wenige sind es, die sich an diesem Morgen mit uns tummeln. Uns ist es nur recht. So tanzt unsere Phantasie allein um uns herum und tritt niemand anderem auf die Füße. Ich bin da gewesen, werde ich ab jetzt sagen. Ich habe das Bild in mich aufgesogen, mein eigenes. Ich habe ein hauchdünnes Gefühl entwickelt, wie es ist, das Leben im Licht und Schatten der Akropolis. Meine Freude ist groß und angereichert mit Wissen und Fakten. Und doch bin ich meinen Nächten dankbar, die mir fast fünfzig Jahre lang einen immer gleichen Traum bescherten. Meinen Traum von Athen und der Akropolis. Hat der sich nun ausgeträumt? Schade eigentlich.

Im Leo liegt sicher verstaut der sorgsam in die Sprachen unserer Reiseroute übersetzte Erklärtext zu unserem Kochprojekt. Wir sind Ede und Sten. Wir kommen aus Deutschland und möchten mit dir zusammen dein Lieblingsrezept kochen…, steht da unter anderem geschrieben. Doch in echt möchten wir gerade gar nicht. Sonst meist kontaktfreudig und neugierig auf andere zugehend, erleben wir uns in diesen Tagen eher schweigsam in unsere dicken Winterjacken gehüllt. Wir schauen niemanden an. Wie uns im gleichem Maße vermutlich wenige Blicke streifen. Die Zeit wird kommen, so hoffen wir, in der sich der Panzer um uns öffnet und wir mit wildfremden Leuten an deren Tischen sitzen. Doch das ist hier kein gefaktes Kochprojekt. Das ist das pure Leben. Ohne Drehbuch und Regie. Obwohl es seinen ganz eigenen Spannungsbogen zu haben scheint. Warten wir es ab.

Hier gibt es auf jedem Fall ein leckeres Rezept von den besten gegrillten Tintenfischen, die wir genüsslich verzehren, an diesem so kalten Tag in Athen.

Fotos

Ich. Olympiasiegerin?

Wollte ich das mal werden? Olympiasiegerin? Wohl nicht. Und wenn, dann habe ich es vergessen. Obwohl. Sport gemacht habe ich in meiner Kindheit und Jugend täglich. Beim legendären Sportfest in Leipzig bin ich aufgetreten, nachdem ich vier Jahre lang dafür über Rhönräder balancierte, mit Männern des ASK, dem Armeesportklub der DDR, die mich in schwindelerregende Höhen warfen. Kosmonautin wollte ich gar nicht werden. Doch das Training mutet mir, mit Abstand betrachtet, ganz danach an. DDR-Meisterin mit einer Keulen-Übung bin ich geworden. Was für ein Glanzpunkt. Und viele Male Spartakiade-Siegerin. Mit Bällen, Seilen, Keulen und Reifen habe ich um mich geworfen. Mich dabei gedreht, gerollt, überschlagen, um dann, wie selbstverständlich, im nächsten Sprung mein Turngerät erneut aus der Luft zu angeln. ABBA war meine Lieblingsband in diesen Tagen. Zu ihrer Musik habe ich mich wie von allein bewegt. Sport war damals mein Leben. Mein Zeitvertreib, meine Zeit mit Freunden, mein Ausfliegen am Wochenende, meine Begründung, nicht lernen zu können. Trieb ich Sport, machte ich was Vernünftiges. Legitimiert, anerkannt und geachtet. Schließlich war ich erfolgreich und bekam ein ums andere Mal klimpernde Medaillen um meinen Hals gehängt. Spartakiade-Siegerin.

Da war er wieder, dieser Teil der Wortfamilie. Hervorgegangen aus dem Ortsnamen Sparta. Von hier, dem beschaulichen Griechenland, nahm die Bewegung ihren Lauf und machte vor meinem Leben nicht Halt. Heute stehe ich am Ortseingang mit dem in meinen Ohren so verheißungsvollen Namen Olympia. Ein kleines verschlafenes Nest. Mit niedlichen Pensionen für den einen oder anderen Wanderer oder anderweitig aktiv Reisenden. Denn ganz ehrlich. Hier braucht man heute ohne atmungsaktive Kleidung und einem Gelsohlen-Leichtlaufschuh gar nicht erst aufzuschlagen. Hm, haben wir gar nicht bei uns und sind trotzdem da. Halt inkognito. Es sieht uns ja keiner, weil einfach niemand da ist.

In diesen Tagen, kurz vor dem Jahreswechsel, hat man offensichtlich auch hier anderes zu tun, als durch die altehrwürdigen Säulenreste zu joggen. Wäre das Wort verschlafen noch nicht erfunden, so wäre jetzt und hier sein Geburtsmoment. Stille herrscht, wolkenverhangener Himmel gibt der Szene einen Hauch von Düsternis und Geheimniskrämerei zu gleichen Anteilen. Hier schlendert ein Hund umher, hebt sein Bein an einer der vielen umgestürzten Säulen. Nicht minder verträumt der Ort, der alle vier Jahre für Aufsehen sorgt. Dort, wo das Olympische Feuer entfacht wird, um von hier aus in die Welt getragen zu werden. Von einem Fackelträgerarm zum nächsten. Doch auch der Platz, an dem der Parabolspiegel aufgestellt wird, um mit Hilfe der Sonnenstrahlen das Olympische Feuer zu entfachen, hält Winterschlaf und widmet sich ganz seiner inneren Einkehr.

Fackelläufe waren sehr beliebt in der Zeit der Antike. Für Olympia wurden sie damals nicht herangezogen. Eher war es ein beliebter Sport im nächtlichen Athen. Zu allen Zeiten stand Olympia für Friedfertigkeit. In den Wochen der sportlichen Wettstreite sollten alle Kämpfe und Waffen ruhen, um das faire Kräftemessen in der körperlichen Ertüchtigung nicht zu gefährden. Ölzweig gekrönte Läufer trugen die Kunde von den nahenden Wettkämpfen von Stadt zu Stadt und riefen auf diese Weise den Olympischen Frieden aus.

Gäbe es das Mittel der Zeitreise, hier würde ich es gern mit einem Zauberstab aktivieren, um zu sehen, wie sich die Tempel von selbst aufrichten, die vor mir in Bruchstücken im Gras verstreut liegen. Ich möchte die in Gewänder gehüllten Frauen und Männer sehen, wie sie gestikulierend davon schreiten. Vielleicht eine Öllampe tragend, um sich den Weg an diesem so diesigen Tag zu erhellen. Ich mittendrin. In meiner dicken Winterjacke, würde auf einer der Säulen stehen. Einen Fuß vorn, den Oberschenkel leicht eingedreht, das Gesicht würdevoll zurechtgemimt. Ganz im Stile der Zeit. Doch ach was. Ich brauche keine Zeitreise. Ich befinde mich mittendrin in meinem Traum des Vergangenen. Ich schmecke förmlich den pramnischen Wein, der mir ganz nach Art der griechischen Antike zum Deipnon, dem Hauptmahl des Tages, zu Sonnenuntergang gereicht wird. An der Blutsuppe, aus kräftig gewürztem Schaffleisch bin ich nicht ganz so interessiert. Ich hoffe, dass sich irgendwo noch ein üppiger Obstteller auftun wird, der mich allein durch seine Farbenpracht erfreut. Weiter geht es, in meinem Kältewahn, als Gäste des Hauses von weit her, mit einem Gelage beim sich anschließenden Symposion. Nicht minder viel wird hier dem Wein gefrönt. Doch obendrein werden wir in seelenerwärmende Gespräche verwickelt über den Sinn des Lebens und die Frage, in wie weit man den Göttern trauen kann. Ich bin fasziniert von so viel Offenheit den größten Themen des Lebens gegenüber. Noch scheint es keine Festschreibungen zu geben, die meinen, die Welt im Ganzen erklären zu können. Ich genieße diesen Zustand des Möglichen.


Mit einem Mal vernehme ich einen Ruf, der so gar nicht in die Szene passt. Es ist Sten, der mürrisch meint, ich möge doch nun langsam mal von meinem Säulenstummel herunterkommen. Er würde frieren und habe im Übrigen genug bemooste Steine gesehen aus einer Zeit des vielen Schwafelns, muss er hinzufügen, seiner Emotion Platz machend, bevor er platzt. Ist offensichtlich nicht sein Ding, mich auf einem Sockel stehend mit sich zu schleifen. Gut. Olympiasiegerin bin ich nicht, doch meine eigene Heldin des Tages.

360° Film

TÜRKEI


Premierenfeier. Prost Ouzo.

Istanbul im Januar. Regen am Montag, Dienstag, Mittwoch und immer so fort. Abwechslung schafft der Schnee am Freitag. Wir ziehen durch Gassen vollgestopft mit Marktständen. Beleuchtung schafft eine Glühlampe in rostiger Fassung. Gehalten einzig von einem dünnen Draht an einem Stock. Es tropft von der Lampe, es tropft von den provisorisch angebrachten Planen, denen sicher nicht bewusst ist, dass sie ein Provisorium sind. Tag um Tag wackeln sie so vor sich hin. Mal vor Sonne schützend, mal vor Regen. Es ist kalt in Istanbul und trotzdem tauen wir auf. Wir sind es also, die das ganze Wasser hier verursachen. Zumindest tragen wir eine gehörige Schippe voll dazu bei. Alles ganz egal. Wir fühlen uns pudelwohl in der Obhut von Özlem und Veli. Wie haben wir uns danach gesehnt, nun erst einmal eine Verschnaufpause einzulegen. Den Nebel Venedigs ließen wir hinter uns. Den Sturm des Mittelmeers auch. In Griechenland haben wir unser Bestes gegeben. Doch mit Weltoffenheit und Kommunikationsfreudigkeit, da war es einfach nicht so weit her bei uns. Klar, es ist Januar. Die Zeit des Rückzugs und der Besinnung. Nicht die volle Blüte und Üppigkeit. Fragt mal einen Igel. Der wird es ganz genau so sehen. Doch wir haben unser Stachelgewand abgelegt und uns stattdessen eingekuschelt in die friedliche Welt bei unseren Freunden.

Veli kennen wir aus Deutschland. Vor Jahren arbeitete er ein halbes Jahr lang in unserer Firma als Designer. Lange nach Hause zurück gekehrt ist er es nun, der uns willkommen heißt. Eine Art Schnitzeljagd haben wir miteinander betrieben. Wir, in unserem Elf-Tonnen-LKW, standen irgendwo in der knapp fünfzehn Millionen Einwohner zählenden Stadt. Fahrzeuge unserer Größe dürfen eigentlich nicht so weit rein, ins Zentrum des Molochs. Doch was bitte blieb uns übrig, als weiterzufahren trotz der Schilder, auf denen “Für LKW verboten“ stand? Meinen Blick hielt ich starr nach oben gerichtet, immer gewahr “Stopp“ zu schreien, falls sich Schildermaler und Tunnelhöhe mal nicht einig sein sollten. 3,73 Meter Höhe.

Das gibt richtig Späne, wenn es klemmt. Einen Straßennamen fest vor Augen, halten wir darauf zu, wovon das Navi meint, es sei richtig. Um dann mit einem Mal am Ziel zu sein. Ach nee, dass ich nicht lache, am Ziel in Istanbul… Wie eine Wohngegend sieht es hier nicht aus und Gebäude, die uns Veli am anderen Ende der Verbindung durchs Telefon ruft, können wir auch nicht sehen. Wir haben keine Ahnung, wo wir sind. Dumm nur, Veli geht es ganz ähnlich.

Später sind wir in solchen Situationen geschickter. Wir geben Einheimischen an diesen Orten unser Telefon in die Hand. Die können dann jeweils erklären, wo wir gerade sind. Doch soweit waren wir in dem Moment noch nicht. Und trotzdem geschah das Wunder und Veli stand irgendwann vor uns. Einer der seltsamen Augenblicke, die einem bewusst nur auf Reisen zu begegnen scheinen. Die Fügungen, die den wundersamen Reiz dessen ausmachen, dass es immer weitergeht.

Jahrelang nicht gesehen und doch gleich in die Arme geschlossen finden wir uns später in der Wohnung von Özlem und Veli wieder. Unseren Leo im bewachten Gelände des Hauses zu parken, ist uns tatsächlich gelungen. Obwohl so manche Ecke des Gebäudes zu weit vorstand und einige Balkone gefährlich nah an Leos Haut zu schrammen drohten. Millimeterarbeit mit Schrecksekunden, in denen wir uns anschickten, unseren elefantengleichen Leo durch einen Edelporzellanladen zu rangieren. Doch irgendwann war es gut.

Schließlich stand das Essen auf dem Tisch und wir hatten zu kommen. Ehrlich, ich fühlte mich wie im Paradies. Warme Wohnung, schön gedeckter Tisch, wohlige Atmosphäre, weiches Bett. Keine klammen Klamotten, feuchtkalten Betten und eiskalten Füße, die sich nach Wärme sehnen. Alles da, alles gut. Ich bin selig und augenblicklich hundemüde. Trotzdem retten wir mit unseren Gesprächen in dieser Nacht noch schnell mal die Welt, leeren die eine oder andere Weinflasche und fallen ins Bett, nicht ohne uns zu schwören, dass morgen unser Kochprojekt steigt. Noch im Bett reden wir darüber, dass es eben für alles den passenden Moment geben müsse und der nun hier gekommen sei. Silk Route Cooking startet in Istanbul, gemeinsam mit Veli und Özlem. Zwei Industriedesigner für Waschmaschinen, Radios, Toaster und Co. Sowie engagiert im Betreuen von Großprojekten, wie dem Bau eines kompletten Hotels mit allem Pi, Pa, Po. Nicht schlecht Herr Specht. Obwohl bei beiden der Samstag ein selbstverständlicher Arbeitstag ist, nehmen sie Urlaub, denn es wird gekocht.


Los geht es mit dem Erklären. Was wir so vorhaben und warum das ganze Projekt. Die beiden hören aufmerksam zu, lieben unsere Idee und viel mehr noch, dass sie die ersten sind, mit denen wir kochen. Die Messlatte legen sie selbst dahin, wo sie mögen. Alles auf Anfang und alles auf Start: Lieblingsrezepte aus dem Hirn kramen, Einkaufsliste schreiben, Autoscheibe frei kratzen, Motor starten und ab durchs Winter-Nachmittags-Lichtermeer Istanbuls. Gemüse kaufen, vom ganz frischen, Fleisch dazu, getrocknete Kräuter, Reis, Zucker und vieles mehr. Die offenen Besorgungen auf unserem Zettel werden weniger, der Platz im Kofferraum auch. Es scheint, als wollten wir halb Istanbul verköstigen. Also doch gleich mal ganz nach oben gelegt, die Latte der Kochkunst. Zurückgekehrt erst mal einen Ouzo als Startschuss, während Özlem konzentriert mit ihrer Mutter telefoniert. Wie genau mache ich die Grundsubstanz hier? Und wie ist die Abfolge der Schritte da? Gekocht die halbe Nacht, gegessen in der zweiten Hälfte, fallen wir überglücklich satt am frühen Morgen in die Federn. Unsere Arbeit ist getan, die unserer Mägen noch lange nicht. Die Premiere ist gelungen. Der Anfang ist gemacht. Unser Kochprojekt beginnt zu leben. An einem Winternachmittag kühn zu Hause erdacht, wird es nun langsam real. Wenn wir beginnen, an uns und unser Projekt zu glauben, tun es die anderen garantiert auch. Es ist wie im richtigen Leben.

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Heiße Luft um die morbide Dame.

Kappadokien. Das Land der Tuffstein-Architektur. Zerklüftete Höhlen, Wohnstätten, in den weichen Stein gehauen. Mitunter unterirdisch, als Schutzbehausungen der einfachen Leute. Zum Teil zwanzig Stockwerke tief. Wie riesenhafte Bienenhäuser sehen sie aus, auch wie Pilze oder miteinander schwatzende Penisse. Sorry. Wir streunen hindurch, besteigen sie, halten die Fingerspitzen für ein Foto an die passende Stelle. Und lachen dazu. Tauchen ein in den Nebel des Januars.

Sobald wir die Küste verlassen haben, wo wir offensichtlich im Schutz der Meeresgötter standen, nahm er uns hämisch grinsend erneut in seine Fänge. Der Winter. Ohne Erbarmen zeigt er uns, wer hier, im Landesinneren der Türkei, das Sagen hat und wer sich, seiner Meinung nach, doch besser mal fügen sollte. Dass er dadurch Kulissen schafft, die ein Sommer kaum erzeugen kann, dessen ist er sich wiederum nicht bewusst. Doch tatsächlich ist er ein Künstler, der augenscheinlich um sein Können nicht weiß. Tuffsteinzipfel ragen unvermittelt aus Nebelseen heraus. Andernorts scheint das Gemisch aus Luft und Wassertropfen wie ein Hauch aus Samt auf den ruhenden Feldern zu liegen. Oder, jede Berührung vermeidend, einen Meter darüber zu schweben. Also doch ein Feinsinniger, der hart scheinen wollende Knabe. Ein Bild, beinahe zu kitschig, um es zu beschreiben, mag ich es trotzdem und behalte es für mich selbst.

Kappadokien. Der Name war mir ein Begriff. Doch was wissen wir, wenn wir meinen, ein Wort schon einmal gehört zu haben? Nichts bis nicht viel. Ich zumindest. Ich will sehen, anfassen, erleben. Dann wird aus dem Begriff ein Wort, ein Bild, eine ganze Geschichte. Atil lernen wir hier kennen. Einen, der täglich einen Berg besteigen muss, um sich selbst im mindesten zu spüren. Jahrelang ein Ungestüm ist er nun Vater und Ehemann. Chef seiner eigenen Agentur. Eine für Reisende, die das Wagnis suchen, zumindest ein klein wenig.

Sein heimliches kleines Großprojekt zeigt er uns abends im Licht der Taschenlampe. Ein Haus, wie eine gealterte Lady. Man sieht ihr den Glanz der glamourösen Zeiten noch an. Müll wegschaffen, Löcher stopfen, Treppen begehbar machen, war schon lange nicht mehr das Interesse der alten Dame. Sie bröckelt geräuschvoll vor sich hin. Doch Atil hat einen Traum. Er will sie neu einkleiden. Davor mal richtig waschen, parfümieren und frisch frisieren. Ein Gehstock wird nötig sein, vielleicht sogar ein fahrbarer Untersatz. Alles, alles will Atil ihr geben. Seiner alten Dame, dem Haus. In vier Wochen soll sie, äh es, frisch verputzt und renoviert sein. Klar, den Zeitplan bestimmt hier gerade nicht das Machbare. Die Saison sagt, wann das Agenturgebäude fertig zu sein hat. Und Saisonstart ist in einem Monat. Basta. Glaube versetzt Berge. Betrachte ich das Haus, glaube ich nicht daran, dass in vier Wochen ganze Treppenhäuser erneuert sind, Decken und Fußböden ihre klaffenden Löcher gegen Tritt- und Schallschutz eingetauscht haben, Strom fließt und Wasser mehr kann, als aus den Wänden zu tropfen. Schaue ich hingegen in Atils entschlossenes Gesicht, habe ich keinen Zweifel am Gelingen seines Vorhabens. Und wir? Erheben uns morgens im ersten Licht des Tages in die Lüfte. Rauchen gen Himmel eine Art Wasserpfeife mit unserem warmen Atem der Nacht, nicht geschmacklos, doch in jedem Fall ohne Apfelaroma. Aufstieg in einem der frühen bunten Vögel. Ballons um mich herum. Die Morgenthermik ist ihre Geliebte. Wie die Andacht zu einer zeitigen Sonntagsstunde. Der Pfarrer hält wortlos inne. Die Geste seiner ausgebreiteten Arme reicht aus. Mehr ist nicht nötig, um zu verstehen. Traue den Menschen mehr zu. Sie brauchen nicht alles als Brei vorverdaut in der Schüssel. Ihre eigene Geschichte verknüpft sich mit dem, was im Moment mit ihnen geschieht. Der Pfarrer der Lüfte hat es begriffen. Schweigend fahren wir, an Höhe gewinnend, winken Atils mondäner Dame zu und geben ihr den Segen der heißen Luft. Sekttrunken von der Taufzeremonie der Ballonfahrer rollen wir später in Atils Küche. Leo muss draußen bleiben. Atil, nicht nur Liebhaber der steinernen, bröckelnden Dame, mehr noch mein Verführungskünstler in der Welt des Kochens, ganz heimlich in Nemeshir in Kappadokien.

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Großkopftag.

„Ich will dahin.“ drängelt Sten. Ja, ich auch, doch bei dem Wetter? „Ich will dahin!“ Hm, bin ja dabei, mich meinen Befürchtungen zu stellen und schenke dem Schicksal mein Vertrauen. Es hat mich nicht enttäuscht in den vergangenen Wochen. Also wird es wissen, was heute das Beste für uns ist. Mardin, die letzte Stadt vor der zwanzig Kilometer entfernten syrischen Grenze, hat mich in der vergangenen Nacht extrem unruhig schlafen lassen. Gekämpft wird in diesem Gebiet seit Monaten. Von MAN Fahrzeugen wurde uns erzählt, die das Militär hier fährt. Also Achtung, extreme Verwechslungsgefahr! Ich kann nur sagen, ein merkwürdigeres Gute Nacht habe ich uns noch nie gewünscht. Wissen wir denn, ob uns in der Dunkelheit nicht jemand einen Sprengsatz an den Leo bastelt? Wissen wir nicht. Folglich haben wir keine Ahnung, ob wir am nächsten Morgen gemeinsam aufwachen werden und wenn, wo wir dann sind. Nun, lange Rede, kurzer Sinn. Unser Schutzengel hat ganze Arbeit geleistet. Wir leben noch! Die Stadt unbeschadet hinter mir zu lassen, fühlt sich gut an. Auch wenn sie zu anderen Zeiten bestimmt ihren architektonischen Reiz hat. Mir war das hier ehrlich gesagt gerade völlig egal. Angst ist Angst und Gefahr ist Gefahr. Da merke ich einfach nur, wie ich an meinem Leben hänge. Also, nach vorn geschaut, den Bergen entgegen. Und eben da gibt es am Gipfel, dem Nemrut Dagi, unweit des Oberlaufs des Euphrats, im nördlichen Mesopotamien, die Götterköpfe, welche die griechische und persische Mythologie in der Zeit 69 bis 36 v. Chr. miteinander vereinen sollten. Sten will sie sehen. Ich auch. Und was sagt Leo zu den steilen, vereisten Straßen mit engen Kurven und schroffen Abhängen? Sten fährt. Ich halte den Mund. Verkralle mich in meinem Sitz. Als ob mir das was nützen würde, wenn wir abstürzen.

Stopp, stopp, scheint ein Mann in dünnen Slippern mit Ledersohle zu rufen, doch wir nehmen ihn vor lauter Fokussierung auf die Straße kaum wahr noch ernst. Er muss sich uns fast vor den Leo werfen, bevor wir begreifen und halten. Es ginge hier nicht weiter. Sechs Meter hoch läge der Schnee auf der Straße. Ein Vor und Zurück ist nicht möglich, kehrten wir nicht an diesem Punkt um. So seine aufgeregte Rede. Zwei Wanderer hätten sich in der Morgendämmerung auf den Weg zu den Köpfen gemacht. Ein Nothilfesignal haben sie nun abgegeben und werden gerade gesucht. Stille. Sten ist stumm. ‚Was macht er jetzt‘, fragt es in mir. Wie schafft er es, sich nun selbst davon zu überzeugen, dass ein Umkehren keine Blöße wäre. Ich sag lieber nichts. Jedes Wort kann in solch einem Moment das falsche sein! Na ja, wenn der sagt, dass es zwecklos ist, dann wende ich jetzt mal. Hören meine Ohren ihn tonlos sagen. Ich, weiter stumm, warte ab. Rückwärts Rutschen hat voll seinen Reiz. Nur mit elf Tonnen dahinter hat das schnell was von einem Geschoss. Ganz behutsam bewegen wir uns Zentimeter für Zentimeter. Sten hat den Ernst der Lage erkannt. Wir beginnen wieder miteinander zu reden. Wie wir das Manöver auf der engen Bergstraße angehen. Wie wir versuchen, rückwärts bergab aus der Kurve zu kommen, an welcher Stelle wir beschließen, zu wenden. Ich weiß nicht mehr wie, doch wir haben es geschafft, irgendwann in Fahrtrichtung zu stehen.

Und da ist er wieder. Unser Mann in den Lederschühchen. Die sind hin, denke ich, während ich gleichzeitig höre, dass er uns zum Frühstück in das Haus seiner Mutter einlädt. Schicksal, ich küsse dich! Was bist du für ein Zauberer der passenden Momente! Ein kleiner Eisenofen ist der unangefochtene Mittelpunkt des Raumes. Ein dreijähriger Junge schaut verschämt. Seine dunklen Augen fixieren uns. Eine Frau tritt ein, seine Mutter. Groß und schlank, mit langen raschelnden Röcken. Ein Tuch bedeckt ihren Kopf. Doch es verhüllt sie nicht. Hebt mehr noch ihre natürliche Schönheit hervor. Ein schlafendes Baby auf dem Arm. Sie steht, wir sitzen auf dem Boden. Vor uns ein großes handgefertigtes rundes Tablett aus Metall. Darauf Schüsseln und Schälchen voller Honig, Nüsse und Streichkäsearten. Wir sind bei Kurden zu Gast. Und fühlen uns so unglaublich wohl in ihrem Haus, in den Händen ihrer Freundlichkeit. Wechselseitig sind wir das Betrachtungsobjekt des jeweils anderen. Ja, wir sind uns fremd, und ja, wir sind uns bewusst, dass eine Begegnung alles ändert. Für mich ein Atem-Anhalte-Moment. Einer von denen, die mich in meinem Inneren umbauen.


Harakiri in Hakkari.

Beobachte ich ihn von Weitem, meine ich, einen Pianisten vor mir zu sehen. Seine Bewegungen gezielt und sparsam, seine Gesten liebevoll und sanft. Den schlanken Körper hat er in einen schwarzen Pulli und eine ebenso dunkle Cordhose gesteckt. Worte, augenscheinlich nicht sein Ding. Dafür Blicke um so mehr. Blicke, die tiefgehen und dann dort verweilen. Wie ist das möglich, wie funktioniert so etwas?

Wir sind im quasi letzten Ort der Türkei. Ganz im Osten, im Zipfel, an dem sich Syrien, der Iran, Irak und die Türkei die Stoffenden reichen. Keine Gegend unbedingt meiner ersten Wahl. Doch genau da, an diesen Orten scheinen die Wunder zu wohnen. Ist es, weil ich hier lechze nach jedem positiven Gedanken? Macht die Härte des Alltags die Menschen hier in ihrem Wesen sanftmütiger und wohlwollend? Irgendwie scheint es etwas mit dem Gleichgewicht der Kräfte zu tun zu haben. Kein Ort ist einfach nur schön oder lebensuntauglich. Die Medaille hat immer zwei Seiten. Das ist pure Logik. Und gut. Doch so weit bin ich noch nicht, als wir durch das vom Tauwetter tropfnasse Tal in Richtung Einsamkeit fahren. Außer türkischer Armeeposten mit Sandsack-Barrikaden scheint es hier wenig Leben zu geben. Was freue ich mich, als nach Kurve Nummer Unendlich der Ungewissheit nicht nur die Sonne hinter den Wolken hervorlugt, sondern am Hang die kleine Stadt sichtbar wird. Ich komme mir vor wie in meiner eigenen Fernsehberichterstattung. Als sähe ich mich selbst im TV. Der Ort Hakkari ist gezeichnet von vielerlei Angriffen, höre ich mich ins Mikro sprechen. Stacheldraht ersetzt hier die Gartenzwerg-Romantik. Militärbasis scheint der Untertitel des Stadtnamens zu sein. Das Schmelzwasser fließt in Rinnsalen nach unten, wir tuckern im kleinsten Gang entgegengesetzt nach oben. Auch hier winken uns die Kinder zu, wie überall. Nur wohin wir wollen ist uns nicht klar. Zwei Worte haben wir auf unserem Zettel stehen, Hakkari und Ali. In Hakkari sind wir nun, doch Alis scheint es hier so viele zu geben wie in Deutschland Meyers. Und trotzdem will es unser Schicksal scheinbar auch hier, dass wir unseren Ali finden. In einem Möbelladen sitzen wir so lange und trinken Tee, bis der Besitzer alle Alis des Orts abtelefoniert zu haben scheint. Einer von ihnen meinte, Gäste zu erwarten. Das ist er, unser Ali, der im schwarzen Pulli und Cordhose. Atil aus Nemeshir hat ihn uns als einen Freund empfohlen. Und so stehen wir mit einem Mal voreinander. Sprechenden Auges, erzählender Gesten, denn die Sprache des anderen kennen wir jeweils nicht. Zu seinem Haus führt er uns. Leo, nie so sicher bewacht wie hier. Direkt neben den auf Anschlag gehaltenen Maschinengewehren im Sandsack-Bunker. Die Kamera lasse ich lieber mal stecken. Will die wachenden Posten nicht provozieren. Wie sich das anfühlen mag, so in direkter Nachbarschaft mit Gewehrläufen zu wohnen? Wahrscheinlich ist auch hier Gewohnheit alles. Und jeder Tag der friedlich endet, ein guter Tag.


Atil scheint Ali am Telefon von unserem Kochprojekt erzählt zu haben. Doch wie nun weiter in unserer stummen Konversation? Alis Frau Cimen bereitet uns Tee, den ich wegen seiner Stärke nach dem vierten Glas zitternd ruhen lasse. Ihr kleines Kind wacht auf, beschaut die so anders aussehenden Besucher. Wieder eine Erkenntnis für mich. Überall wollen die Menschen einfach nur in Frieden ihr Familienglück leben. Wollen sehen, wie ihre Kinder aufwachsen, in der Hoffnung, dass es ein gutes Leben ist, in welches sie die Kleinen hineingebären.

Das Buch mit den Bildern unserer Familie hilft uns in dem sprachlosen Moment weiter. Zu zeigen, wer die eigenen Kinder sind, die Eltern und nahen Verwandten. Dieses Blättern zwischen den Seiten unserer Liebsten ist ein erster Brückenpfeiler des Vertrauens. Zwei weitere Asse haben wir noch im Ärmel. Da wäre zum einen unser Erklärbär-Text, der in jeder Sprache unserer geplanten Reiseländer erzählt, wer wir sind und warum wir mit den Menschen kochen wollen. Den Text lesen Ali und Cimen aufmerksam. Gleich darauf hebt sich ihr Blick und sie lächeln. Ein wenig mehr scheint nun klar zu sein. Doch was zu tun ist, bleibt weiter offen. Also Zeit für unser letztes Ass. Von unseren ersten Kochabenteuern schnitt Sten jeweils einen Videoclip zusammen. Das ist er, der Schlüssel zum Verstehen. Die bewegten Bilder bewegen Ali und Cimen. Sie freuen sich, ihren Freund Atil aus Kappadokien im Film zu sehen und verstehen, worum es geht. Entlang unseres Wegs mit den Menschen, denen wir begegnen, gemeinsam ihre Lieblingsrezepte zu kochen. Das pure Leben auf der Seidenstraße in unserer heutigen Zeit zusammenzutragen, um es miteinander in Verbindung zu bringen. Aktivität kommt in die Szene. Das Ehepaar berät sich, was sie kochen wollen und welche Zutaten wir hierfür benötigen. Dann geht es los, auch für uns. Vorbei an dem Sandsack-Bunker, hin zum nächsten Fleischer. Bei dem liegen die halben Schafe auf dem Hackklotz. Nun darf man sich das nicht vorstellen wie bei einem Fleischer in Deutschland. Hier geht es wirklich zur Sache. Da ist der Fleischer, was der Name sagt. Und der heißt nicht Herr Wurstscheibenverkäufer. Hier steht das Zerhacken großer Fleischteile im Vordergrund des Geschehens. Obendrein ist sein Laden Sammelstelle der Männer aus der Straße. Ein Tee für jeden, das ist Standard und gehört zum guten Ton. Nun noch zum Gemüsehändler, zwei aus der Angel gehobene Türen weiter. Frisch sieht alles aus. Zumal im Kontrast der klirrenden Ernsthaftigkeit des eisernen Militärstützpunktes. Das gelbe Licht der Glühlampe macht Auberginen noch kräftiger in ihrem Lila und Zucchini leuchtender in ihrem Grün. Zurück an den Herd, natürlich die Gewehrmündungen passierend, nicht ohne Leo zugezwinkert zu haben und uns schon mal unsere sicheren Schlafplätze in seinem Inneren vorstellend, geht es hoch in die Wohnung zum Kochen. Alper ist inzwischen eingetroffen. Ein guter Freund des Hauses, der Englisch spricht. Gekocht wird ganz normal am Herd, gegessen später auf dem Boden. Ein Tuch wird dazu ausgebreitet und festtagstafelgleich gedeckt. Diese Art des gemeinsamen Essens begegnete uns bei der kurdischen Familie in den Bergen zum erste Mal und wird von nun an Begleiter unseres Weges, bis in die Mongolei hinein.

Warum nur vertrauen uns die Leute in der Stadt? Wir Fremden wollten einen Ali treffen. Wäre das in einer so gebrandmarkten Gegend nicht Grund genug, misstrauisch zu sein? Ich überrasche mich selbst in meiner Angstfreiheit an diesem unruhegeplagten Pulverfass-Ort.

Höre ich in den Monaten danach von Luftangriffen in der Provinz Hakkari sehe ich nur eines vor mir, den stillen, warmherzigen Blick Alis.

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IRAN


Ramins Schutzwall der Bücher.

Teheran, ich machte mir keinen Begriff von dir. Schon Istanbul ist in meinen Augen eine Mega-City, die nicht zu überbieten war. Und doch erlebe ich in dir, wie du auf alles noch mal eine Kelle obendrauf legen kannst. Autoverkehr, wie ich nicht glaubte, dass es ihn gibt. Von Verkehr, wie ich ihn bisher verstand, keine Spur. Wenn ich damit ein wie auch immer geartetes, geordnetes Vorankommen verbinde. Das einsilbige Wort Stau trifft einfach nicht, was in Teherans Straßen Tag für Tag abgeht.

Stell dir beim Lesen eine Strecke von einhundert Kilometer Länge vor. Denke dann weiter, dass es auf dieser Distanz eine Straße gäbe, die acht Spuren breit in beide Richtungen verläuft, nur keine Spur von einer Spur. Also, komplett ohne jede Linie, die im leisesten anzeigen könnte, wo es langgeht und wo auch nicht. Schnapp dir nun einen Sack voller Autos und kippe sie allesamt auf dieses breite Bitumenband. Stelle sie eng an eng. Doch nicht, als würden sie mit ihrem Jutebeutel geduldig nach Sonntagsbrötchen anstehen. Nein, vollkommen ineinander verschachtelt baust du sie auf. Ein rechter hinterer Kotflügel streichelt den linken vorderen eines anderen Gefährts. Kofferklappen küssen Frontschürzen. Seitenspiegel lieben eher die harten Liebkosungen. Straßenverkehr im wörtlichsten aller Sinne. Es geht nicht um Schnelligkeit und Ankommen. Wohl mehr ums Mitmischen und Dabeisein. Als zöge das Heer von Dschingis Khan durch die Lande. Minimale Lücken, die zufällig doch noch entstehen, füllst du mit massenhaft Mofas, also den leichtberittenen Recken, aus. Betreibe das so lange, bis wirklich, aber auch wirklich kein einziger Zentimeter mehr vom Schwarz des Asphalts zu sehen ist. Nun bewege dieses Knäuel irgendwie vorwärts. Doch bitte nicht im Ganzen, sondern so, dass sich in den nicht vorhandenen Zwischenräumen Mofas und Autos versuchen, aneinander vorbei zu quetschen. Wahrscheinlich reichen deine zwei Hände allein nicht aus. Du wirst Helfer brauchen, die mit schieben, drängeln, versuchen, sich mit ihren Mobilen an anderen vorbeizuzwängen. Bei all dem Spaß wird es langsam dunkel und alle schalten ihre Scheinwerfer ein. Zum Höhepunkt deines Straßenevents fängt es nun auch noch an zu regnen. So stark, dass durch die verschmierten Frontscheiben nur noch ein verschleiertes Meer an rot leuchtenden Rück- und Bremslichtern wahrzunehmen ist. In diesem Gewimmel, stell dir nun unseren Elf-Tonner-Leo vor. Nicht wendig und flexibel, schon gar nicht spritzig und spontan. Für Leo ist es das Beste, wenn er viel Platz um sich hat, er sein Tempo fahren kann und abruptes Bremsen ausbleibt. Genau das gibt es hier nicht. Millimeterweise kämpfen wir uns voran, wohin auch immer der Weg hier führt. Im Schneckentempo vorbei an den rasenden Polizisten, die uns mehr als wütend deutlich machen, dass es mit einem LKW verboten ist, in die Stadt zu fahren. Doch wir verstehen einfach nicht. In Ermangelung von tatsächlichen Alternativen.


Wir sind verabredet. An irgendeinem Platz, ganz im Zentrum Teherans, mit Ramin, dem Schriftsteller und Journalisten. Und Leo ist außerdem kein Lastkraftwagen. Leo ist unsere mobile Hütte. Und die tragen wir wie ein Schneckenhaus auf unser beider Rücken. Das Band der Seidenstraße führt uns nun also zu Ramin. Auch er ein Freund Atils aus Kappadokien. Als würden wir behutsam von Hand zu Hand gereicht. Auserkoren, Menschen zu treffen, die uns ihre Stadt, ihre Kultur, ihre Art zu denken, zu sein und damit ihr Leben nahebringen. Was für eine Gabe. Mit stummen Mündern, gespitzten Ohren, geweiteten Augen und offenen Händen empfangen wir. Nun also Ramin. Doch wo bitte ist Ramin? Vielmehr, wo ist der Platz, auf dem er sich in der Dunkelheit mit uns treffen möchte? Und wie erkennen wir ihn, falls wir ihm tatsächlich begegnen? Zu seinem Telefon baut sich keine Verbindung auf. Also bleibt uns nur, im Moloch der Tausenden mitzuschwimmen und darauf zu hoffen, dass wenigstens unser Navi den Schimmer einer Ahnung hat, was es hier gerade tut. Hochgradig angespannt versuche ich ein ums andere Mal, verbal eine Pufferzone zwischen Leo und die anderen Fahrzeuge zu stopfen. Doch Leo liebt Körperkontakt und rammt ein kleines weißes Auto.

Eine schwarz umhüllte Frau springt aufgeregt heraus. Oh nein, nicht noch so was, stöhnt es durch mein Hirn. Ob das physikalische Gesetz, dass da, wo ein Körper ist, kein anderer sein kann, in Teheran seine Gültigkeit verloren hat? Was heißt, wenn Leo an einer Kreuzung steht, kein weißer Flitzer vorbei flutschen kann, als sei er aus Luft oder Schaumstoff. Mit dem Gedanken des griechischen Philosophen Heraklit „Alles fließt“ könnte ich ja mitgehen. Doch auch dieser Satz wird augenscheinlich seiner sichtbaren Wirkung enthoben. Hier fließt es nicht, hier stockt es und das nun schon seit Stunden. Auf eine Diskussion voller Sprachbarrieren mit der Polizei und der aufgebrachten Fahrerin haben wir momentan so gar keine Lust. Doch erspart bleibt sie uns deshalb nicht. Ob Ramin noch auf uns wartet oder längst das Weite gesucht hat? Vor zwei Stunden schon war die vereinbarte Zeit verstrichen. Er ist unsere einzige Verbindung in der Stadt, in der es für uns mit Leo keinen Platz zu geben scheint.

Doch wie hat es unser Schicksal auch heute mit uns gemeint? Gut! Aus dem Lautsprecher des Navis vernehmen wir fassungslos die Worte: Sie haben ihr Ziel erreicht. Und tatsächlich, steht da ein Mann, in unsere Richtung winkend, mitten im Kreisverkehr. Ramin. Er ist tatsächlich da. Seine fröhlichen Augen und die wehenden grauen langen Locken zeugen schon jetzt von einem Humor, den ich wenig später lieben werde. Ramin ist Optimist, Weltverbesserer und ein herzensguter Mensch. Interessiert scheint er an allem und jedem. Wie es für ihn funktioniert, als Journalist frei zu denken und vor allem sein Gedachtes auch veröffentlicht zu bekommen, das weiß ich nicht. Doch eines kann ich sehen. Bei allem, was schwer ist an seinem Leben. Mut, Neugier und einen ganzen Sack voller Lebendigkeit, die wippen locker auf Ramins Locken herum. Koste es, was es wolle.

Wir bei Ramin und seiner Frau Zohreh zum Kochen geladen. Das Haus, weiß, kubisch, voller Selbstvertrauen in seinem ganz eigenen offenen Stil, inmitten von schnörkeligen Fassaden und hohen Metallumzäunungen.

Ramins Haus zeigt, was es hat. Es will nichts verbergen und mag sich selbst noch viel weniger verstecken. Tuch auf dem Kopf? In diesem Haus sofort hinter der Eingangstür Fehlanzeige. Das Wohnzimmer ist Arbeitszimmer, ist Lebensraum. Ramin und Zohreh leben mit ihren Büchern, umgeben von Büchern. Die Einrichtung klassisch. Der Bauhausstil atmet aus jeder Kante der Stuhlbeine heraus. Schon wochenweit von zu Hause entfernt, flüstern meine Füße davon, hier heimischen Boden zu betreten. Es stellt sich keine Frage nach dem passenden Benehmen, den einzuhaltenden Regeln, der Reihenfolge meines Tuns. Hier spüre ich, die Abläufe zu kennen. Wie ein Kurzurlaub vom Reisen fühlt sich der Abend an. Das Kochen, eine andere Nummer. Voll persisch, mit allem, was die bunteste aller Küchen zu bieten hat. Was das Schönste für mich ist an diesem Abend? Es ist die Ausgelassenheit, mit der wir gemeinsam von einem Witz zum nächsten lachen, von einer Anekdote aus Persien leichtfüßig zur nächsten aus Mitteleuropa hüpfen. Gleicher Humor hat etwas so unfassbar Vereinendes. Niemals zuvor habe ich erfahren, dass Humor, erwachsen in räumlich so entfernt liegenden Kulturen, einander so nah sein kann.

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Avas Nachtgesang.

Mit einem Taxi nach Paris. Ach nein, mit einem privaten PKW durch Teheran. Was für ein Wellnessausflug für uns. Luxus pur. Mal treiben lassen, Verantwortung abgeben, nicht selbst unentwegt aufpassen müssen. Für uns heute, als säßen wir in einer rosafarbenen Samtkutsche und lassen uns kutschieren. Ob vorwärts, das wissen wir nicht, doch wir sind in Bewegung. Wir sitzen im Auto der Englischlehrerin Pouri, die die unfassbare Mühe auf sich genommen hat, zwei Stunden lang zu fahren, um uns am Verteidigungsmuseum, mitten im Stadtzentrum, abzuholen. Genau dort, beschützt von Panzern mit dem holperigen Namen ZSU-23-4 Schilka, russischer Bauart, steht Leo. Und der will um nichts in der Welt dort wieder weg. Keinen Millimeter weit bewege ich mich mehr in diesem Wahnsinnsverkehr, hat er uns durch den Auspuff zugefaucht.

Nun also legt Pouri eine gekonnte Wende hin, um mit uns an Bord zwei Stunden lang in die Richtung zu fahren, aus der sie soeben kam. Alltag in Teheran nennt sie das und lacht gelassen. Wir laufen dir schon mal entgegen, hätten wir sagen können. Doch geholfen hätte es nichts. Also lassen wir es geschehen und uns fallen in der so überaus großen Gastfreundschaft der Perser.

Es ist abends, doch noch immer sind sämtliche Straßen verstopft. ‚Hört das hier nie auf? Darf die Stadt niemals schlafen? Wann kommt sie zur Ruhe und wie‘, denke ich, während wir endentspannt auf der Rückbank des Wagens vor uns hindösen. Pouri ist die Freundin von Ali und Atefeh. Das ist die Schwester von Haleh. Die wiederum lebt mit ihrem Mann Hassan, dem Anästhesisten, bei uns in Jena. Unser Netz der Verbindungen scheint engmaschig und offensichtlich ziemlich belastbar zu sein. Von zu Hause aus ist es inzwischen um die halbe Welt gespannt.

Irgendwann kommen wir an bei Atefeh. Und betreten zum ersten Mal in unserem Leben eine richtige persische Wohnung. Heller, spiegelnder Marmor kleidet den Boden, der einer Großräumigkeit Entfaltung schenkt. Hier ist nichts klein und verschachtelt. Möbel selbst hat man nicht viele im öffentlichen Areal der Wohnungen im Iran. Ein anderer Teil bleibt ganz der Familie vorbehalten. Dort vielleicht finden sich dann Schränke und Co.


Auch später waren es die großen Wohnräume der Perser, die mich in ihren Bann zogen. Weil Stuhl an Stuhl entlang der Wände stand. In der Mitte viel freier Platz, zum Gehen und Stehen. Doch sind die zahlreichen Männer der großen Familien miteinander sitzend im Gespräch, so fliegen die Satzfetzen durch den Raum, von einer Wand zur anderen. Obst steht überall in großen, reich bestückten Schalen. Dazu ein kleines Messer, einzig um die Früchte aufzuschneiden. Ansonsten kommt die persische Küche beim Essen vollkommen ohne Messer aus. Jede Speise ist so zart und mürbe gegart, dass Gabel und Löffel die Herrschaft auf den Tischtüchern übernehmen.

Die Atmosphäre bei Ali und Atefeh ist entspannt. Wir sind bei jungen Leuten zu Hause und genießen den lockeren Umgang im Miteinander. Das öffentliche und das private Leben scheinen sich oft in großem Maß voneinander zu unterscheiden. Habe ich in der Öffentlichkeit sehr auf meine Verhüllung zu achten, so erlebe ich es in vielen iranischen Familien ganz anders. Heute jedenfalls darf mein Tuch wieder zusammengefaltet neben mir Platz nehmen. Ich trage meine Kleidung, wie ich es zu Hause täte. Bewege und fühle mich frei und lasse vielen meiner Fragezeichen freien Lauf. Ali frage ich, wie es ihm gelingt, überhaupt jemals pünktlich am Morgen seinen Job zu beginnen, bei der so vollkommenen zeitlichen Unkalkulierbarkeit auf der Straße. Seine Antwort ist der extrem frühe Beginn und das genauso späte Ende. Zu Terminen am anderen Ende der Stadt rechtzeitig zu erscheinen sei geradezu eine Unmöglichkeit. Ist ein Meeting auf drei Stunden angesetzt, so trudelt nicht selten die Mehrheit der Eingeladenen erst gegen Ende der Veranstaltung ein. Das sei einfach Normalität und wird in keinem Fall als unhöflich erachtet, klärt uns Ali auf, während Ava singt. Ava tanzt, Ava malt, Ava ist top fit. Ava ist die Tochter von Atefeh und Ali. Ein fünf jähriges Mädchen, quietschvergnügt, aufgeweckt und neugierig. Wie passt ihre offene und natürliche Art zum offiziellen Auftreten und verhüllten Erscheinen, welches in ein paar Jahren wahrscheinlich von ihr verlangt werden wird? Wie geht das überhaupt mit dem Innen und Außen des sich Gebens der Frauen im Iran? Eine Frage, die ich oft stelle und auf die es viele Antworten gibt. Von traditionell und im Glauben verwurzelt bis hypermodern und in ständiger Rebellion ist alles dabei. Ava ist die Unterhalterin des Abends, bringt uns alle miteinander ins Gespräch, hält die Stimmung über Stunden auf ihrem höchsten Punkt und ist auch dann nicht müde, als sämtliche Speise-Gangfolgen nicht nur vorbereitet, zubereitet, sondern schon lange in unseren Bäuchen verschwunden sind. Wenn ich Speisenfolge im Iran sage, dann ist das nicht einfach ein Hauptgang mit Salat. Mehrere Vorspeisen, eine geschmacklich verführerischer als die nächste, gefolgt von einer Perlenkette an Hauptgerichten. Und selbst beim Nachtisch bleibt es nicht allein beim Obst. Allmählich verliebe ich mich in unser Kochprojekt. Nichts kann es für uns geben, was uns den Seelen der Länder auf so intensive Weise nahebringen kann, wie unser Erleben des gemeinsamen Kochens. Es sagt so viel über die Kultur eines Volkes, ihre klimatischen Bedingungen und menschlichen Gepflogenheiten aus. Überglücklich strahlen wir. Spüren wir doch, dass es genau das ist, was uns vorschwebte, als wir die Idee zu unserem Kochprojekt entlang der Seidenstraße in unser beider Leben riefen. So ist es uns ein Fest, mit Ali Naderis Unterschrift nun schon die fünfte auf unserem anderthalb Meter großen Metalllöffel mit uns auf die weitere Löffelreise zu nehmen.

Fotos

Zu dir oder zu mir? Granatapfelromantik.

Teheran haben wir hinter uns gelassen, nicht ohne mit den Feuerwehrleuten der fünften Brigade eine Nacht lang bei Tee und Spaghetti ausgelassen zu feiern, und auch nicht ohne Daniel und Annette aus Deutschland zu treffen, die seit Jahren mit ihren drei Kindern in Teheran leben. Bald jedoch wollen sie die Stadt verlassen, um ihrer Tochter die Erfahrung nicht zu verwehren, als junges Mädchen frei von öffentlichen Vorgaben und Zwängen ihre Jugend zu erleben. Als vierzehnjähriges Mädchen nicht daran gewöhnt zu sein, in ein Schwimmbad zu gehen, um dort im Badeanzug oder Bikini mit den Freundinnen und Freunden kreischend ins Wasser zu springen, obwohl die Gluthitze des Sommers zu nichts eindringlicher einlädt - dies hat für mich wenig mit dem mir vertrauten Gefühl zu tun. Generell ist es möglich, im Iran als Mädchen schwimmen zu gehen. Entweder gibt es extra Bäder für sie oder die Bereiche der Männer und Frauen sind voneinander abgetrennt. Mancherorts finden sich auch Schwimmbäder mit getrennten Männer - und Frauen - Tagen, wie ich es mitunter aus der Sauna in Deutschland kenne. Das Singen in der Öffentlichkeit ist ein ähnlich spezielles Thema. Doch da sind alle miteinander schon glücklich, dass überhaupt wieder musiziert werden darf. Das war lange Jahre nach dem Sturz des Schahs vollkommen verboten.

Wenn Annette und Daniel Teheran verlassen, was dann wohl aus dem Esel wird? Den hatten sie einst halb tot an einem Weg liegend gefunden, dem Besitzer nach langem Verhandeln abgekauft und liebevoll wieder aufgepäppelt. Hm, vieles geht. Wir gehen auch. Teheran mit seinem Megagedränge lassen wir in aller Frühe, dem Rat Alis folgend, hinter uns. Ohne Lackkratzer an weißen Autos, wütenden Polizisten und sich küssenden Seitenspiegeln kommen wir mit einem heilen Leo davon. Der Regen bleibt aus und die meisten Fahrer scheinen sich erst auf die Piste zu begeben, als wir längst über alle Berge sind. Nachts um elf Uhr zur Arbeit zu fahren und morgens vier Uhr nach Hause zurück. Vielleicht ist das ja mal eine Idee für den einen oder anderen Teheraner. Dann haben sie nicht so volle Straßen, und einen Halbnacht-Job dazu. Oder sie lassen die Chinesen ran. Die bauen den Iranern dann noch zwei Straßennetze über das, was sich jetzt schon sonst wie verzweigt, verästelt und völlig verfitzt.

Saveh ist ruhiger. Einhundertdreißig Kilometer südlich von Teheran rollen wir in die Stadt der Granatäpfel. Als Wahrzeichen sind sie meterhoch in Beton gegossen. Gut zweihunderttausend Menschen leben in der Stadt, die einen progressiven Eindruck auf mich macht. In den Jahren 2004 bis 2006 regierte Mehri Roustaie Gherailou als Bürgermeisterin die Stadt. Damit war sie die zweite Frau, die in der Geschichte der Islamischen Republik Iran in ein solches Amt gehoben wurde. Bis heute sprechen die Menschen achtungsvoll von ihr. Zu regnen scheint es hier im Flachland nicht viel, zumindest wäre mir sonst nicht erklärbar, wie über Jahrhunderte hinweg die Lehmbauten-Architektur überdauern konnte. Mancherorts sehe ich im Vorbeifahren noch Ruinen der verblassten Zeit. Monika wird uns später erzählen, dass sie gern einem der alten Bauwerke zu neuem Leben verholfen hätte, um es in den Lichtfarben des Lehms wieder erstrahlen zu lassen. Einzig das Geld fehlte dazu. Licht. Mein Stichwort.

In Teheran und weiter im Norden hatte der Winter uns fest im Griff. Liegt Teheran ja auf 1.191 Metern Höhe und wird im Hintergrund gehalten vom Elburs-Gebirge mit seinem Gipfel, dem 5.604 Meter hohen Vulkan Damavand, in gerade einmal sechsundsechzig Kilometern Entfernung von der Hauptstadt. Was für eine Kulisse und was für ein Kältebunker eben auch. Nun also Saveh, fast schon eine Wüstenstadt, vergleiche ich sie mit der nur einhundertdreißig Kilometer entfernten bergigen Hauptstadt Irans. Das Leben kommt mir hier näher. Alles scheint direkter. Die kleinen Lädchen mit ihren freundlichen Ladenbesitzern, die verwinkelten Gassen, verwunden durch die Wäsche, die von den Leinen wedelt, die Märkte mit ihrem bunten Obst und Gemüse, was vor lauter Frische nicht weiß, wohin mit seinen Säften.

Und die Moscheen. Dominant an jedem Ort. Meine Aufmerksamkeit gewinnen sie nicht nur durch ihr grünes Licht. Nein, die Ströme an Menschen sind es, die mich in meinen Blicken mitfließen lassen. Wir sind hier mit Monika. Sie ist eine Deutsche, von der Liebe in den Iran geführt, zu ihrem Mann Javad. In Deutschland einander einst kennengelernt, später die Liebe. Eine Entscheidung stand an: Gehen wir zu dir oder zu mir, war die klassische Frage. Zu ihm sind sie gegangen, vor mehr als zwanzig Jahren. Das war nicht leicht am Anfang. Mit ihrem frisch geborenen Sohn lebten sie mit Javads unverheirateten Geschwistern zusammen. Gerade frisch im Iran gelandet, kam Monika sogleich die Mutterrolle im doppelten Sinne zu. Für ihren eigenen Sohn und die Geschwister Javads. Dessen Eltern waren bereits verstorben und er hatte schlagartig die Vaterrolle inne. Für Monika war das fremde Gewusel die beste Schule. Schnell lernte sie persisch zu sprechen, zu kochen, sich als Perserin zu fühlen. Vor lauter Willen, selbst die persische Sprache zu erlernen, ging es vollkommen unter, ihrem Sohn ihre Muttersprache zu lehren. Er wuchs mit seines Vaters jüngeren Geschwistern auf und sprach wie selbstverständlich Persisch. Monika wollte es ihm gleichwohl erleichtern, als waschechter Perser zu leben. Was hilft ihm da die deutsche Sprache? Ob sie es heute bereut, bleibt offen. Alles hat seine Zeit und seine Gründe. Und ist nun, wie es ist. Unsere erste Begegnung mit Monika. Eine stille Frau, die Haut ganz hell, ihr Blick ganz wach. Die dunklen Kleider und Tücher lassen ihren Teint fast elfenbeinfarben erscheinen. Sie beobachtet scharf, stellt gezielte Fragen, hört zu, will es genau wissen. Die Details sind ihr Ding. Das Jahr allein ist nicht ihre Sache. Monat, Tag, Stunde und Minute schon eher. Monika arbeitet als Übersetzerin und Lektorin. Für den deutschsprachigen Rundfunk von IRIB, der staatlichen iranischen Rundfunk- und Fernsehanstalt, sitzt sie täglich am Computer. Sie ist für die Hörerpost verantwortlich und schreibt in diesem Zusammenhang das Manuskript für eine Hörerpostsendung, in der auf die Fragen und Kommentare der Hörer im deutschsprachigen Raum in Europa eingegangen wird. Ihr Mann, Javad, ist derweil auf der Oliven- und Granatapfel-Farm. Die Farm – Javads und Monikas Freude und Sorgenkind zugleich. Wenn in diesem Frühjahr der Regen ausbleibt, dann weiß Monika nicht, wofür sich die tägliche Mühe ihres Mannes lohnt. Doch ich glaube, er liebt einfach, was er tut und hofft darauf, dass das Schicksal es am Ende gut mit ihnen meint. Auch wenn er durch die Folge an Rückschlägen auf harte Proben gestellt wird. Da ist ein Leck in einem Wasserbecken, da geben Pumpen ihren Geist auf, da ist der Boden karg und wenig nährstoffreich, da führt Ungeziefer zu Missernten. Javad ist draußen, Monika viel drinnen. Beide geben ihr Bestes, um sich als Familie zu versorgen. Konzentriert sitzt Monika vor dem schrill bunt leuchtenden Monitor, gibt Passwörter ein, befüllt Masken und Spalten. Doch jetzt ist Schluss. Sie nimmt sich Zeit für uns. Über eine Freundin meiner Freundin aus Leipzig ergab sich die Verbindung zu Monika. Viel Kontakt zu Deutschen hat sie nicht. Aber manchmal eben doch. Für uns ist sie ein Glücksfall. Ihr zu begegnen, die den Hintergrund unserer Kultur kennt, lässt noch einmal eine ganz andere Form der Beziehung zu. Und so danken wir Monika, die uns mit auf einen Friedhof nimmt, welcher um ein Imamzadeh (Nachfahren aus der Prophetenfamilie) angelegt ist. Es ist Donnerstag, der Tag, an dem allwöchentlich die Verstorbenen an ihren Gräbern aufgesucht werden. Friedhöfe im Iran unterscheiden sich sehr von denen in Deutschland. Kennen wir es, dass wir für einen Verstorbenen auf einem Friedhof ein Grab mit einem aufrecht stehenden Stein einrichten, so sind es in Iran flach in den Boden eingelassene Platten. Mitunter können unter einer Platte drei Gräber übereinander angeordnet sein. Auf diesen, meist dunklen Granit-Platten, ist ein Hologramm der verstorbenen Person eingearbeitet. Steinplatte an Steinplatte liegt dicht nebeneinander. Einem gefliesten Boden gleich. Die Gedenkenden setzen sich auf die Steinplatten, reden miteinander und verteilen Obst, Gebäck, Süßigkeiten, Datteln, zu bestimmten Feiertagen auch Speisen untereinander. Die Beschenkten sprechen dafür eine Koransure, einen Abschnitt aus dem Koran, für die Verstorbenen der Familie, welche die Gaben stifteten. Ohne Monika hätten wir einen solchen Ort nie aufgesucht. Hätten es uns in keinem Fall selbst gestattet. Exoten sind wir, wie wir da linkisch in unserer zwar dunklen, doch immer noch auffallend farbigen Kleidung dastehen und schauen. Lieb wäre mir, ich hätte einen Unsichtbarkeitsumhang auf meine Schultern liegen. Dann verhielten sich alle, als sei ich nicht da. Und ich würde mir trauen, in die Gesichter zu sehen. So konzentriert die Gesten, nach innen gekehrt, weit weg vom Erdengeschehen, so meine ich. Als wir gehen, bricht langsam die Dunkelheit herein. Was die schwarz gekleideten Massen nicht davon abhält, weiter zu strömen.


Ergriffen bin ich von den Einblicken, die mir Monika hinter die Kulissen ihres islamischen Glaubens gewährt. Bis heute weiß ich nicht, wie ich ihr danken kann, für die Einmaligkeit, mich an ihrem Gebet teilhaben zu lassen. Los geht es mit der rituellen Waschung von Gesicht, Unterarmen und Fußrücken. Dann breitet sie in aller Ruhe ihren Gebetsteppich aus und beginnt mit geschlossenen Augen zu sprechen. Dabei erhebt sie sich, fällt auf die Knie, lässt ihre Stirn den Boden berühren. Eine Choreographie, dem Bewegen in Trance gleich. Immer wieder im Rhythmus der Worte, in der Melodie ihres Körpers. Dass ich dabei bin, auf Atemnähe, lässt mich schamhaft zurück. Als sähe ich etwas, das nicht für meine Augen bestimmt ist. Ich schätze das Vertrauen Monikas, versuche fast tonlos zu atmen und ziehe mich in die hinterste Ecke des kleinen Raumes zurück. Javads Sache ist das mit dem Beten nicht, erzählt mir Monika später. Er hält es mehr mit der Natur und der Farm, während der Glaube in Monikas Leben einen festen Platz eingenommen hat.

Doch des Abenteuers kein Ende. Gäste haben sich angesagt. Die Familie kommt zu Besuch. Und warum? Na klar, wir alle wollen gemeinsam kochen. Mehr und mehr Frauen versammeln sich in der Küche. Jede hat eine andere Rezeptidee mitgebracht. Die Männer sitzen heute im Wohnzimmer auf dem mit dicken Teppichen belegten Boden. Mal an den Wänden angelehnt, in kleinen Grüppchen mitten im Raum, oder auf dem Smartphone spielend in irgendeiner Ecke. Der Fernseher zeigt eine Talkshow. Lärmend geben die Akteure ihr Bestes. Sie sind definitiv Teil der Familienszene. Die Lautstärke ihrer Stimmen haben die Männer denen der Talkmaster angepasst. In der Küche ganz anders. Die Mädchen und ihre Mütter kichern vergnügt miteinander, beim Tee, dem permanenten Begleiter. Die Tanten und Cousinen und Schwägerinnen und Schwiegertöchter erzählen miteinander, schneiden Fleisch, schnippeln Gemüse, dünsten an, braten aus. Jeder Handgriff sitzt. Kochen ist Basis. Da gibt es nichts zu vertun. Auf die Fett spritzende Pfanne wird Zeitung gelegt. Herrliche Idee, wie ich finde. Der Reis gart, indem um den Deckel ein Handtuch gelegt wird. So verfängt sich der Wasserdampf darin und tropft nicht in den Reis zurück. Ich bin damit beschäftigt zuzuschauen, mir die Schritte einzuprägen, aufzuschreiben, wie was geht. Dabei fotografiere ich, meiner eigenen Erinnerung später auf die Sprünge helfend. Fasziniert bin ich von den kunstvollen Nachspeisen aus Granatapfelgelee, den farbenfrohen Salaten in Schmetterlingsform. Die Frauen schneiden ein und aus, kreieren ihre ganz eigenen Muster und Ornamente. Wie das Design einer kunstvollen Hennazeichnung sieht der bunt gedeckte Tisch am Ende aus. Ich probiere von allem, um jede Frau auf diese Weise zu würdigen. Ihr ganzer Stolz ist nun auf dem großen runden Tisch versammelt. Fasziniert darüber, Teil dieses quirligen Familientreffens zu sein, setze ich mich mit meinen zusammengetragenen Leckereien auf den Boden, genieße jede Nuance der Geschmacksexplosion und bin mehr als erfüllt. Nicht nur vom Essen, mehr noch von den vielschichtigen Eindrücken, die ihre Spur in mir hinterlassen. So selbstverständlich und ohne Vorbehalte begegnen uns alle. Wir halten einander die Bäuche vor Lachen beim Fotografieren in den wildesten Posen. Eine unbändige Lebensfreude strahlt aus den Gesichtern der Jugend heraus. Im öffentlichen Raum zurückgehalten, entfaltet sie ihren Glanz im Privaten. Als sei die Wohnungstür ein Flaschenhals, durch den die Emotion nach innen spritzt. Innen bedeutet auch in einem Club-Café. Ganz neu eröffnet. Ein Neffe der Familie hat es, gemeinsam mit Freunden, im Keller eines Hauses gegründet. Musik darf nicht nach außen dringen, das pausbäckige Gelächter der alkoholfreien Szene ebensowenig. Die Scheiben sind abgedunkelt. Abgedämmt die Eingangstür. Und doch haben alle einen Mega-Spaß. Da spielt einer Gitarre, dort singt ein anderer dazu. Hier kreiert jemand einen Super-Kakao, dort gibt es Gebäck an den Tischen. Jungen und Mädchen hocken selbstverständlich zusammen, quatschen, reden, erzählen miteinander. Ganz normal halt. Wie ich es mir denken würde, überall auf der Welt. Hier nun ist es was Besonderes, was Mutiges, was ganz Spezielles. Mit unserem Kommen bringen wir, in den Augen der Jugendlichen, ihrem Club-Café Glück. Und so tanzen wir ausgelassen, einander verbunden, alle miteinander. Und fühlen uns frei, frei, frei dabei, auch wenn ich aufpassen muss, dass mein Kopftuch nicht rutscht in der Stadt der Granatapfelromantik.

Fotos

Kölner Wind in Isfahan.

Der Medicus, Titel eines Buches, dessen opulente Geschichten mir seit Jahren Bilder in den Kopf gebrannt haben. Nun gibt es den Film dazu. Nicht meine Bilder, sondern die eines deutschen Regisseurs. Ich sitze Wochen vor Antritt unserer geplanten großen Jahresreise im Kino und koste seit Langem wieder einmal aus dem Trog der Vorfreude und des Gefühls, nicht abwarten zu können. Von Sandstürmen gepeinigt zieht die Karawane im Film über Jahre dahin. Das England der frühen Tage mit seinen mitunter steifen Ideen hinter sich lassend, macht sich der junge Bader auf, um in Isfahan in Persien zum Medicus ausgebildet zu werden. Die Stadt – ein einziges Geflecht aus Torbögen und Hallen und Nischen und Gemächern. Der Schweiß der Tage scheint der Kitt der Lehmziegel zu sein. Die Gesichter, stets glänzend von den Perlen des eigenen Körpersafts, sind wach und offen, die Blicke neugierig und mutig. Eine Atmosphäre des Miteinander-Denkens, des Lehrens und Lernens, des Hinschauens, wohin zuvor noch niemand gesehen hat. Dieses zeitlose Sehnen nach Erkennen und Erfahren hat die Menschen in den Zeiten des Medicus getrieben und treibt auch mich immer wieder an. Auch wenn meine Erkenntnis die des Nicht-Wissens in immer tieferen Sphären ist. An diesem Abend im Kino weiß ich eins: Da will ich hin! In den Iran nach Isfahan! Wohl wissend, dass das Kino mir ganz andere Orte und Kulissen als das Stadtbild Isfahans verkauft. In diesem Augenblick bin ich käuflich und überlasse mich dem Reich meiner eigenen Phantasie: Ich sehe mich selbst in Tücher gehüllt, damit niemand einen Blick auf meine blonden Haare würfe. Ganz so, wie einst der Medicus sein fremdländisches Gesicht verbarg, um in der Stadt kein Aufsehen zu erregen. Wie meine Haut den goldgelben Ton der Lehmziegel reflektiert und selbst im Winter die vorherrschenden Farbtöne die warmen sind. Kein Einheitsgrau unserer mitteleuropäischen Wintertage.

Und nun, Monate später? So viel Blau der Moscheen, soviel Weiß der Mosaike und ja, auch die warmen Lehmziegeltöne der Brücken haben ihren großflächigen Anteil, als ich in den Straßen von Isfahan stehe. Ich bin wahrhaftig hier. Habe es geschafft, innerhalb von drei Monaten, nicht Jahren, hierher zu gelangen. Mein Traum ist wahr geworden. Auch wenn keine beschauliche Karawanenstätte das erste ist, woran sich mein Blick heftet. Sondern das Vielstraßengeflecht einer lauten, schnellen, pulsierenden, 1,8 Millionen Einwohner zählenden Großstadt. Isfahan Ost und Nord und Süd und West. Isfahan Südost, Nordwest und so weiter sind jeweils nur Teile der Stadt. In ihrer Ausdehnung fast wie eigene Städte wirkend. Wieder einmal sind wir verabredet und wieder einmal wissen wir nicht, wo und mit wem. Die Wegbeschreibung klang am Telefon einfach. Doch das Suchen und Nichtfinden mit unserem Leo gleicht der Fahrt auf einer Achterbahn. Überall blinkt und leuchtet es, überall sind Entscheidungen zum Abbiegen oder lieber doch nicht, in Millisekunden zu fällen, werden Richtungen nur in Farsi geschrieben – und am Ende haben wir so wieder einmal keine Chance. Die rasenden Perser machen uns mit ihrer sprunghaften Fahrweise halb verrückt. Von einem Schreckmoment fallen wir in die nächste Beinah-Ohnmacht. Uns bleibt nur eins, so meinen wir, und entschließen uns zur Opossum-Taktik. Einfach nicht mehr bewegen und abwarten, was passiert. Außer dem Klicken der Warnblinkanlage im Rhythmus unserer gestressten Herzen geschieht nach unserem Stopp am Straßenrand erst mal nichts. Also, in den nächsten Laden gehen, einem Mann darin wortlos, da sprachlos, das Telefon ans Ohr drücken und darauf hoffen, dass die Stimme am anderen Ende danach fragt, wo genau sich der Ort befindet, an welchem jenem Mann das Telefon ans Ohr gepresst wird. Weiter darauf zu vertrauen, dass irgendwann irgendwer diesen Wegweisungen und Ortsbestimmungen einen Punkt zuordnen kann und man uns dort findet. Der eine Teil in uns besteht aus Hoffnung, der andere aus Vertrauen. Und Geduld. Die sitzt vorn im Fahrerhaus und hält ihre beiden Kumpane bei Laune. So routiniert macht sie das inzwischen. Wir merken kaum etwas davon und harren einfach der Personen, die da vielleicht irgendwann kommen. Kein Aktionismus treibt uns mehr, eine sinnfreie Handlung zu vollführen, weil man ja was tun müsse. Kein „Wie lange dauert das denn?“ zischt durch unsere Leo-Kabine. Spaß haben wir am Beobachten der nächtlichen Straßenszenen. Ein Arzt scheint seinen Job in einem der nahen Häuser zu verrichten. Wahrscheinlich ist die Nachtpraxis sein Tagesgeschäft. Und so halten in verlässlichem Rhythmus und Abstand Autos vor ebendiesem Haus. Besorgte Mütter steigen aus. Männer, das kranke Kind auf dem Arm tragend. Die Sorge ist selbst unter dem schwarzen Tschador zu sehen, so sehr überträgt sie sich auf Haltung und Gang der Mütter. Zurück kommen sie eiligen Schritts, in einer anderen Tür verschwindend, wahrscheinlich der Apotheke. Hell erleuchtet ist das hier alles nicht gerade. Alle sind es gewöhnt. So fahren manche Autos gleich ganz ohne Licht vor. Männer springen nur kurz aus dem Wagen, um mit der Medizin im Beutelchen sogleich zu verschwinden. Wie vertraut einem ein Ort wird, wenn man mal mehr als eine Eiskugellänge an ihm verweilt. Den Polizisten der Straße kennen wir nun schon. Der versucht, das absolute Halteverbot durchzusetzen. Nur leider hat er mit uns einen so gewaltig Verstoßenden, dass ihm bei all den Kleinwagen die Argumente ausgehen. Wohin er uns schicken soll, weiß er auch nicht. Also gibt er nicht auf, aber nach. Busse unternehmen den Versuch, vor Leo in eine Haltestelle einzubiegen. Ein vergebliches Unterfangen. Leo ist zu groß und die Busse zu ungelenk. Da bleibt den Leuten nichts übrig, als im rasenden Verkehr das Weite zu suchen. Das alles in der Nacht und das alles im gleichförmigen Klick-Takt der Warnblinkanlage. Alles und alle scheinen der unausgesprochenen Anweisung zu folgen: Nach jedem Klicken der Warnblinkanlage bitte eine Bewegung vollführen.

So auch Mostafa, der wie vom Himmel gefallen mit einem Mal vor uns landet. Wir kennen einander nicht. Doch unser Leo, der ist Indiz genug, dass wir diejenigen sind, nach denen er sucht. Mostafa spricht deutsch und ist selbst gerade zu Besuch in der Heimat seiner Kindheit, Jugend und seines Lebens als junger Mann.

Mostafa lebt seit Jahrzehnten in Deutschland, hat das Alter der Rentenbezüge erreicht und liebt wenige Dinge mehr als seinen kleinen Garten in Köln. Bis nach Isfahan mussten wir fahren, um Mostafa aus Köln zu treffen. Das Leben hat schon einen eigenwilligen Sinn für Humor. Und wer ist nun wieder Mostafa? Der Vater von Erfane. Sie ist Ärztin in Jena und eine Freundin von Haleh und Hassan, dem Anästhesisten. Über die beiden kamen wir zu Ali Reza und später zu Dr. Ali, dem Vater Hassans. Ich werde des Knüpfens und Endfitzens des engmaschigen Netzes nicht müde, dessen Knotenpunkte der Zufall und dessen Verbindungslinien die Offenheit dem Unerwarteten gegenüber sind. In Isfahan steht eine Hochzeit auf dem Plan. Zu diesem Anlass ist Onkel Mostafa aus Deutschland angereist und auch wir sollen kommen. Einfach so. Ohne, dass uns hier auch nur irgendjemand kennen würde. Doch Gäste von weit her sind in jedem Fall ein gutes Omen und damit willkommen. So ist das hier im Iran. Da denkt keiner: Oh, noch zwei Esser mehr. Und hoffentlich bleiben die nicht so lange. Und überhaupt, wir kennen die ja gar nicht. Im Iran ist das anders. Egal wohin wir kommen, umfängt uns das Gefühl, gewollt und geladen zu sein. Die Menschen freuen sich, dass Fremde ihr Land bereisen. Und bitte, bitte erzählt draußen in der Welt, dass wir gute Menschen sind, ist ihr so oft wiederholter Wunsch an uns. Erfane in Deutschland begleitet uns in diesen Tag in Gedanken auf Schritt und Tritt. Jede Nachricht aus ihrer Heimat saugt sie auf und lässt die Sehnsucht und das Heimweh in ihr erblühen. Dreizehn Jahre war sie alt, als es in ihrer Familie hieß, wir machen Urlaub in Deutschland. Also gut, Urlaub in Deutschland. Tschüss Iran, bis in drei Wochen dann, dachte sich das junge Mädchen. Doch nach einundzwanzig Tagen machten die Eltern keine Anstalten, die Koffer für den Rückflug zu packen. Nein, ganz im Gegenteil. Pack deinen Koffer aus, war der Satz, welcher Erfane ins Grübeln brachte. Und mehr noch der nächste: Ab Montag gehst du hier in die Schule. Sie verstand ihre Eltern nicht mehr und die ganze Welt gleich gar nicht. Weil die längst für Erfane zusammengebrochen war. Kein Abschied von den besten Freunden, der Familie, den nahen Verwandten. Die liebsten Kuscheltiere, alle zu Hause in Isfahan. Nur sie war hier. Gefühlt unendlich allein und einsam. Mit einem Mal und Paukenschlag. „Du gehst hier in die Schule“ sagt erst einmal nichts darüber aus, wie es funktionieren soll, sich so ganz ohne Worte zu verständigen. Und überhaupt alles, alles, alles war fremd, anders, unverständlich. Das Leben in Deutschland schmeckte anders, roch anders, klang anders, war anders. Heute weiß Erfane, dass es keinen anderen Weg für ihre Eltern gegeben hatte, als den der geschaffenen Tatsachen. Jede Mitwisserschaft um das Vorhaben hätte alles gefährdet. Erfane, und sicher auch ihren Eltern, blieb einzig der Schmerz der Endgültigkeit. Erfane sah ihre Heimat erst knapp zwanzig Jahre später wieder. Und so ist auch für Mostafa, den Vater, der Besuch in Isfahan hoch emotional. Geschichten, zu Hause in Köln gut verdrängt und weggepackt, dringen hier in Isfahan mit all ihrer Wucht, Intensität, mit ihrer Traurigkeit und dem Bedauern an das Licht des blauen Winterhimmels.

Einer der ehemaligen Weggefährten Mostafas ist der Mundharmonikaspieler. Der Mann mit den dunklen Knopfaugen und einem Hut auf dem Kopf, wie ihn Komödianten tragen. Und tatsächlich. Er führt ein Restaurant, doch sein Herz schlägt für das Varieté. Seine Gäste mit einem Tanz zu beglücken, das Essen heranschweben zu lassen, als jongliere er mit zwanzig Schüsseln und Tellern gleichzeitig, über die Lautsprecheranlage des Restaurants Mundharmonikaklänge in das Kichererbsen-Mus seiner Gäste blasend – das genau ist seine Welt. Mir lässt es den Mund offenstehen. Erstarrt von der Erkenntnis, dass es hier alles gibt. Alles an Charakteren, Wesenszügen, Träumen – wie überall auf der Welt. Irgendwie sind wir alle anders und dann eben auch wieder gleich. Mit Mostafa vollführt der Knopfaugenträger ein Tänzchen zur Musik, welches den beiden gestandenen Männern die Tränen in die Augen treibt. Ich heule beinahe mit, aus Ergriffenheit, dem Leben gegenüber.

Kulissenwechsel. Wir mit Mostafa im Wohnzimmer seines Schwagers. Die Szene: Ein großer saalähnlicher Raum. Der Boden, ein einziges Meer weichen Teppichs. Unterbrochen nur von kleinen goldglänzenden Tischchen am Rand. Darauf das Obst, viel Obst.

Jedem sein eigenes Tellerchen und Schneidbesteck. Ein opulenter Sessel bildet jeweils ein Paar mit einem der funkelnden grazilen Obsttische. Der Rest ist Raum. Raum, sich zu begegnen und sich aus dem Weg zu gehen. Wie Ali, dem Sohn des Hauses, mit seiner Mutter. Er habe Flausen im Kopf, sagt sie. Sie verstehe die Jugend nicht, sagt er. Irgendwie beruhigend, es ist auch hier wie überall. Ali ist Computerspezialist. Er verhilft uns zu minimalem Internet. Eine Unglaublichkeit im Iran. Flüssiges Internet nennt man hier den Vorgang, wenn man einzelne Kilobits von einem Rechner zum nächsten trägt. Schnelligkeit wird überbewertet und Volumen erst recht.

Und dann ist ja auch noch Hochzeit. Afrouz, Alis Schwester, ist aus dem Süden angereist. Englischlehrerin ist sie von Beruf. Nur unterrichten kann sie nicht. Verheiratet zu sein bedeutet oft, seinen Job an den Nagel zu hängen. Afrouz leidet darunter, dass zur Ehre ihres Mannes zählt, für seine Frau zu sorgen. Ginge sie arbeiten, hieße das, er schafft nicht genügend Geld heran. Was einer Schmach für die männliche Familienehre gleiche, sagt sie. Vielleicht höhlt ja aber doch der stete Tropfen den Stein? All die jungen Frauen, denen ich begegne und die sich das Gleiche wünschen. Ein Leben für die Familie. Was jedoch nicht heißen kann, sich selbst in seinem eigenen Bedürfnis nach Entfaltung mit dem Tag der Hochzeit an der Wohnungstür abzugeben. Ausgebildet sind diese Frauen mit Hochschulstudien in exzellenter Güte. Und dann?

Fragen für heute beiseite! Denn jetzt ist Hochzeit in Isfahan! Heiraten im Iran geht so: Gestartet wird mit dem Abend der Frauen. Ganz ohne Männer trifft sich der engste Kreis der Familie, beschenkt die Braut, isst Gebackenes und Süßes, trinkt reichlich Tee, schwatzt, lacht und vergnügt sich am Gefühl der Vorfreude. Hochzeit ist am nächsten Tag. Unsere Nacht wird genutzt, um mein Gesicht in ein Schminkgemälde zu verwandeln. Für persische Verhältnisse reicht es einfach mal nicht aus, ein wenig Kajalstiftblau in die Nähe der Augen zu bringen. Afrouz zaubert, so dass ich mich am Ende der Nacht tatsächlich nicht mehr wiedererkenne.

Ein fremdes Gesicht steht mir am Spiegel gegenüber. Und in einem Reiseoutdoorlook zu einer persischen Hochzeit? Undenkbar. Im geliehenen Glitzeranzug steht Sten neben der Person, die ich einmal war, nur jetzt gerade nicht wiedererkenne. Und weiter mit der Tradition. Hochzeit heißt, stundenlang auf die Abfahrt zu warten. Sollte es nicht 17 Uhr losgehen? Und warum sitzen wir jetzt, um 20 Uhr noch immer beim Tee in der Wohnung? Afruz und ihre Mutter sind noch lange nicht fertig. Mein Kleid hingegen hat bereits eine Menge frischer Falten angesetzt. Irgendwann geht es los. Was bedeutet, dass wir mit ungefähr dreihundert anderen Gästen gemeinsam ein Hotel betreten. Links die Frauen. Rechts die Männer. Dabei meine ich nicht das Laufen am Eingang, sondern die Säle. Das offizielle Feiern findet getrennt voneinander statt. Männer in dem einen Raum und Frauen in einem anderen. Selbst für Braut und Bräutigam gilt die Regel. Nun also ich inmitten von ausgelassenen, herzlichen Frauen, die ich nicht verstehe. Macht aber irgendwie nichts. Wir tanzen einfach miteinander, machen hunderte von Jeder-Mit-Jedem-Fotos, setzen uns zum Essen und springen augenblicklich wieder auf, um eine Polonaise in Bewegung zu bringen. Wir haben Spaß, die Zeit verfliegt und die Männer scheinen vergessen zu sein. Sten geht es nicht ganz so wie mir. Auch er ist umringt von Männern, die er nicht versteht. Doch getanzt und gelacht wird bei ihnen nicht. Am Tisch sitzen und Tee trinken ist an der gesitteten Männerfront das Motto des Abends. Bis es Sten reicht und er auf alle Vorschriften pfeift. Mit neiderfülltem Blick steht er plötzlich vor mir. Hui, ein Mann im Frauensaal. Hier sei es so lustig und ausgelassen. Das ganze Gegenteil von der Männergesellschaft, beklagte er sich. Ich bleibe jetzt einfach hier, beschließt er kurz entschlossen. Den Männern ist es öffentlich nicht erlaubt, fremde Frauen, so fröhlich und teilweise ohne Kopfbedeckung zu sehen. Soweit also zum Grund, warum in verschiedenen Sälen gefeiert wird. Doch Sten ist wie der Korken in einer Sektflasche. Nach ihm schleicht sich Mostafa heran, der ebenso wenig Lust darauf hat, ausschließlich unter den Männern das Fest zu verbringen. Zwei Leute sind zwar noch kein Schwarm. Doch sie genügen, um mehr und mehr Männer zur bunten und lustigen Feier der Frauen herüber schwappen zu lassen. Im Griff hat die formale Ordnung niemand mehr. Und was die Hotelleitung zu all dem gemixten Spaß sagt, weiß ich nicht. Doch um Mitternacht ist einfach mal Schluss. Wie jetzt, denke ich. War es das jetzt? Von einundzwanzig bis vierundzwanzig Uhr? War das die ganze Hochzeit? Doch was sage ich. Nichts als der leise Beginn einer rauschenden Nacht war das Entry im Hotel.

Zu Hause, im neuen Reich des jungen Paars, steigt die eigentliche Party. Die Eltern des Bräutigams waren für den Kauf der Wohnung zuständig. Die Eltern der Braut für sämtliches Interieur. Vor weit geöffneten Schranktüren finden wir uns wieder. Ein Brauch zu zeigen, was Tassen und Töpfe zu bieten haben. Klappern gehört auch hier zum Geschäft. Traditionelle Familien bevorzugen es noch heute, den Partner für die Kinder in der eigenen Großfamilie zu finden. So bleiben Hab und Gut im eigenen Haus und man lässt sich nicht umständlich mit Fremden ein. Von super konservativ bis hypermodern, im Iran gibt es alles. Von der arrangierten Ehe bis zum Frei-Verlieben ist alles dabei. Ich stehe da, staunend und beobachtend, versuche zu ergründen, wie es den Menschen im Einzelnen geht. Unser Paar des Abends betritt nun also die eigene Wohnung. Von Weihrauchschwaden für das große Glück begleitet, ziehen sämtliche Gäste im großen Konvoi vorbei an den geöffneten Schränken. Selbst die Anzahl der Löffel wird von den älteren Damen erfasst. Und wie es im rosafarbenen Schlafgemach aussieht, weiß ich nun auch. Doch das, was mich fast umhaut, ist das riesenhaft große Wohnzimmer, einem Tanzsaal gleich. Wir kommen auf unsere Kosten, während der Saal den Härtetest mit einem “Nicht zu überbieten“ besteht. Privat ist privat. Und hier wird getanzt, dass es kracht, was in der Öffentlichkeit in keinem Fall möglich wäre.

Wieder eine Tradition, die mich staunen lässt. Die Gold- und Geld-Geschenke eines jeden werden vor allen geöffnet und kundgetan. Der Schenker kommt daraufhin nach vorn und wird von allen johlend umtanzt. Wie liebe ich es, einzutauchen in Bräuche und Sitten, den unsrigen so unähnlich und um so spannender, ihnen beizuwohnen. Ich schwebe, ich fliege, ich drehe mich in dieser Nacht. Vor Glück, auf der unglaublichsten Reise meines Lebens zu sein.

Mit dem Isfahan aus der Zeit des Medicus hat unser Erleben heute wohl nur noch wenig zu tun. Und doch schlägt das Herz der Jahrhunderte alten Traditionen an jeder Ecke der unglaublichen Stadt. Die Kupferschmiede, Goldhändler, singenden Männer an den Brückenpfeilern des Zayandeh Rud Flusses, sie alle verkörpern für mich die tief verwurzelte feingliedrige Kultur der Perser. Neugier, Entdeckergeist, Lebenswille, Zuversicht und das Streben nach dem eigenen Stück Freiheit schwingen durch die Luft. Und so gebe ich dem Medicus der alten und jungen Zeit meinen Medi-Kuss.

Film


Der gelbe Teppich des Ali Reza.

Mit Meybod haben wir so etwas wie den Mittelpunkt des Irans erreicht. Steckt man gedacht eine Nadel in die Stadt und dreht das Land in einem Kreis drum herum, gibt es keine Unwucht, nichts klappert und beult aus. Das Herz des Irans schlägt in der Wüste. So mein Empfinden. Dabei scheint selbst die Stadt pure Wüste zu sein. Kneife ich inmitten der Altstadt stehend meine Augen zu, ist mir, als stünde ich in Dünen aus Lehm. Das gleißende Licht nimmt den sandfarbenen Gebäuden jede Kontur, nirgends sichtbare Ecken und Kanten. Alles ist umhüllt von einem Schleier purer Sonne. Es ist, als bilde ich mir die Stadt nur ein, als sei sie die Fata Morgana meines Wahns in der glutheißen Hitze des Frühlings. Was wird das erst im Sommer werden? Ich zerfließe fast in meiner Montur aus dunkler Hose, langer, bis zu den Knien reichender Jacke und dem Schal um den Kopf. Die Männer um mich herum haben sich heute für die Version luftiges Kurzarmhemd entschieden. Mir blieb die Qual der Wahl dankenswerter Weise erspart. Die Langvariante, wie an jedem Tag, und fertig. Körperkonturen dürfen bei Frauen nicht sichtbar sein. Geschweige denn Fußknöchel oder freiliegende, dem Licht ausgesetzte Schultern. Dabei liebt meine Haut nichts mehr, als das wohlige Verschmelzen mit dem Sonnenschein.

In Meybod treffen wir Ali Reza. Er ist ein Verwandter von Dr. Ali, der wiederum der Vater unseres Freundes Hassan aus Jena ist. Was ist die Welt zerwürfelt in ihre tausenden von Puzzlesteinen? Und wie geschmeidig passen mitunter die Teile ineinander, wenn wir sie zuvor in Ruhe betrachten. Im Haus von Ali Reza treffen wir zum ersten Mal im Iran auf tief verwurzelten Glauben. Die Männer tragen stolz dunkle Stellen an der Stirn. Als hätte sich Hornhaut gebildet, so sieht es aus, was sie sich tatsächlich mithilfe eines heißen Gebetssteines zum Zeichen ihres tiefen Glaubens in die Stirn gebrannt haben. Gebetssteine, Mohr genannt, sind dominogroße Tonsteine aus der Erde Mekkas oder anderer heiliger Orte. Schiiten benutzen sie im Gebet, indem sie ihren Stein vor sich auf dem Boden ablegen, auf die Knie fallen, den Kopf nach unten richten, um so mit der Stirn heilige Erde in Form des Gebetssteines zu berühren.

Ali Reza hat einen Teil seiner großen Familie um sich versammelt und obendrein zwei Freunde eingeladen. Die beiden sind pensionierte Englischlehrer und so eine große kommunikative Stütze und verbale Brückenpfeiler für uns. Als Lehrer hat man im Iran nicht unbedingt sein Auskommen. Es ist ein wichtiger Beruf. Doch sein Ansehen zeigt sich nicht durch die Entlohnung. So haben beide in ihrem Leben mehr als nur einen Job gehabt. Unter anderem waren sie jahrelang nebenher als Brotfahrer in Kuweit unterwegs. Eine Zeit, in der sie Ali Reza kennenlernten. Freunde fürs Leben also, die drei.

Der Wohnbereich, abermals ein großer leerer Raum mit dicken weichen Teppichen. Eine Ecke fürs Gebet, eine andere für den Fernseher. Das Leben spielt sich auf dem Fußboden ab: Zusammensitzen, Reden und Warten aufs Essen. In diesem Haus aber bitte nur die Männer. Sämtliche Frauen sind in der Küche versammelt. Und auch hier hocken alle auf dem Boden. Nüsse knacken, Kartoffeln schälen, Fleisch würfeln, Zwiebeln hacken, Limetten auspressen. Die Frauen in Ali Rezas Familie sind alle verhüllt, auch in der Wohnung. Das bedeutet auch für mich, meinen Schal auf dem Kopf zu belassen. Doch freundlich und auf ihre Art witzig sind sie auch hier. Um mich an die Regeln zu halten, habe ich mit einem weiteren Tuch meinen Haaransatz komplett abgedeckt. Ja, so fühle ich mich wohler unter all den Frauen. Nur die engsten männlichen Verwandten, so wird mir erzählt, wie der Ehemann, Vater, Bruder, Großvater, Schwiegersohn und Schwiegervater sowie der Bruder des Vaters dürfen in sehr gläubigen Gegenden und Haushalten die Frau ohne Kopfbedeckung sehen. Sten und die Englischlehrer sind definitiv fremde Männer in ihrem Haus, so dass die Frauen ihre Tschadors, die Kopfbedeckungen, die nur das Gesicht frei lassen, nicht ablegen. An der Eingangstür hängen zwei Arten von Klopfern. Links ein rund Geformter, welchen die Frauen betätigen, wenn sie zu Gast kommen. Und rechts ein länglicher Klopfer, der für die Männer bestimmt ist. So weiß die Frau des Hauses, wie verhüllt sie sich zu kleiden hat, und öffnet obendrein nicht versehentlich einem fremden Mann die Tür.


Ich setze mich ebenfalls auf den Boden, um mitzuhelfen beim Kochen. Nebenher notiere ich zügig, um die Abfolge der Handgriffe nicht zu vergessen. Die Frauen sind schüchterner hier, auch stiller und zurückgezogener. Besonders deutlich wird mir das, als es ans Essen geht. Um das auf dem im Wohnzimmer am Boden ausgebreitete Tuch sitzen außer mir nur Männer. Die Frauen setzen große Schalen und Teller mit lecker duftenden Speisen auf der Mitte des Tuches ab. Ich selbst beginne zu rutschen, damit Platz zum Sitzen für die Frauen wird. Bis ich merke, dass sie nicht kommen, sondern stattdessen in der Küche essen. Niemand außer mir scheint auch nur den Hauch eines Anstoßes daran zu nehmen. Ich fühlte mich unwohl im Kreis der Männer. Und weiß doch, dass die Frauen es auch nicht mögen würden, wenn ich zu ihnen in die Küche käme. Ich bin schließlich Gast, und als dieser ein Geschenk Gottes. Gern hätte ich die Frauen gefragt, wie sie es tatsächlich selbst empfinden, getrennt von den Männern zu essen. Doch leider bleibt uns nur die Sprache der Blicke und Gesten und Deutungen. Frage ich die beiden Englischlehrer danach, antworten sie nur kurz: Völlig normal, das ist bei uns traditionell einfach so. Womit der Fall erledigt ist. Die Atmosphäre an unserer Bodentafel ist entspannt. Auch die Frauen sehen beim Nachfüllen der Teller zufrieden aus. In mir rattert und klappert und kämpft das Frauenzahnradgerechtigkeitswerk. Und doch weiß ich, dass es ausschließlich mein Blick auf die Dinge ist und die Frauen in ihrem Glauben einen ganz anderen haben. Wochen später erreicht uns eine Nachricht. Die von Ali Rezas Tod. Als habe er es geahnt, in unseren gemeinsamen Tagen in Meybod. So großzügig seine Gesten, so bedeutungsgeladen sein Handeln. Der stille große Mann, dessen Augen intensiver mit mir sprachen, als es beide Englischlehrer zusammen vermochten. Wie viel ist Sprache am Ende tatsächlich wert? Und inwieweit lässt sie uns das Wahrnehmen mit allen Sinnen verlernen, zumindest vordergründig brachliegen, als Schatz in einer unserer geheimsten Truhen? So sehr verlassen wir uns auf die Worte und überhören, übersehen, übergehen dabei feine Regungen, die uns vielleicht vom Eigentlichen erzählen. Denke ich an Ali Reza, ist mir eines klar: Die Sprache seiner Seele war es, die mich erreichte. Gemeinsam ließen wir uns ein auf die alten Zeiten, in denen die Karawanen durch Meybod zogen und in der Karawanserei Rast abhielten. Zwanzig bis fünfundzwanzig Kilometer legte eine Karawane im Schnitt täglich zurück. Genau das ist die Distanz, in der auch wir entlang der Seidenstraße mancherorts noch auf Karawansereien stießen. Manchmal haben sich drum herum Städte entwickelt, wie hier in Meybod. Manchmal wurden die Stallungen und Schattenplätze wieder der Wüste übergeben. Dann finden sich vielleicht noch ein paar blaue Mosaiksteine verstreut irgendwo im Sand.

Ein Kommen und Gehen nicht nur der Kamele. Die Müden wurden durch erholte Tiere ersetzt. Nachdem die Männer oft mehr als nur eine Nacht gemeinsam am Ort des Schutzes, des Wassers, der Ruhe und vor allem der neuen Nachrichten verbrachten. Die Karawanserei war Zeitung und Rundfunk und TV-Nachricht und Seifenoper in einem. Die Karawanenführer sind sozusagen die Journalisten der frühen Tage. Vielleicht auch Schauspieler und Märchenerzähler? Denn wie viel von dem Berichteten entsprang der Phantasie des Erzählenden, wurde unter dem Sternenhimmel am Feuer verändert und neu weitergetragen? Menschen reden gern, besonders über andere.

Ali Reza hat sich also auf und davon gemacht. Auf einem gelben Teppich, aus festem Faden von zerfurchten Männerhänden gewebt, die aussehen, als haben sich ihre Gesichter in den Händen als Spiegel vergraben. Ich kann ihn sehen in meinen Träumen, den Mann mit dem weitherzigen Blick. Und weiß heute ganz genau, warum ihm so unglaublich daran gelegen war, uns jedem einen dieser gelben Teppiche als Zeichen unserer ewigen Verbundenheit in die Arme zu legen. Nur Ali Reza wusste in dem Moment um die Tragweite seines Schenkens. Und er war sich darüber im Klaren, dass es seine Art zu gehen sein wird. Auf dem dahinfliegenden gelben Teppich, gewoben in der Karawanserei seiner Stadt Meybod.

Fotos

Hubble-bubble mit Zarathustra.

Wasserpfeife rauchen an einem Ort, der für mich nichts anderes verkörpert als Tausend und eine Nacht. Gelbe und rote Laternen erklären dem verdutzten Mond, was eine angemessene Lichtstimmung ist. Währenddessen lümmeln wir uns auf einem der Korsi, den aus Holz reich verzierten Sitz-Liege-Tisch-Stuhl-Sofa-Varianten in einem. Einen halben Meter hoch mögen sie sein, die mit Teppichen und Kissen bestückten, meist zwei mal zwei Meter großen Gestelle. Mit gekreuzten Beinen sitzen wir darauf und genießen, was kommt. Zwei wunderreich bemalte Wasserpfeifen, hier im Iran Ghelyoun genannt. Obwohl seit dem Jahr 2011 das Wasserpfeife-Rauchen in einigen speziellen Teehäusern wieder offiziell erlaubt ist, nachdem im Jahr 2005 von der Regierung ein generelles Verbot ausgesprochen worden war, fühle ich mich, als täte ich gerade etwas Verbotenes. Öffentlich ist der Ort doch deshalb nicht unbedingt gesellschaftlich anerkannt. Ich spüre den Kitzel des Halblegalen, wie als kleines Mädchen, das vor dem zu Bett gehen Bonbons lutscht, obwohl die Zähne schon geputzt sind. Wasserpfeife-Rauchen zählt zu den menschlichen Vergnügungen. Und da nun mal dem öffentlichen Vergnügen damals im Iran ein Riegel vorgeschoben wurde, fiel das gemütliche Sitzen unter einer Traumwolke aus Apfelgeruch mit unter den Geselligkeitshammer. Für uns ist es ein weiterer Abend mit Menschen, von denen wir glauben, einander schon ewig zu kennen. Vielleicht aus einem anderen Leben? Wer weiß das schon so genau? Begegnet sind wir uns über das hier so genannte Sechs-Hände-Prinzip. Hat man im Iran ein Problem, so spricht man, wie überall anders auch, einen anderen darauf an. Erhofft man sich in unseren Breiten oft sofort eine Antwort oder Hilfe, geht das Sechs-Hände-Prinzip davon aus, dass spätestens der Sechste, der von meinem Problem erfährt, eine Lösung für mich bereithält. Fraglich zwar, ob das Problem, von dem der Sechste erzählt bekommt, noch das gleiche ist, wie mein Ausgangsproblem. Ich weiß nur, dass die Methode in unserem Fall mehr als einmal funktioniert hat. Saman und Nazanin hatten vielleicht noch nicht die sechsten Hände, doch die Vierten mit Sicherheit. Wir – erste Hand – haben einen deutschen Freund. Er ist Leiter eines OP-Bereichs in Jena – zweite Hand –, der wiederum einen Arzt im Iran kennt – dritte Hand –, der jedoch gerade zu einem Kongress unterwegs ist, aber einen Geschäftspartner – vierte Hand – für medizinische OP-Geräte hat, welcher in der Stadt Yazd lebt, tatsächlich gerade da ist, sich Zeit für uns nimmt und uns in das Haus seiner Eltern einlädt. Wie es obendrein gelingt, von einer Hand in die andere E-Mailadressen und Telefonnummern zu reichen, um sich tatsächlich zu verständigen und einen Treffpunkt zu vereinbaren, gleicht der Mühe aus den Zeiten der Karawanen. Doch damals wie heute spüren Reisende, dass sich für alles ein Weg finden lässt. So auch wir und so auch heute. Plötzlich steht Saman, der mit der vierten Hand, vor unserem Leo. Und augenblicklich ist jedes Fremdeln dahin. Vielleicht wird ja durch die Hände gleich noch die Vertrautheit vom einen zum anderen übergeben? Saman ist einer, den ich als Weltmensch bezeichne. Sein Geist reist über sämtliche Ländergrenzen hinweg. Er denkt quer und spontan, verbindet das eine Thema mit der nächsten Idee. Ist an den Geschicken der Welt interessiert und spannt seine Fäden der Vorstellung blitzschnell über die Kontinente. Gerade so, als gäben die umfänglichen Restaurierungsarbeiten an der aus dem 12. Jahrhundert stammenden und im 14. Jahrhundert erweiterten, großen Versammlungsmoschee in Yazd die schlichte Basis für das Große und Weite. Samans Großvater trug als Architekt die Verantwortung für die neuzeitlichen Arbeiten, so dass sein Name in den blauen Kachelornamenten Verewigung fand. Das Erhabene, was nur einen Gott kennt auf der ganzen Welt, der nur eben unterschiedliche Namen trägt. Wer kann in seinem Leben tatsächlich so viel hinterlassen, dass die Ahnen einmal ein Gotteshaus betreten und dabei den Namen des eigenen Großvaters auf den Lippen tragen?

Nazanin und ich sehen aus wie ein duftender Kaffee mit einer Haube aus Sahne. Sie dunkelhaarig, mit tiefschwarzen geheimnisvollen Augen. Ich blond, mit dem Blau des Wassers im Blick. Doch unsere Seelen scheinen Schwestern zu sein. Das spüren wir, während wir schwitzend in unseren dicken, langen Mänteln neben unseren Männern herlaufen, die längst wieder die Jacken von sich geworfen haben und mit leichtem Gepäck durch die Lehmziegelbauten von Yazd schlendern. Da ist der Luftzug im Inneren eines Windturms ein echtes Mädchenparadies. Führt hier der Wind doch die kalte Luft in das Innere der Räume. Gebaut, um Obst und Gemüse länger frisch zu halten, manchmal auch Menschen. Ganz ohne Strom funktioniert der Kühlschrank der alten Zeiten.

Mit Saman und Nazanin Teile zeitlosen Gedankenguts aufzuspüren, belebt mein schwitzendes Herz. Der Zarathustrismus kreuzt unseren Weg, dessen größte Anhängerschaft in Indien und Iran anzutreffen ist. Irgendwann in der Zeitspanne von 1.800 Jahre vor und 600 Jahren nach Christus vermutet man die Entstehung der Religion im iranischen Hochland, dem heutigen Afghanistan. Mit der Ausbreitung des Islams, emigrierten vor ungefähr 1.000 Jahren ein Großteil der Anhänger in das Gebiet Indiens, wo sie den Namen Parsen, abgeleitet von Persern, tragen. Bis heute sind die drei wesentlichen Grundsätze in der Lehre des Zarathustras die der guten Gedanken, guten Worte und guten Taten. Es geht um den guten und den bösen Geist, die in ihrem Zusammenwirken unser Leben auf der Erde bestimmen. Damit das Gute über das Böse siegen kann, muss sich der Mensch als vernunftbegabtes Wesen entscheiden. ‚Ach ja, wie aktuell‘, nicke ich mir zu. Im Feuertempel von Yazd stehend und auf die heilige, niemals erlöschende Flamme als Gottheiten-Symbol schauend. Im Iran wird der Zarathustrismus als eine Minderheit von staatlicher Seite geduldet.

In die Zeit meines Lebens in der DDR fühle ich mich zurückversetzt. Das Denken ist frei, das Reden hat viele Facetten. Ich mußte wissen, mit wem ich worüber spreche. Es hatte etwas von einem Leben mit doppeltem Boden. Es gab ein Innen und Außen, eine offizielle Meinung und eine eigene. Wie mehrsprachig aufwachsende Kinder, deren Instinkt blitzschnell weiß, welche Worte zu welcher Sprache gehören. Künstler des gedanklichen Jonglierens, hier wie da. Wenn uns so viel Luft des ungefilterten Denkens entgegenströmt, lassen auch wir unseren Worten freien Lauf. Der Qualm der Wasserpfeifen kondensiert zu Ideentropfen in unseren Köpfen. Fein säuberlich bringen wir vier sie alle miteinander im Teehaus ans gelb schimmernde Licht der verschwiegenen Laternen.


Don‘t worry, Rafsanjan.

„In Rafsanjan, da müsst ihr schauen. Das ist sehr religiös da im Süden. Dort solltest du kein buntes Tuch auf dem Kopf tragen, Elke.“ Lieber gedeckte, dunkle Farben. Alles andere geht dort gar nicht, sind die Worte Annettes in Teheran, die vorbereiten auf das, was mich im Süden des Landes erwarten sollte. Und sie muss es wissen. Der Job wehte die deutsche Familie mit ihren drei Kindern nach Persien. Mit dem Geländewagen rumpelte Annette viele Male auf eigenen Faust mit ihren Kindern durchs Land. ‚Mutig die Frau‘, denke ich mir. Als sie uns weiter warnt, bestimmte Pisten zu meiden, da dort Minen vergraben seien. Die Schönheit der Landschaft sehend, hält sich meine innere Freude ob der Ankündigungen dennoch spürbar zurück, als wir uns der Stadt Rafsanjan, im Südosten Irans gelegen, nähern. Nun schon gut zwei Monate unterwegs kostet mich das mentale Betreten von Neuland noch immer eisberggroße Überwindung. Die Türkei hat es gut mit mir gemeint, der Norden des Irans auch. Doch noch immer hält meine Entdeckerseele Winterschlaf. Suche ich Halt und Anlehnung an Vertrautem, finde ich doch nur das Fremde. „Schön“, möchte man sagen. Doch in mir drin kann ich das Licht der Neugier und des sich Öffnens leider noch immer nicht in vollem Maße finden. Ich muss wohl geduldig sein, vor allem mit mir selbst. Mag ich meinen inneren bleischweren Panzer und das flüsternde Zaudern nun verstehen oder nicht. Will ich doch die frische Weltenentdeckerin sein und kann es mir selbst nicht bieten. Wer weiß warum, wer weiß wofür, würde eine weise Oma jetzt sicher sagen. Ein schwacher Trost für mich in diesen verknoteten Tagen. Ja, wir haben Zeit, ein ganzes Jahr lang. Und nein, wir haben keine Zeit. Unser Visum für den Iran, so schwer zu ergattern, läuft in wenigen Tagen aus.

Also, Rafsanjan, mit den Rädern kurz antippen, Blinker setzen, Schulterblick links und ab in den Norden. Ein Haken, wie ihn ein Wild-Hase schlagen würde, im deutschen Gefilde. Wir erreichen die Stadt, wir durchqueren die Stadt, wir lassen die Stadt hinter uns. Nun mal ehrlich. So unwirtlich, wie meine graue Phantasie die Stadt gemalt hat, will sie sich im Wüstenlicht gar nicht zeigen. Warum nur mischt meine Vorstellung die dunklen Farben zusammen? Habe ich den Pinsel lange nicht ausgewaschen? Sollte ich das Wasser mal wechseln? Irgendwas ist, dass ich den Lichtschalter in meinem Kopf nicht finde. Ein leuchtendes Gelb ist alsbald ein matschiger Eiter-Ton, sobald es das Papier meiner Vorstellung erreicht. Wie lange noch will dieses beklemmende Gefühl in mir wohnen? Kann es nun bitte mal gehen? Mir reicht es. Echt eine hammerschwere Lektion, die mir mein Leben gerade erteilt. Das, wie ich sein will, ist das eine, das, wie es mir gerade tatsächlich geht, etwas vollkommen anderes. Sage einmal den Sicherheiten deines Lebens „Goodbye“ und du wirst sehen, was sich da alles an Farbe abwäscht, bevor du irgendwann auf die reinen Pigmente stößt. Ein langwieriger Prozess. Doch muss der nur wirklich so weh tun? Geht es nicht ein klein wenig sanfter und schneller? Offensichtlich wohl nicht. Danke, Illusion! Also weiter, immer weiter. Inzwischen bergauf, zwanzig Kilometer hinter Rafsanjan. Leo schnauft und kämpft sich durch die engen Kurven der Bergeinschnitte. Die Kulisse macht mir nicht unbedingt Mut, doch lädt sie mich ein zum Fotografieren. Einsamkeit, am offensichtlichen Ende der Welt, wohin ich blicke. Und trotzdem, Ede, schau hin, befehle ich mir. Sieh das Einzigartige darin. Und hör endlich auf mit dem Selbstmitleid. Das stinkt ja zum Himmel. Es stinkt wahnsinnig, höre ich mich tatsächlich schreien. Es qualmt wie verrückt. Anhalten, Sten, Stopp! Sofort! Er mag wohl denken: Dreht sie jetzt komplett durch? Doch er tut, was ich sage. Auch wenn er nicht wirklich weiß, warum. Und dann irgendwie doch. Ein ohrenbetäubendes Zischen scheint die nahende Explosion von Leo anzukündigen. Motor abstellen, aus dem Leo springen und gehörig Abstand nehmen sind eins. Das giftschlangengleiche Zischen will nicht enden, doch eine Explosion bleibt aus. Der Gestank und Qualm lässt uns verbrannten Gummi vermuten. Ratlos, ja komplett ohne Rat, stehen wir da, im Wind der schattenkalten Berge. Sicher ist nur eins. Die Sonne geht unter. Sehr bald. Was ist zu tun? Keine Ahnung. Was können wir machen? Keine Ahnung. Wie in Schockstarre stehen wir da. Sehen uns an. Stumm. Zu mehr reicht es gerade nicht. Was kann das sein? Und wie ist es zu beheben, allein, hier draußen in den engen Gebirgskurven? Weltreisen ist Schwerstarbeit. In jedem Fall für Schutzengel. Was haben die zu schuften, im Auge zu behalten, sind hier und da unterwegs. Wenden nicht unbedingt ab, doch haben ein Ass unter dem Flügel, wenn es brenzlig wird. Echte Spaßvögel, unsere Engel. Setzen die nicht tatsächlich zwei Männer in der Kurve direkt vor uns ab? Wo kommen die her? Weiß nicht. Wo wollen die hin? Ich habe keinen blassen Schimmer. Nur eins will ich, schreien vor Erleichterung. Die beiden sprechen kein Englisch, egal. Wir verstehen kein Farsi, macht nichts. Doch die Männer haben ein Telefon und wir einen Wasserkocher. Denn wenn nichts funktioniert, Tee trinken geht immer. Auf dem nächsten Hügel findet der eine mit seinem Telefon einen Hauch von Empfang. Einen Freund ruft er an und noch einen. Und die Polizei. Und immer so fort. Inzwischen hat ein Fahrer mit seinem Sattelschlepper gehalten. Der Mann liegt im Staub unter unserem Leo. Ein Auto voll mit Tschador umhüllten schwarzen Frauen hält an. Sie geben der Szene den Segen. Mit dem Traktor kommt Dramatik ins Spiel. Alle wollen helfen. Auf ihre Art. Energiegeladen, laut, inbrünstig reden und gestikulieren sie wild durcheinander. Ob die sich verstehen? Ich kapiere nichts. Der Menschenauflauf ist keine Lösung. Trotzdem macht er mir Mut. Ich richte mich innerlich darauf ein, hier draußen die Nacht zu verbringen und zeige mich als Gastgeberin großzügig. Einen Tee nach dem anderen, einen Kaffee nach dem nächsten trage ich zu unseren Mental-Unterstützern. Helfen können sie uns alle nicht wirklich. Doch sie würden gern und zeigen das mit aller Hingabe und Emotion. Sie wünschen sich wohl, dass alles bald gut werde, entnehme ich ihren hoffenden Gesten.

Film

Derweil überlege ich mit Sten im Stillen, was uns tatsächlich weiterbringen kann. Gedanklich blättern wir unsere iranischen Telefonnummern durch und stoßen dabei auf Dr. Ali aus Mashhad, im Norden des Landes. Der kennt uns noch nicht. Genauso wenig wie wir ihn. Doch wir wissen um sein umtriebiges und unkonventionelles Wesen, genauso wie um seine gigantische Vernetzung im ganzen Land. Treffen sich im Iran zwei Fremde, ist es zu jeder Zeit und unter noch so großem Zeitdruck das Erste, die Telefonnummern auszutauschen. Man weiß nie, wann man wen wofür braucht. Der Kontaktfanatismus ist der mit Liebe gewebte Boden, auf dem im Iran das Leben gedeiht. Dr. Ali spricht Englisch. Ein großes Plus in unserer Situation. Und er reagiert prompt. Mashhad liegt zwei Tagesreisen von uns entfernt. Doch das Sechs-Hände-Prinzip ist wieder einmal unsere Lösung. Dr. Ali kontaktiert Ali Reza, der ausschließlich Persisch spricht, in Meybod. Der wiederum hat einen Bekannten in Rafsanjan. Dieser kennt jemanden, der Englisch spricht und auf den Namen Mister Hashemi hört. Mister Hashemi also ist unser Mann. Am Eingang der Stadt Rafsanjan würde er auf uns warten, heißt es in einer Textnachricht auf dem in der Dunkelheit leuchtenden Display kurz.

Bewegung kommt ins Bild, als Männer in schwarzen Lederjacken erscheinen. Die Leute von der Sicherheit, hm, also Geheimpolizei, erfahren wir später. Sie bilden unsere blinkende Eskorte auf dem wahnsinnigen Geschwindigkeitsritt von zehn Kilometern pro Stunde zurück in die Stadt nach Rafsanjan. Zwei Stunden für zwanzig Kilometer, ist unsere Spitzenbilanz. Schneller kann Leo nicht. Schneller wollen wir nicht, zumal wir die Krankheit von Leo nicht kennen. Schon toll, dass sich seine Räder überhaupt noch drehen. Unsere Zeremonienmeister von der Polizei geben sich alle Mühe, Leo bei seiner Schneckentempofahrt würdevoll aussehen zu lassen. Mit ihren Sirenen und dem rot-weißen Licht kommen sie zu ihrem Höhepunkt, als auch noch ein Sandsturm das Szenario in kaum überbietbare Dramatik stürzt. Keine Ahnung, wer sich dieses Schauspiel nun wieder ausgedacht hat. Sind wir doch einfach nur froh, durch die undurchsichtige Sandwand der Nacht ein paar blinkende Anhaltspunkte zu erahnen. Bis unser Konvoi mit einem Mal stoppt. Wir bleiben sitzen und warten ab. Irgendwer scheint an jemand anderen übergeben zu haben. Ein weißes Fahrzeug ohne Lichtsignale hat die Führung übernommen. Einen Fahrer sehen wir nicht, während das Blinken der Polizei grußlos in der Sandkasten-Nacht verschwindet.

Reden macht im Leo aus vielerlei Grund keinen Sinn. Ob das weiße Fahrzeug überhaupt noch etwas mit unserer Aktion zu tun hat? Wir hoffen einfach. Im großen Bogen umrollen wir Meter für Meter die Stadt. Manchmal lenkt Aktionismus ja ab. Auch wenn der aus einem Kriechgang besteht, welcher in einer Toreinfahrt sein jähes Ende erfährt. „Halt hier“ und „Stopp“, sind die mimischen Anweisungen der Zeichensprache. Und plötzlich ist er da, unser Mann, Mister Hashemi. Sympathisch sieht er aus, elegant im Anzug gekleidet. Professionell sein Habitus. Charmant seine Rede. Ohne mit einer Silbe darauf einzugehen, wer er ist und wo wir sind, unterrichtet er uns in glockenklarem Englisch, dass heute ein großes Familienfest anstünde, wir das kaputte Fahrzeug vergessen mögen und mitzukommen haben zur Familie auf das Fest. Was für ein Szenenwechsel. Wie nennt sich dieser dramaturgische Kniff aus dem Handgelenk doch gleich? Wer kann seinem Zuschauer so viel Flexibilität im wilden Wandel der Ereignisse zumuten? Da kommt doch keiner mehr mit und glauben tut es auch niemand. Doch das Leben schreibt seine eigenen Geschichten, mitunter die kuriosesten. Muss ja keiner glauben. Das Leben ist sich selbst genug. Ein Wohnhaus. Darin ein Saal, dessen Wände den Schmuck einer Perlenkette aus Königsstühlen tragen. Anders kann ich die opulenten Sitzgelegenheiten nicht bezeichnen. Denen es definitiv keinen Abbruch tut, ihre Goldstickereien von einem Plastiküberzug vor dem Sand der Wüste schützen zu lassen. Und wer sitzt darauf? Sämtliche Männer. Der Familienälteste findet sich an der Stirnseite. Die Reihenfolge folgt der Rangfolge. Frauen sind keine dabei. Sie finde ich erst bei einem geübten Blick in die Küche. Um die zwanzig Frauen sitzen dort auf dem Boden, nehmen reihenweise Hühner aus, füllen sie mit Gewürzen, kochen gelbgoldenen Safranreis, zaubern Salate, Suppen und Pasteten. Wie in die Küche des gestiefelten Katers fühle ich mich versetzt. Mein Bild der königlichen Küchen, angefüllt mit den sich vor Üppigkeit biegenden Schüsseln und Tellern aus den Märchen meiner eigenen Kindertage. Der Anblick der vielen Frauen auf dem mit flauschigen Teppichen ausgelegten Boden hockend, sitzend und kniend, schwatzend und lachend, brennt sich augenblicklich für den Rest meines Lebens tief in mir ein. Ich kann das Zischen der Verewigung körperlich spüren. Wohin ich gehöre, weiß ich nicht recht. Natürlich zu den Frauen in die Küche, denke ich. Doch die schicken mich winkend weg. Ich, der Gast. Bei den Männern habe ich aber gleich gar nichts verlorenen. Vor allem geht es nicht, mich einen Augenblick lang neben Sten zu setzen, der vom Familienoberhaupt an die Stirnseite gebeten wurde. Keine Ahnung, wie viele Verhaltensregeln ich hier gerade auf einen Schlag verletze. Dann lieber doch die Küche. Bei den Männern mache ich ein paar stilechte Fotos. Bei den Frauen fange ich die Atmosphäre mit meiner Kamera ein. Der beste Job, wenn ich nicht weiß, wohin ich gerade gehöre.


Dann gibt es da noch ein anderes Zimmer. Das der alten, auf ihre Art schönen, faltigen Frauen und zartjungen Babys. Dort werden Säuglinge auf den Armen in den Schlaf gewiegt, Wippen geschaukelt, Nuckel in die suchenden Münder gesteckt, Tränen getrocknet und all das mit der unendlich weisen Gelassenheit von Frauen, für die Kinder aufzuziehen ein Kinderspiel ist. Dann das Zeichen: Essen ist fertig! Die Männer wechseln in aller Ruhe ihre Sitzposition von den Stühlen, indem sie nach unten gleiten auf den Boden. Mit verschränkten Beinen finden sie sich vor dem großen, weit ausgebreiteten Tisch- ähm, Boden-Tuch wieder. Darauf nun die Speisen in Schüsseln, auf Tellern, in Krügen und Körben, um die Münder und Mägen der gut vierzig Familienmitglieder zu erfreuen. Es klappert und befüllt sich, gießt ein und verteilt sich, es feixt und kichert um mich herum. Ich sitze bei den Frauen, an einem Seitenarm des Tuches. Doch den Moment, in dem der Familienoberst das erste Mal seine Gabel zum Mund führt, bekommt jeder mit. Denn erst jetzt ist der Startschuss zum gemeinsamen Essen gefallen. Ich koste von allem und verliebe mich einmal mehr in die persischen Speisen. Auf Sauer trifft Süß und Pikant trifft auf Pfeffrig. Das Gelb des Safrans hat seine Freude am Rot des Granatapfelsaftes und aalt sich kontrastierend im Violett der Auberginen. Phantasiereich und ungewöhnlich kombiniert. Da ist einfach liebevolle Hingabe im Spiel. Hinzu kommt das lange schonende Garen, das Marinieren und Einlegen. Mit Hand, Löffel und Gabel zaghaft bearbeitet, zerfällt noch das größte Stück Fleisch ergeben auf dem eigenen Teller.

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22 aralık 2023
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418 s. 165 illüstrasyon
ISBN:
9783946769118
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