Kitabı oku: «Mann und Frau und Weltreise»

Yazı tipi:

Elke Klinger


MANN UND FRAU UND WELTREISE

WIE ICH ZUR REISE MEINES LEBENS KAM

Mit erlebten Geschichten,

65 Farbbildern,

114 Tipps,

2 Karten &

1 Vorbereitungs-Checkliste …


Ede, die Frau. Sten, der Mann. Planen die beiden nicht allen Ernstes, bei voller Fahrt, mitten im Leben stehend, für ein Jahr auszusteigen, um auf Weltreise zu gehen? Ede und Sten beginnen sieben Jahre vor dem geplanten Start ihre Geschichten zu erzählen – unabhängig voneinander, jeder auf seine Weise.

Wie ist es Ede in dieser Zeit ergangen? Welche Hoffnungen und Zweifel umtrieben sie? Leise schreibt sie darüber. Laut sagt sie: „Ich habe keine Ahnung, was unser Vorhaben mit mir anstellen wird. Die sieben Jahre vorher nicht und danach gleich gar nicht. Ich bin gespannt auf mich selbst, mache mich auf zum Trockentraining, mit Schwimmflügeln an den Oberarmen und einem rot-weiß gestreiften Ring um den Bauch.“


Ede alias Elke Klinger,

Jahrgang 1968, in Weimar/Thüringen geboren. Fünfundzwanzig Jahre arbeitete sie erst als Fotografin – durch die Welt jettend – und später als Managerin. Heute ist sie Coach. Sie liebt das Unterwegssein, die Veränderung, das Ankommen, aber auch das Weiterziehen.


Impressum

ART-KON-TOR Change Prozesse GmbH

STEDE Verlag

Copyright © 2016 by STEDE Verlag, Jena

Fotos & Grafiken: Elke Klinger, Karsten Meyer

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

ISBN 978-3-946769-01-9

www.2015.edeundsten.de

www.weltreise-buch.edeundsten.de

Wenn man den Weg verliert, lernt man ihn kennen.

Sprichwort der Tuareg aus Afrika

Gewidmet unseren Kindern Paula, Elias, Constantin

Inhalt

Cover

Titel

Elke Klinger

Karte: Unsere 7 Jahre bis zur Weltreise

Impressum

Zitat/Widmung

Vorwort

Ich bin ich.

Sieben Jahre vorher.

Hochverehrtes Leben

Redezeit

Glitzertraum

Mein Umbau

Hallo Zukunft, bitte kommen

Messen ermessen

Mit mir oder ohne mich?

Geldberg

Zwei Jahre vorher.

Abenteuerdurstig

Suche suchen

Hilfe! Notfall!

Test, Test, Test

Männersache?

Von Grenzgängern und Bienen

Russland, wer bist du?

Die Kuh, der Friedhofsgärtner

Orthodoxe Träume

Die fixe Idee

Victor und Klava

Mein russisches Gefühl

Art oder artig

Hallo, hallo

Ein Jahr vorher.

Hui jui jui

Generalprobe

Wüstenblume

Coaching dem Coach

Wünschelrute

Großmutter meiner Angst?

Visum Visa Rumtata

Zettelkram

Sommerkleidchen

Hafenwohnung

Sechs Monate vorher.

Gruselkabinett

Ich, Vogel am Arsch der Welt

Ab in den Süden

Übergetreten. Fehlstart

Drei Monate vorher.

Kaspertheater

Heulsuse

Freundin MAN

Truckerbraut

Pässe, Visa, Stempelkasten

Navigator, bitte kommen

Alles nicht meins

Kassensturz

Wunderheilerin

Ein Monat vorher.

Riesenmembran

Päckchen packen

Angekurbelt

Winkekatzentage

Eine Woche vorher.

Letzte Kurve

Durchdrehen

Nah, nah, näher

Einen Tag vorher.

Ententafelrunde

Eine Stunde vorher.

Autopilot

Stunde Null.

Motorenheulen

Nachgedanken

Beim jahrelangen Trockentraining waren wir nicht allein!

Vorwort

Ich war eine ganze Weile mit mir selbst unterwegs und habe dabei durchlebt, was nun hier geschrieben steht. Pack mich selbst am Kragen, hör mir zu in stillen Momenten. Was ist mit mir? Wo will ich hin? Diese ganze Sinnfragerei – macht die Sinn?

Mein geheimer Spruch aus Kindertagen sagt: „Mich hat niemand gefragt, ob ich eigentlich auf diese Welt wollte. Nun bin ich einmal da und mache das Beste für mich daraus. Alles andere wäre echt doof.“ Hm, ja, ganz schön egoistisch vielleicht. Doch es macht mir unglaublich viel Spaß zu tun, wozu alles in mir ein klares, lautes, über die Bergkuppen hinweg flirrendes JA ruft. „Hätte ich mal“ ist nicht mein Ding. Vielmehr gibt es da so einen kleinen Stichelheini, der immer wieder fragt: „Wars das schon?“ Nee wars noch nicht, da geht noch ein Haufen. Ich habe mir eine kleine, feine Wanderausrüstung zugelegt und begonnen, den Haufen zu besteigen. Nicht leicht. Manchmal sogar alles andere als lustig. Doch ich bin gegangen. Einen Fuß vor den nächsten gesetzt. Den ersten Schritt zu gehen ist leicht. Den Zweiten vielleicht auch. Doch dann kommen Durststrecken, Kraterklippen, Abgründe und so ein Kram. Ich weiß das leider sehr genau. Es tut mitunter verdammt weh. Doch wenn du einmal über diese imaginäre Schwelle hinweg gestiegen bist, gibt es irgendwie kein Halten mehr.

Ich fasse mir ein Herz und schreibe hier über das, was sich in mir und um mich herum mit der Reise und für sie im Vorfeld bewegt hat. Ich tue das, weil ich es selbst in Vorbereitung meiner eigenen Reise vermisste, die ruhigen Töne über das trommelwirbelnde „Großartig“, „Chancenreich“, „Einmalig“ hinaus auch nur irgendwo im Ansatz zu finden. Ich hätte gern darüber gelesen, mich mitgeteilt und ausgetauscht. Ich fühlte mich allein in dem, was mich bewegte. Jedem geht es anders und doch glaube ich, dass sich manches gleicht.

Vielleicht warst du schon für eine lange Zeit unterwegs, vielleicht bist du es gerade, vielleicht überlegst du, es eines Tages zu tun. Oder vielleicht ist das alles nichts für dich und du möchtest trotzdem erfahren, wie es mir bei all dem erging. In Vorbereitung, als es ums Abtrainieren ging, genauso wie ums Antrainieren.

Setz dich mit dem Buch auf einen schönen Stein. Einen mit Aussicht. Oder hau dich auf dein Kuschelsofa. Hüll dich in deine Lieblingsdecke und komm mit mir. Dahin, wo sieben Jahre vorher für mich eine Reise begann. Ich hatte keine Ahnung, ob ich sie tatsächlich eines Tages antreten würde. Oder ob meine Reise die der Vorbereitung, des inneren Umbaus, des Freuens und Hoffens und Schiss-Habens bleiben würde. Alles ist genauso gut. Da gibt es kein Richtig oder Falsch. Da geht es für mich einfach ums Machen und Erleben. Ich habe keinen blassen Schimmer, was kommen wird. Doch eins weiß ich. Die sieben Jahre waren eine hammerharte, wundervolle, vom Chaos getriebene und von der Neugier getragene Zeit. Ich mache keinen Hehl daraus. Ich plaudere aus meinem eigenen Nähkästchen. Also, schnapp dir deinen Strumpf-Stopf-Pilz aus meinem Nähkasten und los geht es.

Ede

Im Dezember 2014, wenige Tage vor der Abfahrt


Ich bin ich.

Hupsala, ich bin da. Und du auch.

Ich finde es toll, dass du das Buch zur Hand genommen hast, es vielleicht gedreht und gewendet, durchgeblättert und nicht gleich wieder weggelegt hast. Was ja in unserer übersatten reizvollen Zeit nichts Abwegiges wäre. Nun, wie dem auch sei. Ich heiße dich willkommen und wünsche dir vergnügliche Stunden gemeinsam mit mir. Dich selbst kennst du mehr oder weniger. Mich nicht. Okay, ich will fair sein und erzähl kurz über mich. Elke ist mein Name – in meinem Leben zu Hause. Auf Reisen bin ich Ede. Ist für manche Zunge auf dieser Welt einfacher und spricht sich kurz. Das wusste schon unsere Nichte, als sie mit dem Reden begann. Ihr „Elke“ war ein „Ede“ und dabei blieb es. Also für dich: Ich bin Ede.

Eine Frau bin ich. Und die super gerne. War nicht immer so in meinem Leben, doch im Laufe der Zeit wurde aus Nörgelei Akzeptanz und später reine Liebe mir selbst gegenüber. Den kleinen Jungen meiner Kindheit habe ich auch heute noch bei mir. Er ist mein inneres Stehaufmännchen, der gern „Juchhu“ und „Ja klar, los gehts“ ruft. Auch sonst ist vieles in mir spontan, fröhlich, beweglich, wissensdurstig und vor allem neugierig. Was da hinter den Ecken meines Lebens schlummert, das will ich gern kennenlernen und auskosten. Kann auch mal nicht so lecker schmecken oder im Schlamm enden. Hauptsache ausprobiert und nicht „Hätte, hätte, Fahrradkette“ gesagt, dann, wenn es irgendwann mal zu spät sein sollte.

Fotografin bin ich, jetzt auch Coach, Leiterin einer Firma, bin Mutter, Freundin, Tochter, Partnerin, Schwester, Tante, Cousine und was weiß ich noch alles. Das volle Programm. Ich halte mich für verhalten-mutig, ja. Will was machen aus meinem Leben und in ihm. Und bin auch kräftig dabei. Genau so entstand die Idee vor vielen, vielen Jahren, irgendwann in ferner Zukunft einmal die Seidenstraße von Italien bis nach China zu bereisen.

Das Herrliche an solchen Supernova-Träumen ist, dass sie unendlich weit weg sind, ich mich darin verlieren kann und immer wieder vorfreuen. Doch was ist, wenn sie näher rücken und so nah kommen, dass sich Traum und Alltag fast schon die Hand reichen? Dann wird es mitunter kribbelig. Dann ploppt schon mal der Satz in mir auf: „Achte auf deine Träume, sie könnten Wirklichkeit werden“.

Wer A sagt, muss auch B tun. So bin ich, konsequent. Manchmal auch ein wenig hart, mir selbst gegenüber. Wie dem auch sei. Im Jahr 2008 hatten wir, Sten und ich, die dann schon konkretere Idee, in ein paar Jahren diese windige Vorstellung vom Reisen entlang der Seidenstraße in die Realität unserer Leben zu holen. Ja, ich wollte. Sehr sogar. Nichts von wegen mitreisende Partnerin, Klotz am Bein, die ewige Nein-Sagerin. Manchmal kommt es eben einfach nur anders, als man denkt. Was gut ist. In meinem Fall hat der Prozess der Reisevorbereitung Zeug in mir von ganz unten aufgewirbelt, von dem ich weder wusste, dass es da schlummert, noch großartige Lust verspürte, mich dem zu stellen. Heute sage ich: Ist auch ’ne Form, sich selbst zu begegnen. Quasi, meine Reise vor der Reise. Also, auch wenn du dich auf den folgenden Seiten mitunter fragen solltest, ob ich zum Reisen gezwungen wurde, dann gebe ich dir hier, mit meiner Hand auf dem Herzen und meinem Lachen im Gesicht, ein glockenklares NEIN. Es war meine freie Entscheidung, mein Wunsch, mein Traum, mein Alptraum – ups, das letzte Wort habe nicht ich geschrieben. Das war mein Unterbewusstsein, was sich da reingemogelt hat.

Nun, ich erzähle einfach mal, wie alles kam, wurde und ist.

SIEBEN JAHRE VORHER.



Hochverehrtes Leben

Wie genial ist es, sich seinen eigenen Wünschen hinzugeben. Wir haben keine Ahnung, wie es gehen soll. Doch eine Idee – eines fernen Tages aus dem Karton unseres gewohnten Lebens herauszusteigen, um die Welt zu erkunden. Der Gedanke ist nicht neu. Da gab es schon einige, die ihre Koffer packten, um zu sehen, was sie sehen, wenn sie sehen. Auf abenteuerlichste Weise sind sie losgezogen, die Marco Polos dieser Welt. Nun also auch wir. Irgendwann werden unsere Kinder groß genug sein, dass sie ihrer eigenen Wege gehen wollen. Irgendwann wird in uns beiden, die wir seit Jahren zusammenleben und gemeinsam an unserer Firma bauen, das Gefühl wach, es sei Zeit für einen neuen Sprung. Die Absprungrampe kann ich mir gerade noch vorstellen. Wie das Springen ist, da wird es in mir schon vage. Und von der Landung ganz zu schweigen. Sich selber noch mal neu erfinden. Was für ein verlockender Gedanke. Ich liebe ihn, vom ersten Bruchteil der Sekunde, als das Denken dahingehend reift. Das ist das, wofür ich brenne. Vorhersehbarkeiten, die klingen nach „Das muss so sein“, „So macht man das“, „So war es immer“, eine Auszeit geben. Dem Fremden und Unbekannten mein Herz schenken. Nicht wissend, wohin es mich führt. Mich nicht auskennen. Ein Kleid aus Fragezeichen am nackten Körper. Das wäre was. Das schmeckt nach Lebendigkeit. Wie wunderbar, dass wir zu zweit sind, uns unsere Träume zuwerfen, als seien es Gummibälle. Solche mit Geschmack und Geruch und mit kleinen Zetteln darin. 2008 ist die Jahreszahl, die ich gerade routiniert an jedem einzelnen Tag vermerke. Jede Gesprächsmitschrift trägt das Datum, jedes Angebot und jeder Brief an einen Kunden. Und immer schreibe ich mit diesen vier Ziffern den Beginn unseres Vorhabens mit – 2 - 0-0 - 8. Eines schönen Tages wird es so weit sein. Wir werden ablegen, auf große Reise gehen. Leben, ich verehre dich. Meine kurzen blonden Strubbelhaare streifen den staubigen Boden, so tief ist mein Verbeugen.


Redezeit

Beim Frühstück, zum Mittag, am Abendbrottisch, beim Gang durch die Straßen, überall ist er dabei. Unser Gedanke an die Reise. Er lässt uns nicht mehr los. Sitzt hinten im Auto, wenn wir mit dem Geländewagen ein Wochenende in matschigem Gelände verbringen. Ein Feuer machen, irgendwo auf einem entlegenen Feld. Auf die runden großen Strohballen wälzt er sich mit hoch, auf denen wir so gern die Sommernächte verbringen. Drei Ballen mit dem Auto zusammen geschoben – unser Platz, dem Himmel so nah. Die Flöhe jucken erst am nächsten Tag. Sie stören uns nicht auf unserem Flug in die Zukunft. Draußen sein ist unsere Sache. Da, wo die Dinge so greifbar scheinen. Ganz einfach und klar. Ein Jahr lang so leben, das wärs.

Städte würden Beiwerk sein, das wissen wir schon heute. Uns zieht es zu den Leuten auf dem Land. Das Miteinanderreden macht Spaß, befruchtet, bekommt Flügel und lässt zarte Wurzeln in unseren Köpfen keimen. Wir fühlen uns einander nah. Sten und ich. Wir zwei. Selbst Schweigezeit ist Redezeit. Das merken wir in diesen Tagen. Aalen uns in dem wohligen Gefühl, gemeinsam einen neuen Weg zu betreten. Eine Machete brauchen wir nicht, obwohl das Dickicht vor uns nur so wuchert. Lieber schauen wir erst einmal nach, was da so wächst, wie es riecht und wie es aussieht. Auf diesem für uns so vollkommen anderen Pfad.


Glitzertraum

Wer kennt ihn nicht, den Wunsch, einmal für eine Zeit lang zu gehen. Alles hinter sich lassen und einfach losziehen.

Wie oft in unserem Alltag denken wir: Das kann es doch nicht gewesen sein. Verlieren uns in Tagträumen und schwelgen in Phantasien, was alles sein könnte und schön wäre oder anders sein müsste. Doch wir belassen es meist beim Konjunktiv, schieben den Gedanken dann wieder zur Seite und wenden uns dem Alltagsgeschehen mit all seinen Verpflichtungen und Regeln und Abläufen zu. Das ist nicht schlecht und nicht verkehrt.

Geben diese Strukturen, in denen wir leben, Halt, lassen uns Teil unseres Umfeldes sein und helfen uns dabei, im Alltag zu bestehen. Wir beklagen uns über die Enge, die wir mitunter spüren, doch gleichfalls gibt es gute Gründe, warum wir darin verankert bleiben. Es geht um Sicherheit, um das Gefühl der Zugehörigkeit, um Gewohnheit. Wir schenken uns ein paar Tage Urlaub im Jahr, schwelgen in den herrlichen Momenten. Denn das Glück, das Schöne und Besondere lassen sich am stärksten in der Begrenztheit spüren. Wir wissen, es geht bald wieder zurück in den Alltag. Also genießen wir und frönen der Herrlichkeit der Reise, der Freiheit, der Gelassenheit. Automatisch kommt da der Gedanke in uns auf: Mensch, irgendwann einmal, da mach ich das für länger. Erholt aus dem Urlaub zurück klinken wir uns wieder ein in unser Leben mit Arbeit, Freunden, Familie, ein wenig Sport, einem Ausflug am Wochenende. Alles ist gut.

Glücklich zu sein mit dem, was ist, auf der einen Seite, und dann doch diese Stimme in uns, die da immer wieder anfragt, klopft, nachhakt, nicht lockerlässt.

Ich selbst betrachte mein Leben von hinten. Ich möchte am Ende nicht sagen: „Ach, hätte ich nur …“ Ich will sagen: „Ich habe es getan, ich habe es versucht, ich habe es erlebt, gelebt, durchlebt. Ich war mittendrin. Ich habe mir ein eigenes Bild geschaffen.“ Das ist meine Art zu leben. Ja, es begleiten einen Ängste dabei. Zweifel kommen auf. Ist man mutig genug? Überschätzt man sich? Wird man einsam sein? Wie kommt man mit all dem klar, was da auf einen einstürmt?

Doch so weit kommt es meist gar nicht. Zu diesem Punkt gelangt man erst, wenn man tatsächlich in Erwägung zieht, einmal für eine Weile die Leinen loszulassen, an Bord seines Lebens zu gehen und sich bei sich selbst willkommen heißt.

Das Lesen meiner Erlebnisse kann ein Anstoß sein – oder zumindest die Überprüfung für dich selbst, was sich für dich stimmig anfühlt. Ist es für dich das Leben im Alltag mit all seinen wunderbaren Momenten und Details, die grandios sind. Dann genieße sie und kümmere dich nicht um die Gedanken der Unzufriedenheit. Oder rüttelt und zerrt und rumort es beim Lesen immer stärker in dir, so beschließe an dem Tag: Ja, ich tue es. Für eine Zeit gehe ich einen anderen Weg. Es gibt kein Richtig oder Falsch in dieser Frage. Es geht nur um eine Entscheidung, die dir hilft, in dem was ist, glücklich zu sein.

Mein Traum ist es, mich in das Abenteuer mit mir zu stürzen, denn ich glaube, dass das, was mit mir selbst auf dieser Reise geschehen wird, das Aufregendste von allem sein wird.

Am Ende werden wir es wissen. Also aufgemacht, um zu erleben.


Mein Umbau

Wir leiten seit vielen Jahren eine Firma, haben diese gegründet und aufgebaut. Der Gedanke, nach 25 Jahren Selbstständigkeit einmal etwas ganz anderes zu tun und zu erfahren, war für uns beide, Sten und mich, sehr reizvoll. Ganz der Frage folgend: Wann hast du das letzten Mal etwas zum ersten Mal getan? Nicht, dass es in unserer Firma nicht immer wieder neue Herausforderungen gibt. Doch einmal vollkommen neue Perspektiven einzunehmen, komplett unwissend zu sein, den Sichtabstand zu vergrößern, um anders sehen zu können, das ist es, was uns das Leuchten in die Augen treibt.

Ich bin wohl so ein Planungsmensch. Ob ich mir das nun eingestehen will oder nicht. Ob das gut ist oder was auch immer. Klar ändert sich im Innen ständig etwas, doch die Grundzüge stehen. So scheint mir. Da haben wir nun in ach so weiter Ferne vor, für ein Jahr sämtliche Ufer hinter uns zu lassen. Wie das gehen soll, davon habe ich momentan nicht den blassesten Schimmer. Ich bin komplett eingepackt in unserer Firma. Vieles läuft über meinen Tisch. Die Kundenprojekte haben mich im Visier und ich sie. Wenn wir das wirklich durchziehen wollen, bedeutet das, einen kompletten Umbau meiner Selbst. Alles muss weg. Ist das dann mein eigener Ausverkauf? Ist ja nun nicht so, dass ich nahe der Sechzig wäre und ans Aufhören denken würde. Hm, nee, alles andere ist der Fall. Ich stehe mittendrin – in meinem Leben, im Geschäft, in meinem Tun. Irgendwas ist reizvoll an dem Gedanken, diese geplante Reise als Anlass zu nehmen, mich selbst umzubauen. Und irgendetwas daran ist bedrohlich. Reißt mir geradezu die Füße weg, wenn ich nur daran denke. Es ist, als ruckele ich selbst an der alleruntersten Karte meines eigenen Kartenhauses. Dumm nur, dass ich nicht daneben stehe, um zuzuschauen, sondern obenauf, da, wo sich die beiden höchsten Karten an der Kante nur zart berühren. Um nicht zu viel Kraft auszuüben, um ja nicht zu stürzen. Ja, da oben balanciere ich umher. Immer gewahr, abstürzen zu können. Und dann das. Da nehme ich mir doch allen Ernstes vor, mein Kartenhaus mit allem, was drin steht, angebaut, ausgebessert und geflickt wurde, abzutragen. Die große Frage nur: Was wird aus mir?

Toll ist, ich habe noch Zeit. Ich muss nichts überstürzen, nicht hetzen. Torschlusspanik kann gern vor dem Tor Halt machen. Reden nicht immer alle von Chancen, wenn es darum geht, in eine neue Phase seines Lebens einzutreten? Ich frage mich nur gerade, ob ich so etwas überhaupt will. Eine neue Chance. Das, was ich tue, macht mir eine Menge Spaß. Ich weiß, wo ich hingehöre. Sehe Sinn in dem, was ich tue. Habe Erfolg.

Klar, es ist ’ne Menge zu tun. Immer. Ja, wir schreiben gerade das Jahr 2008 und haben eine Wirtschaftskrise, die mir persönlich voll zu schaffen macht. Nicht, weil ich für die ganze Welt zuständig wäre, doch irgendwas kratzt mich innerlich ganz gewaltig, wenn ich an unsere Mitarbeiter denke, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob wir alle halten können. Vor allem, wenn ich auf die Projekte sehe, die definitiv weniger werden. Ich mache mich fertig. Es macht mich fertig. Ich weiß, das tut mir nicht gut, doch ich komme nicht umhin. Die Firma mit den Leuten ist einfach mein Ding. Ich habe sie mit aufgebaut, fühle mich verantwortlich für das, was da passiert oder eben auch nicht. Gern möchte ich in diesen Tagen den Satz aus mir herausschreien: „Ich geh dann mal die Welt retten!“

Wenn es denn so einfach wäre. Ja, es lähmt mich zu sehen, wie alles um uns herum und in uns selbst stagniert. Wo soll ich den Optimismus hernehmen, den ich so gern verstreuen möchte, wenn ich ihn gerade selbst nicht in mir finden kann? Ist das mit dem Umbau meiner Selbst vielleicht doch keine so schlechte Idee? Ziehe ich mich doch einfach mal zurück und spinne herum, was ich denn gern täte, wenn ich denn könnte und wöllte und dürfte. Ich merke, wie ich beginne, an dem Gedanken Freude zu haben. Mich selbst wieder einmal neu erfinden. Da spüre ich doch tatsächlich einen Hauch an Vorfreude. Wollen wir mal sehen, wo das noch hinführt.


Hallo Zukunft, bitte kommen

Was für ein Luxus. Ich genehmige mir selbst, darüber nachzudenken, wo es mit mir hingehen soll, kann, darf. Das ist doch glatt ein Fest. Wann gibt’s das schon mal? Meinen Gedanken freien Lauf lassen. Ohne Leine und Beißkorb. Die Möglichkeiten sprudeln lassen, als wären sie ein frisch ausbrechender Vulkan. Schon merkwürdig. Noch ist alles beim Alten. Und doch ist alles anders. Ich freue mich auf das, was vor mir liegt. Ohne eine Ahnung davon zu haben. Allein der Gedanke daran lässt mich ein paar klitzekleine Millimeter weit über dem Boden schweben. Mich immer wieder neu zu erfinden scheint eines meiner Geheimrezepte zu sein, die ich mir selbst zubereite, derer ich mir bisher trotzdem nicht bewusst war. Welche Bedeutung es für mich hat, in den von uns selbst entwickelten Strukturen unserer eigenen Firma meine eigene Rolle alle paar Jahre zu wandeln. Hin zu dem, was mich zieht, anzieht, interessiert, beschäftigt und begeistert.

Als Fotografin fing ich einmal an. Voll gepackt mit Leidenschaft habe ich fotografiert. Alles, was mir vor die Linse kam – Mode, Maschinen, Glaskannen und Mikrochips. Ich hatte mein eigenes Studio, zwei Lehrlinge, später Mitarbeiter. Tag und Nacht, Nacht und Tag stand ich im Studio, trug meine Generatoren durch die Gegend, habe Hintergründe auf- und wieder abgebaut. Schwerlasttransporter und Feinsinn in einem. Nach Jahren kam die Beratung dazu. Sie schlich sich durch irgendeinen Seiteneingang herein. Kam, um zu bleiben. So wurde die Nacht zum Tag des Bildes und der Tag voll mit Meetings. Konzepte, Konzepte. Strategiepapier hier, Prozessbegleitung da. Erst allein, später im Team. Der Beratungszweig wuchs, schlüpfte aus den Kinderschuhen raus in stattliche High Heels. Die Fotografie gab ich ab. Nicht auf. Sie blieb meine Herzensangelegenheit, mein Rückzug. Das Medium meines Ausdrucks. Ganz für mich allein. Ohne, dass ein Kunde mir noch einmal quergrätschen konnte. Zur Beraterin und Personalverantwortlichen gesellte sich später die Kommunikationstrainerin dazu. Echt gut zu wissen, wie ich das hinbekomme, heterogene Gruppen zu führen, Workshops zu moderieren, einzelne Personen in ihren Kommunikationsfähigkeiten voranzubringen und selbst haufenweise dazuzulernen. Hat Spaß gemacht, in den vergangenen Jahren. Doch da wartet noch was. Das merke ich, jetzt, wenn ich mir großmütig erlaube, darüber nachzudenken. Mich zieht es weg von Gruppen, den großen Getrieben und schweren Maschinen hin zu den ganz individuellen Menschen und ihren ureigenen Systemen. Denen, die vorn dran stehen. Das Sagen haben, wenn sie was zu sagen haben. Und sich manchmal nicht sicher sind, was sie sagen wollen.

Seit Jahren bin ich selbst in Führungsverantwortung. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Kenne die klare Luft da oben und den rauen Wind, der dort weht. Je mehr ich darüber nachdenke, umso deutlicher wird mir, dass ich es für mich selbst in der Zukunft wieder klein und fein sehe. Das große Rad habe ich geschwungen. Das ist ein alter Hut für mich. Zu beweisen gibt es da nichts mehr. Spannender, und aus meiner Sicht sinnstiftend, brauchbar und von Nöten erscheint mir, Führung darin zu unterstützen, Entscheidungen bewusst und durchdacht zu fällen. Einen Ort des neutralen Austausches zu bieten. Begleitung in schwerwiegenden Fragestellungen auf Augenhöhe zu ermöglichen. Denke ich daran, wird mir innerlich wohl. Ich sehe da etwas, was mit mir und meiner Zukunft zu tun haben könnte.

Hey, das wäre doch echt eine Vision. Ich nutze die Zeit für mich zu einer Ausbildung und entwickle gleichzeitig einen Nachfolger in meinem derzeitigen Job und Verantwortungsfeld, meiner Stellung und Position. Gut wäre, wenn wir das neue System vor unserem Reisestart auch schon leben könnten. Damit dann nicht alles so Knall auf Fall passiert. Das hieße, ich würde in kleinen Schritten aus dem heraustreten, was mich momentan beruflich ausmacht. Könnte vor unserer Reise schon mal ausprobieren, wie sich mein neuer Job anfühlt, und hätte danach meine bunte, wohlig duftende Blumenwiese, ein Feld, auf dem ich niemanden vertreiben müsste, das ich ganz für mich beackern kann. Ohne, dass die gesamte Maschinerie zum Stehen kommt. Wie verrückt ist das denn? Ich habe eine Idee, ein Gefühl, wo es für mich hingehen kann. Alles noch Zukunftsmusik. Und keine Ahnung, was wirklich daraus werden wird. Doch mein Gedanke ist klar. Eine Vorstellung davon, wo ich die Ausbildung machen könnte, habe ich auch schon. Mich hält kaum noch etwas still. Ich habe ein eigenwillig scharf gezeichnetes Bild von mir. Ich, in sieben Jahren. Ich werde Business-Coach! Coach für Menschen in Führung.


Messen ermessen

Für alles gibt es ja offenbar Messen. Große, kleine, bekannte, erfolgreiche, aufsteigende Messen an allen möglichen Plätzen der Welt. Die Menschen wollen sich zeigen. Und das, was sie auf dem Kasten haben. Einst wohl um kirchliche Feiertage rankend, den Schutzheiligen ansprechend. Aus diesen frühen Tagen um das Jahr Sechshundert n. Chr. leitet sich der Begriffe „Messe“ ab. Sein Urahne war das lateinische Wort „missa“, welches so viel wie „Aussendung“ bedeutet. Später rückten Verkehrsknotenpunkte in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Man traf sich dort, wo Nord auf Süd und Ost auf West stießen, um Waren und Wissen auszutauschen und Handel miteinander zu treiben. Und heute? Gibt da noch jemand sein Wissen preis oder geht es nur ums (Ver-)Kaufen? Oder ums Gesehenwerden und Dabeisein?

Wissen, Erfahrungen, Ideen – das ist das, was mich reizt. Ich fühle mich meilenweit entfernt von jedweder Ahnung, wie man eine so große Reise angehen könnte. Mich mal unter das Volk zu mischen, um zuzuhören, finde ich irgendwie einen reizvollen Gedanken. Wir haben von Bad Kissingen gehört. Die Messe dort scheint uns zu entsprechen. Bei allem Nebel, der um uns wabert, wenn es um die Reise geht, hilft es zu sehen, was andere tun. Eines ist uns beiden schon heute klar. Wir wollen auf dem Landweg reisen. Nicht von Flughafen zu Flughafen hüpfen, sondern uns geländegängig auf entlegenen Pisten durch die Landschaften und Länder bewegen. Da, wo wir das ursprüngliche Leben vermuten. Möchten erfahren, wie Natürlichkeit schmeckt und die Einsamkeit, das Sich-Selbst-Begegnen und das mit Menschen auf unserem Weg. Riesige Ebenen sehe ich vor mir. Kein Baum, kein Strauch, keine Stadt, nur Weite.

Bad Kissingen also. Da findet, laut glühender Erzählungen, jährlich im Mai die größte Offroad-Messe Europas statt. Bisher war mir diese Messe kein Begriff, doch so ist das halt. Kaum hat man einen neuen Floh im Ohr, eröffnet sich förmlich eine andere Welt, scheine ich mit neuen Augen zu schauen. Gereist sind wir schon immer viel. Auf eigene Faust sowieso und mit einem allradbetriebenen Fahrzeug durchs Gelände zu holpern, ist uns schon lange eine Freude. Die Wüsten der Welt sind unsere Kraftorte. Immer wieder zieht es uns dorthin, wo die Dünen sich bis zum Horizont aufschwingen, der stürmende Sand unseren Beinen ein Peeling schenkt, das Leben nicht gemacht zu sein scheint für diese Unendlichkeit des großen Nichts. Unser beider Herzen gehen auf, verbinden sich und schlagen im harmonischen Takt miteinander, wenn wir uns erinnern, an unsere Reisen durch die Wüsten. Doch das, was wir jetzt vorhaben, scheint mir, rein schon von der Dimension der Zeit her, eine andere Nummer zu sein. Vielleicht auch nicht. Vielleicht übertreibe ich und sehe das alles viel zu dramatisch. Wie dem auch sei. Ich brauche ein erstes Gefühl und eine Ahnung davon, wie andere so einen Trip angehen. Also, aufs Wochenende gewartet, Kinder geschnappt und los gehts nach Bad Kissingen. Der Weg dahin, gesäumt von haufenweise umgebauten Geländewagen. Sie kommen uns entgegen, überholen uns locker. Für die scheint das alles ein alter Hut zu sein. Routiniert latschen die Leute später im Gänsemarsch durch den Schlamm. Wahrscheinlich gehört das zum Konzept der Messe. Ich habe bequeme Schuhe an, doch die Grobstolligsten sind das nun auch wieder nicht. „Well equipped“ ist was anderes. Trotzdem fahre ich eine Runde mit dem ausgedienten Militärgefährt MAN Kat 2 über Stock und Stein und kann mich an dem Gefühl kaum sattfreuen, was ich beim Kurvenfahren empfinde, da ich direkt auf der Lenkachse sitze. Das Fahrzeug dreht sich quasi unter mir.

Einen Outdoor-Grill erwerben wir und Hängemattenschlafsäcke für unsere Kinder. Wirklich näher gekommen bin ich in meiner Vorstellung, wie eine Jahres-Reise durch die Welt auf dem Landweg funktionieren kann, nicht. Doch wer weiß. Für irgendwas ist alles gut. Ein erster Schritt war das. So viel ist meiner Innerlichkeit klar. Ich bin wie angeknipst. Der Strom fließt.


Mit mir oder ohne mich?

Natürlich weiß unsere Familie, insbesondere unsere Kinder, von unserem Vorhaben. Es ist uns von Anfang an wichtig, dass alle die gleiche Chance haben, in den Gedanken hineinzuwachsen, ihn mittragen und mitentwickeln können und nicht davon überrannt zu werden. Apropos überrannt. Wenn sich jemand überrannt fühlt, dann bin ich das. Sten und ich, wir sitzen wieder und wieder beisammen, um an unserem Traumkonstrukt zu basteln. Bei allem, was sich da vor meinem geistigen Auge auftut, ist eines klar: Es liegt in weiter Ferne, da unsere Kinder noch zur Schule gehen und ich mir eine Abreise zu keinem anderen Zeitpunkt auch nur im Leisesten vorstellen könnte, als dem, wenn alle drei die Schule beendet haben würden und beginnen auf ihren eigenen Beinen zu stehen. Bis ich in diesen Tagen mitbekomme, dass Sten anderen von unserem Vorhaben erzählt. So weit, so gut. Doch als ich höre, dass er davon redet, die Reise in den nächsten fünf Jahren antreten zu wollen, platzt mir komplett die Hutschnur meines nicht vorhandenen Huts. Nicht an diesem Abend. Nicht im Gespräch mit Unbeteiligten. Doch später zu Hause. Ich stelle ihn vor die unmissverständliche Wahl: Entweder im Jahr 2015 und mit mir, oder früher, doch dann garantiert ohne mich.

Wochenlanges Schweigen zu diesem Fakt ist die Reaktion. Bis ich an meinem Geburtstag eine kleine Wüstenlandschaft aufgebaut finde, mit allen möglichen gezeichneten und aufgeklebten Reiseassoziationen. Doch das eigentlich Entscheidende ist eine kleine Stelle, die auf eine Beschriftung wartete. Darüber steht: „Den Starttermin bestimmst du!“ Was habe ich mich gefreut! Ich empfinde das Geschenk als so liebevoll und spüre, dass es ab nun unsere gemeinsame Reise wird. Habe sofort und augenblicklich fett und unmissverständlich die Ziffern 2, 0, 1 und 5 auf die kleine freie Fläche geschrieben. Da steht sie nun und harrt der Dinge, die da hoffentlich kommen.


Geldberg

Unsere Reise, unser Traum, unser, unser, unser. Und doch auch meins. Meins, wenn es um die Frage geht, wie will ich mein Leben finanzieren, dann, wenn ich für ein Jahr kein Geld verdienen werde? Klar, ich könnte mich hinsetzen und einfach abwarten. Doch das ist nicht mein Ding. Bin nicht die „mitreisende Ehefrau“. Es ist Stens Reise und es ist meine Reise. Mit allem was dazu gehört. Verantwortung übernehmen, sie tragen, austragen und spüren. Auf den Schultern. Mal die Last des Gewichts. Dann wieder den Stolz, der daraus erwächst, es selbst in meinen Händen zu halten. So viele reden davon, sich „so etwas nicht leisten zu können“. Und klar, das stimmt. Doch eines weiß ich. Möglich wäre ein solches Vorhaben für weitaus mehr Menschen, als die, die vorgeben, es aus finanzieller Sicht nicht stemmen zu können.

Ich glaube, es ist oft einfach eine Frage des eigenen Wollens. Will ich mich wirklich so weit umorientieren, um auf ein solches Vorhaben hinzusteuern? Will ich sparen? Will ich meinen Lebensschwerpunkt verlagern? Brenne ich so weit, dass die Hitze der mich tragenden Flammen ausreicht, Unwägbarkeiten aus dem Weg zu schaffen? Oder habe ich einfach andere Pläne? Dann ist alles gut. In mir jedenfalls habe ich einen Hebel umgelegt. Meine Gedanken kreisen um die Machbarkeiten, Möglichkeiten, Notwendigkeiten. Es ist, als begäbe ich mich auf einen Flug im freien Fall und bin gleichzeitig darauf bedacht, den Boden zu präparieren. An allen möglichen Stellen. Nicht wissend, wo ich eventuell einmal hart aufschlagen werde. Eines dieser Bodenhaftungs-Wiesenstücke ist mein neu gefasster Plan, ab jetzt zu sparen. Jeden Monat, ganz konsequent. Da ist sie wieder, die Planerin, die sich selbst an die Hand nimmt und ganz sicher weiß, dass sie ihre Reise nur antreten wird, wenn sie sich die auch ganz persönlich leisten kann. Für mich ist es mein Mich-Selbst-Identifizieren mit dem großen Vorhaben. Anderes zurückstellen, Wertigkeiten umsortieren, kritisch auf das schauen, wofür das Geld im Alltag in alle möglichen Richtungen fließt. Zweihundertfünfzig Euro, das ist mein Versprechen an mich selbst, lege ich ab jetzt Monat für Monat zur Seite. Das erinnert mich, an die Machbarkeit der Idee. Das zeigt mir selbst, wie ernst ich es meine, eines Tages auf Reisen zu gehen.



Mein kleiner gelber Koffer

Vorfreude liegt am weichen Boden meines Koffers. Stolz packe ich seitlich dazu, mir selbst ein solches Vorhaben in mein Leben zu schreiben. Ich spüre schon heute, dass ich noch ’ne Mut-Tüte als Vorrat brauche. Doch die Leichtigkeit überwiegt, die den Hohlraum im Koffer ausfüllt, ihn rundherum beulen lässt und trotzdem schweben.

ZWEI JAHRE VORHER.



Abenteuerdurstig

Wir wollen uns üben in dem wirklichen Aufgehen und Wahrnehmen des Augenblicks. Im Ausweiten dessen, was im Jetzt geschieht. Ohne den Moment einzuengen durch ein immerwährendes Erinnern an das Vergangene und Springen nach vorn in die Zukunft. So, als wollten wir dort immer mal nachsehen, ob es uns dann da auch noch gibt. Quasi als eigene Security. Permanent um uns selber kreiselnd, nach allen Seiten Ausschau haltend, nur nicht wahrnehmen, was unter den eigenen Füßen gerade vor sich geht. Das Erinnern mit in den Augenblick zu holen, als etwas, was wir bewusst tun. Und auch die Zukunft als Vorfreude mit einzuladen, in unserem „Jetzt“- Platz zu nehmen, kann viel frische Energie freisetzen. So ging es mir, als ich vor fünf Jahren dem Gedanken in mir Raum gab, zwölf Monate lang zu reisen. Allein dieser Gedanke hat mich beflügelt. Das Gefühl, dass ich zu jeder Zeit meines Lebens Dinge tun möchte, die mich begeistern und herausfordern, war so ein Moment, in dem ich mich selbst hätte umarmen mögen.

Nicht in der Vorstellung zu leben, auf ewig das Gleiche zu tun, jahrein, jahraus, sondern dann, wenn es sich anbietet, wenn es gehen könnte und die Möglichkeit besteht, wieder auf neue Art meine Geschicke in die Hand zu nehmen, hat mich froh gemacht. Ich war glücklich darüber, mit mir zu sein.

Ich bin ein visueller Mensch und so kommen mir sofort Bilder in den Kopf, stelle ich mir etwas vor. Ich sehe mich auf einer endlosen, staubigen Piste stehen, an weiten, warmen Wassern sitzen, zurückgezogen lebende Menschen in entlegenen Dörfern treffen, mit ihnen Tee trinken und mich über Gesten mit ihnen verständigen. Die Bilder sind klar, in kräftigen Farben, leuchtend und scharf gezeichnet. In den letzten Jahren haben allein diese Bilder ausgereicht, mich ruhig und doch freudvoll zu stimmen. Allein deshalb, weil es ein sicheres Gefühl in mir gab, diesen puren Gedanken auch tatsächlich für mich Realität werden zu lassen.

Diese nach trockenem Staub duftenden, klingenden Bilder erzeugen Erwartungen, weil sie schon fast so klar sind, als seien es reale eigene Erlebnisse. Die Bilder treiben mich an, schenken mir Kraft und Energie, wenn es mal gleichförmig und eintönig zu sein scheint. Ich lese alles, was ich über das Langzeit-Reisen finden kann, ich sammle Informationen. Das läuft einfach nebenher. Über Monate hinweg.

Für mich selbst spürbar und sichtbar zu sein. In diesem Sinne vielleicht etwas zu hinterlassen. Keine Ahnung, warum ich dieses Streben nach dem habe, was mich überdauert. Kann es nicht einfach genug sein, dass ich da bin und irgendwann da war? Sind wir so wichtig? Nehmen wir uns zu wichtig?

Ich fahre es einfach mal runter auf die Vorfreude, die meinem Alltag Schwung gibt, ihn farbiger erscheinen lässt und mich ein wenig nährt, wenn ich Lebenshunger verspüre.


Suche suchen

Orientierung, was interessiert mich, worin bin ich gut, wo will ich hin, welche Länder, welche Themen, allein oder zu zweit, was Bekanntes, was Neues, auf welche Art reisen? Ideale verwirklichen? Was sind überhaupt meine Ideale, Werte, Visionen? Wie will ich reisen? Was ist mir wichtig?

Knoten. Fragen. Wirrwarr. Selbstgespräche. Es wird konkreter. Ich spüre es.

Wir wollen zu zweit reisen, Sten und ich. Wir wälzen das Internet, um herauszufinden, wohin andere reisten und wie. Wir lesen, schicken uns Links hin und her. Schwelgen und träumen und sind manchmal enttäuscht von den Vorstellungen des jeweils anderen. Ich möchte mit der Sonne fahren, Sten ihr entgegen. Ich will Menschen begegnen, Sten endlos leeren Landschaften.

Suche und Entscheidung ist Findung, Positionierung, Abgrenzung, Einigung und Fokussierung, auch Einengung. Wir nähern uns wechselseitig an. Ich bewege mich in Stens Himmelsrichtung, er sich in meine Gedankenebene. Wir sind uns einig, dass wir Länder bereisen wollen, die wir nicht unbedingt auf unserer Jahresendentspannungsurlaubsliste stehen haben. Es soll eine Reise sein, kein Urlaub. Es soll uns fordern und herausfordern. Überfordern? Wer weiß? Das sagt sich jetzt so schön. Noch sind ja ein paar Jahre Zeit bis zum Knall aus der Startpistole. Und, ja, wir wollen allein reisen. Jahr und Tag sind wir von Menschengruppen und damit von Gruppendynamik umgeben. Uns ist klar, welche Dynamik es bekommen kann, wenn wir 365 Tage und Nächte zu zweit sind. Auch das ist Gruppendynamik. In jedwede Richtung. Entweder verstehen wir uns auf und nach der Reise so gut wie nie zuvor, oder gar nicht. Irgendwas Weichgespültes dazwischen gibt es nicht. Dazu kennen wir uns zu gut. Dazu ist ein Jahr zu lang. Das ist uns beiden mehr als klar.

Ich möchte Zeit für mich haben beim Unterwegssein. Ich will zur Ruhe kommen, um mich selbst zu hören. Keine Ahnung, was es sein wird, was ich dann höre. Doch ich will mir wenigstens die Chance geben, es zu mögen. Die Möglichkeit, Dinge anders anzugehen oder gleich ganz andere Dinge zu tun als bisher. Als es mir der Lauf der Tage, der Wochen, der Monate und Jahre bisher vorgibt. Ich möchte mit verschiedenen Optionen im Gepäck losfahren und auf dem Weg entscheiden, was ich tue und lasse oder durch anderes ersetze. Ich glaube, dass gerade das „Lassen“ entscheidend und hilfreich sein wird. Noch hab ich keinen Schimmer, wie das gehen soll, doch ich habe den Verdacht, dass das Erkunden dieses Terrains die weiteste Reise sein wird. Die, die ich mit mir selbst antrete.


Hilfe! Notfall!

Mit verbunden Augen sitze ich am Steuer. Unter mir Räder, die rollen. Ein Motor, der läuft. Und einen Sten neben mir, der konfuse Satzfetzen von sich gibt. „Gleich kommts, mach langsam, Vorsicht, jetzt hm, ja, was soll ich sagen …“ Ich versuche, mich auf Stens Worte einzulassen, und merke doch, wie ich innerlich brodele und eigentlich in Sekundenschnelle am Kochen bin.

„Wie bitte soll ich mich auf diese Wischiwaschi-Aussagen verlassen können?“, knalle ich ihm an den Kopf, während ich mir das Tuch von den Augen reiße. „Mir immerzu vorwerfen, ich würde zu ungenaue Anweisungen geben. Und selbst?“ Es ist die reine Katastrophe. Und wir beide mittendrin in unserem Konflikt, den Steffen, unser Freund aus Senftenberg, schon lange aufgestöbert hat.

„Ihr müsst lernen, euch aufeinander verlassen zu können. Sonst landet ihr ständig im Chaos miteinander“, hat er uns vor Wochen mit auf den Weg gegeben, als wir ein Wochenende lang Fahrtraining im Senftenberger Tagebaugebiet hinter uns hatten. Alles schön und gut. Wir wissen, dass wir da ein Thema haben. Doch wie angehen? Wir täten es, wenn uns eine Idee käme.

Mit Steffen steht diese Idee vor der Tür. Oder besser, sie sitzt am Telefon. „Ich mache mit euch ein Vertrauenstraining im Fahren und in der Ersten Hilfe“, reicht er uns sein Angebot auf dem Silbertablett durchs Funktelefon. Wir greifen mit vier Händen sofort zu, finden einen freien Termin und uns wenig später in Steffens Händen wieder. Der alte Psychologe. Was hat er nur, dass wir IHM beide vollkommen vertrauen? Und was haben wir, dass wir es wechselseitig dem anderen anscheinend verwehren? Zeit zum Nachdenken bleibt nicht. Steffen ist unser Mann der Tat.

„Hört auf, sinnlos freundlich zu tun“, ist einer seiner ersten Sätze. „Freundlich könnt ihr hinterher zueinander sein, wenn ihr geschafft habt, was ansteht.“ Der Abhang, das tiefe Loch, die Schräge, der schmale Steg, der weiche Boden. Immer wieder führt er uns in Situationen, bei denen wir beide unsere festen Aufgaben bekommen. Mal fahre ich, mal Sten. Dann gibt es meine Ansagen oder es hagelt seine Anweisungen. Funktionieren ist was anderes. Wir stellen uns an wie bockige Kinder. Wir nölen, sind gestresst und zickig. Ungenau in den Formulierungen. Unzufrieden und wenig geduldig. Bis wir aufhören damit und versuchen, Steffens Art nachzuahmen.

„Du hast noch einen Meter, noch fünfzig Zentimeter. Stopp“, „Vor uns liegt eine Steigung. Bis zu ihrem Beginn sind es fünf Meter. Ich zähle bei fünf beginnend rückwärts. Lenkrad gerade halten, nicht einschlagen. Rechts und links sind jeweils nur dreißig Zentimeter Platz. Doch alles fester Boden“ – „Wenn ich sage Halt, dann sofort stoppen“ geben wir uns allmählich klarere Anweisungen. Während der andere gerade die Augen beim Fahren verbunden hat oder einfach nicht sehen kann, was hinter unserem Fahrzeug los ist. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Wir nehmen langsam Hürde für Hürde. Hören uns zu, versetzen uns in den anderen hinein. Wie ein gemeinsamer Tanz, einer Art Choreographie gleich, beginnen wir, uns Halt zu geben, bringen uns voran auf sicheren Boden. Nachts das Einweisen und Fahren in einen engen Parkplatz vorbei an tiefhängenden Hausecken und spitzen Metallteilen flutscht, als hätte es nie andere Szenen zwischen uns gegeben. Da ist der Transport des anderen als vermeintlich Schwerverletzter bei unserem nächsten Training mit Steffen fast ein Kinderspiel. Lustig ist es überhaupt nicht, uns bewusst zu machen, dass es passieren kann, den anderen schwer verletzt irgendwo in der Pampa bergen zu müssen. Doch gut ist, das einmal unter Steffens ruhigen Worten zu durchdenken. Was wäre wenn und was ist dann zu tun? Wie schaffe ich es, Stens Körper irgendwohin zu heben, wenn alle seine Muskeln schlaff und nur Gewicht sind, doch mir keine Hilfe bieten?

Mir ist schlecht und schwindelig. Ich spüre, dass das eine meiner größten Ängste ist, wenn ich an unsere geplante Tour denke. Bitte, bitte lass es nicht geschehen, dass ich ihn jemals aus einer so schwierigen Situation befreien muss. Bitte! Und Danke! Danke Steffen. Du bist ein Kracher. Ein toller Freund, der weiß, worauf es ankommt. Wenn es darauf ankommt.


Test, Test, Test

Die Testphase scheint im vollen Gange. Wie viel sollten wir mitnehmen an Klamotten und Ersatzteilen und Büchern und DVDs und Essbarem? Welche Art der Navigation funktioniert am besten für uns? Reicht da ein doppelter Boden oder lieber dreifach abgesichert? Wie ist es mit der Versorgung unterwegs? Wie geht das mit dem Wasser zum Beispiel? Müssen wir das immer kaufen? Oder finden wir Quellen, bei denen wir das gute Gefühl haben, uns keinen Wolf in den Bauch zu holen? Alles Themen, die in unserem organisierten Alltag zu Hause überhaupt keine Rolle spielen. Doch wie einsam fühlen wir uns dann, so allein auf weiter Flur? Ist es da eine Erleichterung, mal eine DVD einzuschieben und ein Stück der Zivilisation zu erleben? Oder geht uns das dann grenzenlos auf die Nerven?

Ich habe keine Ahnung und werde es wohl auch erst erfahren, wenn wir tatsächlich auf unserer langen Tour sind. Doch bis dahin ist es noch ein paar Mal schlafen. Im Moment stehen andere Fragen vor der Tür und drängen sich mit ihren fetten Schlammschuhen zu uns herein. „Wo fahren wir in etwa lang?“ Und damit meine ich nicht, welche Piste und welche Abzweigung wir wählen. Nein, ganz grundsätzlich. Was sind unsere Länder? Es soll gen Osten gehen. Gut, so weit haben wir uns inzwischen verständigt. Die Seidenstraße liegt uns beiden am Herzen. Das Wort „Seidenstraße“ löst etwas Magisches in uns aus. Es zieht uns an, es lässt uns nicht los, es bewegt sich in uns und bewegt uns. Wir wissen, ob wir nun darüber sprechen oder schweigen, die Seidenstraße ist DER Aspekt unserer Reise. Dumm nur, dass „Seidenstraße“ absolut verheißungsvoll in meinen Ohren klingt. Doch „Russland“ macht genau das nicht. Etwas unendlich Düsteres erscheint bei diesem Wort in meiner Vorstellung. Rau, unwirtlich, unfreundlich. Sorry Russland, ich habe keine Ahnung, warum das so ist. Doch du kommst mir gigantisch und damit angsteinflößend vor. Ist echt eine riesengroße Frage für mich, ob ich mir vorstellen kann, dich zu bereisen. Auf unserer großen Tour. Der Reise unseres Lebens. Wir machen es kurz und pragmatisch. Noch haben wir zwei Jahre Zeit. Wir schnappen uns die Wochen unseres Sommerurlaubs, beantragen kühn ein Visum für Russland. Rechtzeitig bitte. Denn sechs Wochen Wartezeit sind schon die Schnellbehandlung. Finden eine Fährverbindung nach Finnland und machen uns auf den Weg.

Es ist ein Test. Wir nennen ihn auch so. Die zwei großen Fragen sind: Können wir uns vorstellen, Russland für längere Zeit zu bereisen und alle hemmenden Vorurteile über Bord zu werfen? Und die zweite, fast noch entscheidendere Frage ist die nach unserem Reiseteam: Können wir uns tatsächlich vorstellen, dass es gelingt, zu zweit für eine so lange Zeit unterwegs zu sein? Auf engstem Raum. Den anderen permanent um sich zu haben. Alle bisherigen Reisen unternahmen wir mit unseren Kindern oder Freunden. So richtig auf uns allein gestellt waren wir seit Ewigkeiten nicht mehr. Das Gute an uns beiden ist, dass wir herrlich über uns selbst lachen können. Wir spüren, wann es zwischen uns bierernst wird. Und dann kracht es. Aber richtig. Dann fliegen die Fetzen. Doch bis dahin gibt es ein großes freies Feld voller Humor, der uns weit trägt. Also, auf in unser Testabenteuer Russland. Als Ziel haben wir uns den Onegasee in Karelien ausgesucht. Er ist der zweitgrößte See Europas, gleich hinter seinem Nachbarn, dem Ladogasee. Nur kennen sowohl den einen als auch den anderen See nur wenige Leute. Und dass sie die größten Seen Europas sind, ist fast völlig unbekannt. Einhundert Kilometer ist er breit und zweihundertfünfzig Kilometer lang, der Onegasee. Petrosawodsk liegt als Hauptstadt Kareliens am Ufer des Sees. Die Insel Kischi ragt als Anlaufpunkt aus seiner Mitte heraus. Rundherum ist ein großes Nichts. Also genau die Gegend, die wir suchen, um herauszufinden, ob das mit uns beiden klappen kann. Super Urlaub. Tolle Aufgabe. Spitzen-Idee … Und, wie gehen wir den jetzt an, den Test?

Erst einmal fahren wir lange, schweigsame Kilometer zu zweit von Jena aus nach Travemünde. Dort reihen wir uns ein in die Schlange der Wartenden. Aus Nachmittag wird Abend. Aus Abend schließlich Nacht. Langeweile scheint nicht aufzukommen bei den vielen Abenteuergeschichten, die hier zum Besten gegeben werden. Eine Schlange voller Helden, so kommt es mir vor, hat sich vor und hinter uns gebildet. Wir zwei mittendrin. Es muss bei so viel Heldentum ja auch noch Leute geben, die zuhören. Und an den entsprechenden Stellen „Oh“ und „Ah“ und „Ach so“ oder auch „Wie schlimm“ von sich geben. Ich sage nur Gruppendynamik.

Für mich ist spannend zu erleben, wie alle zu Beginn einfach Wartende auf eine Fähre sind. Scheinbar jeder dem anderen gleich. Doch blitzschnell sind die einen die Seebären, die anderen die Großwildjäger, wieder andere die Weltenkenner oder unerschrockenen Recken. Suchende, Fragende oder still Erwartende scheinen nicht vertreten. Schade. Das wären die, zu denen es mich ziehen würde. Nun, ich kann nicht alles haben. So schlüpfe ich in die Rolle des beobachtenden Zuhörers und betreibe meine Studien darüber, wer mit wem und warum wer wie meint, sein zu müssen oder zumindest wirken zu wollen. Einen Riesenspaß habe ich dabei. Und schwuppdiwupp öffnet sich das große Maul der Fähre, bittet gähnend um unser Eintreten, oder besser Einrollen. Unseren Schlaf den Wellen geschenkt, den darauf folgenden Morgen ebenso. Ein Tag auf dem Meer. Ein wundervoller Zwischenraum von nicht mehr und noch nicht. Sicherer Boden, wo keiner ist. Ein Glas Weißwein mit Krabbencocktail, später Roséwein mit Krabbenbrot und immer so fort. Was für ein Genuss. Der Tag zieht in Wellen an uns vorbei. Ich fühle mich wohl. Beobachte auf jedem Meter, wie es mir geht. Es ist ja ein Test. Und ich bin die Testperson sowie beobachtendes Fachpersonal in einem. Ich selbst werde später auch die Auswertung des Tests vornehmen. Objektivität ist ein Muss. Wäre ja sonst alles im Eimer, mit dem Test und seinen Ergebnissen. Ob ich mich selbst besteche und mit mir mal um die Ecke gehe, um da ein, zwei Dinge zu klären? Ich werde sehen.


Männersache?

„Da hast du echt Glück, ’ne Frau zu haben, die das mitmacht“, klingt es Sten des Öfteren in den Ohren. Aus dem Mund von Männern kommt das. Ja klar. Geht auch gar nicht anders. Weil die Frauen, die darauf niemals Bock hätten, dem Gedanken niemals begegnen und die, die es wollen, machen es einfach. Auf ihre Art. Mit Mann, ohne Mann, mit Freundin oder allein.

Ich weiß genau, da gibt es eine Menge davon. Von denen, die Ähnliches tun. Nicht unbedingt mit fahrbarem Untersatz. Vielleicht eine Nummer feingliedriger. Doch Fakt ist: Ein Männerding allein ist das keineswegs. Dieses sich Aufmachen. Leinen lösen, um loszuziehen, um zu schauen, was es zu sehen gibt. Hätte ich ein solches Vorhaben allein in mein Auge gefasst? Ein ganz klares JA durchzuckt mein Gehirn. Anders wäre es. Halt mein weiblicher Weg, ohne ihn feminin nennen zu wollen. Schraubend allein unter dem Auto zu liegen wäre garantiert nicht mein Ding. Wohl eher die Bauch-Beine-Po-Variante mit Rucksack und so. Was meine Füße in der Lage sind zu tragen. Um mich selbst tragen zu können. Auch interessant. Nur gerade nicht dran. Unser Abenteuer ist das, es gemeinsam anzugehen. Spannend genug. Nicht ohne Spannung. Nehmen wir erst mal den Doppelsitzer, bevor ich mich irgendwann vielleicht in den Einer wage. Wer weiß. Noch gibt es nur den Plan für die Besetzung am Start. Wie es bei der Landung aussieht … Wer da wo sitzt und mit wem ist offen, offen, offen.

Männersache? Nee. Einzig die Wege und die Art des Gehens unterscheiden sich. Mädels, auf ins Getümmel. Mit Gegröle und Tamtam!


Von Grenzgängern und Bienen

Finnland ist mir vertraut. Das ist für mich ein Boden, der nicht schwankt. Weite, Kargheit, breite Straßen, Einsamkeit. Genauso, wie ich es mag. Und eben trotzdem das gewisse Gefühl der Vertrautheit. Täuscht es mich oder täusche ich es? Weiß nicht. Auf alle Fälle fühle ich mich pudelwohl und will nicht weiter.

Zwischenfazit für meinen Testbericht: Bis Finnland ist alles bestens.

Doch Finnland ist maximal die Startrampe und nicht der Landepunkt. Ob mir das nun lieb ist oder nicht, stehen wir plötzlich vor der russischen Grenze. Der spärliche Verkehr wurde auf den letzten Kilometern kaum mehr wahrnehmbar. Warum auch, hier in Finnland ist es ja schön.

„Ede, jetzt gib dir einen Ruck und zicke nicht so rum“, sage ich energisch zu mir selbst und schaue der auf High Heels schwebenden, langbeinigen, mit Feinstrumpfhosen bekleideten, korrekt im Kostüm steckenden Grenzbeamtin mit straff sitzendem Dutt und frechem Käppi obenauf tapfer ins Gesicht. Zu meiner Überraschung lächelt sie mich an und weist uns, den Finger ausstreckend, in die Schlange, an deren Ende wir uns stellen sollen. Um uns herum laufen Männer mit vielen Zetteln in den Händen. Wir haben keine, versuchen uns vielmehr erst einmal einen Überblick zu verschaffen, über das, was hier gespielt wird. Bis die Käppi-Dame mit wehenden Zetteln auf uns zugelaufen kommt und deutet, dass wir die alle auszufüllen hätten. Alles klar. Oder eben nicht.

Die Aufdrucke sind schwach zu sehen. Wohl die einhundertste Kopie von einer schlechten Vorlage. Doch das ist halb so wild. Schweißperlen kullern uns von der Stirn beim Anblick der massenhaft kyrillischen Buchstaben. Ohne einen Hauch von Ahnung, was hier abgefragt wird. Danke Russischunterricht in der DDR! Hast echt was gebracht …

Ein Mann scheint uns beobachtet zu haben und kommt lächelnd auf uns zu. Er sei Finne, sagt er, und kenne das Prozedere hier. Freizügig reicht er uns Papiere des optisch gleichen Eindrucks, jedoch mit englischem Aufdruck. Der Mann ist unser Retter. Seine Bögen sind sogar schon ausgefüllt. Also für uns nun ein Kinderspiel, es ihm gleichzutun. Wie zwei mit Tinte beschmierte, aber über beide Ohren glückliche Schreibanfänger laufen wir zu Frau Käppi, um ihr stolz unser Werk zu präsentieren. Wie von einer strengen Lehrerin kaum anders zu erwarten, wirft sie maximal einen halben Blick auf die Blätter und zeigt wie beiläufig auf eine der vielen kleinen Hütten, die für unseren laienhaften Verstand keiner erkennbaren Logik folgen. Wir stellen uns an, lassen uns wegschicken, versuchen es an anderer Stelle erneut und sind froh, ab und an mal einen Grenzgänger zu treffen, der ein paar Brocken Englisch spricht. Unser Schulbrockenrussisch scheint der aktiven Verständigung nicht wirklich zu dienen.

Für den Testbericht: Die Menschen wirken an der Grenze freundlicher auf mich, als ich gedacht hatte. Und weiter: Geduld hilft. Heute hier und sicher an den vielen Grenzen, die uns auf der großen Tour erwarten. Wer meint, irgendetwas ginge schnell, irrt und hat sich selbst den schwarzen Peter zugespielt. Zu uns beiden vermerke ich auf meinem imaginären Testbogen: Es klappt mit uns. Beide gehen wir gut gelaunt auf Leute zu, um Infos zu erhaschen, ins Gespräch zu kommen und so automatisch Hilfe angeboten zu bekommen. Wir sind beide alles andere als scheu. Ein Bienchen für jeden von uns.


Russland, wer bist du?

Es holpert und kracht. Die Straße, die von der Grenze wegführt, gleicht mehr einem Feldweg denn einer internationalen Transportverbindung zur Unterstreichung guter bilateraler Beziehungen. Rechts und links ist nichts zu sehen für mich. Gut, ich bin nun auch nicht so groß. Doch Sten geht es nicht wirklich anders. Alles voller dichtem, undurchdringlichen Bewuchs, andernorts auch Gestrüpp genannt. Ich spüre, wie es eng ist in meinem Hals. Das Atmen will nicht fließen und mein Magen scheint die Form einer geballten Faust angenommen zu haben, die sich definitiv nicht öffnen lässt.

Ich weiß, dass ich ganz schön ungerecht bin, mit meinem Rucksack an vorgefertigter Meinung hier vorzufahren. Doch, bitte, ja, ich kann nicht raus aus meiner Haut. Die windschiefen Blechhütten, die klapprigen Holzverschläge der Hühner, die sturmgebeutelten Strommasten, die scheppernden Autos um uns herum. Das alles gibt mir das Gefühl, mich auf einer Zeitreise zu befinden. Und nicht im Urlaub. Mein neues Sommerkleid und der bunte Bikini werden in den kommenden Wochen wohl eher Sommersendepause haben, als dass es ihre Stunden wären, die da schlagen würden. Ich weiß nicht, was Sten gerade denkt. Er redet nicht. Doch so ganz wohl scheint auch er sich nicht zu fühlen. Das entnehme ich seinem kurzen stimmlosen „Nein“ bei jeder möglichen oder unmöglichen Stelle, die wir finden, um unsere erste Nacht in Russland zu verbringen. Was genau zu den „Neins“ führt, scheint sich mehr in der Welt der Gefühle und des Unterbewussten abzuspielen, als in der klar auftrumpfenden Bewusstheit.

An einer Wegegabelung halten wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Also mehr ein Müssen, denn ein Wollen. Wir sehen einfach nichts mehr. Ein kleines Feuer, wenige Worte, baldig die Entscheidung, doch jetzt schlafen zu gehen. In unserem Fahrzeug. Ein Hauch von Schutz und Sicherheit in dieser ersten Nacht in Russland. Mein Fazit: Ganz schön viel Fremdheit, in der mir unbekannten Gegend. Daran werde ich mich gewöhnen müssen, wenn wir von Land zu Land ziehen wollen. Dort, wo die Scheinwerfer der Aufmerksamkeit wegen internationalen Desinteresses abgeschaltet sind. Tappen im Dunkeln, sozusagen. Landwege sind anders als die Flughafenzubringer. Das steht für mich ab heute mal fest.


Die Kuh, der Friedhofsgärtner

Neuer Tag, neues Glück. Sieht doch gleich viel freundlicher aus, unsere Weggabelung, die zwei Feldwege in verschiedene Richtungen schickt. Habe ich über Nacht neue Augen bekommen? Oder warum erscheint mir heute alles viel sympathischer? Obwohl es regnet, ist heute viel mehr Licht um mich herum. Wir entdecken da eine kleine Holzschindelkirche, dort einen eigenwillig verwunschenen Friedhof mit russisch-orthodoxen Kreuzen darauf, von deren Enden dicke Regentropfen ins hohe Gras platschen. Unterschlupf suchend, um unsere Leberwurst-Schnitten im Trocknen zu essen, setzen wir uns an den überdachten Eingang einer kleinen abgelegenen Kirche. Doch offensichtlich ist sie nicht so weitab vom Schuss, wie wir glauben, denn kaum den ersten Bissen getan, kommt ein junges Mädchen aus dem Dorf angelaufen und schließt uns die massive, reich mit Schnitzereien verzierte Tür auf. Drinnen spärliches Licht, welches feinfühlig über die an den Wänden hängenden Ikonen huscht. Staub liegt auf den vertrockneten Blumen, die einst Frische ausströmten. Heute sind sie längst konserviert vom Staub der ruhigen Tage. Tropfnass, in meiner Super-Wind-und-Wetter-Jacke, stehe ich im Inneren eines kleinen Heiligtums. Zum ersten Mal empfinde ich nun so etwas wie Wärme und Zuneigung dem Land gegenüber, in das wir uns aufgemacht haben. Zum Test.

Mir schwant, dass ich das für mich Besondere, mich tief Bewegende, eher an Orten finde, die nicht ausgetreten, vom Tourismus gekauft und mit einer Glätte überzogen sind, die zwar schön, doch nicht mehr ursprünglich sind. Zum ersten Mal seit langem steigen eine Freude und ein Vor-Freuen in mir auf, für das, was wir auf unseren Abwegen erleben und entdecken können, wenn wir uns darauf einlassen. Es ist, als drehe sich in mir eine Holzschraube um eine Vierteldrehung weiter. Als verschöbe sich das Maß meiner Dinge. Ich beginne, etwas selbst zu entdecken, so ganz für mich, im Stillen. Mit einem Mal wandelt sich mein Blick. Ich lächele der im Friedhofsgras aasenden Kuh zu, als verstünden wir uns plötzlich, ganz ohne Worte.


Orthodoxe Träume

Ich liebe es, wenn Sten sein Zeichenbuch aus der Tasche zieht, die Feder reinigt, das Tintengläschen öffnet und einen konzentrierten, sein Umfeld ausschaltenden Blick auf seine eigenen Nase setzt. Da durchzieht ihn eine sichtbare Entspannung und er scheint angekommen in dem Moment. Zu Hause haben diese Augenblicke Seltenheitswert. Umso mehr liebe ich unser Unterwegssein dafür. Und wenn sich dann tatsächlich alles fügt und er sich ein Stück Zurückgezogenheit gönnt, um zu zeichnen, dann treten wir beide gemeinsam in einen wundervoll nahen Zustand ein.

Eine baufällige, doch offensichtlich noch nicht aufgegebene windschiefe orthodoxe Holzschindelkirche hat es Sten heute angetan. Auf einer freien großen Wiese oberhalb eines Dorfes steht sie. Mit grandioser Sicht über das ganze Tal. Die Wiese ist unser Platz für die kommende Nacht. Geschützt genug und trotzdem wunderbar geräumig. Sten zeichnet, ich lese. Doch weit komme ich nicht, denn zwei Motorradfahrer halten ihre Lenker auf uns zu. „Kennen den Ort hier also doch noch andere“, flüstern wir beide. Die zwei Jungs sind Städter aus Petrosawodsk und auf Wochenendtour. In der Kirche wollen sie schlafen. Am überdachten Eingang. Den kennen sie schon von vorhergegangenen Touren, erzählen sie uns. Einhundertfünfzig Kilometer liegt Petrosawodsk, die Hauptstadt Kareliens, entfernt. Eine geniale Distanz für ein verlängertes Wochenende mit Abenteuerfeeling. In russische Armeeklamotten sind die beiden gepackt. Wohl die praktischste Kleidung hier draußen.

Auf drei Arten fangen wir an, miteinander ins Gespräch zu kommen. Sten probiert seine Restbrocken an Russisch aus, die beiden ringen mit ihren verschütteten Englisch-Kenntnissen. Und was weder so noch so klappen will, sagen wir einfach mit Händen und Füßen. Wurst von der Babuschka, Marmelade von der Mama und einen Kanten Schwarzbrot zaubern die Jungs aus ihren Satteltaschen. Ich steuere mit Hilfe unseres kleinen Gas-Kochers gegarten Reis mit Frikassee bei und unser abendliches Festmahl kann beginnen.

Die Kirche am Morgen, das Mädchen mit dem Schlüssel, nun die beiden erschienen wie aus dem Nichts … Ereignisse, aufgefädelt wie auf einer Perlenschnur, einem Traum gleich. Es fließt, merke ich und genieße die wunderbaren Zufälle, die vielleicht Fügungen sind, weil wir sie hereinbitten, in unseren Tag.

Lektion für meinen Testbericht: Lass dich ein, Ede. Und das Herrlichste geschieht dir.


Die fixe Idee

Irgendetwas musste es doch geben über Karelien, dachte ich vor Beginn unserer Reise. Einen Reiseführer oder Berichte von anderen Reisenden nach Russland. Ich wollte mich einstimmen auf unsere Tour in den Norden. Die Literatur schien das anders zu sehen. Sie sagte mir offensichtlich: Lass dich überraschen. Doch ein Buch, das fand ich. „Das Haus am Onegasee“ hieß es. Das Titelbild, ein stattliches Holzhaus, eingebettet in hohes Gras. Ein klappriges Holzboot daneben. Die Komposition sollte wohl die Nähe zum Wasser verdeutlichen. Einfach ein Bild mit, was weiß ich für einem Haus darauf. Einfach ein Titel, der meint, es handele sich um ein Haus am See. Und was machten wir beide daraus? Unser Projekt! Wie jetzt? Was für ein Projekt? Wir hatten uns mit einem Mal in den Kopf gesetzt, dieses Haus zu finden. Woher die fixe Idee kam, weiß ich nicht. Sie war plötzlich da und wollte aus unseren Köpfen nicht mehr weichen.

Mariusz Wilk ist der Verfasser des Buches. Offensichtlich hat er einmal in Karelien gelebt. In seinem Buch beschreibt er sein Leben im hohen Norden. Er berichtet davon, wie er es anstellte, sich ein Haus am See auszubauen, es mit Strom und Wasser zu versorgen. Wie er lebt am See und mit den Menschen drum herum. Pole ist er, der zu Zeiten von Glasnost und Perestroika in die damalige UdSSR kam, um als Journalist zu arbeiten. Die Zeiten haben sich gewandelt. Er scheint offenbar geblieben. Oder ist inzwischen auch gegangen. Das konnte ich dem Buch nicht wirklich entnehmen. Auf alle Fälle beschreibt er das Leben in Karelien sehr genau, gibt den Menschen in seiner Umgebung Einzigartigkeit und lässt den einen und anderen Hinweis in seinen Texten darüber fallen, wo sich, wenn es das denn geben sollte, das Haus steht.

Den See zu umrunden wird unser Plan. Nicht ausgesprochen merken wir nach ein paar Tagen, dass wir uns immer in Ufernähe befinden und uns daran entlang zu hangeln scheinen. Wie ein Meer liegt das weite Wasser vor uns. Das andere Ufer ist nicht zu sehen. Schwemmland um den See herum lässt uns große Haken schlagen und Bögen nehmen. Doch von Tag zu Tag lieben wir das einsame Unterwegssein in fast menschenleerem Gelände mehr und intensiver. Zehn Tage machen wir das nun schon so. Fahren, machen Halt, schauen uns um, bleiben oder ziehen weiter, wenn es uns geeigneter erscheint.

Eine große freie Wiesenfläche lässt uns stoppen. Sie sieht aus wie ein Sommertraum in Gelbgrün. Sanft biegt sich das meterhohe Gras im Wind. Die Sonne steht sommerlich warm im fotogenen Gegenlicht. Ich weiß nicht, was Vorsehung ist. Und ich kann nicht sagen, warum wir beide genau hier anhalten wollten. Doch ob Traum oder Wirklichkeit stehen wir mit einem Mal vor einer Hausrückseite, die mich in ihrer Kontur an das Haus auf dem Buchtitel erinnert. Ich traue mich nicht näher heran, da ein Mann Beeren pflückend den Weg durch seine Anwesenheit versperrt. Doch ich bin mutig und gehe auf ihn zu. Mit Englisch versuche ich es. Wohl wissend, dass ein alter Mann hier mitten im Nirgendwo meine englischen Worte wohl kaum verstehen würde. Doch er antwortet auf meine Frage, ob ich mir das Haus ansehen dürfe, mit Yes. Verwirrt schaue ich ihn genauer an und traue mich weiterzugehen, obwohl ich selbst nicht verstehe, warum ich das tue. Ob er Pole ist, frage ich. Ohne zu wissen, woher diese Frage gerade in mir kommt. Auch darauf antwortet er mit yes. Nun platzt es aus mir heraus: „Are you Mariusz Wilk?“

Er stutzt und richtet sich auf. Ich habe keine Ahnung, was gerade geschieht und ich weiß nicht, wie es möglich ist, auf einer Fläche von knapp zehntausend Quadratkilometern dem Mann zu begegnen, bei dem es sich um nichts weiter als eine fixe Idee handelte, einen Spaß, ihn finden zu wollen. Wir haben nichts gezielt unternommen und stehen nun offensichtlich vor genau diesem Mann. Ich renne zum Auto und hole sein Buch. Mit ihm in der Hand laufe ich an die Vorderseite des Hauses und erkenne es sofort wieder. Ein Gerüst hält es gerade. Doch ansonsten alles da – das Haus, das Boot, das hohe Gras. Und wir meinten, alles sei für die Titelseite in einem Grafikprogramm zusammenmontiert worden.

Mariusz bittet uns ins Haus. Es ist mir auf eine merkwürdige Weise vertraut. Da er es, zum Beispiel den Bau seines Kamins, sehr detailliert im Buch beschreibt. Bei einem gemeinsamen Glas Tee bin ich mir nicht sicher, was gerade vor sich geht. Sind wir augenblicklich in dem Buch? Ist das Buch in uns? Werden wir auf seltsame Weise Teil der Handlung?

Ich bin verwirrt und entzückt zugleich. Mehr noch, als Mariusz beginnt, von den Leuten, die er im Buch beschreibt, zu erzählen. Sie werden eigenwillig real und waren noch vor wenigen Stunden für uns vollkommene Illusion. Alles scheint in mir zu wanken, als Mariusz mich bittet, ihn auf einem Stein vor seinem Haus mit Blick auf den See zu fotografieren. Unter diesem Stein, auf dem er gerade sitzt, möchte er eines Tages begraben werden, erzählt er uns und lächelt dabei.

Viel innere Bewegung schreibe ich heute in meinen Testbogen. Die Lebensläufe sind so vielfältig. Mitunter stoßen wir an den Kanten miteinander zusammen. Und Großartiges geschieht dabei.


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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
308 s. 147 illüstrasyon
ISBN:
9783946769019
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