Kitabı oku: «Erfüllt»

Yazı tipi:

ELKE MÖLLE

SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-417-26996-3 (E-Book)

ISBN 978-3-417-26968-0 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

2. Auflage 2022

© 2021 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Max-Eyth-Str. 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-brockhaus.de; E-Mail: info@scm-brockhaus.de

Soweit nicht anders angegeben, sind die Bibelverse folgender Ausgabe entnommen:

Elberfelder Bibel 2006, © 2006 by SCM R.Brockhaus

in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen

Weiter wurden verwendet:

Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006

SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen

Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, vollständig durchgesehene und überarbeitete Ausgabe, © 2016 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart

Umschlaggestaltung: Grafikbüro Sonnhüter, www.grafikbuero-sonnhueter.de

Titelbild: © Aleksei Derin (shutterstock.com)

Autorenfoto: © Wolfgang Wimmer

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach

Illustrationen: Yun-mi Willems

STIMMEN ZU DIESEM BUCH

»Elke Mölle kenne ich nun schon seit über 30 Jahren. Die Liebe zu Gott und zu seinem unsichtbaren Königreich hat uns zusammengeführt. Dieses Buch ist die Schatztruhe ihres Lebens. Wir werden hineingenommen in ihre Schätze und Entdeckungen der Geheimnisse Gottes für das Leben im Geist. Was gibt es da nicht alles zu entdecken!

Elke präsentiert uns nicht nur ein paar beeindruckende Geschichten. Jede dieser Wahrheiten ist in den Höhen und Tiefen ihres Lebens getestet worden. Das habe ich selbst miterlebt und bin Zeuge dafür.

Daher möchte ich jedem ihrer Leser empfehlen: Öffne dein Herz, lass dich erfüllen, greife zu, schmecke und sieh wie gut Gott ist! Dein Leben wird nicht mehr dasselbe sein. Elkes Lebensbotschaft ist durchzogen von erstaunlicher und herrlicher Freude und Leichtigkeit. Achtung, Ansteckungsgefahr! Deutschland, Österreich und die Schweiz warten auf solche leidenschaftlichen Nachfolger Jesu, die zwar in dieser Welt, aber nicht mehr von dieser Welt sind. Verkaufe fröhlich alles für den Schatz im Acker – für den König und sein Königreich: Du wirst es nie bereuen! Entdecke das Leben, für das du gemacht bist!«

Monika Flach, Kingdom Impact


»Befreiend, klar und praktisch. Den guten Baum erkennt man an den Früchten. Was Elke Mölle in diesem gehaltvollen Buch beschreibt, habe ich sie selbst über viele Jahre hinweg leben und lehren sehen. Ich konnte Zeuge davon werden, wie diese Botschaft hunderte von Leben nachhaltig verändert hat. Hier ist nichts bloße Theorie, sondern erprobte, solide, lebensverändernde Weisheit. Und das mit jeder Menge guter Laune.«

Dr. Johannes Hartl, Gebetshaus Augsburg


»Obwohl ich schon seit Jahren mit Jesus lebte, war mir vieles von dem, was Elke Mölle in diesem Buch beschreibt, neu und unbekannt. Ich besuchte unter ihrer Leitung die Jüngerschaftsschule 'Incense' im Gebetshaus Augsburg. Die Inhalte, die sie dort lehrte und jetzt in Buchform ansprechend darstellt, haben mein Leben revolutioniert!

Elke gehört zu den Personen, die meinen Glauben am meisten geprägt haben. Sie hat mich darin geschult, geistlich zu kämpfen, auf meine Gefühle zu achten, ohne mich von ihnen beherrschen zu lassen, und innere Lügen durch Gottes Wahrheiten zu ersetzen. Kurz: Sie hat mich darin angeleitet, auch im Alltag und in persönlichen Krisen an Jesus festzuhalten, ihm zu vertrauen und ihm nachzufolgen.

Ich bin Elke von Herzen dankbar für dieses Training und freue mich, dass ihre wichtigsten Lehren jetzt noch mehr Menschen erreichen und verändern werden. Ich wünsche dem Buch größte Verbreitung.«

Jonathan Schilling, Absolvent der Incense 2018/19

INHALT

Über die Autorin

Wie im Himmel so auf Erden?

Teil 1 | Deine neue Identität Woher deine Sehnsucht kommt, glücklich zu sein

1 Happy – Du bist geschaffen für ein vollkommenes Leben in der Gegenwart Gottes

2 Versetzt in eine andere Welt – Was eigentlich passiert, wenn du im Geist neu geboren wirst

3 Besser als im Märchen – Warum Gott nach einer Braut sucht, die er liebt und die ihn liebt – und was das mit dir zu tun hat

4 Versöhnt mit dir und deinem Leben – Gott hat ein ganzes Ja zu dir und stellt deinen Selbstwert auf ein neues Fundament

Teil 2 | Deine neue Heimat Wie du lernst, jeden Tag in Gottes Fülle zu leben

5 Der Schlüssel: Empfangen lernen – Wie du als Kind Gottes lernst, ganz auf Kosten des Königs zu leben

6 Vom Esel und der Karotte – Schluss mit der Eigenkraft und den überhöhten Selbstansprüchen

7 Im Karussell der Gefühle – Wie du die Wahrheit festhältst und alle Lügenfestungen radikal zerstörst

8 Guten Morgen, liebe Sorgen – Du darfst ohne Sorgen leben, wirklich!

Teil 3 | Dein neues Leben im Glauben Wie sich echte Veränderung in deinem Leben durchsetzt

9 Überwindertraining – Wie du die Waisenkindmentalität loswirst und lernst zu kämpfen

10 Iss deine Riesen zum Frühstück – Wie das wirklich funktioniert: nicht im Schauen, sondern im Glauben leben

11 Die Kunst des Loslassens – Wie du vergeben lernst und alles wirklich wieder gut wird

12 Von der Muschel und der Perle – Unsere Fehler sind für Gott kein Problem!

13 Ganz im Hier und Jetzt – Wie du mutig dein Leben gestaltest, das Gott und dich richtig glücklich macht

14 Wachgeküsst – Wie du eine Vision bekommst, um aus Gottes Perspektive heraus zu denken, zu handeln, zu leben

Ein Wort zum Schluss

Danke

Anmerkungen

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ÜBER DIE AUTORIN


ELKE MÖLLE (Jg. 1966) war zwölf Jahre lang im Gebetshaus Augsburg tätig, hat dort die Jüngerschaftsschule aufgebaut und war im Vorstand. Heute ist sie Teil des Teams von Kingdom Impact und eine gefragte Sprecherin. Als geistliche Trainerin ist es ihre Vision, dass Einzelne und Gruppen in ihre Berufung kommen.

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WIE IM HIMMEL SO AUF ERDEN?

Wer von uns möchte nicht ein erfülltes, glückliches Leben führen. Jesus ist gekommen, damit wir Leben in Fülle haben können. Aber unser Alltag ist doch immer wieder weit entfernt von einem überfließenden Leben. In Christus sind wir mehr als Überwinder, schreibt Paulus, aber Überwinderkraft ist noch nicht das herausragende Merkmal der Christen in unserem Land. Woran liegt das? Müssen wir uns einfach noch mehr anstrengen und uns noch mehr zusammenreißen? Wo sind die Menschen, die mit der ersten Liebe zu Jesus brennen und Licht und Salz in der Gesellschaft sind? Haben wir uns damit zufriedengegeben, am Sonntag im Gottesdienst einen Stuhl zu wärmen und ansonsten unter der Woche aus eigener Kraft unser Privatleben zu leben?

Gott, unser Vater, hat eine genaue Vorstellung davon, wie unser Leben gelingen kann. Er ist es, der die Welt so sehr liebt, dass er seinen Sohn gesandt hat, um uns aus der Gefangenschaft der Sünde, des Todes und der Finsternis zu befreien. Dieses Erlösungswerk ist vollkommen, und doch wird noch nicht so viel von der Erlösungskraft Gottes in unserem Leben sichtbar. Warum das so ist und wie wir lernen können, als Söhne und Töchter des Königs ganz auf Kosten unseres Vaters zu leben, darum geht es in diesem Buch. Entstanden ist es aus der langjährigen Praxis einer Jüngerschaftsschule, die ich im Gebetshaus Augsburg aufgebaut und über Jahre geleitet habe. Als Trainingsbuch ist es für Menschen gedacht, die Nachfolger Jesu sind und anderen helfen möchten, Jünger Jesu zu werden. Dabei geht es nicht darum, immer wieder neue Informationen zu bekommen, sondern darum, dass die ewigen Wahrheiten aus Gottes Wort in unser Leben eingebaut werden. Dadurch sollen die Kraft und die Schönheit des Königreiches Gottes in unserem Leben und in der Welt spürbar und erlebbar werden. Dann wird unsere Gesellschaft umgestaltet durch die Berührung mit dem Himmel, die sie durch uns, die Nachfolger Jesu, bekommt.

Es wird Zeit, dass der Leib Christi, der wie ein schlafender Riese am Boden liegt, aufwacht, sich erhebt und den Himmel auf die Erde bringt. Ihr werdet merken, dass die wichtigsten Schlüssel zu einem solchen Leben im Buch immer wieder wiederholt werden. Manches müssen wir oft hören oder lesen, damit es bei uns landet und wir es glauben und tief verinnerlichen können. »Euch öfter dasselbe zu schreiben, ist mir nicht verdrießlich, für euch aber bedeutet es, dass ihr fest werdet«, schreibt auch Paulus (Philipper 3,1).

Ich bete für euch, dass die Augen eures Herzens geöffnet werden, dass ihr Gottes wunderbaren Erlösungsplan, seine grenzenlose Liebe zu uns und unsere unglaublichen Privilegien, die wir als Kinder des Königs haben, immer mehr erkennen und genießen könnt.

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TEIL 1
Deine
neue Identität

Woher deine Sehnsucht kommt, glücklich zu sein

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1
HAPPY – DU BIST GESCHAFFEN FÜR EIN VOLLKOMMENES LEBEN IN DER GEGENWART GOTTES

Ich liebe das Lied »Happy« von Pharrell Williams. Es drückt für mich ein Lebensgefühl von Leichtigkeit und Heiterkeit aus, etwas, was ich mit dem Wort »happy« verbinde. Früher, als Kinder, war es doch für uns alle ganz natürlich, unbeschwert im Hier und Jetzt den Moment zu genießen. Ich liebte es, stundenlang im Sandkasten zu sitzen, zu träumen, Sandkuchen in Plastikförmchen zu backen und eine ganze Welt mit Straßen, Häusern und Burgen zu erschaffen. Oder im Winter über die weiße Pracht zu staunen, Schlitten zu fahren, Schneemänner zu bauen, eine Schneeballschlacht zu machen, mich hinter einer Schneeburg zu verschanzen oder im Schnee zu liegen und einen Engel zu formen. Ich liebte es auch, in das nahe Eisstadion zu laufen. Dort konnte ich stundenlang Runden drehen, mit mehr oder weniger großem Erfolg kleine Kunststückchen ausprobieren und mich selbst wie eine Eisprinzessin fühlen. Hinterher kam ich dann total durchgefroren, aber glücklich wieder nach Hause. Im Sommer liebte ich es, mich im Schwimmbad oder im See abzukühlen oder bei Regen durch Pfützen zu springen.

Solche Momente der vollkommenen Glückseligkeit gab es in meiner Kindheit öfters, und es gibt sie auch heute noch. Aber so richtig durchgängig über Stunden, Tage und Wochen glücklich zu sein, das kannte ich nicht. Im Rückblick verklärt sich ja die Erinnerung oft – waren nicht auch die tiefsten Glücksmomente durchzogen von einer Sehnsucht nach mehr und dem Bewusstsein, dass sie bald enden würden? Wurde nicht die fröhlichste Heiterkeit jäh beendet, weil Hausaufgaben gemacht werden mussten? Endete nicht der ausgelassenste Übermut mit einem aufgeschürften Knie und Tränen?


Ich kann mich an eine Situation erinnern, die mich als Kind sehr zum Nachdenken brachte. Aus irgendeinem Grund musste ich weinen, weil irgendetwas nicht so lief, wie ich es mir gewünscht hatte, und ich ging an der Hand meiner Tante nach Hause. Unterwegs begegneten wir einer Nachbarin, die sich besorgt erkundigte, was das Kind denn habe. Meine Tante antwortete schlicht: Weltschmerz.

Diese Antwort beeindruckte mich damals sehr, verlieh sie doch meinem Leiden einen ernst klingenden Namen und gab mir die Bestätigung, dass mein Schmerz real war und ich zu Recht weinte. Gleichzeitig beendete sie mein Weinen sehr schnell, weil ich dann über das Wort »Weltschmerz« nachdachte und natürlich wissen wollte, was Weltschmerz sei. Was meine Tante damals antwortete, weiß ich nicht mehr, aber der Duden definiert Weltschmerz als einen Schmerz, der die seelische Grundstimmung prägt, als Traurigkeit, als Leiden an der Welt und ihrer Unzulänglichkeit im Hinblick auf eigene Wünsche und Erwartungen.

Weltschmerz

Das Leben hier auf der Erde ist trotz allen Leides und aller Unvollkommenheit durchdrungen von Schönheit. Wenn man nur die wunderbare Natur betrachtet! Der Apostel Paulus schreibt im Brief an die Römer, dass schon allein durch die Herrlichkeit der Schöpfung jeder Mensch eigentlich sehen kann, dass es Gott gibt, und auch, wie dieser Gott ist: »Denn sein unsichtbares Wesen, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, wird seit Erschaffung der Welt in dem Gemachten wahrgenommen und geschaut« (Römer 1,20–21).

Er hätte ja auch alles in Grautönen und aus Beton erschaffen können, das hätte auch etwas über Gott ausgesagt. Aber er hat alles bunt und wunderschön gemacht, so wie er selbst ist. Er hat sein Wesen und seine Schönheit in seine Werke miteinfließen lassen. Unzählige verschiedene Pflanzen und Tiere spiegeln die Schönheit und auch die Heiterkeit des Schöpfers wider. Dass Gott einen genialen Sinn für Humor hat, sieht man sehr deutlich an den Tieren. Katzenvideos sind auf YouTube der ungeschlagene Renner, dagegen kommt kein Influencer an.

Einen Sommer lang hatte ich einmal drei Hühner bei mir im Garten wohnen. Das war unterhaltsamer und spannender als jedes Fernsehprogramm. Jeden Abend und jede freie Minute saßen wir im Garten bei den Hühnern und amüsierten uns köstlich über diese herrlichen Vögel. Gottes Kreativität und Genialität ist sogar bis in Details, die für das menschliche Auge gar nicht mehr sichtbar sind, in der Schöpfung erkennbar. Man denke nur an Schneeflocken: Es gibt nicht einmal zwei, die gleich sind. Jede ist einzigartig herrlich und nur unter dem Mikroskop in ihrer vollen Schönheit wahrzunehmen.

Als Gott den Menschen nach seinem Bild als Mann und Frau schuf, gab er dem ersten Menschenpaar einen wunderschönen Garten als Lebensraum, ein Paradies. Das Beste an diesem Paradies war die tägliche Begegnung mit dem wunderschönen, herrlichen und liebenden Schöpfer selbst, von Angesicht zu Angesicht, in ungebrochener Nähe und Gemeinschaft. Dafür sind wir geschaffen, für ein Leben in der Gegenwart Gottes, für Lebendigkeit, Leidenschaft, Glückseligkeit, Kreativität, Schönheit, Liebe. Wir sind für ein Paradies gemacht! Aber wir haben es verloren. Ganz tief in uns ist jedoch immer noch das Wissen um das Paradies, und in bestimmten Situationen ist dies deutlich spürbar. Unser Weltschmerz rührt daher, dass wir intuitiv wissen, dass die Welt, so wie sie ist, nicht so ist, wie sie eigentlich sein sollte. Es ist die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies in uns Menschen, die uns danach streben lässt, glücklich zu sein. In uns gibt es etwas, das uns sagt: Wir sollten eigentlich glücklich sein, dafür sind wir gemacht. Ich bin zutiefst der Überzeugung, dass dieses Sehnen gottgegeben und gottgewollt ist.

Die Frage ist nur, welche Idee der Schöpfer hatte, wie unsere Sehnsucht nach Glück und nach dem Paradies gestillt werden soll. Wir Menschen haben ja so unsere eigenen Ideen, wie wir glücklich werden könnten. Aber offensichtlich geht unsere Vorstellung nicht auf, dass wir durch irgendetwas aus der geschaffenen Welt dauerhaft glücklich werden könnten. Denn sonst würden überall strahlende Menschen herumlaufen, die vor lauter Glücksgefühlen Purzelbäume schlagen. Jeder von uns erlebt immer wieder, dass weder Menschen noch Dinge uns anhaltend sättigen können. Nichts Materielles, nichts Menschengemachtes, kann uns das verlorene Paradies zurückgeben. Und trotzdem versuchen wir andauernd, durch Geschaffenes Erfüllung zu finden, Leben zu haben und glücklich zu werden – und scheitern daran.

Der Neurologe und Psychiater Konrad Stauss formuliert das sehr schön im Blick auf Beziehungen zwischen Menschen: »In sozialen Beziehungen bleibt ein nicht auflösbarer Rest, ein nicht sozialisierbarer Kern, eine Einsamkeit, die keine menschliche Nähe ausfüllen kann, die in der unmittelbaren Beziehung zu Gott begründet ist.«1 Aber nicht nur in menschlichen Beziehungen merken wir, dass uns etwas fehlt, sondern auch in allen anderen Dingen des Lebens. Denn in uns, in unserem tiefsten Inneren, sehnt sich unser Herz nach Leben, Vollständigkeit und einem Happy End. Die Leidenschaft und die Träume, die Ängste und die Wunden, die wir in den Tiefen unseres Herzens finden, geben Zeugnis davon, dass irgendwo noch mehr sein muss.

Gott hat uns bewusst so geschaffen, mit einem Sehnen in uns, einem Loch, das nur er selbst füllen kann, einem »gottförmigen Loch«, wie es der französische Philosoph Blaise Pascal 1670 beschrieb.2 Im Paradies wurde dieses direkt von Gott gefüllt, dort konnten Adam und Eva unmittelbare Nähe zu Gott erleben und genießen, ohne Angst, ohne Scham sich zeigen, einfach in der Herrlichkeit sein. So war es von Anfang an gedacht. Und danach sehnen wir uns immer noch.

Das Sehnen in unserem Herzen kann auf Dauer nicht durch Prinzipien oder Programme, durch Aktionismus oder Rationalismus befriedet werden. Wenn wir das versuchen, wird früher oder später etwas in uns sterben. Oder wir werden irgendwann ausbrechen und uns verzweifelt Wege suchen, wie wir uns wieder lebendig fühlen können, ohne Rücksicht auf Verluste. Meistens hinterlassen wir dann einen riesigen Scherbenhaufen. Aber es ist einfach eine Tatsache: Unser Herz will leben. Da ist etwas Wildes, Unzähmbares in uns, das leben will.

Weißt du, was dein Herz lebendig macht? Was dich dazu bringt, tief aufzuatmen und das, was in dir ist, zu entfalten? Mein Herz wird lebendig durch Leidenschaft, Schönheit, Geheimnisse, Poesie, Kunst und gute Geschichten. Viele von uns haben Geschichten, die sie im Tiefsten berühren. Bei mir ist es zum Beispiel das Aschenputtel-Motiv. Wo immer es vorkommt, in einem Buch oder einem Film, da reagiert mein Herz sehr tief darauf, und oft berührt es mich dann so sehr, dass ich weine. Es lässt in mir eine Ahnung davon anklingen, dass diese Geschichte eine Wahrheit in sich birgt, die für alle Menschen und somit auch für mich gilt.

Es ist wichtig, dass wir mitbekommen, worauf unser Herz positiv reagiert und wo es sich lebendig fühlt, denn das hat sehr viel mit unserer eigentlichen Bestimmung zu tun. Es lohnt sich, dass wir hier ein Gespür entwickeln, uns Zeit nehmen, uns selbst kennenlernen. Unser Herz ist ein großer Schatz. Ein Geheimnis. Eine Tür, Gott und seine Sicht der Welt kennenzulernen.

Jesus war ein Meister im Erzählen von Geschichten, als er als Mensch auf der Erde lebte. Interessanterweise hielt er aber keine Vorträge, um den Menschen Informationen zu geben und den Verstand anzusprechen, sondern er sprach mit bildhaften Geschichten das Herz an. Mit den Fragen, die er einzelnen Menschen stellte, kam er immer direkt auf den Punkt, um den es bei dem angesprochenen Menschen im Innersten ging. Er zielte auf das Herz der Person, das wollte er ansprechen und gewinnen.

Die Ahnung vom Paradies und die Sehnsucht danach werden für uns in bestimmten Momenten unseres Lebens ganz besonders spürbar. Bei einem Spaziergang durch die Natur, beim gemeinsamen Lachen mit Freunden oder mit der Familie, beim Hören unserer Lieblingsmusik, beim Staunen über einen Sonnenuntergang oder über die Meereswellen, häufig auch bei der Geburt eines Kindes. In Zeiten größten Leides wird uns vielleicht noch mehr bewusst, was wir mit dem Paradies verloren haben: wenn ein geliebter Mensch krank wird oder stirbt, wenn eine Ehe zerbricht, wenn eine Tragödie passiert. Dann kommt die Frage nach der Ewigkeit auf, und wir trauern dem Verlorenen nach, fühlen, dass unser Durst nach Leben jenseits unseres irdischen Lebens gestillt werden muss. Die Sehnsucht ist eigentlich die stärkste Kraft in uns, die uns mit Macht dazu drängt, einen Sinn in unserem Leben zu finden, glücklich zu werden, ganz und heil zu werden, richtig lebendig zu sein. Ich bin überzeugt, die Stimme, die uns erinnert, die uns zurückruft, die uns all diese Wünsche und Bedürfnisse gibt, ist die Stimme Gottes.

Götze Glücklichsein

Nun kann es aber auch passieren, dass der Weltschmerz so groß und laut wird, dass wir nur noch unsere Sehnsucht nach dem Paradies spüren und regelrecht darin verloren gehen. Dann wird die gottgegebene Sehnsucht schnell zu einer ungesunden Sucht nach Glück.

In unserer heutigen Gesellschaft liegt so eine besondere Betonung auf der Suche nach dem Glücklichsein. In anderen Jahrhunderten hat sich die Frage vielleicht viel weniger gestellt, weil es oft um das pure Überleben in Kriegs- oder Hungerzeiten ging. Da war die Frage, die die Menschen bewegte: Wird es morgen noch etwas zu essen geben, werden wir morgen noch leben, oder werden wir vom Kriegsgegner getötet werden? Wird diese Krankheit, diese Verletzung tödlich sein, oder werden wir sie überleben? Heute leben wir in einer Zeit und in einem Land, wo unsere Grundbedürfnisse nach Nahrung, Schutz, Wohnung und Gesundheitsfürsorge in der Regel abgedeckt sind, und dadurch haben wir Zeit und Gelegenheit, über unser Glücklichsein oder unser Unglücklichsein nachzudenken. Manche Menschen in anderen Kulturen haben diesen Luxus auch heute nicht, da geht es immer noch um das nackte Überleben.

Bei uns, in unserer postmodernen Gesellschaft, ist das persönliche Glück geradezu ein Götze geworden. Ein Götze ist etwas oder jemand, der all unsere Zeit, unsere Aufmerksamkeit, unseren Fokus, unsere Worte, unsere Gedanken und unser Geld in Beschlag nimmt. Daran können wir Götzen in unserem Leben erkennen. Das ist dann unser höchstes Gut, dem jagen wir mit aller Kraft nach. Dem Götzen »Glücklichsein« werden, wie bei jedem Götzendienst üblich, Opfer dargebracht. Ehen sterben auf dem Götzenaltar: Wenn du mich nicht mehr glücklich machst, verlasse ich dich und suche mir jemanden, der mich glücklich macht. Sogar Menschenopfer werden dem Götzen gebracht: Babys, die dem individuellen Glück der Mutter oder des Vaters vermeintlich im Weg stehen, werden geopfert und im Mutterleib getötet. Abtreibung ist weltweit gesehen mit Abstand die häufigste Todesursache; die zweithäufigste sind Herzkrankheiten.

Man sollte meinen, dass in einer Gesellschaft, in der es weitgehend normal ist, eine gute Ausbildung zu bekommen und auch einen Arbeitsplatz, um sich und seiner Familie ein Leben im relativen Wohlstand zu ermöglichen, der Zufriedenheitspegel hochgeht und die Menschen glücklicher werden. Es ist aber nicht so. Psychosomatische Kliniken sind voll, Psychotherapeuten aller Art haben lange Wartezeiten. Überall hört man von Überforderung und Erschöpfung, Burn-out gilt als Volkskrankheit. Bei uns Christen sieht die Bilanz nicht wesentlich anders aus; wir scheinen uns nicht allzu sehr abzuheben von der Grundbefindlichkeit unserer Gesellschaft.

Die Suche nach dem verlorenen Paradies

Die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, der Weltschmerz, treibt uns dazu, nach Wegen zu suchen, wie wir glücklich werden können. Das gilt für jeden Menschen überall auf der ganzen Welt.

Wie versuchst du, deine innere Sehnsucht zu stillen? An welche Ziele hängst du dein Herz?

Bei mir war es in erster Linie der Versuch, durch Beziehungen zu Menschen Erfüllung und Vollständigkeit zu finden. Freundschaften, Liebesbeziehung, Ehe. Dazu kam das Streben nach Erfolg und Anerkennung, das Bedürfnis, gesehen zu werden – Flucht in Tagträume, Romane, andere Welten. Bei anderen ist es vielleicht das Traumhaus, der Traumurlaub, die Traumhochzeit, der Traumjob, das Traumhobby oder Arbeit, Alkohol, Sex. Egal, wie wir versuchen, aus eigener Kraft unsere Löcher zu stopfen, es wird nicht gelingen. Denn dieses Loch in uns ist gottförmig, und nur Gott kann es füllen.

Hat irgendeine Nation die Götter vertauscht? – Und jene sind nicht einmal Götter! Aber mein Volk hat seine Herrlichkeit vertauscht gegen das, was nichts nützt. Entsetze dich darüber, du Himmel, und schaudere, erstarre völlig vor Schreck!, spricht der Herr. Denn zweifach Böses hat mein Volk begangen: Mich, die Quelle lebendigen Wassers, haben sie verlassen, um sich Zisternen auszuhauen, rissige Zisternen, die das Wasser nicht halten.

Jeremia 2,11–13

Genauso ist es bei uns. Wir versuchen verzweifelt, uns lebendig zu fühlen, uns selbst zu versorgen, uns »selbst gemachte Zisternen« auszuhauen – und stellen dann fest, dass sie das Wasser nicht halten und wir trotz aller Mühe am Verdursten sind. David beschreibt es so: »Gott, mein Gott bist du; nach dir suche ich. Es dürstet nach dir meine Seele, nach dir schmachtet mein Fleisch in einem dürren und erschöpften Land ohne Wasser. So schaue ich im Heiligtum nach dir, um deine Macht und deine Herrlichkeit zu sehen« (Psalm 63,2–3).

Ich verstand früher diesen Psalm immer als Anforderung an mich, als ein Ziel, das ich erreichen muss. Ungefähr so: Elke, eigentlich solltest du wirklich mehr Leidenschaft für Gott haben. So, wie das der Psalm beschreibt, ist es bei dir gar nicht. Du könntest nicht sagen, dass du dich nach Gott so verzehrst und so Hunger und Durst danach hast, ihm zu begegnen, wie David. Doch dann hatte ich eines Tages in einer Gebetszeit beim Lesen dieses Psalms ein Aha-Erlebnis. Plötzlich verstand ich, dass das eigentlich nur eine Beschreibung der menschlichen Erfahrung ist. Unser Istzustand, nicht ein Anspruch, den ich nicht erfülle. Jedem Menschen auf der ganzen Welt geht es so. Wir verstehen nur nicht, dass unser Hunger und Durst, unser Sehnen nach mehr, eigentlich ein Hunger nach Gottes Gegenwart ist. Eine Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Gott selbst hat sie in unser Herz gelegt, damit wir anfangen, ihn zu suchen.

Die menschliche Seele dürstet nach Gott, danach, ihn zu sehen, ihm zu begegnen. So sind wir gemacht, auf Gott hin sind wir geschaffen, für seine Gegenwart, für Gemeinschaft mit ihm. Nichts anderes auf dieser Welt kann uns sättigen und glücklich machen. Nichts Geschaffenes!

Im Letzten kann dich nur die Gegenwart Gottes glücklich machen, denn dafür bist du geschaffen: für Liebe, für Nähe und Gemeinschaft, für Schönheit, für die Herrlichkeit und die Ewigkeit.

Lass dir diese Wahrheiten tief ins Herz fallen. Es braucht ein Innehalten. Wenn du auf deine eigenen Ziele ausgerichtet bleibst, ist es schwer, das zu erkennen, was Gott dir zeigen möchte. Er ist ein Gentleman und stellt sich dir behutsam in den Weg. Auf deiner Suche nach dem, was dich glücklich macht, ist der erste Schritt, dich von Gott unterbrechen zu lassen. Tu das am besten gleich!

Vom Fischer und seiner Frau

Kennst du das Märchen vom Fischer und seiner Frau? Darin geht es um einen Fischer, der mit seiner Frau Ilsebill in einer winzigen und armseligen Hütte wohnt. Als er im Meer einen Butt angelt, stellt es sich heraus, dass der Butt eigentlich ein verzauberter Prinz ist, den der Fischer dann leben lässt. Zum Dank darf sich der Fischer etwas wünschen. Er fragt seine Frau, was er sich denn wünschen soll, und so wünscht er sich auf ihren Rat hin eine größere Hütte. Diesen Wunsch erfüllt ihm der Fisch. Doch schon bald ist Ilsebill nicht mehr zufrieden und will etwas noch Größeres und Schöneres. Dem Fischer ist es peinlich, den Butt immer noch mal um etwas zu bitten, aber seine Frau drängt ihn. So geht das viele Male, und schließlich möchte sie König, Kaiser und dann sogar Papst werden. Alle diese Wünsche erfüllt ihr der Butt. Aber als sie am Schluss Gott werden will, wird sie wieder zurück in die armselige Hütte versetzt und hat alles verloren.

Mich hat das Märchen schon als Kind sehr angesprochen. Obwohl ich Ilsebills Verhalten scharf verurteilte, hatte ich doch schon eine leise Ahnung, dass diese unersättliche Frau auch tief in mir steckt. Zum Beispiel spürte ich oft an meinem Geburtstag: so viele schöne Momente, Kuchen, Freundinnen, Spiele, tolle Geschenke, meistens perfektes Wetter Anfang Juni – aber keine richtige Sättigung an Glücklichsein. Spätestens am nächsten Tag rann mir das Glück wieder durch die Finger. Erfolge in der Schule gaben mir ein kurzes Hochgefühl, aber sättigen konnten sie meine Sehnsucht nach dem Paradies auch nur vorübergehend. Freundschaften und selbst die beste Liebesbeziehung konnten keine dauerhafte Sättigung bringen. Da war immer ein Sehnen nach mehr.

Ich glaube, dass wir alle eigentlich so sind wie die Frau des Fischers, die einfach nur die Sehnsucht nach dem Paradies gespürt und dabei den Fehler gemacht hat, der uns Menschen so oft unterläuft: Sie hat versucht, ihre Sehnsucht mit Dingen aus der geschaffenen Welt zu füllen. Und dabei hat sie gemerkt, was wir alle irgendwann feststellen müssen, dass nichts Geschaffenes uns nachhaltig glücklich machen kann. C. S. Lewis drückt es so aus: »Wenn ich in meinem Innern ein Verlangen verspüre, das durch kein Erlebnis in dieser Welt befriedigt werden kann, dann ist die wahrscheinlichste Erklärung dafür die, dass ich für eine andere Welt gemacht bin.«3 Wir sind nicht nur für diese sichtbare Welt geschaffen worden, sondern für das Paradies, die unsichtbare Welt Gottes, den Himmel, die Ewigkeit. Für seine Herrlichkeit, sein Königreich.

Es ist wichtig, dass wir uns bewusst sind: Die Sehnsüchte, die wir in uns spüren, sind nicht böse oder schlecht. Sie müssen nicht unterdrückt oder verleugnet werden, denn sie sind uns von Gott gegeben worden. Es war ja seine Idee, uns so zu erschaffen: für Schönheit und Faszination, für Gemeinschaft mit Gott, für ein Paradies. Das wissen wir ganz tief im Herzen. Dieses Wissen drückt sich durch die Sehnsüchte und Wünsche aus, die wir in uns wahrnehmen. Im Gespräch mit Menschen aus allen möglichen Bereichen der Gesellschaft, die ich im Laufe meines Lebens kennengelernt habe, stelle ich immer wieder fest, dass alle Menschen letztendlich ähnliche Bedürfnisse und Sehnsüchte haben. Wir sehnen uns nach Faszination und Schönheit, nach Nähe und Zugehörigkeit, nach Größe und Bedeutsamkeit. Es ist nicht überraschend, dass in jedem von uns eine Ilsebill steckt. Wir alle haben denselben Schöpfer, der uns unendlich liebt und uns zu sich ziehen möchte.

Es war Gottes Idee, diese Sehnsüchte in uns hineinzulegen. Und er hat auch eine genaue Vorstellung, wie er selbst in uns alle diese Sehnsüchte stillen möchte: Er möchte unser Herz erobern. Mit seiner leidenschaftlichen Liebe zu uns.

Der faszinierende Gott und unser Herz

Kennst du Gott als jemanden, der um dich wirbt? Hat Gott sich dir schon einmal vorgestellt als der, der dein Herz bewegen, erobern und begeistern möchte? Gott auf diese Weise kennenzulernen, ist einer der spannendsten und geheimnisvollsten Aspekte auf unserem Weg mit ihm. Und es ist seine Antwort auf die Sehnsucht unseres Herzens. Er will sich selbst an uns verschenken.

Im Hohelied lesen wir von der Liebe eines Bräutigams zu seiner Braut. Durch die Jahrhunderte wurde dieses poetische Buch der Bibel von Juden und Christen auch als die Geschichte der Liebe Gottes zu seinem Volk gelesen. Jesus selbst bezeichnet sich als »Bräutigam« (Markus 2,19), und sein Volk ist seine Braut, die er leidenschaftlich liebt. Das Hohelied ist deine und meine Geschichte, unser Leben mit Gott durch viele Höhen und Tiefen hindurch. Eines wird dabei sehr deutlich: Es ist die Initiative des Bräutigams, um seine Braut zu werben, ihre Liebe zu entfachen und sie zu faszinieren.

Ich schlief, aber mein Herz war wach. Da, hört, mein Geliebter klopft an die Tür. »Öffne mir, meine Schwester, meine Freundin, meine Taube, meine Vollkommene (…)« Mein Geliebter streckte seine Hand durch die Öffnung in der Tür, und mein Herz fing an wie wild zu schlagen vor Sehnsucht nach ihm.

Hohelied 5,2–4; NLB

Wir brauchen Gottes Hilfe und Initiative, um ihn zu lieben. Er klopft an, er streckt seine Hand durch die Türöffnung, und dann gerät unser Herz seinetwegen in Wallung, so lesen wir es im Hohelied. Gott zeigt uns etwas von sich, zum Beispiel beim Anblick der Natur, beim Hören eines besonderen Liedes, beim Lesen eines Bibelwortes, im Gottesdienst, im Gespräch mit Menschen. Am Anfang ist es vielleicht nur eine winzige Regung unseres Herzens, die wir wahrnehmen. Aber wenn er sich uns zeigt, auch wenn es nur eine schwache Ahnung ist, wird jedes Mal etwas in uns zum Leben erweckt. Wenn wir uns darauf einlassen und lernen, diese Momente zu erkennen und unser Herz Gott hinzuhalten, wächst unsere Sensibilität für die Gegenwart Gottes. Dann wird in jedem dieser Gelegenheiten, in denen Gott »seine Hand durch die Öffnung in der Tür streckt«, unser Herz nach und nach lebendig. Und zwar um ein Vielfaches mehr, als wenn wir von geschaffenen Dingen oder von Menschen fasziniert sind.

Kannst du dich an solche Momente der Begegnung mit Gott erinnern? Wo nimmst du Gottes Gegenwart besonders deutlich wahr? Hat dich die Begegnung mit Gott schon einmal komplett überwältigt? Kannst du dir vorstellen, dass es möglich ist, dass Gott dich mehr faszinieren könnte als alles in dieser sichtbaren Welt?


Wenn wir das vierte Kapitel der Offenbarung lesen, sehen wir, was passiert, wenn man einen unverstellten Blick auf Gott hat und überwältigt ist von seiner Gegenwart. Die natürliche Reaktion darauf, diesen herrlichen, wunderschönen Gott zu sehen, ist, ihn anzubeten.

Das vierte Kapitel der Offenbarung nimmt uns mit hinein in den Thronsaal Gottes, der im Himmel ist. Wir lesen von ihm, der auf dem Thron sitzt, und es ist spürbar, dass Johannes die Worte fehlen, zu beschreiben, was in menschlichen Kategorien nicht zu beschreiben ist. Unfassbare Schönheit, Glanz, Pracht und unbeschreibliche Herrlichkeit. Alles dreht sich nur um den Einen, den Schönsten, den Anbetungswürdigen. Aller Augen sind nur auf ihn gerichtet. Er ist das Zentrum des Universums. Seine Schönheit und Sein Wesen veranlassen die Engel, die vier lebendigen Wesen und die vierundzwanzig Ältesten keineswegs zu einer andächtigen Stille. Vielmehr können sie nicht an sich halten und rufen bei Tag und Nacht: »Heilig, heilig, heilig, Herr, Gott, Allmächtiger, der war und der ist und der kommt!« (Offenbarung 4,8). Und die Ältesten werfen ihre Kronen nieder vor dem König der Könige, vor dem, der allein würdig ist, und sie rufen: »Du bist würdig, unser Herr und Gott, die Herrlichkeit und die Ehre und die Macht zu nehmen, denn du hast alle Dinge erschaffen, und deines Willens wegen waren sie und sind sie erschaffen worden« (Offenbarung 4,11). Um seinen Thron sind Blitze und Donner, ein Regenbogen, der strahlt wie ein Smaragd, ein gläsernes Meer, das glitzert wie Kristall. Eine gewaltige Inszenierung, die alles, was es auf der Erde an Pracht und Glamour gibt, in den Schatten stellt. Der, der auf dem Thron sitzt, ist heilig! Ihm gebührt all unsere Aufmerksamkeit, ihm gebührt all unsere Anbetung, unser ganzes Herz!4

Die vier lebendigen Wesen haben auf allen Seiten Augen, um den, der auf dem Thron sitzt, gebührend betrachten zu können, und weil sie ihn sehen, beten sie ihn an, bei Tag und bei Nacht. Sie können gar nicht anders, als Tag und Nacht »Heilig, heilig, heilig!« zu rufen, weil sie Gott von Angesicht zu Angesicht sehen. Dieses Kapitel der Bibel packt mich immer wieder aufs Neue. Die vierundzwanzig Ältesten und die vier lebendigen Wesen sind beständig vor Gottes Thron und entdecken immer wieder etwas Neues und Faszinierendes an diesem heiligen Gott. Wenn sie ihn sehen, brechen sie spontan in Lobpreis und Anbetung aus.

Jesus zu sehen, heißt, ihn anzubeten. Wenn er sich zeigt, dann wird in uns Liebe und Faszination für ihn erweckt. Ganz automatisch. Denn er ist prachtvoll, wunderschön, voller Kraft und gleichzeitig voller Demut. Je mehr er sich zeigt, desto mehr lockt er uns in seine Gegenwart hinein.

Gott ist nicht langweilig. Wenn wir uns im Lobpreis langweilen, dann liegt es sicher nicht an Gott, sondern daran, dass wir ihn noch nicht sehen. Es lohnt sich, dranzubleiben. Sich völlig hineinzuwerfen, nicht am Rand als Beobachter stehen zu bleiben, sondern mit ganzer Kraft den Herrn zu preisen. Mir hilft es immer sehr, mir die Szene aus Offenbarung 4 bildlich vor Augen zu malen. Mich selbst in dieser Szene zu sehen, direkt vor dem Thron der Gnade. Mich eins zu machen mit den Engeln und den vier lebendigen Wesen und den vierundzwanzig Ältesten und mit den Augen des Herzens auf den Einen, den Heiligen, den Faszinierenden, zu blicken.

In einer Lobpreiszeit hatte ich einmal ein lustiges Erlebnis. Ich sah mich vor meinem inneren Auge mittendrin vor dem Thron, und dann sah ich vor mir einen Engel, der sich zu mir umdrehte und mir zublinzelte, so als ob er sagen würde: »Wir sind ein Team, du auf der Erde, wir im Himmel. Zusammen sind wir das Lobpreisteam und beten den König auf dem Thron an.«

Du kannst den Herrn bitten, sich dir konkret zu zeigen. Wünschst du dir, dass er in deinem Herzen Leidenschaft für ihn weckt? Dann nimm dir doch jetzt ein paar Minuten Zeit und bitte ihn darum. Er liebt es, solche Gebete zu beantworten. Und er liebt es, deine Sehnsucht nach Faszination zu stillen.

Keine Instantlösung

Ich gebe zu, das ist keine Instantlösung für unser Problem. Wir sind es mittlerweile so sehr gewohnt, dass alle unsere Bedürfnisse schnell gestillt werden. Unter der Dusche soll das warme Wasser gleich kommen, das Internet soll immer noch schneller funktionieren, Smartphones bieten uns 24/7 Sofort-Unterhaltung, Tütensuppen und Mikrowellengerichte sind in ein paar Minuten fertig. Wir haben das Warten verlernt. Tatsache ist aber, dass die meisten Dinge im Leben – und besonders die ganz wichtigen – Zeit brauchen: Erwachsenwerden, Schule und Ausbildung, eine Schwangerschaft, das Wachstum einer Beziehung, die Reifung des Charakters – dies alles braucht seine Zeit.

Auch die Entwicklung der Beziehung mit Jesus braucht Zeit. Das Gute ist, dass wir konkrete Dinge tun können, um Jesus mehr zu sehen und ihn besser kennenzulernen. Wir können nämlich jederzeit neue Gewohnheiten eintrainieren, und dadurch wird sich unser Leben in eine neue Richtung bewegen. Richard Rohr, Mönch und Autor, formuliert es so: Wir sind so gemacht, dass wir uns nicht in eine neue Lebensweise hineindenken, sondern in eine neue Denkweise hineinleben.5

Ich habe das immer sehr deutlich an den Teilnehmern der Jüngerschaftsschule im Gebetshaus gesehen. Das Herzstück dieser Schule ist die wöchentliche Zeit im Gebetsraum, etwa drei Stunden pro Tag an sechs Tagen der Woche, insgesamt zwanzig Wochenstunden. Am Anfang fiel es einigen noch ziemlich schwer, drei oder vier Stunden am Stück im Gebetsraum zu sein. Elektronische Geräte sind nicht erlaubt, an Büchern dürfen nur die Bibel und ein Proklamationsbuch6 als Gebetshilfe mitgenommen werden. Die Gedanken schweifen oft ab, aber es gibt keine Ausweichmöglichkeit. Wenn man nicht vor Langeweile umkommen will, muss man sich auf das Gebet, den Lobpreis oder die Bibel einlassen. Nach einigen Wochen und Monaten ist die lange Zeit im Gebetsraum normal geworden und dann sogar bei vielen unverzichtbar. Sie haben sich in eine neue Denkweise hineingelebt, und zu dieser gehörte es nun, jeden Tag die Gegenwart Gottes zu suchen.


Neue Gewohnheiten beginnen immer mit einem kleinen Schritt, den man jeden Tag macht. Mit der Zeit ist dieser eine kleine Schritt normal geworden, dann kann man einen zweiten kleinen Schritt hinzufügen. Wenn du nicht gerade eine Jüngerschaftsschule machst und keinen Gebetsraum vor der Haustüre hast, dann kannst du dir selbst kleine oder größere Ziele setzen, dir einen Rechenschaftspartner suchen und dich auf den Weg machen, dich neu von Jesus Christus, dem König der Könige, dem Friedefürst, dem schönsten aller Menschen, dem Lamm Gottes auf dem Thron, faszinieren zu lassen.

Auf diesem Weg wirst du Gott finden. Denn das ist der Weg, den er sich ausgedacht hat, um unserem Sehnen zu begegnen. Er hat es selbst versprochen: »Und sucht ihr mich, so werdet ihr mich finden, ja, fragt ihr mit eurem ganzen Herzen nach mir, so werde ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr« (Jeremia 29,13–14). Dieser Weg wird dich in ein komplett neues Leben hineinführen.


Weil wir für ein Paradies geschaffen sind und dieses verloren haben, spüren wir immer wieder eine tiefe Sehnsucht nach Leben, nach Sinn und nach einer perfekten Welt. Unser Herz hat ein gottförmiges Loch, das nur von Gott gefüllt werden kann. Wir sind von Gott und auf Gott hin geschaffen und nur bei ihm können wir das Leben, das wir suchen, die Erfüllung und den Sinn unseres Daseins finden.

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2
VERSETZT IN EINE ANDERE WELT – WAS EIGENTLICH PASSIERT, WENN DU IM GEIST NEU GEBOREN WIRST

Eines Morgens kommt der Chef zu seinem Angestellten und teilt ihm mit, dass er nächste Woche nach China versetzt wird, und zwar bis zur Rente. Nicht etwa in eine Großstadt, wo jemand Englisch spricht oder schon einmal im Ausland war, sondern weit abgelegen aufs Land. Dort soll er unter lauter Chinesen arbeiten und leben. Der Mitarbeiter kommt also in eine komplett neue Welt hinein, wo er alles neu lernen muss. Die Sprache ist neu, die Essgewohnheiten sind neu, was bei ihm bisher als höflich galt, ist in China vielleicht völlig ungehobelt und anstößig. Wie man Freundschaften lebt, was man sagen darf und was nicht, wie man Geschäftsbeziehungen knüpft und verhandelt, welche Feste man feiert – alles weicht vollkommen von dem ab, was der Mann bisher gewohnt war.

Das ist nur ein erfundenes Szenario, aber Paulus schreibt im Brief an die Kolosser, dass genau das uns passiert ist, nur dass wir nicht nach China versetzt worden sind, sondern in das unsichtbare Königreich Gottes. Und auch nicht nur bis zur Rente, sondern bis in alle Ewigkeit. »Er hat uns gerettet aus der Macht der Finsternis und versetzt in das Reich des Sohnes seiner Liebe. In ihm haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden« (Kolosser 1,13–14).

Das ist ähnlich dramatisch, wie wenn wir nach China versetzt worden wären. Jeder, der sein Leben der Herrschaft Jesu anvertraut, wird in diesem Moment in ein anderes Reich versetzt. Vermutlich war das nicht uns allen gleich präsent, als wir unser Leben mit Jesus gestartet haben. Bei einem Ortswechsel nach China hätten wir sehr deutlich festgestellt, dass wir in eine andere Welt versetzt worden sind. Wir hätten alles ganz neu lernen müssen: die Sprache, die Kultur, die Mentalität. Aber genau das ist mit uns passiert, und deshalb ist dieses Bild so passend.

Es hat tatsächlich auch bei uns ein sehr dramatischer Wechsel stattgefunden, nur haben wir das nicht gleich gemerkt, weil das Königreich Gottes unsichtbar ist und wir nur durch Glauben Zugang zu dieser Realität haben. Aber wenn wir darüber nachdenken, wird schnell klar, dass es Zeit und auch ein Trainingsprogramm braucht, bis man sich in dieser neuen Welt auskennt und die neuen Sitten und Gebräuche kennengelernt hat. Alles muss gelernt werden: die neue Sprache, die neue Kultur und auch die ungeahnten Reichtümer und Möglichkeiten, die unsere neue, unsichtbare Heimat mit sich bringt.

Als Adam und Eva im Paradies der Schlange glaubten und sie vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen aßen, war die unmittelbare Nähe zu Gott zerbrochen. Sie konnten die Schönheit des Paradieses und die Gegenwart Gottes nicht mehr genießen. Die Schlange hatte ihnen gesagt: Vertraut doch nicht Gott, vertraut lieber euch selbst, ihr könnt selbst sein wie Gott! Doch statt wie Gott zu sein, hatten sie plötzlich Angst vor Gott. Sie schämten sich, konnten nur noch sich selbst und ihre Mangelhaftigkeit sehen. Das Misstrauen Gott gegenüber hatte sie dazu getrieben, sich gegen Gott zu stellen. Ihre Liebe zu Gott und ihre Fähigkeit, Gottes Liebe zu empfangen, waren verloren gegangen. Das war die größte Tragödie in der Geschichte der Menschheit.

Gott hatte Adam und Eva verboten, von der Frucht dieses Baumes zu essen, da sie tödlich giftig sei und sie sterben würden. Nun, wir wissen, dass sie nicht körperlich gestorben sind, aber ihre Herzensverbindung mit Gott war zerbrochen. Das Paradies war verloren aufgrund von Stolz und Furcht. Stolz, weil sie lieber selbst Gott sein und sich nicht unter die liebende Herrschaft des Schöpfers beugen wollten. Sie wollten in Unabhängigkeit von ihm leben. Furcht, weil sie der Schlange glaubten, die sagte, dass Gott ihnen das Beste vorenthalten würde und er in Wahrheit nicht wirklich gut sei. Der Mensch war fortan getrennt von Gott durch sein Misstrauen und die Entscheidung, von nun an selbst für sich sorgen zu wollen.

Da brauchte es eine sehr radikale Intervention Gottes. Und Gott griff radikal ein. Er kam selbst als Mensch auf die Erde, um zu demonstrieren, wie es aussieht, wenn ein Mensch wieder eine ungebrochene Nähe zu Gott, dem Vater, hat. Wie es aussieht, wenn er in zwei Welten gleichzeitig lebt, nämlich auf der Erde und im unsichtbaren Königreich Gottes. Jesus sagte von sich: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich« (Johannes 14,6). Und er verkündigte, dass mit ihm auch seine Königsherrschaft auf die Erde gekommen ist. Deshalb ist nun alles anders. Nichts ist mehr, wie es vorher war. »Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!« (Markus 1,15).

Die Begriffe »Buße« und »Evangelium« sind den meisten Christen wohlbekannt. Dabei ist vielen vielleicht nicht klar, was für eine mächtige Botschaft in diesen Worten steckt. In der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, wird das griechische Wort »evangelion« (»Gute Nachricht«) mehrfach in Situationen verwendet, in denen einem König die gute Nachricht von einem militärischen Sieg gebracht wird. Für das Wort »Buße« steht im griechischen Urtext das Wort »metanoia«. Mit Buße verbinden viele die Vorstellung, dass man etwas bereut und Gott um Vergebung dafür bittet. Metanoia (wörtlich »Umdenken«) bedeutet aber nicht nur, um Vergebung für seine Sünden zu bitten, sondern spricht von etwas weitaus Umfassenderem: Wir denken um, kehren um und gelangen so zu einem vollständig neuen Weltbild und ändern unsere bisherige Sicht der Dinge mit allen Konsequenzen.

Wenn wir nun zusammensetzen, was Jesus dann eigentlich gesagt hat, kommt Folgendes dabei heraus: »Die Zeit ist erfüllt, jetzt ist die Königsherrschaft Gottes nahe herbeigekommen. Nichts ist mehr, wie es vorher war, Leute! Ein neues Zeitalter hat angefangen! Gewinnt eine komplett neue Sicht der Welt und glaubt an die frohe Botschaft, dass der Sieg über die Mächte der Finsternis gewonnen ist!«

In zwei Welten gleichzeitig

Die Menschen kamen und staunten, nicht wenige ärgerten sich über Jesus und wollten ihn töten. Das kann man gut verstehen. Immerhin klingt das doch recht krass, was Jesus hier sagt, gleichzeitig aber auch etwas rätselhaft. Wie soll das gehen, in einer sichtbaren und in einer unsichtbaren Welt gleichzeitig zu leben? Ganz ehrlich – ist das nicht absolut verrückt? Deshalb kam wohl auch der Pharisäer Nikodemus in der Nacht zu Jesus. Er wollte nicht mit ihm zusammen gesehen werden. Aber er wollte seine Fragen loswerden. Seine Sehnsucht zog ihn. Er suchte nach dem, was ihn glücklich machen würde. Nach dem, was ihm noch fehlte. Nach dem passenden Stöpsel für sein gottförmiges Loch.

Auffällig ist, dass Jesus meist nicht auf die gestellten Fragen direkt eingeht, aber trotzdem die eigentlichen Fragen beantwortet, die ein Mensch hat, aber nicht formulieren kann. Jesus erklärt Nikodemus, dass es ein Wunder benötigt, damit ein Mensch das Reich Gottes sehen kann. Das Wunder ist eine buchstäblich neue Geburt in eine andere Welt hinein. Wir lesen das im dritten Kapitel des Johannesevangeliums.

Es war aber ein Mensch aus den Pharisäern mit Namen Nikodemus, ein Oberster der Juden. Dieser kam zu ihm bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen. Nikodemus spricht zu ihm: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er etwa zum zweiten Mal in den Leib seiner Mutter hineingehen und geboren werden? Jesus antwortete: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes hineingehen.

Johannes 3,1–5

Ich weiß nicht, ob Nikodemus das verstehen konnte, denn schließlich war Jesus ja noch nicht am Kreuz gestorben und wieder auferstanden. Selbst seine engsten Freunde verstanden nicht, wie genau der Rettungsplan für die Welt aussehen sollte. Erst nachdem Jesus ihnen nach seiner Auferstehung erschienen war und ihnen den Erlösungsplan Gottes im Nachhinein erklärt hatte, verstanden sie langsam. Sie erfuhren, dass es Gottes Plan gewesen war, dass Jesus der Messias war, der die Schuld der ganzen Welt tragen und dafür mit dem Tod bezahlen musste. Dass er nach drei Tagen wieder auferstanden war, weil der Tod ihn nicht hatte halten können. Dass er nun zu seinem Vater in den Himmel, die unsichtbare Welt, zurückgehen würde. Sie verstanden, dass nun jeder, der an ihn glaubt, eine neue Geburt in die unsichtbare Welt des Königreiches hinein erleben würde, durch den Tod in die Auferstehung. Und dass unmittelbare Nähe zu Gott, dem Vater, jetzt wieder möglich wurde, so wie es von Anfang an gedacht war.

Der Apostel Paulus schreibt, dass ein Christ ein echtes Wunder ist, denn er lebt tatsächlich in zwei Welten gleichzeitig (Kolosser 1,13). Durch die neue Geburt wurden wir in das Königreich Gottes versetzt, und gleichzeitig sind wir natürlich immer noch auf der Erde in der sichtbaren Realität.


Die neue Geburt

Das ist jetzt ein guter Moment, dass du dich an deine eigene neue Geburt erinnerst. Weißt du noch, wie das war, als du zum ersten Mal in deinem Herzen die Gewissheit hattest, dass Jesus der Sohn Gottes ist? Dass er der verheißene Retter ist, der gekommen ist, damit du wieder in ungebrochener Nähe zu Gott leben kannst? Kannst du dich erinnern, welche Umstände oder Menschen dazu geführt haben, dass dir das klar geworden ist? Hattest du damals schon eine Ahnung, dass jetzt alles ganz anders und neu geworden ist? Dass du jetzt in zwei Welten gleichzeitig lebst?

Wie das Wunder der neuen Geburt im Einzelnen passiert, ist bei jedem Menschen anders. Jeder hat seine eigene Geschichte mit Jesus. Beim Apostel Paulus war es eine sehr dramatische Geburt. Er hieß ursprünglich Saulus von Tarsus und war ein sehr gebildeter jüdischer Rabbi mit römischem Bürgerrecht. Er gehörte der Gruppierung der Pharisäer an und hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Anhänger Jesu Christi zu verfolgen, ins Gefängnis zu werfen oder am besten gleich zu steinigen. Jesus hatte er nie persönlich kennengelernt, aber die junge Gemeinde war ihm ein Dorn im Auge. Seiner Ansicht nach waren das alles vom wahren Glauben abgefallene Juden. Klingt nicht so, als wollte man ihn zum Freund haben. Aber: Auch er war so ein Mensch, der auf der Suche war nach dem, was sein Herz in die Ruhe bringen konnte.

Als er wieder einmal unterwegs war, um Christen zu jagen, erschien ihm Jesus. Saulus war auf dem Weg nach Damaskus mit einer Vollmacht der Hohepriester in der Tasche, dass er jeden Juden, der sich zu Jesus Christus bekannte, gefangen nehmen und nach Jerusalem ins Gefängnis bringen durfte. Da passierte etwas sehr Außergewöhnliches: Saulus wurde plötzlich von einem übernatürlichen, hellen Licht geblendet, sodass er zu Boden fiel. Er hörte eine Stimme, die ihn fragte: »Saul, warum verfolgst du mich?« Saulus fragte zurück: »Herr, wer bist du?« Die Stimme antwortete ihm: »Ich bin Jesus, den du verfolgst«, und gab ihm den Auftrag, in die Stadt zu gehen, wo er weitere Aufträge bekomme würde. Was für ein spektakuläres Ereignis! Die Männer, die er dabeihatte, sahen das Licht nicht, aber sie hörten die Stimme.

Als Saulus aufstehen wollte, stellte er fest, dass er nichts mehr sehen konnte; er musste nach Damaskus geführt werden. Drei Tage lang konnte er nichts sehen, und er aß und trank nichts. Dann wurde ein Jünger von Jesus namens Hananias zu Saulus geschickt. Hananias hatte auch eine Erscheinung gehabt, und Jesus hatte ihm aufgetragen, zu Saulus von Tarsus zu gehen. Jesus sagte zu Hananias: »Geh zu ihm, denn er betet, und er hat dich in einer Erscheinung gesehen, wie du ihm die Hände auflegst, damit er wieder sehen kann.« Davon war Hananias nicht begeistert. Zu einem Mann gehen zu müssen, der die Gemeinde Jesu mit einer Vollmacht der Hohepriester verfolgte, das war viel verlangt.

Aber Jesus wiederholte seinen Auftrag mit der Begründung: »Er ist mir ein auserwähltes Werkzeug, er soll das Evangelium verkünden vor Nationen, vor Königen und vor dem Volk Israel. Und er wird um meines Namens willen viel erleiden müssen.« Daraufhin ging Hananias zu Saulus, legte ihm die Hände auf und tat, was Jesus ihn geheißen hatte. Saulus konnte sofort wieder sehen, stand auf und ließ sich taufen (Apostelgeschichte 9).

Meine persönliche Geschichte mit Jesus ist weit weniger spektakulär, zumindest aus menschlicher Sicht. Jesus sagt nämlich in Lukas 15, dass im Himmel jedes Mal eine Freudenparty gefeiert wird, wenn ein Sünder umkehrt. Bei mir war es so, dass ich einfach ganz organisch in ein Leben mit Jesus hineinwuchs. Meine Oma war eine gläubige Frau, eine Beterin. Sie lehrte mich schon von klein auf das Beten, las mir zuerst Geschichten aus der Bibel vor und las später mit mir die Bibel. Ihre erste Reaktion auf jede Herausforderung oder krisenhafte Situation war: Komm, wir beten. Mit meiner Oma ging ich auch in die Kirche und war regelmäßig im Kindergottesdienst. Als unsere Kindergottesdienstgruppe einen Ausflug nach München zu einer Kinderevangelisation machte, war es klar, dass ich auch mit dabei war.

Am Ende der Veranstaltung wurden wir Kinder in Zweiergruppen aufgeteilt und einem Mitarbeiter zugewiesen. Die Mitarbeiterin erklärte dem anderen Mädchen und mir noch einmal, was es mit Jesus auf sich hat. Dass er der Sohn Gottes ist, der einzige Mensch ohne Sünde. Dass er meine Schuld, meine Fehler, jede Lüge, jeden Ungehorsam am Kreuz auf sich geladen und dafür die Strafe bezahlt hat, damit ich frei von Schuld sein kann. Sie fragte mich dann, ob Jesus mir meine Schuld vergeben und der Herr über mein Leben sein dürfe, ob ich ihm mein Leben übergeben würde. Was ich da hörte, war für mich nichts Neues und eigentlich logisch, das hatte ich ja schon von meiner Oma oft gehört. So konnte ich ohne großes Nachdenken im Gebet mein Leben Jesus anvertrauen und sein stellvertretendes Opfer für mich annehmen.

Das war 1972, da war ich sechs Jahre alt. Ich bin überzeugt, dass das Wunder der neuen Geburt an diesem Tag bei mir passiert ist. Ich wurde versetzt vom Reich der Finsternis in das Reich des Lichts. Im Geist, sozusagen hinter den Kulissen, genauso spektakulär und dramatisch, als ob ich direkt nach China versetzt worden wäre, aber für die natürlichen Augen unsichtbar und völlig unspektakulär. Ich sah genauso aus wie vorher. Ich konnte immer noch frech und ungehorsam sein, hatte manchmal schlechte Laune und war ab und zu gehässig. Trotzdem war ein Wunder geschehen.

Im Brief an die Epheser beschreibt Paulus es so:

Gott aber, der reich ist an Barmherzigkeit, hat um seiner vielen Liebe willen, womit er uns geliebt hat, auch uns, die wir in den Vergehungen tot waren, mit dem Christus lebendig gemacht – durch Gnade seid ihr gerettet! Er hat uns mitauferweckt und mitsitzen lassen in der Himmelswelt in Christus Jesus, damit er in den kommenden Zeitaltern den überragenden Reichtum seiner Gnade in Güte an uns erwiese in Christus Jesus.

Epheser 2,4–7

Wir waren also tot in unseren Vergehungen – eine Folge des Sündenfalls –, aber mit Christus wurden wir lebendig gemacht durch den Glauben an seine Rettungstat am Kreuz. Das ist pure Gnade, nicht unser Verdienst. Im zweiten Brief an die Korinther erklärt es Paulus mit diesen Worten: »Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden« (2. Korinther 5,17).

Wenn wir durch die neue geistliche Geburt ins Königreich Gottes versetzt worden sind, sind wir in Christus. In seiner Königsherrschaft. In seiner Gegenwart. In Christus sind wir mit auferweckt und sitzen mit ihm in der Himmelswelt. Und zwar immer. Nicht nur am Sonntag im Gottesdienst oder wenn wir gerade beten oder in der Bibel lesen. Das Königreich Gottes ist immer um uns herum, und wir nehmen es mit, wo auch immer wir hingehen. Wir leben in zwei Welten gleichzeitig: ganz normal als Menschen in der sichtbaren Welt, aber gleichzeitig genauso real im unsichtbaren Königreich Gottes, in das wir durch Christus Eingang gefunden haben. Das ist doch unvorstellbar, oder nicht?

Jetzt fragst du dich vielleicht, warum nach 20 Jahren Christsein noch so viele Dinge in deinem Leben immer noch genauso schwierig sind wie vorher, obwohl du doch schon so lange im Reich Gottes lebst. Warum du immer noch mit Charakterschwächen oder sogar handfesten Sünden kämpfst. Warum du die Gegenwart Gottes nicht immer als total erfüllend erlebst und Gott weiterhin immer wieder aus den Augen verlierst.

Das hat viel damit zu tun, dass wir als geistliches Baby in diese neue Welt hineingeboren werden und vieles noch nicht gelernt haben. Außerdem hängt es damit zusammen, dass wir nicht nur einen Körper haben, sondern auch eine Seele und einen Geist.

Wachstumsstufen

Denken wir noch mal an die Geschichte mit China. Wären wir nach China versetzt worden, wäre es uns bewusst, dass wir wieder neu sprechen, lesen, schreiben, ja sogar (mit Stäbchen) essen lernen müssten. Wir kämen in eine neue Welt hinein, die wir erst kennenlernen müssten. Und genau das ist letztendlich unsere Situation als neugeborenes geistliches Baby. Egal, ob wir schon selbst Kinder oder eine hohe Position in irgendeiner Firma haben, wenn wir von Neuem geboren werden, sind wir erst einmal ein geistliches Baby.

Wie im Natürlichen braucht auch ein geistliches Baby Nahrung, Liebe und Pflege. Das geht am besten, wenn von Anfang an Menschen da sind, die das Neugeborene begleiten und ihm helfen, gute Gewohnheiten einzutrainieren. Menschen, die am Anfang mit ihm Bibel lesen, beten, ihm helfen, eine Beziehung mit Jesus aufzubauen. Die die Fragen beantworten und für das Kind beten. Die es ermutigen und ihm helfen, »hinter die Kulissen« zu schauen, etwas mitzubekommen von der unsichtbaren Welt des Königreiches Gottes, das jetzt die neue Heimat des geistlichen Kindes geworden ist. Mit der Zeit lernt der junge Christ dann, selbstständig zu essen, sich selbst zu ernähren durch das Wort Gottes, durch Lobpreis, durch Gebet. Weil das alleine sehr schwierig ist, wird das geistliche Baby in eine Familie hineingeboren, in den Leib Christi. Gott, der Vater, der Schöpfer des Universums, der König und Herrscher, ist jetzt auch sein Vater, und somit hat es von Anfang an Millionen Brüder und Schwestern.

Die Bibel spricht von drei Wachstumsstufen, die ein von Neuem geborener Christ durchläuft: Kind, Jüngling, Vater. Wachstum braucht Zeit, Reife braucht Zeit. Bei einem kleinen Baby kommt niemand auf die Idee zu sagen: »Jetzt bist du schon sechs Wochen lang alle zwei Stunden gestillt worden und kannst immer noch nicht laufen!« Wir wissen, wie die natürliche Entwicklung eines Menschenbabys in etwa verläuft. Manche sind etwas schneller, und manche brauchen einfach länger, aber wenn ein Kind mit zwei Jahren noch gar keine Anstalten macht, laufen lernen zu wollen, stimmt irgendetwas nicht. Bei unserer geistlichen Entwicklung gibt es keine Zeitangaben, wann man was schon können sollte, aber Johannes vergleicht das Wachstum eines Christen mit den Reifestufen eines natürlichen Menschen:

Ich schreibe euch, Kinder, weil euch die Sünden vergeben sind um seines Namens willen. Ich schreibe euch, Väter, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch, ihr jungen Männer, weil ihr den Bösen überwunden habt. Ich habe euch geschrieben, Kinder, weil ihr den Vater erkannt habt. Ich habe euch, Väter, geschrieben, weil ihr den erkannt habt, der von Anfang an ist. Ich habe euch, ihr jungen Männer, geschrieben, weil ihr stark seid und das Wort Gottes in euch bleibt und ihr den Bösen überwunden habt.

1. Johannes 2,12–14

Hier sehen wir, was geistliches Wachstum heißt. Der Vergleich mit dem natürlichen Heranwachsen ist eine Hilfestellung, damit wir uns besser vorstellen können, was mit uns im Unsichtbaren passiert.

Wenn du jetzt die Beschreibungen der Wachstumsstufen durchliest, prüfe dein eigenes Herz. Schau dir an, wo du gerade mit Gott stehst. Wie war es zu Beginn deines Weges mit Jesus, wie ist es jetzt? Was fordert dich heraus und was ist für dich schon kein Thema mehr? Wo siehst du Wachstumsbedarf? Natürlich verlaufen diese Wachstumsstufen nicht in jedem Bereich deines Lebens linear. Es ist möglich, dass du in einem Bereich schon im Jünglings- oder im Erwachsenenstadium bist und in einem anderen Bereich deines Lebens noch im Kindheitsstadium.

Kind sein

Als Kinder lernen wir erst einmal den Vater kennen. Wir freuen uns, dass um des Namens Jesu willen die Sünden vergeben sind. In der Gewissheit der Sündenvergebung zu leben, das ist ein riesiger Durchbruch. Wir können uns ohne Angst und Verdammnis dem Vater nahen. Viel Heilung und Wiederherstellung geschieht dadurch, dass wir den Ballast und die schwere Last der Schuld loswerden und im Innersten verstehen, dass wir keine Waisenkinder mehr sind, sondern einen liebenden Vater haben. Und zwar einen perfekten Vater. Einen, der immer da ist, der nie genervt ist, der immer ein offenes Ohr hat, der begeistert von uns ist und sich über jeden kleinen Fortschritt freut. Einen Vater, der jedes Haar auf unserem Kopf gezählt hat, einfach, weil ihn alles, was seine Kinder betrifft, absolut interessiert. Und er ist ein Vater, der eine Vision für uns hat und uns anfeuert, der aus lauter Begeisterung und Freude über uns tanzt und Lieder der Befreiung über uns singt:

Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der rettet; er freut sich über dich in Fröhlichkeit, er schweigt in seiner Liebe, er jauchzt über dich mit Jubel.

Zefanja 3,17

So ist der Vater! Aber er ist ein echter Vater, kein Kuschelopa, bei dem wir immer nur auf dem Schoß sitzen, der uns Süßigkeiten gibt und alles durchgehen lässt. Nein, weil der Vater eine Vision für unser Leben hat und will, dass wir uns gesund entwickeln und erfolgreich unseren Lauf bestehen, wird er uns auch erziehen. Er wird uns Grenzen setzen. Er wird uns bestimmte Dinge nicht mehr durchgehen lassen, wenn wir so weit sind, dass wir den nächsten Entwicklungsschritt machen können. Aber es ist nicht der Zorn Gottes oder sein Frust, der uns zur Umkehr treibt, sondern die Güte Gottes, dessen können wir uns sicher sein (Römer 2,4).

Kannst du dir das vorstellen, dass Gott, dein Vater, vor Begeisterung über dich tanzt? Wenn dir dieser Gedanke bisher völlig fremd war, dann lade ich dich ein, jetzt gerade dem Vater dafür zu danken, dass er sich so über dich freut! Wenn du dich bei ihm noch nicht sicher fühlst, weil du dir so schuldbeladen vorkommst, dann fang an, ihm dafür zu danken, dass er dich nicht mehr so sieht! Er hat dich erlöst und gerecht gemacht und liebt es, wenn du nahe bei ihm bist.

Stößt du vielleicht gerade an irgendwelche Grenzen? Lass dich ermutigen, genau darin Gott zu suchen. Bitte ihn, dass er dir zeigt, an welchem Punkt er dich gerade erziehen will.

Geistliche Teenager

In der Jünglingsphase kann dann auf dieses Fundament aufgebaut werden. Als geistliche Teenager werden wir von Gott anders behandelt und trainiert, als das bei Kindern der Fall ist. Diese Phase zeichnet sich dadurch aus, dass wir stark werden und das Wort Gottes in uns bleibt und wir den Bösen überwinden. Vielleicht kann man auch sagen, wir werden stark, weil das Wort Gottes in uns bleibt, und dadurch können wir dann den Bösen mit dem Wort Gottes überwinden.

Einem Teenager darf man als Eltern nicht mehr alles abnehmen, er muss lernen, selbst Verantwortung zu tragen, bestimmte Kämpfe selbst auszufechten. Wie ein Teenager schon selber essen kann, so kann ein geistlicher Jüngling sich selber vom Wort Gottes ernähren. Wer unterernährt ist, hat keine Kraft. Ein Jüngling muss lernen, regelmäßig gesunde geistliche Nahrung zu sich zu nehmen und dadurch stark zu werden. Er lernt, den Bösen zu überwinden, indem er das Wort Gottes, das in ihm bleibt, als Waffe gegen die Lügen des Feindes benutzt. So wie es Jesus bei der Versuchung in der Wüste gemacht hat (Matthäus 4).

Ziel des Teufels war es, Jesus von seiner wahren Bestimmung abzulenken. Deshalb bot er ihm eine Abkürzung an, so wie damals Adam und Eva. Aber Jesus hat ihn mit dem Wort Gottes überwunden. Seine Antwort auf jedes Angebot des Teufels war: Es steht geschrieben! Er entlarvte und entkräftete die Lügen des Teufels mit der Wahrheit des Wortes Gottes.

Wenn du dein Leben mit Gott anschaust: Kannst du sagen, dass du schon das Wort Gottes als effektives Schwert kennst? Hast du schon erlebt, dass ein Bibelvers, den du in einer Situation aussprichst, es geschafft hat, dir deine Sorgen zu nehmen? Oder dass er dir Ruhe gab, wenn du eigentlich an die Decke gehen wolltest?

Erwachsen sein

Die nächste Wachstumsphase ist die des Vaters oder des Erwachsenen. Im Vaterstadium erkennen wir den, der von Anfang an ist. Das bedeutet, dass uns nichts mehr so schnell aus der »Glaubens«-Ruhe bringen kann. Menschen, die geistlich erwachsen sind, haben Gott kennengelernt als den Ewigen, den Schöpfer, den Allmächtigen, als den, dem alles untertan ist, vor dem sich jedes Knie beugt und jede Zunge bekennt, dass er der Herr ist. Sie erkennen ihn als den souveränen Herrscher, der die Weltgeschicke lenkt und auf dem Thron sitzend über seine Feinde lacht. Als den Gott, der uns Menschen einbaut in seine große Geschichte. Gott so zu kennen bringt Entspannung. Das macht uns stark und unerschütterlich. In Krisensituationen sehen wir unseren großen Gott und werden nicht vom Problem überwältigt.

Bis man an den Ort der Ruhe des Glaubens kommt, braucht es allerdings viel Zeit und Training. Gott kennenzulernen ist unsere Lebensaufgabe, und sie hört auch in der Ewigkeit nicht auf. Wir lernen Gott nicht kennen, indem wir Bücher über ihn lesen, Seminare besuchen und Predigten anhören. Das sind zwar wichtige Dinge, aber da lernen wir etwas über ihn, was noch nicht so viel mit unserem Leben zu tun hat. Einen Menschen lernen wir ja auch nicht kennen, indem wir uns Informationen über ihn einholen, ihn googeln und ihm auf Instagram und Facebook folgen. Wenn wir nur Informationen über jemanden sammeln, wissen wir zwar viel über diesen Menschen, aber wir kennen ihn dadurch noch nicht persönlich. Erst, wenn wir jemand im wirklichen Leben treffen und bestimmte Erlebnisse mit diesem Menschen haben, fangen wir langsam an, ihn wirklich kennenzulernen. Wie verhält er sich in Stresssituationen oder wenn etwas nicht so läuft, wie er will? Ist er da, wenn ich ihn brauche?

So ist es auch mit Gott. Erst wenn du mit ihm lebst und verschiedene Situationen mit ihm durchlebst, lernst du ihn kennen. Wenn du über Gott liest, dass er ein guter Hirte ist, der dich auch, wenn du durch das Tal der Todesschatten gehst, tröstet, begleitet und beschützt, dann weißt du etwas über ihn. Aber wenn du durch schwierige Zeiten gegangen bist, und er hat sich dir selber als guter Hirte gezeigt, der dich getröstet und beschützt hat, dann hast du ihn darin kennengelernt. Du hast etwas mit ihm erlebt, und er hat sich als treu erwiesen. Das kann dir niemand mehr nehmen, das ist jetzt ein Teil deiner Beziehung mit Gott. Du kennst ihn als den Guten Hirten.

Kennst du diesen Ort der Ruhe des Glaubens? Fällt es dir leicht, dorthin zu kommen, kennst du den Weg? Bist du krisenfest geworden? Unerschütterlich? Erwartest du Gutes von Gott? Bist du sicher, dass dein Gott für jede Situation in deinem Leben ausreicht? Erlebst du, dass geistliche Kinder zu dir kommen, um Orientierung und Rat zu holen?

Alles neu?

Viele von uns haben wahrscheinlich keine optimale neue Geburt erlebt. Vielleicht war niemand da, der ihnen geholfen hätte, eine bewusste Entscheidung für ein Leben mit Gott unter seiner liebenden Herrschaft zu treffen. Vielleicht hat keine Lebensbereinigung stattgefunden. Es wurde nicht erklärt, was Jesus am Kreuz getan hat, und schon gar nicht, dass wir durch die neue Geburt Zugang zum unsichtbaren Königreich Gottes haben und darin leben dürfen. Die allermeisten hatten vermutlich nicht das Privileg, liebevoll betreut die ersten Schritte im Glauben machen zu können. Nur wenige Christen sind gut begleitet durch Jüngerschaftsprozesse gegangen, und deshalb haben auch nur wenige ein geradliniges geistliches Wachstum erlebt. Daher ist es so wichtig, dass wir uns unser geistliches Leben noch mal genau anschauen und dass wir uns den folgenden Fragen stellen: Warum kämpfe ich immer wieder mit denselben Sachen? Warum verändert sich dieses oder jenes Verhalten nicht? Warum kommen nicht mehr von den Früchten zum Vorschein, die doch eigentlich an mir sichtbar werden sollten?

Das sind wichtige Fragen, die uns auf die richtige Spur bringen. Um diesen Fragen auf die Spur zu kommen, müssen wir ehrlich mit uns selber werden. Genau hinschauen, wie es in uns gerade aussieht, unterscheiden lernen, welche Motivation uns wirklich antreibt, was von Gott kommt und was nicht. Gott will uns auf die verborgenen Wege unseres Herzens führen. Es ist offensichtlich, dass noch vieles nachgeholt werden muss, was eigentlich am Anfang unseres geistlichen Lebens hätte passieren sollen. Und vieles muss noch nachreifen und wachsen. Lasst uns also genau hinschauen und uns nicht zufriedengeben mit einem kraftlosen, langweiligen christlichen Leben, das weit unter dem Niveau bleibt von dem, was Gott eigentlich für uns möglich gemacht hat!

Dass mit der neuen Geburt in unserem Leben noch nicht alles komplett neu, heil und wiederhergestellt ist, liegt zu großen Teilen daran, dass wir noch am Wachsen und Reifen sind und durch die geistlichen Entwicklungsstadien gehen müssen. Aber es liegt auch massiv daran, dass wir als Menschen eine Einheit aus Körper, Seele und Geist sind und dass diese drei nicht sofort gleichermaßen erneuert sind (darum wird es in Kapitel 7 noch ausführlicher gehen).

Der Apostel Paulus schreibt in 2. Korinther 5,17, dass wir eine neue Schöpfung sind, wenn wir in Christus sind, dass das Alte vergangen und Neues entstanden ist. Es steht nicht da, dass alles sofort vollständig neu geworden ist. In einem gewissen Sinn ist zwar alles sehr neu, weil wir jetzt in zwei Welten gleichzeitig leben, im Reich Gottes und in der sichtbaren Welt. Wir haben einen ganz anderen Lebensraum und einen anderen Status bekommen als erlöste und von Sünden gereinigte Kinder Gottes. Aber in unserer Seele ist nicht alles sofort vollständig neu geworden.

Durch die neue Geburt haben wir einen neuen, lebendigen Geist bekommen, denn davor war unser Geist tot in Bezug auf Gott, inaktiv ihm gegenüber. Wir hatten sozusagen keine Antenne für Gott und waren geistlich gesehen blind und taub. Das ist eine Folge des Sündenfalls. Gott hatte gesagt: Wenn ihr von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen esst, werdet ihr sterben (1. Mose 2,17). Wir wissen aber, dass Adam und Eva nicht auf der Stelle tot umgefallen sind; etwas anderes ist in ihnen gestorben: ihr Geist. Seit ihrer Entscheidung gegen Gott ist der Geist des natürlichen Menschen tot. Paulus schreibt im Römerbrief, dass der Lohn der Sünde der Tod ist (Römer 6,23), und im Epheserbrief schreibt er, dass wir tot waren in unseren Sünden (Epheser 2,5). Das bedeutet, wir konnten uns Gott nicht nahen, hatten kein Verlangen nach seiner Gegenwart und geistliche Dinge waren für uns wie ein Buch mit sieben Siegeln. Aber seit unserer neuen Geburt ist unser Geist wieder lebendig und vollkommen wiederhergestellt. Er versteht die geistliche Dimension, er kann die Stimme Gottes wahrnehmen, und er bekommt etwas von der unsichtbaren Welt Gottes mit. Gottes Erlösungsplan für die Welt macht plötzlich Sinn. Das ist die neue Schöpfung in uns. Aber wir sind eben zunächst im geistlichen Babystadium. Unser Geist oder, wie die Bibel auch manchmal sagt, unser innerer Mensch muss durch gute Ernährung und Training wachsen und reifen.

Gottes Erlösungskraft soll und wird auch unseren Körper berühren. Kraft und Gesundheit sollen und werden im Laufe unseres Lebens als Kind Gottes zunehmen. Aber wir leben noch in einer gefallenen Welt, in der uns auch Krankheit angreifen kann und der Körper mit den Jahren altert und schwächer wird.

Unsere Seele ist auch erlöst, aber noch nicht völlig erneuert. An unserer Seele wird vielleicht am meisten sichtbar, dass das neue Leben nicht mit der neuen Geburt sofort umfassend ein anderes ist. Dass also nicht alles auf einmal neu ist, sondern das Neue in uns begonnen hat. Das liegt daran, dass die Seele sozusagen noch im falschen Betriebssystem ist, wir könnten es Waisenkindmodus nennen. Das ist unsere alte Prägung. Als wir Gott noch nicht kannten und auf uns alleine gestellt waren, lebten wir wie Waisenkinder. Wir kannten diesen wunderbaren Vater noch nicht, mussten uns alleine versorgen und selber beschützen, es blieb uns gar nichts anderes übrig, als zu leben, zu denken und zu fühlen wie ein Waisenkind.

Ein Waisenkind fühlt sich alleine, überfordert, ist ständig bemüht, halt irgendwie zu überleben, hat niemanden, der in Krisen hilft, wird nicht versorgt, bekommt nichts geschenkt, muss sich alles hart erarbeiten. Als wir uns noch nicht vertrauensvoll an unseren Guten Hirten anlehnen konnten, mussten wir notgedrungen alle Fäden selbst in der Hand halten. Wir mussten selber die Kontrolle über unser Leben haben, sehen, dass wir nicht zu kurz kommen. Diese Art zu denken, zu fühlen und zu wollen, muss jetzt Schritt für Schritt verändert werden, sodass sie zu unserem neuen Leben im Königreich passt. Unsere Seele braucht also ein neues »Betriebssystem« und muss neu programmiert werden, vom Waisenkindmodus in den Königskindmodus.


Jetzt wird es spannend. Wir sind zwar versetzt vom Reich der Finsternis in das Reich des Lichts, aber wir merken noch nicht so viel davon. Und das hat damit zu tun, dass unser Denken, unser Fühlen und unser Wollen noch so stark geprägt sind von unserem Leben, das wir vorher ohne Gott gelebt haben. Jetzt gilt es zu lernen, wie man in dem unsichtbaren Königreich mit diesem herrlichen König, der zugleich unser Vater ist, lebt. Und zwar standesgemäß.

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BESSER ALS IM MÄRCHEN – WARUM GOTT NACH EINER BRAUT SUCHT, DIE ER LIEBT UND DIE IHN LIEBT – UND WAS DAS MIT DIR ZU TUN HAT

Gottes große Erlösungsgeschichte ist besser als jedes Märchen. Das, was Aschenputtel passiert ist, wird sogar noch getoppt durch das, was jetzt unsere Realität ist. Wir kriegen nicht nur den Prinzen, sondern sind selbst von königlichem Geschlecht und erben das Königreich. Wir sind kein Aschenputtel. Unsere Erlösungsgeschichte ist auch noch viel besser als das, was in dem Film »Plötzlich Prinzessin« erzählt wird, wo ein Mädchen, das in einfachen Verhältnissen aufgewachsen ist, plötzlich erfährt, dass es als Spross einer adligen Familie reich und für den Thron bestimmt ist und von nun an dazu ausersehen, in einem Schloss zu wohnen.

Lass es ganz tief in dich hineinsinken, dass das deine Geschichte ist: Du bist bei deiner neuen Geburt in die königliche Familie des Königs aller Könige hineingeboren worden. In alle Ewigkeit ist das nun deine Identität. Dir gehört die komplette Versorgung des Königreichs, und du bist berufen, in Ewigkeit im Haus deines Vaters, des Königs, zu wohnen. Schon hier und jetzt gehören dir die ganzen Reichtümer des Königreiches und du darfst nun dieses neue Leben kennenlernen und in deiner neuen Identität als Königskind leben.

Eigentlich war’s das ja dann jetzt. Kommen wir also gleich zum Happy End! Hier ist unser happy place, unser Glücklich-Ort. Hier ist unsere offene Tür zur Gegenwart Gottes. Wir Christen sollten die glücklichsten Menschen auf Erden sein. Hier und jetzt. Heute und für immer. Aber – ist das die Realität, in der wir leben? Vielleicht fühlt es sich oft nicht so an. Aber es ist unsere Geschichte. Lassen wir dazu zunächst einmal die Bibel sprechen:

Er hebt den Geringen aus dem Staub empor, aus dem Schmutz erhöht er den Armen, um ihn unter die Edlen zu setzen; und den Thron der Ehre lässt er sie erben.

1. Samuel 2,8

Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, wieder zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater! Der Geist selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind. Wenn aber Kinder, so auch Erben, Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir wirklich mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden.

Römer 8,15–17

Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau, geboren unter dem Gesetz, damit er die loskaufte, die unter dem Gesetz waren, damit wir die Sohnschaft empfingen. Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, der da ruft: Abba, Vater! Also bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; wenn aber Sohn, so auch Erbe durch Gott.

Galater 4,4–7

Und sie singen ein neues Lied und sagen: Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du bist geschlachtet worden und hast durch dein Blut Menschen für Gott erkauft aus jedem Stamm und jeder Sprache und jedem Volk und jeder Nation und hast sie unserem Gott zu einem Königtum und zu Priestern gemacht, und sie werden über die Erde herrschen!

Offenbarung 5,9–10

Das klingt ja viel zu gut, um wahr zu sein, sagst du vielleicht. Vielleicht bist du schon jahrelang Christ und kennst die Stellen alle in- und auswendig, aber dein tägliches Erleben kommt dir in die Quere, das oft sehr weit davon entfernt zu sein scheint: als Mitglied der königlichen Familie den Thron der Ehre erben, mit Christus an himmlischen Orten sitzen, königliche Kinder und Erben Gottes sein – erlebst du das im Alltag ganz real?

Ich habe mich sehr lange gefragt, warum das eigentlich so ist. Ich bin ja auch nur ein normaler Mensch und kenne die Diskrepanz zwischen der Glaubensrealität und meiner erlebten Wirklichkeit nur zu gut. Deshalb schreibe ich auch dieses Buch, um dich mit hineinzunehmen auf den Weg, den der Herr mich geführt hat, und dir Anteil zu geben an den Schätzen, die ich auf dem Weg mit Jesus entdecken durfte. Ein großes Aha-Erlebnis war für mich das Wort »Waisenkindmentalität«. Das erklärt so viel von dem, warum ich etwas weiß und trotzdem nicht danach handle. Weil nämlich tief untendrunter die Angst steckt, dass ich doch allein bin. Dass ich doch auf mich selbst gestellt bin und mir niemand hilft. Dass ich es aus eigener Kraft schaffen muss und niemals die Kontrolle aus der Hand geben darf.

Diese alte Prägung, die Waisenkindmentalität, ist das, was oft noch so laut gegen die Glaubensrealität der neuen Schöpfung spricht und uns in alten Mustern gefangen hält. Jemand hat mal gesagt, dass es nur ein paar Tage gedauert hat, das Volk Israel aus Ägypten herauszuführen, aber dass es 40 Jahre gedauert hat, um Ägypten aus dem Volk Israel herauszuholen. Die Sklavenmentalität war so tief in die Volksseele eingebrannt, dass es sehr lange dauerte, bis die Israeliten lernten, als freies Volk unter Gottes guter Leiterschaft zu leben und ihm zu vertrauen. So ist es auch bei uns.

Die Waisenkind­mentalität

Wenn wir Gott noch nicht besser kennengelernt haben, sein Wesen uns vertraut gemacht haben, dann dominiert in unserer Seele Misstrauen ihm gegenüber. Das ist deshalb so, weil es auf dieser Welt kein ungetrübtes Zugewandtsein, keine bedingungslose Liebe und kein absolut verlässliches Dasein gibt. Nirgends. Gott und die unsichtbare Welt sind uns seit der Vertreibung aus dem Paradies von Natur aus fremd geworden. Unser menschliches Erleben ist bis in den Kern geprägt von der Überzeugung, dass wir letztendlich doch alleine sind und alles selbst schaffen müssen. Das liegt daran, dass wir Gott noch nicht richtig kennen und dass alle Menschen, denen wir begegnen, in ihrer Nahbarkeit, ihrer Zuverlässigkeit und ihrer Liebe Grenzen haben. Jeder von uns hat die Erfahrung gemacht, dass kein Mensch ganz gut und völlig verlässlich ist. Die Entscheidung von Adam und Eva, selbst Gott sein zu wollen, hatte den Verlust des unmittelbaren Zugangs zur Gegenwart Gottes zur Folge. So ist der natürliche Zustand des Menschen seitdem, dass wir Gott und seinem Königreich entfremdet sind. Dass wir vaterlos sind. Das führt zu dem, was ich die Mentalität eines Waisenkinds nenne. Wie denkt, fühlt und verhält sich ein Waisenkind? Ein Waisenkind muss sich um alles selbst kümmern, sich alles selbst erarbeiten. Es hat keine Eltern, die es versorgen und es einfach lieben.

Wer Gott nicht als verlässlichen, liebevollen Vater und echten Schutz wirklich kennt, dem bleibt gar nichts anderes übrig, als für sich selbst zu sorgen. Der muss sich selbst beschützen und absichern. Er kennt den guten Vater und König noch nicht oder er denkt, Gott sei hart und kalt, nicht interessiert an ihm oder viel zu beschäftigt mit der Regierung der Welt, um sich um jeden Einzelnen kümmern zu können. Oder aber er weiß gar nicht, dass es Gott überhaupt gibt, und denkt, er sei alleine auf der Welt und müsste es selbst schaffen. Das führt dann dazu, dass wir nicht die Gegenwart Gottes zuerst suchen, wenn wir einsam oder traurig sind, sondern wir versuchen, unseren Mangel mit Dingen oder Menschen zu füllen. Was zwangsläufig zu Enttäuschungen und noch mehr Verletzungen führt oder gar zu Süchten und Abhängigkeiten. Alle Sorgen und Befürchtungen, alle Gedanken von Neid, jedes Gefühl, abgelehnt zu sein und zu kurz zu kommen, haben ihre Ursache in der Waisenmentalität.

Kommt dir davon etwas bekannt vor? Ich kenne das von mir sehr gut. Obwohl ich ja schon von klein auf mit Jesus, der Bibel und dem Gebet vertraut bin, hat mich doch – so wie jeden Menschen – die angeborene Entfremdung von Gott und seiner Welt zutiefst geprägt. Seit dem Sündenfall ist das der natürliche Zustand des Menschen. Und es scheint uns so normal und natürlich zu sein, dass wir es alleine schaffen müssen und erst, wenn wir nicht mehr weiterwissen, Gott ins Spiel bringen dürfen oder sollten.

Das, was Adam und Eva dazu getrieben hat, der Schlange mehr zu glauben als Gott, spüren wir heute immer noch: Angst und Stolz. Angst, dass Gott nicht wirklich gut ist, sodass uns das Risiko, uns ihm anzuvertrauen, zu groß erscheint. Stolz, weil wir lieber doch selbst die Fäden in der Hand halten und unter keiner anderen Herrschaft sein wollen. Unser Urvertrauen ist ein für alle Mal erschüttert. Warum sollte Gott anders sein als alle Menschen, die uns je begegnet sind?

Unser Gottesbild

Um dem auf die Spur zu kommen, was uns zu schaffen macht, müssen wir uns das Bild anschauen, das wir von Gott, von uns selbst und von der Welt haben. Dabei geht es gar nicht darum, was wir im Kopf darüber wissen, wie Gott ist oder was er über uns oder die Welt um uns herum sagt. Unser Gottesbild entspringt viel tiefer und hat seine Wurzeln auf der Herzensebene oder im Bauchgefühl: Es setzt sich aus den Erlebnissen zusammen, die wir mit unseren Eltern, Lehrern und geistlichen Leitern hatten, aus den Dingen, die uns im Leben widerfahren sind, und den Schlussfolgerungen, die wir daraus gezogen haben. Und dann haben wir noch einen Feind, den Teufel, die alte Schlange, den »Menschenmörder von Anfang an«, wie Jesus ihn nennt (Johannes 8,44). Der ist sehr daran interessiert, dass wir Gott misstrauen und möglichst distanziert von ihm als Waisenkind leben. Deshalb versucht er auch immer, uns seine Interpretation von Dingen, die wir erlebt haben, glaubhaft zu machen.

Was wir wirklich über Gott und über das Leben glauben, merken wir erst, wenn wir in einer Krise sind. Die Gedanken, die wir dann haben, die Ängste, die uns belasten, die Gefühle, die hochkommen, sie zeigen uns unsere wahren Überzeugungen, die wiederum unsere Gefühle bestimmen und unser Verhalten antreiben. Und sie zeigen uns, wo wir mit Gott stehen. Es ist wichtig, dass wir mutig genug sind, in diesen Momenten wirklich hinzuschauen und auszuhalten, was in unserem Herzen passiert. Denn das sind die Zeiten, in denen Gott Hand anlegt, in denen Offenbarungen ankommen und er uns wachsen lässt.

Hast du Härte und Ungeduld von Menschen erlebt? Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du das auch von Gott erwartest. Auch wenn du dir vom Verstand her sagst, dass Gott anders ist. Vielleicht hat sich nie jemand für dich interessiert – und du glaubst nun, dass du auch Gott egal bist.

Was für ein Persönlichkeitstyp bist du? Auch damit hat unser Gottesbild viel zu tun. Bist du leistungs- und ergebnisorientiert? Perfektionistisch? Lebst du nach dem Prinzip: Liebe nur für Leistung? Bist du schnell dabei, dich und andere zu beurteilen und zu verurteilen? Dann gehst du vielleicht unbewusst davon aus, dass Gott auch so ist.


Vor einigen Jahren hatte ich ein Schlüsselerlebnis, das mir gezeigt hat, dass ich dringend den Vater kennenlernen muss und dass ich eine ziemlich schräge Vorstellung davon habe, wie er ist. Ich war bei einem Frauenabend, und die Referentin bot nach dem Vortrag noch persönliches Gebet an. Ihr ging der Ruf voraus, eine prophetische Gabe zu haben mit sehr akkuraten Eindrücken, was Gott zu uns sagen möchte. Als ich in der Schlange wartete, bis ich an der Reihe war, machte ich mir viele Gedanken, was jetzt wohl kommen würde. Ich erwartete Vorwürfe so in der Art: »Elke, du hast dich ja schon ganz gut bemüht, aber ich bin trotzdem enttäuscht von dir. Da geht noch mehr. Du könntest viel mehr beten und Bibel lesen und geduldiger sein mit deinen Kindern …« Was stattdessen kam, überraschte mich komplett. Einfach nur Liebe und Annahme, Trost, Lob und Zukunftsperspektiven. Ich fühlte mich so verstanden und so gesehen vom Vater und konnte mich bergen in seiner Liebe. Das hat mein Herz geschmolzen und weich gemacht.

Paulus schreibt im Brief an die Römer, dass es die Güte Gottes ist, die uns zur Umkehr leitet, und nicht sein Zorn oder Frust (Römer 2,4). Es ist Gottes eigenes Anliegen, sich uns so vorzustellen, wie er wirklich ist. Und er hat genug Geduld abzuwarten, dass unsere verwaisten Herzen, die so tief im Misstrauen gefangen sind, weich werden. Er selbst will genau an dieser Stelle mit seiner Liebe rangehen.

Bei mir sind die Aufräumarbeiten, was mein Gottesbild betrifft, bei Weitem noch nicht abgeschlossen. Ich glaube, während unseres ganzen Lebens hier auf der Erde, solange wir Gott noch nicht von Angesicht zu Angesicht sehen, werden wir in diesem Punkt zu lernen haben. Erst in der Ewigkeit, wenn wir »ihn sehen, wie er ist« (1. Johannes 3,2), wird unser Gottesbild vollständig sein und der ganzen Wahrheit entsprechen. Aber bis dahin hat Gott mit uns Geduld und offenbart sich uns immer mehr, je tiefer wir ihn kennenlernen.

Zu erkennen, wie Gott wirklich ist, ist ein Schlüssel dafür, wie wir unsere Waisenmentalität loswerden und unser Herz mehr und mehr vertrauensvoll diesem wunderbaren Herrn öffnen können, der der König und gleichzeitig unser Vater ist. Schauen wir uns deshalb an, was die Bibel darüber sagt, wie unser Gott wirklich ist.

Gott ist nicht launisch

Weil wir von unserer menschlichen Perspektive und unseren Erfahrungswerten mit Menschen ausgehen, erwarten wir manchmal nichts Gutes von Gott. Aber Gott ist nicht genervt und nicht gestresst. Er hat keine Stimmungsschwankungen, und es wächst ihm nichts über den Kopf.

Er ist auch nicht überfordert und wir werden nie von ihm hören: »Ach, damit habe ich jetzt nicht gerechnet, was mache ich jetzt bloß!« Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott, und von ihm heißt es, er sei der glücklichste, fröhlichste Mensch, den es jemals gab. Ist das das Bild, das du von Jesus hast?

Psalm 45 beschreibt den Messias prophetisch, viele Jahre bevor Jesus auf die Erde kam. Ich finde diesen Psalm so bewegend! Hier wird Jesus als der Schönste beschrieben, innerlich und äußerlich. Der edelste, mutigste, selbstloseste, klügste und liebevollste von allen Menschen. Voller Autorität und Hoheit. Überfließend von Fröhlichkeit. Lies den Psalm einfach selbst einmal, vor allem die Verse 3 bis 8.


Jesus ist mehr als alle Menschen mit Freudenöl gesalbt. Das ist eine sehr poetische Ausdrucksweise, die einfach bedeutet, dass er fröhlicher und glücklicher als jeder andere Mensch ist. Um Jesus herum war Freude, Lachen und Zuversicht. Er war so sicher in der Liebe des Vaters, dass er von Herzen dienen und lieben konnte. Seine Feinde gaben ihm den Namen »Fresser und Weinsäufer« (Lukas 7,34). Das kam daher, dass er so oft auf Partys eingeladen war. Dort waren auch stadtbekannte Sünder und Prostituierte. Aber Jesus hatte keine Berührungsängste. Im Gegenteil, er war nahbar.

Die Menschen fühlten sich zu ihm hingezogen. Jesus war kein Erbsen zählender Miesepeter, keine Spaßbremse. Menschen, und gerade auch die zerbrochenen, waren gerne in seiner Gegenwart und fühlten sich bei ihm wohl. Dort fanden sie Annahme und Heilung, Frieden und Leben. Das ist unser Gott! Er ist nahbar, souverän und glücklich. Bei ihm kannst du sicher sein, dass er immer ein offenes Herz und Ohr für dich hat. Egal wann und in welchem Zustand du zu ihm kommst.

Nimm dir doch jetzt einen Moment Zeit und komm mit Jesus darüber ins Gespräch. Vielleicht hast du ihn noch nie so gesehen. Er ist der Freund, den du dir immer gewünscht hast. Er ist immer zuversichtlich, er hat für jedes Problem eine Lösung. Er verströmt Heiterkeit, Leichtigkeit und unerschütterliche Freude.


Erinnern wir uns noch mal an Zefanja 3,17: Gott ist ein Held in unserer Mitte, der sich über uns in Fröhlichkeit freut und über uns mit Jubel jauchzt. Das ist unser Gott! An anderer Stelle heißt es, dass er uns mit Rettungsjubel umgibt (Psalm 32,7). Das ist etwas so völlig anderes, als wie wir uns Gott manchmal vorstellen. Er ist ein glücklicher, fröhlicher Gott. Freude ist eine Frucht des Geistes, schreibt Paulus an die Galater, und in Psalm 16 lesen wir, dass in der Gegenwart Gottes Freude in Fülle ist. Lass das doch einmal ganz nah an dich ran: Dein Gott freut sich, er ist glücklich und er jubelt über dich. Nicht, weil du alles richtig machst, sondern weil es dich gibt und weil du sein Kind bist.

Gott ist gut

Als Adam und Eva im Paradies waren, hatten sie ungebrochene Nähe zu Gott, sie konnten ihn sehen, mit ihm reden und seine Gegenwart genießen. Und trotzdem entschieden sie sich, der Schlange mehr zu glauben, die ihnen eingeredet hatte, dass Gott nicht wirklich gut sei und dass es besser wäre, nicht unter der Herrschaft dieses Gottes zu bleiben, sondern lieber selbst wie Gott zu sein. Abraham und Sarah hatten von Gott die Verheißung, dass sie ein Kind bekommen würden; Abraham sollte ein Vater vieler Völker werden. Aber mit jedem Jahr, das ins Land ging, nahm die Zuversicht ab, und sie entschlossen sich, lieber eine andere Lösung zu suchen, als auf Gott zu vertrauen.

Wenn wir ehrlich sind, geht es doch bei uns heute noch immer um diese eine Frage: Ist Gott wirklich gut und meint er es wirklich gut mit mir?

Wie beantwortest du diese Frage? Was würde sich in deinem Leben ändern, wenn du überzeugt wärst, dass Gott gut ist und er es gut mit dir meint, mit dir ganz persönlich? An welcher Stelle merkst du, dass du es noch nicht schaffst, ihm zu vertrauen? Wo hältst du lieber noch selbst die Fäden in der Hand? Wie würde dein Leben aussehen, wenn du loslassen und Gott die Kontrolle überlassen würdest?

Seit dem Sündenfall ist der Mensch Gott und seiner unsichtbaren Welt entfremdet und hat keinen direkten Zugang zu Gott mehr. Deshalb musste ein Erlöser kommen, Gott selbst in Menschengestalt, Jesus von Nazareth, der Messias, der den Graben zwischen Gott und den Menschen wieder überbrückt hat. Der am Kreuz die Schuld der ganzen Menschheit mit seinem Tod bezahlt und den Weg in die Gegenwart Gottes wieder frei gemacht hat. Den Weg in das Paradies, für das wir geschaffen sind!

Er hat dich und mich aus der Gefangenschaft im Reich der Finsternis befreit, und das hat ihn das Leben gekostet. Er war bereit, so weit zu gehen. Es war ihm nicht zu viel, nicht zu teuer, das warst du ihm wert. Es gibt keine größere Liebe, als dass jemand für seine Freunde sein Leben lässt (Johannes 15,13). Aber Jesus ist sogar noch einen Schritt weitergegangen: Er ist für uns gestorben, als wir noch gar nicht seine Freunde waren. Er hat alles auf sich genommen, ohne die Garantie zu haben, dass wir jemals seine Freunde werden wollen. Lies dir die folgenden Bibelverse einmal laut vor:

Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist.

Römer 5,8

Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.

Johannes 3,16

Was macht es mit dir, wenn du diese Bibelverse liest? Berührt es dich, oder prallt es an dir ab, weil du es schon so oft gehört hast? Wenn du merkst, dass es dich nicht mehr berührt, dann ist jetzt eine gute Gelegenheit, den Vater zu bitten, dass er dein Herz wieder weich und aufnahmefähig macht. Bitte ihn, das Abgestumpftsein zu entfernen, dein Herz wieder lebendig zu machen, die Antenne deines Herzens wieder neu auf ihn und seine Liebe hin auszurichten. Fang an, Jesus zu danken, dass er gekommen ist, um dich zu retten. Danke ihm, dass er bereit war, sein Leben zu geben, damit du ewig bei ihm sein kannst. Danke deinem Retter-Gott, dass er uns Menschen so sehr liebt.

Jesus ist gekommen, um uns das Herz des Vaters zu zeigen. Er wollte den Charakter, die Werte und die Einstellungen des Vaters sichtbar und erfahrbar machen, wollte, dass wir durch ihn den Vater verstehen und erleben können. Durch Jesus bekommen wir einen Geschmack und eine Demonstration der neuen Welt des Königreiches Gottes. Durch Jesus verstehen wir, dass der Vater Menschen retten und nicht verurteilen will. Durch Jesus sehen wir, was echte Liebe bedeutet. Jesus war immer liebevoll und voller Annahme denen gegenüber, die mit ihrer Zerbrochenheit zu ihm kamen, die wussten, dass nichts Geschaffenes ihre tiefe Sehnsucht wirklich sättigen konnte und dass sie auf übernatürliche Hilfe angewiesen waren.

In vielen Gleichnissen erzählt Jesus, wie der Vater ist. Am eindrucksvollsten sehen wir das vielleicht im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15). Zunächst wollte der Sohn nichts von der Liebe des Vaters wissen, sondern ließ sich sein Erbe auszahlen und verprasste alles Geld auf extrem ausschweifende und ganz und gar gottlose Weise. Als er dann komplett am Ende war und als Schweinehirte arbeiten musste und hungerte, da fiel ihm sein Vater wieder ein. Er wollte zu ihm zurückgehen und einfach für ihn arbeiten. Er rechnete nicht damit, freundlich aufgenommen zu werden. Aber der Vater empfing ihn voller Freude, umarmte und küsste ihn, obwohl er noch nach Schweinestall duftete, und setzte ihn wieder in den Stand eines Sohnes ein – mit allen Würden und Rechten. Keine Vorwürfe, kein: Ich hab’s dir ja gesagt … Nur pure Liebe und Annahme und ein Freudenfest für den verlorenen Sohn, der zurückkehrt ins Vaterhaus.

So ist unser Gott. Durch und durch gut! Aber was hat Gott eigentlich davon? Er kontrolliert uns nicht, er übt keine Macht über uns aus, er lässt uns unseren freien Willen. Was Gott davon hat, ist, dass sein Vaterherz glücklich ist, wenn seine Kinder wieder in einer ungetrübten Beziehung mit ihm sind und er mit ihnen fröhliche Gemeinschaft haben kann.

Gott ist emotional

Es macht mich so glücklich zu wissen, dass Gott emotional ist. Dass er kein trockener, verstaubter Gelehrter ist, der die Welt und die Menschen sachlich und analytisch betrachtet und nicht persönlich berührt ist von ihrem Schicksal. Wie könnte ein gefühlloser, gleichgültiger Gott unsere emotionalen Bedürfnisse verstehen und erfüllen?

Gott zeigt viele Gefühle, und dadurch zeigt er uns, dass Gefühle gut und wichtig sind. Es geht unserem Schöpfer-Gott um unser Herz, das bedeutet so viel wie: unser ganzes Sein. Es geht ihm nicht nur um unseren Verstand oder unser äußerliches Verhalten. Gott will eine Beziehung von Herz zu Herz mit uns, nicht von Verstand zu Verstand. Unser Leben mit Gott ist eine Liebesgeschichte, eine ganz tiefe Beziehung. Tiefer, als es mit einem Menschen je möglich wäre.

Unser Gott ist schon in sich selbst Beziehung. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind drei und doch eins. Gott spricht sogar von sich in der Mehrzahl: »Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich!« (1. Mose 1,26). In diese wunderbare Beziehung der Dreieinigkeit möchte er uns Menschen mit hineinnehmen.

Gott stellt sich in der Bibel als Vater und auch als Bräutigam vor. Das ist bedeutsam. Beide Rollen sind in höchstem Maße mit Gefühlen verbunden. In seiner Geschichte mit dem Volk Israel lesen wir immer wieder, wie emotional es Gott berührte, wenn sein Volk ihm wieder und wieder nicht vertraute, wenn sie murrten, seinem Wort nicht glaubten, dass er sie in eine bessere Zukunft führen würde. Und das, obwohl sie Tag um Tag Wunder erlebten: eine übernatürliche Versorgung mit Manna, Wachteln, Wasser aus dem Felsen. Eine Wolkensäule bei Tag und eine Feuersäule bei Nacht, die sie bis dahin zuverlässig geführt hatte. Den Untergang des ägyptischen Heeres im Roten Meer und vieles mehr.

Es ließ Gott nicht kalt, dass sein geliebtes Volk ihm einfach kein Vertrauen schenkte und ihn nicht liebte. Er zeigt Enttäuschung, Zorn, Eifersucht, Leidenschaft – wie ein eifersüchtiger Ehemann. Der Prophet Hosea sollte als prophetisches Zeichen eine Prostituierte heiraten. Damit sollte er sichtbar machen, wie es Gott mit seinem Volk geht, das sich immer wieder zu anderen Göttern hinwendet und ihn verlässt. Aber obwohl sein Volk Gott immer und immer wieder den Rücken kehrt und seine Hilfe bei toten Göttern oder in menschlichen Bündnissen mit anderen Ländern sucht, verlässt er es nie. Er gibt es nicht auf, er vernichtet es nicht. Nein, er ist der treue Gott, der treue Bündnispartner, auch wenn sein Volk untreu ist. Er kann sich selbst nicht verleugnen. Aber es lässt ihn nicht kalt, wenn seine Kinder davonlaufen.

Im Hohelied wird die Liebe zwischen Braut und Bräutigam beschrieben, und es ist auf einer Ebene auch die Beschreibung der Liebe Gottes zu seiner Braut, zu seinem Volk, zu dem wir in Christus jetzt auch gehören. Das ist keine platonische, sachliche Kopfsache. Nein, unser Gott ist ein leidenschaftlich verliebter Bräutigam:

Mein Geliebter hebt an und spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. Die Blumen erscheinen im Land, die Zeit zum Singen ist da. Die Stimme der Turteltaube ist zu hören in unserem Land. Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte, die blühenden Reben duften. Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! Meine Taube in den Felsklüften, im Versteck der Klippe, dein Gesicht lass mich sehen, deine Stimme hören! Denn süß ist deine Stimme, lieblich dein Gesicht.

Hohelied 2,10–14; EÜ

Verzaubert hast du mich, meine Schwester Braut; verzaubert mit einem Blick deiner Augen, mit einer Perle deiner Halskette. Wie schön ist deine Liebe, meine Schwester Braut, wie viel süßer ist deine Liebe als Wein, der Duft deiner Salben köstlicher als alle Balsamdüfte.

Hohelied 4,9–10; EÜ

So ist dein Gott. So spricht er zu dir, so sieht er dich! Er ist dir emotional nahe und hat direkt mit deinem Leben zu tun. Es berührt sein Herz, wenn du ihn ansiehst, er jubelt über dich und feiert jeden kleinen Wachstumsschritt, den du machst. Er sieht dich, und er liebt dich mit großer Leidenschaft. Er findet dich schön und ist dir am liebsten ganz nahe. Er ist nie gelangweilt mit dir. Und er meint es wirklich zu 100 Prozent gut mit dir.

Gott sucht eine Braut

Die Männer unter den Lesern brauchen nicht zu befürchten, dass sie im weißen Brautkleid zur Hochzeit des Lammes erscheinen müssen. Gott ist kein Mann; er ist weder Mann noch Frau. Und seine Braut ist keine Frau, sondern ein Volk, Menschen aus allen Völkern und Sprachen, die internationale Gemeinde, bestehend aus allen Menschen, die von Neuem geboren sind. Davon lesen wir zum Beispiel im fünften Kapitel der Offenbarung, wo Johannes schreibt, dass Jesus, das Lamm Gottes, würdig ist, angebetet zu werden, weil er sich Menschen aus allen Völkern und Sprachen erkauft hat und sie zu einem Volk von königlichen Priestern gemacht hat. In Offenbarung 19 lesen wir, dass die Hochzeit des Lammes gekommen ist und seine Braut sich bereit gemacht hat. Und im Kapitel 21 der Offenbarung sehen wir, dass das neue Jerusalem aus dem Himmel auf die Erde kommt, geschmückt wie eine Braut für ihren Mann. In Epheser 5 spricht Paulus davon, dass die Gemeinde die Braut Christi ist (Epheser 5,25–27).

Weil die engste und innigste Beziehung hier auf der Erde die zwischen Bräutigam und Braut ist, verwendet Gott dieses Bild. Bilder sind jedoch immer unvollständig. So wie die Männer mit dem Bild von der Braut klarkommen müssen, müssen die Frauen damit zurechtkommen, dass sie »Söhne Gottes« genannt werden. Aber die Bilder sowohl von Sohn als auch von Braut sprechen über eine Position im Geist, die wir Gott gegenüber haben, eine Würde, in die er uns erhebt, und nicht über das Geschlecht einer Person.

Einige der größten Männer Gottes haben diese Botschaft von Gott als Bräutigam verstanden und darin gelebt, ohne deshalb unmännlich zu werden. König David zum Beispiel. Er war Israels größter Feldherr und war gleichzeitig ein leidenschaftlicher Anbeter Gottes, ein Poet und Songwriter. Die Psalmen, die er geschrieben hat, zeigen die Tiefe seiner Liebesbeziehung mit Gott.

Der Jünger Johannes, von dem es heißt, dass er eine besondere Nähe zu Jesus hatte, und sein Bruder Jakobus bekamen von Jesus den Spitznamen »Donnersöhne«. Die beiden waren nämlich diejenigen, die ein beträchtliches Wutproblem hatten. Als Jesus mit seinen Jüngern einmal durch ein Dorf in Samaria ziehen wollte, ließen die Bewohner sie nicht durchlaufen, weil sie nach Jerusalem weitergehen wollten. Das machte Johannes und Jakobus so wütend, dass sie Jesus allen Ernstes vorschlugen, das ganze Dorf zu vernichten. Wie Elia damals könne er doch Feuer vom Himmel regnen lassen, um die Leute alle zu verbrennen. Jesus sagte den beiden deutlich, dass sie die Kultur des Reiches Gottes überhaupt nicht verstanden hätten. Er sei nicht gekommen, um Menschen zu töten, sondern um sie zu retten. Das war wahrscheinlich nur einer der Vorfälle, die Jesus veranlassten, seine hitzköpfigen Freunde Donnersöhne zu nennen. Wir können also mit Fug und Recht davon ausgehen, dass Johannes eher kein verweichlichter Typ Mann war. Trotzdem bezeichnet er sich selbst im Johannesevangelium als den Jünger, den der Herr liebt.

Dass wir den Vater kennenlernen, ist die Grundlage für alles. Wir werden ins Reich Gottes hineingeboren und sind erst einmal geistliche Kinder, und als solche brauchen wir zuerst den Vater. Aber das ist nicht das Endziel unseres christlichen Lebens. Der Herr will nicht, dass wir unmündige Kinder bleiben. Er will uns nicht klein – und dumm halten. Stattdessen sollen wir zur vollen Mündigkeit heranwachsen. Wir sollen ihn kennenlernen, damit wir stark und belastbar werden.

Deswegen ist das Bild mit der Braut so bedeutsam, denn eine Braut ist kein Kind. Man kann kein Kind heiraten. Dass Kinderheirat in einigen Ländern (gar nicht selten) vorkommt, empfinden wir als Unrecht. Eine Braut muss erwachsen, mündig und mit dem Bräutigam auf Augenhöhe sein. Wenn Gott auf diese Weise mit uns Beziehung haben möchte, berührt uns das noch mal auf einer anderen Ebene, als wenn wir uns als seine Kinder betrachten. Einem Kind erzählt ein Erwachsener nicht alle seine Probleme. Ein König wird sein erst fünfjähriges Kind nicht in Regierungsangelegenheiten mit hineinnehmen. Das kann ein Kind nicht tragen, es wäre eine zu starke Belastung.

Deshalb will Gott eine mündige Braut, die ihn kennengelernt hat und stark geworden ist durch die Zeit, die sie auf der Erde mit ihm verbracht hat. Eine Braut muss lebenstüchtig sein, muss eine eigene Meinung haben, sonst ist sie nicht auf Augenhöhe. Denn wir sind von Gott dazu bestimmt, dass wir schon jetzt und nachher auch in der Ewigkeit mit ihm herrschen (Römer 5,17; 2. Timotheus 2,12).

Von Frankreichs Königin Marie-Antoinette, die während der Französischen Revolution hingerichtet wurde, erzählt man folgende Geschichte: Als die hungernde Bevölkerung vor ihrem Palast demonstrierte und rief: »Wir haben kein Brot!«, soll sie gesagt haben: »Was, sie haben kein Brot? Dann sollen sie doch Kuchen essen.« Diese Königin war keine mündige Frau. Sie wusste nicht, was Hunger ist. Sie verstand die Probleme des Landes nicht. Sie war dem König kein Gegenüber. Sie war nicht auf Augenhöhe, sondern sie war noch ein naives, unmündiges Kind.

Unser Leben hier auf der Erde ist ein Mündigkeitstraining. Leid zu erleben und mit Gott durch schwere Zeiten zu gehen, ihn darin kennenzulernen als Erlöser, Beschützer, Versorger, Tröster, Friedefürst und noch viel mehr, das macht uns mündig, lässt uns reifen, lässt uns geistlich erwachsen werden.

Was für eine Würde gibt uns Gott dadurch! Er möchte uns nicht klein – und unwissend halten. Er möchte mit uns leben und uns mündig werden lassen, damit wir mit ihm auf Augenhöhe sind: »Ich nenne euch nicht mehr Sklaven, denn der Sklave weiß nicht, was sein Herr tut; euch aber habe ich Freunde genannt, weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe« (Johannes 15,15).

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
24 mart 2025
Hacim:
325 s. 26 illüstrasyon
ISBN:
9783417269963
Yayıncı:
R.Brockhaus
Telif hakkı:
Bookwire
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