Kitabı oku: «Tödliche Gier in Bansin», sayfa 4
Sonntag, 14. Juni
Seit Jahrzehnten zieht es die Bansiner Männer am Sonntagvormittag zum Strand. Früher verteilten sie sich in den Buden, jeder hatte »seinen« Fischer. Jetzt kommen die meisten zu Paul Plötz, um Neues zu erfahren und Meinungen auszutauschen.
Auch heute hocken fünf oder sechs alte Bansiner auf den Kistenstapeln, trinken Bier aus Flaschen und schimpfen auf die Urlauber. »Sind schon wieder viel zu viele hier«, mault Enno Labahn. »Kannst kaum treten auf der Promenade. Am schlimmsten sind die ganzen Räder, die fahren dich glatt um, wenn du nicht zur Seite springst.«
Sein Sitznachbar grinst. Er ist klein und dürr, trägt trotz der Hitze eine blaue Bommelmütze, unter der seine wasserblauen Augen listig blitzen. Er stellt sich gerade bildlich vor, wie Enno, der seinen gewaltigen Bauch auf den Knien abstützt, über die Promenade hüpft.
»Was soll der Quatsch mit dem Fischermuseum eigentlich?«, fragt er dann.
»Wollen die das wirklich in dem »Haus des Gastes« einrichten? Das passt doch gar nicht, das Haus ist viel zu groß und zu modern.«
»Kokolores«, knurrt Plötz. »Wir haben doch hier genug Museum – Freilandmuseum, sozusagen. Alte Boote, Netze, Anker, alles da.«
»Das ganze Haus hätten sie sich sparen können«, mischt sich der Dicke ein. Das passt da überhaupt nicht hin, zerstört die ganze Harmonie von unserer Promenade.«
»Harmonie unserer Promenade«, wiederholt Paul und lässt sich den Begriff auf der Zunge zergehen. »Hast eigentlich recht. Zu groß, zu modern. Und es hätte weiter unten am Strand stehen müssen. Jetzt ist die Strandpromenade an der Stelle zu schmal. Deswegen gibt es da auch dauernd Unfälle mit Radfahrern und Fußgängern.«
»Die hätten mal lieber die Hütten stehen lassen sollen. Dann hätten sie jetzt ihr Museum. Wie du sagst, Paul.«
Zustimmendes Gemurmel. »Darauf sollten wir einen trinken.« Einer der jüngeren Männer zieht eine Flasche Korn aus einer Plastiktüte, die er dann nachdenklich betrachtet. »Ach so, ja, ich soll ein paar Fische mitbringen. Flundern, wenn du hast.« Er sieht zu Arno, der nickt und nimmt ihm den Beutel ab. »Gib her, ich pack dir was ein.«
Paul stellt kleine Gläser auf die kalte Ofenplatte neben seinem Sessel, sein Gast füllt sie. »Na denn Prost, auf dass unsere Kinder lange Hälse kriegen!«
Gegen Mittag, als Paul und Arno allein in der Bude sind, reden sie wieder über das geplante Fischermuseum. »Ob Fux was damit zu tun hat?«, rätselt der Ältere.
»Glaub ich nicht.« Arno schüttelt ungläubig den Kopf. »Damit ist doch kein Geld zu verdienen. Der will irgendwas Gastronomisches machen, denk ich.«
»Hm«, Paul überlegt. »Aber das mit dem Museum ist gar keine so schlechte Idee. Es stehen doch genügend Buden leer. Und altes Gerümpel findet sich auch noch. Ich weiß sogar wo,« fällt ihm ein.
Zwei ältere Männer kommen herein. »Sind schon alle weg? Habt ihr noch ein Bier oder zwei?«
»Setz dich hin, Horst. Kannst den Stuhl nehmen«, bietet Paul dem einen, der am Stock geht, an. »Und du setz dich auf die Kisten. Arno gibt euch was zu trinken. Ich muss mal kurz weg, will bloß was gucken. Ich komm gleich wieder.«
Ohne weitere Erklärungen kramt er einen alten, rostigen Schlüssel aus der Tischschublade, nimmt eine Taschenlampe und geht aus der Hütte.
»Wo willst du denn hin?« Beinahe wäre er mit Andreas zusammengestoßen, der gerade vor der Tür steht. An jeder Hand hat er eines der Zwillingsmädchen, die Vierjährige dreht sich um und will durch die Dünen zum Strand laufen. »Bleibst du wohl mal hier!«, ruft Andreas ihr nach, ohne auf Pauls Antwort zu warten.
»Und du?« Paul mag Kinder, aber nicht in seiner Bude. Da liegt zu viel gefährliches Zeug herum, Angelhaken, Messer und Schnapsflaschen.
»Wir machen einen kleinen Spaziergang vor dem Essen, damit sie Appetit kriegen. Dann schlafen sie nachher auch besser und«, fährt er schnell fort, als der Fischer ungeduldig nickt, »ich dachte, vielleicht habt ihr gerade ein bisschen frischen Räucherfisch. Für Simone, weißt du, dann freut sie sich, wenn sie heute Abend nach Hause kommt.« Er fängt schnell seine größere Tochter ein, die schon wieder abhauen will und nimmt eine der Kleinen auf den Arm.
Natürlich hätte er den Fisch auch am Stand von Ruben kaufen können, aber da weiß man nie genau, ob der wirklich frisch ist. Außerdem ist er bei Arno erheblich billiger, eigentlich bekommt er ihn fast geschenkt. Arno regelt seine Preise sehr individuell. Manchmal richten sie sich danach, welches Auto sein Kunde fährt.
»Na, denn geht mal rein, Arno gibt dir was. Ich komm auch gleich, will bloß mal kurz nach da hinten.« Er weist zur anderen Seite der Langbude.
Er geht an vielen verschlossenen Türen vorbei und öffnet dann die vorletzte. Es dauert eine Weile, das Schloss ist rostig und die Tür klemmt. Paul Plötz weiß selbst nicht, warum er sich bemüht, leise zu sein und sich umsieht, bevor er hineingeht. Er tut doch nichts Verbotenes.
Trotzdem zieht er die Brettertür wieder hinter sich zu. Es ist halbdunkel, schummrig, wie Paul denkt, durch das verschmutzte Fenster fällt nur wenig Licht. Gut, dass er die Taschenlampe dabeihat.
Er leuchtet auf einen Stapel alter Baumwollnetze und zieht eines heraus. »Guck an«, denkt er, »was die für enge Maschen hatten.«
Plötzlich hört er Gelächter. Es kommt aus der Bude nebenan, der letzten in der Reihe. Da wird gesprochen, aber er kann nichts verstehen, es ist nur Gemurmel. Mit dem Lichtstrahl sucht er die Bretterwand ab, findet ein Astloch. So leise er kann, steigt er über einen Berg Gerümpel und sieht hindurch. Viel kann er nicht erkennen, sein Blickwinkel ist zu klein. Aber er weiß, wie es darin aussieht. In der entgegengesetzten Ecke, an der Außenwand, stehen ein großes altes Ecksofa aus grünem Kunstleder und ein dazu passender Sessel. Dazwischen ein niedriger Tisch und an der Wand ein kleiner Kühlschrank.
Drei oder vier Männer sitzen auf dem Sofa, Paul sieht sie nur von hinten, kennt aber ihre Stimmen. Es sind alles Kollegen von ihm, aber nicht seine Freunde. Nicht mehr, seit sie die Freunde von Ruben Fux sind. Der hat es sich im Sessel bequem gemacht. Er war es, der eben dröhnend gelacht hat.
Paul hält sein Ohr an das Loch in der Wand und versucht, etwas zu verstehen. Viel ist es nicht, doch für den alten Fischer schon zu viel.
Nachdem er fast eine halbe Stunde lang gelauscht hat, geht er vorsichtig zurück. Er muss sich dabei an der Wand abstützen, es dauert eine Weile, bis er den Rücken wieder gerade machen kann. Sein Herz klopft bis zum Hals vor Anstrengung und vor Wut. Oder vor Angst? Bricht seine Welt demnächst zusammen?
Die Tür knarrt leise, als er sie heran drückt. Er wirft einen Blick zur Nachbarbude und nimmt sich nicht die Zeit abzuschließen. Hier gibt es sowieso nichts zu stehlen. So schnell er kann, geht er zurück zu seiner Seite der Langbude.
Zu Pauls Erleichterung ist Andreas mit seinen Kindern schon verschwunden, auch die beiden Alten verabschieden sich gerade. »Siehst gar nicht gut aus, Paul,« stellt der eine fest.
Der Fischer greift sich an den Rücken. »Das Kreuz macht mir zu schaffen«, erklärt er.
»Ja, ja, das macht die schwere Arbeit, du wirst eben auch alt.«
Pauls Antwort ist ein Knurren, er schließt energisch die Tür hinter den beiden, nicht, bevor er noch einmal aufmerksam nach rechts und links gesehen hat.
»Arno, du glaubst nicht, was ich eben gehört habe«. Er spricht aufgeregt, aber leise und sieht dabei aus dem Fenster, ob nicht doch noch jemand da ist.
»Nun mach es nicht so spannend. Ich will dann auch nach Hause.«
»Setz dich jetzt da hin und hör mir zu.«
Kopfschüttelnd folgt der Jüngere der Aufforderung und setzt sich auf den Küchenstuhl, der eigentlich Bertas Platz ist. Paul lässt sich in seinen Sessel fallen, lehnt sich stöhnend zurück und richtet sich gleich wieder auf, um sich eine Zigarette anzustecken. Etwas erschrocken bemerkt Arno, wie seine Hände dabei zittern. »Was ist denn los?«
Paul atmet den Rauch erst einmal tief ein und wieder aus. »Weißt du, was Fux vorhat?«, stößt er dann hervor. »Der will die ganze Langbude abreißen und eine riesige Gaststätte hierhin bauen. Nicht nur ein Museum, das ist nur ein kleiner Teil davon, ein Alibi sozusagen. Einen ›Fischererlebnisbereich‹ hat er gesagt. Offene Küche, wo Fisch gebraten wird, Räucherei, Heringssalzerei. Und vielleicht noch ein paar Ferienwohnungen direkt am Strand. Kannst du dir das vorstellen?«
»Fux war schon immer ein Spinner«, erklärt Arno kategorisch. »Du glaubst diesen Blödsinn doch wohl nicht? Das kriegt der niemals genehmigt.«
»Und wenn doch? Du, der hat Beziehungen bis sonst wohin. Wenn die Gemeinde das nicht will, holt er sich die Genehmigung eben von Anklam. Das Schlimmste hab ich dir noch gar nicht erzählt: Der plant eine Robbenstation. Wo man die jungen und kranken Viecher aufpäppelt. Er meint, dafür kriegt er auf jeden Fall grünes Licht und das wäre auch ein Anziehungspunkt für Gäste.«
Arno lacht laut. »Paul, der hat dich verarscht. Der hat wahrscheinlich gemerkt, dass du lauschst. Das ist so ein Blödsinn – und genau das, was dich auf die Palme bringt. Das Beste ist, du vergisst ganz schnell, was du gehört hast und lässt dir nichts anmerken. Tu ihm bloß nicht den Gefallen und reg dich darüber auf. Ich denke, hier passiert gar nichts. Nicht in den nächsten zehn Jahren.«
Mittwoch, 17. Juni
Sophie ist sauer. »Die Hausgäste haben sich beschwert. Morgens um sechs wird die Promenade gekehrt und die Papierkörbe geleert und meine Gäste stehen senkrecht im Bett, so einen Lärm machen die dabei.«
Sie stellt Paul und Arno jeweils ein Glas Bier hin, Berta trinkt heute Kamillentee, sie hat Magenschmerzen.
»Ja, das ist mir auch schon aufgefallen, dass heute alles so laut ist«, sinniert Paul. »Das Schlimmste sind diese Rasenmäher, wo du im Umkreis von 500 Metern dein eigenes Wort nicht verstehst. Das fängt morgens schon an, wie du sagst. Die brüllen sich an, quer über die Promenade, knallen mit den Autotüren und die ganze Zeit knattert und stinkt der Dieselmotor. Früher hat Gerti Zeplin mit dem Pferdewagen die Abfälle abgeholt. Da hast du höchstens mal Hufgetrappel und ein leises Wiehern gehört.«
»Ja, früher hatten wir auch einen Kaiser«, knurrt Berta.
»Du, ich kann nichts dafür, dass du Bauchschmerzen hast. Musst deine schlechte Laune nicht an mir auslassen. Da kann ich ja gleich zu Hause bei meiner Frau bleiben.«
»Nun mach deine Frau mal nicht schlecht, die ist doch immer ruhig und freundlich.«
»Ja, außer wenn sie unterzuckert ist. Aber meistens passt sie schon auf. Und wenn sie nicht in den Garten kann. Aber jetzt hat sie da den ganzen Tag zu tun, Gott sei Dank.«
»Ja, da vermisst sie dich nicht und du kannst den ganzen Tag am Strand bleiben. Was würdest du bloß ohne deine Bude machen?«
»Berta, mal nicht den Teufel an die Wand.« Er sieht Arno an, der grinst und Paul beschließt, erst mal nicht zu erzählen, was er am Strand gehört hat. »Der Lauscher an der Wand hört seine eigne Schand«, hat Arno gesagt und Paul ist es etwas peinlich vor Sophie und Anne, die sich inzwischen auch an den Tisch gesetzt haben. Er wird es seiner alten Freundin bei Gelegenheit unter vier Augen erzählen. Er hofft, dass sie der gleichen Meinung wie sein Kollege ist und Rubens Pläne für Hirngespinste hält.
Berta merkt, dass Paul etwas auf dem Herzen hat, worüber er nicht reden will. Er ist nicht nur schlecht gelaunt, sondern unruhig und nervös.
»Paul will übrigens ein Fischermuseum einrichten«, erzählt Arno. »Was haltet ihr davon? Ich finde, das ist eine gute Idee.«
»Ja, super!« Anne ist begeistert. »Die Touristen interessieren sich sehr für die Fischer und das alles. Ich würde auch mit den Busgruppen kommen.«
»Kriegst du denn noch genug alten Kram zusammen?« Berta ist skeptisch. »Ihr habt doch damals alles weggeschmissen, als ihr die Buden aufgeräumt habt.«
»Na ja, alles nun auch nicht.« Paul erzählt von der alten Hütte am anderen Ende der Langbude.
»Da kümmert sich keiner mehr drum und ich hab den Schlüssel. Ich hab da mal ein bisschen rumgestöbert. Übrigens, weißt du, Arno, was mir aufgefallen ist?«, fällt ihm ein. »Ich hab mir mal die alten Netze angeguckt. Die hatten ja eine Maschenweite von höchstens 17 cm. Unsere engsten Netze haben 24 bis 26 cm, kleiner dürfen die gar nicht sein laut Vorschrift.«
Er trinkt einen Schluck und erklärt, an Anne gewandt, die ihn fragend ansieht: »Je enger die Maschen sind, umso mehr fängst du. Bei uns rutschen die kleinen Fische, die Untermaß haben, wieder raus.«
»Stimmt, aber ich bilde mir ein, der Hering ist auch größer geworden«, sagt Arno nachdenklich.
»Das bildest du dir nicht ein, das ist so«, ereifert sich Paul. »Wir hatten noch nie so großen Hering wie in diesem Jahr. Wie Nordseehering.«
»Nur schade, dass ihr ihn nicht fangen dürft«, wirft Berta ein.
»Ja. Für das, was wir noch fischen dürfen, brauche ich eigentlich gar kein Netz mehr. Die fange ich mit der Pudelmütze.«
Sophie stöhnt. Immer das gleiche Thema! Sie findet es auch traurig, aber sie kann es auch bald nicht mehr hören.
Erleichtert sieht sie, dass neue Gäste an den Stammtisch kommen. Andreas Keller hat heute seine Frau mitgebracht, was selten vorkommt.
»Ich hab Simone überredet«, erklärt er. »Sie muss auch mal raus und mit anderen Leuten reden, als nur mit den Alten im Pflegeheim und mit den Kindern zu Hause.«
Simone lächelt etwas schüchtern. »Ja, unsere Kleinen sind heute schnell eingeschlafen und die Große ist ja da, falls was ist. Die ist schon sehr vernünftig.« Es klingt logisch, aber auch unsicher, entschuldigend.
»Nun mach dir mal keine Sorgen, was soll schon sein. Und wenn, kann sie anrufen.« Er legt sein Telefon auf den Tisch.
»Ja, hast ja recht. Ich bin immer viel zu ängstlich. Sophie, bringst du mir ein Glas Wein? Einen leichten, fruchtigen Weißwein, wenn du hast.«
Seufzend lehnt sie sich zurück. »Ich muss wirklich mal abschalten.«
»Die alte Frau Fux ist gestorben«, erklärt Andreas. »Das nimmt sie ziemlich mit. Sie hat sie gemocht.«
»Ach Gott, die arme Kleine«, seufzt Anne und fügt hinzu: »Ich meine Jule, ihre Enkeltochter. Die hat so sehr an ihr gehangen. Sie hat ja praktisch ihre ganze Kindheit bei ihrer Oma verbracht.«
»Ja«, stimmt Simone zu. »Sie hat sie auch oft besucht. Ihre Eltern waren nicht einmal da, glaube ich. Hoffentlich kümmern sie sich jetzt wenigstens um das Mädchen.«
Anne blickt zweifelnd, sagt aber nichts. Sie hat Jules Mutter heute Vormittag beim Wäscheaufhängen beobachtet. Die ist erst mal gegen einen Pfahl gelaufen und dann beinahe mit dem Kopf voran in den Korb gefallen. Ruben hat sie schon seit Tagen nicht gesehen. Wer weiß, wo der sich rumtreibt. Er wird sich wohl eher um sein Erbe kümmern, als um seine Tochter.
Donnerstag, 18. Juni
Anne ist völlig außer Atem, als sie in die Gaststätte stürmt. Es ist kurz nach elf, Berta und Sophie machen gerade ihre Kaffeepause.
»Ist was passiert?« Sophie stellt erschrocken ihre Tasse ab.
»Ruben Fux ist tot«, stößt ihre Freundin hervor, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten. Sie lässt sich auf einen Stuhl fallen und springt gleich wieder auf. Als sie mit einer Tasse Kaffee zurückkommt, faltet Berta ihre Ostseezeitung zusammen und nimmt die Brille ab.
»Ermordet?«, fragt sie sachlich.
»Tante Berta!« Sophie ist entsetzt. »Nun erzähl schon«, fährt sie Anne an. »Hatte er einen Unfall?«
Die zuckt unsicher mit den Schultern und trinkt erst einmal vorsichtig einen Schluck. »Keine Ahnung. Ich hab nur die Polizisten ins Vorderhaus gehen sehen und dann hab ich auf dem Hof gewartet, bis sie wieder rauskamen. Ich hab Wäsche auf die Leine gehängt, ich hoffe, es hat niemand mitgekriegt, dass die gar nicht nass war. Dann hab ich Fred Müller abgefangen und der hat mir gesagt, dass ›Ruben Fux tot aufgefunden‹ wurde und es ›keinen Hinweis auf Fremdverschulden‹ gibt.«
Berta schnauft verächtlich und Sophie blickt sie warnend an. »Es soll auch manchmal natürliche Todesfälle in Bansin geben«, behauptet sie.
»Mag ja sein. Aber wenn ein gesunder, kräftiger, junger Mann plötzlich ›tot aufgefunden‹ wird, klingt das für mich nicht natürlich.«
»Jung ist ja nun relativ. Und ob er gesund war, weißt du nicht.«
»Eben«, stimmt Anne ihrer Freundin zu. »Er war 50, ein gefährliches Alter für Männer.«
»Wo wurde er denn eigentlich gefunden? Klingt ja nicht so, als ob er zu Hause gestorben ist.«
»Nein. Ich glaube, am Strand, hat Fred gesagt. Aber er hat auch nicht mehr gesagt, musste gleich weiter. Wahrscheinlich sollte auch keiner mitkriegen, dass er mir das gesagt hat.«
»Nein, das darf er wohl nicht.« Berta blickt zur Tür, als erwarte sie, dass der Ortspolizist, den sie schon seit seiner Kindheit kennt und schätzt, hereinkommt und ihr Bericht erstattet.
»Hat er denn gesagt, seit wann Ruben tot ist?«
»Nein. Aber ich habe ihn schon seit ein paar Tagen nicht gesehen und nicht gehört.«
»Hier war er in letzter Zeit auch nicht oft«, fällt Sophie ein. »Nicht mal am Wochenende. Ist dir das nicht aufgefallen?«, wendet sie sich an ihre Tante.
Die überhört die Ironie. »Natürlich ist mir das aufgefallen. Ich dachte, er ist mal wieder pleite. Oder er geht Paul aus dem Weg. Der ist nämlich stinksauer auf ihn.«
»Ruben Fux ist doch noch nie einem Streit aus dem Weg gegangen.« Sophie schüttelt den Kopf. »Und pleite war der auch nicht. Als er das letzte Mal hier war – am vorletzten Wochenende? – da hat er mehrere Runden ausgegeben und ich hab gesehen, dass er reichlich große Scheine im Portemonnaie hatte.«
Fred Müller kommt am Nachmittag, nach Feierabend. Er wollte nicht in Uniform ins Kehr wieder gehen. Aber natürlich weiß er, dass Berta Kelling auf ihn wartet. Anne wird ihr schon erzählt haben, dass Ruben Fux tot ist.
»Es sieht wirklich nach einem natürlichen Tod aus«, bestätigt er. »Wahrscheinlich Herzversagen. Sein Arzt hat uns bestätigt, dass er gefährdet war. Er hatte zu hohen Blutdruck, war zu schwer und sein Lebenswandel – na, du weißt ja. Er hatte auch keine Verletzungen, nur eine kleine Beule am Kopf. Die kann er sich beim Fallen zugezogen haben. Er lag in einer alten Fischerhütte, in der zweiten von hinten. Zwischen lauter altem Kram, Netzen und Steurern und so was. Da lag auch ein alter Anker, vielleicht ist er mit dem Kopf darauf gefallen. Jedenfalls ist er in der Gerichtsmedizin, wir werden es schon erfahren, falls da einer nachgeholfen hat. Aber ich glaube es nicht. Er sah so ruhig und friedlich aus.«
»Ich weiß nicht.« Berta schüttelt unzufrieden den Kopf. »Ich hab so ein Kribbeln zwischen den Schulterblättern, da stimmt was nicht. Da steht er also in der Bude – was wollte er da eigentlich? – und plötzlich bleibt sein Herz stehen und er fällt tot um. Das ist doch Mumpitz. Ich sag dir was; da hat einer nachgeholfen.«
»Na toll«, stellt Sophie fest. »Da haben wir es wieder. Egal, ob es nun ein Mord war oder nicht – ja, ja, ich wage ja schon gar nicht zu glauben, dass du dich irrst, ich bin schließlich lernfähig – die Polizei macht erst mal nichts und du wühlst jede Menge Dreck auf. Und schlimmstenfalls legst du dich mit einem Mörder an und bringst uns alle in Gefahr.«
»Und bestenfalls finde ich den Mörder.« Den Punkt spricht Berta mit und ihre Nichte wusste schon vorher, dass sie sie nicht stoppen würde. Sie wollte es nur einmal gesagt haben.
»Na ja«, besänftigt Anne, »das ist immer so eine zweischneidige Medaille. Ich denke auch, dass Ruben ermordet wurde. Er hatte bestimmt mehr Feinde als Freunde. Also ich helfe dir sowieso.«
»Warten wir doch erst einmal ab«, wirft Fred Müller ein. Seit Sophies Bemerkung über die Polizei fühlt er sich etwas unwohl bei dem Gespräch. Anscheinend sitzt er schon wieder zwischen allen Stühlen. »Ich sag es euch, wenn ich etwas Neues erfahre«, verspricht er trotzdem.
»Bleib noch einen Moment«, bittet Berta ihren alten Freund Bruno Kerr, der gerade sein Portemonnaie aus der Tasche zieht. Der pensionierte Lehrer ist ein beliebter Gast am Stammtisch. Eigentlich sitzt er immer dort. »Der gehört da genauso hin wie die Stühle und die Bank und das Stammtischschild«, hatte Sophie einmal bemerkt. »Ich glaube, eines Tages schließe ich ab und gehe nach Hause, ohne daran zu denken, dass er noch dort sitzt.«
Die Frauen schätzen seinen Humor, Berta vor allem dessen Scharfsinn und Loyalität. Und natürlich seine Menschenkenntnis. Er hat viele Jahre an der Bansiner Schule unterrichtet und kennt die meisten Einheimischen, als Schüler oder als Eltern. Was andere als Zynismus wahrnehmen, erkennt Berta als Realitätssinn. Freundlichkeit liegt ihm nicht so, schon gar nicht, wenn er getrunken hat, was meistens der Fall ist. Aber er kann mit seinem Alkoholkonsum einigermaßen umgehen. Berta hat einmal auf die Frage, ob Bruno Kerr Probleme mit dem Alkohol habe, wahrheitsgemäß geantwortet: »Nein, nur ohne«.
Jetzt nickt er gleichmütig und bedeutet Sophie, ihm noch ein Bier zu bringen. Er hat schon bemerkt, dass was im Busch ist und dass es mit dem Tod von Ruben Fux zu tun hat. Eigentlich ist der ihm egal, er mochte den Mann nicht besonders, aber es freut ihn, dass er in Bertas Ermittlungen einbezogen wird. Endlich ist mal wieder etwas los. Sonst ist es im Sommer immer ziemlich langweilig in seiner Stammkneipe. Da dreht sich alles nur um die Urlauber, die er auch nicht mag.
Vorsichtig nippt er an seinem Bierglas. Eigentlich sollte er nichts mehr trinken. Seinen normalen Pegel hat er erreicht und er will ja noch mitbekommen, was Berta sagt. Endlich sind die letzten Gäste gegangen, Thomas Haas hat abgerechnet und verabschiedet sich. Er lehnt Bertas halbherzige Einladung, sich noch einen Moment zu ihnen zu setzen ab, er habe Kopfschmerzen und brauche frische Luft. »Ich mache lieber noch einen kleinen Strandspaziergang. Bis morgen dann.«
Die vier Zurückgebliebenen machen es sich am Stammtisch gemütlich. Sophie hat Brunos Bier gegen eine Tasse Kaffee getauscht und sich selbst eine Rotweinschorle gemischt. Berta findet, es sei kühl geworden, sie hat sich einen Grog gemacht. Ihr Kater kommt aus irgendeinem Versteck und setzt sich neben sie auf die Bank. Anne trinkt Whisky-Cola.
»Du wirst so langsam dekadent«, vermutet Bruno. »Hast du so viel Trinkgeld gekriegt, dass du dir das leisten kannst?«
»Sie hat die Flasche Whisky selbst mitgebracht«, petzt Sophie.
»Also, dass Ruben Fux ermordet wurde, ist uns wohl allen klar«, kommt Berta zum Thema.
»Ach ja?« Sophie versucht es, gibt aber nach einem strengen Blick ihrer Tante die Revolte auf.
»Kann natürlich sein, dass die Polizei das in ein paar Tagen auch weiß«, fährt die fort, »und vielleicht sogar den Mörder findet. Nämlich dann, wenn sich dieser besonders blöd angestellt hat. Aber ich glaube, es ist besser, wenn wir uns darum kümmern.«
»Natürlich«, stimmt Anne mit den altbewährten Argumenten zu. »Wir kannten Fux ja viel besser und wissen, mit wem er Umgang hatte und was er so getrieben hat.«
»Ach ja?«, zweifelt jetzt Bruno. »Also ich weiß das nicht. Es hat mich aber auch nicht besonders interessiert«, schränkt er ein und fügt der Vollständigkeit halber hinzu: »Ich konnte ihn nicht leiden.«
»Na, wen kannst du schon leiden?« Er beantwortet Annes etwas verächtliche Bemerkung gar nicht und Berta nur in Gedanken mit ›Dich, zum Beispiel‹.
»So richtig viel wissen wir wahrscheinlich alle nicht«, überlegt sie. »Nur, was er so erzählt hat.«
»Und davon war das meiste vermutlich gelogen«, wirft Bruno ein.
»Ich glaube auch, dass er einige Geschäfte am Laufen hatte, über die er nicht gesprochen hat«, vermutet Sophie. »Da wird das Mordmotiv zu finden sein.«
»Anne«, Berta sieht zu ihrer Tischnachbarin hoch, »du kanntest ihn am besten. Jedenfalls was seine Geschäfte betrifft.«
»Alles, was ich weiß, bewegt sich im legalen Rahmen. Er hat Ferienwohnungen für deren Besitzer vermietet und er hat für Busunternehmen Hotelreservierungen vorgenommen und Ausflüge organisiert.«
»Die du dann durchgeführt hast.«
»Ja. Ich und noch andere Reiseleiter von der Insel. Wir haben die Rundfahrten gemacht und die Führungen und dafür 80% von dem bekommen, was die Gäste bezahlt haben. Manchmal hat er uns auch beschissen, glaub ich. Aber egal, ich hab dabei ganz gut verdient.«
»Was machst du denn jetzt?«, fällt Sophie ein. »Wer vermittelt dir die Aufträge?«
»Ich hab heute Nachmittag schon alle Busunternehmen angemailt, von denen ich die Adressen rausgefunden habe. Ich arbeite jetzt direkt für die, da muss ich mit niemandem teilen. Das ist sogar viel besser.«
»So. Dann bist du ja schon die Erste, die von seinem Tod profitiert. Die erste Verdächtige, sozusagen.« Sophie grinst.
»Richtig.« Berta nickt ernsthaft. »Aber ich denke, wir finden noch einige.«
»Ist es nicht seltsam«, überlegt Bruno, »dass Ruben Fux und seine Mutter fast gleichzeitig gestorben sind? Ob es da einen Zusammenhang gibt?«
»Richtig«, wundert sich Berta. »So hab ich das noch gar nicht gesehen. Ich hab nur gedacht, es ist gut, dass die alte Frau vom Tod ihres Sohnes nichts mehr mitgekriegt hat.« Sie rührt in ihrem Glas und denkt nach. »Also, dass er sich darüber so aufgeregt hat, dass er tot umgefallen ist, erscheint mir eher unwahrscheinlich. Hat er geerbt? Hatte die alte Frau Geld? Und wenn – wer erbt es jetzt? Seine Frau?«
»Geld ist immer ein Motiv«, stimmt Bruno zu. »Aber wer weiß darüber Bescheid? Die Familie? Hatte er Geschwister?«
»Warte mal! Da war doch was …« Berta rutscht aufgeregt auf der Bank hin und her. Der Kater, der sich angeschmiegt hatte, miaut empört.
»Er hatte noch einen Bruder. Wie hieß der noch? Ach, ist egal. Der ist vor Jahren tödlich verunglückt. Ist der nicht ertrunken? Bruno, du musst das doch wissen, denk mal nach. Die waren doch beide Bansiner, Ruben und sein Bruder. Die müssen doch hier zur Schule gegangen sein.«
»Ja, kann sein. Ich erinnere mich dunkel. Ich glaube, ich habe den einen mal in Mathe unterrichtet. Aber die waren ziemlich unauffällig. Und das ist wirklich ewig her.«
»Ich muss Paul mal fragen. Wenn der in der Ostsee ertrunken ist, weiß er das vielleicht. Und du, Anne kümmerst dich um die Familie.«
Die Gästeführerin verschluckt sich beinahe an ihrem Getränk, das Sophie ihr gerade hingestellt hat. »Bisschen wenig Whisky«, beschwert sie sich zunächst. »Zu viel Cola, du weißt, dass die ungesund ist.«
»Und wie soll ich das machen?«, fährt sie dann empört fort. »Ulrike kriegt man kaum zu sehen und wenn, dann ist sie voll. Und Jule? Ja, die tut mir wirklich leid.«
Eine Weile schweigen sie alle. Sie denken an das Mädchen, das innerhalb weniger Tage ihre geliebte Oma und ihren Vater verloren hat.
»Also, um die muss sich sowieso jemand kümmern. Nicht, um sie auszufragen«, fährt sie schnell fort, als ihre Nichte sie empört ansieht. »Ich denke wirklich, sie braucht jemanden zum Reden und Trösten. Hat sie überhaupt noch jemanden außer ihrer Mutter? Eine Freundin vielleicht?«
Anne zuckt mit den Schultern. »Ich sehe sie immer nur allein.« Dann sieht sie Berta erschrocken an. »Aber wenn es wirklich um Geld geht, um das Erbe von ihrer Oma, dann ist sie doch auch in Gefahr, oder? Und ihre Mutter natürlich.«
»Ja, siehst du. Sprich das Mädchen einfach mal an. Ich mache mir wirklich Sorgen um sie, nicht nur wegen des Mörders. Sie sollte nicht so allein sein.«
»Na gut. Wahrscheinlich hast du recht und sie braucht wirklich Hilfe.« Sie überlegt. »Ich werde sie einfach mal fragen, wer ihr jetzt etwas zu essen macht. Ich glaube, Ruben hat oft für die Familie gekocht. Schon, weil Ulrike dazu gar nicht in der Lage war. Und deren Zustand hat sich mit Rubens Tod vermutlich nicht gebessert.«
»Aber das ist doch furchtbar!« Sophie ist empört. »Wenn die weiter trinkt, geht alles den Bach runter. Das Mädchen kann doch nicht den Haushalt führen, Miete zahlen und das alles. Und sich auch noch um die Beerdigungen kümmern. Wie soll das gehen? Wenn sie tatsächlich niemanden hat, Tante Berta, solltest du da schleunigst eingreifen.«
»Ja, du hast recht. Vielleicht gehe ich da einfach mal hin und frage, ob sie Hilfe brauchen. Aber besser ist es natürlich, wenn Anne das Mädchen anspricht. Die kennt sie, da hat sie eher Vertrauen, denke ich. Übrigens, Miete brauchen sie nicht zahlen, das Haus hat der alten Frau Fux gehört. Wahrscheinlich hat Ruben es geerbt und jetzt – jetzt gehört es natürlich Jule und Ulrike«, fährt sie dann nachdenklich fort.
»Denkst du, das Haus könnte ein Mordmotiv sein?«, liest Sophie ihre Gedanken. »Es ist bestimmt einiges wert in der Lage. Und der Zustand scheint auch gut zu sein, jedenfalls sieht es von außen so aus.«
Anne nickt. »Ist es auch. Es wurde erst vor ein paar Jahren restauriert. Nachdem die alte Frau Fux ausgezogen ist. Da wurden neue Fenster eingesetzt, eine andere Heizung eingebaut, die Fußböden wurden erneuert, glaube ich und alles gestrichen, innen und außen. War bestimmt nicht billig, das Ganze. Aber das Haus ist in einem Superzustand.«
»Vielleicht hat die alte Frau Fux da ihr Geld reingesteckt, damit sie keine Heimkosten zahlen musste«, überlegt Bruno laut.
»Und wenn sie es damals schon Ruben vererbt hat?«
»Dann hätte der die Kosten übernehmen müssen«, vermutet Berta. »Aber das ist schon interessant. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie so viel Geld hatte, um das ganze Haus umzubauen. Wenn sie es nun an jemand anderen verkauft hat?«
»Dann hat Ruben Miete gezahlt. Aber wo ist das Geld von dem Verkauf geblieben? Meinst du, sie hat ihren Platz im Pflegeheim davon bezahlt?«
»Das glaub ich im Leben nicht. Diese Bauernschläue hat Ruben von seiner Mutter geerbt. Die haben nichts verschenkt. Aber wie kriegen wir das raus?«
Bruno schiebt seine Kaffeetasse weg. Er ist jetzt wieder vollkommen nüchtern und müde. »Lasst das Mädchen in Ruhe«, rät er abschließend. »Die merkt das doch, wenn ihr sie ausfragt und dann fühlt sie sich ausgenutzt und nimmt eure Hilfe nicht an, auch wenn ihr es ehrlich meint. Und ihr werdet auch nichts von ihr erfahren.«
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