Kitabı oku: «Esta Sola. Sind Sie allein?»

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Elke Weickelt, 1953 in Oldenburg i.O. geboren, wuchs in Hannover auf. Nach dem Abitur studierte sie Medizin in Kiel und reiste danach ein Jahr mit dem Rucksack durch Südostasien. Anschließend arbeitete sie an einem großen Psychiatrischen Krankenhaus in Süddeutschland, machte ihren Facharzt und promovierte über Alzheimer Demenz. Danach war sie in der Klinik nur noch halbtags tätig, um Kunst zu studieren. Nach Abschluss des Studiums arbei­tete sie hauptberuflich als Bildende Künstlerin, Teilzeit weiter in der Psychiatrie. Ihre Reise nach Südamerika startete sie, nachdem sie als Ärztin berentet war.

Elke Weickelt

Esta sola

Sind Sie allein?

Ein Jahr durch Südamerika

Ein Reisebericht

LINDEMANNS

Vorwort

Warum reisen? Das ist mein Traum. Wenn ich nicht mehr arbeiten muss, möchte ich mich zeitlos auf den Weg nach Südamerika machen. Mit 65 Jahren, mindestens ein Jahr ohne Rückflugticket, alleine mit wenig Gepäck. Nicht reisen, sondern sein, nicht planen, sondern alles auf mich zukommen lassen, alles offen, nichts festgelegt, keine Verpflichtungen. Ohne Kalender, ohne Zeitdruck. Die Länder Lateinamerikas kennenlernen, die Natur, die Menschen, die Verhältnisse.

Reisende sein, obwohl ich Touristen nicht mag, aber dennoch unter Fernweh leide. Zeitlos unterwegs sein heißt, nicht schon beim Aufbruch an die Rückkehr denken.

So beginnt mein letzter Lebensabschnitt. Ich muss gar nichts mehr. Das Einzige, was ich jetzt noch muss, ist sterben. Aber ich kann mich noch auf den Weg machen, unterwegs sein, die Welt kennenlernen, Neues suchen, Neues finden, mich erfahren, fühlen, Menschen begegnen. Ich bin gesund, keiner weiß, wie lange noch, und dafür bin ich dankbar. Jetzt werde ich diesen meinen Traum verwirklichen. Nicht morgen, nicht im nächsten Jahr – jetzt. Und was träume ich da eigentlich?

„Das Unsagbare finden – das Wirkende, des der Verstand nicht habhaft wird – denn es ist und kann nur im Sein erkannt werden.“ Das gibt mir meine Freundin Gudrun mit auf den Weg.

Gudrun treffe ich kurz vor meiner Abreise auf einer Vernissage. Sie kann sich so gut in Kunst einfühlen. Sie lebt in Hannover und arbeitet als Psychotherapeutin. Sie geht jetzt auch in Rente, sie ist über 70.

„Ja, was ist das Unsagbare?“, frage ich sie. Gudrun zitiert nicht, sie findet diese Sätze, obwohl ja natürlich alles Inhaltliche nicht neu ist und schon gedacht wurde, so wie alles Gemalte irgendwann auch schon einmal gemalt wurde.

Gudrun meint, unser Schicksal ist schon festgelegt, vorbestimmt. Wir erfüllen es, indem wir leben. Wir sind damit auch ein Teil vom ganzen Strom des Lebens. Wir leben unser Schicksal und dann können wir es erkennen, sozusagen retrospektiv.

Die Erkenntnis nur retrospektiv? Eine interessante Idee – natürlich – eigentlich logisch. Erst muss etwas da sein, erfahren sein, erlebt sein, bevor man es erkennen kann. Wie ist das in der Naturwissenschaft und in der Philosophie? Brauchen wir überhaupt Erkenntnis? Wir können das auch lassen. Das ist dann vielleicht noch einfacher und nicht so anstrengend. Tiere brauchen das auch nicht.

Was bedeutet der Satz, das Unsagbare finden, das nur im Sein erkannt wird? Sie meint, es sei wohl ein Spiegel auf mich, auf mein Vorhaben. Damit kann ich etwas anfangen und es hat in der Tat viel mit meinem Unterwegs – Sein zu tun.

Ich möchte nicht reisen, sondern sein. Ich reise nicht, ich bin. Ja, was ist dann der Unterschied? Natürlich reise ich auch. Aber ohne Zeitplan. Diese Zeitlosigkeit, das One-Way-Ticket sind meine Basis. Ich kann bleiben, wenn ich will und wo ich will und wie lange ich will.

Eine andere Freundin von mir spricht immer vom So-sein und Da-sein, das erinnert mich an den so vielfach gebrauchten Begriff vom Hier und Jetzt, den alle möglichen Ideologen und Welterklärer als einfache Regel zum Glücklichsein preisen.

So-sein ist „Ich“ mit allem, was dazu gehört, und Da-sein ist einfach „hier jetzt“ leben.

Mir gefällt das, es befreit mich von weiteren philosophischen Ausflügen und quälenden Recherchen über Vergangenheit und Zukunft. Damit erübrigt sich die Unfrage nach dem Sinn des Lebens.

Seneca sagt: Alle Menschen existieren, aber nur die wenigsten leben. Die Angst, nicht gelebt zu haben ist größer als die Angst vor dem Tod. Aber was heißt das? Für mich heißt leben auch der Zustand der Selbstvergessenheit, wie ihn Kinder haben und Erwachsene ihn sich mühsam „erarbeiten“ müssen. Wenn mir das gelingt, erfüllt es mich mit einer tiefen Zufriedenheit.

Und ja, ich werde allein reisen, auf Spanisch: „sola“. Erst einmal gibt es niemand, der mich begleiten könnte. Zeitlos – darauf lässt man sich nicht so einfach ein. Das birgt nur Unsicherheit in jeder Beziehung. Und jeder hat so viel zu tun zuhause, einen Terminkalender und sogenannte Verpflichtungen.

Und es müsste ja auch passen, in den Gewohnheiten, den Bedürfnissen, den Interessen. Obwohl ich mich ja für einen flexiblen und toleranten Menschen halte – ja doch, kann man vielleicht so sagen, habe ich vor dieser Reise eine einschneidende Erfahrung gemacht.

Eine alte Schulfreundin hatte mir vor einem Jahr, als ich ihr von meinem Plan erzählte, signalisiert: Oh, ich gehe zum selben Zeitpunkt in Rente, ich hätte große Lust mitzukommen.

Gut, dann erproben wir, ob wir zusammenpassen. Wir haben eine Woche Bilbao gebucht, ein Appartement und wollten schauen, wie es läuft.

Ja also, als wir am Flughafen waren, wollte sie mit dem Taxi in die Stadt. Viel zu teuer, völliger Quatsch, alle zehn Minuten fährt ein Bus. Ok. Im Zentrum sind wir ausgestiegen, 20 Minuten zu Fuß zur Unterkunft. Ein traumhaftes Wetter, ein schöner Gang durch die Altstadt. Wir nehmen ein Taxi – warum? Wir können laufen.

Das Laufen ist dann gescheitert, weil eine Rolle von ihrem Rollkoffer abgebrochen ist, weil der Koffer viel zu schwer war für eine Woche, weil ihr der Rücken wehtat. Wir haben ein Taxi genommen. Ich erzähle nur noch drei weitere Episoden dieses Aufenthaltes, das muss dann reichen, die Antwort auf die Ursprungsfrage erübrigt sich damit. Die Menschen sind eben so unterschiedlich.

Am nächsten Tag zu Fuß am Fluss entlang ins Museum, 30 Minuten Dauer. Kein Taxi, ok. Nach zehn Minuten eine Blase am Fuß, laufen erschwert bis unmöglich. Wie soll man da eine Stadt entdecken?

Jeden Abend E-Mails checken statt die Altstadt erkunden.

Dann Busfahrt nach San Sebastian, eine Stunde 15 Minuten. Nach 20 Minuten wurde ihr schlecht: Beim Busfahren wird mir immer übel. Meine Frage. Wie willst Du durch Südamerika reisen?

Ich sage nichts mehr. Sie musste sich vorne neben den Fahrer setzen, der einmal anhalten musste zum Kotzen.

Na ja, das reicht. Wir hatten dann kaum noch Kontakt. Es ist nicht so, dass ich das verurteile, aber für mich passt es eben nicht.

Und zu zweit zu reisen oder gar zu mehreren ist etwas ganz anderes, kein Vergleich. Niemals ist man so auf sich selbst zurückgeworfen, wie wenn man alleine unterwegs ist. Niemals lernt man so viele Menschen kennen, wirklich kennen, wie wenn man alleine ist. Niemals ist Selbstständigkeit, auch die seelische, so wichtig und niemals ist Kreativität so gefragt, wie wenn man alleine ist.

Abgesehen davon habe ich mich niemals alleine gefühlt, aber dazu später mehr.

„Ja, und hast Du keine Angst?“, werde ich immer wieder gefragt. Südamerika, Kriminalität, Überfälle, Drogen, schlechtes Gesundheitssystem, vielleicht doch Verständigungsschwierigkeiten? Als Frau alleine? Einsamkeit? Machos, Anmache und sexuelle Übergriffe?

Lieber Gott, ich bin alt. Nein, ich habe keine Angst. Vielleicht doch ein bisschen. Wovor? Sicher nicht vor den Menschen. Ein bisschen Angst habe ich davor, dass ich krank werde. Krank sein und allein sein stelle ich mir ziemlich unangenehm vor. Hilflosigkeit – schrecklich, wenn man sich nicht mehr versorgen könnte.

Aber: Auf der ganzen Welt gibt es gute und schlechte Menschen. Auch in der Ferne gibt es gute und ich bin überzeugt, sie würden mir helfen. Das würde ich auch tun.

Also Angst nicht. Aber ich bin tierisch aufgeregt.

Ich bin auf der Suche nach dem Ursprünglichen, schon ein Leben lang, schon auf meiner ersten einjährigen Reise nach Südostasien vor 40 Jahren.

Aber was ist das eigentlich, das Ursprüngliche? Was verstehe ich darunter? Es ist das, was ich am Leben und an dem Glauben der Naturvölker in ihrer Beziehung zur Natur entdecke. Es ist das Reduzierte, das Eigentliche, das Wesentliche, was das Leben ausmacht: Geburt und Tod, Wohnen, Essen und Trinken, Arbeit, das Miteinander, immer in enger Verbindung mit der Natur, mit Mutter Erde. Pachamama, wie die Indigenen sagen. Es zeigt sich oft auch im künstlerischen Ausdruck sogenannter „Primitiver Völker“, in Ritualen und Festen.

Es ist das, was alle Menschen miteinander verbindet, unabhängig von ihrer Entwicklung und ihrer Kultur. Es ist das, was alle Menschen brauchen und gestalten in großer Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Es ist das, warum manche Menschen flüchten, weil sie es nicht haben und was die Reichen gar nicht mehr erkennen oder wertschätzen, weil sie es zu viel haben und das schon zu lange oder weil es bei allem Wohlstand seine Bedeutung und seinen Wert verloren hat, weil sie es gar nicht mehr sehen.

Reduktion und Einfachheit sind verbunden mit einer Konzentration, die zu Intensivierung des Lebens und Vertiefung der Wahrnehmung führen kann und zum Finden des Wesentlichen. Für mich jedenfalls.

Auf diese Suche, Suche in anderen Kulturen, wie machen sie es, ihre Nähe zur Natur, ihr Authentisches, Eigenes – werde ich mich begeben.

Ich denke manchmal, ursprüngliche Kulturen haben vielleicht andere, vielleicht bessere Antworten als wir. Ob das stimmt, weiß ich nicht, ich werde es herausfinden. Vielleicht ist es auch nur eine romantische Illusion.

Und dann treibt mich natürlich die Frage um: Was wird aus unserer Welt, die wir gerade und schon so lange zerstören, das Klima, das wir so verändert haben, dass Naturkatastrophen uns überfluten und wir nicht in der Lage sind, die Stimme der Natur – Pachamama – zu hören.

Ich habe mich gut vorbereitet. Natürlich musste ich Spanisch lernen. Damit hatte ich schon vor vier Jahren angefangen, immer mal wieder. Nach fünf Volkshochschulkursen, zwei Besuchen einer Spanisch-Schule in Malaga und auf Ibiza sowie Unterricht bei einer Privatlehrerin aus Kolumbien habe ich keineswegs das Gefühl, nun spanisch sprechen zu können. Es ist mühsam, erfordert so viel Disziplin und ich werde vergesslicher. Aber eine neue Sprache zu lernen ist das beste kognitive Training, das es gibt.

Jeder sagt, es klappt nur, wenn du vor Ort bist und sprichst: hablar, hablar, hablar ... und das stimmt.

Aber anstrengend blieb es zunächst und wenn ich die Möglichkeit hatte, mich auch englisch zu verständigen, so zog ich das vor, weil es mir so von den Lippen kam.

Aber mit der Zeit konnte ich mich dann doch mit einem kleinen Wortschatz mit den Einheimischen unterhalten. Am Schluss ging alles irgendwie aus dem Bauch heraus und ich hatte gelernt, fehlende Vokabeln wortreich zu umschreiben oder auf Spanisch nach ihnen zu fragen. Erleichternd war es, vor jedem Gespräch mitzuteilen, dass mein Spanisch ganz schlecht ist. Dann sprach man langsam und hatte keine großen Erwartungen. Zu meiner Freude konnte ich so auch eine Menge freundlicher Komplimente ernten, nämlich, dass ich sehr gut spanisch kann.

Das tat gut, auch wenn mir klar war, dass es nicht stimmte.

Jede Reiseerfahrung, jeder Eindruck ist subjektiv, jedes Bild ist durch meine Brille gesehen und erhebt nicht den Anspruch auf die Wahrheit über ein Land, das ich beschreibe. Diese Wahrheit gibt es ja sowieso nicht. Ich habe es so erlebt.

Ich will das unbedingt betonen, obwohl es eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist.

Nun sind viele Akten geschlossen und ich ziehe in die Welt, die so groß und so vielfältig ist und von der ich das Gefühl habe, dass ich sie gar nicht kenne.

Es ist ein Aufbruch. Und ein Aufbruch ist auch immer eine Trennung. Jede Trennung schafft Raum für Neues. Ein Aufbruch ohne Wiederkehr? Alles ist möglich.

Aber mich nehme ich mit, meine Biografie nehme ich mit.

Trennung entspricht meinen Wünschen nach Loslösung, Freiheit und Autonomie – Das sind immer schon wichtige Bedürfnisse von mir.

Als ich mich das letzte Mal mit Maria getroffen habe, hat sie mir erzählt, dass auf dem Boden ihres Balkons der Satz steht: „La Libertad hay que invertarla siempre“ (Die Freiheit muss immer wieder neu gefunden werden) von dem spanischen Dichter Jose Agostin Goytisolo. Und sie sagt: „Der Satz erinnert mich jetzt täglich an Deine Reise, an Dich und an die vielen Möglichkeiten, meine eigene Freiheit zu erfinden und auszuprobieren. Beispielsweise: warum nicht an die Endhaltestelle einer Straßenbahn fahren, die ich noch nicht kenne?“

Und natürlich ist das Reisen auch Selbstfindung. Flucht, wie manche meinen, ist es für mich nicht. Mir fällt nichts ein, vor dem ich fliehen wollte. Aber eine Suche ist es bestimmt, wobei ich nicht immer wissen muss, was ich suche. Vielleicht ist es eine Sehnsucht nach Entgrenzung, Abschütteln von alltäglicher Routine.

Und ich glaube nicht, dass die Welt kleiner geworden ist durch die Globalisierung. Auch wenn es auf der ganzen Welt Klimawandel und Internet gibt, bleibt sie so riesengroß und vielfältig. Auf der Suche sein ist unterwegs sein – ohne Ziel. Das macht es ja so spannend.

Argentinien

Buenos Aires

Der Billigflug wird dreimal verschoben. Meine Planung, nicht gerade um Mitternacht in Buenos Aires, einer völlig fremden Großstadt in Südamerika, anzukommen, misslingt total. Gelandet bin ich um 23.10 Uhr in der Nacht. Von Frankfurt mit einer Zwischenlandung in Santo Domingo und einer zweiten Zwischenlandung in Panama City plus Wartezeiten dauert es 18 Stunden bis nach Buenos Aires.

Aber was soll es, ich bin unterwegs. Der Flug über den Panamakanal und die Anden ist fantastisch und entführt mich auf einen fernen Kontinent.

Nachts anzukommen, ist dann doch nicht so schlimm, zumal ich mir ein Taxi zum Hotel vorbestellt hatte.

Aber aufgeregt bin ich und finde es irgendwie mutig von mir, mit 65 Jahren und Mini-Koffer, ich habe insgesamt acht kg dabei, allein in die Welt zu ziehen. Das meiste in meinem Koffer sind Medikamente. Da will ich autark sein. Den Rest, so glaube ich, kann ich überall kaufen, wenn ich etwas brauche.

Eine Sommer- und eine Winterhose, eine Regen- und Windjacke für jedes Wetter und ansonsten ein paar Basics und gute Schuhe – das muss reichen. Mütze, Schal und Handschuhe sind natürlich unverzichtbar.

Mir wird plötzlich bewusst, dass ich hier niemanden kenne und auf mich allein gestellt bin. Nur Mut.

Die Einreise ist einfach. Ich erhalte ein Touristenvisum für drei Monate. Im Flughafen von Buenos Aires gibt es vier Geldautomaten und alle sind leer. Das ist erst mal ein Schock, schließlich brauche ich argentinische Pesos. Ich erfahre, dass es kein Geld gibt, Inflation. Die Inflationsrate liegt bei 54 %, so hoch wie in den letzten 28 Jahren nicht. Das Land ist total verschuldet. Zweistellige Inflationsraten sind nicht ungewöhnlich hier.

Wie soll ich nun das Taxi bezahlen? Da muss ich wohl an meine kleine Dollarreserve gehen und zahle natürlich zu viel. Fängt ja gut an.

In den nächsten Tagen ist mein dringendstes Bedürfnis, alle möglichen Bankautomaten auszuprobieren, um an Geld zu kommen. Schon vor Öffnung der Banken stehen die Leute in langen Warteschlangen davor. Als ich endlich eine Bank finde, gibt es nur 200 Euro umgerechnet und das in kleinsten Scheinen. Im Hotel packe ich ein Riesenbündel aus, das in kein Portemonnaie geht und auch nicht in den Geldgürtel – es ist einfach zu dick. Ich werde diesen Geldautomaten die nächsten Tage ein paar Mal erleichtern. In dieser Situation gibt mir das Geld Sicherheit. Die vielen Scheine auf dem Bett kommen mir vor wie Donald Ducks Geldspeicher.

Das Hotel ist wunderschön in altem Kolonialstil mit großem Innenhof mitten im Zentrum von Buenos Aires in der Avenida de Mayo. Und es ist nicht mal laut – oh Wunder.

Buenos Aires hat circa drei Millionen Einwohner. Auf der Plaza de Mayo finden jeden Tag Demonstrationen statt, große und kleine, die Argentinier sind diesbezüglich ein sehr aktives Volk.

Am zweiten Tag gibt es einen Marathon bei strömendem Regen. Es stürmt und schüttet den ganzen Tag. Wasser fließt ins Hotel, Stromausfall. Der ganze Innenhof ist überschwemmt. In die Zimmer kommt es nicht, aber trockenen Fußes kommt man auch nicht auf die Straße. Die Leute nehmen es cool. Offensichtlich ist es nicht das erste Mal. Bei uns würde man anders reagieren.

Ich helfe beim Wasser entfernen mit Eimern. Improvisation ist angesagt, das können sie mit einer selbstverständlichen Gelassenheit, die uns wohl völlig abgehen würde.

Die nächsten Tage herrscht Unwetter: Flüge fallen aus und das Fußballspiel. Wenn ein Fußballspiel in Argentinien ausfällt, ist das für die Leute eine der größten Katastrophen, die sie sich vorstellen können, lerne ich. Die Argentinier sind verrückt nach Fußball.

Im 19. Jahrhundert wurde er von englischen Einwanderern nach Argentinien gebracht. Darauf verweist der Name eines der wichtigsten Vereine: River Plate. 1986 holte die argentinische Nationalmannschaft den Weltmeistertitel gegen Deutschland.

Ich verstehe nichts von Fußball, aber man kann sich dem nicht entziehen, wenn man hier Kontakt zu den Menschen haben will und man muss sich dafür interessieren, weil es ihr Leben so bestimmt.

Genauso populär wie River Plate ist der auch aus Buenos Aires stammende Verein Boca. Die Begegnung der beiden Clubs gilt als Kampf zwischen zwei Klassen: Boca, der Arbeiterklasse, und River Plate, der Mittel- und Oberschicht. Bei vielen dieser Begegnungen gibt es Gewaltaktionen der Fans schon vor der Begegnung. Das habe ich unmittelbar miterlebt, zumal es fast das einzige beherrschende Thema der Nachrichten war und auch das Gesprächsthema überall. Es ging dann so aus, dass das Spiel nach Madrid verlagert werden musste, um überhaupt gewaltlos über die Bühne gehen zu können.

Ich besuche den Stadtteil La Boca. Bei einer großen Stadtrundfahrt kann man überall aussteigen und dann in den nächs­ten Bus wieder einsteigen. Diese Touristenbusse fahren alle 20 Minuten. Das ist prima und bequem.

Vor La Boca wurde ich gewarnt. Der Stadtteil liegt im Armenviertel von Buenos Aires und es wird dort wohl viel gestohlen. Überfälle soll es auch geben in den Randgebieten des Viertels. Das Zentrum ist fantastisch. Es ist ein einziges Kunstwerk mit bunt angestrichenen Wellblechhäusern. Eine Touristenattraktion mit vielen Restaurants und Bars. Man kann draußen sitzen und es werden Kunstwerke und Souvenirs verkauft. La Boca liegt am Riachuelo-Fluss und hat ein Museum für Moderne Kunst: Fundacion Proa mit dem Blick auf die alten Hafenanlagen.

Als ich die Touristengassen mit den bunten Häusern verlasse, wird es öde und die Armut ist unübersehbar.

Schaut man hin, sieht man viel Armut in Buenos Aires. Ich habe schon viel auf meinen Reisen gesehen, aber dass ein Säugling im Bordstein der Straße liegt, das habe ich auch noch nie gesehen. Keiner kümmert sich, es scheint niemanden aufzuregen. Die Eltern lehnen an einer Häuserwand, offensichtlich vollgepumpt mit Drogen.

Ich spreche einen Polizisten an, aber der tut auch nichts, die Leute gehen daran vorbei. Kann ich etwas machen?

Heute gibt es eine Demonstration von Frauen auf der Avenida de Mayo. Es sind viele. Sie kämpfen für Gleichberechtigung, für Abtreibung. Hinterher kommen die Frauen, die gegen Abtreibung sind. Und Gewalt gegen Frauen, das Thema Femizid wird auf den Plakaten aufgegriffen. Dazu erfahre ich später mehr. Die Frauenbewegung ist hier sehr aktiv. Es geht um Themen, die uns in Europa so intensiv vor vielen Jahren beschäftigt haben.

Die Argentinier denken viel nach, diskutieren über gesellschaftlichen Wandel, sind kritisch, mutig und energiegeladen und machen ihren Mund auf: klar, deutlich, rigoros, modern, offen. So erlebe ich es jedenfalls. Das hätte ich nicht gedacht.

Buenos Aires ist auch eine laute Stadt, ein Moloch, voll, hektisch, schlechte Luft, viel Verkehr, aber immer spannend. Eine anstrengende Stadt, am frühen Abend, ich bin müde und schlafe viel.

Meine vornehme Zurückhaltung und mein defensives Auftreten, empfohlen in allen Reiseführern, besonders für allein reisende Frauen, gebe ich nach zwei Tagen auf. Erstens bin ich das nicht, zweitens bin ich allein und will Kontakt haben und drittens: Wenn ich die Menschen nicht anspreche, dann lerne ich auch kein Spanisch.

Mein Spanisch ist in der ersten Zeit miserabel. Ich habe einen Fernseher im Zimmer und die Idee, beim Fernsehen mit einem Wörterbuch spanisch zu lernen. Es ist mir wichtig, wann immer möglich, die Nachrichten zu sehen. Sehr rasch kenne ich Worte wie Mord, Raub, Verhaftung, Opfer, Femizide, Vergewaltigung auf Spanisch. Das ist das wesentliche Vokabular der Nachrichtensendungen. Sie bringen immer wieder die gleichen Bilder dazu, stundenlang, den ganzen Tag, das ist eine Art Gehirnwäsche. Es wird den ganzen Tag immer wieder über Verbrechen gesprochen in vielen Gesprächsrunden. Reißerische Szenen, Mord, Überfälle, Raub und sonstige Katastrophen werden ständig wiederholt. Keine gute Idee, um Spanisch zu lernen und nicht gut für die Psyche.

Derzeit findet hier der Weltkongress der Psychoanalytiker statt. Ich erfahre, dass es in Buenos Aires mehr davon gibt als in jeder anderen Stadt der Welt.

Am nächsten Morgen ist überall Polizei und alles Mögliche ist abgesperrt, auch immer wieder die Avenida de Mayo. Es gibt noch mehr Demonstrationen. Es findet hier in einer Woche der G7-Gipfel statt, das internationale Treffen von sieben Außenministern. Kein Wunder, die viele Polizei.

Ich flüchte zum Recoleta Friedhof. Mit der U-Bahn ist das völlig unkompliziert. Dieser Friedhof liegt in einem der teuersten und wohlhabendsten Viertel von Buenos Aires. Eine Ruhestätte vieler prominenter Einwohner mit eindrucksvollen Gräbern und Mausoleen. Es ist wie eine eigene Stadt, durch die man stundenlang spazieren kann.

Am nächsten Tag lautet die Schlagzeile: Bombe auf dem Recoleta-Friedhof. Diese Bombe an einem Grab, an das ich mich gut erinnern kann, vor dem ich lange gestanden habe, muss kurz nachdem ich den Friedhof verlassen habe explodiert sein. Glück gehabt. Es wurde niemand verletzt.

Dieses Erlebnis beschäftigt mich aber doch noch ein paar Tage. Es ist alles ziemlich ungewohnt hier und man muss doch wohl immer auf der Hut sein. Das ist anstrengend. Kein Wunder, dass ich so viel schlafe. Das kommt mir aber entgegen, weil ich nicht allein im Dunkeln durch diese Stadt gehe. Ich bin erst mal sehr vorsichtig.

Es gibt so viel zu sehen, was mich veranlasst, zwei Wochen zu bleiben. Ich möchte alles sehr langsam machen und auch viel ausruhen, in Cafés sitzen und nur alles beobachten, ohne mich zu bewegen. Ich habe Geburtstag und überlege, was ich mir da Gutes tun kann und möchte mir etwas schenken.

Es gibt das Café Tortoni direkt neben meinem Hotel. Ein wunderschönes altes Kaffeehaus, das 1858 von einem französischen Immigranten eröffnet wurde. Es soll das älteste Kaffeehaus von Buenos Aires sein, mit einer eleganten Inneneinrichtung, vielen Kunstwerken an den Wänden und ein Treffpunkt für Literaten, Künstler und berühmte Tangotänzer.

Die Tangoveranstaltungen hier sind meistens ausverkauft. Mir ist das Café aufgefallen, weil sich draußen immer eine Warteschlange gebildet hat, auch schon morgens früh. Man wird durch den Portier eingelassen, wenn ein Tisch frei ist und betritt den Raum durch ein prächtiges Portal. Manche warten, je nach Tageszeit, bis zu einer Stunde auf einen Platz.

Dieser Ort scheint mir nun für meinen Geburtstag angemessen. Dort möchte ich einen Sekt trinken und eine Köstlichkeit essen, auch wenn das wahrscheinlich sehr teuer ist und mein Tagesbudget übersteigen dürfte. Das hat es dann aber zu meinem Erstaunen gar nicht.

Ich stoße mit mir selber an und bin sehr stolz, hier zu sein, und es ist ein Moment großer Freude. Die Verwirklichung meines Traumes hat begonnen. Ich habe in dieser kurzen Zeit schon so viel erlebt, dass ich mir abends ganz diszipliniert immer Tagebuchnotizen mache, damit ich nichts wieder vergesse. Es geht mir richtig gut und in diesem Moment vermisse ich absolut nichts.

Nachmittags fahre ich mit der Metro ins Malba-Museum nach Palermo und sehe Spitzenwerke lateinamerikanischer Kunst; danach ins ethnografische Museum. Ich werde auf dieser Reise jedes Museum besuchen. Erstens liebe ich Museen und zweitens kann man nirgends mehr lernen.

Einige Museen sind auch geschlossen oder in einem schlechten Zustand, ungeschützt, keine Aufsichten und mit schlechter Beleuchtung. Insbesondere die kleineren.

Auch die Oper und das Teatro Colon kann man nicht auslassen in dieser Stadt.

Mir brennen die Augen von der schlechten Luft.

Die Argentinier erlebe ich freundlich und hilfsbereit. Aber es ist hier alles teurer, als ich dachte.

Nach einer geführten Graffiti-Tour geht es die nächsten Tage noch zu den Shopping Meilen und Prachtkaufhäusern. Hier gibt es alles. Es bedeutet mir noch einmal, dass die Schere zwischen Armut und Reichtum gewaltig ist. Aber um das zu sehen, muss man natürlich nicht nach Südamerika.

Für einen Abend habe ich mir eine Karte für eine Tango-Show besorgt. Tango ist ein Teil von Buenos Aires und Argentinien. Ich werde mit dem Bus abgeholt und wieder ins Hotel gebracht. Das ist gut, weil diese Veranstaltungen ja so spät anfangen und auch erst nach Mitternacht zu Ende sind. Dann muss ich nicht alleine nachts durch die Stadt zurück. Ein Abendessen ist eingeschlossen. Das ist mein Geburtstagsgeschenk für mich.

Es ist alles sehr fein, weiß gedeckte Tische und die Damen haben sich schwer rausgeputzt. Es sind eher wenige Touristen, viele Einheimische da, was mir schon mal gut gefällt, aber ich liege natürlich mit meinem Outfit in meiner Reisekleidung voll daneben. Tut mir leid, geht nicht anders. Die Argentinierinnen sind wahre Schönheiten. Es sind für mich die attraktivsten Frauen in ganz Südamerika und sehr sexy.

Ich werde an einen Vierertisch gelotst. Ich teile den Tisch mit einer Kanadierin, sie ist Soldatin, kurzgeschorene Haare, burschikos und ich verstehe mich gut mit ihr. Kleidungsmäßig passt es. Und dann sitzt noch ein sehr junges, sehr aufgemöbeltes, aufgekratzt lautes, expansives und überhaupt auch äußerlich auffälliges Pärchen aus USA mit am Tisch. Er wirkt wie ein Börsianer, sie wie eine Barbiepuppe. Aber sie sind nett, wenn auch irgendwie distanzlos, wie US-Amerikaner eben manchmal sind. Sie wollen uns immer umarmen und Selfies davon machen. Sie bestellen Champagner und laden uns ein und drücken ihre überschwängliche Freude darüber aus, uns kennengelernt zu haben. So ein Quatsch, sie kennen uns überhaupt nicht. Geld scheint keine Rolle zu spielen. Der Kellner wird häufig zum Nachschenken aufgefordert. Dann kommen wieder übertriebene Bewunderungen dafür, dass sowohl die Kanadierin als auch ich alleine reisen.

Ich lasse mich auf diese Nummer ein und erlebe einen wunderschönen exaltierten und ziemlich verrückten Abend und habe selten so viel gelacht bei einigen Gläsern Champagner. Über was wir gelacht haben, weiß ich gar nicht mehr. Man muss sich auf die Dinge einlassen, auch wenn sie einem so völlig fremd sind. Das werde ich machen – wunderbar. Auf in ein Neuland. Ich werde mal meine ganzen Bewertungen und damit auch Vorurteile, die man so mit sich rumschleppt, über den Haufen werfen für dieses Neuland. Es zumindest versuchen.

Aber die Hauptattraktion ist der Tango. Zum Weinen schön. Sie tanzen um ihr Leben. Das ist alles so surreal: dieser oberflächliche Barbiepuppen-Wahnsinn im Kontrast zur erotischen und existentiellen Melancholie dieser Musik und des Tanzes, wahrgenommen unter dem Einfluss des wahrscheinlich teuersten Champagners, den ich je getrunken habe, nachts in Buenos Aires. Die Aufführung findet in der Maldita Milonga, Peru 571, statt. In einer Milonga trifft man sich zum Tangotanzen bei Livemusik, aber es gibt auch Shows mit berühmten Tänzern.

Ein weiterer Höhepunkt meines Aufenthaltes in dieser Stadt ist die Schwulen- und Lesben-Parade auf der Avenida de Mayo, in die ich am Samstag zufällig rein stolpere. Unglaubliche Menschen. Bin ich im Film, im Traum, Schwule, Lesben, Transsexuelle, alles, was es gibt. Faszinierende Kostüme, Auftritte, halbnackte Menschen, Glanz und Glimmer, Musik, Theater, Performances. So etwas, glaube ich, sieht man vielleicht nicht mal beim Karneval in Rio, aber da war ich noch nicht. Sicherlich aber nicht in Europa. Auch Proteste gibt es hier gegen Vorurteile und Diskriminierung, Ausgrenzung und Mord an Transgendern „basta de genozido trans“.

Ich verbringe viele Stunden dort, schaue mir die Augen aus dem Kopf, rede mit den Leuten, versuche zu verstehen. Oft werde ich angesprochen, bekomme Rosen überreicht oder werde zu einem Drink eingeladen.

Alle sehen so extrem fremdartig aus und sind so liebevoll und freundlich und friedlich.

Es gibt fast keine Polizisten, es scheint alles erlaubt. Am meisten aber staune ich, dass das in Buenos Aires möglich ist. Ich habe alle Länder in Südamerika für viel strikter, autoritärer, konservativer gegenüber solchen Aufzügen und überhaupt gegenüber Demonstrationen gehalten. In Buenos Aires ist das aber offensichtlich nicht so.

Jeden Tag, den ich länger hier bin, habe ich mehr das Gefühl, alles, was ich meinte schon zu wissen, trifft so nicht zu.

Sonntag ist mein Hotel voll. Die Einheimischen haben Feiertag und reisen ebenfalls gerne und viel auf ihrem Kontinent, immer mit Familie. Man trifft aus fast allen anderen Ländern Südamerikas Touristen: Chile, Peru, Uruguay, Brasilien.

Sie gehen im Schlafanzug zum Frühstück, sicher auch ungewaschen, für mich gewöhnungsbedürftig. Aber sie sind locker, begrüßen mich und fragen gleich, was ich hier tue und wo ich herkomme und überhäufen mich mit Reisetipps und guten Ratschlägen.

Touristen aus Europa oder Asien sehe ich nicht die ersten Tage und auch später nicht so viele. Backpacker habe ich auch nur wenige gesehen.

14 Tage bin ich in Buenos Aires geblieben. Zum Einstieg in Südamerika nicht schlecht, modern und schrill, eine Weltstadt. Aber jetzt brauche ich Ruhe.

Bariloche

Genug mit Großstadt, ich sehne mich nach der Weite Patagoniens. Jedenfalls habe ich diese Vorstellung vom Süden Argentiniens. Mal sehen, ob das zutrifft.

Meine erste Station ist Bariloche, 1.600 Kilometer von Buenos Aires entfernt. Die Strecken in diesem Land sind riesig.

Das Zimmer in meiner Hosteria ist einfach, sauber und klein. Die Dusche spendet einen dünnen heißen Strahl. Nachts ist es kalt, aber es gibt eine Heizung. Es wird spät dunkel. Diese Gegend wirkt reich und teuer. Das sieht man an den Häusern und alles ist relativ sauber.

Bariloche, eigentlich San Carlos de Bariloche, liegt in der Provinz Negro in einem Tal der südlichen Anden am See Nahuel Huapi. Blauer Himmel, glasklarer See, schneebedeckte Berge, das Panorama unglaublich schön. Man nennt diese Gegend deswegen auch argentinische Schweiz.

Das Wort „Bariloche“ kommt von „Vuriloche“, das ist ein Mapuche-Wort und heißt „Menschen hinter dem Berg“. Das indigene Volk der Mapuche, „Menschen der Erde“, lebt heute überwiegend in den zentralen und südlichen Regionen Chiles und Argentiniens. „Mapu“ heißt Erde und „che“ Menschen. Die Erde ist den Mapuche heilig. Sie würden sie niemals grundlos oder aus Profitgründen zerstören. Sie sind das einzige indigene Volk, das sich lange Zeit erfolgreich gegen die Inka und auch gegen die Kolonisation der Spanier gewehrt hat und unabhängig geblieben ist. Die Mapuche sind die größte ethnische Minderheit, besonders in Chile, und sie führen immer noch einen zähen Kampf um ihren Grund und Boden.

In Bariloche leben auch viele Deutsche. Nach dem zweiten Weltkrieg haben sich einige ehemalige SS-Führer hier versteckt. In einem deutschen Viertel entdeckt man Schwarzwaldhäuser, eine deutsche Schule und deutsche Bäckereien mit heimischen Backwaren, z. B. Brezeln und Streuselkuchen.

Das wirkt auf mich befremdlich.

Die Stadt ist bekannt auch für ihre Schokolade. Sie wird in der Hauptstraße in fast jedem Geschäft angeboten, auch in großen Schokoladenkaufhäusern. Ich bin kein Schokoladen- fan, aber probieren muss ich und tatsächlich – schmeckt gut.

Ich könnte stundenlang am See sitzen und auf dieses Bergpanorama starren. Das befriedigt mein Fernweh und erfüllt mich gleichzeitig mit einer inneren Ruhe.

Die vielen frei lebenden Hunde hier werden von den Einwohnern gefüttert. Ein kleiner Hund schleppt eine Plastikflasche von einem Menschen zum anderen und möchte sie geworfen haben, um sie zu apportieren. Fast jeder beteiligt sich. Jetzt bin ich dran. Er steht mit dem Ding im Maul zu meinen Füßen und stupst mich auffordernd an. Ich werfe sie in Richtung eines jungen Paares. Das funktioniert, sie sind als Nächstes dran.

Ein junger Spanier setzt sich zu mir. Er erzählt, dass er hergekommen ist, weil sein Name wie der des Sees ist. Seine Mutter ist Argentinierin und sein Vater Spanier. Er war noch nie hier und ist fasziniert, berührt, wie schön dieser See ist, nach dem er benannt wurde.

Menschen gehen immer wieder weite Wege oder nehmen beschwerliche Reisen auf sich, um ihren Ursprüngen auf die Spur zu kommen. Eigentlich mache ich das auch, weil ich zum Kap Hoorn will, das für mich eine besondere Bedeutung hat, aber dazu später.

Mehrere Ausflüge führen mich in den nächsten Tagen in den Nationalpark Nahuel Huapi, der an dem gleichnamigen See liegt. Dieser Park, der auch an Chile grenzt, gehört zu den ältesten Nationalparks Argentiniens und ist seit 1981 UNESCO-Welterbe.

Mit dem Schiff kann man nach Chile rüber fahren.

Im Bosque Arrayanes, einem Arrayan Myrtenwald wachsen archaisch wirkende Bäume mit einer rötlichen Färbung der Stämme. Sie haben keine Borke. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Dieser Wald ist streng geschützt und einmalig. Die Bäume sind bis zu 600 Jahre alt. Eine märchenhafte Szenerie.

Ausflüge über den See mit dem Schiff bieten schöne Aussichten auf den Park vom Wasser aus und auf die imposanten Berge wie den Cerro Catedral, den Cerro Otto und den Cerro Tronador, mit 3.454 Meter der höchste Berg in diesem Nationalpark. Cerro heißt Berg. Der Cerro Tronador ist ein erloschener Vulkan, bedeckt mit einer dicken Schicht aus Eis und Schnee. In der Umgebung Gletscher und Wasserfälle. Entsprechend gibt es hier über das Land hinaus bekannte große Skigebiete.

Den Cerro Otto erkunde ich mit dem Bus und dann mit der Seilbahn. Der Blick von oben über den See und die umliegenden Berge ist sensationell. Ebenso der vom Cerro Catedral. Oben sitze ich in der Sonne, trinke einen Kaffee. Die Anden sind schneebedeckt, der Himmel stahlblau und in der Sonne ist es warm, natürlich in dicker Kleidung.

Mein Gott – an den ich nicht glaube –, wie schön ist diese Welt.

Es gibt auch noch andere Seen wie aus einem Bilderbuch, zum Beispiel den Lago Gutierrez.

Auf einem meiner Ausflüge lerne ich ein nettes Ehepaar aus Südtirol kennen. Er reist auf den Spuren seines verstorbenen Onkels. Dieser Onkel war Missionar in Argentinien. Die Bewohner haben ihm ein Mausoleum gebaut. Das hat er aufgesucht und mit tiefer Rührung erzählt, wie er die unendliche Dankbarkeit der Menschen erlebt hat und dass sein Onkel, den er selbst gar nicht so gut kannte, dort so beliebt war. Die Indigenen haben ihn verehrt.

Ich habe auf meiner Reise viele Spuren und Zeugnisse von Missionierung früher und auch heute noch gesehen. Ich werde immer skeptisch, wenn ich das Wort Missionierung höre. Mag sein, dass dort auch viel Gutes geschehen ist an der Bevölkerung, dass man die Indigenen geschützt hat vor den spanischen Eroberern, dass man ihnen Arbeit, Bildung und medizinische Versorgung gegeben hat, aber die Berichte über anderes, das Zerstören insbesondere der eigenen Kultur und Religion, ist doch so eine existentielle Vernichtung, dass das absolut inakzeptabel ist. Es bleibt mir unverständlich, wie man meinen kann, dass eine eigene Religion besser ist als die der anderen. Wenn mich etwas in unserer heutigen Zeit beeindrucken kann, dann sind es manche Vorstellungen der Indigenen im Zusammenhang mit dem Glauben an Pachamama (Mutter Erde). Aber dazu komme ich noch später.

Da bin ich vielleicht schon bei diesem Ursprung, den ich suche. Also habe ich schon wieder jemanden getroffen, der hier seinen Ahnen nachspürt. Das werde ich noch öfter erleben. Argentinien ist ein Land der Einwanderer. Ein Großteil der Bevölkerung stammt heute von Einwanderern ab und das hat einen entscheidenden Einfluss auf die Identität des Landes.

Als Argentinien 1816 unabhängig wurde, musste es sich neu definieren, ein neues Selbstbild finden. Das versprach man sich durch die Öffnung für moderne europäische Einflüsse durch die Einwanderung aus Europa 1810 – 1914. Die zwei großen Migrationswellen fanden im 19. und 20. Jahrhundert statt. Europäische Einwanderer erreichten das Land in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In den 1980er- und 1990er-Jahren kamen vor allem asiatische Migranten und Menschen aus den Nachbarländern Bolivien und Paraguay.

Angesichts der vielen ausgewanderten Europäer, Deutschen, Italiener, Franzosen und vielen anderen, frage ich mich, was Heimat ist? Warum wandern Menschen aus? Doch nicht nur die Rentner, die es im Alter im Süden wärmer haben wollen. So auch junge Leute, die sich ein besseres Leben erhoffen, einen Neuanfang. Völkerwanderung, Flucht und Vertreibung. Manchmal muss man auswandern. Aber wenn man nicht muss, wenn man ein gutes Leben hat. Warum tut man es dann?

Heimat ist doch der Ort, an dem man geboren wird, an dem man aufwächst, seine Kultur erfährt, Einstellungen, Weltauffassungen, die einen prägen, eine Vertrautheit, Zugehörigkeit, ein Zuhause eben? Die Orientierung, mit der man in sein Leben startet. Warum verlässt man das?

Cicero sagt: „Ubi bene, ibi patria.“ (Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland, meine Heimat.)

Verlässt man die Heimat nur dann, wenn es einem dort nicht mehr gut geht? Kann man eine neue Heimat finden? Für mich stellt sich die Frage: „Braucht man überhaupt eine Heimat?“

Wenn der Seefahrer sagt: „Meine Heimat ist das Meer“, so beschreibt er eine Lebensweise. Könnte ich sagen: Meine Heimat ist das Reisen? Fühlt sich gut an.

Und was ist Heimweh? Das Sehnen nach eben dieser Heimat. Ich kenne kein Heimweh, habe ich noch nie empfunden, auch nicht auf meiner ersten einjährigen Reise.

Aber Fernweh, das kenne ich sehr wohl, immer, wenn ich zuhause bin, diese Sehnsucht nach fernen Ländern, auch nach Abenteuer. Das ist keine Pubertätserscheinung, schließlich bin ich 65 Jahre alt und damit höchstwahrscheinlich ja aus der Pubertät schon raus. Das Fernweh ist aber immer noch da. Mein Heimweh ist das Fernweh.

Bariloche ist eine wunderschöne kleine Stadt in Patagonien. Wenn alle so sind, dann wird dies eine Traumreise. Es ist unglaublich, wie inspirierend diese Natur ist.

Villa la Angostura

Villa la Angostura liegt etwas weiter nordwestlich auch am Ufer des Nahuel-Huapi-Sees.

Meine Unterkunft kann ich nur mit dem Taxi erreichen. Sie liegt außerhalb des Städtchens. Überhaupt sind die Häuser etwas zerstreut in dieser Zauberlandschaft. Ich wohne in einem Privathaus bei einem jungen Ehepaar, Janina und Christian, mit zwei kleinen Hunden. Sie vermieten Zimmer. Das Haus ist liebevoll eingerichtet wie ein Puppenhaus, groß, gemütlich mit dem Blick auf den See vom Bett aus. Ich bin der einzige Gast und es wird ein Aufenthalt wie in einer Familie. Sie frühstücken mit mir zusammen, alles selbstgemachte Spezialitäten, alles Bio, und ich erfahre eine Menge über das Land, die Gegend und die Sitten. Es ist eine reiche Gegend hier. Kriminalität so gut wie unbekannt.

Janina und Christian nehmen mich am Wochenende mit auf Ausflüge und zeigen mir die Schönheiten dieser Region. Beim Wandern trifft man überall auf Schilder, die vor dem Puma warnen. Es gibt genaue Verhaltensregeln für den Fall einer Begegnung: 1. nicht weglaufen, 2. anhalten und den Puma anschauen, 3. Kinder auf den Arm nehmen, 4. sich so groß wie möglich machen, 5. schreien, 6. bei einem Angriff des Tieres heftig kämpfen, 7. nicht allein gehen, 8. wegbleiben von toten Tieren. Aber meine Gastgeber sagen, man sieht sie kaum, die scheuen Tiere.

Bei einer Wanderung am nächsten Tag, vorbei an einigen dieser Schilder, nach etwa zwei Stunden, entdecke ich plötzlich frische Puma-Spuren auf dem Weg. Ich bin überzeugt, dass es Puma-Spuren sind. Hier ist niemand, kurze Panik, ich kehre um, laufe schneller.

Ich bin ja sonst nicht ängstlich, aber alleine unterwegs, so seinen Gedanken beim Laufen nachhängend, und ständig diese Warnschilder und wenn man dann diese Spuren sieht, da kann es einen schon mal unerwartet packen. Später muss ich drüber lachen, über meine Reaktion, weil Pumas wirklich sehr scheu sind und Janina kann sich nicht erinnern, dass hier jemals irgendjemand von einem Puma angegriffen wurde.

Abends im Bett denke ich, wenn ich hier sterbe, ist das eigentlich in Ordnung. Ein Traum von Natur, den es auf dieser Welt immer weniger gibt, das wäre ein guter Ort.

Ich mache mir oft Gedanken über den Ort, an dem ich gerne sterben möchte. In meiner Phantasie habe ich ihn auch schon gefunden. Mein Traum ist es, in einem Völkerkundemuseum zu sein, wenn es soweit ist. Ich habe das Bild, dass ich in einem Bett liege, inmitten von gedämpft beleuchteten Ritualgegenständen und Figuren, aus Kulturen ursprünglicher Völker. Ich habe im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln einmal so eine Ausstellung gesehen, da haben sie auf Sockeln Ritualfiguren aus verschiedenen Kulturen in einem Raum gezeigt. Diese Atmosphäre hat mir eine solche Geborgenheit und so ein Glücksgefühl beschert, dass ich dieses Bild nicht mehr loswerde. Da möchte ich sterben einmal. Das habe ich auch schon meinen Freunden erzählt, aber wahrscheinlich wäre so etwas in der Realität verboten.

Warum eigentlich? Wenn es der letzte Wille ist?

Aber das ist wohl eine verrückte Idee für manchen. Also das hat etwas mit meiner Suche nach Ursprünglichkeit zu tun, was immer das auch ist. Entweder in einem Völkerkundemuseum, umringt von Ritualfiguren oder in einer solchen Natur. In beidem hätte ich das Gefühl, ich werde als Teil eines Ganzen aufgenommen.

Ich fühle mich wie bei Freunden. Janina sieht man immer mit einem Becher Mate-Tee schon früh morgens. Frühstück braucht sie nicht, nur Mate, sagt sie.

Mate ist sehr speziell. Mate trinken ist ein soziales Ritual. Der Matestrauch wächst in Südamerika. Die kleingeschnittenen Blätter werden in ausgehöhlten Kalebassen mit heißem Wasser immer wieder aufgegossen. Deshalb tragen Mate-Trinker immer eine Thermosflasche mit heißem Wasser bei sich. Das gehört zur Ausrüstung wie die Kalebasse und die Bombilla, ein Metalltrinkrohr mit Sieb vorne, durch das der Mate geschlürft wird. Dann wird wieder Wasser nachgegossen und die Kalebasse wird wie eine Friedenspfeife weitergereicht. Das ist ein wichtiger sozialer Aspekt dieses Rituals. Mir scheint es wie ein Suchtmittel, obwohl sie das weit von sich weisen, aber bei manchen Menschen geht es nicht ohne den Becher, den Trinkhalm und die Thermosflasche.

Wenn wir in Europa Kaffee, Nikotin und Alkohol konsumieren, was sie hier viel weniger tun, dann trinken sie hier Mate. Janina bestätigt, dass Mate sie fit macht und den Hunger hemmt.

Viele Argentinier sind sehr dick und essen viel Fett und Zucker. Die, die abnehmen wollen, regeln das oft mit Mate, sagt Janina.

Ich habe Mate gekostet und finde ihn grässlich bitter. MateTrinker findet man am meisten in Uruguay, Paraguay, Argentinien, aber auch in Brasilien. Schon die Ureinwohner haben das getrunken.

Janina ist Lehrerin und erzählt, dass das Hauptproblem für viele Kinder sexueller Missbrauch ist. Das ist sehr häufig in Zentral- und Südamerika und eben auch in Argentinien. Das Bewusstsein eines Verbrechens ist bei vielen Menschen nicht vorhanden und die fatalen Folgen für die Kinder auch nicht. Die Aufklärung darüber fehlt in der öffentlichen Diskussion, auch bei den Indigenen. Für viele ist das normal. Sie würden es auch nicht Missbrauch nennen.

Ist das eine kulturelle Frage? Kann etwas schlimm sein, wenn es in einer Kultur normal ist? Wenn es für uns eine Horrorvorstellung ist, aber in einer anderen Kultur dazugehört?

Was ist schlimm? Frage ich mich. Für jeden etwas anderes? Eine Frage der unterschiedlichen Traditionen? Die Frage reicht vom sexuellen Missbrauch bis zum Meerschweinchen essen.

Die kleinen Straßen am See sind gesäumt von blühendem gelben Ginster. Diese Farbe vor dem Hintergrund der schneebedeckten Berge und tiefblauen Seen, das ist wie ein Gemälde.

Man kann hier tagelang wandern. Einmal verlaufe ich mich. Vereinzelt gibt es am See teure Wochenendhäuser. Nach vier Stunden finde ich den Weg nicht zurück. Ich habe kein Googlemap und werde mich auch wider alle Ratschläge bis zum Ende der Reise dem verweigern. Ich habe die Traveller gesehen, die in ihr Gerät starren und niemals jemanden nach dem Weg fragen. Ich habe so viel Freundlichkeit, Information und Kontakte erfahren durch das Ansprechen von Menschen, durch das Fragen nach dem Weg, das möchte ich niemals missen.

Abgesehen davon habe ich das Smartphone meist im Hotel, damit es nicht geklaut wird. Das ist sicher nicht klug, denn wenn mir etwas passiert – und ich bin ja meist allein unterwegs, wäre es eine Hilfe, aber ich kann mich nicht daran gewöhnen. Ich will es nicht und immer kann man auch nicht vernünftig sein. Wo es Menschen gibt auf der Welt, da kann man fragen.

Also klopfe ich an einem dieser Wochenendhäuser an und frage nach dem Weg. Da ich natürlich auch die genaue Adresse meiner Unterkunft nicht dabei habe, wird es ein längeres Gespräch mit dem freundlichen Besitzer – nur der Hund ist nicht so freundlich, er scheint gar fremdenfeindlich zu sein, – wird aber gut im Zaum gehalten.

Ich finde dann zurück – obwohl mich unterwegs nochmals Zweifel packen über die Richtung und es dauert noch einmal vier Stunden. Ich bin ein großer Verläufer – Orientierung schwer mangelhaft. Aber bislang bin ich trotzdem noch überall hingekommen. Leichte und schwere Frustrationszustände eingeschlossen. Dann bin ich fix und fertig, aber es war trotzdem ein wunderschöner Tag. Als Souvenir habe ich einen kleinen Sonnenbrand im Gesicht mitgebracht, trotz 50-prozentigem Sonnenschutz. Die Sonne ist hier ganz anders als bei uns.

Mit einer Tour fahre ich nach San Martin de los Andes. Das Städtchen liegt am Lago Lacar und ist bekannt für Fischen, Wandern, Kanu- und Skifahren. Hübsch, aber mir zu touristisch.

Die Straße von Villa la Angostura nach San Martin de los Andes nennt sich die Route der sieben Seen, eine der schönsten Straßen in Patagonien. Sie führt an sieben Seen vorbei. An jedem machen wir eine ausgedehnte Pause.

Man sieht hier viele Fahrradfahrer, Reisende, die sich schnaufend mit dem gesamten Gepäck die Anden hochquälen und immer einen, wie ich finde, leidenden Gesichtsausdruck haben. Aber sie scheinen es zu lieben. Jedes Mal wenn der Bus einen überholt, frage ich mich, warum machen sie das. Und bei den Straßen hier und wie die Busse manchmal fahren, finde ich es total gefährlich, aber das ist nur meine Sichtweise.

Von Villa la Angostura geht es mit dem Bus nach El Bolson weiter.

Ich bin ein pünktlicher und zuverlässiger Mensch. Diese Eigenschaften kann man gleich mal total vergessen in Südamerika. Da sind sie eher peinlich. Sie weisen einen im Übrigen auch immer als Deutschen aus. Und man kommt damit nirgends weiter und rutscht von einer Blamage in die andere. Obgleich die Südamerikaner die Deutschen wegen ihrer Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit und ihrer strengen Regeln bewundern, wie sie mir oft bestätigt haben, und dass sie deshalb auch gerne in Deutschland leben würden. Dass sie sich selbst entsprechend verändern können, glaube ich nicht, weil sie so eben nicht sind. Das ist ein Teil ihrer Kultur.

Der erste Bus, um zehn Uhr soll er gehen. Um halb elf – der Busfahrer steht neben dem Bus – frage ich dann mal nach, wann denn der Bus nun abfährt. Die Antwort ist: zehn Uhr.Darauf zeige ich dem Fahrer meine Armbanduhr und weise ihn darauf hin, dass es halb elf ist. Er äußert sich erstaunt und gibt dann an: „O passe“.

Das war’s. Was immer das nun bedeuten mag. Ich kann es nicht herausfinden. Also: Warten, warten warten ... um kurz vor elf Uhr fährt der Bus ab. Als ich endlich drin sitze, denke ich über das Glück des Wartens nach, wenn man sich denn darauf einlässt und das tut man in dem Moment, indem man aufhört zu hadern, z. B. mit der Ungeduld und sich einmal umschaut, was um einen herum gerade los ist. Und es ist immer etwas los, meist sind auch Menschen da und Menschen sind immer interessant.

Warten als etwas ganz Eigenständiges, Erfüllendes, ein Geschenk, eine Chance, nicht eine Frustration.

Mir fällt dabei ein Gedicht von Gabriele Stolz ein, zum Scheitern, zum Suchen, zum Finden ohne Fundstück, ohne Ende, die Vielfalt, die es zu entdecken gibt im Unterwegssein.Sie hat es mir für meine Reise geschickt.

An einem schönen Augusttag scheitern

ist wie aus einem unbestimmten Ausland

in eine Heimat zurückkehren.

Nicht wandern in einem Raum, hin und her,

auf Gedankenwegen unterwegs.

Gedankengänge –

ohne einen zu verfolgen,

ohne von der Stelle gekommen zu sein;

das eröffne den Ausweg.

So jedenfalls erzählt es die Geschichte vom Finden.

Aber sie hat keinen zureichenden Grund,

sondern führt nur durch ein Gelände

der Übergänge.

Auch Warten ist für mich jetzt eine Form des Unterwegs-seins.

Viele Monate später hatte ich in Ecuador das erste Mal in meinem Leben den Bus verpasst und ging dann einfach eine Stunde später zum Busbahnhof, in der Hoffnung, dass noch einer an diesem Tage fahren würde. Da war meiner gerade gestartet, ich winkte und auf der Straße hat mich der freundliche Busfahrer wie selbstverständlich aufgelesen. Ich war froh. Ich liebe Südamerika.

El Bolson

El Bolson ist eine kleine Stadt in der Provinz Rio Negro südlich von Bariloche. In den 60er-Jahren wurde sie ein Zufluchtsort für junge Leute, Intellektuelle, die der konservativen Enge der Militärdiktatur entfliehen wollten, um hier, von der Hippie­kultur inspiriert einen naturnahen Lebensstil zu ­pflegen. Diese Hippiekolonie gibt es noch heute und sie ist prägend für die Stadt.

Die Menschen verdienen ihr Geld überwiegend mit Kunsthandwerk. Ihre Produkte, wunderschöner Schmuck zum Beispiel, verkaufen sie auf der wöchentlich stattfindenden Feria Artesanal, einem großen Kunsthandwerksmarkt auf der Plaza, aber auch außerhalb von El Bolson. Dieser Markt ist bekannt und zieht viele Touristen an. Auf ihrer Reise durch Patagonien machen die meisten deswegen einen Stopp in El Bolson.

Ich erlebe hier eine Gemeinschaft junger Familien, die ein bisschen immer noch wie Hippies aussehen und Bio-Landwirtschaft betreiben, einen engen freundschaftlichen Zusammenhalt und liebevollen Umgang miteinander pflegen und dabei nach wie vor sehr kritisch geblieben sind. Mich hat das beeindruckt.

Der Geist des guten Miteinanders ist zu spüren, auch wenn das Leben hier hart ist. Viele sind Selbstversorger.

Es gibt ein Kunst-Café, ein eigenes Kulturzentrum in einem großen, bunt angemalten Gebäude, in dem es auch ein hervorragendes Restaurant gibt, Feria francia, und einen großen gartenähnlichen Platz mit Tischen, Bänken, kleinen Marktständen. Ich habe hier jeden Mittag selbstgemachte vegetarische Speisen und große Salatteller genossen oder im Garten gesessen, gelesen, mich gesonnt und die Familien beobachtet. Sie machen Musik, trommeln und verkaufen ihre Ökoware. Häufig gibt es kreative Programme für die Kinder, Musik oder Malstunden. In einem kleinen Laden kann man selbst gemachte Produkte kaufen, verschiedene Leckereien, Grundnahrungsmittel und selbst gebackenes Brot. Abends treffen sich die Leute hier auf ein Bierchen. Man kann immer draußen sitzen.

Nach ein paar Tagen kennt man sich und ich fühle mich gut aufgenommen. Ich habe zwei Familien durch ihren Alltag begleitet, geholfen bei der Kinderversorgung, auf dem Markt und beim Ernten und ich habe eine intakte Gemeinschaft erlebt. Diese Menschen sind arm, aber sie wirken zufrieden. Auch eine Art zu leben in Argentinien. Diese Hippies sind auch politisch aktiv. Ich habe auch hier, wie in Buenos Aires, einige Demonstrationen beobachtet und bin auch mitgelaufen, für Frauengleichberechtigung.

Sexualstraftäter werden in Argentinien übrigens mit Foto und Personalien an die Häuserwände geprangert.

Ansonsten ist die Stimmung immer irgendwie gut. Backpacker sind willkommen.

Im Hostel habe ich in meinem kleinen Zimmer zuerst einmal das Fenster repariert, mit Stöckchen und Pflaster, damit es sich schließen lässt. Diese Dinge macht man hier am besten selber. Man kann nicht davon ausgehen, wenn man sich über irgendetwas beschwert, dass jemand kommt und es dann wieder funktioniert. Es läuft hier anders, die Menschen denken anders, aber meist sehr freundlich, wenn auch weder logisch noch verständlich noch ökonomisch, allerdings immer wieder überraschend kreativ – egal was es ist.

Meine Freundin Rita hat ein – wie ich finde – so typisches Beispiel von ihrer Reise nach Kolumbien erzählt. Sie hat es Lebenshilfe genannt: „Nach drei Monaten Nicaragua bin ich endlich wieder in der Zivilisation angekommen!!! Bogota! Hier habe ich im Übrigen im Gegensatz zu dem nicaraguanischen Genuschel JEDES Wort verstanden ... Ich wohnte bei einem Freund, ein intelligenter, empathischer junger Mann, Carlos, Dipl. Ingenieur. Er warnte mich, auf keinen Fall das Wasser aus dem Hahn zu trinken!! Muy peligroso!! (sehr gefährlich). Ein paar Tage später, als kein Flaschenwasser mehr da war, wir wohnten im 8. Stock, meinte er, das Leitungswasser sei: muy saludable! Muy muy saludable!!!!(sehr gesund) Ich habe daraus gelernt, dass wir Deutschen uns das Leben schon manchmal unnötig schwer machen! Eine echte Lebenshilfe!“

Das kann man in Südamerika lernen: Widersprüche akzeptieren. Und vor allem muss man sie auch aushalten können.Meine sich wiederholende Erkenntnis in Südamerika: „Es ist wie es ist. Basta.“

Es ist heiß, 34 Grad, aber bei diesem Klima einen Blick auf die schneebedeckten Andengipfel zu haben, – eine filmreife Kulisse. Das Bier, Artesanal, das es in den zwei Brauereien gibt, ist köstlich. Artesanal bedeutet Kunsthandwerk und diese Biere hier sind auch Kunsthandwerk. Es ist möglich, kreativ Bier zu brauen. El Bolson ist bekannt dafür. Es gibt nicht die strengen Regeln wie in Deutschland. Frambuesa, Roja und viele andere Sorten sind unbedingt probierenswert. Oder auch Schwarzbier zur „happy hour“, danach kann man besonders gut schlafen.

Mit dem Essen habe ich mich in Südamerika total umstellen müssen. Als Norddeutsche bin ich gewohnt, um 18 Uhr abends zu essen. Das geht hier alles gar nicht. Vor 20 oder gar 22 Uhr macht in Südamerika kein Restaurant auf. Und überhaupt erwachen die Menschen zum vergnüglichen Leben erst spät abends, einschließlich aller Kinder, auch der ganz kleinen. Es wird dann meistens laut. So manches Mal war Oropax eines meiner wichtigen Reiseutensilien, die ich niemals hätte missen mögen. Meine Hauptmahlzeit habe ich daraufhin auf den Mittag verlegt. Kein Problem, da die Südamerikaner auch mittags üppige Menüs verzehren. Diese Menüs für sehr wenig Geld gibt es überall. Viele Südamerikaner essen auch zum Frühstück Reis, Kartoffeln, Fleisch und Gemüse. Überhaupt essen sie unglaubliche Mengen und viele bringen auch das entsprechende Gewicht auf die Waage.

Meine Tage sind gefüllt mit Wanderungen auf die Berge, zu den Seen, in die Nachbardörfer, zu den Märkten. Ich habe Franziskaner-Gottesdienste im Freien beobachtet und stundenlange Ehrungen und Aufmärsche der Polizei am „Tag der Polizei“. An dem Tag, als das argentinische Fußballspiel Boca gegen River Plate in Madrid stattfindet – man hat es ja wegen massiver gewalttätiger Ausschreitungen der Fans in Buenos Aires kurzerhand nach Madrid verlegt –, gibt es niemanden mehr, der nicht vor dem Fernseher sitzt. Als dann River Plate gewinnt, füllen sich die Straßen rasant mit tausend lärmenden, Fahnen schwenkenden Menschen, diversen Autokorsos, merkwürdigen sonstigen Gefährten und Schrottkis­ten und sehr vielen schrägen Typen, einschließlich sämtlicher laut bellender Straßenhunde. Ich weiß gar nicht, wo all die Leute herkommen. Bis zum Morgengrauen feiern sie, tanzen, singen und schwenken ihre Fahnen, ziehen immer wieder durch die Stadt.

Die Hunde laufen rechts und links neben den Autos her und bellen wie verrückt, in dem Versuch, sie, die Feinde, die Eindringlinge aus ihrem Revier zu vertreiben. Sie laufen so nah an den Autos, dass ich mich wundere, dass sie nicht überfahren werden. Es ist immer wieder dasselbe Bild, bei jedem Auto. In der Mitte der Straße ist ein Grünstreifen, dort liegen sie und wenn ein Auto kommt, jagen sie es, manchmal zu fünft oder zu sechst.

Das Verhältnis der Südamerikaner zu Hunden ist ein sehr spezielles. Es gibt hier so unendlich viele herrenlose, frei lebende Hunde. Man trifft sie halb verhungert, krank und verwahrlost neben den großen Fernstraßen, z. B. in Peru, wo sie ihre Nahrung in dem aus den Autos und Bussen geworfenen Müll, sprich Plastiktüten suchen. Man trifft sie in den Städten, wo sie liebevoll von der Bevölkerung gefüttert werden, im Winter ein Hundemäntelchen übergestülpt bekommen und einen Karton als Schlafstatt. So habe ich es in Chile gesehen. Vor einem Supermarkt aufgereiht acht Verpackungskartons, in jedem lag abends ein Hund, in einen zwängten sich gleich zwei. Viele Hunde tragen auch einen Schal gegen die Kälte, so gesehen in San Pedro de Atacama.

Ich habe frei lebende Hunde in Kasernen gesehen. Wenn das Tor sich öffnet, stürmen etwa 20 bis 30 Hunde in die Kaserne. Offensichtlich bekommen sie da Reste. Die Militärs lassen sie gewähren. Und ich habe Hundehorden von 30 Tieren gesehen, z. B. in Bolivien, die nachts laut bellend und auch sich bekämpfend durch die Städte ziehen und jede abgestellte Mülltüte aufbeißen und nach Nahrung durchsuchen.

Hunde fressen hier alles: Pommes frites, Kuchenreste, Brötchen, Obst ... alles.

Aber es gibt auch die Hunde als Haustiere, so wie bei uns, alle Rassen dieser Welt, immer angeleint, sicher teuer, weil reinrassig, die, als was weiß ich von ihren Besitzern gebraucht, verhätschelt, missbraucht werden, Welpen von jungen Frauen ganz offensichtlich als Babyersatz auf dem Arm getragen. In den edlen Vierteln der Großstädte, wie in Buenos Aires gesehen, werden diese Haushunde von sog. Hunde-Gassi-Gehern ausgeführt. Man sieht dann so einen Gassi-Geher mit bis zu 20 Hunden an der Leine durch den dichten Verkehr ziehen. Und dann gibt es noch die Nackthunde in Peru, ohne Fell, eine Rassenspezialität dieses Landes – sehr elegant.

Esquel

Die Busfahrt nach Esquel führt durch eine traumhafte Seen- und Berglandschaft. Diese Ausblicke entschädigen für die zweistündige Verspätung des Busses.

Der Umgang mit Zeit unterstützt mich hier enorm bei meinem Wunsch, zeitlos zu sein. So hatte ich es mir zwar nicht gedacht, aber das ist auch eine Variante. Ich lerne. Hat schon mal einer, der immer pünktlich ist, versucht, das abzulegen? Verdammt schwierig.

Esquel liegt in der Provinz Chubut südlich von El Bolson.Nachmittags sitze ich auf der Plaza vor dem Museo historico und beobachte die Kinder. Ich will ins Museum, aber das hat geschlossen.

Kinder in Südamerika sind etwas Wunderbares. Sie sind so selbstständig und selbstbewusst und fremdenfreundlich, die ganz kleinen schon. Eine Frau hat sich zu mir gesetzt und mich eingeladen, am Sonntagabend zum Familientag in die Kirche zu kommen, nachdem ich ihr erzählt habe, wie es bei uns mit den Kindern ist und dass ich glaube, dass die deutschen Mütter viel ängstlicher sind. Es interessiert sie sehr und sie kann es gar nicht glauben, dass es in Deutschland so wenige Kinder gibt.

In den meisten Ländern Südamerikas, vor allem auch bei den Indigenen, haben die Familien viele Kinder. Sie werden geboren, auf den Rücken der Mutter gebunden und mit in den Alltag genommen, aufs Feld, auf den Markt, wo auch immer. Kinder sind eine Selbstverständlichkeit. Sobald sie laufen können, laufen sie los, nicht immer ist die Mutter hinten dran, aber alle anderen passen auch auf. Wenn ich mir überlege, was es bei uns manchmal für ein Theater ist, wenn ein Kind geboren wird. Immer eine Ausnahmesituation, weil wohl nicht so häufig und dann aber auch immer bedacht mit einer Sorge und Ängstlichkeit, manchmal einem überfürsorglichen Beschützerrausch. Ein Riesenunterschied.

Dann erzählt sie mir noch voller Stolz, dass die Einwohner von Esquel mit ihrem Protest und Engagement eine Goldmine verhindert haben. Goldminen in Südamerika, das bedeutet zwar Arbeitsplätze, aber immer auch massive Umweltvergiftung mit Quecksilber.

Ich gehe gerne zu diesem Familientag und freue mich über die Einladung. Familientag in der Kirche ist eine Art Gottesdienst, in dem überwiegend gespielt und gelacht wird und es laut hergeht. Die gesamte Kirche ist ein Wimmelraum für Kinder. Sie werden sehr geliebt hier und es wird viel für sie getan, immer in der Gemeinschaft oder der Familie. Entsprechend sieht man hier genauso viele Väter wie Mütter. Überhaupt habe ich oft in Argentinien und auch in den anderen Ländern Südamerikas Väter gesehen, die ihre Kinder herumtragen. Auch viele allein, wenn die Mutter wohl gerade etwas anderes zu tun hat und sicher mehr Väter, die sich um die kleinen Kinder kümmern, als man es bei uns im öffentlichen Raum sieht.

Ich werde immer wieder, weil es so üblich ist, von Einheimischen, mit denen ich Kontakt habe, gefragt, wie mein Name ist. Wenn ich sage: Elke, dann können sie es nicht aussprechen und fast immer ist dann die Antwort: ah, Erika. Ein offensichtlich gängiger Name hier. Die ersten Male habe ich das verbessert, aber dann habe ich es aufgegeben. Wenn mich jetzt jemand nach meinem Namen fragt, sage ich „Erika“

In Südamerika heiße ich Erika und fange an, mich daran zu gewöhnen. Manchmal überlege ich, was wohl Erika für eine Frau ist und ob sie sich von Elke unterscheidet. Eine ziemlich spannende Frage.

Am nächsten Tag ist das Museum endlich geöffnet. Ich gehe in jedes Museum um zu lernen. Selbst in einem Militärmuseum erfahre ich eine Menge über das Land. Für mich ist das interessanter als einen Reiseführer zu lesen, da man meistens mit Menschen sprechen kann, mit Angestellten, ihre Meinung über das Museum und dessen Darbietungen einholen, gleichzeitig fragen, was sie hier verdienen und wie ihre Arbeitszeiten sind und noch vieles mehr.

Diese Arbeitszeiten machen sie oft selbst und sie sind abhängig von ihren sonstigen Tagesaufgaben, zumindest in den kleineren Städten. Herauszufinden, wann so ein Museum geöffnet hat, ist nicht wirklich möglich, seitdem gehe ich immer hin und habe entweder Glück oder ich komme wieder.

Auf wunderschönen urigen Wegen, vorbei an blau-türkis schimmernden Seen mit Blick auf die schneebedeckten Berge, wandere ich den ganzen Tag durch den Parque nacional los Alerces und bewundere die letzten Bestände der Patagoni­schen Zypressen, nach denen der Park benannt ist. Die ältesten schätzt man auf 3.000 Jahre. Um ihren Bestand zu schützen, wurde der Park 1937 gegründet. Diese Bäume wachsen sehr langsam.

Meine Beschreibungen dieser Landschaften klingen immer irgendwie etwas kitschig, wie ich finde, aber es ist hier tatsächlich so schön, dass es wohl keine Worte dafür gibt.

Auf der Rückfahrt bemerke ich ein paar dicke Mückenstiche. Man muss sich doch immer schützen, sogar in Patagonien und auch, wenn es nicht heiß ist.

In der Stadt lerne ich ein deutsches Ehepaar kennen. Sie sind mit dem Motorrad in Patagonien unterwegs. Er ist ein Bär von einem Mann, aber in Santiago de Chile wurde er überfallen, mitten in der Stadt am helllichten Tage, erzählt er. Warum? Wie Motorradfahrer es oft haben, hat er eine dicke Goldkette getragen. Da hat man ihm einen Schlag in den Nacken gegeben und dann die Kette abgerissen. Die Verletzungsspuren sind noch am Hals zu sehen. Das war ein Schock für ihn.

Immer, wenn ich solche Berichte höre, denke ich: „Das wundert mich nicht“. Wie kann man mit Schmuck, Goldketten oder auch teuren Taschen oder dicken Fotoapparaten durch Südamerika laufen? Tausende tun es und dann wundern sie sich und dann steht in den Reisehinweisen der deutschen Botschaft: Raubüberfälle. Ich verstehe das nicht.

Mit dem Bus geht es 22 Kilometer nach Trevelin, eine alte walisische Stadt. Sie wurde 1865 durch walisische Siedler gegründet auf der Suche nach neuem Land. In einer historischen Backsteinmühle zeigt das Museum diese Geschichte auf. Heute erinnern englische Straßennamen, Teestuben, die Kleidung der hier noch lebenden Waliser sowie gälische und spanische Schilder an diese Zeit. Die Menschen haben sich damals mit den Ureinwohnern, den Mapuche, vermischt.

Die Stadt ist ruhig, entspannt und sauber. Das ist nicht selbstverständlich in südamerikanischen Städten, deswegen betone ich das.

Bei einem Spaziergang am Rio Percey kann ich wunderbar Vögel beobachten. Der Name Trevelin heißt übrigens im Walisischen „mill town“, Mühlenstadt.

In den Nachrichten habe ich gehört, dass weiter südlich in Patagonien das Hantavirus wütet. Es wird durch Mäuse übertragen und ist auch für den Menschen gefährlich. Sie haben jetzt Camper in den Nationalparks gewarnt, die zelten und auf dem Boden schlafen. In Patagonien gibt es viele Camper.

Um Mitternacht wird im Fernsehen die Nationalhymne gespielt und auf der Straße der Müll abgeholt.

Morgen geht es weiter Richtung Süden.

Puerto Madryn

Von Esquel geht es einmal quer über den Kontinent von den Anden durch die patagonische Steppe an den Atlantik nach Puerto Madryn. Auf der Karte sieht das wie eine kurze Strecke aus, aber es sind über 500 Kilometer und der Bus braucht zehn Stunden. Puerto Madryn ist ein wichtiger Exporthafen und eine Anlegestelle für Kreuzfahrtschiffe. Sie machen fast alle Halt hier. Aber die Attraktion ist die Halbinsel Valdes, UNESCO-Welterbe mit großen Seelöwen-, See-Elefanten und Pinguinkolonien. Ich liebe Tiere über alles und neben der Landschaft und den fremden Kulturen sind es die Tiere und die Pflanzen, die mich nach Südamerika ziehen. Und ich bin sehr gespannt auf das Meer.

Das Hostel ist etwas heruntergekommen und überteuert. Die Besitzerin geizt mit allem: Handtuch, Seife, Klopapier, Milch. Und außerdem scheint es sehr hellhörig zu sein.

Heute ist Heiligabend. Es ist hochsommerlich heiß. Mir graut davor, allein in diesem Hostel – furchtbar. Ich schaue mich um. Es gibt eine Gemeinschaftsküche. Da findet man meistens die anderen. Außer mir gibt es drei weitere Gäste: zwei relativ durchgeknallte, nicht mehr ganz junge Argentinierinnen, die sich über ihr Zimmer hinaus mit ihrer Wäsche und ihrer Schminke im ganzen Hostel ausgebreitet haben, und ein Harley Davidson-Fahrer aus Brasilien. Wahrscheinlich gibt es keine Stelle an seinem Körper, die nicht tätowiert ist.

Also frage ich die Argentinierinnen, was sie denn heute an Heiligabend machen. Sie sprechen kein Wort Englisch, sind aber total nett und ein bisschen albern.

Sie wissen es nicht, aber wohl angeregt durch meine Frage schlagen sie vor, dass wir zu dritt essen gehen. Ich bin begeistert und neugierig. Bloß raus hier heute Abend. Sie wollen einen Tisch reservieren. Ich bin einverstanden.

Es war wohl doch nicht so leicht mit dem Tischreservieren so kurzfristig, aber es hat geklappt und ich bin sehr gespannt. Es ist mir klar, dass ich den ganzen Abend spanisch sprechen muss.

Um neun Uhr gehen wir los, früh für Argentinien.

Als die beiden fertig sind, trifft mich fast der Schlag. Sie sind zurechtgemacht, geschminkt, in Kleidern und Schmuck und aufgemotzten Frisuren, wie wenn sie zum Fasching gehen wollten. Ich habe keinerlei Festkleidung dabei und auch nur zwei Hosen. Ich ziehe die graue Sommerhose und die langärmelige Amazonasbluse, die eigentlich gegen die Moskitos ist, an. Schminke habe ich natürlich auch nicht und Schmuck schon gar nicht.

Ich sehe neben den beiden sehr blass aus. Es ist mir etwas peinlich. Nicht, weil ich so aussehe, aber ich möchte mich schon an die Regeln des Gastlandes anpassen, nur habe ich einfach keine Klamotten für ein Weihnachtsessen.

Ich äußere meine Bedenken, aber sie nehmen mich in die Mitte und auf geht es. Es ist ein ganzes Stück zu laufen. Und dann wird es einer meiner schönsten Weihnachtsabende.

Mein Spanisch fließt von allein, perfekt, je mehr Rotwein, desto besser. Das Restaurant ist festlich, Weihnachtsdekoration überall und viele Gäste. Nach kurzer Zeit schon ist es wie in einer großen Familie. Es gibt ein köstliches Menü, argentinisches Asado, Lamm gegrillt, und der Wirt geht ständig herum und legt nach. Es schmeckt so gut. Jemand singt, jemand macht Musik und ich habe selten so viel gelacht. Ich bin glücklich und vermisse nichts.

Um zwei Uhr nachts gehen wir ins Hostel zurück und ich bin todmüde. Die beiden machen sich frisch und gehen ­tanzen in irgendeine Disco bis zum frühen Morgen. So sind Argentinierinnen und sie sind auch schon beide Mitte fünfzig. Unglaublich.

Wir haben in den nächsten Tagen in diesem schäbigen Hostel so viel Spaß und kochen fast jeden Abend zusammen. Das heißt: Sie kochen und ich helfe schnippeln. Beide sind hervorragende Köchinnen und es gibt jeden Tag ein köstliches argentinisches Gericht. Wir sind dann die einzigen Gäste und haben alles für uns. So lerne ich die argentinische Küche kennen.

Alexandra und Patricia sind beide geschieden, haben beide viele Kinder, wie es in Argentinien üblich ist, und beide sind berufstätig. Alexandra arbeitet als Psychologin und Patricia als Journalistin. Sie sind dicke Freundinnen und sehr stolz, dass sie den Absprung aus den engen restriktiven, patriarchalisch dominierten Strukturen geschafft haben und genießen ihr Leben. Mit Alexandra, die in Nordargentinien, in Cordoba, lebt und die ich später dort noch einmal besuchen werde, habe ich heute noch Kontakt.

Man darf nicht vergessen, dass es überhaupt nicht üblich ist, dass Frauen hier alleine reisen. Allein schon deswegen wird man komisch angeschaut und ständig gefragt, warum man das macht und was mit der Familie ist. „Esta sola?“ (Sind Sie allein?) ist die Standardfrage. Als Fremde geht es wahrscheinlich noch eher denn als Einheimische. Deswegen reisen die beiden immer zusammen.

Meine Freundin Maria, die eine Wohnung in Spanien hat und dort jedes Jahr verweilt, sagte mir: „Hier, in Spanien, ist das Wort „sola“ meist damit verbunden, dass die alleinige Person als bedauernswert gilt und ganz besonders bedauernswert, wenn es eine Frau ist.“

Sogar in Spanien. Kann ich kaum glauben.

Wir unternehmen in den Folgetagen vieles zusammen und machen eine Schiffstour. Allerdings eine sehr argentinische für argentinische Touristen. Das Schiff ist drei Stunden im Hafen und vor der Küste unterwegs, begleitet von lauter Musik, und die Bar spielt eine wichtige Rolle. Ich lasse mich drauf ein. Die beiden geben mir zwei Bier aus und es wird geschunkelt, gesungen und viel gelacht. Der Spaß am Dasein. Für mich ungewohnt, aber es ist ein wunderschöner Nachmittag.

Die Stadt hat eine lange Uferpromenade. An den Bootsstegen liegen dicke Seelöwen und ab und zu legt ein Kreuzfahrtschiff an.

Ich habe das Gefühl, dass die Menschen, die eine Kreuzfahrt machen, wenn sie Ausgang haben, alle irgendwie gleich aussehen und insbesondere ihren gesamten Schmuck und ihre Kameras zur Schau stellen.

Versteht man das? Das will ich nicht verstehen.

Am zweiten Weihnachtstag habe ich mir in einem hoch gelobten Fischrestaurant einen Tisch bestellt. Der Fisch ist hervorragend, aber als Frau abends, dann noch zu so einem Familienfest wie Weihnachten allein in ein Restaurant zu gehen, ist hier wohl eigentlich gar nicht möglich. Sehr wohl bemerke ich ratlose, aber auch neugierige Blicke, nicht nur von dem ungläubig drein schauenden Kellner, der dann nochmals fragt: „Esta sola?“, obwohl ich doch einen Tisch für eine Person reserviert habe.

Naja, ich lächele progressiv zurück, aber mein Wohlbefinden ist doch etwas beeinträchtigt, so dass ich dann nach dem Essen auch gleich zurück ins Hostel gehe.

Die Hostel-Mutter hat den Kühlschrank sauber gemacht – allerdings habe ich sie auch darum gebeten.

Bevor ich eine große Tour zur Halbinsel Valdes buche, fahre ich mit dem Bus erst einmal zwölf Kilometer südlich zur Seelöwenkolonie Punta Loma. Die Männchen der süd­amerikanischen Seelöwen, auch Mähnenrobben genannt, sind gewaltige Tiere. Sie können zweieinhalb Meter lang werden und bis zu fünfhundert Kilo wiegen. Man sollte ihnen nicht zu nahe kommen. Sie sind schneller als man denkt bei dem Umfang. Die Weibchen sind kleiner. Diese Kolonie lebt hier dauerhaft. Es sind bis zu sechshundert Tiere und sie werden geschützt.

Danach besuche ich ein kleines felsiges Kap, Punta Cuevas. Man sieht alte Fundamente im Felsen von den Häusern der ersten Kolonisten aus dem 19. Jahrhundert, die hier ihre Häuser in den Fels gegraben haben. Dort steht auch ein großes Denkmal für die Tehuelche-Indianer, neben den Mapuche eines der indigenen Völker Patagoniens. Sie waren Jäger und Sammler.

In Puerto Madryn gibt es wie in so vielen Orten in Argentinien ein Monument für die im Falklandkrieg gefallenen Soldaten. Die Argentinier haben den Verlust der Falklandinseln nie akzeptiert. Überall an großen Denkmälern findet man die Schrift: „Die Falklandinseln gehören zu Argentinien“.

Der lange Tagesausflug auf die Valdes Halbinsel ist spektakulär. Die Insel ist ein großes Naturreservat. Um beweglich zu sein und auch eine Führung zu den verstreut liegenden Orten zu haben, schließe ich mich einer Tour an. Wir sind nur sechs in einem Van.

Es gibt einen kleinen Ort auf der Halbinsel: Puerto Piramides, ansonsten ist sie nur von Tieren bewohnt. Es ist heiß. Ich habe so viele Tiere wie hier noch nie gesehen: Maras, Guanacos, Peludos (Gürteltier), Nandus, Lagartija de Darwin (Eidechse), Loicas (Vogel mit rotem Bauch), Choiques (Strauss), Seelöwen, See-Elefanten, Magellan-Pinguine, und im Wasser Delfine und Wale leben hier: Der Ballena franca austral mit bis zu zwölf Meter Länge ist im Frühjahr in den Buchten zu sehen und die Orcas (Schwertwale). Die sind Räuber und können sich die Robben vom Strand holen. Sie lassen sich mit einer Welle etwas anspülen, schnappen zu und lassen sich mit dem Wasser wieder ins Meer zurückziehen. Stundenlang kann ich durch das riesige Brutgebiet der Magellan-Pinguine schlendern. Bis zu 600.000 Pinguine haben hier ihre Höhlen, brüten und ziehen ihre Jungen auf. Es gibt angelegte Wege, die man nicht verlassen darf. Wenn ein Pinguin über den Weg läuft, muss man warten. Er hat immer „Vorfahrt“. Die Höhlen mit den Jungen drin sind auch unmittelbar am Weg und man kann sehen, wie sie gefüttert werden. Manchmal, wenn sie schon ein bisschen größer sind, warten sie sehnsüchtig vor der Höhle auf die Rückkehr der Eltern mit Fischfutter. Es ist unglaublich anrührend. Sie sind überall auf dem großen Gelände.

Auf dem Rückweg machen wir noch einmal Halt an einer Bucht. Von oben hat man den Blick auf eine große Seelöwenkolonie. Dann höre ich, wie jemand meinen Namen ruft. Ich drehe mich um und hinter mir – das glaube ich jetzt nicht, steht mein Nachbar aus meinem Heimatort.

Es gibt so merkwürdige Zufälle. Da reist man ans Ende der Welt und wen trifft man? Seinen Nachbarn von zuhause.

Das katapultiert mich erst mal irgendwie raus aus der Ferne. Ach ja, ein „Zuhause“ gibt es ja auch noch. Habe ich gar nicht mehr dran gedacht und auch nicht vermisst.

Am letzten Tag gehe ich noch ins Museum. Im Café spricht mich eine Dame aus Deutschland an.

Sie kommt von einem Kreuzfahrtschiff und hat Ausgang ins Museum. Ihre zweiwöchige Patagonien-Kreuzfahrt führt von Buenos Aires nach Santiago de Chile. Sie ist enttäuscht. 4.000 Menschen sind auf dem Schiff. Die Reise ist teuer gewesen und dazu kommen noch viele Nebenkosten. Alles müsse extra bezahlt werden. Und Anschluss findet sie auch nicht, das hatte sie sich erhofft. Es seien meist nur Paare auf dem Schiff, die für sich sein wollen.

Ich denke mir, dass es auch gar nicht umweltverträglich ist, diese ganzen Kreuzfahrten, aber beim Urlaub vergessen die Menschen die Umwelt, dabei machen sie ja doch Urlaub, jedenfalls in vielen Fällen, um die reine Natur zu erleben.

Sie hat nur eine Stunde für das Museum. Sie tut mir irgendwie leid. Ich ermuntere sie, allein zu reisen und berichte von meinen guten Erfahrungen. Allein unterwegs hat man wahrscheinlich mehr Kontakte als auf einem Kreuzfahrtschiff.

Ich genieße meine Freiheit.

Comodoro Rivadavia,

Perito Moreno

Nach Comodoro Rivadavia sind es mit dem Bus 440 Kilometer immer am Atlantik entlang. Nach einer Stunde Verspätung geht es endlich los, immer geradeaus – es ist faszinierend. Diese Reizarmut, immer dieselbe patagonische Steppe, es geht nur ums Fahren. Es ist der letzte Tag des Jahres, der 31. Dezember.

Das Hotelzimmer ist groß, ein toller Blick aufs Meer und es stürmt, riesige Wellen. Hier gibt es keine Touristen. Comodoro Rivadavia ist eine große wichtige Hafen- und Industriestadt. Ein Zentrum der Erdölförderung und -verarbeitung. Hier habe ich einen Stopp auf dem Weg in den Süden eingeplant, eine Übernachtung, weil die Strecken so weit sind und mehr als zehn Stunden mag ich nicht im Bus sitzen. Eigentlich will ich nicht länger als fünf Stunden im Bus sitzen, schließlich habe ich es nicht eilig. Aber immer klappt das nicht. Manche Reisende nehmen gerne die Nachtbusse bei diesen weiten Strecken, aber dann sieht man gar nichts und diese Busfahrten zeigen so viel vom Land. Aus dem Fenster zu schauen ist für mich wie einen Film über ein fremdes Land zu sehen. Und oft bin ich doch erstaunt, was ich alles in so genannten unattraktiven und hässlichen Städten erlebe und entdecke. Das möchte ich nicht missen.

Hier gibt es einen langen Strand, viele Bauruinen, langweilige Betonklötze, eine Menge Müll auf den Straßen, aber viele politisch interessante Graffitis. Meist geht es um Indigene und ihre Situation. Auch, so sagte man mir, sind die Künstler meist Indigene und äußern so ihre Meinung. Die Bilder an den Mauerwänden erzählen viel von ihrer Kultur und ihrer Diskriminierung. Sie sind auch eine Art Protest. Hier an den Häusern kann ihn jeder sehen. Diese Graffitis muss ich fast alle fotografieren.

Ich bin stundenlang am Wasser entlang gelaufen und habe seltene Vögel beobachtet. Die meisten gibt es dort, wo das Abwasser direkt ins Meer fließt.

Mein erstes Silvester allein in einem Hotelzimmer in einer völlig fremden Stadt. Ich hole mir ein Bier, da es keinen Sekt gibt und auch keine Touristen oder sonstigen Leute, die man ansprechen könnte, keine Feiern oder Veranstaltungen, wo ich gefahrlos hingehen könnte.

Das erste Mal in meinem Leben habe ich keine guten Vorsätze fürs neue Jahr. Ich bin gerade dabei, einen Traum zu verwirklichen. Ich bin zufrieden, ich bin unterwegs. Die Welt ist spannend – kein Paradies, aber spannend. Ich schaue etwas Fernsehen und kann um Mitternacht von meinem Bett aus am Himmel ein buntes Feuerwerk erleben. Mein Gott – es geht mir so gut.

An Neujahr gibt es ein reichhaltiges gesundes Frühstück. Eier, Brot, Obstsalat, Müsli, Joghurt, Käse, Kuchen. Ich bin in einem richtigen Hotel.

Am nächsten Morgen leider schon um 5 Uhr Weiterfahrt Richtung Süden in das Städtchen Perito Moreno und dann wieder Richtung Anden, weg vom Meer.

In Perito Moreno bin ich in einer Art Gasthof gelandet. Der Ersteindruck ist nicht überzeugend. Dieses Hotel ist nicht dreckig, aber für mich trotzdem irgendwie eklig. Vielleicht liegt es an der abgewohnten Einrichtung, an der hässlichen Gaststube, am komischen Geruch. Es gibt keine Touristen, die Gäste sind nur einheimische Männer, der Wirt – auf den ersten Blick ein widerlicher Machotyp. Das sollte sich im Laufe der Tage bestätigen. Bin gespannt, wie ich damit umgehen werde.

Ich hätte natürlich sofort fliehen können, aber ich will dies alles kennenlernen.

Immerhin gibt es Spaghetti. Darauf habe ich Appetit, mal was Gewohntes essen, von dem man auch annehmen kann, dass es keinen Durchfall macht, dass man damit sowieso gar nichts falsch machen kann – aber – man kann! Die Spaghetti sind fett und schwimmen in halblauem Wasser; dazu gibt es Ketchup. Nach drei Löffeln ist bei mir Ekelschluss. Ich bin eigentlich überhaupt nicht empfindlich, was Essen betrifft, aber hier kam wohl alles zusammen und das hätte ich nicht einmal einem halb verhungerten Hund angeboten.

Wie kann ich erklären, was ein argentinischer Macho ist? Ich erzähle mal ein Beispiel: In den Städten gibt es nur schmale Bürgersteige bei viel Autoverkehr. Wenn jemand entgegen kommt, muss eine Person zwangsläufig auf die immer dicht befahrene Straße treten. Das ist durchaus gefährlich, weil für die meisten Autofahrer Fußgänger keine Rechte haben.

Beobachtet man solche Situationen – und das tue ich ganz gerne –, Alltagssituationen, aus denen man lernt, wie so ein Land und eine Kultur funktioniert, dann ist es immer so, dass die Frau auf die Straße tritt, egal wie viele kleine Kinder sie an der Hand oder auf dem Rücken hat. In so einer Situation hat sich einmal Folgendes abgespielt: Der Bürgersteig extrem eng, ein Auto nach dem anderen auf der Straße, Rush Hour, und mir entgegen kommt ein Mann und hintendran offensichtlich seine Familie, Frau und drei Kinder. Als ich den Mann sehe, reizt es mich, weil er mir auch nicht sympathisch ist und ich wahrscheinlich auch nicht meinen besten Tag habe und er sieht eben aus wie ein Macho. Sorry: Vorurteile – habe ich auch. Mein Vielleicht-Vorurteil spitzt sich beim Näherkommen zu, als er offensichtlich noch seinen Brustkorb nach vorne schiebt – und dann ist es soweit: Keinen Schritt weiche ich zur Seite. Ich stehe und bleibe stehen, da ich nicht weiterkomme. Und er steht und steht mir gegenüber und er starrt mich ungläubig an, denn so etwas hat er mit Sicherheit noch nie erlebt. Und ich stehe da und bleibe stehen. Das hält sich so eine gefühlt schrecklich lange Anzahl von Sekunden. Mir kommt es wie viele Minuten vor. Aber ich bin nicht gewillt, auf die Straße zu treten.

Dann macht es klick, ein bitterböser, hoch verächtlicher Blick und mit einem „Bitteschön“ auf Spanisch tritt er auf die Seite, auf die Straße und lässt mich passieren.

Und als die Frau an mir vorbeigeht, da entschuldigt sie sich auch noch bei mir für ihren Mann.

Nun, ich muss gestehen, es gibt so sehr wenige Situationen im Leben, in denen man das Gefühl hat, gerade einen grandiosen Sieg errungen zu haben. Dies war so eine Situation.

Aber ich würde das niemals einer Frau weiterempfehlen. Das ist nicht ungefährlich. Wenn Menschen – diese Männer – das Gefühl haben, das Gesicht zu verlieren, können sie auch gewalttätig werden. Eine junge attraktive Frau hätte das nicht machen dürfen. Eine ältere, die von diesen Männern dann eher wie eine Mutter gesehen wird, begibt sich dabei nicht so in Gefahr. Machos hören immer auf ihre Mutter und folgen ihr.

Von Perito Moreno aus habe ich traumhafte Touren unternommen nach Chacarmata zu alten Höhlenzeichnungen durch faszinierende Schluchtenlandschaften. Diese Malereien sind alle frei zugänglich, weder abgesperrt noch geschützt. Auf den Grundstücken der Farmer gibt es noch viel mehr, aber die Farmer halten diese Orte geheim, sie wollen keine Touristen. Sie wertschätzen diese uralten Malereien auch nicht und schonen sie nicht. In den Höhlen liegen die Schafe. Das ist sehr schade.

Der Himmel ist immer blau, nachmittags wird es sehr heiß, über 30 Grad. Ich habe überhaupt keine Kleidung für diese Hitze. Ich habe gedacht, in Patagonien ist es kalt. So muss ich mein Nachthemd zum Sommerkleid umfunktionieren. Das fällt hier niemandem auf.

Ich besuche und besichtige eine große Farm und habe den Leuten Löcher in den Bauch gefragt. Mich interessiert einfach alles und die Menschen sind furchtbar nett. Mit dem Bus fahre ich nach Los Antiguos am Lago Buenos Aires, einem riesigen See mit Blick auf die schneebedeckten Anden. Auf dem Rückweg hält der Busfahrer an Aussichtspunkten, damit ich Fotos machen kann. Ich habe ihn gar nicht darum gebeten und es ist immerhin ein öffentlicher Bus, der gut besetzt ist. Unglaublich, so etwas wäre bei uns wohl undenkbar.

Was es so bei uns auch nicht gibt, ist, dass die Menschen Fremde hier oft anlächeln. Hat bei uns schon mal jemand Touristen angelächelt? Ich weiß nicht. Wie ist es überhaupt bei uns mit der Gastfreundschaft außerhalb von Touristenbetrieben? Was ist überhaupt Gastfreundschaft? Manche haben sie und manche nicht. Warum ist das so?

Am Abend stelle ich drei Bisse fest, hoffentlich nicht von Wanzen. Ich habe es doch gleich gewusst, dieses Hotel ist eklig. Vielleicht auch ein Floh, vielleicht auch von einem Hund, wer weiß.

Jedenfalls gibt das mal wieder eine abendliche Waschzeremonie. Das ist das Einzige, was hilft, wenn man das Gefühl hat, es könnte ein Floh sein. Alles, aber auch alles auswaschen.

Am nächsten Tag geht es ins Valle Deseado. Das Tal ist benannt nach dem Rio Deseado, der in den Anden entspringt und bei Perito Moreno in den Lago Buenos Aires fließt.

Ein junger Mann aus der Stadt hat mir davon erzählt, als ich ihn frage, wo man hier wandern könne.

Er erzählt, es sei eigentlich ein Tal der Tiere, was mich umso neugieriger macht. Es sei eine lange Wanderung, zunächst zu einer Lagune und dann durch die Berge über die Hügel.

Vor der Lagune käme man durch den Tierfriedhof. Dort gehen die Tiere zum Sterben hin.

Das klingt etwas unheimlich, aber das Wetter ist wundervoll und ich will mich unbedingt bewegen.

Diese Natur zieht mich raus aus den Städten, aus den Häusern, aus den Kneipen, um sie zu begehen. Er fährt mich ein Stück aus der Stadt heraus und zeigt mir den Einstieg.

Es ist ein weiter Weg, ich bin sechs Stunden unterwegs. Es ist wundervoll und ich treffe keinen Menschen. Nach einer Viertelstunde gibt es keine Stadt mehr, nur noch Weg, Hügel, Gras, Berge, Sonne und Ruhe. Ich fühle mich frei und atme tief durch. Ich gehe immer langsam und schaue nach allem, Pflanzen und Tiere.

Wegen dieses langsamen Tempos finde ich selten Mitwanderer, weil sie immer alle viel schneller sind und wenn ich Begleitung möchte, muss ich eben schneller laufen, was mir wenig Spaß macht, weil ich das Ganze überhaupt nicht als irgendeine Art von Sport betrachte und immer eher schauen als laufen möchte.

Wenn ich eile, sehe ich nämlich nichts mehr, dann höre ich auch nichts und rieche nichts.

Auf der linken Seite des Weges liegt ein großes Gerippe, wahrscheinlich von einer Kuh, der Boden ist feucht, aber warm, hohes Gras und ein paar Büsche. Je mehr ich mich der Lagune nähere, desto sumpfiger wird es. Es ist absolut ruhig hier. Ich höre nur das Gezwitscher der Vögel. Dann bin ich fast über einen toten Vogel gestolpert. Wenig später höre ich ein leises Rascheln hinter einem Gebüsch, ich gehe näher, schrecke aber sogleich zurück, dort liegt ein Hund, er sieht müde zu mir auf. Offensichtlich habe ich ihn gestört. Ich ziehe mich zurück, ihn aber weiter beobachtend. Er ist in einem erbärmlichen Zustand, zu schwach zum Aufstehen und völlig abgemagert, er liegt im Sterben. Irgendwie bekomme ich Angst und gehe zum Weg zurück. Mein intensives Bedürfnis zu helfen, zu retten, muss ich zurückdrängen. Es wäre hier völlig unangemessen, denn offensichtlich hat der Hund sich hier einen Ort gewählt, außerhalb der Stadt, weg von den Menschen, einen paradiesischen Ort, zum Sterben.

Also wie der Mann gesagt hat? Das Tal des Todes. Langsam gehe ich weiter und sehe noch ein paar Knochen und Skelette. Zufall ist das nicht. Ich weiß zwar inzwischen, dass man in Südamerika tote Tiere oder Skelette nicht wegräumt, nicht von der Straße und nicht von den Feldern. Der Tod ist viel normaler als bei uns und wird nicht so versteckt. Aber es ist mir doch etwas unheimlich. Ich werde dann sehr traurig. So viel Tod hier um mich herum und dann in dieser Traumlandschaft.

Schwer auszuhalten, so dass ich mich gar für einen Moment frage, ob ein Umweltgift diese vielen Tiere hat sterben lassen. Das wäre für Südamerika nicht so ungewöhnlich.

Aber Tiere ziehen sich zurück, wenn die Zeit des Sterbens gekommen ist, und wohl offensichtlich an diesen Ort hier. Warum – bleibt ihr Geheimnis, man kann nur spekulieren, jedenfalls werden sie hier sicher nicht gestört – normalerweise. Die Verbindung von Tod und so unglaublich schöner Natur hat mich auf dieser Reise noch viele Male beschäftigt.

Je näher man einem Traum kommt, desto näher ist man auch dem Tod.

Und so laufe ich weiter, fast meditativ in diese Gedanken versunken, bis ein Tier mitten auf dem Weg mich stoppen lässt.

Ein Hund, denke ich, wie schön, da habe ich eine Begleitung jetzt, denn je länger ich gehe, mit diesen Gedanken beschäftigt, desto stärker wird der Schatten meiner Einsamkeit.

Ich bin ja nun hier in der Ferne ganz allein und auf dieser Wanderung ebenfalls und in dem Moment merke ich, dass ich mal wieder auch mein Handy nicht dabei habe. Ich habe keine Beziehung zu diesem Gerät.

Ich gehe näher, der Hund bleibt sitzen, bis ich erkenne, dass es ein Fuchs ist.

Der beobachtet mich scharf, legt den Kopf zur Seite und denkt nicht daran, die Flucht zu ergreifen. Ich muss grinsen, ich mag ihn und fühle mich wie ein blöder Tourist und Eindringling in seinem Revier.

In Zeitlupe krame ich meinen Fotoapparat aus der Tasche, frage ihn, ob ich ein Foto machen darf. Er lässt es zu und es entstehen mehrere ausgezeichnete Porträts.

Sehr langsam und sehr stolz zieht er von dannen. Ich empfinde eine warme Freundschaft und gehe weiter.

Dann erreiche ich die Lagune und beobachte wilde Pferde, die dort grasen, und viele verschiedene Vögel. Sie sind alle nicht scheu und ich kann gute Fotos machen.

Nach vielen Stunden muss ich umkehren. Der Weg aber geht immer weiter. Wo er wohl endet?

Auf dem Rückweg habe ich etwas Angst, an dem Ort des Sterbens wieder vorbeizukommen. Vielleicht ist der Hund schon tot. Ein paar Kaninchen kreuzen meinen Weg und an der Lagune sind jetzt Flamingos.

Tiere gehen mit dem Tod ziemlich normal um. Sie ziehen sich zurück – auch ins Alleinsein –, weil man ja eben auch alleine geht. Vielleicht gar nicht so schlecht. Bei uns ist es gewünscht, wenn jemand da ist und die Hand hält. Das ist wegen unserer Angst. Aber werden wir nicht letztlich allein geboren und sterben allein?

Die Tiere legen sich hin, schließen die Augen und warten dann aufs Sterben. So war es bei meiner Katze. Ob es den Tieren gut tut, dann noch gestreichelt zu werden oder gar in den Arm genommen zu werden, wie es meine Schwester mit ihrem Hund gemacht hat?

Ich weiß das nicht. Vielleicht würde ich auch lieber allein sein in diesem Moment.

Meistens fragt man ja aber nicht die Sterbenden, sondern die Lebenden meinen zu wissen, was für sie gut und richtig ist.

Als ich aus diesem schrecklichen Hotel auschecke, will dieser Machomensch mir noch die Provision von booking.com draufschlagen. Ich muss erst sehr deutlich werden und ihm sagen, dass ich jetzt booking.com anrufe, bis er endlich Ruhe gibt. Und dass er die Provision zahlen muss und nicht ich.

El Chalten

Nach El Chalten muss ich dann doch einen Nachtbus nehmen. Um 23.35 Uhr soll er abfahren. Das tut er natürlich nicht und dann sitze ich nachts auf diesem kleinen Busbahnhof. Der Bus hat zwei Stunden Verspätung.

Es ist bitterkalt. Zwei junge Argentinier sind auch hier gestrandet. Angst habe ich keine, im Gegenteil, wir drei unterhalten uns bestens. Die Toilettenfrau, die die ganze Nacht vor dem Klo sitzt – ich weiß gar nicht auf welche Gäste sie wartet oder warum sie hier ist –, macht uns einen Tee. Vielleicht hat sie einen gewalttätigen Mann daheim oder vielleicht hat sie auch gar kein Zuhause.

Es kommt nur noch dieser eine Bus in der Nacht.

Der eine Argentinier ist auch ein Tourist, ein Reisender im eigenen Land. Er will sein Land kennenlernen. Sein Rucksack ist klein und Geld hat er kaum, also fährt er immer nachts, um Hotelkosten zu sparen. Aber er ist sehr neugierig. Er kennt und weiß von seinem Land weniger als ich und sein Traum ist es, einmal durch Europa zu reisen, so wie die europäischen Backpacker durch Argentinien touren. Dieser Traum wird wohl nie in Erfüllung gehen, weil er einfach kein Geld hat.

Wieder kommt mir in den Kopf, wie ungeheuer privilegiert wir doch sind. Das sieht man aus der Ferne meistens besser als von zuhause aus.

Natürlich haben Jugendliche in anderen Ländern genau die gleichen Träume und Wünsche nach Reisen und wollen die Welt kennenlernen. Aber so viele können sich das nicht leisten.Ob da wohl so ein reicher Backpacker aus Europa auch drüber nachdenkt, wenn er durch Patagonien zieht? Flashpacker nennt man sie heute, die jungen Individualtouristen mit viel Geld und hohen Ansprüchen auf komfortable Abenteuer. Die luxuriöse Form des Backpackers und der Verzicht auf Einfachheit. Oft prahlen sie damit, welche Gipfel sie schon in Südamerika bestiegen haben. Aber was wissen sie über das Land? Oft nicht viel und oft interessiert es sie auch nicht. Zumindest nicht das, was nicht toll und fantastisch ist.

Reisen ist Bildung! Die Befreiung von Vorurteilen gelingt nur, wenn man selbst hingeht in andere Länder und wenn man dann auch hinsieht.

In dieser Nacht habe ich viel über die Träume und Wünsche der argentinischen Jugendlichen erfahren.

Der andere Wartende hat in El Chalten Arbeit gefunden und fährt auch nachts, weil ein Hotel für ihn einfach zu teuer ist.

Endlich kommt der Bus, ich bin todmüde und schlafe gleich ein, aber nur zwei Stunden, dann ist Stopp in der Pampa um vier Uhr nachts. Eine grauenhafte Kälte zieht sich durch alle Glieder. Alle müssen raus aus dem Bus. Sie fangen an, das gesamte Gepäck auszuladen. Ich bin benommen und sauer: Drogenkontrolle. Der Argentinier sagt mir: Die Zollbeamten, sie mögen keine Backpacker, deswegen machen sie das. Finden werden sie hier sowieso nichts, was sich auch bestätigt.

Jeder muss seinen Koffer identifizieren. Alle Koffer werden von den Drogenhunden beschnüffelt und das Handgepäck muss geöffnet werden und wird durchsucht.

Mir kommt der Begriff „Schikane“ in den Kopf. Das Ganze dauert bestimmt zwei Stunden und alle sind bis auf die Knochen durchgefroren.

Mit aufgehender Sonne fährt der Bus dann endlich weiter, Stunden über Stunden geradeaus durch diese traumhafte Steppe in die Anden. Rechts und links weiden Guanakos. Sie sind scheu, nicht domestiziert, zarte Tiere. Sie können sehr schnell sein. Es gibt verschiedene Tiere, die den Kamelarten zuzuordnen sind in Südamerika. Die Guanakos sind die Stammform des domestizierten Lamas. Dann gibt es noch die Vikunjas, die den Guanakos ähneln, aber kleiner und schlanker sind. Die Wolle der Vikunjas gilt als die seltenste und teuerste der Welt. Die Alpakas sind eine domestizierte Kamelform, die vorwiegend wegen ihrer Wolle gezüchtet werden. Sie stammen von den Vikunjas ab.

El Chalten ist für mich einer der schönsten Orte in Patagonien, auch wenn es hier – aber wen wundert das – recht viele Touristen gibt. Zum Ausgleich genieße ich dann die komfortable touristische Infrastruktur, schöne Restaurants, Bars, die Möglichkeit, draußen zu sitzen, hervorragendes Essen, viele Kontaktmöglichkeiten und Reiseaustausch. Und vor allem auch die gefahrlose Möglichkeit, abends mal später bei einem Bier abzuhängen.

El Chalten liegt am nördlichen Rande des Nationalparks Los Glaciares nahe der chilenischen Grenze. Ich wohne in einer einfachen Herberge und bin hier bei Weitem die Älteste. Sehr junge Leute und leider ist es dann auch sehr laut bis spät in die Nacht. Aber mein Zimmer ist groß, sauber und billig und ich habe Oropax. Das Beste sind die Besitzer: eine indigene Großfamilie, die sich rührend um alles kümmert, sowie zwei göttliche Hunde: ein großer alter und ein kleiner völlig verfilzter. Der sieht aus wie ein Teddy. Beide liegen tagein, tagaus eng beieinander vor der Tür und beobachten die vielen Gäste neugierig. Da bleibt es dann nicht aus, dass auch immer mal ein Leckerbissen abfällt.

Da die günstigen Hostelbetten im Ort begrenzt sind und doch immer viele Touristen da sind, kann es auch mal eng werden mit den freien Betten. So bin ich einige Nächte morgens über einen mit einem Traveller gefüllten Schlafsack gestolpert, der sonst kein Bett gefunden hätte. Der Hostelbesitzer lässt jeden in so einem Fall auf dem Boden schlafen.

El ­Chalten ist das Trekking-Paradies im Nationalpark los Glaciares. An wunderschönen Wanderwegen mangelt es nicht. Es liegt zu Füßen der berühmten patagonischen Berge Cerro ­Torre mit 3.128 Metern und Fitz Roy mit 3.406 Metern an der Grenze zu Chile. Der Blick auf diese Berge vom Ort aus ist grandios. Patagonien ist hier teuer. Es gibt nur wenig Armut und das Land ist sehr dünn besiedelt.

Viele Backpacker sind noch sehr jung. Welche Trekkingtouren man gemacht hat und welche Berge man erklettert hat, ist ein wesentliches Kennzeichen von Größe und Sportlichkeit. Ich kann nicht viel mit ihnen anfangen. Sie scheinen nicht besonders kontaktfreudig oder neugierig mit dem direkten Gegenüber. Sie erledigen alles mit ihrem Smartphone.

Smartphone-Kommunikation verhindert Nähe. Manchmal, wenn ich sie so beobachte, denke ich, sie sind nicht in der Lage, mal nichts zu tun. Sie sind irgendwie gehemmt, wenn sie nicht in Verbindung mit dem Smartphone stehen. Einfach nur da zu sitzen und in die Welt zu schauen – das tun sie nicht. Als ob sie gar nicht existieren könnten ohne das Ding.

Ich habe ein Smartphone – also bin ich. Ich habe ein Smartphone – also werde ich geliebt, weil mir schließlich Leute Nachrichten schicken oder diese Likes auf meine Selfies. Ich bin ein Teil dieser Welt, weil ich ein Smartphone habe. Aber das sind böse Gedanken einer alten Frau, die letztlich von diesen Dingen nicht viel versteht. Diese Entwicklung hat mich überrollt. Das ist nicht mehr meine Welt. Man hat nicht das Recht, etwas zu bewerten, was man nicht wirklich versteht oder kennt.

Ich unternehme viel hier. Mein ganzer Stolz ist eine Trekkingtour von 20 Kilometern. Das ist dann aber auch schon grenzwertig. Da ich langsam wandere, so ein junger Mensch würde sagen in Zeitlupe, kann ich mich leider keiner Gruppe anschließen. Die sind alle schneller und die meisten betreiben es hier sportlich. Dafür sehen sie nicht mal ein Viertel von dem, was ich sehe oder beobachte. Es gibt hier nämlich viele aufregende Vögel. Kondore kreisen über den Bergen.

Ich treffe auf ein Gürteltier. Es ist nicht besonders scheu.

Es hat mich aber doch etwas geschockt, als ich zweimal gefragt wurde, ob es mir gut geht oder ob man mir helfen könne oder gar meinen kleinen Minirucksack tragen solle. Entweder wirke ich so gebrechlich oder keiner kann sich vorstellen, dass jemand gerne so langsam geht.

Ich laufe zur Laguna Capri mit einem traumhaften Ausblick auf den Fitz Roy, zum Glacier Marconi und zu den Wasserfällen. Ich besuche die Laguna y Glacier Huemul und unternehme eine Expedition zum Lago del Desierto. Dort gibt es Bootstouren. Von der anderen Seite des Sees kommt man nach Chile.

Das ist hier wieder alles wie im Bilderbuch, und so schicke ich viele Fotos an meine Freunde. Abends kommen mir Zweifel, ob es nicht zu viele sind. Ich möchte sie weder nerven noch neidisch machen. Es hat viele Reaktionen von Freunden auf meine Reise gegeben. Das beschäftigt mich immer wieder. Meine Reise ist ja aber nur der Anstoß für solche Überlegungen, die sie dann in Bezug auf ihr eigenes Leben anstellen. Aber interessant ist das schon, weil mir einige dieser Gedanken nie gekommen wären. Eine Freundin hat immer wieder überlegt, wie man nur als Frau alleine so weit wegfahren kann und vor allem dann noch ohne Zeitplan. Oder die Angst mancher vor Einsamkeit. Diese Angst hatte ich nie. Aber ich bin wohl auch eher – wie soll ich sagen – progressiv kontaktfreudig. Ich kann mir schon vorstellen, dass Menschen mit mehr Zurückhaltung sich da schwer tun.

Und Neid wurde auch geäußert. Ich versuche, ihn nicht zu verstärken. Schließlich hat alles seine Vor-und Nachteile und so eine Reise ist schon auch immer wieder recht anstrengend. Ich fahre ja nicht in ein Paradies, nur in eine fremde Welt.

Das Fremde muss einen natürlich faszinieren und anziehen. Sonst geht das gar nicht. Und die Neugier muss unermesslich sein. Ich kenne auch Menschen, die sind eben nicht neugierig und es geht ihnen gut damit, mit dem Gewohnten, das ja auch Sicherheit vermittelt.

Für manche ist es ausgesprochen ungemütlich, wenn immer wieder jeden Tag alles neu und relativ unberechenbar ist und man nie weiß, wo man landet, auch innerlich, sozial, psychisch. Für mich ist das wahnsinnig spannend.

Auch fahre ich praktisch niemals an denselben Ort ein zweites Mal. Dazu ist die Welt zu groß. Meine besten Freunde fahren seit 40 Jahren jedes Jahr an dieselben Orte in den Urlaub – und sie lieben es.

Maria hat mir geschrieben: „Wie gut, dass du fährst! Du hast den Frauen dort und uns hier die Möglichkeit einer großen Unternehmung, einer Expedition gezeigt, als Frau und alleine. Du machst damit auch Mut für kleine Expeditionen, hier, wo ich bin, rausgehen, auch alleine.“

Das hat mich sehr gefreut.

Touristen in meinem Alter habe ich hier jetzt noch gar nicht getroffen. Die meisten sind dann doch wohl eher mit einer Reisegruppe unterwegs oder auf einer Kreuzfahrt anzutreffen.

Die jungen Leute sind unbedarft. Gestern haben zwei Deutsche Gleitschirme ausgeliehen und sind vom Berg gesprungen. Ich kann diese Lust ja verstehen, aber unten wurden sie von der Polizei empfangen und zu 100 Dollar Strafe verurteilt, weil das in Patagonien verboten ist. Immer wieder geschieht es, dass sie machen, wozu sie Lust haben, ohne sich auch nur ein einziges Mal erkundigt zu haben, was in so einem anderen Land üblich ist, was erlaubt ist, wie die Sitten und Traditionen sind. Das finde ich oft auch respektlos. Dazu gehört auch das halbbekleidete Schlendern durch Städte, in denen zum Beispiel überwiegend Indigene leben. Haben diese Touristen sich jemals gefragt, wie hier die Frauen gesehen werden, wie moralische Vorstellungen sind? Ich habe mich für diese Europäer immer geschämt.

Am letzten Abend fliehe ich aus dem Hostel. Es ist mir zu laut. Ich gehe ein Bier trinken und lerne Michel aus Irland kennen. Ein netter Kerl. Wir verstehen uns sofort und tauschen unsere Reiseerlebnisse aus.

Das charakteristische an solchen Reisebekanntschaften ist ja, dass man sich meistens nur kurz sieht, dass aber so eine Begegnung ungeheuer intensiv und vertraut sein kann, wie das zuhause in dieser Kürze niemals möglich wäre. Manchmal trifft man sich dann noch einmal oder mehrmals auf so einer Reise und vielleicht hat man auch später noch Kontakt, wenn man wieder daheim ist.

Man hat sich meistens mehr erzählt als sonst üblich wäre in so kurzer Zeit, aber vor allem verbindet einen das Reiseerlebnis, etwas Außergewöhnliches in einer biografisch betrachtet ganz besonderen Situation.

El Calafate

Mit dem Bus bin ich in drei Stunden von El Chalten in El Calafate. Der Ort liegt auch noch im Nationalpark Los Glaciares und ist Ausgangspunkt für Touren zum weltberühmten großen Gletscher Perito Moreno, sicher einem der Höhepunkte Patagoniens. Und deswegen gibt es auch hier viele Touristen. Der Ort lebt heute praktisch nur vom Tourismus.

Calafate ist der Name eines in Patagonien häufig anzutreffenden Strauchgewächses mit gelben Blüten und dunkelblauen Beeren, gut für Marmelade und Likör.

Mein Hostel ist schön, gemütlich und nachdem ich meine Hose ausgewaschen habe, mache ich eine erste Wanderung zur Laguna Nimez.

Der Weg führt einen Kilometer am Ufer des Lago Argentino direkt in dieses Landschaftsschutzgebiet für einheimische Vögel. Es ist eingegrenzt und wird bewacht. Auf einem fünf Kilometer langen Rundweg kann ich neben der einheimischen Flora die Vögel ganz nah beobachten: Enten, Schwarzhalsschwäne, Flamingos, Singvögel, Falken und viele andere. Eine wunderbare Ruhe hier. Die ist für mich vorbei, als ich beobachte, wie sich ein großer Hund vom Strand her durch den Zaun gräbt und in den Lagunen die Flamingos jagt. Ich bin empört. Als ich das später dem Ranger melde, erzählt er, dass das ein großes Problem ist. Da gibt es so viele frei lebende Hunde, die haben Hunger und jagen dann die Vögel. Man versucht, die Hunde zu verjagen, aber das gelingt nicht immer.

Abends treffe ich im Hostel eine Kanadierin, 32 Jahre alt, und wir erzählen. Sie ist seit zweieinhalb Jahren allein in der Welt unterwegs, überall. Vor Südamerika war sie in Afrika. An Aufhören denkt sie nicht. Ich kann das gut verstehen. Ich glaube, es muss fantastisch sein. Mal sehen, wie lange ich das noch so sehe. Vielleicht für immer?

Sie hat nirgends Probleme gehabt, ist nirgends überfallen oder ausgeraubt worden. Ich glaube inzwischen, die einzige Gefahr ist, dass man krank wird. Dann sieht es schlecht aus mit dem Reisen. Aber das macht nur älteren Leuten Sorge.

Wir reden über Fremdheit. Was ist das, wer ist fremd. Warum zieht das Fremde manche Menschen so an und anderen macht es Angst. Einige sind immer wieder neugierig auf neues Fremdes, andere macht es aggressiv. Es kann sogar, wie bei uns beiden, eine Sehnsucht danach geben.

Fremd ist doch, wenn etwas noch nicht vertraut ist, anders, als wir es kennen und natürlich damit auch unberechenbar. Wir haben dann keine Erfahrung damit und wissen nicht, ob es vielleicht auch eine Gefahr ist.

Aber Fremdes fordert uns, neue Erfahrungen zu machen. Und das bietet uns die Chance, uns zu entwickeln.

Wir kommen zu dem Ergebnis, dass ein progressiver Umgang mit dem Fremden etwas Wunderbares ist. Das heißt zunächst einmal, dass wir klar sehen, akzeptieren und es auch aussprechen, dass das Fremde wirklich fremd ist. So können wir staunen über dieses Andersartige. Und die Akzeptanz schützt uns doch davor, es zu erobern, es zu integrieren, es zu rauben. Das ist das Gegenteil von dem, was die Kolonialisten getan haben.

Mit einem progressiven Umgang haben wir beide auf unseren Reisen gute Erfahrungen gemacht und das hat uns die Welt eröffnet. Ich meine damit, dass ich in Begegnungen mit den Menschen oft sehr bald klar gestellt habe, dass mir ihr Leben, ihre Sitten, alles einfach fremd ist. Ich glaube, damit haben sie sich akzeptiert gefühlt, waren oft stolz und haben mir alles erklärt und gezeigt. Niemals bin ich eine von ihnen, ich bin ganz anders und wenn ich das sage, öffnet es Herzen und lässt jeden so sein, wie er ist. Das fördert Neugier, Interesse und nicht Neid oder Vergleiche.

Schon im ersten Kontakt mit einem Menschen hier habe ich die gegenseitige Fremdheit oft thematisiert.

Ich bin anders, ich bin Tourist und ich spreche nicht gut spanisch. Das kann der Boden für wunderbare Freundschaften sein. Wenn man dann noch ein Lächeln hinzufügt, kommt man immer weiter, findet man immer Kontakt (fast immer).

Wenn ich abends durch El Calafate gehe, muss ich über die Hunde schmunzeln. Es gibt hier sehr viele und vor allem auch so viele große Hunde. Sie liegen oft mitten im Eingang zu den Grillrestaurants. Von drinnen kommen gute Fleischgerüche. Und was machen die Touristen, die rein wollen? Wie selbstverständlich klettern sie über die Hunde, die nicht mal ein Ohr heben. Oder sie liegen auch quer über dem Bürgersteig und alle Touristen steigen drüber, als wäre es das Normalste der Welt. Wo viele Touristen sind, fällt oft auch für freie Hunde einiges ab.

Bevor ich den großen Perito Moreno besuche, gehe ich erst einmal ins Museum Glaciarium, ins Gletschermuseum, um mich zu informieren. Die Idee ist gut, da es den ganzen Tag stark regnet und außerdem tut mir das Knie weh. Ich lerne, was ein Gletscher ist: eine aus Schnee hervorgegangene Eismasse mit einem klar definierten Einzugsgebiet, die sich aufgrund von Hangneigung, Struktur des Eises, Temperatur und der aus der Masse des Eises und den anderen Faktoren hervorgehenden Schubspannung eigenständig bewegt. In diesem Museum kann man alles über Gletscher erfahren und auch über Gletscherschmelze und Klimawandel.

Zum Perito Moreno fahre ich mit dem Bus. Dieser Gletscher ist etwa 18.000 Jahre alt und einer der wenigen auf der Welt, die noch wachsen. Er gehört zum UNESCO-Weltnaturerbe und erstreckt sich über 250 Quadratkilometer, ist 30 Kilometer lang und drei Kilometer breit. Er ist eines der spektakulärsten Naturwunder in Südamerika. Die Eismassen schieben sich in den Lago Argentino.

Zunächst steige ich in ein Schiff und wir fahren zu der gewaltigen Eiswand, bleiben aber in gebührendem Abstand. Von hier aus kann man unglaubliche Fotos machen.

In unregelmäßigen Abständen brechen gewaltige Eisstücke von der Kante ab und krachen mit lautem Getöse ins Wasser. Kalben nennt man das. Die Farben des Eises schimmern in so vielen Blautönen und Weiß und Türkis, wie ich es kaum glauben kann, dass es das überhaupt gibt.

Nach der Bootsfahrt laufe ich auf einer Aussichtsplattform die ganze Breite des Gletschers ab. Man sieht hier ein Reisevolk in Funktionskleidung, wie in ganz Patagonien. Alle tragen – freiwillig – die gleichen Hosen, Hemden, Jacken, Schuhe, Marken, keine Individualität. Die Uniform der Reichen, eine teure Ausrüstung.

Ich kann keine Funktionsklamotten mehr sehen, obwohl sie sicherlich hoch funktional sind.

Backpacker treffe ich kaum. Wo sind sie? Ist es zu teuer hier?

Der Perito Moreno ist nicht der einzige Gletscher.

Am Folgetag habe ich mich für eine fünfstündige Schifffahrt auf dem Lago Argentino angemeldet, um einmal die abgebrochenen, zum Teil riesigen Eisstücke, Eisberge, im Wasser schwimmend, zu bewundern und an die anderen Gletscher heranzufahren.

Der Glaciar Spegazzini ist mit 130 Meter über dem See höher als der Perito Moreno.

Der Upsala-Gletscher ist der größte Gletscher von Südamerika und bedeckt ein Gebiet von 870 Quadratkilometern. Er ist 60 Kilometer lang und 70 Meter hoch. Große Eisberge treiben vor einer Gletscherzunge und verhindern ein nahes Herankommen. Diese Eisberge sind für Schiffe nicht ungefährlich.

Die Bilder dieser Eisriesen werde ich nicht mehr vergessen.

Wir sind ein Nichts gegenüber diesen Naturphänomenen. Wenn wir das doch endlich begreifen und unsere Welt mit dem gehörigen Respekt behandeln würden.

Ushuaia

Ushuaia ist der südlichste Ort in Patagonien, windgepeitscht, Hauptstadt des argentinischen Teils von Feuerland. Die Stadt wirkt auf den ersten Blick vergammelt. Es ist stürmisch, neblig, regnerisch. Der Müll wird vom Wind verteilt. Im Ant­arc­tica Hostel habe ich ein großes Zimmer ohne Bad. Das Beste ist die Katze. Wenn unten im relativ gemütlichen gro­ßen Gemeinschaftsraum die Traveller auf den Sofas räkeln und chillen, dann kann es die Katze am besten und immer in der gemütlichsten Ecke.

Abends trinke ich ein Kap Hoorn-Bier im Hostel, sehr teuer. Man zahlt wohl den Namen. Ich glaube, es schmeckt wie Kap Hoorn, wie auch immer das schmecken mag. Dafür löse ich mir das schöne Etikett ab und nehme es als Erinnerung mit.

Das Frühstück im Hostel isst man aus Plastikgeschirr, wie im Kindergarten. Ich denke, wenn sich die jungen Leute entsprechend benehmen, muss es eben Plastik sein. Sogar den Kaffee gibt es in Plastikbechern. Schmeckt schrecklich.

Ich habe eine kleine Stadttour gemacht und bin dann zum Glaciar Martial gewandert, einem 1.300 Meter hohen schneebedeckten Gletscher mit einer spektakulären Aussicht auf die Stadt und den Beagle-Kanal. Der Aufstieg und zurück dauert etwa sechs Stunden von Ushuaia aus. Es ist sehr kalt dort. Ich habe vorsichtshalber mal alles angezogen, was ich so mithabe, und das war eine gute Idee.

Eine 9-stündige Schiffstour den Beagle-Kanal entlang führt mich zum Ursprung meiner Sehnsucht. Kap Hoorn ist der Ort meines Fernwehs nach Südamerika. Der Beagle-Kanal liegt südlicher als die Magellan-Straße. Ich habe das immer verwechselt. Beide verbinden den Atlantik mit dem Pazifik. 1831 hat der britische Marineoffizier Robert FitzRoy diese Wasserstraße mit seinem Forschungsschiff HMS Beagle entdeckt. Der Kanal trennt Feuerland von den südlich gelegenen Inseln Navarino, Hoste und Gordon. Am Nordufer liegt in Argentinien die Stadt Ushuaia. Östlich davon wurde am Südufer des Kanals auf der Insel Navarino die chilenische Militärsiedlung Puerto Williams errichtet. Die Magellan-Straße hingegen, weiter nördlich, ist eine Meerenge mit zahlreichen Seitenarmen zwischen dem Festland und südlichen Inseln, vornehmlich der Insel Feuerland. 1520 hatte Fernando Magellan diese Durchfahrt nach Westen gefunden. Früher eine bedeutende Handelsroute, ist sie jetzt ein Naturparadies. Sie machte als Verbindung beider Ozeane die gefährliche Fahrt um das häufig von Stürmen umtoste Kap Hoorn überflüssig. Mit der Eröffnung des Panamakanals im Jahr 1914 verlor der Seeweg seine Bedeutung für die Schifffahrt.

Der holländische Kapitän Wilhelm Cornelisz Schouten umsegelte 1616 das erste Mal Kap Hoorn. Nach seinem Heimatort Hoorn wurde es benannt. Man sagt auch Kap des Schreckens und dass es der größte Schiffsfriedhof der Welt sei. Bestimmt achthundert Schiffswracks liegen am Grunde des Meeres. Die Gefahr entsteht durch das Aufeinandertreffen von Pazifik und Atlantik mit den dadurch ausgelösten Strömungen und Wirbeln und den Stürmen. Eine Wettervorhersage ist nicht möglich, weil sich das innerhalb weniger Minuten radikal verändern kann. Auch das macht es so gefährlich.

Mein Großvater war ein alter Kap Hoornier. Das ist ein Seemann, der auf einem Frachtsegler das Kap Hoorn umrundete.

Ein Leben lang hat er von seinen vielen Reisen erzählt. Außer mir hat sich keines der sechs Enkelkinder so richtig für seine Erzählungen erwärmen können, auch der Rest der Familie nicht. Meine Oma hat immer gelästert, er würde Seemannsgarn spinnen. Das hat sie besonders dann behauptet, wenn er geschwärmt hat von den vielen exotischen Frauen, die er zum Beispiel in Asien getroffen hat. Allerdings hat er auch mit zunehmendem Alter immer wieder die gleichen Geschichten erzählt. Die anderen konnten es nicht mehr hören und haben nur noch gestöhnt. Ich aber saß zu seinen Füßen und wollte diese Abenteuer immer wieder hören. Und im Laufe der Zeit ist in mir der Wunsch gewachsen, einmal nach Kap Hoorn zu reisen. Es waren seine Schilderungen von Abenteuer, Sturm, riesigen Wellen, von den Walen, die er gesehen hat, und von der Landschaft Argentiniens und Chiles, von den Bergen vor allem.

Mit meiner Tour auf dem Beagle-Kanal komme ich bis 100 Kilometer an Kap Hoorn heran. Eigentlich habe ich eine Umrundung geplant, aber das wäre nur im Rahmen einer teuren Kreuzfahrt möglich gewesen. Ich hasse Kreuzfahrten. Und dann kann man dort nur an Land gehen, wenn es das Wetter zulässt, was eher selten der Fall ist. Auch ist es wohl so, dass die Bedeutung von Kap Hoorn eher eine historische ist und der Ort selbst völlig unattraktiv und unwirtlich. Es reicht mir auch, 100 Kilometer an diesen für mich so besonders bedeutungsvollen Ort heranzukommen.

Das ist ein großartiger Moment, auf den ich seit meiner Kindheit gewartet habe und den ich herbeigesehnt habe, ein Traum von mir. Und es ist so faszinierend hier. Diese Fahrt übertrifft alle meine Vorstellungen. Das Wetter spielt mit. Es ist warm, die Sonne scheint und der Beagle-Kanal ist voller Überraschungen. Nicht nur die Berge, das Wasser und diese grandiosen Wolkenformationen sind es, nein, auch so viele Tiere: Kormorane, Königspinguine, Seelöwen, Robben.

Wir besuchen eine Pinguinkolonie und sehen den Leuchtturm am Ende der Welt.

Eine längere Pause gibt es auf dieser Fahrt für die Besichtigung der Estancia Harberton, der südlichsten Farm der Welt, die man gut mit dem Schiff erreichen kann. Bei einer Führung über das Farmgelände erfahre ich viel über die Farm und das Leben der frühen Siedler hier. Dies ist die älteste Farm in Patagonien. Sie wurde 1886 von dem englischen Missionar Thomas Bridges gegründet und nach Harberton benannt, dem Haus seiner Frau Mary Ann Varder in Devon, England. Bridges schrieb ein Wörterbuch der Yahgan-Sprache, der Ureinwohner Feuerlands.

Die entlegene Gegend rund um Ushuaia war bis weit in das 19. Jahrhundert hinein indianisches Territorium. Die auf dem Wasser lebenden Yahgan (oder Yámana) und das zu den Patagoniern gehörende Jägervolk Selk’nam (oder Ona) kämpften lange Zeit um die Vorherrschaft in diesem Gebiet. Später hatten Kirchenmissionen zunächst die Absicht, die indianische Urbevölkerung zu christianisieren und vor den Übergriffen der weißen Siedler zu schützen, jedoch führten von europäischen Immigranten eingeschleppte Krankheiten und eine rigorose Verdrängungspolitik schließlich dazu, dass 1910 die indianische Urbevölkerung fast ausgerottet war.

Die Farm wird heute noch von den Nachfahren Bridges geführt. Sie leben hauptsächlich vom Tourismus. Auf dem wunderschönen großen Gelände unmittelbar am Beagle-Kanal besichtigen wir das Gehöft mit Wohnhaus, Park und Schuppen, wo früher die Schafe geschoren wurden. Schafzucht wird heute nicht mehr betrieben. Es gibt ein Bootshaus, einen eigenen Friedhof und das Museum: Museo Acatushún de Aves und Mamíferos Marinos Australes. Hier werden die Meeressäuger und Vögel der Region gezeigt.

Dieser Tag ist ein unvergessliches Erlebnis.

Ich habe mir meinen Kindheitstraum erfüllt und eine gute Vorstellung davon, welche Landschaft, welches Klima und vor allem was für ein Meer meinen Großvater damals so fasziniert haben. Dies ist ein schöner Ort zum Auswandern, denke ich auf der Rückfahrt.

Am nächsten Tag regnet es. Da sieht die Stadt noch gammeliger aus. Scheinbar gibt es keine Müllabfuhr. Wenn aber ein Kreuzfahrtschiff kommt, dann ist alles anders. Der Müll wird weggeräumt, die Straßen werden geputzt und alles, aber auch alles wird doppelt so teuer. Kaum hat das Kreuzfahrtschiff wieder abgelegt, kann man den Kaffee an der Ecke wieder für den halben Preis trinken.

Von Ushuaia starten die Kreuzfahrten in die Antarktis. Ein Argentinier sagt mir, dies ist die einzige Stadt der Welt, für die keine Wettervorhersage möglich ist, weil das Wetter immer rasch wechselt und extreme Veränderungen innerhalb eines Tages aufweist. Wie ich später lerne, gilt dies für fast ganz Südamerika. Nach relativ kurzer Zeit habe ich es aufgegeben, in irgendeinen Wetterbericht zu schauen oder immer wieder die Antwort der Einheimischen zu hören: Es gibt kein Wetter.

Also gehe ich ins Museum der Stadt. Hier wird die Geschichte der Strafkolonie Ushuaia dargestellt. Das Museum ist im früheren Gefängnis, der südlichsten Strafanstalt der Welt untergebracht, die1904 eingerichtet wurde und in dem auch politische Gefangene inhaftiert waren. Es ist so interessant, dass ich nach einer Mittagspause noch einmal wiederkomme. Es ist nicht nur das Gefängnis, das beeindruckt, auch die umfangreiche Ausstellung gibt einen guten Überblick und detaillierte Informationen über Patagonien. Zwei Gebäudeflügel zeigen die Geschichte der Inhaftierungen. Ein Flügel wurde so belassen, wie er war, und zeigt den Besuchern die unmenschlichen Lebensbedingungen und beengten Räume, in denen 800 Gefangene in 360 Zellen lebten. Das ist gruselig. Der zweite Flügel des Gefängnismuseums beherbergt unter anderem dann die Geschichten über die Vergangenheit der Insassen.

Ich habe mich mit einem italienischen Radler unterhalten, der sich hier einen Lebenstraum erfüllt, nämlich mit dem Fahrrad Argentinien und Chile zu durchqueren. Patagonien bei Wind und Kälte. Man muss es mögen. Aber das tun offensichtlich viele Fahrradfahrer, denn man sieht sie immer wieder vom Bus aus die weiten einsamen Straßen entlang radeln.

Abends kochen wir zusammen Spaghetti mit Avocado, Knoblauch, Olivenöl und Parmesankäse. Schmeckt köstlich. Die Italiener können es eben.

Für den letzten Tag habe ich eine Tour in den Nationalpark Terra del Fuego (Feuerland) gebucht. Als Magellan die Magellan-Straße entdeckte, sah er an Land die vielen Feuer der Indianer. So gab er diesem Land den Namen Feuerland.

Es ist der südlichste Nationalpark Argentiniens. Das 630 km² große Schutzgebiet befindet sich im Südosten, 18 km von der Stadt Ushuaia entfernt. Der Park wurde 1960 mit dem Hauptziel gegründet, die südlichsten subantarktischen Wälder zu schützen. Es ist kalt. Der Park ist schön, wie in den Reiseführern beschrieben, aber der Nieselregen verdirbt es etwas.

Am nächsten Tag verlasse ich erst einmal Argentinien und fahre mit dem Bus elf Stunden nach Punta Arenas in Chile.

Chile

Punta Arenas,

Puerto Natales

Die Busfahrt von Argentinien nach Chile, von Ushuaia nach Punta Arenas führt durch scheinbar unendliche Weiten. Schafe, Guanakos und Nandus (Straußenvögel) kann ich vom Busfenster aus beobachten. Ein kleines Stück, die Enge der Magellan-Straße bei Punta Delgada, muss der Bus mit der Fähre übersetzen. Eine willkommene Abwechslung auf der langen Fahrt.

Der Grenzübertritt ist problemlos. Drei Monate Touristenvisum werden in den Pass gestempelt.

Chile ist anders.

Die besten Meeresfrüchte, die besten frischen Fischspezialitäten und die besten Fischsuppen gibt es in Chile.

Immer wieder versuchen sie Touristen übers Ohr zu hauen, zum Beispiel mit dem Trinkgeld. Sie ziehen es einfach ein. Sie müssten fragen. Das Gleiche mit Steuern in Hotels – Touristen müssen diese nämlich nicht immer bezahlen oder mit Provisionen für booking.com, die die Gäste niemals bezahlen, sondern immer der Vermieter. Aber sie versuchen es immer wieder. Das nervt mich.

Auch die Korruption. Nun ja, die gibt es bei uns auch, aber nicht in dem Ausmaß und hier scheint sie manchem in die Wiege gelegt zu sein. Sie ist hier eigentlich ein Teil der Kultur und wer meint, da müsse nur der richtige Machthaber kommen, der sagt, dass schaffen wir ab, der hat eigentlich nichts von diesen Ländern verstanden.

Punta Arenas ist schön und liegt auch an der Magellan-Straße. Auf dem Friedhof gibt es viele deutsche Gräber aus dem 1. Weltkrieg. Anhand der Gräber kann man erkennen, von woher die Einwanderer gekommen sind. Neben den Deutschen gibt es Kroaten, Russen, Juden und Schweizer. All diese Menschen haben das Stadtbild mitgeprägt. Gegründet wurde die Stadt als Strafgefangenenkolonie und Militärstützpunkt. Vor Eröffnung des Panamakanals fungierte der Hafen als wichtiger Umschlagplatz für Güter aus und nach Europa und die Ostküste Südamerikas.

Die Schafzucht brachte einen ökologischen Aufschwung, dessen Auswirkungen zum Beispiel in Form von alten Prunkbauten heute noch sichtbar sind. Die Schere zwischen arm und reich klafft aber weit auseinander. In den Sommermonaten kommen Touristen aus Europa und den USA und bringen Geld in die Stadt. Auch Punta Arenas ist, wie ganz Patagonien, ein Schmelztiegel der Nationen.

Ich bin nur zwei Nächte hier, weil ich in ein paar Tagen eine Schiffsfahrt von Puerto Natales nach Puerto Montt gebucht habe. Darauf freue ich mich wahnsinnig. Man musste das im Voraus buchen, weil es sehr beliebt ist und auch schnell ausverkauft.

Von Punta Arenas geht es weiter, dreieinhalb Stunden mit dem Bus nach Puerto Natales, eine Hafenstadt, von der man mit der Fähre Navimag fünf Tage lang durch die Fjorde und Inselketten bis nach Puerto Montt schippern kann. Das soll eine Traumreise sein und dafür habe ich ein Ticket.

Puerto Natales ist ein Ausgangspunkt für Touren in den Nationalpark Torres del Paine – mit seiner faszinierenden Landschaft: Seen, Wasserfälle, Bergmassive, Gletscher, Täler und Naturschauspiele wie blutrote Sonnenaufgänge vor den Torres del Paine. Das sind drei zwischen 2.600 und 2.850 Metern hohe mit Schneekuppen bedeckte Granitberge. Außerdem findet sich hier eine einmalige Tier- und Pflanzenwelt. Alles spektakulärer, als jeder Film es zeigen könnte. Dies ist eines der attraktivsten Touristenziele in Patagonien. Viele Backpacker unternehmen Trekkingtouren mit Zelten.

Ich wohne unbeabsichtigt wieder bei den Zeugen Jehovas, wie ich erfahre, und habe ein großes, selbstverständlich super sauberes Zimmer.

Sie betreiben kleine Hostels, aber auch Hotels in ganz Südamerika. Sie sind immer sehr freundlich, fürsorglich, auch vielleicht ein bisschen kontrollierend, aber die Zimmer sind die saubersten, die ich je gesehen habe.

Mir ist das angenehm, zumal ich mich sehr sicher bei ihnen fühle. Es hat etwas Familiäres. Nun gut, es gibt immer eine Bibel und evtl. auch Bibelsprüche zum Frühstück, mehr aber nicht. In den Gesprächen ist ihre Religion niemals Thema. Ich kann diese Unterkünfte wirklich empfehlen.

Den Rest des Tages verbringe ich mit einem Stadtbummel.

In den Buchläden wird „Mein Kampf“ verkauft. Viele haben mich schon auf Hitler angesprochen, wenn sie hören, dass ich aus Deutschland komme. Das finde ich sehr unangenehm. Da ist so viel Bewunderung und wenn man sich auf einen Dialog einlässt, dringt man nicht wirklich durch mit Gegenargumenten.

Ein Großteil der Bevölkerung sind Einwanderer aus Deutschland, Irland, Jugoslawien, Italien und anderen Ländern. Man kann das oftmals an dem Bau der Häuser erkennen.

Abends trinke ich ein Bier in einer gemütlichen Kneipe. Alkohol ist teurer als bei uns. Alkoholiker sieht man gar nicht auf der Straße. Wahrscheinlich können es sich die Leute nicht leisten – auch gut so.

In der Kneipe spielen sie Youtube-Videos auf einer großen Leinwand ab. Plötzlich tauchen Hitler-Videos auf. Sie dienen wohl der Unterhaltung oder Bewunderung, als ob es das Normalste der Welt ist. Das kann ich zunächst mal schwer einordnen und es macht mir dieses Land spontan gefühlsmäßig unsympathisch.

Für den nächsten Tag habe ich eine Ganztagestour in den Nationalpark Torres del Paine gebucht. Es sind 30 Grad und man hat immer die schneebedeckten Berggipfel vor Augen.

Im Bus sitzt ein junger Chinese, er ist sehr nett und spricht fließend englisch. Er erzählt eine Menge. Er hat eine kritische Einstellung gegenüber seinem eigenen Land und reist seit vier Jahren durch die Welt. Geld spielt bei ihm keine Rolle. Trotzdem reist er sehr einfach mit Rucksack. Sein Problem ist allerdings, dass er nicht aufhören kann, wie er sagt, und darunter leidet er tatsächlich. Er mag sein Land nicht und weiß nicht wohin. Er fühlt sich richtig heimatlos.

Torres del Paine ist einer der bekanntesten Nationalparks in Chile und wurde 1978 zum Biosphärenreservat der UNESCO erklärt. Seine Ausdehnung beträgt 2.420 km², bis zu 3.000 Meter hohe Berge, Gletscher, Fjorde und große Seen prägen das Landschaftsbild.

Die „Torres del Paine“ sind das Wahrzeichen des Parks. Viele andere Berge sind Gletscher. Der bekannteste ist der Grey-Gletscher. Auf einer Bootsfahrt erfahre ich, wie viel und wie schnell dieser Gletscher durch den Klimawandel, die Erderwärmung verschwindet. Ein Verlust riesiger Eismengen jedes Jahr. Die Folgen des Klimawandels lassen sich überhaupt in Patagonien gut erkennen und messen.

Im Park leben Guanakos, Nandus (Straußenvögel) und Anden-Kondore.

Auch dieser Tagesausflug bleibt ein unvergessliches Erlebnis.

Als ich abends zurückkomme, merke ich, dass sich ein Stich eines unbekannten Insektes an meinem rechten Zeigefinger schwer entzündet hat. Es war mir gestern schon eine Rötung aufgefallen, aber jetzt ist der Finger dick angeschwollen, heiß, rot, blutunterlaufen und sehr schmerzhaft. Was tun? Wenn ich morgen Abend für fünf Tage auf das Schiff gehe, werde ich keinerlei ärztliche Versorgung haben. Das macht mir Angst und ich beschließe kurzerhand, am nächsten Morgen in das Krankenhaus, in die Ambulanz von Puerto Natales zu gehen. Ich habe keinerlei Idee, was für ein Tier mich gestochen haben könnte. Die bekannten Genossen wie Moskito, Floh oder Wanze kenne ich inzwischen. Einer von ihnen war es nicht.

Ich bin total erstaunt über dieses kleine Krankenhaus: neu, sauber, ein super freundlicher Arzt und eine gute Beratung. Ich muss auch gar nicht warten und zahle 25 Dollar und das Antibiotikum, das ich mir dann in der Apotheke kaufe. Das hätte ich nicht gedacht, das ist mindestens so gut wie bei uns und sicher billiger. Das Antibiotikum hilft rasch und ich bin zufrieden.

Aus den Nachrichten erfahre ich, dass die ganze Region der Atacama-Wüste und auch San Pedro de Atacama wegen massiver Überschwemmungen gesperrt sind, ebenso Arica ganz im Norden Chiles. Dort hat es noch nie so viel geregnet. Die Straßen sind nicht befahrbar. Ich möchte ja vom Süden ganz in den Norden nach Chile. Mal sehen, ob das klappt.

Navimag

Das Frachtschiff der Navimag wurde für Passagiere umgebaut.Das Einchecken erfolgt an einem Schalter in der Busstation. Es ist den ganzen Tag möglich. Boarding auf die Fähre findet dann abends um 23 Uhr statt. Das gewährleistet, dass das Schiff morgens abfahren kann, wenn das Wetter am günstigsten ist und nicht noch auf einzelne Gäste gewartet werden muss. In der ersten Nacht liegt das Schiff noch im Hafen. Den habe ich mir schon mittags angesehen. Alles wirkt irgendwie sehr abenteuerlich. Das Schiff ist nicht mehr ganz neu. Es wird wie auch immer eine spannende Reise werden. Man ist die ganze Zeit auf dem Schiff. Aussteigen ist nicht vorgesehen. Aber oben gibt es ein riesiges Deck mit Bänken.

Die Fähre transportiert Reisende, die sich keine Kreuzfahrt leisten können – aber diese Reise ist tausendmal besser als jede Kreuzfahrt und mit einem sehr netten, etwas alternativen Publikum.

Die Fahrt dauert fünf Tage. Vier Nächte an Bord durch den Süden Chiles, durch diese spektakuläre rauhe Landschaft, vorbei am Nationalpark Torres del Paine, den patagonischen Kanälen und unberührten Inseln des Pazifik, vorbei an den Gletschern und schneebedeckten Bergen, an alten Schiffswracks, die niemand mehr aus dem Meer räumt, mit Sonnenauf- und -untergängen, wie ich sie noch nie gesehen habe. Himmelsformationen, Wolken, Nebel und strahlendes Blau. Ein Blau über den Inselchen, das man mit Worten gar nicht beschreiben kann, so tief und intensiv scheint es. Und mit interessanten Menschen an Bord, die bald wie eine Familie sind. Sie kommen aus aller Herren Länder, jeder mit einer eigenen außergewöhnlichen Reisegeschichte. Es sind fast nur Langzeitreisende, Menschen im jungen und mittleren Alter. Sie machen Musik, sie haben Gitarren dabei und singen, und sie machen Yoga auf dem Deck des Schiffes, zweimal am Tag. Das gehört zum Angebot der Crew. Außerdem werden täglich Vorträge über Flora und Fauna Patagoniens angeboten.

Eine Traumreise durch die Fjordlandschaft des Pazifik, im chilenischen Teil von Patagonien.

Bevor wir unsere Kabinen beziehen gibt es Instruktionen für die fünf Tage. Vollverpflegung, eine Bar, kein Wifi – wunderbar. Die Mitreisenden scheinen nett, es gibt auch ein paar ältere Leute. Sogleich habe ich guten Kontakt zu einer Österreicherin und einem Schweizer.

Ich habe eine Vier-Bett-Kabine ganz für mich allein. Traumhaft, viel Platz und ich kann die Tür schließen. Durch eine Schiffsluke kann ich hinaussehen. Die Gemeinschaftsduschen und Bäder sind sauber und funktionieren. Das Essen ist nach meinem Geschmack sehr gut und vor allem sehr reichhaltig. Das Ganze funktioniert ein bisschen wie in einer Jugendherberge und man holt sich das Essen selbst an der Essensausgabe. Das Geschirr bringt man dann zurück. Tee, Kaffee, Saft und Obst gibt es immer.

Den ersten Morgen um 6 Uhr, oder je nach Wetter eventuell auch früher, legt das Schiff ab. Ich habe gut geschlafen und werde wach durch Hafen- und Motorengeräusche. Als ich aus dem Kabinenfenster schaue, fahren wir schon. Nichts wie an Deck, das muss ich mitbekommen.

Als Erstes durchqueren wir den Union-Sund und nehmen Kurs auf die engste Stelle der gesamten Strecke. Sie ist nur 80 Meter breit. Es ist kalt, der Himmel blau, die Sonne schon lange aufgegangen und schon fahren wir durch diese filmreife Landschaft vorbei an kleinen Inselchen. Die Robben grüßen und begleiten das Schiff und die schneebedeckten Berge sind eine Pracht.

Ich stehe da und bin so glücklich, dass ich das noch erleben darf. Da von meinen Freunden niemand da ist, mit dem ich es teilen kann, teile ich es mit den anderen, mir noch fremden Mitreisenden, die genau wie ich dastehen und staunen. Dieses Teilen eines Naturwunders verbindet und macht warm ums Herz, es ist so, als ob diese Natur in der Lage ist, Liebe und Frieden auszulösen. Mir kommen ein paar Tränen, so gerührt bin ich von dem Anblick und auch von der Stille um uns herum. Das Schiff gleitet und macht kein Geräusch. Den anderen geht es genauso. Delfine schwimmen neben dem Schiff.

Die Lichtverhältnisse erinnern mich an Bilder aus Island, ein wechselhaftes Farbenspiel am Himmel.

Wir steuern auf die kleine Siedlung Puerto Eden zu, die sich auf der Insel Wellington befindet. Sie ist eine der größten Inseln Chiles und gehört zum Nationalpark Bernardo O’Higgins. Hier leben nur wenig Menschen. Zwei Personen kommen mit einem kleinen Boot und steigen zu und ein Postsack wird abgeladen.

Inzwischen haben wir eine kleine Gruppe gebildet, die bei den Mahlzeiten an einem Tisch sitzt. Wir treffen uns immer wieder und kennen bald unsere ganzen Lebensgeschichten. Abends spielen wir und machen auch das Yoga zusammen.

Da ist Roberto, der Italiener, mittelalt, Fahrradfahrer, durch ganz Argentinien geradelt, durch Patagonien. Bergauf, bergab, tagelang niemanden gesehen, alle Wetterlagen erlebt und durchlitten, besonders Sturm und Hitze. Er zeigt Fotos. Wie ist es, wenn man tagelang niemanden sieht? Angst, wenn etwas passiert, die nicht enden wollenden Straßen immer geradeaus, ab und zu mit Kollegen radeln. Die große Einsamkeit genießen. Diese Art des Unterwegsseins ist seine große Liebe. Entsprechend drahtig, muskulös und braungebrannt kommt er daher.

Der Schweizer Erich, Bergsteiger nicht nur in der Schweiz, Bergliebhaber, seine Frau gar nicht, besteigt hier die Berge und vergleicht sie immer mit denen in der Schweiz. Er ist begeistert von Patagonien. Wer als Bergsteiger nicht in Südamerika war, muss auf die schönsten Berge verzichten. Jeder Berg ist ein ganz besonderes Individuum. Bergsteiger sprechen von ihren Bergen wie von ihren Kindern.

Ich habe viele Bergsteiger unterwegs getroffen, die meisten aus der Schweiz und Österreich, aber auch aus Deutschland oder aus südamerikanischen Ländern. Sie wirken auf mich wie eine eigene Spezies.

Die Österreicherin Elli, frisch geschieden, Sozialarbeiterin, Mitte 40, statt einer Pilgerreise auf dem Jakobsweg hat sie sich für Patagonien entschieden, ihre erste Reise alleine. Nachdem sie Familie, Mann, Kinder, Haus und das Übliche durch hat, ist sie nun, wie sie sagt, in der Alterspubertät und in der Lebensphase der Befreiung. Solche Leute sind immer spontan, begeisterungsfähig und erproben gerne Neues. Deswegen mag ich sie besonders. Wenn man die nämlich fragt, hast Du Lust auf irgendwelche verrückten neuen Ideen, für die ich immer zu haben bin, dann sagen sie fast immer spontan „ja“.

Bei den anderen höre ich nur: Ja gerne, aber ... tolle Idee, aber ... so gibt es viele Menschen, auch gute Freunde von mir, die in ihrem Leben niemals irgendetwas mit mir anstellen würden. Ich habe wohl Verständnis dafür, aber diese Freiheits-Emanzipationskämpfer wie Elli, zu denen zieht es mich dann doch eher hin, wenn ich etwas vorhabe und eine Begleitung suche.

Und dann ist da noch ein älterer Herr, der ab und zu auch in unserer Runde dabeisitzt. Bob aus USA. Er fiel mir schon beim Einsteigen auf, weil er weder Funktionskleidung noch Rucksack trägt, sondern Anzug, Hemd und Krawatte, einen eleganten Mantel und einen Koffer. Er sieht so aus, als ob er gesundheitlich nicht so ganz auf der Höhe ist; berichtet, er würde in die ganze Welt reisen, prahlt etwas nervig damit, wo er überall schon war. Es gibt wohl keinen Ort, den er noch nicht gesehen hat. Er habe viel Geld und wolle das jetzt ausgeben. Wobei man sich fragt, warum er kein Kreuzfahrtschiff besteigt. Er macht sich damit nicht ganz so beliebt, da er aber sehr allein zu sein scheint und auch nicht so Anschluss findet, landet er schließlich an unserem Tisch. Er sitzt meist nur dabei und redet sonst nicht viel.

Am nächsten Tag fahren wir durch den Golfo de Penas. Das Schiff schwankt, die Wellen sind 3 – 6 Meter hoch. Hoffentlich wird mir nicht schlecht. Die Crew hat Reisepillen verteilt, weil wir hier durch die offene See fahren. Das dauert etwa zehn Stunden. Aber es geht gut. Einige werden allerdings tatsächlich seekrank und sehen sehr leidend aus.

Das Essen ist fantastisch, abends gibt es Lachs und mittags Hähnchen, zweimal warm am Tag, zweimal Menü. Man bewegt sich ja kaum, trotzdem habe ich viel Hunger. Vielleicht weil ich die meiste Zeit draußen auf dem Deck bin. Das macht die Seeluft, hätte meine Mutter gesagt.

Als das Meer sich beruhigt hat, passiert das Unfassbare: ein Blauwal, so lang wie das Schiff. Das glaubt mir keiner, ein unvergesslicher Anblick. Ich kann mich gar nicht satt sehen und vor Staunen vergesse ich ein Foto zu machen. Hinterher bin ich darüber sehr zufrieden und damit sehr einverstanden.

Abends hören wir einen Vortrag über die Tiere, die sich hier tummeln und über den Blauwal: Er kommt in allen Weltmeeren vor und kann bis zu 33 Meter lang werden und bis zu 200 Tonnen schwer. Auch kann er sehr alt werden, mindestens 100 Jahre, wenn nicht älter.

Mein Fotoapparat macht schlapp. Das Objektiv lässt sich nicht mehr einfahren. Das gibt es ja gar nicht, dasselbe ist mir mit demselben Fotoapparat beim Eintritt in Machu Picchu vor vier Jahren passiert.

Dieser Fotoapparat hält diese Schönheit nicht aus. Er streikt und vielleicht hat er Recht. Jedes Mal macht das etwas mit mir und jedes Mal stellt sich mir die Frage: Warum machst du diese Fotos, warum reist du nicht ohne Kamera? Das wäre eigentlich für mich reizvoller. Ich würde dann ganz anders nochmal in die Welt schauen. Aber ich traue mich das nicht, weil ich weiß, dass ich inzwischen auch vergesslich geworden bin und mich beim Betrachten alter Fotos erinnern und riesig freuen kann über vergangene Ereignisse, die ich so möglicherweise nicht in mein Gedächtnis hätte zurückholen können. Also eben doch ein paar Erinnerungsfotos nur für mich. Anderen Menschen zeige ich die Fotos fast gar nicht, weil ich weiß, dass viele sich emotional nicht wirklich für die Fotos und Reisen anderer interessieren, es sei denn, es gibt da irgendetwas, mit dem man sich selber identifizieren kann.

Ich frage einige Männer an Bord, die Fotoapparate bei sich tragen, die richtig gut und teuer aussehen, und die ständig fotografieren, in der Annahme, dass sie sich auskennen und meinen Apparat wieder in die Gänge kriegen können. Sie bas­teln ein bisschen dran herum und wissen auch keinen Rat.

Nach zwei Tagen hat er sich wieder selbst repariert, wie damals auch.

Mein Freund Siegfried, genannt SAGA, ist Künstler und hat eine ganz eigene Art, Erinnerungen herzustellen. Wenn er und seine Frau reisen, benutzen sie die Technik der Frottage.

Er sagt dazu: „Die Kunst und die Welt des Reisens als Openair-Atelier zu nutzen, war unser Ziel. Aber wie? Ausgangspunkt waren zunächst die herzlichen und aufschlussreichen Begegnungen mit blinden Menschen. Sie lenkten unsere Aufmerksamkeit mehr denn je hin zum

bewussteren Sehen und Begreifen. Um dies bildhaft zum Ausdruck zu bringen, spezialisierten wir uns auf die so genannte Frottagetechnik. D.h., wer als Kind das Profil (Relief) einer Münze mit Bleistift auf ein Blatt Papier durchgerieben (franz. frotter)hat, kennt dieses 2000 Jahre alte Druckprinzip.

Auf unseren Reisen z. B. durch alle 28 Hauptstädte der Europäischen Union, durch deutsche Universitätsstädte oder entlang der Eisenbahnstrecke von Berlin über Moskau bis Vladivostok, galt es, markante landes- und städtetypische Reliefoberflächen an Gebäuden, an Denkmälern, auf Straßen und Plätzen und in Parkanlagen zu finden und als geeignet zu erfassen. Diese Reliefentdeckungen wurden sodann mittels farbigen Ölkreiden auf passend vorbemalte Stoffbahnen vor Ort original frottiert. Dabei verwiesen die vielfältigen Symbole, Ornamente, Texte, Zahlen, Namen und Strukturen auf die teils tragischen, aber auch fortschrittlichen Vergangenheitsereignisse in historischer, kultureller, gesellschaftlicher, ökonomischer und religiöser Hinsicht. Auf diese Weise entstanden sich verdichtende kaleidoskopartige Kompositionen.

In der Quintessenz führte diese künstlerische Vorgehensweise in der Welt des Reisens, nicht nur vor Ort, sondern auch bei nachfolgenden Kunstausstellungen, zu bereichernden Begegnungen von und mit international aufgeschlossenen Menschen.“

Am dritten Tag fallen die Schwächen der Fähre auf. Sie ist veraltet und vergammelt, aber daran stört sich niemand. Diese Reise ist so einzigartig, dass ich sie wohl mit jedem Schiff machen würde, sofern es sauber ist, und das ist es.

Es ist ein neues Erlebnis für mich, in einer Gruppe fünf Tage auf einem Schiff zu sein ohne Landgang. Es ist eine wunderbare Erfahrung mit netten Menschen, die auf dieser Fahrt wie eine Familie sind. Wenn man Frühaufsteher ist, so wie ich, dann trifft man jeden Morgen noch vor dem Frühstück zum Sonnenaufgang dieselben Menschen, dieselben ­Frühaufsteher. Auf so einer Tour kann man recht vertraut miteinander werden und erzählt sich viele private Dinge. Das tut gut und man ist geschützt, weil man sich nach Ende der Fahrt wahrscheinlich nie im Leben wiedersehen wird. Gleichzeitig kann man sich auf diesem Schiff aber auch sehr gut aus dem Wege gehen und es entsteht nicht so eine Gruppendynamik wie zum Beispiel bei einer Busreise. Ich freue mich sehr, dass ich diese Fahrt gemacht habe.

Langsam erreichen wir den Golf von Ancud. Hier sind die Fahrwasser ruhig. Der Golf wird von den Inseln des Chiloe- Archipels geschützt, mein nächstes Ziel.

Chiloe ist eine grüne, hügelige Insel.

Auf der gegenüberliegenden Seite auf dem Festland ragen zum Schluss der Reise noch zwei gewaltige schneebedeckte Vulkane in den blauen Himmel.

Dann ändert sich das Wetter. Es ändert sich ständig und rasch, erst Regen und Wolken, kurze Zeit danach, nach einem heftigen Wind, wieder strahlend blauer Himmel und gespens­tische Ruhe. Das Schiff gleitet vorbei an Seelöwen, Pinguinen und Delfinen.

Um 8.30 Uhr morgens erreichen wir Puerto Montt.

Chiloe,

Puerto Varas,

Valdivia

Puerto Montt ist eine wichtige Hafenstadt. Auch Kreuzfahrtschiffe legen hier regelmäßig an. Die Lage ist fantastisch, mit Blick auf den Vulkan Osorno, ein guter Ausgangspunkt für Expeditionen. Vor allem kann man hier hervorragend Fisch essen. Ich will aber am gleichen Tag weiter auf die vorgelagerte Insel Chiloe, an der wir mit der Navimag schon vorbeigefahren sind. Allerdings, einen Fisch esse ich vorher noch.

Im Norden Chiles regnet es weiter. Es regnet immer mehr – Überschwemmungen, Regen in der Atacama-Wüste, Regen in San Pedro de Atacama – Klimawandel. Die Straßen sind nicht ausgerichtet auf Regen und schwimmen weg.

Busfahrten sind nicht mehr möglich. Ich habe Bilder von Touristen in Nordchile gesehen, wie sie bis zu den Hüften im Wasser, das Gepäck über den Kopf haltend, vom Bus in ein Haus waten. In Arica ganz oben im Norden sind ganze Gehwege weggebrochen.

Die Bewohner sind ja Wetterkapriolen gewohnt, aber dies ist auch für sie sehr ungewöhnlich. Klimawandel ist nicht so im Bewusstsein der Südamerikaner. Vieles, was für uns eine Naturkatastrophe ist, nehmen sie hier deutlich gelassener. Sie haben weniger die Illusion, man müsse die Natur beherrschen und kontrollieren können. Sie sind es gewohnt, mit Erdbeben und Vulkanausbrüchen zu leben.

Ich werde meine Pläne ändern müssen. Nach San ­Pedro de Atacama fährt jetzt kein Bus. Deswegen werde ich von ­Santiago de Chile oder Valparaiso erst nach Nordargentinien gehen, nach Mendoza. Dort regnet es nicht.

Chiloe ist eine entspannte Insel, geprägt von bunten Holzhäusern und Holzkirchen.

Die farbigen Häuser, Pfahlbauten, die über dem Wasser errichtet wurden, heißen Palafitos und die ebenfalls farbigen Holzkirchen gehören teilweise zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Kirchen wurden von den Jesuiten gebaut, die bis zu ihrer Vertreibung 1767 die Ureinwohner missionierten und dann von den Franziskanern abgelöst wurden.

Auch hier genieße ich den frischen Fisch und esse fast jeden Tag Merluza a la Plancha, Muscheln oder andere Meeresfrüchte.

Der Bus von Puerto Montt nach Ancud auf Chiloe braucht zwei Stunden und fährt alle 30 Minuten. Ein kleines Stück setzt er dann mit der Fähre über.

Das Hostel in Ancud sagt mir nicht so zu. Es ist laut und es ist weit bis ins Zentrum.

Ich besichtige diese Holzkirchen und bestaune nachmittags Seelöwen und Kormorane auf einer kleinen vorgelagerten Insel, die ich mit dem Boot erreiche. Hier kann man sehr gut die Tiere beobachten, die sich über die ganze Insel verteilen.

Abends gibt es im Mercado Municipal eine Paella Marinara, eine köstliche, reichhaltige Fisch- und Muschelsuppe.

Aus den Nachrichten erfahre ich, dass der Norden Chiles jetzt sogar gesperrt wurde wegen der Überschwemmung.

So gemütlich, wie die Insel ist, schlendere ich zum Fort und begegne wieder vielen Tieren. Am letzten Tag in Ancud geht es mit einer geführten Tour, zusammen mit zwei chilenischen Familien zu einigen kleinen Inseln und Holzkirchen. Manchmal ist es gut, wenn man eine Führung hat. Da erfährt man dann doch eine Menge mehr über die Kultur. Im Bus und auch beim gemeinsamen Mittagessen unterhalte ich mich mit einer chilenischen Familie. Der Mann ist bei der Armada, bei der Marine, und die Frau ist Krankenschwester. Sie wohnen in Santiago und machen Urlaub auf Chiloe. Sie erzählen von ihrem Alltag und ihren Berufen. Eine ganz normale Mittelstandsfamilie. Nicht so viel anders als bei uns.

Ich komme erst abends um 20 Uhr zurück und bin schockiert. Der Hostelbesitzer hat mein Zimmer geräumt und alle meine Sachen durcheinander in Plastiktüten in eine Ecke verfrachtet. Ich denke, ich sehe nicht recht. Er hat die Verlängerungsnacht, die ich gebucht hatte, nicht eingetragen und jetzt das Zimmer anderweitig belegt. Ich kann ihm eine Bestätigung über die Verlängerung in seiner Email zeigen. Ich bin sehr wütend und finde das einfach übergriffig. Ich bekomme dann ein Bett in einem Doppelzimmer für die letzte Nacht, das andere Bett ist von einer US-Amerikanerin belegt, und ein Frühstück. Beides habe ich nicht bezahlt. Er hat sich dann aber noch entschuldigt.

Castro ist die Hauptstadt der Insel. Nach Ankunft am Busbahnhof suche ich die Casa Amelia und finde sie nicht. An der angegebenen Adresse stehen keine Namen. Es gibt zwar eine Klingel, aber darauf reagiert niemand. Hintendran im Hof sitzt eine ältere Dame mit zwei Katzen. Ich erkläre ihr, dass ich in dem Haus ein Zimmer gemietet habe. Sie sagt, da würde nichts vermietet. Eine Wohnung sei leer und in der anderen lebe ein junger Mann, der aber bei der Arbeit sei. Ich komme so nicht weiter und frage noch in einem Laden nach. Ich habe kein Telefon für Chile, aber den Ladenbesitzer kann ich dann sehr freundlich zweimal bitten, die angegebene Telefonnummer anzurufen. Schließlich tut er es. Es ist etwas schwierig herauszufinden, was denn die Person am anderen Ende der Leitung gesagt hat. Dieser Ladenbesitzer scheint mir gegenüber misstrauisch. Kein Wunder, Frauen reisen hier nicht allein.

Schließlich erfahre ich, dass jemand kommt. Ich warte noch eine ganze Weile bei der Frau mit den zwei Katzen im Hinterhof und dann kommt tatsächlich ein junger Mann, Felipe, mit einem Cockerspaniel. Ich erkläre ihm, dass ich ein Zimmer in seiner Wohnung gemietet habe. Er entschuldigt sich, er habe arbeiten müssen. Der junge Mann, er ist ein Mapuche, macht einen sehr sympathischen Eindruck und der Hund überzeugt mich. Ich bin in Tiere ganz vernarrt, so dass ich ihm ins Haus folge.

Eine sehr schöne Wohnung, ein schönes Haus. Das ganze Haus gehört ihm, er hat es geerbt, wie sich später herausstellt. Es ist hübsch eingerichtet und sehr sauber, auch mein Zimmer, natürlich ein Doppelzimmer, wie alle Zimmer in Südamerika.Einzelzimmer gibt es fast gar nicht, weil Einzelpersonen, außer ein paar Geschäftsleuten, nicht reisen. Es gibt für Paare und Familien und für die einzeln reisenden Geschäftsleute Hotels. So habe ich immer ein Doppelzimmer und zahle allerdings auch immer mehr als eine Person eines Paares. Das Bad teile ich mit dem Besitzer und Frühstück macht er mir auch.

Felipe erzählt von seiner Familie, von seinem Volk, den Mapuche. Felipe ist ein stolzer Mapuche. Sie haben es nicht leicht in Chile, auch hier gibt es Rassismus und Vorurteile gegenüber den Ureinwohnern. Ihr Land wurde durch die chilenische Armee nach der Unabhängigkeit enteignet und um die Rückgabe kämpfen sie noch heute. Auch wenn die Verhältnisse sich im Laufe der Jahre für die Mapuche gebessert haben, sie sind nicht wirklich integriert. Sie sehen ihr Land und ihre Kultur als die Grundlage ihres Lebens an und das Leben im Einklang mit der Natur gehört zu ihrem Glauben.

Diese Insel ist landschaftlich wunderschön. Manches erinnert mich an Neuseeland.

Felipe nimmt mich morgen mit auf ein Musikfestival, tradi­tionelle chilenische Volksmusik, traditionell gebrautes chilenisches Bier. Ein Handwerkermarkt und traditionelles Essen. Er erklärt mir alles und ich koste mich durch die vielen Speisen durch. Gegen Abend tanzen die Menschen – Volkstänze, in Trachten, viele ältere Einwohner, viele Mapuche darunter. Wir fahren mit dem örtlichen Bus spät zurück. Ein wunderschöner Tag und ich habe so viel über Chile gelernt. Die Menschen sind so freundlich und freuen sich offensichtlich, wenn ein Fremder ihre Feste besucht.

Auf Ausflügen und Bootsfahrten gibt es außer mir nur chilenische Touristen. Sie sind meist laut und lachen viel und sind sehr interessiert an Deutschland. Sie reisen immer mit Großfamilie und sie sind kontaktfreudig.

Die Familienstruktur in Südamerika ist festgelegt. Man lebt in Großfamilie und Unternehmungen finden immer mit allen statt, egal wie alt, sofern sie noch können. Auch kleine Kinder werden zu jeder Tages- und Nachtzeit überall mit hingenommen. Der Mann ist das Oberhaupt der Familie und eine Frau wird gegen den Willen ihres Mannes kaum etwas unternehmen. Die Rollen sind ziemlich festgelegt, das heißt, dass die Frauen den Haushalt machen, obwohl Männer auch oft liebevoll mit den Kindern umgehen, aber dass ein Mann Hausmann sein könnte, ist eigentlich undenkbar, obwohl die Frauen ja durchaus auch berufstätig sind. Aber trotzdem ist die ganze Familie patriarchalisch orientiert und es gibt einen starken Zusammenhalt. So wie in unserer Kultur Autonomie der Ehepartner oft von Bedeutung ist, so kann man sich das hier nicht vorstellen.

Und dass eine Frau alleine durch die Welt reist – gar nicht denkbar. Deswegen werde ich immer wieder, in jedem süd­amerikanischen Land, manchmal mehrmals am Tag gefragt: „Esta sola?“ (Sind Sie allein?) Wenn ich das bejahe, muss ich es erklären und sie wollen es genau wissen. Wo ist der Mann? Wo sind die Kinder? Warum allein reisen? Sie können es sich einfach nicht vorstellen, dass Frau auch alleine reisen kann, obwohl sie verheiratet ist.

Wenn mir die vielen und häufigen Fragen auf den Geist gehen oder ich manchmal auch keine Lust auf ewige Erklärungen habe, weil man das nicht ein paar Mal am Tag machen kann, sage ich, dass mein Mann im Hotel ist und damit ist es dann zu ihrer Zufriedenheit erledigt.

In Castro herrscht ein Wahnsinnsverkehr. Es ist laut, voll, heiß – unangenehm. Ich fahre in den Parque Nacional Chiloe mit einer kleinen Gruppe. Wir besichtigen noch ein paar besonders schöne Holzkirchen, die über die Insel verteilt sind. Im Nationalpark gibt es eine längere Wanderung und dann ein gemeinsames Mittagessen; Lachs auf chilenisch mit chilenischem Wein. Der ist nicht schlecht. Wieder sind mit mir nur Chilenen unterwegs.

Bei einer Wanderung stellt sich so ein Urlaubsgefühl ein. Ja ich hatte auf meiner Reise immer wieder auch das Gefühl: ich bin urlaubsreif. Somit beschließe ich, jetzt Urlaub zu machen. Das hat wohl auch etwas mit dem Klima hier zu tun, das sich meist in angenehmer Mittellage verortet und damit nicht so anstrengend ist.

Am letzten Abend gehe ich mit Felipe nochmals auf ein anderes Folklorefest. Wir hören Mapuche-Musik. Ich lade ihn zu einem Artesanal-Bier ein und wir haben eine Menge Spaß.

Von Puerto Montt sind es nur 20 Kilometer bis Puerto Varas. Die Stadt liegt am Südufer des Llanquihue-Sees, mit rund 860 Quadratkilometern der zweitgrößte See Chiles. Von hier hat man einen traumhaften Blick auf drei schneebedeckte Vulkane – wieder eine Filmkulisse. Am faszinierendsten ist der Gipfel des schneebedeckten Osorno, wenn die Wolken ihn freigeben. Entsprechend viele Touristen laufen hier herum.

Deutsche Einwanderer haben Tradition und prägen die Stadt. Ich begegne unverwechselbarer deutscher Architektur und deutschen Straßennamen.

Bei einer Tour um den See erfahre ich Genaueres über die erste Besiedlung durch die Deutschen. Vieles zeugt noch davon – es gibt hier Kuchen – der heißt auch so, man spricht es nur etwas spanisch aus. Aber er kann unbedingt mit Großmutters Selbstgebackenem mithalten und die Argentinier lieben es – wie sie alles Süße lieben. Es kann gar nicht süß genug sein. Ich koste Apfelstrudel – und der heißt auch so – mit Vanillesoße. Mindestens so köstlich wie bei uns.

Ich habe mir ein paar alte deutsche Villen angesehen und bin dann mit dem Sessellift den Osorno-Vulkan bis zur Schneegrenze hochgefahren. Der Blick von hier oben ist dramatisch.

Manche Epoche Chiles war ein ständiger Wechsel von Erdbeben und Vulkanausbrüchen über die Jahre hinweg. Ein Hin und Her von Destruktion und Konstruktion – aber die Menschen leben damit. Sie verlieren alles und dann bauen sie alles wieder auf. Das ist Chile, das Land mit den meisten Erdbeben.

Bei einer Tour um den See besuche ich das hübsche Städtchen Frutillar. Es wurde von deutschen Einwanderern 1856 gegründet. Es gibt hier ein schönes Theater und das Museum „Museo Colonial Aleman de Frutillar“, das die Besiedlung durch die Deutschen ab Mitte des 19. Jahrhunderts dokumentiert.

Eine Schifffahrt auf dem nahe gelegenen Lago Todos los Santos führt bis an die Grenze zu Argentinien.

Im Hostel wohnt auch ein älteres Ehepaar aus Deutschland. Sie laden mich abends auf ein Glas Wein ein und erzählen von ihrer Reise. Sie sind nun auch schon drei Monate unterwegs, wohnen wie ich meistens in Hostels und organisieren auch alles selbst. Allerdings sind sie zu zweit. Sie erzählen von den Galapagosinseln und schwärmen von Kolumbien. Alle tun das, so dass es für mich schon länger klar ist, dass ich auch nach Kolumbien reisen möchte. Sie stellen alle ihre Fotos und auch ihr Tagebuch ins Internet, damit es jeder nachlesen kann. Es ist das erste Mal, dass ich Reisende in meinem Alter treffe. Sie bestätigen mir, dass Ältere solche Fernreisen auch nach ihrer Erfahrung dann doch eher organisiert machen und in der Gruppe reisen.

Mein nächstes Ziel ist Valdivia. Drei Busstunden entfernt, eine hübsche Studentenstadt. Es gibt eine Uni und viele sehr gemütliche Studentenkneipen. Da kann ich abends mal alleine hin. Hier habe ich mir das erste Mal ein Appartement gebucht. Darauf freue ich mich, aber es ist eine Enttäuschung. Es ist klein und dunkel und nicht besonders sauber. Ein Studentenappartement in einer Studentenstadt. Das Erste, was ich tue, ist durchputzen. Sonst würde ich mich nicht wohlfühlen. Dann richte ich mich ein. Es ist zwar alles da: Kochecke, Bad, Minihochklapptisch und Bett, aber es ist so beengt wie in einem kleinen Wohnwagen und das Bett ist ein Hochbett. Bloß weiß ich nicht, wie ich da reinkommen soll. Nicht so einfach, schließlich bin ich keine zwanzig mehr. Es gibt keine Leiter oder Ähnliches. Ich muss auf den wackeligen Hocker steigen. Da denke ich, als ich mich da hochquäle, ich bin doch alt. Früher wäre das gar kein Problem gewesen und früher wäre mir auch nie der Gedanke gekommen, dass es vielleicht gefährlich ist oder ich stürzen könnte. Also mit etwas Übung komme ich dann die Nächte ins Bett, aber es ist sehr speziell. Doch dann stellt sich dieses Jugendherbergsgefühl ein und weckt alte Erinnerungen, schöne, mit denen ich einschlafe.

Der Hausmeister hat zwei große Hunde, die sind nett, aber sie machen ihr Geschäft jeden Tag genau vor meine Tür. Ich habe mich beschwert. Er putzt es weg, nach einer Stunde liegen dort wieder zwei Haufen. Ich gebe auf.

Am zweiten Tag geht die Dusche nicht mehr. Ich beschwere mich. Eine Stunde später kommt der Hausmeister mit einem Handwerker, der eine komplett neue Dusche mit Armatur, Duschwänden und allem, was dazugehört, einbaut.

Ich putze danach dann lieber selber, dann weiß ich, dass es sauber ist. So habe ich eine nagelneue Dusche und bin zufrieden und muss doch über Südamerika schmunzeln. Das meiste funktioniert nicht, aber die Leute sind in der Regel so liebenswürdig, dass man nicht wirklich böse sein kann.

Ich gehe an die Küste, an den Hafen, die Hafenpromenade und amüsiere mich köstlich über die Seelöwen, die dort tatsächlich auf der Straße entlang watscheln, meist in Richtung Fischmarkt, um dort so lange zu warten, bis sie dann doch Fischabfälle bekommen. Auch eine Unmenge Vögel ernähren sich dort. Die Seelöwen leben im Süßwasser. Valdivia liegt am Fluss, nicht am Meer, 15 Kilometer vom Pazifik entfernt am Delta des Rio Valdivia. Seelöwen findet man sonst nicht im Süßwasser. Dies ist eine sehr seltene Anpassungsleistung.Ein besonders dicker gewaltiger Seelöwe, ein Macho, sitzt am Hafen und ein Hund kann ihn offensichtlich nicht leiden und bellt ihn recht aggressiv an. Der Seelöwe streckt die Nase in den Himmel und lässt sich in keiner Weise beeindrucken, so lange, bis der Hund den gebührlichen Abstand nicht mehr einhält und die Distanz deutlich unterschreitet. Seelöwen können sehr schnell sein. Mit einer blitzartigen Kopfdrehung hat der Löwe den Hund im Nacken gepackt und in hohem Bogen ins Hafenbecken geschleudert. Der Schreck ist groß, der Hund offensichtlich dermaßen überrascht, dass er nicht mal jault.

Er hat es überlebt, die Leute haben ihn aus dem Hafenbecken gezogen, wohl unverletzt, aber einem Seelöwen wird er wohl nie wieder zu nahe kommen.

Von Valdivia aus kann man Tagesfahrten auf dem Fluss machen. Ich habe eine gebucht. Dies ist meine erste Kaffeefahrt in Chile. Eigentlich hätte ich es mir denken können. Es sind nur Chilenen an Bord. Sie sind so laut wie die schreckliche Musik. Sie trinken einiges an Alkohol und es gibt eine Animation per Lautsprecher, Gegröle. Schwer zu ertragen, aber interessant trotzdem. Ich bin dann aber froh, als es vorbei ist. Auf dem Weg zum Appartement fängt es an zu gießen und ich werde klatschnass.

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