Kitabı oku: «Sommergäste in Sophienlust»

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Ell Wendt

Sommergäste in Sophienlust

Ein heiterer Roman

Saga

Sommergäste in Sophienlust

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1956, 2020 Ell Wendt und SAGA Egmont

All rights reserved

ISBN: 9788726629248

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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1

Der fünfte März begann wie alle Tage; vielleicht war er um eine Schattierung grauer und trübseliger als seine Vorgänger.

Beim Frühstück war Johannes schlechter Laune, weil er sich verschlafen hatte und zu spät dran war. Hinz, siebenjährig, schleckte den Honig vom Brot und mußte abwechselnd von Johannes und mir ermahnt werden. Schließlich war es so spät geworden, daß Johannes ihn im Wagen zur Schule nehmen mußte.

Ich war froh, als beide fort waren. Es herrschte nun eine grämliche Stille in der Wohnung. Ich ging umher und wedelte mit dem Staubtuch über die Möbel. Alles kam mir verbraucht und aufbesserungsbedürftig vor im grauen, nichts beschönigenden Licht dieses Tages. Das Wohnzimmer müßte eine neue Tapete haben, dachte ich, und die Bezüge sind auch schon recht verschossen. Ich seufzte bei dem Gedanken, wieviel Geld nötig war, um dem Verfall erfolgreich zu steuern. Wenn man der Wissenschaft glauben darf, erneuert sich der Mensch alle sieben Jahre von Grund auf; warum ist es bei den Dingen unseres täglichen Lebens nicht ebenso?

Meine Gedanken gingen zu Johannes. Wenn der neue Roman von Armin Pütter, den er im Herbst herausbringen will, ein Bombenerfolg wird — — Ich konnte mir die geringe Wahrscheinlichkeit dieser Hypothese nicht verhehlen. Johannes ist ein Idealist; er will das Publikum zu seinem Glück zwingen. Armin Pütters Bücher hingegen haben die Eigenschaft, im gleichen Maße an literarischem Wert zu gewinnen, in dem sie für den Durchschnittsleser ungenießbar werden. Der Vertrieb geistiger Erzeugnisse ist ein ebenso edles wie saures Brot! Wenigen Auserwählten gelingt es, damit auf einen grünen Zweig zu kommen.

Manchmal kann ich mich des ketzerischen Gedankens nicht erwehren, daß Johannes besser getan hätte, Apotheker oder Delikatessenhändler zu werden. Vielleicht stellten wir dann heute eine wohlfundierte Familie dar! Auf keinen Fall jedoch werde ich Hinz gestatten, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten, obwohl auch er schon einen unverkennbaren Drang zu künstlerischer Betätigung offenbart.

Auf meinem Schreibtisch prangt von seiner Hand ein getreues Porträt unseres wackeren kleinen Fordwagens, den Freund Tom, weniger seines prunkvollen Äußern, als vielmehr seines unverwüstlichen Motors wegen „August den Starken“ getauft hat. August, ein Modell aus dem Jahre 1929, ist hochrädrig wie ein Zirkuskarren; von Stromlinie, Vorderradantrieb und Schwingachse ist ihm nichts an der Wiege gesungen worden. Dafür verbindet er das Aussehen unbestechlicher Rechtschaffenheit mit dem imponierenden Lärm eines Rennwagens. Wenn wir zu einer kleinen Sonntagsfahrt aufbrechen, strömt die Nachbarschaft an die Fenster, wo ihre Neugier sich alsbald in verständnisvolles Schmunzeln verwandelt.

„Seid froh, daß ihr überhaupt einen Wagen habt“, sagt Tom, der, als Maler einem noch weniger gewinnbringenden Beruf als wir ergeben, auf dem Fahrrad erstaunliche Leistungen im Überbrücken von Entfernungen vollbringt.

An jenem fünften März kam die zweite Post wie gewöhnlich um elf Uhr. Sie brachte einen Einschreibebrief an Johannes. Ich drehte den gelben Umschlag mißtrauisch hin und her; er roch förmlich nach Steuer und Finanzamt! Nun wird er sich wieder ärgern, dachte ich, als ich den Brief auf Johannes’ Schreibtisch legte. Gelbe Umschläge mit Maschinenschrift pflegten im allgemeinen nichts Erfreuliches zu enthalten. Manuskripte waren hoch das Beste, was man von ihnen erwarten durfte, und auch sie stellten meist ein zweifelhaftes Vergnügen dar.

Dieser Brief sah nicht nach Manuskript aus. „Dr. Hellbrich / Rechtsanwalt und Notar“ stand links unten in der Ecke. Also doch nicht vom Finanzamt! Ich wurde sehr neugierig, aber ich versagte es mir heroisch, den Brief zu öffnen. Johannes und ich waren der Ansicht, daß die Gemeinsamkeit der Ehe sich nicht auf das Briefgeheimnis erstreckt.

Auch Johannes betrachtete mittags den gelben Brief voller Argwohn. „Hoffentlich kein romanschreibender Rechtsanwalt“, sagte er, „das hätte mir noch gefehlt!“

„Warum?“ fragte ich, „vielleicht käme einmal etwas Spannendes dabei heraus. Du mit deinem ewigen Armin Pütter — —“

Johannes hatte den Brief geöffnet, er las halblaut: „Sehr geehrter Herr Berthold — — teile ich Ihnen mit — — mangels Leibeserben — —“ Sein Gesicht nahm einen ungläubigen Ausdruck an, seine Augen flogen über die Zeilen — —

„Sag, ist es etwas Schreckliches?“ fragte ich atemlos.

Johannes ließ das Blatt sinken. „Eva“, sagte er erschüttert, „wir sind Hausbesitzer geworden!“

2

Es ist keine Kleinigkeit, sozusagen von einer Minute zur andern in den Besitz eines Hauses zu gelangen, das bisher allen Wünschen so unerreichbar gewesen war wie ein Schloß im Mond. Die Nachricht traf uns unerwartet wie der berühmte Blitz aus heiterem Himmel. Wir brauchten Zeit, unser Glück zu fassen.

Rein äußerlich betrachtet, verhielt sich die Sache folgendermaßen: Wir hatten vor einigen Wochen die Nachricht von Onkel Theodors Tod mit der milden Trauer zur Kenntnis genommen, die man beim Ableben alter und entfernt lebender Verwandten zu empfinden pflegt. Der Onkel hatte das immerhin beachtliche Alter von 75 Jahren erreicht; fast ein Jahrzehnt lang hatten wir ihn nicht mehr gesehen. Er verbrachte seinen Lebensabend, von einer betagten Haushälterin betreut, in L., eine Tagereise von uns entfernt.

Wir wußten, daß er herzleidend und seit dem Tode seiner Frau, der guten Tante Sophie, ohne rechte Lebensfreude gewesen war. So waren wir geneigt, den Tod in diesem Fall als freundlichen Erlöser zu betrachten. Es war uns bekannt, daß des Onkels ehemals beträchtliches Vermögen durch unglückliche Spekulationen stark zusammengeschmolzen war; kein Gedanke an Erbschaft hatte sich in unsere Wehmut um den guten Onkel eingeschlichen. Um so unverhoffter kam uns dieser Brief, in dem schwarz auf weiß zu lesen stand, daß Onkel Theodor mangels Leibeserben seinem Neffen Johannes Berthold das Landhaus Sophienlust in Seewang a. See, Oberbayern, vermache. Mit allem Inventar.

Wir luden Tom zum Abendessen ein, das große Ereignis gebührend mit uns zu feiern. Tom, blond und von riesenhafter Statur, packte Johannes bei den Schultern und schüttelte ihn, bis ihm Hören und Sehen verging. „Gratuliere, alter Junge!“ rief er mit dröhnender Stimme, „haha, das nenne ich Glück — im Unglück“, fügte er, des verstorbenen Onkels eingedenk, taktvoll hinzu.

Auch Hinz war außer Rand und Band. „Warum hat der Onkel uns das Haus nicht schon früher geschenkt?“ fragte er, als ich ihn zu Bett brachte.

„Aber Herzchen, er wollte doch selber darin wohnen.“

„Wollte er gar nicht“, rief Hinz, „Onkel Tom hat gesagt, er versteht nicht, warum der alte Knabe —“

„Putze dir ordentlich die Zähne“, unterbrach ich streng, und nahm mir vor, Tom zur Vorsicht in Gegenwart des Jungen zu ermahnen.

Hinz sprang mit einem Anlauf ins Bett und hupfte darin auf und nieder, daß die Federn krachten. „Ich freue mich, ich freue mich!“ sang er nach einer selbst erfundenen Melodie und wollte anschließend wissen, ob wir nun immer in dem neuen Hause wohnen würden.

„Das wird sich alles finden“, sagte ich und deckte ihn zu mit der dringenden Aufforderung, er möge ein guter Junge sein und schnell einschlafen.

Im Wohnzimmer setzte ich mich in einen der großen, mit buntem Cretonne bezogenen Sessel. Die Stehlampe mit dem geblümten Seidenschirm tauchte den Raum in sanftes Licht; alle Mängel an Wänden und Möbeln schienen ausgelöscht. Ich hörte Johannes sagen, daß Onkel Theodor seit Tante Sophiens Tod nicht mehr gern in Sophienlust geweilt habe. Das Haus sei mehrmals vermietet gewesen, doch nun stehe es schon seit geraumer Zeit leer.

„Und wann werdet ihr hinausziehen?“ fragte Tom.

„Das ist eben die Frage“, sagte Johannes bedächtig (diese Bedächtigkeit brachte mich manchmal zur Raserei), „wahrscheinlich werden wir es uns nicht leisten können, das Haus zu bewohnen.“

„Bist du wahnsinnig?“ riefen Tom und ich aus einem Munde.

Johannes lächelte überlegen. „Wie stellt ihr euch das eigentlich vor?“ hub er an, „Sophienlust ist kein Wochenendhäuschen, sondern eine ausgewachsene Villa mit mindestens zehn Zimmern und einem beträchtlichen Park. Um die Jahrhundertwende legte man Wert auf Geräumigkeit. Rechnet euch mal bitte die Steuern aus, Grundsteuer, Hauszinssteuer usw., von den übrigen Spesen gar nicht zu reden!“

Ich schwieg betreten, während Tom sich erkundigte, ob Johannes an die Möglichkeit glaube, das Haus zu einem annehmbaren Preis zu verkaufen.

„Nein“, sagte Johannes düster, „wer kauft heute schon ein großes Haus?“

„Na also“, sagte Tom befriedigt, als sei damit alles aufs beste geregelt.

„Was soll das heißen?“ fragte Johannes gereizt.

„Daß ihr selber darin wohnen werdet“, verkündete Tom.

„Aber ich sage dir doch gerade —“

In mir schoß ein Gedanke empor wie eine Leuchtrakete. „Wir müßten natürlich die Wohnung während der Sommermonate schließen.“

Johannes sah mich mißbilligend an. „Und das Büro?“ fragte er.

„Wozu habt ihr den braven August?“ kam mir Tom zu Hilfe, „außerdem kannst du jederzeit bei mir übernachten.“

Johannes schwieg nachdenklich. Dann erklärte er in einem Ton finsterer Endgültigkeit, er habe den ganzen Nachmittag mit Berechnungen zugebracht. Wie man es auch drehe und wende, das Haus sei zu groß und zu kostspielig für eine Familie von drei Personen.

Nun konnte ich nicht länger an mich halten. „Wir werden das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden“, rief ich frohlockend.

Johannes und Tom sahen mich erwartungsvoll an.

„Indem wir in Sophienlust wohnen und zahlende Gäste aufnehmen werden“, fuhr ich siegesgewiß fort, „wenn jeder pro Tag zehn Mark zahlt —“

„Hör auf, hör auf“, schrie Johannes, „du bist verrückt geworden!“

„Warum?“ fragte Tom, „ich finde, sie ist vernünftiger als du.“

Ich sandte einen dankbaren Blick zu Tom hinüber. Johannes lächelte mit beleidigender Skepsis, aber dann begannen wir doch, den Plan zu erörtern. Die Rechnung mußte aufgehen, wenn wir imstande waren, genügend Gäste aufzunehmen. In diesem Fall müsse sich sogar ein Überschuß herauswirtschaften lassen, behauptete Tom.

Johannes starrte, von Zweifeln bedrängt, vor sich hin. „Wir werden morgen hinausfahren und uns das Haus ansehen“, entschied er schließlich, „seit zehn Jahren hat Onkel Theodor es nicht mehr bewohnt. Ich könnte mir vorstellen, daß es eine ziemliche Bruchbude ist.“

„Um so romantischer wird es werden“, sagte Tom, „schon der Name Sophienlust strotzt von Romantik. Die Gäste werden sich darum reißen, zu euch zu kommen. Sei kein Narr, Johannes! Das Schicksal gibt euch höchstpersönlich eine Chance!“

Aber Johannes, pessimistisch von Natur, ließ sich nicht ohne weiteres gewinnen. Er fragte düster, ob ich mir darüber klar sei, daß wir auf jedes Privatleben verzichten müßten, falls der Plan sich verwirklichen lasse.

Ich lachte. Im Augenblick kam mir alles ungeheuer einfach vor. Der geldliche Erfolg würde uns für jede Entsagung entschädigen. „Denk nur, Johannes, wir werden es zu Wohlstand und Ansehen bringen. Niemand wird in Zukunft sagen können, daß wir einem brotlosen Beruf obliegen. Und wenn obendrein der Roman von Armin Pütter ein Bombenerfolg wird —“

„Stop!“ rief Tom lachend, „deine Phantasie schießt ins Kraut, meine Liebe!“

3

Am nächsten Tage fuhren wir hinaus nach Seewang a. See. Der sechste März gab dem fünften an Unfreundlichkeit nichts nach. Ein kalter Regen schlug gegen die Windschutzscheibe und zwang Johannes, den Scheibenwischer in Tätigkeit zu setzen, eine Maßnahme, zu der wir uns ungern entschlossen, denn der Scheibenwischer hatte die Gepflogenheit, sich festzuhaken und unsere Fahrt mit dem hartnäckigen Tack-Tack eines Maschinengewehrs zu begleiten. Einer von uns mußte dann aussteigen, um ihn zu seiner Pflicht zurückzuführen.

Nachdem ich zum dritten Male ausgestiegen war, wandte ich mich mit der Frage an Johannes, ob er es für möglich halte, daß wir uns einen neuen Wagen leisten könnten, falls wir über Erwarten zahlreiche Gäste bekämen. Johannes schnob verächtlich durch die Nase. Er war stark von August in Anspruch genommen, der auf der holperigen Straße am Seeufer einer kundigen Hand bedurfte. Seewang war von der Stadt in vierzig Minuten mit dem Auto zu erreichen. August benötigte eine Stunde, um die Strecke zu bewältigen. Wir fuhren mit Getöse in den kleinen Ort ein und hielten an, um einen Einheimischen nach der Wohnung des Schreiners Xaver Windschagl zu fragen, der die Schlüssel zum Hause in Verwahrung hatte.

Wir waren nie zuvor in Sophienlust gewesen, da wir zu einer Zeit nach M. zogen, als der Onkel schon seinen ständigen Wohnsitz in L. hatte. Es war uns nur bekannt, daß das Haus etwa zehn Minuten vom Ort entfernt, in stiller Abgeschiedenheit am Seeufer lag.

Xaver Windschagl war nicht zu Hause; statt seiner erbot sich seine Gattin Rosina, uns nach Sophienlust zu begleiten. Sie war eine rüstige Frau in den Vierzigern, deren Dirndlgewand viel Molliges umschloß; während der kurzen Fahrt beklagte sie wortreich sowohl Onkel Theodors Tod als auch Sophienlust, dem die verschiedenen Mieter arg zugesetzt hätten.

„Ein so ein herrliches Haus“, seufzte Frau Windschagl, als wir von der Landstraße abbogen und nach einer kurzen steilen Abfahrt durch ein hölzernes Gatter, das ehemals grün gewesen sein mochte, das Landhaus erreichten.

Wir verließen August und schauten uns beklommen um. Sophienlust war genau das, was man sich um die Jahrhundertwende unter einem Landhaus vorgestellt hatte. Zweistöckig, mit weißem Verputz und roten Sandsteineinfassungen an den Fenstern, mit trutzigen Giebeln und einem massiven runden Turm, der jedem Schloß zur Zierde gereicht hätte und zum Überfluß von einem winzigen Türmchen gekrönt wurde, lag das Haus wie ein Alptraum aus der Ankersteinbaukastenzeit vor uns.

Rundbogenfenster schauten uns an, deren oberes Drittel grün und obendrein mit Seerosenornamentik geschmückt war; hier und da gab es kleine hölzerne Balkons, sie waren der Fassade wie Vogelnester angeklebt. Sophienlust mochte vor dreißig Jahren ein pompöses Bauwerk gewesen sein; heute standen wir, Kinder einer sachlichen und zweckbetonten Zeit, mit frommem Schauder davor.

„Allerhand, was?“ sagte ich kleinlaut zu Johannes, während Frau Windschagl die Haustür aufschloß. Johannes sagte gar nichts.

Nun standen wir in der großen Diele. Die Luft hier drinnen hatte eine verzweifelte Ähnlichkeit mit dem kühlen und atemraubenden Hauch, der einem aus Grüften entgegenweht. An den Wänden war der, weiße Verputz abgebröckelt; ein lebensgroßes Gemälde, irgendeinen Vorfahren aus Onkel Theodors Familie darstellend, schien ironisch so viel verschollene Romantik zu belächeln.

Wir durchschritten die Räume stumm und andächtig wie ein Museum. Onkel Theodor hatte es mit dem Altdeutschen gehalten: wir fanden dunkel getäfelte Wände und Butzenscheiben im Erker des Speisezimmers; wir fanden ein Büfett von unwahrscheinlichen Ausmaßen, mit Zinnen und Türmchen verziert. Es gab viel Zinn auf Wandbrettern und Truhen, kernige Wandsprüche in Brandmalerei, Stühle, deren Ornamentik sich schmerzhaft in den Rücken bohren mußte, und Geweihe! Vor allen Dingen Geweihe!

„Ich wußte gar nicht, daß der Onkel Jäger war“, sagte Johannes verwundert.

In Sophienlust sei der gnädige Herr niemals auf die Jagd gegangen, warf Frau Windschagl ein. Ich erkundigte mich leise bei Johannes, ob man Hirschgeweihe kaufen könne, einfach so im Laden, wie Zinn und Wandsprüche.

„Unsinn“, sagte Johannes ärgerlich und verharrte mit gerunzelter Stirn in Tante Sophiens Wohnzimmer.

Hier feierte der Jugendstil Orgien! Wiederum waren es Seerosen, die sich auf dem verschossenen graugrünen Plüsch der Möbel wanden; sie wiederholten sich auf dem Fries, mit dem die olivenfarbene Tapete abschloß, und kehrten in kunstvoller Holzarbeit auf einer Vitrine wieder, die, ehemals gewiß voll zierlicher Nippes, uns nun aus blinden Glasscheiben anstarrte. Über dem Sofa hing in schwerem Goldrahmen ein Reigen bacchantischer Mädchen in griechischen Gewändern, mit Rosenkränzen im Haar.

Tante Sophiens Wohnzimmer war der erste Raum im Hause, in dem es keine Hirschgeweihe gab. Aber man wurde dessen nicht recht froh.

„Laß uns einen Augenblick hinausschauen“, bat Johannes und trat ans Fenster. Vor uns lag, nur durch eine Wiese mit einem großen Lindenbaum getrennt, der See in grausilberner Weite. Hinter Regenschleiern ahnte man am anderen Ufer die zarten Umrisse sanft geschwungener bewaldeter Hügel. Es war ein Bild von großer geruhsamer Schönheit. Der Druck, der mein Herz umklammert hielt, seitdem wir das Haus betreten hatten, begann sich zu lösen.

Während wir die geschwungene Treppe zum ersten Stock hinaufstiegen, sagte ich zu Johannes: „Wir werden natürlich etwas hineinstecken müssen.“

Johannes sagte nichts; er ging, von unheildrohendem Schweigen umhüllt, durch die Räume. Es waren lauter Schlafzimmer. Wer Onkel Theodors Hang zur Einsamkeit nicht kannte, mußte den Eindruck gewinnen, daß er einer ausschweifenden Gastlichkeit gehuldigt hatte. Betten bekamen wir auf jeden Fall genug. Auch sie wiesen eine verwirrende Fülle kunstvoll gedrechselter Kugeln und zackiger Muschelaufsätze auf, und über Waschtischen und Kommoden hingen wiederum Geweihe.

„Wenn wir die Wände hell anstreichen lassen, wird es gleich freundlicher aussehen“, sagte ich tröstend zu Johannes.

Er schüttelte nur trübe den Kopf. Männer haben keine Phantasie. Johannes’ Blick haftete am trübselig Gegenwärtigeh, ohne die Möglichkeit, es kraft seiner Vorstellungsgabe in ein freundlich Zukünftiges zu verwandeln.

Zuletzt führte uns Frau Windschagl in den Turm, der unverhofft ein rundes Stübchen barg. Hier hatte Onkel Theodors Liebe zu verschnörkelten Möbeln und Hirschgeweihen haltgemacht; die Wände waren weiß gekalkt, und die Leere des kleinen Raumes legte sich besänftigend auf unsere Nerven. In Gedanken stellte ich helle Möbel hinein und versah die Fenster mit Vorhängen aus buntem Chintz.

„Dies wird unser schönstes Gastzimmer werden!“ rief ich frohlockend. Aber Johannes goß Wasser in den Wein meiner Begeisterung. Er behauptete, der Wind werde durch alle Fugen blasen und den jeweiligen Bewohner mit unheilbarem Rheumatismus schlagen. Ich schalt Johannes einen unverbesserlichen Pessimisten und wandte mich mit der Frage an Frau Windschagl, ob sie Lust verspüre, gegebenenfalls die Rolle einer Zugeherin in Sophienlust zu übernehmen.

„O mei“, verwunderte sich die Brave, „a Pension wollen S’ machen da heraußen?“

„Nicht ganz“, verbesserte ich, „wir werden hier wohnen und Gäste aufnehmen, zahlende Gäste.“

„I sog’s ja, a Pension“, beharrte Frau Windschagl und äußerte Zweifel an der Rentabilität eines derartigen Unternehmens. Ich zog es vor, das Gespräch nach einem Blick auf Johannes abzubrechen. Er sah genau so aus, als stimme er Frau Windschagl aus vollem Herzen zu.

Nachdem wir bei einem Gang durch den Park noch ein verfallenes Gartenhäuschen mit bunten Fenstern entdeckt hatten, das die Reste einer tönernen Zwergenfamilie und ein ebenfalls tönernes Reh mit abgebrochenen Vorderläufen barg, verabschiedeten wir uns erschüttert von Frau Windschagl. Wir bestiegen August den Starken und fuhren unter einem gewaltigen Aufwand an Lärm davon.

Auf der Landstraße tat Johannes endlich den Mund auf. Was dabei herauskam, klang nicht sehr ermutigend. Er nannte Sophienlust eine alte Bruchbude, die es verdiene, vom Erdboden zu verschwinden.

„Wie undankbar du bist“, schalt ich, „wenn das der gute Onkel hörte! Natürlich muß im Hause dies und jenes gerichtet werden.“

„Dies und jenes!“ höhnte Johannes. „Tausende wären nötig, um dieses Raubritterschloß in einen menschenwürdigen Zustand zu versetzen.“

Ich mußte lachen; die Vorstellung von Onkel Theodor als Raubritter entbehrte nicht der Komik. „Mit heller Farbe und Cretonne ist schon viel getan“, nahm ich das Gespräch wieder auf.

„Vor allen Dingen müßten Türen, und Fensterrahmen gestrichen werden“, sagte Johannes, dessen Sinn stets in erster Linie auf das Praktische gerichtet war, „und glaubst du etwa, daß unsere Gäste beim Anblick des Badezimmers jubeln werden?“ Nein, das glaubte ich keineswegs! Das Badezimmer war in der Tat ein dunkler Punkt. Es enthielt nichts außer einer verbeulten Blechwanne auf hohen Füßen und einem alten Ofen, der mit Holz zu heizen und schief wie der Turm von Pisa war. Auf Badekultur hatten unsere Altvorderen offenbar keinen Wert gelegt!

„Man müßte einen Waschtisch anbringen“, erwog ich nachdenklich.

„Man müßte, man müßte“, spottete Johannes.

„Mit deinem Pessimismus um jeden Preis kommen wir auch nicht weiter“, sagte ich böse.

Wir waren auf dem besten Wege, in Streit zu geraten. Eine Weile fuhren wir schweigend dahin. August schnob die Straße entlang wie ein Drachen; es war ein Wunder, daß er nicht auch Feuer spie.

„Nun, wir werden sehen, was sich tun läßt“, lenkte Johannes endlich ein.

Wir ließen das Innenarchitektonische vorläufig ruhen und wandten uns der Frage zu, ob Sophienlust gegebenenfalls umzutaufen sei. Es gab allerlei, was dagegen sprach, in erster Linie die Tatsache, daß das Haus unter dem Namen in der Gegend bekannt war. Außerdem hatte der Name etwas von lavendelduftender Altertümlichkeit. Er erinnerte mich an ein altes Schlößchen; es war in einem wundervollen Park gelegen, verwunschen wie Dornröschen, und hatte Sibyllenort geheißen.

„Wie werden sich unsere Gäste freuen, wenn sie sich etwas Ähnliches unter Sophienlust vorgestellt haben und dann der Wirklichkeit ins Auge sehen müssen“, bemerkte Johannes und steuerte August durch die Gefahren des städtischen Verkehrs unserer Wohnung zu.

4

Einige Tage später fuhr Johannes nach L., um die Formalitäten der Erbschaft mit Onkel Theodors Rechtsanwalt zu erledigen. Ich verhieß ihm bei seiner Rückkehr eine genaue Liste der neu anzuschaffenden Gegenstände. Johannes hatte sich bereit erklärt, der Instandsetzung von Sophienlust einen Tausender zu opfern. Die Summe kam mir riesengroß vor. Damals ahnte ich noch nicht, daß Sophienlust ein Moloch war, unersättlich im Verschlingen von Zahlungsmitteln.

Abends erschien zuweilen Tom; auch meine Freundin Lydia stellte sich ein und bot ihren Beistand an. Jeder für sich allein mochte noch angehen; wenn sie jedoch zusammentrafen, war es aus mit ernsthafter Beratung. Tom hatte ein Auge auf Lydia geworfen; er war von Stund an für den Ernst des Lebens verloren. Es blieb mir nichts übrig, als die beiden, mit Wein und Zigaretten versehen, in der Sofaecke sich selbst zu überlassen.

Eine Frage von entscheidender Bedeutung war die Festsetzung der Pensionspreise gewesen. Johannes und Tom hatten den von mir vorgeschlagenen Tagespreis von zehn Mark für die Ausgeburt einer größenwahnsinnigen Phantasie erklärt. Sie ließen auch einen schüchternen Hinweis auf den Nachmittagstee, der im Gegensatz zu anderen Pensionen in Sophienlust verabreicht werden sollte, nicht gelten.

„Mehr als 7 Mark 50 können wir auf keinen Fall verlangen“, erklärte Johannes und hielt mir alle Mängel, einschließlich des Badezimmers mit dem „schiefen Turm“ eindringlich vor Augen.

„Du vergißt die persönliche Behandlung, die wir unseren Gästen angedeihen lassen werden“, wandte ich ein.

„Dafür zahlt kein Mensch auch nur einen Groschen mehr“, sagte Johannes pessimistisch und fügte hinzu, daß wir Nordzimmer und Turmgelaß nur mit 6 Mark 50 in Rechnung bringen dürften.

Wir hatten einen Plan des Hauses ausgearbeitet, an Hand dessen wir feststellten, daß wir sechs, unter Hinzuziehung des Turmgemachs sogar sieben Gäste beherbergen konnten. Ich war voller Optimismus. Es mußte mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht auf unsere Kosten und sogar ein wenig darüber hinaus kämen!

Während Johannes fort war, fuhr ich nach Sophienlust hinaus. Ohne August erwies, sich die Fahrt nach Seewang a. See als mühseliges Unternehmen. Die Reichsbahn befuhr nur das Westufer des Sees. Von Amsteg aus war man auf den Postautobus angewiesen, der, laut Fahrplan, nur in den Monaten Juni bis Oktober mehr als dreimal täglich verkehrte. Was den Dampfer anging, so überquerte er unter souveräner Nichtachtung der Zuganschlüsse zweimal am Tage den See. Es gelang mir, Seewang mittels Bahn und Postauto in fast dreistündiger Fahrt zu erreichen. Wieder durchschritt ich mit der braven Frau Windschagl das Haus. Es fehlte an allen Ecken und Enden, meine Liste wurde über alle Befürchtungen hinaus lang. Johannes’ Gesicht umdüsterte sich, als er sie zu Gesicht bekam; er schärfte mir immer wieder ein, nur das Allernötigste dürfe angeschafft werden.

Die nächsten Wochen brachte ich in Warenhäusern und auf Versteigerungen zu. Meine Familie sah mich nur bei den Mahlzeiten; Hinz verwilderte zusehends, er trieb sich den ganzen Tag auf der Straße herum; ich hatte ihn im Verdacht, daß er überhaupt keine Schularbeiten mehr machte. Aber ich konnte es im Augenblick beim besten Willen nicht ändern.

Meine Gedanken gehörten einem Eßservice aus Nymphenburger Porzellan, das auf einer Auktion billig zu haben war, weil einige Stücke fehlten. Ich fand Stühle für das Eßzimmer, die den vorhandenen wohl an Pracht, nicht jedoch an Unbequemlichkeit nachstanden. Im Warenhaus liebäugelte ich mit einem Waschgeschirr, das mit Szenen aus Grimms Märchen geschmückt war, entschloß mich jedoch des Preises wegen schweren Herzens zu einem einfarbigen. Ich gedachte, die Waschgeschirre dem jeweiligen Wandanstrich anzupassen, in der Hoffnung, daß eine so feinsinnige Übereinstimmung der Farben die Gäste über das Fehlen fließenden Wassers trösten würde. Es galt, die Bestände an Bett- und Tischwäsche aufzubessern, Möbel für die große Terrasse und Liegestühle mußten gekauft werden. Fünfhundert Mark waren im Nu dahin.

Als wir das nächste Mal hinausfuhren, begleitete uns Tom mit Frieda. Es muß hier zum Verständnis des geschätzten Lesers eingeschaltet werden, daß Frieda weder Toms Frau noch seine Freundin ist. Wir sehen vielmehr in Frieda einen pechschwarzen Hund von gänzlich unbestimmbarer Rasse vor uns. Tom hatte ihn eines Tages halbverhungert auf der Straße aufgelesen; keine Frau konnte seither zärtlicher an ihm hängen als Frieda. Sie besaß unter ihrem düsteren Fell ein Herz voll goldener Treue. Tom hatte sie zur Erinnerung an seine erste Liebe Frieda getauft.

Während wir mit den Handwerkern verhandelten, wandelte er, von Frieda gefolgt, durch die Räume und brach angesichts der Hirschgeweihe, der Bilder und des ganzen verstaubten Hausrats in helle Begeisterung aus. Ihm zufolge gehörte Sophienlust einer Epoche an, die schon fast klassisch zu nennen war.

„Alles wiederholt sich“, predigte er entflammt, „unsere Generation läßt Biedermeier und Barock neu erstehen, oder sie huldigt der modernen Sachlichkeit. Unsere Kinder und Kindeskinder jedoch werden wieder in Plüschportieren und quastengeschmückten Polstermöbeln schwelgen. Ein paar Jahrzehnte höchstens, und Sophienlust ist, so wie es dasteht, hochaktuell. Ich für mein Teil bin heute schon so weit, diese ganze verstaubte Behaglichkeit zu genießen, ohne mich allerdings in ihren Besitz zu wünschen. Aber denkt an mich! Wenn Hinz einmal heiratet —“

„Halt ein“, riefen wir lachend, aber Tom war in großer Form wie immer, wenn er eines seiner Steckenpferde ritt.

Zum Schluß zeigten wir ihm das verfallene Gartenhäuschen; es brachte ihn vollends außer Rand und Band. Er konnte nicht genug davon bekommen, die Welt vermittels der bunten Scheiben in rotem, blauem und grünem Licht zu sehen. Dies Gartenhäuschen sei ein Stück wiedererstandener Kindheit, sagte er und versank in Erinnerungen an den Park seiner Großmutter, in dem es einen Irrgarten und ein „Persisches Zelt“ gegeben hatte.

Während der ganzen Rückfahrt schwärmte er davon und nahm uns zum Schluß feierlich das Versprechen ab, das Gartenhäuschen nicht abbrechen zu lassen.

5

Wie zieht man zahlende Gäste in sein Haus?

Wir sagten es allen Freunden und Bekannten, außerdem beschlossen wir, es mit einer Anzeige in den großen Tageszeitungen zu versuchen. Eines Abends legte ich Johannes einen Entwurf vor. Er hatte mich viel Kopfzerbrechen gekostet, und ich beobachtete mit geheimem Stolz Johannes’ Gesicht, während er halblaut las:

Sommer in Sophienlust

Zahlende Gäste finden Erholung in Landhaus an

schönstem oberbayerischem See. Jeder moderne

Komfort! Schöne Balkonzimmer mit herrlichem

Blick auf See und Gebirge! Sehr gute Verpfle-

gung! Lärm- und staubfrei. Idealer Aufenthalt

für geistige Arbeiter!

Preise von 6,50 Mk. bis 7,50 Mk.

Anfr.: Berthold, Landhaus Sophienlust,

Seewang a. See, Oberbayern

Johannes ließ das Blatt sinken. „,Jeder moderne Komfort‘ ist gut“, bemerkte er trocken.

„Du suchst mit Fleiß immer die Schwächen heraus“, rief ich ärgerlich, „so paradox es klingt: das ist nun einmal deine Stärke.“

Johannes verwies mich milde auf das Fehlen fließenden kalten und warmen Wassers und auf den schiefen Turm von Pisa. Wir ersetzten den modernen Komfort durch die unverbindlicheren Worte: komfortabel eingerichtet.

„Und wie kommst du auf den Idealaufenthalt für geistige Arbeiter?“ fuhr Johannes lachend fort.

Ich setzte ihm wortreich auseinander, daß geistige Arbeiter angenehme Mieter seien; von ihrer Mission erfüllt, pflegten sie blind zu sein für kleine Mängel in ihrer Umgebung.

„Na schön“, sagte Johannes, „hoffen wir also auf einen Zustrom an geistigen Arbeitern! Ein wenig Blindheit kann in Sophienlust nicht schaden.“

Die Arbeiten in Sophienlust gingen ihrer Vollendung entgegen. Herr Wunderl, der Malermeister, machte seinem Namen Ehre; er vollbrachte Großes im Verfertigen zartfarbiger Wandbemalungen. In den unteren Räumen hatten wir es aus pekuniären Gründen bei der dunkeln Wandvertäfelung gelassen. Wir machten aus der Not eine Tugend, indem wir feststellten, daß sie, im Verein mit den Geweihen, dem Ganzen das Ansehen wohlhabender Gediegenheit verlieh. Nur in Tante Sophiens Jugendstilsalon hatte die olivgrüne Tapete einem elfenbeinfarbenen Anstrich weichen müssen; Sofa und Sessel verbargen ihre stilisierten Seerosen unter Hüllen aus geblumtem Stoff. In diesem Zimmer würden sich unsere Gäste zu harmonischer Geselligkeit vereinen!

Soweit es möglich war, hatten wir in den Schlafgemächern die Muschelaufsätze und gedrechselten Kugeln an den. Betten entfernen lassen; Vorhänge und Decken aus heiterem Cretonne taten das Ihre, einen freundlichen Eindruck hervorzurufen.

Allmählich kam es dahin, daß wir uns mit Stolz als Besitzer von Sophienlust ausweisen konnten. Dieses Bewußtsein mußte uns über die betrübliche Tatsache trösten, daß der von Johannes ausgesetzte Tausender nicht unbeträchtlich überschritten worden war.

„Die Gäste werden es wieder hereinbringen“, sagte ich tröstend, „ein Unternehmen ohne Risiko gibt es bekannt lich nicht!“ Johannes konnte nicht umhin, diesen Ausspruch zu belächeln; seine Meinung von meinen geschäftlichen Fähigkeiten war außerordentlich gering.

Am ersten Mai übersiedelten wir nach Sophienlust. Ich hatte mich für die Sommermonate einer Köchin namens Fanny versichert, die laut Zeugnis „mit Erfolg im Gaststättengewerbe tätig gewesen war“. Außerdem nahmen wir unsere brave Rosa mit; seit Hinz’ Geburt stand sie unserem kleinen Hauswesen mit Umsicht vor. Sie würde mit Hilfe von Frau Windschagl die Hausarbeit verrichten und bei Tisch servieren, während Xaver Windschagl sich bereit erklärt hatte, im Nebenamt den Posten eines Hausmeisters zu übernehmen.

Unser Einzug gestaltete sich dank Tom und Lydia triumphal. Über der Haustür prangte, umrahmt von Girlanden, ein Transparent mit der verschnörkelten Inschrift: „Es lebe die Schloßherrschaft!“ In der Diele, die ihren feierlichen Moderduft allem Lüften zum Trotz getreulich bewahrt hatte, standen Tom und Lydia mit Frieda. Sie brachen bei unserem Anblick in einen kunstvollen Kanon aus, in dem wir und Sophienlust umschichtig gepriesen wurden. Frieda sang aus vollem Halse mit; ihre düstere Erscheinung war durch ein Blumensträußchen festlich aufgehöht.

Den Glanzpunkt der Empfangsfeierlichkeiten jedoch bildete die Überreichung eines schönen Bildes von Tom. Es wurde ausersehen, an Stelle der ringelreihentanzenden Mädchen mit den Rosenkränzen unser Wohnzimmer zu schmücken.

6

Die Antworten auf unsere Anzeige trafen durchaus nicht so schnell und zahlreich ein, wie ich erwartet hatte. Da wir die Frage, ob Sophienlust über fließendes Kaltund Warmwasser verfüge, mit Bedauern verneinen mußten, wurden unsere ersten zagen Hoffnungen im Keime erstickt.

„Früher haben sich die Leute doch auch aus einfachen Waschschüsseln gewaschen, ohne Schaden an ihrer Sauberkeit zu leiden“, sagte Johannes empört und vergaß, daß er selber auf Reisen stets großen Wert auf jene bequemen Waschtische gelegt hatte, in deren geräumige Becken das Wasser aus blanken Nickelhähnen floß.

Eine Dame aus Berlin wollte wissen, ob in Seewang a. See Tanztees und gutes Kino geboten werden. Im Gasthof zur „Blauen Forelle“ fanden zwar Samstags und Sonntags Kinovorstellungen statt, sogar mit Bierbetrieb, aber es war nicht anzunehmen, daß sie den Ansprüchen der Dame aus Berlin genügen würden, ebensowenig wie die Konditorei von Wimmers Erben, die, zwar ihrer Prinzregententorten wegen berühmt, doch kaum als Tummelplatz moderner Lustbarkeit angesprochen werden durfte.

Schließlich fragte ein Fräulein Posiegel aus Potsdam an, wie es mit schattigen Waldspaziergängen beschaffen sei. Wir atmeten auf. Endlich eine Frage, die es uns ermöglichte, Seewang und seine Umgebung in leuchtenden Farben zu schildern. An Wald war kein Mangel, ebensowenig wie an idyllischen Ruheplätzchen. Wir sandten Fräulein Posiegel eine stark geschmeichelte Photographie, auf der sich Sophienlust als trutziges Schlößchen präsentierte, verbunden mit einem feurigen Hymnus auf die Reize der Natur.

Daraufhin teilte Fräulein Posiegel uns mit, der Gedanke, ihre Ferien in Sophienlust zu verbringen, habe viel Verlockendes; allerdings müsse sie uns darauf aufmerksam machen, daß sie überzeugte Vegetarierin sei. Ob wir diesem Umstand Rechnung tragen könnten?

Ich besprach mich mit Fanny, der im Gaststättengewerbe Erprobten. Sie fand keine Schwierigkeit in der Herstellung vegetarischer Kost. „Wann S’ mir nur koane Zuckerkranken daherbringen“, meinte sie, „oder solche, die wo’s auf der Leber haben! Dees war fei gfehlt!“ Ich versprach, mein möglichstes zu tun, und verhieß Fräulein Posiegel außer Vegetarischem in Hülle und Fülle unser schönstes Südzimmer mit Balkon zu RM 7.50.

Einige Tage schwebten wir in Ungewißheit; dann jedoch kündete Fräulein Posiegel ihr Kommen für Anfang Juni an. Mit der gleichen Post kam ein Brief von Onkel Eduard aus Magdeburg, in dem zu lesen stand, daß er unser Haus seinem Freunde, einem Herrn Amtsgerichtsrat Perlhuhn, aufs wärmste empfohlen hatte. „Und hoffe ich, daß Ihr meinem Vertrauen Ehre machen werdet“, schrieb Onkel Eduard und schloß mit „den besten Grüßen von Haus zu Haus“.

„Die Gäste kommen!“ rief ich triumphierend Johannes entgegen, als er abends mit August herauskam.

Wir saßen zu dritt im Speisezimmer beim Abendessen. Unsere Stimmen hallten in dem großen Raum; obwohl die weit offenen Fenster das sanfte Licht des Maiabends ungehemmt hereinströmen ließen, waren die Decken in tiefes Dunkel gehüllt.

„Wenn man bedenkt, daß Onkel Theodor und Tante Sophie sich hier monatelang allein gegenübergesessen haben —“, erwog ich nachdenklich.

„Haben sie sich gefürchtet?“ fragte Hinz interessiert.

Nein, das glaubten wir nicht; aber sehr gemütlich konnte es kaum gewesen sein, in einer Umgebung, in der alles auf düstere Feierlichkeit abgestimmt war. Allein die Stühle! Onkel Theodors Wappen mit dem blutdürstigen Löwen prägte sich auf schmerzhafte Weise meinem Rücken ein. Wir waren alle froh, als wir das Essen hinter uns hatten und durch den Park zum See hinunterbummeln konnten.

Die große Linde vor dem Hause prangte in schaumigem Grün. Wir gingen durch das feuchte Gras zum See hinab. Während Hinz im Gartenhäuschen jubelnd die Reize einer blutrot oder grasgrün gefärbten Welt entdeckte, saßen wir auf dem morschen Bootssteg und ließen die Füße über dem Wasser baumeln. Kleine Wellen verliefen wie Spitzengeriesel auf dem flachen Strand, der Abendwind spielte raschelnd im Schilf, es roch nach Wasser und faulem Holz.

Hinz kam herbeigelaufen und forderte Johannes zu einem Wettbewerb im „Butterbrotwerfen“ auf. Es galt, einen flachen Stein so auf das Wasser zu werfen, daß er mindestens vier- bis fünfmal die Wasserfläche berührte, bevor er versank. Vater und Sohn waren mit gleicher Hingabe bei der Sache; Johannes gestand Hinz eine Vorgabe zu, auf daß es kein unlauterer Wettbewerb werde. Es war ein herrliches Spiel!:

Ich saß allein auf dem Steg. Die bewaldeten Hügel am gegenüberliegenden Ufer zeichneten sich scharf vom dämmerigen Himmel ab; davor lag, ein Haufen heller umrißloser Flecken, die Ortschaft Seeried, die sich stolz Luftkurort nannte, weil sie über eine Seepromenade mit bunten Lämpchen und über ein „Strandhotel“ verfügte. Zur Linken, dort, wo der See kein Ende zu nehmen schien, schimmerte in zarten verwischten Umrissen das Gebirge. An föhnigen Tagen war es, als türme es sich, blauschwarz und drohend, unmittelbar hinter dem See auf. Die kleinen Wellen liefen den Strand herauf, in einem unaufhörlichen sanften Rhythmus. Mein Herz wurde weit in einem unnennbaren Glücksgefühl; das Dasein kam mir gut und einfach vor.

7

Mai in Sophienlust! Hellgrüne Wiesen, verschwenderisch mit Schlüsselblumen bestickt, und moorige Bächlein, von den goldenen Köpfchen der Trollblumen umsäumt! Weiße Wattewolken am seidenblauen Himmel und das vielstimmige Konzert der Frösche abends im Moor! Wir lebten herrlich und in Freuden. Das ganze Haus gehörte uns. Wir waren unsere eigenen Gäste und bewohnten die „Arena“, das imponierende Zimmer im ersten Stock, darin Onkel Theodors und Tante Sophiens Ehebetten sich wie Puppenbetten ausnahmen, so groß war es!

Hinz ging in Seewang zur Schule. Unablässig bestrebt, es seinen neuen Kameraden gleichzutun, lernte er von einem Tag zum andern gellend auf den Fingern zu pfeifen, und eines Abends erwischte ich ihn dabei, wie er, hochrot vor Eifer, seine Lederhose mit Lehm beschmierte, auf daß sie „zünftiger“ ausschaue.

Ich benutzte die stille Zeit zu Streifzügen ins Dorf und seine Umgebung. Seewang a. See schaffe sich mit freundlich bemalten Häusern um den kleinen Marktplatz, an dem die Kirche, das Schulhaus und ein funkelnagelneues Postamt lagen. Außerdem war hier der Gasthof zur „Blauen Forelle“, die Gemischtwarenhandlung des Herrn Egid Übelacker und die Konditorei von Wimmers Erben zu finden.

Die Glocke über der Ladentür gab einen bösartig scheppernden Ton von sich, als ich die Übelackersche Gemischtwarenhandlung betrat. Ich atmete mit Entzücken die von mannigfachen Gewürzen geschwängerte Luft. So hatte ich mir als Kind den Duft von Weihrauch und Myrrhen vorgestellt! Aus einer Tür, in deren obere Hälfte ein gardinenverhängtes Fensterchen eingelassen war, trat Herr Egid Übelacker, in eine Wolke von Tabakduft gehüllt, und fragte mit weltmännischer Verbeugung nach meinem Begehr. Ich erhandelte ein Pfund Kaffee und einen Karton Veilchenseife, Herrn Übelacker zuliebe, der sie unter Hinweis auf ein Plakat an der Wand, das eine von lila Chiffon umhüllte Dame mit rosenfarbenem Teint darstellte, als Spitzenleistung der Seifenindustrie pries.

Alsdann bat ich Herrn Übelacker, die Belieferung von Sophienlust mit kolonialen Erzeugnissen zu übernehmen. Sein gutmütiges Seehundsgesicht erstrahlte in einem breiten Lächeln. Er beteuerte eifrig, es werde uns an nichts mangeln, „indem daß“ sein Geschäft auf eine ehrwürdige Vergangenheit zurückblicke. Mit Stolz dürfe er es als das älteste am Orte bezeichnen. „I sog’s, wie’s is“, beschloß Herr Übelacker seine begeisterten Ausführungen und geleitete mich mit vielen höflichen Bücklingen zur Tür. Die Ladenglocke schepperte. — „Beehren S’ mich wieder“, rief Herr Übelacker mir nach.

Von Sophienlust führte ein schmaler, dicht verwachsener Pfad am Ufer entlang zur Dampferlände. Die Brücke ragte auf breiten Pfosten weit in den See hinaus; am Geländer war ein Fahrplan angebracht, auf dem zu lesen stand, daß Seewang a. See durch einen Morgen- und einen Nachmittagsdampfer mit der Welt verbunden war. Außerdem gab es zweimal am Tage ein fahrplanmäßiges Motorboot, das von einem bärtigen Manne in blauer Kapitänsmütze gesteuert wurde. Er sah Sigismund Rüstig in Hinzens Bilderbuch zum Verwechseln ähnlich.

Neben der Dampferlände unterhielt Quirin Moosburger außer einer kleinen Badeanstalt einen Bootsverleih. Sechs schmucke Boote lagen, mit klangvollen Namen versehen, auf dem Strand. Nach dem Geschäftsgang befragt, teilte Herr Moosburger mir mit, daß er zu wünschen übrig lasse, „indem daß“ es einen richtigen Fremdenverkehr noch nicht gäbe in Seewang.

„Ollwei rennen s’ nach Seeried, die Leit, bloß weil do a Gaudi ist mit die Kurmusik und die bunten Lamperl“, sagte er und spuckte verächtlich eine Prise Kautabak mit anerkennenswertem Schwung in den See. „Dös wern S’ aa no derlebn mit Eahnere Pension“, fügte er düster hinzu.

Ich sagte tröstend, daß man das Beste hoffen müsse und sich auf keinen Fall entmutigen lassen dürfe, aber Herr Moosburger schien einer pessimistischen Weltanschauung zu huldigen.

„O mei“, seufzte er und seine wasserblauen Augen starrten trübe in die Ferne.

Als ich nach Hause kam, lagen zwei Briefe auf dem Dielentisch unter dem Bild des ironischen Vorfahren. Im ersten kündigte Herr Amtsgerichtsrat Perlhuhn sein Kommen am 10. Juni an. Der zweite enthielt die Anfrage eines Herrn Buchholtz, der mit seiner Frau und einem 5jährigen Töchterchen seinen Urlaub in Sophienlust zu verbringen gedachte. Er legte großen Wert auf Morgensonne, „und bitte ich Sie, ein entsprechendes Zimmer reservieren zu wollen“.

Konnte er haben! Die „Blaue Grotte“, so benannt, weil ein farbenfroher Öldruck von Capri die kobaltfarbene Wand zierte, war nach Osten gelegen. Die Nachbarschaft mit einer gewissen Örtlichkeit würde Herrn Buchholtz, dem Sonnenanbeter, hoffentlich nicht stören. Das Töchterchen konnte im Turm schlafen, falls die Eltern nicht vorzogen, es bei sich zu haben. In diesem Falle mußte ein drittes Bett in die „Blaue Grotte“ gestellt werden.

Ich organisierte mit Feuereifer. Amtsgerichtsrat Perlhuhn sollte das „Handtuch“ beziehen, ein Zimmer im ersten Stock, das seinen Namen einem erheblichen Mißverhältnis zwischen Länge und Breite verdankte. Und Fräulein Posiegel bekam unser Prunkgemach, die „Arena“. Johannes’ Einwand, daß die „Arena“ ein Zweibettzimmer sei, wurde hinfällig durch die Tatsache, daß wir vorderhand kein zweites Ehepaar unterzubringen hatten. Außerdem galt es, das Alter zu ehren. Obwohl außer dem Wunsch nach schattigen Waldspaziergängen nichts in Fräulein Posiegels Brief Schlüsse auf die Zahl ihrer Jahre zuließ, konnte ich sie mir nur als Greisin im Silberhaar vorstellen. Beim Schlafengehen fragte ich Johannes, ob es ihm auch so gehe. Johannes knurrte, er stelle sich Fräulein Posiegel überhaupt nicht vor, da er sie noch früh genug zu Gesicht bekommen werde.

„Männer haben eben keine Phantasie“, sagte ich, „mit Ausnahme von Tom vielleicht.“ Es war mir eingefallen, daß Tom in bezug auf Fräulein Posiegel etwas von einer alten Himmelsziege geäußert hatte.

8

Am 5. Juni stand ich um drei Uhr vor dem Postamt in Seewang, um Fräulein Posiegel in Empfang zu nehmen. Es war dies eine Höflichkeit, die ich unserem ersten Gast schuldig zu sein glaubte. Johannes hatte das Ansinnen, Fräulein Posiegel mit August abzuholen, mit der unangebrachten Bemerkung zurückgewiesen, er verspüre keine Lust, Chauffeur in Sophienlust zu spielen. Wir waren im Zorn voneinander geschieden; ich konnte nicht umhin, seiner mit Groll zu gedenken, während ich, gemeinsam mit Xaver Windschagl und seinem Handwagen, auf den Autobus wartete.

In der Tür der Gemischtwarenhandlung lehnte gemächlich Herr Übelacker. Auch die spitze Nase des ältlichen Fräulein Wimmer tauchte zwischen Bonbongläsern und hochgeschichteten Schokoladetafeln auf. Es hatte sich herumgesprochen, daß wir unseren ersten Gast erwarteten.

Fahrplanmäßig um 15 Uhr 10 donnerte der rote Autobus heran. Es entstiegen ihm nur zwei Fahrgäste. Der eine war mir als der Molkereibesitzer Pischetsrieder bekannt; es gehörte nicht viel dazu, herauszufinden, daß der andere Fräulein Posiegel war. Ich näherte mich klopfenden Herzens der hageren Gestalt im grauen Staubmantel. „Fräulein Posiegel?“

Die alte Dame, die mit Feldherrnblick den Transport ihres Gepäcks vom Dach des Autobus herab auf die Straße überwachte, drehte sich überrascht um. Ich sah in zwei hellblaue Augen von durchdringender Klarheit. „Frau Berthold?“ sagte eine sonore Stimme. „Wie reizend von Ihnen, mich abzuholen!“

Nachdem der Koffer in Xaver Windschagls Handwagen verstaut war, fragte ich Fräulein Posiegel, ob es ihr nichts ausmache, die zehn Minuten Weges nach Sophienlust zu Fuß zurückzulegen. Fräulein Posiegel lachte — es klang wie das rauhe Lachen eines alten Generals. Während wir auf der sonnigen Landstraße dahinschritten, teilte sie mir mit, daß sie, ihren siebzig Jahren zum Trotz, noch ausgezeichnet zu Fuß sei und die Gewohnheit habe, bei jedem Wetter spazieren zu gehen.

„Man darf sich nur nicht gehen lassen“, rief sie aus, „sonst gerät man zum alten Eisen, ehe man sich’s versieht!“ Ich stimmte zu, nicht allein aus Höflichkeit; Fräulein Posiegel machte in der Tat einen erstaunlich rüstigen Eindruck, niemand hätte sie für eine Siebzigerin gehalten.

An der Haustür empfing uns Rosa im schwarzen Kleid und weißen Häubchen. Im Hintergrund verfolgte Hinz mit Interesse unseren Einzug. Ich warf ihm einen drohenden Blick zu. Da er sich erbittert geweigert hatte, Fräulein Posiegel zu Ehren ein sauberes Hemd anzuziehen, war ihm anbefohlen worden, auf keinen Fall in Erscheinung zu treten.

In der Diele blieb Fräulein Posiegel wie angewurzelt stehen. Sie schien mit Behagen den kühlen Moderduft zu atmen, ihr Blick streifte das Bildnis des ironischen Vorfahren und blieb an den Geweihen hängen. „Entzückend, die Hürschgeweihe!“ rief sie begeistert aus. Auf der Treppe zum ersten Stock berichtete Fräulein Posiegel, sie sei in einem Forsthaus aufgewachsen. Seit ihrer Kindheit hatte sie nie wieder „Hürschgeweihe“ in so reicher Anzahl angetroffen.

Ihre Freude war groß, als sie auch in der „Arena“ eines über dem Waschtisch entdeckte. Gottseidank fand die „Arena“ Fräulein Posiegels vollen Beifall. Sie trat auf den Balkon hinaus, der See erglänzte in wahrhaft himmlischer Bläue, von weißen Segeln fröhlich belebt, am Himmel trieben weiße Wölkchen wie eine Lämmerherde dahin — Fräulein Posiegel drückte mir bewegt die Hand. Sie nannte Sophienlust ein „hümmlisches Fleckchen Erde“ und uns „Auserwählte des Schicksals“, weil wir es bewohnen durften.

Zum Abendessen erschien Johannes. Fräulein Posiegel hatte den ganzen Nachmittag mit mir auf der Terrasse gesessen; ich hatte erfahren, daß sie, ehemals Lehrerin an einer „Höheren Töchterschule“, nun ihren Lebensabend in Potsdam verbrachte, im Besitz einer Rente, die ihr ein behagliches Dasein gestattete. Ich war in ihren Bekanntenkreis eingeweiht worden, in dem Superintendent Schlüters eine Hauptrolle zu spielen schienen, und wußte, daß sie ihre kleine Wohnung beruhigt hatte verlassen können, weil Frau Wirsing, die Zugehefrau, ein wachsames Auge darauf haben würde. Um diese Kenntnisse bereichert, entfloh ich in die Wirtschaftsräume, als Johannes erschien, und überließ ihm mit einem Gefühl der Erleichterung unseren ersten Gast.

Im Fortgehen hörte ich Fräulein Posiegel fragen, ob Johannes Jäger sei. „Diese Hürschgeweihe! Sie müssen wissen, mein lieber Vater —“ Ich konnte mich eines schadenfrohen Lächelns nicht erwehren. Johannes, der nie den Mund auftat, nun war die Reihe an ihm!

9

Nach der ersten Woche mit Fräulein Posiegel begannen wir, uns auf das Eintreffen der übrigen Gäste zu freuen. „Es ist gerade so wie mit Kindern“, sagte Johannes, „ein einzelnes macht mehr Mühe und Arbeit als ein halbes Dutzend“.

In der Tat, Fräulein Posiegel war ein bißchen anstrengend. Nicht genug damit, daß sie uns an ausgedehnten Streifzügen in ihre Vergangenheit teilnehmen ließ, sie bezeigte auch ein lebhaftes Interesse für alles, was uns betraf. „Daß ich doch nie etwas von Ihrem Verlag gehört habe!“ sagte sie kopfschüttelnd. „Dabei darf ich wohl sagen, daß ich in lüterarischer Beziehung ganz auf der Höhe bin.“

Wir lächelten ein wenig töricht.

„Kennen Sie übrigens Hannemann in Potsdam?“ fuhr Fräulein Posiegel fort. Nein, wir kannten Hannemann in Potsdam nicht.

„Ein ausgezeichneter Verlag“, sagte Fräulein Posiegel. „Er machte sich sehr um das Werk Hinrich Dirks verdient.“

„Dirks?“ rief Johannes, jäh erleuchtet. Wir sahen ihn gespannt an, aber er war schon wieder verstummt.

„Ich liebe seine Bücher“, sagte Fräulein Posiegel mit Betonung, „ihre schlichte Herzlichkeit gibt jedem etwas.“

„Gewiß“, sagte Johannes höflich. Ich warf ihm einen mißbilligenden Blick zu; seine Einsilbigkeit überstieg jedes Maß. Es wunderte mich durchaus nicht, als Fräulein Posiegel mir später scherzhaft anvertraute, mein „lieber Gatte“ scheine dem ob seiner Schweigsamkeit berühmten Feldmarschall Moltke nachzueifern.

„Du könntest wirklich auch einmal den Mund auftun“, sagte ich vorwurfsvoll im Anschluß an diese Unterhaltung, „warum sagtest du nichts über diesen — Hinrichs — oder wie er hieß, da du ihn doch zu kennen scheinst?“

Johannes stellte die empörte Gegenfrage, ob es mir vielleicht angenehm gewesen wäre, wenn er Fräulein Posiegel gesagt hätte, daß er seinerseits Hinrich Dirk für einen banalen Schwätzer halte, dessen Manuskripte er mit Entsetzen zurückgewiesen habe.

„Hast du übrigens an Frau Professor Aurelius geschrieben?“ fragte er, im Begriff, August zu besteigen.

Ich seufzte. Der Fall Aurelius drohte, sich zu einem Problem auszuwachsen. Frau Professor Aurelius hatte mir einen acht Seiten langen, von mütterlicher Sorge durchbebten Brief geschrieben. Es handelte sich um ihre Tochter Irmgard, die, von einer heftigen Bronchitis genesen, einer gründlichen Erholung bedurfte.

Frau Professor Aurelius schrieb, unser Haus sei ihr durch Frau Rechtsanwalt Schade, eine entfernte Verwandte von Johannes, aufs wärmste empfohlen worden, so daß sie hoffen dürfe, ihr zartes Vögelchen bei uns in bester Obhut zu wissen. Allerdings müsse sie darauf bestehen, daß Irmgard ein Südzimmer mit Balkon bekomme, da ihr ärztlicherseits Liegekur verordnet worden sei. Hier lag das Problem. Nur die „Arena“ und das „Handtuch“ hatten einen Balkon. Im ersten residierte Fräulein Posiegel, das zweite war Herrn Amtsgerichtsrat Perlhuhn versprochen, der ebenfalls Wert auf einen Balkon legte.

„Es hilft nichts, wir müssen Herrn Perlhuhn das, Grüne Kabinett‘ geben“, sagte ich zu Johannes, „obwohl es sich viel besser für ein junges Mädchen eignen würde.“

Das „Grüne Kabinett“ lag im zweiten Stock und war mit einem chintzbezogenen Alkoven und lichtgrünen Wänden besonders kokett ausgefallen.

„Angenommen, Sophienlust wäre ein wirkliches Schloß “, hatte Tom gesagt, „so würde der Fremdenführer an dieser Stelle sagen: ,Hier, meine Herrschaften, sehen Sie das Grüne Kabinett Ihrer Durchlaucht der Erzherzogin Bonaventura! Die Deckengemälde sind von Tiepolo. Beachten Sie, bitte, jene Aurora mit den anmutigen Formen. Dieselbe stellt ein Meisterwerk der Malkunst dar, insofern, als sie dem Besucher überall mit den Blicken zu folgen scheint. Wollen sich die Herrschaften bitte überzeugen‘.“ Und Tom hatte uns in die Ecke beim Waschtisch genötigt, dort, wo der Toiletteneimer stand, um uns die imaginäre Aurora mit der Eindringlichkeit eines alten Schloßkastellans vor Augen zu führen.

Ich konnte mir Herrn Amtsgerichtsrat Perlhuhn beim besten Willen nicht im „Kabinett der Erzherzogin Bonaventura“ vorstellen. Johannes jedoch erklärte, auf meine Phantasie komme es in diesem Fall nicht an. „Schreibe nur gleich an Frau Professor Aurelius“, sagte er und brauste nach einem ehelichen Kuß auf meine Stirn davon.

In der Haustür trat mir Fräulein Posiegel entgegen, zum täglichen Spaziergang gerüstet. Über dem schwarzen Kleid mit dem Spitzenjabot trug sie den grauen Staubmantel; obwohl die Sonne heiß und strahlend vom Himmel brannte, führte sie einen Regenschirm mit sich.

„Meine liebe Frau Berthold“, begann Fräulein Posiegel und lächelte mir leutselig zu, „es ist soo entzückend bei Ihnen, und Sie wissen, nicht wahr, wie überaus wohl ich mich in Ihrem Hause fühle! Aber wenn ich Sie auf eine Kleinigkeit aufmerksam machen darf —?“

„Aber bitte sehr“, sagte ich von trüben Ahnungen erfüllt; Vorreden dieser Art pflegten nichts Gutes im Gefolge zu haben. Schließlich stellte es sich heraus, daß ein Geräusch Fräulein Posiegels Nachtruhe beeinträchtigt hatte. „Ürgendwo“ hatte es geklappert, ein Fensterladen vielleicht.

Ich versprach, mit Xaver Windschagl dem Übelstand nachzuforschen. Nachdem wir heftige Versicherungen gegenseitigen Wohlwollens getauscht hatten, wandelte Fräulein Posiegel befriedigt davon.

Es war ein Morgen der Mißhelligkeiten. Hinz kam vorzeitig aus der Schule, blutig Und zerschunden wie ein Krieger nach der Schlacht. Er erklärte stolz, es habe ihn beim Räuber-und-Schandi-Spiel so „hingehaut“, daß er vom Lehrer heimgeschickt worden war, seine Wunden verbinden zu lassen.

In der Küche jammerte Fanny, weil Fräulein Posiegel zum Mittagessen Mangoldgemüse wünschte, das Fanny nirgends bekommen hatte. Es sei ein Kreuz mit dem „Vegetarischen“, und sie begreife überhaupt nicht, daß ein Mensch sich nur mit Grünfutter ernähre wie das liebe Vieh.

Ich schlug vor, Fräulein Posiegel Spinat vorzusetzen; vielleicht merkte sie den Unterschied nicht. Aber Fanny war anderer Ansicht. „Die?“ rief sie und sah mich funkelnd an, „dees is oane, die wo alles spannt!“

10

Am Tage von Buchholtzens Ankunft regnete es in Strömen. Es konnte ihnen nicht zugemutet werden, den Weg nach Sophienlust zu Fuß zurückzulegen. So wendete ich mich auf Xaver Windschagls Anraten an den Fuhrwerksbesitzer Grüneigl, der ein ausgedientes Taxi sein eigen nannte, das er gegen angemessenes Entgelt in den Dienst der Allgemeinheit stellte. Generationen hatten auf seinen erbsenfarbigen Plüschpolstern gesessen, und der Duft, der seinem Innern entströmte, erinnerte lebhaft an den eines Raubtierkäfigs. Herr Grüneigl steuerte sein Taxi persönlich den steilen Weg nach Sophienlust herunter; es klang, als bräche ein Lastwagen mit Anhänger über uns herein!

Buchholtzens kamen bleich und hohläugig zum Vorschein. Sie mußten mit Tee und Kuchen gelabt werden, bevor sie ein wenig aus sich herausgingen. Herr Buchholtz war das, was man einen schönen Mann nennt. Groß und gut gewachsen, mit glänzenden schwarzen Haaren, einem koketten Schnurrbärtchen und Mandelaugen, mußte er für Frauen, die südländisches Aussehen lieben, unwiderstehlich sein. Daß er Frau Buchholtz zum Bund fürs Leben erkoren hatte, war ein Beweis für die Anziehungskraft der Gegensätze. Frau Buchholtz besaß jene fahlblonde Unscheinbarkeit, hinter der man unablässig nach inneren Werten zu forschen bestrebt ist. Zweifellos war sie eine Gattin und Mutter von Format.

Die kleine Edith, fünfjährig und sehr schüchtern, schien der Mutter nachzugeraten. Sie tat am ersten Tag den Mund nicht auf und weigerte sich stumm aber hartnäckig, Hinz zu folgen, der sich auf meinen strengen Befehl hin mürrisch erbot, ihr das Gartenhäuschen mit den bunten Fenstern zu zeigen.

Buchholtzens hatten ihr Faltboot mitgebracht; sie gedachten bei Sonnenschein den ganzen Tag auf dem Wasser zu liegen. Als es gegen Abend aufhörte zu regnen, begaben sie sich an den See, um das Boot klarzumachen. Herr Buchholtz führte ein strammes Kommando, sogar die kleine Edith mußte heran, und nach einer halben Stunde war, wie der Schmetterling der Raupe, dem unscheinbaren Paket aus grauem Segeltuch ein stattliches Boot entschlüpft, das den Namen „Rumpelstilzchen“ in weißen Buchstaben am Bug führte.

Abends, beim Schlafengehen, pflegten Johannes und ich die Eindrücke des Tages auszutauschen. Eigentlich handelte es sich dabei weniger um einen Austausch als um einen Monolog meinerseits, den Johannes mit mehr oder weniger sparsamen Randbemerkungen begleitete.

Wir bewohnten jetzt ein Nordzimmer mit sehr wenig Platz, und Johannes war gereizt, weil er an allen Ecken und Enden anstieß. Trotzdem war ich sehr gespannt zu erfahren, wie ihm Buchholtzens gefielen. Johannes stand am Waschtisch und bearbeitete sein spärliches blondes Haar zur Förderung des Wuchses eifrig mit zwei Bürsten.

„Hm“, knurrte er mißmutig.

„Was willst du damit sagen?“ forschte ich wißbegierig.

„Er sieht wie ein Maronihändler aus“, tat Johannes endlich kund. Man mußte es ihm lassen: wenn er sich entschloß, seine Meinung zu äußern, traf er meist den Nagel auf den Kopf.

„Und wie findest du sie?“ Während Johannes ins Bett kroch, brummte er, kein Mensch könne von ihm nach dreistündiger Bekanntschaft einen geschlossenen Vortrag über die Familie Buchholtz verlangen.

„Sie ist ein armes Hascherl“, sagte ich.

„Schon möglich“, murmelte Johannes, halb im Schlaf.

Zwei Tage später hießen wir Herrn Amtsgerichtsrat Perlhuhn willkommen. Wir brachten es allmählich zu einer gewissen Routine im Empfang der Gäste. Angefangen bei der besorgten Frage, ob der Gast eine angenehme Reise gehabt habe, bis zum Hinweis auf die Klingel im Zimmer, bestimmt, Rosa oder Frau Windschagl herbeizurufen, klappte alles vorzüglich.

Amtsgerichtsrat Perlhuhn machte den Eindruck eines leicht zufriedenzustellenden Menschen. Er fand das „Grüne Kabinett“ viel zu schön für einen alten Junggesellen und verzichtete, ohne mit der Wimper zu zucken, auf den Balkon. Außer einem Rucksack und dem Angelgerät führte er kein Gepäck mit sich. Nicht zehn Pferde wären imstande, ihn an einen jener Orte zu bringen, an denen man gezwungen sei, sich mehrmals am Tage umzuziehen, beteuerte er beim Abendessen, da höre für ihn die Gemütlichkeit auf.

Fräulein Posiegel, die in Herrn Perlhuhn aus unbekannten Gründen einen Gesinnungsgenossen witterte, stimmte beifällig zu. Sie sagte, gerade in der vollkommenen Zwanglosigkeit seien Reiz und Erholung des Ferienaufenthaltes begründet.

„Sind Sie nicht auch dieser Ansicht, mein lieber Herr Berthold?“

Johannes schreckte auf. Er hatte sich gerade von Frau Buchholtz erzählen lassen, daß Edithchen ungewöhnlich spät die ersten Zähne bekommen hatte; Frau Buchholtz wollte wissen, ob dies bei Hinz auch der Fall gewesen sei.

Johannes sah mich fragend an; ich konnte ihm jedoch nicht zu Hilfe eilen, weil Herr Amtsgerichtsrat Perlhuhn eifrig bestrebt war, mich in die Geheimnisse des Angelsports einzuweihen. Zwischendurch war ich gezwungen, Hinz mit mahnenden Blicken zu bedenken, der das Heidelbeerkompott gleichmäßig auf Gesicht, Hände und sein weißes Hemd verteilte.

Nach Tisch überredete Fräulein Posiegel Herrn Perlhuhn zu einem kleinen Spaziergang am Seeufer. Herr Buchholtz orientierte sich bei Johannes über die Unterhaltungsmöglichkeiten in Seewang und brach anschließend zu einem Abendschoppen in die „Blaue Forelle“ auf. Was Frau Buchholtz betraf, so saß sie, nachdem die kleine Edith zu Bett gebracht war, mit mir unter der Linde und erzählte, an einem Pullover strickend, von ihrem Leben in der mitteldeutschen Kleinstadt.

Herr Buchholtz war Bankprokurist und obendrein ein Mahn von großen geselligen Talenten. In jedem Kreise war er beliebter und gefeierter Mittelpunkt. Frau Buchholtz fand dies nur allzu verständlich. Sie ließ den Pullover sinken und sah verloren vor sich hin. Es war nur bedauerlich, daß sie selber die Neigungen ihres Mannes nicht so teilen konnte, wie sie es gerne gewollt hätte. Seit Ediths Geburt war sie nicht recht gesund; es fehlte hier und da, der Arzt führte alles auf Blutarmut zurück. Frau Buchholtz hoffte, die Ruhe in Sophienlust werde ihr gut tun. Ein Mann von der strahlenden Gesundheit des Herrn Buchholtz fühlte sich zuweilen gereizt und behindert durch eine kränkliche Frau.

„Man versteht das ja nur zu gut, nicht wahr?“ sagte Frau Buchholtz mit einem schwachen Lächeln.

Ich sprach die herzliche Hoffnung aus, daß Frau Buchholtz sich in Sophienlust recht wohl fühlen möge. Vor meinem Auge stand der verführerische Herr Buchholtz mit dem koketten Schnurrbärtchen und den Mandelaugen. Die kleine unscheinbare Frau tat mir auf einmal in der Seele leid!

11

Der Sommer meinte es gut mit uns; himmelblau und golden reihte sich ein Tag dem andern an. Im Park von Sophienlust blühte der Heckenrosenstrauch an der Südseite des Hauses mit hundert hellen Röschen, und die Jasminbüsche am Zaun streuten verschwenderisch ihren süßen Duft aus. Xaver Windschagl mähte die Wiese. Heuduft brodelte in der Mittagshitze. Alle Schalen und Krüge im Hause waren voller Margeriten und roter Wiesennelken.

Die Gäste fühlten sich zu allerlei Unternehmungen angeregt. Fräulein Posiegel stach eines Nachmittags mit Sigismund Rüstig in See, einem plötzlichen Gelüst nach mondänem 5-Uhr-Tee auf der Terrasse des Strandhotels in Seeried folgend. Amtsgerichtsrat Perlhuhn jedoch, sofern er nicht angelnd am See stand, zog es vor, die Gegend um Seewang in langen Fußmärschen zu durchstreifen. In seinem grüngrau karierten Sportanzug, die Mütze mit einer Klammer auf der Brust befestigt, in der Hand einen mit zahlreichen Erinnerungsnägeln geschmückten Knotenstock, zog er fröhlich pfeifend davon, um erst zum Abendessen wiederzukehren. Der mandeläugige Herr Buchholtz lag den ganzen Tag mit „Rumpelstilzchen“ auf dem See. Von der Sonne goldbraun getönt, glich er mehr denn je einem Sohn des Südens, während seine Frau die kleine Edith bewachte, die in einem geblümten Leinenhöschen artig mit Sand und Steinchen spielte.

Hinz sah diesem Treiben mit der Überlegenheit des Siebenjährigen zu. „Sie traut sich nicht ins Wasser“, berichtete er, „nur bis dahin“, und er zeigte auf seine zerschundenen Knie. „Beim Räuber-und-Schandi-Spielen würde sie bestimmt schreien“, fuhr er nach einer Weile verächtlich fort.

Ich gab zu bedenken, daß Edith erst fünf Jahre alt und obendrein ein Mädchen sei.

„Ich mag keine Mädchen“, erklärte Hinz, „Mädchen sind fad!“

Einen Hinweis auf die Zukunft, die seine Ansicht über diesen Punkt grundlegend ändern werde, beantwortete er mit der Feststellung, daß er niemals heiraten werde, höchstens Tante Lydia.

„Aber Herzchen, bis du groß bist, ist Tante Lydia ja uralt mit einer Brille und weißen Haaren wie Fräulein Posiegel!“

Hinz dachte angestrengt nach und kam zu dem Ergebnis, daß er ganz schnell groß werden wolle, um Tante Lydia einzuholen. Ich streichelte seinen blonden Schopf und forderte ihn auf, Xaver Windschagl ein wenig beim Zusammenrechen des Heus zu helfen.

Vor mir lag der Speisezettel, eine der schwierigsten Fragen in meiner neuen Tätigkeit als Pensionsinhaberin. Schon im kleinen Haushalt eine mühselige und undankbare Aufgabe, wächst er sich im großen zu einer wahren Sisyphusarbeit aus. Johannes hatte mir ein vegetarisches Kochbuch verschafft, eigens für Fräulein Posiegel, außerdem pflegte ich mir in einem anderen Rat zu holen mit dem verlockenden Titel: „Schmackhaft und bunt, zu jeder Stund.“

Trotzdem blieb der Speisezettel ein ewiger Alpdruck. Sollte es beispielsweise Rostbraten geben, so war mit Bestimmtheit anzunehmen, daß an dem betreffenden Tage in ganz Seewang nur Kalbfleisch zu haben war. Kalbfleisch, das wir unseren Gästen gerade auf die verschiedenste Art zubereitet — schmackhaft und bunt, zu jeder Stund — vorgesetzt hatten!

Fanny, obwohl mit Erfolg im Gaststättengewerbe tätig gewesen, verfügte nicht über eine schöpferische Phantasie. Ihre Vorschläge liefen stets auf Schweinsbraten mit Semmelknödeln und Salat hinaus, oder aber sie brachte Schmorfleisch mit Makkaroni in Vorschlag mit der Behauptung, die Gäste im „Wilden Mann“ in Vilshausen hätten solches mit Vorliebe gegessen. Der Ehrgeiz, Sophienlust den Ruf einer gepflegten Küche zu verschaffen, kam mich sowohl in materieller als auch in ideeller Beziehung teuer zu stehen.

„Wir müssen sparen“, sagte Johannes, über das Wirtschaftsbuch gebeugt, „wenn wir auf unsere Kosten kommen wollen.“

Ich fragte ihn, ob er jeden Tag Schweinernes mit Knödeln und Kraut essen wolle wie die Gäste im „Wilden Mann“.

Johannes erwiderte ausweichend, der Speisezettel sei meine Sache; es liege jedoch im beiderseitigen Interesse, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. Von diesem Tage an beschloß ich, den Vorschlägen der Köchin Fanny ein willigeres Ohr zu leihen.

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