Kitabı oku: «Trugbilder»

Yazı tipi:

Ella Danz

Trugbilder

Angermüllers 11. Fall


Zum Buch

Schöner Schein „Tonya ist eine erfolgreiche Influencerin“ erzählt Mia, die Mutter von Kommissar Angermüllers Nachbarin, ihm stolz. Der Kommissar wiederum weiß eigentlich gar nicht, was das genau ist. Gleichzeitig ist Mia in Sorge, denn Tonya wollte längst von einer Reise zurück sein. Als in einem geschlossenen Strandbad am Pönitzer See eine verbrannte Frauenleiche gefunden wird, ist Angermüller alarmiert. Ist es etwa die junge Frau von nebenan? Doch die Tote wird als Jasmina Bogdanovic identifiziert, jung, hübsch, ebenfalls Influencerin und ziemlich vertrauensselig. Zu vertrauensselig? Tonya hingegen bleibt verschwunden. Als sie auch zu Mias Geburtstagsfeier nicht auftaucht und ihre Schwester Vicky feststellt, dass jemand Tonyas Wohnung durchsucht hat, wendet sie sich an Kommissar Angermüller. Kurz darauf entdeckt Vicky das abgestellte Auto ihrer Schwester in Lübeck und die hinzugezogenen Beamten machen im Kofferraum einen überraschenden Fund …

Ella Danz, gebürtige Oberfränkin, lebt seit ihrem Publizistikstudium in Berlin. Nach Jahren in der Ökobranche ist sie mittlerweile als freie Autorin tätig. Ihr spezielles Interesse gilt der genauen Beobachtung von Verhaltensweisen und Beziehungen ihrer Mitmenschen. In ihren Angermüller-Krimis wird gern gekocht und gegessen, mischt sich Spannung mit Genuss. Und der Kommissar, ein sympathischer Oberfranke im Lübecker Exil, kämpft nicht nur gegen das Verbrechen, sondern auch gegen schlechtes Essen.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © manza49 / Pixabay

ISBN 978-3-8392-6850-6

Widmung

Für Moni und für W.!

Kapitel I

»Hi, Schatzi!«, zwitscherte es hinter ihm. Überrascht drehte er sich um. Kaskaden rotblonder Locken umrahmten das Gesicht, das fast zur Hälfte von einer monströsen schwarzen Sonnenbrille bedeckt wurde. Die Trägerin konnte höchstens Schemen wahrnehmen, denn der Himmel war bedeckt, und es herrschte abendliches Zwielicht. Kannte er die Frau? Verwechselte sie ihn mit jemandem? Ehe er sich darüber weiter Gedanken machen konnte, hing sie an seinem Hals.

»Wie schön, dass du schon da bist!«

Sie hauchte ihm ein Küsschen auf beide Wangen, dann gab sie ihn frei. Ihre auffällig geschminkten Lippen verzogen sich zu einem reizenden Lächeln, gleichzeitig schob sie mit beiden Händen den Kragen ihres eleganten Mantels hoch.

»Ach bitte, mach schnell. Mir ist so kalt!«

Leicht irritiert tat Angermüller wie ihm geheißen und schloss die Haustür auf. Mittlerweile dämmerte ihm, wer ihn da so stürmisch begrüßt hatte. Seine Nachbarin richtete den Blick zum Gartentor.

»Na dann tschüs, Tonya, wir sehen uns«, rief ihr von dort jemand zu. Auch Angermüller schaute sich um. Ein dicklicher junger Mann stand auf dem Bürgersteig, hob eine Hand zum Gruß und wandte sich dann zum Gehen. Er wirkte enttäuscht.

»Ja, bye-bye, Fabi, hoffentlich bis bald mal wieder!«, rief die junge Frau freundlich, schlüpfte schnell in den Hausflur, nahm die Sonnebrille ab und lehnte sich an die Wand. Plötzlich wirkte sie zugleich erschöpft und verärgert.

»Entschuldigung, dass ich mich so an Sie rangeschmissen habe, aber das war ein Notfall«, sie seufzte hörbar, »der Typ ist etwas aufdringlich, den wäre ich bestimmt so schnell nicht losgeworden.«

Doch im nächsten Moment schon stand sie wieder aufrecht, zeigte dieses zauberhafte Lächeln und schien ihre Worte von eben zu bereuen.

»Ach, ich rede nur irgendeinen Quatsch. Also, vielen Dank für Ihre Hilfe, und einen schönen Abend noch!«

Damit drehte sie sich zu ihrer Wohnungstür, die der von Angermüller gegenüberlag, und schloss auf. Sie wohnte erst seit ein paar Monaten hier und hatte sich nie vorgestellt. Laut Namenschild hieß sie K.B. Frederiksen. Bis auf einen kurzen Gruß hie und da im Vorübergehen hatten sie noch nie miteinander gesprochen.

»Frau Frederiksen, wenn der Mann von eben Sie öfter verfolgt oder Sie schon einmal bedroht hat, sollten Sie besser etwas unternehmen. Solche Leute können manchmal zu gefährlichen Stalkern werden.«

Die junge Frau wandte sich zu ihrem besorgten Nachbarn um.

»Ach nein, der Fabi ist eigentlich ganz harmlos. Er war einer meiner ersten Follower und ist eine treue Seele, verteidigt mich immer, wenn irgendwelche Idioten mal Gemeinheiten gegen mich posten. Aber auch solche lieben Fans können manchmal ein bisschen anstrengend sein.«

Sie winkte ihrem Nachbarn noch einmal anmutig zu und schloss die Tür. Auch Angermüller betrat seine Wohnung, und während er sich die Hände wusch, verweilten seine Gedanken kurz bei der jungen Frau. Aus dem Wenigen, was sie gesagt hatte, schloss er, dass sie viel im Netz unterwegs war, vielleicht sogar beruflich? Besonders viel wusste er nicht über Leute, die mit Clicks und Likes auf Internetplattformen ihr Geld verdienten. Bei nächster Gelegenheit würde er seine Töchter mal danach fragen, die kannten sich bestimmt mit Instagram, Facebook und wie das alles hieß, um einiges besser aus als er.

Ein relativ ruhiger Tag in der Lübecker Kriminalinspektion lag hinter Georg Angermüller. Nach ein paar Monaten Auszeit war der Kriminalhauptkommissar Anfang des Jahres in den Dienst zurückgekehrt, voller Energie und Lust auf den Job. Auch auf die Zusammenarbeit mit den Kollegen hatte er sich gefreut, zumindest mit den meisten.

Man hatte ihm einen herzlichen Empfang bereitet. Claus Jansen, der schon seit mehreren Jahren sein Partner war, nicht gerade vor Gefühlen überschäumte und keine großen Worte machte, hatte ihm kräftig auf die Schulter geklopft und ihn mit einer zwar kurzen, aber festen Umarmung willkommen geheißen. Das hatte Angermüller richtig gerührt.

Seit seinem Dienstantritt verliefen die Tage recht geruhsam. Sie hatten kein aktuelles Tötungsdelikt zu bearbeiten, sodass sogar pünktlicher Feierabend meist die Regel war. Das hatte zur Folge, dass der Kriminalhauptkommissar am Abend des Öfteren einkaufen gehen und sich Köstliches ganz nach seinem Geschmack zubereiten konnte. Ein seltener Luxus! Heute war er trotz des nasskalten Wetters mit dem Fahrrad noch in die Innenstadt gefahren und hatte in dem kleinen Fischladen in der Hüxstraße zwei dicke Stücke Skrei erstanden. Die Saison für den schmackhaften Winterkabeljau dauerte nur wenige Monate, und das musste man nutzen.

Noch von unterwegs hatte er versucht, Derya anzurufen, denn der Fisch würde auch für zwei reichen. Doch sie ging nicht an ihr Handy. Nun hatte er ausnahmsweise einmal ziemlich geregelte Arbeitszeiten und bekam Derya trotzdem kaum zu Gesicht.

Wie oft hatte sie sich vor und auch während seiner Auszeit, vor allem, als er ihr zuliebe den Privatermittler spielen musste, beschwert, dass er nie Zeit für sie hatte. Und jetzt? Jetzt war Derya ständig beschäftigt, fand nicht einmal Gelegenheit zum Telefonieren, und wenn, dann war sie ziemlich kurz angebunden. Das fand Georg zwar doof, aber sie war nun mal selbstständig mit einem Catering Service für mediterrane Spezialitäten, und die Geschäfte liefen zurzeit scheinbar auf vollen Touren. Wahrscheinlich sollte er sich für Derya darüber freuen. Seit mehr als einer Woche hatten sie sich nicht gesehen. Noch einmal versuchte er, sie zu erreichen, und sprach, als es wieder nicht klappte, seine Einladung zum Abendessen auf ihre Mailbox.

Er hätte es schön gefunden, heute Abend Derya zu bekochen. Sie, die für ihre Kunden oft Tage in der Küche zubrachte, liebte es, von ihm verwöhnt zu werden. Andererseits hatte Georg auch kein Problem damit, nur für sich allein ein exzellentes Abendessen zuzubereiten und es in aller Ruhe zu genießen. Voller Vorfreude betrat er seine Küche, suchte alle Zutaten zusammen und begann mit der Arbeit.

Er schichtete gewaschene, in Spalten geschnittene Kartoffeln in eine kleine Auflaufform, benetzte sie mit etwas Öl, würzte mit Salz und Kümmel und stellte alles in den Backofen. Zu glasig gedünsteter Zwiebel gab er gekochte gewürfelte Rote Beete und schmeckte mit Rotwein, Ahornsirup und ein paar Gewürzen süßsäuerlich ab.

Als Angermüller gerade die dicken weißen Skreifilets in das erhitzte Öl in der Pfanne legen wollte, klingelte das Telefon. Ah, vielleicht konnte Derya doch noch zum Essen kommen!

»Guten Abend, Georg, störe ich?«

»Du störst doch nie«, antwortete Angermüller großzügig und nahm die Pfanne vom Feuer. Er hatte sofort registriert, dass Astrids Stimme nicht klang wie gewohnt.

»Ist irgendwas mit den Kindern?«

»Nein, mit Julia und Judith ist alles in Ordnung. Aber mein Vater ist heute in den frühen Morgenstunden gestorben …«

»Ach, Heini? Das tut mir aber leid«, sagte Georg betroffen, »ich mochte deinen Vater, er war so ein offener, liebenswerter Mensch.«

Georg hatte Heini als einen ruhigen, humorvollen Mann kennengelernt, für den es in dem weiblich dominierten Haushalt mit seiner Frau Johanna und den drei Töchtern manchmal nicht einfach war, sich Gehör zu verschaffen. Aus Astrids ganzer Sippe war ihm sein Schwiegervater immer der Liebste gewesen.

»Wart ihr bei ihm?«

»Ja, Mama hatte noch in der Nacht angerufen, und meine Schwestern und ich sind sofort zu ihr und Papa gefahren.«

»Wie geht es Johanna?«

»Du kennst sie ja. Sie hält sich tapfer. Aber wahrscheinlich hat sie es noch gar nicht richtig begriffen.«

Das letzte Mal hatte er den alten Mann an dessen 85. Geburtstag gesehen, überlegte Angermüller. Auf dem Fest hatte sein Schwiegervater ziemlich munter gewirkt, eine kurze, aber launige Rede gehalten, nach Herzenslust gegessen und getrunken und die Anwesenheit von Familie und Freunden offensichtlich sehr genossen. Er schien von den vielen Infekten, die ihn immer wieder zu Bettruhe gezwungen hatten, augenscheinlich komplett erholt.

»An seinem Geburtstag vor ein paar Wochen machte Heini noch einen putzmunteren Eindruck auf mich. Wie konnte das so schnell gehen?«

»Na ja, kurz nach dem Fest begann Vater wieder zu kränkeln. Er musste mehrmals ins Krankenhaus, wurde immer schwächer. Und als er sich jetzt noch eine Lungenentzündung zuzog, da konnte man nichts mehr machen. Wir haben damit gerechnet. Er ist zu Hause gestorben, ohne langes Leiden, wir konnten bei ihm sein. Das ist mir ein Trost …«

Sie stockte. Nach einem kurzen Räuspern fuhr sie fort:

»Also, ich wollte nur, dass du das weißt, Georg. Die Bestattung wird irgendwann nächste Woche sein. Ich muss noch ein paar Leute anrufen. Dann sag ich mal tschüs …«

»Ich danke dir fürs Bescheidgeben. Kann ich vielleicht irgendwie helfen?«

»Vielen Dank, ich bin ja nicht allein. Julia und Judith kümmern sich sehr lieb um mich.«

»Aber sag wirklich Bescheid, falls ich etwas für dich tun kann.«

»Das mach ich, Georg, ganz bestimmt. Und spätestens, wenn wir den genauen Bestattungstermin wissen, melde ich mich wieder bei dir.«

Durchs Telefon konnte Georg deutlich spüren, wie mitgenommen Astrid war. Wenn man sich so lange kannte wie sie beide, dann las man in der Seele des anderen wie in einem Buch.

»Dann mach’s gut, Astrid. Ich denke an euch.«

Während er sich wieder der Vollendung seines Fischgerichts widmete, füllten Erinnerungen seinen Kopf. Vor fast 20 Jahren hatte sich der Oberfranke Angermüller in Astrid verliebt und war ihretwegen in Lübeck, wo er während seines Jurastudiums ein Praktikum in der Kriminalinspektion absolvierte, hängengeblieben. Sie hatten geheiratet, die Zwillinge bekommen, schöne Jahre erlebt, schwierige Jahre gemeistert, bis sich ein unüberhörbarer Misston zwischen ihnen einschlich. Angermüller konnte nicht genau sagen, wann das angefangen hatte oder wer daran die Schuld trug. Ab einem bestimmten Moment spielten Astrid und er nicht mehr im selben Team, sondern gegeneinander.

Warum, weshalb – oft hatte er sich darüber schon den Kopf zerbrochen und nach einem Ausweg gesucht. Ihre Beziehung war ihm so wertvoll erschienen, das tiefe Vertrauen zueinander, der feste Zusammenhalt, so leicht wollte er das alles nicht aufgeben. Immer wieder hatte er versucht, einen neuen Anfang zu machen, und war jedes Mal gescheitert.

Auch in diesem Moment nahm er wieder einmal wahr, wie viel ihm seine Frau noch bedeutete. Seit über zwei Jahren lebten sie schon räumlich getrennt, trotzdem waren sie noch nicht geschieden. Sie schienen beide vor diesem endgültigen Schritt zurückzuschrecken, obwohl Georg schon eine ganze Weile mit Derya liiert war und Astrid – nun ja, eigentlich konnte er immer noch nicht sagen, ob sie mit ihrem Arbeitskollegen Martin mehr als eine Freundschaft verband.

Georg wiederum scheute das Zusammenziehen mit Derya, die nicht direkt, aber mit versteckten Andeutungen des Öfteren um dieses Thema kreiste. Sie hätte einen gemeinsamen Hausstand wohl für gut befunden. Seit einiger Zeit allerdings hatte Derya nichts mehr davon erwähnt, wie ihm gerade auffiel, und er war darüber eigentlich ganz erleichtert. Trotzdem irgendwie merkwürdig, dachte er, aber wir sehen uns ja momentan sowieso kaum.

Wenig später lagen goldgelb gegarte Kartoffelscheiben neben dem violettroten Gemüse, auf dem schneeweiße Skreifilets thronten. Schon wollte Georg den ersten Bissen auf die Gabel nehmen, da hielt er inne. Er goss sich von dem dunklen, kräftigen Negroamaro ein, den er so liebte, und hob feierlich sein Glas.

»Auf dich, Heini! Warst ein liebenswerter Mensch, ruhe in Frieden.«

Angermüller wollte sich gerade auf den Weg zur Arbeit machen, als seine Nachbarin mit einem magentafarbenen Rollkoffer aus ihrer Wohnung kam.

»Guten Morgen, Frau Frederiksen. Sie wollen verreisen?«

Er zeigte auf das Gepäckstück.

»Dann wünsche ich Ihnen ein erholsames Wochenende.«

»Ach, ich muss nur zu einem beruflichen Termin«, wehrte die junge Frau ab. In ihrem grauen Hosenanzug, ein ebenfalls magentafarbenes Tuch um den Hals geschlungen, wirkte sie sehr mondän.

»Na dann, trotzdem gute Reise und viel Erfolg!«

Sie lächelte hinter ihrer großen Sonnenbrille, die sie trotz der frühen Stunde an diesem recht trüben Tag schon wieder trug. Wenn sie sich dahinter verstecken will, dachte Angermüller, erreicht sie mit diesem auffälligen Modell eher das Gegenteil.

»Vielen Dank«, antwortete die junge Frau und ging auf hohen Stiefelabsätzen Richtung Ausgang. Auf einmal blieb sie stehen und drehte sich zu ihm um.

»Könnten Sie mir wohl einen Gefallen tun und mich zu meinem Wagen begleiten? Der steht fast direkt vor der Tür.«

Da seine Nachbarin kein Gepäck außer ihrem Rollkoffer hatte, wunderte sich der Kommissar zwar ein wenig, doch er sagte: »Klar, kein Problem.«

Wie selbstverständlich überließ sie Angermüller ihren Koffer, der ihn gehorsam hinter ihr her zum Auto rollte. Und nun erkannte er auch, warum ihn Frau Frederiksen um seine Begleitung gebeten hatte. Nicht weit von ihrem Wagen entfernt, lehnte der junge Mann von vor zwei Tagen an einem Gartenzaun und sah zu ihnen herüber.

Der Kommissar hievte das Gepäck in den Kofferraum des auffälligen gelben Mini Clubman, in dem bereits eine große Tasche und andere Utensilien lagen, die zu einer Fotoausrüstung zu gehören schienen.

»Vielleicht sollten Sie sich doch überlegen, ob Sie was gegen den jungen Mann unternehmen, wenn er Sie andauernd belästigt«, meinte Angermüller leise, während er den Kofferraum schloss. Frau Frederiksen lächelte und nahm die Sonnenbrille ab.

»Keine Sorge. Außerdem bin ich ja bald zurück. Also dann, mach’s gut, mein Schatz!«, sagte sie, ohne die Stimme zu senken. Sie umarmte Angermüller zum Abschied, gab ihm wieder zwei Küsschen auf die Wangen und stieg in ihr Auto.

»Gute Reise, Tonya!«, rief der am Gartenzaun Wartende herüber.

»Danke, Fabi!«, antwortete Angermüllers Nachbarin freundlich, schloss die Tür und startete den Wagen. Der junge Mann sprintete zu einem am Straßenrand geparkten Motorroller und fuhr hinterher.

Am Dienstag der darauffolgenden Woche versammelte sich eine ansehnliche Trauergesellschaft auf dem Burgtorfriedhof, um Heini Dittmer die letzte Ehre zu erweisen. Jedermann wusste, dass die große Aufmerksamkeit, die man Heinis Abschied entgegenbrachte, nicht nur ihm, sondern vor allem auch seiner Frau Johanna geschuldet war, die der angesehenen Lübschen Kaufmannsfamilie Tiedemann entstammte.

Die Kapelle konnte gar nicht all die Menschen aufnehmen, sodass ein Teil unter dem zementgrauen Märzhimmel stehen musste, was angesichts scharfer, eisiger Windböen ziemlich unangenehm war. Auch Georg hatte den vorwiegend älteren Herrschaften den Vortritt gelassen und trat mit hochgezogenen Schultern von einem Fuß auf den anderen. Mit Bedauern dachte er an seinen langen, warmen Lodenmantel, der ihn zuverlässig vor der beißenden Kälte geschützt hätte.

»Und, Georg, darf ich dich noch um einen Gefallen bitten?«, hatte Astrid zum Schluss gefragt, als sie ihm telefonisch Ort und Zeit für die Bestattung durchgab.

»Ziehst du bitte zur Beerdigung den schicken, kurzen Wollmantel an, den wir mal zusammen gekauft haben?«

Es war eine rhetorische Frage, das wusste Georg sofort. Über ihre Vorstellung von Kleiderordnung konnte man mit Astrid nicht diskutieren. Und seinen geliebten alten Lodenmantel hatte sie schon immer gehasst.

Angermüller war froh, als die Trauerfeier vorüber war und man sich zum beeindruckenden Tiedemannschen Familiengrab bewegte, wo Heini zu seiner letzten Ruhe gebettet wurde. Da er und Astrid noch nicht geschieden waren, zählte Georg offiziell immer noch zur Familie und musste deshalb nicht allzu lange ausharren, um Heini zum Abschied drei Schaufeln Sand und eine weiße Rose ins Grab zu werfen. Und da er den Auftrag hatte, mit seinen Töchtern Heinis hochbetagte Schwester zu dem Traditionscafé am Burgfeld zu fahren, in dem der Leichenschmaus stattfinden sollte, durfte er sich zum Glück alsbald entfernen.

Im Café war es warm. Man reichte Canapés und eine heiße Rinderkraftbrühe, die nach den schneidenden Temperaturen auf dem Friedhof richtig guttat. Natürlich ließ sich am Familientisch die Begegnung mit Astrids beiden Schwestern und ihrem Anhang nicht vermeiden. Sie verlief, wie schon seit Längerem üblich, eher frostig. Abgesehen davon hatte Angermüller unter seiner angeheirateten Verwandtschaft von Anfang an dieses Fremdkörpergefühl empfunden. Gut verstanden hatte man sich nie.

Er schaute sich um. Wo steckte eigentlich Martin? Hatte der wieder gekniffen, wie immer, wenn es schwierig wurde? Na ja, das konnte ihm eigentlich egal sein. Nachdem Kaffee und ein buttriger Streuselkuchen, Beerdigungskuchen, wie sie hier sagten, serviert worden waren, begannen sich viele der Gäste zu verabschieden, so auch Angermüller. Johanna sah erschöpft aus, als sie seine Hand nahm und lange drückte.

»Komm mich doch mal besuchen, Georg«, forderte sie ihn auf, »wir haben heute ja kaum sprechen können.«

Die Einladung freute ihn, und er versprach es. Wahrscheinlich würde sie das Leben allein erst einmal hart ankommen, nach mehr als 50 Jahren, die sie an Heinis Seite verbracht hatte. Er nahm sich vor, der alten Dame so bald wie möglich einmal seine Aufwartung zu machen.

Die Luft im Café war zum Schluss etwas stickig geworden. Weit ausschreitend machte er sich zu Fuß auf den Heimweg und genoss die halbe Stunde an der frischen Luft.

Eine nicht sehr große, etwas rundliche Frau verschloss gerade die Tür der Nachbarwohnung, als Angermüller in den Hausflur trat. Schon ein paar Mal war er ihr begegnet, und immer hatten sie sich freundlich gegrüßt, manchmal ein paar Worte über das Wetter gewechselt. Er nahm an, dass sie in der Wohnung gegenüber putzte. Sie drehte sich nach ihm um, und wie üblich wünschten sie sich Guten Tag.

»Sie sind doch der direkte Nachbar von Tonya. Darf ich Sie was fragen?«, sprach ihn die Frau an, als Angermüller seine Tür aufschließen wollte.

»Ja, sicher.«

»Haben Sie Tonya in den letzten Tagen mal gesehen?«

»Meine Nachbarin? Mmh … das war letzte Woche, da sind wir uns über den Weg gelaufen, sogar zweimal«, sagte der Kommissar nach kurzem Nachdenken. »Warum fragen Sie?«

Für Mode hatte Angermüller sich noch nie interessiert, aber wieder fiel ihm bei dieser Frau ihre fröhlichfarbige Kleidung auf, der türkise Anorak, die orangefarbene Hose, dazu Schal und Stulpen, bunt und wild gemustert. Ziemlich individueller Stil, fand er. Auch das kurz geschnittene Haar leuchtete in einem kräftigen Kupferrot. Die Dame liebte es offensichtlich bunt. Er schätzte sie auf Ende 40, einige Jahre älter als er selbst. Und jetzt, wo er sie länger reden hörte, bemerkte er ihren leichten Akzent.

»Meine Tochter wollte am Wochenende verreisen, nach Dänemark. Montagmittag wollte sie zurück sein. Aber bis jetzt ist sie immer noch nicht da.«

Die Art, wie sie alle S stimmlos aussprach, und dieser ganz leichte Singsang, das spricht für eine dänische Herkunft, dachte Angermüller.

»Stimmt, ich habe sie Freitagmorgen mit ihrem Koffer getroffen. Na ja, heute ist ja erst Dienstag«, meinte Angermüller beschwichtigend. »Hat sie sich denn gar nicht bei Ihnen gemeldet?«

Die Frau schaute ihn einen Moment zweifelnd an, dann zuckte sie mit den Schultern und ließ ein fröhliches Lachen hören, das so gar nicht zu ihrer besorgten Miene passen wollte.

»Na ja, immerhin hat sie Sonntagabend eine Nachricht geschickt, dass sie eine super Location aufgetan haben, und sie erst Montag zurückkommt. Tonya ist viel auf Reisen, und wenn sie beruflich unterwegs ist, meldet sie sich nicht so oft. Und ich soll sie auch nicht anrufen. Sie sagt, ich störe dann immer nur, wenn sie gerade Aufnahmen machen und so. Die jungen Leute halt …«

Wieder lachte sie.

»Ist Ihre Tochter Fotografin?«

»Nein, nein, sie ist keine Fotografin. Tonya hat sogar ihre eigenen Fotografen, die sie in den Kollektionen bekannter Modefirmen fotografieren. Meine Tochter ist eine ziemlich bekannte Influencerin, wissen Sie, macht Werbung im Internet, Youtube, Instagram und so. Tonya hat schon 500.000 Follower«, erklärte sie mit offenkundigem Stolz.

»Tut mir leid«, bedauerte Angermüller, »mit diesen Sachen kenne ich mich überhaupt nicht aus.«

»Ich mich eigentlich auch nicht«, lachte sie, »erst seit meine Tochter das macht, gucke ich mir das an. Na ja, was tut man nicht alles für die Kinder!«

»Ja, das stimmt«, bestätigte Angermüller und wollte sich wieder seiner Wohnungstür zuwenden, um zu signalisieren, dass er die Unterhaltung beenden wollte. Da streckte die Frau plötzlich ihre Hand aus.

»Wir sind uns ja schon öfters begegnet. Mein Name ist übrigens Mia Frederiksen.«

»Freut mich, Frau Frederiksen. Ich heiße Angermüller«, stellte sich Georg notgedrungen ebenfalls vor und schüttelte die dargebotene Hand. Sie nickte.

»Ja, ich weiß, hab ich schon auf Ihrem Namenschild gelesen.«

»Na dann, bis zum nächsten Mal, Frau Frederiksen. Ich drücke die Daumen, dass Ihre Tochter bald was von sich hören lässt.«

»Ja, ich hoffe«, seufzte Frau Frederiksen und bückte sich nach dem großen Korb, den sie neben sich abgestellt hatte.

»Hab die Blumen gegossen und den Goldfisch gefüttert. Dann geh ich jetzt nach Hause und meine Kanelsnegle nehme ich wieder mit. Hab ich extra für Tonya gebacken. Die mag sie doch so gern, jedenfalls, wenn sie mal nicht auf Diät ist«, erzählte Frau Frederiksen, schnitt eine Grimasse und zupfte sorgfältig das blau-weiß karierte Geschirrtuch über dem Inhalt des Korbes glatt.

»Wie heißt das Gebäck?«, fragte Angermüller nach, dem schon die ganze Zeit so ein angenehmer Duft in die Nase gestiegen war, und deutete auf ihren Korb.

»Kanelsnegle, nichts Besonderes, einfach nur Zimtschnecken. Die essen wir in Dänemark zum Frühstück, zum Nachmittagskaffee, ach, eigentlich immer. Möchten Sie mal kosten?«

Erwischt. Neuen kulinarischen Köstlichkeiten gegenüber war Angermüller ja immer aufgeschlossen.

»Äh, also ja, gerne.«

Frau Frederiksen schlug das Geschirrtuch zurück und griff in den Korb.

»Am besten holen Sie mal was, wo ich die Zimtschnecken drauflegen kann.«

Sie sprach das Sch wie S in Zimtschnecken, und wieder lachte sie.

»Die sind nämlich ein bisschen süß und klebrig.«

Gleich darauf hatte Angermüller drei von den köstlich duftenden Hefeteilchen auf seinem Teller.

»Mmh, die sehen ja verlockend aus.«

»Und die schmecken, sag ich Ihnen! Ja, ich muss dann mal wieder. Tonyas Schwester kommt heute zu uns zum Abendessen. Tschüs, Herr Angermüller.«

»Ja, tschüs und vielen Dank, Frau Frederiksen.«

»Gerne. Bis zum nächsten Mal!«

Kapitel II

Lustlos stocherte Vicky in ihrem Blumenkohlgratin. Es schmeckte gar nicht schlecht. Doch der intensive Schweinebratengeruch, der über dem Esstisch hing, verdarb ihr den Appetit, genau wie das andauernde Gejammer ihrer Mutter.

»Heute Nachmittag hab ich auch ihren Nachbarn nach Tonya gefragt. Ein netter Mann. Aber der wusste natürlich auch nichts.«

Etwas zu geräuschvoll legte Vicky ihre Gabel auf das Porzellan.

»Mann, Mia, ich versteh nicht, warum du jedes Mal so einen Bohei machst. Gibt doch gar keinen Grund. Sie hat dir am Sonntag diese Nachricht geschickt, dass alles gut ist, sie nur noch etwas länger braucht.«

Bei dem Gedanken an Karolines Nachrichtentext spürte Vicky gleich wieder ihre Wut im Bauch: »Super Location hier! Bin Montag spät zurück. Bitte Goldie füttern, Wasser mal wechseln, Blumen gießen. NICHT MEHR ANRUFEN!!! Hab zu tun.« Und Mia nahm das einfach so hin, tat, was Karoline ihr auftrug, und sorgte sich ohne Ende.

»Außerdem ist sie doch erst einen Tag im Verzug. Ist doch schon öfter vorgekommen, dass Karoline länger wegbleibt als angekündigt, viel länger. Denk nur an die Story mit Mallorca damals! Da ist sie fast zwei Wochen geblieben, ohne sich nur einmal zu melden.«

»Du hast ja recht. Eine Mutter macht sich halt Sorgen«, kam kleinlaut die Antwort.

»Klaro, wird ja auch erst 23, dein Baby.«

»Sie hat schon seit Sonntag nichts mehr gepostet. Dabei wollte sie Aufnahmen machen. Deshalb ist sie doch weggefahren.«

»Wahrscheinlich ist unser Supermodel nicht schön genug auf den Fotos und muss die Bilder erst noch aufpimpen, damit sie ordentlich viele Likes kriegt«, meinte Vicky spöttisch, »wenn Karoline dich für irgendwas braucht, meldet die sich sowieso. Wetten?«

»Ach, Vicky, warum redest du immer so schlecht über deine Schwester? Und warum nennst du sie eigentlich immer Karoline? Du weißt doch, dass sie den Namen nicht mag.«

Genau deswegen, dachte Vicky trotzig und schüttelte unwillig das weißblonde Haar, das sich in einem wilden Gewirr kleinster Löckchen um ihren Kopf bauschte.

»Für mich ist und bleibt sie Karoline. Sie ist meine Schwester. Warum sollte ich sie bei ihrem Künstlernamen nennen?«

Früher war sie für alle Karoline und hatte auch kein Problem damit. Aber als sie begann, sich im Internet auszustellen, fand sie den Namen auf einmal altmodisch und unpassend, und außerdem hatte sie gelesen, es wäre ein Name, den Bauern gern ihren Kühen geben. Und ihr zweiter Name Bertonia klang ihr viel zu sehr nach dicker Berta. Und so wurde sie zu Tonya – mit dem extravaganten Y!

»Ich will doch nur, dass du dir keine Sorgen machst, Mia! Du müsstest inzwischen eigentlich wissen, dass meine große Schwester immer erst mal ihr Ding macht, und alles andere zweitrangig ist. Du wirst sehen, zu deinem Geburtstag am Wochenende ist sie bestimmt zurück.«

»Deine große Schwester kann eben Prioritäten setzen. Tonya will was aus sich machen, im Gegensatz zu dir.«

»Hat dich jemand um deine Meinung gebeten?«

Nur kurz richtete Vicky einen kalten Blick auf Ralf Ziegner, der am Kopfende saß, vor sich eine gewaltige zweite Portion Schweinebraten.

»Glaubst du, ich lass mir von dir in meinem eigenen Haus den Mund verbieten? Ausgerechnet von dir?«

Kurz überlegte Vicky, ihm eine passende Antwort zu geben. Aber es hatte keinen Sinn, und eigentlich wollte sie das auch nicht. Nicht, dass Vicky Angst gehabt hätte, mit ihm zu streiten, ihm an den kahl rasierten Kopf zu werfen, was für ein Idiot er war. Liebend gern hätte sie das getan. Aber sie wusste, wie sehr ihre Mutter unter diesen Auseinandersetzungen litt, die eh nichts brachten außer schlechter Stimmung. Sie hatte sich schon oft gefragt, wie Mia diesen Mann nur hatte heiraten können. Ob sie ihn wohl wirklich liebte? Oder wollte sie nur einfach nicht allein sein?

Vicky schluckte ihren Ärger runter. Die Klügere gab nach. Sie platzierte ihr Besteck ordentlich auf dem Teller.

»Vielen Dank für das Essen, Mia. Ich muss dann mal wieder.«

»Aber du hast ja kaum was angerührt, Kind! Ich hab doch extra für dich den vegetarischen Gratin gemacht«, beklagte sich ihre Mutter.

»Ach ja, die Dame ist ja Vegetarierin. Verdient man damit eigentlich Geld?«, nuschelte Ralf mit vollem Mund, aus dem ein paar Fleischfasern hingen, deren Anblick bei Vicky einen leichten Brechreiz auslösten. Schnell sah sie weg und atmete einmal tief durch.

»Ich hab zum Nachtisch Æbleskiver gemacht. Weihnachten ist zwar lange vorbei, aber die magst du doch so gern. Ich geb dir wenigstens ein paar davon mit«, sagte Mia und holte aus der Küche einen großen Teller mit dem duftenden Gebäck und eine Plastikdose, in die sie eine ordentliche Anzahl der außen goldbraun gebackenen, innen fluffigen Kugeln schichtete.

»Es gibt auch noch Kanelsnegle, wenn du willst …«

»Vielen Dank für die Æbleskiver, die reichen mir. Und die Zimtschnecken kannst du für Karoline aufheben, die sind doch ihr Lieblingsgebäck. Dann sag ich noch mal danke und tschüs, Mia.«

Vicky gab ihrer Mutter zum Abschied einen Kuss auf die Wange.

»Bleib ruhig hier, ich finde allein raus. Sollte ich was von Karoline hören, sag ich dir Bescheid.«

»Ja bitte, aber wahrscheinlich hast du recht, und ich bin einfach zu ängstlich.«

Mia Frederiksen lächelte schief.

»Du kommst doch nächsten Dienstag wieder zum Essen?«

»Klar, Mia. Ich komme gern. Aber erst mal sehen wir uns ja an deinem Geburtstag, sofern du mich einlädst«, scherzte Vicky.

»Aber natürlich, Kind, so gegen elf Uhr zum Geburtstagsbrunch!« Geübt sah Vicky über ihren Stiefvater hinweg, als sie zur Tür ging. Auch der beachtete sie nicht, war er doch voll damit beschäftigt, sich die nächste schwer beladene Gabel mit Fleisch und Kartoffeln in den Mund zu schieben.

Vor der Haustür schlang sich Vicky ihren kuscheligen Schal um den Hals, zog den Reißverschluss des Parkas bis ganz nach oben und zog ihre dicken Fingerhandschuhe aus Wolle über. Es wehte immer noch ein unangenehm kalter Wind, und erste feine Tropfen segelten vom Himmel. Sie setzte den Helm auf, stieg auf ihr Rad und blickte zurück zum Haus, das mit seinen erleuchteten Fenstern Wärme und Gemütlichkeit ausstrahlte. Es war das kleinste in seiner Nachbarschaft, bescheiden und bodenständig zwischen zum Teil recht klotzig wirkenden Bauten.

Vicky fuhr los. Vom Neubaugebiet am Bornkamp waren es knapp 20 Minuten bis zu ihrer Wohnung in der Innenstadt. Warum nur fiel es ihr so schwer, schlicht und einfach einen schönen Abend mit Mia und Ralf zu verbringen? Sie liebte ihre Mutter, aber es tat ihr in der Seele weh, wie sie sich für alle anderen aufribbelte, sich von Ralf kommandieren ließ, wie Karoline sie ausnutzte – und Mia nahm das einfach alles hin und wehrte sich nicht. Das machte Vicky so unglaublich wütend, und Mia schien nicht einmal zu bemerken, wie die anderen mit ihr umsprangen. Auch die Chefin des Cafés, für das sie in den Sommermonaten leckere Torten, Kuchen und andere Backwaren fertigte und wo sie manchmal als Bedienung aushalf, beutete sie nach Vickys Meinung aus und zahlte ihr ein absolut lächerliches Geld.

»Aber ich hab doch viel Spaß dran! Das Geld ist mir dabei gar nicht so wichtig«, sagte Mia immer nur, wenn man sie darauf ansprach.

Dabei konnten sie das Geld gut gebrauchen. Auch wenn Ralf stets den Eindruck erweckte, Geld spiele für ihn keine Rolle, war das Häuschen, in das sie vor fünf Jahren gezogen waren, natürlich noch nicht abbezahlt, und seine Pension war ausreichend, aber nicht üppig. Außerdem ging ein Großteil davon für seinen alten Hummer Geländewagen drauf, den er ehrfurchtsvoll »der General« nannte, und den er mit teuren Originalersatzteilen am Leben erhielt. Fast täglich putzte oder bastelte er daran herum. Okay, jeder hatte das Recht auf ein noch so bescheuertes Hobby, doch mit diesem Spritschlucker tagein tagaus sinnlos durch die Landschaft zu kurven, war allein aus ökologischen Gründen nicht mehr akzeptabel.

Womit Vicky aber überhaupt nicht klar kam, war Ralfs Mackergehabe. Allein wie er mit herausgedrückter Brust stolzierte, statt zu gehen, wie dröhnend er sprach, als ob er Befehle erteilte, das alles rief ihren Widerspruch hervor. Frauen schien er ohnehin keiner vernünftigen Unterhaltung für fähig zu halten. Entweder er flachste nur herum mit blöden Zweideutigkeiten, oder er erklärte ihnen, wo es langging, benahm sich wie der Boss, dem seine Frau und die beiden Stieftöchter sich unterordnen sollten. Natürlich konnte er mit beiden Methoden bei Vicky nicht landen.

Nach dem Unfalltod des Vaters von Vicky und Karoline gab es in Dänemark bis auf ihre Schwiegermutter, zu der sie aber ein recht distanziertes Verhältnis hatte, keine familiären Bindungen mehr für Mia. Also war sie mit ihren Töchtern nach Deutschland gezogen, wo ihr Bruder schon seit mehreren Jahren in Lübeck lebte. Als junge Witwe mit einer vier- und einer sechsjährigen Tochter glaubte sie, nie mehr einen Mann zu finden. Doch dann lernte sie nach ein paar Jahren Ralf Ziegner kennen.

Vicky war neun, als er in ihrem Leben auftauchte. Anfangs kam er nur zu Besuch, und das Kind Vicky fand es merkwürdig, dass man mit diesem Mann überhaupt nicht spielen konnte. Er sagte immer so merkwürdige Erwachsenensachen, die sie nicht verstand, die er aber für lustig hielt, denn er lachte dabei dröhnend, sodass Vicky jedes Mal einen Schrecken bekam. Von Anfang an wahrte sie lieber eine gewisse Distanz diesem eigenartigen Menschen gegenüber.

Nicht, dass Karoline von Mias neuem Freund begeistert gewesen wäre, aber sie behielt für sich, was sie an ihm störte, begegnete ihm stets freundlich, gab keine Widerworte und machte trotzdem, was sie wollte. Das konnte Vicky nicht. Sie sagte schon immer, was sie dachte. Und als Mia und Ralf schließlich heirateten, behielt sie ihre Ablehnung nicht für sich. Es wurde auch genauso schlimm, oder schlimmer, als sie es sich vorgestellt hatte. Er mischte sich in alles ein, war der Herr im Haus, und Mia wurde immer unselbstständiger, überließ ihm in allem die Regie. Je länger Vicky mit Mia und dem Stiefvater zusammenleben musste, desto mehr sehnte sie sich nach dem Tag, an dem sie endlich volljährig wurde und ausziehen konnte. Karoline war nach dem 18. Geburtstag zu ihrem damaligen Freund gezogen, zu Marten, der … Aber daran wollte Vicky jetzt nicht auch noch denken. Jedenfalls wurde es für sie als Zurückbleibende nicht einfacher. So verschieden sie auch waren, zuweilen fehlte ihr Karoline. Vicky liebte ja ihre Schwester – manchmal – irgendwie jedenfalls.

Tief in ihre Gedanken versunken, trat sie kräftig in die Pedale, auch weil sich der Regen mittlerweile verstärkt hatte. Als plötzlich das Klinkergebäude in der Krähenstraße vor ihr auftauchte, wo sie sich unter dem Dach eine Wohnung mit zwei jungen Frauen teilte, war Vicky überrascht, schon zu Hause angekommen zu sein.

Kaum war sie 18 geworden, hatte Vicky die Schule abgebrochen. Das Lernen von Lateinvokabeln und das Pauken von Matheformeln waren ihr so sinnlos vorgekommen. Sie hatte das Haus am Bornkamp verlassen und war zu ihrer Oma Bente nach Kopenhagen geflohen. Natürlich machte Mia sich Sorgen, wie es mit Vicky weitergehen sollte. Ralf Ziegner dagegen, den das nun wirklich gar nichts anging, regte sich nur mächtig auf, wie sie so dämlich sein konnte, kurz vor dem Abi die Schule zu schmeißen.

»Hau doch ab zu deiner Hippie-Oma! Du wirst schon sehen, wo du noch landest! Aber komm bloß nicht hier an, wenn du Kohle brauchst. Von mir kriegst du nämlich keinen Cent, damit das klar ist!«

Da brauchte sich der Arsch wirklich keine Sorgen zu machen. Niemals würde sie einen wie ihn auch nur um ein Glas Wasser bitten – selbst in der Wüste nicht. Er hatte Oma Bente nie getroffen, schien sie aber für eine heruntergekommene Kifferin zu halten, da sie in den 70ern mit ihrem kleinen Sohn ein paar Jahre unter Besetzern in der Freistadt Christiania gelebt hatte.

Ziegner hatte keine Ahnung! Bente hatte ein in ganz Kopenhagen bekanntes Yoga-Studio, lebte im bunt durchmischten Nørrebro in einer geschmackvoll und gemütlich eingerichteten Wohnung und war eine Frau mit klaren Vorstellungen und Ansagen.

Hatte die Enkelin die ersten Wochen in Kopenhagen ziemlich planlos dahingelebt, lenkte ihre Großmutter immer wieder sehr geschickt ihre Gespräche auf mögliche Perspektiven für ihre Zukunft, ließ Vicky sich selbst befragen, was sie wirklich wollte. Und das war gar nicht so einfach, wenn man gerade mal 18 war. Vicky brauchte eine Weile, doch dann kristallisierte sich heraus, dass sie ein freiwilliges soziales Jahr machen würde, was sicher eine Entscheidungshilfe für ihren weiteren Weg bringen würde.

Vickys Telefon klingelte.

»Hej, Bente! Grade hab ich an dich gedacht.«

»Hej! Na hoffentlich waren es gute Gedanken! Wie geht es dir, min slangekrøller?«

Bente sagte oft »mein Löckchen« zu ihrer Enkelin, genau wie früher zu ihrem Sohn Viggo, von dem Vicky die weißblonde Lockenpracht geerbt hatte. Ihre nicht sehr große und etwas stämmige Statur dagegen hatte sie eher Mia zu verdanken, zu ihrem Leidwesen.

»Ach, alles gut eigentlich. Warte bitte mal einen Moment, es pladdert hier grade wie aus Eimern.«

Schnell schob Vicky ihr Rad in den Hausflur.

»So, da bin ich wieder. Ich war gerade bei Mia zum Essen, wie meistens am Dienstag. Und sonst passiert außer Arbeiten und Lernen nicht viel.«

»Flittige pige! War es nett mit Mia?«

»Geht so. Er war leider auch da.«

»Du scheinst den Mann ja wirklich überhaupt nicht leiden zu können. Ist er wirklich so schlimm? Ich kenne ihn ja nicht.«

»Da hast du auch nichts verpasst.«

»Karoline scheint aber ganz gut mit ihm auszukommen.«

»Wenn Karoline will, und vor allem, wenn es ihr nutzt, kommt sie doch mit allen Menschen aus.«

Vicky merkte, wie sie das Thema aufbrachte. Sie wollte diese negativen Gefühle eigentlich nicht, nicht gegenüber ihrer Schwester und schon gar nicht bei einem Telefonat mit Bente.

»Aber lass uns von was anderem reden, Bente. Wie läuft’s bei dir? Was macht das Studio?«

»Ich kann nicht klagen, es läuft super. Es suchen ja immer mehr Menschen nach Wegen für gesunde Entspannung im ganzheitlichen Sinne. Wir sind immer ausgebucht. Gerade haben wir eine fantastische neue Lehrerin für Kurse in Hormon Yoga gefunden. Also, alles gut. Aber sag mal, ich wollte vor allem fragen, wo deine Schwester steckt?«

»Das kann ich dir leider nicht sagen. Mia hat auch schon geklagt, dass Karoline sich nicht meldet …«

»Und mir hatte sie eigentlich für Sonntag ihren Besuch angekündigt. Nach fast zwei Jahren immerhin. Aber sie ist hier nicht aufgetaucht und hat auch sonst nichts hören lassen.«

»Hatte sie denn fest zugesagt?«

»Na ja, nicht so ganz. Wenn sie es schafft, kommt sie mal kurz vorbei, hat sie geschrieben. Ich hab ein paar Mal vergeblich versucht, sie anzurufen, und auf meine Nachrichten hat sie auch nicht reagiert.«

»Dann ist doch alles wie immer, Bente. Unsere Influencerin arbeitet an ihrer Karriere. Soweit ich weiß, wollte sie für Modeaufnahmen nach Dänemark. Sie hätten eine super Location gefunden, hat sie am Sonntag an Mia geschrieben.«

»Weißt du, mit wem sie unterwegs ist?«

»Keine Ahnung. Ich kenne kaum jemanden von Karolines Leuten. Vielleicht mit einem Fotografen. Aber mach dir keine Sorgen. Ihre Karriere ist ihr heilig, da vergisst sie alles andere, auch dich und Mia und mich.«

»Nein, ich sorge mich nicht. Ich kenne deine Schwester ja auch ein bisschen. War schön, dich zu hören, aber ich muss jetzt los, treffe mich gleich mit einer Freundin auf ein Glas Wein. Wann kommst du mich denn mal wieder besuchen?«

»Oh, ich würde so gerne kommen! Im Moment stecke ich in Prüfungsvorbereitungen und schaffe das nicht. Aber sobald ich kann, bin ich da, ich versprech’s!«

»Es wäre mir eine solche Freude, dich mal wieder in meine Arme zu schließen, min skat!«

Nach einer verregneten Nacht war der Mittwoch grau, Feuchtigkeit hing in der Luft, und es war kalt. Wie schon die ganzen Wochen seit Angermüllers Rückkunft, gestaltete sich auch dieser Tag im K1 ruhig und unaufgeregt. Sie waren seit Jahresbeginn zu keinem größeren Einsatz gerufen worden und beschäftigten sich vor allem mit der Aufarbeitung alter Fälle. Alles war fast wie früher. Jansen und Angermüller saßen jeder in seinem engen überheizten Büro, bei geöffneten Türen, sodass sie sich über den Verbindungsflur unterhalten konnten, ohne ihre Schreibtische verlassen zu müssen.

Nur eines war anders: Neben dem betagten Filterkaffeeautomaten, der in ihrem kleinen Flur stets leise vor sich hin gurgelte, produzierte jetzt eine ziemlich luxuriöse Espressomaschine aromatische heiße Shots und herrlich dichten Milchschaum. Jansen hatte sich in ihrer Zweiergemeinschaft all die Jahre für die Zubereitung des Kaffees zuständig gefühlt. Er trank das gefilterte Gebräu in rauen Mengen, und ab und zu nahm Angermüller das Angebot seines Teampartners an und ließ sich ebenfalls eine Tasse servieren. Er bereute es jedes Mal. Mit Kaffee hatte die dunkle Flüssigkeit nicht allzu viel zu tun.

Das chromblitzende Teil, das auch die meisten Kollegen gern und häufig nutzten, war die Hinterlassenschaft von Sebastian Eichhorn, der Angermüller während seiner Auszeit vertreten hatte. Der junge Mann hatte sich eine noch luxuriösere Ausgabe zugelegt, als er sich seiner neuen Freundin wegen überraschend nach Kiel versetzen ließ. Seine alte Espressomaschine hatte er großzügig dem Team vom K1 vermacht.

Hinter vorgehaltener Hand und mit einem Grinsen schilderte man Angermüller, wie Jansen dem jungen Kollegen, als der den Filterkaffeeautomaten gerade ausmustern wollte, das Gerät kurzerhand weggenommen hatte. Er hatte es auf seinen gewohnten Platz gestellt und geknurrt: »Ich will keinen Caffè Crema, oder wie dat Zeug heißt, ich will einfach nur einen stinknormalen Kaffee. Verstanden?«

Seither existierten die beiden Teile nebeneinander, und Jansen war und blieb der Einzige, der den altersschwachen Kaffeebereiter nutzte. Nie wieder sprach er das Thema an, aber er brachte der neuen Maschine sture Missachtung entgegen. Und er sah gnädig darüber hinweg, dass Angermüller sich mittlerweile fast täglich am Nachmittag eine große Tasse schaumigen Milchkaffee genehmigte.

»Hallo, Derya, dich wollte ich auch schon anrufen.«

Angermüller ging mit seinem Handy hinaus in den Etagenflur.

»Heute kein Großauftrag? Hast du etwa mal wieder Zeit für dein Privatleben? Und für mich?«

Tatsächlich, seine Freundin wollte heute Abend vorbeikommen.

»Prima, das freut mich! Ich koch uns was Schönes. Worauf hast du Lust? Oder soll ich dich überraschen?«

Er müsse doch nicht extra was kochen, meinte Derya, ein Glas Wein wäre ausreichend.

»Aber ich mach das doch gern, für dich sowieso! Und wenn ich mal die Gelegenheit habe, nach Feierabend noch was einkaufen zu gehen, sollte man das ausnutzen. Also, ich denk mir was Schönes aus, dann sehen wir uns gegen sieben Uhr. Bis dahin – ich freu mich!«

Irgendwie komisch, dass Derya das Essen heute nicht so wichtig war. Das hatte er bisher fast nie bei ihr erlebt. War sie krank? Oder mal wieder auf Diät? Egal, ihm würde schon was einfallen, womit er ihren Appetit wecken konnte. Ja, er freute sich auf den gemeinsamen Genuss und fing sofort an zu überlegen, womit er sie verwöhnen könnte.

Es dämmerte. Versonnen sah Angermüller nach draußen. In ungefähr einer halben Stunde würde er Feierabend machen und anschließend ein paar nette Sachen besorgen, aus denen er ein schönes Abendessen für sie beide zaubern würde. Beim Gedanken an gebratene Nudeln mit Rindfleisch und Pak Choi, kräftig gewürzt mit Sojasoße, Knoblauch und Ingwer, wässerte ihm schon jetzt der Mund. Ein lautes Klingeln des Telefons auf seinem Schreibtisch unterbrach ihn in seinen Küchenfantasien.

»Moin, Angermüller, hier Ahrens vom Kriminaldauerdienst! Schluss mit der Gemütlichkeit. Die Streife aus Scharbeutz meldet einen Leichenfund am Pönitzer See. Das kann ich dann wohl direkt an euch weiterleiten. Die Kriminaltechnik hab ich auch schon alarmiert«, teilte der Kollege mit, »gratuliere, geht ja gleich in die Vollen für dich, Angermüller.«

»Wieso, was meinst du?«

»Überraschung! Schön medium«, kicherte Ahrens, »frohes Schaffen!«

Mit einem knappen »Tschüs« legte Angermüller auf. Einige Minuten später saß er auf dem Beifahrersitz des Golf 7, den sie zurzeit als Dienstwagen nutzten, während sich Jansen durch den Lübecker Feierabendverkehr in Richtung Autobahn kämpfte, dabei jede Lücke und jede Möglichkeit zum Überholen gnadenlos nutzend. Endlich erreichten sie die A1, und Jansen trat das Gaspedal durch.

»Überraschung, hat dieser Ahrens gesagt. Komischen Humor hat der. Ich liebe keine Überraschungen, bei Leichenfunden schon gar nicht«, murmelte Angermüller halb zu sich selbst, während draußen die Landschaft vorbeiflog, über die sich nun die Dunkelheit senkte. Leichenfunde waren immer irgendwie Überraschungen, die aber grundsätzlich keine Freude bereiteten. Trotz jahrelanger Erfahrung berührte Georg der Anblick der gewaltsam zu Tode Gekommenen jedes Mal tief in seinem Inneren, und tröstlich war nur der Gedanke, zumindest die aufzuspüren und zur Rechenschaft zu ziehen, die jenes Leben ausgelöscht hatten.

Jansen sagte nichts, sah nur aufmerksam in den Rückspiegel, blieb konsequent auf der linken Spur und ließ alle anderen Fahrzeuge weit hinter sich. Angermüllers erster großer Einsatz seit einem Dreivierteljahr. Er verspürte eine merkwürdige Anspannung, fast so etwas wie Lampenfieber. Nach ungefähr 20 Minuten wechselten sie von der Autobahn auf eine Bundesstraße, bis sie schließlich auf einer schmalen Landstraße landeten, die durch einen dichten Laubwald führte. Als rechts vor ihnen ein heller Lichtschein durch die Bäume schimmerte, hatten sie ihr Ziel erreicht.

Jansen lenkte ihren Wagen an den Straßenrand hinter die bereits hier parkenden Fahrzeuge, und die Kommissare stiegen aus. In den hohen, winterkahlen Bäumen rauschte leise der Wind. Es roch nach feuchter Erde und moderndem Laub. »Seebadeanstalt« stand auf einem Schild. Sie folgten dem unbefestigten Weg, und nach ein paar Schritten tauchten vor ihnen mehrere Flachbauten auf, in deren Mitte sich ein Durchgang öffnete, der mit Flatterband versperrt war. Zwei uniformierte Kollegen hielten Wache, um Unbefugte am Betreten des Geländes zu hindern. Vor ihnen stand ein einzelner Mann mit einem Hund an der Leine, rauchte, redete und reckte neugierig den Hals. Die Kommissare grüßten, und der eine Polizist musterte Angermüller und Jansen skeptisch, hob aber beim Anblick ihrer Dienstausweise wortlos das Absperrband und ließ sie passieren.

»Moin! Der Herr hier hat uns den Fund gemeldet«, meldete sich sein jüngerer Kollege zu Wort und deutete auf den Hundefreund, »wollen Sie mit dem sprechen?«

»Klar, wir werfen aber erst mal einen kurzen Blick«, gab Jansen zurück und folgte Angermüller auf den Platz hinter dem Durchlass, den zwei große Scheinwerfer erhellten. Am Ende des Gebäudes, das augenscheinlich Umkleidekabinen beherbergte, und vor einem dichten Gebüsch kauerte ein Mensch im weißen Schutzanzug, ein zweiter suchte den Boden ab, und etwas entfernt davon umrundete ein dritter die Szene mit einer Kamera und verteilte Markierungsschilder.

Der Bau zur Linken beherbergte ein Café und war, genau wie die Badeanstalt, im Winterhalbjahr geschlossen. Davor lag außerhalb der Scheinwerferkegel eine Rasenfläche, hinter der im Dämmer das Wasser des Sees glitzerte, in den ein langer Steg führte, von dem jetzt nur die Umrisse zu erkennen waren.

Unwillkürlich war Angermüller stehen geblieben, um sich einen ersten Eindruck von der Szenerie zu verschaffen. Im Sommer war dies hier sicher eine beliebte Badestelle voller Erholungssuchender und planschender Kinder, aber um diese Jahreszeit ein sehr einsamer Platz. Und genau deshalb hatte sich jemand diesen Ort ausgesucht, um etwas zu tun, das niemand bemerken sollte. Er straffte sich und sah zu Jansen, der ebenfalls neben ihm verharrt hatte.

Als sie dem weiß gekleideten Grüppchen näherkamen, erkannte Angermüller seinen Freund Steffen. Der Kommissar war freudig überrascht, denn er hatte nicht damit gerechnet, dass der Rechtsmediziner heute schon wieder seinen Dienst versehen würde. Erst am Vorabend war er von einer ausgedehnten Asienreise mit seinem Mann David zurückgekehrt, weshalb er auch bei Heinis Trauerfeier gefehlt hatte. Angermüller jedenfalls freute sich auf die Zusammenarbeit mit Steffen, der ruhig und präzise agierte und ein echter Meister seines Fachs war. Woran genau der Rechtsmediziner gerade arbeitete, konnte er auf die Entfernung nicht erkennen.

»Stopp! Hier wird mir nicht durchgelatscht. Geht gefälligst da außen rum«, schnauzte der vor ihnen kniende Kriminaltechniker die beiden Kommissare an, »ihr müsst ja nicht noch mehr kaputt trampeln. Der Scheißregen heute Nacht hat sowieso kaum was übriggelassen.«

»Hallo, Andreas, schön, dass wir mal wieder zusammenarbeiten dürfen«, grüßte Angermüller den Mann. Natürlich bekam er keine Antwort. Verbissen fuhr der Kollege fort, am Boden nach Hinweisen zu suchen, die mit dem Leichenfund in Verbindung gebracht werden konnten, was angesichts des durchweichten Rasens ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen war. Jeder hier wusste aber, dass die üble Laune von Andreas Meise nicht am Wetter lag, sondern sein persönliches Markenzeichen war.

»Mann, Ameise wieder. Das Genöle geht mir echt auf die Ketten. Als ob wir was für den Regen könnten«, brummte Jansen.

»Der ändert sich nicht mehr, Claus. Ich hör da gar nicht mehr hin. Ist vergeudete Energie, sich über Ameise zu ärgern. Hauptsache, er macht seine Arbeit ordentlich. Und da kann man ja nicht viel meckern«, meinte Angermüller leise, denn seinen Spitznamen durfte man Andreas Meise – klein von Gestalt, ein penibler Erforscher des Bodens an Fund- und Tatorten, und mit einem Schild »A. Meise« an seiner Bürotür – schon gar nicht hören lassen.

Mit einem freundlichen »Hallo, Kollegen« begrüßte Mehmet Grempel, ein weiterer Kriminaltechniker, um einiges jünger als Ameise, die Kommissare, während er ein Fundstück in einer verschließbaren Plastiktüte sicherte.

»Dein Urlaub schon wieder vorbei?«, fragte Angermüller.

»Tja, geht immer verdammt schnell. Aber hab eh nur meine Bude renoviert und war übers Wochenende mal in Coburg.«

»Ach, in der alten Heimat. Schön.«

Mehmet und der Kommissar stammten aus der gleichen Gegend in Oberfranken.

»Ich hab dir auch was mitgebracht. Kriegst du morgen«, verkündete Mehmet mit geheimnisvollem Lächeln.

»Oh, womit hab ich das verdient? Da bin ich ja gespannt«, freute sich Angermüller, »Und, hast du hier was Interessantes gefunden?«

»Was gefunden, ja. Eine Plastikkappe, wahrscheinlich von einem Kanister. Ob das interessant ist, wird sich noch rausstellen. Kleidung und sonstige persönliche Gegenstände leider bisher Fehlanzeige.«

Angermüller und Jansen waren an der äußeren Ecke der mit Steinplatten ausgelegten Umrandung vor den Umkleidekabinen angelangt, wo Doktor Steffen von Schmidt-Elm hockte und konzentriert seiner Arbeit nachging. Erst jetzt konnten die Kommissare ausmachen, was vor dem Rechtsmediziner lag. Beide stoppten gleichzeitig und starrten auf das gespenstisch anmutende Wesen. Der Anblick löste bei Angermüller mehr als Unbehagen aus. Schließlich räusperte er sich.

»Grüß dich, Steffen! Noch gar nicht richtig angekommen, schon wieder im Dienst.«

»Wat mutt, dat mutt. Grüß dich, Schorsch, hallo, Jansen.«

Mit einem kurzen Lächeln begrüßte Schmidt-Elm die Kommissare. Er war der Einzige hier, der die fränkische Version von Angermüllers Vornamen benutzte.

»Puh, schon ein bisschen heftig als Wiedereinstieg«, meinte Angermüller mit Blick auf die menschlichen Überreste, an denen Steffen gerade erste Untersuchungen vornahm: ein schwarzer Schädel ohne Haare, der Mund mit seinen zwei Reihen Zähnen geöffnet wie zu einem Grinsen, die schwarzen gebeugten Arme wie gestikulierend in die Luft gereckt.

»Da stimme ich dir zu«, bestätigte Steffen und rückte seine Lesebrille zurecht.

»Magst du schon irgendwelche Erkenntnisse weitergeben?«, fragte Angermüller, auch wenn er befürchtete, dass es noch nicht viel sein konnte, und der Rechtsmediziner es ohnehin vorzog, seine Befunde erst durch die Obduktion zu verifizieren.

»Ich kann euch nur zum Offensichtlichen etwas sagen. Man gedachte, diesen Körper zu verbrennen, was sehr hohe Temperaturen, gute Belüftung und einen wirksamen Brandbeschleuniger in ausreichender Menge benötigt. Davon hat man sicher was auf das Opfer geschüttet, am Kopf angefangen, der ja sehr stark betroffen ist. Auch der Oberkörper wurde damit übergossen, und da es sich um eine schlanke Person handelt, haben wir diese typische sogenannte Fechterstellung aufgrund der durch die Hitze verkürzten Muskeln und Sehnen.«

Steffen wies auf die so geisterhaft ins Leere greifenden Arme des Leichnams.

»Doch insgesamt reichte die Menge Brandbeschleuniger nicht aus, denn wie ihr seht, ist der Körper von den Knien abwärts noch einigermaßen unversehrt.«

Den Anblick der zierlichen Füße mit den lackierten Nägeln fand Angermüller fast am schlimmsten, und er schaute schnell woanders hin. Es war ein so eindeutiger Hinweis auf ein Leben, das abrupt und gegen den Willen des Individuums beendet worden war, dass ihn schauderte.

»Im Übrigen handelt es sich eindeutig um eine Frau«, Schmidt-Elm wies auf den ebenfalls weniger versehrten Beckenbereich, »noch recht jung wahrscheinlich. Sie war unbekleidet. Größe so um die 175 Zentimeter.«

Angermüller nickte.

»Ist das Feuer denn auch die Todesursache?«

Steffen hob die Schultern.

»Das, oder ob sie schon tot war, als man sie in Brand gesteckt hat, weiß ich erst nach der Obduktion. Mehr kann ich momentan noch nicht sagen.«

»Vielen Dank, Steffen. Wir versuchen’s dann mal auf gut Glück mit der Vermisstendatei. Und wenn wir morgen den Zahnstatus haben, können wir bei den Zahnärzten eine erste Abfrage starten. Allerdings wird das leider dauern.«

»Mal schauen, ich hab da so meine Kontakte, zumindest hier in der Gegend, vielleicht kann ich das etwas beschleunigen.«

»Das wär natürlich gut. Okay, wir sehen uns hier noch ein wenig um. Dann bis morgen, nehme ich an. So um neun Uhr?«

»Ja, tschüs, bis dahin im Institut.«

Während der Rechtsmediziner sich wieder über sein Untersuchungsobjekt beugte, wandten sich Angermüller und Jansen in Richtung Ausgang, um erst einmal den Mann zu befragen, der den Fund gemeldet hatte.

»Und, Andreas, hast du schon was für uns?«, wollte Angermüller im Vorübergehen wissen.

»Komiker! Wie denn? Kein Schmuck, keine Textilreste, schon gar keine Papiere, und von Schuhabdrücken nur noch Überreste. Dieser bescheuerte Regen hat fast sämtliche Spuren beseitigt.«

»Dann gib dir mal Mühe«, forderte Angermüller ihn auf und schnitt eine Grimasse zu Jansen.

»Ihr könnt mich alle mal«, kam es böse zurück. Sie waren schon ein paar Meter weiter, da rief Ameise ihnen nach: »Im Übrigen, wenn ihr mich fragt: Ist doch noch ein bisschen zu früh zum Angrillen, oder?«

Es folgte ein meckerndes Lachen. Jansen stöhnte genervt. Ohne weiter von Ameise Notiz zu nehmen, gingen die Kommissare zu den Streifenpolizisten, die immer noch mit dem Zeugen zusammenstanden. Der eine überreichte ihnen einen Zettel mit den Daten des Mannes.

»Bitte entschuldigen Sie, dass Sie so lange warten mussten. Ja, dann erzählen Sie doch mal, Herr …«, Angermüller schaute auf seine Personalien, »Herr Burdinski, wann und wie Sie die tote Person aufgefunden haben.«

»Also, ich bin gestern spätabends hier angekommen. Ich komm aus Essen. Ich hab ein Ferienhaus gleich nebenan in der Siedlung, wissen Sie. Meine Frau hatte keine Lust mitzufahren, sie findet das hier immer so trostlos um diese Jahreszeit. Is ja auch niemand da von unseren Nachbarn. Ja …«

Der Mann im Trainingsanzug nickte selbstvergessen. Sein Rauhaardackel zerrte ungnädig an der Leine.

»Herr Burdinski, könnten Sie uns bitte schildern, wie Sie auf den Fund aufmerksam wurden und wann das war?«, versuchte Angermüller, den Mann zum Kern der Frage zu bringen.

»Ja, also, weil das ja so nass war heute Nacht, hab ich den Hund für sein Geschäft immer nur kurz in unseren Garten gelassen. Dann bin ich am Vormittag erst mal in den Supermarkt gefahren, weil ich hier nix zu beißen hatte. Und kein Bier!«

Er grinste die beiden Beamten an. Angermüller hörte seinen Kollegen schwer atmen. Wahrscheinlich litt der schon wieder Höllenqualen, denn wenn Jansen eine Tugend abging, war das Geduld.

»Und wann und wie sind Sie dann auf das Opfer gestoßen?«, hakte Angermüller noch einmal nach.

»Das war so vor zwei Stunden ungefähr. Ich hatte gut gegessen und dachte, Herbert, es regnet grad nicht, jetzt tust du mal ein paar Schritte, am besten runter zum See. Das tut der Susi gut und dir auch. Ja …«

Der Hund bellte, als sein Name fiel.

»Susi, still!«

»Und weiter?«

»Ach so, ja. Hier, meine Susi hat die Leiche gefunden. War nicht angeleint – ausnahmsweise, Herr Kommissar. Und plötzlich war sie weg und hat gebellt wie verrückt und nicht aufgehört, bis ich hinterher kam. Na, ich hab vielleicht einen Schrecken gekriegt! Sieht ja aus wie aus einem Gruselfilm, dat Dingens! Ich hab sofort mein Handy genommen und den Notruf gewählt. Ihre Kollegen waren zum Glück schon nach einer Viertelstunde hier.«

»Und sonst ist Ihnen nichts aufgefallen, weder am Abend zuvor noch heute?«

»Nee, wat soll mir denn aufgefallen sein?«

»Ungewöhnliche Geräusche, Lärm, fremde Autos oder Leute in der Siedlung«, zählte der Kommissar auf.

Der Zeuge schüttelte den Kopf.

»Nee, nix. Ich sach ja, hier is um die Jahreszeit tote Hose.«

»Ist gut, Herr Burdinski, vielen Dank. Das war dann alles«, resignierte Angermüller. Bei dem Menschen war wohl wirklich nichts mehr zu holen.

»Und wat is da jetzt eigentlich passiert, Herr Kommissar? Wer ist denn dat arme verbrannte Dingens?«

»Wir arbeiten daran, das herauszufinden.«

»Aha. Na ja, auch wenn Sie was wüssten, mehr erzählen Sie mir ja sowieso nich«, bedauerte Herbert Burdinski, »ein Glück jedenfalls, dass meine Frau nich hier ist. Die hätte vor Schreck ’n Herzkasper gekriegt. Na komm, Susi, dann gehen wir mal nach Hause. Tschüsskes!«

»Tschüs. Ihre Kontaktdaten haben wir ja, falls wir noch Fragen haben.«

Die beiden Kommissare wechselten noch einmal zurück auf das Gelände der Badeanstalt. Mit dem neuen Wissenstand, so gering der auch war, ließ jeder für sich die Umgebung erneut auf sich wirken, versuchte, auf seine Art zu ergründen, was sich hinter dem Wenigen, was sie wussten, verbarg, welches Drama sich hier abgespielt haben könnte.

Das Opfer war eine junge Frau, was Angermüller sofort an eine Beziehungstat denken ließ. Eifersucht setzte in manchen Menschen brutale Dämonen frei, die sie zu unvorstellbar grausamen Taten trieben. Wenn das Verbrennen nicht todesursächlich war, dann sollte es sicherlich Spuren verwischen, aber vielleicht auch komplett auslöschen, was der Täter einst geliebt hatte. Und warum hatte er sich genau diesen Ort für sein Tun ausgesucht? Gab es außer der Einsamkeit um diese Jahreszeit noch einen anderen Grund? »Schorsch! Kommst du bitte noch mal?«, unterbrach der Rechtsmediziner Angermüllers Überlegungen.

»Was gibt’s?«

»Ich habe eben etwas entdeckt, was die Identifizierung unseres Opfers sehr beschleunigen kann. Siehst du, hier?«

Steffen deutete mit seinem behandschuhten Finger auf den Brustkorb der Toten. Angermüller schüttelte den Kopf, er sah nur Schwarz.

»Die junge Frau trug Brustimplantate. Und die haben üblicherweise Seriennummern und weitere Herstellerangaben. Zumindest das eine scheint nicht komplett verschmort. So könnt ihr über den Hersteller das Krankenhaus ermitteln und dort den Namen der Patientin – richterlichen Beschluss vorausgesetzt.«

»Na, das ist doch mal eine gute Nachricht.«

»Nicht wahr? Alles Weitere dann morgen. Bei der Gelegenheit wirst du auch die Nachfolgerin von unserem Freiburger Kollegen Eberle kennenlernen, Schorsch. Der Eberle ist ja im letzten Sommer zurück in die Heimat und hat inzwischen promoviert.«

»Und welchen Dialekt spricht seine Nachfolgerin?«, fragte Angermüller augenzwinkernd, da hin und wieder Verständigungsprobleme aufgetreten waren, wenn Manfred Eberle im Eifer des Gefechts in seinen badischen Dialekt verfallen war.

»Wenn überhaupt, dann Mecklenburger Platt. Doktor Maike Witt stammt aus Wismar.«

»Das ist quasi um die Ecke, die Frau spricht ganz normal«, stellte Jansen fest, der die Neue schon kennengelernt hatte.

»Richtig. Insofern dürfte es also keinerlei Verständigungsschwierigkeiten geben. Dann nochmals tschüs und bis morgen.«

»Ja tschüs, Steffen, und danke.«

Zwei Mitarbeiter eines Bestattungsinstituts tauchten auf. Sie trugen den Metallsarg, in dem die Überreste der Toten ins Institut für Rechtsmedizin transportiert würden. Die Kommissare machten sich auf den Rückweg nach Lübeck. Ruhig lenkte Jansen den Wagen über die leere Autobahn, und sie planten den nächsten Tag. Ein Kollege sollte die Datei für Vermisste und unbekannte Tote durchforsten, auch wenn sie vorerst nur die Kennzeichen »weiblich, jung, Norddeutschland« für den Abgleich hatten. Mehmet sollte bei Tageslicht den weiteren Bereich um den Fundort noch einmal genau absuchen, in der Hoffnung, doch noch auf Spuren, auf Beweismittel zu stoßen. Für sie selbst würde es um 9 Uhr mit der Obduktion beginnen, und anschließend wollten sie sich in der Gegend um den See noch einmal umhören. Vielleicht hatte ja irgendjemand etwas von einem Feuer bemerkt, und sie könnten zumindest den Zeitpunkt des Verbrennens näher bestimmen.

»Na dann, schönen Feierabend. Ich hol dich morgen früh ab«, verabschiedete sich Jansen.

»Danke, dir auch. Bis morgen.«

Es ging gegen 20 Uhr, und als Georg die Wohnungstür aufschloss, spürte er sehr deutlich seinen leeren Magen. Oh ja, nach den Stunden in der unwirtlichen Kälte hatte er sich ein schönes Abendessen verdient. Und auch sein von den schrecklichen Bildern aufgewühltes Gemüt würde der Genuss eines guten Essens beruhigend streicheln.

Er goss sich einen Rotwein ein und inspizierte seine Vorräte, von denen er immer ausreichend vorhielt, um, auch ohne extra einzukaufen, eine köstliche Mahlzeit zubereiten zu können. Gerade begann er zu überlegen, ob es ihn eher nach Pasta oder einem Pfannkuchen mit Speck und Champignons gelüstete, da durchfuhr es ihn wie ein Blitz. Derya! An seine Verabredung mit ihr um 19 Uhr hatte er überhaupt nicht mehr gedacht!

Aber irgendwie merkwürdig, dass sie gar nicht angerufen hatte. Wenn sie nicht auch den Termin vergessen hatte, was ziemlich unwahrscheinlich war, dann bedeutete das nichts Gutes. Wahrscheinlich war sie sauer, ziemlich sauer sogar. Sofort versuchte er, Derya auf dem Handy zu erreichen, doch immer wieder sprang nur ihre Mobilbox an. Nach dem dritten Mal sprach er drauf:

»Liebe Derya, ich muss mich tausendmal bei dir entschuldigen, aber wir sind gegen Abend zu einem Einsatz gerufen worden, eine unbekannte Tote, verbrannt … ja … sehr unschön das alles. Unsere Verabredung hab ich darüber völlig vergessen. Es tut mir wirklich unheimlich leid. Also, entschuldige noch mal, aber ich bin gerade erst nach Hause gekommen. Solltest du dich jetzt noch treffen wollen, ruf einfach kurz an – ich komme überall hin. Dann erst mal tschüs. Freu mich, wenn du dich meldest.«

Ach ja, manchmal ging einfach alles schief.

Kapitel III

Mit lautem Quietschen stoppte ein Fahrrad neben ihr, und jemand sagte laut: »Viktoria Johanne Frederiksen! Guten Morgen.«

Erstaunt hob Vicky, die gerade vor ihrer Haustür die Reste einer verhedderten Plastiktüte aus den Fahrradspeichen pulte, ihren Kopf. Ein großer, schlanker Typ stand mit seinem Rad direkt vor ihr und grinste sie an. Ja, er kam ihr bekannt vor. Aber wer war das?

»Dich hab ich ja 100 Jahre nicht gesehen«, stellte er fröhlich fest. Er trug eine schmale Windjacke zu Jeans, und unter seinem Fahrradhelm sah ein dunkler Pferdeschwanz hervor. Auf jeden Fall sah er gut aus. In dem Moment fiel bei Vicky der Groschen, zugleich wurde sie unter ihren weißblonden Locken knallrot und wünschte sich sonst wohin.

»Ach, du bist das, Marten«, sagte sie betont gleichgültig, wohl wissend, dass ihr Erröten nicht zu übersehen war, »hab dich mit der neuen Frisur fast nicht erkannt.«

Was für eine blöde Bemerkung! Bis auf den hervorlugenden Zopf ließ der Fahrradhelm gar keinen Blick auf sein Haar zu. Vicky hätte sich ohrfeigen können! Aber Marten ging darauf gar nicht ein.

»Mensch, sag mal, wie lange ist das her, dass wir uns gesehen haben?«

Vicky hob unentschieden die Schultern. Sie konnte sich immer noch sehr gut erinnern, wann sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, auch wenn das ungefähr drei Jahre her sein musste. Das war, als ihre Schwester bei Marten aus- und bei ihrem nächsten Freund eingezogen war. Aber alle Erinnerungen an die Zeit damals und besonders an Marten hatte sie in die hinterste Ecke ihres Gedächtnisses verbannt. Zu viel Kummer und Enttäuschung waren für Vicky damit verbunden, und für manches schämte sie sich noch heute.

Marten schaute sie an. Immer noch hatte er diesen Blick, der suggerierte, dass man das Einzige auf dieser Welt war, das ihm wichtig war, dem er seine ganze Aufmerksamkeit schenkte. Und wieder spürte sie, genau wie damals bei jedem Mal, wenn sie mit ihm zusammen traf, wie ihr die Knie weich wurden.

»Wie geht’s dir, Vicky? Wohnst du hier? Was machst du?«

»Äh …«, sie musste erst einmal ihre plötzlich belegte Stimme wieder freikriegen.

»Ja, ich wohne hier in einer Wohngemeinschaft. Alles gut bei mir. Ich mach eine Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin, und nebenher erwerbe ich die Fachhochschulreife, weil ich anschließend noch studieren will«, spulte sie ab, als ob sie in einem Bewerbungsgespräch säße.

Der junge Mann lächelte, spöttisch, wie sie sofort dachte. War ja auch zu peinlich, wie sie reagierte.

»Ich hab jetzt keine Zeit, aber lass uns doch bald mal einen Kaffee zusammen trinken. Hast du noch meine Handynummer?«

»Weiß ich nicht.«

Natürlich hatte sie die nicht gelöscht.

»Also, wenn deine noch die alte ist, müsst ich die noch haben.«

»Ist die alte. Aber ich muss jetzt echt los. Tschüs, Marten.«

Vicky fummelte an ihrem Fahrradhelm, ohne ihn aufzusetzen. Mit dem Ding fand sie sich total doof.

»Super, ich melde mich! Tschüs, Viktoria Johanne, hat mich echt gefreut.« Marten zwinkerte ihr zu, schwang sich auf sein Rad, und weg war er. Auch Vicky setzte ihren Helm auf und fuhr los. Zwei Minuten später bemerkte sie, dass sie in die falsche Richtung fuhr. Oh Mann, sie war ganz schön durch den Wind! Sie musste ja bei der Kardiologenpraxis vorbeifahren, wo Mia heute durchgecheckt werden sollte. Vicky sollte sich Karolines Hausschlüssel abholen, weil Mia erst heute Morgen bemerkt hatte, dass sie ihr Handy in der Wohnung vergessen hatte. Und sie hatte Vicky gebeten, es ihr von dort gleich vorbeizubringen, damit sie auch direkt mitbekam, wenn Karoline sich endlich meldete. Eigentlich fand Vicky das total übertrieben. Ob Mia das Handy nun drei Stunden früher oder später wieder hatte, meine Güte, das änderte doch wirklich nichts! Aber Mia klang so völlig aufgelöst, dass Vicky gar nicht anders konnte.

Von der Arztpraxis fuhr sie also zu der Adresse in der Nähe vom Brink. Sie war nur kurz nach Karolines Einzug einmal in der Wohnung ihrer Schwester gewesen. Es gab jetzt noch ein neues weißes Ledersofa und einen Schminktisch mit einem riesigen, von Glühbirnen umrahmten Spiegel, den Vicky noch nicht kannte. Darüber hing ein professionell gestaltetes Plakat mit einem Porträtfoto von Karoline, riesengroß. Außerdem standen ein paar unterschiedliche Stative herum, daneben zwei Studioleuchten – der Wohnraum und die angrenzende offene Küche waren zum Aufnahmestudio umfunktioniert worden. Vicky hatte schon lange nicht mehr durch Karolines Instagram-Profil gescrollt. Sie hatte durch Arbeit und Ausbildung sehr wenig Zeit, und die Videos ihrer Schwester über Mode, Work-outs, Schminktipps und kalorienarmes Kochen waren nicht so ganz ihre Welt.

Die Küche war sehr aufgeräumt, wirkte ziemlich unbenutzt, auch ein kleines Zimmer, das wohl als Büro diente, sah mit seinen Ordnern, der sortierten Post und dem ordentlichen Schreibtisch gut organisiert aus. Im Schlafzimmer dagegen herrschte Klamottenchaos – das war schon immer so gewesen. Überall lagen Schuhe, Unterwäsche und Kleider herum, dazwischen Pakete von den Modelabels, mit denen Karoline Werbeverträge hatte, die zum Teil noch gar nicht ausgepackt waren. So, wie es aussah, filmte sie sich ständig und immer, ihr ganzer Alltag war öffentlich. Auch im Schlafzimmer stand ein Stativ. Ein solches Leben konnte Vicky sich überhaupt nicht vorstellen. Aber Karoline war schon immer sehr zielstrebig und gleichzeitig kontrolliert gewesen. Sie wollte Karriere machen, berühmt werden, viel Geld verdienen, das waren ihre Ziele. Sie hatte einen Businessplan, dem sie alles andere unterordnete.

Finanziell schien es Karoline ja wirklich ganz gut zu gehen. Sie fuhr ein eigenes Auto, und in dieser Wohnung, die sie offenbar allein bewohnte, war alles schicker und neuer als in Vickys Wohngemeinschaft, deren bunt möblierten Zimmern und der gemütlichen Küche, in der sie oft zusammen kochten oder mit Freunden bis tief in die Nacht klönten – aber irgendwie kam es Vicky hier auch ziemlich unpersönlich vor, und gemütlich war es schon gar nicht. Ob Karoline glücklich war? Sie sahen sich zu Ostern, an Weihnachten und zum Geburtstag ihrer Mutter, selten mal dazwischen. Im Grunde hatte Vicky keine Ahnung, wie es ihrer Schwester ging.

In einem kugeligen Glas auf dem Tresen zwischen Küche und Wohnraum zog ein einsamer Goldfisch seine Runden. So ein Fisch zur Dekoration – was für eine Tierquälerei! Schnell wechselte Vicky das Wasser für das arme Tier. Neben dem Goldfischglas lag ein aufgeklappter Laptop. Mias Handy fand sich in der Küche auf einer Arbeitsplatte neben dem Kühlschrank. Automatisch drückte Vicky den Home Button. Es waren keine neuen Nachrichten oder Anrufe eingegangen. Sie packte das Teil ein und ging zum Ausgang.

»Guten Morgen«, grüßte der große Mann, der aus der gegenüberliegenden Wohnung kam, als sie gerade die Wohnungstür abschloss.

»Guten Morgen«, murmelte Vicky.

»Ist Frau Frederiksen inzwischen zurück?«

Sie warf ihm einen prüfenden Blick zu. Er hatte dichtes dunkles Haar und einen Dreitagebart, sah eigentlich ganz freundlich aus. Aber was wollte der? Kannte er Karoline besser? Er bemerkte scheinbar ihr Zögern.

»Vorgestern Nachmittag ist mir die Mutter von Frau Frederiksen begegnet«, erklärte er. »Sie schien sich Sorgen zu machen, weil ihre Tochter nicht, wie verabredet, am Montag von einer Reise zurückgekommen ist. Deshalb frage ich.«

Ach stimmt, Mia hatte ja schon der ganzen Nachbarschaft ihre übertriebenen Befürchtungen mitgeteilt.

»Nein, Karoline ist noch nicht zurück. Aber das kommt öfter vor, dass meine Schwester ihre Pläne ändert und sich nicht meldet.«

»Ach so. Na dann …«

Der Nachbar zögerte kurz. Er schien nachzudenken. Schließlich sagte er:

»Mein Name ist Angermüller. Ich bin bei der Kriminalpolizei. Ihre Mutter schien mir sehr beunruhigt wegen des Ausbleibens von Karoline.«

Er holte eine Karte aus der Brusttasche seiner Jacke und überreichte sie Vicky.

»Sollte Ihre Schwester nicht bald auftauchen, kann Ihre Mutter sich gern bei mir melden, wenn sie vielleicht eine Vermisstenanzeige aufgeben will.«

Vicky schaute auf seine Karte. Zumindest sah die aus, als ob sie echt wäre. Aber eigentlich brauchte sie die nicht, denn natürlich würde Karoline bald zurückkommen, daran zweifelte Vicky nicht im Geringsten, und so bedankte sie sich nur kurz.

»Na dann tschüs, mein Kollege wartet. Einen schönen Tag für Sie«, verabschiedete sich der Nachbar.

»Danke, Ihnen auch«, entgegnete Vicky automatisch und las noch einmal genauer auf der Visitenkarte. »Kommissariat 1« stand da. War das nicht immer die Bezeichnung für die Mordkommission? Nahm dieser Polizist Mias übertriebene Befürchtungen etwa ernst, weil Karoline nichts von sich hören ließ und quasi verschwunden war? Auf keinen Fall würde sie Mia davon erzählen, denn dann würde die vollends durchdrehen.

Während sich Angermüller im Dienstwagen den Sicherheitsgurt anlegte, schweifte sein Blick zu der jungen Frau, die sich gerade vor dem Haus auf ihr Rad schwang. Sie schien sich nicht im Geringsten um den Verbleib von Karoline Frederiksen zu sorgen. Angermüller, der an den ihnen bevorstehenden Termin denken musste, an das noch nicht identifizierte Opfer, hoffte, dass ihr Optimismus angebracht war.

Nie wäre er darauf gekommen, dass dies die Schwester seiner Nachbarin sein könnte. Sie war viel kleiner, hatte wilde weißblonde Löckchen und trug sportlich-praktische Klamotten. Immerhin, eine gewisse Ähnlichkeit mit der Mutter konnte er feststellen – Größe, Figur und auch die Gesichtszüge glichen sich, wenn auch der Jüngeren die von Mia Frederiksen zur Schau getragene herausfordernde Fröhlichkeit fehlte.

»Nanu, was macht der denn schon wieder hier?«, murmelte Angermüller auf einmal.

»Wen meinst du?«

»Na, der Kerl, der da am Gartenzaun lehnt. Der scheint ein hartnäckiger Verehrer meiner Nachbarin zu sein. Der hängt unglaublich oft hier rum.«

Als der junge Mann mitbekam, dass Angermüllers Blick auf ihm ruhte, wandte er sich ab und ging schnellen Schrittes davon.

»Komischer Typ«, kommentierte Angermüller.

Gewohnt rasant legte Jansen den kurzen Weg zum Institut für Rechtsmedizin zurück, während vor Angermüller immer wieder das Bild seiner verschwundenen Nachbarin auftauchte. Die Frage, ob ihre Schwester Brustimplantate trug, hätte einiges klären können, doch wie hätte er die der jungen Frau stellen sollen, ohne sein Motiv zu erläutern? Und eigentlich wollte er sowieso nicht an so einen verrückten Zufall glauben.

Auf den Stufen zum Institutseingang trafen sie auf Staatsanwalt Lüthge.

»Guten Morgen«, erwiderte der den Gruß der Kommissare, »ich hätte mir gestern gern selbst ein Bild vom Tatort gemacht, aber wir stecken mitten in den Vorbereitungen für den Prozess gegen die Eltern des toten Babys …«

»Verstehe.«

Angermüller erinnerte sich, dass die sehr jungen Eltern den medizinischen Notruf gewählt hatten, um eine Totgeburt anzuzeigen, sich bei der Obduktion aber herausgestellt hatte, dass der kleine Junge lebend zur Welt gekommen war. Der Kommissar war froh, mit diesem bedrückenden Fall nicht näher befasst gewesen zu sein.

»Wir wissen bisher nicht, ob die Fundstelle in der kleinen Badeanstalt auch der Tatort ist«, erläuterte er dem Staatsanwalt, »aber vielleicht erfahren wir jetzt ja mehr.«

Jansen hielt ihnen die Tür auf, und wenig später standen die beiden Polizisten mit Lüthge im Sektionsraum, wo Steffen von Schmidt-Elm, Maike Witt, die neue Rechtsmedizinerin, und ein Assistent den durch die Hitze so schrecklich entstellten Körper vermaßen und wogen, oder besser das, was davon übrig war.

Wie immer war es einer der Termine, auf die Angermüller gern hätte verzichten können. Zeuge der Prozeduren in der Rechtsmedizin zu werden, empfand er als echte Zumutung. Mittlerweile bereitete er sich stets bewusst darauf vor, frühstückte am Morgen vor der Obduktion sehr bescheiden mit Knäckebrot und Tee und hatte damit seinen Magen ganz gut im Griff. Außerdem trug er an so einem Tag einen dicken Schal oder ein Tuch, um sich gegebenenfalls gegen die üblen Gerüche zu schützen. Meist allerdings brachte das nicht viel, so wie heute.

Roch es sonst oftmals faulig, süßlich, wenn ein gräulich aufgedunsener Körper auf dem Tisch lag, hing heute ein ausgeprägter Gestank nach verbranntem Fleisch in der Luft, nach Kohle, irgendwie bitter. Doch auch diese Duftnote war ein sehr unangenehmes Gemisch für Angermüllers Nase.

Schmidt-Elm und seine neue Kollegin, eine sehr große, sehr schlanke Frau mit kurzen blonden Haaren, arbeiteten konzentriert Hand in Hand, verständigten sich mit Blicken und Gesten, nur ganz selten fiel ein Wort. Für Angermüller verging die Zeit quälend langsam, aber irgendwann, mehr als eine Stunde war um, kam Steffen zu einem ersten Resümee.

»Der menschliche Körper brennt nicht so leicht und in diesem Fall auch nicht so lange, ich nehme an, maximal 15 Minuten. Der oder die Täter hatten sich von dem Feuer sicherlich mehr versprochen, wahrscheinlich das Vernichten des Körpers bis zur berühmten Unkenntlichkeit. Was wir bisher wissen: eine junge Frau, schlank, ein Meter 75 groß, wahrscheinlich langes Haar. So, unser Paul hat den Schädel bereits von der Kopfhaut befreit und wird ihn jetzt entlang der Hutkrempenlinie eröffnen.«

Mit fröhlichem Gesicht waltete der Präparator seines Amtes und entfernte mit der Handsäge die Schädeldecke. Der junge Mann hatte vor einiger Zeit seine weibliche Vorgängerin ersetzt, die vor allem durch ihre ausdauernd schlechte Laune aufgefallen war. Paul war das genaue Gegenteil, was Angermüller angesichts des Umfelds und der Tätigkeit immer noch ziemlich irritierte.

»Wenn Sie einmal schauen möchten …«

Der Rechtsmediziner hob die Gehirnschale an.

»Wir haben am hinteren Schädel zwei recht nah beieinander liegende geformte Brüche, verursacht durch äußere Gewalteinwirkung. Da diese oberhalb der Hutkrempenlinie liegen, sind sie nicht mit einem Sturz auf ebenen Boden zu erklären. Sie stammen wahrscheinlich von einem Schlag mit einem harten, kantigen Gegenstand, vielleicht so etwas wie eine große Rohrzange oder ein Scherenwagenheber. Und sehen Sie: Die massiven Schläge gegen den Kopf haben ein großes Epiduralhämatom verursacht, zu erkennen an dieser spindelförmigen Blutansammlung zwischen der harten Hirnhaut und dem Schädelknochen.«

Mit einer Pinzette deutete von Schmidt-Elm auf die entsprechende Stelle und gab dann dem Präparator ein Zeichen. Der trat näher, entnahm vorsichtig das Gehirn und brachte es zur Waage.

»Noch eine wichtige Information, bevor wir den Brustkorb eröffnen«, begann Steffen, »bereits am Fundort hatte ich ja festgestellt, dass das Opfer Brustimplantate trug. Das linke ist durch die Hitzeeinwirkung geplatzt, das rechte nur angeschmolzen. Die Wirkdauer des Feuers hat nicht ausgereicht, um die Kunststoffteile komplett zu zerstören. Dann wollen wir mal, Frau Witt, bitte.«

Die junge Kollegin musste ein wenig Kraft aufwenden, da das Material am Brustkorb haftete, dann hob sie vorsichtig mit ihrer Pinzette ein durch Hitzeeinwirkung leicht verformtes, mit Ruß überzogenes Kunststoffteil ab und hielt es für alle sichtbar in die Höhe. Als Doktor Maike Witt zum ersten Mal das Wort ergriff, war Angermüller erstaunt, wie laut und vor allem wie tief ihre Stimme war.

»Hier, auf der Rückseite findet sich noch gut erkennbar die Hersteller- und Seriennummer, anhand derer man relativ einfach den Hersteller ausfindig machen kann. Über die Seriennummer findet man dann die Klinik, in der der Eingriff vorgenommen wurde, und schließlich auch bei wem.«

Ja, das erleichterte wirklich ihre Nachforschungen, dachte Angermüller. So würden sie viel zügiger die Identität des Opfers aufdecken können, als wenn sie mit dem Zahnstatus und der aufwendigen Nachfrage bei Zahnärzten hätten arbeiten müssen.

»Da ein Brustimplantat nur volljährigen Personen eingesetzt wird, ist die junge Frau also mindestens 18 Jahre alt«, fuhr Maike Witt fort, »vom Zustand der Weisheitszähne her, und da die Wachstumsfugen am Schlüsselbein noch nicht ganz geschlossen sind, grenzen wir das Alter unseres Opfers zwischen 20 und 21 Jahre ein.«

Steffen nickte zustimmend und griff zur Rippenschere, um den nächsten Schnitt in Angriff nehmen. Währendessen bewegten sich Angermüllers Augen unruhig hin und her, auf der Suche nach einer Ablenkung vom Geschehen auf dem Obduktionstisch. Sie blieben an der jungen Rechtsmedizinerin hängen, die mit interessierter Miene das Geschehen beobachtete, bereit, bei Bedarf einzugreifen.

Doch mehr noch als der Anblick auf dem Tisch war es vor allem das knirschende Geräusch der Schnitte, das Angermüller irritierte. Wie beim Tranchieren einer knusprig gebratenen Gans, ging es ihm durch den Kopf. Oh Gott, was für einen schrägen Gedanken hab ich da! Inständig sehnte der Kommissar das baldige Ende dieser schaurigen Vorführung herbei.

»So, Paul hat das Gehirn in Scheiben geschnitten. Die im Hirngewebe sichtbaren Kontusionsblutungen sind definitiv vital durch stumpfe Gewalteinwirkung entstanden. Mit anderen Worten steht fest, dass das Opfer durch Schläge gegen den Hinterkopf zu Tode gekommen ist und man mit der anschließenden Verbrennung versucht hat, sämtliche Spuren zu löschen.«

»Können Sie etwas zum Todeszeitpunkt sagen?«, wollte Staatsanwalt Lüthge wissen.

»Tut mir leid«, gab Steffen Auskunft, »durch die Hitzeeinwirkung werden Totenflecke auch an den abhängenden Körperpartien, die nicht verkohlt sind, hitzefixiert, und die eigentlichen Aufliegeflächen weisen ja keine Totenflecke auf. Temperaturmessung ergibt hier ebenfalls keinen Sinn. Klar ist nur, dass sie wohl mindestens seit gestern dort gelegen hat, denn der Leichnam war vom Regen in der Nacht von vorgestern auf gestern durchnässt.«

Erleichtert, dem Sektionsraum mit seiner schauerlichen Szenerie entkommen zu sein, standen Angermüller und Jansen mit Staatsanwalt Lüthge vorm Institut für Rechtsmedizin. Das Grau der vergangenen Tage hatte sich verzogen, es war ein klarer, sonniger Märztag. Immer noch wehte ein eisiger Wind. Bevor sich Lüthge verabschiedete, versprach er, sich schnellstmöglich um eine richterliche Anordnung für die Herausgabe der Daten des Herstellers der Brustimplantate und des Krankenhauses zu bemühen, das den Eingriff vorgenommen hatte. Sie alle hatten ein Interesse daran, möglichst frühzeitig die Identität des Opfers zu erfahren, die sie hoffentlich zu einem konkreten Ermittlungsansatz führen würde.

»Und jetzt fahren wir zum See und schauen, ob nicht jemand was von dem Feuer mitbekommen hat, oder, Claus?«

Jansen zeigte zum Einverständnis seinen hochgereckten Daumen.

»Aber vorher muss ich was essen, sonst kipp ich aus den Latschen. Hab heute Morgen nix gefrühstückt.«

»Mmh, ich hatte auch nur trockenes Knäckebrot zum Tee …«

Angermüller sah auf die Uhr. Ja, er war einem kleinen Imbiss nicht abgeneigt, aber seit der Obduktion hatte er den Kopf voller Fragen. Eine junge Frau um die 20, die an ihrem Körper Eingriffe zur vermeintlichen Optimierung hatte vornehmen lassen – was hatte sie sich davon erhofft? Schon im nächsten Jahr würden seine Töchter volljährig. Welche Wünsche würden sie sich erfüllen, wenn sie alles selbst entscheiden konnten? Was wohl war das Ziel der jungen Frau gewesen, die so abrupt aus dem Leben gerissen worden war, und für die es nun keine Träume, kein Ziel, keine Zukunft mehr gab.

»Wat is? Hast du etwa keinen Hunger?«, riss ihn Jansen aus seinen Grübeleien.

»Doch, doch. Lass uns mal über Niendorf fahren, so eilig haben wir’s ja nicht.«

»Also Fisch zum Frühstück is ja nich so meins«, brummelte Jansen, der die Vorlieben seines Kollegen kannte, »auch wenn ich ab und zu schon mal welchen esse.«

Das ewige Thema bei ihren gemeinsamen Mahlzeiten. Trotz einiger Lernfortschritte aufgrund der Küche seiner Freundin Anja-Lena und Angermüllers sanfter Versuche von Geschmackserziehung, bevorzugte Jansen nach wie vor Deftigkeiten mit Fleisch, gerne in Form von Burgern oder Currywurst.

»Ach, Claus, du kennst mich doch.«

»Eben drum.«

»Komm, ich bin doch immer kompromissbereit. Wenn du jetzt nicht gerade ein Frühstück mit Marmeladenbrötchen willst, kommst du bestimmt auf deine Kosten, das garantier ich dir.«

Die Kommissare sprachen nicht, während sie den Weg aus der Stadt nahmen. Sie durchquerten den Herrentunnel, tauchten wieder in die helle Sonne und verließen bei Travemünde die Bundesstraße. Durch kleine Ortschaften, vorbei an Feldern und Wiesen, rollten sie nach Norden. Die Bäume und Büsche am Straßenrand umgab ein zarter grüner Schein, der den Frühling ahnen ließ.

»Du sachst ja gar nix«, bemerkte Jansen, der, wie meist, den Wagen lenkte, »was geht dir denn so durch den Kopf?«

Jansen selbst war kein Schnacker und stolz darauf, doch die andauernde Schweigsamkeit seines Kollegen, der sich sonst gern austauschte, schien ihn heute zu irritieren.

»Findest du das eigentlich normal, dass eine so junge Person Brustimplantate trägt?«, fragte Angermüller statt einer Antwort.

»Tscha«, machte Jansen und kaute auf seiner Unterlippe, »hört man ja öfter, dass die Leute sich immer jünger unters Messer legen – und nicht nur die Mädels.«

»Ja, stimmt. Die folgen irgend so einem Körperoptimierungswahn, wollen absolut perfekt sein und lassen einfach korrigieren, was ihnen nicht gefällt. Und wahrscheinlich glauben sie auch noch, mit einer neuen Nase oder einem strafferen Po wären alle Probleme ihres Lebens gelöst.«

»Wenn dat man so einfach wäre. Die sollten uns mal fragen, was, Kollege?«

»Wieso, hast du Probleme?«

»Nee, nur Hunger.«

»Da können wir was gegen tun. Wir sind ja schon in Niendorf. Fahr da mal rein, wo ›Hundestrand‹ auf dem Schild steht«, wies Angermüller seinen Kollegen an und deutete auf die kleine Straße, die rechts abging.

»Na, satt geworden?«

»Gerade so«, grinste Jansen, »nee, war gut der Burger, aber hätte ruhig ’n büschen mehr sein können.«

Angermüller hatte eine Niendorfer Fischsuppe genossen und war damit sehr zufrieden. An dieser recht schlicht aufgemachten Bude, die er vor einiger Zeit entdeckt hatte, schmeckte es ihm besser als in manch einem chic hergerichteten Restaurant.

Sie machten sich auf den Weg zum See, wo sie in der Siedlung neben der Badeanstalt mit ihren Befragungen begannen, allerdings ohne Ergebnis. Wie der Zeuge am Vortag geschildert hatte, standen die meisten Häuser um diese Jahreszeit noch leer, und die wenigen Bewohner, die sie angetroffen hatten, bedauerten, nicht weiterhelfen zu können.

In der Hoffnung auf mehr Erfolg fuhren die Kommissare weiter nach Klingberg, das auf der anderen Seite des Sees lag. Zumindest in dem Teil des hübschen kleinen Ortes, wo die Häuser etwas erhöht an der Uferstraße lagen, hatte man einen freien Blick auf die Badeanstalt am Ufer gegenüber.

Auch hier schienen viele Anwesen nur als Feriendomizile genutzt zu werden und waren momentan unbewohnt. Überall, wo sie bisher die Bewohner angetroffen hatten, äußerte man Bedauern, nicht weiterhelfen zu können. Niemand hatte etwas von einem Feuer bemerkt.

Sie warteten vor der Tür einer kleinen Villa, die wohl aus den 1920ern stammte, und der eine gründliche Restaurierung gutgetan hätte. Das Haus stand auf einem weitläufigen Grundstück in einem etwas verwilderten Garten mit vielen Obstbäumen. Gerade klingelte Jansen ein zweites Mal, da wurde die Tür aufgerissen.

»Wer stört?«

Ein massiger Typ in Jeans und Strickpulli musterte die Beamten missmutig über seine Lesebrille hinweg. Die Kommissare zückten ihre Dienstausweise, und Angermüller sagte zum wiederholten Mal seinen Spruch auf.

»Mein Name ist Angermüller, das ist mein Kollege Jansen. Wir sind von der Kripo Lübeck und würden gern wissen, ob Sie in den letzten Tagen am Pönitzer See etwas Ungewöhnliches beobachtet haben.«

»Ach, zwei echte Kommissare, wie interessant! Was könnte ich denn beobachtet haben?«

Der Mann schaute die beiden mit plötzlichem Interesse an.

»Das wollen wir ja von Ihnen wissen, Herr …«, Angermüller lugte auf das Klingelschild, »Herr Arthur Döpper?«

»Genau. Hat jemand Gift ins Wasser entsorgt? Oder gab’s ein Bootsunglück? Wurde eine Leiche versenkt?«

»Dazu können wir leider nichts sagen«, der Kommissar zeigte zum Hochparterre, »aber Sie haben aus dieser Loggia ja einen perfekten Blick über den See.«

»Aber leider keine Zeit, den ganzen Tag die schöne Aussicht zu genießen.«

»Wie auch immer, haben Sie am gegenüberliegenden Ufer etwas von einem Brand bemerkt, Rauch, Feuer …?«

Nach kurzem Nachdenken verneinte Arthur Döpper mit einem Kopfschütteln und schien auch schon wieder das Interesse an der Unterhaltung verloren zu haben.

»Nee, da kann ich leider nicht mit dienen, meine Herren. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss zurück an meinen Schreibtisch.«

Damit wollte er die Haustür schließen, doch Jansen deutete auf die beiden Namenschilder unter der Klingel und fragte schnell:

»Was ist mit diesem Herrn Durand, Ihrem Mitbewohner? Könnten wir den mal sprechen? Vielleicht hat der ja was mitbekommen.«

»Tut mir leid, Alain Durand ist momentan nicht hier. Der ist sowieso eher selten da, hat seinen Hauptwohnsitz in Frankreich. Im Westen, bei Arcachon, wenn Ihnen das was sagt. Also dann, auf Wiedersehen, ich habe zu arbeiten, für Monsieur Durand im Übrigen.«

Er nickte mit einem schiefen Grinsen, das eher überheblich als sympathisch wirkte, und schob die schwere Haustür zu. Erstaunt über das abrupte Ende des Gesprächs sahen Angermüller und Jansen sich an und zogen dann weiter zum Nachbargrundstück, wo hinter einem hohen Zaun ein schickes, modernes Hanghaus mit riesiger Dachterrasse thronte.

»Wohl alle ausgeflogen bei der Familie. Ach so, Familie Bogdanovic«, meinte Jansen, als auf sein Klingeln nichts passierte und sah interessiert zu dem stattlichen Gebäude.

»Du sagst das so, Familie Bogdanovic. Kennst du die?«

»Weiß nicht, keine Ahnung. Ich hatte vor Jahren mal mit einem Bogdanovic zu tun, als ich noch beim Rauschgift war. Von der Terrasse da oben haben die jedenfalls einen Spitzenblick über den See. Schade, dass keiner daheim ist.«

In dem vollkommen von Efeu überwucherten Häuschen nebenan wurde, kaum, dass Angermüller den Klingelknopf betätigt hatte, über dem »Eleonora Dose« auf einem getöpferten Schild stand, sofort die Tür geöffnet.

»Ach, da sind Sie ja. Immer rin in die gute Stube«, forderte sie eine Frau mit langem weißem Haar auf. Sie trug einen auffällig gemusterten Kaftan und um den Hals eine mächtige Glasperlenkette. Es war Angermüller sofort klar, dass sie nicht die Kommissare erwartet hatte, und er zückte seinen Ausweis, auf den sie einen verdutzten Blick warf.

»Kriminalpolizei?«

»Frau Dose, nehme ich an? Mein Name ist …«

»Sind Sie nicht wegen des Interviews hier?« unterbrach sie ihn. »Ich erwarte nämlich ein paar Journalisten, die über meine Forschungen zur Geschichte von Klingberg berichten wollen. Sicher wissen auch Sie nicht, dass unser Ort Anfang des letzten Jahrhunderts als eine Siedlung von Freidenkern entstanden ist. Vegetarismus, Nudismus, organische Architektur, Reformpädagogik – all das hat es hier gegeben, bis dann …«

»Das hört sich sehr interessant an, Frau Dose, aber wir sind wegen anderen Ermittlungen unterwegs und haben nur eine kurze Frage: Haben Sie in den letzten Tagen um den Pönitzer See etwas Auffälliges bemerkt, zum Beispiel ein Feuer, ungewöhnliche Rauchentwicklung?«

»Nichts, gar nichts«, bedauerte Frau Dose. »Ich war zwar fast die ganze Zeit zu Hause, aber so mit meinen Studien beschäftigt, da vergesse ich alles um mich herum, wissen Sie.«

»Dann entschuldigen Sie bitte die Störung. Wiedersehen, Frau Dose«, verabschiedete sich Angermüller.

»Kein Problem. Ja, Wiedersehen, und falls Sie mal das letzte Originalgebäude aus Klingbergs Gründerjahren sehen wollen: Unser sehr reger Kulturverein ist in der Kleinen Waldschänke untergebracht, einfach auf der Seestraße ein paar 100 Meter rechts.«

Mit einem kurzen Winken verschwand Frau Dose hinter ihrer Tür.

»Mann, die konnte ja schnacken«, kommentierte Jansen leicht ermattet, als sie wieder auf die Straße traten.

»Aber war doch ganz interessant. Wusstest du, dass Klingberg mal ein Hort von Freigeistern war? Ich nicht.«

»Nee, ich auch nicht. Aber das bringt doch alles nix hier, wir verdaddeln nur unsere Zeit.«

»Na komm, ein paar Versuche noch.«

»Du kannst manchmal aber auch ’n echter Sturkopp sein!«

Jansens Laune ging immer weiter in den Keller, als sie im Haus nebenan niemanden antrafen und die Bewohner des nächsten wieder nichts mitbekommen hatten.

Ein Van fuhr in den Carport auf dem Nachbargrundstück, die Hintertüren sprangen auf, und drei Jungs rannten lärmend auf die Haustür zu.

»Hey, das geht ja wohl gar nicht! Könnt ihr mal was tragen helfen, ihr Faulbären?«, rief eine junge Frau und stieg aus der Fahrertür. Mit lautem Geheul stürmte die Truppe zurück und stürzte sich auf den Kofferraum.

»Moment! Lino, nimmst du bitte die Tüte mit den Brötchen und Levi die mit den Äpfeln. Leon, mein Großer, du trägst die Limoflaschen. So, Abmarsch!«

»Guten Tag, Sie wohnen hier?«

»Ja«, antwortete zögerlich die Mutter der munteren Kids.

»Entschuldigen Sie …« Angermüller zeigte den Dienstausweis, stellte Jansen und sich vor und stellte ihr die Frage nach Beobachtungen rund um den See. Auch sie schüttelte nach kurzem Nachdenken den Kopf.

»Tut mir leid, da kann ich nicht helfen.«

»Mama, Mama«, rief aufgeregt der älteste, vielleicht zehn Jahre alte Junge, der nicht seinen Brüdern zum Haus gefolgt war und die Frage der Kommissare gehört hatte.

»Ich hab was gesehen, Mama!«

»Was hast du denn schon wieder gesehen, Leon?«, fragte seine Mutter und verdrehte die Augen.

»Wissen Sie, der Leon ist ein sehr fantasiebegabtes Kind und erzählt oft richtig spannende Geschichten«, wandte sie sich an Angermüller und Jansen.

»Ich hab aber ehrlich was gesehen, Mama!«, beharrte der Sohn, sichtlich wütend und enttäuscht von der Reaktion seiner Mutter.

»Verrätst du mir, was du gesehen hast, Leon?«

Das Kind tat Angermüller leid, und außerdem fand er es alt genug, um Beobachtungen genau wiederzugeben.

»Ich habe ein Feuer gesehen«, Leon stockte, »nein, eigentlich kein Feuer …«

»Leon!«

Seine Mutter machte eine ungeduldige Geste.

»Ich habe Rauch gesehen am See. Da drüben habe ich Rauch gesehen.«

Zumindest deutete der Junge in die richtige Richtung.

»Und wann war das?«, wollte Angermüller wissen, »gestern, oder am Montag oder Dienstag?«

Leon schaute erst ein wenig ratlos, die Mutter war schon wieder genervt.

»Jetzt weiß ich, das war mit Papa, als der uns zurückgebracht hat! Und Papa hat das auch gesehen, kannst ihn ja fragen.«

»Dann war das am Dienstag, da hat mein Mann die Kinder am frühen Abend hier abgeliefert. Zu spät natürlich, wie immer. Wir leben nämlich getrennt.«

»Könnten Sie uns Namen, Adresse und Telefonnummer Ihres Mannes geben?«

»Klar.«

Die Frau diktierte Jansen die Kontaktdaten, die Polizisten bedankten sich bei Leon, der mit großen Ohren neben seiner Mutter stehen geblieben war. Der Stolz des Jungen war nicht zu übersehen. Aufrecht und gemessenen Schrittes ging er in Richtung Haustür, wo ihn seine kleinen Brüder neugierig erwarteten.

Kapitel IV

Die Kaffeearomen waren überwältigend. Vicky hatte mit der Bestellung auf Mia warten wollen, doch wie immer kam ihre Mutter nicht pünktlich. Und so saß sie nun allein in der Rösterei vor ihrem kunstvoll dekorierten Milchkaffee, löffelte genüsslich von dem sahnigen Schaum und sah hinaus auf die Hüxstraße.

Freitags hatte sie keinen Dienst in dem Café des sozialen Projekts, wo sie im Rahmen ihrer Ausbildung Menschen mit Behinderung begleitete, die den Laden so eigenständig wie möglich betrieben. Eigentlich aber hatte sie den freien Tag nutzen und für ihre Prüfung lernen wollen. Als Mia frühmorgens angerufen hatte, war Vicky aber schon am Klang der Stimme klar, dass ihre Mutter sich in einem emotionalen Ausnahmezustand befand. Und ebenso klar war, dass ihr Idiot von Ehemann ihr nicht helfen konnte. Wahrscheinlich bekam er es nicht einmal mit. Also hatte sich Vicky notgedrungen mit ihrer Mutter für den späten Vormittag verabredet. Eine kleine Pause würde ihr beim Lernen vielleicht auch gut tun.

Inzwischen hatte sie ihren Kaffee schon halb ausgetrunken, als Mia auf dem Gehsteig gegenüber auftauchte. Mit ihrem geröteten Gesicht sah sie abgehetzt aus, von Fröhlichkeit keine Spur. Doch kaum entdeckte Mia ihre Tochter im Café, winkte sie ihr munter zu und setzte die vergnügte Miene auf, die alle Leute denken ließ, sie sei so ein wahnsinnig lustiger, unkomplizierter Mensch.

»Grüß dich, Vicky. Prima, dass du Zeit hast.«

»Hallo, Mia.«

Mia schälte sich aus ihrer Jacke, wickelte den lebhaft bunten Schal vom Hals und setzte sich ihr gegenüber, strahlend. Während sie sich neugierig in dem in einer liebevollen Mischung aus Alt und Neu eingerichteten Kaffeehaus umsah, tätschelte sie Vickys Hand.

»Ich find das richtig schön, nur wir zwei Hübschen in einem schicken Café! Du bist natürlich eingeladen.«

Sie griff nach der Karte.

»Was nehme ich denn mal? Weißt du schon, was du möchtest?«

Was war ihre Mutter doch für eine schlechte Schauspielerin. Es war so typisch, dass sie erst einmal auf eitel Sonnenschein machte – vielleicht merkte ja keiner, wie es in Wahrheit um sie stand.

»Ich möchte eines von den Panini, das mit Ziegenkäse und Gemüse«, verkündete Vicky, »und noch einen Milchkaffee.«

Mia winkte die Kellnerin heran, gab das Panino in Auftrag und bestellte für sich ein Croissant und einen handgefilterten Kaffee.

»Ich habe ja heute früh schon mit Ralf gefrühstückt und außerdem …«, sie tätschelte die kleine Wölbung ihres Bauchs und verzog das Gesicht. Ja, dachte Vicky, sie hat über den Winter wohl wieder zugenommen. Mia war eine begeisterte Köchin und Bäckerin, liebte aber mindestens ebenso das Essen und Genießen. In Vickys Erinnerung kämpfte ihre Mutter schon immer gegen zu viele Pfunde, versuchte die abartigsten Diäten mit wechselndem Erfolg, war total glücklich, wenn sie endlich ein paar Kilos verloren hatte, begann, wieder ihre Lieblingsspeisen zu kochen und zu essen, und alles ging wieder von vorne los.

»Na, wie geht’s dir, mein Kind?«

»Gut.«

»Ach, Vicky, erzähl doch mal ein bisschen. Was treibst du so?« »Im Moment lerne ich vor allem für meine Prüfung, hab ich doch neulich schon gesagt.«

Mia nahm normalerweise keinen großen Anteil an Vickys Leben, im Gegensatz zu dem ihrer anderen Tochter. Früher hatte Vicky darunter gelitten. Inzwischen war es ihr egal. Ihre Mutter vergötterte Karoline, und die behandelte sie wie ihre Haushälterin, was Mia nicht zu stören schien. Wenn sie aber Probleme oder Sorgen hatte, meldete die Mutter sich bei Vicky.

»Was bist du für ein fleißiges Kind!«

Mehr hatte Mia dazu nicht zu sagen, keine Fragen nach Vickys Arbeit, ob sie damit zufrieden war, was sie sich wohl von ihrer Ausbildung versprach.

»Stell dir vor, gestern hat mich Frau Behrens angerufen«, erzählte sie stattdessen. Frau Behrens war die Besitzerin des Cafés am See, für das Mia während der Saison arbeitete, köstliche Torten und anderes buk und manchmal auch im Service aushalf.

»Frau Behrens möchte sich zurückziehen, sie wird 70 und findet, sie hat genug gearbeitet. Und jetzt hat sie mich gefragt, ob ich das Café übernehmen will!«

»Und, willst du?«

Vielleicht würde es Mia ja guttun, Verantwortung zu tragen, vor allem auch, um wieder mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln, überlegte Vicky.

»Ja, ich hätte große Lust dazu. Natürlich müsste das mit der Finanzierung geklärt werden, aber Frau Behrens hat mir ein sehr günstiges Angebot gemacht. Ich könnte den Preis sogar in Raten zahlen …«, Mia stockte kurz, »aber Ralf ist dagegen.«

»Das hätte ich mir ja denken können«, murmelte Vicky erbost, »und nun machst du es nicht?«

»Wahrscheinlich nicht. Wenn Ralf recht behält und irgendwas dabei schiefgeht …«

Dieser Mann schaffte es, Mia schon im Vorhinein sämtlichen Mut und Elan zu nehmen, sodass sie sich gar nichts mehr zutraute.

»Na ja, ich hab ja noch Zeit, darüber nachzudenken.«

»Ja, mach das. Wenn das finanziell irgendwie zu stemmen ist, fände ich das ganz toll für dich.«

Das zustimmende Nicken ihrer Mutter fiel nicht sehr überzeugt aus. Eine Kellnerin servierte ihre Bestellungen. Mia schnüffelte anerkennend an ihrem Filterkaffee.

»Oh, der duftet aber gut!«

Und wechselte das Thema.

»Hat sich deine Schwester inzwischen bei dir gemeldet?«

Hatte Vicky es doch gewusst. Karolines Ausbleiben war der eigentliche Anlass für dieses Treffen.

»Bei mir? Bei mir meldet sie sich doch nie.«

»Mein Gott, aber ich hab auch noch nichts von ihr gehört«, seufzte Mia, »ich mach mir solche Sorgen!«

»Eigentlich müsstest du inzwischen wissen, wie Karoline ist. Das ist doch schon öfter vorgekommen, vor allem seit sie mehr unterwegs ist für ihr Modezeugs«, erklärte Vicky leicht gereizt und nicht zum ersten Mal. Es wäre ja auch zu schön gewesen, sie hätten mal nicht über ihre Schwester gesprochen. Mia kramte ein Taschentuch heraus. Sie schien den Tränen nahe. Als Vicky das bemerkte, begann sie, den Arm ihrer Mutter zu streicheln.

»Die kommt schon wieder, bestimmt«, versuchte sie zu trösten. Im Grunde hasste sie diese Rolle. Eigentlich müsste es umgekehrt sein, die Mutter tröstet das Kind. Doch das hatte Vicky fast nie erlebt. Sie war zwar die Jüngere, aber Mias ganze Zuwendung hatte stets Karoline gegolten. Vicky musste immer um Aufmerksamkeit kämpfen, durfte vernünftig sein, unterstützen, trösten, einfach, weil alle sie für so stark hielten.

Ihre Mutter schluckte ein paar Mal, dann sagte sie:

»Ich erzähle dir jetzt was, aber du musst mir versprechen, dass deine Schwester nicht erfährt, dass ich mit dir darüber gesprochen habe!«

»Ich schwöre.«

»Karoline geht es in letzter Zeit nicht so gut. Das hat Hardy neulich auch gesagt. Ich glaube, ihr bekommt das Alleinleben nicht.«

So ein Quatsch, dachte Vicky sofort und kaute an einem Bissen von ihrem Panino. Sie erinnerte sich noch sehr gut, wie Karoline letzte Weihnachten geschwärmt hatte, wie froh sie war, sich getrennt zu haben, und wie sehr sie seither das Alleinleben genieße, erst recht, seit sie in die neue Wohnung gezogen war.

»Also, soweit ich das weiß, hat Karoline doch damals selbst ihren Freund aus der Wohnung geschmissen«, stellte Vicky fest, »ich meine, über ihre aktuelle Situation weiß ich nichts, aber bisher hat sie die meisten ihrer Beziehungen doch von sich aus beendet. Wieso eigentlich Hardy?«

»Ja, ich weiß. Das waren eben alles nicht die richtigen Partner für sie«, meinte Mia bekümmert. »Ach ja, der Hardy! Der würde so gut zu ihr passen. Aber sie sind und bleiben nur gute Freunde, sagen alle beide.«

»Haben die denn noch Kontakt?«

Vicky hatte Hardy schon seit Langem nicht gesehen. Er war in Kinderzeiten Karolines bester Freund gewesen, und ihre große Schwester hatte Vicky, »das Baby«, von ihren Spielen meist ausgeschlossen. Rollenspiele mit ihr selbst als Heldin waren Karolines Leidenschaft – sie als Heidi, Hardy der Geißenpeter, sie Arielle, er Prinz Erik – und für Vicky fielen immer nur undankbare Nebenrollen ab, wenn überhaupt. Auch wenn Hardy drei Jahre älter war, er hätte sie bestimmt mitspielen lassen, war Vicky überzeugt, denn er war ein ausgesprochen netter Junge – eigentlich viel zu nett für ihre Schwester.

»Ja, sie sehen sich wohl hin und wieder noch. Ab und zu ruft Hardy auch bei mir an, fragt, ob er irgendwas helfen kann. Ist doch nett, oder? Auf jeden Fall meldet er sich immer an meinem Geburtstag, eine treue Seele. Er hat sogar schon einmal Blumen vorbeigebracht.«

»War es das, worüber du mit niemandem reden solltest?«

»Ach, natürlich nicht. Das war was anderes, was Schlimmes …«

Mia holte tief Luft, als ob sie Mut brauchte, um das folgende auszusprechen.

»Karoline macht seit Anfang des Jahres eine Therapie, aber davon soll niemand was wissen.«

»Aber Mia, was ist daran denn schlimm? Aus einer Therapie muss man auch kein Geheimnis machen. Es ist doch gut, wenn es jemanden gibt, der einem aus einer schwierigen persönlichen Lage heraushelfen kann.«

»Aber Tonya …«

»Meine Schwester heißt Karoline«, korrigierte Vicky ungehalten.

»Karoline will eben nicht, dass jemand davon erfährt. Also bitte, sag ihr auf keinen Fall, dass ich es dir erzählt habe!«

Vicky verdrehte die Augen.

»Okay. Weißt du etwas über ihren Therapeuten?«

»Sie geht zu einer Frau Doktor Hardhaus, Hardinghaus oder so, irgendwo an der Musterbahn. Und sie hat gesagt, das tut ihr gut.«

Vicky war nicht direkt überrascht, dass ihre Schwester eine Therapie machte. Überraschend fand sie höchstens, dass Karoline erst jetzt Probleme mit ihrem öffentlich ausgestellten Leben bekommen hatte, über das man ganz leicht die Kontrolle verlieren konnte. Sie schaute ihre Mutter fragend an.

»Und warum bist du dann so besorgt?«

Einen Moment druckste Mia herum, bevor sie gestand:

»Ich hab halt Angst, dass sie sich was angetan haben könnte. Es ging ihr wirklich sehr schlecht.«

»Ach, Mia, doch nicht Karoline! Und wenn sie sich psychologische Hilfe gesucht hat, dann ist sie ja schon auf einem guten Weg. Und ich wette, spätestens morgen zu deinem Geburtstag ist sie da!«

»So, die Kriminaltechnik ist auch eingetroffen, dann können wir gleich anfangen. Guten Morgen zusammen«, eröffnete Angermüller die Morgenlage des K1.

Undeutliches Gemurmel kam aus der kleinen Gruppe, Ameise, der gerade erst zur Tür hereingehetzt war, ließ sich fluchend auf einen Stuhl in der hintersten Reihe fallen, während Harald Appels, der Leitende Kriminaldirektor, absichtlich laut als Einziger mit einem korrekten »Guten Morgen« antwortete. Nachdem er kurz etwas in sein iPad getippt hatte, schaute er aufmerksam wie ein Musterschüler zu Angermüller.

»Also vorgestern, am Mittwochnachmittag, entdeckte ein Hundebesitzer aus der Ferienhaussiedlung nebenan kurz nach 15 Uhr eine Brandleiche im Strandbad am Pönitzer See«, begann Angermüller, während Mehmet Grempel mit dem Beamer an der Wand Fotos des Fundortes mit dem teilverkohlten Körper aufflammen ließ.

»Bisher wissen wir nur, dass die Verbrennung der Leiche mit ziemlicher Sicherheit am späten Nachmittag, frühen Abend des Dienstag stattgefunden haben muss. Zeugen haben um die Zeit am Seeufer Rauch gesehen.«

Die Aussage des aufmerksamen Jungen aus Klingberg hatten sich die Kommissare noch am Donnerstag durch seinen Vater bestätigen lassen. Ja, Leon hatte am Dienstag als Erster und scheinbar Einziger die schmale Rauchsäule am anderen Ufer bemerkt und wäre am liebsten sofort zu der Stelle gefahren, da er vermutete, Indianer würden Rauchzeichen senden. Es war zwischen 16 und 17 am Nachmittag. Doch da sie ohnehin schon spät dran waren, wollte der Vater seine Söhne so schnell wie möglich bei seiner Frau abliefern, um Ärger zu vermeiden, und hatte Leons Wunsch abschlägig beschieden.

»Durch die Verbrennung der Leiche konnte die Rechtsmedizin den Todeszeitpunkt nicht mehr feststellen, wie im Bericht ausführlich begründet wird. Wir wissen also nur, dass sie mindestens seit Dienstag dort lag.«

Angermüller legte den Bericht beiseite und sah in die Runde.

»Leider werden unsere Ermittlungen dadurch weiter erschwert, dass es in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch sehr stark geregnet hat, das heißt, es gibt keine gesicherten Erkenntnisse, ob der Fundort auch der Tatort ist. Andreas, berichtest du bitte mal«, forderte Angermüller den Kriminaltechniker auf.

»Da gibt’s nix zu berichten«, beschwerte sich Ameise, als ob er einen der Anwesenden dafür verantwortlich machen wollte.

»Der Regen hat den Boden komplett aufgeweicht, weder Tritt- noch Schleifspuren waren auszumachen. Wir haben Zigarettenkippen eingesammelt und mehrere Verpackungen einer Sorte Schokoriegel. Mehmet war gestern noch einmal vor Ort und hat nichts Nennenswertes mehr entdeckt. Und auf den eingesammelten Fundstücken haben wir keine verwertbaren Spuren gefunden. Ist sowieso die Frage, ob sie überhaupt vom Täter stammen, da weder Kleidung noch sonstige persönliche Gegenstände in der Umgebung auszumachen waren. Der Mehmet hatte bei unserer ersten Inaugenscheinnahme nur so einen Verschluss entdeckt, wahrscheinlich von einem Kanister …«

Das Foto eines runden schwarzen Plastikverschlusses erschien an der Wand.

»Genau. Der könnte was mit der Tat zu tun haben, wie gesagt, könnte. Schon mal, weil es darauf gar keine Fingerabdrücke gibt. Ich habe ihn zum Brandsachverständigenteam zum LKA nach Kiel geschickt. Wenn überhaupt, dann können die ermitteln, ob und wenn ja, welcher Brandbeschleuniger sich in dem zugehörigen Kanister befunden hat.«

»Danke, Mehmet«, nickte der Kommissar, »die Obduktion hat ergeben, dass es sich bei dem Opfer um eine Frau handelt, 20, 21 Jahre alt, schlank, einen Meter 75 groß. Die Todesursache sind mehrere heftige Schläge mit einem harten, kantigen Gegenstand gegen den Hinterkopf.«

Mehmet untermauerte Angermüllers Ausführungen mit entsprechenden Aufnahmen der grausigen Details. Die Kollegen, auch Anja-Lena, die Jüngste im Team und einzige Frau, nahmen sie mit professionell unbewegten Mienen zur Kenntnis. Wie es dahinter aussah, ging keinen was an. Sie alle hatten im Job schon viele brutale Dinge ertragen müssen und jeder auf seine Art trainiert, damit umzugehen.

»Bis auf die Zeugen des Brandes hat niemand etwas von den Vorgängen am See bemerkt«, fuhr Angermüller fort.

»Anja-Lena und Thomas, ihr hattet euch die Datei der Vermissten und unbekannten Toten vorgenommen. Was gefunden?«

Niemann, der penible Aktenführer mit seinem phänomenalen Gedächtnis, schüttelte bedauernd den Kopf, genau wie Anja-Lena, die in diesem Fall mit ihm zusammenarbeitete.

»Wir haben wirklich gründlich geforscht, aber es haperte dann immer wieder an bestimmten Details, sodass sich kein einziges Match von unserem Opfer mit einer der vermissten Personen ergab, tut mir leid.«

»Dann hoffen wir mal auf unsere letzte Chance für eine schnelle Identifizierung. Das Opfer trug nämlich Brustimplantate.«

Ein Bild des verkohlten Brustkorbs mit den angeschmolzenen Kunststoffteilen erschien an der Wand.

»Auf dem einen Exemplar war die Seriennummer noch gut sichtbar.«

Ein leiser Pfiff ertönte aus der hinteren Stuhlreihe. Angermüller unterbrach sich und warf einen genervten Blick zu Ameise, der lüstern grienend mit seinen Händen zwei riesige Brüste vor seinem Oberkörper formte. Die Kollegen schüttelten unwillig die Köpfe, keiner lachte.

»Ich glaube, du bist irgendwie in der Pubertät stecken geblieben, Andreas, wenn dich nur die Erwähnung von Brustimplantaten dermaßen in Erregung versetzt«, kommentierte Angermüller ärgerlich, was bei Ameise nur ein Schulterzucken hervorrief.

»Staatsanwalt Lüthge hat schon vorgestern alles in die Wege geleitet, um möglichst schnell eine richterliche Anordnung für die Herausgabe der Daten durch die operierende Klinik zu erhalten. Damit können wir das Opfer sofort identifizieren.«

Mit besorgter Miene erhob sich der Behördenchef.

»Dann hoffen wir mal, dass wir bald Kontakt zu der Klinik bekommen, damit wir zügig an die Aufklärung gehen können.«

Wieder nett formuliert, dachte Angermüller, der wusste, wie seine Leute diesen Spruch hassten, denn der Einzige im Raum, der wenig bis gar nichts zur Aufklärung beitrug, war Harald Appels.

»Hat die Presse schon Wind von dem Fall bekommen?«, erkundigte der sich noch.

»Nicht, dass ich wüsste«, gab Angermüller Auskunft, »und ich hoffe, das bleibt auch noch eine Weile so.«

Nicht zuletzt wegen seines Chefs hoffte er das. Sobald ein spektakulärer Fall in den Medien landete, wollte Appels der Presse Erfolgsmeldungen liefern. In der Folge setzte er seine Leute ständig unter Druck, was sich eher negativ auswirkte, und manchmal musste man ihn sogar energisch daran hindern, mit seinen geschwätzigen Pressekonferenzen die Ermittlungsarbeit der ganzen Truppe zu torpedieren.

»Okay, Angermüller, du hältst mich auf dem Laufenden. Also, erfolgreichen Tag allerseits, ich muss weiter, Telefonkonferenz …«

Geschäftig eilte der Kriminaldirektor davon.

»Jaja, ist alles total wichtig, was der macht.«

Jansen schnitt eine Grimasse.

»Das war’s fürs Erste. Sobald wir die Personendaten des Opfers aus der Klinik haben, können wir hoffentlich richtig loslegen«, löste Angermüller das Treffen auf.

»Hier, aus der Heimat, wollte ich dir eigentlich schon gestern geben.«

Mehmet Grempel überreichte dem Kommissar eine kleine Papiertragetasche. Angermüller schaute neugierig hinein und beförderte zwei Päckchen in Plastikfolie eingeschweißte Coburger Bratwürste nach draußen.

»Hey, vielen Dank, das ist ja nett von dir. Hab ich seit dem letzten Sommer nicht mehr gegessen.«

»Wusste doch, dass du bestimmt schon Entzugserscheinungen hast«, grinste Mehmet. »Dann wünsch ich dir guten Hunger. Tschüs.«

Diese Bratwürste gab es nur in seiner oberfränkischen Heimat. Dort waberten weithin sichtbar die Duftwolken über den Marktplatz, wo die Spezialität in einer kleinen Bude über offenem Feuer auf Kiefernzapfen zubereitet wurde. Sie hatte einen ganz eigenen, köstlichen Geschmack, und Angermüller freute sich schon darauf. Allerdings drängten sich ihm beim Anblick der schlanken, auf dem Rost gebratenen Würste mit den schwarzen Bratspuren plötzlich ganz andere Bilder auf. Schnell schob er die Päckchen zurück in die Papiertüte und hoffte, die heimatliche Köstlichkeit irgendwann ohne makabres Kopfkino genießen zu können.

»So, ich muss dann los, was besorgen. Soll ich dir was zum Mittagessen mitbringen?«, fragte Angermüller seinen Kollegen, als sie wieder in ihren Büros saßen.

»Nee danke, ich wollte heute mal wieder einen Selbstversuch in der Kantine starten.«

»Du bist ja mutig! Dann wünsch ich gutes Überleben. Und wenn die Klinik sich wegen der Implantationsdaten melden sollte, ruf mich an.«

»Du bist mal wieder ein unverbesserlicher Optimist. Ich glaub nicht, dass wir da heute noch was erfahren.«

»Positiv denken, Claus! Spätestens am frühen Nachmittag bin ich zurück, ciao.«

Von seiner Dienststelle in der Possehlstraße bis zu der kleinen Straße hinterm Burgfeld benötigte Georg mit dem Fahrrad eine gute Viertelstunde. Dabei konnte er über sein Vorhaben nachdenken, seine privaten Dinge endlich wieder geradezurücken. Seit mehr als einer Woche hatten Derya und er sich nicht gesehen und kaum miteinander telefoniert.

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22 aralık 2023
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9783839268506
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