Kitabı oku: «Das Geheimnis von East Lynne»

Yazı tipi:

Ellen Wood

Das Geheimnis von East Lynne

Ellen Wood

Das Geheimnis von

East Lynne

Roman

Aus dem Englischen neu übersetzt von Sebastian Vogel

Unter dem Titel East Lynne

erstmals erschienen 1861.

Übersetzung © 2021 Sebastian Vogel

Umschlaggestaltung © Sebastian Vogel

Umschlagbild: pixabay.com

Die Übersetzung wurde gefördert durch ein Stipendium aus dem Kulturstärkungspaket des Landes Nordrhein-Westfalen.

Verlag: Sebastian Vogel

Erikaweg 5

50169 Kerpen

www.uebersetzungen-vogel.de

Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, Berlin

ISBN 978-3-754113-26-4

Inhalt

Kapitel 1: Lady Isabel

Kapitel 2: Das zerbrochene Kreuz

Kapitel 3: Barbara Hare

Kapitel 4: Ein Gespräch im Mondschein

Kapitel 5: Mr. Carlyles Kanzlei

Kapitel 6: Richard Hare, der Jüngere

Kapitel 7: Hausherrin Miss Carlyle

Kapitel 8: Mr. Kanes Konzert

Kapitel 9: Lied und Totenklage

Kapitel 10: Die Wächter des Toten

Kapitel 11: Der neue Lord und die Banknote

Kapitel 12: Leben auf Castle Marling

Kapitel 13: Ein Spaziergang im Mondschein

Kapitel 14: Das Erstaunen des Earl

Kapitel 15: Heimkehr

Kapitel 16: Häusliche Schwierigkeiten

Kapitel 17: Der Besuch der Familie Hare

Kapitel 18: Miss Carlyle und die unglückliche Isabel

Kapitel 19: Captain Thorn in West Lynne

Kapitel 20: Fern von zuhause

Kapitel 21: Der Gefahr entgangen

Kapitel 22: Mrs. Hares Traum

Kapitel 23: Captain Thorn und die Rechnung

Kapitel 24: Richard Hare an Mr. Dills Fenster

Kapitel 25: Liebenswürdige Folgen

Kapitel 26: Für immer allein

Kapitel 27: Barbaras Vergehen

Kapitel 28: Ein unerwarteter Besucher in East Lynne

Kapitel 29: Eine nächtliche Invasion in East Lynne

Kapitel 30: Barbaras Herz kommt zur Ruhe

Kapitel 31: Mr. Dill und das bestickte Vorhemd

Kapitel 32: Die Begegnung von Lady Isabel und Afy

Kapitel 33: Sehnsüchte eines gebrochenen Herzens

Kapitel 34: Ein Abgeordneter für West Lynne

Kapitel 35: Ein Missgeschick mit der dunklen Brille

Kapitel 36: Ein russischer Bär in West Lynne

Kapitel 37: Mr. Carlyle wird zur Gänseleberpastete eingeladen

Kapitel 38: Die Welt steht Kopf

Kapitel 39: Mrs. Carlyle in großer Toilette, und Afy auch

Kapitel 40: Das Gerichtszimmer

Kapitel 41: Standhaft!

Kapitel 42: Der Prozess

Kapitel 43: Das Sterbezimmer

Kapitel 44: Lord Vane und der Aufschub

Kapitel 45: „Daraus wird nichts, Afy!“

Kapitel 46: Bis zur Ewigkeit

Kapitel 47: I. M. V.

Kapitel 1 Lady Isabel

In einem Sessel der geräumigen, hübschen Bibliothek seines Wohnhauses saß William, Earl of Mount Severn. Seine Haare waren grau, die Glätte seiner breiten Stirn wurde durch vorzeitige Runzeln verunstaltet, und sein einstmals attraktives Gesicht trug die blassen, unverkennbaren Spuren der Ausschweifung. Einer seiner Füße ruhte, in Leinentücher gehüllt, auf dem weichen Samt der Ottomane und sprach so deutlich von Gicht, wie jemals ein Fuß davon gesprochen hatte. Wenn man den Mann ansah, wie er dort saß, hatte es den Anschein, als sei er vor der Zeit gealtert. So war es auch. Er zählte knapp neunundvierzig Jahre, aber in allem außer den Jahren war er ein alter Mann.

Eine bekannte Gestalt war er gewesen, der Earl of Mount Severn. Er war zwar weder ein angesehener Politiker noch ein großer General oder ein herausragender Staatsmann, ja nicht einmal aktives Mitglied im Oberhaus; all das waren nicht die Gründe, warum der Name des Earl in aller Munde gewesen war. Vielmehr kannte die Welt den Lord Mount Severn als Leichtsinnigsten unter den Leichtsinnigen, als Verschwenderischsten unter den Verschwendern, als größten aller Spieler und Lebenslustigsten, der die Lebenslustigen übertraf. Man sagte, seine Schwächen seien die in seinem Kopf; ein besseres Herz oder eine großzügigere Seele habe nie in einem menschlichen Körper gewohnt; und darin steckte viel Wahres. Für ihn wäre es gut und richtig gewesen, hätte er einfach als William Vane gelebt und sein Leben beendet. Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr war er fleißig und beständig gewesen, war seinen Verpflichtungen in der Juristenschule nachgekommen und hatte von früh bis spät studiert. Der nüchterne Fleiß von William Vane war unter den angehenden Anwälten in seiner Umgebung zu einem geflügelten Wort geworden; den Richter Vane nannten sie ihn ironisch; und vergeblich strebten sie danach, ihn in den Müßiggang und das Vergnügen zu locken. Der junge Vane war ehrgeizig und wusste, dass er sich mit seinem Aufstieg in der Welt auf seine eigenen Begabungen und Bestrebungen verlassen musste. Er kam aus einer guten, aber armen Familie und zählte den alten Earl of Mount Severn zu seinen Verwandten. Der Gedanke, dass er die Nachfolge in der Grafenwürde antreten könnte, kam ihm nie: Zwischen ihm und dem Titel standen drei gesunde Leben, zwei davon jung. Und doch waren diese weggestorben – einer am Gehirnschlag, einer in Afrika am Fieber, der dritte beim Bootfahren in Oxford; und so fand sich William Vane, der junge Student aus dem Temple, plötzlich als Earl of Mount Severn wieder, und als rechtmäßiger Bezieher von sechzigtausend im Jahr.

Als erstes kam ihm der Gedanke, er werde nie in der Lage sein, das Geld auszugeben, ja man könne gar nicht Jahr für Jahr eine solche Summe verbrauchen. Es war ein Wunder, dass die Beweihräucherung ihm nicht von vornherein den Kopf verdrehte, denn alle Klassen, von einem königlichen Herzog an abwärts, umschwärmten, umschmeichelten und hätschelten ihn. Er wurde zum attraktivsten Mann seiner Zeit, zum Löwen in der Gesellschaft; denn unabhängig von seinem frisch erworbenen Wohlstand und Titel war er von distinguiertem Aussehen und faszinierenden Manieren. Aber leider ließ die Klugheit, die William Vane, dem armen Studenten der Rechtswissenschaft, in seinen einsamen Kammern im Temple innegewohnt hatte, den jungen Earl of Mount Severn völlig im Stich, und er nahm seine Laufbahn mit einer solchen Geschwindigkeit in Angriff, dass alle biederen Menschen sagten, er werde sich Hals über Kopf ruinieren und zum Teufel gehen.

Aber als Angehöriger des Hochadels, dessen Erträge bei sechzigtausend pro Jahr liegen, ruiniert man sich nicht von einem Tag auf den anderen. Jetzt, in seinem neunundvierzigsten Jahr, saß der Earl in seiner Bibliothek, und der Ruin war immer noch nicht eingetreten – das heißt, er hatte ihn nicht überrollt. Aber die Verlegenheiten, in denen er sich befand und die sowohl zur Zerstörung seiner Seelenruhe geführt hatten als auch das Verderben seiner Existenz gewesen waren – wer kann sie beschreiben? Die Öffentlichkeit wusste recht gut darüber Bescheid, seine privaten Freunde kannten sie noch besser und seine Gläubiger am besten; aber niemand außer ihm selbst wusste oder konnte auch nur ahnen, welche beunruhigenden Qualen sein Los waren und ihn beinahe in den Wahnsinn trieben. Hätte er den Dingen vor Jahren geradewegs ins Gesicht gesehen und gespart, er hätte seine Position wiedergewinnen können; aber er hatte getan, was die meisten Menschen in solchen Fällen tun, hatte den Tag der Wahrheit auf unbestimmte Zeit vertagt und seine ungeheure Liste der Schulden weiter verlängert. Jetzt rückte die Stunde der Offenbarung und des Ruins unaufhaltsam heran.

Vielleicht dachte der Earl das auch selbst angesichts einer riesigen Masse von Papieren, die sich vor ihm über den Bibliothekstisch verteilten. Seine Gedanken weilten in der Vergangenheit. Es war eine törichte Verbindung gewesen, eine Gretna-Green-Verbindung der Liebe wegen, töricht, soweit die Klugheit reichte; aber die Gräfin hatte ihm als liebevolle Ehefrau zur Seite gestanden, hatte seine Torheiten und seine Nachlässigkeit ertragen, war für ihr einziges Kind eine bewunderungswürdige Mutter gewesen. Nur ein Kind hatten sie bekommen, und in dessen dreizehntem Jahr war die Gräfin gestorben. Wären sie mit einem Sohn gesegnet gewesen – über die langjährige Enttäuschung stöhnte der Graf noch heute –, er hätte vielleicht einen Ausweg aus seinen Schwierigkeiten gefunden. Sobald der Junge volljährig gewesen wäre, hätte er in gemeinsamer Anstrengung mit ihm die Kosten reduziert, und …

„Mylord“, sagte ein Diener, der gerade den Raum betreten hatte und die Luftschlösser des Earl einriss, „ein Gentleman möchte mit Ihnen sprechen.“

„Wer denn?“ rief der Earl schneidend, wobei er die Karte, die der Mann ihm brachte, nicht beachtete. Kein Unbekannter, selbst wenn er die äußeren Würden eines ausländischen Botschafters trug, wurde jemals kurzerhand zu Lord Mount Severn vorgelassen. Jahrelange Mahnungen hatten die Bediensteten Vorsicht gelehrt.

„Hier ist seine Karte, Mylord. Es ist Mr. Carlyle aus West Lynne.“

„Mr. Carlyle aus West Lynne“, seufzte der Earl, dessen Fuß gerade einen schrecklichen Schmerzstich spüren ließ. „Was will er? Führen Sie ihn herein.“

Der Bedienstete tat wie geheißen und führte Mr. Carlyle ins Zimmer. Sehen wir uns den Besucher gut an, denn er wird in dieser Geschichte seine Rolle zu spielen haben. Er war ein sehr großer Mann von siebenundzwanzig Jahren und bemerkenswert edler Erscheinung. Ein wenig hatte er die Tendenz, den Kopf zu neigen, wenn er mit jemandem sprach, der kleiner war als er selbst. Es war eine eigenartige Gewohnheit, fast könnte man von einer Gewohnheit zur Verbeugung sprechen; auch sein Vater hatte sie bereits besessen. Wenn man ihn darauf ansprach, lachte er und sagte, er sei sich dessen nicht bewusst. Seine Gesichtszüge waren angenehm, sein Teint blass und klar, die Haare dunkel, und die vollen Augenlider hingen ein wenig über den tiefgrauen Augen. Insgesamt war es eine Haltung, die Männer und Frauen gern betrachteten – das Zeichen eines ehrbaren, aufrichtigen Wesens; man hätte es weniger ein hübsches als vielmehr ein angenehmes und vornehmes Gesicht genannt. Zwar war er nur der Sohn eines Kleinstadtanwalts und immer dazu bestimmt gewesen, auch selbst Anwalt zu werden, aber er besaß die Ausbildung eines Gentleman, war in Rugby erzogen worden und hatte seinen Abschluss in Oxford gemacht. In der geradlinigen Art eines Geschäftsmannes ging er sofort auf den Earl zu – es war die Art eines Mannes, der in Geschäften kam.

„Mr. Carlyle“, sagte der Earl und streckte die Hand aus – er hatte immer als der liebenswürdigste Adlige seiner Zeit gegolten – „ich freue mich, Sie zu sehen. Wie Sie bemerken werden, kann ich nicht aufstehen, zumindest nicht ohne große Schmerzen und Unbequemlichkeit. Mein Feind, die Gicht, hat wieder von mir Besitz ergriffen. Nehmen Sie Platz. Wohnen sie hier im Ort?“

„Ich bin gerade von West Lynne gekommen. Es war der wichtigste Zweck meiner Reise, Eure Lordschaft zu sprechen.“

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte der Earl unbehaglich. Ihm war der Verdacht durch den Kopf gegangen, Mr. Carlyle könne für einen seiner vielen lästigen Gläubiger tätig sein.

Mr. Carlyle zog seinen Stuhl näher zum Earl und sagte leise:

„Mylord, mir ist ein Gerücht zu Ohren gekommen, wonach East Lynne zum Verkauf steht.“

„Einen Augenblick, Sir“, rief der Earl mit einer gewissen Zurückhaltung, um nicht zu sagen Hochnäsigkeit in der Stimme, „sprechen wir hier vertraulich als Ehrenmänner miteinander, oder verbirgt sich dahinter etwas anderes?“

„Ich verstehe Sie nicht“, sagte Mr. Carlyle.

„Mit einem Wort – entschuldigen Sie, dass ich deutlich werde, aber ich muss wissen, wo ich stehe – sind Sie im Auftrag eines meiner niederträchtigen Gläubiger hier, um mir Informationen aus der Nase zu ziehen, die Sie ansonsten nicht bekämen?“

„Mylord“, entgegnete der Besucher, „zu einer so unehrenhaften Handlungsweise wäre ich nicht in der Lage. Ich weiß, dass man einem Anwalt zutraut, nur sehr lockere Vorstellungen von dem Begriff der Ehre zu haben, aber Sie können mich kaum verdächtigen, dass ich mich schuldig gemacht hätte, unter der Hand gegen Sie zu arbeiten. Soweit ich mich erinnere, habe ich mich nie in meinem Leben eines niederträchtigen Kunstgriffs bedient, und ich glaube auch nicht, dass dies in Zukunft geschehen wird.“

„Verzeihen Sie mir, Mr. Carlyle. Wenn Sie nur die Hälfte der Tricks und Listen kennen würden, mit denen man mir mitgespielt hat, würden Sie sich nicht wundern, dass ich die ganze Welt im Verdacht habe. Fahren Sie mit Ihren Ausführungen fort.“

„Ich habe gehört, dass East Lynne privat zum Verkauf steht; Ihr Rechtsbeistand hat so etwas im Vertrauen mir gegenüber durchblicken lassen. Wenn es stimmt, wäre ich gern der Käufer.“

„Für wen?“, erkundigte sich der Earl.

„Für mich selbst.“

„Für Sie!“, lachte der Earl. „Rechtsanwalt kann wahrhaftig nicht so ein schlechter Beruf sein, Carlyle.“

„Das ist er auch nicht“, gab Mr. Carlyle zurück, „jedenfalls wenn man so umfangreiche, erstklassige Beziehungen hat wie wir. Aber man muss daran denken, dass mein Onkel mir ein schönes Vermögen hinterlassen hat, und von meinem Vater war es ein großes.“

„Ich weiß. Ebenfalls Einnahmen aus der Anwaltstätigkeit.“

„Nicht nur. Meine Mutter hat ein Vermögen mit in die Ehe gebracht, und damit konnte mein Vater erfolgreich spekulieren. Ich bin auf der Suche nach einem geeigneten Anwesen, in das ich mein Geld investieren könnte, und East Lynne wäre für mich geeignet, vorausgesetzt, ich bekomme das Vorkaufsrecht und wir können uns über die Konditionen einigen.“

Lord Mount Severn grübelte einen Augenblick, bevor er etwas sagte. „Mr. Carlyle“, setzte er an, „meine Angelegenheiten stehen sehr schlecht, und irgendwo muss ich schnelles Geld auftreiben. Nun ist East Lynne nicht an die Familie gebunden, und es ist auch nicht annähernd bis zu seinem Wert mit Hypotheken belastet, aber letztere Tatsache ist, wie Sie sich vorstellen können, der Welt nicht allgemein geläufig. Als ich es vor achtzehn Jahren zu einem guten Preis kaufte, waren Sie, soweit ich mich erinnere, der Anwalt der Gegenpartei.“

„Mein Vater“, lächelte Mr. Carlyle. „Ich war damals noch ein Kind.“

„Natürlich, ich hätte sagen sollen, Ihr Vater. Wenn ich East Lynne verkaufe, bekomme ich ein paar tausend in die Hand, nachdem die Ansprüche daran befriedigt sind; ich habe kein anderes Mittel, um Wind in meine Segel zu bekommen, und deshalb habe ich mich entschlossen, mich davon zu trennen. Aber eines müssen Sie verstehen: Wenn allgemein bekannt wird, dass East Lynne nicht mehr mir gehört, habe ich die Hornissen um die Ohren; das Ganze muss also vollkommen diskret ablaufen. Verstehen Sie das?“

„Vollkommen“, erwiderte Mr. Carlyle.

„Ich nehme an, Sie würden es ebenso schnell kaufen wie irgendein anderer, falls wir uns, wie Sie sagen, auf die Konditionen einigen können.“

„Was erwarten Eure Lordschaft dafür – als grobe Schätzung?“

„Was die Einzelheiten angeht, muss ich Sie an meine geschäftlichen Vertreter Warburton & Ware verweisen. Nicht weniger als siebzigtausend Pfund.“

„Zu viel, Mylord“, rief Mr. Carlyle entschieden.

„Das ist noch nicht einmal sein Wert“, gab der Earl zurück.

„Bei solchen Notverkäufen wird nie der wahre Wert erzielt“, antwortete der Anwalt unverblümt. „Bevor mir Beauchamp den Hinweis gab, hatte ich gedacht, East Lynne sei für die Tochter Eurer Lordschaft vorgesehen.“

„Für sie ist nichts vorgesehen“ antwortete der Earl, wobei sich das Runzeln seiner Stirn deutlicher zeigte. „Das kommt von euren gedankenlosen Weglauf-Ehen. Ich habe mich in die Tochter von General Conway verliebt, und sie ist mit mir weggelaufen wie ein Trottel; das heißt, was die Unannehmlichkeiten angeht, waren wir beide Trottel. Der General hatte etwas gegen mich und sagte, ich müsse mir die Hörner abstoßen, bevor er mir Mary geben könne; also habe ich sie mit nach Gretna Green genommen, und sie wurde ohne Ehevertrag zur Gräfin von Mount Severn. Wenn man alles zusammennimmt, war es eine unglückselige Affäre. Als der General erfuhr, dass sie durchgebrannt war, hat es ihn umgebracht.“

„Umgebracht!“, warf Mr. Carlyle ein.

„Ja, wirklich. Er war herzkrank, und die Aufregung hat zur Krise geführt. Von diesem Augenblick an war meine arme Ehefrau nie mehr glücklich; sie machte sich selbst für den Tod ihres Vaters verantwortlich, und ich glaube, das führte dazu, dass auch sie starb. Sie war jahrelang krank; die Ärzte nannten es Schwindsucht; aber es war eher ein gefühlloses Dahinschwinden, und die Schwindsucht war in ihrer Familie nie vorgekommen. Weglauf-Ehen sind nie vom Glück gesegnet; das ist mir seither in vielen, vielen Fällen aufgefallen; so etwas wendet sich immer zum Schlechten.“

„Man hätte auch nach der Eheschließung noch einen Vertrag schließen können“, warf Mr. Carlyle ein, denn der Earl schwieg und schien seinen Gedanken nachzuhängen.

„Ich weiß; aber es geschah nicht. Meine Frau und ich besaßen kein Vermögen; ich war in meiner Laufbahn der Ausschweifungen schon weit vorangekommen, und keiner von uns dachte daran, für zukünftige Kinder vorzusorgen; oder wenn wir daran dachten, taten wir es nicht. Ein altes Sprichwort, Mr. Carlyle, sagt: Was man jederzeit tun kann, wird nie getan.“

Mr. Carlyle verbeugte sich.

„Mein Kind ist also mittellos“, fuhr der Earl mit einem unterdrückten Seufzen fort. „Wenn ich in ernster Stimmung bin, geht mir immer wieder der Gedanke durch den Kopf, wie peinlich es für sie sein könnte, wenn ich sterbe, bevor sie im Leben ihren Platz gefunden hat. Sie wird gut heiraten, daran gibt es wenig Zweifel, denn sie besitzt Schönheit in seltenem Maße und ist ohne Leichtsinn oder Ziererei aufgewachsen, wie es sich für ein englisches Mädchen gehört. In den ersten zwölf Jahren ihres Lebens wurde sie von ihrer Mutter erzogen, und die war abgesehen von der törichten Handlung, zu der ich sie überredet habe, die Güte und Vornehmheit selbst; danach gab es eine bewundernswerte Gouvernante. Keine Angst, sie wird nicht nach Gretna Green flüchten.“

„Sie war ein sehr liebenswertes Kind“, stimmte der Anwalt zu. „Daran erinnere ich mich.“

„Jaja; Sie haben sie in East Lynne zu Lebzeiten ihrer Mutter gesehen. Aber kommen wir zurück aufs Geschäftliche. Wenn Sie der Käufer des Anwesens East Lynne werden, Mr. Carlyle, muss es unter dem Siegel der Verschwiegenheit geschehen. Das Geld, das es mir bringt, nachdem ich die Hypothek abgelöst habe, muss ich, wie ich Ihnen gesagt habe, für meine privaten Zwecke nutzen; und Sie wissen, dass ich keinen Farthing davon sehen werde, wenn die breite Öffentlichkeit das Geringste von der Transaktion erfährt. In den Augen der Welt muss Lord Mount Severn der Eigentümer von East Lynne sein – zumindest noch für kurze Zeit danach. Vielleicht haben Sie dagegen keine Einwände.“

Mr. Carlyle dachte nach, bevor er antwortete; dann wurde das Gespräch wieder aufgenommen und man einigte sich darauf, dass er am nächsten Morgen als Erstes bei Warburton und Ware vorsprechen und sich mit ihnen beraten würde. Als er sich erhob und gehen wollte, war es schon spät.

„Bleiben Sie und essen Sie mit mir zu Abend“, sagte der Earl.

Mr. Carlyle zögerte und blickte an seiner Kleidung herunter – einem einfachen, eines Gentlemans würdigen Morgenanzug, der aber sicher nicht das richtige Gewand für ein Abendessen am Tisch eines Adligen war.

„Ach, das macht nichts“, sagte der Earl. „Wir werden ganz allein sein, abgesehen von meiner Tochter. Mrs. Vane vom Castle Marling wohnt bei uns. Sie ist gekommen und hat mein Kind mit in den Salon gebracht, aber soweit ich gehört habe, wird sie heute auswärts essen. Wir werden also ganz unter uns sein. Gestatten sie mir zu läuten, Mr. Carlyle.“

Der Diener trat ein.

„Fragen Sie, ob Mrs. Vane zu Hause speist“, sagte der Earl.

„Mrs. Vane speist außer Haus, Mylord“, lautete die sofortige Antwort des Mannes. „Der Wagen steht schon vor der Tür.“

„Sehr gut. Mr. Carlyle bleibt hier.“

Um sieben Uhr wurde das Abendessen angekündigt, und der Earl rollte ins Nachbarzimmer. Als er mit Mr. Carlyle durch die eine Tür hereinkam, trat jemand anderes auf der gegenüberliegenden Seite ein. Wer – was – war es? Mr. Carlye sah hin und war sich nicht ganz sicher, ob er ein menschliches Wesen vor sich hatte – fast dachte er, es sei ein Engel.

Eine leichte, grazile, mädchenhafte Gestalt; ein Gesicht von überragender Schönheit, einer Schönheit, wie man sie nur selten sieht, außer in der Fantasie eines Malers; dunkle, glänzende Locken, glatt wie die eines Kindes, fielen über Hals und Schultern. Helle, zarte, mit Perlen geschmückte Arme und ein fließendes Gewand mit kostbaren weißen Bändern. Der ganze Anblick wirkte auf den Anwalt, als käme er aus einer besseren Welt.

„Meine Tochter, Mr. Carlyle, die Lady Isabel.“

Sie nahmen ihre Plätze am Tisch ein. Lord Mount Severn saß trotz seiner Gicht und seines Fußschemels am Kopf, die junge Dame und Mr. Carlyle einander gegenüber. Mr. Carlyle hatte sich selbst nie für einen besonderen Bewunderer weiblicher Schönheit gehalten, aber die außergewöhnliche Anmut der jungen Frau vor ihm raubte ihm fast die Sinne und die Selbstbeherrschung. Und doch faszinierte ihn weniger der vollkommene Umriss der außergewöhnlichen Züge oder das Damastweiß der zarten Wangen oder die üppig fallenden Haare; nein, es war der liebenswürdige Ausdruck der weichen, dunklen Augen. Nie in seinem Leben hatte er so angenehme Augen gesehen. Er konnte den Blick nicht von ihr wenden, und als er sich mit ihrem Gesicht vertraut gemacht hatte, wurde ihm klar, dass in ihrem Charakter ein trauriger, bekümmerter Zug lag; man bemerkte ihn nur hin und wieder, wenn die Gesichtszüge entspannt waren, und dann vorwiegend in den Augen, die er so bewunderte. Ein solcher unbewusst bekümmerter Ausdruck zeigt sich nur dann, wenn er ein sicheres Kennzeichen für Kummer und Leid ist; aber das verstand Mr. Carlyle nicht. Und wer würde Kummer schon mit der voraussichtlich glänzenden Zukunft von Isabel Vane in Verbindung bringen?

„Isabel“, bemerkte der Earl, „was bist du herausgeputzt!“

„Ja, Papa. Ich wollte die alte Mrs. Levison nicht auf den Tee warten lassen. Sie nimmt ihn gern früh, und Mrs. Vane musste sie bis zum Abendessen vertrösten. Es war halb sieben, als sie von hier abgefahren ist.“

„Ich hoffe, du kommst heute Abend nicht zu spät, Isabel.“

„Das hängt von Mrs. Vane ab.“

„Dann wird es sicher spät. Wenn die jungen Damen in dieser unserer modischen Welt die Nacht zum Tage machen, ist das schlecht für ihre frische Röte. Was sagen Sie dazu, Mr. Carlyle?“

Mr. Carlyle sah die frische Röte auf den Wangen gegenüber am Tisch; sie sah so leuchtend aus, dass sie nicht schnell verblassen konnte.

Als das Abendessen zu Ende war, trat ein Dienstmädchen ein. Sie hatte einen weißen Kaschmirmantel in der Hand, legte ihn über die Schultern der jungen Dame und sagte, der Wagen stehe bereit.

Lady Isabel ging zum Earl. „Auf Wiedersehen, Papa.“

„Gute Nacht, mein Liebes“, antwortete er, zog sie an sich und küsste ihr liebliches Gesicht. „Sage Mrs. Vane, ich möchte nicht, dass du bis zum frühen Morgen ausgehst. Du bist noch ein Kind. Mr. Carlyle, würden Sie läuten? Mir ist es verwehrt, meine Tochter zum Wagen zu begleiten.“

„Wenn Eure Lordschaft mir gestatten würden – wenn Lady Isabel es mir verzeiht, dass jemand sie begleitet, der es kaum gewohnt ist, jungen Damen aufzuwarten, wäre es mir ein Vergnügen, sie zum Wagen zu bringen“, war seine ein wenig verwirrte Antwort auf Mr. Carlye, während er die Glocke betätigte.

Der Earl dankte ihm und die junge Dame lächelte. Mr. Carlye führte sie durch das breite, erleuchtete Treppenhaus hinunter, stand barhäuptig an der Tür der luxuriösen Kutsche und half ihr beim Einsteigen. Sie streckte in ihrer geradlinigen, angenehmen Art die Hand aus und wünschte ihm eine gute Nacht. Die Kutsche rollte davon, und Mr. Carlyle kehrte zum Earl zurück.

„Nun, ist sie nicht ein hübsches Mädchen?“, wollte er wissen.

„Hübsch ist nicht das richtige Wort für eine solche Schönheit“, antwortete Mr. Carlyle mit leiser, warmer Stimme. „Ich habe nie ein Gesicht gesehen, das auch nur halb so schön gewesen wäre.“

„Sie hat letzte Woche im Salon ziemliches Aufsehen erregt – jedenfalls habe ich das gehört. Diese ewige Gicht hält mich die ganze Zeit hier drinnen fest. Übrigens ist sie so gut, wie sie schön ist.“

Der Earl übertrieb nicht. Lady Isabel war von der Natur auf wundersame Weise beschenkt worden, und das nicht nur in Geist und Charakter, sondern auch im Herzen. Eine modische junge Dame war sie so wenig, wie es überhaupt möglich war, zum Teil weil man sie bisher von der weiten Welt abgeschirmt hatte, zum Teil aber auch wegen ihrer gewissenhaften Erziehung. Zu Lebzeiten ihrer Mutter war sie gelegentlich in East Lynne gewesen, meist aber auf Mount Severn, dem größeren Landsitz des Earl in Wales. Nachdem ihre Mutter gestorben war, hatte sie sich ausschließlich auf Mount Severn aufgehalten, und zwar unter der Obhut einer umsichtigen Gouvernante in einem sehr kleinen Haushalt, der für sie unterhalten wurde, wobei der Earl ihnen nur gelegentlich spontane, flüchtige Besuche abstattete. Sie war großzügig und wohlwollend, bis zu einem gewissen Grade furchtsam und sensibel und zu allen freundlich und rücksichtsvoll. Man sollte nicht darüber nörgeln, dass sie so gepriesen wird – bewundern und lieben wir sie lieber, denn jetzt, in ihrer arglosen Mädchenhaftigkeit, hat sie es verdient; die Zeit wird kommen, da solches Lob fehl am Platze wäre. Hätte der Earl vorhersehen können, welches Schicksal dieses Kind ereilen würde, er hätte es vorgezogen, sie in seiner Liebe so, wie sie vor ihm stand, totzuschlagen, statt zu dulden, dass sie es auf sich nahm.

Kapitel 2 Das zerbrochene Kreuz

Lady Isabels Kutsche setzte ihren Weg fort und brachte sie zum Wohnsitz von Mrs. Levison. Die Dame war fast achtzig Jahre alt und in Sprache und Betragen sehr ernst oder, wie Mrs. Vane es ausdrückte, „griesgrämig“. Als Isabel eintrat, sah Mrs. Levison aus wie der Inbegriff der Ungeduld: Ihre Haube war schief aufgesetzt, und sie nestelte an ihrem schwarzen Satinkleid. Mrs. Vane hatte sie beim Abendessen warten lassen, und Isabel hielt sie vom Tee ab; so etwas verträgt sich nicht mit den Alten, mit ihrer Gesundheit oder ihrer Laune.

„Ich fürchte, ich komme spät“ rief Lady Isabel aus, während sie auf Mrs. Levison zuging, „aber heute hat ein Gentleman mit Papa zu Abend gegessen und uns etwas länger am Tisch festgehalten.“

„Du bist fünfundzwanzig Minuten über die Zeit“, rief die alte Dame streng, „und ich will meinen Tee. Emma, bestelle ihn.“

Mrs. Vane läutete und tat, wie man sie geheißen hatte. Sie war eine kleine Frau von sechsundzwanzig Jahren mit sehr schlichtem Gesicht, aber elegant in ihrer Erscheinung, sehr verfeinert und eitel bis in die Fingerspitzen. Ihre verstorbene Mutter war Mrs. Levisons Tochter gewesen, und ihr Ehemann Raimond Vane war der mutmaßliche Erbe des Adelsgeschlechts von Mount Severn.

„Möchtest du nicht diese Pelerine ablegen, Kind?“, fragte Mrs. Levison; von den neumodischen Namen für solche Kleidungsstücke – Mäntel, Burnusse und dergleichen – verstand sie nichts; Isabel warf den Mantel ab und setzte sich neben sie.

„Der Tee ist noch nicht zubereitet, Großmutter!“, rief Mrs. Vane in erstauntem Tonfall, als die Dienerin mit dem Tablett und der Silberkanne erschien. „Du willst ihn doch sicher nicht im Zimmer zubereiten lassen.“

„Wo soll ich ihn denn sonst zubereiten lassen?“, erkundigte sich Mrs. Levison.

„Es ist doch viel bequemer, ihn fertig hereinbringen zu lassen“, sagte Mrs. Vane. „Es ist so embarrassée, ihn zuzubereiten.“

„Ach, wirklich!“, war die Antwort der alten Dame; „und dann schwappt er in den Untertassen über und ist kalt wie Milch! Du warst immer faul, Emma – und du neigst dazu, diese französischen Wörter zu verwenden. Ich für mein Teil würde mir ein gedrucktes Etikett ‚Ich spreche Französisch‘ auf die Stirn kleben und es so die ganze Welt wissen lassen.“

„Wer macht dir im Allgemeinen den Tee?“, fragte Mrs. Vane und warf Isabel hinter dem Rücken ihrer Großmutter einen verächtlichen Blick zu.

Aber Lady Isabel senkte furchtsam die Augen, und auf ihren Wangen erschien ein leuchtendes Rosa. Sie mochte es nicht, wenn es aussah, als würde sie sich von Mrs. Vane, ihrer Aufsichtsperson und dem Gast ihres Vaters, unterscheiden, aber ihr Inneres lehnte sich gegen den Gedanken auf, gegenüber einem betagten Familienmitglied Undankbarkeit oder Spott zu zeigen.

„Harriet kommt und bereitet ihn für mich zu“, erwiderte Mrs. Levison. „Ja, und sie setzt sich auch zu mir und trinkt ihn mit mir, wenn ich allein bin, was recht oft vorkommt. Was sagen Sie dazu, Madame Emma – Sie, mit Ihren feinen Vorstellungen?“

„Wie es dir beliebt, natürlich, Großmutter.“

„Und da steht der Teewagen neben deinem Ellenbogen, und die Kanne dampft, und wenn wir heute Abend noch Tee trinken wollen, sollte man ihn besser zubereiten.“

„Ich weiß nicht, wie viel ich hineingeben soll“, murrte Mrs. Vane. Sie hatte die größte Abscheu davor, ihre Hände oder die Handschuhe zu beschmutzen; kurz gesagt, hegte sie eine ganz besondere Abneigung dagegen, irgendetwas Nützliches zu tun.

„Soll ich ihn zubereiten, liebe Mrs. Levison?“, fragte Isabel und erhob sich voller Eifer. „Früher habe ich den Tee ebenso oft gemacht wie meine Gouvernante in Mount Severn, und ich mache ihn auch für Papa.“

„Tuʼ das, Kind“, erwiderte die alte Dame. „Du bist so viel wert wie zehn von der da.“

Isabel lachte vergnügt, legte die Handschuhe ab und setzte sich an den Tisch; in diesem Augenblick schlenderte ein junger, eleganter Mann ins Zimmer. Mit seinen scharf geschnittenen Gesichtszügen, den dunklen Augen, den rabenschwarzen Haaren und den weißen Zähnen musste man ihn als gut aussehend bezeichnen; für den aufmerksamen Beobachter hatten diese Eigenschaften allerdings keinen anziehenden Ausdruck, und die dunklen Augen hatten die starke Eigenart, wegzusehen, wenn er mit jemandem sprach. Es war Francis, Captain Levison.

Er war ein Enkel der alten Dame und Cousin ersten Grades von Mrs. Vane. Die wenigsten Männer waren in ihrem Betragen zu allen Zeiten und Gelegenheiten in Gesicht und Gestalt so faszinierend, die wenigsten gewannen so vollständig in den Ohren ihrer Zuhörer, und die wenigsten waren in ihrenm tiefsten Inneren so herzlos. Die Welt lag ihm zu Füßen, die Gesellschaft ehrte ihn; aber obwohl er ein rücksichtsloser Verschwender war – und dass er es war, wusste man –, würde er vermutlich zum Erben des reichen, alten Sir Peter Levison werden.

Die betagte Dame ergriff das Wort: „Captain Levison, Lady Isabel Vane.“ Beide nahmen die Vorstellung zur Kenntnis; und Isabel, die in den Angelegenheiten der großen Welt noch ein Kind war, wurde dunkelrot unter den bewundernden Blicken, die der junge Gardist ihr zuwarf. Seltsam – seltsam, dass sie die Bekanntschaft dieser beiden Männer am gleichen Tag machte, ja fast zur gleichen Stunde; der beiden, die unter allen Angehörigen des Menschengeschlechts den größten Einfluss auf ihr zukünftiges Leben haben sollten!

„Das ist ein hübsches Kreuz, mein Kind“, rief Mrs. Levison, als Isabel neben ihr stand, nachdem die Teestunde vorüber war und sie im Begriff stand, nach dem abendlichen Besuch mit Mrs. Vane abzufahren.

Damit meinte sie ein goldenes Kreuz mit sieben eingelegten Smaragden, das Isabel um den Hals trug. Es war von leichter, zarter Machart und hing an einer dünnen, kurzen Goldkette.

„Ist es nicht hübsch?“, erwiderte Isabel. „Meine liebe Mama hat es mir geschenkt, kurz bevor sie gestorben ist. Warten Sie, ich nehme es für Sie ab. Ich trage es nur bei besonderen Gelegenheiten.“

Und dies hier, ihr erster Auftritt bei der Großherzogin, schien dem einfach erzogenen, unerfahrenen Mädchen eine ganz besondere Gelegenheit zu sein. Sie öffnete den Verschluss der Kette und legte sie mit dem Kreuz in Mrs. Levisons Hände.

„Nun, ich stelle fest, du trägst keinen Schmuck außer diesem Kreuz und ein paar armseligen Perlenarmbändern!“, sagte Mrs. Vane zu Isabel. „Ich hatte dich noch gar nicht genau angesehen.“

„Beides hat mir Mama geschenkt. Die Armbänder hat sie selbst oft getragen.“

„Du altmodisches Kind! Dass deine Mama dieser Armbänder vor Jahren getragen hat – ist das ein Grund, dass auch du sie trägst?“, gab Mrs. Vane zurück. „Warum legst du nicht deine Diamanten an?“

„Ich … hatte … meine Diamanten angelegt. Aber ich … habe sie wieder ausgezogen“, stammelte Isabel.

„Warum um alles in der Welt?“

„Ich wollte nicht zu fein aussehen“, antwortete Isabel mit einem Lachen und errötete. „Sie haben so geglitzert! Ich habe gefürchtet, man könnte denken, ich hätte sie nur angelegt, um fein auszusehen.“

„Aha! Du willst dich also offensichtlich in die Klasse von Menschen einordnen, die so tun, als würden sie Schmuck verabscheuen“, bemerkte Mrs. Vane. „Das ist die höchste Verfeinerung der Affektiertheit, Lady Isabel.“

Der Spott klang in Lady Isabels Ohren harmlos. Sie glaubte einfach, irgendetwas habe Mrs. Vane die Laune verdorben. Das stimmte sicher auch; und dieses Etwas war – auch wenn Isabel es kaum vermutet hätte – die offenkundige Bewunderung, die Captain Levison ihrer frischen, jungen Schönheit entgegenbrachte; sie nahm ihn ganz in Anspruch und machte ihn sogar nachlässig gegenüber Mrs. Vane.

„Hier, Kind, nimm dein Kreuz“, sagte die alte Dame. „Es ist sehr hübsch; an deinem Hals ist es hübscher als Diamanten es wären. Du brauchst keine Verschönerung; machʼ dir nichts daraus, was Emma sagt.“

Francis Levison nahm ihr das Kreuz mit der Kette aus der Hand und gab es an Lady Isabel weiter. Ob er ungeschickt war oder ob sie die Hände voll hatte – sie musste ihre Handschuhe und das Taschentuch festhalten, außerdem hatte sie gerade den Mantel abgelegt – jedenfalls fiel es zu Boden; und in seinem zu schnellen Versuch, es aufzufangen, gelang es dem Gentleman, mit dem Fuß darauf zu treten. Das Kreuz war entzweigebrochen.

„Da! Wer ist denn nun daran schuld?“, rief Mrs. Levison.

Isabel antwortete nicht; es ging ihr zu Herzen. Sie nahm das zerbrochene Kreuz, und die Tränen liefen ihr aus den Augen; sie konnte es nicht verhindern.

„Warum denn das! Du weinst doch wohl nicht über so ein lächerliches Kreuz!“, sagte Mrs. Vane und unterbrach damit Captain Levisons Ausdruck des Bedauerns über seine Ungeschicklichkeit.

„Du kannst es löten lassen, mein Liebes“, warf Mrs. Levison ein.

Lady Isabel schluckte die Tränen herunter und wandte sich mit fröhlichem Blick Captain Levison zu. „Machen Sie sich bitte keine Vorwürfe“, sagte sie gutmütig; „es war ebenso gut meine Schuld wie Ihre; und wie Mrs. Levison schon sagte, kann ich es löten lassen.“

Während sie sprach, löste sie den oberen Teil des Kreuzes von der Kette und legte sich diese um den Hals.

„Du wirst doch nicht diese dünne Goldkette und sonst nichts umlegen!“, meinte Mrs. Vane.

„Warum nicht?“, gab Isabel zurück. „Wenn die Leute etwas sagen, kann ich ihnen erklären, dass mit dem Kreuz ein Missgeschick passiert ist.“

Mrs. Vane brach in spöttisches Gelächter aus. „Wenn die Leute etwas sagen!“, wiederholte sie in einem Tonfall, der zum Lachen passte. „Sie werden nicht ‚etwas sagen‘, sondern annehmen, dass die Tochter von Lord Mount Severn an einem unglückseligen Mangel an Schmuck leidet.“

Isabel lächelte und schüttelte den Kopf. „Im Salon haben sie meine Diamanten gesehen.“

„Wenn du mir etwas so Ungeschicktes angetan hättest, Frank Levison“, platzte die alte Dame heraus, „wären meine Türen dir einen Monat lang verschlossen geblieben. Emma, wenn du gehen willst, dann gehst du besser; ausgehen und den Abend um zehn Uhr in der Nacht beginnen! Zu meiner Zeit sind wir um sieben ausgegangen; aber heutzutage ist es Sitte, die Nacht zum Tag zu machen.“

„Damals, als George der Dritte um ein Uhr nachts gekochten Hammel und Rüben aß“, warf der schamlose Captain ein; er brachte seiner Großmutter sicher keine größere Verehrung entgegen als Mrs. Vane.

Während er sprach, wandte er sich zu Isabel, um sie die Treppe hinunter zu begleiten. So wurde sie zum zweiten Mal in dieser Nacht von einem Fremden zu ihrer Kutsche gebracht. Mrs. Vane ging allein hinunter, so gut sie konnte, und dabei besserte sich ihre Laune nicht.

„Gute Nacht“, sagte sie zu dem Captain.

„Ich werde nicht Gute Nacht sagen. Sie finden mich dort fast sobald Sie dort sind.“

„Sie haben mir gesagt, sie würden nicht kommen. Irgendeine Junggesellenfeier sei dazwischen gekommen.“

„Ja, aber ich habe es mir anders überlegt. Leben Sie einstweilen wohl, Lady Isabel.“

„Wie wirst du denn aussehen, mit nichts um den Hals außer einer Schulmädchenkette!“, setzte Mrs. Vane an und kehrte damit zu dem Missstand zurück, während sie mit der Kutsche davonfuhren.

„Ach, Mrs. Vane, was hat das zu bedeuten? Ich kann an nichts anderes denken als an mein zerbrochenes Kreuz. Das ist doch sicher ein schlechtes Omen.“

„Ein schlechtes – was?“

„Ein schlechtes Omen. Mama hat mir das Kreuz geschenkt, als sie im Sterben lag. Sie hat mir gesagt, es soll mein Glücksbringer sein, und ich soll es immer sorgfältig aufbewahren; und wenn ich Kummer hätte oder einen Rat bräuchte, solle ich es ansehen und mich daran zu erinnern versuchen, was sie mir geraten hätte, um dann entsprechend zu handeln. Und jetzt ist es zerbrochen – zerbrochen!“

Eine flackernde Gaslaterne warf einen Lichtblitz in die Kutsche und genau in Isabels Gesicht. „Ich stelle fest, du weinst schon wieder!“, sagte Mrs. Vane. „Eines sage ich dir, Isabel: Ich werde keine roten Augen zur Herzogin von Dartfort begleiten. Wenn du also nicht aufhören kannst, werde ich den Kutscher anweisen, dich nach Hause zu fahren, und dann allein hingehen.“

Isabel trocknete sich kleinlaut die Augen ab und seufzte dabei tief. „Ich glaube schon, dass man die Stücke wieder zusammensetzen kann, aber für mich wird es nie wieder dasselbe Kreuz sein.“

„Was hast du mit den Stücken gemacht?“, fragte Mrs. Vane gereizt.

„Ich habe sie in das Seidenpapier eingewickelt, das Mrs. Levison mir gegeben hat, und sie in mein Röckchen gesteckt. Hier ist es“, sagte sie, wobei sie sich an den Körper fasste. „Ich habe keine Tasche dabei.“

Mrs. Vane ließ ein Stöhnen hören. Sie war selbst nie ein Mädchen gewesen – schon mit zehn Jahren war sie eine Frau; sie beglückwünschte Isabel dazu, dass die kaum besser sei als eine Schwachsinnige. „In mein Röckchen gesteckt!“, stieß sie mit beißendem Spott hervor. „Und du willst achtzehn Jahre alt sein! Ich hatte mir vorgestellt, du hättest die ‚Röckchen‘ im Kinderzimmer gelassen. Schämʼ dich, Isabel!“

„Ich wollte sagen, in mein Kleid“, korrigierte sich Isabel.

„Du wolltest sagen, du bist ein dummes Baby!“, lautete der unausgesprochene Kommentar von Mrs. Vane.

Einige Minuten später hatte Isabel ihren Kummer vergessen. Die prächtigen Räumlichkeiten waren für sie wie eine verzauberte Szene aus einem Traumland; ihr Herz befand sich im Frühling der ersten Frische, und die Sättigung mit Erfahrungen hatte sich noch nicht eingestellt. Wie konnte sie an Schwierigkeiten oder sogar an das zerbrochene Kreuz denken, als sie sich den Huldigungen zuneigte, die ihr entgegengebracht wurden, und die honigsüßen Worte in sich aufsaugte, die man ihr in die Ohren träufelte?

„Hallooo!“, rief ein Student aus Oxford mit Aussicht auf eine lange Einkünfteliste, der sich an die Wand drückte, um den Tänzern nicht im Wege zu sein. „Ich dachte, Sie hätten es aufgegeben, an solche Orte zu kommen?“

„Das hatte ich auch“, erwiderte der angesprochene flotte Adlige, der Sohn eines Marquis. „Aber ich bin auf der Suche, und deshalb muss ich wieder herkommen. Für mich ist ein Ballsaal das Langweiligste auf der Welt.“

„Auf der Suche wonach?“

„Nach einer Ehefrau. Mein alter Herr hat mir die Unterstützung gestrichen und bei seinem Bart geschworen, keinen Schilling mehr herauszurücken und keine Schulden zu bezahlen, bis ich mich gebessert habe. Als ersten Schritt in diese Richtung besteht er auf einer Ehefrau, und ich versuche, mich für eine zu entscheiden, denn ich stecke tiefer in den Schulden, als Sie sich vorstellen können.“

„Dann nehmen Sie doch die neue Schönheit.“

„Wer ist sie?“

„Lady Isabel Vane.“

„Verbindlichsten Dank für den Vorschlag“, erwiderte der Earl. „Aber man möchte doch gern einen respektablen Schwiegervater haben, und Mount Severn wird vor die Hunde gehen. Er und ich, wir sind zu sehr auf der gleichen Linie und könnten auf lange Sicht zusammenrasseln.“

„Man kann nicht alles haben; die Schönheit des Mädchens geht über das Übliche hinaus. Ich habe gesehen, wie dieser Wüstling Levison sich an sie herangemacht hat. Er bildet sich ein, er könnte alle anderen ausstechen, wenn es um Frauen geht.“

„Das schafft er oft“, war die leise Antwort.

„Ich mag den Burschen nicht! Er ist so von sich eingenommen mit den gelockten Haaren und den blitzenden Zähnen und der weißen Haut; und er ist herzlos wie eine Eule. Was war das für eine vertuschte Angelegenheit mit Miss Charteris?“

„Wer weiß das schon? Levison hat sich aus der Affäre gezogen wie ein Aal, und die Frau hat sich beklagt, andere würden sich an ihm mehr versündigen als er sich an anderen. Drei Viertel von allen haben ihr geglaubt.“

„Und sie ist ins Ausland gegangen und gestorben; da kommt Levison ja schon! Und die Tochter von Mount Severn mit ihm.“

Im gleichen Augenblick kamen Francis Levison und Lady Isabel näher. Zum zehnten Mal an diesem Abend brachte er sein Bedauern über das unangenehme Missgeschick mit dem Kreuz zum Ausdruck. „Ich habe das Gefühl, als könne ich das nie wieder gutmachen“, flüsterte er. „Mir ist, als würde die aus tiefsten Herzen kommende Huldigung meines ganzen Lebens als Ausgleich nicht ausreichen.“

Er sprach in einem Tonfall der mitreißenden Herzlichkeit – angenehm für das Ohr, aber gefährlich für das Herz. Lady Isabel blickte auf und begegnete seinen Augen, die sie voller tiefster Zärtlichkeit anblickten – in einer Sprache, die ihr noch nie begegnet war. Wieder breitete sich auf ihren Wangen eine lebhafte Röte aus, ihre Augenlider senkten sich, und ihre angstvollen Worte starben im Schweigen dahin.

„Vorsicht, Vorsicht, meine junge Lady Isabel“, murmelte der Oxforder halblaut, als sie an ihm vorübergingen. „Dieser Mann ist so falsch, wie er hübsch ist.“

„Ich glaube, er ist ein Schuft“, bemerkte der Earl.

„Das ist mir bekannt; ich weiß ein paar Dinge über ihn. Er würde ihr Herz um der Eroberung willen ruinieren, einfach weil sie eine Schönheit ist, und dann würde er es gebrochen wegwerfen. Er hat nichts, was er für das Geschenk zurückgeben könnte.“

„Ebenso viel wie mein neues Rennpferd“, schloss der Earl. „Sie ist wirklich sehr schön.“

Kapitel 3 Barbara Hare

West Lynne war ein Ort von einer gewissen Bedeutung, insbesondere nach seiner eigenen Einschätzung, denn da es weder eine Industriestadt noch Bischofssitz war, ja noch nicht einmal die Hauptstadt der Grafschaft, war es, was Sitten und Gebräuche anging, ein wenig primitiv. Außerhalb der Stadt, in östlicher Richtung, kam man an mehreren freistehenden Landhäusern vorüber. In deren Nachbarschaft stand die Kirche St. Jude, die, was ihre Gemeinde anging, aristokratischer war als die anderen Kirchen von West Lynne. Die Häuser verteilten sich über ungefähr eine Meile, und die Kirche lag am Anfang der Reihe nicht weit vom belebten Teil des Ortes. Nochmals eine Meile weiter gelangte man zu dem wunderschönen Anwesen, das East Lynne genannt wurde.

Zwischen den erwähnten Herrenhäusern und East Lynne war die Straße auf einer Meile sehr einsam und größtenteils von Bäumen überschattet. Ein Haus stand dort ganz allein ungefähr eine dreiviertel Meile bevor man nach East Lynne gelangte. Es lag auf der linken Seite, ein klobiges, hässliches rotes Backsteinhaus mit einem Wetterhahn auf dem First, das in einer gewissen Entfernung von der Straße erbaut war. Davor erstreckte sich ein flacher Rasen, und in der Nähe des Lattenzaunes, der ihn von der Straße trennte, wuchs ein eine Baumgruppe von einigen Yards Tiefe. Der Rasen wurde in der Mitte von einem schmalen Kiesweg unterteilt, über den man Zugang zur Eingangsveranda des Hauses erhielt. Von dort trat man in eine große, geflieste Diele mit je einem Empfangszimmer rechts und links und dem breiten Treppenhaus auf der Rückseite; neben dem Treppenhaus gelangte man zu den Wohnungen und Arbeitsräumen der Dienstboten. Das Haus wurde The Grove genannt; es war Eigentum und Wohnsitz von Richard Hare, Esq., der allgemein Richter Hare genannt wurde.

Der Raum, der beim Eintreten zur Linken lag, war das allgemeine Wohnzimmer; der andere war größtenteils mit lavendelfarbenen und braunen Leinentapeten geschmückt und wurde nur bei besonderen Gelegenheiten geöffnet. Der Richter und Mrs. Hare hatten drei Kinder, einen Sohn und zwei Töchter. Anne, das Ältere der Mädchen, hatte frühzeitig geheiratet; Barbara, die Jüngere, war jetzt neunzehn; und Richard, der Älteste – auf ihn werden wir später zu sprechen kommen.

An einem frostigen Abend Anfang Mai, wenige Tage nach dem Besuch von Mr. Carlyle bei dem Earl of Mount Severn, saß Mrs. Hare in diesem Wohnzimmer. Die blasse, kränkliche Frau war zwischen Decken und Kissen begraben – aber tagsüber war es warm gewesen. Am Fenster saß ein hübsches Mädchen, sehr liebreizend mit blauen Augen, blonden Haaren, einem blühenden Teint und kleinen, scharf geschnittenen Gesichtszügen. Sie blätterte lustlos in einem Buch.

„Barbara, jetzt ist doch sicher schon Zeit für den Tee.“

„Die Zeit vergeht dir anscheinend sehr langsam, Mama. Erst vor knapp einer Viertelstunde habe ich dir gesagt, dass es zehn Minuten nach sechs ist.“

„Ich habe solchen Durst!“, verkündete die arme Kranke. „Sieh doch noch einmal auf die Uhr, Barbara.“

Barbara Hare erhob sich mit einer Geste unverhohlener Ungeduld, öffnete die Türe und warf einen Blick auf die große Uhr in der Diele. „Es fehlen noch neunundzwanzig Minuten bis sieben Uhr, Mama. Du könntest eigentlich tagsüber deine Armbanduhr anlegen; seit dem Essen hast du mich schon viermal weggeschickt, damit ich auf die Uhr sehe.“

„Ich habe solchen Durst!“, wiederholte Mrs. Hare mit einer Art Schluchzen. „Wenn es doch bloß sieben Uhr schlagen würde! Ich komme um ohne meinen Tee!“

Nun könnte man meinen, dass eine Lady in ihrem eigenen Haus, die „ohne ihren Tee umkommt“, doch sicher die Anweisung geben könnte, ihn zu servieren, auch wenn die übliche Stunde noch nicht geschlagen hat. Nicht so Mrs. Hare. Seit ihr Ehemann sie vor vierundzwanzig Jahren zum ersten Mal in dieses Haus gebracht hatte, hatte sie es nie gewagt, ihren eigenen Willen zum Ausdruck zu bringen; kaum einmal hatte sie aus eigener Verantwortung eine Anweisung gegeben. Der Richter Hare war streng, gebieterisch, halsstarrig und selbstgefällig; sie war furchtsam, sanftmütig und unterwürfig. Sie hatte ihn von ganzem Herzen geliebt, und ihr Leben war eine einzige lange Unterwerfung ihres Willens unter den Seinen gewesen; eigentlich hatte sie keinen eigenen Willen; immer galt der Seine. Dennoch war sie weit davon entfernt, die Knechtschaft als Joch zu empfinden – manche Charaktere haben solche Gefühle nicht. Und um Mr. Hare Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Sein machtvoller Wille, wonach alles sich ihm beugen musste, war ein Fehler, aber seine Freundlichkeit stand außer Frage. Er wollte zu seiner Frau nie unfreundlich sein. Von seinen drei Kindern hatte allein Barbara seine Willensstärke geerbt.

„Barbara“, setzte Mrs. Hare noch einmal an, als sie glaubte, es müsse mindestens eine Viertelstunde verstrichen sein.

„Ja, Mama?“

„Läute und sage ihnen, sie sollen alles in Bereitschaft halten, damit keine Verzögerung eintritt, wenn es sieben schlägt.“

„Du liebe Güte, Mama! Du weißt doch, dass immer alles bereitsteht. Und wir haben keine Eile, denn Papa ist wahrscheinlich nicht zu Hause.“ Dennoch erhob sie sich, betätigte mit einer verdrießlichen Bewegung die Glocke, und als der Dienstbote eintrat, sagte sie ihm, er solle pünktlich den Tee servieren.

„Wenn du wüsstest, mein Liebes, was ich für einen trockenen Hals habe und wie ausgedörrt mein Mund ist, hättest du mehr Geduld mit mir.“

Barbara schlug mit einem Ausdruck der Lustlosigkeit ihr Buch zu und wandte sich lustlos zum Fenster. Sie wirkte müde, aber nicht vor Erschöpfung, sondern wegen des Zustandes, den die Franzosen mit dem Wort ennui ausdrücken. „Da kommt Papa“, sagte sie kurz darauf.

„Ach, da bin ich aber froh“, rief die arme Mrs. Hare. „Vielleicht macht es ihm nichts aus, sofort Tee zu trinken, wenn ich ihm sage, welchen Durst ich habe.“

Der Richter trat ein. Er war ein mittelgroßer Mann mit wichtigtuerischen Gesichtszügen, wichtigtuerischem Gang und einer flachsblonden Perücke. In seiner Adlernase, den zusammengepressten Lippen und dem spitzen Kinn mochte man vielleicht eine Ähnlichkeit mit seiner Tochter erkennen; allerdings hatte er nie auch nur halb so gut ausgesehen wie die hübsche Barbara.

„Richard“, ergriff Mrs. Hare in dem Augenblick, in dem er die Tür öffnete, zwischen ihren Decken das Wort.

„Ja?“

„Darf ich jetzt bitte den Tee bringen lassen? Würde es dir sehr viel ausmachen, ihn heute Abend ein wenig früher zu trinken? Ich habe wieder Fieber, und meine Zunge ist so trocken, dass ich nicht mehr weiß, wie ich sprechen soll.“

„Ach, es ist ja kurz vor sieben; du musst nicht mehr lange warten.“

Mit dieser überaus liebreizenden Antwort auf die Bitte einer Kranken verließ Mr. Hare das Zimmer und knallte die Tür zu. Er hatte nicht unfreundlich oder grob gesprochen, sondern einfach nur voller Gleichgültigkeit. Aber noch bevor Mrs. Hares schwacher Seufzer der Enttäuschung vorüber war, öffnete sich die Tür erneut, und die flachsblonde Perücke wurde wieder hereingestreckt.

„Es macht mir nichts aus, ihn jetzt zu trinken. Es wird eine schöne Mondnacht, und ich werde mit Pinner zu Beauchamp gehen und dort eine Pfeife rauchen. Lassʼ ihn kommen, Barbara.“

Der Tee wurde zubereitet und eingenommen, und nachdem Squire Pinner am Tor vorgesprochen hatte, machte der Richter sich auf den Weg zu Mr. Beauchamp. Dieser Gentleman bewirtschaftete große Ländereien und war auch der Agent oder Verwalter des Lord Mount Severn für East Lynne. Er wohnte ein Stück weiter die Straße entlang in kurzer Entfernung hinter East Lynne.

„Mir ist so kalt, Barbara“, schauderte Mrs. Hare, während sie zusah, wie der Richter den Kiesweg hinunterging. „Ob dein Papa es wohl töricht finden würde, wenn ich ihnen sage, sie sollten ein wenig Feuer machen?“

„Lassʼ es anzünden, wenn du magst“, erwiderte Barbara und läutete. „Papa wird ohnehin nichts davon erfahren, denn er wird erst nach der Zubettgehzeit nach Hause kommen. Jasper, Mama friert und möchte, dass ein Feuer angezündet wird.“

„Viele dünne Stöcke, Jasper, damit es schnell brennt“, sagte Mrs. Hare mit bettelnder Stimme, als seien es nicht ihre Stöcke, sondern die von Jasper.

Mrs. Hare bekam ihr Feuer, zog ihren Stuhl davor und legte die Füße auf das Kamingitter, um die Wärme aufzufangen. Barbara begab sich, immer noch lustlos, in die Diele, nahm dort einen Wollschal vom Ständer, warf ihn sich über die Schulter und ging hinaus. Sie schlenderte den geraden, herrschaftlichen Weg hinunter, blieb an dem eisernen Tor stehen und blickte darüber hinweg auf die öffentliche Straße, die allerdings an dieser Stelle und zu dieser Stunde nicht sehr öffentlich war, sondern so einsam, wie man es sich nur wünschen konnte. Es war eine stille, angenehme Nacht, wenn auch etwas kalt für Anfang Mai, und der Mond stieg am Himmel in die Höhe.

„Wann kommt er wohl nach Hause?“, murmelte sie, während sie den Kopf an das Gitter lehnte. „Ach, was wäre das Leben ohne ihn? Wie elend waren diese paar Tage! Was hat ihn wohl dorthin geführt? Was hält ihn ab? Corny sagt, er sei nur für einen Tag weggegangen.“

Aus der Ferne drang das schwache Echo von Schritten an ihre Ohren. Barbara zog sich ein wenig zurück und versteckte sich unter den Bäumen – von einem zufälligen Passanten wollte sie nicht gesehen werden. Als die Schritte aber näher kamen, ging plötzlich eine Wandlung mit ihr vor; ihre Augen leuchteten auf, ihre Wangen färbten sich dunkelrot, und ihre Adern pulsierten in einem Übermaß von Begeisterung: Sie kannte diese Schritte nur allzu gut und liebte sie.

Vorsichtig spähte sie wieder über das Tor und blickte die Straße hinunter. Eine stattliche Gestalt, deren Größe und Kraft eine Anmut in sich trugen, ohne dass sich ihr Besitzer dessen bewusst gewesen wäre, kam aus der Richtung von West Lynne schnell auf sie zu. Wieder schreckte sie zurück; wahre Liebe ist stets furchtsam; und welche Qualitäten Barbara Hare sonst auch besitzen mochte, ihre Liebe zumindest war wahrhaftig und tief. Aber das Tor öffnete sich nicht mit der energischen, schnellen Bewegung, die für die sie ausführende Hand charakteristisch war, sondern die Schritte schienen vorüberzugehen und sich nicht in ihre Richtung zu wenden. Barbaras Herz sank. Wieder stahl sie sich an das Tor und sah mit sehnsuchtsvollem Blick nach draußen.

Ja, natürlich ging er weiter. Er dachte nicht an sie, kam nicht zu ihr; in der Enttäuschung und aus dem Impuls des Augenblicks rief sie ihn:

„Archibald!“

Mr. Carlyle – denn kein anderer war es – wandte sich auf dem Absatz um und kam zum Tor.

„Sie sind es, Barbara! Halten Sie Ausschau nach Dieben und Wilderern? Wie geht es Ihnen?“

„Wie geht es Ihnen?“, gab sie zurück und hielt das Tor auf, damit er eintreten konnte. Während sie sich die Hand gaben, bemühte sie sich, ihre Aufregung zu zügeln. „Wann sind Sie zurückgekommen?“

„Gerade erst, mit dem Achtuhrzug. Er hatte Verspätung, weil er an den Bahnhöfen unverzeihlich lange getrödelt hat. Sie hatten nicht daran gedacht, dass ich darin saß, das verrieten mir ihre Blicke, als ich ausgestiegen bin. Ich war noch nicht zu Hause.“

„Nein! Was wird Cornelia sagen?“

„Ich war für fünf Minuten in der Kanzlei. Aber ich habe ein paar Worte mit Beauchamp zu reden und gehe sofort hin. Danke, ich kann jetzt nicht hereinkommen; ich habe vor, es auf dem Rückweg zu tun.“

„Papa ist zu Mr. Beauchamp gegangen.“

„Mr. Hare! Wirklich?“

„Er und Squire Pinner“, fuhr Barbara fort. „Sie sind hingegangen, um eine Runde zu rauchen. Wenn Sie dort auf Papa warten, wird es zu spät, um noch hereinzukommen, denn er wird sicher nicht vor elf oder zwölf zurück sein.“

Mr. Carlyle senkte nachdenklich den Kopf. „Ich glaube, dann nützt es nichts, wenn ich weitergehe“, sagte er, „denn meine Geschäfte mit Beauchamp sind privater Natur. Ich muss sie auf morgen verschieben.“

Er nahm ihr das Gartentor aus der Hand, schloss es und legte ihre Hand auf seinen Arm, um mit ihr zum Haus zu gehen. Das Ganze geschah auf eine nüchterne, realistische Art und Weise; Romantik oder Gefühle schwangen darin nicht mit; und doch fühlte sich Barbara Hare, als wäre sie im Paradies.

„Und wie ist es Ihnen in den letzten Tagen ergangen, Barbara?“

„Ach, sehr gut. Aus welchem Anlass sind Sie so plötzlich abgereist? Sie haben nie gesagt, dass Sie wegfahren würden, und sind auch nicht zu uns gekommen, um sich zu verabschieden.“

„Sie haben es gerade zum Ausdruck gebracht, Barbara – ‚plötzlich‘. Eine geschäftliche Angelegenheit hat sich plötzlich ergeben, und dafür musste ich plötzlich etwas tun.“

„Cornelia hat gesagt, Sie wären nur einen Tag fort.“

„Hat sie das gesagt? Wenn ich in London bin, gibt es immer viel zu tun! Geht es Mrs. Hare besser?“

„Es ist immer gleich. Ich glaube, Mamas Leiden sind zumindest zur Hälfte nur eingebildet; wenn sie sich aufraffen würde, ginge es ihr besser. Was ist in diesem Paket?“

„Das zu fragen, steht Ihnen nicht zu, Miss Barbara. Es geht Sie nichts an. Es geht nur Mrs. Hare etwas an.“

„Haben Sie Mama etwas mitgebracht, Archibald?“

„Natürlich. Zum Besuch eines Landbewohners in London gehört es, dass er Geschenke für seine Freunde kauft; zumindest war das früher so, in der guten alten Zeit.“

„Als die Leute ihr Testament gemacht haben, bevor sie abgereist sind, und dann für die Reise vierzehn Tage in einer Kutsche gebraucht haben“, lachte Barbara. „Solche Geschichten hat uns Großvater erzählt, als wir Kinder waren. Aber ist es wirklich etwas für Mama?“

„Habe ich so etwas gesagt? Ich habe Ihnen etwas mitgebracht.“

„Ach! Was denn?“, platzte sie heraus. Ihr Gesichts nahm mehr Farbe an, und sie fragte sich, ob er im Scherz oder im Ernst gesprochen hatte.

„Das ist aber ein ungeduldiges Mädchen! ‚Was denn?‘ Warten Sie einen Augenblick, dann werden Sie es sehen.“

Er legte das Päckchen, das er bei sich trug, auf einen Gartenstuhl und fing an, in seinen Taschen zu suchen. Er sah in allen Taschen nach, aber scheinbar vergeblich.

„Barbara, ich glaube, es ist weg. Ich muss es irgendwo verloren haben.“

Ihr Herz pochte, während sie dort stand und ihn im Mondlicht schweigend ansah. Was war verloren gegangen? Was war es gewesen?

Aber bei einer zweiten Suche stieß er auf etwas in der Tasche seines Rockschoßes. „Ah, da ist es; wie ist es denn dorthin gekommen?“ Er öffnete eine kleine Schachtel, nahm eine lange Goldkette heraus und legte sie ihr um den Hals. Daran war ein Medaillon befestigt.

Das Rot auf ihren Wangen kam und ging; ihr Herz schlug schneller. Sie brachte kein Wort des Dankes hervor; Mr. Carlyle griff wieder nach dem Päckchen und ging weiter zu Mrs. Hare.

Barbara folgte ihm wenige Minuten später. Ihre Mutter stand und sah in freudiger Erwartung Mr. Carlyles Bewegungen zu. Es waren keine Kerzen im Zimmer, aber der Kamin erleuchtete es hell.

„Nun, lachen Sie mich nicht aus“, sagte er, wobei er die Schnur um das Päckchen löste. „Es ist keine Rolle Samt für ein Kleid, und auch keine Pergamentrolle, die Ihnen zwanzigtausend Pfund im Jahr verspricht. Vielmehr ist es – ein aufblasbares Kissen!“

Es war genau das, wonach die arme Mrs. Hare, die des Sitzens und Liegens so überdrüssig war, sich oft gesehnt hatte. Sie hatte gehört, man könne solche Luxusartikel in London kaufen, aber sie konnte sich nicht erinnern, jemals eines gesehen zu haben. Fast gierig griff sie danach, wobei sie Mr. Carlyle einen dankbaren Blick zuwarf.

„Wie soll ich Ihnen dafür danken?“, murmelte sie unter Tränen.

„Wenn Sie mir überhaupt danken, werde ich Ihnen nie wieder etwas mitbringen“, rief er fröhlich. „Ich habe Barbara schon gesagt, dass es zu einem Besuch in London dazugehört, Geschenke für Freunde mitzubringen. Sehen Sie, wie hübsch ich sie gemacht habe?“

Hastig nahm Barbara die Kette ab und legte sie vor ihrer Mutter hin.

„Was für eine wunderschöne Kette“, murmelte Mrs. Hare überrascht. „Archibald, Sie sind einfach zu gütig, zu großzügig! Das muss doch eine Menge gekostet haben; das ist keine Kleinigkeit.“

„Unsinn!“, lachte Mr. Carlyle. „Ich will Ihnen beiden sagen, wie es dazu kam, dass ich es gekauft habe. Ich bin zu einem Juwelier gegangen, weil meine Armbanduhr in letzter Zeit auf höchst ungenierte Weise nachgegangen ist, und da sah ich eine ganze Auslage mit hängenden Ketten; manche waren gewichtig genug für einen Sheriff, andere leicht und elegant genug für Barbara. Ich sehe am Hals einer Dame nicht gern eine dicke Kette. Mir kam der Gedanke an die Kette, die sie an dem Tag verloren hat, an dem sie und Cornelia mit mir nach Lynneborough gefahren waren. Barbara erklärte hartnäckig, der Verlust sei meine Schuld, weil ich sie zur Besichtigung durch die Stadt geschleppt hätte, während Cornelia einkaufen ging – und dabei ist ihr die Kette abhanden gekommen.“

„Aber das habe ich doch nur im Scherz gesagt“, warf Barbara ein. „Natürlich wäre es auch geschehen, wenn Sie nicht bei mir gewesen wären; die Kettenglieder sind schon immer gerissen.“

„Nun ja, diese Ketten in dem Laden in London riefen mir Barbaras Missgeschick wieder in Erinnerung, und so habe ich eine ausgesucht. Dann brachte der Verkäufer ein paar Medaillons und verbreitete sich darüber, wie bequem man darin die Haare verstorbener Angehöriger unterbringen könne, ganz zu schweigen von den Haaren eines Geliebten. Schließlich habe ich ihm gesagt, er solle eines an die Kette hängen. Ich dachte, es könne dieses Stück Haar aufnehmen, das das Sie so schätzen, Barbara“, schloss er, wobei er die Stimme senkte.

„Welches Stück?“, fragte Mrs. Hare.

Mr. Carlyle blickte sich im Zimmer um, als fürchtete er, die Wände könnten sein Flüstern hören. „Das von Richard. Barbara hat es mir einmal gezeigt, als sie ihren Schreibtisch aufgeräumt hat, und dabei hat sie gesagt, die Locke habe man ihm während dieser Krankheit abgeschnitten.“

Mrs. Hare sank in ihren Sessel zurück, verbarg das Gesicht in den Händen und zitterte sichtbar. Die Worte hatten offensichtlich eine schmerzliche Quelle tiefen Kummers berührt. „Ach, mein Junge! Mein Junge!“, wimmerte sie – „Mein Junge, mein unglücklicher Junge! Mr. Hare wundert sich über meine schlechte Gesundheit, Archibald; Barbara macht sich darüber lustig; aber dort liegt die Ursache meines ganzen Elends, des seelischen wie des körperlichen. Ach, Richard! Richard!“

Eine quälende Pause trat ein. Das Thema erlaubte weder Hoffnung noch Trost. „Legen Sie Ihre Kette wieder an, Barbara“, sagte Mr. Carlyle nach einiger Zeit. „Ich wünsche Ihnen die Gesundheit, um sie lange zu tragen. Gesundheit und Läuterung, junge Dame!“

Barbara lächelte und sah ihn mit ihren hübschen blauen Augen an, die so voller Liebe waren. „Was haben Sie für Cornelia mitgebracht?“, nahm sie das Gespräch wieder auf.

„Etwas Prächtiges“, antwortete er mit gespielt ernstem Gesicht; „ich hoffe nur, man hat mich nicht hereingelegt. Ich habe ihr einen Schal gekauft. Die Verkäufer haben mir geschworen, es sei echter Pariser Kaschmir. Ich habe achtzehn Guineen dafür bezahlt.“

„Das ist eine Menge“, erklärte Mrs. Hare. „Da muss es schon ein sehr guter Schal sein. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie mehr als sechs Guineen für einen Schal ausgegeben.“

„Und Cornelia, das wage ich zu behaupten, nie mehr als halb so viel“, lachte Mr. Carlyle. „Nun, ich wünsche Ihnen einen Guten Abend und werde zu ihr gehen; wenn sie weiß, dass ich schon so lange zurück bin, bekomme ich einen Vortrag zu hören.“

Er schüttelte beiden die Hand. Barbara begleitete ihn bis zur Haustür und trat mit ihm nach draußen.

„Sie werden sich eine Erkältung holen, Barbara. Sie haben Ihren Schal drinnen gelassen.“

„Ach nein, das werde ich nicht. Sie gehen so schnell wieder. Sie sind kaum zehn Minuten geblieben.“

„Sie vergessen, dass ich noch nicht zu Hause war.“

„Sie waren auf dem Weg zu Beauchamp, und dann wären sie erst in einer oder zwei Stunden zu Hause gewesen“, erwiderte Barbara in einem Ton unverhohlenen Unmuts.

„Das war etwas anderes; das war geschäftlich. Aber Barbara, ich finde, Ihre Mutter sieht ungewöhnlich krank aus.“

„Sie wissen, dass sie leidet und dass schon Kleinigkeiten sie aufregen. Gestern Abend hatte sie einen ihrer Träume, wie sie es nennt“, antwortete Barbara. „Sie sagt, es sei eine Warnung, dass etwas Schlimmes geschehen wird, und dann war sie den ganzen Tag in dem unglücklichsten Fieberzustand, den man sich vorstellen kann. Papa war sehr verärgert darüber, dass sie so schwach und nervös ist, und erklärte, sie müsse sich mit ihren ‚Nerven‘ zusammennehmen. Natürlich wagen wir es nicht, ihm von dem Traum zu erzählen.“

„Er handelte von … dem …“

Mr. Carlyle hielt inne. Barbara blickte sich mit einem Schaudern um und rückte näher zu ihm, während sie flüsterte. Dieses Mal hatte er ihr nicht seinen Arm angeboten.

„Ja, von dem Mord. Wissen Sie, Mama hat immer behauptet, Bethel hätte etwas damit zu tun; sie sagt, auch wenn es sonst nichts gäbe, hätten ihre Träume sie davon überzeugt; und sie hat geträumt, sie hätte ihn gesehen, und zwar mit … mit … Sie wissen schon.“

„Hallijohn?“, flüsterte Mr. Carlyle.

„Mit Hallijohn“, bestätigte Barbara mit einem Schaudern. „Er stand über ihm, als er auf dem Boden lag; genau wie er wirklich dort lag. Und diese elende Afy stand hinten in der Küche und sah zu.“

„Aber Mrs. Hare sollte nicht zulassen, dass Träume tagsüber ihren Frieden stören“, mahnte Mr. Carlyle. „Dass sie von dem Mord träumt, ist nicht verwunderlich, denn sie grübelt ständig darüber nach; aber sie sollte sich bemühen, das Gefühl zusammen mit der Nacht hinter sich zu lassen.“

„Sie wissen doch, wie Mama ist. Natürlich sollte sie das tun, aber das macht sie nicht. Papa wundert sich, warum sie morgens so krank und zitternd aufwacht; dann muss Mama alle möglichen Ausflüchte erfinden; denn wie Sie wissen, darf ihm nicht die geringste Anspielung auf den Mord zu Ohren kommen.“

Mr. Carlyle nickte bedächtig.

„Wenn es um Bethel geht, spielt Mama immer die gleiche Leier. Und ich weiß, dass der Traum auf nichts anderem in der Welt beruht als dass sie ihn gestern am Tor hat vorübergehen sehen. Sie glaubt nicht, dass er es getan hat; dazu besteht leider kein Spielraum; aber sie behauptet steif und fest, er habe irgendwie seine Hand im Spiel gehabt, und er verfolgt sie in ihren Träumen.“

Mr. Carlyle ging schweigend weiter; tatsächlich hatte er darauf keine Antwort. Ein Schatten war auf das Haus von Mr. Hare gefallen, und es war ein unglückseliges Thema. Barbara fuhr fort:

„Aber Mama hat es sich in den Kopf gesetzt, dass ‚etwas Schlimmes geschehen wird‘, weil sie diesen Traum hatte, und darüber macht sie sich selbst unglücklich. Das ist so absurd, dass ich mich den ganzen Tag ziemlich über sie geärgert habe. Wissen Sie, Archibald, es ist ein solcher Unsinn – zu glauben, Träume wären ein Zeichen dafür, was geschehen wird. Es ist so rückständig in unserer aufgeklärten Zeit!“

„Ihre Mutter hatte großen Kummer, Barbara; und sie ist keine starke Frau.“

„Ich finde, unser Kummer war immer groß seit … seit jenem düsteren Abend“, erwiderte Barbara.

„Haben Sie etwas von Anne gehört?“ erkundigte sich Mr. Carlyle. Er war gewillt, das Thema zu wechseln.

„Ja, es geht ihr sehr gut. Was glauben Sie, welchen Namen sie dem Baby gegeben haben? Anne, nach ihrer Mutter. So ein hässlicher Name! Anne!“

„Das finde ich nicht“, sagte Mr. Carlyle. „Er ist einfach und unprätentiös. Mir gefällt er sehr. Sehen Sie sich nur die langen, gezierten Namen in unserer Familie an – Archibald! Cornelia! Und auch Ihrer – Barbara! Was für große Worte sind das alles!“

Barbara zog die Augenbrauen zusammen. Es war das Gleiche, als hätte er gesagt, dass ihm ihr Name nicht gefiel.

Sie kamen zum Gartentor. Mr. Carlyle stand im Begriff, auf die Straße zu treten, da legte Barbara ihm die Hand auf den Arm, hielt ihn zurück und sagte mit furchtsamer Stimme:

„Archibald!“

„Was ist?“

„Ich habe Ihnen dafür noch kein Wort des Dankes gesagt“, sagte sie, wobei sie die Kette und das Medaillon berührte; „Mir war, als wäre meine Zunge festgebunden. Bitte halten Sie mich nicht für undankbar.“

„Sie dummes Mädchen! Das ist doch nicht der Rede wert. Da! Jetzt bin ich bezahlt. Gute Nacht, Barbara.“

Er hatte sich hinuntergebeugt und sie auf die Wange geküsst, bevor er das Tor öffnete, lachte und sich mit langen Schritten entfernte. „Sagen Sie nicht, ich hätte ihnen nie etwas gegeben“, sagte er, während er sich noch einmal umdrehte. „Gute Nacht.“

In ihr pochten alle Adern, und ihr Puls schlug heftig; ihr Herz bebte in diesem Gefühl der Glückseligkeit. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte er sie nie geküsst, seit sie ein Kind war. Als sie ins Haus zurückkehrte, war ihre Stimmung so außergewöhnlich gut, dass Mrs. Hare sich wunderte.

„Läute und lassʼ die Lampe bringen, Barbara, dann kannst du an deine Arbeit gehen. Aber lassʼ die Fensterläden nicht schließen; ich blicke in solchen hellen Nächten gern nach draußen.“

Barbara ging nicht an ihre Arbeit; vielleicht blickte auch sie „in hellen Nächten gern nach draußen“, denn sie setzte sich ans Fenster. Sie durchlebte die letzte halbe Stunde noch einmal. „‚Sagen Sie nicht, ich hätte ihnen nie etwas gegeben‘“, murmelte sie. „Hat er damit die Kette gemeint oder – den Kuss? Ach, Archibald, warum sagst du nicht, dass du mich liebst?“

Mr. Carlyle hatte während seines ganzen Lebens mit der Familie Hare auf vertrautem Fuß gestanden. Die erste Ehefrau seines Vaters – der verstorbene Anwalt Carlyle war zweimal verheiratet gewesen – war eine Cousine des Richters Hare, und das hatte dazu geführt, dass sie oft zusammen waren. Archibald, der Sohn der zweiten Mrs. Carlyle, hatte Anne und Barbara Hare abwechselnd gehänselt und gehätschelt, wie Jungen es tun. Manchmal hatte er sich mit den hübschen kleinen Mädchen gestritten, manchmal hatte er sie liebkost, wie er es auch getan hätte, wenn sie seine Schwestern gewesen wären; und er hatte keine Bedenken, den beiden in aller Offenheit zu sagen, dass Anne ihm die Liebere war. Sie war wie ihre Mutter ein sanftes, nachgiebiges Mädchen; Barbara dagegen hatte stets ihren eigenen Willen und war manchmal mit dem jungen Carlyle aneinandergeraten.

Die Uhr schlug zehn. Mrs. Hare nahm ihren üblichen Schlummertrunk aus Brandy und Wasser zu sich, ein kleines, zu drei Vierteln gefülltes Glas. Ohne ihn, so glaubte sie, würde sie niemals schlafen können; sie sagte, es halte unglückselige Gedanken fern. Nachdem Barbara das Getränk zubereitet hatte, wandte sie sich wieder zum Fenster, nahm aber ihren Sitzplatz nicht ein. Sie stand unmittelbar davor, ihre Stirn beugte sich gegen die mittlere Glasscheibe. Die Lampe stand hinter ihr und warf helles Licht, sodass ihre Gestalt vom Rasen aus eindeutig zu erkennen gewesen wäre, hätte dort jemand gestanden und sie gesehen.

So stand sie dort mitten im Traumland und ließ allen seinen bezaubernden, höchst trügerischen Reizen ihren Lauf. Sie sah sich selbst in der Vorausschau als Ehefrau von Mr. Carlyle, beneidet, dreifach beneidet von ganz West Lynne; denn er war ihrem Herzen nicht nur das Liebste auf Erden, sondern auch die beste Partie in der ganzen Nachbarschaft. Da gab es keine Mutter, die sich ihn nicht für ihr Kind gewünscht hätte, und keine Tochter, die auf einen Antrag des attraktiven Archibald Carlyle nicht gesagt hätte: „Ja, und vielen Dank.“ „Bis heute Abend war ich mir nie sicher, ganz sicher“, murmelte Barbara, wobei sie das Medaillon liebkoste und an ihrer Wange hielt. „Ich habe immer gedacht, er meint vielleicht etwas, oder er meint nichts: Aber mir dies zu geben – mich zu küssen – ach, Archibald!“

Eine Pause trat ein. Barbaras Blicke hefteten sich an das Mondlicht.

„Wenn er doch nur sagen würde, dass er mich liebt! Wenn er mich vor der Unsicherheit meines schmerzenden Herzens bewahren würde! Aber das kommt noch; ich weiß, dass es kommt; und wenn diese zänkische Kröte namens Corny…“

Barbara Hare hielt inne. Was war das, dort auf der anderen Seite des Rasens, unmittelbar vor dem Schatten der dichten Bäume? Ihre Blätter waren nicht der Grund der Bewegung, denn die Nacht war windstill. Es stand schon seit einigen Minuten dort; und offensichtlich war es eine menschliche Gestalt. Aber wer war es? Die Gestalt machte ihr Zeichen!

Oder vielleicht sah es auch nur so aus. Da bewegte sich doch sicher ein Arm, und jetzt kam es einen Schritt näher und hob etwas hoch, was es auf dem Kopf trug – einen zerbeulten Hut mit breiter Krempe, einen „Schlapphut“, der von Stroh gesäumt war.

Barbara Hares Herz machte einen Satz, wie man so sagt, und ihr Gesicht wurde im Mondlicht leichenblass. Ihr erster Gedanke war, die Dienstboten zu alarmieren; der zweite, still zu halten; ihr fiel ein, welche Angst und Geheimnisse sich mit dem Haus verbanden. Sie schloss ihre Mutter im Salon ein, ging in die Diele, und stand mit stillem Blick im Schatten der Eingangsveranda. Aber die Gestalt folgte ihren Bewegungen offensichtlich mit den Blicken; der Hut wurde wiederum abgenommen und heftig geschwenkt.

Barbara Hare wurde übel vor Entsetzen. Sie musste es herausfinden; sie musste sehen, wer und was das war; die Dienstboten zu rufen, wagte sie nicht; die Bewegungen waren zwingend und nicht zu übersehen. Aber sie besaß auch mehr angeborenen Mut, als er der Mehrzahl junger Damen zufällt.

„Mama“, sagte sie, als sie in den Salon zurückkehrte, nach ihrem Schal griff und sich bemühte, keine Gefühle zu verraten, „ich gehe nur ein wenig den Weg hinunter und sehe nach, ob Papa schon kommt.“

Mrs. Hare antwortete nicht. Sie grübelte über andere Dinge nach und befand sich dabei in jener stillen, glücklichen Stimmung, die ein kleiner Teil der Charaktere mit einer körperlichen Schwäche verbindet. Barbara schloss leise die Tür und stahl sich wieder auf die Veranda hinaus. Einen Augenblick blieb sie stehen, um ihren Mut zusammenzunehmen, und wieder wurde der Hut ungeduldig geschwenkt.

Barbara Hare schlug den Weg in die fragliche Richtung mit unaussprechlicher Furcht ein, mit einem unbestimmten Gefühl des Bösen, das ihr sinkendes Herz erfüllte. Darunter mischte sich eine Welle des Entsetzens, eine Angst vor jenem anderen unbestimmten Bösen – dem Bösen, von dem Mrs. Hare behauptet hatte, es sei durch ihren Traum angekündigt worden.

Kapitel 4 Ein Gespräch im Mondschein

Kalt und still lag das alte Haus im Mondlicht. Der Mond hatte nie heller geschienen; er erleuchtete den weitläufigen Garten, erleuchtete sogar hoch oben den Wetterhahn, warf seinen Schein auf die Terrasse und auf jeden, der sich dort zeigte. Barbara Hare hatte sich vom Haus zur Veranda geschlichen, den Blick angestrengt und voller Furcht auf das Gehölz am Ende des Gartens gerichtet. Was war dort zwischen den Bäumen hervorgetreten und hatte ihr rätselhafte Zeichen gegeben, als sie am Fenster stand und starrte, bis ihr Herz krank wurde? War es ein Mensch, der noch mehr Unheil in das Haus bringen würde, wo doch schon so viel Unheil geschehen war? War es ein übernatürlicher Besucher oder hatte nur ihr eigenes Sehvermögen sie getäuscht? Letzteres sicher nicht, denn jetzt trat die Gestalt wieder hervor und machte ihr die gleichen Zeichen wie zuvor; mit bleichem Gesicht und zitternden Gliedern zog Barbara den Schal enger um sich und ging im Mondlicht den Weg hinunter. Als sie näher kam, zog sich die winkende Gestalt in den dunklen Schatten zurück. Barbara blieb stehen.

„Wer oder was sind Sie?“, fragte sie atemlos. „Was wollen Sie?“

„Barbara“, lautete die geflüsterte, eifrige Antwort, „erkennst du mich nicht?“

Sie erkannte ihn nur allzu gut – auf jeden Fall die Stimme. Ihr entschlüpfte ein Schrei, der mehr von Kummer als von Sorge sprach, aber beides verriet. Sie trat zwischen die Bäume und brach in Tränen aus, als jemand in der Kleidung eines Landarbeiters sie in die Arme schloss. Trotz des Bauernkittels, des strohumrandeten Hutes und des falschen, rabenschwarzen Schnurrbartes erkannte sie ihren Bruder.

„Ach, Richard! Woher kommst du? Was führt dich hierher?“

„Hast du mich erkannt, Barbara?“, lautete seine Antwort.

„Wie konnte ich – in dieser Verkleidung? Mir ist der Gedanke durch den Kopf gegangen, es könne jemand in deinem Auftrag sein, und schon dabei wurde mir vor Entsetzen ganz schlecht. Wie kannst du ein solches Risiko eingehen und hierher kommen?“ Sie rang die Hände. „Wenn du entdeckt wirst, ist es dein sicherer Tod; der Tod am … du weißt schon!“

„Am Galgen“, gab Richard Hare zurück. „Das weiß ich, Barbara.“

„Warum riskierst du es dann? Wenn Mama dich sieht, bringt es sie regelrecht um.“

„Ich kann nicht immer so leben, wie ich jetzt lebe“, antwortete er düster. „Ich habe seither in London gearbeitet …“

„In London!“, unterbrach Barbara.

„In London, und ich habe mich nie aus der Stadt gewagt. Aber es ist harte Arbeit, und jetzt besteht die Aussicht, dass es mir besser geht, wenn ich ein wenig Geld auftreiben kann. Vielleicht kann meine Mutter dafür sorgen, dass ich es bekomme; ich bin hier, um darum zu bitten.“

„Wie arbeitest du? Und wo?“

„In einem Pferdestall.“

„Einem Pferdestall!“, stieß sie mit zutiefst erschrockener Stimme hervor. „Richard!“

„Hast du erwartet, dass ich als Kaufmann komme, oder als Bankier, oder vielleicht als Sekretär eines Ministers ihrer Majestät – oder dass ich im Großen und Ganzen ein Gentleman bin und von meinem Vermögen lebe?“, gab Richard Hare in einem Ton des bekümmerten Überdrusses zurück, den zu hören schmerzhaft war. „Ich bekomme zwölf Schilling die Woche, und das muss mir für alles reichen!“

„Armer Richard, armer Richard!“, wimmerte sie, wobei sie seine Hand streichelte und darüber Tränen vergoss. „Ach, was war das für ein Werk einer grauenvollen Nacht! Wir haben nur einen Trost, Richard: Du musst die Tat im Wahn begangen haben.“

„Ich habe sie überhaupt nicht begangen“, erwiderte er.

„Was?“, rief sie aus.

„Barbara, ich schwöre, dass ich unschuldig bin; ich schwöre, dass ich nicht anwesend war, als der Mann ermordet wurde; ich schwöre, dass ich aufgrund meiner eigenen Kenntnis und dessen, was ich gesehen habe, nicht besser weiß als du, wer es getan hat. Es reicht mir, eine Vermutung zu haben; und meine Vermutung ist so sicher und wahr wie die, dass der Mond am Himmel steht.“

Barbara schauderte, als sie näher zu ihm trat. Es war ein Thema zum Schaudern. „Du willst doch sicher nicht die Schuld auf Bethel schieben?“

„Bethel!“, gab Richard Hare leichthin zurück. „Er hatte nichts damit zu tun. Er war in dieser Nacht nur auf seine Fallen und Schlingen aus, Wilderer, der er ist!“

„Bethel ist kein Wilderer, Richard.“

„Ach nein?“, gab Richard vielsagend zurück. „Die Wahrheit darüber, was er ist, könnte irgendwann ans Licht kommen. Ich wünsche mir nicht, dass sie ans Licht kommt; der Mann hat mir nichts getan, und wenn es nach mir geht, kann er bis zum jüngsten Gericht ungestraft weiter wildern. Er und Locksley …“

„Richard“, unterbrach ihn seine Schwester im Flüsterton, „Mama hat eine fixe Idee, und die kann sie nicht loswerden. Sie ist sicher, dass Bethel etwas mit dem Mord zu tun hat.“

„Dann hat sie Unrecht. Warum glaubt sie das?“

„Wie die Überzeugung ursprünglich entstanden ist, kann ich dir nicht sagen; ich glaube, das weiß sie selbst nicht. Aber denke daran, wie schwach und fantasievoll sie ist, und seit jener entsetzlichen Nacht hat sie immer wieder ‚Träume‘, wie sie es nennt – das heißt, sie träumt von dem Mord. In allen diesen Träumen spielt Bethel die Hauptrolle; und sie sagt, sie spürt mit absoluter Sicherheit, dass er auf diese oder jene Weise darin verwickelt war.“

„Barbara, er war darin nicht mehr verwickelt als du.“

„Und … du sagst, du warst es nicht?“

„Ich war zu der Zeit nicht einmal in dem Häuschen; das schwöre ich dir. Der Mann, der es getan hat, war Thorn.“

„Thorn!“, gab Barbara zurück, wobei sie den Kopf hob. „Wer ist Thorn?“

„Das weiß ich nicht. Ich wüsste es auch gern; ich würde ihn gern ausfindig machen. Er war ein Freund von Afy.“

Barbara warf mit einer hochfahrenden Bewegung den Kopf zurück. „Richard!“

„Was?“

„Du vergisst dich, wenn du mir gegenüber diesen Namen erwähnst.“

„Nun ja“, gab Richard zurück, „ich wollte nicht über diese Dinge sprechen, mit denen ich mich selbst in Gefahr gebracht habe; und meine Unschuld zu beteuern, nützt nichts; das Urteil des Coroners – ‚vorsätzlicher Mord durch Richard Hare, den Jüngeren‘– kann ich nicht beiseite schieben. Ist mein Vater über mich immer noch so verbittert wie früher?“

„Ganz und gar. Er erwähnt deinen Namen nie und erträgt es auch nicht, dass er genannt wird; den Dienstboten hat er die Anweisung gegeben, ihn in seinem Haus nie wieder auszusprechen. Eliza konnte oder wollte sich nicht erinnern und bestand darauf, dein Zimmer als ‚das von Mr. Richard‘ zu bezeichnen. Ich glaube, die Frau hat es nicht boshaft, sondern nur achtlos gesagt, um Papa zu provozieren; sie war eine gute Dienerin, und wie du weißt, war sie drei Jahre bei uns. Als sie die Übertretung das erste Mal beging, hat Papa sie verwarnt; beim zweiten Mal hat er sie ausgeschimpft, wie sonst niemand in der Welt jemanden ausschimpfen kann; und beim dritten Mal hat er sie vor die Tür gesetzt und ihr nicht einmal erlaubt, ihre Haube aufzusetzen; einer der anderen hat ihr Haube und Schal ans Tor gebracht, und ihre Koffer wurden noch am gleichen Tag abgeschickt. Papa hat einen Eid geschworen – hast du davon gehört?“

„Was für einen Eid? Er hat viele Eide geleistet.“

„Dieser war sehr feierlich, Richard. Nachdem das Urteil gesprochen war, schwor er noch im Gerichtssaal in Gegenwart seiner Magistratskollegen, wenn er dich jemals finden würde, würde er dich der Justiz übergeben, und das würde er auf jeden Fall tun, auch wenn du vielleicht in den kommenden zehn Jahren nicht wieder auftauchst. Du kennst seinen Charakter, Richard, und deshalb kannst du sicher sein, dass er sein Versprechen halten wird. Es ist wirklich sehr gefährlich für dich, hier zu sein.“

„Ich weiß, er hat mich nie behandelt, wie er mich hätte behandeln sollen“, sagte Richard verbittert. „Vielleicht war meine Gesundheit empfindlich, sodass meine arme Mutter mich verhätschelt hat, aber war das ein Grund, mich bei jeder nur denkbaren Gelegenheit öffentlich und privat lächerlich zu machen? Hätte ich ein glücklicheres Zuhause gehabt, ich hätte mir nicht anderswo Gesellschaft suchen müssen. Barbara, es muss mir ermöglicht werden, ein Gespräch mit meiner Mutter zu führen.“

Barbara dachte nach, bevor sie antwortete. „Ich wüsste nicht, wie sich das einrichten ließe.“

„Warum kann sie nicht herauskommen wie du? Ist sie auf den Beinen, oder liegt sie im Bett?“

„Heute Abend ist daran nicht zu denken“, gab Barbara mit beunruhigtem Tonfall zurück. „Vater kann jeden Augenblick kommen; er hat den Abend bei Beauchamp verbracht.“

„Es ist schwer, achtzehn Monate von ihr getrennt zu sein und dann zurückzufahren, ohne sie zu sehen“, erwiderte Richard. „Und wie steht es mit dem Geld? Ich hätte gern hundert Pfund.“

„Du musst morgen Abend wieder hier sein, Richard; das Geld kannst du bekommen, das steht außer Zweifel, aber was das Treffen mit Mama angeht, bin ich nicht sicher. Ich habe entsetzliche Angst um deine Sicherheit. Aber wenn es so ist, wie du sagst, und wenn du unschuldig bist“, fügte sie nach einer Pause hinzu, „ließe sich das nicht beweisen?“

„Wer sollte es beweisen? Die Indizien sprechen eindeutig gegen mich; und wenn ich Thorn erwähne, wäre er für alle anderen ein Mythos; niemand wusste etwas über ihn.“

„Ist er ein Mythos?“, fragte Barbara leise.

„Sind du und ich Mythen?“, gab Richard zurück. „Zweifelst also sogar du an mir?“

„Richard“, rief sie plötzlich, „warum sprechen wir nicht mit Archibald Carlyle über die ganze Angelegenheit? Wenn irgendjemand dir helfen oder etwas unternehmen kann, um deine Unschuld zu beweisen, dann er. Und du weißt, dass er so aufrichtig ist wie Gold.“

„Das Geheimnis, dass ich hier bin, sollte man keinem lebenden Menschen anvertrauen außer Carlyle. Was glauben die anderen eigentlich, wo ich bin, Barbara?“

„Manche meinen, du seist tot; andere nehmen an, dass du in Australien bist; schon die Unsicherheit hat Mama beinahe umgebracht. Ein Gerücht machte die Runde, du seist in Liverpool auf einem Schiff gesehen worden, das nach Australien auslaufen sollte, aber wir konnten dahinter keinen wahren Kern finden.“

„Es hatte keinen. Ich habe mich nach London durchgeschlagen, und dort bin ich geblieben.“

„Und du arbeitest in einem Pferdestall?“

„Etwas Besseres hatte ich nicht. Ich habe keine Ausbildung, aber von Pferden verstehe ich etwas. Außerdem ist ein Mann, hinter dem die Polizeispitzel her sind und den sie für einen Gentleman halten, im Verborgenen sicherer als …“

Barbara drehte sich plötzlich um und legte ihrem Bruder die Hand auf den Mund. „Still, um Gottes willen“, flüsterte sie. „Papa kommt.“

Man hörte, wie sich Stimmen dem Gartentor näherten – es waren die Stimmen des Richters Hare und des Squire Pinner. Letzterer ging weiter, Hare kam herein. Bruder und Schwester kauerten sich zusammen und wagten kaum zu atmen; beinahe hätte man Barbaras Herz pochen hören. Mr. Hare schloss das Gartentor und ging den Kiesweg hinauf.

„Ich muss gehen, Richard“, sagte Barbara hastig. „Ich wage es nicht, auch nur noch eine Minute zu bleiben. Kommʼ morgen Abend wieder hierher; in der Zwischenzeit werde ich sehen, was ich tun kann.“

Sie wollte davoneilen, aber Richard hielt sie zurück. „Es scheint, als würdest du mir meine Versicherung, dass ich unschuldig bin, nicht glauben. Barbara, wir sind hier allein in der stillen Nacht, und über uns ist nur Gott; so wahr du und ich Ihm eines Tages gegenübertreten müssen: Ich habe die Wahrheit gesagt. Thorn hat Hallijohn ermordet, und ich hatte nicht das Geringste damit zu tun.“

Barbara eilte aus dem Gehölz davon, aber Mr. Hare war bereits im Haus und verriegelte die Tür. „Lass mich hinein, Papa“, rief sie.

Der Richter öffnete die Tür noch einmal, streckte seine flachsblonde Perücke und die Adlernase hinaus und starrte Barbara mit verblüfften Blicken an.

„Hallo! Was führt dich in dieser nächtlichen Stunde ins Freie, junge Dame?“

„Ich bin zum Gartentor gegangen und habe Ausschau nach dir gehalten, und dann bin ich … bin ich … den Seitenweg entlang gegangen. Hast du mich nicht gesehen?“

Barbara war in Wesen und Gewohnheiten aufrichtig; aber wie konnte sie es in einem solchen Fall die Heimlichtuerei vermeiden?

„Danke, Papa“, sagte sie, während sie eintrat.

„Du solltest schon seit einer Stunde im Bett sein“, lautete die verärgerte Antwort des Richters Hare.

Kapitel 5 Mr. Carlyles Kanzlei

Im Zentrum von West Lynne standen zwei aneinander gebaute Häuser, das eine groß, das andere viel kleiner. Das große Haus war der Wohnsitz der Carlyles, das kleinere beherbergte die Carlyle-Büros. Der Name genoss in der Grafschaft einen hervorragenden Ruf; Carlyle und Davidson waren als erstklassige Vertreter ihres Berufsstandes bekannt; kleinliche Winkeladvokaten waren sie nicht. Carlyle und Davidson hatten sie in vergangenen Tagen geheißen; jetzt war es Archibald Carlyle. Die alten Inhaber waren Schwäger gewesen – die erste Mrs. Carlyle war Mr. Davidsons Schwester. Sie war gestorben und hatte ein Kind hinterlassen. Die zweite Mrs. Carlyle starb bei der Geburt ihres Sohnes Archibald; seine Halbschwester zog ihn groß, liebte ihn und bestimmte über ihn. Sie hatte für ihn die ganze Autorität einer Mutter; eine andere hatte der Junge nicht gekannt, und als kleines Kind hatte er sie Mama Corny genannt. Mama Corny hatte ihm gegenüber ihre Pflicht getan, das stand außer Zweifel; aber Mama Corny hatte auch ihre Herrschaft nie gelockert: Noch heute herrschte sie in großen wie in kleinen Dingen mit eiserner Faust über ihn, wie sie es in den Tagen seines Säuglingsalters getan hatte. Und Archibald fügte sich im Allgemeinen, denn die Macht der Gewohnheit ist stark. Corny war eine Frau von energischem Gespür, aber in manchen Dingen mit schwachem Urteilsvermögen; die beherrschenden Leidenschaften ihres Lebens waren die Liebe zu Archibald und die Liebe zum sparsamen Umgang mit Geld. Mr. Davidson war früher gestorben als Mr. Carlyle, und sein Vermögen – geheiratet hatte er nie – wurde zu gleichen Teilen unter Cornelia und Archibald geteilt. Archibald war für ihn kein Blutsverwandter, aber er liebte den aufgeschlossenen Jungen mehr als seine Nichte. Von Mr. Carlyles großem Besitz ging ein kleiner Teil an seine Tochter, der Rest an seinen Sohn; darin lag vielleicht eine gewisse Gerechtigkeit, denn die zwanzigtausend Pfund, die Mr. Carlyles zweite Frau mit in die Ehe gebracht hatte, waren der wesentliche Grundstock für die Anhäufung seines großen Vermögens gewesen.

Miss Carlyle oder Miss Corny, wie sie im Ort genannt wurde, hatte nie geheiratet; es war ziemlich sicher, dass sie auch nie heiraten würde; man glaubte, die innige Liebe zu ihrem jüngeren Bruder habe dazu geführt, dass sie allein geblieben war, aber dass es der Tochter des reichen Mr. Carlyle an Angeboten gemangelt hätte, war unwahrscheinlich. Andere junge Frauen bekennen sich zu weichen, zärtlichen Gefühlen. Nicht so Miss Carlyle. Alle, die sich ihr mit liebeskranken Worten genähert hatten, waren schnell zur Kehrtwende veranlasst worden.

An dem Morgen, nachdem Mr. Carlyle aus London zurückgekehrt war, saß er in seinem privaten Zimmer der Kanzlei. Neben ihm stand sein vertrauter Bürovorsteher und Verwalter. Mr. Dill war ein kleiner, bescheiden wirkender Mann mit kahlem Kopf. Er hatte schon vor vielen Jahren die Zulassung als Anwalt erhalten, aber nie selbst eine Kanzlei gegründet; vielleicht war der Posten des Vorstehers im Büro von Carlyle & Davidson mit seinem beträchtlichen Gehalt für seinen Ehrgeiz ausreichend; und Vorsteher war er schon, als der jetzige Mr. Carlyle noch Babykleidchen trug. Mr. Dill war unverheiratet und bewohnte in der Nähe eine hübsche Wohnung.

Zwischen Mr. Carlyles Zimmer und den Räumen der Angestellten lag ein kleiner, quadratischer Raum, eine Art Diele, die ebenfalls von der Haustür aus zugänglich war; von ihr ging ein weiteres schmales Zimmer ab, das Allerheiligste von Mr. Dill. Hier empfing er die Mandanten, wenn Mr. Carlyle außer Haus oder beschäftigt war, und von hier aus gab er private Anweisungen. Ein kleines Fenster, nicht größer als eine Glasscheibe, ging vom Büro des Vorstehers nach draußen; die Leute nannten es das Guckloch des alten Dill und wünschten es wer weiß wohin, denn seine Brille war dort häufiger zu erkennen als es angenehm war. Der alte Gentleman hatte in seinem Büro ebenfalls einen Schreibtisch, und dort saß er häufig. Hier hielt er sich auch würdevoll an eben jenem Morgen auf und sah sich mit scharfem Blick um, als sich plötzlich schüchtern die Tür öffnete und das hübsche Gesicht von Barbara Hare erschien. Es war rosa mit roten Flecken.

„Kann ich Mr. Carlyle sprechen?“

Mr. Dill erhob sich von seinem Platz und gab ihr die Hand. Sie zog ihn in den Eingang, und er schloss die Tür. Vielleicht war er überrascht, denn eigentlich war es nicht die Sitte junger, alleinstehender Damen, hierher zu kommen und nach Mr. Carlyle zu fragen.

„In Kürze, Miss Barbara. Er ist gerade beschäftigt. Die Richter sind bei ihm.“

„Die Richter!“, stieß Barbara beunruhigt hervor. „Und einer davon ist Papa? Was soll ich nur tun? Er darf mich nicht sehen. Ich möchte um nichts in der Welt, dass er mich hier sieht.“

Man hörte unheilvolle Geräusche; offensichtlich kamen die Richter näher. Mr. Dill hielt Barbara fest, schob sie durch das Zimmer der Angestellten – sie in die andere Richtung zu ziehen, wagte er nicht, damit sie ihnen nicht begegnete – und schloss sie in seinem Büro ein. „Was zum Teufel hat Papa ausgerechnet in diesem Augenblick hierhergeführt?“, dachte Barbara. Ihr Gesicht war puterrot.

Einige Minuten später öffnete Mr. Dill die Tür erneut. „Sie sind jetzt weg, die Luft ist rein, Miss Barbara.“

„Ich weiß nicht, was Sie sich für eine Meinung über mich bilden müssen, Mr. Dill“, flüsterte sie, „aber ich will Ihnen im Vertrauen sagen, dass ich in einer privaten Angelegenheit für Mama hier bin, weil sie sich nicht so wohl fühlt, dass sie selbst kommen könnte. Es ist eine kleine private Sache, und sie möchte nicht, dass Papa davon etwas weiß.“

„Mein Kind“, erwiderte der Bürovorsteher, „ein Anwalt bekommt viel Besuch; zu ‚denken‘ ist für die Menschen in seiner Umgebung nicht angebracht.“

Während er noch sprach, öffnete er die Tür, führte sie zu Mr. Carlyle und verließ sie. Der Anwalt erhob sich voller Erstaunen.

„Sie müssen mich als Mandantin betrachten, und entschuldigen Sie, dass ich hier eingedrungen bin“, sagte Barbara mit einem gezwungenen Lachen, mit dem sie ihre Aufregung verbergen wollte. „Ich bin im Auftrag von Mama hier – und fast hätte ich Papa in Ihrem Eingang getroffen, was mir vor Angst fast den Verstand geraubt hat. Mr. Dill hat mich in seinem Zimmer versteckt.“

Mr. Carlye bedeutete Barbara mit einer Bewegung, sich zu setzen, und nahm dann selbst seinen Platz am Tisch wieder ein. Barbara konnte sich nicht der Feststellung erwehren, dass er sich hier im Büro ganz anders benahm als an dem Abend, als er „außer Dienst“ war. Hier war er der seriöse, ruhige Geschäftsmann.

„Ich muss Ihnen etwas Seltsames erzählen“, begann sie im Flüsterton, „aber … kann uns hier wirklich niemand hören?“ Mit angstvollem Blick hielt sie inne. „Es würde … es könnte … den Tod bedeuten!“

„Das ist vollkommen unmöglich“, erwiderte Mr. Carlyle in aller Ruhe. „Die Türen sind Doppeltüren; ist Ihnen das nicht aufgefallen?“

Dennoch stand sie von ihrem Stuhl auf, stellte sich nahe zu Mr. Carlyle und legte ihre Hand auf den Tisch. Natürlich erhob er sich ebenfalls.

„Richard ist hier!“

„Richard!“, wiederholte Mr. Carlyle. „In West Lynne!“

„Er ist gestern Abend verkleidet beim Haus aufgetaucht und hat mir von dem Gehölz aus Zeichen gegeben. Sie können sich vorstellen, wie beunruhigt ich war. Er hat die ganze Zeit halb verhungert in London gewohnt und – ich schäme mich fast, es Ihnen zu sagen – in einem Pferdestall gearbeitet. Und ach, Archibald! Er sagt, er sei unschuldig.“

Mr. Carlyle gab keine Antwort. Vermutlich schenkte er der Behauptung keinen Glauben. „Setzen Sie sich, Barbara“, sagte er und zog ihren Stuhl näher zu sich.

Barbara nahm wieder Pltz, aber ihr Betragen war hektisch und nervös. „Ist ganz sicher, dass kein Fremder hereinkommt? Es wäre seltsam, wenn jemand mich hier sehen würde; aber Mama ging es so schlecht, dass sie nicht selbst kommen konnte – oder eigentlich hat sie Papas Fragen gefürchtet, wenn er herausgefunden hätte, dass sie gekommen ist.“

„Seien Sie unbesorgt“, erwiderte Mr. Carlyle. „Dieses Zimmer ist vor eindringenden Fremden sicher. Wie steht es mit Richard?“

„Er sagt, er sei zu der Zeit, als der Mord begangen wurde, nicht in dem Häuschen gewesen; die Person, die es wirklich getan hätte, sei ein Mann namens Thorn gewesen.“

„Was für ein Thorn?“, fragte Mr. Carlyle, wobei er alle Anzeichen der Skepsis unterdrückte.

„Das weiß ich nicht; ein Freund von Afy, hat er gesagt. Archi­­bald, er hat es höchst feierlich beschworen; und ich glaube, so wahr ich es hier Ihnen gegenüber wiederhole, dass er die Wahrheit gesagt hat. Ich möchte, dass Sie sich mit Richard treffen, wenn es möglich ist; er kommt heute Abend wieder an die gleiche Stelle. Wenn er Ihnen selbst seine Geschichte erzählen kann, finden Sie vielleicht einen Weg, wie seine Unschuld offenbar gemacht werden kann. Sie sind so schlau, Sie können alles.“

Mr. Carlyle lächelte. „Alles nicht gerade, Barbara. War das der Zweck von Richards Besuch – Ihnen das zu sagen?“

„Oh nein! Er glaubt, es zu sagen, sei zu nichts nütze, weil ihm niemand entgegen den Indizien glauben würde. Er ist gekommen, weil er um hundert Pfund bitten wollte; er sagt, er hat eine Möglichkeit, wie es ihm besser gehen könne, wenn er diese Summe hat. Mama hat mich zu Ihnen geschickt; sie selbst hat das Geld nicht, und sie wagt auch nicht, Papa darum zu bitten, denn es ist ja für Richard. Ich soll Ihnen sagen, wenn Sie ihr das Geld heute freundlicherweise vorstrecken würden, wird sie sich mit Ihnen über die Rückzahlung einigen.“

„Wollen Sie es jetzt haben?“, fragte Mr. Carlyle. „Dann muss ich jemanden zur Bank schicken. Dill hat nie viel Geld im Haus, wenn ich unterwegs bin.“

„Erst heute Abend. Können Sie es einrichten, sich mit Richard zu treffen?“

„Das ist gefährlich“, grübelte Mr. Carlyle. „Für ihn, meine ich. Aber wenn er heute Abend in dem Gehölz ist, kann ich ebenso gut dort sein. Was hat er für eine Verkleidung?“

„Die eines Landarbeiters. Es war das Beste, was er sich hier zulegen konnte, mit einem großen schwarzen Schnauzbart. Er hat gesagt, er lebt ungefähr drei Meilen entfernt in irgendeinem geheimnisvollen Versteck. Und jetzt“, fuhr Barbara fort, „möchte ich Sie um einen Rat bitten; sollte ich Mama darüber in Kenntnis setzen, dass Richard hier ist, oder besser nicht?“

Mr. Carlyle verstand sie nicht und sagte es auch.

„Ich gestehe, dass ich verwirrt bin“, rief sie. „Ich hätte vorausschicken sollen, dass ich Mama noch nicht gesagt habe, dass Richard hier ist; ich habe so getan, als hätte er einen Boten geschickt, der um das Geld bittet. Wäre es ratsam, sie einzuweihen?“

„Warum nicht? Ich finde, Sie sollten es tun.“

„Dann tue ich es auch; ich habe nur die Gefahr gefürchtet, denn sie wird sicher darauf bestehen, ihn zu sehen. Und auch Richard wünscht sich ein Gespräch.“

„Das ist nur natürlich. Mrs. Hare muss dankbar sein zu hören, dass er bisher in Sicherheit ist.“

„So habe ich es noch nie gesehen“, gab Barbara zurück. „Die Veränderung ist geradezu ein Wunder; sie sagt, es habe ihr neues Leben eingeflößt. Und nun zu der letzten Schwierigkeit: Wie können wir dafür sorgen, dass Papa heute Abend nicht zu Hause ist? Das muss auf irgendeine Weise bewerkstelligt werden. Sie kennen sein Temperament: Wenn ich oder Mama ihm vorschlagen würden, er solle einen Freund besuchen oder in den Club gehen, würde er in jedem Fall zu Hause bleiben. Können Sie einen Plan schmieden? Sie sehen, ich wende mich mit allen meinen Schwierigkeiten an Sie“, fügte sie hinzu, „genau wie Anne und ich es gemacht haben, als wir noch Kinder waren.“

Ob Mr. Carlyle die letzte Bemerkung hörte, ist fraglich. Er hatte in tiefem Nachdenken die Augenlider gesenkt. „Haben Sie mir jetzt alles berichtet?“, fragte er schließlich und hob sie wieder.

„Ich glaube schon.“

„Dann werde ich darüber nachdenken und …“

„Ich werde wahrscheinlich nicht noch einmal herkommen“, unterbrach ihn Barbara. „Es … es könnte Verdacht erwecken; es könnte mich auch jemand sehen und es gegenüber Papa erwähnen. Sie sollten auch niemanden zu unserem Haus schicken.“

„Nun ja … Richten Sie es so ein, dass Sie heute Nachmittag um vier auf der Straße sind. Einen Augenblick, das ist ja Ihre Essenszeit; gehen sie um drei Uhr auf der Straße spazieren, genau um drei; wir werden uns dort treffen.“

Er erhob sich, gab ihr die Hand und begleitete sie durch die kleine Diele und den Korridor zur Haustür – eine Höflichkeit, die Mr. Carlye vermutlich nicht jedem Mandanten erwies. Die Haustür schloss sich hinter ihr, und Barbara hatte sich kaum einen Schritt von ihr entfernt, als plötzlich etwas Großes über ihr dräute wie ein Schiff unter vollen Segeln.

Sie war sicher die größte Dame der Welt. Eine schöne Frau zu ihrer Zeit, jetzt aber kantig und knochig. Und doch lag trotz der Kanten und Knochen etwas Majestätisches in der Erscheinung von Miss Carlyle.

„Warum … Wozu um alles auf der Welt“, setzte sie an, „sind Sie bei Archibald gewesen?“

Barbara Hare wünschte sich, Miss Carlyle wäre weit weg in Asien, und brachte stammelnd die Ausrede vor, die sie auch bei Mr. Dill gebraucht hatte.

„Ihre Mama hat Sie zu geschäftlichen Besorgungen geschickt! So etwas habe ich noch nie gehört. Zweimal war ich hier, um mit Archibald zu sprechen, und zweimal hat Dill mir gesagt, er sei beschäftigt und dürfe nicht gestört werden. Der alte Dill wird mir erklären müssen, was es bedeutet, dass er mir gegenüber Geheimnisse hat.“

„Es gibt kein Geheimnis“, antwortete Barbara; ihr wurde ganz schlecht bei dem Gedanken, Miss Carlye könne gegenüber den Angestellten oder ihrem Vater behaupten, es gebe eines. „Mama wollte Mr. Carlyle in einer kleinen Privatangelegenheit um seine Meinung fragen, und da sie sich nicht wohl genug fühlte, um selbst zu kommen, hat sie mich geschickt.“

Miss Carlyle glaubte ihr kein Wort. „Was für eine Angelegenheit?“, fragte sie unverblümt.

„Es ist nichts, was Sie interessieren könnte. Eine Kleinigkeit, die mit ein wenig Geld zu tun hat. Es ist wirklich nichts.“

„Und wenn es nichts ist, warum haben Sie sich dann so lange mit Archibald eingeschlossen?“

„Er hat nach den Einzelheiten gefragt“, erwiderte Barbara, wobei sie ihre Gelassenheit wiederfand.

Miss Carlyle schniefte, wie sie es immer tat, wenn sie in einer Sache anderer Meinung war. Da lag doch sicher irgendein Geheimnis in der Luft. Sie wandte sich um und ging mit Barbara die Straße entlang, aber das führte nicht dazu, dass sie mehr herausbekommen hätte.

Mr. Carlyle kehrte in sein Büro zurück, überlegte kurz, und läutete dann. Ein Angestellter kam herein.

„Gehen Sie zum Buckʼs Head. Wenn Mr. Hare und die anderen Friedensrichter dort sind, sagen Sie ihnen, sie möchten zu mir herüberkommen.“

Der junge Mann tat wie geheißen und kam mit den ehrwürdigen Richtern auf den Fersen zurück. Sie folgten der Einladung bereitwillig, glaubten sie doch, sie seien in eine juristische Meinungsverschiedenheit verwickelt, und nur Mr. Carlyle könne sie daraus befreien.

„Ich bitte Sie nicht, Platz zu nehmen“, begann Mr. Carlyle, „denn ich werde Sie nur einen kurzen Augenblick aufhalten. Je mehr ich darüber nachdenke, dass dieser Mann ins Gefängnis gebracht wurde, desto weniger gefällt es mir; ich habe mir gedacht, es ist vielleicht besser, wenn Sie alle fünf heute Abend zu mir kommen und gemeinsam in meinem Haus eine Pfeife rauchen; dann haben wir Zeit und können besprechen, was zu tun ist. Kommen Sie nicht später als sieben, dann werden Sie die alte Tabaksdose meines Vaters gut gefüllt mit dem besten Breitschnitt finden, außerdem ein halbes Dutzend Lesepfeifen. Einverstanden?“

Die fünf nahmen die Einladung eifrig an. Als sie im Gänsemarsch hinausgingen, berührte Mr. Carlyle den Arm des Richters Hare.

„Sie kommen doch sicher auch, Hare“, flüsterte er. „Ohne Sie kommen wir nicht zurecht; nicht alle Köpfe“ – wobei er eine leichte Bewegung in Richtung der Hinausgehenden machte – „sind so mit klarem Verstand begabt wie Sie.“

„Ich komme ganz sicher“, erwiderte der Richter erfreut. „Feuer und Wasser sollen mich nicht abhalten.“

Kurz nachdem Mr. Carlyle wieder allein war, trat ein anderer Bediensteter ein.

„Miss Carlyle würde Sie gerne sprechen, Sir, und auch Colonel Bethel ist wieder da.“

„Schicken Sie zuerst Miss Carlyle herein“, lautete die Antwort. „Worum geht es, Cornelia?“

„Ach, das fragst du noch? Heute Morgen sagst du, du könntest nicht wie üblich um sechs Uhr zu Abend essen, und dann marschierst du hinaus und legst die Zeit nicht fest. Wie soll ich meine Anweisungen geben?“

„Ich dachte, die Geschäfte würden mich abhalten, aber nun gehe ich doch nicht aus. Dennoch werden wir ein wenig früher essen, Cornelia, sagen wir um Viertel vor sechs. Ich habe jemanden eingeladen!“

„Was ist los, Archibald?“, unterbrach ihn Miss Carlyle.

„Los! Nichts, soweit ich weiß. Ich bin sehr beschäftigt, Cornelia, und Colonel Bethel wartet; ich spreche beim Essen mit dir. Ich habe für heute Abend eine kleine Gesellschaft eingeladen.“

„Eine kleine Gesellschaft!“, wiederholte Miss Carlyle.

„Ja, vier oder fünf Richter kommen zum Pfeiferauchen. Du musst die Blei-Tabaksdose deines Vaters herausholen, und …“

„Sie werden nicht kommen!“, kreischte Miss Carlyle. „Meinst du, ich will mich mit dem Tabakrauch aus einem Dutzend Pfeifen vergiften?“

„Du brauchst nicht im Zimmer zu sitzen.“

„Die auch nicht. Im ganzen Haus wurden gerade saubere Gardinen aufgehängt, und ich will nicht, dass sie von schrecklichen Pfeifen schwarz werden.“

„Ich kaufe dir ein paar neue Gardinen, Cornelia, wenn diese durch die Pfeifen verdorben werden“, erwiderte er in aller Ruhe. „Und jetzt, Cornelia, muss ich dich wirklich bitten, mich zu verlassen.“

„Wenn ich dieser Angelegenheit mit Barbara Hare auf den Grund gegangen bin“, gab Miss Corny energisch zurück, womit sie den Streit um die Pfeifen fallen ließ. „Du bist sehr schlau, Archie, aber mich führst du nicht hinters Licht. Ich habe Barbara gefragt, weshalb sie hier war. Ein Anliegen ihrer Mama, das mit Geldangelegenheiten zu tun hat – so lautete ihre Antwort. Ich frage dich: Dir die Meinung über die Meinungsverschiedenheiten der Richter anzuhören, ist deine Angelegenheit. Aber das hier ist weder das eine noch das andere, und ich sage dir, Archibald, ich werde es erfahren. Ich wüsste gern, was das für ein Geheimnis zwischen dir und Barbara ist.“

Mr. Carlyle kannte ihre energische Ausdrucksweise nur allzu gut und entschied sich, ihr die Wahrheit zu sagen. Sie war, um die Worte zu übernehmen, die Barbara gegenüber ihrem Bruder in Bezug auf ihn gebraucht hatte, wahrhaftig wie Gold. Vertraute man Miss Carlyle ein Geheimnis an, war sie so vertrauenswürdig und verschwiegen wie er; ließ man in ihr aber die Vermutung aufkommen, ihr werde ein Geheimnis vorenthalten, würde sie wie ein Frettchen an die Arbeit gehen und nicht aufhören, bis es gelüftet war.

Mr. Carlyle beugte sich nach vorn und sagte im Flüsterton: „Ich werde es dir sagen, wenn du willst, Cornelia, aber es ist keine angenehme Sache. Richard Hare ist zurückgekehrt.“

Miss Carlyle blickte vollkommen entgeistert drein. „Richard Hare! Ist er verrückt geworden?“

„Eine sehr vernünftige Vorgehensweise ist es nicht. Er will Geld von seiner Mutter, und Mrs. Hare hat Barbara zu mir geschickt, damit ich das für sie arrangiere. Kein Wunder, dass die arme Barbara hektisch und nervös war – schließlich droht Gefahr von allen Seiten.“

„Ist er in ihrem Haus?“

„Wie könnte er, wo sein Vater dort wohnt? Er versteckt sich zwei oder drei Meilen entfernt als Arbeiter verkleidet und wird heute Abend zu dem Gehölz kommen, um sein Geld in Empfang zu nehmen. Ich habe die Richter eingeladen, damit Mr. Hare in sicherer Entfernung von seinem Haus ist. Würde er Richard sehen, er würde ihn zweifellos der Justiz übergeben, und das wäre – wenn man ernstere Erwägungen einmal beiseite lässt – weder für dich noch für mich sehr angenehm. Eine Verbindung zu jemandem, der wegen vorsätzlichen Mordes gehenkt wurde, wäre ein hässlicher Fleck auf dem Wappen der Carlyles, Cornelia.“

Miss Carlyle saß schweigend, ein Runzeln zwischen den üppigen Augenbrauen, und verarbeitete die Neuigkeiten.

„Jetzt weißt du alles, Cornelia, und ich bitte dich, zu gehen. Ich bin heute mit Arbeit überlastet.“

Kapitel 6 Richard Hare, der Jüngere

Das Richtergremium versäumte es nicht, die Verabredung einzuhalten. Um sieben Uhr trafen sie bei Miss Carlyle ein, wobei der eine dem anderen auf dem Fuße folgte. Der Leser mag sich vielleicht an dem Ausdruck „bei Miss Carlyle“ stören, aber er ist richtig: Das Haus gehörte nicht ihrem Bruder, sondern ihr; es war zwar wie schon zu seines Vaters Zeiten sein Zuhause, gehörte aber zu dem Anwesen, das Miss Carlyle geerbt hatte.

Miss Carlyle entschloss sich, trotz der Pfeifen und des Rauches anwesend zu sein, und wenig später war sie ebenso ins Gespräch vertieft wie die Richter. In der Stadt sagte man, sie sei ein so guter Anwalt wie ihr Vater; zweifellos besaß sie in juristischen Angelegenheiten ein gesundes Urteilsvermögen und eine schnelle Auffassungsgabe. Um acht Uhr trat ein Diener ins Zimmer und wandte sich an seinen Herrn.

„Mr. Dill bittet darum, mit Ihnen zu sprechen, Sir.“

Mr. Carlyle erhob sich und kam mit einem offenen Notizzettel in der Hand zurück.

„Ich bedaure, Sie für eine halbe Stunde verlassen zu müssen; eine wichtige geschäftliche Angelegenheit hat sich ergeben, aber ich komme zurück, so schnell ich kann.“

„Wer hat nach dir geschickt?“, verlangte Miss Corny sofort zu wissen.

Er warf ihr einen unauffälligen Blick zu, den sie als Warnung interpretierte, nicht zu fragen. „Mr. Dill ist hier und wird sich zu Ihnen gesellen, um über die Sache zu sprechen“, sagte er zu seinen Gästen. „Er kennt die Gesetze besser als ich; aber es wird nicht lange dauern.“

Er trat aus dem Haus und begab sich mit schnellen Schritten zu dem Gehölz. Der Mond schien ebenso hell wie am Abend zuvor. Nachdem er West Lynne hinter sich hatte und an den bereits erwähnten, einzeln stehenden Villen vorüberkam, warf er unwillkürlich einen Blick auf den Wald, der sich zu seiner Linken hinter den Häusern erhob. Er wurde Abbey Wood genannt, weil in alten Zeiten eine Abtei in seiner Nähe gestanden hatte, aber davon waren alle Spuren mit Ausnahme der Überlieferung verschwunden. Mitten im Wald gab es ein einziges kleines Haus oder eine Hütte, und dort war der Mord geschehen, dessentwegen Richard Hares Leben in Gefahr war. Es war jetzt nicht mehr bewohnt, denn niemand wollte es mieten oder darin leben.

Mr. Carlyle öffnete das Gartentor bei The Grove und musterte die Bäume rechts und links von ihm, aber weder sah noch hörte er irgendwelche Anzeichen dafür, dass Richard sich darin versteckte. Barbara stand am Fenster, blickte hinaus und kam dann selbst herunter, um Mr. Carlyle die Tür zu öffnen.

„Mama ist in einem höchst aufgeregten Zustand“, flüsterte sie ihm zu, als er eintrat. „Das wusste ich im Voraus.“

„Ist er schon gekommen?“

„Daran habe ich keinen Zweifel; aber er hat noch kein Zeichen gegeben.“

Mrs. Hare stand, fieberhaft erregt und mit roten Flecken auf den zarten Wangen, neben dem Stuhl, statt darauf zu sitzen. Mr. Carlyle drückte ihr eine Brieftasche in die Hand. „Ich habe es überwiegend in Banknoten mitgebracht“, sagte er. „Die sind für ihn leichter zu tragen als Gold.“

Mrs. Hare antwortete nur mit einem dankbaren Blick und umklammerte Mr. Carlyles Hand. „Archibald, ich muss meinen Jungen sehen; wie können wir das einrichten? Muss ich zu ihm in den Garten gehen, oder kann er hereinkommen?“

„Ich denke, er kann hereinkommen; Sie wissen, wie schlecht Ihnen die Nachtluft bekommt. Sind die Dienstboten heute Abend auf den Beinen?“

„Es scheint, als hätten sich die Dinge sehr freundlich entwickelt“, warf Barbara ein. „Zufällig hat Anne heute Geburtstag, und deshalb hat Mama mich gerade mit einem Kuchen und einer Flasche Wein in die Küche geschickt und sie aufgefordert, auf ihre Gesundheit zu trinken. Ich habe die Tür geschlossen und ihnen gesagt, sie sollten es sich gemütlich machen; wenn wir irgendetwas brauchen, würden wir läuten.“

„Dann sind sie ungefährlich“, erklärte Mr. Carlyle, „und Richard kann hereinkommen.“

„Ich gehe hinaus und sehe nach, ob er gekommen ist“, sagte Barbara.

„Bleiben Sie, wo Sie sind, Barbara; ich werde selbst gehen“, warf Mr. Carlyle ein. „Sorgen Sie dafür, dass die Tür offen ist, wenn Sie uns den Weg heraufkommen sehen.“

Barbara stieß einen schwachen Schrei aus und umklammerte zitternd Mr. Carlyles Arm. „Da ist er! Sehen Sie nur! Er steht vor den Bäumen genau gegenüber von diesem Fenster.“

Mr. Carlyle wandte sich an Mrs. Hare. „Ich werde ihn nicht sofort hereinbringen; ich muss mit ihm sprechen, das muss zuerst erledigt werden, damit ich wieder zu den Richtern gehen und Mr. Hare fernhalten kann.“

Er ging den Weg hinunter, erreichte die Bäume und tauchte zwischen ihnen ein. An einem davon lehnte Richard Hare. Ohne die Verkleidung mit den falschen, wilden schwarzen Schnurrbarthaaren war er ein blauäugiger, flotter, angenehm aussehender junger Mann, schlank, von mittlerer Größe und ebenso nachgiebig und sanft wie seine Mutter. Bei ihr war die milde, nachgiebige Haltung eine recht anmutige Eigenschaft; bei Richard musste man sie als verachtenswertes Unglück bezeichnen. Als Junge hatte er den Spitznamen Blätter-Dick getragen, und wenn sich ein Fremder nach dem Grund erkundigte, lautete die Antwort: So, wie ein Blatt vom Wind hin und her bewegt wird, so wird er von jedem in seiner Umgebung hin und her bewegt. Einen eigenen Willen besaß er nie. Kurz gesagt, war Richard Hare zwar ein liebenswürdiger, freundlicher Charakter, aber er war nicht übermäßig gut mit dem ausgestattet, was die Welt als Verstand bezeichnet. Verstand hatte er sicher, aber keinen besonders scharfen.

„Kommt meine Mutter zu mir heraus?“, fragte Richard, nachdem er ein paar Sätze mit Mr. Carlyle gewechselt hatte.

„Nein. Sie gehen hinein. Ihr Vater ist außer Haus, und die Dienstboten sind in der Küche eingeschlossen und werden Sie nicht sehen. Und wenn sie es täten, würden sie Sie in dieser Aufmachung niemals erkennen. Ein hübscher Schnauzbart, Richard.“

„Also gehen wir hinein. Ich bin sehr nervös, bis ich wieder fort bin. Werde ich das Geld bekommen?“

„Ja, ja. Aber Richard, Ihre Schwester sagt, Sie wollten mir die wahre Geschichte jener beklagenswerten Nacht erzählen. Sie sprechen besser, solange wir hier sind.“

„Barbara selbst wollte, dass Sie es hören. Ich halte es nicht für bedeutsam. Auch wenn alle von mir die Wahrheit hören würden, es würde mir nichts nützen, denn mir würde niemand Glauben schenken – nicht einmal Sie.“

„Stellen Sie mich auf die Probe, Richard, und das mit so wenigen Worten wie möglich.“

„Nun, zu Hause gab es Krach, weil ich so oft zu Hallijohn gegangen bin. Der Gouverneur und meine Mutter glaubten, ich sei hinter Afy her; vielleicht war ich das auch, vielleicht auch nicht. Hallijohn hatte mich gebeten, ihm mein Gewehr zu leihen, und an diesem Abend, als ich mich mit Af… als ich mich mit irgendjemandem treffen wollte … Ganz gleich …“

„Richard“, unterbrach ihn Mr. Carlyle, „es gibt ein altes Sprichwort, und das ist ein vernünftiger Rat: ‚Deinem Anwalt und deinem Arzt musst du die Wahrheit sagen.‘ Wenn ich beurteilen soll, ob man irgendetwas für Sie tun kann, müssen Sie mir alles sagen; ansonsten höre ich lieber gar nichts. Es geschieht im heiligen Vertrauen.“

„Also dann – was sein muss, muss sein“, gab Richard nachgiebig zurück. „Ich habe das Mädchen wirklich geliebt. Ich hätte gewartet, bis ich mein eigener Herr bin, und sie dann zu meiner Ehefrau gemacht, auch wenn es noch Jahre und Jahre gedauert hätte. Sie wissen schon, angesichts des Widerspruchs meines Vaters konnte ich es nicht.“

„Ihre Ehefrau?“, fragte Mr. Carlyle mit einem gewissen Nachdruck.

Richard blickte überrascht drein. „Warum, Sie nehmen doch nicht an, ich hätte etwas anderes gewollt! So ein Schuft wäre ich nicht gewesen.“

„Gut, Richard, fahren Sie fort. Hat sie Ihre Liebe erwidert?“

„Da kann ich mir nicht sicher sein. Manchmal habe ich es gedacht, manchmal nicht; sie hat oft gespielt und Ausflüchte gebraucht, und sie war zu gern mit – ihm – zusammen. Ich hielt sie für launisch – sie sagte mir, ich dürfte diesen Abend nicht kommen und jenen Abend nicht kommen; aber ich fand heraus, dass das die Abende waren, an denen sie ihn erwartete. Wir waren nie beide dort.“

„Sie vergessen, dass sie ‚ihn‘ noch nicht mit einem Namen versehen haben, Richard. Ich weiß nicht, wen sie meinen.“

Richard Hare beugte sich nach vorn, bis seine schwarzen Barthaare Mr. Carlyles Schulter berührten. „Es war dieser verfluchte Thorn.“

Mr. Carlyle erinnerte sich, dass Barbara den gleichen Namen genannt hatte. „Wer war Thorn? Ich habe nie von ihm gehört.“

„Das hat auch sonst niemand in West Lynne, nehme ich an. Darauf hat er geflissentlich geachtet. Er wohnte ein paar Meilen entfernt und pflegte insgeheim herüberzukommen.“

„Um Afy den Hof zu machen?“

„Ja, er ist gekommen, um ihr den Hof zu machen“ gab Richard in wildem Ton zurück. „Die Entfernung war kein Hindernis. Er kam in der Abenddämmerung im Galopp angeritten, band sein Pferd im Wald an einen Baum und verbrachte eine oder zwei Stunden mit Afy. Im Haus, wenn ihr Vater nicht zu Hause war; und wenn er zu Hause war, streifte er mit ihr durch den Wald.

„Kommen Sie zum Kern der Sache, Richard – zu dem Abend.“

„Hallijohns Gewehr war nicht in Ordnung, und er fragte, ob er meines leihen könne. Ich hatte mich an jenem Abend mit Afy bei ihrem Haus verabredet und ging nach dem Essen hin. Das Gewehr hatte ich bei mir. Mein Vater rief mir nach und wollte wissen, wohin ich wollte; ich sagte, ich gehe mit dem jungen Beauchamp aus, weil ich seinen Widerspruch nicht herausfordern wollte; aber die Lüge sprach bei der Untersuchung gegen mich. Als ich bei Hallijohn ankam, ging ich den ganzen Nebenweg an den Feldern entlang und auf dem Pfad durch den Wald, wie ich es üblicherweise tat. Afy kam heraus; sie war wie so manches Mal die Zurückhaltung selbst und sagte mir, sie könne mich nicht empfangen, sondern ich solle wieder nach Hause gehen. Wir hatten darüber einen kleinen Wortwechsel; während wir noch sprachen, kam Locksley vorbei und sah mich mit dem Gewehr in der Hand. Am Ende gab ich nach. Sie konnte mit mir machen, was sie wollte, denn ich betete den Boden an, über den sie ging. Ich gab ihr das Gewehr und sagte ihr, dass es geladen war; sie brachte es nach drinnen und schloss mich aus. Ich ging nicht weg; ich hatte den Verdacht, dass Thorn dort bei ihr war, obwohl sie es mir gegenüber abgestritten hatte; also versteckte ich mich in der Nähe des Hauses zwischen ein paar Bäumen. Wieder kam Locksley vorüber, sah mich dort und wollte lautstark wissen, warum ich mich versteckte. Ich antwortete nicht, sondern zog mich noch weiter zurück – was gingen ihn meine privaten Bewegungen an? Aber auch das sprach bei der Untersuchung gegen mich. Nicht lange danach – vielleicht nach zwanzig Minuten – hörte ich einen Schuss, der aus der Richtung der Hütte zu kommen schien. ‚Da geht jemand noch spät auf Rebhuhnjagd‘, dachte ich. Die Sonne ging nämlich schon unter, und im gleichen Augenblick sah ich Bethel zwischen den Bäumen herauskommen und in Richtung der Hütte laufen. Das war der Schuss, der Hallijohn tötete.“

Eine Pause trat ein. Mr. Carlyle sah Richard im Mondlicht durchdringend an.

„Kurz danach, fast im gleichen Augenblick, so schien es mir, kam jemand keuchend und gehetzt den Weg von der Hütte entlanggelaufen. Es war Thorn. Bei seinem Anblick bin ich erschrocken: Ich hatte nie einen Menschen gesehen, der mehr schieres Entsetzen zeigte. Sein Gesicht wirkte fuchsteufelswild, der Blick durchdringend, und die Lippen waren über die Zähne zurückgezogen. Wäre ich ein kräftiger Mann gewesen, ich hätte ihn sicher angegriffen. Ich war verrückt vor Eifersucht, denn jetzt sah ich, dass Afy mich weggeschickt hatte, um sich mit ihm zu vergnügen.“

„Sie haben doch gesagt, dieser Thorn wäre immer nur in der Abenddämmerung gekommen“, warf Mr. Carlyle ein.

„Das wusste ich bis zu diesem Abend nicht. Ich kann nur sagen, dass er damals dort war. Er lief schnell vorüber, und anschließend hörte ich das Geräusch der Hufe, als sein Pferd davongaloppierte. Ich fragte mich, was geschehen war, dass er so verängstigt aussah und davonrannte, als wäre der Teufel hinter ihm her; ich dachte, er hätte sich vielleicht mit Afy gestritten. Also lief ich zum Haus, sprang die zwei Stufen hoch, und – Carlyle – ich stolperte über Hallijohns hingestreckte Leiche! Er lag auf dem Küchenfußboden – tot. Überall um ihn herum war Blut, und mein kurz zuvor abgefeuertes Gewehr hatte man daneben hingeworfen. Er war in die Seite geschossen worden.“

Richard hielt inne und holte Luft. Mr. Carlyle sagte nichts.

„Ich habe nach Afy gerufen, aber es kam keine Antwort. In dem unteren Zimmer war niemand, und es schien, als wäre auch niemand im oberen. Mich überfiel eine Art Panik, eine Angst. Wissen Sie, zu Hause haben sie immer gesagt, ich sei ein Feigling: Ich hätte keine Minute länger bei dem toten Mann bleiben können, selbst wenn es mir das Leben gerettet hätte. Ich griff nach dem Gewehr und lief davon, da …“

„Warum haben Sie das Gewehr aufgehoben?“, unterbrach ihn Mr. Carlyle.

„Gedanken schießen einem schneller durch den Kopf, als man sie aussprechen kann, insbesondere in solchen Augenblicken“, lautete die Antwort von Richard Hare. „In meinem Kopf blitzte eine unbestimmte Vorstellung auf, dass man mein Gewehr nicht in der Nähe des ermordeten Hallijohn finden sollte. Wie gesagt, ich flüchtete aus der Tür, da kam Locksley genau in meinem Blickfeld aus dem Wald; ich weiß nicht mehr, was mich geritten hat, aber ich tat das Schlimmste, was ich tun konnte: Ich warf das Gewehr wieder nach drinnen und lief davon, obwohl Locksley mir nachrief, ich solle stehen bleiben.“

„Das spricht stärker gegen Sie als alles andere“, bemerkte Mr. Carlyle. „Locksley hat ausgesagt, er hätte gesehen, wie Sie mit dem Gewehr in der Hand die Hütte verlassen haben, und zwar anscheinend in großer Aufregung; und in dem Augenblick, als Sie ihn gesehen haben, hätten sie gezögert wie aus Angst; dann hätten Sie das Gewehr hinter sich geworfen und seien geflohen.“

Richard stampfte mit dem Fuß auf. „Ja; und alles nur wegen meiner verfluchten Feigheit. Sie hätten besser eine Frau aus mir gemacht und mich in Röcken groß gezogen. Aber lassen Sie mich weiter erzählen. Ich traf auf Bethel. Er stand in dem Halbkreis, in dem man die Bäume gefällt hatte. Eines weiß ich jetzt: Wenn Bethel geradewegs in Richtung der Hütte gegangen wäre, hätte er Thorn treffen müssen, als der sie verließ. ‚Haben Sie diesen Hund nicht gesehen?‘, fragte ich ihn. ‚Was für einen Hund?‘, erwiderte Bethel. ‚Diesen sauberen Burschen, diesen Thorn, der hinter Afy her ist‘, antwortete ich, denn in meiner Leidenschaft machte es mir nichts aus, ihren Namen zu erwähnen. ‚Ich kenne keinen Thorn‘, sagte Bethel, ‚und ich kenne auch außer Ihnen niemanden, der hinter Afy her wäre.‘ ‚Haben Sie einen Schuss gehört?‘, fragte ich weiter. ‚Ja, das schon‘, antwortete er; ‚ich nehme an, es war Locksley, denn der treibt sich heute Abend hier herum.‘ ‚Und ich habe gesehen‘, fuhr ich fort, ‚wie Sie gerade in dem Augenblick, als der Schuss abgefeuert wurde, um die Ecke in Richtung von Hallijohn gebogen sind.‘ ‚Das stimmt‘, sagte er, ‚aber nur um ein paar Schritte in den Wald zu gehen. Worauf wollen Sie hinaus?‘ ‚Ist Thorn Ihnen nicht begegnet, wie er von der Hütte weggelaufen ist?“, beharrte ich. ‚Mir ist niemand begegnet‘, sagte er, ‚und ich glaube auch nicht, dass außer uns und Locksley jemand in der Nähe ist.‘ Ich habe ihn stehen lassen und mich aus dem Staub gemacht“, schloss Richard Hare. „Er hatte Thorn offensichtlich nicht gesehen und wusste nichts.“

„Und dann haben Sie sich in der gleichen Nacht davongemacht, Richard; das war ein verheerender Schritt.“

„Ja, ich war ein Dummkopf. Ich hätte in aller Stille bleiben und abwarten sollen, wie sich die Dinge entwickeln; aber Sie wissen noch nicht alles. Drei oder vier Stunden später ging ich noch einmal zu dem Häuschen, und es gelang mir, eine Minute mit Afy zu sprechen. Das werde ich nie vergessen; bevor ich auch nur eine Silbe sagen konnte, flüchtete sie vor mir, beschuldigte mich, ich sei der Mörder ihres Vaters, und stürzte draußen hysterisch ins Gras. Der Lärm lockte die Leute aus dem Haus an – inzwischen waren viele dort – und ich zog mich zurück. ‚Wenn sie mich für schuldig halten kann, wird die ganze Welt mich für schuldig halten‘, das war meine Überlegung; in dieser Nacht bin ich sofort verschwunden. Ich wollte einen oder zwei Tage in einem Versteck bleiben, bis mir mein weiterer Weg klar war, aber er wurde mir niemals klar; die Untersuchung des Coroners fand statt, und nach dem Urteil war ich am Boden zerstört. Und Afy – aber ich will sie nicht verfluchen – fachte die Flamme weiter an, indem sie leugnete, dass in jener Nacht jemand bei ihr gewesen war. Sie sagte, sie sei zu Hause gewesen und aus der Hintertür auf den Weg von West Lynne gegangen; dort habe sie herumgelungert, als sie den Schuss hörte. Fünf Minuten später kehrte sie ins Haus zurück fand Locksley vor, der über ihrem toten Vater stand.“

Mr. Carlyle schwieg immer noch. Im Kopf ging er schnell die wichtigsten Punkte von Richard Hares Bericht durch. „Wenn ich es richtig verstehe, waren Sie insgesamt zu viert in der Nähe der Hütte, und zweifellos hat einer davon geschossen. Sie sagen, sie wären ein Stück entfernt gewesen, Richard; auch Bethel konnte nicht …“

„Bethel hat es nicht getan“, unterbrach ihn Richard. „Das wäre unmöglich. Wie ich Ihnen gesagt habe, habe ich ihn in dem gleichen Augenblick gesehen, in dem das Gewehr abgefeuert wurde.“

„Aber wo war Locksley?“

„Dass Locksley es war, ist ebenfalls unmöglich. Er stand zur gleichen Zeit in meinem Blickfeld im rechten Winkel von mir tief im Wald, weit entfernt von den Wegen. Die Tat wurde von Thorn begangen, das steht ohne jeden Zweifel fest, und das Urteil gegen ihn hätte auf vorsätzlichen Mord lauten müssen. Carlyle, ich sehe schon, Sie glauben mir meine Geschichte nicht.“

„Was Sie sagen, hat mich erschreckt; ich muss mir Zeit nehmen und überlegen, ob ich es glaube oder nicht“, sagte Mr. Carlyle in seiner unverblümten Art. „Vor allem lautet die Frage: Wenn Sie Zeuge geworden sind, wie Thorn in der von Ihnen beschriebenen Weise von der Hütte weglief, warum haben Sie sich dann nicht gemeldet und ihn angezeigt?“

„Das habe ich nicht getan, weil ich ein Dummkopf war, ein schwacher Feigling, wie schon immer in meinem Leben“, gab Richard zurück. „Ich kann nicht anders; ich bin so geboren und werde so ins Grab sinken. Was hätte ich mit meiner Aussage, dass es Thorn war, ausrichten können, wenn es niemanden gab, der es bestätigt hätte? Und das abgeschossene Gewehr – mein Gewehr – war ein vernichtender Beweis gegen mich.“

„Mir kommt etwas anderes seltsam vor“, rief Mr. Carlyle. „Wenn dieser Mann, dieser Thorn, die Gewohnheit hatte, Abend für Abend nach West Lynne zu kommen, wie kann es dann sein, dass er nie beobachtet wurde? Ich höre jetzt zum ersten Mal den Namen eines Fremden im Zusammenhang mit der ganzen Angelegenheit oder mit Afy.“

„Thorn wählte Nebenstraßen und mit einer einzigen Ausnahme kam er immer in der Abenddämmerung und im Dunkeln. Für mich lag damals auf der Hand, dass er bestrebt war, es geheim zu halten. Das sagte ich auch Afy und dass es kein gutes Vorzeichen für sie war. Sie werden dem, was ich sage, keine Glaubwürdigkeit beimessen, und ich hatte auch nichts anderes erwartet; dennoch schwöre ich, dass ich die Tatsachen berichtet habe. So sicher wie wir alle – ich, Thorn, Afy und Hallijohn – eines Tages gemeinsam vor unseren Schöpfer treten müssen, so sicher habe ich Ihnen die Wahrheit gesagt.“

Es waren feierliche Worte, ihr Ton war ernst. Mr. Carlyle blieb stumm, den Kopf voller Gedanken.

„Zu welchem Zweck soll ich es sonst überhaupt sagen?“, fuhr Richard fort. „Es wird mir nichts nützen; alle Behauptungen, die ich vorbringen könnte, würden kein bisschen dazu beitragen, mich reinzuwaschen.“

„Nein, das würden sie nicht“, stimmte Mr. Carlyle zu. „Wenn Sie überhaupt reingewaschen werden können, dann nur durch Beweise. Aber … ich werde die Angelegenheit weiterhin im Kopf behalten, und wenn sich irgendetwas ergibt … Was für ein Mann war dieser Thorn eigentlich?“

„Vielleicht dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Jahre alt, groß und schlank; ein Aristokrat durch und durch.“

„Und seine Verhältnisse? Wo wohnte er?“

„Das habe ich nie erfahren. Afy sagte auf ihre prahlerische Weise, er komme aus Swainson, ein Ritt von zehn Meilen.“

„Aus Swainson?“ unterbrach Mr. Carlyle ihn schnell. „Könnte er einer der Thorns von Swainson sein?“

„Keiner von den Thorns, die ich kenne. Er war ein ganz anderer Typ von Mann mit seinen parfümierten Händen, den Ringen und den eleganten Handschuhen. Dass er ein Aristokrat war, glaube ich, allerdings einer von schlechtem Geschmack und Stil, denn er stellte eine Fülle von Schmuckstücken zur Schau.“

Ein verstohlenes Lächeln glitt über Carlyles Gesicht.

„War der Schmuck echt, Richard?“

„Allerdings. Er trug Manschettenknöpfe mit Diamanten, Dia­mantringe, Diamantennadeln; Brillanten, alle vom reinsten Wasser. Ich hatte den Eindruck, er legte sie an, um Afy den Kopf zu verdrehen. Einmal sagte sie mir, wenn sie wolle, könne sie eine große Lady sein, größer als ich sie jemals machen könnte. ‚Eine Gaunerlady vielleicht, aber eine Dame niemals‘, habe ich geantwortet. Thorn war nicht der Mann, der gegenüber einer Frau in Afy Hallijohns Stellung ehrliche Absichten gehabt hätte; aber Mädchen sind so einfältig wie Gänse.“

„Nach Ihrer Beschreibung kann es keiner von den Thorns aus Swainson gewesen sein. Das sind wohlhabende Kaufleute, Väter junger Familien, klein, stämmig, schwer wie Holländer, solide und höchst angesehen. Sehr unwahrscheinlich, dass sie eine solche Unternehmung in Angriff nehmen.“

„Was für eine Unternehmung?“, fragte Richard. „Den Mord?“

„Hinter Afy her zu sein. Richard, wo ist eigentlich Afy?“

Richard Hare hob überrascht den Blick. „Woher soll ich das wissen? Das wollte ich Sie gerade fragen.“

Mr. Carlyle hielt inne. Er hielt Richards Antwort für eine Ausflucht. „Sie ist unmittelbar nach der Beerdigung verschwunden; und man glaubte – kurz gesagt, Richard, in der Nachbarschaft hat man ihr zugetraut, dass sie Ihnen gefolgt ist und sich mit Ihnen zusammengetan hat.“

„Nein! Haben die Leute das wirklich geglaubt? Was für ein Haufen Idioten! Carlyle, ich habe seit dieser unglückseligen Nacht nichts mehr von ihr gesehen oder gehört. Wenn sie überhaupt hinter jemandem her war, dann hinter Thorn.“

„Sah der Mann gut aus?“

„Ich nehme an, alle Welt würde es so nennen. Afy meinte, so einen Adonis habe es außer im Märchen noch nie gegeben. Er hatte glänzende schwarze Haare und einen schwarzen Schnurrbart, dunkle Augen und ebenmäßige Gesichtszüge. Aber seine eitle Stutzerhaftigkeit verdarb alles; würden Sie glauben, dass seine Taschentücher mit Parfum getränkt waren? Sie waren aus dem feinsten Batist, seidig wie Haare und so fein wie das, was Barbara in Lynneborough für eine Guinee gekauft hat. Nur hatte ihres noch eine gestickte Borte rundherum.“

Weitere Einzelheiten konnte Mr. Carlyle nicht in Erfahrung bringen, und es wurde Zeit, dass Richard sich ins Haus begab. Sie gingen den Weg hinauf. „Was ist es doch für ein Segen, dass die Fenster der Dienstboten nicht in diese Richtung weisen“, schauderte Richard, der sich dicht an Mr. Carlyles Fersen geheftet hatte. „Wenn die oben aus dem Fenster schauen würden!“

Seine Befürchtungen waren unbegründet, und er gelangte ungesehen hinein.

Damit war Mr. Carlyles Aufgabe erfüllt; er überließ den armen, verbannten Flüchtling dem kurzen Gespräch mit seiner hysterischen, in Tränen aufgelösten Mutter. Richard war nahezu ebenso hysterisch wie sie und tat auf dem Heimweg das Beste, was er tun konnte: Er grübelte über alles nach, was er gehört hatte.

Die Friedensrichter machten sich einen schönen Abend. Mr. Carlyle bewirtete sie mit einem Abendessen – Hammelkoteletts, Brot und Käse. Als die Mahlzeit vorüber war, nahmen sie noch einmal die Pfeifen zur Hand, aber Miss Carlyle zog sich zurück und ging zu Bett. Sie war seit dem Tod des Vaters nicht mehr an Rauch gewöhnt; jetzt hatte sie Kopfschmerzen, und ihre Augen tränten. Gegen elf Uhr wünschten alle Mr. Carlyle eine gute Nacht und gingen; nur Mr. Dill gehorchte einem Nicken seines Vorgesetzten und blieb.

„Setzen Sie sich einen Augenblick, Dill; ich möchte Sie etwas fragen. Sie sind doch gut mit den Thorns aus Swainson bekannt; haben die zufällig einen Verwandten, einen Neffen oder Cousin vielleicht, der ein geckenhafter junger Bursche ist?“

„Ich war letzten Sonntag vor zwei Wochen drüben und habe den Tag mit dem jungen Jacob verbracht“, lautete Mr. Dills Antwort, die etwas ausführlicher war als sonst üblich. Mr. Carlyle lächelte.

„Mit dem jungen Jacob! Ich nehme an, er ist mindestens vierzig.“

„So ungefähr. Sie und ich, wir schätzen das Alter unterschiedlich ein, Mr. Archibald. Aber einen Neffen haben sie nicht; der alte Herr hatte nie mehr als diese zwei Kinder Jacob und Edward. Und einen Cousin haben sie auch nicht. Allmählich werden sie zu reichen Männern. Jacob hat sein Schäfchen im Trockenen.“

Mr. Carlyle grübelte. Er hatte mit der Antwort gerechnet, hatte er doch nie davon gehört, dass die Brüder Thorn – Gerber, Lederzurichter und Sattler – einen Verwandten gleichen Namens hätten. „Dill“, sagte er, „es hat sich etwas ergeben, was nach meinem Dafürhalten einen Zweifel auf Richard Hares Schuld wirft. Ich frage mich, ob er überhaupt etwas mit dem Mord zu tun hat.“

Mr. Dill riss die Augen auf. „Aber seine Flucht, Mr. Archibald, und die Tatsache, dass er sich abgesetzt hat?“

„Verdächtige Umstände, zugegeben. Dennoch habe ich stichhaltige Gründe, zu zweifeln. Zu der Zeit, als es geschah, kam regelmäßig irgendein Stutzer und machte Afy Hallijohn heimlich den Hof; er wird als großer, schlanker Mann beschrieben, der den Namen Thorn trug und in Swainson wohnte. Könnte das jemand aus der Familie Thorn gewesen sein?“

„Mr. Archibald!“, protestierte der alte Bürovorsteher. „Als ob diese beiden angesehenen Gentlemen mit ihren Ehefrauen und Babys dieser flatterhaften Afy nachgestellt hätten!“

„An sie habe ich nicht gedacht“, gab Mr. Carlyle zurück. „Das war ein junger Mann, dreiundzwanzig oder vierundzwanzig und einen Kopf größer als die beiden. Ich hatte geglaubt, es könne vielleicht ein Verwandter sein.“

„Ich habe sie wiederholt sagen hören, sie seien allein auf der Welt und die beiden Letzten mit diesem Namen. Mit denen stand niemand in Verbindung, darauf können Sie sich verlassen.“ Er wünschte Mr. Carlyle eine gute Nacht und ging hinaus.

Ein Diener räumte die Gläser und die stinkenden Pfeifen weg. Mr. Carlyle war in Gedanken versunken; schließlich blickte er zu dem Mann hinüber.

„Ist Joyce zu Bett gegangen?“

„Nein, Sir. Sie steht gerade erst im Begriff.“

„Schicken Sie sie her, wenn sie diese Dinge weggebracht haben.“

Joyce – die oberste Dienerin von Miss Carlyle – kam herein. Sie war von mittlerer Größe und würde das fünfunddreißigste Lebensjahr nicht mehr wiedersehen; ihre Stirn war breit, die grauen Augen lagen tief, und das Gesicht war blass. Insgesamt sah sie einfach, aber vernünftig aus. Sie war die Halbschwester von Afy Hallijohn.

„Schließen Sie die Tür, Joyce.“

Joyce tat wie geheißen, trat vor und stellte sich neben den Tisch.

„Haben Sie irgendetwas von Ihrer Schwester gehört, Joyce?“, begann Mr. Carlyle ein wenig abrupt.

„Nein, Sir“ antwortete sie. „Ich denke, es wäre auch ein Wunder, wenn ich etwas von ihr hören würde.“

„Warum das?“

„Wenn sie hinter Richard Hare her wäre, der ihren Vater ins Grab gebracht hat, würde sie sich und alles, was sie tut, wahrscheinlich verstecken und mir nicht bekannt machen, Sir.“

„Wer war der andere, dieser elegante Gentleman, der hinter ihr her war?“

Die Farbe wich aus Joyces Wangen, und sie senkte die Stimme.

„Sir! Sie haben davon gehört?“

„Damals nicht, aber später. Er kam aus Swainson, nicht wahr?“

„Ich glaube schon, Sir. Afy hat nie viel über ihn erzählt. In dem Punkt waren wir uns nicht einig. Ich habe gesagt, eine Person von seinem Rang wäre nicht gut für sie; und wenn ich etwas gegen ihn gesagt habe, ist Afy weggelaufen.“

Mr. Carlyle fragte weiter. „Sein Rang. Was für einen Rang bekleidete er?“

„Afy hat geprahlt, er sei fast so etwas wie ein Lord; und so sah er auch aus. Ich habe ihn nur einmal gesehen; ich war früher nach Hause gekommen, und da saß er mit Afy. Seine weißen Hände glitzerten von den ganzen Ringen, und sein Hemd war mit prächtigen Steinen besetzt, wo eigentlich die Knöpfe sein müssten.“

„Haben Sie ihn seitdem noch einmal gesehen?“

„Seitdem nicht mehr, außer einmal; und ich glaube, ich würde ihn auch nicht wiedererkennen, wenn ich ihn sehen würde. Sir, er ist aufgestanden, sobald ich in den Salon getreten bin, hat Afy die Hand gegeben und ist gegangen. Ein nobler, aufrechter Mann war er, fast so groß wie Sie, Sir, aber sehr schlank. Diese Soldaten halten sich immer sehr gut.“

„Woher wissen Sie, dass er Soldat war?“, fragte Mr. Carlyle.

„Das hat Afy mir gesagt. Sie hat ihn den ‚Captain‘ genannt; aber sie hat gesagt, er sei noch nicht ganz Captain, sondern … der nächste Rang, ein … ein …“

„Lieutenant?“, schlug Mr. Carlyle vor.

„Ja, Sir, das war es – Lieutenant Thorn.“

„Joyce“, sagte Mr. Carlyle, „ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, dass Afy vielleicht nicht Richard Hare gefolgt ist, sondern dem Lieutenant Thorn?“

„Nein, Sir“, antwortete Joyce. „Ich war mir immer sicher, dass sie mit Richard Hare zusammen war, und davon kann mich nichts abbringen. Ganz West Lynne ist davon überzeugt.“

Mr. Carlyle unternahm nicht den Versuch, sie „davon abzubringen“. Er entließ sie, blieb allein sitzen und drehte den Fall mit allen seinen Aspekten in Gedanken hin und her.

Das kurze Gespräch zwischen Richard Hare und seiner Mutter war schnell zu Ende. Es dauerte nur ungefähr eine Viertelstunde, denn beide fürchteten Unterbrechungen durch die Dienstboten; mit hundert Pfund in der Tasche und Verzweiflung im Herzen verließ der unglückselige junge Mann wieder einmal das Zuhause seiner Kindheit. Mrs. Hare und Barbara sahen zu, wie er sich im verräterischen Mondlicht den Pfad entlangschlich und schließlich die Straße erreichte. Beide hatten das Gefühl, die Abschiedsküsse, die sie ihm auf die Lippen gedrückt hatten, würden jahrelang nicht erneuert werden, ja vielleicht sogar überhaupt nicht mehr.

Kapitel 7 Hausherrin Miss Carlyle

An einem schönen Morgen im Juli schlug die Kirchturmuhr von West Lynne acht. Dann erklangen die Glocken und verkündeten, dass Sonntag war.

East Lynne hatte den Besitzer gewechselt und war jetzt das Eigentum von Mr. Carlyle. Er hatte es im Ist-Zustand gekauft, mit Möbeln und allem anderen; die Transaktion war aber heimlich vollzogen worden, und abgesehen von denen, die an den Verhandlungen beteiligt waren, hatte niemand einen Verdacht. Ob Lord Mount Severn nun glaubte, es könne verhindern, dass jemand Wind davon bekam, oder ob er Abschied von einem Ort nehmen wollte, den er früher geliebt hatte, eines ist sicher: Er war bestrebt, es eine oder zwei Wochen zu besuchen. Mr. Carlyle hatte höchst bereitwillig und wohlwollend zugestimmt; und so waren der Earl, seine Tochter und ihre Entourage am Tag zuvor eingetroffen.

West Lynne war in Aufruhr. Es bezeichnete sich als aristokratischen Ort und hegte die Hoffnung, der Earl könne die Absicht haben, ihm auf Dauer das Licht seiner Gegenwart zu schenken, indem er seinen Wohnsitz wiederum in East Lynne nahm. Man hatte üppig Toilette gemacht, um seinem bewundernden Blick zu begegnen, und die hübsche Barbara Hare war nicht die einzige junge Dame, die deshalb auf elterliche Entrüstung stieß.

Miss Carlyle hatte sich zur üblichen Zeit auf den Kirchgang vorbereitet und war einfach, aber gut gekleidet. Als sie und Archibald das Haus verließen, sahen sie auf der Straße etwas in der Sonne blitzen und glitzern. Zuerst kam ein rosa Sonnenschirm; es folgten eine rosa Haube, eine rosa Feder, ein graues, in Brokat gefasstes Kleid und weiße Handschuhe.

„Die eitle kleine Närrin!“, stieß Miss Carlyle hervor. Aber Barbara, die sich der Beschimpfung nicht bewusst war, lächelte ihnen auf der Straße entgegen.

„Gut gemacht, Barbara!“, sagte Miss Carlyle zur Begrüßung. „Alles, was Recht ist – Sie sind schöner als ein Sonnenstrahl!“

„Nicht halb so schön wie viele andere in der Kirche heute sein werden“, antwortete Barbara, während sie die schüchternen blauen Augen hob und mit errötendem Gesicht den Gruß von Mr. Carlyle erwiderte. „West Lynne scheint es darauf anzulegen, sich besser zu kleiden als Lady Isabel. Sie hätten gestern Morgen bei der Modistin sein müssen, Miss Carlyle.“

„Wird heute der Sonntagsstaat ausgeführt?“, erkundigte sich Mr. Carlyle gewichtig, als Barbara sich mit ihnen zur Kirche wandte. Er ging neben ihr und seiner Schwester, denn er hatte eine fast ebenso unbezwingbare Abneigung wie ein Franzose dagegen, zwei Damen seine Arme anzubieten.

„Natürlich“, erwiderte Barbara. „Wissen Sie, der erste Eindruck ist alles, und der Earl und seine Tochter werden in die Kirche kommen.“

„Und wenn sie nun nicht in einem Pfauengefieder erscheint?“, rief Miss Carlyle mit unbewegter Miene.

„Ach! Aber sie wird sicher so kommen – wenn Sie damit meinen, dass sie fein angezogen ist“, sagte Barbara hastig.

„Und wenn sie überhaupt nicht in die Kirche kommen?“, lachte Mr. Carlyle. „Was für eine Enttäuschung wäre das für die Hauben und Federn!“

„Schließlich, Barbara, was bedeuten sie uns oder wir ihnen?“, nahm Miss Carlyle das Gespräch wieder auf. „Wir werden vielleicht nie zusammentreffen. Wir unbedeutenden Bürger von West Lynne sollten uns in East Lynne nicht aufdrängen. Das wäre wohl kaum passend – und würde auch vom Earl oder Lady Isabel nicht so betrachtet.“

„Genau so hat auch Papa geredet“, murrte Barbara. „Er hat gestern diese Haube zu Gesicht bekommen, und als ich zur Entschuldigung sagte, ich müsse bei Ihnen vorsprechen, hat er mich gefragt, ob ich glaubte, die unbedeutenden Familien von West Lynne könnten es wagen, dem Lord Mount Severn ihre Aufwartung zu machen, als gehörten sie zum Landadel. Was ihn so verärgert hat, war die Feder.“

„Sie ist auch wirklich lang“, bemerkte Miss Carlyle und musterte sie mürrisch.

Barbara sollte an diesem Tag in der Kirchenbank der Carlyles sitzen, denn sie dachte, je weiter sie von dem Richter entfernt war, desto besser sei es; man konnte es nicht wissen, aber vielleicht würde er an der Feder inmitten des Gottesdienstes aus Rache einen heimtückischen Schnitt anbringen und so ihre Schönheit ruinieren. Sie hatten sich kaum gesetzt, da kamen zwei Fremde leise durch den Mittelgang: ein Gentleman mit gefurchter Stirn und grauen Haaren, der beim Gehen hinkte, und eine junge Dame. Barbara drehte sich eifrig um, blickte aber dann wieder weg; es konnten nicht die erwarteten Besucher sein, dazu war das Kleid der jungen Dame zu einfach – ein schlichtes Musselinkleid für einen heißen Sommertag. Aber der alte Kirchendiener mit seinem wallenden Mantel ging mit seinem Marschallstab seitlich vor ihnen her und führte sie zur Kirchenbank von East Lynne, in der so viele Jahre niemand gesessen hatte.

„Wer um alles in der Welt kann das sein?“, sagte Barbara im Flüsterton zu Miss Carlyle. „Dieser alte Dummkopf macht immer Fehler und setzt Leute an die falschen Stellen.“

„Der Earl und Lady Isabel.“

Die Farbe schoss Barbara ins Gesicht, und sie starrte Miss Corny an. „Was, aber sie hat keine Seide, keine Federn, gar nichts!“, rief Barbara. „Sie ist schlichter als alle anderen in der Kirche!“

„Schlichter als die Herausgeputzten – als Sie zum Beispiel. Der Earl hat sich stark verändert, aber ich hätte beide überall wiedererkannt. Sie haben große Ähnlichkeit mit ihrer armen Mutter – genau die gleichen Augen und der gleiche liebreizende Gesichtsausdruck.“

Ja, diese braunen Augen voller Liebreiz und Melancholie; wohl kaum jemand, der sie einmal gesehen hatte, konnte sie verwechseln oder vergessen; Barbara Hare vergaß, wo sie war, und blickte sie an diesem Tag immer wieder an.

„Sie ist sehr anmutig“, dachte Barbara, „und ihre Kleidung ist sicher die einer Lady. Hätte ich doch nur nicht diese flatterige rosa Feder aufgesteckt! Sie muss uns alle für ganz schön putzsüchtig halten!“

Der Wagen des Earl, ein offener Landauer, wartete am Ende des Gottesdienstes vor dem Tor. Der Lord half seiner Tochter beim Einsteigen und stand gerade im Begriff, ihr zu folgen und seinen Gichtfuß auf das Trittbrett zu setzen, da sah er Mr. Carlyle. Der Earl drehte sich um und streckte die Hand aus. Ein Mann, der East Lynne kaufen konnte, war es wert, als gleichrangig behandelt zu werden, auch wenn er nur ein Landanwalt war.

Mr. Carlyle gab dem Earl die Hand, näherte sich dem Wagen und lüftete in Richtung von Lady Isabel den Hut. Sie beugte sich mit ihrem angenehmen Lächeln nach vorn und legte ihre Hand in seine.„Ich habe Ihnen vieles zu sagen“, bemerkte der Earl. „Ich würde es begrüßen, wenn Sie mit zu uns nach Hause fahren würden. Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, seien Sie doch für den Rest des Tages Gast auf East Lynne.“

Dabei lächelte er verschmitzt, und Mr. Carlyle tat es ihm gleich. Als Gast auf East Lynne! Das war derzeit der Earl. Mr. Carlyle wandte sich zur Seite und setzte seine Schwester in Kenntnis.

„Cornelia, ich werde zum Abendessen nicht zu Hause sein; ich fahre mit Lord Mount Severn. Guten Tag, Barbara.“

Mr. Carlyle stieg in die Kutsche, der Earl folgte ihm, und sie fuhren davon. Die Sonne schien noch, aber für Barbara Hare war die Helligkeit des Tages dahin.

„Woher kennt er den Earl so gut? Woher kennt er Lady Isabel?“, fragte sie sich in ihrer Verwunderung immer wieder.

„Archibald weiß über die meisten Menschen etwas“, erwiderte Miss Corny. „Als er im Frühjahr in London war, ist er oft mit dem Earl zusammengetroffen, und ein- oder zweimal auch mit Lady Isabel. Was für ein hübsches Gesicht sie hat!“

Barbara antwortete nicht. Sie fuhr mit Miss Carlyle nach Hause, aber ihr Benehmen war ebenso abwesend wie ihr Herz, denn das war nach East Lynne davongelaufen.

Kapitel 8 Mr. Kanes Konzert

Bevor der vierzehntägige Aufenthalt von Lord Mount Severn zu Ende gehen sollte, nahm die Gicht einen ernsten Verlauf. Aus East Lynne abzureisen, war ihm unmöglich. Mr. Carlyle versicherte ihm, er sei nur allzu erfreut, wenn der Gast bleiben würde, solange es ihm beliebte, und der Earl brachte seinen Dank zum Ausdruck; er hoffte, bald wieder auf den Beinen zu sein.

Aber das war er nicht. Die Gicht kam, und die Gicht ging – sie zwang ihn zwar nicht gerade, im Bett zu bleiben, raubte ihm aber die Fähigkeit, seine Räumlichkeiten zu verlassen; der Zustand dauerte bis zum Oktober, aber dann ging es ihm viel besser. Die Landbewohner waren gute Nachbarn gewesen, hatten den gebrechlichen Earl besucht und Lady Isabel gelegentlich mitgenommen, aber sein wichtigster und beständiger Besucher war Mr. Carlyle gewesen. Mittlerweile mochte der Earl ihn auf mehr als nur gewöhnliche Weise und war enttäuscht, wenn der Anwalt einen Abend nicht bei ihm verbrachte; so kam es, dass er mit dem Earl und Lady Isabel irgendwann auf vertrautem Fuß stand. „Ich bin der allgemeinen Gesellschaft nicht ganz gewachsen“, sagte der alte Herr zu seiner Tochter, „und es ist sehr rücksichtsvoll und freundlich von Carlyle, hierher zu kommen und mich in meiner Einsamkeit aufzuheitern.“

„Äußerst freundlich“, sagte Isabel. „Ich mag ihn sehr, Papa.“

„Ich kenne niemanden, den ich nur halb so sehr mögen würde“, war die Antwort des Earl.

Am gleichen Abend kam Mr. Carlyle wie gewöhnlich zu Besuch, und im weiteren Verlauf bat der Earl seine Tochter, zu singen.

„Wenn es dein Wunsch ist, Papa“, antwortete sie, „aber das Klavier ist so verstimmt, dass es keine Freude macht, dazu zu singen. Mr. Carlyle, gibt es in West Lynne irgendjemanden, der herkommen und mein Klavier stimmen könnte?“, fragte sie, wobei sie sich zu ihm wandte.

„Natürlich. Kane könnte das machen. Soll ich ihn morgen herschicken?“

„Darüber wäre ich sehr froh, wenn es Ihnen nicht zu viele Umstände macht. Nicht dass das Stimmen viel nützen würde, wo es so ein altes Instrument ist. Wenn wir öfter in East Lynne wären, könnte ich Papa vielleicht dazu bringen, es gegen ein gutes auszutauschen.“

Lady Isabel verwendete keinen Gedanken darauf, dass eben dieses Klavier nicht ihr gehörte, sondern Mr. Carlyle. Der Earl hustete, wobei er mit seinem Gast ein Lächeln und einen Blick tauschte.

Mr. Kane war der Organist der Kirche St. Judeʼs, ein Mann voller Kummer und Sorgen, der lange einen trostlosen Kampf gegen die Welt geführt hatte. Als er, von Mr. Carlyle entsandt, am nächsten Tag nach East Lynne kam, spielte Lady Isabel gerade. Dann stand sie neben ihm und sah zu, wie er mit der Arbeit begann. Sie war höflich und liebenswürdig – so war sie zu jedem –, und der arme Musikmeister fand den Mut, von seinen eigenen Angelegenheiten zu sprechen und eine bescheidene Bitte vorzubringen: ob sie und Lord Mount Severn die Schirmherrschaft über ein Konzert übernehmen könnten, das er in der folgenden Woche zu geben gedachte, und ob sie selbst zugegen sein würden? In seine dünnen Wangen stieg ein dunkles Rot, als er einräumte, er sei sehr arm, könne kaum leben und müsse das Konzert wegen seiner verzweifelten Bedürftigkeit veranstalten. Wenn es ein Erfolg werde, komme er wieder zurecht; wenn nicht, würde man ihn aus seinem Zuhause werfen und das Mobiliar für die Miete verkaufen, die er seit zwei Jahren schuldig war – und dabei habe er sieben Kinder.

Isabel, deren tiefes Mitgefühl geweckt war, suchte den Earl auf. „Ach, Papa! Ich muss dich um einen großen Gefallen bitten. Wirst du ihn mir gewähren?“

„Um so etwas bittest du mich nicht oft. Worum geht es?“

„Ich möchte, dass du mich zu einem Konzert nach West Lynne begleitest.“

Der Earl lehnte sich erstaunt zurück und starrte Isabel an. „Ein Konzert in West Lynne!“, lachte er. „Um zuzuhören, wie die Landpomeranzen auf der Fiedel kratzen! Meine liebe Isabel!“

Sie sprudelte mit allem heraus, was sie gerade gehört hatte, einschließlich ihrer eigenen Kommentare und Hinzufügungen. „Sieben Kinder, Papa! Und wenn das Konzert kein Erfolg wird, muss er sein Zuhause aufgeben und mit ihnen auf der Straße leben – du siehst, es ist für ihn fast eine Frage von Leben und Tod. Er ist sehr arm.“

„Ich bin auch arm“, sagte der Earl.

„Er hat mir so leidgetan, als er gesprochen hat. Immer wieder wurde er rot und weiß und geriet vor Aufregung außer Atem; es war schmerzhaft, ihn von seiner Notlage erzählen zu hören. Ich bin sicher, er ist ein Gentleman.“

„Nun ja, du kannst Karten für ein Pfund kaufen, Isabel, und sie den leitenden Dienstboten geben. Ein Dorfkonzert!“

„Ach, Papa, so ist es nicht – ist dir das nicht klar? Wenn wir zusagen, du und ich, dann werden auch alle Familien rund um West Lynne das Konzert besuchen, und er wird den Saal voll haben. Sie werden hingehen, weil wir hingehen – das hat er gesagt. Opfere dich dieses eine Mal, liebster Papa, und geh hin, und wenn es auch nur für eine Stunde ist. Ich werde Spaß daran haben, selbst wenn da nicht mehr ist als eine Geige und ein Tambourin.“

„Du Zigeunerin! Du bist so schlimm wie eine Berufsbettlerin. Gut – sage dem Kerl, wir werden für eine halbe Stunde vorbeischauen.“

Mit leuchtenden Augen eilte sie wieder zu Mr. Kane. Wie immer sprach sie leise mit ihm, aber ihre eigene Befriedigung ließ ihre Stimme fröhlich klingen.

„Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass Papa zugestimmt hat. Er nimmt vier Eintrittskarten, und wir werden das Konzert besuchen.“

Mr. Kane traten die Tränen in die Augen; Isabel war sich nicht sicher, aber vermutlich erging es ihr genauso. Er war ein großer, dünner, zart aussehender Mann mit langen, weißen Fingern und langem Hals. Seinen stammelnden Dank verband er mit der Frage, ob er öffentlich bekannt machen dürfe, dass sie anwesend sein würden.

„Erzählen Sie es allen“, sagte sie eifrig. „Allen, die Ihnen über den Weg laufen, wenn es so ist, wie Sie denken: dass es das Mittel sein wird, um die Leute zur Teilnahme zu bewegen. Ich werde es auch allen Freunden erzählen, die mich besuchen, und sie bitten, ebenfalls hinzugehen.“

Als Mr. Carlyle an diesem Abend zu Besuch kam, war der Earl vorübergehend nicht im Zimmer. Isabel sprach von dem Konzert.

„Für Mr. Kane ist das ein gefährliches Unternehmen“, bemerkte Mr. Carlyle. „Ich fürchte, er wird nur noch mehr Geld verlieren, und das wird zu seinem Dilemma beitragen.“

„Warum fürchten sie das?“, fragte sie.

„Weil in West Lynne nichts unterstützt wird, Lady Isabel – jedenfalls nichts Einheimisches; und die Leute wissen schon so lange über die Notlage des armen Kane Bescheid, dass sie kaum noch daran denken.“

„Ist er wirklich so arm?“

„Sehr arm. Die halbe Zeit muss er hungern.“

„Hungern!“, wiederholte Isabel. Sie sah Mr. Carlyle an, und in ihr Gesicht stieg ein Ausdruck der Verblüffung, denn sie verstand ihn kaum. „Meinen Sie damit, dass er nicht genug zu essen hat?“

„Brot vielleicht, aber bessere Nahrung kaum. Sein Gehalt als Organist beträgt dreißig Pfund, und ein wenig verdient er mit vereinzeltem Unterricht. Aber er muss eine Frau und Kinder ernähren, und zweifellos denkt er zuerst an sie und erst danach an sich. Ich wage zu behaupten, dass er kaum weiß, wie Fleisch schmeckt.“

Die Worte versetzten Lady Isabel einen schmerzhaften Stich.

„Nicht genug zu essen! Weiß nicht, wie Fleisch schmeckt!“ Und sie in ihrer Sorglosigkeit, ihrer Unkenntnis, in der Gleichgültigkeit – sie wusste kaum, welchen Namen sie ihr geben sollte – hatte nicht daran gedacht, ihm in ihrem Haus des Überflusses eine Mahlzeit zu bestellen! Er war zu Fuß von West Lynne gekommen, hatte sich eine Stunde mit ihrem Klavier beschäftigt und sich dann auf dem Rückweg gemacht, während er gegen seinen Hunger ankämpfte. Ein Wort von ihr, und man hätte ihm in ihrem Überfluss eine Mahlzeit vorgesetzt, wie er sie noch nie gesehen hatte, aber dieses Wort hatte sie nicht ausgesprochen.

„Sie sehen ernst aus, Lady Isabel.“

„Ich gehe mit mir selbst ins Gericht. Lassen wir es gut sein, es ist nicht mehr zu ändern. Aber es wird immer ein dunkler Fleck in meiner Erinnerung bleiben.“

„Was meinen Sie?“

Sie hob ihr Büßergesicht, sah ihn an und lächelte. „Lassen wir es gut sein, habe ich gesagt, Mr. Carlyle. Was vergangen ist, lässt sich nicht zurückholen. Er sieht aus wie ein Gentleman.“

„Wer? Kane? Die Herkunft eines Gentlemans; sein Vater war Geistlicher. Die Liebe zur Musik hat Kane ruiniert – sie war der Grund, warum er sich nicht einem besser bezahlten Beruf gewidmet hat; auch seine frühzeitige Eheschließung war ein Nachteil. Er ist noch jung.“

„Mr. Carlyle, ich möchte um nichts in der Welt so sein wie Ihre Leute aus West Lynne. Da kämpft ein junger Gentleman mit widrigen Umständen, und Sie strecken nicht die Hand aus, um ihm zu helfen!“

Er lächelte über ihre Barmherzigkeit. „Einige von uns werden Eintrittskarten kaufen – auch ich zum Beispiel; aber wie es mit dem Konzertbesuch aussieht, weiß ich nicht. Ich fürchte, das werden nur wenige tun.“

„Weil es genau das ist, was ihm nützen würde? Wenn einer hingeht, geht auch der Nächste hin. Nun, ich werde es versuchen und West Lynne zeigen, dass ich nicht die Lektion aus ihrem Buch gelernt habe; ich werde dort sein, bevor es beginnt, und nicht wieder herauskommen, bevor das letzte Stück vorüber ist. Wenn West Lynne sich zu gut ist, um hinzugehen – ich bin es nicht.“

„Sie denken doch nicht etwa daran, das Konzert zu besuchen?“

„Ich denke ganz sicher daran; und Papa geht mit – ich habe ihn überredet; außerdem habe ich es Mr. Kane versprochen.“

Mr. Carlyle hielt inne. „Es freut mich, das zu hören; für Kane wird es eine Wohltat sein. Wenn sich erst einmal herumspricht, dass Lord Mount Severn und Lady Isabel die Absicht haben, das Konzert zu beehren, wird kein Stehplatz frei bleiben.“

Sie tanzte mit einem kleinen, vergnügten Schritt um ihn herum. „Anscheinend sind der Lord Mount Severn und Lady Isabel hochgestellte, mächtige Persönlichkeiten! Wenn Sie überhaupt Herzensgüte besitzen, Mr. Carlyle, dann nehmen auch Sie sich der Sache an.“

„Ich glaube, das werde ich tun“, lächelte er.

„Papa meint, Sie hätten in West Lynne etwas zu sagen. Wenn Sie erklären, dass sie hingehen, wird das auch für andere ein Grund sein.“

„Ich werde erklären, dass Sie hingehen“, erwiderte er. „Das wird vollkommen ausreichen. Aber, Lady Isabel, sie dürfen von der Aufführung nicht allzu viel Genugtuung erwarten.“

„Ein Tamburin reicht für mich vollkommen aus; ich habe auch Papa gesagt, dass ich nicht an die Musik denke; ich denke nur an den armen Mr. Kane. Mr. Carlyle, ich weiß, Sie können freundlich sein, wenn Sie wollen; ich weiß, dass Sie lieber freundlich sind als alles andere – das kann man an Ihrem Gesicht ablesen. Versuchen Sie doch, so viel wie möglich für ihn zu tun.“

„Ja, das werde ich“, erwiderte er liebenswürdig.

Am nächsten Tag verkaufte Mr. Carlyle eine lange Reihe von Eintrittskarten, oder vielmehr sorgte er dafür, dass sie verkauft wurden. Er pries das Konzert weit und breit an und erklärte, Lord Mount Severn und seine Tochter würden es sich auf keinen Fall entgehen lassen. Mr. Kanes Haus wurde wegen der Eintrittskarten belagert, sodass er seine Unterschrift gar nicht schnell genug in die Ecke schreiben konnte; und als Mr. Carlyle zum Mittagessen nach Hause kam – was nicht oft geschah –, legte er zwei Karten neben Miss Cornys Ellenbogen.

„Was ist denn das? Konzertkarten! Archibald, du bist doch nicht etwa gegangen und hast die gekauft!“

Was hätte sie wohl gesagt, wenn sie gewusst hätte, dass die beiden Karten nicht den gesamten Umfang seiner Investition darstellten?

„Zehn Schilling, weggeworfen für zwei läppische Stücke Karton!“, ärgerte sich Miss Carlyle. „Du warst in Geldangelegenheiten immer ein Trottel, Archibald, und das wird auch immer so bleiben. Hätte ich doch nur deine Geldbörse unter meiner Aufsicht!“

„Was ich gegeben habe, wird mir nicht wehtun, Cornelia, und Kane geht es schlecht. Denke nur an sein Rudel von Kindern.“

„Du liebe Güte!“, sagte Miss Corny. „Ich finde, er sollte an sie denken. Ich nehme an, es war seine Schuld, dass sie gekommen sind. So ist das immer. Arme Leute bekommen einen Haufen Kinder, und dann bitten sie um Mitleid. Ich würde sagen, es wäre gerechter, wenn sie um Vorwürfe bitten würden.“

„Nun ja, die Tickets sind nun einmal da, gekauft und bezahlt, also kann man sie ebenso gut nutzen. Du kommst mit mir, Cornelia.“

„Und dann drücken wir uns dort auf leeren Bänken herum wie zwei Gänse, sitzen da und starren in die Gegend und zählen die Kerzen! Das soll ein angenehmer Abend werden?“

„Vor leeren Bänken brauchst du dich nicht zu fürchten. Die Mount Severns gehen hin, und ganz West Lynne ist wie verrückt hinter den Eintrittskarten her. Ich nehme an, du hast eine … eine Haube, die sich für den Anlass eignet, Cornelia“, sagte er, während er den undefinierbaren Gegenstand betrachtete, der den Kopf seiner Schwester zierte. „Wenn nicht, solltest du eine bestellen.“

Der Vorschlag brachte Miss Carlyle in Rage. „Würdest du nicht besser dein Haar zu Locken drehen lassen und deine Rockschöße mit weißem Satin besetzen und ein goldenes Opernglas und einen Dreispitz mitnehmen?“, gab sie zurück. „Du lieber Himmel! Eine schöne neue Haube, nur um zu diesem Murks von einem Konzert zu gehen, nachdem wir zehn Schilling für die Eintrittskarten bezahlt haben! So weit ist es mit der Welt schon gekommen.“

Mr. Carlyle wandte sich von ihr und ihrem Murren ab und kehrte in die Kanzlei zurück. Im gleichen Augenblick fuhr die Kutsche von Lord Mount Severn vorüber, und darin saß Isabel Vane. Als sie Mr. Carlyle sah, ließ sie den Wagen halten, und er kam auf sie zu.

„Ich bin selbst wegen der Eintrittskarten bei Mr. Kane gewesen“, sagte sie mit strahlendem Blick. „Ich bin zu dem Zweck nach West Lynne gefahren und habe dem Kutscher gesagt, er solle herausfinden, wo der Mann wohnt. Ich dachte, wenn die Leute mich und die Kutsche dort sehen, werden sie sich denken können, was ich will. Ich hoffe, bei dem Konzert wird es voll werden.“

„Da bin ich mir sicher“, erwiderte Mr. Carlyle, während er ihre Hand losließ. Lady Isabel gab dem Kutscher ein Zeichen, er solle weiterfahren.

Als Mr. Carlyle sich umdrehte, traf er auf Otway Bethel. Der Neffe des Colonel Bethel wurde im Haus seines Onkels nur deshalb geduldet, weil er kein anderes Zuhause hatte und anscheinend nicht in der Lage war, sich selbst eines zu beschaffen. Manche Leute bestanden darauf, ihn als Gentleman zu bezeichnen – was er aufgrund seiner Geburt war –, andere hielten ihnen für ein mauvais sujet. Manchmal kommt beides zusammen. Er war in einen Samtanzug gekleidet und hatte ein Gewehr in der Hand. Man sah ihn überhaupt selten ohne Gewehr, war er doch dem Sport außerordentlich zugetan; aber wenn alles stimmte, was geflüstert wurde, versorgte er sich selbst nicht nur mit Schüssen, sondern auch auf andere Weise mit Wild, das dann, so das Gerücht, an Londoner Händler geliefert wurde. Nahezu während der ganzen sechs Monate war er nicht in West Lynne gewesen.

„Aha, wo haben Sie sich denn versteckt?“, rief Mr. Carlyle. „Der Colonel war untröstlich.“

„Kommen Sie, Carlyle, reden Sie keinen Unsinn. Ich war in Frankreich und Deutschland unterwegs. Der Mensch braucht manchmal eine Veränderung. Und was den verehrten Colonel angeht, so wäre er nicht einmal dann untröstlich, wenn er sehen würde, wie ich in einer sechs Fuß langen Kiste vernagelt und mit den Füßen zuerst hinausgetragen werde.“

„Bethel, ich muss Ihnen eine Frage stellen“, fuhr Mr. Carlyle fort, wobei er seine Unbefangenheit in Betragen und Stimme vollkommen ablegte. „Richten Sie die Gedanken noch einmal auf die Nacht von Hallijohns Mord.“

„Muss das wirklich sein?“, rief Mr. Bethel. „Die Erinnerung ist alles andere als angenehm.“

„Sie schaffen das schon“, sagte Mr. Carlye in aller Ruhe. „Man hat mir gesagt, es sei zwar bei der Untersuchung nicht zur Sprache gekommen, aber Richard Hare habe mit Ihnen wenige Minuten nach der Tat im Wald ein Gespräch geführt. Nun …“

„Wer hat Ihnen das erzählt?“, unterbrach ihn Bethel.

„Darum geht es nicht. Meine Quelle ist über jeden Zweifel erhaben.“

„Ja, es stimmt. Ich habe nichts darüber gesagt, weil ich die Sache für Dick Hare nicht noch schlimmer machen wollte. Er hat mich tatsächlich angesprochen wie ein Mann, der vor Aufregung vollkommen außer sich war.“

„Und er hat gefragt, ob Sie gesehen haben, wie ein Liebhaber von Afy aus der Hütte geflohen ist. Ein gewisser Thorn.“

„Das war der Inhalt. Thorn, Thorn – ich glaube, so lautete der Name, den er erwähnt hat. Nach meiner Ansicht war Dick entweder völlig außer sich, oder er spielte eine Rolle.“

„Nun, Bethel, ich möchte, dass Sie mir ehrlich antworten. Die Frage hat so oder so für Sie keine Bedeutung, aber ich muss wissen, ob Sie gesehen haben, wie dieser Thorn die Hütte verlassen hat.“

Bethel schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht das Geringste über irgendeinen Thorn, und ich habe niemand gesehen außer Dick Hare. Allerdings hätten ein Dutzend Thorns von der Hütte weglaufen können, ohne dass ich sie gesehen hätte.“

„Sie haben gehört, wie der Schuss abgefeuert wurde?“

„Ja; aber ich habe nie einen Gedanken auf ein Unglück verwendet. Ich wusste, dass Locksley im Wald war, und nahm an, das Geräusch sei von ihm gekommen. Ich lief den Weg entlang, der zur Hütte führte, und bog auf der anderen Seite in den Wald ab. Kurz danach hielt Dick Hare mich auf wie jemand, der völlig von Sinnen ist, und fragte, ob ich gesehen hätte, wie Thorn die Hütte verließ. Thorn – das war tatsächlich der Name.“

„Aber Sie hatten ihn nicht gesehen?“

„Ich hatte niemanden gesehen außer Dick, und dann auch noch Locksley. Ich hatte den Eindruck, dass sonst niemand in der Nähe war; das glaube ich noch heute.“

„Aber Richard …“

„Sehen Sie, Carlyle, ich will Dick Hare kein Unrecht tun, nicht mit einem einzigen Wort, wenn ich es vermeiden kann; es hat keinen Zweck, wenn Sie mich deswegen unter Druck setzen.“

„Ich wäre der Letzte, der Sie unter Druck setzen würde, irgendjemandem Unrecht zu tun, insbesondere Richard Hare“, gab Mr. Carlyle zurück. „Ich beabsichtige, Richard keinen Schaden zuzufügen, sondern ihm zu nützen. Ich habe einen Verdacht – woher, spielt keine Rolle – dass nicht Richard Hare den Mord begangen hat, sondern jemand anderes. Können Sie in irgendeiner Form Licht in die Sache bringen?“

„Nein, das kann ich nicht. Ich habe immer gedacht, dass der arme, unentschlossene Dick Niemandes Feind ist außer sein eigener; aber Licht in die Vorgänge in dieser Nacht zu bringen – das kann ich nicht. Man hätte mich schon mit Gewalt zu der Untersuchung zerren müssen, damit ich gegen Dick aussage, und deshalb war ich froh, dass Locksley niemals verraten hat, dass ich vor Ort war. Was auch immer danach abgelaufen ist, kann ich nicht sagen; aber das spielte auch keine Rolle; meine Aussage hätte an dem Urteil nichts geändert. Und wo wir gerade dabei sind, Carlyle, wie ist es eigentlich zu ihrer Kenntnis gelangt, dass Richard Hare mich angesprochen hat? Ich habe das keinem Sterblichen anvertraut.“

„Das ist jetzt nicht von Bedeutung“, wiederholte Mr. Carlyle. „Ich weiß es, und das reicht. Ich hatte gehofft, Sie hätten tatsächlich gesehen, wie dieser Thorn die Hütte verließ.“

Otway Bethel schüttelte den Kopf. „An Ihrer Stelle würde ich nicht allzu großes Gewicht auf die Frage leben, ob dort irgendwelche Thorns waren. Dick Hare war in dieser Nacht von Sinnen und hat vielleicht Gestalten oder Dinge gesehen, wo keine waren.“

Kapitel 9 Lied und Totenklage

Das Konzert sollte am Donnerstag stattfinden, und Lord Mount Severn hatte die Absicht, East Lynne am folgenden Samstag endgültig zu verlassen. Die notwendigen Vorbereitungen für die Abreise waren im Gang, aber als der Donnerstagmorgen heraufdämmerte, erhob sich die Frage, ob die Pläne nicht wieder einmal zunichte gemacht werden sollten. Im Haus erhob man sich frühzeitig, und Mr. Wainwright, der Chirurg aus West Lynne, wurde an das Bett des Earl geholt; dieser hatte erneut einen heftigen Anfall erlitten. Der Lord war ausgesprochen verärgert, verdrießlich und sehr reizbar.

„Jetzt werde ich hier vielleicht noch eine Woche – zwei Wochen – einen Monat länger festgehalten!“, knurrte er mürrisch zu Isabel.

„Das tut mir sehr leid, Papa. Ich wage zu behaupten, dass du East Lynne langweilig findest.“

„Langweilig! Daran liegt es nicht; ich wünsche mir aus anderen Gründen, dass East Lynne uns loswird. Und jetzt kannst du nicht zu dem Konzert gehen.“

Isabels Gesicht wurde rot. „Nicht zum Konzert gehen, Papa?“

„Wer soll dich denn begleiten? Ich komme nicht aus dem Bett.“

„Aber Papa, ich muss dort sein. Ansonsten würde es fast aussehen, als ob … Als ob wir etwas verkündet hätten, was wir gar nicht wirklich vorhatten. Du weißt, es war ausgemacht, dass wir uns den Ducies anschließen; der Wagen kann mich immer noch zum Konzertsaal bringen, und ich kann mit ihnen hineingehen.“

„Wie es dir beliebt. Ich dachte, du hättest jeden Vorwand genutzt, um fernzubleiben.“

„Keineswegs“, lachte Isabel. „Ganz West Lynne soll sehen, dass ich Mr. Kane und sein Konzert nicht gering schätze.“

Im Lauf des Tages trat beim Earl eine beunruhigende Verschlechterung ein; seine Schmerzkrämpfe waren entsetzlich. Isabel wurde aus dem Krankenzimmer ferngehalten; sie wusste nichts von der Gefahr, und das Stöhnen des Earl drang nicht an ihre Ohren. Sie kleidete sich fröhlich und voller lachendem Eigensinn, während ihre Zofe Marvel in steifem Missvergnügen zusah, weil die ausgewählten Kleidungsstücke nicht ihre Zustimmung fanden. Als Isabel fertig war, ging sie ins Zimmer des Earl.

„Sehe ich gut aus, Papa?“

Lord Mount Severn hob die geschwollenen Augenlider und zog die Laken von seinem geröteten Gesicht. Vor ihm stand eine leuchtende Vision, eine Königin der Schönheit, eine glitzernde Fee; er erkannte sie kaum wieder. Sie hatte einen weißen Spitzenhut und ihre Diamanten angelegt; das Kleid war üppig, die Juwelen glitzerten an ihren zarten Armen; die Wangen waren leicht gerötet, und ihre Locken fielen fließend herab.

Der Earl starrte sie voller Verblüffung an. „Wie kannst du dich für ein Konzert so anziehen? Du bist nicht ganz bei Sinnen, Isabel.“

„Das findet Marvel auch“, lautete die fröhliche Antwort. „Sie macht ein böses Gesicht, seit ich ihr gesagt habe, was ich anziehen will. Aber ich habe das absichtlich gemacht, Papa; ich dachte, es würde den Leuten von West Lynne zeigen, dass ich den großen Augenblick des armen Mannes für wert halte, hinzugehen und mich dafür gut anzuziehen.“

„Der ganze Saal wird dich anstarren.“

„Das macht mir nichts aus. Ich werde dir genau davon berichten. Lassʼ sie ruhig starren.“

„Du eitles Kind! Du hast dich nur so angezogen, um in deiner Eitelkeit einen Gefallen zu tun. Aber, Isabel, du … oooh!“

Isabel zuckte zusammen; der Schmerzensschrei des Earl war entsetzlich.

„Ein unangenehmes Zwicken, mein Kind. Gehʼ ruhig; Sprechen macht es nur schlimmer.“

„Papa, soll ich bei dir zu Hause bleiben?“, fragte sie ernst. „Hinter der Krankheit müssen alle anderen Erwägungen zurückstehen. Wenn du möchtest, dass ich bleibe, oder wenn ich dir etwas Gutes tun kann, sagʼ es mir bitte.“

„Ganz im Gegenteil, es wäre mir lieber, wenn du weg bist. Du kannst für mich auf Erden nichts Gutes tun, denn ich könnte dich im Zimmer nicht ertragen. Auf Wiedersehen, mein Liebling. Wenn du Carlyle siehst, sagʼ ihm, ich hoffe ihn morgen zu sehen.“

Der Saal war schon zum Teil gefüllt, als Mrs. Ducie, ihre beiden Töchter und Lady Isabel eintraten und von Mr. Kane zu ihren Plätzen geführt wurden – Plätzen, die er für sie am oberen Ende in der Nähe des Orchesters reserviert hatte. Die gleiche schwindelerregende Vision, die sich den Blicken von Lord Mount Severn gezeigt hatte, präsentierte sich jetzt auch dem Publikum in Form von Isabel mit ihrem üppigen, weißen Kleid, den glitzernden Diamanten, den fließenden Locken und ihrer zauberhaften Schönheit. Die Töchter Ducie, einfache, in braune Seide gekleidete Mädchen, streckten die Nasen höher, als die Natur es ihnen vorgegeben hatte, und Mrs. Ducie stieß ein hörbares Seufzen aus.

„Das arme Mädchen hat keine Mutter und ist zu bedauern, meine Lieben“, flüsterte sie; „sie hat niemanden, der ihr zeigt, was eine angemessene Kleidung ist. Diese lächerliche Staffage ist sicher Marvels Werk.“

Aber ob die „Staffage“ nun lächerlich war oder nicht, sie sah aus wie eine Lilie zwischen Mohn- und Sonnenblumen. Hatte Lord Mount Severn recht, als er ihr vorwarf, sie habe sich aus Selbstsucht so gekleidet? Sehr wahrscheinlich, denn hat der große Prediger nicht gesagt, Kindheit und Jugend seien Eitelkeit?

Miss Carlyle, der Richter und Barbara hatten ebenfalls Plätze in der Nähe des Orchesters, denn Miss Carlyle war in West Lynne eine Person, auf die man Rücksicht nehmen musste, und versteckte sich nicht hinter anderen. Mr. Carlyle dagegen zog es vor, sich den Gentlemen anzuschließen, die an der Tür innen und außen zusammenstanden. Mittlerweile war im Saal kaum noch ein Stehplatz frei; Mr. Kane hatte erwartungsgemäß gute Einnahmen; der arme Mann hätte Lady Isabel anbeten können, wusste er doch, dass er es ihr zu verdanken hatte.

Es war ein langes Konzert – was auf Landkonzerte allgemein zutrifft –, und als es ungefähr zu drei Vierteln vorüber war, konnte man sehen, wie ein gepuderter Kopf, größer als jeder Blumenkohl, hinter der Gruppe der Gentlemen die Treppe heraufkam; als der zugehörige Körper vollständig zu sehen war, stellte sich heraus, dass der Kopf zu einem der Lakaien des Lord Mount Severn gehörte. Schon die in Seidenstrümpfe eingeschlossenen Waden waren ein sehenswerter Anblick; und diese Waden begaben sich mit einer missbilligenden Verbeugung gegenüber den Gentlemen, zwischen denen sie hindurchsteuern mussten, in den Konzertsaal. Dort kamen sie zum Stillstand, der Blumenkohl streckte sich nach vorn und drehte sich von rechts nach links.

„He, ich bin auch noch da!“, rief ein verärgerter alter Fuchsjäger, der einen Ellenbogen des Lakaien abbekommen hatte. „Was solche Burschen doch für eine Frechheit besitzen!“

Der fragliche Bursche war aber nicht gekommen, um in diesem Augenblick ein großes Maß an Frechheit an den Tag zu legen; vielmehr blickte er verwirrt, demütig und unbehaglich drein. Plötzlich fiel sein Blick auf Mr. Carlyle, und sein Gesicht hellte sich auf.

„Ich bitte um Verzeihung, Sir; könnten Sie mich vielleicht in Kenntnis setzen, an welcher Stelle meine junge Lady sitzt?“

„Am anderen Ende des Saales in der Nähe des Orchesters.“

„Dann weiß ich ganz sicher nicht, wie ich zu ihr kommen soll“, gab der Mann mehr im Selbstgespräch als zu Mr. Carlyle zurück. „Der Saal ist proppenvoll, und ich dränge mich nicht gern durch. Meinem Herrn geht es beunruhigend viel schlechter, Sir“, erklärte er in demütigem Ton. „Es steht zu fürchten, dass er stirbt.“

Mr. Carlyle war schmerzlich beunruhigt.

„Seine Schmerzensschreie waren entsetzlich, Sir. Mr. Wainwright und ein anderer Doktor aus West Lynne sind bei ihm, und ein Eilbote soll aus Lynneboroʼ weitere Ärzte holen. Mrs. Mason hat gesagt, wir sollen meine junge Lady sofort nach Hause bringen und keinen Augenblick verlieren; wir haben auch den Wagen mitgebracht Sir, und Wells hat seine Pferde den ganzen Weg galoppieren lassen.“

„Ich bringe Lady Isabel zu Ihnen“, sagte Mr. Carlyle.

„Ich werde Ihnen mit Sicherheit immer zu Dank verpflichtet sein, wenn sie das tun“, gab der Mann zurück.

Mr. Carlyle bahnte sich den Weg durch den Konzertsaal – er war groß und schlank; viele Blicke trafen ihn wie Dolche, denn gerade gab eine Dame aus London ein pathetisches Lied zum Besten. Er kümmerte sich um niemanden und stand kurz darauf vor Isabel.

„Ich hatte nicht geglaubt, dass Sie heute Abend kommen und mit mir sprechen“, sagte sie. „Ist das nicht ein großartiger Saal? Ich freue mich so!“

„Mehr als großartig, Lady Isabel.“ Er wählte seine Worte sorgfältig, um sie nicht zu beunruhigen. „Lord Mount Severn fühlt sich nicht wohl und hat den Wagen für Sie geschickt.“

„Papa fühlt sich nicht wohl!“, rief sie hastig aus.

„Nicht sehr. Jedenfalls wünscht er, dass Sie nach Hause kommen. Würden Sie erlauben, dass ich Sie durch den Saal führe?“

„Ach, mein lieber, rücksichtsvoller Papa!“, lachte sie. „Er fürchtet, ich könne der Musik überdrüssig sein, und will mich vor der Zeit befreien. Ich danke Ihnen, Mr. Carlyle, aber ich werde bis zum Ende bleiben.“

„Nein, nein, Lady Isabel, so ist es nicht. Es geht Lord Mount Severn tatsächlich schlechter.“

Ihre Miene wurde ernst; aber beunruhigt war sie nicht. „Nun gut. Wenn das Lied zu Ende ist – stören Sie nicht den ganzen Saal.“

„Ich denke, Sie sollten besser keine Zeit verlieren“, drängte er. „Kümmern Sie sich nicht um das Lied und den Saal.“

Sie erhob sich augenblicklich und legte ihren Arm in den von Mr. Carlyle. Einige hastige Worte der Erklärung zu Mrs. Ducie, und er führte sie davon; im Saal machte man überrascht so viel Platz, wie möglich war. Viele Blicke folgten ihnen, aber keiner war neugieriger und eifriger als der von Barbara Hare. „Wohin bringt er sie?“, murmelte sie unwillkürlich.

„Woher soll ich das wissen?“, gab Miss Corny zurück. „Barbara, Sie haben den ganzen Abend noch nichts anderes getan als herumzuzappeln; was ist in Sie gefahren? Die Leute kommen zum Zuhören zu einem Konzert, aber nicht um zu reden und zu zappeln.“

Isabels Mantel wurde aus dem Vorraum geholt, wo sie ihn zurückgelassen hatte, und sie ging mit Mr. Carlyle die Treppe hinunter. Der Wagen war unmittelbar vor dem Eingang vorgefahren, und der Kutscher hielt die Zügel in der Hand, bereit, abzufahren. Ein Lakai – nicht derjenige, der nach oben gegangen war – riss die Wagentür auf, als er sie sah. Er war neu im Dienst, ein einfacher, gerade erst eingestellter Einheimischer vom Land. Sie nahm ihre Hand von Mr. Carlyles Arm und blieb einen Augenblick stehen, bevor sie einstieg. Dabei sah sie den Mann an.

„Geht es Papa sehr viel schlechter?“

„Oh ja, Mylady. Er hat schrecklich geschrien. Aber sie nehmen an, dass er noch bis morgen früh leben wird.“

Mit einem spitzen Schrei griff sie nach dem Arm von Mr. Carlyle – griff danach, um sich im Schrecken ihrer Qual darauf zu stützen. Mr. Carlyle drängte den Mann grob weg. Am liebsten hätte er ihn der Länge nach auf das Straßenpflaster gestoßen.

„Ach, Mr. Carlyle, warum haben Sie mir das nicht gesagt?“, schauderte sie.

„Meine liebe Lady Isabel, ich bin betrübt, dass Sie es jetzt erfahren haben. Aber trösten Sie sich; Sie wissen ja, wie krank er oftmals ist, und möglicherweise ist das nur ein normaler Anfall. Steigen Sie ein. Ich bin zuversichtlich, dass es sich als nichts anderes erweist.“

„Begleiten Sie mich nach Hause?“

„Natürlich; ich lasse Sie doch nicht allein gehen.“

Sie rückte in der Kutsche auf die andere Seite und machte ihm Platz.

„Vielen Dank. Ich werde außen sitzen.“

„Aber es ist eine kalte Nacht.“

„Ach nein.“ Er schloss die Tür und nahm neben dem Kutscher Platz; der Lakai stieg hinten auf, und die Kutsche raste davon. Isabel kauerte sich in ihrer Ecke zusammen und stöhnte laut vor Ungewissheit und Hilflosigkeit.

Der Kutscher fuhr schnell und peitschte die Pferde schon wenig später durch das Gartentor.

Mrs. Mason, die Haushälterin, wartete an der Tür zur Diele und nahm Lady Isabel in Empfang. Mr. Carlyle half ihr beim Aussteigen und bot ihr die Stufen hinauf seinen Arm. Sie wagte kaum, eine Frage zu stellen.

„Geht es ihm besser? Darf ich in sein Zimmer gehen?“, keuchte sie.

Ja, dem Earl ging es besser – jedenfalls insofern, dass er ruhig und empfindungslos war. Hastig eilte sie in sein Schlafzimmer. Mr. Carlyle nahm die Haushälterin beiseite.

„Besteht irgendeine Hoffnung?“

„Nicht die geringste, Sir. Er liegt im Sterben.“

Der Earl erkannte niemanden mehr; die Schmerzen waren vorerst verschwunden, und er lag ruhig im Bett; aber sein Gesicht, in dem der Tod nur allzu deutlich geschrieben stand, ließ Isabel zusammenzucken. Sie schrie nicht und weinte nicht; sie war vollkommen still und hatte nur einen Anfall von Zittern.

„Wird es ihm bald besser gehen?“, flüsterte sie zu Mr. Wainwright, der neben ihr stand.

Der Chirurg hustete. „Nun ja, er … er … wir müssen darauf hoffen, Mylady.“

„Aber warum sieht denn sein Gesicht so aus? Es ist blass – ganz grau; ich habe noch nie gesehen, dass jemand so aussieht.“

„Er hatte starke Schmerzen, Mylady, und Schmerzen hinterlassen ihre Spuren im Gesicht.“

Mittlerweile war Mr. Carlyle hinzugekommen. Er stand neben dem Chirurg, berührte dessen Arm und wollte ihn aus dem Zimmer ziehen. Ihm war der Gesichtsausdruck des Earl aufgefallen, und er gefiel ihm nicht; deshalb wollte er den Chirurgen befragen. Lady Isabel sah, dass Mr. Carlyle im Begriff stand, das Zimmer zu verlassen, und winkte ihn zu sich.

„Gehen Sie nicht aus dem Haus, Mr. Carlyle. Wenn er aufwacht, heitert es ihn vielleicht auf, wenn er Sie hier sieht; er mochte Sie immer sehr gern.“

„Ich werde nicht gehen, Lady Isabel. Ich denke gar nicht daran.“

Nach einiger Zeit – es schien eine Ewigkeit zu sein – trafen die Ärzte aus Lynneborough ein. Es waren drei – der Stallknecht hatte gedacht, er könne gar nicht zu viele holen. Sie trafen auf eine seltsame Szenerie: der totenbleiche Adlige, der jetzt wieder unruhig wurde und mit seinem scheidenden Geist kämpfte, und die Galakleider mit den glitzernden Juwelen, die das junge Mädchen an seiner Seite schmückten. Sie verstanden die Umstände sofort: Man hatte sie sehr plötzlich von einem Ort der Fröhlichkeit geholt.

Sie beugten sich hinunter, betrachteten den Earl, fühlten seinen Puls, berührten sein Herz und tauschten mit Mr. Wainwright einige halblaute Worte aus. Isabel war zurückgetreten, um ihnen Platz zu machen, aber ihre ängstlichen Blicke folgten jeder ihrer Bewegungen. Es schien, als bemerkten sie das Mädchen nicht, und so trat sie nach vorn.

„Können Sie irgendetwas für ihn tun? Wird er wieder gesund werden?“

Alle wandten sich der Fragestellerin zu und sahen sie an. Einer ergriff das Wort; er gab eine ausweichende Antwort.

„Sagen Sie mir die Wahrheit!“, flehte sie ihn mit fiebriger Ungeduld an: „Sie dürfen es sich mit mir nicht zu leicht machen. Kennen Sie mich nicht? Ich bin sein einziges Kind, und ich bin allein hier.“

Als Erstes musste man sie aus dem Zimmer haben, denn die große Veränderung rückte näher, und die Trennung von Körper und Seele konnte zu einem Krieg werden – kein Anblick für seine Tochter. Aber als Antwort auf den Hinweis, sie solle gehen, legte sie nur den Kopf neben ihrem Vater auf das Kissen und stöhnte voller Verzweiflung.

„Sie muss aus dem Zimmer gehen“, rief einer der Ärzte fast wütend. „Madam“, wandte er sich plötzlich an Mrs. Mason, „gibt es im Haus sonst keine Angehörigen – niemanden, der Einfluss auf die junge Dame ausüben könnte?“

„Sie hat auf der ganzen Welt so gut wie keine Angehörigen“, erwiderte die Haushälterin, „zumindest keine nahen; und gerade jetzt sind wir zufällig ganz allein.“

Mr. Carlyle erkannte, wie dringend die Sache war, denn der Earl wurde mit jeder Minute erregter. Also näherte er sich ihr und flüsterte ihr zu: „Sie haben um die Genesung Ihres Vaters so viel Angst, wie man es sich nur vorstellen kann?“

„So viel Angst!“, murmelte sie vorwurfsvoll.

„Sie wissen, was ich damit sagen will. Natürlich ist unsere Angst nichts gegenüber der Ihren.“

„Nichts – wirklich nichts. Ich habe das Gefühl, als würde mein Herz brechen.“

„Dann – verzeihen Sie mir – sollten Sie sich den Wünschen dieser medizinischen Berater nicht widersetzen. Sie wollen mit ihm allein sein, und wir verlieren Zeit.“

Sie erhob sich und legte die Hände an die Stirn, als wolle sie den Sinn der Worte begreifen. Dann wandte sie sich an die Ärzte:

„Ist es wirklich notwendig, dass ich den Raum verlasse – notwendig für ihn?“

„Es ist notwendig, Mylady – absolut notwendig.“

Als Mr. Carlyle sie in ein anderes Zimmer führte, brach sie voller Leidenschaft in Tränen und Schluchzen aus.

„Er ist mein geliebter Vater; außer ihm habe ich niemanden auf der ganzen Welt!“, stieß sie hervor.

„Ich weiß … ich weiß; ich fühle von ganzem Herzen mit Ihnen. Zwanzigmal in dieser Nacht habe ich mir gewünscht – verzeihen Sie mir den Gedanken –, Sie wären meine Schwester, sodass ich mein Mitgefühl freimütiger zum Ausdruck bringen und Sie trösten könnte.“

„Dann sagen Sie mir die Wahrheit: Warum werde ich ferngehalten? Wenn Sie mir ausreichende Gründe nennen können, werde ich vernünftig sein und gehorchen; aber sagen Sie nicht noch einmal, ich würde ihn stören, denn das stimmt nicht.“

„Er ist zu krank, als dass Sie ihn sehen könnten – seine Symptome sind zu schmerzhaft. Es wäre wirklich nicht richtig; und wenn Sie entgegen den Ratschlägen hingehen, werden Sie es später Ihr ganzes Leben lang bereuen.“

„Stirbt er?“

Mr. Carlyle zögerte. Sollte er ihr gegenüber heucheln, wie die Ärzte es getan hatten? Ihn beschlich das starke Gefühl, dass er es nicht tun sollte.

„Ich vertraue Ihnen, dass Sie mich nicht täuschen“, sagte sie schlicht.

„Ich fürchte es … ich glaube es.“

Sie erhob sich und griff, von plötzlicher Angst übermannt, nach seinem Arm.

„Sie täuschen mich. Er ist schon tot!“

„Ich täusche Sie nicht, Lady Isabel. Er ist nicht tot, aber … es könnte sehr bald bevorstehen.“

Sie legte ihr Gesicht auf das weiche Kissen.

„Er geht für immer von mir – für immer? Ach, Mr. Carlyle, lassen Sie ihn mich nur für eine Minute sehen – nur ein einziges Lebewohl! Verwehren Sie mir das nicht!“

Er wusste, wie hoffnungslos es war, aber er wandte sich um und wollte das Zimmer verlassen.

„Ich werde nachsehen. Aber Sie bleiben in aller Stille hier – Sie kommen nicht.“

Sie neigte zustimmend den Kopf, und er schloss die Tür. Wäre sie tatsächlich seine Schwester gewesen, er hätte vermutlich vor ihr den Schlüssel umgedreht. Er betrat die Kammer des Earl, blieb aber nur wenige Sekunden darin.

„Es ist vorüber“, flüsterte er Mrs. Mason zu, die ihm im Korridor begegnete, „und Mr. Wainwright fragt nach Ihnen.“

„Sie kommen so schnell zurück“, rief Isabel und hob den Kopf. „Darf ich hineingehen?“

Er setzte sich und nahm ihre Hand. Die Aufgabe ließ ihn zurückschrecken.

„Es wäre schön, wenn ich Sie trösten könnte!“, rief er in zutiefst bewegtem Ton.

Ihr Gesicht nahm ein gespenstisches Weiß an – ein Weiß, nicht weit entfernt von dem eines anderen.

„Sagen Sie mir das Schlimmste“, hauchte sie.

„Ich habe Ihnen nichts zu sagen außer dem Schlimmsten. Möge Gott Ihnen eine Stütze sein, liebe Lady Isabel!“

Sie wandte sich ab, um ihr Gesicht und ihren Kummer vor ihm zu verbergen; ein leises, qualvolles Wimmern brach aus ihr heraus und erzählte seine eigene Geschichte der Verzweiflung.

Das graue Dämmerlicht des Morgens brach über die Welt herein und kündigte einen weiteren geschäftigen Tag in der Geschichte des Lebens an; aber die Seele von William Vane, Earl of Mount Severn, war für immer davongeschwebt.

Kapitel 10 Die Wächter des Toten

Zwischen dem Tod von Lord Mount Severn und seiner Bestattung überstürzten sich die Ereignisse; bei einem davon ist der Leser vielleicht geneigt, Einwände zu erheben und zu glauben, es habe keine Grundlage in den Tatsachen, in den Abläufen des wahren Lebens, sondern müsse eine wilde Schöpfung aus dem Gehirn der Autorin sein. Wer das meint, hat Unrecht. Die Autorin liebt wilde Schöpfungen nicht mehr als der Leser. Die Ereignisse haben sich tatsächlich so abgespielt.

Der Earl starb am Freitagmorgen bei Tagesanbruch. Die Nachricht verbreitete sich schnell. Das geschieht beim Tod eines Adligen regelmäßig, wenn er im guten oder im schlechten Sinn in der Welt wahrgenommen wurde. Bevor der Tag vorüber war, wusste man es auch in London – und das hatte zur Folge, dass am frühen Samstagmorgen ein ganzer Schwarm von Harpyien, wie der Earl sie genannt hätte, eingetroffen war und East Lynne umkreiste. Es waren Gläubiger aller Arten; für kleine und große Summen, von fünf oder zehn Pfund bis hin zu fünf- oder zehntausend. Manche waren höflich, manche ungeduldig, manche laut und grob und wütend; manche kamen, um die Vollstreckung in die Vermögenswerte zu erwirken, und einige – um die Leiche festzunehmen!

Diese letzte Maßnahme wurde auf schlaue Weise vollzogen. Zwei Männer, beide mit bemerkenswerten Hakennasen, schlichen sich aus der Menge der Johlenden davon, sahen sich listig um und begaben sich zum Seiten- oder Lieferanteneingang. Auf ihr sanftes Betätigen der Glocke erschien ein Küchenmädchen.

„Ist der Sarg schon gekommen?“, fragten sie.

„Sarg – nein!“, lautete die Antwort des Mädchens. „Das Gehäuse ist noch nicht da. Mr. Jones hat es erst für neun Uhr versprochen, und jetzt ist es noch nicht acht.“

„Das wird nicht lange dauern“, erwiderten sie. „Er ist unterwegs. Wir möchten bitte hinauf in das Zimmer seiner Lordschaft gehen und ihn vorbereiten.“

Das Mädchen rief den Butler. „Zwei Männer von Jones, dem Leichenbestatter, Sir“, verkündete sie. „Demnächst kommt der Sarg, und sie wollen hinaufgehen und ihn vorbereiten.“

Der Butler führte sie selbst die Treppe hinauf und ließ sie in das Zimmer. „Das reicht“, sagten sie, als er mit ihnen eintreten wollte. „Sie müssen sich nicht die Mühe machen zu warten.“ Nachdem sie die Tür hinter dem ahnungslosen Butler geschlossen hatten, bezogen sie beiderseits des Toten Position wie zwei unheilvolle Klageweiber. Sie hatten eine Verhaftung der Leiche vorgenommen; sie gehörte ihnen, bis ihr Anspruch befriedigt war, deshalb setzten sie sich, um den Toten zu beobachten und zu sichern. Welch angenehme Beschäftigung!

Vielleicht eine Stunde später kam Lady Isabel aus ihrem Zimmer und öffnete geräuschlos die Tür zur Kammer des Toten. Am Tag zuvor war sie mehrmals dort gewesen – das erste Mal mit der Haushälterin, und danach, als das unsägliche Entsetzen sich ein wenig gelegt hatte, allein. Dennoch war sie an diesem Morgen wiederum nervös und hatte das Bett bereits erreicht, bevor sie es wagte, den Blick vom Teppich zu heben und sich dem Anblick zu stellen. Jetzt fuhr sie zurück, saßen dort doch zwei seltsam aussehende Männer – und attraktive Männer waren es auch nicht.

Ihr schoss der Gedanke durch den Kopf, es müssten Leute aus der Nachbarschaft sein, die gekommen waren, um eine müßige, unverzeihliche Neugier zu befriedigen. In einem ersten Impuls wollte sie den Butler rufen; im zweiten sprach sie die Männer selbst an.

„Suchen Sie hier etwas?“, fragte sie leise.

„Verbindlichen Dank für die Nachfrage, Miss. Alles in Ordnung.“

Worte und Tonfall erschienen ihr äußerst eigenartig; außerdem waren sie sitzen geblieben, als hätten sie ein Recht, hier zu sein.

„Warum sind Sie hier?“, wiederholte sie. „Was tun Sie hier?“

„Naja, Miss, ich habʼ nix dagegen, es Ihnen zu sagen, denn Sie sind ja wohl seine Tochter“ – wobei er mit dem linken Daumen über die Schulter zu dem verstorbenen Earl wies – „und wie man hört, hat er sonst keine nahen Angehörigen. Wir sind verpflichtet, Miss, ʼne unangenehme Aufgabe zu erfüllen und ihn festzunehmen.“

Die Worte hörten sich für sie wie Griechisch an, was die Männer auch erkannten.

„Leider is er ʼnen kleinen Geldbetrag schuldig geblieben, Miss – was Sie vielleicht wissen, unsere Auftraggeber wissen es jedenfalls. Als die gehört haben, was passiert is, ham se uns geschickt, damit wir die tote Leiche festnehmen, und das ham wer gemacht.“

In der erschrockenen Lady Isabel kämpften Verblüffung, Entsetzen und Angst. Den Toten festnehmen? Von einer ähnlichen Übeltat hatte sie noch nie gehört, und sie hatte auch nie an so etwas geglaubt. Festnehmen zu welchem Zweck? Um was zu tun? Um sie zu entstellen? – Zu verkaufen? Mit pochendem Herzen und aschfahlen Lippen wandte sie sich um und verließ das Zimmer. Zufällig kam Mrs. Mason in der Nähe der Treppe vorüber. Isabel lief in ihrem Entsetzen zu ihr, fasste ihre beiden Hände und brach in eine Flut von nervösen Tränen aus.

„Diese Männer – da drin!“, keuchte sie.

„Welche Männer, Mylady?“, gab Mrs. Mason überrascht zurück.

„Ich weiß es nicht; ich weiß es nicht. Ich glaube, sie wollen nicht hierbleiben; sie sagen, sie hätten Papa festgenommen.“

Nach einer Pause voller fassungslosem Erstaunen wandte sich die Haushälterin auf dem Absatz um und ging in das Zimmer des Earl; sie wollte wissen, ob sie die rätselhaften Worte durchschauen konnte. Isabel lehnte sich gegen das Treppengeländer, zum Teil, um sich zu stützen, zum Teil aber auch, weil sie Angst hatte, sich von ihnen weg zu bewegen; von unten drangen rätselhafte Geräusche an ihre Ohren. Fremde, Eindringlinge waren offensichtlich in der Diele, redeten hektisch und in bitter klagenden Ton. In immer größerem Entsetzen hielt sie die Luft an und hörte zu.

„Wozu soll es gut sein, dass Sie die junge Dame sehen?“, rief der Butler in tadelndem Ton. „Sie weiß nichts über die Angelegenheiten des Earl; sie hat jetzt schon genug Kummer, auch ohne weitere Sorgen.“

„Ich werde sie sehen“, erwiderte eine verärgerte Stimme. „Wenn sie so vornehm und edel ist, dass sie nicht herunterkommen und die eine oder andere Frage beantworten kann, werde ich den Weg zu ihr schon finden. Wir sind hier beschämend viele, die beschwindelt worden sind, und jetzt sagt man uns, es gebe niemanden, mit dem wir sprechen können; niemand hier außer der jungen Dame, und die darf nicht gestört werden. Es hat sie nicht gestört, dass sie mitgeholfen hat, unser Geld auszugeben. Wenn sie nicht herkommt und mit uns spricht, hat sie nicht die Ehre und die Gefühle einer Lady. Basta.“

Lady Isabel unterdrückte ihre widerstrebenden Gefühle, glitt die Treppe ein Stück weiter herunter und rief leise nach dem Butler. „Was hat das alles zu bedeuten?“, fragte sie. „Ich muss es wissen.“

„Ach, Mylady, begeben Sie sich nicht unter diese groben Männer! Sie können nichts ausrichten; bitte gehen Sie zurück, bevor sie Ihrer ansichtig werden. Ich habe nach Mr. Carlyle geschickt und erwarte ihn hier jeden Augenblick.“

„Hat Papa denen allen Geld geschuldet?“, fragte sie und schauderte.

„Ich fürchte, so ist es, Mylady.“

Sie ging schnell weiter, kam in der Diele an den wenigen Nachzüglern vorüber und betrat das Esszimmer, wo sich die Hauptmenge versammelt hatte und das Geschrei am lautesten war. Bei ihrem Anblick wurde alle Wut zumindest äußerlich gedämpft. Sie sah so jung, so unschuldig, so kindlich aus in ihrem hübschen Morgenkleid aus pfirsichfarbenem Musselin; das Gesicht, das von den fallenden Locken überschattet war, schien so wenig in der Lage, mit ihnen zu kämpfen oder ihr Anliegen zu verstehen, dass sie Isabel nicht mit Beschwerden überschütteten, sondern in Schweigen verfielen.

„Ich habe gehört, wie einer von Ihnen gerufen hat, ich solle zu Ihnen kommen“, begann sie. Ihre Aufregung hatte zur Folge, dass die Worte abgehackt herauskamen. „Was wollen Sie von mir?“

Jetzt sprudelten sie mit ihren Anliegen heraus, wenn auch nicht wütend; sie hörte zu, bis ihr übel wurde. Es waren viele beträchtliche Forderungen; Schuldbriefe und Schuldscheine, überfällige Rechnungen und unbezahlte Rechnungen; hohe, ausstehende Schulden aller Art und relative Kleinigkeiten, Forderungen für Hausverwaltung, Bedienstetenuniformen, Gärtnerlohn, Brot und Fleisch.

Was sollte Isabel Vane antworten? Welche Entschuldigung konnte sie vorbringen? Welche Hoffnungen oder Versprechungen machen? Verwirrt stand sie da, wandte sich, unfähig zu sprechen, von einem zum anderen, die Augen voller Mitleid und Zerknirschung.

„Eigentlich, junge Lady“ ergriff einer das Wort, der das Äußere eines Gentleman zur Schau trug, „hätten wir nicht herkommen und Ihnen Ungelegenheiten bereiten sollen – zumindest kann ich das für mich sagen –, aber die geschäftlichen Vertreter seiner Lordschaft, Warburton & Ware, zu denen viele von uns gestern Abend eilig gegangen sind, haben uns gesagt, wir würden für niemanden auch nur einen Schilling finden, es sei denn, man könne das Mobiliar zu Geld machen. Wenn das so ist, heißt es ‚wer zuerst kommt, mahlt zuerst‘; deshalb bin ich im Morgengrauen hergekommen und habe eine Vollstreckung vorgenommen.“

„Die wurde schon vorgenommen, bevor Sie gekommen sind“, warf ein Mann ein, der, nach seiner Nase zu urteilen, ein Bruder der beiden in der oberen Etage sein konnte. „Aber was ist ein solches Mobiliar schon für unsere Forderungen – wenn man sie zusammennimmt? Nicht mehr als ein Eimer Wasser für die Themse.“

„Was kann ich tun?“, schauderte Lady Isabel. „Was soll ich Ihrer Ansicht nach tun? Ich habe kein Geld, das ich Ihnen geben könnte, ich …“

„Nein, Miss“, unterbrach sie ein stiller, blasser Mann. „Wenn die Berichte stimmen, wurde Ihnen noch schlimmeres Unrecht getan als uns, denn Sie werden weder ein Dach über dem Kopf noch eine einzige Guinee haben, die Sie Ihr Eigentum nennen könnten.“

„Er war gegenüber allen ein Schuft“, unterbrach eine unbeherrschte Stimme. „Er hat Tausende ruiniert.“

Der Sprecher wurde niedergezischt; nicht einmal diese Männer beleidigten leichtfertig eine empfindsame junge Dame.

„Vielleicht können Sie uns nur eine Frage beantworten, Miss“, beharrte die Stimme trotz des Zischens. „Gibt es irgendwo Geld, mit dem man …“

Aber mittlerweile hatte ein anderer das Zimmer betreten: Mr. Carlyle. Als er Isabels weißen Gesichtes und ihrer zitternden Hände ansichtig wurde, unterbrach er den, der zuletzt gesprochen hatte, ohne große Umschweife.

„Was hat das alles zu bedeuten?“, fragte er im Ton der Autorität. „Was wollen Sie?“

„Wenn Sie ein Freund des verstorbenen Grafen sind, sollten Sie wissen, was wir wollen“, lautete die Antwort. „Wir wollen, dass die Schulden bezahlt werden.“

„Aber dazu müssen Sie nicht an diesen Ort kommen“, gab Mr. Carlyle zurück. „Dass Sie hier auf so ungewöhnliche Weise hereinschneien, ist zu nichts nütze. Sie müssen sich an Warburton & Ware wenden.“

„Bei denen waren wir schon und haben eine Antwort bekommen – sie haben uns ganz kühl versichert, dass es hier für niemanden etwas zu holen gibt.“

„Jedenfalls werden Sie hier nichts holen“, stellte Mr. Carlyle, an die gesamte Versammlung gewandt, fest. „Erlauben Sie mir zu verlangen, dass Sie das Haus sofort verlassen.“

Dass sie ihm folgen würden, war unwahrscheinlich, und das sagten sie.

„Dann warne ich sie vor den Folgen einer Weigerung“, sagte Mr. Carlyle in aller Ruhe. „Sie betreten das Eigentum eines Fremden. Dieses Haus gehört nicht Lord Mount Severn. Er hat es schon vor einiger Zeit verkauft.“

Sie glaubten es besser zu wissen. Einige lachten und sagten, solche Tricks seien doch uralt.

„Hören Sie zu, Gentlemen“, erwiderte Mr. Carlyle in der einfachen, geradlinigen Art, die ihre eigene Wahrheit in sich trug. „Eine Behauptung aufzustellen, die widerlegt werden könnte, wenn die Angelegenheiten des Earl untersucht werden, wäre einfach töricht. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Gentleman – nein, als Mitmensch –, dass dieses Anwesen mit dem Haus und allem, was darin ist, von dem Lord Mount Severn schon vor Monaten veräußert wurde; während seines jüngsten Aufenthaltes war er als Gast hier. Gehen Sie und fragen sie seine geschäftlichen Vertreter.“

„Wer hat es gekauft?“, wurde sofort gefragt.

„Mr. Carlyle aus West Lynne. Einige von Ihnen kennen ihn möglicherweise aufgrund seines Ansehens.“

Einige kannten ihn tatsächlich.

„Ein schlauer junger Anwalt“, bemerkte eine Stimme, „genau wie vor ihm sein Vater.“

„Das bin ich“, fuhr Mr. Carlyle fort. „Und da ich ein ‚schlauer Anwalt‘ bin, wie Sie zu urteilen mir die Ehre erweisen, werden Sie nicht annehmen, dass ich mein Geld in einem Kauf investiere, der nicht vollkommen abgesichert und gesetzestreu ist. Ich war in der Angelegenheit kein Agent; ich habe Agenten beschäftigt; ich habe mein eigenes Geld investiert, und East Lynne gehört mir.“

„Wurde der Kaufpreis schon gezahlt?“, wollte nicht nur einer wissen.

„Er würde zu gegebener Zeit gezahlt – letzten Juni.“

„Was hat Lord Mount Severn mit dem Geld gemacht?“

„Das weiß ich nicht“, erwiderte Mr. Carlyle. „Ich habe keine Kenntnis von Lord Mount Severns Privatangelegenheiten.“

Ein bedeutungsschweres Murmeln setzte ein. „Seltsam, dass der Earl sich zwei oder drei Monate an einem Ort aufgehalten hat, der ihm nicht gehört.“

„Das mag Ihnen so erscheinen, aber gestatten Sie mir, es zu erklären“, erwiderte Mr. Carlyle. „Der Earl brachte den Wunsch zum Ausdruck, East Lynne zum Abschied einen Besuch von einigen Tagen abzustatten, und ich stimmte zu. Bevor die wenigen Tage vergangen waren, erkrankte er und blieb seit jener Zeit hier, weil er für eine Abreise zu gebrechlich war. Genau der heutige Tag – dieser Tag, Gentlemen, an dem wir hier stehen –, war seit langem für seine Abreise festgelegt.“

„Und Sie sagen uns, Sie hätten auch das Mobiliar gekauft?“

„Alles, wie es hier steht. Sie müssen meinen Worten nicht glauben, denn der Beweis wird angetreten werden. East Lynne stand zum Verkauf; ich hörte davon und wurde zum Käufer – genau wie ich von einem von Ihnen ein Anwesen hätte kaufen können. Und da es nun mein Haus ist und Sie keine Ansprüche gegen mich haben, wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich zurückziehen würden.“

„Als nächstes erheben Sie auch noch Anspruch auf die Pferde und die Kutschen, Sir“, rief der Mann mit der Hakennase.

Mr. Carlyle hob stolz den Kopf. „Was mir gehört, gehört mir, ist rechtmäßig erworben und bezahlt – mit einem fairen, angemessenen Preis. Die Kutschen und Pferde haben damit nichts zu tun; die hat Lord Mount Severn mitgebracht.“

„Und ich habe für sie einen sicheren Wächter in den Außenanlagen, der darauf achtet, dass sie nicht weglaufen“, nickte der Mann selbstzufrieden. „Und wenn ich mich nicht irre, sind oben auch sichere Wächter für etwas anderes.“

„Was für ein verfluchter Spitzbube war doch Mount Severn.“

„Was er auch gewesen sein mag, es gibt ihnen nicht das Recht, die Gefühle seiner Tochter in Wallung zu bringen“, unterbrach Mr. Carlyle mitfühlend. „Und ich hätte gedacht, dass Männer, die sich als Engländer bezeichnen, die Schande verschmäht hätten. Gestatten Sie, Lady Isabel“, fügte er hinzu, wobei er gebieterisch ihre Hand nahm und sie aus dem Zimmer führen wollte, „ich werde hierbleiben und diese Angelegenheit regeln.“

Aber sie zögerte und blieb stehen. Das Unrecht, das ihr Vater diesen Männern angetan hatte, machte sich in ihrem Gerechtigkeitsgefühl schmerzhaft bemerkbar, und sie bemühte sich, ein Wort der Entschuldigung und des Kummers auszusprechen; sie glaubte, es tun zu sollen; sie wollte nicht, dass man sie für vollkommen herzlos hielt. Aber es war eine schmerzhafte Aufgabe; die Farbe in ihrem blassen Gesicht kam und ging, und ihr Atem ging schwer unter ihrer übermäßigen Trübsal.

„Es tut mir sehr leid“, stammelte sie; in dem Bemühen, zu sprechen, gewann das Gefühl die Oberhand über sie, und sie brach in Tränen aus. „Ich habe von alledem nichts gewusst; über die Angelegenheiten meines Vaters wurde in meiner Gegenwart nicht gesprochen. Ich glaube, ich habe nichts; wenn ich etwas hätte, würde ich es unter Ihnen so gerecht aufteilen, wie es mir möglich ist. Aber sollten die Möglichkeiten jemals in meiner Macht stehen – sollte mir jemals Geld gehören, werde ich dankbar alle Ihre Forderungen begleichen.“

Alle ihre Forderungen! Lady Isabel hatte kaum darüber nachgedacht, was „alle“ beinhalten würde. Aber solche Versprechungen, die in solch einem Augenblick gemacht wurden, hatten einen unbefangenen Klang. Kaum einer der Anwesenden konnte etwas anderes empfinden als Mitgefühl und Sorge um sie, und Mr. Carlyle zog sie aus dem Zimmer. Er schloss die Tür hinter der lautstarken Versammlung, und nun setzte das hysterische Schluchzen ein.

„Ich bin sehr bekümmert, Lady Isabel! Hätte ich diese Unannehmlichkeit vorhergesehen, ich hätte sie Ihnen ersparen können. Können Sie allein nach oben gehen, oder soll ich Mrs. Mason rufen?“

„Oh ja! Ich kann allein gehen; ich bin nicht krank, nur ängstlich und unruhig. Aber das ist nicht das Schlimmste“, sagte sie schaudernd. „Da oben sind zwei Männer – da oben – bei Papa.“

„Oben bei Papa.“ Mr. Carlyle war verblüfft. Er sah, dass sie von Kopf bis Fuß zitterte, während sie vor ihm stand.

„Ich verstehe es nicht, und es erschreckt mich“, fuhr sie mit dem Versuch einer Erklärung fort. „Sie sitzen im Zimmer ganz nahe bei ihm und sagen, sie hätten ihn festgenommen.“

Eine leere, wie vom Donner gerührte Pause trat ein. Mr. Carlyle sah sie an, sagte aber nichts; dann wandte er sich um und warf einen Blick zum Butler, der in der Nähe stand. Der Mann antwortete nur mit einem leichten Kopfschütteln, und Mr. Carlyle erkannte darin etwas Unheilvolles.

„Ich werde das Haus von diesen Leuten befreien“, sagte er zu Lady Isabel, wobei er hinter sich in Richtung des Esszimmers wies, „und dann begleite ich Sie nach oben.“

„Zwei Rüpel, Sir, und sie haben sich in Besitz des Leichnams gebracht“, flüsterte der Butler Mr. Carlyle ins Ohr, als Isabel hinausging. „Sie haben sich mit einer hinterhältigen, betrügerischen List Zugang zu dem Zimmer verschafft, indem sie sagten, sie seien die Leute des Leichenbestatters, und er könne nicht bestattet werden, wenn ihre Forderungen nicht bezahlt werden, auch wenn es einen Monat dauert. Es hat uns allen den Magen herumgedreht, Sir. Als Mrs. Mason es mir gesagt hat – sie war die Erste, die es wusste –, war ihr so übel, wie man sich nur vorstellen kann.“

Erst einmal kehrte Mr. Carlyle in das Esszimmer zurück und trug die Hauptlast der Wut dieser wilden und, wie man auch sagen kann, hinters Licht geführten Männer. Die Wut entlud sich nicht auf ihm – ganz im Gegenteil – sondern auf das Andenken des unglücklichen Lord, der eine Etage höher lag. Einige hatten das Leben des Earl zur Vorsicht versichern lassen, und die waren jetzt am besten dran. Sie verließen das Haus schon nach kurzer Zeit; Mr. Carlyles Erklärungen waren unbestreitbar, und sie kannten das Gesetz gut genug, um nicht als unbefugte Eindringlinge auf seinem Anwesen zu bleiben.

Die Wächter des Toten waren nicht so leicht abzuschütteln. Mr. Carlyle ging in das Sterbezimmer und überprüfte ihre Legitimation. Einen ähnlichen Fall hatte es in seinem eigenen Erfahrungsbereich noch nie gegeben, wohl aber bei seinem Vater, und Mr. Carlyle fiel ein, dass er davon gehört hatte. Die Leiche eines kirchlichen Würdenträgers, der hochverschuldet gestorben war, wurde festgenommen, als man ihn durch den Kreuzgang zu seinem Grab in der Kathedrale trug. Die Männer, die hier über Lord Mount Severn wachten, erhoben große Ansprüche; und so mussten sie sitzen bleiben, bis Mr. Vane vom Castle Marling eingetroffen war, der neue Earl of Mount Severn.

Am folgenden Morgen, einem Sonntag, fuhr Mr. Carlyle erneut nach East Lynne und stellte zu seiner Überraschung fest, dass niemand angekommen war. Isabel saß allein im Frühstückszimmer. Die Mahlzeit stand unberührt auf dem Tisch und sie – so schien es – zitterte auf einer niedrigen Ottomane vor dem Feuer. Sie sah so krank aus, dass Mr. Carlyle es nicht unterlassen konnte, eine Bemerkung darüber zu machen.

„Ich habe nicht geschlafen, und mir ist sehr kalt“, antwortete sie. „Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugetan, so entsetzt war ich.“

„Entsetzt worüber?“, fragte er.

„Über diese Männer“, flüsterte sie. „Es ist seltsam, dass Mr. Vane nicht gekommen ist.“

„Ist die Post schon da?“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte sie teilnahmslos.

Sie hatte kaum geendet, da trat der Butler mit einem Tablett voller Briefe ein, die meisten davon Kondolenzschreiben für Lady Isabel. Sie griff einen davon heraus und öffnete ihn hastig, denn er trug den Poststempel von Castle Marling. „Das ist die Handschrift von Mrs. Vane“, bemerkte sie zu Mr. Carlyle.

Castle Marling, Samstag.

Meine liebe Isabel,

Ich bin schrecklich bekümmert und erschrocken über die Nachricht, die in Mr. Carlyles Schreiben an meinen Mann übermittelt wurde. Er ist mit seiner Yacht auf Kreuzfahrt gegangen, deshalb habe ich es geöffnet. Der Himmel weiß, wo er gerade ist, irgendwo entlang der Küste, aber er hat gesagt, er werde Sonntag zu Hause sein, und da er sein Wort gewöhnlich sehr gewissenhaft hält, rechne ich mit ihm. Sei versichert, dass er keinen Augenblick verlieren und nach East Lynne eilen wird.

Ich kann nicht ausdrücken, was ich für dich empfinde, und bin zu erschüttert, als dass ich noch mehr schreiben könnte. Bemühe dich, den Kopf hoch zu halten, und glaube mir, liebe Isabel, ich bin mit aufrichtiger Sympathie und großem Bedauern immer die Deine

Emma Mount Severn.

Als Isabel die Unterschrift las, kehrte die Farbe in ihrer blassen Wangen zurück. Wenn sie die Absenderin gewesen wäre, so dachte sie, hätte sie diesen ersten Brief noch mit Emma Vane unterschrieben. Isabel reichte Mr. Carlyle die Notiz. „Das ist sehr unglücklich“, seufzte sie.

Mr. Carlyle überflog das Schreiben, so schnell Mrs. Vanes unleserliche Handschrift es ihm erlaubte, und zog die Lippen auf seltsame Weise ein, als er die Unterschrift sah. Vielleicht war ihm der gleiche Gedanke gekommen wie zuvor schon Isabel.

„Wenn Mrs. Vane auch nur einen Pfifferling wert wäre, wäre sie selbst hergekommen, wo sie doch Ihre einsame Lage kennt“, stieß er impulsiv hervor.

Isabel stützte den Kopf in die Hand. In ihrem Kopf gingen alle Schwierigkeiten und Bekümmernisse durcheinander. Es waren noch keine Anweisungen zur Vorbereitung des Begräbnisses erteilt worden, und sie hatte das Gefühl, sie habe auch nicht das Recht, solche Anweisungen zu geben. Die Earls von Mount Severn wurden in Mount Severn bestattet; aber ihren Vater dorthin zu bringen, wäre mit großen Kosten verbunden; würde der neue Earl es gutheißen? Es schien, als wäre sie seit dem vorherigen Morgen mit ihrer Lebenserfahrung alt geworden; ihre Ideen hatten sich verändert, ihre Gedankengänge waren gewaltsam von ihrem Kurs abgebracht worden. Statt einer jungen Dame von hoher Stellung, von Wohlstand und Rang war sie jetzt in ihrer eigenen Betrachtung eher eine unglückselige Arme und ein Eindringling in dem Haus, das sie bewohnte. In Liebesgeschichten ist es üblich, junge Damen – insbesondere wenn sie gut aussehen und interessant sind – so darzustellen, als seien sie sich nüchterner Sorgen und Notwendigkeiten vollkommen unbewusst und gleichgültig gegenüber der Aussicht auf zukünftige Armut – eine Armut, die Hunger, Durst, Kälte und Nacktheit mit sich bringt; aber natürlich hat diese Gleichgültigkeit im wahren Leben nie existiert. Isabel Vanes Trauer um ihren Vater – den sie unabhängig davon, welches Bild er für andere abgab, zutiefst geliebt und verehrt hatte – war äußerst schmerzhaft; aber inmitten des Kummers und der einzigartigen Schwierigkeiten, die sein Tod mit sich gebracht hatte, konnte sie die Augen vor ihrer eigenen Zukunft nicht verschließen. Die schiere Unsicherheit, die Bekümmernis, deren Schatten sie vorauswarf, drängten sich ihr auf, und die Worte des geradlinigen Gläubigers klangen ihr noch in den Ohren: „Sie werden kein Dach über dem Kopf haben und keine Guinee mehr ihr eigen nennen.“ Wohin sollte sie gehen? Bei wem sollte sie wohnen? Sie befand sich jetzt in Mr. Carlyles Haus. Und wie sollte sie die Dienstboten bezahlen? Ihnen allen schuldete sie Geld.

„Mr. Carlyle, seit wann gehört dieses Haus Ihnen?“, fragte sie und brach damit das Schweigen.

„Der Kauf wurde im Juni abgeschlossen. Hat Lord Mount Severn Ihnen nie erzählt, dass er es an mich verkauft hat?“

„Nein, nie. Gehören alle diese Dinge Ihnen?“ Sie sah sich im Zimmer um.

„Das Mobiliar wurde mit dem Haus verkauft. Aber solche Dinge nicht“, erwiderte er, wobei sein Blick das Silber auf dem Frühstückstisch streifte. „Nicht die Teller und die Tischwäsche.“

„Nicht die Teller und die Tischwäsche. Dann haben diese armen Männer, die gestern hier waren, ein Anrecht darauf“, rief sie eilig.

„Das weiß ich nicht genau. Ich glaube, der Teller gehört zum unveräußerlichen Familienvermögen – und der Schmuck auch. Und die Tischwäsche hat ohnehin keinen Wert.“

„Gehört die Kleidung mir?“

Er lächelte und sah sie an. Lächelte über ihre Schlichtheit und versicherte ihr, sie seien keines anderen Eigentum.

„Ich wusste das alles nicht“, seufzte sie. „Und ich verstehe es nicht. In den letzten ein oder zwei Tagen sind so viele seltsame Dinge geschehen, dass es mir vorkommt, als verstünde ich überhaupt nichts mehr.“

Sie konnte es tatsächlich nicht verstehen. Sie hatte keine eindeutige Vorstellung von der Transaktion, durch die das Eigentum an East Lynne auf Mr. Carlyle übergegangen war. Viele unbestimmte Gedanken suchten sie heim. In ihrem Kopf schwelten Ängste, sie könne ihm etwas schulden, Ängste, das Haus mit allem, was darin war, könne ihm – vielleicht nur zum Teil – zur Liquidation übergeben werden.

„Schuldet mein Vater Ihnen irgendwelches Geld?“, hauchte sie in ängstlichem Ton.

„Nicht das geringste“, antwortete er. „Lord Mount Severn war bei mir während seines ganzen Lebens nie verschuldet.“

„Und doch haben Sie East Lynne gekauft?“

„Das hätte auch jeder andere tun können“, antwortete er, wobei er ihren Gedankengang durchschaute. „Ich habe nach einem geeigneten Anwesen gesucht, um mein Geld zu investieren, und East Lynne schien mir passend.“

„Ich merke, in welcher Lage ich bin, Mr. Carlyle“, fuhr sie fort, wobei die aufmüpfigen Tränen ihr wieder in die Augen schossen, „und dass ich mich mit der Bitte um Obdach aufdränge. Aber ich weiß mir nicht zu helfen.“

„Sie können helfen, mir Kummer zu bereiten“, antwortete er sanft, „denn das tun Sie, wenn Sie von Verpflichtungen reden. Die Verpflichtung liegt auf meiner Seite, Lady Isabel. Und wenn ich meiner Hoffnung Ausdruck verleihe, dass Sie in East Lynne bleiben, wenn es Ihnen von Nutzen ist, und so lang dieser Zeitraum auch sein mag, dann sage ich das mit vollster Aufrichtigkeit, das versichere ich Ihnen.“

„Sie sind sehr freundlich“, sagte sie stockend. „Nur für ein paar Tage – bis ich wieder denken kann. Ach, Mr. Carlyle, steht es um Papas Angelegenheiten wirklich so schlimm, wie sie gestern gesagt haben?“ Sie brach ab, denn die Verwirrung kehrte mit ganzer Kraft wieder zurück. „Ist nichts übrig?“

Nun hätte Mr. Carlyle ausweichen und ihr versichern können, es sei noch viel übrig, um sie zu beruhigen. Aber gegen den Gedanken, sie zu täuschen, sträubte sich jede Faser seines Wesens. Er erkannte, wie sie unausgesprochen auf seine Aufrichtigkeit baute.

„Ich fürchte, die Sache sieht nicht gerade glänzend aus“, antwortete er. „Das heißt, soweit wir es bisher erkennen können. Aber vielleicht wurden für Sie irgendwelche Regelungen getroffen, von denen wir noch nichts wissen. Warburton & Ware…“

„Nein“, unterbrach sie ihn. „Ich habe nie von Regelungen gehört, und ich bin sicher, dass es keine gibt. Ich sehe das Schlimmste eindeutig vor mir. Ich habe kein Zuhause – kein Zuhause und kein Geld. Dieses Haus gehört Ihnen; das Stadthaus und Mount Severn gehen an Mr. Vane. Und ich habe nichts.“

„Aber Mr. Vane wird doch sicher entzückt sein, Sie in Ihrer alten Heimat willkommen zu heißen. Die Häuser gehen an ihn – aber es scheint fast, als hätten Sie ein größeres Anrecht darauf als er oder Mrs. Vane.“

„Mein Zuhause bei denen!“, gab sie zurück, als hätten die Worte ihr einen Stich versetzt. „Was sagen Sie da, Mr. Carlyle?“

„Ich bitte um Verzeihung, Lady Isabel. Ich hätte es mir nicht angemaßt, selbst das Thema anzusprechen, aber…“

„Nein, ich glaube, ich muss mich entschuldigen“, unterbrach sie ihn in ruhigerem Ton. „Ich bin dankbar, dass Sie daran Interesse haben – dass Sie mir eine solche Freundlichkeit erweisen. Aber ich kann nicht zusammen mit Mrs. Vane wohnen.“

Mr. Carlyle erhob sich. Es würde nichts nützen, wenn er noch länger blieb, und er hielt es nicht für angemessen, sich weiterhin aufzudrängen. Er äußerte die Vermutung, es könne angenehmer sein, wenn Isabel eine Freundin bei sich hätte. Mrs. Ducie sei zweifellos bereit zu kommen, und sie sei eine freundliche, mütterliche Frau.

Isabel schüttelte in vorübergehendem Schaudern den Kopf. „Fremde, hier….mit dem allen…in Papas Zimmer!“, murmelte sie. „Mrs. Ducie ist gestern herübergekommen und wollte vielleicht bleiben – ich weiß es nicht. Ich hatte Angst vor Fragen und habe nicht mit ihr gesprochen. Wenn ich denke…daran denke…bin ich dankbar, dass ich allein bin.“

Als Mr. Carlyle hinausging, hielt die Haushälterin ihn auf.

„Sir, wie lauten die Nachrichten von Castle Marling? Pound sagt, ein Brief sei eingetroffen. Kommt Mr. Vane?“

„Er war mit der Yacht unterwegs. Mrs. Vane hat ihn gestern zurück­erwartet, also kann man hoffen, dass er heute hier sein wird.“

„Was ist zu tun, wenn er nicht kommt?“, keuchte sie. „Der Bleisarg sollte zugelötet werden, denn Sie wissen ja, Sir, in welchem Zustand er war, als er starb.“

„Er kann auch ohne Mr. Vane zugelötet werden.“

„Natürlich – ohne Mr. Vane. Darum geht es nicht, Sir. Werden diese Männer es zulassen? Die Leichenbestatter waren heute Morgen bei Tagesanbruch hier, aber diese Männer haben angedeutet, sie würden den Toten nicht aus den Augen lassen. Die Worte hörten sich für uns schwerwiegend an, aber wir haben keine Fragen gestellt. Haben sie ein Recht, es zu verhindern, Sir?“

„Ehrlich gesagt, das weiß ich nicht“, erwiderte Mr. Carlyle. „Die Maßnahme kommt so selten vor, dass ich kaum etwas darüber weiß, welches Recht sie haben oder nicht haben. Erwähnen Sie das nicht gegenüber Lady Isabel. Und wenn Mr. Va…wenn Lord Mount Severn eintrifft, schicken Sie jemanden und setzen Sie mich davon in Kenntnis.“

Kapitel 11 Der neue Lord und die Banknote

Am Sonntagnachmittag war zu sehen, wie eine Kutsche den Zufahrtsweg heraufdonnerte. In ihr saß Lord Mount Severn, der neue Earl. Die direkte Bahnlinie von Castle Marling hatte ihn nur bis auf fünf Meilen an West Lynne herangebracht, und von dort war er in einer Mietdroschke gereist. Wenig später gesellte sich Mr. Carlyle zu ihm, und fast zur gleichen Zeit traf auch Mr. Warburton aus London ein. Er war nicht in der Stadt gewesen, als der Earl starb, und hatte sich deshalb nicht früher darum kümmern können. Man kam sofort auf das Geschäftliche zu sprechen.

Der jetzige Earl wusste, dass sein Vorgänger in Schwierigkeiten gewesen war, aber vom Ausmaß des Übels hatte er keinerlei Vorstellung; die beiden hatten keine enge Beziehung gepflegt und waren nur selten zusammengetroffen. Als man ihm jetzt die verschiedenen Nachrichten im Einzelnen darlegte – die Geldverschwendung, den katastrophalen Ruin, das völlige Fehlen einer Versorgung für Isabel –, war er versteinert und entgeistert. Er war ein großer, kräftiger Mann von dreiundvierzig Jahren, ehrbarem Wesen, kühlen Manieren und starker Selbstbeherrschung.

„Das ist die ungeheuerlichste geschäftliche Mitteilung, die ich je erhalten habe!“, sagte er aufgeregt zu den beiden Anwälten. „Unter allen rücksichtslosen Dummköpfen muss Mount Severn der Schlimmste gewesen sein.“

„Von unverzeihlicher Sorglosigkeit, was seine Tochter betrifft“, lautete die zustimmende Antwort.

„Sorglosigkeit! Es muss schierer Wahnsinn gewesen sein“, gab der Earl zurück. „Kein Mensch, der bei Sinnen ist, würde ein Kind so der Gnade der Welt ausliefern, wie er es getan hat. Sie hat keinen Schilling – buchstäblich kein Schilling befindet sich in ihrem Besitz. Ich habe ihr die Frage gestellt, wie viel Geld im Haus war, als der Earl starb. Zwanzig oder fünfundzwanzig Pfund, hat sie geantwortet, und die habe sie Mason gegeben, weil sie für die Haushaltsführung gebraucht wurden. Wenn das Mädchen nur einen Yard Kleiderband haben will, besitzt sie keinen Penny, um es zu bezahlen! Kann man sich so etwas wirklich vorstellen? Ich verwette meine Wahrheitsliebe, dass so etwas noch nie vorgekommen ist.“

„Kein Geld für ihre persönlichen Bedürfnisse!“, rief Mr. Carlyle.

„Keinen halben Penny auf der ganzen Welt. Und soweit ich sehen kann, gibt es keine Vermögenswerte, auf die sie zurückgreifen könnte, und es wird auch keine geben.“

„Ganz richtig, Mylord“, nickte Mr. Warburton. „Die Anwesen des Familienvermögens gehen an Sie, und wenn noch Kleinigkeiten an persönlichem Eigentum übrig sind, werden sich die Gläubiger darum kümmern.“

„Ich habe gehört, dass East Lynne Ihnen gehört“, rief der Earl, wobei er sich abrupt zu Mr. Carlyle wandte. „Das hat Isabel gerade gesagt.“

„Es stimmt“, lautete die Antwort. „Es ist letzten Juni in meinen Besitz übergegangen. Ich glaube, seine Lordschaft hat die Tatsache streng geheim gehalten.“

„Er war verpflichtet, sie geheim zu halten“, warf Mr. Warburton, an Lord Mount Severn gerichtet, ein. „Er hätte keinen Penny von dem Kaufpreis in die Hand bekommen, wenn es sich herumgesprochen hätte. Die Tatsache wurde niemandem mitgeteilt außer uns selbst und Mr. Carlyles Rechtsvertretern.“

„Es ist seltsam, Sir, dass Sie dem Earl nicht dringlich die Ansprüche seines Kindes deutlich gemacht haben“, gab der neue Earl zu Mr. Warburton in einem Ton des energischen Tadels zurück. „Sie waren seine Vertrauensperson; sie kannten seine Vermögensverhältnisse; es hätte in Ihrem Verantwortungsbereich gelegen, das zu tun.“

„Da wir seine Vermögensverhältnisse kannten, Mylord, wussten wir, wie nutzlos ein solches Drängen gewesen wäre“, erwiderte Mr. Warburton. „Eure Lordschaft hat nur eine vage Vorstellung davon, welche Lasten auf Lord Mount Severn lagen. Allein die Zinsen für seine Schulden waren beängstigend – um sie einzutreiben, wäre das Werk eines Teufels notwendig gewesen. Ganz zu schweigen von den Kellerwechseln, die er ausgestellt hat; er ließ sie steigen wie Drachen, und niemand konnte ihn aufhalten; aber sie mussten bezahlt werden.“

„Ach, ich weiß“, erwiderte der Earl mit einer verächtlichen Geste. „Einen Wechsel ziehen, um damit einen anderen zu bezahlen. Das war sein System.“

„Ziehen!“, wiederholte Mr. Warburton. „Er hätte noch einen Wechsel auf die Aldgate Pump1 gezogen. Das war bei ihm eine regelrechte Manie.“

„Erzwungen durch die Notwendigkeiten, nehme ich an“, warf Mr. Carlyle ein.

„Er hat keine Geschäfte betrieben, durch die sich solche Notwendigkeiten ergeben hätten, Sir“, rief der Earl zornig. „Aber kehren wir zum Geschäftlichen zurück. Wie viel Geld liegt bei seiner Bank, Mr. Warburton? Wissen Sie das?“

„Keines“, war die unverblümte Antwort. „Wir haben selbst vor zwei Wochen das Konto überzogen, um seine dringendsten Verbindlichkeiten zu befriedigen. Ein wenig haben wir noch; und wenn er eine oder zwei Wochen länger gelebt hätte, wären die Mieten für den Herbst eingezahlt worden – allerdings hätte man sie auch ebenso schnell wieder auszahlen müssen.“

„Ich bin froh, dass da etwas ist. Wie hoch ist die Summe?“

„Mylord“, antwortete Mr. Warburton, wobei er selbst mitleidig den Kopf wiegte, „zu meinem Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass das, was wir verwalten, nicht einmal die Hälfte unserer eigenen Ansprüche deckt; wir haben das Geld eigentlich aus unserer eigenen Tasche bezahlt.“

„Woher um alles in der Welt soll dann Geld kommen, Sir? Für die Trauerfeierlichkeiten – für die Löhne der Dienstboten – eigentlich für alles?“

„Es wird nichts von irgendwoher kommen“, lautete Mr. Warburtons Antwort.

Lord Mount Severn schritt energischer über den Teppich. „Verfluchter Leichtsinn! Schändliche Verschwendung! was für ein hartherziger Mann! Als Wüstling leben und als Bettler sterben – und seine Tochter der Nächstenliebe von Fremden überlassen!“

„Ihr Schicksal ist der schlimmste Aspekt des Ganzen“, bemerkte Mr. Carlyle. „Wo soll sie wohnen?“

„Sie muss natürlich bei mir ihre Wohnung finden“, erwiderte seine Lordschaft, „und ich hoffe, das wird ein besseres Zuhause sein als dieses hier. Mit den ganzen Schulden und Mahnungen am Hals kann das Leben im Haus von Mount Severn kein Zuckerschlecken gewesen sein.“

„Ich gehe davon aus, dass sie nichts vom Stand der Dinge wusste und von den Unannehmlichkeiten wenig oder gar nichts mitbekommen hat“, erwiderte Mr. Carlyle.

„Unsinn!“, sagte der Earl.

„Mr. Carlyle hat recht, Mylord“, erklärte Mr. Warburton und blickte dabei über den Rand seiner Brille. „Lady Isabel war auf Mount Servern bis zum Frühjahr in Sicherheit, und der Erlös aus dem Verkauf von East Lynne – jedenfalls der Teil davon, dessen der Earl habhaft werden konnte – war für viele Dinge ein Notstopfen und machte die Sache für den Augenblick leichter. Jedenfalls hat sein Leichtsinn jetzt ein Ende.“

„Nein, er hat kein Ende“ gab Lord Mount Severn zurück. „Er hinterlässt seine Auswirkungen. Wie ich höre, hat es gestern Morgen eine hübsche Szene gegeben; einige der unglückseligen Halunken, mit denen er sich eingelassen hat, sind den ganzen Weg aus London gekommen und hier aufgetaucht.“

„Ach, die Hälfte von ihnen sind Juden“, sagte Mr. Warburton verächtlich. „Wenn die ein wenig verlieren, wird es für sie eine angenehme Neuerung sein.“

„Juden haben ebenso viel Recht auf ihr Eigentum wie wir, Mr. Warburton“, lautete die verärgerte Entgegnung des Peer. „Und wenn sie Türken und Ungläubige wären, es würde Mount Severns Praktiken nicht entschuldigen. Isabel sagt, Sie seien derjenige gewesen, Mr. Carlyle, dem es gelungen ist, sie loszuwerden.“

„Indem ich sie überzeugt habe, dass East Lynne und sein Inventar mir gehören. Aber da sind noch diese beiden Männer in der oberen Etage, und die sind in Besitz von … von ihm; die konnte ich nicht loswerden.“

Der Earl sah ihn an. „Ich verstehe Sie nicht.“

„Wissen Sie nicht, dass sie den Leichnam beschlagnahmt haben?“, fragte Mr. Carlyle, wobei er die Stimme senkte. „Zwei Männer haben sich gestern Morgen bei ihm postiert wie Wächter. Und ich höre, es ist noch ein Dritter im Haus, der die beiden anderen ablöst, damit sie hinunter in die Diele gehen und etwas essen können.“

Der Earl war nahe bei Mr. Carlyle stehen geblieben, den Mund geöffnet, sein Gesicht der schiere Ausdruck der Verblüffung. „Bei George!“ – das war alles, was Mr. Warburton murmelte, während er seine Brille herunterriss.

„Mr. Carlyle, verstehe ich Sie richtig – der Leichnam des verstorbenen Earl wurde wegen einer Schuld beschlagnahmt?“, erkundigte sich der Peer gewichtig. „Einen Toten beschlagnahmen! Wache ich oder träume ich?“

„Genau das haben sie getan. Sie sind mit einer List in das Zimmer gelangt.“

„Ist es möglich, dass solche hinterhältigen Transaktionen nach unserem Gesetz zulässig sind?“, stieß der Earl hervor. „Einen Toten festnehmen! So etwas habe ich noch nie gehört. Ich bin über alle Maßen schockiert. Isabel hat etwas über zwei Männer gesagt, daran erinnere ich mich; aber sie war voller Kummer und ganz und gar aufgeregt, so dass ich nur die Hälfte von dem verstanden habe, was sie über das Thema gesagt hat. Was also ist zu tun? Können wir ihn nicht bestatten?“

„Ich fürchte, nein. Wie die Haushälterin mir heute Morgen gesagt hat, fürchtet sie, dass die beiden nicht einmal zulassen werden, dass der Sarg geschlossen wird. Und das sollte mit aller gebotenen Geschwindigkeit geschehen.“

„Das ist ja entsetzlich!“, murmelte der Earl.

„Wer hat das getan – wissen Sie das?“, erkundigte sich Mr. Warburton.

„Jemand namens Anstey“, erwiderte Mr. Carlyle. „Ich habe es in Abwesenheit sämtlicher Familienmitglieder auf mich genommen, dem Zimmer einen Besuch abzustatten und die Legitimation der Männer zu überprüfen. Die Forderung beläuft sich auf etwa dreitausend Pfund.“

„Wenn es Anstey war, dann handelt es sich um persönliche Schulden des Earl, echte Schulden, jedes einzelne Pfund“, stellte Mr. Warburton fest. „Ein scharfsinniger Mann, dieser Anstey, dass er auf einen solchen Plan gekommen ist.“

„Und ein schamloser, skandalöser Mann“, fügte Lord Mount Severn hinzu. „Nun, das ist ja ein schöner Schlamassel. Was können wir tun?“

Während sie beraten, wenden wir uns kurz Lady Isabel zu. Sie saß allein und in größter Verwirrung da und litt tiefsten Kummer. Lord Mount Severn hatte ihr freundlich und voller Zuwendung zu verstehen gegeben, dass sie von jetzt an ihr Zuhause mit ihm und seiner Frau teilen müsse. Isabel hatte ein schwaches „danke“ zurückgegeben, aber sobald er sie verlassen hatte, war sie in Krämpfe widerspenstiger Tränen ausgebrochen. „Das Zuhause mit Mrs. Vane teilen!“, sagte sie zu ihrem eigenen Herzen. Nein, niemals; lieber würde sie sterben – lieber würde sie eine Brotrinde essen und Wasser trinken – und so weiter, und so weiter. Junge Damen neigen manchmal ein wenig dazu, in solchen Flügen der Fantasie zu schwelgen; in den meisten Fällen sind diese aber nicht praktikabel und töricht – und das galt im Fall von Lady Isabel Vane ganz besonders. Für den Lebensunterhalt arbeiten? Das mag in der Theorie durchaus praktikabel erscheinen; aber Theorie und Praxis sind Gegensätze wie Hell und Dunkel. Es war eine schlichte Tatsache: Isabel hatte keinerlei Alternative und musste sich damit abfinden, mit Lady Mount Severn zusammenzuleben; und die Überzeugung, dass es so sein mochte, schlich sich in ihre Gedanken, auch wenn ihre eiligen Lippen noch behaupteten, sie werde es nicht tun.

Schließlich konnte Mr. Carlyle die Totenwächter von der Sinnlosigkeit ihres Vorhabens überzeugen, und sie gaben den Leichnam frei. An der Bestattung nahmen nur zwei Trauergäste teil: der Earl und Mr. Carlyle. Letzterer war kein Angehöriger des Verstorbenen, sondern nur ein Freund aus sehr junger Zeit; aber der Earl hatte ihn eingeladen, vermutlich weil er den Aufmarsch und das Drumherum des Kummers nicht allein ertragen mochte. Einige Angehörige des Landadels dienten als Sargträger, und ihnen folgten viele private Kutschen.

Am nächsten Morgen herrschte große Geschäftigkeit. Der Earl sollte abreisen, Isabel sollte ebenfalls abreisen, aber nicht mit ihm zusammen. Im Laufe des Tages würden sich die Dienstboten zerstreuen. Der Earl wollte eilig nach London, und der Wagen, der ihn zum Bahnhof von West Lynne bringen würde, stand bereits vor der Tür, als Mr. Carlyle eintraf.

„Ich war schon ganz nervös und fürchtete, Sie würden nicht hier sein, denn ich habe nur noch knapp fünf Minuten“, bemerkte der Earl, als sie sich die Hand gaben. „Sie sind sicher, dass Sie alle Anweisungen hinsichtlich des Grabsteins verstanden haben?“

„Vollkommen“, erwiderte Mr. Carlyle. „Wie geht es Lady Isabel?“

„Ich fürchte, sie ist sehr mutlos, das arme Kind, denn sie hat nicht mit mir gefrühstückt“, erwiderte der Earl. „Mason hat mir im Vertrauen gesagt, sie habe Krämpfe vor Kummer. Er war ein schlechter Mensch, der Mount Severn, ein wirklich schlechter Mensch“, fügte er leidenschaftlich hinzu, während er sich erhob und die Glocke betätigte.

„Richten Sie Lady Isabel aus, dass ich reisefertig bin und auf sie warte“, sagte er zu der Dienerin, die auf das Läuten erschien. „Und während sie kommt, Mr. Carlyle“, fügte er hinzu, „gestatten Sie mir, meinen Dank zum Ausdruck zu bringen. Wie ich in dieser besorgnis­erregenden Angelegenheit ohne Sie zu Recht gekommen wäre, kann ich mir nicht vorstellen. Denken Sie daran, Sie haben versprochen, mir einen Besuch abzustatten, und damit rechne ich schon sehr bald.“

„Versprochen unter einer Bedingung – nämlich dass ich gerade in ihrer Nachbarschaft bin“, lächelte Mr. Carlyle. „Sollte ich …“

Isabel trat ein. Sie war ebenfalls reisefertig gekleidet, denn sie sollte unmittelbar nach dem Earl das Haus verlassen. Der Trauerschleier hing über ihrem Gesicht, aber sie zog ihn zurück.

„Meine Zeit ist um, Isabel, ich muss fahren. Möchtest du mir noch irgendetwas sagen?“

Sie öffnete die Lippen und wollte sprechen, warf aber einen Blick zu Mr. Carlyle und zögerte. Er stand am Fenster und wandte ihr den Rücken zu.

„Ich glaube nicht“, sagte der Earl und antwortete sich damit selbst. Er war in Eile wie viele Menschen, die am Anfang einer Reise stehen. „Du wirst keinerlei Schwierigkeiten haben, mein Liebes; denke nur daran, gegen Mittag einige Erfrischungen zu dir zu nehmen, denn du wirst nicht vor dem Abendessen in Castle Marling sein. Sage Mrs. Va… sage Lady Mount Severn, dass ich keine Zeit hatte ihr zu schreiben, aber ich werde es in London nachholen.“

Isabel stand in einer Haltung der Unsicherheit vor ihm – oder man könnte auch sagen: der Erwartung. Ihre Gesichtsfarbe wechselte.

„Was ist, willst du mir etwas sagen?“

Sie wollte ihm sicher etwas sagen, aber sie wusste nicht, wie. Es war für sie ein peinlicher, ungeheuer schmerzlicher Augenblick, und die Gegenwart von Mr. Carlyle trug nicht dazu bei, ihn abzumildern. Letzterer hatte keine Ahnung, dass seine Anwesenheit unerwünscht war.

„Du lieber Himmel, Isabel! Ich erkläre, dass ich es völlig vergessen hatte“, rief der Earl in verdrießlichem Ton. „Ich bin es nicht gewohnt – es ist so eine neue Sichtweise für die Angelegenheit …“ Er brach mit seinen zusammenhanglosen Worten ab, knöpfte den Mantel auf, zog seine Geldbörse heraus und dachte über ihren Inhalt nach.

„Isabel, ich bin selbst sehr knapp bei Kasse und habe kaum mehr als ich für den Weg nach London brauche. Drei Pfund müssen erst einmal genügen, mein Liebes. Wenn du in Castle Marling bist – für die Reise reicht das Geld –, wird Lady Mount Severn dich versorgen; aber du musst es ihr sagen, sonst weiß sie es nicht.“

Während er sprach, holte er einige Münzen aus seiner Börse und legte zwei Sovereigns sowie zwei halbe Sovereigns auf den Tisch. „Lebewohl, mein Liebes; machʼ es dir in Castle Marling gemütlich. Ich werde bald zu Hause sein.“

Er ging mit Mr. Carlyle aus dem Zimmer, stand noch eine Minute, den Fuß auf dem Trittbrett des Wagens, im Gespräch mit diesem und fuhr wenig später davon. Mr. Carlyle kehrte in das Frühstückszimmer zurück, wo Isabel, auf deren Wangen ein aschfarbenes Weiß an die Stelle des Rot getreten war, die Münzen einsammelte.

„Würden Sie mir einen Gefallen tun, Mr. Carlyle?“

„Ich würde alles für Sie tun, was ich kann.“

Sie schob ihm einen Sovereign und dann noch einen halben hin. „Das ist für Mr. Kane. Ich habe Marvel gesagt, sie soll hingehen und ihn bezahlen, aber anscheinend hat sie es vergessen oder hinausgeschoben; jedenfalls wurde er noch nicht bezahlt. Die Eintrittskarten haben einen Sovereign gekostet; der Rest ist für das Klavierstimmen. Würden Sie es ihm freundlicherweise geben? Wenn ich es einem der Dienstboten anvertraue, gerät es vielleicht in der Eile Ihrer Abreise wieder in Vergessenheit.“

„Kanes Gebühr für das Stimmen eines Klaviers beträgt fünf Schilling“, bemerkte Mr. Carlyle.

„Aber er war lange damit beschäftigt und hat auch etwas mit den Hämmern gemacht. Es ist nicht zu viel; außerdem habe ich ihm nie etwas zu essen bestellt. Er braucht Geld noch dringender als ich“, fügte sie mit dem schwachen Versuch eines Lächelns hinzu. „Aber ich hätte nicht den Mut aufgebracht, Lord Mount Severn darum zu bitten, dass er so an ihn denkt, wie Sie es gerade von mir gehört haben. Wissen Sie, was ich ansonsten in diesem Fall getan hätte?“

„Was hätten Sie getan?“, lächelte er.

„Ich hätte Sie gebeten, ihn für mich zu bezahlen, und hätte es Ihnen zurückgezahlt, sobald ich Geld habe. Ich hatte fest vor, Sie zu fragen, wissen Sie; es wäre weniger schmerzlich gewesen als wenn ich gezwungen gewesen wäre, es von Lord Mount Severn zu erbitten.“

„Das hoffe ich doch“, antwortete er in leisem, ernstem Ton. „Was kann ich sonst noch für Sie tun?“

Sie wollte gerade antworten „nichts – Sie haben doch schon genug getan“, aber in diesem Augenblick wurde ihre Aufmerksamkeit durch Betriebsamkeit vor dem Haus abgelenkt, und beide gingen zum Fenster.

Es war die Kutsche, die Lady Isabel abholen sollte – der Wagen des verstorbenen Earl, der sie zu dem fünf oder sechs Meilen entfernten Bahnhof bringen würde. Er war mit vier Postpferden bespannt – die Zahl hatte Lord Mount Severn festgelegt, denn er wünschte offensichtlich, dass Isabel die Gegend in der gleichen Stellung verließ, in der sie gekommen war. Der Wagen war beladen, und Marvel saß auf dem Außensitz.

„Es ist alles bereit“, sagte Isabel, „und es ist nun an der Zeit, dass ich abfahre. Mr. Carlyle, ich hinterlasse Ihnen ein Vermächtnis – diese hübschen goldenen und silbernen Fische, die ich vor ein paar Wochen mitgebracht habe.“

„Aber warum nehmen Sie die nicht mit?“

„Mit zu Lady Mount Severn? Nein, da lasse ich sie lieber bei Ihnen. Werfen Sie hin und wieder ein paar Brotkrümel in das Goldfischglas.“

Ihr Gesicht war nass von den Tränen, und er wusste, dass sie hektisch sprach, um ihre Gefühle zu verbergen.

„Setzen Sie sich doch für ein paar Minuten“, sagte er.

„Nein – nein. Ich gehe besser sofort.“

Er nahm ihre Hand und führte sie zum Wagen. Die Bediensteten hatten sich in der Diele versammelt und warteten auf sie. Einige waren in den Diensten ihres Vaters grau geworden. Sie streckte die Hand aus, bemühte sich, ein Wort des Dankes und des Abschieds zu sagen, und glaubte zu ersticken, als sie das Schluchzen herunterschlucken wollte. Schließlich war es vorüber; ein freundlicher Blick in die Runde, ein sehnsuchtsvolles Winken, und sie ging mit Mr. Carlyle weiter.

Pound war auf seinen Platz neben Marvel geklettert, und die Stallburschen warteten auf das Abfahrtssignal, aber Mr. Carlyle öffnete noch einmal die Tür der Kutsche, beugte sich hinein und hielt ihre Hand fest.

„Ich habe kein Wort des Dankes für Ihre ganze Freundlichkeit gesagt, Mr. Carlyle“, rief sie, und ihr Atem ging schwer. „Sie haben sicher gesehen, dass ich es nicht konnte.“

„Ich wünsche mir, ich hätte mehr tun können; ich wünsche mir, ich hätte Sie vor den Belästigungen abschirmen können, die Sie zu ertragen gezwungen waren!“, erwiderte er. „Falls wir uns nie wiedersehen …“

„Oh, wir werden uns wiedersehen“, unterbrach sie ihn. „Sie haben Lord Mount Severn ein Versprechen gegeben.“

„Das stimmt; also werden wir uns beiläufig wiedersehen – irgendwann einmal; aber unsere gewöhnlichen Lebenswege liegen weit auseinander. Gott segne Sie für immer, liebe Lady Isabel!“

Die Stalljungen trieben ihre Pferde an, und die Kutsche nahm Fahrt auf. Isabel zog die Vorhänge zu und lehnte sich in tränenreichem Schmerz zurück – Tränen für das Haus, das sie verließ, Tränen für den Vater, den sie verloren hatte. Ihre letzten Gedanken waren Gedanken der Dankbarkeit für Mr. Carlyle gewesen; aber sie hatte mehr Grund, ihm dankbar zu sein, als sie bisher wusste. Die Gefühle hatten sich bald verbraucht, und als ihre Augen wieder klar wurden, sah sie ein Stück zerknülltes Papier auf ihrem Schoß liegen – offensichtlich war es ihr aus der Hand gefallen. Mechanisch griff sie danach und faltete es auseinander: Es war eine Banknote über hundert Pfund.

Mancher Leser wird nun meinen, dies sei literarische Romantik, und eine an den Haaren herbeigezogene noch dazu, aber es ist tatsächlich vollkommen wahr. Mr. Carlyle hatte den Geldschein gezielt zu diesem Zweck am Morgen mit nach East Lynne gebracht.

Lady Isabel traute ihren Augen kaum; sie bestaunte die Banknote – starrte sie immer und immer wieder an. Woher kam sie? Wie war sie dorthin gelangt? Plötzlich schoss ihr die unbezweifelbare Wahrheit durch den Kopf: Mr. Carlyle hatte sie ihr in die Hand gedrückt.

Ihre Wangen brannten, ihre Finger zitterten, ihr Geist erhob sich in wütender Abwehr. Im ersten Augenblick der Entdeckung war sie bereit, das Geld als Beleidigung zurückzuweisen; aber als sie sich an die nüchternen Tatsachen der letzten Tage erinnerte, schwand ihre Wut und wurde zur Bewunderung für seine großartige Freundlichkeit. Wusste er, dass sie kein Zuhause hatte, welches sie das ihre nennen konnte, und kein Geld – absolut kein Geld außer dem, das er ihr aus Barmherzigkeit gegeben hatte?

Als Lord Mount Severn nach London und zu dem Hotel kam, in dem die Vanes abzusteigen pflegten, war das Erste, worauf sein Blick fiel, seine eigene Ehefrau, von der er geglaubt hatte, sie befinde sich in Sicherheit im Castle Marling. Er erkundigte sich nach dem Grund.

Lady Mount Severn machte sich mit Erklärungen wenig Mühe. Sie sei seit einem oder zwei Tagen hier, könne ihre Trauerangelegenheiten persönlich besser ordnen, und William schien es nicht gut zu gehen, deshalb habe sie ihn wegen des Luftwechsels mitgebracht.

„Ich bedaure sehr, dass du nach London gekommen bist, Emma“, bemerkte der Earl, nachdem er alles gehört hatte. „Isabel ist heute nach Castle Marling gereist.“

Lady Mount Severn hob ruckartig den Kopf. „Was will sie dort?“

„Es ist eine ganz und gar erbärmliche Angelegenheit“, gab der Earl zurück, ohne unmittelbar auf die Frage zu antworten. „Mount Severn ist ärmer als ein Bettler gestorben, und für Isabel ist kein einziger Schilling mehr da.“

„Es war nie damit zu rechnen, dass viel übrig bleiben würde.“

„Aber da ist nichts – kein einziger Penny; nichts für ihre eigenen persönlichen Auslagen. Ich habe ihr heute ein oder zwei Pfund gegeben, denn sie war vollkommen mittellos!“

Die Gräfin riss die Augen auf. „Wo soll sie wohnen? Was soll aus ihr werden?“

„Sie muss bei uns wohnen. Sie …“

„Bei uns!“, unterbrach ihn Lady Mount Severn, wobei ihre Stimme fast an ein Schreien grenzte. „Niemals!“

„Sie muss, Emma. Es gibt keinen anderen Ort, an dem sie leben könnte. Ich hatte die Pflicht, so zu entscheiden; und wie ich schon sagte, ist sie heute nach Castle Marling gereist.“

Lady Mount Severn wurde blass vor Wut. Sie erhob sich von ihrem Platz und blickte ihrem Mann, den Tisch zwischen ihnen, ins Gesicht. „Hörʼ zu, Raymond. Ich will Isabel Vane nicht unter meinem Dach haben. Ich hasse sie. Wie konntest du dich beschwatzen lassen, in so etwas einzuwilligen?“

„Ich wurde nicht beschwatzt und nicht um eine Einwilligung gebeten“, gab er sanft zurück. „Ich habe es vorgeschlagen. Wo sollte sie sonst hingehen?“

„Es kümmert mich nicht, wo sie hingeht“, lautete die halsstarrige Erwiderung. „Jedenfalls nicht zu uns.“

„Sie ist jetzt schon in Castle Marling – ist dorthin als zu ihrem Zuhause gereist“, sagte der Earl. „Und wenn du zurückkommst, wirst selbst du es kaum wagen, sie auf die Straße oder ins Arbeitshaus zu schicken. Sie wird dir nicht lange zur Last fallen“, fuhr der Earl unbekümmert fort. „Ein so liebreizendes Mädchen wie Isabel wird sicher früh heiraten; und sie scheint mir das sanftmütigste, liebenswürdigste Mädchen zu sein, das ich jemals gesehen habe. Ob das deine Abneigung gegen sie lindern kann, wage ich nicht zu vermuten. So mancher Mann wäre bereit, ihren Mangel an Vermögen um ihres Gesichts willen zu vergessen.“

„Sie soll den Ersten heiraten, der sie fragt“, fauchte die wütende Lady zurück. „Dafür werde ich sorgen.“

Kapitel 12 Leben auf Castle Marling

Isabel wohnte ungefähr seit zehn Tagen in ihrem neuen Zuhause, da trafen Lord und Lady Mount Severn in Castle Marling ein. Das Haus war kein Schloss, wie man meinen könnte, sondern der Name bezeichnete eine Kleinstadt, die fast unmittelbar an ihren Wohnsitz, ein kleines Anwesen, angrenzte. Lord Mount Severn hieß Isabel willkommen; Lady Mount Severn tat es höflichkeitshalber ebenfalls, aber ihr Betragen war dabei so abstoßend, so unverschämt herablassend, dass es ein empörtes Rot in die Wangen von Lady Isabel trieb. Und wenn das schon bei ihrem ersten Zusammentreffen geschah, was würde man wohl meinen, wie es weiterging? Sie wurde mit anzüglichen Beleidigungen, kleinlichen Kränkungen und abschreckenden Schikanen überhäuft, die ihr Durchhaltevermögen bis zum Äußersten strapazierten; wenn sie allein war, rang sie die Hände und wünschte sich leidenschaftlich, sie könne eine andere Zuflucht finden.

Der Earl und die Gräfin hatten zwei Söhne, und der jüngere der beiden, der immer ein zartes Kind gewesen war, starb im Februar. Das bedeutete für ihre Pläne eine gewisse Veränderung. Statt zu Ostern nach London zu reisen, wie man es vorgehabt hatte, würden sie nun erst im Mai fahren. Der Earl hatte einen Teil des Winters auf Mount Severn verbracht, um dort die Reparaturen und Renovierungsarbeiten zu beaufsichtigen. Im März fuhr er nach Paris und war dabei voller Kummer wegen des Verlusts seines Sohnes – sein Kummer war viel größer als jener, den Lady Mount Severn empfand.

Der April rückte heran, und mit ihm kam Ostern. Zum unverhohlenen Missfallen von Lady Mount Severn schrieb ihr ihre Großmutter, Mrs. Levison, sie brauche eine Luftveränderung und werde Ostern bei ihr in Castle Marling verbringen. Lady Mount Severn hätte ihre Diamanten dafür gegeben, um den Besuch herumzukommen, aber es gab kein Entrinnen – und die Diamanten hatten einst Isabel gehört, oder zumindest hatte Isabel sie getragen. Am Montag der Karwoche traf die alte Dame ein, und mit ihr kam Francis Levison. Andere Gäste hatten sie nicht. Bis Karfreitag verlief alles ziemlich reibungslos.

Am Nachmittag des Karfreitags schlenderte Isabel mit dem kleinen William Vane nach draußen; Captain Levison schloss sich ihnen an, und als sie zurückkehrten, war es schon fast Zeit zum Abendessen. Die drei traten gemeinsam ins Haus, wo Lady Mount Severn die ganze Zeit Buße getan und ihre Wut gegen Isabel gepflegt hatte, weil Mrs. Levison sie drinnen festgehalten hatte. Es blieb kaum Zeit, um sich zum Abendessen umzukleiden, und Isabel ging geradewegs in ihr Zimmer. Sie legte das Kleid ab und zog den Morgenmantel an. Marvel war mit ihren Haaren beschäftigt, und William plapperte auf ihrem Knie, da wurde die Tür aufgerissen, und Mylady trat ein.

„Wo sind Sie gewesen?“, verlangte sie zu wissen, wobei sie vor Leidenschaft zitterte. Isabel kannte die Anzeichen.

„Ich bin im Strauchgarten und auf dem Gelände spazieren gegangen“, antwortete Isabel.

„Wie können Sie es wagen, sich so zu blamieren!“

„Ich verstehe Sie nicht“, sagte Isabel, wobei ihr Herz unangenehm zu pochen begann. „Marvel, du ziehst an meinen Haaren.“

Wenn Frauen, die zu ungehemmten Ausbrüchen der Leidenschaft neigen, die Zügel schießen lassen, wissen sie oft nicht mehr, was sie sagen, und es kümmert sie auch nicht. Lady Mount Severn brach in eine Flut von Vorwürfen und Beschimpfungen aus, die meisten davon erniedrigend und durch nichts zu rechtfertigen.

„Es reicht nicht, dass man Ihnen Unterschlupf in meinem Haus gewährt hat, sondern Sie müssen es auch noch blamieren! Drei Stunden haben Sie sich zusammen mit Francis Levison versteckt! Von dem Augenblick an, da er gekommen ist, haben Sie nichts anderes getan als ihm schöne Augen zu machen; und auch zu Weihnachten war es nicht anders.“

Der Angriff war noch länger und weiter gefasst, aber dies war seine wesentliche Aussage, und sie stachelte Isabel zum Widerspruch an, zu einer Wut, die kaum weniger groß war als die der Gräfin. So etwas! – und dann auch noch vor ihrer Bediensteten! Sie, die Tochter eines Earl und von viel höherer Geburt als Emma Mount Severn, musste sich wegen der wahnhaften Eifersucht einer anderen so beleidigend beschuldigen lassen. Isabel riss Marvel ihre Haare aus der Hand, erhob sich und stellte sich der Gräfin gegenüber, wobei sie sich zu einer ruhigen Stimme zwang.

„Ich mache keine schönen Augen!“, sagte sie. „Ich habe noch nie jemandem schöne Augen gemacht. Das überlasse ich“ – und sie konnte den Hohn, den sie spürte, in ihrer Stimme nicht ganz unterdrücken – „verheirateten Frauen; allerdings scheint mir, dass dies bei ihnen eher ein verzeihlicher Fehler ist als bei Alleinstehenden. Seit ich hier wohne, gibt es unter den Bewohnerinnen dieses Hauses nur eine, die schöne Augen macht, so weit ich gesehen habe; bin ich das oder sind Sie das, Lady Mount Severn?“

Die intime Wahrheit blieb bei ihrer Ladyschaft nicht ohne Wirkung. Sie wurde weiß vor Wut, vergaß ihre Manieren, hob die rechte Hand und versetzte Isabel einen heftigen Schlag auf die linke Wange. Verwirrt und erschrocken vor Schmerzen, blieb Isabel stehen, und bevor sie noch sprechen oder handeln konnte, erhob sich die linke Hand von Mylady zur anderen Wange und schlug auch sie. Lady Isabell zitterte wie von plötzlicher Kälte und schrie auf – ein spitzer, schneller Schrei. Sie bedeckte ihr wütendes Gesicht mit den Händen und sank auf den Ankleidestuhl. Marvel warf vor Entsetzen die Hände in die Luft, und William Vane hätte auch nicht in heftigeres Geschrei ausbrechen können, wenn er selbst geschlagen worden wäre. Der Junge – er war von sensiblen Wesen – hatte Angst.

Mein lieber Leser, gehören Sie zu den Unerfahrenen, die ihre Vorstellungen vom „Leben der besseren Kreise“ nur aus den Romanen in einer Bibliothek beziehen, die deren hoch gestochenen Inhalt für ein Evangelium halten und mit religiösem Eifer glauben, Lords und Ladys würden ausschließlich nach den Regeln des guten Benehmens in höheren Sphären leben, sprechen, essen, sich bewegen und atmen? Stehen Sie wie so viele andere unter dem Wahn, Herzöge und Herzoginnen würden ihre Tage nur damit verbringen, über „Bilder, Geschmack, Shakespeare und die Glasharmonika“ zu sprechen? Glauben Sie, diese seien nur an höflichen Silberdrähten aufgehängt und könnten den Zügeln nicht entkommen, nie Wutausbrüchen und ungewöhnlichen Worten Luft verschaffen, wie gewöhnliche Sterbliche es tun? Nein: So wird es erst dann sein, wenn der Große Schöpfer es für angemessen hält, Männer in die Welt zu schicken, die frei von unheilvollem Temperament, bösen Leidenschaften und den Sünden sind, die wir seit Adams Fall geerbt haben.

Lady Mount Severn brachte die Szene zum Abschluss, indem sie William wegen seines Lärms einen Faustschlag versetzte, ihn aus dem Zimmer stieß und ihm sagte, er sei ein Affe.

Isabel Vane durchlebte eine endlose Nacht voller Tränen des Ärgers und der Empörung. In Castle Marling konnte sie nicht bleiben – wer hätte das nach einem so empörenden Auftritt getan? Aber wohin sollte sie gehen? Fünfzigmal während der Nacht wünschte sie sich, sie würde neben ihrem Vater liegen, denn die Gefühle gewannen die Oberhand über ihre Vernunft; in ruhigen Augenblicken wäre sie vor dem Gedanken an den Tod zurückgeschreckt, wie es sich für junge, gesunde Menschen gehört.

Am Samstagmorgen erhob sie sich schwach und träge – die Auswirkungen einer kummervollen Nacht –, und Marvel brachte ihr das Frühstück herauf. Danach schlich sich William Vane in ihr Zimmer; er hing in bemerkenswert starkem Maße an ihr.

„Mama geht aus“, rief er im Laufe des Vormittags aus. „Sieh mal, Isabel.“

Isabel ging zum Fenster. Lady Mount Severn saß in der Ponykutsche, Francis Levison lenkte.

„Jetzt können wir nach unten gehen, Isabel, es ist niemand da.“

Sie stimmte zu und ging mit William hinunter; aber sie saßen kaum im Salon, da trat ein Diener mit einer Karte auf einem Silbertablett ein.

„Mylady, ein Gentleman wünscht Sie zu sehen.“

„Mich zu sehen!“, gab Isabel überrascht zurück. „Oder Lady Mount Severn?“

„Er hat nach Ihnen gefragt, Mylady.“

Sie griff nach der Karte. „Mr. Carlyle.“ „Oh“, stieß sie in einem Ton der freudigen Überraschung hervor, „führen Sie ihn herein.“

Es ist seltsam, nein, geradezu abstoßend, den Faden im Leben eines Menschen zu verfolgen; zuzusehen, wie die banalsten Vorkommnisse zu den größten Ereignissen des Daseins führen und Glück oder Elend, Wohl und Wehe mit sich bringen. Ein Mandant von Mr. Carlyle war gerade auf dem Weg von einem Teil Englands zum anderen gewesen und wurde durch eine Krankheit in Castle Marling festgehalten – eine schwere Krankheit, so schien es, die Ängste vor dem Tod heraufbeschwor. Er hatte seine Angelegenheiten noch nicht geregelt, wie man so sagt, und man hatte eilig nach Mr. Carlyle telegrafiert, damit er das Testament aufsetzte und andere Privatsachen erledigte. Für Mr. Carlyle schien die Reise ein sehr einfacher Vorgang zu sein, und doch war sie dazu bestimmt, zu Ereignissen zu führen, die erst mit seinem eigenen Leben ihr Ende finden sollten.

Mr. Carlyle trat ein, wie immer der ungekünstelte Gentleman mit seiner edlen Gestalt, seinem attraktiven Gesicht und den hängenden Augenlidern. Isabel trat auf ihn zu, um ihn zu begrüßen; sie streckte die Hand aus, und ihre ganze Haltung verriet ihre Freude.

„Das kommt wirklich unerwartet“, rief sie aus. „Ich bin höchst erfreut, Sie zu sehen.“

„Geschäfte haben mich gestern nach Castle Marling geführt, und ich konnte den Ort nicht wieder verlassen, ohne bei Ihnen vorzusprechen. Wie ich höre, ist Lord Mount Severn abwesend.“

„Er ist in Frankreich“, erwiderte sie. „Ich habe gesagt, wir würden uns noch einmal wiedersehen; erinnern Sie sich, Mr. Carlyle? Sie…“

Isabel hielt plötzlich inne; bei dem Wort „erinnern“ erinnerte auch sie sich an etwas – an die Hundert-Pfund-Note, und was sie sagen wollte, blieb ihr im Hals stecken. Sie wurde immer verwirrter, denn leider hatte sie die Banknote gewechselt und teilweise ausgegeben. Wie hätte sie Lady Mount Severn um Geld bitten sollen? Und der Earl war fast immer weit weg. Mr. Carlyle erkannte ihre Verlegenheit, nahm aber die Ursache wahrscheinlich nicht wahr.

„Was für ein hübscher Junge!“, rief er und sah das Kind an.

„Das ist Lord Vane“, sagte Isabel.

„Ein aufrichtiger, ernster Charakter, da bin ich sicher“, fuhr er fort und blickte auf den offenherzigen Gesichtsausdruck. „Wie alt bist du, kleiner Mann?“

„Ich bin sechs, Sir, und mein Bruder war vier.“

Isabel beugte sich zu dem Kind hinunter – ein Vorwand, um ihre Verblüffung zu verbergen. „Du kennst diesen Gentleman nicht, William. Das ist Mr. Carlyle. Er war sehr freundlich zu mir.“

Der kleine Lord hatte seinen gedankenvollen Blick auf Mr. Carlyle gerichtet und studierte offensichtlich dessen Gesichtsausdruck. „Ich mag Sie, Sir, wenn Sie nett zu Isabel sind. Sind Sie nett zu ihr?

„Sehr, sehr nett“, murmelte Isabel, kehrte William den Rücken zu und wandte sich zu Mr. Carlyle, ohne ihn aber anzusehen. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll; ich sollte Ihnen danken. Ich hatte nicht die Absicht, dass … es zu verwenden; aber ich … ich …“

„Pssst!“, unterbrach er sie und lachte über ihre Verwirrung. „Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Ich habe Ihnen ein großes Unglück mitzuteilen, Lady Isabel.“

Sie hob den Blick und ihre glühenden Wangen, die durch ihre eigenen Gedanken ein wenig erregt waren.

„Zwei Ihrer Fische sind tot. Die goldenen.“

„Wirklich?“

„Ich glaube, sie sind durch den Frost gestorben; ich weiß nicht, woran es sonst gelegen haben könnte. Sie erinnern sich doch sicher noch an die eisigen Tage im Januar; damals sind sie gestorben.“

„Es war sehr freundlich von ihnen, dass Sie sich die ganze Zeit darum gekümmert haben. Wie sieht es in East Lynne aus? Das liebe East Lynne! Ist es bewohnt?“

„Noch nicht. Ich habe ein wenig Geld hineingesteckt, aber der Aufwand macht sich bezahlt.“

Die Erregung über seine Ankunft hatte sich gelegt, und Isabel sah wieder aus wie sie selbst: blass und traurig. Mr. Carlyle konnte nicht anders als festzustellen, dass sie sich verändert hatte.

„Ich kann nicht damit rechnen, dass ich in Castle Marling so gut aussehe wie in East Lynne“, antwortete sie.

„Ich darf doch davon ausgehen, dass dies für Sie ein glückliches Zuhause ist?“, fragte Mr. Carlyle aus einem Impuls heraus.

Sie sah ihn mit einem Blick an, den er nie vergessen würde; er sprach eindeutig von Verzweiflung. „Nein“, sagte sie und schüttelte den Kopf, „es ist ein schreckliches Zuhause, und ich kann hier nicht bleiben. Ich war die ganze Nacht wach und habe darüber nachgedacht, wohin ich gehen kann, aber ich weiß es nicht; ich habe auf der ganzen weiten Welt keinen Freund.“

Man sollte niemals vor Kindern über Geheimnisse sprechen, denn man kann sicher sein, dass sie erheblich mehr verstehen, als angemessen wäre; das Sprichwort „kleine Leute haben große Ohren“ ist auf wunderbare Weise wahr. Der kleine Lord Vane streckte Mr. Carlyle die Hand entgegen.

„Isabel hat mir heute Morgen gesagt, sie wird von uns weggehen. Soll ich Ihnen sagen, warum? Mama hat sie gestern geschlagen, als sie wütend war.“

„Still, William!“, unterbrach ihn Lady Isabel mit feuerrotem Gesicht.

„Zwei große Klapse auf die Wangen“, fuhr der junge Adlige fort; „und Isabel hat so geschrien, und ich habe gekreischt, und dann hat Mama mich auch gehauen. Aber Jungen sind so gemacht, dass man sie verhauen kann; das sagt das Kindermädchen. Marvel ist ins Kinderzimmer gekommen, als wir Tee getrunken haben, und hat dem Kindermädchen davon erzählt. Sie sagt, Isabel sieht zu gut aus, und deshalb kann Mama …“

Isabel unterbrach den Redefluss des Kindes, läutete heftig, zog ihn zur Türe und ließ ihn von der Dienerin, die erschienen war, ins Kinderzimmer bringen.

Mr. Carlyles Blicke waren voller empörten Mitgefühls. „Ist das wahr?“, fragte er mit leiser Stimme, als sie zu ihm zurückkehrte. „Sie brauchen tatsächlich einen Freund.“

„Ich muss mein Los ertragen“, erwiderte sie und gab damit dem Impuls nach, der sie veranlasste, sich Mr. Carlyle anzuvertrauen. „Zumindest bis Lord Mount Severn zurückkommt.“

„Und dann?“

„Ich weiß es wirklich nicht“, sagte sie, wobei die widerspenstigen Tränen ihr schneller in die Augen stiegen, als sie sie herunterschlucken konnte. „Er kann mir kein anderes Zuhause bieten; aber bei Lady Mount Severn kann und werde ich nicht bleiben. Sie würde mir das Herz brechen, wie sie mir schon beinahe den Mut gebrochen hat. Das habe ich von ihr nicht verdient, Mr. Carlyle.“

„Nein, das haben Sie ganz sicher nicht“, erwiderte er liebenswürdig. „Ich würde Ihnen so gern helfen! Was kann ich tun?“

„Sie können nichts tun“, sagte sie. „Was kann überhaupt irgendjemand tun?“

„Ich würde Ihnen sehr, sehr gern helfen!“, wiederholte er. „East Lynne war für Sie alles in allem kein angenehmes Zuhause, aber es scheint, als hätten Sie es noch schlechter getroffen, nachdem Sie es verlassen haben.“

„Kein angenehmes Zuhause?“, fragte sie. Die Erinnerungen erschienen ihr in diesem Augenblick köstlich, aber man muss daran denken, dass alle Dinge im Vergleich beurteilt werden. „Doch, es war angenehm; ein so angenehmes Zuhause werde ich nie wieder haben. Mr. Carlyle, machen Sie mir East Lynne nicht verächtlich! Würde ich doch nur erwachen und feststellen, dass die letzten Monate nichts anderes als ein böser Traum waren! Dass ich meinen lieben Vater lebendig wiederfinden könnte! Dass wir immer noch friedlich in East Lynne leben. Das wäre für mich heute ein wahres Paradies.“

Was sollte Mr. Carlyle darauf sagen? Welches Gefühl brachte seine Miene in Bewegung, hemmte seinen Atem und färbte sein Gesicht blutrot? Sein Schutzengel wachte sicher nicht über ihm, sonst wären diese Worte nie gesprochen worden.

„Es gibt nur einen Weg“ begann er, wobei er ihre Hand nahm und nervös damit spielte, vermutlich ohne sich dessen bewusst zu sein. „Nur einen Weg, wie Sie nach East Lynne zurückkehren könnten. Und dieser Weg – vielleicht sollte ich mir nicht die Freiheit erlauben, darauf hinzuweisen.“

Sie sah ihn an und wartete auf eine Erklärung.

„Wenn meine Worte Sie beleidigen, Lady Isabel, gebieten Sie ihnen Einhalt, wie meine Dreistigkeit es verdient, und verzeihen Sie mir. Darf ich … darf ich es wagen … Ihnen anzubieten, dass sie nach East Lynne als Hausherrin zurückkehren?“

Sie begriff nicht im Mindesten, was er meinte: Der Inhalt seiner Worte dämmerte ihr überhaupt nicht. „Nach East Lynne als Hausherrin zurückkehren?“, wiederholte sie in völliger Verblüffung.

„Und als meine Ehefrau?“

Jetzt gab es keine Möglichkeit des Missverstehens mehr. Schreck und Überraschung waren groß. Sie hatte hier an Mr. Carlyles Seite gestanden, hatte im Vertrauen mit ihm gesprochen, ihn hoch geschätzt und ein Gefühl gehabt, als sei er ihr aufrichtigster Freund auf Erden. Sie hatte im Herzen an ihm gehangen wie an einem mächtigen Ort der Zuflucht, hatte ihn fast so geliebt, wie sie einen Bruder lieben würde, hatte zugelassen, dass ihre Hand in der seinen blieb. Aber seine Ehefrau zu sein! Der Gedanke hatte sich ihr bis zu diesem Augenblick nie in irgendeiner Form dargestellt; das erste Gefühl in ihr war der völlige Widerspruch, und ihre erste Bewegung, um ihn auszudrücken, bestand in dem Versuch, sich selbst und ihre Hand von ihm zurückzuziehen.

Aber es geschah nicht; Mr. Carlyle ließ es nicht zu. Er hielt nicht nur diese Hand fest, sondern nahm auch die andere und sprach jetzt, da das Eis gebrochen war, beredte Worte der Liebe. Keine inhaltslosen, wohlklingenden Phrasen von Herz und Schmerz und dass er für sie sterben würde, wie ein anderer sie vielleicht geäußert hätte, sondern ernste, aus dem Innersten kommende Worte der tiefen Zärtlichkeit, die darauf berechnet waren, nicht nur ihre Ohren und ihr Herz zu gewinnen, sondern die guten Seiten der Seele; und wäre ihre Fantasie nicht von jenem „anderen“ erfüllt gewesen, sie hätte möglicherweise hier und jetzt Ja gesagt.

Plötzlich wurden sie unterbrochen. Lady Mount Severn trat ein und begriff die Szene auf den ersten Blick, verstand Mr. Carlyles gebeugte Haltung der Ehrerbietung, seine Umklammerung der Hände und Isabels verblüffte, errötete Miene. Sie warf den Kopf und ihre kleine, vorwitzige Nase in die Höhe und blieb auf dem Teppich wie angewurzelt stehen; ihr eisiger Blick verlangte so offensichtlich eine Erklärung, wie ein Blick es nur kann. Mr. Carlyle wandte sich zu ihr, und um Isabel zu verschonen, stellte er sich selbst vor. Isabel hatte gerade noch die Geistesgegenwart, den Namen zu nennen: „Lady Mount Severn.“

„Es tut mir leid, dass Lord Mount Severn abwesend ist, denn ich habe die Ehre, ihn zu kennen“, sagte er. „Ich bin Mr. Carlyle.“

„Ich habe von Ihnen gehört“, erwiderte ihre Ladyschaft, wobei sie sein gutes Aussehen musterte und verärgert war, dass er seine Ehrerbietung da erwies, wo sie erwiesen wurde, „aber ich habe noch nicht gehört, dass Sie und Lady Isabel in einem Verhältnis so außerordentlicher Vertraulichkeit stehen, dass … dass …“

„Madam“, unterbrach er sie, während er ihr einen Stuhl gab und selbst auf einem anderen Platz nahm, „wir standen nie in einem Verhältnis außerordentlicher Vertraulichkeit. Ich habe Lady Isabel gerade gebeten, dies zuzulassen; ich habe sie gebeten, meine Frau zu werden.“

Das Geständnis war für die Gräfin wie ein Balsamschauer, und ihre üble Laune verwandelte sich in Sonnenschein. Hier war die Lösung für ihre große Schwierigkeit, das Schlupfloch, durch das sie ihre bete noire, die verhasste Isabel, loswerden konnte. Eine Welle der Dankbarkeit erleuchtete ihr Gesicht, und auf einmal war sie gegenüber Mr. Carlyle die Liebenswürdigkeit selbst.

„Wie zutiefst dankbar muss Isabel Ihnen sein“, säuselte sie. „Ich spreche ganz offen, Mr. Carlyle, denn ich weiß, dass Ihnen bekannt ist, in welch schutzlosem Zustand sie durch die Leichtfertigkeit des Earl zurückgeblieben ist, sodass eine Ehe – jedenfalls eine Ehe in höheren Schichten – für sie fast nicht infrage kommt. Ich habe gehört, East Lynne sei ein wunderschöner Ort.“

„Jedenfalls für seine Größe; es ist nicht groß“, erwiderte Mr. Carlyle, während er sich erhob, denn Isabel hatte sich ebenfalls erhoben und kam auf ihn zu.

„Und wie, bitte, lautet Lady Isabels Antwort?“, fragte die Gräfin schnell, wobei sie sich ihr zuwandte.

Isabel ließ sich nicht dazu herab, ihr eine Antwort zu geben, sondern wandte sich zu Mr. Carlyle und sprach leise mit ihm.

„Würden Sie mir einige Stunden Bedenkzeit geben?“

„Ich bin nur allzu glücklich, dass Sie es bedenken wollen, denn das gibt mir Grund zur Hoffnung“, war seine Antwort, während er die Tür öffnete, damit sie hinausgehen konnte. „Ich werde heute Nachmittag wieder hier sein.“

In der Einsamkeit ihres Zimmers führte Lady Isabel mit sich selbst ein verwirrendes Zwiegespräch, während Mr. Carlyle über Mittel und Wege zur Behandlung von Lady Mount Severn nachdachte. Isabel war kaum mehr als ein Kind, und kindlich waren ihre Überlegungen. Sie blickte weder in die Weite noch in die Tiefe: Ihrem Blick präsentierte sich nur der seichte, spürbare Aspekt der Angelegenheit. Mr. Carlyle war kein Mann ihres eigenen Ranges, aber daran dachte sie kaum; East Lynne schien ihr ein angenehmer Ort zum Leben zu sein, und was Größe, Schönheit und Bedeutung anging, war es dem Haus, in dem sie sich jetzt befand, bei weitem überlegen. Sie vergaß, dass ihre Stellung in East Lynne als Mr. Carlyles Ehefrau eine ganz andere sein würde als die, welche sie als Lord Mount Severns Tochter innegehabt hatte; sie vergaß, dass sie an ein stilles Haus gebunden sein würde, ausgeschlossen von der großen Welt, von dem Pomp und den Eitelkeiten, in die sie hineingeboren war. Sie mochte Mr. Carlyle sehr; es bereitete ihr Vergnügen, mit ihm zu sprechen; sie war gern mit ihm zusammen; kurz gesagt, hätte die Gefahr bestanden, dass sie sich in Mr. Carlyle verliebte, hätte es da nicht jene andere, von schlechten Vorzeichen begleitete Fantasie gegeben, die sich in ihr breitgemacht hatte. Und ach! Für immer von jener bitteren Abhängigkeit von Lady Mount Severn befreit zu sein – nach alledem erschien ihr East Lynne wirklich so, wie sie es genannt hatte: als Paradies.

„Bis hierher sieht es günstig aus“, rief die arme Isabel im Geiste aus, „aber die Frage hat auch eine andere Seite. Es ist nicht nur so, dass ich Mr. Carlyle nicht liebe, sondern ich fürchte auch, ich liebe Francis Levison, oder ich liebe ihn beinahe. Wenn er mich doch fragen würde, ob ich seine Frau werden will! – sonst hätte ich ihn besser nie kennengelernt.“

Isabels innerer Monolog wurde unterbrochen, weil Mrs. Levison und die Gräfin eintraten. Was die Letztere zu der alten Dame gesagt hatte, um sie für ihre Sache zu gewinnen, wusste sie selbst am besten, aber sie war darin sehr beredt. Beide wollten Isabel mit allen nur denkbaren Argumenten veranlassen, Mr. Carlyles Antrag anzunehmen. Die alte Dame erklärte, man habe ihr nie jemanden vorgestellt, von dem sie so eingenommen gewesen sei, und sie könne unmöglich behaupten, es sei anders; er sei mehr wert als ein Dutzend hohlköpfiger Männer aus der großen weiten Welt.

Isabel hörte zu, schwankte in der einen und anderen Richtung, und als der Nachmittag kam, schmerzte ihr Kopf vom vielen Nachdenken. Der Stolperstein, den sie nicht überwinden konnte, hieß Francis Levison. Von ihrem Fenster aus sah sie Mr. Carlyle näherkommen, und als sie hinunter in den Salon ging, wusste sie nicht im Mindesten, wie ihre Antwort lauten würde. Schattenhaft kam ihr die Idee, ihn um mehr Zeit zu bitten und ihm ihre Antwort schriftlich mitzuteilen.

Im Salon war Francis Levison, und ihr Herz pochte heftig; das Pochen hätte sie davon überzeugen können, dass sie keinen anderen heiraten sollte.

„Wo haben Sie sich versteckt?“, rief er. „Haben Sie von unserem Missgeschick mit der Ponykutsche gehört?“

„Nein“, erwiderte sie.

„Ich habe Emma in die Stadt gefahren. Das Pony hat gescheut und ausgeschlagen, ist ausgerutscht und auf die Knie gefallen; daraufhin hat sie Angst bekommen, ist ausgestiegen und zu Fuß zurückgegangen. Also habe ich dem Biest eine Strafe gegeben und es rennen lassen, bis es zu Hause im Stall war, und so kam ich gerade rechtzeitig, damit man mich Mr. Carlyle vorstellen konnte. Er scheint ein durch und durch guter Bursche zu sein, Isabel. Ich kann Ihnen nur gratulieren.“

„Was!“, rief sie aus.

„Erschrecken Sie nicht. Wir gehören alle zur Familie, und Mylady hat es mir gesagt; anderswo würde ich es nicht verraten. Sie sagt, East Lynne sei ein erstrebenswerter Ort; viel Glück, Isabel.“

„Danke“, gab sie in sarkastischen Ton zurück, aber ihr Hals war rau, und ihre Lippen bebten. „Sie sind mit ihren Glückwünschen zu voreilig, Captain Levison.“

„Wirklich? Dann halte ich meine guten Wünsche zurück, bis der richtige Mann kommt. Ich selbst bin ja außen vor und wage nicht daran zu denken, ich könne in den glücklichen Zustand geraten“, fügte er vielsagend hinzu. „Ich habe wie andere in solchen Träumen geschwelgt, aber ich kann es mir nicht leisten, sie ernsthaft zu verfolgen. Ich bin ein armer Mann mit unsicheren Aussichten, und vielleicht bleibt mir nichts anderes übrig, als bis an mein Lebensende den Schmetterling zu spielen.“

Mit diesen Worten verließ er das Zimmer. Isabel konnte ihn unmöglich missverstehen, aber ihr schoss zum ersten Mal der Gedanke durch den Kopf, er könne falsch und herzlos sein. Ein Diener kam und führte Mr. Carlyle herein; an ihm war nichts Falsches oder Herzloses. Er schloss die Tür und kam auf sie zu, aber sie sagte nichts. Ihre Lippen waren weiß und zitterten. Mr. Carlyle wartete ab.

„Nun“, sagte er schließlich in sanftem Ton, „haben Sie sich entschlossen, mein Gebet zu erhören?“

„Ja. Aber …“ Sie konnte nicht weiter sprechen. Zuerst die eine, dann die andere Aufregung – es fiel ihr schwer, ihre Gefühle zu zügeln. „Aber … ich wollte Ihnen sagen …“

„Zur Zeit“, flüsterte er, wobei er sie zu einem Sofa führte, „können wir es uns beide leisten, noch zu warten. Ach, Isabel, du machst mich sehr glücklich!“

„Ich sollte Ihnen sagen, ich muss Ihnen sagen“, begann sie erneut inmitten hysterischer Tränen. „Ich habe zwar zu Ihrem Antrag ja gesagt, aber ich bin noch nicht … es kam so überraschend“, stammelte sie. „Ich mag Sie sehr gern; ich schätze und respektiere Sie; aber ich liebe Sie nicht.“

„Es würde mich wundern, wenn es anders wäre. Aber du wirst zulassen, dass ich mir deine Liebe verdiene, Isabel?“

„Oh ja“, erwiderte sie voller Ernst. „Darauf hoffe ich.“

Er zog sie näher zu sich, beugte das Gesicht nach vorn und nahm von ihren Lippen den ersten Kuss. Isabel war passiv; sie nahm an, sie hätte sich das Recht erworben, es zu sein. „Meine Liebste! Mehr verlange ich nicht.“

Kapitel 13 Ein Spaziergang im Mondschein

Als Mr. Carlyle nach West Lynne zurückkehrte, hatte er ganz ähnliche Gefühle wie ein Schüler aus Eton, der weiß, dass er Unfug angerichtet hat, und sich vor der Entdeckung fürchtet. Was seine eigenen Angelegenheiten anging, war er immer offen gewesen – er hatte nichts zu verbergen –, aber jetzt hielt er es für angemessen, sich nichts anmerken zu lassen. Er spürte, dass seine Schwester bei der Aussicht auf seine Eheschließung verbittert sein würde – das hatte ihn der Instinkt in den vergangenen Jahren gelehrt; und er glaubte, dass Lady Isabel ihr unter allen Frauen den größten Anlass zu Einwänden geben würde, denn Miss Carlyle hatte immer das Nützliche im Blick und empfand weder Sympathie noch Bewunderung für das Schöne. Er war sich zwar nicht sicher, aber möglicherweise war sie in der Lage, es darauf anzulegen und die Ehe zu vereiteln, falls ihr die Nachricht zu Ohren kam; ihr unbezähmbarer Wille war in ihrem Leben schon die Ursache vieler seltsamer Dinge gewesen. Deshalb wollen wir es Mr. Carlyle nicht vorwerfen, dass er im Hinblick auf seine Zukunftspläne völlige Zurückhaltung walten ließ.

Eine Familie namens Carew stand im Begriff, in East Lynne einzuziehen; sie wünschte es möbliert für drei Jahre zu mieten. In einigen kleineren Abmachungen waren sie anderer Ansicht als Mr. Carlyle, aber der hatte sich entschlossen, nicht nachzugeben. Während seines Aufenthalts in Castle Marling waren neue Nachrichten von der Familie gekommen: Sie hatte allen seinen Bedingungen zugestimmt und würde in East Lynne einziehen, sobald es bequemerweise möglich war. Miss Carlyle sparte nicht mit Glückwünschen; sie sagte, die Sache liege nun nicht mehr in ihren Händen; aber in dem ersten Brief, den Mr. Carlyle schrieb – lehnte er ab. Das sagte er Miss Carlyle nicht. Dem Haus wurde gerade der letzte Schliff gegeben und man traf alle Vorbereitungen für den Empfang der Bewohner; man hatte drei Dienstmädchen und zwei Diener eingestellt und mit Kost und Logis hingeschickt, bis die Familie eintreffen sollte.

Drei Wochen nach Mr. Carlyles Besuch in Castle Marling sprach Barbara Hare eines Abends bei Miss Carlyle vor und stellte fest, dass diese früher als gewöhnlich ihren Tee einnahm.

„Wir haben früher gegessen“ sagte Miss Corny, „und ich habe den Tee bestellt, sobald das Abendessen abgeräumt war. Ansonsten hätte Archibald keinen getrunken.“

„Ich komme ebenso gut ohne Tee aus. Und ich habe noch viele geschäftliche Angelegenheiten zu erledigen“, sagte der Angesprochene.

„Du kommst nicht ebenso gut ohne Tee aus“, rief Miss Corny, „und ich lasse nicht zu, dass du ohne ihn weggehst. Nehmen Sie Ihre Haube ab, Barbara. Er macht alles anders als andere; morgen fährt er nach Castle Marling, und er hat bis gerade eben kein Wort über die Reise verlauten lassen.“

„Ist dieser Invalide – Brewster, oder wie sein Name auch war – immer noch in Castle Marling bettlägerig?“, rief Barbara.

„Er ist immer noch dort“, sagte Mr. Carlyle.

Sobald der Tee vorüber war, sprang Barbara auf.

„Dill wartet im Büro auf mich“, erklärte Mr. Carlyle, „und ich habe noch einige Stunden Arbeit vor mir. Ich nehme allerdings an, es wird Ihnen nichts ausmachen, mit Peters Gesellschaft vorlieb zu nehmen, also beeilen Sie sich mit Ihrer Haube, Barbara.“

Sie nahm seinen Arm, und die beiden spazierten davon. Mr. Carlyle schlug hier und da mit Barbaras Regenschirm auf die Hecke und das Gras ein. Es dauerte nicht lange, da war der Griff zerbrochen.

„Ich habe mir gedacht, dass es so kommen würde“, sagte Barbara, während er den Schirm noch mit übertriebenem Entsetzen betrachtete. „Das macht nichts, der ist schon alt.“

„Ich werde Ihnen einen anderen als Ersatz mitbringen. Welche Farbe hat er? Braun. Ich werde es nicht vergessen. Halten Sie die Überreste einen Augenblick fest, Barbara.“

Er drückte ihr die Stücke in die Hand, nahm ein Notizbuch heraus und machte sich mit Bleistift eine Notiz.

„Wozu ist das?“, erkundigte sie sich.

Er hielt ihr das kleine Buch dicht vor die Augen, damit sie erkennen konnte, was er geschrieben hatte: „Brauner Regenschirm. B. H.“

„Zur Erinnerung für mich, Barbara, für den Fall, dass ich es vergesse.“

Barbaras scharfer Blick entdeckte noch einige weitere Gegenstände, die bereits in dem Notizbuch vermerkt waren: „Klavier“, „Teller“.

„Ich schreibe die Dinge auf, wie sie mir einfallen, denn ich muss sie in London besorgen“, erklärte er. „Ansonsten würde ich die Hälfte vergessen.“

„In London? Ich dachte, Sie reisen in die entgegengesetzte Richtung nach Castle Marling?“

Es war eine unbedachte Äußerung gewesen, aber Mr. Carlyle brachte sie in Ordnung.

„Ich werde vermutlich nicht nur nach Castle Marling, sondern auch nach London fahren müssen. Wie schön es aussieht, wenn der Mond dort drüben aufgeht, Barbara!“

„So hell – der Mond oder der Himmel – und ich habe Ihr Geheimnis gesehen“, antwortete sie. „Klavier! Teller! Was können Sie mit solchen Dingen anfangen, Archibald?“

„Sie sind für East Lynne“, erwiderte er leise.

„Ach, für die Carews.“ Damit war Barbaras Interesse an dem Gegenstand erloschen.

Sie bogen in die Straße unmittelbar unterhalb des Wäldchens ein und gingen darauf zu. Mr. Carlyle hielt Barbara das Tor auf.

„Kommen Sie doch herein und sagen Sie Mama gute Nacht. Erst kürzlich hat sie noch gesagt, Sie hätten sich in letzter Zeit sehr rar gemacht.“

„Ich war beschäftigt; und heute Abend habe ich wirklich keine Zeit. Stattdessen müssen Sie sie an mich erinnern.“ Er schüttelte ihr herzlich die Hand und schloss das Gartentor.

Zwei oder drei Tage nachdem Mr. Carlyle abgereist war, kam Mr. Dill zu Miss Carlyle und brachte ihr einen Brief. Sie war gerade eifrig damit beschäftigt, die Wirkung einiger neuer, kürzlich aufgehängter Musselingardinen zu begutachten und schenkte ihm keine große Beachtung.

„Würden Sie bitte den Brief entgegennehmen, Miss Cornelia? Der Postbote hat ihn bei uns im Büro gelassen. Er ist von Mr. Archibald.“

„Was? Warum muss er mir denn schreiben?“, erwiderte Miss Corny. „Sagt er, wann er nach Hause kommt?“

„Sehen Sie besser selbst, Miss Cornelia. Mir hat er es nicht mitgeteilt.“

Castle Marling, 1. Mai

Meine liebe Cornelia – Ich habe heute Morgen Lady Isabel Vane geheiratet und beeile mich, Dich kurz mit der Tatsache bekanntzumachen. Ich werde Dir morgen oder übermorgen ausführlicher schreiben und alles erklären.

Dein Dir zugetaner Bruder

Archibald Carlyle.

„Das ist eine Fälschung“, lautete die erste erstickte Äußerung, die aus Miss Carlyles Kehle drang, als sie die Sprache wiedergefunden hatte.

Mr. Dill stand nur da wie eine Steinsäule.

„Ich behaupte, das ist eine Fälschung“, tobte Miss Carlyle. „Was stehen Sie hier herum wie ein Ganter auf einem Bein?“, fuhr sie fort, womit sie ihrem Ärger an dem unschuldigen Mann ausließ. „Ist es eine Fälschung oder nicht?“

„Ich bin überwältigt von der Verblüffung, Miss Corny. Es ist keine Fälschung; ich habe ebenfalls einen Brief bekommen.“

„Es kann nicht wahr sein – es kann einfach nicht wahr sein. Als er hier vor drei Tagen abgereist ist, hat er nicht mehr ans Heiraten gedacht als ich.“

„Woher wollen wir das wissen, Miss Corny? Woher wollen wir wissen, dass er nicht abgereist ist, um zu heiraten? “

„Abgereist, um zu heiraten!“, kreischte Miss Corny in einem Anfall von Leidenschaft. „Ein solcher Narr wäre er nicht. Und dann diese feine Kinderlady! Nein – nein.“

„Er hat das hier geschickt, das in den Lokalzeitungen erscheinen soll“, sagte Mr. Dill, wobei er ein Stück Papier in die Höhe hielt. „Sie sind verheiratet, das steht fest.“

Miss Carlyle nahm das Papier und betrachtete es: Ihre Hand war kalt wie Eis und zitterte wie von einer Schüttellähmung.

„Eheschließung – am 1. des Monats in Castle Marling durch den Kaplan des Earl of Mount Severn: Archibald Carlyle, Esqire, aus East Lynne, und Lady Isabel Mary Vane, einziges Kind von William, verstorbener Earl von Mount Severn.“

Miss Carlyle zerriss das Papier in kleine Stücke und verstreute sie. Mr. Dill fertigte anschließend Abschriften aus dem Gedächtnis an und schickte sie an die Zeitungsbüros. Aber lassen wir das durchgehen.

„Das werde ich ihm nie verzeihen“, murmelte sie bedächtig, „und ich werde auch ihr nie verzeihen oder mich mit ihr abfinden.“

Kapitel 14 Das Erstaunen des Earl

Lord Mount Severn erfuhr erst durch die Heiratsanzeige in den Zeitungen von der Eheschließung. Er war kaum weniger vom Donner gerührt als Miss Corny und kam noch am gleichen Tag mit dem Dampfer nach England. Deshalb verpasste er den Brief, in dem seine Frau ihre Version der Angelegenheit darlegte. In London traf er sich mit Mr. Carlyle und Lady Isabel. Die beiden wohnten dort in einem der Hotels im Westend, allerdings nur für einen oder zwei Tage, dann wollten sie weiterreisen. Als der Earl gemeldet wurde, war Isabel allein.

„Was hat das zu bedeuten, Isabel?“, hob er an, ohne den Umweg über eine Begrüßung einzuschlagen. „Du bist verheiratet?“

„Ja“, antwortete sie mit ihrem hübschen, unschuldigen Erröten. „Schon seit einiger Zeit.“

„Und zwar mit Carlyle, dem Anwalt! Wie konnte es dazu kommen?“

Isabel überlegte, wie es dazu gekommen war, und das so lange, dass sie schließlich eine klare Antwort geben konnte. „Er hat mich gefragt, und ich habe zugestimmt“, sagte sie. „Er ist zu Ostern nach Castle Marling gekommen und hat mich gefragt. Ich war sehr überrascht.“

Der Earl sah sie durchdringend an. „Warum wurde ich darüber in Unkenntnis gelassen, Isabel?“

„Ich wusste nicht, dass du in Unkenntnis gelassen wurdest. Mr. Carlyle hat an dich ebenso geschrieben wie an Lady Mount Severn.“

Lord Mount Severn tappte im Dunkeln und sah auch so aus. „Ich nehme an“, sagte er laut zu sich selbst, „dass dein Vater diesem Gentlemen gestattet hat, täglich in East Lynne seine Aufwartung zu machen. Deshalb hast du dich in ihn verliebt.“

„Eigentlich nicht!“, antwortete sie in amüsiertem Ton. „Ich habe nie auch nur entfernt daran gedacht, mich in Mr. Carlyle zu verlieben.“

„Dann liebst du ihn also nicht?“, fragte der Earl unvermittelt.

„Nein!“, flüsterte sie ängstlich. „Aber ich habe ihn gern – oh, sogar sehr gern! Und er ist so gut zu mir.“

Der Earl strich sich über das Kinn und überlegte. Isabel hatte die einzige vernünftige Schlussfolgerung zerstört, zu der er gelangt war, was die Motive für die übereilte Eheschließung anging. „Wenn du Mr. Carlyle nicht liebst, wie kommt es dann, dass du so klug bist und zwischen ‚mögen‘ und ‚lieben‘ unterscheidest? Es ist doch nicht etwa so, dass du einen anderen liebst?“

Die Frage hatte ins Schwarze getroffen, und Isabel wurde dunkelrot. „Ich werde meinen Ehemann zu gegebener Zeit lieben“ – mehr sagte sie nicht, während sie den Kopf senkte und nervös mit ihrer Uhrkette spielte.

„Mein armes Kind!“, rief der Earl unwillkürlich aus. Aber er gehörte zu den Menschen, die gern alles bis in die Tiefe ausloten. „Wer hat in Castle Marling gewohnt, seit ich abgereist bin?“, fragte er in scharfem Ton.

„Mrs. Levison war zu Besuch.“

„Ich meinte Gentlemen – junge Männer.“

„Nur Francis Levison“, erwiderte sie.

„Francis Levison! Du warst doch nicht etwa so töricht, dich in ihn zu verlieben?“

Die Frage war so zugespitzt und kam so plötzlich, und Isabels Unsicherheit war zu allem Überfluss so groß, dass sie eine beklagenswerte Verwirrung erkennen ließ und der Earl es nicht nötig hatte, weiter zu fragen. Mitleid schlich sich in seinen harten Blick, der sich auf ihr niedergeschlagenes, glühendes Gesicht richtete.

„Isabel“, begann er gewichtig, „Captain Levison ist kein guter Mensch; wenn du jemals geneigt warst, ihn für einen zu halten, mache deinen Geist von dem Gedanken frei und halte ihn auf eine Armeslänge Distanz. Gib die Bekanntschaft auf – ermutige ihn zu keinerlei Vertraulichkeit.“

„Ich habe sie schon aufgegeben“, sagte Isabel, „und werde sie auch nicht wieder aufnehmen. Aber Lady Mount Severn hält offenbar viel von ihm, sonst hätte sie ihn nicht dort wohnen lassen.“

„Sie hält nicht allzu viel von ihm; niemand kann viel von Francis Levison halten“, gab der Earl nachdrücklich zurück.

Bevor Isabel noch antworten konnte, trat Mr. Carlyle ein. Er streckte dem Earl die Hand hin, aber der bemerkte es scheinbar nicht.

„Isabel“, sagte er, „es tut mir leid, dich hinauswerfen zu müssen, aber ich nehme an, ihr habt nur dieses eine Wohnzimmer. Ich möchte ein paar Worte an Mr. Carlyle richten.“

Sie verließ die beiden. Der Earl drehte sich auf dem Absatz um, sah Mr. Carlyle ins Gesicht und sprach in strengem, überheblichem Ton.

„Wie ist es zu dieser Eheschließung gekommen, Sir? Besitzen Sie so wenig Ehrgefühl, dass Sie meine Abwesenheit ausnutzen, um sich in meine Familie zu drängen und Lady Isabel Vane heimlich den Hof zu machen?“

Mr. Carlyle war verwirrt und wie vor den Kopf geschlagen. Er richtete sich zu voller Größe auf und sah mit jeder Faser ebenso furchtlos und weit edler aus als der Adlige. „Mylord, ich verstehe Sie nicht.“

„Ich habe mich doch klar ausgedrückt. Was ist es anderes als Heimlichtuerei, wenn man die Abwesenheit eines Vormundes ausnutzt und ein junges Mädchen zu einer nicht standesgemäßen Eheschließung überredet?“

„In meinem Betragen gegenüber Lady Isabel Vane war keine Heimlichtuerei; und in meinem Betragen gegenüber Lady Isabel Carlyle wird es nichts geben, was nicht ehrenhaft wäre. Eure Lordschaft wurden falsch unterrichtet.“

„Ich würde überhaupt nicht unterrichtet“, gab der Earl zurück. „Ich durfte es erst aus den Zeitungen erfahren – ich, der einzige Angehörige von Lady Isabel.“

„Als ich Lady Isabel den Antrag gemacht habe …“

„Vor noch nicht einmal einem Monat“, unterbrach ihn der Earl sarkastisch.

„Vor noch nicht einmal einem Monat“, wiederholte Mr. Carlyle in aller Ruhe, „bestand meine erste Handlung, nachdem Isabel den Antrag angenommen hatte, darin, Ihnen zu schreiben. Aber wenn ich mir nicht vorstelle, dass Sie den Brief vielleicht nicht erhalten haben – da Sie behaupten, sie hätten von der Eheschließung zum ersten Mal aus der Zeitung erfahren –, würde ich sagen, dass der Mangel an Höflichkeit auf Seiten Eurer Lordschaft lag, da Sie sich nicht dazu herabgelassen haben, mir zu antworten.“

„Was war der Inhalt des Briefes?“

„Ich habe erklärt, was geschehen war, habe erwähnt, was ich im Hinblick auf den Ehevertrag bieten könne, und habe auch geschrieben, dass Isabel und ich wünschten, dass die Zeremonie so bald wie möglich stattfinden möge.“

„Und wohin, bitte, haben Sie den Brief adressiert?“

„Lady Mount Severn konnte mir keine Adresse nennen. Sie sagte, wenn ich ihr den Brief anvertrauen würde, werde sie ihn zusammen mit dem, was sie selbst schrieb, weiterleiten, denn sie rechnete täglich damit, von Ihnen zu hören. Ich gab ihr den Brief und hörte von der Angelegenheit nichts mehr; ihre Ladyschaft schickte mir nur eine Nachricht, und darin stand, da von Ihnen keine Antwort gekommen sei, seien Sie natürlich einverstanden.“

„Ist das wirklich wahr?“, rief der Earl.

„Mylord“, antwortete Mr. Carlyle kühl, „welche Mängel ich in Ihren Augen auch haben mag, zumindest bin ich ein Mann der Wahrheit. Der Verdacht, Sie seien in Unkenntnis über die beabsichtigte Eheschließung gewesen, ist mir nie gekommen.“

„Dann bitte ich Sie insofern um Entschuldigung, Mr. Carlyle. Aber wie ist es überhaupt zu der Ehe gekommen – wie kam es, dass sie in so unziemlicher Eile geschlossen wurde? Wie Isabel mir sagt, haben Sie ihr zu Ostern den Antrag gemacht, und drei Wochen später haben Sie geheiratet.“

„Ich hätte sie noch an dem Tag, an dem ich den Antrag gemacht habe, geheiratet und mitgenommen, wenn es praktikabel gewesen wäre“, gab Mr. Carlyle zurück. „Ich habe jederzeit im Sinne ihrer Bequemlichkeit und ihres Glücks behandelt.“

„Ach, in der Tat!“, rief der Earl, wobei er zu seinem unfreundlichen Ton zurückkehrte. „Vielleicht wären Sie so gütig, mich über die Tatsachen und Ihre Motive in Kenntnis zu setzen.“

„Ich warne Sie: Die Tatsachen werden sich für Sie nicht angenehm anhören, Lord Mount Severn.“

„Gestatten sie mir, das selbst zu beurteilen“, sagte der Earl.

„Am Karfreitag führten mich Geschäfte nach Castle Marling. Am folgenden Tag sprach ich in Ihrem Haus vor; nach Ihrer eigenen und Isabels Einladung war das nur natürlich; es wäre sogar ein Bruch des angenehmen Verhältnisses gewesen, es nicht zu tun, aber ich musste feststellen, dass Isabel misshandelt wurde und elend aussah; sie erfreute sich in Ihrem Haus keineswegs eines angenehmen Zuhause…“

„Wie bitte?“, unterbrach ihn der Earl. „Misshandelt und elend?“

„Schlecht behandelt sogar bis hin zu Schlägen, Mylord.“

Der Earl stand da wie versteinert und starrte Mr. Carlyle an.

„Ich erfuhr es, das muss ich vorausschicken, durch die geplauderten Eröffnungen Ihres kleinen Sohnes; Isabel hätte es mir gegenüber natürlich nicht erwähnt; aber als das Kind gesprochen hatte, leugnete sie es nicht. Kurz gesagt, war sie zu sehr gebrochenen Herzens und zu vollständig in niedergeschlagener Stimmung, als dass sie es hätte abstreiten können. Es weckte in mir Gefühle der Empörung – in mir wuchs das unwiderstehliche Bestreben, sie aus diesem grausamen Leben zu befreien und sie an einen Ort zu bringen, an dem sie Zuneigung und, so hoffe ich, Glück finden konnte. Es gab dazu nur einen Weg, und ich riskierte ihn. Ich bat sie, meine Frau zu werden und in ihr Zuhause in East Lynne zurückzukehren.“

Langsam erholte sich der Earl von seiner Versteinerung. „Wenn ich es richtig verstehe, kamen Sie an jenem Tag, als Sie in meinem Haus vorsprachen, nicht in der Absicht, Isabel einen Antrag zu machen?“

„Nicht im geringsten. Es war ein spontaner Schritt, hervorgerufen durch die Umstände, unter denen ich sie vorgefunden hatte.“

Der Earl durchmaß, immer noch verblüfft und offensichtlich verwirrt, das Zimmer. „Darf ich fragen, ob Sie sie lieben?“, sagte er unvermittelt.

Mr. Carlyle hielt inne, bevor er etwas sagte, und ein plötzliches Rot trat in sein Gesicht. „Solche Gefühle gesteht ein Mann einem anderen kaum einmal ein, Lord Mount Severn, aber ich werde Ihnen antworten. Ich liebe sie leidenschaftlich und aufrichtig; ich habe sie in East Lynne lieben gelernt; aber ich hätte meine Liebe bis zum Ende meiner Tage still mit mir herumtragen können und nie verraten müssen; vermutlich hätte ich das ohne den unerwarteten Besuch in Castle Marling auch getan. Wenn der Gedanke, sie zu meiner Ehefrau zu machen, mir zuvor nie als praktikabel erschienen war, dann weil ihr Rang nach meiner Einschätzung nicht zu meinem eigenen passte.“

„Was ja auch der Fall war“, sagte der Earl.

„Landanwälte haben auch früher schon Töchter von Adligen geheiratet“, bemerkte Mr. Carlyle. „Ich habe zu der Liste nur einen weiteren Namen hinzugefügt.“

„Aber Sie können sie nicht als Tochter eines Adligen versorgen, nehme ich an?“

„East Lynne wird ihr Zuhause sein. Im Vergleich zu ihrem Vater werden wir einen kleinen, ruhigen Haushalt führen. Wie ruhig er ist, habe ich Isabel als allererstes erklärt, und sie hätte sich dann zurückziehen können, wenn sie es gewünscht hätte. Ebenso habe ich es Lady Mount Severn ausführlich erläutert. East Lynne wird an unseren ältesten Sohn fallen, falls wir Kinder haben sollten. Mein Beruf ist höchst einträglich, mein Einkommen gut; würde ich morgen sterben, könnte Isabel sich über East Lynne und rund dreitausend Pfund im Jahr freuen. Ich habe alle diese Einzelheiten in dem Brief dargestellt, der offensichtlich nicht zugestellt wurde.“

Der Earl antwortete nicht sofort; er war in Gedanken versunken.

„Ich hoffe, Eure Lordschaft bemerken, dass in meinem Betragen gegenüber Lady Isabel keine ‚Heimlichtuerei‘ zu erkennen ist.“

Lord Mount Severn streckte die Hand aus. „Als Sie hereingekommen sind, Mr. Carlyle, habe ich Ihnen meine Hand verweigert, wie Sie vielleicht bemerkt haben, und jetzt verweigern Sie mir vielleicht die Ihre, aber ich wäre stolz darauf, sie zu ergreifen. Wenn ich Unrecht habe, bin ich mir nicht zu schade, es einzuräumen; und ich muss jetzt meiner Ansicht Ausdruck verleihen, dass Sie sich höchst freundlich und ehrenhaft benommen haben.“

Mr. Carlyle lächelte und legte seine Hand in die des Earl. Dieser hielt sie fest, während er im Flüsterton weitersprach.

„Natürlich kann ich mich nicht der Tatsache verschließen, dass Sie im Zusammenhang mit Isabels schlechter Behandlung auf meine Frau angespielt haben. Hat es sich außer zwischen Ihnen noch anderswo herumgesprochen?“

„Sie können sicher sein, dass weder Isabel noch ich selbst es erwähnen würde; wir werden es aus unseren Erinnerungen tilgen. Tun wir so, als hätten Sie es nie gehört; es ist vergangen und vergessen.“

„Isabel“, sagte der Earl, als er am Abend ging, nachdem er den ganzen Tag mit den beiden verbracht hatte, „als ich heute Morgen herkam, war ich fast bereit, deinen Mann zu schlagen, und jetzt, da ich gehe, habe ich Hochachtung vor ihm. Sei ihm eine gute, treue Ehefrau, denn er hat es verdient.“

„Natürlich werde ich das sein“, antwortete sie überrascht.

Lord Mount Severn fuhr weiter nach Castle Marling und führte dort ein stürmisches Gespräch mit seiner Frau – es war so stürmisch, dass die Geräusche auch an die Ohren der Dienstboten drangen. Noch am gleichen Tag fuhr er wütend wieder ab und reiste nach Mount Severn.

„Dort wird er Zeit haben, sich abzukühlen, bevor wir uns in London wiedertreffen“, lautete der Kommentar von Mylady.

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