Kitabı oku: «Sonntagsgedanken, Lesejahr A - eBook»
ELMAR GRUBER
SONNTAGSGEDANKEN
Betrachtungen und Gebete
für alle Sonn- und Festtage
Lesejahr A
Don Bosco
Elmar Gruber ist Referent für die religionspädagogische Aus- und Fortbildung von Katechet/inn/en und Religionslehrer/inne/n im Schulreferat der Erzdiözese München und Freising.
Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme
Gruber Elmar Sonntagsgedanken: Betrachtungen und Gebete für alle Sonn- und Festtage ; Lesejahr A / Elmar Gruber. –
ISBN 978-3-7698-8015-1
eBook © 2012 Don Bosco Medien GmbH, München
Cover: Margret Russer
www.donbosco-medien.de
Buchausgabe: ISBN10 3-7698-119-4,
© 1998 Don Bosco Medien GmbH, München
EINFÜHRUNG –
SONNTAG FEIERN
Heilige Zeichen – heilende Zeiten
In allen Kulturen haben heilige Orte und heilige Zeiten einen festen Platz im Leben. Es ist eine allgemeine menschliche Erfahrung, daß wir Menschen “Kräfte von oben“ und “Kräfte von innen“ brauchen, um hier leben zu können. Die Vorstellungen von diesen Kräften und ihrer Gewinnung sind freilich so vielfältig und verschieden wie die Menschen selbst. Viele Vorstellungen transzendenter Wirklichkeiten machen mehr Angst, anstatt davon zu befreien. Die christliche Botschaft wäre dazu angetan, den Menschen von allen Ängsten zu befreien und von innen her zu heilen, wenn der Mensch den Zugang dazu fände. Um diesen Zugang zu finden und aus den Kräften der Religion zu schöpfen, müssen wir dem Religiösen einen festen Platz in unserem Leben und in unserem Regelverhalten einräumen. Zu den vorgegebenen Lebensrhythmen gehört der Wochenrhythmus. So ist der Sonntag, oft auch nur “Wochenende“ genannt, eine sehr wichtige Tankstelle im Lebensrhythmus, wo wir die inneren und äußeren Kräfte schöpfen, die wir zum Leben brauchen.
Dieses Buch will helfen, die verborgenen, Mut und Freude machenden Kräfte der Sonntagsevangelien im Lesejahr A zu wecken.
Glauben heute: „Urteilt doch selbst!“
Der Tradierungsbruch der letzten Jahrzehnte schuf im Bereich der Religion folgende Situation: Während früher der Glaube einfach weitergegeben und übernommen wurde, muß heute jeder den Glauben als “seinen“ Glauben suchen und finden. Der Mensch von heute sieht sich Hunderten von “Glaubensangeboten“ gegenübergestellt, die alle mehr oder weniger für sich in Anspruch nehmen, “wahr“ und “seligmachend“ zu sein. Der Mensch darf heute in diesem Bereich nicht mehr “blind“ glauben; er muß kritisch denken und prüfen, damit er nicht irgendeinem Glaubensangebot auf Kosten seiner Persönlichkeit zum Opfer fällt. In dieser Hinsicht teilen wir heute die Situation der Anfänge des Christentums, wo Jesus selbst sagt: “Urteilt doch selbst!“ und “An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“. Und Paulus sagt: “Prüfet alles, und am Guten haltet fest.“
Ein Glaube, der Angst macht und nicht von Angst befreit, kann nie der “wahre“ sein. Ein Glaube, der spaltet, Feindbilder schafft und “heilige Kriege“ im großen wie im kleinen provoziert, kann nie der wahre sein. “Wahr“ kann nur ein Glaube sein, der zu den Grundwerten Toleranz und Solidarität führt, ohne die die Menschheit in Zukunft wohl nicht überleben wird. Ein so reflektierter Glaube ist deshalb kein “selbstgemachter“ Glaube. Der Mensch kann aus der Erfahrung seines heillosen Menschseins den „rettenden Glauben“ beschreiben, aber nicht erzeugen. Glauben ist letztlich immer“ Gnade“, Geschenk dessen, an den man glaubt.
Fundamentaler Ansatz des Glaubens
Wenn auch der Glaube heute nicht mehr so wie früher tradiert, weitergegeben werden kann, so gibt es doch sehr viele Glaubenshilfen. die dazu beitragen, daß ein Mensch selbst zum Glauben findet und eine eigene Glaubensüberzeugung gewinnt, die sich deckt mit der Glaubensüberzeugung der Schwestern und Brüder im Glauben.
Der fundamentale Ansatz des christlichen Glaubens liegt in der Selbsterfahrung des. Menschen. Schon Tertullian (um 180) weist darauf hin, daß die Seele des Menschen von Natur aus auf das hin angelegt ist, was in der Jesusgestalt verkörpert ist („anima naturaliter christiana‘‘). Auch Augustinus weist daraufhin, daß Gott als unerfüllte Sehnsucht auf dem Grunde jeder Seele wohnt.
Jeder Mensch sehnt sich nach Liebe, nach bedingungslosem, unverlierbarem Angenommensein. Die Sehnsucht jedes Menschen nach absoluter Liebe dürfte wohl kaum jemand bezweifeln. Der Mensch kann genau beschreiben, was ihm fehlt, was er aber auch nicht selbst machen kann. Wie bei einem Puzzle-Spiel, bei dem ein Stein fehlt, kann der Mensch zu der Überzeugung kommen: Diesen Stein, der fehlt, den ich genau beschreiben kann – die absolute Liebe – muß es doch irgendwo geben. Aus dieser menschlichen Defiziterfahrung kann der „Urglaube“ an eine absolute Liebe entstehen, bevor er in bestimmten religiösen Vorstellungen Gestalt gewinnt oder in Offenbarungen Bestätigung findet. Auch dieser „Urglaube“ an die absolute Liebe ist Geschenk. Er enthält eine persönliche Entscheidung, das persönliche Glaubensrisiko, in dem jeder letztlich allein ist mit “seinem“ Gott. Auch dieser Glaube kann nicht andemonstriert, aber auch nicht wegdiskutiert werden. Die wichtigste Glaubenshilfe ist das glaubwürdige Zeugnis des glaubenden Menschen – wie Jesus sagt: “... damit sie euer Leben sehen und an den Vater im Himmel glauben“.
Vom Urglauben an die Liebe
zum Glauben an Jesus Christus
Wer zum Glauben an die absolute Liebe gefunden hat, kann im christlichen Glauben die Bestätigung und Ausfaltung dieses Glaubens entdecken. “Gott ist die Liebe“, die grenzenlose Liebe, die durch Vergebung, nicht durch Vergeltung die Menschheit heilt. Die Bibel, das Evangelium, braucht Interpretation. Man kann in die Bibel alles hinein- und herauslesen. Die vielen christlichen Gruppen, die die Bibel ganz verschieden und oft ganz gegensätzlich interpretieren, beweisen es. Je nach seiner Grundeinstellung wird ein Mensch die Bibel deuten. Wer an die absolute Liebe glaubt, findet in der Jesusgestalt die Verkörperung dieser Liebe. Wer an einen strafenden, vergeltenden Gott glaubt, findet dafür auch bestätigende Bibeltexte. Die Glaubensentscheidung, ob strafender oder allvergebender Gott, läuft allem Bibellesen und aller theologischen Reflexion voraus. Die große Schwierigkeit liegt nun darin, daß uns das Vergeltungsdenken angeboren ist, während wir das Vergebungsdenken (“Gnadengerechtigkeit“) erst durch den Glauben gewinnen können. Was der Gnadengerechtigkeit entspricht, ist unsere Sehnsucht, aber nicht unser Denken, das durch die Sünde von Egoismus und „gerechter“ Vergeltung bestimmt wird.
Die Geschichte des Christentums zeigt, wie die Botschaft von der absoluten Liebe Gottes zu allen Menschen durch menschliches Macht- und Vergeltungsdenken immer wieder oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde (Kreuzzüge, Inquisition, heutige fundamentalistische Erscheinungen ...). Immer wieder mißbraucht der Mensch Gott für seine egoistischen Interessen – im großen wie im kleinen, innerhalb und außerhalb der Kirche.
Der Glaube an die absolute Liebe ermöglicht es, diese menschlichen Überlagerungen zu erkennen und die Frohe Botschaft des Evangeliums wieder freizulegen.
Die Betrachtungen dieses Buches
Die Betrachtungen entspringen dem Glauben an die absolute Liebe. Sie wollen dem Leser helfen, daß er auch seinen Glauben an die Liebe im Evangelium großartig bestätigt findet. Die Betrachtungen konzentrieren sich näherhin auf die zwei Hauptanliegen des Matthäusevangelisten: den “Himmel auf Erden“ (den Anfang des Gottesreiches in der Brüdergemeinde) und die neue Gerechtigkeit, die viel größer (und anders) sein muß als “die der Schriftgelehrten und Pharisäer“. Gott ist immer, bedingungslos, allbarmherzig. Er liebt uns auch in unserer Unbarmherzigkeit, damit wir uns bekehren und uns ihm öffnen. Aber erst, wenn wir uns ihm öffnen, kommt seine immer aktive Barmherzigkeit zur Auswirkung, indem wir selbst barmherzig werden: “Vergebt, dann wird euch vergeben. “ Gott zwingt uns nie; seine Liebe regt uns an; aber öffnen müssen wir uns selbst – mit allen Konsequenzen.
Alle Perikopen des Evangeliums kreisen um die eine Mitte: Gott ist die Liebe. Alle Abschnitte des Evangeliums sind Variationen zu diesem Thema. So weisen auch die Betrachtungen zum Evangelium viele Querverbindungen auf. Bei der Gedankenführung geht es weniger um Information als vielmehr um eine vielfältige Hinführung zu dieser Mitte.
Die Betrachtungen dieses Buches wollen dazu beitragen, daß sich der Leser, womöglich eine Woche lang, fruchtbar mit dem Sonntagsevangelium befassen kann. Die Betrachtungen wollen aber auch Anregung sein für alle, die eine Sonntagspredigt oder Betrachtung vorzubereiten haben.
Die Hauptüberschriften sind meist dem Schott-Meßbuch entnommen; sie geben die Hauptaussage des Schrifttextes wieder. Die nachstehende Überschrift ist ein Hinweis auf den Sitz im Leben, dem die Betrachtung dient. Den Betrachtungen ist jeweils ein kurzes Gebet angefügt.
Elmar Gruber
DER ADVENT
ERSTER ADVENTSSONNTAG (MT 24,37-44)
„Seid wachsam, und haltet euch bereit!“
Sich auf Gott einstellen
Advent – Ankunft – Gott kommt! Gott ist “im Kommen“.
Er ist immer im Kommen.
In allem, was auf uns zukommt, kommt Gott auf uns zu;
aber er kommt sehr oft bei uns nicht an,
weil wir nicht auf ihn eingestellt sind.
Die Bibel spricht nicht nur vom Kommen Gottes
„am Ende“,
sondern vom Kommen Gottes überhaupt;
immer kann es sein,
daß Gott in mein Leben kommt,
daß er mir, in mir, aufgeht als das Licht.
Gott wirkt auch im Bösen,
in den Katastrophen, die in mein Leben „hereinbrechen“,
die meinen gewohnten Lebensverlauf unterbrechen.
Das Evangelium spricht von der Flutkatastrophe und vom plötzlichen Tod.
Gott schafft nicht das Böse
oder das, was wir in unserer Bequemlichkeit
und in unserer grundsätzlichen Ablehnung des Leids
als “böse“ bezeichnen.
Aber er wirkt auf das Böse ein;
er „be-wirkt“ das Böse,
so daß letzten Endes auch das Böse
dem Guten, der Liebe Gottes, dienen muß.
Mit wachen Sinnen und einem bereiten Herzen
könnten wir täglich das Kommen Gottes erleben,
wenn wir bei allen Freuden sagen könnten:
„Herr, du bist‘s; du läßt mich deine Liebe erfahren‘ und bei allen Leiden: „Herr, was willst du, daß ich tue?‘ Schwerstes Leid kann ich – wenn überhaupt – nur bewältigen im Bewußtsein, daß mich Gott mit ewiger Liebe immer liebt. Dies kann nur gelingen, wenn ich darauf verzichte, einen Maßstab zu setzen, mit dem ich die Liebe Gottes prüfe.
Jedes Leid ist eine Prüfung,
in der nicht ich Gott prüfen soll,
sondern in der mir bewußt werden soll,
wie „kleingläubig“ ich noch bin.
So kann das Leid für den, der „wachsam und bereit“ ist,
eine große Chance sein,
noch tiefer zu glauben
und zur vertrauensvollen Gottbegegnung zu gelangen.
Gott kommt immer „heute“, im jetzt meines Lebens.
In der Weihnachtsbotschaft werden wir es auch hören:
„Heute ist euch der Heiland geboren.“
Unsere Verzichtübungen und Vorbereitungen für das
Weihnachtsfest
haben nur diesen Sinn,
daß sich wieder bewußter
ein solches „Heute“ in unserem Leben ereignen kann.
Dazu gehören auch alle Übungen, die mir helfen,
daß ich wieder mehr “heutig“, das heißt in der
Gegenwart, leben lerne.
„Jeder Tag hat genug eigene Plage“ (Mt 6,34)
– und Freude auch!
Ich darf nicht heute schon bewältigen wollen,
was morgen auf mich zukommen könnte.
Morgen kann ich tot sein.
Ich und mein Problem
können morgen schon „weggerafft“ sein.
Gott schenkt mir seinen Beistand und seine Kraft
im Augenblick der Gegenwart, nicht auf Vorrat.
„Wach und bereit sein!“
Dies gilt auch für die äußeren Vorbereitungen des Festes.
Der Reichtum der Symbole, Bilder und Geschichten,
besonders in der Advents- und Weihnachtszeit,
ist nicht dazu angetan,
unsere Konsum- und Lustgier zu befriedigen.
Konsum und Lust haben gewiß auch ihre Bedeutung im Leben.
Aber das „Eigentliche“ der vielen Symbole und Zeichen
ist die grenzenlose Liebe Gottes,
die uns wieder ergreifen und erfüllen soll.
Hören, Sehen, Essen, Trinken, Fühlen –
all das sind die Wege der Liebe, die uns Gott schenkt,
und die wir einander weiterschenken, indem wir miteinander teilen.
Liebe ist das Herz aller Geschenke, nicht ihr Konsumwert. In kleinen Geschenken kann große Liebe enthalten sein! Denn alle echten Geschenke kommen vom Christkind.
Herr, mach mich wachsam und bereit für das Heute deiner Gegenwart. Mach mich durch dein Ankommen fähig, bei den Menschen anzukommen.
ZWEITER ADVENTSSONNTAG (MT 3,1-12)
„Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. “
Umschauen und umkehren
Das Himmelreich, der Himmel auf Erden,
ist schon da,
weil Gott immer da ist,
wo wir Menschen sind.
Er ist uns immer zugewandt in seiner Liebe.
Nur wir haben uns abgewandt
und wenden uns immer wieder ab
in unserem Egoismus.
Gott will Mensch werden,
damit wir endlich begreifen, daß er nie aufgehört hat,
uns und alle Geschöpfe zu lieben,
und damit wir uns ergreifen lassen
von seiner alles vergebenden Liebe
und dadurch selbst liebend
und versöhnlich werden.
Gott will nicht nur „unsere Sünden“ wiedergutmachen,
sondern vor allem uns selbst,
damit wir nicht mehr hassen
und uns selbst ärgern müssen.
Wer Gott noch nicht sieht,
schaut vielleicht in eine falsche Richtung
und hat vielleicht ein falsches Gottesbild vor Augen.
Er sieht vielleicht noch nicht,
daß er dauernd vor Gott davonläuft in seinem Egoismus,
in der Vergötzung von Triebverlangen, Konsum und Macht.
Er sieht vielleicht noch nicht,
daß ihm Gott dauernd nachläuft,
daß ihm Gott Hindernisse in den Irrweg legt,
um ihn aufzuhalten in seiner unsinnigen Suche und
Sucht nach Leben.
Vielleicht mußt du nur um-schauen,
dich um-schauen,
und in die entgegengesetzte Richtung gehen,
um Gott in deiner Nähe zu entdecken.
Es gibt in unserer Lebensgestaltung immer Stellen,
wo wir mehr tun müßten und weniger tun dürften,
damit wir uns den Weg zu Gott nicht verstellen.
Überall, wo wir Nähe beglückend erleben,
ist Gott der Ursprung dieser Nähe,
ist Gott „in der Nähe“.
Herr, laß mich in jeder Nähe deine Nähe suchen und entdecken.
DRITTER ADVENTSSONNTAG (MT 11,2-11)
„Bist du der, der kommen soll,
oder müssen wir auf einen andern warten?“
Geheilt werden
Krankheit ist ein Mangel an Heilsein,
ein Mangel an Heil.
Die Krankheit zeigt das Heil
in negativer Weise.
Durch unsere Krankheit erkennen wir das Heil,
das uns fehlt.
Der Mensch ist eine Einheit
von innen und außen.
So betrifft auch jede Krankheit
Seele und Körper zugleich.
Jesaja entwirft das Bild vom kranken Menschen,
der nach Heilung
– nach einem Heiland – lechzt.
Blindheit, Lähmung, Taubheit,
Aussatz, Armut, Tod
kennzeichnen den Menschen,
der an Leib, Seele und Geist
infiziert und gestört ist.
Jesus weiß,
daß er das möglich macht,
was bei allen alles heilt:
die Rückkehr in das Urvertrauen.
Jesus heilt von innen her
durch die Kraft bedingungsloser Liebe,
die er ganz menschlich
durch Wort und Zeichen,
durch sein Leben und durch sein Sterben offenbart.
Durch den Glauben an die ewige Liebe
kann selbst die Krankheit heilen:
In Gott geborgen
kann ich mich lösen von allem,
was vergänglich ist;
in Gott geborgen bin ich gewiß,
daß ich alle meine Tode
– auch den letzten –
überlebe.
Herr, du bist mein Heiland. Laß mich auch dort Heilung finden, wo äußerlich nichts mehr zu ändern ist.
VIERTER ADVENTSSONNTAG (MT 1,18-24)
Jesus wird geboren werden von Maria,
die verlobt ist mit Josef, dem Sohn Davids.
Von Gott träumen
Seine Geliebte bekommt ein Kind,
aber nicht von ihm.
Josef soll Vater werden
für ein fremdes Kind.
Bei allen von Menschen ungeplanten Kindern
wird nach innen und nach außen hin
die Frage drängend:
„Wie konnte das geschehen?“
Viele menschliche Beziehungen,
die hoffnungsvoll und glückverheißend angefangen haben,
scheitern jäh oft schon
vor dem Zustandekommen.
Der Traum vom großen Glück ist ausgeträumt.
Die Wirklichkeit enttäuschter Hoffnung
treibt mich grausam in Verzweiflung:
Aussichtslos und ausweglos
stehe ich Wirklichkeiten gegenüber,
die mich innerlich und äußerlich vernichten,
die alle Träume vom großen Glück
zunichte machen.
Josef träumt weiter:
Er träumt von Gott.
In jeder Not ist ungewußt und unbewußt
auch ihre Lösung schon enthalten.
Im Traum von Gott
tritt sie ins Bewußtsein.
Durch den Glauben an die ewige Liebe
kann das Unmögliche
die ungeahnte Möglichkeit ergeben;
das Ende wird ein neuer Anfang.
Wenn ich von Gott träumen kann,
kann ich auch vom Menschen wieder träumen:
Traummann, Traumfrau,
Traumvater, Traummutter und Traumkind –
ich brauche niemand mehr verteufeln.
Herr, laß den Traum von deiner grenzenlosen Liebe zur Wirklichkeit in meinem Leben werden. Laß mich von deiner Liebe träumen, damit ich Haß und Bosheit überwinde.
DIE WEIHNACHTSZEIT
WEIHNACHTEN – HEILIGER ABEND
(MT 1,18-25)
„Maria wird einen Sohn gebären;
ihm sollst du den Namen Jesus geben. “
Einen Namen haben
Der Name bezeichnet
das Wesentliche eines Wesens.
Was einer ist,
was einer kann,
was einer tut,
ist mit seinem Namen fest verbunden.
Namen sind oft vorgegeben
und warten auf Erfüllung:
Ich muß mir einen – meinen – „Namen machen“.
Wenn jemand meinen Namen nennt,
fühle ich mich angesprochen.
Wenn ich einen Namen nenne,
jemand beim Namen rufe,
wird das Wesentliche des Gerufenen gegenwärtig,
auch wenn sein Körper nicht gegenwärtig ist.
„Jesus“ ist der Name,
„der über allen Namen ist“.
„Jesus“ heißt: Gott rettet.
Durch „Jesus“ ist Gott,
der ewige Retter,
anrufbar geworden.
Wenn ich „Jesus“
an-rufe, aus-rufe,
wird die rettende Macht Gottes gegenwärtig,
und sie gelangt zur Auswirkung.
Kein anderer Name ist uns gegeben,
in dem wir Rettung finden,
auch wenn in diesem Namen
noch viele Namen mit enthalten sind.
Der Retter braucht nichts zu “tun“;
er braucht nur da-zusein;
dann wird alles letztlich gut.
„Christ, der Retter, ist da!“
Herr, Jesus, präge deinen Namen tief in mein Bewußtsein und in mein Herz ein, damit ich Rettung finde
WEIHNACHTEN – HEILIGE NACHT (LK 2,1-14)
„Heute ist euch der Retter geboren.“
Gerettet sein
Gott ist Mensch geworden.
Das heilige und heilende Menschsein Gottes
ist eingegangen und eingeschmolzen
in das heillose Menschsein aller Menschen.
Jesus ist wie ein Implantat in unserer gebrochenen
Menschennatur,
wie ein Schrittmacher für unsere schwer
rhythmusgestörten Herzen.
Uns ist der Retter geboren:
Wie, wovon rettet uns „unser Retter“?
Er rettet uns durch die Liebe von der Lieblosigkeit.
Unsere Krankheit ist „Bewußtlosigkeit“.
In unserem Egoismus, durch unsere Sünde,
haben wir das Bewußtsein verloren,
daß wir ewig unverlierbar Geliebte sind.
Jesus gibt uns dieses Bewußtsein wieder,
wenn wir an ihn glauben.
Gott liebt bedingungslos immer alle Menschen
und Geschöpfe.
In diesem Bewußtsein liegt die Kraft,
die stärker ist als der Tod,
stärker als aller Leidensdruck.
stärker als die zerstörenden und nagenden Kräfte des Zweifels.
Diese Kraft, die stärker ist als der Haß,
rettet uns vor Zerstörung:
vor der Zerstörung der Um- und Mitwelt,
vor der Selbstzerstörung.
Als „ewig Geliebte“
„müssen“ wir nicht mehr hassen,
„müssen“ wir uns und andere nicht mehr ärgern.
Gott liebt bedingungslos.
Er zwingt nicht,
er schreit nicht und drängt sich nicht auf.
Er wartet,
bis auch ich mich,
überwältigt von seiner Liebe,
bedingungslos seiner Liebe öffne.
Herr, Gott, unser Retter, laß mich nie vergessen, daß du immer da bist mit deiner Macht der Liebe, die alle Menschen zu retten vermag.
WEIHNACHTEN – AM TAG (JOH 1,1-18)
Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.
Wohnen können
Ein Haus haben,
eine Wohnung haben,
Heimat haben,
wissen, wo man hingehört,
geborgen sein,
Gewohnheit und Gewöhnung haben ...
– all das ist „wohnen“.
Doch macht die Wohnung nicht das Wohnen:
Ich muß bei mir selbst zu Hause sein,
dann kann ich wohnen,
selbst wenn ich keine Wohnung hätte.
Gott erscheint als „Wort“,
als der, der alle Menschen anspricht,
und der, der auf alle Menschen anspricht,
und der ansprechbar ist für jeden.
Wenn Menschen sich zur Sprache bringen,
wenn Menschen zu Wort kommen,
Ist es Gott, das ewige Wort,
das dies bewirkt.
Das ewige Wort bewirkt,
daß wir uns verstehen.
Es ist der Ursprung aller Beziehungen,
die für uns Heimat sind,
und in denen wir uns zu Hause fühlen.
Jesus ist die Verkörperung des ewigen Wortes;
er wohnt unter uns,
damit wir bei ihm wohnen.
Er will in uns wohnen,
damit wir in ihm jetzt schon
Heimat und Wohnung finden,
aus der wir
nie mehr vertrieben werden.
Herr, Gott, du bist Mensch geworden, damit wir heimfinden können. Laß mich bei dir wohnen und jetzt schon meine ewige Heimat finden.
WEIHNACHTEN – FEST DES HL. STEPHANUS
(MT 10,17-20)
„Nicht ihr werdet dann reden,
sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.“
Begeistert sein
In schwierigen Lebenssituationen und bei großen Problemen
braucht man Schlagfertigkeit und gute Einfälle.
Meine „Einfälle“ kommen „von selbst“.
Ich kann sie haben,
aber nicht machen;
sie stammen aus dem Bereich des Geistes.
Ein geisterfüllter.
ein „be-geisterter“ Mensch
braucht nicht lange zu überlegen,
was er sagen oder tun soll;
er kann aus dem Vollen schöpfen.
Ein von Gott begeisterter Mensch
wird begeistert und begeisternd von Gott reden.
Die Zuhörer spüren,
daß eigentlich nicht er von Gott redet, sondern daß Gott durch ihn spricht. Darum gilt: Wer von Gott „sachlich“ reden will, muß von Gott begeistert sein – wenn auch nur ein wenig!
Nicht jeder Einfall und jeder “Geistesblitz“
ist eine Eingebung des Heiligen Geistes.
Es gibt gute und schlechte Einfälle;
auch der “Ungeist“ kann begeistern.
So provoziert das begeisterte Reden von Gott
den Ungeist und die Menschen,
die von „Ungeistern“ – von Angst, Haß und Rache –
besessen sind.
Meine Einfälle entstehen nicht unabhängig von mir.
Meine Einstellung und Gesinnung,
meine Absichten, Sehnsüchte und Wünsche sind der Raum,
in dem meine Einfälle entstehen.
Meine Einfälle bringen zum Ausdruck,
„wes Geistes Kind“ ich bin.
Ich kann nur ganz persönlich, „subjektiv“, begeistert
und ergriffen sein.
Irrtum und Selbstbetrug sind von der Begeisterung
nicht ausgeschlossen.
Bei allen „Einfällen“ und “Eingebungen“
muß ich prüfen,
ob und inwieweit sie vom Geiste Gottes stammen.
„An den Früchten werdet ihr sie (ihn) erkennen“:
„Die Frucht des Geistes“
ist Liebe, Friede, Freude –
Befreiung aus allen Ängsten.
Herr, gib mir deinen Geist, damit ich immer begeistert und begeisternd von dir reden kann.
SONNTAG IN DER WEIHNACHTSOKTAV –
FEST DER HEILIGEN FAMILIE (MT 2,13-15.19-23)
"Nimm das Kind und seine Mutter;
und flieh nach Ägypten!“
Dulden müssen
Gott wird Mensch,
um den Menschen menschlich zu begegnen
und ihnen seine Menschlichkeit zu offenbaren.
Doch die Menschen nehmen ihn nicht an;
sie verfolgen ihn.
Maria und Josef haben diesen Gott angenommen;
ihre Beziehung und ihr Glück
kamen durch diesen Gott zustande;
so sind auch sie mitbetroffen
vom Schicksal des menschgewordenen Gottes:
In der Herberge
war kein Platz für sie;
und jetzt müssen sie fliehen vor einem König,
der bangt um seine Macht.
Dies ist unsere Tragik:
Wir verfälschen unsere Sehnsucht
nach dem wahren Gott der Liebe
durch selbstgemachte Götter,
durch Götzen,
die uns das wahre Glück nicht bringen.
Durch Habsucht, Herrschsucht,
Genußsucht und Konsum
kommt das Glück der Liebe,
Geborgenheit, Freude und Frieden
oft gar nicht mehr zustande.
Wo der Egoismus herrscht,
ist wenig Platz für heile, heilige Familien.
Warum greift Gott nicht ein;
er hat doch alle Macht im Himmel und auf Erden?
Herodes hätte früher sterben müssen;
Flucht und Kindermord wären vermieden worden.
Die Macht der Liebe verzichtet auf Gewalt;
sie tötet nicht;
sie duldet.
„Der Stärkere gibt nach.“
Nur so kann Liebe überzeugen.
Gott, der uns die Freiheit gab,
will uns nicht bekehren mit Gewalt;
er will, daß wir uns selbst ändern.
Herr, gib mir die Kraft, daß ich mich ohne Haß und Ärger zurücknehmen kann, wenn ich bei den Menschen keine Anerkennung finde.
OKTAVTAG VON WEIHNACHTEN – HOCHFEST DER GOTTESMUTTER MARIA (LK 2,16-21)
Sie fanden Maria und Josef und das Kind.
Als acht Tage vorüber waren,
gab man dem Kind den Namen Jesus.
Gott zur Welt bringen
Maria, Josef und das Kind –
in der Beziehung dieser drei offenbart sich
die Sinnerfüllung unseres Lebens hier auf Erden:
Gott in sich aufnehmen und zur Welt bringen
durch die Liebe,
zu der uns der „Gott mit uns“ befähigt.
Jesus, der „Gott-rettet-uns“,
kann in jedem Menschen wohnen,
der sich bedingungslos der Liebe öffnet.
Jungfrau und Mutter sein:
Die Jungfrau ist offen und bereit für den Bräutigam,
der sie zur Mutter macht.
Wer in Gott den
Ursprung allen Lebens sieht,
wird in Gott den Ursprung aller Mutterschaft
und auch der Vaterschaft erkennen.
Auch Josef war „jungfräulich“;
auch er hat seine Vaterrolle
gläubig von Gott angenommen.
Die Jungfräulichkeit,
das Offensein für Gott,
endet nicht mit der Geburt des Kindes.
Wer Gott zur Welt bringen will,
muß für Gott offen bleiben.
Immer wieder neu
muß ich Gott einlassen –
und immer wieder neu
muß ich mich im Glauben auf Gott einlassen,
auf einen Gott,
an dessen Liebe ich glaube,
obwohl ich seine Zumutungen oft nicht begreifen kann.
Für Gott offen bleiben –
Gott zur Welt bringen,
das soll Wegweiser sein im neuen Jahr.
Herr,
gib, daß ich mich nicht verschließe,
wenn ich dich
nicht mehr begreifen kann.
Halte mich offen,
damit ich dich
zu den Menschen bringen kann.
ZWEITER SONNTAG NACH WEIHNACHTEN
(JOH 1,1-5.9-14)
Das Wort ist Fleisch geworden
und hat unter uns gewohnt.
Wirklich sein
Menschen wirken durch ihr Wort,
wenn sie zu Wort kommen,
wenn sie ihr Wort geben.
Durch mein Wort
kann ich mich auswirken
und auf andere einwirken.
Mein Wort ist meine “Wirk-lichkeit“.
Gott macht keine Worte:
er ist Wort, ewiges Wort, ewige Wirklichkeit, die alles in allem bewirkt Außerhalb der Wirklichkeit Gottes gibt es nichts. Gott wirkt auch im Bösen; er hebt das Böse nicht auf; aber er be-wirkt, daß das Böse letztlich nicht siegen kann, sondern dem Guten dient.
Gottes Wort hat Macht;
durch das Macht – Wort ist alles geschaffen:
„Gott sprach – und es ward ...“
Gott ist die Wirklichkeit in allen Geschöpfen.
Durch das Machtwort
und durch die „Wortmacht“ Gottes
hat alles, was ist, seinen Bestand.
Das Machtwort und die Wortmacht der Menschen
machen sehr oft Angst,
weil sie häufig Gewalt, Terror und Unterdrückung verbreiten.
Die Macht Gottes ist die Macht grenzenloser Liebe.
In ihr ist auch alles Böse eingeschlossen,
das noch der Bekehrung, Verwandlung und Erlösung bedarf.
Darin gründet die Unzerstörbarkeit
unserer Hoffnung und unserer Freude.
In Jesus ist das ewige Wort,
die ewige Wirklichkeit Gottes,
Mensch geworden.
Herr, laß dein Wort auch in mir Gestalt annehmen, damit ich glaubwürdig dein Wort verkünde.
HOCHFEST ERSCHEINUNG DES HERRN
(MT 2,1-12)
“Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.“
Seinen Stern sehen
Sterne kann man deuten
als offene Stellen in der Finsternis,
als Unterbrechungen der Nacht.
So entsteht die Vision,
daß alle Finsternis vom Licht umgriffen ist.
Sterne, himmelweit entfernt,
Punkte des ewigen Lichts,
geben uns Orientierung in den Finsternissen unseres Lebens.
Ich muß aufblicken,
Ausschau halten nach den Sternen;
wenn ich fixiert bin auf das Irdische,
kann ich keinen Stern erblicken.
Sternstunden und Lichtblicke
zerreißen die Finsternisse unseres Lebens.
Alle Lichter und Sterne, die uns aufgehen,
führen uns zu dem einen Stern,
dem Ursprung allen Lichts:
Die ewige grenzenlose Liebe ist durch Jesus
in unserer Finsternis von Angst und Haß
in Erscheinung getreten.
Jesus ist unser Stern,
der uns Orientierung gibt
in den Ausweglosigkeiten und Aussichtslosigkeiten unseres Lebens.
Wer an die grenzenlose Liebe glaubt,
die sich in Jesus offenbart,
findet die Kraft weiterzugehen,
auch wenn er meint, am Ende zu sein.
Weg entsteht im Gehen.
Im Vertrauen auf die ewige Liebe
wird selbst die Wüste zum Weg.
In jedem Augenblick des Glücks
geht der Stern der ewigen Liebe auf.
Doch erst im Glauben wird er sichtbar.
Herr, laß mir in den Finsternissen meines Lebens deinen Stern aufgehen, damit ich Wege finde, die mich weiterführen.
SONNTAG NACH DEM 6. JANUAR – FEST DER TAUFE DES HERRN (MT 3,13-17)
Als Jesus getauft war,
sah er den Geist Gottes wie ein Taube auf sich herabkommen.
Sohn und Tochter Gottes sein
Visionen sind das Zusammenfließen
von innerem und äußerem Sehen.
Darum kann man sie objektiv nicht beweisen.
Visionen gehen zunächst den an,
der sie hat.
Jesus hat durch seine Taufe gezeigt,
daß er sich ganz identifiziert mit uns sündigen Menschen:
Wir alle sitzen mit ihm im selben Wasser,
im selben Boot.
Wir können nicht mehr untergehen,
weil Gott der „Unsrige“ ist.
Der Mensch Jesus erhält von oben die Bestätigung,
daß er durch das Einssein mit uns Sündern
Gott gefällt und „Sohn Gottes“ ist.
„Sohn Gottes“ ist in der Bibel
noch kein metaphysisch-theologischer Begriff.
Die Stimme aus dem Himmel besagt etwas ganz Konkretes:
Wer die Menschen so liebt,
wie Gott sie liebt,
der ist geliebter Sohn Gottes –
der von Gott geliebte
und wie Gott liebende Mensch.
Gott ist durch Jesus der Immanuel, der „Gott-mit-uns“, geworden.
Durch die Gemeinschaft mit ihm
kann seine Liebe auch unsere Liebe werden.
Die „Fülle der Gottheit“, die in Jesus wohnt,
kann auch uns erfüllen.
Johannes und Paulus betonen,
daß wir durch den Glauben an Jesus
und durch die Gemeinschaft mit ihm
Söhne, Töchter, Kinder Gottes werden.
Geschwister haben dieselben Eltern.
Wenn Jesus „unser Bruder“ ist,
dann ist sein Vater auch unser Vater.
Herr, laß auch mich Sohn und Tochter Gottes sein. Laß mich im Dasein für andere den Sinn meines Lebens erkennen und verwirklichen.
DIE FASTENZEIT
ASCHERMITTWOCH (MT 6,1-6.16-18)
„Dein Vater, der das Verborgene sieht,
wird es dir vergelten. “
Mit sich selbst belohnt sein
Ohne Anerkennung
kann sich keiner selbst erkennen
und ein Selbstbewußtsein finden.
Im Hunger nach Anerkennung
zeigen sich die Menschen
„von ihrer besten Seite“,
und viele belügen sich und die anderen:
Sie geben mehr vor,
als sie sind.
Wer die Anerkennung von anderen erzwingen will,
verliert genau das, was er sucht:
das Bewußtsein seiner selbst.
Wer immer Beifall sucht,
wer immer tut, was andere wollen,
wer immer zeigt,
was andere sehen wollen,
der geht sich selbst
immer mehr verloren.
Wer selbst leben will,
muß im Innersten
von anderen Menschen unabhängig bleiben.
Nun kann aber kein Mensch
ganz aus sich selbst leben;
das kann nur Gott.
Gott ist mein Schöpfer.
Die Abhängigkeit von ihm
befreit mich aus der Abhängigkeit
von Menschen.
Die Abhängigkeit von Gott
trägt mich durch die Probleme,
die irdisch und vergänglich sind.
Sie trägt mich durch Leid, Krankheit und Tod.
Gott, mein Schöpfer,
ist auch mein „Erhalter“.
Er hält mich immer;
er läßt mich nie fallen
in meiner Abhängigkeit von ihm.
Die Abhängigkeit von Gott
und die Unabhängigkeit vom Vergänglichen
kann ich üben und verstärken
durch Beten, Fasten, Feiern
und durch Teilen.
Im Kontakt mit Gott
finde ich mich selbst:
Er gibt sich mir,
indem er mich mir gibt:
Er und ich selbst
sind der Lohn,
wenn ich mich
in stiller Arbeit an mir selbst
um Gott bemühe.
Auf die Anerkennung anderer
brauche ich nicht verzichten,
auch wenn ich letztlich
nicht mehr darauf angewiesen bin.
Herr, mach mich ganz abhängig von dir; damit ich Menschen und Geschöpfe lieben kann, ohne ganz von ihnen abhängig zu werden.
ERSTER FASTENSONNTAG (MT 4,1-11)
Jesus fastete vierzig Tage
und wurde in Versuchung geführt.
Geprüft werden
„Versuchungen“ sind “Prüfungen“
im Sinn der Bibel.
Der Teufel tritt als Versucher,
als der von Gott zugelassene Prüfer,
im Leben der Menschen in Erscheinung.
Gott braucht von sich aus
den Menschen nicht zu prüfen;
er kennt den Menschen durch und durch;
aber der Mensch kennt sich noch nicht.
In der Prüfung soll sich der Mensch
selbst kennenlernen;
er soll erfahren, wer er ist
und was er noch zu lernen hat.
In diesem Sinn kann man die Vaterunserbitte
„Führe uns nicht in Versuchung“
so verstehen:
„Herr, erspare uns die Prüfung; wir wissen sowieso schon, daß wir durchgefallen sind; wir sind restlos auf dein Erbarmen angewiesen; befreie uns vom Bösen. “
Die Prüfungsgeschichte von Jesus
zeigt uns das innerste Wesen Jesu.
Der Mensch Jesus
mußte sich wohl auch selbst
ganz im klaren sein über seine Identität.
Auf dreierlei Weisen
versuchen die irdischen Machthaber,
die Menschen zu gewinnen:
Durch Konsum
Wer aus Steinen Brot macht,
wer Wirtschaftswunder wirkt,
wer Lohn zahlt
auch ohne Arbeitsleistung,
der hat die Menschen hinter sich.
Durch Sensation
Wer sich hinabstürzt
und von Engeln forttragen läßt,
wer Schauwunder wirkt
und für Nervenkitzel sorgt,
dem laufen die Menschen auch nach.
Durch Gewalt
Wer Gewalt anwendet
und Angst und Schrecken verbreitet,
der kann die Menschen zwingen zu allem,
was er will.
Nicht so Jesus.
Er will die Menschen begeistern.
Durch die Faszination der grenzenlosen Liebe,
die er in seinem Leben und Sterben offenbart,
will er die Menschen
zur freiwilligen Nachfolge bewegen.
Gott gewinnt die Menschen
nicht durch die Angst vor der Gewalt,
sondern durch die Kraft der Freude,
die aus der Macht der Liebe kommt.
Herr, du hast mich berufen, durch vergebende Liebe die Menschen zu gewinnen. Gib mir die Kraft, auf die Macht der Gewalt zu verzichten, damit die Macht der Liebe zur Auswirkung gelangt.
ZWEITER FASTENSONNTAG (MT 17,1-9)
Er wurde vor ihren Augen verwandelt;
sein Gesicht leuchtete wie die Sonne.
In Erscheinung treten
Auch bei Menschen sagt man oft:
„Das ist eine gute Erscheinung“.
Damit ist das an sich unsichtbare
und unverwesliche Wesen eines Menschen gemeint,
das durch seine körperliche Gestalt
und durch sein Benehmen “hindurch scheint“.
Viele Wirklichkeiten, die man nicht erklären kann,
treten in unserem Leben in Erscheinung;
sie erklären sich selbst, indem sie sich „ver-klären“.
Um Erscheinungen und Verklärungen
wahrnehmen zu können,
braucht man Augen,
die mehr sehen können als nur das Äußere.
Man braucht zu den körperlichen Augen
auch das innere Auge der Seele,
das offene Auge der Liebe.
„Man sieht nur mit dem Herzen gut ... “
(Antoine de Saint-Exupéry).
,,…wie die Sonne“:
Das Wesen Jesu ist wie die Sonne,
die ohne Zwang und doch unwiderstehlich
alles Leben bewirkt.
Das Wesen Gottes,
die grenzenlose Liebe,
bewirkt Liebe – ohne Zwang.
Die Liebe hebt die Freiheit des Menschen nicht auf,
im Gegenteil:
Sie bringt sie zur vollen Entfaltung.
Was bei der Verwandlung Jesu auf dem Berg
in Erscheinung tritt,
ist das Wesen Gottes,
das schon bei den Urgestalten des Gottesvolkes,
besonders bei Mose und Elija,
in Erscheinung getreten ist.
Die bevorstehende schreckliche Passion Jesu
ist die verhüllte Herrlichkeit der Liebe Gottes,
die im Ostergeschehen zum Durchbruch kommen wird.
Die Verwandlung auf dem Berg
ist für die nächsten Freunde von Jesus
das “Ostern vor Ostern“.
Die Jünger haben anscheinend
noch nichts begriffen.
Die Geschichte ist für uns aufgeschrieben,
damit wir in der Feier der Passion Jesu
das Wesen Gottes erkennen:
Die Passion Jesu zeigt uns zunächst
den Haß und die Grausamkeit,
zu der nur Menschen (ohne Liebe) fähig sind;
sie zeigt aber auch das Wesen Gottes,
die Liebe, die stärker ist a1s der Haß,
und die den Haß in Liebe zu verwandeln vermag.
Herr, laß mich allen Haß als Schrei nach Liebe erkennen. Verwandle meinen Haß und meine Haßgefühle, damit ich den Haß der anderen liebend ertragen kann.
DRITTER FASTENSONNTAG (JOH 4,5-24)
“Das Wasser, das ich gebe, wird zur sprudelnden Quelle, deren Wasser ewiges Leben schenkt. “
Nie mehr dürsten
Es fällt auf,
daß Jesus mit einer Frau tiefste Gespräche führt,
noch dazu mit einer „anderen“,
mit der „man“ nicht spricht.
Auch die spätere Streitfrage
um den wahren Gottesdienst macht deutlich,
daß das, was Jesus zu sagen und zu geben hat,
alle Menschen, alle Grenzen überschreitend, betrifft.
Jesus macht seine Botschaft
und das, was er zu geben hat, deutlich
im Taufsymbol des Wassers.
„Durst“, das ist der Seelendurst,
die Sehnsucht, die in jedem Menschenherzen brennt,
die Sehnsucht nach unbedingter, unverlierbarer Liebe –
die Sehnsucht nach ewigem Geliebtsein –
die Sehnsucht nach der Rückkehr ins Urvertrauen
in all unseren Ängsten.
Tertullian (um 180) spricht von der „anima naturaliter christiana“, von der Seele, die so geartet ist, daß sie genau nach der Wirklichkeit verlangt, die sich in Jesus Christus verkörpert. Augustinus spricht von der unerfüllten Sehnsucht nach Gott, die jedes Menschenherz erfüllt. Das deutsche Wort “Gott“ schließlich, das von „gout“ = „schreien, rufen“ kommt, bezeichnet Gott als den Urschrei aller Menschen.
Jesus, die Verkörperung der absoluten Liebe,
ist die vollständige Erfüllung dieser Sehnsucht.
Wer Jesus gefunden hat und erfüllt ist
von seiner vergebenden Liebe,
so wie es in der Taufe symbolisch dargestellt wird,
den wird nie mehr dürsten.
Könnten wir die Liebe selbst machen,
die unsere Sehnsucht stillt,
so brauchten wir überhaupt keine Religion.
So aber sind wir angewiesen auf den,
der uns „zuerst geliebt hat“ (1 Joh 4,10 und 19). „Meiner Seele Sehnen hast du, o Herr, gestillt“ (vgl. Ps 23 und Ps 63). Das „Wasser“, das Jesus gibt, ist er selbst. Wasser und Quelle sind dasselbe. Wer von Jesus erfüllt ist, wird selbst zur Quelle. Jesus macht ihn kreativ in der Liebe. Wer an Jesus als den Ursprung der Liebe im Menschen glaubt, wird in der Liebe nicht mehr scheitern. Und andererseits verkommt die Liebe im Menschen, wenn ich sie nicht weitergebe. Wer nicht liebt – wie kann in ihm die Liebe bleiben (vgl. 1 Joh 3,17)?
Herr, du liebst mich immer; gib mir den Mut zum ersten Schritt in der vergebenden Liebe.
VIERTER FASTENSONNTAG (JOH 9,1-41)
Der Mann ging fort und wusch sich.
Und als er zurückkam, konnte er sehen.
Jesus sehen lernen
Jede Krankheit und jede Heilung
hat eine innere und eine äußere Komponente,
eine seelische und eine körperliche,
wobei die seelische Gesundheit
nicht unbedingt gebunden ist
an die Gesundheit des sterblichen Körpers.
Nach unserer Auffassung
ist der Mensch eine Leib-Seele-Geist-Einheit,
deren sinnenhafte Körperlichkeit
für die irdisch-vergängliche Phase
des Daseins gegeben ist.
So ist wesentliche Heilung
auch bei einem kranken
oder sterbenden Körper möglich.
Diese wesentliche Heilung geschieht,
indem wir Christus als das Licht erkennen.
Es ist unsere Tragik,
daß wir „blind“ geboren werden,
und daß wir das Licht und im Licht
erst sehen lernen müssen.
Jeder Mensch hat die Sehnsucht;
aber es muß ihm erst bewußt werden,
daß diese Sehnsucht
die Sehnsucht nach Gott, dem ewigen Licht, ist.
Nur das Licht selbst
kann uns die Augen öffnen
und uns sehend machen.
Unsere Blindheit bringt die Gefahr mit sich,
daß wir uns blenden lassen.
Rationalismus, Legalismus, Materialismus,
Magie, Aberglaube und Okkultismus
können den Menschen verblenden.
Wenn ich weiß, daß ich blind bin,
kann ich sehend werden.
Wenn ich aber durch die falschen Erleuchtungen
meine Blindheit gar nicht mehr erkenne,
dann „bleibt meine Sünde“.
Erst wenn ich meine Finsternis
als Finsternis erkenne und bekenne,
kann ich Christus als das Licht erfahren.
Jesus will uns die Augen öffnen,
damit wir ihn sehen lernen
als die Verkörperung der Liebe Gottes,
die sichtbar und sinnenhaft
wahrnehmbar geworden ist –,
damit wir ihn sehen lernen
als die Erfüllung der Sehnsucht unseres Herzens –,
damit wir ihn sehen lernen als den Ursprung
unzerstörbarer Freude und Hoffnung –,
damit wir ihn sehen lernen als das Licht,
in dem wir alles richtig sehen.
Die heutige Erzählung
zeigt uns dieses Jesus-sehen-Lernen
als einen stufenartigen Prozeß,
verbunden mit zeichenhaften Handlungen.
So brauchen auch wir
das zeichenhafte Wirken Gottes
in der Schöpfung, in der Liturgie
und in den Sakramenten,
um Jesus immer mehr
und immer klarer sehen zu lernen.
Herr, öffne mir die Augen, damit ich dich sehe und mit deinen Augen sehen lerne.
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