Kitabı oku: «Sonntagsgedanken, Lesejahr B - eBook»
ELMAR GRUBER
SONNTAGSGEDANKEN
Betrachtungen und Gebete
für alle Sonn- und Festtage
Lesejahr B
Don Bosco
Inhalt
Einführung
Der Advent
Erster Adventssonntag
Zweiter Adventssonntag
Dritter Adventssonntag
Vierter Adventssonntag
Die Weihnachtszeit
Heiliger Abend
Heilige Nacht
Weihnachten am Tag
Weihnachten – Fest des hl. Stephanus
Sonntag in der Weihnachtsoktav Fest der hl. Familie
Oktavtag von Weihnachten – Hochfest der Gottesmutter Maria
Zweiter Sonntag nach Weihnachten
Hochfest der Erscheinung des Herrn
Sonntag nach dem 6. Januar– Taufe des Herrn
Die Fastenzeit
Aschermittwoch
Erster Fastensonntag
Zweiter Fastensonntag
Dritter Fastensonntag
Vierter Fastensonntag
Fünfter Fastensonntag
Palmsonntag
Gründonnerstag
Karfreitag
Die Osterzeit
Osternacht
Ostersonntag
Ostermontag
Zweiter Sonntag der Osterzeit– Weißer Sonntag
Dritter Sonntag der Osterzeit
Vierter Sonntag der Osterzeit
Fünfter Sonntag der Osterzeit
Sechster Sonntag der Osterzeit
Christi Himmelfahrt
Siebter Sonntag der Osterzeit
Pfingsten
Pfingstmontag
Die Herrenfeste im Jahreskreis
Dreifaltigkeitssonntag
Hochfest des Leibes und Blutes Christi– Fronleichnam
Hochfest des heiligsten Herzens Jesu
Die Sonntage im Jahreskreis
2. Sonntag im Jahreskreis
3. Sonntag im Jahreskreis
4. Sonntag im Jahreskreis
5. Sonntag im Jahreskreis
6. Sonntag im Jahreskreis
7. Sonntag im Jahreskreis
8. Sonntag im Jahreskreis
9. Sonntag im Jahreskreis
10. Sonntag im Jahreskreis
11. Sonntag im Jahreskreis
12. Sonntag im Jahreskreis
13. Sonntag im Jahreskreis
14. Sonntag im Jahreskreis
15. Sonntag im Jahreskreis
16. Sonntag im Jahreskreis
17. Sonntag im Jahreskreis
18. Sonntag im Jahreskreis
19. Sonntag im Jahreskreis
20. Sonntag im Jahreskreis
21. Sonntag imJahreskreis
22. Sonntag im Jahreskreis
23. Sonntag im Jahreskreis
24. Sonntag im Jahreskreis
25. Sonntag im Jahreskreis
26. Sonntag im Jahreskreis
27. Sonntag im Jahreskreis
28. Sonntag im Jahreskreis
29. Sonntag im Jahreskreis
30. Sonntag im Jahreskreis
31. Sonntag im Jahreskreis
32. Sonntag im Jahreskreis
33. Sonntag im Jahreskreis
Christkönigssonntag
Einführung
Die ausführliche Einführung zu den Sonntagsgedanken im Lesejahr A gilt im wesentlichen auch für die Sonntagsgedanken im Lesejahr B. Die Gedanken wollen helfen, den christlichen Glauben zu bestätigen und zu vertiefen. Dadurch soll die Gewißheit und das Bewußtsein gestärkt werden, daß wir „mit ewiger Liebe“, das heißt mit bedingungsloser, grenzenloser und unverlierbarer Liebe geliebt sind. Aus diesem Bewußtsein entspringt die unzerstörbare Freude und Hoffnung. Das fehlende Urvertrauen, das Fehlen dieses Bewußtseins, ist bei vielen Menschen die Ursache ihrer Depression und Verzweiflung. Für den Glaubenden wird sichtbar, daß Selbstfindung und Sinnfindung ohne Glauben an die absolute Liebe nicht möglich sind.
In der Bibel finden wir die Bestätigung und die reiche Ausgestaltung dieses Glaubens. Der Grund und der Ursprung dieses Glaubens liegt in der Selbsterfahrung des Menschen – zunächst in der Sehnsucht des Menschen: Alle Menschen sehnen sich nach absoluter Liebe und Geborgenheit. In den „Sternstunden“ des Lebens, die wir auch im Leid erfahren können, tritt diese Liebe in Erscheinung. In einem „Urakt des Glaubens“ kann diese Liebe als absolute bedingungslose „Ja-Kraft“ („Energie“) erkannt werden. Wer an die absolute Liebe glaubt, kann in der Jesusgestalt die Verkörperung und die Offenbarung dieser Liebe erkennen. Wem der Urglaube an die absolute Liebe fehlt, kann auch in der Bibel keine objektive Begründung dafür finden; denn je nach Einstellung kann man aus der Bibel alles herauslesen, was man will. Die Bibel kann als „Wort Gottes“ nur den Menschen ansprechen, der den „Urglauben“ an die Liebe mitbringt – oder wenigstens die Bereitschaft dazu.
Die schwierigsten Glaubensprobleme, die mit dem Leid und dem Bösen in der Welt gegeben sind, können nur durch einen Glauben an eine immer „noch größere Liebe“ erträglich werden (vgl. Augustinus: „deus semper maiar“ = „Gott ist immer größer“).
Die Macht des Bösen in der Welt zeigt sich besonders darin, daß Feindbilder und Fundamentalismen praktisch mehr Kraft haben, die Menschen zu vereinen, als der Glaube an die absolute und universale Liebe, obwohl sich alle nach dieser Liebe sehnen.
Auch Haß und Fanatismus geben vielen Menschen die Kraft, ihr Leben zu „opfern“. Der Grund für diesen Widerspruch liegt wohl darin: Wenn ich an die absolute Liebe glaube oder glauben will, muß ich mich ändern: Ich kann nicht mehr „mit Recht“ hassen. Der Glaube an die absolute Liebe bringt für mich ein völlig neues Denk-, Lebens- und Handlungsprinzip. Solange ich Feindbilder und fundamentalistische Prinzipien habe, brauche ich mich nicht zu „bekehren“. Ich finde immer „gerechte Gründe“, um Haß, Rache und Vergeltung zur Auswirkung kommen zu lassen.
Besonders das Markusevangelium will uns Jesus als den „Sohn Gottes“, das heißt praktisch: als die Verkörperung der ewigen Liebe, darstellen und nahebringen. Er nimmt unser haßbestimmtes Menschsein auf sich, um ihm die Liebe einzuimpfen. Er gibt sein irdisches Leben hin aus Liebe, um zu zeigen und zu bezeugen, daß es die Liebe gibt, die stärker ist als der Haß. Gott kann uns immer „leiden“, das heißt bedingungslos lieben, damit auch wir uns und einander durch die Kraft seiner Liebe „leiden“ können. Er vergießt sein Blut aus Liebe, damit wir unser Blutvergießen beenden. – Wenn sich die Liebe Gottes in unserer Welt auch noch nicht durchsetzt, weil unser freier Wille noch zu wenig auf Gott eingestellt ist, so ist sie doch da und gibt uns die Hoffnung, daß am Ende alles gut wird. Gott greift nicht ein mit Gewalt, aber er hat alles in seiner Hand. Gott greift nicht ein, aber er bewirkt letztlich alles in allem durch die Macht seiner Liebe.
Ursprung und Ziel des ganzen Evangeliums ist die Liebe Gottes. Sie ist die Mitte, aus der alles kommt und zu der alles hinführt. Überschneidungen, Variationen und manche Wiederholungen von Gedanken haben den Sinn, diese Mitte möglichst klar bewußt zu machen. An den Hauptfesten finden wir in allen drei Lesejahren dieselben Texte. Dies soll dazu anregen, dieselben Texte unter verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten.
Die Hauptüberschriften sind meistens dem Schott-Meßbuch entnommen; sie geben eine wichtige Aussage der Perikope wieder. Die nachstehende Überschrift weist auf die Verbindung mit dem praktischen Leben hin. Die Betrachtungen münden abschließend in ein kurzes Gebet.
Elmar Gruber
Der Advent
Erster Adventssonntag (Mk 13,24-37)
„Seid also wachsam!
Denn ihr wißt nicht, wann der Hausherr kommt.“
Auf Gott hoffen
„Solange ich atme, hoffe ich“ – so lautet ein weiser Spruch der alten Römer („dum spiro spero“). „Wir sind gerettet, doch in der Hoffnung. Hoffnung aber, die man schon erfüllt sieht, ist keine Hoffnung“– so lesen wir bei Paulus (Röm 8,24).
Mein jetziges Glück
wird bestimmt von meiner Hoffnung.
Das Wort „hoffen“ bedeutet „hoppen“, „hüpfen“.
Wenn ich hoffe, „hüpfe“ ich innerlich
aus meiner gegenwärtigen Situation heraus
in eine zukünftige, die noch gar nicht da ist,
von der ich aber jetzt schon lebe,
die mein jetziges Denken, Fühlen und Handeln bestimmt.
Worauf, auf wen hoffst du;
worauf, auf wen wartest du?–
Das sind die entscheidenden Fragen
für meine Gegenwart.
Für viele Menschen ist das irdische Leben
ein Warten auf jemand, der nie kommt –
auf etwas, das es irdisch letztlich nicht gibt.
Dies wird sichtbar
in den vielen Ent-täuschungen des Lebens.
Aus diesen Enttäuschungen
entstehen häufig Frust und Lebensverdrossenheit.
In der Hoffnungslosigkeit
geht der Sinn jeden Lebens verloren.
Manche Menschen, die sich für weise halten,
wollen uns weismachen:
Das Leben hat keinen Sinn;
du mußt den Sinn des Lebens selber machen.
Sie verschweigen,
daß jeder selbstgemachte Lebenssinn
an der Todeswirklichkeit zerschellt.
Die Fähigkeit zu hoffen
entspringt unserer Sehnsucht nach Liebe,
die nicht machbar ist
und die nicht von den Dingen kommt.
Unsere Sehnsucht greift über das Irdisch-Vergängliche hinaus.
Die Hoffnung auf Erfüllung dieser Sehnsucht
gibt dem Erdenleben seinen Sinn.
Im Warten und im Harren auf das Ewige
beginnt jetzt schon die Erfüllung unserer Sehnsucht,
die im Tod vollendet wird.
Gott ist Mensch geworden,
um uns ganz menschlich
die ewige, grenzenlose Liebe zu zeigen und zu bezeugen.
Er ist Mensch geworden,
damit wir Hoffnung haben,
daß letztlich alles gut wird, weil er alles in seinen Händen hält, auch das, was uns jetzt noch als sinnlos, lieblos und undurchsichtig erscheint. Seine Menschwerdung gibt uns die Hoffnungsgewißheit, daß sich die Sehnsucht nach Liebe für alle Menschen erfüllt. Diese Hoffnungsgewißheit bewahrt uns davor, daß wir unsere Sehnsucht nach Gott mit irdischem Konsum sättigen und stillen wollen und in der Hoffnung scheitern.
In der Hoffnung auf Gott
werden auch die Zeichen des Untergangs
zu Zeichen neuen Lebens.
Das Bild vom Feigenbaum soll uns erkennen helfen:
Im Untergang fließt schon der Saft,
der zu neuer Blüte führt.
Jedes Leid trägt in sich den Keim zu seiner Überwindung.
In jedem Tod ist Leben.
In jedem Untergang wird Gottes
ganz neu aufgehen und in Erscheinung treten.
H err, auf dich hoffe ich. Erfülle mein Leben mit der Gewißheit deiner grenzenlosen ewigen Liebe und bewahre mich vor der Versuchung, daß ich meine Sehnsucht nach dir stillen möchte mit vergänglichen Dingen.
Zweiter Adventssonntag (Mk 1,1-8)
„Bereitet dem Herrn den Weg!“
Gott kommen lassen
Wege, Straßen sind Einrichtungen, die verbinden;
sie befreien von Isolation und Abgeschiedenheit;
sie ermöglichen den Verkehr
und das Zusammenkommen.
Mein Weg und dein Weg ist derselbe,
wenn ich zu dir komme
oder wenn du zu mir kommst,
wenn wir uns bei mir oder bei dir treffen.
Die Wege aber nützen nichts,
und sie versteppen,
wenn sie nicht gegangen werden.
Andererseits entstehen Wege durch das Gehen:
Wenn ich in Gang komme und gehe,
ist die Strecke, die ich gehe, mein Weg.
Wenn ich die Strecke immer wieder gehe,
wird sie zum „ausgetretenen“ Pfad,
auf den ich mich verlassen,
zum Weg, den ich auch anderen empfehlen kann.
(Wenn ich z.B. regelmäßig bete, faste, feiere,
regelmäßig heilige Orte besuche,
dann wird diese Übung zum festen Weg,
auf dem ich zu Gott komme und Gott zu mir.)
Der Prophet sagt:
In der Wüste, in der Steppe
bahnt dem Herrn einen Weg.
Die Wüste meines Lebens ist der Ort,
in den Gott kommen will
und in dem ich Gott begegnen werde.
Durch Gott erwarten
und durch Gott entgegengehen
kann ich dem Herrn den Weg bereiten.
Ich brauche nicht fliehen aus meiner Wüste,
denn Gott kommt in meine Wüste,
und dann wird die Wüste „blühen“.
Sie wird verwandelt in einen „blühenden Garten“.
In biblischer Zeit galt die Wüste als Ort,
wo die Dämonen hausen.
Gott wird die „wüsten“ Kräfte in mir,
die alle meiner Angst und Ungeborgenheit entspringen,
Haß, Neid, Eifersucht, Rache ...
heilen und in heilende Kräfte verwandeln.
In der Lesung beschreibt der Prophet noch genauer,
wie das Wegbereiten geht:
„Jedes Tal soll sich heben,
jeder Berg und Hügel sich senken.
Was krumm ist, soll gerade werden,
und was hüglig ist, werde eben.
Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn.“ (Jes 40,4 und 5)
Auf dem Weg zu Gott,
auf dem Weg Gottes zu uns,
gibt es Hindernisse,
die nur unsererseits bestehen:
Die „Berge“ unserer falschen Gottesvorstellungen.
Muß ich in meiner Wüste nicht Angst bekommen
vor einem strafenden Rachegott?
Die „Täler“ unserer unlösbaren Lebensprobleme:
Wie kann es einen liebenden Gott geben
angesichts des unsäglichen Leids in der Welt
und angesichts der furchtbaren Grausamkeit der Menschen?
Die „krummen“ Touren unseres Lebensweges:
Wie kann Gott zu mir kommen
angesichts meiner Bosheit, Schuld und Sünde?
Von Gott her gesehen
sind das für sein Kommen keine Hindernisse.
Im Hinblick auf Gott, den ich erwarte,
kann ich die Hindernisse beseitigen,
indem ich sie im Vertrauen auf seine Liebe
annehme und stehen lasse;
denn für das Kommen Gottes ist alles gleich und eben.
Unsere Berge, Täler und die krummen Touren
sind für ihn kein Hindernis,
weil er dies alles überwindet,
wenn ich ihn kommen lasse.
Herr, ich bin bereit für deine Wege. Laß meine Wege deine Wege und deine Wege meine Wege werden.
Dritter Adventssonntag (Joh 1,6-8.19-28)
„Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt.“
Gott erkennen
„... den ihr nicht kennt“,
weil ihr ihn nicht an-erkennt!
Man kann Gott, Jesus, nur erkennen,
wenn man ihn an-erkennt.
Gewöhnlich erkennen wir etwas zuerst mit der Vernunft,
bevor wir es anerkennen.
Bei Gott ist es umgekehrt:
Erst wenn ich ihm im Glauben begegne
und ihn anerkenne,
kann ich ihn immer mehr mit meiner Vernunft erkennen.
„Ich glaube, damit ich erkenne.“
Darum kann ich Gott
mit vernünftigen Argumenten und Beweisen
zunächst nicht vermitteln,
sondern nur durch das Zeugnis des gelebten Glaubens.
Andererseits gibt es aber doch
allgemeine menschliche Erfahrungen und Einsichten,
die zum Glauben führen können:
Ich habe Sehnsucht und weiß nicht wonach;
ich hoffe und weiß nicht worauf;
ich erlebe Augenblicke des Glücks
und weiß nicht warum;
ich gehe und weiß nicht wohin.
In meinen Enttäuschungen erlebe ich immer wieder,
daß ich meine Sehnsucht
aus eigener Kraft und mit irdischen Gütern
nicht stillen kann.
„Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir“:
Die Unruhe, Sehnsucht des Herzens,
die jeder Mensch erfährt,
deutet Augustinus als Sehnsucht nach Gott.
Aber wer oder was ist dieser „Gott“,
den Augustinus und mit ihm viele andere
als Ziel unserer Sehnsucht und Hoffnung erkennen?
Das Wort „Gott“ (von „gout“ = schreien, rufen) besagt:
Gott ist das oder der,
nach dem alle Menschen schreien, rufen.
Aber was ist das?
Wenn wir die Erfahrung unserer Sehnsucht
und die Sternstunden unseres Glücks,
die wir in Freude und Leid haben können, befragen,
können wir erkennen:
Alle Menschen sehnen sich nach Liebe,
nach unbedingter, unverlierbarer, grenzenloser, ewiger Liebe.
In unserer Sehnsucht
und in den erfüllten Augenblicken unseres Lebens
wird diese Liebe „ersichtlich“.
Aber gesehen wird sie erst,
wenn der Mensch,
der die Liebe als nicht selbstgemachtes Geschenk erlebt,
an sie glaubt.
Gott ist die Liebe – diese Liebe ist Gott. Somit wird Gott ein Deutewort für erfahrene Liebe. Dieser Glaube an „Gott“ ist grundsätzlich jedem Menschen möglich – vor aller Religion, Tradition und theologischer Interpretation. Wer diesen „Gottesglauben“ hat, kann Jesus anerkennen als die menschliche Verkörperung der ewigen Liebe, als die Erfüllung seiner Sehnsucht. Um meine Sehnsucht zu erkennen, muß ich sie allerdings unterscheiden lernen in meinem und von meinem Triebverlangen.
Wenn ich Jesus anerkenne,
dann erkenne ich auch,
daß Jesus damals wie heute – immer – „mitten unter uns“, – ja in uns ist als unsere „Mitte“, die uns eint mit uns selbst und miteinander. In unseren Versammlungen und in der Feier der Sakramente haben wir die besonderen Gelegenheiten zur Begegnung mit ihm.
An meine Gotteserkenntnis
ist auch meine Selbsterkenntnis gebunden:
Je tiefer ich Gott kennenlerne als die absolute Liebe,
je mehr ich mich in Gott „aus-kenne“,
desto klarer kann ich mich,
die Menschen und alle Geschöpfe
erkennen und verstehen
als die ewig geliebten Wesen,
die berufen sind, Liebe zu vermitteln.
Herr, laß mich dich erkennen als das Ziel meiner Sehnsucht, damit ich dich anerkenne als die Erfüllung und den Sinn meines Lebens.
Vierter Adventssonntag (Lk 1,26-38)
„Du wirst ein Kind empfangen,
einen Sohn wirst du gebären.“
Fruchtbar werden
Pflanze, Tier und Mensch sind fruchtbar,
wenn sie ihr Leben weitergeben – genauer: wenn sie das innere, ewige Leben, von dem das irdisch-vergängliche Leben gespeist und „be-lebt“ wird, weitergeben.
Fruchtbarkeit beginnt
mit der Offenheit und Bereitschaft für das Leben,
das nicht vom Menschen „gemacht“,
sondern vom Leben selbst „empfangen“ wird.
Auch wenn der Mensch glaubt,
er könne das Leben selber machen (bzw. weg-machen),
z.B. durch Klonen und Gentechnik,
so ist das doch nur ein sehr fragwürdiger Umgang
mit dem unmachbaren Leben,
den jeder selbst verantworten muß.
Wer in Ehrfurcht offen ist für das Leben,
wer das Leben empfängt und selbst aus dem Leben lebt,
in dem wird das Leben ganz von selbst fruchtbar;
das heißt, das Leben erhält mich am Leben,
und durch mich wird es weitergegeben.
Wer das Leben konsumhaft gebraucht und verbraucht,
wird nicht fruchtbar und bleibt nicht am Leben.
Hier wird das Jesuswort deutlich:
„Jeder, der lebt und an mich glaubt,
wird auf ewig nicht sterben“ (Joh 11,26).
Das Johannesevangelium sieht das Wesen Gottes
vor allem in den Wirklichkeiten von Liebe und Leben.
Johannes sieht das Wesen Gottes
in der Jesusgestalt verkörpert:
„Ich bin das Leben“; „Gott ist die Liebe“;
„Der Vater ist in mir“; „Ich bin im Vater“.
(„Vater“ ist zu verstehen als Ursprung
von Leben und Liebe.)
Im Gleichnis vom Sämann spricht Jesus
vom „Wort Gottes“,
das er als „Gottessamen“ versteht,
der in fruchtbares Erdreich fällt
und dort aus eigener Kraft
hundertfältig fruchtbar wird.
Wenn ein Mensch für Gott empfänglich ist,
geht er in ihm auf und wird fruchtbar,
und so wird der Mensch selbst fruchtbar durch Gott.
Das Fest Mariä Empfängnis will uns deutlich machen,
daß Maria selbst schon – und nicht nur sie, sondern eigentlich jeder Mensch – eine „Frucht Gottes“ ist. Und wenn man „Jungfrau“ und „Jungfräulichkeit“ als geistliche Begriffe versteht, dann ist Maria, die junge Frau, die Braut, die auf den Bräutigam wartet, der sich ihr schenkt und in ihr fruchtbar wird und der sie selbst in ihrer Liebe fruchtbar macht.
In uns allen will Gott
durch Jesus, die „Frucht“ ihres Leibes, fruchtbar werden.
Uns alle, die Liebe von uns allen,
will Gott durch seine Liebe fruchtbar machen.
Dies geschieht dadurch,
da wir die allerbarmende Liebe Gottes (Jesus)
in uns aufnehmen und fruchtbar werden lassen,
indem wir selbst aus ihr leben
und sie an andere weitergeben.
Fruchtbar werden ist der Sinn
unseres vergänglichen Daseins.
Herr, ich will dich empfangen, damit deine Liebe fruchtbar wird in mir und damit meine menschliche Liebe fruchtbar wird in dir.
Die Weihnachtszeit
Heiliger Abend (Mt 1,1-25)
Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes Davids,
des Sohnes Abrahams.
Ab-stammen
Der Stamm trägt Äste, Zweige, Blätter, Blüten, Fruchte;
sie alle sind sein „Ertrag“.
Ohne Stamm bin ich nichts,
weil ich mich nicht selbst tragen und ertragen kann.
Ich kann mich nicht an mir selbst halten.
Ohne Stamm fehlt mir die Wurzel,
aus der ich lebe,
und aus der ich meine Art und „Echtheit“ habe.
Wenn mein Stamm abbricht,
breche ich selbst ab.
Stamm und Ertrag machen sich gegenseitig erkennbar:
„An den Früchten“ erkenne ich den Stamm,
und der Stamm läßt mich hoffen auf Fruchte,
die ich schon im voraus kenne.
Jeder Stamm ist schließlich selbst auch ein Ertrag;
denn jeder Stamm stammt von einem Stamm,
der vor ihm war.
So stammt jeder Stamm und jeder Ertrag
von einem Urstamm ab,
der sich im jetzigen Stamm wieder verkörpert
und der den jetzigen Stamm schon in sich birgt.
Diese Abstammwirklichkeit
war für Matthäus und Lukas hilfreich,
um deutlich zu machen,
wer Jesus war
und wer er immer bleiben wird als „Urstamm“ aller Geliebten
und damit als Urstamm aller Menschen
- als neuer Adam – ,
weil alle Menschen
die von Gott ewig Geliebten waren, sind und bleiben.
Matthäus geht von den Anfängen zur Gegenwart.
Er will zeigen:
In Jesus ist David lebendig
und der „Stammvater“ Abraham.
Diese sind in der Stammesgeschichte
zwei wichtige Menschen,
weil sie ganz nach dem Plan Gottes
und aus dem Vertrauen auf ihn gelebt haben:
Jesus ist der, der ganz aus Gott lebt.
Lukas (3,23-38) geht von der Gegenwart zurück zu den Anfängen und gelangt zu Adam, der unmittelbar von Gott stammt: Jesus stammt von Gott.
Wenn man bedenkt,
daß in biblischer Zeit nur die Männer als zeugungsfähig erachtet wurden
und die Mütter sozusagen alle nur Leihmütter waren,
kommt noch ein faszinierender Gedanke dazu:
der Bruch des Stammbaums Jesu.
Jesus wird nicht von Josef gezeugt,
sondern geboren aus Maria, der Jungfrau,
der Braut Gottes.
(Der Name „Maria“ bedeutet „Geliebte Jahwes“.)
Die bisherige Abstammungslinie der Stammväter ist gebrochen
und wird abgelöst durch die Stamm-Mutter,
die einen ganz neuen Menschenstamm begründet,
den Stamm derer, „die aus Gott geboren sind“ (Joh 1,13) und die durch Jesus „Kinder Gottes“ geworden sind.
Die Betrachtung der Herkunft Jesu
begründet ein neues Menschenbild:
Jeder Mensch stammt eigentlich und zuallererst von Gott;
die biologische Herkunft wird dadurch zweitrangig.
Dieses Menschenbild begründet ferner die Einstellung des Menschen
zu sich selbst, zu den anderen und zur Welt.
Andererseits verbietet die Betrachtung
des Stammbaums Jesu geradezu,
die Gottheit Jesu biologisch,
„genetisch“ zu erfassen.
Die Menschwerdung Gottes ist ein Vorgang
in der Biologie,
aber kein biologischer Vorgang.
Die Frage nach der biologischen Herkunft Jesu
verliert angesichts der Menschwerdung Gottes an Bedeutung. Sie kann den Glauben an die Menschwerdung eher verdunkeln als erhellen.
Herr, mein Gott, du bist zugleich mein Vater und meine Mutter. Du verläßt mich nie. Laß mich nie vergessen, daß alle Menschen deine Kinder sind.
Heilige Nacht (Lk 2,1-14)
„Auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“
Verwandelt werden
Die Krippe mit dem Kind
ist der Ursprung jener Kraft,
die die Menschen von innen her verwandelt.
Die Krippe mit dem Kind
ist der Ursprung des Friedens bei den Menschen.
Auch viele Menschen, die sich für ungläubig halten,
spüren, erahnen und fühlen irgendwie:
Im Weihnachtsfest liegt eine gewisse Zauberkraft,
die alle anrührt.
Im Kind in der Krippe
und in den vielen Weihnachtssymbolen liegt etwas,
wonach sich alle Menschen sehnen:
Liebe, Friede, Freude.
Die verwandelnde Kraft der ewigen Liebe
wird hier an der Krippe ersichtlich.
Nicht Drohung und Gewalt
verändern hier den Menschen,
sondern die „rührende“ Macht der Liebe,
die durch die äußeren Zeichen
innerlich anrührt und bewirkt,
daß sich der Mensch freiwillig
und gerne selber ändert.
Alle Weihnachtsgeschichten
bringen diese Verwandlung zum Ausdruck:
Streitende versöhnen sich;
Verbrecher werden barmherzig;
Herrscher werden zu Dienern.
Die biblischen Bilder (besonders Jes 11), die die Innerlichkeit des Menschen zeigen, besagen dasselbe: Der Löwe frißt Stroh – nicht mehr Menschen; Wolf und Schaf wohnen miteinander – alle Gegensätze sind eins geworden; das Kind spielt am Schlupfloch der Natter – alle Angst ist überwunden. Die Macht der Liebe, die alles verwandelt, ist grenzenlos: Alle Menschen sind „Menschen seiner Gnade“.
Es ist unsere Not und Sünde,
daß wir der grenzenlosen Liebe Gottes Grenzen setzen
und dadurch ihre Auswirkung behindern.
Indem wir die Liebe Gottes eingrenzen auf die „Guten“,
das heißt auf die Menschen, die wir für gut erklären
- wir meinen vor allem damit uns selbst! – ,
schaffen wir „heilige“ Feindbilder,
die im großen wie im kleinen
immer wieder zu „heiligen“ und
„gerechten“ Kriegen führen.
Konflikte entstehen beim einzelnen wie bei Gruppen
durch das Zusammentreffen verschiedener „Eigenarten“
und Identitäten, die sich gegenseitig
ganz von selbst abgrenzen und in Frage stellen.
Der andere wird zum Feind,
weil ich mich durch sein Anderssein angegriffen fühle.
Ich sollte es gar nicht versuchen,
aus eigener Kraft meinen Feind zu lieben;
das kann niemand.
Ich brauche die Kraft der grenzenlosen Liebe Gottes,
der immer alle („die anderen auch“) liebt, damit ich wenigstens beginnen kann, „entfeindende Prozesse“ (Pinchas Lapide) einzuleiten. Es genügt vielleicht schon, wenn ich Gott „erlaube“, daß er auch meine Feinde liebt und ihnen verzeiht. Diese Friedenskraft gewinne ich aus dem Glauben an die absolute Liebe, die sich im Jesuskind verkörpert, und aus der Erfahrung des ewigen Geliebtseins, die mir der Weihnachtsglaube schenkt.
Herr, schenk mir den Glauben an deine grenzenlose Liebe, die Rache, Haß und Ärger in Liebe verwandelt.
Weihnachten am Tag (Joh 1,1-18)
Im Anfang war das Wort.
Eins sein
„Anfang“ ist nicht nur zeitlich zu verstehen;
„Anfang“ ist der „Ur-sprung“ alles Wirklichen.
„Wort im Anfang“ bedeutet:
das Innerste im Anfang ist das „Wort“.
„Wort“ ist sozusagen der Ursprung vom Ursprung.
Gott ist der Ursprung von allem, was es gibt,
und somit ist Gott das Wort,
zu allererst sein eigener Ursprung.
Alles Geschaffene hat ein Woher,
hat einen Ursprung außerhalb von sich. Gott hat seinen Ursprung in sich; er ist sein eigener Ursprung. Die Bezeichnung „Wort“ für den innersten „Kern“ alles Wirklichen soll uns helfen, die „Wirklichkeit“ Gottes, die Wirklichkeit der Schöpfung tiefer zu erahnen und zu erfassen. In unserem Erdenleben können wir diese Ur-Wirklichkeit nur anfangshaft erahnen.
Auch wenn wir Gott einmal „schauen“ dürfen,
wird seine Liebe für uns Geschöpfe
ein letztlich unergründliches Geheimnis bleiben.
Das muß auch so sein;
denn könnten wir Gott jemals ergründen,
wäre er nicht mehr das, was er ist: Gott.
Was bedeutet nun „Wort“?
Die Bedeutung von „Wort“ wird uns klarer,
wenn wir das Sprachfeld betrachten,
das mit „Wort“ angesagt ist:
Aus-sprechen, an-sprechen, ab-sprechen;
Aus-spruch und An-spruch,
Aus-rede, An-rede, Ab-rede …;
hören, an-hören, ab-hören;
er-hören, ge-hören, ver-hören;
horchen, ge-horchen …
Es wird deutlich, daß mit „Wort“
alle Vorgänge angesprochen und ausgesprochen sind,
die für unser Leben und unsere Wirklichkeit
von Bedeutung sind.
Martin Buber faßt dies formelhaft zusammen:
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“;
„Gott ist Beziehung“.
Gott selbst ist Beziehung,
und er ist der Ursprung aller Beziehungen,
in denen und aus denen wir leben.
Beziehung ist ein „Verhältnis“:
das Verhalten von verschiedenen,
gegensätzlichen Wirklichkeiten,
die mitsammen geeint, eins sind
ohne Aufhebung der Verschiedenheit
und Selbständigkeit.
Nicolaus Cusanus bezeichnet Gott
als die Einheit aller Gegensätze.
Man könnte das mit einer Batterie vergleichen:
Wenn Plus und Minus richtig geschaltet sind, spenden sie Energie;
wenn sie kurzgeschlossen sind, löschen sie sich aus.
Die Theologie bringt das innergöttliche Verhältnis
in der Lehre von der heiligsten Dreieinigkeit
zum Ausdruck: Ein Gott in drei Personen.
Auch unsere menschlichen Beziehungen sind „dreipolig“:
Ich und Du und die Liebe, die uns eint.
Die Liebe, die uns eint,
ist etwas Drittes, das wir erleben
und das unser Lieben bewirkt,
das wir aber selbst nicht „machen“.
Gott ist es, der uns eint,
der uns aber auch trennt,
damit wir selbständig bleiben
und unser Selbstsein
nicht auflösen durch Verschmelzung.
Die ständig geforderten Verzichte und Ablösungen
und die oft so schmerzlichen Enttäuschungen
dienen letztlich der Aufrechterhaltung
unseres Selbstseins.
Wenn voneinander entfernte Menschen
auf einen Punkt zugehen,
kommen sie einander „nahe“.
Wenn Menschen einander nahe sein wollen,
müssen sie mitsammen auf Gott zugehen:
Durch ihn werden sie geeint
und gleichzeitig in ihrer Selbständigkeit
und Individualität erhalten.
Gott eint und trennt zugleich.
Das Wesentliche in den christlichen Ehen
und Beziehungen
ist nicht die Unauflöslichkeit
- das ist die Folge – ,
sondern der Versuch,
die irdischen Bindungen und Beziehungen
aus dem Glauben an die ewige Liebe zu leben.
Herr, schenk mir das Glück in meinen Beziehungen und gib mir die Kraft, die notwendigen Enttäuschungen und Ablösungen zu bewältigen.
Weihnachten – Fest des hl. Stephanus
(Apg 6,8-10; 7,54-60)
„Ich sehe den Himmel offen.“
In den Himmel schauen
Angesichts des Todes
sieht Stephanus den Himmel offen;
für ihn, der sich für Christus ent-schlossen hat,
ist der Himmel er-schlossen und entschlüsselt.
Gott schließt den Menschen niemals aus;
der Mensch schließt sich aus von Gott,
aber Gott bleibt immer offen für ihn,
bis er sich wieder für Gott „entschließt“.
Es gibt keine objektive Gottlosigkeit,
wohl aber eine subjektive.
Jedoch erzählt die Paradiesesgeschichte,
daß Galt das Paradies, den Himmel, verschlossen hat.
Was bedeutet das?
Gott hat es so eingerichtet,
daß der Mensch sich ausschließen kann.
Insofern trägt Gott die letzte Verantwortung
für „Schloß und Riegel“ am Himmel.
In diesem vom Menschen verursachten Verschluß
des Paradieses
bleibt also Gott mit drin. Gott ist sozusagen als Schlüssel im Schloß steckengeblieben, damit er, wenn sich der Mensch für Gott entschließt, sofort aufsperren kann. Wir haben die Hoffnungsgewißheit, daß sich im Tod wohl jeder Mensch für Gott entschließen wird, freilich mit allen Konsequenzen der Bekehrung.
Stephanus sieht vor dem Tod
schon den Himmel offen.
Und was sieht er da?
„Die Herrlichkeit Gottes und den Menschensohn,
stehend zur Rechten Gottes.“
Wenn man diese Bilder zu deuten weiß,
kann man sich ein ganz klares Bild vom Himmel machen:
Die Herr-lichkeit („Herr-schaft“) Gottes
ist die alles ohne Zwang bezwingende
ewige, grenzenlose und bedingungslose Liebe Gottes.
Der „Menschensohn“ ist Jesus,
die verkörperte und verleiblichte Liebe Gottes.
Er ist eingesetzt als „Richter“,
der „zur Rechten Gottes sitzt“
und durch die Liebe Gottes alles richtet,
was unrichtig ist und „falsch gelaufen“ ist.
Der Menschensohn steht aber zur Rechten Gottes; er hat sich erhoben und tritt in seiner ganzen Größe in Erscheinung, um das „Gnadengericht“, - das ist die Vollendung des Menschen – zu vollziehen.
So wie für Stephanus
bringt der Tod für jeden Menschen dieses „Gericht“,
das auch wir im offenen Himmel des Stephanus erschauen.
Daß das Gericht Gottes
bei Stephanus voll angekommen
und durchgekommen ist,
wird in seinen letzten Worten deutlich,
als er seinen Todfeinden verzeiht:
„Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!“
Die Worte des Stephanus reizen seine Gegner
über die Maßen:
Der Glaubende, der den Himmel offen sieht,
macht allein durch sein Sosein alle wütend,
die nicht glauben und den Himmel nicht offen sehen,
weil er ihre (gottlose) Identität in Frage stellt.
Wenn ein (noch) nicht Glaubender
Gott in einem Glaubenden begegnet,
bleiben ihm nur zwei Reaktionen:
Bekehrung oder Verstockung.
Unglaube ist tödlich;
Glaube macht fähig zum Sterben.
Herr, ich bin entschlossen für dich. Schließ mir den Himmel auf, damit ich die Kraft habe, aus dem Glauben zu leben und zu sterben.
Sonntag in der Weihnachtsoktav
Fest der hl. Familie (Lk 2,22-40)
Das Kind wuchs heran ...
Gott erfüllte es mit Weisheit.
Heilig sein
Heil sein
bedeutet immer auch „heilig“ sein.
Das Wort „heilig“
bringt die allgemeine Bedeutung des Heilseins zum Ausdruck.
So ist die „heilige Familie“
für uns alle als heile Familie bedeutsam,
die sichtbar macht,
woher das Heil in den Familien kommt,
und wie Familien geheilt, „therapiert“ werden können.
Heil ist eine Familie,
wenn sich jedes Mitglied
daheim, geborgen und angenommen fühlen kann,
wenn ich so sein darf, wie ich bin,
und wenn ich den anderen in Liebe
so sein lassen kann, wie er ist.
Paulus gibt heute im Kolosserbrief (3,12-21) eine ganz praktische Familienhilfe aus der Kraft des Glaubens. Die Bedeutung der hl. Familie liegt weniger in ihrer moralischen Wirklichkeit, sondern vielmehr in ihrer Zeichenhaftigkeit für den Ursprung jeden Familienglücks. Sie zeigt, woher die Kräfte kommen, die zum Glücklichsein vonnöten sind: Sie kommen aus dem Glauben an die ewige Liebe. Paulus beginnt sein Kapitel: „Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen.“ Damit weist er auf Gott hin als den Ursprung der Liebe: Gott ist der Ersthandelnde in der Liebe, auch bei aller Echtheit der menschlichen Liebe. Aus dem Glauben an ihn kommen die Kräfte, die den Menschen und seine Beziehungen heil und heilig machen. Wenn man die Kraft, die in „Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld“, die im Ertragen und Vergeben wirkt, selbst erzeugen könnte, bräuchte man keinen Glauben und keine Religion.
Wenn man jemand liebt,
muß man ihn „leiden“ können,
das heißt ihn so nehmen können, wie er ist – mit allen Stärken und Schwächen. Gott kann jeden von uns „leiden“. Warum sollten wir uns dann nicht immer wieder leiden können? Gott als Ehe-und Familienberater wird heute leider sehr oft übersehen. Damit wird auch übersehen, welche Kräfte für eine glückliche Familie aus einem praktizierten Glauben erwachsen können, aus dem gemeinsamen Fasten, Beten und Feiern und aus dem gemeinsamen Einsatz für andere.
Die heilige Familie ist ganz aufgebaut
auf dem Vertrauen zu Gott,
der allen Unerhörtes zugemutet hat:
Maria die uneheliche Schwangerschaft – Josef soll die von einem anderen Schwangere zu sich nehmen. Maria und Josef haben den Boten Gottes geglaubt – wach und im Schlaf. Und so ist aus einer menschlich unmöglichen Situation die heilige Familie geworden.
„Gott erfüllte das Kind“ – lesen wir bei Lukas. Nicht nur das Jesuskind, alle Menschen sind Gefäße, die dazu bestimmt sind, mit Gott, mit seiner Weisheit und Liebe erfüllt zu werden.
Menschen, die vom Geist Gottes erfüllt sind,
sind „geistverwandt“.
Sie kennen sich und bestätigen einander.
So erfahren die Eltern Jesu durch Simeon und Hanna
die Bestätigung der besonderen Bedeutung ihres Kindes.
Herr, erfülle mich mit Weisheit und gib mir die Kraft zur Treue, wenn ich durch Rücksichtslosigkeit, Bosheit und Untreue enttäuscht und verletzt worden bin.
Oktavtag von Weihnachten – Hochfest
der Gottesmutter Maria (Lk 2,16-21)
Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn ...
Gott loben
Sie „rühmten“ und „priesen“ Gott
„für das, was sie gehört und gesehen hatten“.
Die Hirten haben Gott erlebt,
der sich als Kind und wie ein Kind
gezeigt und zu erkennen gegeben hat.
Das Kind ist ein wichtiges Symbol für Gott.
Dieses Symbol steht für
Freundlichkeit, Arglosigkeit, Zutraulichkeit;
das Kind „rührt sich“; es rührt den Menschen an,
äußerlich und innerlich;
das Kind hat Vertrauen und weckt Vertrauen.
Gott vertraut darauf,
daß wir ihn in unserer Sehnsucht nach Liebe
als die Erfüllung dieser Sehnsucht anerkennen,
annehmen, aufnehmen
und in unser Herz schließen.
Wenn wir Gott dafür rühmen, preisen und loben,
tun wir das nicht deshalb,
weil Gott auf unser Lob angewiesen wäre.
Gott braucht für sich nicht unser Lob;
aber wir brauchen das Lob Gottes,
damit unser Bewußtsein und unsere Gesinnung
immer mehr von Gott erfüllt und bestimmt wird.
„Preisen“ heißt:
den Wert erkennen und nennen;
„loben“ heißt lateinisch „praedicare“:
etwas vor-sagen.
Wir müssen es uns selbst und den anderen
immer wieder vor-sagen,
daß Gott es ist, der uns immer liebt – auch in Not, Leid und Tod, der uns immer hilft und heilt, auch wenn dies meistens nicht so geschieht, wie wir es uns vorstellen.
So wird das Gebet
zur unentbehrlichen Lebenshilfe für den Glaubenden.
Umgekehrt wird die Anwesenheit
und Gegenwart Gottes spürbar,
wenn ich bete,
wenn ich Gott anspreche,
wenn ich seinen „heiligen Namen“ an-rufe
und ausspreche.
Jedes Wesen wird durch das Aussprechen
seines Namens, durch das Genannt-Werden,
in die Gegenwart geholt.
Wenn ich bewußt
die Namen von Lebenden und Toten nenne,
wenn ich sie „beim Namen rufe“,
kann das eine ganz tiefe Wirkung haben;
im Rufen des Namens
kann sich Begegnung ereignen.
Die wichtigste Art des Betens
ist das Loben und Preisen.
Ich erkenne und bekenne:
Du bist‘s, der mich gerufen hat und ruft;
du bist‘s, der mir geholfen hat und hilft;
du bist‘s, der mir begegnet ist und begegnet
in meiner Liebe.
Durch Bitten und Danken
wird das Loben noch ergänzt:
Ich mache mir bewußt,
daß ich alles aus der Hand Gottes annehmen kann, darf und „muß“! Gott gibt mir sowieso alles, was ich brauche; darum brauche ich ihn eigentlich nicht zu bitten. Aber durch Bitten und Danken wird alles zum Geschenk. Durch mein Gebet kann ich Gott nicht ändern, aber ich ändere mich, indem ich offen und offener werde für ihn, so daß ich schließlich auch Leid und Tod als das „Meinige“ aus seiner Hand annehmen kann.
„Die Hirten kehrten zurück“;
sie haben Gott in sich aufgenommen
und in ihr Herz geschlossen.
Er geht überall mit,
und er ist da,
wenn sie ihn preisen.
Gott holt uns nicht aus dem irdischen Leben heraus;
er nimmt uns unsere irdischen Aufgaben
und unsere Verantwortung nicht ab.
Im Gegenteil: Er macht uns fähig,
mit neuem Bewußtsein und mit neuen Einsichten
unsere Aufgaben in der Welt
nach dem Prinzip Liebe
wahrzunehmen und zu erfüllen.
Auch wir müssen „zurück“,
neu und erneuert jeder an seinen Platz.
Dies könnte somit das Leitwort sein für das neue Jahr:
„Ich will den Herrn allezeit preisen;
immer sei sein Lob in meinem Mund“ (Ps 34,2).
Herr, laß mich in deiner Liebe ganz geborgen sein, damit ich auch im Leid dein Lob verkünde.
Zweiter Sonntag nach Weihnachten
(Joh 1,1-18)
Im Anfang war das Wort.
Sinn finden
Zum zweiten Mal in der Weihnachtszeit
lesen wir heute den unerschöpflichen Prolog
des Johannes-Evangeliums,
der mit dem „Wort“ beginnt.
Das ursprüngliche Wort ist griechisch
und heißt „logos“.
Dieses Wort kann im Deutschen
nur mit sehr vielen Worten wiedergegeben werden.
„Logos“ ist zum vielschichtigen,
philosophisch geprägten Begriff geworden,
den man durchaus – wie Kurt Marti – auch mit dem deutschen Wort „Sinn“ übersetzen kann: „Im Anfang war der Sinn, und der Sinn war bei Gott, und der Sinn war Gott ...“ In dieser Übersetzung gibt das Bibelwort eine Antwort auf höchstaktuelle Zeitfragen: Was ist der Sinn meines Lebens? Was ist der Sinn des Lebens und des Daseins überhaupt?
Alles, was ist und geschieht,
was war, ist und sein wird,
hat einen Sinn.
Und:
Der Sinn von allem ist Gott,
die ewige Liebe und das ewige Leben.
„Sinnvoll“ ist alles, was mit Gott „erfüllt“ ist,
wo Gott „drin“ ist;
„sinnlos“ ist alles, wo subjektiv Gott fehlt,
denn objektiv ist Gott überall dabei;
er wirkt in allem,
auch in dem, was wir böse nennen.
Diese Antwort auf die Sinnfrage
setzt freilich Gotteserfahrung und Glauben voraus.
Unsere Zeit zeigt deutlich,
daß der Ungläubige keinen Sinn des Lebens finden kann,
und trotzdem bleibt er auf der Suche danach
in einer angeborenen Ahnung:
Es muß doch einen Sinn geben.
Viele sehen heute
in Konsum, Lust und „Spaß“
den Sinn des Lebens.
Aber dieser „Sinn“
erweist sich früher oder später als Unsinn,
und diese Frustration führt noch tiefer
in das „Leiden am sinnlosen Leben“ (Viktor Frankl).
Depression, Verzweiflung und Selbstmord
sind die häufige Folge dieses Leidens.
Eine rein materialistisch orientierte Psychologie
spricht heute vom „konstruktiven Muß“.
Das heißt, das Leben hat keinen Sinn;
du mußt den Sinn deines Lebens selber „machen“,
damit du deinem Leben einen Sinn geben kannst.
Die Wirklichkeit des Lebens zeigt jedoch,
daß diese Empfehlung keine Lösung bringt,
weil sie praktisch nur tiefer in die Sinnlosigkeit führt.
Viktor Frankl und Elisabeth Lukas vertreten
in der „Logotherapie“ die „Heilung durch Sinn“.
Diese Heilung geht von der Ureinsicht aus
- die vielleicht schon einen positiven „Urglauben“ miteinschließt – ,
daß jedes Menschenleben
einen Sinn, eine Aufgabe und eine Verantwortung hat,
die von vornherein da sind, und die vor-gegeben sind.
In der Findung des Sinns
besteht meine Heilung und mein Heil, – wenn ich meinem Leben den Sinn geben kann (Aufgabe und Verantwortung eingeschlossen!), den es bereits schon hat. Wenn ich nur irgendwo „ein wenig“ Sinn finde, könnte mir das zum Glauben verhelfen, daß letztlich alles einen Sinn hat, auch wenn mir noch vieles als sinnlos erscheint.
Viktor Frankl nennt dies „Übersinn“.
Für den Glaubenden ist „Übersinn“
ein anderes Wort für Gott.
Die Logotherapie
geht von einer positiven Einstellung zum Leben aus,
von einem grundlegenden Optimismus.
Sie kommt aus dem Urvertrauen
und will ins Urvertrauen zurückführen.
So gibt es in der Psychologie Argumente und Hilfen,
die hinführen zum Glauben an die ewige Liebe,
die der Sinn von allem ist
und die uns letztlich von allem heilt.
Nun bleibt noch die Frage:
Wo und wie finde ich den Sinn meines Lebens?
– Im Alltag:
Wenn ich meine Fähigkeiten
und Unfähigkeiten wahrnehme,
wenn ich Freude und Leid wahrnehme und annehme,
wenn ich meine Lebenssituationen
wahrnehme und annehme,
in denen meine Lebensaufgaben verborgen sind.
Herr, offenbare mir durch meine Sinne den Sinn des Lebens und laß mich durch ein sinnvolles Leben teilhaben am ewigen Glück deiner Liebe.
Hochfest der Erscheinung des Herrn
(Mt 2,1-12)
Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria,
seine Mutter.
Das Kind finden
Schon der Engel sagte:
„Ihr werdet ein Kind finden“.
Und die Hirten und die Magier fanden das Kind.
Dieses Finden ist mehr
als nur ein äußeres Finden:
Es ist ein inneres Finden,
ein inneres Herausfinden
der inneren Wirklichkeit,
die sich im äußeren Geschehen verbirgt.
Heute stehen drei Menschen an der Krippe;
„Magier“ nennt sie das Evangelium.
Magier sind Menschen,
die mit den Wirklichkeiten
in den Dingen und hinter (über) den Dingen
vertraut sind.
„Sterndeuter“, „Weise“, „Könige“
werden sie weiterhin genannt.
Sterndeuter sind vertraut
mit der Einheit des ganzen Kosmos.
Die Weisen kennen die inneren Zusammenhänge
des irdischen Geschehens,
und sie erkennen darin eine tiefe, ewige Wahrheit;
die Könige schließlich haben die Aufgabe,
die Kraft aus der Höhe den Menschen zu vermitteln.
(Die trichterförmige Krone ist ein Symbol dafür.)
Alle drei haben die Einsicht,
daß die Erfüllung der Sehnsucht des Menschen
schon in dieser Welt zu finden sein müsse.
So machen sie sich auf die Suche,
geführt vom Stern der Sehnsucht,
der die Kraft der Hoffnung
in sich birgt und ausstrahlt.
Die drei Magier
vertreten die drei damals bekannten Erdteile:
Afrika, Asien und Europa.
Der Stern der Hoffnung
kann jedem Menschen immer und überall aufgehen,
schon lange bevor er das Kind gefunden hat.
Dieser Stern motiviert zum Aufbruch;
dieser Stern, die gemeinsame Hoffnung,
führt die Menschen zusammen,
und sie werden gemeinsam das Kind finden.
Dieser Weg führt äußerlich über Jerusalem –
die Stadt,
die die bisherige Geschichte Gottes in sich vereint.
Aber sie müssen weiter gehen, wieder dem Stern folgen, der sie zum Aufbruch bewegte. Auch die Weisen in Jerusalem geben den Hinweis, daß das Heil nicht in Jerusalem, sondern in Betlehem (der „Stadt Davids“) zu finden sei.
Nun finden sie das Kind
und sie „finden heraus“:
Hier ist die Erfüllung der Sehnsucht aller Menschen;
in diesem Kind ist die ewige Liebe verkörpert.
Und sie huldigen ihm;
sie zeigen dem Kind ihre Ergebenheit:
Gott, die Liebe,
ist Ursprung aller Wirklichkeiten,
Ursprung der Einheit alles Geschaffenen,
Ursprung aller Weisheit,
Ursprung aller Macht und aller Kräfte,
die dem Menschen zum Heile dienen.
Der Rückweg ist nun ein anderer;
er führt nicht mehr über Jerusalem:
Die Wege Gottes zur Welt und in der Welt
- und damit die Wege des Menschen zu Gott –
sind so vielfältig wie die Menschen selbst.
Gott selbst warnt vor der Verabsolutierung
eines „alleinseligmachenden“ äußeren Weges zu Gott.
Jeder muß seinen Weg gehen,
an dessen Ziel er das Kind findet.
Doch innerlich sind alle Wege eins:
Bewegt von der Sehnsucht,
sind wir alle unterwegs
zur Erfahrung der ewigen Liebe.
Haben wir Gott erfahren,
dann führt uns der „Rückweg“
wieder in die Welt,
jeden an seinen Platz,
wo jeder die Liebe bezeugt durch sein Leben,
von der Nächstenliebe bis hin
zur prinzipiellen Feindesliebe.
Hinweg und Rückweg
werden schließlich eins
als die „Schwingungen“ der ewigen Liebe
in unserer lieblosen Welt.
Herr, gib mir die Kraft zum Aufbruch und zum Weitergehen, auch wenn ich mich nicht mehr hinaussehe und keinen Stern mehr erblicken kann.
Sonntag nach dem 6. Januar–
Taufe des Herrn (Mk 1,7-11)
„Er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.“
Neu geboren werden
Johannes tauft „nur“ mit Wasser.
Wasser ist bei ihm vor allem Symbol der Reinigung.
Der Mensch braucht Umkehr, Buße und Erneuerung,
wenn es anders und besser werden soll im Leben.
Er muß sich trennen von der Herrschaft der angeborenen
egoistischen, materialistischen und rationalistischen
Denk-und Handlungsprinzipien.
Um ein neuer Mensch zu werden,
muß ich mich vom alten Menschen,
- von meinem Ego-Ich –
verabschieden.
Die Bußtaufe ist zunächst
Symbol der Ablösung und Trennung.
Nur wenn der „alte Mensch“ abnimmt,
kann der „neue Mensch“ zunehmen.
Jesus taucht in das Taufwasser des Johannes.
Er bereichert und verwandelt das Wasser:
Das Wasser der Buße
wird durch sein „Einsteigen“ in das Bußgeschehen
zum Wasser des Lebens.
Jesus, der getaufte Täufer:
Durch das Sich-taufen-Lassen
geht J esus selbst ein in das Taufwasser,
und so wird er selbst zum neuen Täufer,
der mit der Feuerkraft des Hl. Geistes taufen wird.
Durch Jesus bekommt die Bußtaufe
zusätzlich eine neue Bedeutung:
Leer (Frei-)-werden und Erfüllt-werden,
Loslassen und Empfangen,
Sterben und neu Geboren-werden
sind im Symbol der Jesustaufe vereint.
Im Gespräch mit Nikodemus
sagt Jesus den fundamentalen Satz:
„Wenn jemand nicht von neuem geboren wird,
kann er das Reich Gottes nicht sehen“ (Joh 3,3). Mit unseren angeborenen, aus dem „Fleisch“ stammenden, irdischen Denk- und Lebensprinzipien können wir Gott nicht sehen und erkennen. Unsere angeborenen Prinzipien sind: Vernunft; Leistung, Lohn; Strafe, Vergeltung, Sühne. Wir wollen immer mit unserem angeborenen Denken Gott erfassen, und so entstehen die falschen und verzerrten Gottesbilder: vom strafenden, beleidigten und zornigen Gott, vom grausamen Sühneopfertod Jesu, durch den der himmlische Vater wieder versöhnt wird. Wir projizieren unser angeborenes Vergeltungs- und Rachedenken in Gott hinein, und so entsteht ein Gottesbild, das bei sensiblen Menschen Höllenängste bis zur Neurose erzeugt und bei robusten Pharisäismus und Buchstabenmoral bewirkt.
Wenn wir Gott sehen wollen,
muß unser Denken, unser ganzes Lebensprinzip
neu geboren werden – nicht aus dem „Fleisch“,
sondern durch den Glauben an Jesus
und an die in ihm verkörperte absolute Liebe,
die allen alles immer verzeiht.
Das Wasser ist bei Jesus nunmehr das Symbol
für den Geist Gottes,
aus dem wir durch den Glauben
neu geboren werden, „aus Gott“,
damit wir nun als „Kinder Gottes“,
als „neue" Menschen „gottartig“ leben.
Die neue Lebenskraft kommt aus dem Bewußtsein,
mit ewiger Liebe unverlierbar geliebt zu sein,
untrennbar gebunden an die Bereitschaft,
auch allen alles zu vergeben
so wie Gott,
der seine Sonne aufgehen läßt
über Guten und Bösen,
auch alles vergibt.
Das „alte“, angeborene Denken
wird durch das neugeborene Denken
nicht ausgeschaltet oder verdrängt,
sondern überformt und verwandelt:
Meine Vernunft kann nun der Liebe dienen.
Wenn ich bei Gott
nicht mehr an Rache, Lohn und Strafe denken muß,
kann ich alles, auch Leid und Tod,
und all das, was ich noch nicht verstehe, annehmen,
ohne daß ich an seiner Liebe zweifeln muß.
Auch meine Sinne werden neu geboren,
befreit von Angst und Zwang und Sucht.
Das irdisch-sinnlich-Vergängliche
wird zum Zeichen und zum Erfahrungsort
der ewigen Liebe.
Herr, laß mich als deine Neugeburt nie wieder untergehen in den Angsten und Nöten des alten todgeweihten Lebens.
Die Fastenzeit
Aschermittwoch (Mt 6,1-6.16-8)
„Du aber geh in deine Kammer, wenn du betest,
und schließ die Tür zu.“
In sich gehen
Fastenzeit – eine besondere Zeit der „Einkehr“, wenn „ich in mich“ gehe, wenn ich zu mir selbst komme, wenn ich mich „be-suche“, um mich, mein Selbst, in mir zu finden – abgeschieden vom Betrieb der Außenwelt.
Was finde ich,
wenn ich den Mut habe,
mit möglichst wenig Selbstbetrug
in mich zu gehen,
um mein Inneres wahrzunehmen?
Ich stoße auf meine Schuld und Sünde.
„Sünde“ ist hier nicht
im Sinn moralischer Schuld zu verstehen,
sondern im Sinn existentieller Schuld (KarIJaspers). „Sünde“ („Sonderung“) ist meine Zerrissenheit, mein Uneinssein mit mir selbst, mit Gott und mit den Menschen und der Welt. Dieses Uneinssein wirkt sich aus als Soll-Spannung, als Schuld (von sculan = sollen); ich erlebe sie als Angst, als Ärger, Haß und Unzufriedenheit, als Rachsucht, Streitsucht, Eifersucht ...
Aber gerade meine Schuld ist der Ort,
wo Gott als mein „Erlöser“ in Erscheinung tritt,
indem er mich „bis zum letzten“ liebt,
bis zur Identifikation mit meiner Schuld.
Wenn ich in mich gehe,
wenn ich meine Schuld wahrnehme und annehme,
finde ich in ihr
nicht die zu erwartende Vernichtung,
sondern – Gott: Schuld als Ort tiefster Gotteserfahrung– freilich für den, der an die absolute Liebe glaubt. Von Gott her ist der Ungläubige genauso geliebt wie der Gläubige; er hat es nur noch nicht erfahren.
Die Erlösungstat Gottes durch Jesus Christus
hat Paulus in der heutigen Lesung
in wohl unüberbietbarer Dichte und Knappheit
so ausgedrückt:
„Er hat den, der keine Sünde kannte,
für uns zur Sünde gemacht,
damit in ihm Gerechtigkeit Gottes würden“ (2 Kor 5,21). Mit einem Wort: Jesus, der „sündelose Sünder“. „Zur Sünde gemacht“ heißt: ganz eins gemacht mit unserer Sünde und dadurch eins mit uns Sündern.
Gott liebt uns genauso, wie wir sind.
Er „importiert“ auf diesem Weg
seine Gerechtigkeit in unsere Schuld.
Seine „Gerechtigkeit“ ist seine Barmherzigkeit,
die – in der Verschmelzung mit unserer Schuld – unsere Schuld in Barmherzigkeit, das heißt in die „Gerechtigkeit Gottes“ verwandelt. Von „Strafe“ und „Sühneopfer“ ist hier nicht mehr die Rede.
Die menschlichen Vorstellungen,
die sich in diesen Begtiffen spiegeln,
sind in dieser mystischen Tiefe überwunden.
Man könnte hier Paulus
mit der mehr johanneischen Mystik
von Licht und Finsternis vergleichen:
Wenn sich Finsternis und Licht vereinen,
wird nicht das Licht verdunkelt,
sondern die Finsternis in Licht verwandelt.
So kann Paulus schließlich sagen:
„Überwindet das Böse durch das Gute“ (Röm 12,21) in dem Sinn: Verbindet das Böse mit dem Guten.
Herr, gib mir durch deine Liebe den Mut, mich so zu sehen und zu nehmen, wie ich bin, damit meine Schuld durch dich in Liebe verwandelt wird.
Erster Fastensonntag (Mk 1,12-15)
Er lebte bei den wilden Tieren.
Bewährt sein
Wüste und Wasser
sind als Symbole doppeldeutig:
Orte der Dämonen und Orte der Gotteserfahrung;
Orte der Bewährung,
Das „Leben bei den wilden Tieren“
kann man zunächst „franziskanisch“ deuten,
daß die wilden Tiere
in der Nähe Jesu zahm wurden,
Man kann die wilden Tiere
aber auch als das „Tierische“ im Menschen deuten,
mit dem sich Jesus als Mensch
auch auseinandersetzen mußte.
Beim Menschen sind die Triebimpulse
und das Triebverlangen
auch vorhanden – wie beim Tier; aber sie sind nicht begrenzt wie beim Tier. Die Triebhemmungen muß der Mensch in seiner Verantwortung mit den geistigen Kräften selbst aufbauen.
Diese Kräfte sind „die Engel, die ihm dienen“.
Engel sind „Boten Gottes“,
in denen die Kraft der Liebe
und die Weisheit der Gedanken Gottes wirkt.
Alle Geschöpfe – auch Gedanken – können „Engel“ werden, wenn sie die Liebe Gottes vermitteln. Unsere Engelsbilder stellen Engel meistens als Menschen dar mit strahlendem Aussehen und mit Flügeln. Die Flügel sind das Symbol der Bewegung von Gott zum Menschen und vom Menschen zu Gott.
Der Satan erscheint in der Bibel
vor allem als Prüfer,
der den Menschen herausfordert
und in die Bewährung zwingt.
Wir spüren den Satan selbst immer wieder
als spontane Kraft in der Vernunft,
die uns mit „vernünftigen Argumenten“ verleiten will
vom Vertrauen zum Berechnen,
vom Vergeben zum Vergelten,
von der Liebe zum rücksichtslosen Egoismus.
Jesus besteht die Prüfung.
Prüfungen des Lebens sind immer verbunden
mit der Versuchung,
nach egoistischen Prinzipien zu denken
und zu handeln.
Bei unseren Prüfungen
muß uns immer bewußt bleiben,
daß nicht Gott unsere Prüfungen braucht,
sondern wir – zu unserer Selbsterfahrung und zur Stabilisierung unseres Selbstbewußtseins, das heißt zu unserer Bewährung vor uns selbst. Gott kennt uns schon von Ewigkeit; aber wir müssen uns durch ihn erst kennenlernen.
Als der Bewährte mit „göttlicher Selbstsicherheit“
tritt Jesus nun auf in der Öffentlichkeit.
„Die Zeit ist erfüllt“:
Mehr als das, was Jesus ist,
kann es in unserer Zeitlichkeit nicht mehr geben.
Jesus „zeitigt“ die ewige Liebe;
in ihm wird sie zeitlich erfahrbar.
„Das Reich Gottes ist nahe“:
„Reich“ ist immer auch „Be-reich“;
der Bereich Gottes ist die Nähe.
Jesus selbst ist die menschliche Nähe Gottes.
In seiner Berührung erfahren die Menschen Heil und Heilung.
Durch die Jesuserzählungen, die uns „zu Herzen“ gehen,
berührt uns Jesus heute noch und immer.
Für den Glaubenden ist jede menschliche Berührung,
die zu Herzen geht,
Berührung von ihm.
„Kehrt um
und glaubt an das Evangelium.“
Jesus zwingt nicht zur Umkehr
durch Drohung und Gewalt;
er bewegt die Menschen zur Umkehr
durch die Kraft seiner Überzeugung
und seines Zeugnisses.
Der Glaube an die absolute Liebe
wird in unserer Welt nur möglich
durch das Zeugnis eines bewährten Glaubens.
Herr, führe mich durch die Prüfungen meines Lebens zur Bewährung meines Glaubens und zur Glaubwürdigkeit meines Zeugnisses.
Zweiter Fastensonntag (Mk 9,2-10)
Aus der Wolke rief eine Stimme:
„Das ist mein geliebter Sohn.“
Durchblicken können
Im Leben geraten wir oft in Situationen,
die uns Angst machen und uns alle Hoffnung rauben.
Es kommt so oft alles ganz anders,
als wir es uns vorgestellt und erhofft haben.
In der Verklärungsgeschichte Jesu
wird das Ostergeschehen „in Aussicht gestellt“,
damit wir die Angst,
die die Passion Jesu erzeugt,
überwinden können,
damit wir überhaupt lernen,
„gegen alle Hoffnung zu hoffen“.
Die Namen Mose und Elija
erinnern an ähnliche Situationen
in der Glaubensgeschichte Israels.
Angst entsteht immer,
wenn man „sich nicht mehr hinaussieht“,
wenn liebgewordene Gedanken, Vorstellungen und Pläne
jählings abgebrochen werden,
so daß man nicht mehr „weitersehen“ kann.
Wenn dann nicht
„von irgendwoher ein Lichtlein kommt“,
läuft man Gefahr,
in der Angst unterzugehen.
Ich kann der Angst nicht entgehen,
indem ich sie verdränge
oder auf andere übertrage und abwälze;
ich muß selber „durch“.
Und da brauche ich Licht auf der anderen Seite,
damit ich durch die finstere Röhre der Angst hindurchkomme.
Jesus ist die Lichtgestalt
für alle Ängste.
Oft brauche ich allerdings sehr lange,
bis ich dieses Licht sehen kann,
weil es von ganz woanders herkommt,
als ich es erwarte.
Die Andersartigkeit dieses Lichtes
kann aber sogar die Angst verstärken:
Das Licht ist schon da;
ich stehe schon im „Schatten der Wolke“;
ich bin noch „benommen von Furcht“,
bis ich das Licht (in der Lichtgestalt)
erkennen kann.
In der Lesung heute hören wir
die grausame Prüfungs geschichte von Abraham und Isaak,
die in der Osternacht wiederholt wird.
Wenn wir die Geschichte auf Gott beziehen,
bleibt sie schlechterdings inakzeptabel:
Grausamer kann man sich einen Menschen
auch nicht mehr vorstellen!
Gott macht Angst!
Wir haben schon gesehen,
daß nicht Gott unsere Prüfungen braucht,
sondern wir.
Wir erleben immer wieder,
daß wir das Liebste,
auf das wir – irdisch gesehen – ein Anrecht haben, hergeben müssen. Isaak steht nicht nur für „Sohn“, sondern für die ganze von Gott selbst verheißene Zukunft. Im Glauben an die ewige Liebe können wir vielleicht erahnen: Wenn alles, was wir sind und haben, Geschenk Gottes sein und bleiben soll, müssen wir es uns immer wieder neu und anders von Gott schenken lassen. Dazu ist immer wieder das Loslassen nötig, das härteste Grausamkeit bedeuten kann, die nur in einem noch größeren Glauben und Vertrauen verkraftet werden kann.
Viele Menschen zerbrechen – irdisch gesehen – am Leid. Viele bleiben im Leid „stecken“. Es ist aber nicht zu leugnen, daß es Menschen gibt, die glaubwürdig bezeugen, daß sie im tiefsten Leid die Liebe Gottes am tiefsten erfahren haben. Je tiefer die Finsternis, desto heller das Licht. Bei allen Überlegungen bleibt schließlich die letzte Warum-Frage ungelöst.
Der verklärte Jesus
das licht auf dem Weg
vom Angst machenden
zum von aller Angst befreienden Gott.
Dieser Weg bleibt keinem erspart.
Es ist der Weg vom angsterregenden Geheimnis Gottes
(„mysterium tremendum“),
zum überwältigenden Geheimnis der liebe Gottes
(„mysterium fascinosum“).
Hätten wir nicht die Hoffnungsgewißheit,
daß im Tod jedem Menschen
„das ewige Licht leuchtet“,
dann müßten wir vor Angst vergehen.
Alle Menschen, die bewußt und glaubwürdig leben,
aber nicht vor Angst vergehen,
sind Zeugen für das Ewige Licht
in unserer Welt.
Herr, sei du mein Licht, das mich durch meine Ängste und Zweifel immer mehr in deine Nähe führt.
Dritter Fastensonntag (Joh 2,13-25)
„Reißt diesen Tempel nieder,
in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten.“
Gott im Menschen suchen
Es schockiert uns zunächst, wenn wir sehen,
wie Jesus, der die absolute Liebe verkörpert,
mit der Geißel dreinschlägt.
Wie soll man das verstehen?
Manche suchen hinter der Geschichte
von der Tempelreinigung
den Versuch eines politischen Aufstandes.
Was immer geschehen oder nicht geschehen sein mag –
hier wird doch einiges deutlich.
Solange die Menschen noch nicht fähig sind,
nach dem Prinzip weltweiter Toleranz und Solidarität
friedlich zu leben,
ist Gewalt das „letzte Mittel“, das „kleinere Übel“,
um noch größeres Unheil zu vermeiden.
Entscheidend ist dabei,
daß die Menschen, die Gewalt anwenden,
dies als Übel erkennen
und daß sie dennoch überzeugt bleiben
vom Prinzip der Liebe und der Gewaltlosigkeit.
Die Gewaltanwendung eines liebenden Menschen
wirkt anders und bewirkt anderes
als die Gewaltanwendung eines hassenden Egoisten.
Das Einschreiten Jesu im Tempel
gilt der Korrektur des Gottesbildes.
Alle „heiligen Kriege“ und letztlich alle Kriege
- im großen wie im kleinen –
entspringen einem falschen
oder einem fehlenden Gottesbild.
Gott ist kein Handelspartner für den Menschen;
seine Liebe ist nicht käuflich.
Gott braucht keine Opfer,
blutige schon gar nicht.
Wir brauchen Gott nicht umzustimmen.
Gott ist die absolute Liebe,
und diese Liebe ist keinen Launen unterworfen.
Die absolute Liebe kann man gar nicht umstimmen;
sie ist grenzenlos und ewig.
Gott braucht Menschen, die bereit sind, „Tempel“ Gottes zu werden – Menschen, die sich dazu hergeben und dafür hingeben, Gott in sich aufzunehmen und zur Auswirkung in der Welt zu bringen.
Die Hingabe an Gott
ist von der Hingabe an die Menschen nicht zu trennen.
Auch umgekehrt gilt:
Jede echte Hingabe an die Menschen ist
– auch unbewußt –
Hingabe an Gott.
Beim Tod Jesu reißt der Vorhang des Tempels entzwei:
Das alte Allerheiligste ist preisgegeben,
der Tempel ist leer.
Er ist nicht mehr der Ort, wo Gott wohnt.
Wer Gott sucht,
braucht nicht mehr in den Tempel zu gehen.
Der unvertauschbare Ort, wo Gott wohnt,
ist Jesus,
der Mensch, der sein Leben
dem Haß der Menschen hingegeben hat,
um ihnen die Liebe Gottes zu offenbaren,
die stärker ist als der Haß.
Wer diese Liebe erkennt, annimmt
und sich (wenigstens prinzipiell) davon erfüllen läßt,
wird ein „Christ“,
ein Tempel des Tempels,
ein irdischer Tempel,
in dem Jesus, der ewige Tempel Gottes, „eingebaut“ ist.
„Wißt ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid
und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1 Kor 3,16).
Wer von Gott reden will,
wird nun immer vom Menschen
und von Jesus reden müssen.
Unsere „Gotteshäuser“ sind zunächst das Symbol,
daß Gott selbst unser „Haus“ ist, in dem wir „wohnen“.
Sie sind ferner der Ort,
an dem „Gott als Jesus“ gegenwärtig ist
in der Versammlung der Gläubigen
und im Symbol des Brotes.
Herr, laß mich bei dir geborgen sein, laß mich zur Stelle sein und zur Stelle werden, damit die Menschen, die dich suchen, dich auch bei mir finden können.
Vierter Fastensonntag (Joh 3,14-21)
„Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt,
damit er die Welt richtet,
sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.“
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