Kitabı oku: «P wie Pole. Ein Roman aus Schwaben»
Elsbeth Schneider ist am Niederrhein geboren und aufgewachsen und lebt seit 2005 mit ihrer Familie in der Nähe von Tübingen. Ursprünglich Ärztin, arbeitet sie seit Jahren als freie Autorin und hat u. a. unter dem Autorennamen Isabell Pfeiffer mehrere historische Romane und Jugendbücher veröffentlicht. Besonders interessiert sie sich für Geschichte, Politik und Psychologie.
www.elsbethschneider.de
ELSBETH SCHNEIDER
P wie Pole
EIN ROMAN AUS SCHWABEN

1. Auflage 2020
© 2020 by Silberburg-Verlag GmbH,
Schweickhardtstraße 5a, D-72072 Tübingen.
Alle Rechte vorbehalten.
Umschlaggestaltung: BUCHFLINK
Rüdiger Wagner, Nördlingen.
Coverfoto: Zwangsarbeiter im
Auffanglager Görden 1942, @ akg-images /
Sammlung Berliner Verlag / Archiv.
Satz und Layout: Sabine Düde,
César Satz & Grafik GmbH, Köln.
Lektorat: Michael Raffel, Tübingen.
Druck: CPI books, Leck.
Printed in Germany.
ISBN 978-3-8425-2293-0
eISBN 978-3-8425-2334-0
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Inhalt
Über den Autor
1942
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
1943
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
1945
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Danksagung
Dies ist eine erfundene Geschichte, denn alle handelnden Personen hat es nie gegeben, genauso wenig wie das Dorf Laifingen. Dies ist eine wahre Geschichte, denn während des Zweiten Weltkriegs gab es im Deutschen Reich rund acht Millionen ausländische Zwangsarbeiter, darunter knapp zwei Millionen Polen. Acht Millionen Schicksale, acht Millionen Geschichten – wie sollte man da etwas erfinden können, das es nicht gegeben hat?
1942
1
Der Marktbetrieb war schon in vollem Gange, als Tomasz gegen neun Uhr am Morgen den Kercelak-Platz erreichte. Käufer und Verkäufer drängten sich zwischen den hölzernen Buden, lärmten, schubsten, feilschten; Eimer voller Kartoffeln, getragene Herrenanzüge, Kochgeschirr, französisches Parfum, Kristallvasen, gefälschte Papiere wechselten den Besitzer, zerlumpte Kinder sammelten heruntergefallene Abfälle auf oder bettelten. Wie konnte es sein, dass nach gut zweieinhalb Jahren Besatzung immer noch so viele Leute kostbare Dinge besaßen, die sie auf dem Schwarzmarkt verscherbelten?, überlegte Tomasz, während er sich seinen Weg bahnte. Und woher konnte das französische Parfum stammen, wenn nicht durch die Hände der Wehrmacht direkt aus dem besetzten Paris? Mittlerweile hatte er Barteczko erreicht, der ihm immer einen Platz neben sich freihielt. Der Alte hob grüßend die Hand.
»Und, Tomasz? Keine Schwierigkeiten heute Morgen?«
Tomasz stellte seinen Rucksack ab und klopfte Barteczko leicht auf die Schulter. »Nein, alles war ruhig. Die einzige Schwierigkeit war das Aufstehen.«
Barteczko lachte leise. Früher, in einem anderen Leben, war er Dozent für Kunstgeschichte an der Universität Warschau gewesen, ein Feingeist, der stundenlang über das kulturelle Leben im Florenz der ausgehenden Renaissance diskutieren konnte, heute war er ein verhärmter Wicht in einem verschlissenen Wollmantel, der auf einem Klapptisch antiquarische Bücher anbot. Er hatte immer noch gute Verbindungen in die ehemalige akademische Welt oder was davon noch übrig geblieben war, so dass sein Zustrom an Erstdrucken und anderen interessanten Druckerzeugnissen unerschöpflich schien. Tomasz und Barteczko hatten sich im Arbeitsamt kennengelernt, als sie für eine Arbeits-Kennkarte anstanden und überrascht feststellten, dass sie beide eine Stelle als Nachtwächter gefunden hatten, Tomasz bei einem Eisenbahndepot, der Professor beim Fernmeldeamt – Stellen, die sich mühelos mit einer Tätigkeit auf dem Schwarzmarkt verbinden ließen.
»Hast du ’ne Zigarette für mich?«
Unwillig beugte sich Tomasz über seinen Rucksack, holte die letzten beiden Zigaretten aus dem Seitenfach, hielt Barteczko eine hin und steckte die andere wieder zurück.
»Hier, mehr gibt’s nicht … Ich hoffe, ich kann heute ein paar Packungen eintauschen, Wolski hat mir den ganzen Rucksack mit Selbstgebranntem vollgepackt. Mein Gott, wenn du dessen Bude sehen könntest, das ganze Chaos auf diesem Hof! Irgendwann fliegt er mit seiner gesamten Destille mal in die Luft.«
»Ist vielleicht kein schlechtes Ende«, sinnierte Barteczko und nahm einen gierigen Zug. »In einer Schnapswolke zum Himmel aufsteigen.«
»Ich dachte, du bist ein Freigeist und glaubst nicht an den Himmel?«
Der Professor kniff die Augen zusammen. »Hab meine Meinung geändert. Da es meiner Erfahrung nach an der Existenz der Hölle keinen vernünftigen Zweifel mehr geben kann«, er vollführte eine Handbewegung, die den ganzen riesigen Platz, vermutlich sogar die ganze Stadt Warschau mit einschließen sollte, »stehen die Chancen auf einen Himmel vermutlich gar nicht so schlecht.«
»Immer noch der alte Optimist! Kann ich meinen Fusel mit zu deinen Sachen stellen?« Auf Barteczkos Nicken hin packte Tomasz seinen Rucksack aus und stellte ein paar Literflaschen Wodka hinter die fleckigen Bände einer polnischen Literaturgeschichte.
»Wenn du früher kommen würdest, könntest du dein Zeug leichter loswerden«, bemerkte Barteczko, drückte die halb gerauchte Zigarette an seiner Schuhsohle aus und schob den Rest bedauernd in seine Hosentasche. »In der Dämmerung trauen sich auch die Deutschen aus ihren Löchern und stöbern hier herum. Die besten Geschäfte machst du mit denen, bevor es hell wird.«
»Vielleicht will ich ja gar keine Geschäfte mit denen machen? Vielleicht bin ich ja ganz zufrieden damit, wie es jetzt läuft? Ich brauche nicht viel.«
Der Alte schüttelte den Kopf. »Eine ehrenwerte, aber schwachsinnige Haltung.«
Tomasz schob sich die Mütze in den Nacken, gähnte und rieb sich die Augen. »Verdammt, ich bin einfach hundemüde. Gestern Abend war ich erst um zwölf von Wolski zurück, und heute Morgen bin ich schon um halb sechs wieder aufgebrochen.«
»Ich dachte, du hast ein Fahrrad?«
»Ja. Aber es ist mir zu gefährlich, damit in die Stadt zu fahren. Wenn irgendeiner von denen auf die Idee kommt, es zu beschlagnahmen, bricht mein Geschäftsmodell zusammen. Ich brauche das Fahrrad, um zu meinen Bauern zu fahren.« An zwei, manchmal auch an drei Tagen in der Woche fuhr Tomasz seine Runde ab zu den Bauern, die er noch aus den Anfangsjahren seiner Zeit als Reporter kannte, bevor er seine Liebe zum Sportressort entdeckt hatte. Als Grünschnabel der Redaktion war er für das Warschauer Umland zuständig gewesen und hatte regelmäßig über die Fortschritte in der Schweinezucht, die Jahrmärkte und die Pflege dörflicher Traditionen geschrieben. Damals hatte er das langweilige Einerlei gehasst, heute kamen ihm seine Kontakte zugute. Er hatte sich auf den Alkoholschmuggel spezialisiert, weil die Flaschen, die er bei einer Tour auf seinem Fahrrad transportieren konnte, ein Vielfaches von dem einbrachten, was etwa mit Kartoffeln oder Gemüse zu verdienen war. Die Bauern verkauften an ihn, weil sie ihm trauten, und waren froh, dass er sie dafür mit Zigaretten und Nachrichten aus der Hauptstadt versorgte.
»Du könntest bei uns einziehen, das weißt du ja, dann hättest du es nicht so weit. Wir haben in der Küche doch das Schlafsofa stehen. Antonia würde sich freuen, nicht immer nur mit mir zu streiten.«
»Nein«, antwortete er, ohne den Professor anzusehen. Zurück nach Warschau? Wo sie gemeinsam gewohnt hatten. Wo jede Straße, jeder Park an sie erinnerte, die süße Juniluft und der Herbstwind und die ersten Schneeflocken, die quietschenden Türen der Straßenbahnen und das Läuten der Glocken und das Klappern der Milchkannen am Morgen. Zurück nach Warschau.
»Auf keinen Fall. Ich komme zum Markt hierher, das reicht. Und ich wohne gut bei Andrzej, er käme ohne mich gar nicht mehr zurecht.«
Barteczko zog die Augenbrauen hoch. »Hattest du nicht gesagt, du schläfst dort im Treppenhaus? Auf einem Teppich? Und du brauchst eine Stunde, um bis zu deinem Arbeitsplatz zu kommen?«
»Na und! Dafür ist es ruhiger dort, und ich bin schneller auf dem Land draußen! Außerdem kann ich im Depot schlafen.«
»Ist ja gut. Brauchst dich nicht aufzuregen, ich versteh schon.«
Es war nicht richtig, dass sich all seine Wut plötzlich auf Barteczko richtete, einen alten, freundlichen Mann, dessen einziges Verbrechen darin bestand, dass er mit seiner Antonia immer noch in einer winzigen Wohnung im Warschauer Stadtzentrum wohnte. Es war nicht richtig. Tomasz holte tief Luft und versuchte sich zu entspannen. »Wie geht’s Antonia?«
»Geht so. Die Bronchitis hat sie irgendwie überstanden, aber sie ist fast wahnsinnig vor Sorge wegen Halina. Wir haben jetzt wochenlang nichts von ihr gehört, und Antonia stellt sich immer das Schlimmste vor.«
Das Schlimmste. Was für Antonia wohl das Schlimmste war? Ihre Tochter Halina lebte mit ihrem russischen Mann in Moskau und war mit ihrem ersten Kind schwanger; seit dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion hatten sie nur sehr sporadisch von ihr gehört.
»Ist gar nicht gesagt, dass es sich unter sowjetischer Herrschaft schlechter lebt als unter deutscher«, sagte Tomasz. »Ich zumindest kann’s mir nicht vorstellen.«
»Und ich dachte immer, als Journalist braucht man Fantasie«, bemerkte Barteczko trocken.
In dem Augenblick spürte Tomasz, wie in dem Markttreiben um sie herum eine eigenartige Unterströmung einsetzte, eine Bewegung ohne Ziel und Richtung. Dann hörte er das Geräusch schwerer Maschinen, Schritte, die im gleichen Rhythmus näher kamen, gebrüllte Befehle, zu weit entfernt noch, um ein Wort zu verstehen. Der ganze Markt wurde von einer Art Fieber erfasst; Händler rafften in größter Hast ihre Waren zusammen, Frauen zerrten ihre Kinder hinter sich her, jemand schrie, und die Ersten begannen zu laufen.
»Hast du das gehört, Tomek? Was ist da los?« Barteczko war bleich geworden, bleich und grau wie alter Schnee.
»Die Deutschen«, antwortete Tomasz. »Sie machen eine Razzia auf dem Kercelak.«
Mittlerweile waren die Soldaten unübersehbar aufmarschiert, die Waffen im Anschlag, und riegelten den Platz ab. Eine Gewehrsalve knatterte zu ihnen herüber, gefolgt von panischem Geschrei; Menschen rannten wild durcheinander, versteckten sich in den hölzernen Buden, drückten sich in Kellereingänge, versuchten sich an den Fenstern der umliegenden Häuser hochzuziehen. Wenn es noch eine Chance zu entkommen gab, dann jetzt, sofort. Er wusste das, aber ein Gefühl der Lähmung hatte ihn überfallen; es war, als ob nicht er selbst dort am Rande des Platzes stünde, sondern jemand anderer, den er dabei beobachtete: ein schlecht rasierter kräftiger Mann in einem schäbigen Armeemantel, daneben Barteczko, der sich an seine Bücher klammerte. Er wollte dem alten Mann den Arm um die Schultern legen und ihm etwas Tröstliches ins Ohr flüstern, einen Satz voller Zuversicht und Tiefe, aber ihm fiel nichts ein, nicht ein Wort.
»Es hat uns erwischt, alter Freund«, sagte er schließlich. Kurz schoss es ihm durch den Kopf, dass er die letzte Zigarette doch hätte rauchen sollen. Stattdessen griff er zu einer der Wodkaflaschen, schraubte sie auf und hielt sie Barteczko hin. »Auf Warschau!« Barteczko nahm die Flasche und nickte. Tränen liefen ihm über das Gesicht und ließen ihn aussehen wie einen kindischen Greis. Er trank einen Schluck und reichte die Flasche zurück.
»Auf Warschau.«
Soldaten und Sicherheitspolizisten drängten die panischen Menschen jetzt in Richtung Lesznostraße, wo eine Reihe von Lastwagen vorgefahren war. Barteczko fing an, hektisch in seinen Jackentaschen herumzuwühlen.
»Meine Arbeitskarte … Wenn sie sehen, dass ich eine Arbeitskarte habe und eine legale Stelle, dann lassen sie mich laufen, bestimmt lassen sie mich laufen, oder, Tomasz? Was meinst du? Das Fernmeldeamt ist doch wichtig, oder? Verdammt wichtig ist das. Sie werden doch niemanden mitnehmen, der dafür sorgt, dass sie ihre Scheißtelegramme rechtzeitig auf den Weg schicken können …« Mit zitternden Fingern zog er schließlich die Papiere hervor, die im besetzten Warschau mehr wert waren als Tausendmarkscheine: die Kennkarte und die Arbeitsbescheinigung. »Hier, ich habe sogar einen Sonderausweis, weil ich beim Fernmeldeamt bin … und den Ausweis, ich habe noch meinen alten von vor dem Krieg, schau, auf dem Foto da, so habe ich damals ausgesehen …« Der alte Professor redete unentwegt, als könnte er auf diese Weise verhindern, dass die Polizeikräfte näher rückten. Tomasz griff nach den Wodkaflaschen und ließ sie eine nach der anderen auf dem Boden zerschellen. Besser so, als dass sie den Deutschen in die Hände fielen. Seine eigenen Papiere brauchte er nicht zu suchen – er trug sie immer in seiner Gesäßtasche mit sich.
»He, ihr, rüber da! …« Deutsche Kommandos, Schlagstöcke, Stiefeltritte; das klapprige Tischchen fiel in den Dreck. Barteczko schrie auf und bückte sich nach seinen Büchern; Tomasz gelang es gerade noch, ihn an seiner Jacke wieder hochzuzerren, bevor die zurückweichende Menge über sie hinwegschwappte und sie mit sich riss. Heute hatten sie nicht einmal die Papiere kontrolliert, schoss es ihm durch den Kopf, während er schon zu einem der wartenden Lkws gedrängt wurde, den schluchzenden Barteczko hinter sich herziehend.
»Ich hab sie verloren … Gerade hatte ich sie doch noch, und jetzt sind sie nicht mehr da!« Der Professor starrte ungläubig auf seine leeren Hände, die vor wenigen Minuten noch die rettenden Papiere gehalten hatten. »Was soll ich denn tun, wenn die mich festhalten? Was soll denn aus Antonia werden? O Gott, Antonia denkt doch, ich bin heute Abend wieder zu Hause …« Der alte Reflex hatte ihn überwältigt; die Unfähigkeit, seine geliebten Bücher im Dreck liegen zu lassen, hatte ihn eine entscheidende Sekunde lang die Papiere vergessen und sich schützend nach der Literaturgeschichte bücken lassen. Eine Sekunde lang, in der er wieder der war, als den seine Familie, seine Studenten ihn kannten: ein bibliophiler Gelehrter und schrulliger Feingeist anstelle eines abgerissenen Schwarzmarkthändlers …
Tomasz biss die Zähne zusammen, um nicht auf ihn einzubrüllen, während der Laster sich in Bewegung setzte. »Reiß dich zusammen, Bartek! Die nehmen deine Personalien auf und schicken dich zurück nach Hause. Du bist zu alt fürs Lager.« Vielleicht stimmte es sogar. Oder vielleicht hatte Antonia noch einen Pelz oder ein Schmuckstück retten können, um ihren Mann damit freizukaufen. Mit Wertsachen war immer noch vieles möglich.
Tomasz wandte sich ab und suchte unter den anderen Verhafteten nach einem bekannten Gesicht, aber niemand außer Barteczko kam ihm vertraut vor. Einige der Leute auf dem Wagen winkten und riefen den Passanten zu, sie sollten ihre Familien benachrichtigen, aber die meisten schienen viel zu schockiert zu sein und klammerten sich nur stumm aneinander. Ein kleines Mädchen schrie aus Leibeskräften, bis eine ältere Frau es hochhob und sein Gesicht gegen ihre Brust drückte. Lesznostraße, Tłomackiestraße, Bielańskastraße, Theaterplatz; Senatorska, Zamkowyplatz, Nowyzjazd. Vor der Kierbedziabrücke gab es einen Aufenthalt; eine Fahrradrikscha war umgekippt und blockierte die Straße. Die Polizisten brüllten auf den unglücklichen Fahrer ein, aber der Mann blutete aus einer Wunde am Kopf und war offensichtlich zu benommen, um sein Fahrzeug allein wieder auf die Räder zu stellen. Ein SS-Mann gab ihm einen Stoß vor die Brust, dass der Mann ins Taumeln geriet, rief dann einen anderen Uniformierten zu Hilfe und schob mit ihm zusammen das Gefährt aus dem Weg. Für ein paar Sekunden war die Aufmerksamkeit der Polizisten abgelenkt. Jetzt. Die Entschlossenheit, die Tomasz eben gefehlt hatte, war plötzlich wieder da, ließ ihn über die Reling hechten und auf die Straße springen. Es gab noch eine Rettung, wenn er nur schnell genug war, schnell genug in einer Seitenstraße verschwinden und sich in irgendeinem Kellerloch verstecken konnte …
Er war noch nicht ganz gelandet, da traf ihn schon der Schlag eines Gewehrkolbens in den Rücken, so dass er aufstöhnte vor Schmerz. Der nächste Schlag ließ ihn zusammensacken wie eine Stoffpuppe.
»Du Hurensohn, Scheißpolack, glaubst du, du kannst uns hier Ärger machen? Warte …« Er hob die Arme vors Gesicht, versuchte sich zu schützen. Dann eine andere Stimme.
»Papiere.« In seinem Kopf war ein Dröhnen; er schmeckte Blut und fuhr sich mit der Zunge über die geplatzte Lippe. Wie im Nebel nestelte er die Papiere heraus. Ein Polizist riss ihm die Arbeitsbestätigung aus der Hand.
»Nur das hier. Den Rest kannst du behalten.« Der Mann warf einen Blick auf die Bescheinigung, grinste und riss sie dann in Fetzen. »Wieder aufsteigen, los.«
Tomasz konnte sich nicht erinnern, wie er wieder auf den Wagen gekommen war, aber plötzlich schwebte Barteczkos Gesicht über ihm wie ein bleiches Gespenst. »Tomek, mein Junge, kannst du mich hören? Ich fürchte, das war eine Dummheit, ich glaube nicht, dass sie dich jetzt noch laufen lassen …« Tomasz nickte stöhnend. »Kannst du aufstehen? Komm schon, ich helfe dir. Wir sind gleich in der Skaryszewskastraße.«
Das Durchgangslager in der Skaryszewskastraße – es gab keinen Warschauer, der es nicht kannte. Es war ein klotziges, vierstöckiges Gebäude mit einer Mauer darum, in dem vor dem deutschen Einmarsch eine höhere Schule untergebracht gewesen war. Vor dem deutschen Einmarsch, bevor alle höheren Schulen und Universitäten von den Besatzern geschlossen worden waren. Wenigstens hatte Tomasz sagen hören, dass man von der Skaryszewskastraße nicht ins Konzentrationslager, sondern zur Zwangsarbeit geschickt würde. Er stolperte mit den anderen zusammen durch ein Spalier von Bewaffneten zum Tor.
Gleich am Eingang wurden die Papiere kontrolliert. Zusammen mit anderen, die ebenfalls keine Arbeitspapiere vorzeigen konnten, wurde Tomasz weiter in das Gebäude gedrängt; er hörte die Menschen um sich herum stöhnen und schreien und eine Frau, die man ebenso wie ihn der Gruppe der Festgehaltenen zugeteilt hatte, laut und energisch protestieren.
»… ich arbeite in einer Armeebäckerei, ich bin unabkömmlich! Ihr könnt mich hier nicht festhalten! Ich habe meine Arbeitskarte, ich kann mich ausweisen! Lasst mich gehen, ihr Schweine …« Ein dumpfer Schlag und ein Schrei beendeten die Tirade. Hatte sie wirklich ihr Schweine gesagt, fragte sich Tomasz, und wenn ja, war es dumm gewesen oder mutig? Oder beides?
»Frauen nach rechts, Männer nach links, macht schon!« Uniformierte trieben sie durch die Flure in einen großen Raum, der vielleicht einmal ein Zeichensaal gewesen war. »Ausziehen und die Kleider ordentlich um die Schuhe zusammenrollen! Alles dahinten an den Durchgang legen! Die Kleidung wird desinfiziert. Und dann rüber zum Duschen!« Was vor wenigen Minuten noch eine Gruppe unterschiedlicher Männer gewesen war mit unterschiedlicher Lebensgeschichte – Handwerker, Berufsschüler, Geistliche, Beamte, Schieber –, verwandelte sich in eine Masse nackter, zitternder Leiber. Tomasz steckte seinen Brustbeutel in die Jackentasche und hoffte, dass er ihn später wiederfinden würde. Der Beutel enthielt ein paar wenige Dinge, die ihn mit seiner Vergangenheit verbanden – ein Exemplar seines ersten veröffentlichten Artikels; ein kleines Stückchen Bernstein. Und natürlich das Foto von Agnieszka und Jan, als der Kleine gerade drei Monate alt gewesen war.
Die Wachen drängten ihre Gefangenen in Richtung einer großen Flügeltür; es war sinnlos, sich zu widersetzen. Die Berührung von fremder nackter Haut war unangenehm, und Tomasz bemerkte, wie ein Gefühl der Scham sich über sie alle legte und daran hinderte, sich in die Augen zu sehen, ja überhaupt ein Zeichen zu geben, dass sie sich gegenseitig wahrgenommen hatten. Als könne man so wenigstens eine Illusion von Würde bewahren.
Der Nebenraum war so groß wie der, in dem sie ihre Kleider ausgezogen hatten, kahl und fensterlos und mit einigen Dutzend Duschköpfen ausgestattet, die an Rohren unter der Decke montiert warten. Keiner unter ihnen, der nicht schon von den Duschen gehört hatte, keiner. Tomasz spürte, wie sein Herz sich weigerte weiterzuschlagen, wie es ihm den Atem nahm, jetzt schon den Atem nahm. So war es also, so würde es sein … Er stolperte barfuß über den kalten Betonestrich, suchte Halt an seinem Vordermann, an der gefliesten Wand. Plötzlich traf ihn ein Stück grauer Seife an der Schulter; die Wachen warfen sie wahllos zu ihren Gefangenen hinein, harte, graue, billige Seife, die doch nur bedeuten konnte, dass sie weiterleben durften, dass es eine Zukunft gab, dass das noch nicht das Ende war. Das kalte Wasser war wie eine Erlösung, die Taufe am Beginn eine neuen Lebens.
Handtücher gab es nicht. Obwohl es draußen ein milder Frühsommertag gewesen war, zitterte Tomasz am ganzen Körper, als sie noch nass aus einer anderen Tür wieder hinausgetrieben wurden und sich in einem Gang in einer Reihe aufstellen und die Hände über den Kopf heben mussten. Zwei junge Sicherheitspolizisten – fast Kinder noch, dachte Tomasz, so jung, so jung! – liefen mit einer Art Pumpe an ihnen vorbei und sprühten eine widerlich stinkende Flüssigkeit auf ihre Haare, auf den Kopf, unter die Achseln, auf die Genitalien. Tomasz schloss die Augen, nicht nur, um sie vor der aggressiven Chemikalie zu schützen. Er wusste, dass er niemals die Gesichter der Männer vergessen würde, die er in diesem Zustand gesehen hatte; die ihn in diesem Zustand gesehen hatten. Dass er in Zukunft in jedem fremden Gesicht danach suchen würde, ob es dabei gewesen war. Dass er in diesem Moment aufgehört hatte, der alte Tomasz zu sein, und von jetzt an darum kämpfen musste, wenigstens ein Mensch zu bleiben, mit Leidenschaften und Schwächen, mit Träumen, Plänen, Geheimnissen. Wenigstens hatte er den Professor gleich am Eingang schon aus den Augen verloren.
Nach Desinfektion und Entlausung wurden sie an einer Kommission vorbeigeführt, immer noch nackt, die Haare feucht vom Desinfektionsmittel. Es waren drei Leute hinter einem Behördenschreibtisch, eine Frau und zwei Männer, alle in Uniform, alle mit einem gelangweilten Ausdruck im Gesicht. Tomasz konzentrierte sich darauf, nur ihre Schuhe anzuschauen, die schwarzen Stiefel der Männer, die flachen Halbschuhe der Frau. Er hob die Arme, wie ihm befohlen wurde, drehte sich, öffnete den Mund, ließ sich in den Hals sehen, in die Ohren. Tief einatmen, Luft anhalten, tief ausatmen. Knie beugen. Kopf drehen. Vergiss, wer du warst. Vergiss deine Pläne.
Nach der Untersuchung durften sie sich ihre Kleider aus einem großen Haufen wieder heraussuchen; alles war noch feucht und stank. Tomasz war erleichtert, den Beutel mit seinen persönlichen Dingen wiederzufinden. Sowohl seine Hose als auch seine Jacke waren bei der Behandlung eingelaufen und jetzt zu kurz; die Schuhe hatten sich verfärbt, waren aber noch tragbar. Er empfand ein demütigendes Gefühl von Dankbarkeit deswegen.
Die nächsten Tage verbrachten sie in ehemaligen Klassenräumen, schliefen auf Pritschen aus Drahtgittern, fünfzig, sechzig Leute in einem Raum. Dreimal am Tag wurde Essen ausgegeben, wässriger Kaffee, wässrige Suppe, Brot, Marmelade. Familien kamen wieder zusammen, Freunde trafen aufeinander, bildeten kleine Grüppchen, diskutierten. Gerüchte entstanden und verbreiteten sich wie schlechte Luft: Man werde sie alle in die Steinbrüche des Lagers Rosen bringen, sie würden zu Schanzarbeiten nach Osten an die Front verschickt, die Deutschen suchten Freiwillige für medizinische Experimente – nichts schien unmöglich, nichts zu weit hergeholt. Nachdem er vergeblich versucht hatte, Barteczko zu finden, blieb Tomasz für sich. Vielleicht war der Professor wirklich zu alt und nach Hause geschickt worden, er hoffte es wenigstens. Vielleicht würde Bartek dann Tomasz’ Familie in Kraków darüber informieren, was aus ihm geworden war. Wobei der Alte vermutlich gar nicht wusste, dass Tomasz’ Familie in Kraków wohnte. Niemand wusste das, und auch er selbst hatte es ja schon halb vergessen.
Nach vier Tagen wurden sie in Kolonnen die zwei Kilometer zum Arbeitsamt in der Kawęczyńskastraße geführt. Tomasz verstand nicht, wie es möglich war, aber offenbar wussten einige Angehörige der Internierten schon vorher darüber Bescheid, hatten am Straßenrand auf sie gewartet und versuchten jetzt, ihren Lieben Lebensmittel oder warme Kleidung zuzuwerfen. Soweit Tomasz beurteilen konnte, gelang es nur in den seltensten Fällen; das meiste landete in den Taschen der Bewacher oder im Dreck. Fast war er froh, dass er nicht damit rechnen musste, irgendjemand würde versuchen, ihm etwas mitzugeben.
Im Arbeitsamt wurden sie in eine Halle mit verschiedenen Schaltern geführt, registriert und mit einem Transportschein ausgestattet. »Ludwigsburg (Württemberg)« stand auf Tomasz’ Schein. In einem Raum in der Skaryszewskastraße hing noch eine alte Karte, und nach einigem Suchen hatte er den Ort gefunden: Er war im Südwesten des Reichs, fast schon in der Schweiz, mehr als tausend Kilometer von Warschau entfernt.
2
Vereinzelt fiel Licht durch die Ritzen des Güterwaggons; hatten die Augen sich erst an das Halbdunkel gewöhnt, konnte man die Menschen unterscheiden, die sich auf den Boden kauerten, flüsterten, stöhnten, weinten. In der Ecke der Latrineneimer, jetzt schon nach nur wenigen Stunden Fahrt voll bis zum Rand. Tomasz hockte an einer Seitenwand, eingezwängt zwischen einer jungen Floristin aus einer Warschauer Vorstadt und einem älteren Mann, der seit Beginn der Reise kein Wort gesprochen hatte. Es war so eng, dass man seine Beine nicht ausstrecken konnte, und Tomasz fühlte sich bald schon benommen, als hätte er zu viel getrunken. Die Angst erfüllte den Raum wie ein schlechter Geruch, dem man nicht ausweichen konnte. Mit jedem Atemzug nahm man sie auf und spürte, wie sie den ganzen Brustkorb für sich einnahm und dann ins Blut überging, um sich mit jedem Schlag des Herzens weiter im Körper auszubreiten und sich untrennbar mit der eigenen Substanz zu vermischen. Tomasz presste die Handflächen gegen die Bretterwand in seinem Rücken. Ich habe nichts mehr zu verlieren, sagte er sich. Sie können mir nichts mehr tun, ich brauche mich nicht zu fürchten. Aber die Angst interessierte sich nicht dafür.
Das unregelmäßige Ruckeln und Rattern des Zuges nahm Tomasz jedes Gefühl für die vergehende Zeit; als der Zug irgendwann unvermittelt bremste und anhielt, hätte er nicht sagen können, ob sie zwei oder zehn Stunden unterwegs gewesen waren. Draußen näherten sich Schritte, und die Waggontür wurde aufgerissen. Grelles Licht flutete herein.
»Los, raus hier, aber dalli! Scheißpause, los, los!« Die ersten taumelten nach draußen; Tomasz ließ sich zur Waggonöffnung drängen und verfluchte seine verkrampften Muskeln, als er hinaussprang und ungeschickt auf Händen und Knien landete. Der Zug stand im Nirgendwo, keine Stadt, kein Dorf, nicht einmal ein Haus war in Sicht, nur flache Steppe und vertrocknete Felder unter einem leeren Sommerhimmel. Fünfundzwanzig, dreißig Waggons, aus denen viel zu viele Menschen quollen und sich dann entlang des Bahndamms verteilten. Ein paar Frauen versuchten, sich mit ihren weiten Röcken vor zudringlichen Blicken zu schützen, andere hatten sich schon einfach irgendwo hingehockt, um ihre Notdurft zu verrichten. Die kleine Floristin war dabei, sah Tomasz, bevor er sich schnell abwandte. Sie hatte die Augen geschlossen, als könnte niemand sie sehen, wenn sie selbst auch nichts sah. Die meisten Männer stellten sich mit dem Rücken zum Zug und taten so, als wären sie allein. Eine Truppe von Wachleuten mit Gewehren hatte einen weiten Halbkreis um sie gebildet und beobachtete sie abschätzig; einer warf seine Mütze in die Luft und schoss darauf, alle übrigen lachten.
Gleich neben Tomasz stand ein Bursche von fünfzehn, höchstens sechzehn Jahren, ein hübscher Junge mit einem noch bartlosen Kindergesicht und hellblonden Haaren, die so weich aussahen, dass sie an ein Baby erinnerten. Der Junge sah sich mehrmals verstohlen um; er schien auf etwas zu warten, presste die Kiefer fest aufeinander, und Tomasz meinte zu spüren, wie dessen Muskeln bis zum Zerreißen angespannt waren und bereit, auf einen winzigen Impuls hin loszuschnellen. Er legte dem Jungen die Hand auf die Schulter und hielt ihn fest.
»Mach das nicht, Junge«, sagte er leise. »Die knallen dich ab, ohne mit der Wimper zu zucken.« Der Junge drehte sich wild zu ihm um und sah ihm ins Gesicht.
»Lass mich los, ich muss nach Hause! Meine Eltern haben keine Ahnung, wo ich bin! Ich muss hier weg!« Riesengroße blassblaue Augen, die Pupillen groß wie Kirschkerne; ein weicher Mund mit zitternder Unterlippe.
»Sicher. Nach Hause wollen wir alle.« Tomasz verstärkte seinen Griff. »Aber wenn du jetzt losrennst, kommst du nie nach Hause. Du hast keine Chance, dich zu verstecken. Die erschießen dich, bevor du hundert Meter weit gekommen bist. Sei vernünftig.« Ein weiterer Schuss ließ sie zusammenzucken; der Junge, der gerade noch versucht hatte, sich von Tomasz loszureißen, fing an zu zittern.
»Ganz ruhig, Kleiner … Es wird alles gut, hörst du? Alles wird gut! Du darfst nur keine Dummheiten machen …« Was rede ich da für einen Unsinn?, dachte Tomasz, während er den Jungen mit sich zog zu der Stelle, wo jetzt schwarzes Brot verteilt wurde und man mit seinem Becher Wasser aus einem Eimer schöpfen konnte. »Wie heißt du eigentlich?«
»Jan«, flüsterte der Junge. »Jan Dobiezcewski. Aus Lemberg.«
Jan, von allen Namen. Von allen Namen ausgerechnet dieser. Tomasz zog scharf die Luft ein, schloss für ein paar Sekunden die Augen, bis der Pfiff einer Trillerpfeife das Kommando zum Einsteigen gab. »Komm, es geht weiter … Jan. Komm.«
Jemand hatte die Geistesgegenwärtigkeit besessen, den Latrineneimer mit nach draußen zu nehmen und zu leeren. Der Eimer wurde als Erstes wieder eingeladen, dann kletterten die Gefangenen zurück. Tomasz ließ den Arm des Jungen nicht los und sorgte dafür, dass sie einen Platz nebeneinander fanden, so nah an der Waggontür wie möglich, wo man noch einen kleinen Luftzug spürte.
Der kurze Aufenthalt hatte die Lebensgeister der Deportierten angefacht und ihre Hoffnungen. Wenn man ihnen zu essen gab, konnte es ja wohl so schlecht nicht um sie bestellt sein, oder? Wozu sollte man das tun, wenn man sie nur umbringen wollte? Gespräche flackerten auf, munterer als zuvor, hier und da war sogar leises Lachen zu hören. Der Junge zitterte wieder; Tomasz legte ihm den Arm um die Schultern.
»Alles in Ordnung bei dir?«
»Ich – ja. Alles in Ordnung.«
Er hörte ihn schluchzen; wahrscheinlich schämte der Junge sich dafür. Tomasz konnte sich noch dunkel daran erinnern, für wie viele Dinge er sich geschämt hatte, als er in dem Alter gewesen war – ein zu schwacher Bizeps, zu spärlicher Bartwuchs, zu dünn, zu weich, zu verträumt. Es schien hundert Jahre her zu sein. Er drückte den Jungen leicht an sich.
»Und du bist ganz allein hier? Oder ist deine Familie in einem anderen Waggon?«
»Nein, meine Familie ist in Lemberg. Ich bin allein.« Selbst im fahlen Zwielicht des Waggons glänzte das Gesicht des Jungen von Tränen. Er wischte sich mit dem Ärmel über die Augen.
»Ist ja gut, Janek«, sagte Thomas hilflos. »Ist ja schon alles gut. Sicher gibt es bald eine Gelegenheit, nach Hause zu schreiben und deinen Eltern Bescheid zu geben, wo du steckst. Vielleicht kannst du ihnen ja sogar ein bisschen Geld schicken. Ich habe gehört, dass man in Deutschland mehr verdient als hier.« Zumindest hatte das immer auf den Werbeplakaten gestanden, mit denen die Deutschen anfangs versucht hatten, polnische Arbeitskräfte ins Reich zu locken. Tomasz hatte nie daran geglaubt.
»Dann – dann denken Sie, man bringt uns zum Arbeiten nach Deutschland, Pan? Nicht ins Lager? Mein Onkel hat gesagt, in den Lagern …« Die Stimme brach ab.
Tomasz griff nach der feuchten Hand des Jungen und hielt sie fest. »Sag Tomasz zu mir, einverstanden? Ich denke, die wollen, dass wir für sie arbeiten. Ob das in einem Lager ist oder nicht …« Er ließ den Satz in der Luft hängen. Viele Deportierte lebten in Deutschland in Lagern, das wusste in Warschau jedes Kind. »Damit beschäftigen wir uns, wenn es so weit ist. Und im Lager bist du immerhin nicht allein. Kannst du ein bisschen Deutsch?«
»Wenig. Ich war auf dem Gymnasium, bis sie die Schulen geschlossen haben. Da habe ich es ein bisschen gelernt. Aber ich würde mir lieber die Zunge abbeißen, als diese Nazisprache zu sprechen.«
Tomasz seufzte. »Überleg dir das gut. Wahrscheinlich ist es ein Vorteil, wenn du Deutsch kannst.«
»Und du?«
»Ich spreche ganz gut Deutsch. Vor dem Krieg habe ich Germanistik und Philosophie studiert.« Tomasz spürte, wie der Körper des Jungen sich versteifte und ein Stück von ihm abrückte. Wahrscheinlich war dieses Kind überzeugt davon, jeder, der sich mit deutscher Geschichte, Philosophie und Literatur beschäftigt hatte, mit Kant, Goethe und Lessing, sei automatisch ein Kollaborateur.
»Ich bin im Widerstand! Bei den Partisanen!«
»Bist du wahnsinnig, das hier herauszuposaunen?! Behalt das für dich, kapiert? Hast du vergessen, wo du hier bist?« Immerhin hatte der Junge aufgehört zu heulen und hatte sogar die Fäuste geballt. Gut so. Im Flüsterton sprach Tomasz weiter.
»Und was hast du da gemacht, bei den Partisanen?«
»Nachrichten überbracht, Flugblätter verteilt … Und manchmal nachts haben wir Plakate überklebt oder andere Botschaften daraufgeschrieben.«
»Und das hast du in Warschau gemacht? Oder in Lemberg?«
»In Lemberg. Erst haben wir gegen die Russen gekämpft, dann gegen die Deutschen.«
Erleichtert stellte Tomasz fest, dass der Junge sich langsam beruhigte. »Wir? Du und deine Familie?«
»Nein. Meine Eltern wissen gar nichts davon. Wir, das ist meine Pfadfindergruppe. Wir haben uns der Untergrundarmee angeschlossen. Ganz viele Gruppen haben das getan, Sportvereine, kirchliche Jugendgruppen … Wir wollen ein freies Polen, stark, gerecht, unabhängig!«
Die Begeisterung war dem Jungen selbst jetzt noch anzuhören; Tomasz empfand so etwas wie Neid. Was für ein Alter, dachte er, in dem man in einer Minute ein heldenhafter Freiheitskämpfer sein konnte und in der nächsten ein Häufchen Elend, dem das Heimweh das Wasser in die Augen trieb. Erst dann fiel ihm auf, dass das mit dem Alter gar nichts zu tun hatte. Wie viele gestandene Männer und Frauen hatte er in den letzten Monaten unter dem Druck der Verhältnisse erst kämpfen und dann zusammenbrechen sehen? Und wieder aufstehen, darauf kam es an. Immer wieder aufstehen.
»Vergiss das«, sagte er etwas schroffer als nötig. »Diesen ganzen Helden- und Widerstandskram. Ab heute hast du nur noch ein Ziel: lebend zurück nach Hause zu kommen.« Der Junge murmelte etwas, das Tomasz nicht verstand. »Was hast du gesagt?«
»Bist du überhaupt ein Pole?, habe ich gefragt«, antwortete Jan hitzig. »Der Widerstand ist das Wichtigste überhaupt! Wie kann dir das egal sein?«
»Sprich nicht so laut, oder willst du gleich hier schon sterben?!« Am liebsten hätte Tomasz den Jungen geschüttelt, hätte ihn genommen und die ganze Naivität, den ganzen Idealismus und Leichtsinn aus ihm herausgeschüttelt. Die ganze Jugend, die es ihm so schwer machen würde zu überleben. »Wer sagt, dass es mir egal ist? Aber für alles gibt es eine Zeit. Und wenn du gerade in einem verdreckten Güterwaggon sitzt mit Bewaffneten rings um dich herum wie die Engelein um dein Bett, dann ist nicht die Zeit für Heldentum.« Auf diesen Jungen würde man aufpassen müssen, Gott im Himmel. Aber er, Tomasz, war nicht der Richtige dafür. Sicher nicht. »Was hast du in Warschau gemacht, als sie dich geschnappt haben? Oder bist du schon in Lemberg gefangen worden?«
»Nein, in Warschau. Ich habe einen Onkel dort, dem sollte ich Schuhe bringen, einen Koffer voll. Mein Vater ist Schuhmacher. Er wollte, dass mein Onkel die Schuhe in Warschau verkauft, weil es mehr bringt als zu Hause. Aber mein Onkel hatte keine Zeit, er arbeitet jetzt bei der Reichsbahn, beim Gleisbau. Deshalb bin ich selbst mit dem Koffer zum Kercelak gegangen, und da haben sie mich erwischt.« Er zog die Beine eng zu sich heran und umschlang sie mit den Armen. Genauso, dachte Tomasz, hat er bestimmt am Lagerfeuer gesessen, als er noch bei den Pfadfindern war, hat romantische Lieder gesungen und von Heimat und Heldentum geträumt.
»… wenn ich mich nur besser ausgekannt hätte, wäre ich abgehauen – in irgendeine Seitenstraße hinein, und zack! Ich wäre garantiert entkommen, garantiert.«
»Oder tot«, sagte Tomasz trocken. »In Warschau schießen sie auf Leute, die bei einer Razzia flüchten. Ist in Lemberg vielleicht anders.«
»Mein Freund Frantek …« Die Stimme war ganz leise, kaum noch zu hören jetzt. »Sie haben ihn erschossen, als er abends noch kurz mit dem Fahrrad zum Bäcker fahren wollte. Einfach so. Und das Fahrrad haben sie mitgenommen.«
»Es tut mir leid.« Tomasz suchte nach tröstenden Worten. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie leid mir das tut. Und deshalb musst du alles versuchen, lebend zurückzukommen, hörst du? Dass deine Eltern so etwas nicht erleben müssen. Du musst so unauffällig sein wie möglich, tun, was sie dir sagen, gut arbeiten, einstecken. Und Deutsch sprechen, wenn es dir hilft. Davon, dass du’s nicht tust, geht der Krieg keinen Tag früher zu Ende.« Der Junge antwortete nicht. »Dein Vater ist Schuster, sagst du? Hast du bei ihm auch etwas gelernt? Warst du manchmal in der Werkstatt? Könnte nützlich sein.« Jan räusperte sich.
»Die letzten zwei Jahre habe ich ihm geholfen … als ich nicht mehr zur Schule gehen konnte. Aber es hat mir keinen Spaß gemacht. Ich bin nicht besonders geschickt … Zwei linke Hände, sagt mein Vater immer. Aus mir wird nie ein Handwerker.« Er senkte die Stimme zu einem dramatischen Flüstern. »Ich werde Geistlicher. Der erste Pfarrer in meiner Familie.«
Tomasz hielt einen Seufzer zurück. Die Begeisterung für den Partisanenkampf und die alte Geschichte mit der anderen Wange schienen ihm nicht besonders gut zusammenzupassen, aber im Kopf eines Sechzehnjährigen mochte das anders sein.
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie stolz meine Eltern darauf sind«, hörte er den Jungen sagen. »Ein Geistlicher in der Familie! Seit ich auf die Welt gekommen bin, haben sie jeden Złoty für meine Ausbildung zur Seite gelegt, den sie nicht unbedingt gebraucht haben.«
»Und du? Gefällt dir die Aussicht?« Der Junge straffte sich.
»Was meinst du damit? Es war meine eigene Entscheidung! Sie haben zwar immer darauf gehofft, aber letzten Endes muss man ja eine Berufung spüren, wenn man sein Leben Gott weihen will.«
»Und spürst du sie, diese Berufung?«
»O ja. Zum ersten Mal bei meiner Firmung, vor vier Jahren … Ein Gefühl, als stünde Gott selbst hinter mir und legte mir die Hand auf die Schulter, als wäre ich nach Hause gekommen …«
Tomasz war froh, dass es zu dunkel war, als dass Jan seinen Gesichtsausdruck hätte genau erkennen können. Seine eigene Beziehung zum lieben Gott hatte nach einer langen Zeit der Entfremdung und des gegenseitigen Desinteresses mit der Bombardierung Warschaus im September ’39 ihr jämmerliches Ende gefunden.
»Aha. Und wie ist es mit den Mädchen?«
»Hat mich nie interessiert. Höchstens als Kameradinnen bei den Pfadfindern …«
»Komm schon, du bist doch ein hübscher Bursche, da muss doch mal was gewesen sein!« Jan schüttelte den Kopf.
»Man muss auch Opfer bringen.«
In Tschenstochau gab es einen längeren Aufenthalt, bei dem alle Verschleppten in einem Gebäude in der Nähe des Bahnhofs erneut desinfiziert wurden, bevor man sie zurück in die Waggons trieb. Nach dieser zweiten Desinfektion hatte Tomasz keine Socken mehr – sie waren entweder in der Hitze und den Chemikalien des Ofens zu Staub zerfallen, oder jemand anderes hatte sie brauchen können. Aber wenigstens war Sommer, sagte er sich. Bis zum Winter würde er sich neue besorgen. Bis zum Winter wäre er vielleicht längst wieder zu Hause in Warschau.
Über Breslau, Berlin, Leipzig fuhren sie, fünf Tage und vier Nächte lang, ein Zug mit sechsundzwanzig Anhängern. Mehr als fünfzig Menschen waren in jedem einzelnen Waggon zusammengepfercht, in einem Raum ohne Fenster, Bänke, Decken oder Waschmöglichkeit. Gelegentlich hielt der Zug an, an einem Bahnhof, auf freier Strecke, aber nur zwei Mal jeden Tag öffneten sich die Türen, so dass die Verschleppten herausstolpern und inzwischen ohne jede Scheu oder Scham ihre Notdurft verrichten konnten; die Bewacher gaben Brot und Wasser aus, manchmal auch wässrige Kohlsuppe oder ein paar kalte Kartoffeln. Sie leerten den Kübel aus, der für Tomasz zum Sinnbild für die Schrecken dieser Fahrt geworden war, ein Eimer voller Mist und Dreck, der mit jeder Minute mehr Raum, mehr Atemluft für sich beanspruchte. Die Gegenwart des Kübels bewirkte, dass Tomasz sich selbst schmutzig und widerwärtig fühlte, dass er selbst in den Momenten, die er an der frischen Luft war, daran denken musste, wie seine eigene Kleidung, seine Haare, seine Haut stinken mussten; dass er sich schämte vor den geringschätzigen Blicken der Wachmänner und Wut empfand auf eine junge Frau, die sich während der Fahrt aus Ungeschick den Rock mit Kot beschmiert hatte. Bei einer dieser unberechenbaren Fahrtunterbrechungen sah Tomasz, wie ein paar Männer den steifen Körper einer alten Frau aus dem Nachbarwaggon hoben und am Bahndamm ablegten. Eine alte Frau mit langen dunklen Röcken und einer bestickten Jacke, mit abgearbeiteten Händen und dünnen weißen Haaren unter einem schlichten Kopftuch, gestorben an Altersschwäche, Angst und Gestank. Der eine oder andere zog sich bei dem Anblick die Mütze vom Kopf, die meisten aber nahmen den Vorgang kaum zur Kenntnis. Niemand hatte die Kraft und Energie, der Toten ein Grab auszuheben, und so lag sie noch am Bahndamm, als der Zug weiterfuhr. Immerhin hatte jemand ihr die Hände auf der Brust gefaltet und ein Kreuz aus zwei zusammengebundenen Zweigen zwischen ihre Finger gesteckt.
Bereits in der zweiten Nacht begannen die Wanzen über sie herzufallen, dreistes furchtloses Ungeziefer, für das es keine besseren Jagdgründe zu geben schien als die feuchte Wärme ungewaschener Körper. Der Junge war entsetzt, als er am nächsten Tag die rot geschwollenen Einstichstellen entdeckte, sobald sie zum ersten Mal aussteigen durften.
»Ich bin krank, Tomasz, schwer krank … Schau dir das an, überall diese Flecken! Und es juckt wie verrückt.« Nackte Panik stand in seinen Augen. »Glaubst du, es könnte Flecktyphus sein?« Jeder wusste, dass in den Lagern regelmäßig Flecktyphus ausbrach. Es war eins dieser Dinge, die man einfach wusste, ohne dass man hätte zurückverfolgen können, woher die Information eigentlich stammte. So wie man von Treblinka wusste oder von Auschwitz.
Tomasz nahm den Arm des Jungen und betrachtete ihn kritisch. »Mach dir keine Sorgen, Janek. Das sind bloß Stiche, Wanzen vermutlich.«
Jan sah ihn entgeistert an. »Das kann nicht sein«, sagte er. »Ich habe noch nie Ungeziefer gehabt! Meine Mutter nimmt jedes Frühjahr die Bettgestelle auseinander und wäscht sie mit Karbollösung ab, und in den Zimmerecken verbrennen wir Schwefel, und dann … Da gibt es keine Wanzen! Garantiert nicht.«
Tomasz hätte ihm am liebsten die Haarsträhnen aus der Stirn gestrichen wie einem kleinen Kind. »Bestimmt nicht«, sagte er. »Bei mir zu Hause gibt es auch keine. Es liegt nicht an dir oder an mir, sondern an diesem Scheißwaggon und daran, dass wir hier zu so vielen eingesperrt sind, immer noch die gleichen Klamotten am Leib haben wie an dem Tag, als sie uns geschnappt haben, und uns nicht waschen können. So etwas mögen die Wanzen, da kommen sie von allein. Ich hab auch ein paar Stiche am Bein.«
»Aber …« Dem Jungen standen die Tränen in den Augen, Tomasz sah schnell zur Seite.
»Du kannst Spucke drauf machen, dann juckt es nicht mehr so sehr. Und lange werden wir nicht mehr unterwegs sein, wir sind ja schon in Deutschland. Mit Sicherheit jagen sie uns wieder durch so eine Waschküche, bevor sie uns näher an sich ranlassen.«
Jan presste die Lippen zusammen. »Ich hasse sie«, flüsterte er. »Du kannst dir nicht vorstellen, wie ich sie hasse!«
»Besser Wanzen als Fleckfieber«, sagte Tomasz und klopfte dem Jungen leicht auf die Schulter. »Komm, dahinten kriegen wir Wasser, aber nur, wenn wir nicht länger herumtrödeln.« Der Transport verwandelte sie in genau die Kreaturen, als die die Nazi-Propaganda sie immer schon dargestellt hatte: verdreckte, verlauste, geduckte Gestalten, mutlos, trostlos, hoffnungslos; demütige Sklaven, die dankbar waren für ein Stückchen trockenes Brot und einen Schluck Kohlsuppe und sich zu sehr schämten, um auch nur den Blick zu heben und sich in die Augen zu sehen. Selbst der Junge hatte seinen Trotz und seine Wut irgendwo unterwegs verloren, stellte Tomasz fest, als er Janek mit hängendem Kopf hinter den anderen her über den Bahnsteig trotten sah, die Schultern gebeugt wie ein alter Mann. »Bietigheim« stand auf dem Schild; Tomasz hatte den Namen noch nie gehört. Er beeilte sich, um Jan unter den Hunderten grauer Menschen nicht zu verlieren, die sich jetzt in Richtung Ausgang in Bewegung gesetzt hatten. Wie ruhig sie waren, dachte Tomasz. Außer den Kommandos der deutschen Wachen war kaum etwas zu hören – scharrende Füße, mal ein Husten, leises, furchtsames Gemurmel. Als sie das Bahnhofsgebäude verließen, konnten sie einige Hundert Meter entfernt die Wohnhäuser des nächsten Ortes ausmachen, so weit entfernt, dass man die Menschen nicht erkennen konnte, die dort auf der Straße herumliefen. Genauso wenig, wie diese Dorfbewohner die ankommenden Zwangsarbeiter erkennen konnten.
Durch ein lichtes Wäldchen marschierten sie eine Straße entlang und hatten schon nach wenigen Minuten das Lager erreicht, eine Gruppe niedriger Holzbaracken auf einem drahtumzäunten Gelände. Der beißende Geruch von Desinfektionsmittel quoll ihnen entgegen, stach in die Nase, brannte in den Augen, die sofort zu tränen begannen. Sie stolperten voran zu einem Seiteneingang, wo gerade ein Tor aufgeschwungen wurde. Ein Uniformierter stand gelangweilt daneben, musterte die Neuankömmlinge und machte sich einen Spaß daraus, mal dem einen, mal dem anderen einen Schlag mit seinem Gewehrkolben zu verpassen. Auch die Frau neben Tomasz wurde getroffen und schnappte nach Luft; sie wäre gestürzt, wenn er sie nicht am Arm gehalten hätte. Einen Augenblick lang, einen winzigen Augenblick nur überlegte er, ob er nicht protestieren sollte – er sprach doch gut Deutsch, die Sprache der Philosophen und Herrenmenschen, er hätte sagen können, dass es für den Angehörigen eines Kulturvolkes unwürdig war, eine entkräftete Frau aus Langeweile zu schlagen, unwürdig und beschämend – da war der Augenblick schon vorbei und er mit der Frau in seinem Arm in die Lagerwelt eingetreten.
Das Durchgangslager Bietigheim bestand aus zwei voneinander durch einen Zaun getrennten Bereichen, nämlich dem unreinen und dem reinen Bereich. Als Schleuse fungierte die sogenannte Entlausungsanlage. Sofort wurde die erste Gruppe in die Anlage hineingetrieben, während die anderen auf dem Appellplatz zu warten hatten, bis sie an der Reihe waren. Nur die wenigsten verstanden die auf Deutsch gebrüllten Anweisungen; die meisten hockten ergeben und apathisch auf dem Boden und ließen sich von den Wachen hin- und herschieben wie Gepäck.
»Hätte nie gedacht, dass ich mich auf die Entlausung freuen würde«, presste Janek zwischen den Zähnen heraus, als er sich neben Tomasz in eine Schlange einreihte, um endlich die Ankunftsration – ein Stück Roggenbrot mit Margarine – in Empfang zu nehmen. Der Junge reagierte stärker auf das Ungeziefer als die meisten anderen; statt der üblichen roten Punkte und Quaddeln entwickelte er großflächige, übel aussehende Schwellungen, die noch dazu erbärmlich juckten und ihn in den Nächten kaum zur Ruhe kommen ließen. Mehrfach war Tomasz davon aufgewacht, dass der Junge sich im Halbschlaf kratzte wie verrückt, und hatte versucht, ihn davon abzuhalten. Er warf einen Blick auf die andere Seite, die reine Seite des Zauns. Es war nicht schwer zu erkennen, dass das Lager hoffnungslos überbelegt war, dass vermutlich auch im reinen Bereich überfüllte Baracken auf sie warteten, aus denen Läuse und Wanzen sich nicht vertreiben ließen, mochte man auch jeden Tag die Insassen samt deren Kleidung desinfizieren. Ermutigend klopfte er Jan auf die Schulter.
»Geduld, Kleiner. Wenn wir erst hier raus sind, wird es besser.«
Janek sah ihn aus verklebten Augen an. »Was denkst du, wie lange das dauern wird?«
»Keine Ahnung. Aber ich glaube, die brauchen uns dringend zum Arbeiten, sonst hätten sie uns ja nicht hierhergeschleppt. Wahrscheinlich wollen sie uns so schnell hier durchschleusen wie möglich.«
Weil jeder nur ein Stück Brot bekam, ging es zügig voran, fast waren sie schon an der Ausgabestelle angelangt. Viele hatten ihr Brot schon aufgegessen, wenn sie zu ihrem Platz zurückkehrten.
»Ich habe eigentlich noch nie richtig gearbeitet …«
»Haben sie dich nicht eingezogen?«
»Doch, schon. Um die Arbeitspflicht kommt man nicht herum. Aber mein Vater kennt jemanden bei der Stadtverwaltung, der hat mir eine Aushilfsstelle gegeben, so dass ich wenigstens auf dem Papier etwas nachweisen konnte und eine Arbeitskarte hatte. Eigentlich hatte ich da aber nichts zu tun, sondern konnte anfangen, Altgriechisch zu lernen.«
Altgriechisch, was zum Teufel!, dachte Tomasz. Was für eine Vorbereitung auf das Leben als Hilfsarbeiter unter Tage oder wo auch immer! Er riss seinen Brotkanten in zwei Teile und nahm sich vor, ein Stück davon für später zu verwahren und den Rest so langsam zu essen wie möglich.
»Antreten, los, los!«
Tomasz schreckte von seiner Pritsche hoch. Seit drei Tagen waren sie jetzt im Lager, und er hatte sich noch nicht daran gewöhnt, ständig darauf gefasst zu sein, irgendeinem Befehl zu gehorchen. Ein Befehl rief die Deportierten in die Duschräume und hieß sie danach frierend und nackt darauf warten, dass ihre Kleidung aus der Entwesungsanlage kam, ein Befehl trieb sie durch die ärztliche Untersuchung, zum Lagerfotografen und zu der Stelle, wo ihre Fingerabdrücke genommen wurden wie von Kriminellen; ein Befehl klebte an der Ausländerkennkarte und erst recht an den fünf P-Abzeichen, die an der Kleidung anzubringen waren und jeden darüber informierten, dass der Träger ein polnischer Arbeiter war und somit jedem Deutschen zu Gehorsam und Demut verpflichtet. Tomasz besaß gar keine fünf Kleidungsstücke, um alle Abzeichen vorschriftsmäßig anzunähen; ein einziges hatte er an seiner eingelaufenen Jacke angebracht. Er zog sich die Schuhe an (noch ein, zwei Entwesungen, schätzte er, dann würden sie komplett auseinanderfallen) und lief mit den anderen Barackenbewohnern nach draußen auf den zentralen Platz. Niemand hielt sich freiwillig hier auf, denn von der Latrine, einem riesigen Loch in der Lagermitte mit Querpfählen darüber, auf denen man sitzen musste, um seine Notdurft zu verrichten, ging ein bestialischer Gestank aus, der Fliegen in großer Anzahl anzog. Wenigstens konnten sich auch die Lagerwärter, die entlang des Platzes Aufstellung bezogen hatten, dem Gestank nicht entziehen.
»Antreten!«
Sie stellten sich vor den Baracken auf wie befohlen; Tomasz schaffte es, sich neben Janek zu platzieren. Der Junge hatte in den letzten Tagen kaum ein Wort mit ihm gesprochen; die weißblonden Haare hingen strähnig um sein Gesicht, das immer noch von Ungezieferstichen angeschwollen war. Wieder und wieder hatte Tomasz versucht, ihn aufzumuntern und seinen Kampfgeist anzustacheln, aber Janek zog sich immer weiter in sich selbst zurück wie ein kleines Tier, das sich vor Feinden schützen will. Ein typisches Opfer, dachte Tomasz beunruhigt, ein Opfer, das durch seine Schwäche andere geradezu zu Gewalt einlädt.
»So, Junge, es geht los!«, flüsterte er Janek zu und hoffte, dass seine Stimme sich ermutigend anhörte. Janek reagierte nicht. »Brust raus, Bauch rein, komm schon, du weißt doch, wie das geht! Und egal, was sie von dir wollen, du musst versuchen, es zu lernen. Je mehr du kannst und je besser du arbeitest, desto mehr werden sie dir zu fressen geben, glaub mir.«
Janek sah ihn unsicher an. »Und du? Du hast doch studiert, hast du gesagt.«
»Immerhin hatten meine Großeltern einen Hof, da habe ich früher jeden Sommer verbracht. Wenn mich einer danach fragt, ob ich Erfahrungen in der Landwirtschaft habe, dann sage ich Ja. Und du auch.«
»Aber …«
»Hier geht es nicht darum, die Wahrheit zu sagen oder fair zu sein oder edel. Es geht nur noch darum, lebend wieder rauszukommen, lebend, mit allen zehn Fingern und allen Zähnen und in der Lage, danach wieder ein normaler Mensch zu sein, verstehst du? Wenn sie dich fragen, ob du Deutsch kannst, dann sagst du Ja. Wenn sie dich fragen, ob du sensen und melken und dreschen kannst, dann sagst du Ja! Und wenn sie dich fragen, ob Hitler ein großer Mann ist und der gottgewollte Führer der Welt …«
»Dann sage ich Ja?«
Tomasz lachte leise und gab dem Jungen einen leichten Klaps.
»Dann hältst du die Klappe. Vergiss nie, dass du ein Mensch bist, auch wenn sie versuchen, etwas anderes aus dir zu machen.«
3
Alles schien ruhig, selbst aus Hermanns Zimmer kam kein Geräusch. Wahrscheinlich war ihr Bruder mit seinen Pimpfen irgendwo unterwegs und sammelte Altmetall oder ließ sie marschieren und mit Schlagbällen auf Vogelscheuchen werfen, um sie so auf den Kampf mit der Handgranate vorzubereiten. Was früher nur notwendig oder sinnvoll gewesen war oder einfach Spaß gemacht hatte, hatte sich in einen Kampf für das Vaterland verwandelt, dachte Charlotte Voss – die Arbeit, die Freizeit, der Schlaf, so als lebte man in einem permanenten Belagerungszustand, in dem schon das Wort »Spaß« unanständig erschien. Sie lauschte noch einmal in die Diele hinaus, bevor sie Briefe und Zigaretten zuunterst in den Korb legte, zwei Äpfel dazupackte und alles mit einem Geschirrtuch abdeckte, um es vor neugierigen Blicken zu schützen. Dann knotete sie sich ein Kopftuch um, griff nach ihrer Jacke und verließ das Haus.
Das Anwesen der Familie Voss war ein repräsentatives, mächtiges Gebäude, das mit seinen Stuckverzierungen und dem schmiedeeisernen Tor überhaupt nicht in das Ortsbild von Laifingen passte. Alle im Dorf wussten, dass Charlottes Mutter Erika aus einer Fabrikantenfamilie stammte und sich schlicht geweigert hatte, in die Dachgeschosswohnung der Schule zu ziehen wie die früheren Oberlehrer. Stattdessen hatte sie ihr umfangreiches Erbe eingesetzt und gemeinsam mit ihrem Mann Arnold dieses Haus bauen lassen, sobald sich abgezeichnet hatte, dass sie die nächsten Jahrzehnte in dem Ort wohnen würden. Wo ursprünglich eine pingelig gestutzte Rasenfläche mit Rosenlaube und Blumenrondell demonstriert hatte, dass hier jemand Besseres wohnte, erstreckten sich seit diesem Frühjahr bescheidene Gemüsebeete mit Karotten, Buschbohnen, Zwiebeln und Salat. Charlottes Vater hatte selbst mit Hand angelegt, um den Boden umzugraben und mehrere Schubkarren voll Mist einzuarbeiten, die der alte Fahrner ihnen vorbeigebracht hatte. Dieser Krieg, so hatte Arnold Voss erklärt, werde nicht nur auf den Kampffeldern in ganz Europa gewonnen, sondern auch an der Heimatfront. Deutschland müsse sich unabhängig machen von Rohstoffeinfuhren aus dem feindlichen Ausland, und er selbst gedenke sich durch die Anlage eines Gemüsegartens an der Erzeugerschlacht zu beteiligen. Der belehrende Tonfall war ihm im Laufe seines Berufslebens so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass es ihm nie ganz gelang, ihn abzulegen, egal, ob er vor einer Schulklasse stand, in irgendeinem SA-Heim einen Vortrag hielt oder einfach nur im Wohnzimmer mit seiner Familie sprach. Bis sie Fahrners näher kennengelernt hatte, war Charlotte davon ausgegangen, dass es gar keinen anderen Tonfall gab, in dem ein Vater mit seinen Kindern umging. Aber es war sinnlos, sich darüber zu beschweren und zu erwarten, von ihm ernst genommen zu werden. Solange sie in diesem Haushalt wohnte, solange du deine Füße unter meinen Tisch steckst, wie ihr Vater es ausdrückte, solange würde sich nichts daran ändern.
Die ausgesäten Gemüsepflanzen sahen bisher nicht vielversprechend aus – kein Wunder, da sich niemand wirklich verantwortlich dafür fühlte. Erika Voss hatte sich mit dem Hinweis, vom Bücken bekomme sie Migräne, geschickt aus der Affäre gezogen, und Hermann war durch seine kriegswichtigen Arbeiten als Fähnleinführer selbstverständlich viel zu eingespannt, um regelmäßig zu gießen oder Löwenzahn auszujäten. Von ihrem Vater selbst ganz zu schweigen – der Dienst für die Partei ließ ihm neben seiner Lehrertätigkeit ja praktisch keine freie Minute! Während sie selbst, Charlotte, doch vorhatte, in einen Bauernhof einzuheiraten. Da war ja wohl nicht zu viel verlangt, wenn sie sich auch im elterlichen Garten ein wenig nützlich machte?
Ein paar Kannen Regenwasser würden vermutlich schon reichen, dachte sie, holte sich die Kanne und goss, bis es vier Uhr läutete. Wenn sie jetzt nicht ging, würde sie vermutlich ihrem Vater in die Arme laufen und konnte gleich ganz zu Hause bleiben. Sie durchquerte den Garten, lief an den Kartoffeläckern entlang und über die Streuobstwiesen, bis sie einen alten Hohlweg erreichte, der steil zum Schönbuchtrauf hinaufführte. Bis vor dem Krieg hatten die Breitmeyers hier noch Wein angebaut, aber seit die beiden Söhne vor zwei Jahren eingezogen worden waren, hatte der alte Bauer den Weinberg kaum noch gepflegt, und die Reben waren mittlerweile von Unkraut und Brombeeren überwuchert. Charlotte kletterte die Weinbergtreppe hoch und bahnte sich einen Weg zwischen den dornigen Ranken an Breitmeyers Werkzeugschuppen vorbei bis zu dem Trampelpfad, der zu dem aufgelassenen Steinbruch führte. Bis vor zehn, fünfzehn Jahren hatte man hier Sandstein abgebaut, Stubensandstein; ein Material, das zwar als Baustoff eingesetzt wurde, gleichzeitig aber so instabil war, dass man es zwischen den Fingern zerbröseln konnte. Der Steinbruch veränderte fortwährend sein Gesicht – hier kam ein ganzer Abschnitt ins Rutschen, dort bildeten sich Sandhügel am Fuß einer Abbruchkante. Steine bröckelten auseinander, und Wurzeln wuchsen in die entstehenden Spalten hinein, so dass diese sich immer weiter öffneten und schließlich Frost und Eis ganze Felsformationen zum Einsturz brachten. In hundert Jahren, dachte Charlotte, würde der Wald alle Spuren zugedeckt haben, die Menschen hier hinterlassen hatten. Es war ein guter Platz, wenn man seine Ruhe haben wollte, ein Platz ohne das Gedudel des Volksempfängers, ohne Fahne und Führerbild an der Wand.
Charlotte legte ihre Jacke auf die Erde und lehnte sich gegen eine immer noch sonnenwarme Felswand. Sie schloss für ein paar Minuten die Augen und genoss es, dass niemand ihr über die Schulter sah und irgendwelche Aufträge erteilte. »Fräulein Voss, können Sie das nicht gleich beim ersten Mal fehlerfrei schreiben?« Martha Belser war jahrelang die einzige Schreibkraft auf dem Rathaus gewesen und ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie Charlotte für unfähig und überflüssig hielt. »Machen Sie noch eine Abschrift hiervon und bringen Sie sie mir dann zur Vorlage, ich brauche das noch vor dem Mittagsläuten … Laufen Sie doch schnell zum Postamt und geben Sie die Briefe auf … Ach, und wenn Sie schon unterwegs sind, fragen Sie gleich bei Frau Ries nach, ob sie meine Blusen fertig gebügelt hat, und bringen Sie sie mit!« Niemals hätte sie sich freiwillig auf diese Stelle beworben, aber ihre Eltern hatten ihr keine andere Wahl gelassen, als sie in Tübingen mit der Stenotypistinnen-Ausbildung fertig gewesen war. Mit neunzehn Jahren hatte sie keine Möglichkeit gehabt, sich ihnen zu widersetzen. »Sei doch dankbar, dass dein Vater dir diese Stelle besorgt hat und du nicht in irgendeiner Fabrik Maschinengewehre zusammenschrauben musst«, war der Kommentar ihrer Mutter gewesen. »Und dann erst die Zeit, die du einsparst, weil du nicht noch in die Stadt fahren musst! Da kannst du mir noch ein bisschen im Haushalt helfen oder Joachims Mutter, die braucht es nötiger als ich!« Im Unisekretariat hätte sie anfangen können, das Angebot hatte sie schon schriftlich in den Händen gehalten. Und sie hätte auch deutlich mehr verdient. Aber Arnold Voss hatte alle ihre Wünsche und Ambitionen vom Tisch gewischt. »Wenn du volljährig bist, kannst du machen, was du willst, aber bis dahin entscheide ich, was du zu tun hast. Und ich habe entschieden, dass du hier bei Bürgermeister Lanz anfängst. Lanz ist ein guter Mann, schon ewig bei der Bewegung … Der kennt jeden in der Verwaltung bis nach ganz oben! Gute Verbindungen kann man immer brauchen. Du wirst mir noch einmal dankbar dafür sein.«
Sie blies sich die Haare aus der Stirn und kramte in ihrem Korb nach den Zigaretten. »Die deutsche Frau raucht nicht«, flüsterte sie vor sich hin, während sie den ersten Zug nahm. Ihr Vater würde durchdrehen vor Wut und Entsetzen, wenn er sie jetzt sehen könnte. Aber er konnte sie nicht sehen. Solange sie tat, was er wollte, interessierte er sich selten für sie. Solange sie in dem Rahmen blieb, den er ihr gesetzt hatte: Ein. Deutsches. Mädel. Gefährtin des Mannes, patent, hilfs- und opferbereit und dabei immer das hohe Ziel vor Augen, Mutter zu werden und Kinder zu gebären, am besten gleich ein Dutzend. Deutsche Jungen, hart wie Kruppstahl und so weiter. Joachim, da war sie sich sicher, dachte anders darüber. Joachim, der sie hier, genau hier, zum allerersten Mal geküsst hatte; der sie schließlich an dem Abend, bevor er eingerückt war, überredet hatte, sich mit ihm auf die mitgebrachte Wolldecke zu legen. Richtig verloben, hatte er es genannt, mit allem, was dazugehört! Dann kann uns nichts mehr trennen. Du willst es doch auch, Lotti, oder? Du willst es? Sie war sich an dem Abend nicht sicher gewesen, ob sie es wollte, aber er hatte sie so flehentlich angesehen und ihre Brüste gestreichelt, dass sie einfach nicht gewusst hatte, wie sie ihn abweisen sollte, ohne ihn an ihrer Liebe zweifeln zu lassen. Und dann war es einfach passiert, viel schneller und prosaischer, als sie erwartet hatte. Die Erde stand keineswegs still, und auch sie selbst war kein anderer Mensch dadurch geworden. Sie war eben noch völlig unerfahren gewesen, sagte sie sich. Aber wenn sie in ihrem Bett lag, stellte sie sich gern vor, wie es wäre, ihn neben sich zu spüren; wie er ihr das Nachthemd hochstreifen und mit zärtlichen Händen über ihren Körper streichen würde, wie er sie leidenschaftlich küssen und dann mit dem Mund über ihre Haut gleiten würde … Es war gut, dass sie gemeinsam diesen Schritt getan hatten, dachte sie, und dass sie dabei nicht gleich schwanger geworden war. Niemand konnte ihr das wegnehmen, niemand konnte es rückgängig machen. Sie hatte einen entscheidenden Schritt in Richtung Erwachsenwerden getan.
Ob Eva wohl kommen würde?, überlegte sie. Eva war Joachims Schwester und seit der Kinderzeit ihre beste Freundin. Heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit hatten sie sich kurz gesehen, als Eva draußen vor dem Haus die Hühner gefüttert hatte. Im Vergleich zu der Freundin, dachte Charlotte, hatte sie es im Rathaus vielleicht doch gar nicht so schlecht getroffen. Immerhin durfte sie arbeiten und ihr eigenes Geld verdienen (wenn sie auch mehr als die Hälfte davon zu Hause abgeben musste), während Evas Eltern nach der Einberufung ihres Ältesten klipp und klar gesagt hatten, dass sie auf die Hilfe der einzigen Tochter nicht verzichten könnten. Für Eva war das ein harter Schlag gewesen. Vorher hatte sie noch gemeinsam mit Charlotte die Mädchenrealschule in Tübingen besucht und geplant, eine Ausbildung zur Schneiderin zu machen, aber der Wille der Eltern ging natürlich vor – der Wille der Eltern und der Hof. Der Hof ging immer vor.
Charlotte verscharrte den Zigarettenstummel im Dreck und holte die Briefe heraus, die sie hier in Ruhe lesen wollte, den alten und den, der heute erst gekommen war. Allzuviele Briefe kamen nicht; Joachim war kein großer Briefeschreiber, das hatte sie vorher schon gewusst. Seiner Meinung nach gab es für richtige Männer Wichtigeres zu tun als lesen und schreiben, und jetzt im Dienst im Osten hatte er vermutlich sowieso kaum Zeit und Ruhe dazu. Aber darauf kam es auch gar nicht an, dachte Charlotte. Worauf es ankam, war, dass er sie aus dem Herrschaftsbereich ihres Vaters herauslösen würde, dass er ihr helfen würde, endlich frei zu sein und zu tun, was sie selbst wollte. Joa sah gut aus, verwegen geradezu in seinem Schwarzhemd und der Uniformmütze; er war ehrlich, geradlinig, zuverlässig und außerdem ein Zauberer, was Motoren anging und alles, was Räder hatte. Irgendwann, sobald der Krieg vorbei war, würde er sich ein eigenes Auto kaufen, und sie würden zusammen über die Landstraßen brausen und Berlin besuchen, Rom, Paris … Brennend gern würde sie auch selbst fahren lernen. Joachim hatte schon angeboten, es ihr beizubringen, aber natürlich waren ihre Eltern dagegen gewesen, die deutsche Frau und so weiter. Sie seufzte und faltete das Blatt auf, dessen Text sie inzwischen fast auswendig konnte.
»Mein liebes Lottchen, ich liege hier in meiner Koje und denke daran, wie schön es wäre, dich hier bei mir zu haben und dein süßes Mäulchen und noch mehr zu küssen! Aber das müssen wir wohl aufschieben bis zum nächsten Heimaturlaub. Ich habe hier mit drei anderen Jungs von der Sipo eine kleine Wohnung mit zwei (!) Stuben, eine zum Schlafen und eine zum Wohnen. Es ist zwar eng und einfach, könnte aber schlimmer sein, schließlich haben wir Krieg!«
Daneben hatte er ein paar Bildchen gezeichnet, die seine Kameraden darstellen sollten: Einer davon hatte furchtbar abstehende Ohren, ein anderer schielte. Joachim hatte immer schon eine gute Hand fürs Zeichnen gehabt, auch wenn er sich in den letzten Jahren meistens auf irgendwelche technischen Dinge konzentriert hatte. Aber Charlotte konnte sich noch gut an ein paar ziemlich freche Karikaturen ihres eigenen Vaters erinnern, auf denen der Oberlehrer wie ein aufgeplusterter Gockel vor einer vollgekritzelten Tafel hin und her stolziert war.
»An der Front sieht’s viel übler aus. Wir Deutschen haben hier in Warschau ein Stadtviertel für uns, und das ist ein Segen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie heruntergekommen und dreckig die Leute hier sind, Männer wie Frauen! Auf den Straßen fühlt man sich oft seines Lebens nicht mehr sicher. Außerhalb des Dienstes kommen wir aber kaum mit ihnen zusammen. Wir essen gutes deutsches Essen in unserer eigenen Kantine, haben unsere eigenen Kneipen und Kinos und natürlich die Kameradschaftsabende. Aber du kannst dir sicher vorstellen, um wie viel lieber ich mit dir zusammen wäre! Richtig zusammen!!! Wie dumm waren wir, dass wir so lange gewartet haben! Schon der Gedanke daran lässt es bei mir jucken und zucken! Bist du auch brav, mein Frauchen, und wartest auf mich?…«
Das »richtig« war so fett unterstrichen, dass sie es nicht missverstehen konnte, ebenso wie die vielen Ausrufezeichen. Charlotte faltete den Brief wieder zusammen und legte ihn zurück in den Korb. Sie hatte Eva ein bisschen daraus vorgelesen, aber vieles lieber auch nicht. Eva musste nicht unbedingt mitkriegen, wie Joachim von den Erfahrungen schwärmte, die er an dem besagten Abend gemacht hatte. Der neue Brief knisterte in ihren Händen; sie hielt ihn kurz an die Nase und roch daran. Wenn überhaupt, dann meinte sie, eine leichte Spur Motoröl zu riechen – Joachim war nicht der romantische Typ, der seine Briefe parfümierte.
»Mein kleines Mädle, du fragst mich nach Warschau.«
Nachdem sie erfahren hatte, dass Joachim in Warschau war, hatte sie gleich auf der großen Europakarte im Flur nachgeschaut, auf der ihr Vater – wie er es auch in der Schule tat – mit verschiedenfarbenen Stecknadeln den Verlauf der Front markierte. Für den Osten benutzte er Weiß. Wegen der langen Winter, hatte er erklärt. Der viele Schnee! Immerhin war die weiße Linie beruhigend weit von Warschau entfernt, als dass sie hätte befürchten müssen, Joachim könnte gleich in Kämpfe verwickelt werden.
»Warschau ist eine große Stadt, viel größer als unser Stuttgart. Die Weichsel fließt mittendurch. Wir haben sogar schon darin gebadet, es war hundekalt! Es gibt eine Altstadt mit einem Markt, ein paar Parks sowie große Straßen mit mehrstöckigen Häusern daran, alles verlottert und heruntergekommen.«
Auf der Skizze daneben sah es allerdings ganz hübsch aus, schöne alte Häuser, eine Art Schloss und davor ein Brunnen.
»Besonders in den Vororten, aber auch im Zentrum ist von vielen Gebäuden nur noch ein Trümmerhaufen übrig – da haben die Jungs von der Luftwaffe ganze Arbeit geleistet!«
Es knackte im Gebüsch, und Charlotte sah hoch.
»Eva! Ich hatte schon gedacht, du kommst nicht mehr!«
Eva lachte leise. Sie war nur ein paar Monate jünger als Charlotte, wirkte aber noch wie eine Vierzehnjährige – ein schmales Mädchen mit blonden Zöpfen und einem Kindergesicht, dessen zartem Körperbau man nicht ansehen konnte, dass es ein Bauernkind war und schwere körperliche Arbeit gewohnt. Eva streckte die Nase in die Luft und schnüffelte.
»Puh, hier stinkt’s! Hast du geraucht?«
Charlotte nickte. »Willst du auch eine?«
»Igitt, nein! Außerdem würde ich einen Mordsärger zu Hause kriegen, wenn die mich mit einer Zigarette erwischen.«
»Na, ich doch auch. Deshalb mache ich es ja.« Sie klopfte neben sich auf den Boden. »Setz dich hierhin, ist noch ganz warm.«
Eva ließ sich nieder und kreuzte die Beine. »Fast wäre ich nicht mehr weggekommen … Die Zwillinge sind krank, haben irgendetwas Verkehrtes gegessen. Den ganzen Tag schon putze ich hinter ihnen her.«
Hans und Emil waren die Nachkömmlinge im Hause Fahrner; als sie gezeugt worden waren, war ihre Mutter schon zweiundvierzig Jahre alt gewesen und hatte vermutlich nicht mehr damit gerechnet. Anfangs hatte es nicht so ausgesehen, als ob auch nur einer der beiden winzigen Säuglinge die ersten Lebenswochen überstehen würde, aber sie hatten sich verbissen an das Leben geklammert und die kritische Phase überstanden. Auch an der Bäuerin hatte die späte Schwangerschaft gezehrt. Nach der schwierigen Entbindung hatte sie wochenlang im Bett gelegen und war seitdem nicht wieder richtig auf die Beine gekommen, so dass der damals zwölfjährigen Eva ganz natürlich die Aufgabe zugefallen war, sich um die Kleinen zu kümmern. Sie liebte ihre kleinen Brüder abgöttisch, obwohl sie ein Grund dafür waren, dass sie selbst immer hatte zurückstecken müssen. Eva reckte ihr Gesicht in die Sonne und schloss die Augen.
»Joachim hat geschrieben«, sagte Charlotte.
Mit einem Ruck war Eva wieder munter. »Dir schreibt er viel häufiger als uns. Meine Mutter ist schon ganz traurig deswegen.«
»Vielleicht sind meine Briefe interessanter?«
Eva zuckte mit den Schultern. »Vielleicht. Mutter schreibt ihm wirklich jeden Tag, und so viel Neues gibt es von uns gar nicht zu berichten. Was steht denn drin? Lies vor!«
Charlotte überflog noch einmal die ersten Zeilen.
»Er ist in Warschau, aber das weißt du ja. Vieles ist während der Belagerung kaputtgegangen, aber trotzdem scheint es nicht so schlecht dort zu sein. Auf jeden Fall interessant: Auf den Straßen herrscht ein unbeschreibliches Durcheinander. An jeder Ecke hat jemand einen Stand aufgebaut und verkauft seinen Kram: alte Kleider, Blumentöpfe, kaputte Möbel, Kohl, was du dir nur denken kannst! Dazu schreien sie herum in dieser schrecklichen Sprache, die kein normaler Mensch verstehen kann. Und überall wird geschachert und gefeilscht. An diesem Geschacher merkt man schnell, wie verjudet diese ganze Gesellschaft hier ist! Kraftwagen gibt es nur die, die wir selbst mitgebracht haben. Ein paar Polacken fahren mit Pferdedroschken durch die Stadt, andere verdienen sich ein paar Złoty damit, Leute mit Fahrradrikschas durch die Gegend zu kutschieren.«
Von diesem eigenartigen Gefährt hatte Joachim wieder eine Skizze angefertigt. Charlotte zeigte Eva das Bildchen, wobei sie gut darauf achtete, dass sie den übrigen Text dabei mit der Hand verdeckte.
»Wie die schlitzäugigen Kulis in China, und genauso gerissen! Ich habe mich auch schon mal rumfahren lassen, nur so zum Spaß, und natürlich hat dieser Gauner versucht, mich dabei übers Ohr zu hauen … aber nicht mit mir! Du kannst dir vorstellen, dass der Kerl sich in Zukunft zweimal überlegen wird, sich mit einem deutschen SiPo anzulegen.«
»Und weiter?«
Charlotte überflog den restlichen Brief. »Was dann kommt, ist persönlich.«
»Ach so.« Eva schlang die Arme um die aufgestellten Knie. »Was meint er wohl mit dem, was er zum Schluss geschrieben hat? Das mit diesem Rikschafahrer?«
»Weiß auch nicht. Vermutlich hat er sich einfach geärgert und dem Kerl ordentlich den Marsch geblasen. Der Pole ist feige, sagt mein Vater zumindest immer. Wenn man den einmal anbrüllt, kuscht er.«
»Na ja. Brüllen kann Joachim jedenfalls, das weiß ich. Und zulangen auch. Die Zwillinge haben von ihm schon mehr Ohrfeigen gekriegt als von beiden Eltern zusammen.«
»Wahrscheinlich ärgern sie ihn auch mehr.« Charlotte faltete den Brief zusammen und ließ ihn in ihrem Korb verschwinden. »Ich wünschte, Joachim wäre schon wieder zurück aus Warschau«, sagte sie.
Eva sah sie mitfühlend an. »Hast du so große Angst um ihn?«
»Nein. Aber es ist so schrecklich langweilig hier! Nur noch alte Leute, Frauen und Kinder! Niemand mehr da, mit dem man tanzen oder wenigstens mal ins Kino gehen könnte!«
Eva kicherte und gab Charlotte einen freundschaftlichen Knuff. »Du kannst ja Hermann oder einen von seinen Pimpfen fragen, die gehen bestimmt liebend gern mit. Wenn du sie einlädst!«
»So weit kommt’s noch!« Charlotte lehnte sich zurück und genoss die Abendsonne auf ihrem Gesicht. »Hermann war schon immer eine grauenhafte Nervensäge. Schon immer. Aber seit er Fähnleinführer geworden ist und meine Eltern ihm diese Uniform gekauft haben, ist er vollständig unerträglich.«
Vom Dorf her waren die Glocken zu hören: fünf Uhr. Eva stand auf und klopfte sich den Sand vom Rock. »Ich muss gehen. Bei uns gibt’s Bratkartoffeln heute Abend, willst du zum Essen kommen?«
Charlotte schüttelte den Kopf, stand dann auch auf und reckte sich. »Geht nicht. Mein Vater will, dass ich ihm mit den Diktaten der Mittelklasse helfe. Wahrscheinlich wartet er schon sehnsüchtig, dass ich komme. Aber wir können wenigstens noch zusammen runterlaufen.«
»Morgen gehen wir in die Johannisbeeren. Wenn du Zeit hast, kannst du ja dazukommen.« Kein Tag, an dem auf dem Fahrnerhof nicht irgendetwas gearbeitet werden musste. Es war bekannt, dass sie »schaffige Leute« waren – das größte Kompliment, das die Dorfgemeinschaft jemandem machen konnte. Im Vergleich dazu kam Charlotte sich oft träge und nutzlos vor. Aber Obst zu ernten und zu verarbeiten war eine der wenigen Arbeiten in Hof und Garten, die auch ihr Freude machten, und sie würde die Gelegenheit nutzen, ihre Zeit morgen zusammen mit Eva und deren Mutter zu verbringen statt bei sich zu Hause.
Insgeheim war sie erleichtert, dass Joachim keinerlei Ehrgeiz zeigte, die Landwirtschaft seiner Eltern zu übernehmen, sondern alles darangesetzt hatte, als Kraftfahrer und Mechaniker Karriere zu machen. Bevor er in die Schule gekommen war, konnte er schon Fahrrad fahren, hatte dann später begeistert bei der Motorsportgruppe der HJ mitgemacht und war so früh wie möglich dem Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps in Tübingen und später als Kraftfahrer der Schutzstaffel beigetreten. Auch jetzt in Warschau bestanden seine Pflichten im Wesentlichen in Chauffeurdiensten für die höheren Chargen sowie in der Pflege und Wartung des Fuhrparks – das jedenfalls war es, wovon er schrieb. Wenn der Krieg erst zu Ende und er wieder zu Hause war, wollte er eine Reparaturwerkstatt aufmachen, am besten in Tübingen, wo auch Charlotte viele Möglichkeiten hätte, als Bürokraft oder in der Buchhaltung mitzuhelfen. Hauptsache, ihr stand keine Zukunft als Bäuerin bevor! Sollte Eva mit dem Mann, der sich früher oder später für sie finden würde, ruhig den Hof übernehmen, Charlotte gönnte es ihr von ganzem Herzen. Leider konnte sie mit Eva nicht darüber sprechen, da Joachim seine Eltern noch nicht in seine Pläne eingeweiht hatte. Der alte Fahrner rechnete felsenfest damit, dass sein zweiter Sohn nach dem Soldatentod des Ältesten in Russland den Hof übernehmen würde. Die Nachricht, dass Joachim sich sein Leben ganz anders vorstellte, würde die Familie wie ein Erdbeben erschüttern, da war sich Charlotte sicher.
»Und du meinst, dein Vater ist zu Hause?«, fragte Eva, als sie eine halbe Stunde später vor dem Voss-Haus angekommen waren. »Dann komme ich noch kurz mit rein und entschuldige die Zwillinge für morgen.« Charlotte nestelte ihren Schlüssel heraus, öffnete und zog Eva hinter sich herein. Aus dem Wohnzimmer hörten sie gedämpfte Stimmen.
»Da sind sie«, sagte Charlotte, ging voran über die Steinfliesen und trat in die Stube.
»Aber Lotti, wo warst du so lange?«, ertönte die tadelnde Stimme ihrer Mutter. Dann erst hatte sie Eva entdeckt. »Oh, Eva, schön, dich zu sehen.«
»Guten Abend«, murmelte Eva und blieb an der Schwelle stehen, aber Arnold Voss war schon aufgesprungen und reckte die rechte Hand.
»Heil Hitler, Mädchen! Nur herein! Und, wie geht’s zu Haus? Was macht der tapfere Kraftfahrer?« Charlottes Vater war ein stattlicher Mann, dem schon Dutzende kichernder Schulmädchen eine gewisse Ähnlichkeit mit Hans Albers nachgesagt hatten. Er leitete die Dorfschule und hatte alle Laifinger Kinder schon unterrichtet. Jetzt stand er vor Eva und wartete auf eine Antwort, als wäre sie eine Zehnjährige, die ihre Aufgaben nicht gemacht hat.
»Danke der Nachfrage«, sagte sie endlich. »Aber Charlotte weiß es besser als ich, sie hat heute einen Brief bekommen. Joachim ist immer noch in Warschau und betreut dort die Kraftwagenflotte. Wir hoffen sehr, dass sie ihn nicht zu den kämpfenden Truppen an die Front schicken.«
»Jeder nach seinen Fähigkeiten, Eva! Der Endsieg für Deutschland wird schließlich nicht nur mit der Waffe in der Hand erkämpft. Wenn auch unser Hermann darauf brennt, dass er endlich einrücken kann und sie ihm ein Gewehr in die Hand geben.« Bei diesen Worten ließ Erika Voss ihren Stopfpilz in den Schoß sinken und sah auf.
»Du musst es doch nicht auch noch beschwören, Arnold!«, tadelte sie. »Manchmal glaube ich, wenn du nicht immer davon sprechen würdest, dann hätte der Junge niemals solche Flausen im Kopf!«
»Flausen? Seit wann sind das Flausen, wenn ein deutscher Junge für sein Vaterland kämpfen will?«
»Er ist doch erst sechzehn, Arnold. Unser einziger Sohn.«
»Eben deshalb! Wenn wir nicht bereit sind, das Beste zu geben, was wir haben, wie soll dann Deutschland …«
»Eva will noch ihre Brüder entschuldigen«, unterbrach Charlotte. »Sie sind krank.«
Arnold Voss wandte sich wieder den Mädchen zu. »Was Ernstes?«
»Nein, Herr Voss, nur eine Magenverstimmung … Aber morgen sind sie bestimmt noch nicht so weit, dass sie wieder zur Schule kommen können.«
Er nickte. »Gut, ich weiß Bescheid. Sag einen lieben Gruß zu Hause, Eva, ja? Und komm gut heim! Heil Hitler!«
Charlotte schob Eva energisch aus dem Wohnzimmer in die Diele und schloss die Zimmertür.
»Jeden Tag, sag ich dir. Jeden Tag muss ich mir das anhören. Hermann, seine Gesundheit, seine schulischen Leistungen, seine Berufsaussichten und jetzt eben seine Zukunft bei der Wehrmacht – als ob es nichts anderes gäbe, über das sie reden könnten!«
»Will Hermann wirklich an die Front?«, fragte Eva.
Charlotte verzog das Gesicht. »Na klar. Erst mal weg von zu Hause und dann zeigen, was für ein toller Kerl er doch ist. Aber wer will schon wissen, was Hermann will! Ich jedenfalls nicht.« Eva zuckte mit den Schultern.
»Ich muss los!«
»Bis morgen dann, Eva!« Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, blieb Charlotte noch ein paar Augenblicke im schummrigen Flur stehen. Irgendwo draußen krähte ein Hahn. Aus der Stube kam immer noch Arnold Voss’ Stimme.
»… solche Jungen wie Hermann sind es doch, die der Führer meint! Mutig, intelligent, pflichtbewusst, deutschnational erzogen …«
Charlotte holte die Briefe heraus und drückte sie an ihre Brust. Komm gesund zurück!, murmelte sie. Bitte, komm bald zurück!
4
Familie Fahrner bewohnte einen der Höfe im alten Ortskern, ein Fachwerkhaus, das in den vergangenen vierhundert Jahren immer wieder aus- und umgebaut worden war – Zwerchgiebel waren aufgesetzt, das Dach angehoben, eine Hopfendarre angebaut worden; zuletzt hatte Evas Großvater Gotthold kurz nach der Jahrhundertwende sein Haus an die neue Wasserleitung anschließen und elektrisches Licht legen lassen. Ihre Mutter hatte sich jahrelang einen modernen elektrischen Herd gewünscht, aber dafür war nie genug Geld da gewesen. Jahrhunderte der Realteilung hatten den Landbesitz auf wenige Hektar schrumpfen lassen, die in der ganzen Gemarkung verstreut waren und nur wenig mehr abwarfen, als für den Bedarf der eigenen Familie nötig war; die Wirtschaftsgebäude – Scheune, Kuhstall, Schweinestall, Hühnerhaus, gemauerter Backofen – gruppierten sich um den ungepflasterten Hof, in dem sich auch Miste und Plumpsklo befanden, der Gemüsegarten lag hinterm Haus in Richtung Maderbach.
»Na, Eva, auch schon da?« Eva drückte sich an ihrer Mutter vorbei in die Küche, die das halbe Erdgeschoss einnahm. Marie Fahrner, hager, faltig, grau, sah deutlich älter aus als ihre knapp fünfzig Jahre – ein Leben voller Arbeit und Härte hatte seine Spuren hinterlassen und der Tod ihres Ältesten irgendwo in den Weiten Russlands ihre Gesichtszüge gezeichnet. Seit diesem Tag vor sieben Monaten trug sie schwarze Schürzen bei der Arbeit; für richtige Trauerkleidung waren weder Geld noch Kleiderkarten da gewesen. Fast das Schwerste schien es zu sein, dass sie Karl nicht hier auf dem Friedhof hatten beerdigen können. Er sei irgendwo in Russland begraben worden, stand in dem offiziellen Brief, der schließlich noch gekommen war, und dass sie stolz auf ihn sein sollten. In heldenhaftem Kampf habe er sein Leben gegeben für Führer, Volk und Vaterland. Georg Fahrner verbrannte den Brief im Küchenherd. Aus ein paar Brettern stellte er ein Kreuz her, versah es mit Karls Namen, Geburts- und Sterbedatum und stellte es im Garten auf. Marie Fahrner pflanzte Blumen davor, Rosen, Stiefmütterchen und Goldlack, und hielt hier Zwiesprache mit dem Sohn, den sie nie wieder in die Arme schließen würde.
»Tut mir leid, ich habe noch Charlotte getroffen und nicht auf die Zeit geachtet … Hast du schon mit den Kartoffeln angefangen? Warte, ich helfe dir …«
Die Mutter reichte ihr Schälmesser und Kartoffeleimer. »Wenn du gerade weitermachst? Ich muss noch an Joachim schreiben«, sagte sie. »Er wundert sich sicher, wenn er nichts von mir hört …«
Eva nickte. »Geh nur. Ich mach das schon.«
Sie sah ihrer Mutter nach, die schwerfällig die Stufen zur Diele hochging. Karls Tod hatte von der Frau, die tüchtig jeden Tag ihre Arbeit verrichtet hatte, ohne jemals deren Sinn in Frage zu stellen, nicht viel übrig gelassen. Ein Teil von ihr wanderte immer noch durch östliche Sümpfe, durch Schützengräben und Unterstände und feindliches Feuer und suchte nach ihrem ältesten Sohn, ein anderer Teil von ihr schrieb Briefe an Joachim, den Zweitältesten, in Warschau – stundenlange, nächtelange Briefe. Es war, als könnte ihm nichts passieren, wenn sie nur ausführlich genug an ihn schrieb. Als könnte sie ihn damit beschützen. Eva wünschte sich, Joachim würde ihr häufiger antworten, aber vielleicht waren diese traurigen Briefe ihm auch einfach nur lästig.
Sie nahm die nächste Kartoffel, schälte sie, wusch sie, schnitt sie klein. Kartoffeln, weiter hatte ihre Mutter sich nichts überlegt. Zwiebeln gab es im Garten, genauso Pflücksalat, Radieschen und Karotten. Vielleicht waren die Zwillinge wieder so weit hergestellt, dass sie sie gleich nach draußen schicken konnte. Eva hielt einen Moment inne. Sie spürte genau, wie ihre Mutter sich von ihnen allen entfernte, wie sich die Last des Haushalts mehr und mehr auf ihre eigenen Schultern legte. Eines Tages, hoffentlich noch nicht so bald, würde sie ganz allein verantwortlich sein. Sie konnte nur hoffen, dass Joachim bald zurückkehrte und sich mit Charlotte eine tüchtige Hausfrau auf den Hof holte. Andererseits – sie wischte sich ein paar Schweißtröpfchen von der Stirn. Andererseits war es manchmal schwierig mit Charlotte. Vielleicht lag es daran, dass ihre Familie so anders war. Sie hatten immer genug Geld gehabt und sich nie Sorgen machen müssen, ob es noch für einen Schulranzen reichte oder für einen neuen Mantel, und selbst jetzt, wo überall rationiert wurde, war bei Voss zu Hause von Einschränkungen nur wenig zu spüren. Sie konnten ihre Kinder auf die höhere Schule schicken, fuhren im Sommer in den Schwarzwald und hatten sogar ein Klavier. Jahrelang war Charlotte jede Woche zur Klavierstunde gegangen, obwohl sie immer wieder erklärt hatte, wie sehr sie den Unterricht hasste. Aber irgendetwas fehlte in der Familie trotzdem, auch wenn Eva nicht hätte sagen können, was.
Während Eva das Essen vorbereitete, hörte sie, wie ihr Vater hereinkam und sich am Wasserhahn im Flur wusch. Fast alle anderen Häuser hatten fließendes Wasser nur in der Küche, aber bei ihnen gab es wenn auch kein besonderes Badezimmer, so doch wenigstens einen zweiten Trinkwasseranschluss. Am Samstag dann wurde die große Waschbütte in die Küche getragen, wurden Wäscheleinen gespannt und mit alten Bettlaken eine Badekabine abgetrennt. Das Wasser musste kesselweise auf dem Herd erhitzt werden, bis dann endlich zunächst Evas Mutter, dann Eva selbst und nach ihr der Vater und die Brüder den Schmutz der Woche darin einweichen konnten. Wenn Hans und Emil an der Reihe waren, war das Wasser meist schon so weit abgekühlt, dass sie noch einen weiteren Kessel Wasser heiß machen mussten. Wenn sie einmal verheiratet war, würde sie ein eigenes Badezimmer besitzen, schwor sich Eva jeden Samstag, wenn sie den zehnten Kessel mit kochend heißem Wasser vom Herd zur Waschbütte getragen hatte. Ein Badezimmer mit eingebauter Wanne, in die man heißes Wasser fließen lassen konnte, und das eine Tür hatte mit einem Schloss daran, so dass niemand plötzlich grinsend seinen Kopf hereinstecken oder aber einem einen Eimer kaltes Wasser über den Rücken kippen konnte …
Es dauerte noch eine Stunde, bis sie schließlich gemeinsam am Küchentisch saßen, Eva, ihre Eltern Georg und Marie, die Zwillinge, die beide noch ein bisschen blass um die Nase waren und viel ruhiger als sonst. An Karls Platz, Karls früherem Platz, stand eine Kerze, die seine Mutter zu jeder Mahlzeit anzündete, und an Joachims Platz lag das kleine Kreuz, das er von seinem Paten zur Konfirmation geschenkt bekommen und dann mit nach Warschau zu nehmen vergessen hatte. Hundertmal schon hatte Marie es ihm nachschicken wollen und nur deshalb davor zurückgeschreckt, weil sie Angst hatte, es könnte auf dem langen Weg verloren gehen.
»Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, und segne, was du uns bescheret hast.« Es war immer Georg Fahrner, der das Tischgebet sprach, und immer seine Frau, die noch einen Segensspruch anfügte.
»Segne auch uns und unser ganzes Dorf und besonders auch die Männer, die im Feindesland für unsere Heimat kämpfen. Halte deine schützende Hand über sie und lass sie gesund wieder zurückkehren. Segne besonders unseren – unseren Joachim, der seinen schweren Dienst in Warschau verrichtet.« Regelmäßig geriet ihre Stimme an dieser Stelle ins Stocken, und obwohl Eva den Schmerz ihrer Mutter nachfühlen konnte, war sie doch dankbar, dass deren Rührung verhinderte, das Gebet noch weiter auszudehnen. Auch so war es kaum möglich, auch nur für einen Tag Karls Tod und Joachims Feindeinsatz zu vergessen. Schweigend begannen sie zu essen.
»Ich habe eben noch mit Erich gesprochen«, sagte Georg schließlich und schob seinen Teller zurück. Eva blickte überrascht auf. In einem so kleinen Ort wie Laifingen kannte natürlich jeder jeden, und Ortsbauernführer Erich Maifeld gehörte nicht zu denjenigen, mit denen ihr Vater zufällig ein Gespräch führen würde. »Ich habe ihn getroffen, als ich heute Abend die Milch weggebracht habe. Er hat Nachricht aus Ludwigsburg. Sie wollen ein paar Fremdarbeiter hier ins Dorf schicken, es kommen jetzt täglich Transporte an … Erich meint, demnächst wäre vermutlich jemand für uns dabei, weil doch Joachim jetzt auch nicht mehr da ist. Ein oder zwei Männer vielleicht. Den Antrag haben wir ja längst gestellt.«
»Gott sei Dank!« Marie Fahrner griff nach dem Kreuz an Joachims Platz und drückte es an ihre Brust. »Ich wusste, dass der Herrgott uns nicht vergessen hat! Und dann gerade jetzt, wo wir mit der Heuernte anfangen und ich nachts schon nicht mehr schlafen konnte vor Sorge, wie wir das allein schaffen sollen … Vielleicht sind es ja Leute, die selbst schon in der Landwirtschaft gearbeitet haben, der Armand von Bauers zum Beispiel schafft bei ihnen auf dem Hof, als wär’s sein eigener, und Belsers François erst, der ist ja wie ein Sohn im Haus!«
Französische Kriegsgefangene waren die ersten Fremdarbeiter gewesen, die vor zwei Jahren schon ins Dorf gekommen und inzwischen ein alltäglicher Anblick geworden waren. Sie wohnten gemeinsam im Gasthof »Zur Sonne« und waren jeweils einem oder auch zwei Bauern zugeteilt. Aber Fahrners waren nicht darunter; als die Männer eingetroffen waren, waren ja Joachim und Karl beide noch da gewesen, so dass sie sich gar nicht erst um Unterstützung beworben hatten. Wer hätte denn damals ahnen können, dass der Krieg so lange dauern und noch den letzten jungen Mann fordern würde, dass nur noch alte Leute und Frauen zurückbleiben und die Feldarbeit leisten würden?
»… und Charlotte kann doch ein bisschen Französisch, oder, Eva? Vielleicht kann sie dir ja etwas beibringen, dann kannst du dich mit den Männern unterhalten. Wenn jemand in seiner Muttersprache angesprochen wird, fühlt er sich gleich angenommen und hat viel mehr Lust zu arbeiten.«
Georg Fahrner hatte den Redeschwall seiner Frau schweigend über sich hinwegrollen lassen. Jetzt räusperte er sich.
»Es sind keine Franzosen, Marie. Im Augenblick kommen nur noch Leute aus dem Osten, Polen hauptsächlich. Wir werden Ostleute bekommen. Immerhin sind es Zivilarbeiter, keine Kriegsgefangenen.«
Das hoffnungsvolle Leuchten verschwand aus Maries Gesicht, sie riss die Augen weit auf und umklammerte das Kreuz, als wäre es eine Waffe. »Ostleute?«, flüsterte sie fassungslos.
Georg nickte. »Woher genau sie kommen, wusste Erich nicht. Er fährt in ein paar Tagen nach Bietigheim und holt sie ab.«
»Ich – wir dürfen keine Ostarbeiter auf dem Hof haben, Georg! Keine Polen, keine Russen! Hast du ganz vergessen, wie Karl – ich will sie nicht hier haben, verstehst du? Ich will es nicht! Das sind doch keine Menschen, das sind Bestien! Bestien, die meinen Karl ermordet haben. Wie kannst du auch nur einen Augenblick darüber nachdenken, diese Mörder auf unseren Hof zu holen?«
Georg Fahrner rutschte auf seinem Stuhl hin und her und sah hilfesuchend zu Eva hinüber.
»Schau sie dir doch erst einmal an, Mama«, sagte Eva. »So schlimm werden sie schon nicht sein, und wenn doch, dann können wir ja immer noch den Ortsbauernführer rufen oder den Rössler.« Rössler war der Dorfpolizist. »Ich denke, wir müssen dankbar für jede Hilfe sein, die wir bekommen können.« Sie nickte zu den Zwillingen hinüber. »Hans, Emil, macht euch fertig fürs Bett.«
»Ooch, Eva! Es hat noch nicht mal acht geläutet!«
Sie zog die Augenbrauen hoch. »Ich habe Herrn Voss Bescheid gesagt, dass ihr morgen wahrscheinlich noch nicht in die Schule gehen könnt, aber wenn ihr so lange aufbleiben könnt, dann seid ihr wahrscheinlich doch schon wieder gesund, oder?« Die Jungen rutschten hastig von ihren Stühlen.
»Ich bin immer noch ganz schlapp auf den Beinen«, behauptete Emil, und Hans fasste sich vielsagend an den Bauch und gab ein dramatisches Stöhnen von sich.
»Wir gehen ja schon … Liest du uns noch was vor? Davon werden wir bestimmt schneller wieder gesund.«
»Aber danach ist Ruhe, klar? Was wollt ihr hören?«
»Ein Märchen, Eva, bitte! Das mit dem kalten Herz! Oder Rübezahl, das hast du ewig nicht mehr gelesen!«
Eva schüttelte entschieden den Kopf. »Das ist zu lang. Das tapfere Schneiderlein oder Hänsel und Gretel, sucht euch eins davon aus …«
Als sie zum Spülen zurück in die Küche kam, war der Streit noch in vollem Gange.
»Nein. Das kannst du nicht von mir verlangen, Georg. Das nicht. Dass ich mit diesen Leuten unter einem Dach … diesen Leuten, die unseren Karl …« Eva wünschte sich, sie könnte verschwinden, aber es wäre undenkbar gewesen, ihre Mutter mit der Aufräumarbeit nach dem Essen allein zu lassen.
»Aber Marie, bitte sei doch vernünftig! Die Arbeiter, die jetzt kommen, haben doch nichts damit zu tun, gar nichts! Und sie müssen ja auch nicht im Haus wohnen, ich denke, wir können ihnen neben dem Stall einen Schlafbereich abtrennen, in der alten Weberwerkstatt.«
»Hast du nicht gehört, wie die – wie die sind? Dreckig und verlaust, und wenn du nicht aufpasst, stoßen sie dir ein Messer in die Brust!«
»Marie, bitte erinnere dich, wie es war, als die Franzosen angekommen sind! Was für Ängste wir alle hatten. Und kaum waren sie ein paar Wochen da, war das alles wie weggeblasen, und es war klar, das sind Menschen wie wir! Und mit den Leuten jetzt wird es genauso sein.«
»Menschen wie wir!« Marie Fahrner kniff die Lippen zusammen und wich zurück. »Woher willst du das wissen, Georg Fahrner? Woher? Hast du Augen und Ohren zugemacht in den letzten Monaten, keine Zeitung gelesen?«
»Hör mir doch auf mit diesem Zeug. Als würdest du sonst glauben, was in dem Schmierblatt steht! Ich sag dir, wenn wir jetzt keine Unterstützung bekommen, kriegen wir die Ernte nicht eingebracht, dann weiß ich nicht mehr, wovon wir leben sollen! Ich weiß nicht mal mehr, ob ich den Hof noch halten kann! Willst du das?«
Eva sah erschreckt von einem zum anderen. Sie konnte sich nicht daran erinnern, ihre Mutter vorher jemals so aufgebracht, ihren Vater so laut erlebt zu haben, konnte sich an überhaupt keine Auseinandersetzung zwischen ihren Eltern erinnern, bei der sie dabei gewesen wäre. Georg Fahrner war das Oberhaupt der Familie, das war die selbstverständliche Grundlage, auf der das ganze Familienleben sich abspielte. Was er entschied, das galt, und alle hatten sich danach zu richten, selbst wenn sie eigentlich anderer Meinung waren. Joachim war bisher der Einzige gewesen, der dagegen aufbegehrt hatte; dass ihre Mutter das auf einmal in Frage stellte und so verbissen ihren eigenen Standpunkt verteidigte, zeigte deutlich, wie tief ihre Angst war.
»Mama«, begann Eva zögernd, aber ihr Vater machte nur eine abwehrende Handbewegung, legte seiner Frau den Arm um die Schultern und zog sie an sich, auch das eine Geste, die Eva noch nie bei ihren Eltern erlebt hatte – Zärtlichkeit zwischen Mann und Frau gehörte nicht in die Öffentlichkeit.
»Du musst keine Angst haben, Marie, ich passe schon auf euch auf.«
5
»Sie haben Glück, Ortsbauernführer Maimann, Wachtmeister Rössle – «, Lagerleiter Demmler warf einen kurzen Blick auf den Zettel in seiner Hand, »Maifeld, genau. Ortsbauernführer Maifeld. Vor drei Tagen haben wir eine Lieferung bekommen, junge, kräftige Leute zumeist.« Er wandte sich mit einem leicht herablassenden Lächeln an die beiden Männer ihm gegenüber. Der Kleinere der beiden, ein rundlicher Großvatertyp mit Apfelbäckchen und stoppeligem Kinn, fühlte sich in seiner Uniform sichtlich unwohl und kratzte sich immer wieder verstohlen den Hals unter dem verknitterten Kragen, der andere wirkte so, als könnte er vor lauter Wichtigkeit kaum laufen, dabei waren seine Stiefel ungeputzt und die Jacke vermutlich überhaupt noch nie gewaschen worden. So waren sie alle, dachte Demmler. Unter der Uniform, unter einer dünnen Schicht von nationalsozialistischem Lack blieben sie Bauern ohne wirkliche politische Überzeugung, denen die deutsche Sache im Grunde herzlich egal war, solange nur die Sonne reichlich schien und die Sauen fett wurden.
Er seufzte. »Alle vorgesehen für einen Einsatz im Bereich des Arbeitsamtes Ludwigsburg.«
Der kleine Dicke meldete sich zu Wort; er war der Ortsbauernführer.
»Wir brauchen Leute, die anpacken können, am besten welche mit Erfahrung in der Landwirtschaft … Und Deutsch. Ein bisschen Deutsch müssen sie schon verstehen, wir können ja kein Polnisch.«
»Das kann keiner. Wozu auch? Eine sterbende Sprache.« Demmler stand auf. »Lassen Sie uns rausgehen. Ich habe die Polacken schon antreten lassen. Sie können sich selbst einen Überblick verschaffen und die Leute aussuchen, die Sie haben wollen.«
Der übliche Gestank schlug ihm entgegen, als er nach draußen trat – Polengestank, versetzt mit Russen- und Ukrainergestank, die unverkennbare Duftmischung aus Jauche und Schweiß, Kohl und Zwiebeln. Selbst wenn seine Wäsche frisch aus der Reinigung kam, hing der Gestank immer noch darin. Hinter Berlin, irgendwo im Warthegau, musste eine Welt des dauerhaften Gestanks beginnen. Die Leute, die dorthin abkommandiert waren, konnten einem leidtun. Er selbst hatte wenigstens ein Haus in der Stadt, wo er dieses Gesindel nicht sehen oder riechen musste. Sie standen in einem großen Kreis auf dem Appellplatz, eine Truppe grauer, zerlumpter Gestalten, mit denen man Kinder hinter den Ofen hätte jagen können. Er gab einem der Wachleute einen Wink; der Mann zog seine Trillerpfeife heraus und ließ einen Pfiff ertönen. Zufrieden registrierte Demmler, wie auch die beiden Bauern an seiner Seite zusammenzuckten.
»Antreten in einer Reihe, ihr Polenschweine! Und keinen Mucks!« Wie immer hatten nur die wenigsten die Kommandos verstanden; diese Polen waren ein ungebildetes Gesindel, dessen Interessen über Fressen und Saufen nicht hinausging. Vermutlich waren die meisten gerade einmal in der Lage, den eigenen Namen zu schreiben. Immer einmal wieder hatten sie auch Holländer und Franzmänner hier im Lager, manchmal sogar Norweger, und obwohl diese Leute meist einen rebellischen Zug hatten, waren sie Demmler doch um Längen lieber als diese Untermenschen aus dem Osten, die sich vermutlich noch nie im Leben mit Wasser und Seife gewaschen hatten. Er betrachtete die Jammergestalten vor sich und wartete. Erst, nachdem die paar zumindest ansatzweise Gebildeten die Order übersetzt hatten, kam Bewegung in die Meute, und die Leute bildeten einen Kreis. Demmler straffte die Schultern.
»Polnische Fremdarbeiter in deutschen Landen! Ihr wisst, dass ihr hier nach Deutschland gekommen seid zur Wiedergutmachung all der Gräueltaten, die Polen an Reichs- und Volkdeutschen im Warthegau und im Generalgouvernement begangen haben! Außerdem aber erhaltet ihr die Möglichkeit, mit harter, ehrlicher Arbeit Geld zu verdienen und euren Familien daheim zukommen zu lassen. Und nicht zuletzt dürft ihr mit der Kraft eurer Hände an der neuen Zukunft mitarbeiten, die unter dem Oberbefehl unseres großen Führers Adolf Hitler für Europa, für die ganze Welt anbrechen wird! Erweist euch dieser Aufgabe als würdig. Denjenigen von euch, die glauben, sie könnten mit Bummelei, Sabotage und polnischer Wirtschaft der deutschen Sache schaden, sei gesagt, dass wir darauf mit härtester Konsequenz reagieren werden! Wer lässig arbeitet, die Arbeit niederlegt, andere Arbeiter aufhetzt, die Arbeitsstätte eigenmächtig verlässt und so weiter, erhält Zwangsarbeit im Konzentrationslager. Wer mit einer deutschen Frau oder einem deutschen Mann geschlechtlich verkehrt, wird mit dem Tode bestraft …«
Wie immer flossen die Worte wie von selbst aus seinem Mund; er hätte nicht sagen können, wie oft er diese Ansprache schon gehalten hatte. Die Dolmetscherin war heute leider nicht da, so dass er ungeduldig darauf warten musste, bis die halblaute Übersetzung der deutschkundigen Polen zu jedem durchgedrungen war. Er nickte zu den beiden Bauern hinüber. »Wenn Sie selbst schauen wollen?«
Zögernd gingen der Ortsbauernführer und sein Begleiter auf die Deportierten zu.
»Könnt ihr Deutsch?«, fragte der Dicke leise. Niemand antwortete, natürlich nicht. Demmler ließ wieder pfeifen.
»Wer von euch Deutsch kann, vortreten, aber dalli!« Ein knappes Dutzend Leute machte einen vorsichtigen Schritt nach vorn. Der Lagerleiter zuckte bedauernd mit den Schultern. »Allzu viele sind es nicht. Aber einfache Befehle werden Sie auch den anderen schnell beigebracht haben. Oft kommt es nur auf die Art der Vermittlung an.« Er berührte mit der Hand leicht die Reitgerte, die immer an seiner Seite hing. »Mit ein bisschen Nachdruck versteht selbst der dümmste Polacke, was Sie von ihm wollen.«
Ortsbauernführer Maifeld nickte, damit war er offensichtlich vertraut. Wenigstens das.
»Kannst du mähen?«, fragte er jetzt den Ersten. Der Mann nickte. »Melken? Bäume fällen?«
»Ja«, antwortete der Pole. Mutiger geworden, griff Maifeld nach dessen Oberarm, als wollte er die Muskelkraft dort prüfen.
»Du gesund? Nichts Schmerzen? Zeig mal Zähne.«
Gehorsam sperrte der Mann den Mund auf; Demmler schüttelte genervt den Kopf.
»Die Leute sind alle arbeitsfähig, Ortsbauernführer«, sagte er scharf. »Sie sind desinfiziert, entlaust und ärztlich untersucht worden. Nehmen Sie, was Sie kriegen können, und seien Sie dankbar dafür! Solche Rosinenpickerei ist unsolidarisch gegenüber der Volksgemeinschaft.«
Verschreckt sprang Maifeld ein paar Schritte zurück. »Entschuldigung, Lagerführer Demmler! Ich – natürlich, Sie haben recht. Ich nehme diese acht Leute hier. Die ersten acht.«
»Fünf, Ortsbauernführer. Nicht mehr als fünf. Und nicht nur Männer.« Er zeigte nacheinander auf fünf Leute. »Einverstanden?« Der Ortsbauernführer nickte eingeschüchtert. »Also los. Holt euren Krempel und macht euch marschfertig.« Er wandte sich noch einmal an die beiden Bauern. »Seien Sie vorsichtig, wenn Sie mit diesem Pack nach Hause fahren, sonst machen die sich gleich bei der ersten Gelegenheit aus dem Staub! Sie kennen diese Polacken nicht. Die sind hinterfotzig und mit allen Wassern gewaschen, da haben Sie ein Messer im Rücken, bevor Sie bis drei zählen können! Und vergessen Sie nicht, den örtlichen Bauernfamilien die Regeln zum Umgang mit Polen und Ostarbeitern einzubläuen! Der Pole ist unser Feind, das darf niemals vergessen werden.«
Ortsbauernführer Maifeld, Wachtmeister Rössle und die polnischen Fremdarbeiter legten die Strecke von Bietigheim nach Laifingen mit der Bahn zurück, Holzklasse, über Ludwigsburg, Stuttgart und Herrenberg.
Im Vergleich zu dem Transport von Warschau nach Bietigheim war dieser Personenzug Luxus, dachte Tomasz. Und im Vergleich zum Leben im Lager würde auch das Leben auf einem Bauernhof Luxus sein, ganz gleich, was man von ihnen erwarten, wie man dort mit ihnen umgehen würde. Die wenigen Tage im Durchgangslager hatten gereicht, um die Furcht und Abscheu davor unauslöschlich in seine Seele, seinen Körper einzubrennen – der allgegenwärtige Schmutz und Gestank, die Enge in den Baracken, in denen sie zusammengepfercht auf primitiven Bettgestellen schliefen, die Wanzen, die Nacht für Nacht über sie herfielen; das widerliche, immer zu knappe Essen, das nicht satt machte, aber wie ein Stein im Magen lag und einen dazu zwang, viel zu häufig die zentrale Latrinengrube aufzusuchen, ein Stück Fegefeuer inmitten der Lagerwelt; die Willkür der Wachen, die jederzeit und ohne Anlass zuschlagen konnten, die Hoffnungslosigkeit in den Gesichtern der anderen Verschleppten. Verstohlen warf er einen Blick auf den Jungen, der ihm gegenübersaß.
Janek hatte die Augen geschlossen und hielt den Kopf gesenkt; seine Lippen bewegten sich unablässig, vermutlich betete er den Rosenkranz, dessen Perlen nur in seinem Kopf existierten. Anfangs hatte Tomasz darüber gewitzelt, aber schnell damit aufgehört, als er erkannte, wie gekränkt der Junge jedes Mal war. Vermutlich war es ein Segen, dass er etwas hatte, das ihn innerlich so bestärkte und ablenkte. Ein Segen. Tomasz war sich sicher, dass er das Wort jahrelang nicht in den Mund genommen, nicht einmal gedacht hatte. Ohne diesen verbissenen katholischen Glauben hätte den Jungen die Lagererfahrung möglicherweise noch mehr mitgenommen. Durch die vielen Ungezieferstiche und -bisse sah er aus wie entstellt; schmal und schmächtig, wie er vorher schon gewesen war, machte ihm auch das schlechte Essen mehr zu schaffen, zumal er sich anfangs geweigert hatte, den halb verfaulten Kohl, das angeschimmelte Russenbrot herunterzuwürgen. Wenn diese uniformierten Bauern vom Lagerführer nicht so eingeschüchtert gewesen wären, hätten sie Jan in seinem Zustand niemals mitgenommen. Die anderen Polen, die sie zugewiesen bekommen hatten, waren aus der Gegend von Radom; die Schwestern Mascha und Helena waren nach dem Gottesdienst vor der Kirche in ihrem Heimatdorf einfach verhaftet worden, Pjotr, ein wortkarger Mittdreißiger, hatte sich freiwillig beim örtlichen Arbeitsamt gemeldet, um zu verhindern, dass die Lebensmittelrationen seiner Familie gekürzt wurden – eine übliche Methode der Okkupationsbehörden, um die Anzahl der »freiwilligen« Meldungen zu erhöhen.
Tomasz bemühte sich, der Unterhaltung der Deutschen unauffällig zu lauschen, aber obwohl er immer geglaubt hatte, die Sprache gut zu beherrschen, verstand er von ihrem Dialekt nicht allzu viel. Aber das konnte auch Vorteile haben. Intellektuelle, intellektuelle Polen vor allem, waren den Nationalsozialisten zuwider und stellten in ihren Augen eine Gefahr dar; unzählige polnische Ärzte, Anwälte, Lehrer, Geistliche, Journalisten waren gleich nach der Besetzung des Landes im Herbst ’39 ermordet oder verschleppt worden. Tomasz’ Freundeskreis hatte sich in diesen Monaten auf eine Handvoll verschreckter Überlebender reduziert, die gerade noch rechtzeitig hatten untertauchen können und sich immer noch fragten, was für ein fürchterlicher Sturm da eigentlich über sie hinweggezogen war. Es konnte nicht schaden, wenn man ihn selbst für einen einfachen Landmann hielt, der irgendwo ein paar Brocken Deutsch aufgeschnappt hatte und sich gerade eben damit verständigen konnte.
In dem Gespräch der örtlichen Funktionäre schien es darum zu gehen, wie man die Fremdarbeiter auf die Bauernhöfe verteilen sollte. Offensichtlich gab es viel mehr Nachfragen, als Hilfsarbeitskräfte zur Verfügung standen – kein Wunder, da ja so gut wie jeder Mann, der zwei Beine hatte und noch nicht senil war, inzwischen irgendwo an der Front für den deutschen Größenwahn kämpfte. Egal, dachte Tomasz, egal, wo wir hinkommen. Hauptsache, ich kann ein Auge auf den Jungen haben, sonst landet er gleich innerhalb der ersten Wochen auf dem Friedhof oder im KZ.
Hinter den Zugfenstern glitt die Landschaft vorbei, Wälder, Felder, einzelne Dörfer, kleine Städtchen. Die einzige Großstadt, die sie passierten, war Stuttgart, wo sie umsteigen mussten – ein Provinznest, verglichen mit der Metropole Warschau. Plötzlich bemerkte Tomasz, wie die Deutschen sich gegenseitig anstupsten und vielsagend in Richtung des Jungen blickten, der mit seinem verquollenen Gesicht und den unablässig vor sich hin murmelnden Lippen wirkte, als wäre er nicht ganz gescheit.
»He, du!«, sagte der größere der beiden Bauern zu Janek und stieß ihn mit der Stiefelspitze an. Jan zuckte zusammen. »He, du sprechen Deutsch?«
Der Junge wirkte, als käme er nach einem langen Schlaf nur zögernd wieder zu sich. Er setzte sich gerade hin, rieb sich über das Gesicht. Der Deutsche verdrehte die Augen.
»Ob du mich verstehen kannst, will ich wissen. Du verstehen?« Jan nickte zögernd. »Du stinkst, Polacke! Du stinkst schlimmer als ein ganzer Schweinestall! Setz dich irgendwo dahinten hin, wo wir dich nicht riechen müssen!« Der Sprecher gab sich Mühe, laut und Hochdeutsch zu sprechen, aber Janek hatte ihn nicht verstanden und sah hilfesuchend zu Tomasz hinüber.
»Die wollen nicht neben uns sitzen«, sagte Tomasz und stand auf. »Komm, wir gehen da rüber zur Tür, da gibt es genug Platz.« Der Junge wurde feuerrot, die Deutschen lachten.
»Hopp, hopp, du Polenschwein!« Dieses Wort hatte Jan schon häufiger gehört; es gab wohl keinen Polen, dem es noch nicht begegnet war. Er ballte die Fäuste, Tomasz legte ihm begütigend die Hand auf die Schulter.
»Lass dich nicht provozieren, Junge … bleib ruhig.« Er drückte den Jungen auf den Platz neben der Tür. »Versuch, noch ein bisschen zu schlafen, wer weiß, wann du wieder dazu kommst.«
Es war schon Abend, als sie in Laifingen ankamen, an einem winzig kleinen Bahnhof mit nur einem Gleis. Der Wachtmeister, der die letzten Kilometer verdöst hatte, streckte sich kurz in seinem Sitz und fuchtelte dann mit seiner Waffe herum.
»Aussteigen und dann in einer Reihe aufstellen«, brüllte er, so dass die wenigen Zivilisten, die außer ihnen im Zug saßen, überrascht zu ihm hinübersahen.
»Na dann los«, sagte Tomasz leise. »Schauen wir uns an, wohin es uns verschlagen hat.«
Das Dorf lag am Fuß eines Höhenzugs und zog sich ein Stück den Hang hinauf; von einer leichten Kuppe ein paar Kilometer entfernt hatten sie eben einen guten Blick auf die vielleicht hundert Höfe mit ihren Scheunen und Stallungen gehabt. Dazu gab es ein paar größere Gebäude und unübersehbar in der Mitte des Ortes die Kirche, die auch jetzt vom Bahnhof aus betrachtet alles andere überragte.
»Der Turm ist schief, Tomasz, siehst du? Er kippt nach rechts«, flüsterte der Junge. »Könnte es ein deutlicheres Zeichen geben?«
»Zeichen wofür?«, fragte Tomasz und spürte im nächsten Augenblick einen Stoß in seinem Rücken, der ihn stolpern ließ.
»Ihr haltet das Maul, bis ihr gefragt werdet, kapiert?«
Er nickte, um dem Polizisten keinen weiteren Anlass zu geben, seine schlechte Laune an ihm auszulassen. Obwohl es natürlich eigentlich keinen Anlass brauchte.
»Ganze Kolonne – Marsch!«
Die beiden Schwestern waren die Ersten, die sie in den Händen eines einheimischen Bauern zurückließen, dann folgte der schweigsame Pjotr, der bei einer Metzgerei in der Ortsmitte landete. Hoffentlich lassen sie uns zusammenbleiben, dachte Tomasz, damit ich ein Auge auf den Kleinen haben kann. Was für einen überraschend großen Raum in seinen Gedanken die Sorge um den Jungen einnahm, der ihm so unerwartet vor die Füße gefallen war! Einen Raum, der vorher leer gewesen war wie ein ausgebranntes Haus oder eine umgestürzte Kinderwiege.
Über die geschotterte Ortsdurchfahrt liefen sie an kleinen Läden vorbei, einem Schuhmacher, einer Gipserei, mehreren Wirtshäusern, überquerten einen kleinen Markt mit wehenden Hakenkreuzfahnen. An einem Laufbrunnen spielten Kinder im Wasser; sobald sie die kleine Kolonne gesehen hatten, fingen sie an, zu spritzen und Faxen zu machen, bis der kleine Dicke etwas zu ihnen hinüberbellte. Wenn die Fahnen nicht wären, könnte es zu Hause sein, dachte Tomasz, in irgendeinem polnischen Dorf. Die Kinder, die Misthaufen vor den Türen, das Katzenkopfpflaster am Dorfplatz. Aber es war nicht zu Hause.
Schließlich traten sie durch einen Hofeingang am Ortsrand. Hühner stoben gackernd auseinander; ein älterer Mann, der gerade dabei gewesen war, an einem Lederriemen ein großes Messer zu schleifen, sah bei diesem Geräusch auf, wischte sich die Hände an seiner Arbeitshose sauber und kam dann zu ihnen herüber.
»Marie! Marie, sie sind da!«, rief er zu einem offenen Fenster des Hauses hinüber, auf dessen Brett ein dampfender Topf stand. Die Küche, dachte Tomasz, und: Heute Abend gibt es etwas Warmes zu essen.
Der Alte hatte inzwischen ein Gespräch mit den Uniformierten angefangen, von dem Tomasz nur Bruchstücke verstand, aber es war ja klar, worum es ging. Ebenso wie es klar war, dass es nichts gab, das er selbst hätte sagen können, um an der Situation irgendetwas zu verändern. Mittlerweile hatten sich auch die anderen Hausbewohner eingefunden: eine ältere, verhärmt wirkende Frau mit schwarzer Schürze und schwarzem Kopftuch, bei der es sich vermutlich um die angesprochene Marie handelte, zwei jüngere Frauen, Mädchen fast noch, die miteinander tuschelten, sowie zwei kleine Zwillingsbuben mit staubigen nackten Füßen, kurzen Hosen und glatt gescheitelten Haaren. Auch bei dieser Familie hätte es sich genauso gut um eine polnische handeln können, fromme kaschubische Bauern vielleicht aus der Gegend von Chmielno, die zufrieden waren mit ihrem einfachen Leben und auf nichts weiter hofften als auf eine gute Ernte. Tomasz betrachtete sie unter gesenkten Lidern und revidierte sein erstes Urteil: Eine der jungen Frauen gehörte nicht dazu. Ihre Kleidung, der Schnitt ihrer kastanien-farbenen Haare, die Art, wie sie sich hielt und wie ihre Blicke zwischen dem alten Bauern, den Zwangsarbeitern und dem anderen Mädchen hin und her huschten, ließen sie wie einen Fremdkörper erscheinen – wie einen scharfkantigen Glassplitter unter glatt geschliffenen Kieseln.
Es waren die ersten Polen, die Charlotte zu Gesicht bekam, und sie waren genauso schmutzig und heruntergekommen, wie die Propaganda immer gesagt und Joachim geschrieben hatte. Was für ein Glück, dass sie gerade heute den Nachmittag und Abend bei Fahrners verbracht hatte! So konnte sie gleich an Joachim weitergeben, wie sich die Dinge in seinem Elternhaus entwickelt hatten und was ihr Eindruck von den Fremdarbeitern war. Fast musste sie ihren Eltern dankbar dafür sein, dass bei ihnen immer noch das Hauskreuz schief hing, sonst hätte sie vermutlich nicht Wärme und Trost in der Fahrnerfamilie gesucht.
Voller Neugier betrachtete sie jetzt die beiden Fremdarbeiter, die neben Erich Maifeld und Wachtmeister Rössle im Hof standen und zu Boden schauten. Gepäck hatten sie nicht mitgebracht, keine Tasche, keinen Rucksack, nichts. Der Ältere, ein kräftiger, großer Mann mit Stoppelbart und verfilzten Haaren, war schätzungsweise um die dreißig Jahre alt, der andere sicher noch keine zwanzig, dazu schmalbrüstig und mager. Sein Gesicht leuchtete rot und verschwollen, als wäre er schwer krank; Charlotte konnte sich nicht vorstellen, dass dieser schwächliche Junge eine große Hilfe auf dem Hof darstellen würde. Hoffentlich hatte er keine ansteckende Krankheit mitgebracht! Beide Polen waren unglaublich verdreckt und zerlumpt; der ältere hatte Bindfäden um seine Schuhe gewickelt, damit sie nicht ganz auseinanderfielen. Außerdem ging ein Gestank von ihnen aus, als hätten sie sich tagelang nicht gewaschen. Unwillkürlich lief Charlotte ein Schauder über den Rücken. Es war gut, dass Georg Fahrner den beiden Polen neben dem Stall einen Schlafplatz zurechtgemacht hatte und nicht im Haus. Sie machte ein paar Schritte auf die Gruppe zu, um besser hören zu können, was gesprochen wurde.
»… dir zugeteilt«, sagte Maifeld gerade. »Wenn sie dir nicht passen, kriegst du eben niemanden.« Georg Fahrner antwortete etwas, das Charlotte nicht verstehen konnte, aber Maifeld schien sich darüber zu ärgern, denn rote Flecken erschienen auf seinen Wangen.
»Ja, glaubst du denn, wir hätten da die große Auswahl gehabt?! Ich habe die Besten mitgebracht, die ich bekommen konnte! Aber du musst sie ja nicht nehmen, wenn du nicht willst! Ich bin sicher, der Lämmle fällt mir um den Hals, wenn ich sie ihm überlasse.«
»Und dieser Junge da ist in Ordnung, Maifeld? Der sieht aus, als wäre er schon halb gestorben! Dass der mir nur nichts einschleppt. Kann mir nicht vorstellen, dass der auch nur einen Spaten hochheben kann.«
»Unsinn. Der hat zu viel Sonne abgekriegt, das ist alles. Los, Junge, zeig dem Bauern mal deine Muskeln!« Er gab dem Jungen einen leichten Schubs; der Junge sah panisch hin und her wie ein gehetztes Tier und schien nicht zu verstehen, was man von ihm wollte. Erst, als der Ältere ihm die Hand auf die Schulter legte und etwas zu ihm sagte, streifte er seinen Ärmel hoch, hob den Arm und spannte den Bizeps, wobei er jeden Blickkontakt vermied und stattdessen vor sich hin auf einen Fleck am Boden starrte.
»Da, siehst du?« Maifeld packte den Arm und schwenkte ihn hin und her. »Ein gesunder junger Mann, stark wie ein Ochse …« Eine eigenartige Scham stieg bei dieser Demonstration in Charlotte auf und brannte ihr in der Kehle. Sie wandte die Augen ab. In dem Moment schob sich Wachtmeister Rössle nach vorn.
»Schluss mit dem blöden Gequatsche! Während unsere deutschen Soldaten im Osten ihr Blut für das Vaterland geben, habt ihr nichts Besseres zu tun, als über die Scheißpickel im Gesicht eines Polenbengels zu streiten! Und die zwei Polacken stehen daneben und lachen sich ins Fäustchen. Wir sind im Krieg, nicht im Sandkasten! Los, Maifeld, lies die Anweisungen zum Umgang mit polnischen Fremdarbeitern vor.«
Der Ortsbauernführer räusperte sich. »Deutscher Bauer, deutsche Bäuerin, werde nicht zu Verrätern an der deutschen Volksgemeinschaft! Die Polen gehören nicht zur deutschen Volksgemeinschaft. Wer sie wie Deutsche behandelt oder gar noch besser, der stellt seine eigenen Volksgenossen auf eine Stufe mit den Fremdrassigen. Vergiss es nie: Der Pole ist unser Feind! Er kann nicht dein Haus- oder Tischgenosse, erst recht nicht dein Freund sein! Wenn es nicht zu vermeiden ist, dass sie mit Euch unter einem Dach wohnen, dann bringt sie so unter, dass jede engere Berührung mit Eurer Familie ausgeschlossen ist. Alle im Reichsgebiet zum zivilen Arbeitseinsatz eingesetzten Polinnen und Polen haben auf der rechten Brustseite jedes Kleidungsstückes ein mit ihrer jeweiligen Kleidung fest verbundenes Kennzeichen – lila ›P‹ auf gelbem Grund – stets sichtbar zu tragen. Seid zu stolz, Euch mit Polen einzulassen! Seid gegenüber den Polen selbstbewusst, seid stolz auf Eure Überlegenheit in jeder Beziehung! Lasst keinen Zweifel daran, dass Ihr die Herren im eigenen Land seid! Jede Art von Kontakt, die über das hinausgeht, was zur Arbeit absolut erforderlich ist, ist verboten. Kontakte zwischen deutschen Frauen und polnischen Männern sind strengstens verboten und werden mit Schutzhaft für die Frau und der Todesstrafe für den Polen geahndet. Haltet das deutsche Blut rein! Gemeinsame Mahlzeiten am Familientisch sind verboten, ebenso Wirtshaus-, Theater- und Kinobesuche. Der Kirchgang ist verboten, genauso der Ausgang bei Dunkelheit. Polen dürfen nicht fotografieren, kein Fahrrad besitzen oder damit fahren. Die Benutzung der Reichsbahn und der örtlichen Bus- und Tramlinien ist verboten, in besonderen Fällen kann eine Ausnahmegenehmigung erteilt werden. Arbeitsverweigerung, Sabotage und Aufsässigkeit sind der Ortspolizeibehörde zu melden und werden strengstens bestraft.«
Charlotte musste sich zwingen zuzuhören. Maifeld war es nicht gewöhnt, einen längeren Text zu lesen; immer wieder stolperte und stockte er, legte Pausen ein, wo keine Pausen hingehörten, und wischte sich schließlich erleichtert mit seinem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, als er endlich fertig war. Obwohl er damals alle Hebel in Bewegung gesetzt und sogar bei der Kreisleitung vorgesprochen hatte, war es ihrem Vater nicht gelungen, Maifeld als Ortsbauernführer zu verhindern – als einer der Ersten, die sich der Bewegung angeschlossen hatten, galt Erich Maifeld als absolut zuverlässig und seine bescheidenen intellektuellen Fähigkeiten als Nebensache.
»Hier gibt es noch ein Merkblatt, da könnt ihr alles nachlesen. Und morgen als Erstes gehst du zur Polizei und meldest die beiden an.«
Inzwischen war auch Marie Fahrner zu der Gruppe getreten und sagte etwas, worauf Maifeld hilfesuchend zum Wachtmeister sah.
»Hm, soweit ich weiß – also eine richtige Kleiderkarte ist nicht vorgesehen, jedenfalls nicht sofort, warte mal …« Rössle zog ein Notizbuch aus der Tasche und blätterte darin herum. »Spinnstoffkarte, hier ist es. Sie kriegen eine Spinnstoffkarte und Holzschuhe. Die Holzschuhe kannst du auf dem Rathaus abholen, die kriegen sie aus Tübingen geliefert.«
»Holzschuhe?!«, fragte Georg Fahrner. »Die sollen in Holzschuhen auf dem Feld schaffen?«
Der Wachtmeister nickte. »Genau. Du weißt ja selbst, wie knapp das Leder ist, und Holzschuhe halten ewig. Und schnell rennen kann man damit auch nicht. Dürfte schwierig sein, damit zu Fuß bis nach Polen zurückzukommen.« Nur Maifeld lachte. »Und was die Kleidung angeht …« Rössle maß die beiden Polen mit einem abschätzigen Blick. »Also, zu Hause laufen die auch nicht anders rum. Und außerdem ist ja Sommer, da wird es wohl reichen.« Er klappte sein Notizbuch wieder zu. »Noch Fragen? Sonst lasse ich euch die beiden jetzt da. Wir sind schon den ganzen Tag wegen dieser Scheißpolacken unterwegs, wir haben auch noch etwas anderes zu tun. Heil Hitler.«
Eine eigenartige Stille breitete sich aus, nachdem die zwei Uniformierten den Hof verlassen hatten. Wie in einem Theaterstück, bei dem die Schauspieler den Text vergessen haben, dachte Charlotte. Aber vielleicht musste der Text ja auch erst gefunden werden. Vielleicht war ja noch gar nicht klar, was für ein Stück gegeben wurde. Jeder schien darauf zu warten, dass der andere etwas sagte, dem Geschehen eine Richtung gab. Schließlich straffte Georg die Schultern.
»Ich zeige euch eure Unterkunft«, sagte er laut und in bemühtem Hochdeutsch. »Schlafen, versteht ihr?«
Der Ältere der beiden nickte. »Ich deutsch«, sagte er und zeigte erst auf den Jungen, dann auf sich selbst. »Jan. Tomasz.« Der alte Bauer nickte.
»Ich bin der Georg Fahrner, meine Frau Marie, die Bäuerin … Das sind Eva, Hans und Emil, unsere Kinder. Und Charlotte, die Braut von unserem Sohn Joachim.«
»Joachim ist in Polen«, sagte Marie Fahrner. »In Warschau.« Bei diesen Worten zuckte der Junge zusammen, während der Ältere zum ersten Mal der Bäuerin ins Gesicht sah.
»Warschawa«, sagte er. »Ja. Ich komme Warschawa.« Charlotte verstand, dass die Bäuerin den Fremden etwas hatte sagen wollen, das sie miteinander verband, aber aus dem Mund des Polen hörte es sich so an, als wäre es etwas, das sie trennte. Als wären mit Warschau und Warschawa zwei unterschiedliche Städte gemeint. Sie spürte, wie die Röte ihr vom Hals ins Gesicht stieg, und war erleichtert, als Georg Fahrner mit einem Schulterzucken der eigenartigen Vorstellung ein Ende bereitete.
»Kommt mit. Ihr schlaft in der alten Werkstatt.« Er ging voran zum Kuhstall hinüber, die beiden Polen folgten ihm und verschwanden hinter der Stalltür.
»Bestimmt haben die Hunger.« Marie wandte sich an ihre Tochter. »Eva, du bringst den beiden Kraut und Brot … und ein Handtuch und Seife. Zeig ihnen die Pumpe im Hof, die sollen sich erst mal waschen.«
6
Bis vor zwanzig, dreißig Jahren war Laifingen ein Dorf der Weber gewesen. Auf einem Teil der Feldflur war Flachs angebaut worden, und im Frühsommer hatte die Blüte wie ein blauer Schleier über der Landschaft gelegen. Jeder zweite Kleinbauer hatte sich im Winter mit der Herstellung von Leintuch ein paar Groschen dazuverdient, sauer verdient, denn zwischen der Ernte der Leinstängel und dem Weben des Stoffes lagen zahlreiche kraft- und zeitintensive Arbeitsschritte. In dieser Zeit hatte auch Georg Fahrners Großvater an den großen Viehstall einen Schuppen angebaut und darin seinen Webstuhl aufgestellt. Inzwischen war die Hausweberei längst unrentabel geworden, der Webstuhl eingemottet, und in der ehemaligen Weberwerkstatt hatte jahrelang nur alter Krempel herumgestanden. Dieser Raum, hatten Georg und Marie Fahrner entschieden, war ideal für die Unterbringung der Polen geeignet: Er lag nicht im Wohnhaus selbst, aber gleich nebenan, wurde im Winter gewärmt von den Kühen, die nur durch eine Bretterwand getrennt in ihrem Stall standen, und konnte von draußen mit einem Vorhängeschloss gesichert werden, worauf besonders der Oberwachtmeister Wert gelegt hatte. Einziger Nachteil war, dass es im ganzen Stallgebäude kein elektrisches Licht gab.
»Meinst du nicht, die brennen uns den Hof ab, wenn wir denen eine Petroleumlampe reinstellen?« Der laute Widerspruch der Bäuerin gegen die Zuweisung von polnischen Fremdarbeitern war zwar verstummt, aber ihr Misstrauen, ihr Widerwillen und ihre Angst sprachen aus jeder ihrer Bewegungen, aus der Vehemenz, mit der sie auf ihren Brotteig einschlug, der fahrigen Ungeduld beim Füttern der Hühner und selbst noch aus der Heftigkeit, mit der sie sich das Kopftuch zuknotete. »Der Heuboden ist ja gleich darüber!«
»Kann ich mir nicht vorstellen.« Georg Fahrner schüttelte entschieden den Kopf. »Wenn’s im Stall anfängt zu brennen, sind die im Weberschuppen doch viel gefährdeter als wir. Die werden sich doch nicht die eigene Bude anstecken. So verrückt sind die nicht.«
Er betrachtete die Frau, die an seiner Seite alt und faltig geworden war. Sie waren inzwischen so lange verheiratet, dass er sich ein Leben ohne sie überhaupt nicht mehr vorstellen konnte. Ohne lange zu überlegen, glaubte er zu wissen, was sie dachte, wovor sie sich fürchtete, wovon sie träumte, so wie sie das Gleiche von ihm wusste. Bisher war es nie nötig gewesen, darüber zu sprechen. »Hör zu, Marie … Ich weiß ja, wie schwer es für dich ist, die Polen hier aufzunehmen, und wenn es eine andere Möglichkeit gäbe, dann würde ich sie nutzen, bestimmt. Ist ja nicht so, als hätte ich den Karl vergessen! Ich geh schließlich auch jeden Tag an dem Kreuz vorbei.« Er zog ein Taschentuch heraus und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Aber wir haben noch vier andere Kinder, und für die will ich den Hof erhalten, egal, welches von ihnen die Wirtschaft übernimmt. Seit über zweihundert Jahren ist er im Familienbesitz, acht Generationen! Und ich fürchte, ohne die Polen können wir den Betrieb nicht halten. Ich fürchte, wenn ich unsere Quoten nicht abliefern kann, nehmen sie mir alles weg und geben das Land an einen anderen. Es ist Krieg, da ist alles möglich.«
Und so standen sie jetzt in der früheren Werkstatt, der Bauer und die zwei Polen. Fahrner nahm die Lampe und stellte sie auf die Kiste, die als Tischchen dienen sollte; daneben standen zwei einfache Bettgestelle, die er in den letzten Tagen aus alten Brettern selbst zusammengezimmert hatte, mit Strohmatratzen, Kissen und Wolldecken drauf. Er war zufrieden damit gewesen, was er zustande gebracht hatte – immerhin würde er den Fremdarbeitern nicht zumuten, auf dem Boden zu schlafen, wo sich hier neben dem Kuhstall immer wieder auch Mäuse und anderes Ungeziefer herumtrieben, gelegentlich sogar eine Ratte. Jetzt, im Licht der Petroleumlampe, die beiden Männer an seiner Seite, erschien es ihm roh und armselig. In dem Raum stand die staubige Wärme eines Frühsommertags; es roch nach saurer Milch, Kuhfladen und Mist.
»Hier schlafen«, sagte er, um überhaupt etwas zu sagen, und zeigte überflüssigerweise auf die Betten. Der Jüngere – hieß er nicht Jan? – antwortete nicht, der Ältere nickte.
»Schlafen gut«, sagte er und redete dann eine Zeit lang auf Polnisch mit dem Jungen, der immer nur leise, abgehackt darauf antwortete. Ich will wissen, was die sagen, dachte Georg Fahrner unbehaglich. Ich will wissen, was die planen! Reden die über mich? Zwei fremde, kräftige Männer, und ich bin mit den Frauen und den Kindern allein hier auf dem Hof.
»Morgen früh Arbeit«, unterbrach er schroffer, als er beabsichtigt hatte. »Früh aufstehen, verstanden?«
»Tack«, sagte dieser Thomas. Von dem Mann ging ein so intensiver Gestank aus, das Fahrner die Kühe fast nicht mehr riechen konnte.
»Und waschen«, setzte er hinzu und rümpfte unwillkürlich die Nase. »Draußen auf Hof. Da Pumpe, klar?« Er machte eine Geste, als würde er einen Pumpenschwengel auf und nieder bewegen. Sie selbst wuschen sich am Wasserhahn im Haus, seit sie fließendes Wasser hatten legen lassen, aber im Hof gab es immer noch den alten Brunnen, dessen Wasser sie auch für das Vieh verwendeten. Der Pole grinste und zeigte überraschend weiße Zähne.
»Also. Bald Essen. Meine Tochter Eva bringt Essen, dann Waschen und Schlafen.« Er war sich nicht sicher, ob der Junge irgendein Wort verstanden hatte, aber der Ältere schien zumindest den Großteil dessen zu begreifen, was zu ihm gesagt wurde. Gut, mehr durfte man nicht erwarten, sagte sich Georg. Er würde sehen, wie er mit den beiden zurechtkam. Er nickte ihnen ein letztes Mal zu. »Gute Nacht.«
Sollte er abschließen?, überlegte er, während er nach draußen ging. Sollte er abschließen, Eva dann wieder aufschließen, das Essen hineintragen, dann wieder abschließen? Was für ein Umstand. Und wenn die beiden sich wuschen? Musste er daneben stehen, um sie danach wieder einzuschließen? Ich bin kein Gefängniswärter, sondern Bauer, dachte er missmutig, entschloss sich aber trotzdem, den Schlüssel herauszuholen und die Tür mit dem Vorhängeschloss abzusperren. Wenigstens heute, am ersten Abend. Wenigstens einmal, um der Pflicht Genüge zu tun. Wer weiß, vielleicht kam der Rössle noch einmal vorbei oder schickte einen von den Pimpfen, um sie zu kontrollieren. Diese Jungen waren so verbohrt und verbiestert, schlimmer als die Erwachsenen. Die würden noch den eigenen Vater ans Messer liefern. Oft hatte er schon den Tag verflucht, an dem er Karl und Joachim erlaubt hatte, der Hitlerjugend beizutreten und sich diese Uniform zu kaufen. Wobei es auf seine Erlaubnis ja gar nicht angekommen wäre, denn das Recht des Reiches auf seine Söhne und Töchter sollte plötzlich größer sein als sein eigenes. Der Ton hatte sich geändert danach, dachte er. Sein Wort, das Wort des eigenen Vaters, war plötzlich nicht mehr unumstößlich gewesen, sondern klein und unwichtig geworden im Vergleich zum Wort des Führers. Nicht, dass er selbst die Autorität des Führers in Frage stellen wollte, das nicht. Der Führer hatte Deutschland wieder groß gemacht und dafür gesorgt, dass man wieder stolz darauf sein konnte, ein Deutscher zu sein, vor allem ein deutscher Bauer. Es war wichtig, dass die jungen Leute lernten, den Boden unter ihren Füßen zu achten, die heilige deutsche Erde, auf der schon ihre Väter und Großväter geschuftet hatten. Das war Nationalsozialismus, so wie Georg Fahrner ihn verstand. Was er nicht verstand, war, dass ein Geländespiel oder eine Kundgebung auf dem Marktplatz in Tübingen wichtiger sein sollte, als den Eltern beim Heueinbringen vor dem Gewitter zu helfen.
Das Schloss klemmte, es war rostig, ewig lang hatte es auf der Bühne herumgelegen. Trotzdem. Er fummelte am Schlüssel herum. Die Polen sollten von vornherein wissen, wie es hier zuging, was ihr Platz war. Er drehte sich um, und ein wohl vertrauter Schmerz fuhr ihm ins linke Knie. Vor Jahren beim Holzfahren war ihm das Bein von einem Baumstamm gequetscht worden – er hatte es eilig gehabt damals und die Ladung nicht gut genug verzurrt, so dass sie auf dem abschüssigen Weg ins Dorf hinunter ins Rutschen gekommen war. In der letzten Zeit machte sich die alte Verletzung immer öfter bemerkbar – bei ungeschickten Bewegungen, wenn das Wetter sich änderte, manchmal aber auch völlig unerwartet und aus dem Nichts heraus. Du wirst alt, sagte das Knie, pochte bösartig und zwang ihn, kurz stehen zu bleiben und scharf den Atem einzuziehen. Du schaffst es nicht mehr! Fahrner humpelte zum Wohnhaus hinüber. Es war gut, dass die Polen da waren, sagte er sich mit zusammengebissenen Zähnen.
Tomasz hörte, wie der Bauer mit dem Schlüssel kämpfte, hörte die Schritte sich entfernen.
»Hörst du?«, sagte er zu dem Jungen und legte den Finger an die Lippen, als er sah, dass Janek antworten wollte. »Psst. Nur hören.« Er schloss die Augen, verharrte für ein paar Herzschläge reglos vor der blakenden Lampe. Eine Kirchenglocke läutete drei Schläge, etwas raschelte, im Stall nebenan klirrte eine Kette; Stimmen, leise, gedämpfte Stimmen verschlangen sich weit draußen ineinander, schwangen hin und her, verebbten. Es tat gut, ganz diesen Geräuschen hinterherzulauschen und der Stille, die sich immer wieder dazwischen öffnete. Eine Stille, die er mit dem ganzen Körper wahrnehmen konnte. Seit sie ihn in Warschau verhaftet hatten, war es das erste Mal, dass er nichts hörte, was ihm Angst machte.
»Merkst du? Niemand schreit«, sagte er schließlich. »Es hört sich an wie zu Hause. Wie Frieden.« Der Junge sah ihn unsicher an.
»Findest du?«
Tomasz lachte leise. »Ich träume. Und, was sagst du zu unserem neuen Zuhause?«
»Besser als das Lager. Aber immer noch in Deutschland.« Jan klopfte mit der Hand auf die Strohmatratze, auf der er saß; Staub stieg in kleinen Wölkchen auf. »Hast du verstanden, was die gesagt haben? Ich hätte nicht mal erkannt, dass das Deutsch war. Und ich habe Hunger! Meinst du, die bringen uns noch etwas?«
»Bestimmt. Das zumindest habe ich verstanden.« Tomasz legte Jan die Hand auf die Schulter und sah ihm prüfend ins Gesicht. Eine Woche im Lager, und von dem zornigen, vaterlandstrunkenen Jungen war nichts mehr übrig geblieben außer einem Häufchen Elend und Dreck. »Bestimmt gibt’s hier viel besseres Essen als unterwegs und im Lager. Die Bauern schaffen es doch immer, etwas für sich selbst auf die Seite zu schaffen. Die haben sogar noch Butter und Fleisch, sollst sehen!«
»Ich will meinen Eltern schreiben«, sagte Jan unvermittelt. »Die wissen immer noch nicht, wo ich bin. Wahrscheinlich sind sie halb verrückt vor Sorge! Kannst du fragen, ob sie dir Papier geben und einen Bleistift?« Tomasz nickte.
»Sicher. Ich glaube, Schreiben war nicht bei den Dingen dabei, die verboten sind. Aber ich bin sicher, dass irgendjemand kontrolliert, was du geschrieben hast, also sei vorsichtig.«
»Vorsichtig!« Der Junge legte sich auf die Matratze zurück und schloss die Augen. »Weißt du, was ich gedacht hab, als wir heute Morgen im Lager antreten mussten?«
Tomasz war schon dabei, ihre Unterkunft genauer in Augenschein zu nehmen: klein auf jeden Fall, aber sauber. Jetzt im Juni war es schon stickig und warm hier drin, im Hochsommer würden sie vermutlich in ihrem eigenen Schweiß ertrinken. Und im Winter würde es zwischen den Brettern kalt hereinziehen, aber vielleicht konnten sie ja ein bisschen Stroh in die Ritzen stopfen.
»Tomasz?«
»Also, was hast du gedacht?« Er fuhr mit der Daumenkante über das Bettgestell; das Holz war nur grob gehobelt, und kleine Späne und Splitter lösten sich. Sobald es möglich war, würde er mit einem Stückchen Sandpapier darüber gehen oder wenigstens einer Feile. So etwas musste es auf jedem Hof geben. Er dachte daran, wie gern er immer mit Holz gearbeitet hatte; es war so befriedigend gewesen, am Ende des Tages mit den Händen das greifen zu können, was man selbst hergestellt hatte. Je weniger er geschrieben hatte, desto mehr hatte er sich mit Holz beschäftigt, hatte Löffel geschnitzt, kleine Schalen, einmal sogar eine Kasperfigur, die Agnieszka bunt angemalt und Tarzan getauft hatte. Er fragte sich, wie lange Tarzan wohl gebrannt hatte.
»… seit Lincoln!«
»Lincoln? Wieso Lincoln?«
»Du hörst mir nicht zu! Weil Lincoln die Sklaverei abgeschafft hat. Ich dachte, seitdem gibt es keine Sklaverei mehr, aber wenn das heute Morgen kein Sklavenmarkt war, dann bin ich ein Hitlerjunge. Wie die uns angeglotzt haben! Als wären wir irgendwelche Wilde aus dem Kral.«
Untermenschen, dachte Tomasz. So heißt das: Untermenschen. Aber er hielt den Mund.
»Als dieser Obernazi angefangen hat, den Leuten in den Mund zu schauen und ihre Zähne zu prüfen, wäre ich ihm am liebsten an den Hals gegangen – «
»Und dann? Was hättest du dann gemacht? Tot im Dreck gelegen wahrscheinlich. Vergiss das, Janek. Dieses ganze verlogene Geschwafel von Heldentum und Edelmut bringt dich schneller unter die Erde als Pest und Cholera zusammen. Freu dich lieber, dass wir aus dem Lager raus sind, dass es gleich etwas zu essen gibt – «
» – dass wir hier neben dem Schweinestall eingesperrt sind und wie Ungeziefer behandelt werden, meinst du?« Jan spuckte aus.
»Kuhstall, Junge. Eindeutig Kuhstall.« An dem Schloss draußen klimperte es, Kinder kicherten, die Tür schwang auf. Jan griff nach seiner Wolldecke und zog sie sich hoch bis zum Hals. Das schmale blonde Mädchen kam herein und stellte ein Tablett auf die Holzkiste, hinter ihr drängten sich die Zwillinge. Einer von ihnen trug schwer an einem Eimer Wasser, der andere streckte Tomasz ein Stück Seife, einen Lappen und ein Handtuch entgegen.
»Euer Abendessen«, sagte das Mädchen. »Und Wasser zum Waschen.«
»Ist aber kalt«, krähte der eine Junge strahlend. »Aus der Pumpe. Wir müssen uns auch immer mit kaltem Wasser waschen.«
»Nur am Samstag nicht«, setzte sein Bruder hinzu. Er war der Zurückhaltendere von den beiden, sprach so leise, dass man ihn nur schwer verstehen konnte, hob den Blick kaum vom Boden. »Am Samstag gehen wir in die Waschbütte zum Baden.«
»Ich kann schon schwimmen«, teilte jetzt der Erste mit und blähte sich. »Aber der Emil nicht. Emil ist ein Schisser.« Der Emil genannte kleine Junge knuffte seinen Bruder unsanft in die Seite, die große Schwester packte ihn an den Schultern und schob ihn zurück.
»Schluss jetzt, Emil, Hans! Stellt die Sachen hier ab und lasst die Leute in Ruhe.« Sie wandte sich an Tomasz. »Der Abort ist gerade über den Hof, das kleine Häuschen. Verstehst du?« Tomasz nickte, deutete dann auf das Schloss und zog fragend die Schultern hoch. Das Mädchen wurde rot.
»Ich weiß auch nicht … Jetzt wascht euch erst mal.« Sie schob die kleinen Jungs vor sich her nach draußen. »Gute Nacht.«
Tomasz sah sich an, was auf dem Tablett stand: zwei tiefe Teller mit Kartoffeln und Kraut, Brot, ein Krug, zwei Becher. Er nahm das Brot, riss es in zwei Teile und warf eins davon Janek zu.
»Nehmet und esset alle davon …«
Janek warf ihm einen wütenden Blick zu. »Über die heilige Eucharistie macht man keine Witze!«
»Wenn du meinst.« Tomasz hob den Krug hoch und roch daran. »Most«, stellte er fest und nahm einen Schluck. »Hübsches Mädchen, stimmt’s? Und abgeschlossen hat sie auch nicht. Hatte wahrscheinlich Sorge, wir würden in ihren Eimer scheißen.«
Jan kaute auf beiden Backen. »Dir ist gar nichts heilig, oder? Die Kirche nicht, die Heimat, die Ehre …«
»Doch, doch. Wahnsinnig heilig. Ich glaube nur einfach nicht daran. Hier, nimm deinen Teller, das Essen wird kalt. Schmeckt fast ein bisschen wie Bigos, bloß das Fleisch fehlt.«
Er schlang das Essen hinunter und sah aus dem Augenwinkel, dass der Junge es nicht anders machte. Wie die Schweine, dachte er. Wir fressen und stinken wie die Schweine. Er wünschte sich, das Mädchen würde noch einmal kommen und einen Nachschlag bringen, aber draußen blieb alles ruhig. Schließlich ging er auf den dunklen Hof, zog sich splitternackt aus, nahm den Lappen und wusch sich den Lagerdreck vom Körper. Es kam ihm vor, als hätte er jahrelang kein Stück Seife mehr in den Händen gehabt oder Schaum auf der Haut, hätte sich jahrelang nicht mehr mit einem Handtuch abgetrocknet. Danach schüttelte er seine Kleidung aus, aber es half nicht viel. Er konnte sich nicht überwinden, sich sofort wieder in die verdreckten Sachen hineinzuzwängen, warf sie stattdessen in die Ecke auf den Boden und legte sich schließlich nackt auf seine Decke.
»Und du, Dreckspatz? Keine große Wäsche heute?«
Aber der Junge schlief schon.
7
Georg Fahrner bewirtschaftete eine Fläche von rund sechs Hektar; ein Drittel davon war Wiese, auf den restlichen Äckern baute er hauptsächlich Kartoffeln, Zuckerrüben und Getreide an. Er besaß fünf Kühe, zwei Mastschweine, Hühner und Gänse, ein paar Kirsch- und Apfelbäume, einen Gemüsegarten. Sein Land lag im Talgrund, wo die Böden lehmig und so schwer waren, dass man sie nach dem Pflügen und Eggen kaum noch mit einem Gespann bearbeiten konnte; mähen, hacken, ernten, das alles geschah in Handarbeit, und seit die Söhne Karl und Joachim nicht mehr da waren, wusste Fahrner kaum noch, wie er die Arbeit schaffen sollte. Zumal auch seine Frau Marie nicht mehr zupacken konnte wie früher. Es tat ihm weh zu sehen, wie sie immer wieder grundlos in Tränen ausbrach oder minutenlang regungslos an einer Stelle verharrte, den Blick ins Weite gerichtet, die Ohren taub für alles, was er zu ihr sagte, mochte es eine freundliche Bitte sein oder auch ein barsches Kommando. Der tote Karl nahm in ihrem Leben deutlich mehr Raum ein, als es der lebende getan hatte, und es schien inzwischen wichtiger zu sein, Karls Kreuz im Garten mit Blumen zu schmücken, als zum Kartoffelnanhäufeln aufs Feld zu gehen. Dazu kam diese elende Briefeschreiberei, deren Nutzen ihm nicht einleuchten wollte. Und Eva hatte einfach noch nicht genug Übersicht und Erfahrung, um ihre Mutter zu ersetzen, und außerdem (der alte Fahrner kniff verbissen die Lippen zusammen, wenn er daran dachte) sollte das Mädel doch etwas mehr vom Leben haben, als von morgens bis abends in der Landwirtschaft zu schuften. Seine einzige Tochter! Immer hatte er davon geträumt, ihr ein besseres Leben zu ermöglichen, ein leichteres Leben. Deshalb hatte er auch den Weinberg, den er geerbt hatte, vor ein paar Jahren an einen Mitspieler aus dem evangelischen Posaunenchor verkauft und das Geld auf ein Sparbuch für Eva eingezahlt. Nicht einmal nach Karls Tod, als Marie ihm wochenlang damit in den Ohren gelegen hatte, dass sie sich schwarze Kleidung anschaffen müssten, war er an dieses bescheidene Kapital gegangen. Allerdings hatte er sich in letzter Zeit immer wieder bei dem Gedanken ertappt, mit dem Geld, wenigstens mit einem Teil des Geldes, einen Knecht einzustellen. Nur dass es keine Knechte mehr gab, da ja mittlerweile fast jeder junge Mann in Russland, Frankreich, Afrika oder wo auch immer für Führer, Volk und Vaterland kämpfte. Georg Fahrner nickte sich selbst ermutigend zu, als er in der Morgendämmerung über den Hof hinüber zum alten Weberschuppen stapfte. Die Polen waren seine Rettung – sie würden nur einen Bruchteil von dem verdienen, was ein deutscher Arbeiter verlangen konnte, durften weder kündigen noch den Hof verlassen und mussten sich seinen Anordnungen widerspruchslos fügen, wenn sie nicht Bekanntschaft mit einem Arbeitslager oder Schlimmerem machen wollten. Wenn sie sich nicht allzu dämlich anstellten oder krank wurden, konnte er in Zukunft wieder mit leichterem Herzen wirtschaften.
»He, aufstehen!« Er klopfte kräftig und riss dann die Tür auf, die Tür, die Eva gestern Abend nicht abgeschlossen hatte. Für einen Moment konnte Fahrner im Dunkel vor seinen Augen nichts erkennen und stellte sich vor, die Männer hätten die Vertrauensseligkeit des Mädchens ausgenutzt und wären in der Nacht abgehauen – wie würde er dann vor Rössle dastehen, erst recht vor Maifeld, diesem verkniffenen Oberbauern? Garantiert würde man ihn verantwortlich dafür machen, und Gott weiß, welche Konsequenzen das hätte! Aber dann regte sich etwas vor ihm, und ein nackter Mann kam schlaftrunken auf ihn zu. Fahrner schreckte zurück.
»Herrschaftszeiten, Mann, zieh dir was über!« Wie gut, dass er nicht Eva geschickt hatte, die Polen aufzuwecken! Der Mann – Thomas? Theo? Tillmann? – grinste dämlich und griff erst nach seiner schmutzstarrenden Hose, dann nach den Schuhen, deren Spitzen aufklafften wie hungrige Hundeschnauzen. Dringend brauchten die beiden anständige Arbeitskleidung, dachte Fahrner, wenigstens Schuhe, die nicht gleich am ersten Tag auseinanderfielen. Vielleicht konnte Marie sich ja darum kümmern, dass sie wenigstens diese Holzpantinen bekamen. Inzwischen hatte sich auch die zweite Gestalt erhoben. Der Junge stank doch tatsächlich noch genauso wie gestern! Entschlossen packte der Bauer den Polen am Arm und zerrte ihn über den Hof zur Pumpe.
»Da, mach, dass du den Dreck runterkriegst! Kein Mensch kann neben dir arbeiten bei dem Gestank. Und sieh zu, dass du in zehn Minuten fertig bist, sonst sollst du mich kennenlernen! Wir müssen raus und Grünschnitt machen.« Der Junge sah ihn erschreckt an, zerrte sich die Kleider herunter und griff nach dem Pumpenschwengel. Wenn nicht die Worte, so hatte er vermutlich zumindest den bedrohlichen Ton verstanden, dachte Fahrner. Diese Polen waren doch ein unzivilisiertes Pack! Er war froh, dass Marie und Eva noch im Haus beschäftigt waren. Inzwischen war der Ältere der beiden immerhin so weit, dass er helfen konnte. Zusammen holten sie den Wagen aus dem Schuppen und spannten das Zugtier davor. Georg Fahrner nahm eine Sense von der Wand und hielt sie dem Polen hin.
»Hier, weißt du, was das ist? Kannst du damit umgehen?« Der Mann nickte bestätigend, packte sich die Sense und tat so, als würde er gleich hier auf dem Hof anfangen zu schneiden. Immerhin, dachte Fahrner. Der hat so ein Ding schon einmal in der Hand gehabt und hackt sich nicht gleich damit ins Bein. Inzwischen war auch der Junge zu ihnen herübergelaufen, Haare und Kleidung triefend nass, einen verschreckten Ausdruck im Gesicht. Mein Gott, der Bursche hatte Angst vor ihm! Fast tat es Fahrner leid, dass er den Kleinen so grob angefasst hatte – bis zum Abend war er vermutlich sowieso wieder genauso verdreckt wie gestern. Andererseits war es wichtig, von vornherein klarzustellen, dass es das Wort des Bauern war, das uneingeschränkt hier auf dem Hof galt – sein Wort. Und dass sie zu parieren hatten, wenn er eine Anweisung gab, sofort und ohne Widerspruch.
»Also. Wir laufen in die Wiese und schneiden Futter für das Vieh, verstanden?« Der ältere Pole nickte, lud Sensen und Heugabeln auf den Wagen, der jüngere zögerte erst unsicher und trottete dann hinter ihnen her den holprigen Feldweg zum Maderbach hinunter, wo Fahrners Wiesen lagen.
Ob der Junge wohl fror in seinen nassen Kleidern?, überlegte Tomasz, während er hinter dem Bauern her durch den Morgennebel lief. Die Feuchtigkeit hing noch in dicken Tropfen an den Blättern der Brombeerhecke und lag als Tau auf den Wiesen, drang durch seine löchrigen Schuhe und klebte in lehmigen Brocken unter seinen Sohlen. Allmählich wurde es hell; bald würde die Sonne durchbrechen und das Gras trocknen. Grünfutter musste geschnitten werden, solange es noch feucht war, das wusste Tomasz. Es war immer eine der ersten Arbeiten, die in dieser Jahreszeit auf einem Hof verrichtet wurde, und er erinnerte sich noch gut daran, wie anstrengend es für ungeübte Arme war, die Sense zu führen. Janek, so viel war klar, hatte überhaupt noch nie damit gearbeitet; es würde ein harter Tag für ihn werden, eine harte Anfangszeit überhaupt, und es gab wenig, was Tomasz dabei für ihn tun konnte. Er hoffte, der Junge wäre zumindest so klug, sich eifrig und lernwillig zu zeigen, so dass der Bauer nicht auf die Idee käme, ihn zurück ins Lager zu schicken oder wegen Arbeitsverweigerung und Bummelei anzuzeigen. Lass ihn doch selbst sehen, wie er zurechtkommt, sagte eine vernünftige Stimme in seinem Kopf. Bist du etwa für ihn verantwortlich? Ich weiß es nicht, sagte er sich. Irgendwie schon.
»So musst du’s halten, und dann aus der Hüfte heraus schwingen …« Der Bauer stand hinter Janek und führte seine Hände. »Versuch’s einfach, mit der Zeit wird es immer besser. Und du«, er nickte Tomasz zu, »übernimmst den Teil da drüben, wo’s steiler wird.« Er griff zu seiner eigenen Sense und mähte in kraftvollen Schwüngen, wobei er alle acht, neun Schritte kurz innehielt, um Rücken und Beine zu strecken. Tomasz fand, dass er nach den ersten noch mühsamen Bewegungen allmählich wieder ein Gefühl für die Sense bekam und einigermaßen mit dem Alten mithalten konnte.
»Sieht aus, als hättest du dein Lebtag nichts anderes gemacht«, keuchte Jan, nachdem er zum wiederholten Mal die Klinge in den Erdboden geschlagen hatte.
»Meine Großeltern hatten einen Hof bei Białowieża. In den Sommerferien sind wir immer dorthin gefahren und haben beim Heuen und Ernten geholfen.« Tomasz grinste und wischte sich den Schweiß aus der Stirn. »Ich hab’s gehasst, diese elende Hitze und den Dreck und die juckenden Halme, aber das war der Preis dafür, dass wir später Pakete vom Schlachtfest in die Stadt geschickt bekommen haben und gedörrtes Obst und selbst gemachte Marmelade. Alles, was so anfiel.« Er nickte dem Jungen aufmunternd zu. »Am Anfang hab ich mich auch nicht besser angestellt als du … Das dauert ein paar Tage, dann hast du’s raus!« Er fasste nach der Sense und fuhr mit dem Daumen an der Klinge entlang. »Stumpf, Kleiner. Das kann so nichts werden.« Er holte sich den Wetzstein, den der Bauer in einer Lederschlaufe am Gürtel trug, und fuhr ein paarmal damit über das Sensenblatt. »So geht es wieder. Stell dir einfach vor, es sind die Lagerwachen, die da vor dir stehen, und du ganz allein mit einer Sense in der Hand … Auf geht’s.«
Nachdem sie eine gute halbe Stunde gemäht hatten, ließ der Bauer sie mit den Heugabeln das Schnittgut aufladen und nach Hause fahren. Inzwischen war es ganz hell geworden; Marie Fahrner und Eva waren gerade fertig damit, die Kühe zu melken, und brachten die vollen Kannen in den Hof, während die Zwillinge mit der Pumpe die Viehtränke füllten. Georg Fahrner kniff die Augen zusammen und betrachtete abschätzend seine neuen Hilfskräfte.
»Du da, Thomas! Du gibst den Kühen Grünzeug in die Krippe, gehst dann mit dem Rest in die Scheuer, häckselst ihn klein und breitest ihn aus, dann kannst du beim Misten helfen. Warte, ich zeig dir die Häckselmaschine, du verstehst ja doch nicht, was ich sage! Und der Kleine bringt die Milch weg. Eva!« Eva kam zu ihnen herüber, ein kariertes Kopftuch um den Kopf geschlungen, alte Schuhe an den Füßen, die Kleidung unter einer riesigen Schürze verborgen. »Du gehst mit und zeigst ihm das Milchhäusle, dass er es heute Abend allein findet.« Er nickte ihr zu und stapfte dann Richtung Scheuer davon.
»Komm.« Eva wandte sich an den Jungen. »Wir stellen die Kannen in die kleine Karre, sie steht hinten im Stall.« Der Pole sah sie verwirrt an, offenbar hatte er nicht verstanden, was sie von ihm wollte. Sie zupfte an seinem Ärmel. »Da drüben, verstehst du? Der Stall! Kuhstall! Komm mit!« Sie zog ihn hinter sich her, deutete auf den Bollerwagen. »Karre, verstehen? Die Karre für die Milchkannen.« Das immerhin schien er mitbekommen zu haben. Er nahm die Kannen und hob sie auf den Wagen. »Jeden Morgen und jeden Abend nach dem Melken bringen wir die Milch zum Milchhäusle, sie wird dann abgeholt und nach Tübingen gebracht …«
Eigentlich war es eine der Aufgaben, die sie gern machte, dachte Eva, als sie gemeinsam den Bollerwagen zogen. Meistens traf man am Milchhäusle andere junge Leute und konnte ein bisschen schwätzen oder sich für später verabreden. Der junge Pole an ihrer Seite dagegen blieb stumm.
»Wie heißt du?«, fragte sie schließlich. »Ich bin die Eva.« Der Junge sah sie an, und Eva merkte, dass er sich nicht traute, ihr geradeaus ins Gesicht zu schauen. Die Polacken sind feige Duckmäuser, schoss es ihr durch den Kopf. Joachim musste es in einem seiner Briefe geschrieben haben.
»Jan«, sagte da der Pole. »Ich Name Jan. Janek.«
»Jan, das gibt es hier auch. Das ist wenigstens nicht so schwierig auszusprechen! Die Bäumers hatten mal einen Polen, der hieß Walslaff oder so ähnlich, den haben alle immer nur Walter genannt …« Was rede ich für einen Unsinn?, dachte Eva. Wahrscheinlich sollte ich überhaupt nicht mit ihm sprechen, schließlich ist er nur ein Pole. Aber es war irgendwie peinlich und beklemmend, so wortlos nebeneinanderher zu laufen. »Wo kommst du her? Aus Polen, klar, das weiß ich, aber gibt es da eine Stadt oder so?«
»Lewoh«, sagte Jan leise. Eva lachte.
»Lebwohl?«
»Nein. Lewoh.«
Konnte es eine Stadt geben, die Lewoh hieß? Sie musste auf der großen Karte im Schulhaus nachschauen. Vielleicht konnte sie mit Charlotte zusammen heute Abend hingehen.
»Und deine Familie? Mein Bruder Joachim ist in Warschau, und die Zwillinge kennst du ja schon. Sie heißen Hans und Emil. Joachim ist mit Charlotte verlobt, meiner besten Freundin. Sie war gestern auch hier, erinnerst du dich? Ein bisschen größer als ich, schlank, rötliche Haare … Sie arbeitet auf dem Rathaus, die Glückliche! Ihr Vater ist der Lehrer hier im Ort, ich war selbst in seiner Klasse …«
Eigenartigerweise fiel es ihr leichter, über Charlotte zu sprechen als über sich selbst. Über sie gab es eben auch nicht viel zu sagen, dachte sie. Zwischen Stall und Küche passierte nicht viel. Janek antwortete nicht, sondern starrte die ganze Zeit stur auf den Boden vor seinen Füßen. »Du verstehst kein Wort, stimmt’s? Ich könnte dir jedes Geheimnis erzählen, und du würdest es nicht verstehen?« Abgesehen davon, dass es keine Geheimnisse zu erzählen gab außer denen, die Charlotte ihr anvertraut hatte. Plötzlich wurde sie wütend, wütend auf den Jungen, der so stumm an ihrer Seite trottete. »Deutsche, seid zu stolz, Euch mit Polen einzulassen!«, wiederholte sie laut und klar einen Satz, der ihr von gestern noch in Erinnerung war.
Der Junge wendete den Kopf und lächelte sie schüchtern an. »Guten Dank«, flüsterte er, und Eva schoss die Röte ins Gesicht.
Den Rest des Wegs legten sie schweigend zurück, sorgfältig darauf bedacht, dass ihre Hände sich an der Wagendeichsel nicht berührten.
»Achtundvierzig Liter.« Agnes Scheller trug den Betrag in ihr Wachstuchheft ein und nickte Eva zu. Früher hatte ihr Mann für die staatliche Molkerei hier die Milch entgegengenommen, gewogen und quittiert, aber Erich Scheller war gleich zu Beginn des Kriegs eingerückt und irgendwo im Süden Russlands verschollen. Seine Frau war dankbar gewesen, dass sie die Stelle übernehmen konnte – das Reich ließ seine opferbereiten Bürger in der Stunde der Not eben nicht im Stich. Die Schellers hatten sich als eine der ersten Familien im Ort für die Bewegung engagiert; Agnes Scheller leitete immer noch die Ortsgruppe der NS-Frauenschaft. Im ersten Kriegsjahr hatte Eva bei ihr eine Hauswirtschaftsschulung besucht, bei der es im Wesentlichen darum gegangen war, wie man sparsam und ausschließlich mit heimischen Erzeugnissen kochen konnte. Eigentlich hatte sie gar nicht hingehen wollen, weil sie die Scheller nicht mochte, aber alle anderen Mädchen waren auch da gewesen, selbst Charlotte. Die Vorträge über Eintopfsonntag und Krautverwendung waren zwar entsetzlich langweilig gewesen, aber danach hatten sie gemeinsam gesungen und einmal sogar im Kartoffelfeuer Kartoffeln und Stockbrot gebacken. Neben Charlotte hatte sie gesessen, in die Flammen geschaut und sich frei und erwachsen gefühlt wie selten. Das Leben war groß und bunt und voller Möglichkeiten und konnte auch sie aus ihrem kleinen Dorf hinaus in die aufregende Welt führen! Wie ihr die zwanglose, fröhliche Kameradschaft gefallen hatte, das Lagerfeuer und natürlich die Möglichkeit, der nie endenden Arbeit auf dem Hof zu entwischen und den Eltern gegenüber sogar einen unwiderlegbaren Grund zu haben, warum sie erst abends um zehn wieder zurück sein konnte. Schön war das gewesen. Um das wieder zu erleben, war sie bereit, sich noch viele Vorträge über Ersatzkaffee, die Aufgabe der deutschen Frau im Nationalsozialismus und die Wiederverwertung aufgezogener Sockenwolle anzuhören.
»Ordentlich, Eva! Und jetzt habt ihr also auch eine tüchtige Hilfe auf dem Hof?« Die flinken Augen der Scheller wanderten über den Polen hinweg wie Ameisen, registrierten das zerstochene, aufgequollene Gesicht, die struppigen Haare, die abgerissene Kleidung. »Schade, dass es keine Franzosen mehr gab!«
»Der Jan hier ist schon recht. Muss noch ein bisschen Deutsch lernen und sich eingewöhnen, aber dann wird es gehen.«
Agnes Scheller lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und lächelte ein wenig schief. Eine Kuh hatte ihr vor Jahren beim Melken einen Schneidezahn ausgeschlagen, und sie tat alles, damit man die Lücke nicht bemerkte.
»Aber trotzdem seid ihr vorsichtig, ja? Vor allem ein junges Mädel wie du! Der Rössle hat euch ja sicher Bescheid gesagt.«
Eva war ein bisschen verwirrt. »Er hat uns eine Bekanntmachung vorgelesen. Wie wir umgehen sollen mit den Polen auf dem Hof.« Sie reichte ihr Milchbüchlein über den Tisch, um sich die Lieferung quittieren zu lassen. Die Scheller nahm ihren Stift und zwinkerte verschwörerisch, während sie den Betrag abzeichnete.
»Die haben eine tierische Natur, diese Ostleute. Polen, Russen, Ukrainer – das sind die reinsten Böcke! Sie können nichts dafür, es liegt in ihrem minderwertigen Blut. Wenn die eine Frau sehen, denken die nur an eins.«
»Und woran?«
Agnes Scheller ließ ihren Stift fallen, griff nach Evas Hand und drückte sie. »Mein Gott, Mädel, du bist so unschuldig! Nimm dich einfach in Acht und sprich kein Wort mehr mit denen, als unbedingt nötig ist. Und frag mal deine Freundin, die Charlotte. Die kann dir sicher mehr dazu sagen.«
Eva hatte das Gefühl, etwas Schmieriges, Widerwärtiges hätte sich im Raum ausgebreitet, ohne dass sie gewusst hätte, was das sein könnte. Sie steckte hastig ihr Buch ein und gab Jan einen Wink, dass er die leeren Milchkannen wieder aufladen sollte.
»Willst du Magermilch mitnehmen heute Abend?«, fragte die Scheller wieder in geschäftlichem Tonfall.
»Gern.« Irgendetwas musste sie sagen, um das unangenehme Gefühl loszuwerden, das wie ein fauler Apfel in ihrem Mund lag. »Gibt es bald wieder eine Schulung, Frau Scheller?«
»Dann hat es dir also gefallen beim letzten Mal? Hast du was gelernt?«
»Sicher, ich – es war ganz lehrreich und außerdem – « Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, denn lügen wollte sie nicht. »Es war schön, mit den anderen zusammenzusitzen«, sagte sie schließlich. Die Scheller nickte zufrieden.
»Was kann es Schöneres geben als eine Gruppe gesunder deutscher Mädel, die unter der Hakenkreuzfahne zusammenkommen und lernen, wie sie ihren Beitrag zum großen Kampf des Volkes leisten können … Ich fahre selbst Ende des Monats zu einem Treffen der NS-Frauenschaft nach Stuttgart und freue mich schon darauf! Wahrscheinlich gibt es jede Menge Anregungen für die Arbeit vor Ort, und dann gibt es auch hier wieder einen Kurs für euch Mädels. Also dann, Eva! Bis heute Abend. Heil Hitler!«
Mechanisch streckte Eva den rechten Arm vor. »Heil Hitler, Frau Scheller! Und einen schönen Tag noch.«
Der Pole Jan lehnte draußen an ihrem Karren, wo inzwischen noch andere Milchlieferanten warteten: die alte Röhrig, die Mädchen vom Lindenhof und Hermann Voss. Die Voss selbst hatten zwar keine Kühe, aber Hermann verdiente sich ein paar Groschen dazu, indem er morgens noch vor der Schule und am Abend bei den beiden Nachbarhöfen die Milch holte und zur Sammelstelle brachte. Als HJ-Fähnleinführer galt er als absolut zuverlässig, und auf allen Höfen waren inzwischen die Arbeitskräfte rar geworden.
»Milch gut, Eva?« Eva spürte die Blicke der anderen auf sich zu fliegen wie angespitzte Pfeile.
»Halt doch den Mund«, fuhr sie Jan an und griff nach der Deichsel. »Wir müssen nach Hause.«
»Ist das euer Polacke?« Hermann schob sich näher heran und grinste. »Verdammt mickriges Exemplar, wenn du mich fragst.« Plötzlich griff er nach dem Stoffabzeichen, das traurig an einem einzelnen Fädchen von der rechten Hemdbrust des Jungen baumelte, riss es mit einem Ruck herunter und warf es auf den Boden. »Schlampig angenäht«, stellte er fest. »Kann ja kein Mensch erkennen auf der Straße, dass man es hier mit einem Dreckspolen zu tun hat und sich in Acht nehmen sollte. Wenn ich wollte, könnte ich ihn wegen Gehorsamsverweigerung anzeigen, dann holen sie ihn ab, noch bevor er bei euch den ersten Löffel klauen kann.«
»Lass uns in Ruhe, wir müssen nach Hause.«
Der junge Pole war bleich geworden und biss auf seiner Unterlippe herum. Eva konnte sehen, dass er Angst hatte, und Hermann sah es auch; seine Augen funkelten. Hermann, der kleine Bruder von Charlotte, der ein paar Jahre jünger war als sie und hier versuchte, sie einzuschüchtern! »Das geht dich gar nichts an!«
Aber Hermann vertrat ihnen den Weg. »Klar geht’s mich was an, wenn die Polen frech werden! Der Führer vertraut auf uns von der HJ. Ist ja sonst keiner mehr da, der aufpassen kann.« Er gab dem Jungen einen Stoß. »Los, heb’s auf, aber zackig!«
Jan bückte sich hastig und griff nach der Stoffraute; Tränen liefen ihm über die verpickelten Wangen.
»Lass dir das eine Lehre sein … Wenn ich dich noch einmal erwische, gibt’s eine Anzeige, da kannst du Gift drauf nehmen!«
Als sie endlich auf dem Heimweg waren, brachte Eva es nicht über sich, zu Jan hinüberzusehen. Sie hielt den Deichselgriff so fest umklammert, dass ihr die Hand wehtat, und starrte vor sich auf den Boden, ohne auch nur für eine Sekunde den Jungen an ihrer Seite vergessen zu können. Wenn er wenigstens aufhören würde zu schniefen! Sie spürte das Feuer seiner Scham und Wut und den rasenden Schlag seines Herzens und wünschte sich, sie wäre allein zum Milchhäusle gegangen.
»Oh, Charlotte, wie schön, dass du kommst!« Die ganze Familie saß beim Abendessen und löffelte Brotsuppe, die ganze Familie inklusive der beiden Polen. Sie hockten nebeneinander am Ende der Bank und ließen ihren Teller keine Sekunde aus den Augen. Der Kleinere der beiden bekreuzigte sich hastig und verstohlen. Keinen Tag hatte es gedauert, nicht einmal einen Tag!, dachte Charlotte und stellte den schweren Korb ab. Was wohl Joachim davon halten würde, oder ihr Vater?
»Heil Hitler«, sagte sie leise. »Grüß Gott zusammen.«
»Wer mit uns schafft, soll auch mit uns essen.« Georg Fahrner schien ihre Gedanken gelesen zu haben. »Setz dich zu uns, Lotte! Für dich reicht’s auch noch, gehörst doch praktisch schon zur Familie.« Er lächelte sie freundlich an, ohne den Argwohn in seinen Augen zu verbergen.
Joachims Vater hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass die nationalsozialistische Sache in seinem Leben nur eine untergeordnete Rolle spielte. Seine Gesinnung endete am Tor zum Kuhstall, behauptete Joachim immer; seine Eltern seien viel zu kirchenhörig und provinziell, um die großdeutsche Mission zu verstehen. Unbehaglich quetschte Charlotte sich zwischen Marie Fahrner und Emil und ließ sich einen Teller Suppe geben. Alle sehen mich an, dachte sie. Alle sehen mich an und überlegen, ob ich es Joachim weitersage. Sie blies auf ihren Löffel. Irgendetwas roch merkwürdig, stellte sie fest, nach Stall und Kuh und Dreck. Oder waren es die Polen? Sie versuchte, unauffällig zu schnuppern, bis Hans neben ihr anfing zu kichern.
»Der Thomas da ist in die Miste gefallen«, prustete er los. »Der hat die Schubkarre das Brett hoch geschoben, da ist er über seinen Schuh gestolpert und klatsch! reingeplumpst! Voll rein! Wir haben ihn abgespritzt hinterher, aber er stinkt immer noch.« Begeistert widmete er sich wieder seiner Suppe.
»Ich bin noch nie in die Miste gefallen«, erklärte Emil ernst. »Man kann da drin untergehen wie im Sumpf.«
»Quatsch. Der Thomas ist auch nicht untergegangen.« Hans sah seinen Bruder herablassend an. »Du hast Angst vor der Miste! Ein richtiger Junge hat keine Angst!«
Emil sah aus, als würde er jeden Augenblick in Tränen ausbrechen, da streckte der ältere Pole seinen Fuß in die Luft.
»Kaputt«, sagte er. Der Schuh war in einem traurigen Zustand: Die Sohle hatte sich fast vollständig vom Schaft gelöst und hing herunter, so dass der nackte Fuß zu sehen war.
»Damit kannst du morgen nicht wieder Heu machen gehen«, stellte der alte Fahrner fest. »Wie soll ich mit Leuten arbeiten, die nicht mal ein Paar heile Schuhe haben!?«
»Ich habe Holzschuhe für die Polen mitgebracht.« Charlotte zeigte auf den großen Korb, den sie am Eingang abgestellt hatte. »Sie sind ins Rathaus geliefert worden, aus Tübingen … ein Paar Pantinen für jeden.«
»Holzschuhe, aha. Und sonst? Hosen, Jacken, Strümpfe?«
»Sonst nichts, tut mir leid. Vielleicht kommt ja noch was.« Sobald sie mit ihrer Suppe fertig war, stand sie vom Tisch auf, holte ein Paar Holzschuhe heraus und reichte sie an den Polen weiter. Der Mann streifte seinen kaputten Schuhe ab und zwängte seine Füße in die Holzpantinen.
»Klein«, sagte er, zog sie wieder aus und reichte sie an den Jungen weiter. Das zweite Paar war ein bisschen größer. Klonk, klonk machte es, als der Mann ein paar Schritte damit ausprobierte, klonk, klonk. Bei jedem Schritt rutschte er mit der Ferse aus dem Schuh; um die Pantinen nicht zu verlieren, musste er beim Gehen entweder die Füße voranschieben oder sie hochheben wie ein Storch. Schnelles Laufen war unmöglich.
»So ein Scheißdreck«, knurrte Georg. »Die taugen doch bloß für den Ofen! Wollen die so auch den Krieg gewinnen?«
Die Bäuerin sah ihn strafend an. »Eines Tages redest du dich noch um Kopf und Kragen«, flüsterte sie. »Und fluchen sollst du auch nicht. Der Pfarrer hat gesagt – «
»Ich will nicht hören, was der Pfarrer gesagt hat, verstanden? Der Pfarrer hat doch keine Ahnung, wie es ist, einen Hof zu versorgen!«
Eva sah unbehaglich zwischen ihren Eltern hin und her. Sie hasste es, wenn es zwischen den beiden Unstimmigkeiten gab. »Auf jeden Fall sind die Dinger robust«, sagte sie forsch. »Vielleicht muss man sich erst daran gewöhnen, und in ein paar Tagen – «
»In ein paar Tagen? Das Heu muss aber diese Woche rein, so viel Zeit haben wir nicht!« Georg kniff die Augen zusammen und musterte die beiden Fremdarbeiter abschätzend. »Da sind doch noch die Sachen vom Karl! Da muss für die beiden doch was dabei sein!« Die Bäuerin war blass geworden und fingerte nervös an ihrem Kittel herum.
»Aber Georg! Die Sachen vom Karl … wir können die Sachen vom Karl doch nicht an diese Leute geben! Diese Polen, die zu denen gehören, die – « Sie brach ab; Tränen liefen ihre faltigen Wangen hinunter und tropften in ihren Teller. »Georg, bitte …« Ihr Mann streichelte beruhigend ihre Hand.
»Warum sollten denn diese Leute dabei gewesen sein, Mutter, überleg doch mal! Die letzte Nachricht vom Karl kam doch aus Russland, das ist Hunderte von Kilometern weiter im Osten. Und wir müssen doch das Heu reinholen und später den Weizen und die Kartoffeln, da können die beiden doch nicht nackt arbeiten, das geht doch nicht …«
Gott sei Dank hat er den richtigen Tonfall getroffen, dachte Charlotte. Ein falsches Wort, und Marie Fahrner fiel in einen Zustand von Jammern und Wehklagen, in dem sie nur noch heulend auf ihrem Stuhl vor und zurück schaukelte und zu keiner vernünftigen Handlung mehr fähig war.
»… wollen wir nicht einfach mal in seinem Schrank nachschauen? Eva kann das bestimmt machen, du musst gar nicht dabei sein. Und ich bin sicher, der Karl wäre einverstanden damit, dass mit seinen Kleidern noch etwas gemacht wird, was uns allen weiterhilft. So wie er an dem Hof gehangen hat!« Georg Fahrner hatte seine Frau inzwischen in seine Arme gezogen, klopfte ihr sacht auf den Rücken und signalisierte mit einem Kopfnicken den anderen zu verschwinden.
»Gut Nacht«, sagten die Polen, standen auf und gingen. Eva und Charlotte stellten das schmutzige Geschirr zusammen und trugen es in die Küche, scheuchten die Zwillinge auf den Hof und stiegen dann hoch zu der kleinen Kammer im Zwerchgiebel, in der Karl zusammen mit Joachim gewohnt hatte.
Charlotte, die einen staubigen, muffigen Raum erwartet hatte, war überrascht, als sie die Tür öffnete. Alles in diesem Zimmer schien makellos, als wäre es erst heute Morgen geputzt worden, und wahrscheinlich war es ja tatsächlich so: Wahrscheinlich schlich sich Marie Fahrner jeden Morgen hier hoch, wischte den Staub von dem verwaisten Bettgestell, dem Stuhl, dem Waschtisch und träumte davon, ihren Ältesten auf diese Weise zurück ins Leben zu holen.
»Macht sie jeden Tag hier sauber?«, fragte sie.
Eva zuckte mit den Schultern. »Ich frag nicht danach. Wenn es ihr guttut, soll sie machen, was sie will. Komm, wir schauen mal, was noch in dem Schrank drin ist.«
Viel war es nicht: eine Alltagshose, eine Sonntagshose, eine Arbeitsjacke, eine Sonntagsjacke. Zwei Baumwollhemden. Ein Wintermantel. Wäsche, Strümpfe, Handschuhe, Schal, eine Mütze, die Eva in der Schule gestrickt hatte. Ein paar Halbschuhe, ein Paar Stiefel. Karl hatte seine Uniform angehabt, als er von zu Hause aus zum Sterben aufgebrochen war. Eva nahm die Sachen heraus, schüttelte sie, breitete sie über das bezogene Bett.
»Was denkst du? Für den Thomas müsste es doch gehen. Er kann die Stiefel nehmen, und die Halbschuhe können wir mit Stroh ein bisschen auspolstern.«
»Thomas ist der Größere, oder? Der ein bisschen Deutsch spricht?«
Eva nickte und schob ihre Finger unter eine fadenscheinige Stelle an einem Ärmel, die dringend ausgebessert werden musste. »Genau. Der andere heißt Jan.«
»Diesen Thomas mag ich nicht. Der hat irgendwie etwas Verschlagenes. Keine drei Meter weit würde ich dem trauen. Vielleicht ist er ja ein Spitzel.«
Eva lachte. »So ein Quatsch, Lotte! Du hast wohl zu Hause zu viel im ›Stürmer‹ gelesen! Was sollte der hier denn ausspionieren!? Ich finde ihn jedenfalls ganz in Ordnung. Und als er in die Miste gefallen ist, hat er gelacht wie wir alle, das war wirklich lustig. Und der Kleine hat einfach Angst vor uns. Nachdem der sich einmal gewaschen hat, sieht er auch nicht mehr so verboten aus, und wenn er erst etwas Anständiges zum Anziehen hat – ich denke, ich kann hier an der Hose ein bisschen rausnehmen, dann müsste sie ihm passen, oder?«
Charlotte ließ sich auf den Schemel am Fußende des Bettes fallen. »Du willst für die Polen Klamotten nähen?«
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